Über den nervösen Charakter/Theoretischer Teil

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Über den nervösen Charakter (1912)
von Alfred Adler
Praktischer Teil


[1]
Theoretischer Teil.




[3]
Einleitung.
„Omnia ex opinione suspensa sunt: non ambitio
tantum ad illam respicit et luxuria et
avaritia. Ad opinionem dolemus. Tam miser
est quisque, quam credidit!
Seneca. Epist. 78, 13.

Die Untersuchung des neurotischen Charakters ist ein wesentlicher Teil der Neurosenpsychologie. Wie alle psychischen Erscheinungen ist er nur im Zusammenhang mit dem ganzen seelischen Leben zu erfassen. Eine flüchtige Kenntnis der Neurosen genügt, um das Besondere daran herauszufinden. Und alle Autoren, die dem Problem der Nervosität nachgegangen sind, haben mit besonderem Interesse gewisse Charakterzüge ins Auge gefasst. Das Urteil war ein allgemeines, dass der Neurotiker eine Reihe scharf hervortretender Charakterzüge bietet, die das Mass des Normalen überschreiten. Die grosse Empfindlichkeit, die Reizbarkeit, die reizbare Schwäche, die Suggestibilität, der Egoismus, der Hang zum Phantastischen, die Entfremdung von der Wirklichkeit, aber auch speziellere Züge, wie Herrschsucht, Bösartigkeit, opfervolle Güte, kokettes Wesen, Feigheit und Ängstlichkeit, Zerstreutheit figurieren in den meisten Krankengeschichten, und man müsste alle gründlichen Autoren namhaft machen, um ihren Beitrag zu bestätigen. Von den Neueren ist insbesondere Janet zu nennen, der die Traditionen der berühmten französischen Schule fortführt und namhafte scharfsinnige Analysen zutage gefördert hat. Insbesondere seine Betonung des „sentiment d'incompletude" des Neurotikers stimmt so sehr mit den von mir erhobenen Befunden überein, dass ich in meinen Arbeiten eine Erweiterung dieser wichtigsten Grundtatsache aus dem Seelenleben des Neurotikers erblicken darf.

Wo immer man mit der Analyse psychogener Krankheitszustände einsetzt, drängt sich nach kürzester Beobachtung ein- und dieselbe Erscheinung vor: dass das ganze Bild der Neurose ebenso wie alle ihre Symptome von einem fingierten Endzweck aus beeinflusst, ja entworfen sind. Dieser Endzweck hat also eine bildende, richtunggebende, arrangierende Kraft. Er lässt sich aus der Richtung und dem „Sinn" der krankhaften Erscheinungen verstehen, und versucht man auf diese Annahme zu verzichten, so bleibt eine verwirrende Fülle von Regungen, Trieben, Komponenten, Schwächen und Anomalien, die das Dunkel der Neurose für die einen so abstossend gemacht haben, während andere in ihm kühne Entdeckungsfahrten unternahmen.

[4] Pierre Janet hat diesen Zusammenhang sicherlich gekannt, wie aus einzelnen seiner klassischen Schilderungen über den „Geisteszustand der Hysterischen" 1894[1] hervorgeht. Er hat sich aber einer eingehenden Darstellung entschlagen. Er betont ausdrücklich: „Ich habe bis jetzt nur allgemeine und einfache Züge des Charakters beschrieben, die durch ihre Verbindungen und unter dem Einflusse bestimmter äusserer Umstände Haltungen und Handlungen eigentümlicher Art in allen Formen erzeugen können. Es ist hier unstatthaft, auf diese Beschreibung näher einzugehen, da dieselbe mit einem Sittenromane grössere Ähnlichkeit aufweisen würde als mit einer klinischen Arbeit.“ Mit dieser Stellungnahme, der er bis zu seinen letzten Werken treu geblieben ist, hat dieser Autor, trotz seines klaren Verständnisses für den Zusammenhang von Neurosenpsychologie und Moralphilosophie den Weg zur Synthese nicht beschritten.

Erst Josef Breuer, ein genauer Kenner der deutschen Philosophie, hat den glitzernden Stein gefunden, der am Wege lag. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf den „Sinn" des Symptoms und wollte Herkunft und Zweck desselben bei dem Einzigen, der darauf antworten konnte, beim Patienten erfragen. Damit hat dieser Autor eine Methode begründet, die historisch und genetisch individualpsychologische Erscheinungen aufklären will, unter Zuhilfenahme einer vorläufigen Voraussetzung, der einer Determination psychischer Erscheinungen. Wie diese Methode von Siegmund Freud erweitert und ausgebildet wurde, woran sich eine Unzahl von Problemstellungen und versuchten Lösungen knüpften, gehört der Gegenwartsgeschichte an und ist ebenso auf Anerkennung wie auf Widerspruch gestossen. Weniger einer kritischen Neigung folgend als um den eigenen Standpunkt hervorzuheben, mag es mir gestattet sein, aus den fruchtbaren und wertvollen Leistungen Freuds vor allem drei seiner fundamentalen Anschauungen als irrtümlich abzusondern, da sie den Fortschritt im Verständnis der Neurose zu versperren drohen. Der erste Einwand betrifft die Auffassung der Libido als treibender Kraft für das Geschehen in der Neurose. Gerade die Neurose zeigt deutlicher als das normale psychische Verhalten, wie durch die neurotische Zwecksetzung die Empfindung der Lust, die Auswahl derselben und ihre Stärke in die Richtung dieses Zweckes gezwungen werden, so dass der Neurotiker eigentlich nur mit seiner sozusagen gesunden psychischen Kraft der Lockung des Lusterwerbs folgen kann, während für den neurotischen Anteil „höhere“ Ziele gelten.

Als diese neurotische Zwecksetzung hat sich uns die Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls ergeben, dessen einfachste Formel im übertriebenen „männlichen Protest“ zu erkennen ist. Diese Formel: „ich will ein ganzer Mann sein!“ ist die leitende Fiktion in jeder Neurose, für die sie in höherem Grade als für die normale Psyche Wirklichkeitswerte beansprucht. Und diesem Leitgedanken ordnen sich auch Libido, Sexualtrieb und Perversionsneigung, wo immer sie hergekommen sein mögen, ein. Nietzsches „Wille zur Macht“ und „Wille zum Schein“ umfassen vieles von unserer Auffassung, die sich wieder in manchen Punkten mit Anschauungen Férés und älterer Autoren berührt, nach welchen die Empfindung der Lust in einem [5] Machtgefühl, die der Unlust in einem Gefühle der Ohnmacht wurzelt. — Ein zweiter Einwand trifft Freuds Grundanschauung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen, einer Anschauung, der sich vorher schon Pierre Janet bedenklich nahe befand, als er (l. c.) die Frage aufwarf: „Sollte etwa die Geschlechtsempfindung der Mittelpunkt sein, um welchen herum die anderen psychologischen Synthesen sich aufbauen?“ Die Verwendbarkeit des sexuellen Bildes täuscht den Normalen, insbesondere den Neurotiker. Sie darf den Psychologen nicht täuschen. Der sexuelle Inhalt in den neurotischen Phänomenen stammt vorwiegend aus dem ideellen Gegensatz „Männlich-Weiblich“, und ist durch Formenwandel aus dem männlichen Protest entstanden. Der sexuelle Antrieb in der Phantasie und im Leben des Neurotikers richtet sich nach der männlichen Zwecksetzung, ist eigentlich kein Trieb sondern ein Zwang. Das ganze Bild der Sexualneurose ist ein Gleichnis, in dem sich die Distanz des Patienten von seinem fiktiven männlichen Endziel, und wie er sie zu überwinden sucht, spiegelt. Sonderbar, dass Freud, ein feiner Kenner des Symbolischen im Leben, nicht imstande war, das Symbolische in der sexuellen Apperzeption aufzulösen, das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi zu erkennen. Aber wir können dies verstehen, wenn wir den weiteren Grundirrtum ins Auge fassen, die Annahme, als stünde der Neurotiker unter dem Zwange infantiler Wünsche, die allnächtlich (Traumtheorie) aufleben, ebenso auch bei bestimmten Anlässen im Leben. In Wirklichkeit stehen diese infantilen Wünsche selbst schon unter dem Zwange des fiktiven Endziels, tragen meist selbst den Charakter eines leitenden aber eingeordneten Gedankens und eignen sich aus denkökonomischen Gründen sehr gut zu Rechnungssymbolen. Ein krankes Mädchen, das sich im Gefühle besonderer Unsicherheit während der ganzen Kindheit an den Vater anlehnt, dabei der Mutter überlegen sein will, kann diese psychische Konstellation in das „Inzestgleichnis“ fassen, als ob es die Frau des Vaters sein wollte. Dabei ist der Endzweck schon gegeben und wirksam: ihre Unsicherheit lässt sich nur bannen, wenn sie beim Vater ist. Ihre wachsende psychomotorische Intelligenz, ihr unbewusst wirkendes Gedächtnis beantwortet alle Empfindungen der Unsicherheit mit der gleichen Aggression: mit der vorbereitenden Einstellung, zum Vater zu flüchten, als ob sie seine Frau wäre. Dort hat sie jenes als Zweck gesetzte höhere Persönlichkeitsgefühl, das sie dem männlichen Ideal der Kindheit entlehnt hat, der Überkompensation ihres Minderwertigkeitsgefühls. Sie handelt dann symbolisch, wenn sie vor einer Liebeswerbung oder vor der Ehe erschrickt, soferne sie mit neuen Herabsetzungen ihres Persönlichkeitsgefühles drohen, und ihre Bereitschaftsstellung richtet sich zweckmässig gegen ein weibliches Schicksal und lässt sie Sicherheit suchen, wo sie diese immer gefunden hat, beim Vater. Sie wendet einen Kunstgriff an, handelt nach einer unsinnigen Fiktion, kann aber damit ihren Zweck sicher erreichen. Je grösser ihr Gefühl der Unsicherheit, um so stärker klammert sich dieses Mädchen an ihre Fiktion, versucht sie fast wörlich zu nehmen, und da das menschliche Denken der symbolischen Abstraktion hold ist, gelingt es der Patientin und mit einiger Mühe auch dem Analytiker, das Streben der Neurotiker: sich zu sichern, in das symbolische Bild der Inzestregung einzufangen. Freud hat in diesem auf einen Zweck gerichteten Vorgang eine Wiederbelebung infantiler Wünsche erblicken müssen, weil er letztere als [6] treibende Kräfte angesetzt hatte. Wir erkennen in dieser infantilen Arbeitsweise, in der ausgedehnten Anwendung von sichernden Hilfskonstruktionen, als die wir die neurotische Fiktion anzusehen haben, in dieser allseitigen, weit zurück reichenden motorischen Vorbereitung, in der starken Abstraktions- und Symbolisierungstendenz die zweckmässigen Mittel des Neurotikers, der zu seiner Sicherheit gelangen will, zur Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, zum männlichen Protest.

Knüpfen wir an diese kritischen Bemerkungen die Frage an, wie die neurotischen Erscheinungen zustande gekommen sind, warum der Patient ein Mann sein will, und fortwährend Beweise dafür zu erbringen sucht, woher er das stärkere Bedürfnis nach Persönlichkeitsgefühl hat, warum er solche Aufwendungen macht, um zur Sicherung zu gelangen, kurz die Frage nach dem letzten Grund dieser Kunstgriffe der neurotischen Psyche, so lässt sich erraten, was jede Untersuchung ergibt: am Anfang der Entwicklung zur Neurose steht drohend das Gefühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit und verlangt mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende Zwecksetzung, um das Leben erträglich zu machen. Was wir das Wesen der Neurose nennen, besteht aus dem vermehrten Aufwand der verfügbaren psychischen Mittel. Unter diesen ragen besonders hervor: Hilfskonstruktionen und Fiktionen im Denken, Handeln und Wollen.

Es ist klar, dass eine derartige, in besonderer Anspannung zum Zweck der Persönlichkeitserhöhung gerichtete Psyche sich auch, abgesehen von eindeutigen nervösen Symptomen, durch eine nachweisbare Erschwerung der Einfügung in die Gesellschaft auffällig machen wird. Das Gefühl des schwachen Punktes beherrscht den Nervösen so sehr, dass er, oft ohne es zu merken, den schützenden Überbau mit Anspannung aller Kräfte bewerkstelligt. Dabei schärft sich seine Empfindlichkeit, er lernt auf Zusammenhänge achten, die Anderen noch entgehen, er übertreibt seine Vorsicht, fängt am Beginne einer Tat oder eines Erleidens alle möglichen Folgen vorauszuahnen an, er versucht weiter zu hören, weiter zu sehen, wird kleinlich, unersättlich, sparsam, sucht die Grenzen seines Einflusses und seiner Macht immer weiter über Zeit und Raum zu spannen, — und verliert dabei die Unbefangenheit und Gemütsruhe, die erst die psychische Gesundheit verbürgen. Immer mehr steigert sich sein Misstrauen gegen sich und gegen die Andern, sein Neid, sein boshaftes Wesen, aggressive und grausame Neigungen nehmen überhand, die ihm das Übergewicht gegenüber seiner Umgebung verschaffen sollen, oder er versucht durch vermehrten Gehorsam, durch Unterwerfung und Demut, die nicht selten in masochistische Züge ausarten, den Andern zu fesseln, zu erobern; beides also, erhöhte Aktivität wie vermehrte Passivität, sind Kunstgriffe, die vom fiktiven Zweck der Machterhöhung, des „Obenseinwollens“, des männlichen Protestes aus eingeleitet werden.

Damit sind wir zu jenen psychischen Erscheinungen vorgedrungen, deren Erörterung den Inhalt dieser Arbeit bilden soll, zum neurotischen Charakter. Es finden sich bei den Nervösen keine vollkommen neuen Charakterzüge, kein einziger Zug, der nicht auch beim Normalen nachzuweisen wäre. Aber der neurotische Charakter ist auffallend und weiterreichend, wenngleich er zuweilen erst durch die Analyse für den Arzt und den Patienten verständlich wird. Er ist ununterbrochen [7] „sensibilisiert“, wie ein Vorposten vorgeschoben, und stellt die Fühlung mit der Umgebung, mit der Zukunft her. Die Kenntnis dieser, wie empfindliche Fühler sich weit erstreckenden psychischen Bereitschaften ermöglicht erst das Verständnis für den Kampf des Nervösen mit seinem Schicksal, für seinen gereizten Aggressionstrieb, für seine Unruhe und für seine Ungeduld. Denn diese Fühler tasten alle Erscheinungen der Umgebung ab und prüfen sie unaufhörlich auf ihre Vor- und Nachteile bezüglich des gesetzten Zweckes. Sie schaffen das verschärfte Messen und Vergleichen, wecken mittelst der in ihnen tätigen Aufmerksamkeit Furcht, Hoffnung, Zweifel, Erwartung aller Art und suchen die Psyche vor Überraschungen und vor einer Minderung des Persönlichkeitsgefühls zu sichern. Sie stellen die periphersten motorischen Vorbereitungen vor, immer mobil, immer fertig, einer Herabsetzung der Person vorzubeugen. In ihnen wirken die Kräfte der äusseren und inneren Erfahrung, sie sind mit den Erinnerungsspuren schreckender und tröstender Erlebnisse vollgefüllt und haben das Gedächtnis an sie in Fertigkeiten umgewandelt. Kategorische Imperative zweiten Ranges, dienen sie nicht zu ihrer eigenen Durchsetzung, sondern letzter Linie, um die Persönlichkeit zu heben. Und sie versuchen dies, indem sie es ermöglichen, in der Unruhe und Unsicherheit des Lebens Leitlinien zu finden, das Rechts und Links, das Oben und Unten, das Rechte und Unrechte zu schaffen und zu scheiden. Die verschärften Charakterzüge sind schon deutlich in der neurotischen Disposition vorzufinden, wo sie zu Sonderbarkeiten und Verschrobenheiten Anlass geben. Sie treten noch deutlicher hervor, wenn nach einer stärkeren Herabsetzung oder nach einem auftauchenden Widerspruch im männlichen Protest die Sicherungstendenz weiterschreitet und gleichzeitig Symptome als neue wirksame Kunstgriffe ins Leben ruft. Sie sind vielfach nach Mustern und Beispielen gearbeitet und haben die Aufgabe, den Kampf um das Persönlichkeitsgefühl in jeder neuen Lage einzuleiten und siegreich zu gestalten. In ihrem Wirken ist der Anlass zur Affektsteigerung gelegen und zur Erniedrigung der Reizschwelle gegenüber dem Normalen. Es ist selbstverständlich, dass auch der neurotische Charakter sich aus ursprünglich vorhandenem Material, aus psychischen Regungen und verändernden Erfahrungen der Organfunktionen aufbaut. Neurotisch werden alle diese an die Aussenwelt anknüpfenden psychischen Bereitschaften erst, wenn innere Not die Sicherungstendenz steigert und diese die Charakterzüge wirksamer ausgestaltet und mobilisiert, wenn der fiktive Zweck des Lebens dogmatischer wirkt und damit auch die den Charakterzügen entsprechenden sekundären Leitlinien verstärkt. Dann beginnt die Hypostasierung des Charakters, seine Umwandlung aus einem Mittel zu einem Zweck führt zu seiner Verselbständigung, und eine Art von Vergöttlichung verschafft ihm Unabänderlichkeit und Ewigkeitswert. Der neurotische Charakter ist so unfähig, sich der Wirklichkeit anzupassen, denn er arbeitet auf ein unerfüllbares Ideal hin; er ist ein Produkt und Mittel der vorbauenden Psyche, die seine Leitlinie verstärkt, um sich eines Minderwertigkeitsgefühls zu entledigen, ein Versuch, der infolge innerer Widersprüche oder an den Schranken der Kultur scheitern muss, oder am Rechte der Anderen. Wie die tastende Geste, wie die rückwärts gewandte Pose, wie die körperliche Haltung bei der Aggression, wie die Mimik als Ausdrucksformen und Mittel der Motilität, so dienen [8] die Charakterzüge, insbesondere die neurotischen, als psychische Mittel und Ausdrucksformen dazu, die Rechnung des Lebens einzuleiten, Stellung zu nehmen, im Schwanken des Seins einen fixen Punkt zu gewinnen, um das sichernde Endziel, das Gefühl der Überwertigkeit, zu erreichen.

Somit haben wir auch den neurotischen Charakter als den Diener eines fiktiven Zweckes entlarvt und seine Abhängigkeit von einem Endziel festgestellt. Er ist nicht selbständig aus irgendwelchen biologischen oder konstitutionellen Urkräften emporgeschossen, sondern hat Richtung und Zug durch den kompensierenden Überbau und durch seine schematische Leitlinie erhalten. Seine Aufpeitschung geschah unter dem Drucke der Unsicherheit, seine Neigung sich zu personifizieren ist der fragwürdige Erfolg der Sicherungstendenz. Die Linie des neurotischen Charakters hat durch die Zwecksetzung die Bestimmung erhalten, in die männliche Hauptleitlinie einzumünden, und so verrät uns jeder neurotische Charakterzug durch seine Richtung, dass er vom männlichen Protest durchflossen ist, der aus ihm ein unfehlbares Mittel zu machen sucht, um jede dauernde Erniedrigung aus dem Erleben auszuschalten.

Im praktischen Teil soll an einer Reihe von Fällen gezeigt werden, wie das neurotische Schema besondere psychopathologische Konstellationen hervorruft, und zwar durch das Erfassen der Erlebnisse mittelst des neurotischen Charakters.

[9]
I. Kapitel.
Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit und dessen Folgen.

Die Feststellungen der „Organminderwertigkeitslehre“ (S. Studie l. c.) beschäftigten sich mit den Ursachen, mit dem Verhalten, mit dem Äusseren und der geänderten Arbeitsweise der minderwertigen Organe und führten mich zu den Anschauungen über Kompensation durch das Zentralnervensystem, an die sich Erörterungen über die Psychogenese anschlossen. Es hatte sich eine merkwürdige Beziehung zwischen Organminderwertigkeit und psychischer Überkompensation ergeben, so dass ich eine fundamentale Anschauung gewann: die Empfindungen der Organminderwertigkeit werden für das Individuum zu einem dauernden Antrieb in der Entwickelung seiner Psyche. Für die physiologische Betrachtung ergibt sich daraus eine Verstärkung der Nervenbahnen nach der Quantität und Qualität, wobei eine gleichzeitige ursprüngliche Minderwertigkeit dieser Bahnen ihre tektonischen und funktionellen Eigenheiten im Gesamtbilde zum Ausdruck bringen kann. Die psychische Seite dieser Kompensation und Überkompensation kann nur durch psychologische Betrachtungen und Analyse erschlossen werden.

Nach den ausführlichen Schilderungen der Organminderwertigkeitals Ätiologie der Neurose — in meinen früheren Arbeiten, insbesondere in der „Studie“, im „Aggressionstrieb“, im „psychischen Hermaphroditismus“, in der „neurotischen Disposition“ und in der „psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie“[2] kann ich mich bei der gegenwärtigen Schilderung auf jene Punkte beschränken, die eine weitere Aufschliessung der Beziehungen zwischen Organminderwertigkeit und psychischer Kompensation bedeuten und für die Frage des neurotischen Charakters von Belang sind. Zusammenfassend hebe ich hervor, dass die von mir beschriebene Organminderwertigkeit, „das Unfertige an dieser Art von Organen, ihre oft nachweisbaren Entwickelungsstillstände, den Mangel an Ausbildung in histologischer oder funktioneller Richtung, das funktionelle Versagen in der postfötalen Zeit, andererseits die Steigerung ihrer Wachstumstendenz bei Kompensations- und Korrelationszwang, die häufige Erzielung funktioneller Mehrleistung sowie den fötalen Charakter von Organen [10] und Organsystemen“ in sich fasst. Es lässt sich in jedem Falle — aus der Kinderbeobachtung und aus der Anamnese Erwachsener — leicht erweisen, dass der Besitz deutlich minderwertiger Organe auf die Psyche reflektiert und geeignet ist, die eigene Einschätzung geringer ausfallen zu lassen, die psychologische Unsicherheit des Kindes zu steigern; aber gerade von dieser geringeren Wertung aus entspinnt sich der Kampf um die Selbstbehauptung, der ungleich heftigere Formen annimmt als wir erwarten. Wenn das kompensierte minderwertige Organ quantitativ und qualitativ an Aktionsbreite gewinnt und aus sich selbst sowie aus dem ganzen Organismus Schutzmittel gewinnt, so holt das disponierte Kind in seinem Minderwertigkeitsgefühl aus seinem psychischen Können die oft auffälligen Mittel zu seiner Wertsteigerung, unter denen man an hervorragender Stelle die neurotischen und psychotischen zu vermerken hat.


Ideen über angeborene Minderwertigkeit, über Disposition und konstitutionelle Schwäche finden sich schon in den Anfängen der wissenschaftlichen Medizin. Wenn wir an dieser Stelle von vielen namhaften Leistungen absehen, so geschieht es — trotzdem sie oft grundlegende Gesichtspunkte enthalten — nur aus dem Grunde, weil sie den Zusammenhang mit organischen und mit psychischen Erkrankungen wohl behaupten, keineswegs aber erklären. Hierher gehören alle Anschauungen über Pathologie, die sich auf eine allgemeine Auffassung einer Degeneration stützen. Stillers Lehre vom asthenischen Habitus geht viel weiter und versucht bereits ätiologische Beziehungen festzuhalten. Antons Kompensationslehre beschränkt sich allzusehr auf Korrelationssysteme innerhalb des Zentralnervensystems; doch haben er und sein geistreicher Schüler Otto Gross beachtenswerte Versuche unternommen, psychische Zustandsbilder anf dieser Basis dem Verständnis näher zu bringen. — Bouchards Bradytrophie, die von Ponfick, Escherich Czerny, Moro und Strümpell beschriebene und als Krankheitsbereitschaft gedeutete exsudative Diathese, Combys infantiler Arthritismus, Kreibichs angioneurotische Diathese, Heubners Lymphatismus, Paltaufs Status thymicolymphaticus, Escherichs Spasmophilie und Hess-Eppingers Vagotonie sind erfolgreiche Versuche der letzten Dezennien, Zustandsbilder mit angeborenen Minderwertigkeiten im Zusammenhang zu schildern. Allen ist der Hinweis auf Heredität und infantilistische Charaktere gemeinsam. Aber obgleich die schwankenden Grenzen bei den beschriebenen Dispositionen von den Vertretern dieser Lehren selbst hervorgehoben werden, ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass hervorstechende Typen erfasst sind, die sich einer grossen Gruppe, der der Minusvarianten, im Laufe der Zeit einordnen werden. Von ungeheurer Wichtigkeit für die Erkenntnis angeborener Minderwertigkeit und Krankheitsbereitschaft waren die Forschungen über die Drüsen mit innerer Sekretion, bei denen sich morphologische oder funktionelle Abweichungen ergaben, so betreffs der Schilddrüse, der Nebenschilddrüsen, der Keimdrüsen, des chromaffinen Systems, der Hypophyse. Von dem Standpunkt dieser Organminderwertigkeiten aus betrachtet, ergaben sich die Überblicke auf das Gesamtbild leichter, und die Beziehungen zu Kompensation und Korrelation im Haushalt des ganzen Körpers traten deutlicher zutage.

[11] Unter den übrigen Autoren, die kein primum movens, sondern ein Zusammen- und Aufeinanderwirken mehrfacher Organminderwertigkeiten zur Grundlage ihrer Anschauung genommen haben, ist vor allem Martius zu nennen. Ebenso erscheint in meiner Darlegung „über Minderwertigkeit von Organen (1907)“ die Koordination der gleichzeitigen Minderwertigkeiten in den Vordergrund gerückt. Die Tatsache ist nicht gering zu veranschlagen, „dass die gleichzeitig minderwertigen Organe wie in einem geheimen Bunde zu einander stehen.“ Auch Bartel hat seine Anschauungen über den Status thymico-lymphaticus, die eine erhebliche Bereicherung der Wissenschaft darstellen, bereits soweit ausgedehnt, dass ihre Grenzen die der Systeme anderer Autoren längst überkreuzen. Und Kyrle ist auf selbständigen Bahnen unter Anführung völlig neuer pathologischer Befunde zu dem gleichen Ergebnis gelangt wie ich, als ich auf Grund meiner Beobachtungen erklärte, dass die Koordination von Minderwertigkeiten des Sexualapparates und anderer Organe — oft nur wenig ausgeprägt, aber so häufig vorzufinden ist, „dass ich behaupten muss, es gibt keine Organminderwertigkeit ohne begleitende Minderwertigkeit des Sexualapparates.“

Späterer Erörterungen wegen muss ich noch die Anschauung Freuds erwähnen, der die Bedeutung einer „sexuellen Konstitution“ für die Neurose und Psychose hervorhebt und darunter eine nach Qualität und Quantität verschiedene Anordnung von sexuellen Partialtrieben versteht. Diese Auffassung entspricht bloss einem Postulat seiner sonstigen Anschauungen. Die Ausbildung perverser Triebe und ihre „missglückte Verdrängung“ ins Unbewusste soll das Bild der Neurose ergeben, und stellt selbst ein primum movens für die neurotische Psyche dar. Es wird sich aus unseren Ausführungen ergeben, dass die Perversion, sofern und soweit sie in der Neurose und Psychose zur Ausbildung gelangt, nicht von einer angeborenen Triebkraft, sondern durch einen fiktiven Endzweck konstituiert wird, wobei sich die Verdrängung als Nebenprodukt unter dem Druck des Persönlichkeitsgefühls ergibt. Was aber biologisch an einem ursprünglich abnormen sexuellen Verhalten in Betracht kommt, die grössere oder geringere Sensibilität, Erhöhung oder Verminderung der Reflexaktion, die funktionelle Wertigkeit sowie der kompensatorische psychische Überbau, führt direkt, wie ich in der „Studie“ gezeigt habe, auf angeborene Minderwertigkeit des Sexualorgans zurück.

Über die Art der Krankheitsbereitschaft bei Organminderwertigkeit herrscht Einigkeit. Der von mir eingenommene Standpunkt („Studie“ l. c.) hebt mehr wie der anderer Autoren die Sicherung eines Ausgleiches durch Kompensation hervor. „Mit der Loslösung vom mütterlichen Organismus beginnt für diese minderwertigen Organe und Organsysteme der Kampf mit der Aussenwelt, der notwendigerweise entbrennen muss und mit grösserer Heftigkeit einsetzt als bei normal entwickeltem Apparat. Diesen Kampf begleiten die höheren Krankheits- und Sterbeziffern. Doch verleiht der fötale Charakter zugleich die erhöhte Möglichkeit der Kompensation und Überkompensation, steigert die Anpassungsfähigkeit an gewöhnliche und ungewöhnliche Widerstände und sichert die Bildung von neuen und höheren Formen, von neuen und höheren Leistungen. So stellen die minderwertigen Organe das unerschöpfliche Versuchsmaterial dar, durch dessen fortwährende [12] Bearbeitung, Verwerfung, Verbesserung der Organismus mit geänderten Lebensbedingungen in Einklang zu kommen sucht. Ihre (gelegentliche) Überwertigkeit ist tief begründet in dem Zwange eines ständigen Trainings, in der den minderwertigen Organen oftmals anhaftenden Variabilität und grösseren Wachstumtendenz und in der durch die innere Aufmerksamkeit und Konzentration erhöhten Ausbildung des zugehörigen nervösen und psychischen Komplexes.“

Die Schäden der konstitutionellen Minderwertigkeit äussern sich in den mannigfachsten Erkrankungen und Krankheitsbereitschaften. Bald treten körperliche oder geistige Schwächezustände hervor, bald Übererregbarkeit der nervösen Bahnen, bald Plumpheit, Ungeschicklichkeit oder Frühreife. Ein Heer von Kinderfehlern kooperiert mit der Krankheitsbereitschaft und schliesst sich, wie ich gezeigt habe, eng an die organische oder funktionelle Minderwertigkeit an. Strabismus, Brechungsanomalien des Sehorgans oder Lichtscheu mit ihren Folgen, Hörstummheit, Stottern und andere Sprachfehler, Schwerhörigkeit, die organischen und psychischen Nachteile der adenoiden Vegetationen, die entwickelte Aprosexie, die häufigen Erkrankungen der Sinnesorgane, der Luft- und Nahrungswege, hervorstechende Hässlichkeit und Misbildungen, periphere Degenerationszeichen und Naevi, die tieferliegende Organminderwertigkeiten verraten können, (Adler, Schmidt). Hydrocephalus, Rhachitis, Haltungsanomalien als Skoliose, runder Rücken, Genua vara oder valga, Pes varus oder valgus, länger dauernde Inkontinenz von Stuhl und Urin, Misbildung der Genitalien, Folgen der Kleinheit der Arterien (Virchow) und die zahlreichen weiteren Folgen der Minderwertigkeit von Drüsen mit innerer Sekretion, wie sie von v. Wagner-Jauregg, Frankl v. Hochwart, Chvostek, Bartel, Escherich, Pineles und anderen beschrieben wurden, lassen in ihrer ungeheuren Fülle, in der Variation ihrer Zusammenhänge den grossen Kreis der Krankheitserscheinungen erkennen, wie er sich durch das Verständnis der Organminderwertigkeit dem Arzte erschlossen hat. Insbesondere waren es Kinderärzte und Pathologen, die zuerst auf diese Zusammenhänge geachtet haben. Aber auch für die Neurologie und Psychiatrie ist die Betrachtung der „Degeneration“ von immer grösserer Wichtigkeit geworden; von Morels Lehre der Degenerationszeichen zieht sich die Fortschrittslinie bis zur Anschauung von den nervösen Erkrankungen auf der Grundlage der minderwertigen Konstitution.

Heben wir bloss die statistische Arbeit Thiemich-Birks und die Mitteilungen Potpeschniggs (zitiert nach Gött) hervor über die Schicksale von Kindern, die als Ein- oder Zweijährige wegen tetanoider Krampfzustände behandelt worden waren. Von diesen Kindern war nur ein spärlicher Bruchteil ganz gesund geworden. Meist ergaben sich später deutliche Zeichen körperlicher und geistiger Minderwertigkeit, psychopathische und neuropathische Züge. Als solche führen diese Autoren an: Infantilismus, Schielen, Schwerhörigkeit, Sprachfehler, Schwachsinn, Schlafstörungen, Pavor nocturnus, Somnambulismus, Enuresis, Reflexsteigerungen, Tics, Wutkrämpfe, Wegbleiben, Schreckhaftigkeit, Jähzorn, pathologische Lügenhaftigkeit, triebhaftes Weglaufen. Auch Gött und andere Autoren gelangten zu dem Schlusse, dass bei spasmophilen Kindern eine Disposition zu schweren neuro- und psychopathischen Zuständen besteht. — Czerny und andere heben hervor, dass der gleiche Zusammenhang bei magendarmkranken Kindern nachzuweisen [13] ist. — Bartel konnte unter den Selbstmördern ein auffallendes Vorwiegen des Status thymico-lymphaticus, speziell Hypoplasie der Sexualorgane beobachten. Bezüglich der jugendlichen Selbstmörder habe ich, Netolitzky u. a. den Befund körperlicher Minderwertigkeit hervorgehoben. Frankl v. Hochwart hat Aufregungszustände, Reizbarkeit, halluzinatorische Verworrenheit bei Tetanie beschrieben. Französische Autoren (zitiert nach Pfaundler) schreiben dem pastösen torpiden Habitus der Kinder Unlust, Trägheit, Schläfrigkeit, Zerstreutheit, Stumpfsinn, Phlegma zu, dem erethischen Unruhe, Lebhaftigkeit, Reizbarkeit, Frühreife, Stimmungsschwankungen, Affektivität, Unverträglichkeit, sonderbares Wesen und einseitige Begabung (Dégénérées superieurs) — Pfaundler hebt das Beunruhigende, Lästige und Qualvolle hervor, von dem die konstitutionell minderwertigen Kinder infolge von Hautausschlägen, Koliken, Schlafstörungen und funktionellen Anomalien heimgesucht werden. — Czerny, der auf den Zusammenhang von Darmstörungen der Kinder mit Neurosen aufmerksam gemacht hat, betont ganz besonders die Bedeutung der Psychotherapie bei Kindern, die im Verlauf konstitutioneller Erkrankungen nervös geworden sind. Hamburger hat erst kürzlich den Charakter des Ehrgeizes bei nervösen Kindern hervorgehoben, Stransky den Zusammenhang von Myopathie und psychischen Erscheinungen.

Diese kurzen Hinweise geben uns einen Überblick über die Versuche der gegenwärtigen Forschungsrichtung, den Zusammenhang psychischer Anomalien im Kindesalter mit der konstitutionellen Minderwertigkeit zu betonen und festzuhalten. Die erste umfassende Grundanschauung über diesen Zusammenhang habe ich in der „Studie“ veröffentlicht, wo ich darauf hinwies, wie ein besonderes Interesse und eine stete Aufmerksamkeit das minderwertige Organ zu behüten suche. Ich konnte in dieser und anderen Arbeiten darauf verweisen, wie die Minderwertigkeit eines Organs dauernd die Psyche beeinflusst, im Handeln und Denken, im Träumen, in der Berufswahl, in künstlerischen Neigungen und Fähigkeiten.[3] Der Bestand eines minderwertigen Organs erfordert ein derartiges Training der zugehörigen Nervenbahnen und des psychischen Überbaues, dass letzterer kompensatorisch befruchtet wird, falls die Kompensationsmöglichkeit gegeben ist. Dann aber müssen wir gewisse, dem Organ zugehörige Verknüpfungen mit der Aussenwelt auch im psychischen Überbau verstärkt vorfinden. Dem ursprünglich minderwertigen Sehorgan entspricht eine verstärkte visuelle Psyche, ein minderwertiger Ernährungsapparat wird die grössere psychische Leistungsfähigkeit in allen Ernährungsbeziehungen zur Seite haben, Gourmandise, Erwerbseifer, und — auf dem Wege über das Geldäquivalent, — Sparsamkeit und Geiz werden verstärkt hervortreten. Die Leistungsfähigkeit des kompensierenden Zentralnervensystems wird sich durch qualifizierte Reflexe (Adler) und bedingte Reflexe (Bickel) äussern, durch empfindliche Reaktionen und verstärkte Empfindungen. Der kompensierende psychische Überbau wird die psychischen Phänomene des Vorausahnens und Vorausdenkens und ihre wirkenden Faktoren wie Gedächtnis, Intuition, [14] Introspektion, Einfühlung, Aufmerksamkeit, Überempfindlichkeit, kurz alle sichernden psychischen Kräfte in verstärktem Masse entfalten. Zu diesen Sicherungen gehören auch die Fixierung und Verstärkung der Charakterzüge, die im Chaos des Lebens brauchbare Leitlinien bilden und so die Unsicherheit verringern.

Der nervöse Mensch kommt aus dieser Sphäre der Unsicherheit und stand in der Kindheit unter dem Drucke seiner konstitutionellen Minderwertigkeit. In den meisten Fällen gelingt dieser Nachweis leicht. In anderen Fällen benimmt sich der Patient so, als ob er minderwertig wäre. Immer aber baut sich sein Wollen und Denken über der Grundlage eines Gefühls der Minderwertigkeit auf. Dieses Gefühl ist stets als relativ zu verstehen, ist aus den Beziehungen zu seiner Umgebung erwachsen oder zu seinen Zielen. Stets ist ein Messen, ein Vergleichen mit anderen vorausgegangen, erst mit dem Vater, dem Stärksten in der Familie, zuweilen mit der Mutter, mit den Geschwistern, später mit jeder Person, die dem Patienten entgegentritt.

Bei näherer Einsicht erkennt man, dass jedes Kind, inbesondere aber das von Natur aus bedrängtere, eine scharfe Selbsteinschätzung vorgenommen hat. Das konstitutionell minderwertige Kind, dem wir als gleichgestellt und zur Neurose gleichermassen disponiert, das hässliche, das zu streng erzogene, das verhätschelte Kind an die Seite stellen können, sucht eifriger als ein gesundes Kind den vielen Übeln seiner Tage zu entkommen. Und bald sehnt es sich, auf eine ferne Zukunft hinaus das ihm vorschwebende Schicksal zu bannen. Dazu braucht es ein Hilfsmittel, um im Schwanken der Tage, in der Unorientiertheit seines Seins ein festes Bild vor Augen zu haben. Es greift zu einer Hilfskonstruktion. In seiner Selbsteinschätzung zieht es die Summe aller Übel, stellt sich selbst als unfähig, minderwertig, herabgesetzt, unsicher in Rechnung. Und um eine Leitlinie zu finden, nimmt es als zweiten fixen Punkt Vater oder Mutter, die sie nun mit allen Kräften dieser Welt ausstattet. Und indem es für sein Denken und Handeln diese Leitlinie normiert, sich aus seiner Unsicherheit zu dem Range des allmächtigen Vaters zu erheben, diesen zu übertreffen sucht, hat es sich bereits vom realen Boden mit einem grossen Schritt entfernt und hängt in den Maschen der Fiktion. —

Solche Beobachtungen lassen sich auch bei normalen Kindern in abgeschwächter Form erheben. Auch sie wollen gross sein, stark sein, herrschen, „wie der Vater“, und werden durch diesen Endzweck geleitet. Ihr Gebaren, ihre körperliche und geistige Haltung sind alle Augenblicke auf diesen Endzweck gerichtet, so dass man bereits eine imitiererde Mimik, eine identische psychische Geste wahrnehmen kann. Das Beispiel wird der Wegweiser zum „männlichen“ Ziele, solange nicht die „Männlichkeit“ in Frage gestellt ist. Wird bei Mädchen das männliche Ziel denkunfähig, dann tritt ein Formenwandel der männlichen Leitlinie ein, es wird z. B. nur Macht, Wissen, Herrschaft angestrebt.

Auf eine spezielle psychische Leistung des Kindes muss noch hingewiesen werden, die sich vorher und während der Aufstellung der männlichen Leitlinie geltend macht. Man kann diese Erscheinung kaum besser erfassen, als mit der Annahme, dass die notwendigen Verweigerungen der Organtriebbefriedigungen das Kind schon von der ersten Stunde seines extrauterinen Lebens an in eine feindliche, kämpferische [15] Stellung zur Umgebung drängen. Daraus resultieren Anspannungen und Steigerungen organisch gegebener Fähigkeiten, — c’est la guerre! — wie ich sie in der Arbeit über den „Aggressionstrieb“[4] beschrieben habe. In den zeitweiligen Entbehrungen und Unlustempfindungen, wie sie die ersten Kinderjahre mit sich bringen, ist der Anstoss zu suchen, der eine Anzahl allgemeiner Charakterzüge entwickelt. Vor allem lernt das Kind in seiner Schwäche und Hilfslosigeit, in seiner Angst und in seinen mannigfachen Unfähigkeiten ein Mittel schätzen, das ihm die Hilfe und Unterstützung seiner Angehörigen, ihr Interesse sichert. In seinem negativistischen Verhalten, in seinem Trotz und in seiner Unerziehbarkeit findet es oft eine Befriedigung seines Machtbewusstseins, und ist dadurch des quälenden Gefühls seiner Minderwertigkeit ledig geworden. Beide Hauptlinien des kindlichen Verhaltens, Trotz und Gehorsam,[5] garantieren dem Kinde eine Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, helfen ihm, den Weg zum männlichen Endziel oder, wie wir vorwegnehmend sagen wollen, zu einem Äquivalent desselben tastend einzuschlagen. Bei konstitutionell minderwertigen Kindern wird das erwachende Persönlichkeitsgefühl stets herabgedrückt, ihre Selbsteinschätzung fällt geringer aus, weil ihre Befriedigungsmöglichkeit weitaus dürftiger ist. Man denke an die zahllosen Einschränkungen, Kuren, Schmerzen bei magendarmkranken Kindern, an die Verweichlichung und Verwöhnung der blassen, schwächlichen, an Minderwertigkeit des Atmungsapparates leidenden Kinder, an das Jucken und die Qualen bei Prurigo und anderen Exanthemen, an die vielen erniedrigenden Kindesfehler, an die Ansteckungsfurcht der Eltern solcher Kinder, die oft dahin führt, wohin auch die häufigen Störungen in der Erziehung, im Schulfortgang, und die Störrigkeit solcher Kinder öfters führt: zur Isolierung und zur Missliebigkeit bei Kameraden und innerhalb der Familie. In ähnlicher Weise schädigen das Selbstgefühl die rhachitische Plumpheit, angeborene Fettleibigkeit und geringere Grade von geistiger Zurückgebliebenheit. Meist hilft sich das Kind durch die Annahme einer Zurücksetzung, die es von den Eltern erfährt, wie sie besonders häufig bei späteren oder dem jüngsten der Kinder anzutreffen ist, zuweilen auch bei dem ersten.

Diese feindliche Aggression, gereizt und verstärkt bei konstitutionell minderwertigen Kindern, fliesst mit seinem Streben, so gross und stark zu werden wie der Stärkste, innig zusammen und kräftigt und hebt jene Regungen hervor, die dem kindlichen Ehrgeiz zugrunde liegen. Alle späteren Gedankengänge und Handlungen des Neurotikers zeigen sich im gleichen Aufbau, wie seine kindlichen Begehrungsvorstellungen. Die „Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche) ist nirgends so gut wie beim Nervösen zu verstehen. Sein Minderwertigkeitsgefühl den Personen und Dingen gegenüber, seine Unsicherheit in der Welt drängen ihn zur Verstärkung der Leitlinien. An diese klammert er sich zeitlebens, um Sicherheit zu gewinnen, um sich in der Welt mittelst seines Glaubens und Aberglaubens zu orientieren, um seinem Gefühl der Minderwertigkeit zu entkommen, um sein Persönlichkeitsgefühl zu retten, um einen Vorwand zu haben, einer befürchteten Erniedrigung auszuweichen. Nie ist ihm dies alles so gelungen, wie in der Kindheit. Seine leitende [16] Fiktion, so zu handeln, als ob er Allen überlegen sein müsste, kann deshalb auch die Form annehmen, sich so zu benehmen, als ob er ein Kind wäre. Die kindlichen Befriedigungen aber werden so vorbildlich, und verstärken daher die Leitlinie.

Es wäre gefehlt, anzunehmen, dass nur der Neurotiker solche Leitlinien aufweist. Der Gesunde müsste ebenfalls auf die Orientierung in der Welt verzichten, wenn er nicht nach Fiktionen das Weltbild und sein Erleben einordnete. In Stunden der Unsicherheit treten diese Fiktionen deutlicher hervor, werden zu Imperativen des Glaubens, des Ideals, des freien Willens, sie wirken aber auch sonst im Geheimen, im Unbewussten, wie alle psychischen Mechanismen, deren Wortbild sie nur vorstellen. Logisch genommen sind sie als Abstraktionen zu betrachten, als Simplifikationen, welchen die Aufgabe zufällt, Schwierigkeiten des Lebens nach Analogie der einfachsten Begebenheiten zu lösen. Die Urform der einfachsten Begebenheiten, das Maschenwerk des apperzipierenden Gedächtnisses, haben wir in den kindlichen Versuchen, mit seinen Schwierigkeiten fertig zu werden, gefunden. Im Traum liegt diese Apperzeptionsweise klarer zutage; wir werden uns noch damit beschäftigen.

Der Nervöse trägt das Gefühl der Unsicherheit ständig mit sich. Daher ist sein „analogisches Denken“ stärker und deutlicher ausgeprägt. Sein Misoneismus (Lombroso), seine Furcht vor dem Neuen, vor Entscheidungen und Prüfungen, — die zumeist vorhanden ist, — stammen aus dem Mangel einer Analogie. Er hat sich so sehr an Leitlinien gekettet, nimmt diese wörtlich und sucht nur sie zu realisieren, dass er, ohne es zu wissen, darauf verzichtet hat, unbefangen, ohne Vorurteil an die Lösung realer Fragen zu gehen. Auch die notwendigen Einschränkungen durch die Wirklichkeit, wo sich hart im Raume die Dinge stossen, drängen ihn gemäss seiner Einstellung nicht zur Beseitigung der Fiktion, sondern nur zu ihrer Verwandlung. Noch konsequenter versucht der psychotische Patient die Realisierung seiner Fiktion durchzusetzen. Der Neurotiker zappelt im Realen an seiner selbstgeschaffenen Leitlinie und gelangt dadurch zu einer Spaltung seiner Persönlichkeit, dass er der realen und der imaginären Forderung gerecht werden will.

Form und Inhalt der neurotischen Leitlinie stammen aus den Eindrücken des Kindes, das sich zurückgesetzt fühlt. Diese Eindrücke, die sich aus einem ursprünglichen Gefühl der Minderwertigkeit mit Notwendigkeit herausheben, rufen eine Aggressionsstellung ins Leben, deren Zweck die Überwindung der Unsicherheit ist. In dieser Aggressionsstellung finden alle Versuche des Kindes ihren Platz, die eine Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls versprechen, geglückte Versuche, die zur Wiederholung drängen, missglückte, die als Memento dienen, auf den Endzweck vorbereitende Tendenzen, die sich aus einem aufdringlichen organischen Leiden ergeben haben und in eine Summe psychischer Bereitschaften ausmünden, und solche, die bei anderen erschaut sind. Alle Erscheinungen der Neurose stammen aus diesen vorbereitenden Mitteln, die dem männlichen Endzweck zustreben. Sie sind geistige Bereitschaften, immer fertig, um den Kampf um das Persönlichkeitsgefühl einzuleiten; sie gehorchen dem Kommando der leitenden Fiktion, die sich mittelst dieser [17] aus der Kindheit bereit liegenden Reaktionsweisen durchzusetzen sucht. In der entwickelten Neurose peitscht die Fiktion alle diese Bereitschaften auf, die sich nun selbst wie Endzwecke geberden. Die Angst, die vorher sichern sollte, vor dem Alleinsein, vor Herabsetzung, vor dem Gefühl der Kleinheit, wird hypostasiert, der Zwang, ursprünglich im Sinne der Fiktion ein Versuch sich männlich zu geberden, verselbständigt sich, in der Ohnmacht, in den Lähmungen, in den hysterischen Schmerzen und funktionellen Störungen stellt sich symbolisch die pseudomasochistische Art des Patienten dar, zur Geltung zu kommen oder einer gefürchteten Entscheidung auszuweichen. Die grosse Bedeutung der Unsicherheit des Neurotikers, wie ich sie erkannt und beschrieben habe, zwingt zu einer derartigen Verstärkung der Bereitschaft und ihrer Folgen, dass ursprünglich geringe Erscheinungen fraktioneller Art die wunderbarsten Ausgestaltungen erfahren, sobald die innere Not es erheischt.

Der Blick des Neurotikers richtet sich — wegen des Gefühls der Unsicherheit — viel weiter in die Zukunft. Alles gegenwärtige Leben scheint ihm nur Vorbereitung. Auch dieser Umstand trägt viel dazu bei, seine Phantasietätigkeit anzuspornen und ihn der realen Welt zu entfremden. Ähnlich wie bei religiösen Menschen ist sein Reich nicht von dieser Welt, und wie diese kommt er von der Gottheit, die er sich geschaffen, Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, nicht los. Eine Anzahl allgemeiner Charakterzüge entspringen mit Notwendigkeit diesem der Wirklichkeit abgewandten Wesen. So in erster Linie die grosse Verehrung der Mittel, die seiner Fiktion dienen sollen. Er wird in der Regel ein sorgfältig abgezirkeltes Benehmen, Genauigkeit, Pedanterie an den Tag legen, einerseits um die „grossen Schwierigkeiten des Lebens“ nicht zu vermehren, andererseits und hauptsächlich aber, um sich von anderen in der Arbeit, in der Kleidung, in der Moral abzuheben und so ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen. Zumeist dient dieser verstärkte Charakterzug auch dazu, ihn mit dem „Feind“ in Fühlung zu bringen, jene Situationen heranreifen zu lassen, die ihn mit seiner Umgebung in Konflikt bringen, damit er „berechtigte“ Vorwürfe erheben könne. Gleichzeitig dienen diese ewigen Vorwürfe dazu, sein Gefühl, seine Aufmerksamkeit wach zu halten, sich zu beweisen, dass man ihn zurücksetze, nicht mit ihm rechne. Man findet diesen Zug schon in der Kindheit mancher Nervösen, wo er dazu verhilft, irgend jemanden in den Dienst zu stellen, etwa die Mutter, die dann allabendlich längere Zeit die Kleider in streng vorgeschriebener Weise behandeln muss. Ähnlich dringt oft die Angst und die Schüchternheit auffällig durch, und ich muss allen anderen Erklärungsversuchen gegenüber dabei verharren, dass das psychische Phänomen der Angst aus einer halluzinatorischen Erregung einer Bereitschaft entsteht, die in der Kindheit aus kleinen Anfängen somatisch erwachsen ist, sobald eine körperliche Schädigung drohte, später aber, und insbesondere in der Neurose durch den Endzweck bedingt ist, sich einer Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls zu entziehen und andere Personen dienstbar zu machen. — Es ist leicht zu verstehen, dass alle Begehrungsvorstellungen einen ungeheuren Grad erreichen können, ebenso wie das Erreichte selten Befriedigung gewährt. Man kann ruhig annehmen, dass jeder Neurotiker „Alles haben will“. Dieses Begehren deckt sich mit seiner leitenden Fiktion, der Stärkste sein zu wollen. Wenn er vor Gewinn [18] versprechenden Unternehmungen zurückschreckt, wie meist auch vor Verbrechen und unmoralischen Handlungen, so deshalb, weil er für sein Persönlichkeitsgefühl fürchtet. Aus demselben Grunde scheut er oft vor der Lüge zurück, kann aber, um sicher zu gehen, und sich vor Abwegen zu hüten, in sich das Bedenken nähren, dass er grosser Laster und Verbrechen fähig wäre. — Dass diese starre Verfolgung der Fiktion eine soziale Schädigung bedeutet, liegt auf der Hand.

Der Egoismus nervöser Menschen, ihr Neid, ihr Geiz, oft ihnen unbewusst, ihre Tendenz, Menschen und Dinge zu entwerten, stammen aus ihrem Gefühl der Unsicherheit, und sind bestimmt, sie zu sichern, zu lenken, anzuspornen. — Da sie in Phantasien eingesponnen sind und in der Zukunft leben, ist auch ihre Zerstreutheit nicht verwunderlich. — Der Stimmungswechsel ist abhängig vom Spiel ihrer Phantasie, die bald peinliche Erinnerungen berührt, bald sich aufschwingt zur Erwartung des Triumphes, analog dem Schwanken und Zweifeln des Neurotikers. In gleicher Weise erscheinen spezielle Charakterzüge, die alle der menschlichen Psyche nicht fremd sind, durch den hypnotisierenden Endzweck gerichtet und tendenziös verstärkt. — Sexuelle Frühreife und Verliebtheit sind Ausdrucksformen für die gesteigerte Tendenz, erobern zu wollen, Masturbation, Impotenz und perverse Regungen liegen auf der Richtungslinie der Furcht vor dem Partner, der Furcht vor Entscheidung, wobei der Sadismus einen Versuch darstellt, den „wilden Mann“ zu spielen, um ein Minderwertigkeitsgefühl zu übertäuben.

Wir haben bisher als leitende Kraft und Endzweck der aus konstitutioneller Minderwertigkeit erwachsenen Neurose die Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls betrachtet, die sich immer mit besonderer Macht durchzusetzen sucht. Dabei ist uns nicht entgangen, dass dies bloss die Ausdrucksform eines Strebens und Begehrens ist, deren Anfänge tief in der menschlichen Natur begründet sind. Die Ausdrucksform selbst und die Vertiefung dieses Leitgedankens, den man auch als Wille zur Macht (Nietzsche) bezeichnen könnte, belehrt uns, dass sich eine besondere Kraft kompensatorisch im Spiel befindet, die der inneren Unsicherheit ein Ende machen will. Durch die starre Formulierung, die meist an die Oberfläche des Bewusstseins dringt, sucht der Neurotiker den festen Punkt zu gewinnen, um die Welt aus den Angeln zu heben. Es macht keinen grossen Unterschied aus, ob viel oder wenig von dieser treibenden Kraft dem Neurotiker bewusst ist. Den Mechanismus kennt er nie, und ebensowenig vermag er es allein, sein analogisches Verhalten und Apperzipieren aufzuklären und zu zerbrechen. Dies gelingt nur einem analytischen Verfahren, welches uns durch die Mittel der Abstraktion, Reduktion und Simplifikation die kindliche Analogie erraten und verstehen lässt. Dabei stellt sich nun regelmässig heraus, dass der Neurotiker stets nach der Analogie eines Gegensatzes apperzipiert, ja dass er zumeist nur gegensätzliche Beziehungen kennt und gelten lässt. Diese primitive Orientierung in der Welt, den antithetischen Aufstellungen Aristoteles', sowie den pythagoräischen Gegensatztafeln entsprechend, stammt gleichfalls aus dem Gefühle der Unsicherheit und stellt einen simplen Kunstgriff der Logik vor. Was ich als polare, hermaphroditische Gegensätze, Lombroso als bipolare, Bleuler als Ambivalenz beschrieben haben, führt auf diese nach dem [19] Prinzip des Gegensatzes arbeitende Apperzeptionsweise zurück. Man darf darin nicht, wie es meist geschieht, eine Wesenheit der Dinge erblicken, sondern muss die primitive Arbeitsmethode erkennen, die ein Ding, eine Kraft, ein Erlebnis an deren arrangiertem Gegensatz misst.

Je weiter die Analyse fortschreitet, desto deutlicher wird eines der Gegensatzpaare, deren Urform wir als Minderwertigkeitsgefühl und Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls festgestellt haben. Es entspricht nur den primitiven Versuchen des Kindes, sich in der Welt zu orientieren und sich so zu sichern, wenn greifbarere Gegensatzpaare erfasst werden. Unter diesen habe ich folgende zwei regelmässig gefunden: 1. oben - unten; 2. männlich - weiblich. — Man findet dann immer Gruppierungen von Erinnerungen, Regungen und Handlungen, die im Sinne des Patienten, nicht immer im Sinne der Allgemeinheit nach dem Typus geordnet sind: minderwertig ≂ unten ≂ weiblich; mächtig ≂ oben ≂ männlich. Diese Gruppierung ist wichtig, denn sie ermöglicht, weil sie beliebig gefälscht und protegiert werden kann, die Verzerrung des Weltbildes, wodurch es dem Neurotiker immer möglich ist, durch Arrangement, durch Unterstreichung und Willkürlichkeiten, seinen Standpunkt als den eines zurückgesetzten Menschen festzuhalten. Es liegt in der Natur der Dinge, dass ihm dabei seine konstitutionelle Minderwertigkeit zu Hilfe kommt, und ebenso die stetig zunehmende Aggression seiner Umgebung, die durch nervöses Betragen des Patienten fortwährend aufgestachelt wird.

Zuweilen fehlt dem Neurotiker das volle Bewusstsein seiner vermeintlichen oder wirklichen Niederlage. Man findet dann immer, dass sein Stolz, sein Persönlichkeitsgefühl deren Anerkennung verweigert. Er handelt nichtsdestoweniger so, als ob er die neue Zurücksetzung zur Kenntnis genommen hätte, und das Rätsel eines nervösen Anfalles löst sich oft erst nach der Einsicht in diese Tatsache. Für die Heilung ist mit der Heraushebung solcher „verdrängter“ Empfindungen aus dem Unbewussten nicht viel getan, oder nur dann, wenn dabei der Zusammenhang mit dem kindlichen Mechanismus der Anfallsbereitschaft dem Patienten zugänglich wird. Zuweilen erfolgt sogar eine scheinbare Verschlimmerung, die dahin zu verstehen ist, dass der Patient seine Bereitschaften gegen den Arzt richtet, weil dieser sein Persönlichkeitsgefühl verletzt hat.

Eine wichtige Frage ist noch zu beantworten. Worauf bezieht der Neurotiker sein Minderwertigkeitsgefühl? Da der Patient nur bei Organminderwertigkeiten, die sich aufdringlich in die Krankheitsbereitschaft stellen, eine Beziehungsmöglichkeit herstellen kann, ist er stets auf dem Wege der Vermutung, Er wird die Ursache seiner Minderwertigkeit nicht etwa in Störungen der Drüsensekretion suchen, sondern wird in allgemeiner Weise seine Schwächlichkeit, seinen kleinen Wuchs, Verbildungen, Kleinheit oder Anomalien der Genitalien, Mangel an vollkommener Männlichkeit, sein weibliches Geschlecht, weibliche Züge körperlicher oder psychischer Art, seine Eltern, die Heredität, zuweilen auch nur Lieblosigkeit, schlechte Erziehung, Mangel in der Kindheit etc., beschuldigen. Und seine Neurose, das heisst in unserem Sinne: Die Verschärfung seiner Bereitschaften auf analogischer, kindlicher Grundlage, seine symbolisch gewordenen Gedanken, Empfindungs- und Erfolgsbereitschaften als Ausdrucksmittel werden in Aktion treten, sobald der [20] Patient von einer Situation eine Herabsetzung befürchtet oder erfährt. Er, der sozusagen mit Minderwertigkeitsgefühlen vorgeimpft wurde, zeigt sich anaphylaktisch gegen jede Verringerung seines Persönlichkeitsgefühls und findet im Zaudern, im Schwanken, im Zweifel und in der Skepsis, ebenso im Ausbruch einer Neurose oder Psychose noch Zuflucht und Sicherung gegen die grösste Unlust, die ihn treffen könnte, gegen die Heraufbeschwörung einer deutlich empfundenen Minderwertigkeit. Dermassen sind auch die typischen Veranlassungen zum Ausbruch der Neurosen und Psychosen leicht zu erraten und nachzuweisen :

I. Suchen des Geschlechtsunterschiedes, schwankende Auffassung der eigenen Geschlechtsrolle, ursächlich für die Erregung des Minderwertigkeitsgefühls. Empfindung und Gruppierung weiblich gewerteter Züge, schwankende, zweifelnde, hermaphroditische Apperzeption und hermaphroditische Bereitschaft. Bereitschaft und psychische Geste der weiblichen Rolle bringen stets grössere Passivität, ängstliche Erwartung etc. mit sich, rufen aber den männlichen Protest, stärkere Emotionalität (Heymanns) hervor.

II. Beginn der Menstruation.
III. Termin der Menstruation.
IV. Zeit des Geschlechtsverkehrs, der Masturbation.
V. Heiratsfähigkeit.
VI. Schwangerschaft.
VII. Puerperium.
VIII. Klimakterium, Abnahme der Potenz.
IX. Prüfungen, Berufswahl.
X. Todesgefahr.

Alle diese Termine rufen Steigerungen oder Änderungen in den vorbereitenden Einstellungen zum Leben hervor. Das gemeinsame Band, das sie verbindet, ist die Erwartung neuer Tatsachen, die für den Neurotiker immer neuen Kampf, neue Gefahr des Unterliegens bedeuten. Er schreitet sofort zu intensiven Sicherungen, deren äusserste Grenze durch den Selbstmord gesetzt ist. Ausbrüche von Psychosen und Neurosen stellen Verstärkungen seiner neurotischen Bereitschaft vor, in der regelmässig auch sichernde, vorgeschobene Charakterzüge zu finden sind wie: Steigerung der Überempfindlichkeit, grössere Vorsicht, Jähzorn, Pedanterie, Trotz, Sparsamkeit, Unzufriedenheit, Ungeduld u. a. m. — Da diese Züge leicht nachzuweisen sind, eignen sie sich auch ganz besonders zur Feststellung des Bestandes einer psychogenen Erkrankung.

Wir sind im Vorhergehenden zu dem Schluss gekommen, dass das Gefühl der Unsicherheit es ist, das den Neurotiker zum stärkeren Anschluss an Fiktionen, Leitlinien, Ideale, Prinzipien zwingt. Auch dem Gesunden schweben diese Leitlinien vor. Aber sie sind ihm ein Modus dicendi, ein Kunstgriff, um das Oben vom Unten, das Links vom Rechts, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, und es mangelt ihm nicht die Unbefangenheit, im Falle des Entschlusses sich von diesen abstrakten Fiktionen zu befreien und die Rechnung mit dem Realen zu machen. Ebensowenig zerfallen ihm die Erscheinungen der Welt in starre Gegensätze; er ist vielmehr jederzeit bestrebt, sein Denken und Handeln von der irrealen Leitlinie loszulösen und mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Dass er überhaupt Fiktionen als Mittel zum Zweck benützt, liegt in der Brauchbarkeit der Fiktion, um die Rechnung [21] des Lebens überhaupt ansetzen zu können. Der Neurotiker aber, wie das der Welt noch entrückte Kind, wie der primitive Verstand früherer Völker, klammert sich an den Strohhalm der Fiktion, hypostasiert sie, verleiht ihr willkürlich Realitätswert, sucht sie in der Welt zu realisieren. Dazu ist sie untauglich, noch untauglicher, wenn sie wie in der Psychose zum Dogma erhoben, anthropomorphisiert wird. Das Symbol als Modus dicendi beherrscht unsere Sprache und unser Denken. Der Neurotiker nimmt es wörtlich, und in der Psychose wird die Verwirklichung versucht. In meinen Arbeiten zur Neurosenlehre ist dieser Standpunkt stets betont und festgehalten. Ein günstiger Zufall machte mich mit Vaihingers genialer „Philosophie des Als Ob“ (Berlin 1911) bekannt, ein Werk, in dem ich die mir aus der Neurose vertrauten Gedankengänge als für das wissenschaftliche Denken allgemein gültig hingestellt fand.

Nachdem wir festgestellt haben, dass der fiktive, leitende Zweck des Neurotikers eine grenzenlose Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls ist, der geradezu ausartet in den „Willen zum Schein“ (Nietzsche), können wir dazu übergehen, die begriffliche Fassung dieses Lebensproblems einer Betrachtung zu unterziehen. Da beim Suchen des Geschlechtsunterschiedes die Rolle des Mannes entschieden vorgezogen wird, stellt sich in früher Zeit bereits der Formenwandel entsprechend dem Gegensatz: „Mann — Weib“ — ein, und es ergibt sich für den Neurotiker die Formel: ich muss so handeln, als ob ich ein ganzer Mann wäre (oder werden wollte). Das Gefühl der Minderwertigkeit und seine Folgen werden mit dem Gefühl der Weiblichkeit identifiziert, der kompensatorische Zwang drängt im psychischen Überbau auf Sicherungen behufs Festhaltung der männlichen Rolle, und der Sinn der Neurose kleidet sich in den gegensätzlichen Grundgedanken: ich bin ein Weib und will ein Mann sein. Dieser leitende Endzweck schafft die nötigen psychischen Gesten und Bereitschaften, drückt sich aber ebenso in körperlicher Haltung und Mimik aus. Und mit diesen vorbereiteten Gesten, als deren Vorhut die neurotischen Charakterzüge aufzufassen sind, steht der Neurotiker dem Leben und den Personen gegenüber, mit deutlich erhöhter Spannung lauernd, ob er sich als Mann bewähren werde. Scheingefechte spielen eine grosse Rolle; sie werden eingeleitet, damit sich der Neurotiker übe, damit er aus anderen oder ähnlichen Verhältnissen Lehren gewinne, um sich vorsichtiger zu machen, und um beispielsweise Beweise an die Hand zu bekommen, dass er die Hauptschlacht nicht wagen dürfe. Wieviel er dabei arrangiert, übertreibt und entwertet, was ihm durch eine gewisse Willkür ermöglicht wird (Meyerhof), wie er dabei falsch gruppiert und auf die Festigung seiner Fiktion hinarbeitet, erfordert eine gesonderte Darstellung, wie ich sie versuchsweise in den Vorarbeiten zu dieser Schrift geliefert habe. Dass aber in dem männlichen Protest des Neurotikers der ältere kompensierende Wille zur Macht steckt, der sogar die Empfindungen umwertet und Lust zur Unlust machen kann, geht aus den nicht seltenen Fällen hervor, wo der geradlinige Versuch, sich männlich zu geberden, auf grosse Widerstände stösst und sich eines Umweges bedient: die Rolle des Weibes wird höher gewertet, passive Züge werden verstärkt, masochistische, bei Männern passiv homosexuelle Züge tauchen auf, kraft deren der Patient hofft, Macht über Männer und Frauen zu gewinnen, kurz der männliche [22] Protest bedient sich weiblicher Mittel. Dass auch dieser Kunstgriff vom Willen zur Macht diktiert ist, geht aus den übrigen neurotischen Zügen hervor, die Herrschaft und Überlegenheit in der stärksten Form erstreben. Diese Apperzeption aber bringt den sexuellen Jargon in die Neurose, der als symbolisch aufgefasst und weiter aufgelöst werden muss.

Gleichzeitig oder dominierend findet man bei dem Neurotiker die Apperzeptionsweise nach dem räumlichen Gegensatz des „Oben-Unten“. Auch für diesen primitiven Orientierungsversuch, den der Neurotiker verschärft und stark hervorhebt, finden sich Analogien bei primitiven Völkern. Während aber leicht zu verstehen ist, dass das männliche Prinzip mit der Vollwertigkeit identifiziert wird, sind wir bezüglich der Gleichstellung des „Oben“ auf Vermutungen angewiesen. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der Wert und die Bedeutung des oben befindlichen Hauptes im Gegensatz zu den Füssen in Betracht kommt. Noch wichtiger erscheint mir, dass die Wertschätzung des „Oben“ und seine Gleichstellung mit der Vollwertigkeit aus der Sehnsucht der Menschen stammt, sich zu erheben, zu fliegen, das zu leisten, was man nicht kann. Die universellen Flugträume der Menschheit und ihr gleichgerichtetes Streben sprechen wohl für diese Annahme. Dass im Congressus sexualis das „Oben“ mit dem männlichen Prinzip zusammenfliesst, ist sicherlich auch von Bedeutung.

Die Verstärkung der Fiktion in der Neurose verursacht eine Konzentration der Aufmerksamkeit auf die vom Nervösen als wichtig erkannten Gesichtspunkte. Daraus ergibt sich die Einengung des Gesichtsfeldes als motorische und psychische Bereitschaft. Gleichzeitig tritt der verstärkte neurotische Charakter in Kraft, der die Sicherung durchführt, Fühlung mit feindlichen Gewalten nimmt und weit über die Grenzen der Persönlichkeit hinaus, über Zeit und Raum sich ausdehnend, als sekundäre Leitlinie dem Willen zur Macht Vorschub leistet. Der neurotische Anfall endlich, dem Kampf um die Macht vergleichbar, hat die Aufgabe, das Persönlichkeitsgefühl vor Herabsetzungen zu bewahren.

Aus der konstitutionellen Minderwertigkeit erwächst also ein Gefühl der Minderwertigkeit, das eine Kompensation im Sinne der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls verlangt. Dabei gelangt der fiktive Endzweck zu ungeheurem Einfluss und zieht alle psychischen Kräfte in seine Richtung. Selbst aus der Sicherungstendenz erwachsen, organisiert er psychische Bereitschaften zu Sicherungszwecken, unter denen sich der neurotische Charakter sowie die funktionelle Neurose als hervorstechende Kunstgriffe abheben. Die leitende Fiktion hat ein einfaches, infantiles Schema, und beeinflusst die Apperzeption und den Mechanismus des Gedächtnisses.

[23]
II. Kapitel.
Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.

Unsere Betrachtung hat uns dahin geführt, zu verstehen, wie sich aus der absoluten Minderwertigkeit des Kindes, insbesondere des konstitutionell belasteten, eine Selbsteinschätzung entwickelt, die das Gefühl der Minderwertigkeit hervorruft. Analog dem δὸς ποῦ στῶ sucht das Kind einen Standpunkt zu gewinnen, um die Distanzen zu den Problemen des Lebens abschätzen zu können. Von diesem Standpunkte aus, der als ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht angenommen wird, spannt die kindliche Psyche Gedankenfäden zu den Zielen seiner Sehnsucht. Auch diese werden von der abstrakten Anschauungsform des menschlichen Verstandes als feste Punkte erfasst und sinnlich interpretiert. Das Ziel: gross zu sein, stark zu sein, ein Mann, oben zu sein, wird in der Person des Vaters, der Mutter, des Lehrers, des Kutschers, des Lokomotivführers etc. symbolisiert, und das Gebaren, die Haltung, identifizierende Gesten, das Spiel der Kinder und ihre Wünsche, Tagträume und Lieblingsmärchen, Gedanken über ihre künftige Berufswahl zeigen uns an, dass die Kompensationstendenz am Werke ist und Vorbereitungen für die zukünftige Rolle trifft. Das eigene Gefühl der Minderwertigkeit und Untauglichkeit, die Empfindung der Schwäche, der Kleinheit, der Unsicherheit wird so zur geeigneten Operationsbasis, die aus den anhaftenden Gefühlen der Unlust und Unbefriedigung die inneren Antriebe hergibt, einem fiktiven Endziel näher zu kommen. Das Schema, dessen sich das Kind bedient, um handeln zu können und sich zurecht zu finden, ist allgemein und entspricht dem Drängen des menschlichen Verstandes, durch unreale Annahmen, Fiktionen, das Chaotische, Fliessende, nie zu Erfassende in feste Formen zu bannen, um es zu berechnen. So handeln wir auch, wenn wir durch Meridiane und Parallelkreise die Erdkugel zerlegen; denn nur so erhalten wir feste Punkte, die wir in Relation setzen können. Bei allen ähnlichen Versuchen, von denen die menschliche Psyche voll ist, handelt es sich um die Eintragung eines unwirklichen abstrakten Schemas in das wirkliche Leben, und ich betrachte als die Hauptaufgabe dieser Schrift, diese Erkenntnis, die ich aus der psychologischen Betrachtung der Neurose und Psychose gewonnen habe, und die sich nach den Nachweisen Vaihingers in allen wissenschaftlichen Anschauungen wiederfindet, zu fördern. An welchem Punkte immer man die psychische Entwickelung eines Gesunden oder Nervösen untersucht, findet man ihn stets in den Maschen seines Schemas [24] verstrickt, den Neurotiker, der nicht zur Wirklichkeit zurückfindet und an seine Fiktion glaubt, den Gesunden, der es benützt, um ein reales Ziel zu erreichen. Was aber zur Benützung des Schemas den brennenden Anlass gibt, ist stets die Unsicherheit in der Kindheit, die grosse Distanz von der Machtentfaltung des Mannes, von seinem Vorrang und Privileg, von dem das Kind Ahnungen und Gewissheiten besitzt. Und in diesem Punkte möchte ich mir gestatten, die Ausführungen des gelehrten Autors zu ergänzen: was uns alle, was vor allem das Kind und den Neurotiker zwingt, die näherliegenden Wege der Induktion und Deduktion zu verlassen, sich solcher Kunstgriffe zu bedienen wie der schematischen Fiktion, stammt aus dem Gefühl der Unsicherheit, ist die Tendenz der Sicherung, die letzter Linie darauf hinzielt, des Gefühls der Minderwertigkeit ledig zu werden, um sich zur vollen Höhe des Persönlichkeitsgefühls, zur ganzen Männlichkeit, zum Ideal des Obenseins aufzuschwingen. Je grösser diese Distanz ist, um so schärfer tritt die leitende Fiktion zutage, so dass das Gefühl des Untenseins in gleicher Weise ausschlaggebend sein kann wie etwa das überlebensgross gefasste Bild eines starken Vaters, einer starken Mutter.

Wir sehen so Anspannungen zutage treten, die weit über das Mass dessen hinausgehen, was bei den angestrengtesten körperlichen Leistungen der Triebe, bei der stärksten Sehnsucht nach Befriedigung organischer Lust zu erwarten wäre. Unter anderen weist auch Goethe darauf hin, dass wohl die Wahrnehmung an praktische Bedürfnisbefriedigungen anknüpfe, dass der Mensch aber darüber hinaus ein Leben in Gefühl und Einbildungskraft führe. Damit ist der Zwang zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls trefflich erfasst, wie auch aus einem seiner Briefe an Lavater hervorgeht, wo Goethe bemerkt: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu“.

Es lässt sich leicht verstehen, dass eine derart angespannte psychische Situation, — und jeder Künstler, jedes Genie kämpft den gleichen Kampf gegen sein Gefühl der Unsicherheit, nur mit kulturell wertvollen Mitteln, — geeignet ist, eine ganze Anzahl von Charakterzügen zu verstärken und hervorzutreiben, welche die Neurose konstituieren helfen. So vor allem den Ehrgeiz. Er ist wohl die stärkste von den sekundären Leitlinien, die zum tiktiven Endzweck hinstreben. Und er erzeugt eine Summe von psychischen Bereitschaften, die dem Nervösen den Vorrang in allen Lebenslagen sichern sollen, die aber seine Aggression, seine Affektivität stets als gereizt erscheinen lassen. So präsentiert sich der Nervöse meist als stolz, als rechthaberisch, neidisch und geizig, will überall Eindruck machen, immer der Erste sein, zittert aber stets für den Erfolg und schiebt gerne die Entscheidung hinaus. Daher das Zögernde, das Vorsichtige im Auftreten des Neurotikers, sein Misstrauen, Schwanken und seine Zweifel. Wie zu einer Art Übung, im Sinne einer Vorbereitung produziert er diese psychischen Bereitschaften im Kleinen, um Anhaltspunkte und weitere sichernde Richtlinien für grosse Ziele zu gewinnen, die ihn im Banne halten. Dies ist auch der Sinn des Freudschen Verschiebungsmechanismus, dass der Kranke durch seine Sicherungstendenz gezwungen ist, probeweise, in corpore vili Beweise zu sammeln, die seine psychische Gesamthaltung rechtfertigen [25] und immer wieder rechtfertigen sollen. In der Regel resultiert immer wieder die Anschauung: ich muss vorsichtig sein, wenn ich mein Ziel erreichen will! Und es ist gar nicht so selten, dass der Patient dreiste Unvorsichtigkeiten begeht, um sich im Hauptpunkt seines Männlichkeitsideals durch warnendes Hervorheben seiner Unvorsichtigkeit zu sichern. Sehr häufig übernehmen Halluzinationen und Träume bei Neurotikern und Psychotikern die Funktion dieser warnenden Stimme, malen aus, wie es schon einmal war, wie es bei Anderen war, oder wie es kommen könnte, um den Patienten bei der sichernden Leitlinie zu halten.

Sonst finden sich, „um die Pyramide des Daseins so hoch als möglich in die Luft zu spitzen“, stark unterstrichene Züge von Kampflust, Trotz und Aktivität, vielfach gesichert oder verschärft durch Pedanterie, letztere, um in der Richtung zu bleiben. Dass die Wissbegierde, als mächtige Förderin zu hohen Zielen, sich ungeheuer anspannt, ist gewiss nicht wunderlich. Ebenso deutlich zeigt sich die Ungeduld, die Furcht, zu spät zu kommen, die Furcht, nichts zu erreichen, als besonders heftiger Antrieb, einen Vorteil nicht aus den Augen zu lassen, lieber zu viel als zu wenig für die Erreichung des fiktiven Endzweckes zu tun. Immerhin liegen diese Züge schon ganz im Gebiet der entwickelten Neurose, wo die Sicherungstendenz immer mehr in den Vordergrund tritt und zu den gefährlichen Kunstgriffen treibt: die Gefühle der Minderwertigkeit zu vertiefen, so zu handeln, als ob man verkürzt, vom Erfolg abgeschnitten, ohne Hoffnungen sei, oder mehr weniger in Passivität zu tauchen, weibliche Züge emporzutreiben, sich masochistisch und pervers zu geberden, zuletzt seinen Wirkungskreis stark einzuschränken, um diesen durch die Krankheitssymptome desto gewaltiger zu erschüttern und zu beherrschen. In ähnlicher Weise kommt das Arrangement von Indolenz, Faulheit, Müdigkeit, Impotenz jeder Art zustande, die den Vorwand abgeben, vor Entscheidungen zu fliehen, die den Stolz des Nervösen kränken könnten, sich dem Studium, dem Beruf, einer Ehe zu entziehen. Zuweilen endet diese Entwickelungsphase mit Selbstmord, der dann immer als gelungene Rache an dem Schicksal, an den Angehörigen, empfunden wird.

Auch Schuldgefühle gewinnen an Raum. Damit stehen wir an einem der schwierigsten Punkte der Analysen von Neurosen und Psychosen. Schuldgefühl und Gewissen sind fiktive Leitlinien der Vorsicht, ähnlich wie Religiosität, und dienen der Sicherungstendenz.[6] Sie haben die Aufgabe, ein Sinken des Persönlichkeitsgefühls zu verhüten, wenn die gereizte Aggression ungestüm zu selbstsüchtigen Taten drängt. Im Schuldgefühl ist der Blick nach rückwärts gewendet, das Gewissen wirkt durch Voraussicht. Auch die Wahrheitsliebe wird durch die Sicherungstendenz getragen, liegt eigentlich im Rahmen unseres Persönlichkeitsideals, während die neurotische Lüge einen schwächlichen Versuch darstellt, den Schein zu wahren und also kompensierend zu wirken.

Alle diese Versuche des Höherstrebens, des Willens zur Macht müssen naturgemäss als eine Form des männlichen Strebens aufgefasst, [26] mit dem männlichen Protest identifiziert werden, da dieser eine Urform psychischen Geltungsdranges darstellt, nach welchem alle Erfahrungen, Wahrnehmungen und Willensrichtungen gruppiert werden. Die Apperzeption wird nach diesem sinnfälligsten Schema geleitet, der Endzweck, zumal beim Neurotiker, ist die Ausgestaltung des männlichen Protestes gegen weibliche Selbsteinschätzung, und so richten sich auch die Aufmerksamkeit, die Vorsicht, der Zweifel, ebenso aber alle Charakterzüge und sonstigen psychischen und körperlichen Bereitschaften, in höchstem Masse vor allem die Wertung alles Erlebens nach diesem männlichen Endzweck, so dass alle diese Erscheinungen in sich eine Dynamik tragen und dem Kenner verraten, die von unten nach oben, vom Weiblichen zum Männlichen drängt. Die Auslösung aller dieser Kraftlinien, die Fixierung des fernabliegenden Endzweckes, die Hervorhebung und gelegentliche Protektion minderwertiger, weiblicher Züge zwecks besserer Bekämpfung derselben durch den männlichen Protest geschieht durch den gleichen Faktor, der auch die organischen Kompensationen schafft, durch den Zwang zum Ausgleich, durch stetige Versuche, eine schädigende Minderleistung durch Mehrarbeit zu ersetzen, was im Psychischen in der Sicherungstendenz zum Ausdruck kommt, die den Willen zur Macht, zur Männlichkeit, zur Leitlinie macht, um dem Gefühl der Unsicherheit zu entgehen.

Die grösste Schwierigkeit für das Verständnis der Neurose bietet die auffällige Protektion minderwertiger, weiblicher Züge und deren Anerkennung durch den Patienten. Hierher gehört das Hervortreten von Krankheitserscheinungen überhaupt, aber auch passiver, masochistischer Züge, weiblicher Charaktere, passive Homosexualität, Impotenz, Suggestibilität, Zugänglichkeit und Neigung für Hypnose oder endlich das scheinbare Aufgehen in weibliches Wesen und Gebaren. Der Endzweck bleibt immer die Beherrschung Anderer, die als männlicher Triumph empfunden und gewertet wird. Niemals auch fehlen in der Charakterologie dieser Patienten die oben geschilderten kompensierenden Züge, wie man sie bei Menschen zu erwarten hat, die das Gefühl der Verkürztheit zur Operationsbasis nehmen, und nun auf jede Weise den Ersatz, das zu einem übertriebenen Persönlichkeitsgefühl Fehlende hereinzubringen trachten. Und auch in dieser psychischen Situation gewinnt das Sexuelle als Symbol an Raum, indem solche Patienten häufig nach einem Schema apperzipieren, als ob ihr Genitale verweiblicht, verkürzt, kastriert wäre, und sie deshalb fortwährend gezwungen wären, einen Ersatz zu suchen. Eine Form dieses Ersatzes finden sie in der Herabsetzung, Verweiblichung aller anderen Personen. Aus dieser Entwertungstendenz stammen namhafte Verstärkungen gewisser Charakterzüge, die weitere Bereitschaften vorstellen und bestimmt sind, Andere zu beeinträchtigen, wie Sadismus, Hass, Rechthaberei, Unduldsamkeit, Neid etc. Auch die aktive Homosexualität, sowie Perversionen, die den Partner herabsetzen, auch Lustmord gehen aus der Entwertungstendenz des Neurotikers hervor, die man sich nicht stark genug vorstellen kann. Sie alle stellen Fleisch gewordene Symbolik des Unterwerfens nach dem Schema: sexuelle Überlegenheit des Mannes - vor. Kurz, der Neurotiker kann sein Persönlichkeitsgefühl auch dadurch erhöhen, dass er den Anderen herabsetzt.

Wir haben oben von der Protektion weiblicher Züge zwecks besserer Bekämpfung, behufs besserer Selbstüberwachung in der Neurose gesprechen. [27] Diese Unterstreichungen, dazu die deutliche Tendenz, den Willen zur Männlichkeit hervorzuheben, schaffen den Schein eines Klaffens in der Psyche des Nervösen, der den Autoren in der Annahme eines double vie, einer Dissoziation, ebenso in dem Stimmungswechsel der Nervösen, aber auch in der Abfolge von Depression und Manie, von Verfolgungs- und Grössenideen in der Psychose geläufig ist. Stets habe ich als inneres Band dieser gegensätzlichen Zustände die Tendenz gefunden, das Persönlichkeitsgefühl zu erhöhen, wobei die „inferiore“ Situation an eine Herabsetzung anknüpft, aber als Operationsbasis abgegrenzt und arrangiert wird. Dann setzt der männliche Protest ein, der oft bis zur Gottähnlichkeit oder zu einer Art intimer Verbindung mit Gott fortgeleitet wird. Für diese „Bewusstseinsspaltung“ ist ausserdem noch die scharfe schematische und stark abstrahierende Apperzeptionsweise des nervös Disponierten massgebend, der innere sowie äussere Geschehnisse nach einem streng gegensätzlichen Schema, etwa wie nach dem Soll-Haben in der Buchhaltung, gruppiert und keine Übergänge gelten lässt. Dieser Fehler des neurotischen Denkens, identisch mit zu weit getriebener Abstraktion, ist gleichfalls durch die neurotische Sicherungstendenz verschuldet; diese braucht zum Zwecke des Wählens, Ahnens und Handelns scharf umschriebene Richtlinien, Idole, Götzen, an die der Nervöse glaubt. Dadurch entfremdet er sich der konkreten Wirklichkeit. Denn in dieser sich zurechtzufinden erfordert eine Elastizität, nicht Starrheit der Psyche, eine Benützung der Abstraktion, nicht eine Anbetung, Zwecksetzung und Vergöttlichung derselben.

Demgemäss werden wir im Seelenleben des Neurotikers, ganz wie in der primitiven Dichtung, im Mythus, in der Legende, in der Kosmogonie, Theogonie und in den Anfängen der Philosophie die Neigung in ausgesprochenstem Masse finden, sich, seine Erlebnisse, die Personen seiner Umgebung zu stilisieren. Dabei müssen nun freilich nicht zusammengehörige Erscheinungen durch abstrahierende Fiktion scharf auseinandergerückt werden. Der Zwang zu dieser Massnahme geht aus der Sehnsucht nach Orientierung hervor und stammt aus der Sicherungstendenz. Er ist oft so beträchtlich, dass er die Zerlegung der Einheit, der Kategorie, der Einheit des Ichs in zwei oder mehrere gegensätzliche Teile verlangt.

Von der früher beschriebenen Selbsteinschätzung des Kindes, das durch seine Organminderwertigkeit und die daraus stammenden Übel zu besonderen Sicherungen veranlasst wird, bis zur vollen Entwickelung der neurotischen Technik des Denkens und ihrer Hilfslinie, des neurotischen Charakters, treten eine Anzahl psychischer Phänomene hervor, die im Sinne Karl Groos'[7] als Einübung, in unserem Sinne als Vorbereitung für den fiktiven Endzweck aufzufassen sind. Sie zeigen sich recht frühzeitig, andeutungsweise im Säuglingsalter und unterliegen ständig den Einwirkungen bewusster und unbewusster Erziehung. Die ganze Art der Entwickelung eines Kindes zeigt, dass es sich nach einer Idee richtet, welche sich freilich meist primitiv darstellt, sich regelmässig auch in Gestalt einer Person konkretisiert. Unter diesem Zwange, dessen psychischer Mechanismus zum grösseren Teile unbewusst, nur zum kleinen Teile bewusst wirkt, kommt es zu [28] deutlicheren Ausprägungen der sich formenden Seele, und geistiges wie körperliches Leben eines Menschen, an einer bestimmten Stelle seiner Entwickelung gefasst, ist als Antwort zu verstehen, die er auf die Frage des Lebens gibt.

Diese Antwort, recht eigentlich die Art, das Leben zu nehmen, ist nach allen Erfahrungen, die wir gewonnen haben, identisch mit dem Versuch, der Unsicherheit des Lebens, dem Chaos der Eindrücke und Empfindungen ein Ende zu machen, die Griffe anzusetzen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Schon die Überlegung, Beobachtung, das Denken und Vorausdenken selbst, Aufmerksamkeit, Einschätzung und Wertung werden durch die Sicherungstendenz hervorgetrieben. Und da die Empfindung der eigenen Minderwertigkeit ein abstraktes Mass für Ungleichheit unter den Menschen abgibt, wird der Grössere, der Stärkere und sein Mass zum fiktiven Endziel gemacht, um dann vor Unsicherheit, vor dem „Gruseln“ geborgen zu sein. So kommt es in der Seele des Kindes zur Bildung einer Leitlinie, die auf Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls drängt, um der Unsicherheit zu entgehen, unter heftigerem Drängen beim Nervösen, der die Minderwertigkeit schärfer empfunden hat. Mythen, das Volk, Dichter, Philosophen und Religionsstifter haben aus ihrer Zeit das Material für Umformung der Leitlinien genommen, so dass als Endziele körperliche oder geistige Kraft, Unsterblichkeit, Tugend, Frömmigkeit, Reichtum, Wissen, Herrenmoral, soziales Empfinden oder Selbstherrlichkeit zur Verfügung stehen, und je nach der rezeptorischen Eigenart des nach Vollwertigkeit lüsternen Individuums ergriffen werden. An dieser Stelle werden die lebendigen Energiekräfte des Kindes hinübergeleitet in den selbst geschaffenen Kreis seiner subjektiven Welt, die nunmehr als leitende Fiktion alle Empfindungen und Regungen, Lust, Unlust, den Trieb der Selbsterhaltung sogar zu ihren Gunsten fälscht und umwertet, um sicher zum Ziele zu gelangen, die alles Erfahren und Erleben beim Nervösen in ihrer besonderen Art verwendet, um Bereitschaften herzustellen und den Triumph vorzubereiten.

Diese vorbereitenden Akte mit ihrer Umwertung der Werte lassen sich am deutlichsten beim Spiel des nervösen Kindes, in seinen Erwägungen über den künftigen Beruf, und in seiner körperlichen und psychischen Haltung beobachten. Von diesen Erscheinungen soll noch im Zusammenhang mit der sie beherrschenden Sicherungstendenz gesprochen werden. Bezüglich des nervösen Habitus sei hervorgehoben, dass er in der Regel frühzeitig auffällig wird, dass er eine pantomimische Darstellung eines Charakterzuges bietet, sei es als ängstliche, lauernde, misstrauische, unsichere, vorsichtige, schüchterne, sei es als feindselige, trotzende, selbstsichere, selbstgefällige, vorlaute Attitude. Leicht macht sich Erröten bemerkbar, oder der Blick ist eigentümlich fangend, untergeschlagen oder feindlich. Es gelingt leicht, eine dieser Attituden oder Geberden, einen mimischen Zug etwa auf das Vorbild zurückzuführen. Oft findet man bei nervösen Kindern schon die Nachahmung des männlichen Prinzips, des Vaters; das Vorbild der Mutter schiebt sich erst durch den Formenwandel der leitenden Fiktion ein, oder wenn von allem Anfang das moralische Übergewicht der Mutter ausser Frage steht. Meist sind es geringfügige Erscheinungen, die sonst der ärztlichen Beobachtung nicht unterzogen werden: Kreuzung der Beine, Arme, eine besondere Art auszuschreiten, [29] Vorliebe für gewisse Speisen, Entlehnung von Charakterzügen etc. oder bei stärker hervortretendem Trotz gegenteilige Ausdrucksformen. Festgehaltene Kinderfehler wie Enuresis, Nägelbeissen, Lutschen, Stottern, Augenzwinkern, Masturbation usw., lassen sich regelmässig auf diese trotzige Einstellung zurückführen. Sie sind das Mittel des Schwachen, um das Pathos der Distanz zu verringern, dadurch aber das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit aufzuheben, und zielen in letzter Linie auf die Überwindung einer Autorität, gleichzeitig aber auf Gewinnung eines Vorwandes, um der Entscheidung auszuweichen, sie hinauszuschieben.

Alle erheblichen Erscheinungen dieser Art sind selbst schon Charakterzüge oder zeigen sich durchflossen vom neurotischen Charakter, sind wie dieser selbst eine Ausdrucksform der Sicherungstendenz, Vorbereitungen und Bereitschaften der kompensierenden Kraft, die durch das Gefühl der Minderwertigkeit ausgelöst wird.

[30]
III. Kapitel.
Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.

Die wichtigste Aufgabe des Denkens ist vor allem, der Handlung oder Geschehnissen vorauszueilen, Weg und Ziel zu erfassen und so weit als möglich zu beeinflussen. Durch dieses Vorausdenken ist unser Einfluss über Zeit und Raum hinaus einigermassen gesichert. Dementsprechend ist unsere Psyche in erster Linie ein Angriffsorgan, geboren aus der Not allzuenger Grenzen, wie sie ursprünglich die Triebbefriedigung erschweren. Dieser organisch bedingte Zweck der Triebbefriedigung kann aber nur solange gelten, bis er das geeignete Mittel gefunden hat, um stabilisiert und über die grössten Anfechtungen hinaus gesichert zu werden. Gegen Ende der Säuglingszeit, wo das Kind selbständige, zielsichere Handlungen vollbringt, die nicht bloss auf Triebbefriedigung gerichtet sind, wo es seinen Platz in der Familie einnimmt und sich in seiner Umgebung einrichtet, besitzt es bereits Fertigkeiten, psychische Gesten und Bereitschaften. Zudem ist sein Handeln ein einheitliches geworden, und man sieht es auf dem Wege, sich einen Platz in der Welt zu erobern. Ein derartig einheitliches Handeln kann nur verstanden werden, wenn man annimmt, dass das Kind einen einheitlichen, fixen Punkt ausserhalb seiner selbst gefunden hat, dem es mit seinen Wachstumsenergien nachstrebt. Das Kind muss also eine Leitlinie, ein Leitbild gestaltet haben, offenbar in der Erwartung, sich so in seiner Umgebung am besten zu orientieren und zur Bedürfnisbefriedigung, zur Vermeidung von Unlust, zur Erzielung von Lust zu gelangen.[8] Aus diesem Leitbild tritt anfangs insbesondere das Zärtlichkeitsbedürfnis hervor, das ursprünglich die „Bildsamkeit“ (Paulsen) des Kindes ausmacht. Bald gesellen sich zu dieser Einstellung Bestrebungen, das Wohlgefallen, die Hilfe und die Liebe der Eltern zu finden, Regungen der Selbständigkeit, des Trotzes und der Auflehnung. Das Kind hat einen „Sinn des Lebens“ gefunden, dem es nachstrebt, dessen noch schwankende Umrisse es formt, von dem aus sein Vorausdenken angezogen wird, das seine Handlungen, seine Gefühlsimpulse lenkt und wertet. Die kindliche Unbeholfenheit, Hilflosigkeit und Unsicherheit erzwingen das Austasten der Möglichkeiten, das Sammeln von Erfahrungen, und die Schöpfung des Gedächtnisses, damit die Brücke in die Zukunft geschlagen werden könne, wo Grösse, Macht, Befriedigungen aller Art [31] wohnen. Diese Brücke zu schlagen ist die wichtigste Leistung des Kindes, da es sonst in der Fülle der einstürmenden Eindrücke ohne Sammlung, ohne Rat, ohne Führung stünde. Man kann dieses erste Stadium der erwachenden subjektiven Welt kaum recht abgrenzen oder in Worte fassen. Immerhin können wir sagen, das Leitbild des Kindes muss so beschaffen sein, als ob es dem Kinde grössere Sicherheit, Orientierung bringen könnte, indem es die Richtung seines Wollens beeinflusst. Sicherheit aber kann es nur gewinnen, wenn es auf einen fixen Punkt hinarbeitet, an dem es sich grösser, stärker, von den Mängeln früher Kindlichkeit befreit sieht. Die bildliche, analogische Art unseres Denkens bringt es mit sich, dass dieses zukünftige, veränderte Bild der eigenen Person in der Gestalt des Vaters, der Mutter, eines älteren Geschwisters, des Lehrers, einer Berufsperson, eines Helden, einer Tiergestalt, eines Gottes gedacht wird. Allen diesen leitenden Gestalten ist der Zug der Grösse, der Macht, des Wissens und Könnens gemeinsam, und so stellen sie samt und sonders Symbole dar für fiktive Abstraktionen. Und so wie der aus Lehm geschaffene Götze erhalten sie durch die menschliche Phantasie Kraft und Leben, und wirken zurück auf die Psyche, aus der sie geboren sind.

Dieser Kunstgriff des Denkens hätte das Gepräge der Paranoia und der Dementia praecox, die sich „feindliche Gewalten“ schaffen zur Sicherung des Persönlichkeitsgefühls, wenn nicht dem Kinde die Möglichkeit gegeben wäre, jederzeit aus dem Banne seiner Fiktion zu entweichen, seine Projektionen (Kant) aus der Rechnung zu streichen und bloss den Antrieb zu benützen, der aus dieser Hilfslinie fliesst. Seine Unsicherheit reicht hin, um phantastische Ziele zur Orientierung in der Welt aufzustellen, ist aber nicht so gross, um die Realität zu entwerten und das Leitbild zu dogmatisieren, wie es in der Psychose geschieht. Immerhin muss auf die Ähnlichkeit der Bedeutung der Unsicherheit und des Kunstgriffes der Fiktion beim Gesunden, Nervösen und Verrückten hingewiesen werden.

Das allgemein Menschliche an diesem Vorgange ist, dass das apperzipierende Gedächtnis unter die Macht der leitenden Fiktion gerät. Damit ist eine einheitliche Weltanschauung für alle innerhalb gewisser Grenzen gegeben. Die Kleinheit und Dürftigkeit des Kindes wird stets nach Erweiterung seiner Grenzen streben und diese dann nach dem Muster des Stärksten abstecken. Und nun erweist es sich im Laufe der psychischen Entwickelung, dass, was ursprünglich ein an sich imaginierender, nur im Zusammenhang wichtiger und wertvoller Kunstgriff war, ein Mittel, um Stellung nehmen, die Richtung finden, Griffe anbringen zu können, zum Zweck geworden ist, offenbar weil das Kind nur auf diesem Wege, nicht aber durch direkte Triebbefriedigung die Sicherheit des Handelns erlangen kann.[9]

Damit ist nun der wirksame Punkt ausserhalb der körperlichen Sphäre gefunden, nach dem sich die Psyche richtet, der Schwerpunkt des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens. Und der Mechanismus des apperzipierenden Gedächtnisses mit seiner Unsumme von Erfahrungen wandelt sich aus einem objektiv wirkenden [32] System in ein subjektiv arbeitendes, durch die Fiktion der zukünftigen Persönlichkeit modifiziertes Schema. Seine Aufgabe wird es, derartige Verbindungen mit der Aussenwelt herzustellen, die der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls dienen, den vorbereitenden Handlungen und Gedanken Direktiven, Winke zu geben und sie mit dem ehernen Bestand fertiggestellter Bereitschaften in Verbindung zu bringen. Man erinnere sich nur an das treffliche Wort Charcots, der für das wissenschaftliche Forschen hervorgehoben hat, dass man immer nur findet, was man weiss, — eine Beobachtung, die auf das praktische Erleben gerichtet zu zeigen imstande ist, dass von einer Anzahl fertiger psychischer Mechanismen und Bereitschaften aus, wie es auch Kants Lehre von den Anschauungsformen unseres Verstandes zeigt, unser ganzer Wahrnehmungskreis beschränkt wird.[10] Ebenso sind unsere Handlungen durch diesen — von der leitenden Fiktion aus bestimmten und gewerteten — Erfahrungsinhalt determiniert. Unsere Werturteile selbst entsprechen dem Masse des fiktiven Zieles, nicht etwa „realen“ Empfindungen oder Lustgefühlen. Und die Handlung erfolgt, wie James es ausdrückt, unter einer Art Approbierung, — ist an ein Fiat!, an ein Geheiss oder an eine Zustimmung gebunden.

Die leitende Fiktion ist demnach ursprünglich das Mittel, ein Kunstgriff, durch den sich das Kind seines Minderwertigkeitsgefühls zu entledigen sucht. Sie leitet die Kompensation ein und steht im Dienste der Sicherungstendenz. Je grösser das Minderwertigkeitsgefühl, um so dringender und stärker wird das Bedürfnis nach einer sichernden Richtungslinie, um so schärfer tritt sie auch hervor, und wie die Kompensation im Organischen ist die Wirksamkeit der psychischen Kompensation an die Leistung einer Mehrarbeit geknüpft und bringt auffallende, oft mehrwertige und neuartige Erscheinungen im Seelenleben mit sich. Eine ihrer Ausdrucksformen, zur Sicherung des Persönlichkeitsgefühls bestimmt, ist die Neurose und Psychose.

Das konstitutionell minderwertige Kind mit seinem Heer von Übeln und Unsicherheiten wird seinen fixen Punkt schärfer herausarbeiten und höher ansetzen, wird die Leitlinie deutlicher ziehen und wird sich ängstlicher oder prinzipieller an sie halten. In der Tat ist der Haupteindruck bei Beobachtung eines neurotisch disponierten Kindes der, dass es um vieles vorsichtiger zu Werke geht, mit allerlei Vorurteilen, dass ihm die Unbefangenheit der Wirklichkeit gegenüber mangelt, ferner dass seine Aggressionsstellung eine aufgepeitschte ist, indem es entweder erobernd oder durch Unterwerfung zur Beherrschung einer Situation gelangen will. Meist lässt es sich in der Wahl seiner Kampfmittel durch seine Organminderwertigkeiten leiten und nützt sie den Angehörigen gegenüber aus oder fixiert sie im Trotz. Oft entlehnt es in anfänglicher Simulation oder übertreibend Übel aus der Umgebung, um seine Stellung zu befestigen. Wo die Wirkung derartiger Mittel auf die Umgebung fehlt, wird die Beseitigung des Übels durch erhöhten Kraftaufwand versucht, wobei sich häufig, wenn funktionelle Anomalien des Auges, des Ohres, der Sprache, der Muskulatur [33] eine Überkompensation erfahren, qualifizierte und künstlerische Leistungen entwickeln. Auch starke Selbständigkeitsregungen sind damit verbunden. Oder das Heil wird in verstärkter Anlehnung gesucht, zu welchem Zwecke Angst, Kleinheitsgefühl, Schwäche, Ungeschicklichkeit, Unfähigkeit, Schuldgefühl, Reue als Sicherungen fungieren. In gleiche Richtung zielt die Befestigung von Kinderfehlern, die Fixierung eines psychischen Infantilismus, soferne sie nicht ausschliesslich oder nebenbei aus der Trotzeinstellung hervorgehen, nicht dem kindlichen Negativismus entsprechen.

Eine Anzahl von Übeln der neuropathischen Kinder sind subjektiver Art, entsprechen einem ganzen oder halben Fehlurteil, wie es bei den Versuchen der Kinder, ihr Minderwertigkeitsgefühl zu begründen oder zu verstehen, zustande kommt. Oft mischt sich bereits in diese logischen Interpretationen der kompensierende Ehrgeiz oder die Aggression des Kindes gegen die Eltern ein. „Die Eltern, das Schicksal sind schuld“, „weil ich der Jüngste, zu spät gekommen bin“, „weil ich ein Aschenbrödel bin“, „weil ich vielleicht nicht das Kind dieser Eltern, dieses Vaters, dieser Mutter bin“, „weil ich zu klein bin, zu schwach, einen kleinen Kopf habe, zu hässlich bin“, „weil ich einen Sprachfehler, einen Fehler des Gehörs habe, schiele, kurzsichtig bin“, „weil ich verbildete Genitalien, verkürzte Genitalien habe“, „weil ich nicht männlich, weil ich ein Mädchen bin“, „weil ich von Natur aus böse, dumm, ungeschickt bin“, „weil ich masturbiert habe, zu sinnlich, zu begehrlich bin“, „weil ich pervers von Natur aus bin“, „weil ich mich leicht unterwerfe, unselbständig bin und gehorche“, „weil ich leicht weine und gerührt bin“, „weil ich ein Verbrecher, Dieb, Brandstifter bin, jemanden ermorden könnte“, „meine Abstammung, meine Erziehung, die Beschneidung ist schuld“, „weil ich eine lange Nase habe, zu viel, zu wenig behaart bin“, „weil ich ein Krüppel bin“, so und ähnlich lauten die Versuche des Kindes, sich durch den Hinweis auf das Fatum, — ganz wie in der griechischen und in der Schicksalstragödie — zu entlasten, sein Selbstgefühl zu retten und die Schuld Anderen zuzuschieben. Man begegnet diesen Versuchen in der psychischen Behandlung der Neurose regelmässig, und kann sie immer auf die Relation von Minderwertigkeitsgefühl und dem Ideal zurückführen. Der Wert und die Bedeutung dieser aufgedeckten Gedankengänge, die wie ein Stachel in der Seele des Nervösen sitzen, liegt zudem noch im Gebrauch derselben 1. zur Aufpeitschung des neurotischen Strebens in der Richtung auf das Ideal (Typus: Grössenideen), 2. als Zuflucht und Vorwand, wenn eine Entscheidung mit Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühles droht (Typus: Kleinheitsideen). Diese zweite Verwendbarkeit und Verwendung tritt bei der Neurose naturgemäss in den Vordergrund, weil das neurotische Ziel zu hoch gesteckt ist, um auf gerader Linie angestrebt zu werden. Die Möglichkeit einer Verwendung liegt aber in der Beimischung von Aggression, in der Anschuldigung des Schicksals sowie der Heredität. Dadurch gewinnt der Nervöse eine dauerhafte Operationsbasis, auf der er in der gleichen feindseligen Absicht gewisse Charakterzüge wie Trotz, Herrschsucht, nörgelndes Wesen, pedantische Wünsche entfaltet, vorschiebt und stabilisiert, weil ihm dadurch stets die Beherrschung der Umgebung, meist unter Berufung auf sein schweres Leiden, ermöglicht wird. Alle diese Ressentiments [34] und geschaffenen Bereitschaften, zu denen sich noch festgehaltene, oft erweiterte Kinderfehler und Krankheitssymptome erspähter oder selbstgeschaffener Art gesellen, stehen in innigem Verband, sind von einander unlösbar und zeigen auch dadurch ihre Abhängigkeit von einem ausserhalb ihres Gefüges stehenden Faktor, von der durch die Sicherungstendenz erschaffenen leitenden Fiktion, von der Sehnsucht nach Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls. In der fiktiven Grundlage derartiger Minderwertigkeitsgefühle, die immer aus Sicherungsgründen verstärkt gedacht oder empfunden werden, sehe ich die Hauptchance einer Heilungsmöglichkeit. Dabei spielt die Frage, ob das Gefühl der Minderwertigkeit bewusst oder unbewusst ist, eine untergeordnete Rolle. Zuweilen bringt es der Stolz soweit, „dass das Gedächtnis nachgibt“ (Nietzsche). Der geschilderte Zusammenhang freilich ist dem Patienten unbekannt. Und darum bleibt er bis zur Aufdeckung und Richtigstellung des Mechanismus, bis zur Zerstörung seiner Bereitschaften und seines neurotischen Lebensplanes ein Spielball seiner Empfindungen und Affekte, deren Zusammenspiel noch wesentlich kompliziert wird, weil sich regelmässig infolge der bezweckten Aufpeitschung des neurotischen Strebens jene Bereitschaften und Charakterzüge einmengen, die das Minderwertigkeitsgefühl verneinen, wie Stolz, Neid, Geiz, Grausamkeit, Mut, Rachsucht, Jähzorn und andere.

Die Unterstreichung und der Zwang zur markanten Darstellung der Minderwertigkeit spielt in der Psychologie der Nervösen eine grosse Rolle. Der Anschein der Schwäche, des Leidens, der Unfähigkeit und der Unbrauchbarkeit leitet sich vorwiegend aus solchen Darbietungen ab, weil der Nervöse durch diesen Zwangsmechanismus unweigerlich sich so benehmen, derart fühlen muss, als ob er krank, weiblich, minderwertig, zurückgesetzt, verkürzt, sexuell überreizt, impotent oder pervertiert wäre. Die Vorsicht im Leben, die diese Regungen stets begleitet, der verstärkte Drang nach oben, die Sucht, den Mann auf diese oder andere Weise zu spielen, allen Anderen überlegen zu sein, die Sicherheit des Neurotikers, durch solche Arrangements der Entscheidung und Herabsetzung auf der Hauptlinie auszuweichen und so eine Verminderung des Persönlichkeitsgefühls zu verhüten, lässt uns den richtigen Sachverhalt erkennen: die niedrige Selbsteinschätzung ist selbst nur ein Kunstgriff des Neurotikers, um mit verstärkten Kräften die Leitlinie zu gewinnen, die ihn zu einer Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls führt. Handelt er auch unter der Devise: halb und halb, indem er bestimmte Kampfpositionen aufgibt, so sichert er sich doch dadurch vor einem endgültigen Minderwertigkeitsgefühl und vermag Andere besser in seinen Dienst zu stellen.

Der sexuelle Einschlag in der Neurosenpsychologie, der von Freud zum Angelpunkt gemacht wurde, erklärt sich so als die Wirkung einer Fiktion. Es gibt kein objektives Mass der „Libido“. Erhöhung und Erniedrigung derselben richten sich stets nach dem fiktiven Endzwecke. Es gelingt jedem Neurotiker leicht, sich eine hohe Sexualspannung durch mehr minder zweckmässige Arrangements, vor allem durch Anspannung der entsprechenden Aufmerksamkeitsrichtung vorzutäuschen, wenn er nach Beweisen hascht, wie sehr die Sexualität seine Sicherheit beeinträchtigt, wie leicht sein [35] Persönlichkeitsgefühl von dieser Seite aus bedroht werden könnte. Die Abschwächungen libidinöser Regungen bis zur psychischen Impotenz sind als bezweckte Aggressionshemmungen zu verstehen, als Störungen natürlicher Bereitschaften, als Konstruktionen eines „Als Ob“, dazu dienlich, sich vor einer Heirat, vor Ablenkungen, vor einer Degradierung dem Partner gegenüber, vor einem Versinken ins Elend oder in Straffälligkeit zu sichern. Verdrängte oder bewusste Perversionsneigungen sind stets als Abbiegungen zu verstehen, ebenso wie die Zwangsmasturbation, als Symbole eines fiktiven, sichernden Lebensplans. Sie werden durch die leitende Fiktion erzwungen, sobald das Gefühl der Minderwertigkeit in einer Furcht vor dem geschlechtlichen Partner, wie es bei den Anomalien der Sexualität regelmässig geschieht, zum Ausdruck kommt. Die Fiktion kann dann auch noch die Perversionsregung ins Unbewusste verlegen, oder die Furcht vor dem Partner unkenntlich machen, so dass sie nur aus der Situation ersichtlich wird. Sie tut das Erste, indem sie dem Stolz diese Leistung auferlegt, das Letztere dadurch, dass sie aus der Not eine Tugend macht und den Partner entwertet. Auch die Inzestregungen, denen Freud eine so überragende Bedeutung für die Entstehung der Neurose und Psychose zuschreibt, entpuppen sich in der Neurosenpsychologie als zweckdienliche Konstruktionen und Symbole, zu denen die Kindheitsgeschichte mit ihren Vorbereitungen das meist harmlose Material abgibt. Die Einsicht in den festgehaltenen „Ödipuskomplex“ beispielsweise ergibt, dass dieser eine bildliche, sexuell eingekleidete Darstellung männlichen Kraftbewusstseins, der Überlegenheit über die Frau gibt, gleichzeitig aber den Anlass verrät, der zu dieser Demonstration führt: als ob die Mutter die einzige Frau wäre, die man unterwerfen könne, auf die man rechnen könne, oder, als ob das sexuelle Begehren (schon in der Kindheit!) grenzenlos und also gefahrdrohend, immer auch im Kampf gegen Stärkere (Vater, Drache, Todesgefahr) durchzusetzen wäre. — Wie sich aus dieser Deutung entnehmen lässt, führt uns die Betrachtung der Sexualneurose immer wieder zum Befund einer leitenden Fiktion, die sich sexuell darstellt oder vom Therapeuten darstellen lässt, und im Zusammenhang damit zur Aufdeckung einer nach einem sexuellen Schema arbeitenden Apperzeptionsweise, der zufolge der Nervöse wie auch der „Normale“ oft versuchen, die Welt und ihre Erscheinungen in einem sexuellen Bild einzufangen und zu verstehen. Unsere weiteren Untersuchungen lassen erkennen, dass dieses sexuelle Schema, das sich auch in der Sprache, in Sitten und Gebräuchen vielfach durchsetzt, nur einen Formenwandel des weiterreichenden Schemas älterer Abkunft vorstellt, der gegensätzlichen Apperzeptionsweise von „Männlich-Weiblich“, von „Oben-Unten“.[11] — Auch die später psychisch verankerten Perversionsregungen nehmen ihr Material und ihre Richtung [36] aus harmlosen körperlichen Empfindungen und Fehlurteilen der Kindheit, die sie im Bedarfsfalle besonders hoch werten und wegen etwaiger Lustempfindungen in einem sexuellen Gleichnis apperzipieren. Dem Psychologen ist es nicht erlaubt, denselben Standpunkt einzunehmen, etwa die gleiche Apperzeptionsweise als entgültig festzuhalten oder reale Sexualkomponenten an Stelle einer Fiktion einzusetzen, wie es der Patient tut. Seine Aufgabe wird vielmehr darin bestehen, diesen Orientierungsversuch des Nervösen als oberflächlich zu entlarven, als fiktiv zu zerstören und das Minderwertigkeitsgefühl abzuschwächen, das krampfhaft nach Richtungslinien treibt, um die Durchsetzung des männlichen Protestes auf Umwegen zu erzwingen.

Das apperzipierende Gedächtnis, das unser Weltbild so ungeheuer beeinflusst, arbeitet also wie mit einem Schema, mit einer schematischen Fiktion, und dieser Fiktion entspricht auch die Auswahl und Modellierung unserer Wahrnehmung, unserer Erfahrung, ebenso auch das Training aller unserer angeborenen Regungen und Fähigkeiten, bis sie in geeignete psychische und technische Fertigkeiten und Bereitschaften umgewandelt sind. Die Arbeitsweise unseres bewussten und unbewussten Gedächtnisses und sein individueller Aufbau gehorchen dem Persönlichkeitsideal und seinen Maßen. Von diesem konnten wir zeigen, dass es als leitende Fiktion bestimmt ist, das Lebensproblem zu stellen und anzugehen, sobald das Minderwertigkeits- und Unsicherheitsgefühl zu einer Kompensation drängt. Dieser fixierte Leitpunkt unseres Strebens, der keinerlei Realität besitzt, ist für die psychische Entwickelung unbedingt entscheidend, denn er ermöglicht uns, im Chaos der Welt Schritte zu machen, wie das Kind es tut, wenn es gehen lernt und einen Endpunkt fest dabei im Auge behält. Noch fester fasst der Nervöse seinen Gott, sein Idol, sein Persönlichkeitsideal ins Auge und klammert sich an seine Leitlinie, verliert dabei die Wirklichkeit aus dem Auge, während der Gesunde stets bereit ist, dieses Hilfsmittel, diese Krücke aufzugeben und unbefangen mit der Realität zu rechnen. Der Neurotiker gleicht in diesem Falle einem Menschen, der zu Gott aufschaut, ihm seine Wege empfiehlt und nun gläubig harrt, wie der Herr es lenken werde; er ist ans Kreuz seiner Fiktion geschlagen. Auch der Gesunde kann und wird sich seine Gottheit schaffen, sich nach oben gezogen fühlen, wird aber nie die Wirklichkeit aus dem Auge verlieren, und mit ihr seine Rechnung machen, sobald es aufs Wirken und Schaffen ankommt. Der Nervöse steht demnach unter der hypnotischen Wirkung eines fiktiven Lebensplans.

Dass aber in jedem Falle der ausserhalb Raum und Zeit gesetzte Punkt des Persönlichkeitsideals wirksam bleibt, geht aus der Richtung der Aufmerksamkeit, des Interesses, der Tendenz hervor, die jedesmal die Auswahl nach Gesichtspunkten treffen, die von vorneherein gegeben sind. Die Zwecksetzung in unserem psychischen Verhalten und die von ihr geschaffenen Bereitschaften machen es aus, dass Handlungen eingeleitet und in einer bestimmten Distanz abgebrochen werden, dass, wie Ziehen hervorhebt, willkürliche wie unwillkürliche Impulse stets nur auf die Erreichung eines bestimmten Effektes gehen, dass wir, wie auch nach Pawlows Darlegungen, eine durchwegs intelligente Funktion der Organe annehmen müssen. Alle diese Erscheinungen sind von derart zwingendem Eindruck, dass seit jeher Philosophen und Psychologen [37] als ein Prinzip der Teleologie erfassten, was ein berechneter Versuch zur Orientierung nach einem als fix angenommenen Punkt war.

Die Hilfsvorstellung der natürlichen Auslese ist ohnmächtig, alle diese bei jeder Gelegenheit neu und anders beanspruchten Folgen zu erklären. Unsere Erfahrung gebietet unweigerlich, alle diese Erscheinungen abhängig zu machen von einer unbewusst wirkenden Fiktion, als deren schwächliche, bewusste Ausstrahlung wir Endzwecke finden, nach denen sich letzter Linie die Auffassung unseres Erlebens und unser Handeln richtet.

Es ist leichter, die Details dieser leitenden Fiktion nachzuweisen, als die Fiktion, den fiktiven Endzweck selbst zu benennen. Die bisherige psychologische Forschung hat verschiedene solcher Endzwecke namhaft gemacht. Für unsere Betrachtung genügt die kritische Behandlung zweier derselben. Die meisten Autoren entschieden sich dahin, alle menschlichen Handlungen und Willensregungen als von Lust- oder Unlustempfindungen aus beherrscht anzunehmen. Eine oberflächliche Betrachtung scheint ihnen auch recht zu geben, denn in der Tat ist die menschliche Psyche zum Aufsuchen der Lust, zur Vermeidung der Unlust geneigt. Aber der Boden dieser Theorie schwankt. Es gibt kein Mass für das lustvolle Empfinden, ja nicht einmal für das Empfinden schlechtweg. Es gibt ferner keine Wahrnehmung, keine Handlung, die nicht nach Zeit und Ort verschieden, bei dem einen lustvoll, beim andern Unlust erregend wirken könnte. Und selbst die primitiven Empfindungen der Organbefriedigung erweisen sich als abgestuft und abstufbar je nach dem Sättigungsgrad und im Zusammenhang mit kulturellen Leitlinien, so dass nur grosse Entbehrungen es vermögen, die Befriedigung zum Zielpunkt zu machen. Ist diese dann eingetreten, — sollte wirklich die Psyche dann ihre Richtungslinie verlieren? Die Nötigung der Psyche, Orientierung und Sicherheit zu gewinnen, erfordert zu ihrem Ausbau und zu ihren Leistungen einen festeren Standpunkt als das schwankende Prinzip der Lusterfahrung und einen stärker fixierten Blickpunkt als das Ziel der Lustgewinnung. Die Unmöglichkeit, sich daran zu orientieren und sein Handeln einzurichten, zwingt auch das Kind, derartige Versuche aufzugeben. Endlich ist es ein Missbrauch einer Abstraktion, wenn aus den verschiedenartig zusammengesetzten psychischen Bewegungen mittelst einer Petitio principii als leitendes Motiv die Suche nach Lust herausgeholt wird, während man vorher schon jede Regung als lustsuchend, — libidinös erklärt hat. Schillers Scharfblick, der sich an Kant geschult hatte, sah viel weiter, als er der „Philosophie“ für die Zukunft wenigstens die Lenkung des irdischen Geschehens einräumte, sie derweilen freilich noch von „Hunger und Liebe“ abhängig glaubte. Die Lenkung aber, wie Freud es tut, der Sexualität, oder was bei ihm dasselbe ist, der Libido, verallgemeinernd der Liebe zuzuschreiben, ist eine Vergewaltigung des logischen Denkens, selbst eine Fiktion schlechter Art, die, für ein Dogma genommen, zu grossen Widersprüchen und Begriffsverstümmelungen führen musste, weil sie mit der Wirklichkeit allzusehr kontrastierte.

Schwerer erscheint die Depossedierung des Primats des „Selbsterhaltungstriebs“, zumal dieses Prinzip von der einen Seite mit ergänzenden teleologischen Hilfskonstruktionen, von der anderen Seite mit der Wucht der Darwinschen Selektionslehre ausgestattet ist. [38] Aber wir können jeden Augenblick wahrnehmen, dass wir Handlungen begehen, die sowohl das Prinzip der Selbsterhaltung als der Erhaltung der Gattung verletzen, ja dass uns eine gewisse Willkür (Fries, Meyerhof) gestattet, ebenso wie bezüglich der Lust, auch bezüglich der Selbsterhaltung unsere Wertung nach oben oder nach unten zu verschieben, dass wir auch oft auf Selbsterhaltung ganz oder teilweise verzichten, sobald Lust oder Unlust ins Spiel kommt, dass wir andererseits die Lustgewinnung häufig aufgeben, sobald unserem Selbst eine Schädigung droht. In welcher Weise ordnen sich diese beiden, sicherlich wirksamen Anreize der Hauptleitlinie unter, die zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls antreibt? Die zwei verschiedenen Anschauungen entsprechen zwei Typen von Menschen, denen sich noch andere anreihen lassen, deren einer in seinem Persönlichkeitsgefühl des Beitrags der Lust am wenigsten entraten kann, während der andere einen Einschlag des Lebensgefühls, des Unsterblichkeitsgedankens in erster Linie fordert. Daraus entstehen modifizierte Apperzeptionsweisen, die ein gegensätzliches Denken im Sinne von „Lust — Unlust“, von „Leben —Tod“ bedingen. Die Einen können die Lust nicht, die Andern das Leben nicht entwerten. Im Gedanken der Zeugung, die wieder gegensätzlich nach dem Schema „Männlich-Weiblich“ gedacht wird, nähern sich diese beiden Typen und suchen ihren Ausdruck in der Richtung des „männlichen Protests“. So weit nervöse Menschen dabei in Betracht kommen, hat der eine Typus die Unlustgefühle seiner Organminderwertigkeit zu kompensieren gesucht, der andere ist in der Furcht vor dem Tode, vor frühem Sterben aufgewachsen. Ihre Anschauung der Welt liefert ihnen nur Bruchstücke, ihre Seele ist partiell farbenblind, dabei aber oft scharfsichtiger, wie die Daltonisten in ihrem Farbenverständnis.

Wir schliessen diese kritische Betrachtung mit dem Hinweis auf den unbedingten Primat des Willens zur Macht, einer leitenden Fiktion, die um so heftiger einsetzt und um so frühzeitiger, oft überstürzt ausgebildet wird, je schärfer das Minderwertigkeitsgefühl des organisch minderwertigen Kindes in den Vordergrund tritt. Das Persönlichkeitsideal ist als Richtungspunkt von der Sicherungstendenz geschaffen und trägt alle Leistungen und Gaben fiktiv in sich, um die sich das disponierte Kind verkürzt glaubt. Diese der Norm gegenüber verstärkte Fiktion regelt das Gedächtnis, sowie Charakterzüge und Bereitschaften in ihrem Sinne. Die neurotische Apperzeption erfolgt nach einem bildlichen, mit starken Gegensätzen arbeitendem Schema, die Gruppierung der Eindrücke und Empfindungen geschieht mit entsprechend gefälschten und erdichteten Werten.

Es liegt in dem Wesen der neurotischen Fiktion, des gesteigerten Persönlichkeitsideals, dass man sie bald als „abstrakten Mechanismus,“ bald als „konkretes Bild“, als Phantasie, als Idee zu Gesichte bekommt. Man darf im ersteren Falle das Symbolische der Darstellung und ihren Zusammenhang mit kompensierten Minderwertigkeitsgefühlen nicht übersehen, und man muss im zweiten Falle den massgebenden Anteil der psychischen Dynamik, die nach „oben“ drängt, vor allem erfassen.[12] Solange [39] in der Analyse einer psychogenen Erkrankung dieser leitende Zug nach „oben“ nicht zur Ansicht kommt, ist uns das Wesen der Krankheit noch unklar; denn so wertvoll auch die Einblicke der Psychotherapeuten geworden sind, ohne die Beziehung der sekundären Leitlinien der Lustgewinnung, der Selbsterhaltung, der Affektivität (Bleuler) und derer, die sonst aus der Organminderwertigkeit (Adler) erwachsen, auf das Persönlichkeitsideal ist unsere Einsicht unvollkommen, „fehlt leider nur das geistige Band“.


Es ist auch nicht verwunderlich, dass dem leitenden Persönlichkeitsideal in verschiedenen Fällen verschiedene, meist mehrere dieser Einschläge zugleich zukommen, da sich diese aus verschiedenen, gewöhnlich mehrfachen Organminderwertigkeiten ableiten. Ein vorläufiges, sicherlich unvollkommenes Schema, das der abstrakteren Psyche der Nervösen mehr entspricht als dem Aufbau der gesunden Seele, wäre folgendes:

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In diesem Schema müssen die mannigfachsten Verbindungen gedacht werden, wenn es seinem Zweck entsprechen soll, als ein zur oberflächlichen Orientierung beigebrachtes Abbild zu gelten. Wir wollen anstatt dieser Verbindungen und vielfacher Eintragungen einige markante Phänomene besprechen, die für das Verständnis der Neurose und des neurotischen Charakters wichtig erscheinen.

[40] Jede der abstrakten Leitlinien der Neurose und der ihnen zugrunde liegende psychische Mechanismus kann dem Bewusstsein in einem Erinnerungsbild zugänglich sein oder zugänglich gemacht werden. Dieses Bild kann aus dem Rest eines kindlichen Erlebnisses stammen, oder es ist ein Produkt der Phantasie, einer Erscheinungsform der Sicherungstendenz. Es kann ein Symbol, gleichsam eine Etikette für eine Reaktionsweise vorstellen, und wird zuweilen in einer späteren Zeit erst gebildet oder umgebildet, oft wenn die Neurose bereits entwickelt ist. Offenbar der Effekt einer Art von Denkökonomie, nach dem Prinzip des geringsten Kraftausmasses (Avenarius) gefertigt, ist es nie als Inhalt bedeutsam, sondern bloss als abstraktes Schema oder als Rest eines psychischen Geschehens, in dem sich ein Schicksal des Willens zur Macht einstmals erfüllte. Nie ist diese schematische Fiktion, mag sie sich noch so konkret geberden, anders als allegorisch aufzufassen. In ihr spiegelt sich ein realer Bestandteil der Erlebnisse samt einer „Moral“, und beide werden behufs Sicherheit des Handelns von der Erinnerung festgehalten, sei es als Memento, um die Leitlinie besser zu halten, sei es als Vorurteil, um nicht von ihr abzuweichen. Keines dieser Erinnerungsbilder hat je pathogen gewirkt, als psychisches Trauma etwa, sondern erst wenn die Neurose entsteht, wenn das Gefühl starker Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls zum männlichen Protest führt und damit zum engeren Anschluss an die längst gebildeten kompensatorischen Leitlinien, werden diese Erinnerungsbilder aus längst vergangenem Material hervorgeholt und kommen wegen ihrer Verwendbarkeit, das neurotische Verhalten teils zu ermöglichen, teils zu interpretieren, zur Geltung. Hierher gehören vor allem Schmerz-, Angst- und Affektbereitschaften, denen derartige Erinnerungen zugrunde liegen, die sich halluzinatorisch erfüllen können und optischen wie akustischen Halluzinationen gleichzusetzen sind. Begreiflicherweise werden es meist typische Erinnerungen sein, die der Leitlinie möglichst verwandt und nahegerückt sind, weil sie für den an der Leitlinie haftenden Neurotiker die kleinen und grossen Umwege repräsentieren oder anregen, die er einzuschlagen hat, um sein Persönlichkeitsgefühl höher zu bringen. Die neurotische Psyche charakterisiert sich bloss durch stärkeres Haften an der Leitlinie. Die Widersprüche mit der Realität erst, die daraus erwachsenden Konflikte, und die Nötigung, soziale Geltung und Macht zu erlangen, fördern die Symptome zutage. Noch deutlicher wird dies in der Psychose, wo die Leitlinie haarscharf hervortritt, und wo nur, sozusagen des Beweises wegen, Umdeutungen der Wirklichkeit vorgenommen werden und Demonstrationen erfolgen. In beiden Fällen benimmt sich der Kranke so, als ob er den Endzweck stets vor Augen hätte. Im Falle der Neurose übertreibt und bekämpft er die realen Hindernisse der Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls oder umgeht sie nach Schaffung von Vorwänden. Der fest an seine Idee (fixe Idee) geheftete Psychotiker versucht zugunsten seines irrealen Standpunktes die Wirklichkeit zu verändern oder zu übersehen. Der um die Aufdeckung der Symbolik in der Neurose und Psychose hochverdiente Forscher Freud hat auf die Fülle der Symbole aufmerksam gemacht. Leider ist er bloss bis zur Aufdeckung der in ihnen vorhandenen oder möglichen Sexualformel gelangt und hat ihre weitere Auflösung in das dynamische Geschehen des [41] männlichen Protestes, der Sucht nach oben, nicht verfolgt. So kam es, dass sich für ihn der Sinn der Neurose in der Verwandlung libidinöser Regungen erschöpfte, während in Wirklichkeit der Schein oder der Zwang der männlichen Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls hinter der Symbolik zu finden ist.

Wir haben dieses leitende Persönlichkeitsideal als Fiktion beschrieben, somit ihren Realitätswert geleugnet, müssen aber dennoch behaupten, dass es obwohl unreal, dennoch für den Prozess des Lebens und der psychischen Entwickelung von grösster Bedeutung ist. Über diesen scheinbaren Widerspruch hat sich Vaihinger in seiner „Philosophie des Als-Ob“ in glänzendster Weise auseinandergesetzt, und hat die Fiktion als Widerspruch gegen die Realität, aber als unentbehrlich in der Entwickelung der Wissenschaften erkannt. In der Neurosenpsychologie habe ich zuerst auf diesen sonderbaren Zusammenhang hingewiesen und wurde durch Vaihingers Arbeit namhaft gefördert und in meiner Auffassung gestärkt. So bin ich derzeit imstande, von der Fiktion des Persönlichkeitsgefühles noch Einiges hervorzuheben, was ihr Wesen und ihre Bedeutung ebenso wie ihre Erscheinungsform in der Psyche in helleres Licht rückt. Vor allem ist sie Abstraktion und muss an sich schon als Andeutung einer Antizipation gelten. Sie ist sozusagen der Marschallstab im Tournister des kleinen Soldaten,[13] und somit eine Abschlagszahlung, welche durch das primitive Gefühl der Unsicherheit erfordert wird. Die Bildung der Fiktion erfolgt unter Beseitigung störender Minderwertigkeiten und hemmender Realitäten in der Idee, wie es jedesmal geschieht, wenn die Psyche in ihrer Bedrängnis einen Ausweg und Sicherheit sucht. Die peinlich empfundene Unsicherheit wird auf ihr kleinstes aber ursächlich scheinendes Mass reduziert, und dieses in sein krasses Gegenteil, in seinen Gegensatz verkehrt, das wieder als fiktives Ziel zum Leitpunkt aller Wünsche, Phantasien und Bestrebungen gemacht wird. Dann kann dieses Ziel der Anschaulichkeit halber konkretisiert werden. Die reale Entbehrung, etwa Nahrungseinschränkung in der Kindheit, wird als abstraktes „Nichts“, als Mangel empfunden, dem gegenüber das Kind nach „Allem“, nach Überfluss verlangt, bis es sich dieses Ziel in der Person des Vaters, in der Gestalt eines sagenhaften Reichen, eines mächtigen Kaisers begrifflich näher bringt. Je intensiver der Mangel empfunden wurde, desto stärker und höher wird das fiktive, abstrakte Ideal eingesetzt, und von ihm aus beginnt die Formung und Gliederung der gegebenen psychischen Kräfte zu vorbereitenden Stellungen, Bereitschaften und Charakterzügen. Die Person trägt dann die durch ihr fiktives Ziel geforderten Charakterzüge, sowie die Charaktermaske, — persona, — des antiken Schauspielers zum Finale der Tragödie passen musste. — Regt sich bei einem Knaben der Zweifel an seiner Männlichkeit, wie jedes konstitutionell minderwertige Kind sich den Mädchen verwandt fühlt, so wählt er sein Ziel in einer Art, die ihm die Herrschaft über alle [42] Frauen (meistens auch über alle Männer) verspricht. Dadurch wird frühzeitig seine Haltung zu den Frauen bestimmt. Er wird stets Neigung zeigen, seine Überlegenheit über die Frau durchzusetzen, wird das weibliche Geschlecht entwerten und erniedrigen, wird — bildlich gesprochen — die Hand auf die Mutter legen, was sich bei neurotisch disponierten Kindern oft auch in einer Geste oder in ihrer psychischen Attitude zeigt, und wird in spielerischer Weise von der Mutter das Abbild nehmen, um sich diesem gegenüber in die männliche Rolle einzufühlen. Es ist schon ein neurotischer Zug, wenn derartige kindliche Bereitschaftsstellungen erstarren, wenn ein pedantisches, prinzipielles Verhalten deutlich wird, und wenn die gereizte Herrschsucht des Kindes nach ähnlichem Entgegenkommen sucht, nach der gleichen Sicherheit seines Persönlichkeitsgefühles, die es bei der Mutter gefunden hat. Nur von dieser neurotischen Starre des Unsicheren gilt Nietzsches Behauptung, dass „jedermann ein Bildnis des Weibes von der Mutter her in sich trägt, von dem er bestimmt wird, die Frau überhaupt zu verehren oder sie gering zu schätzen oder gegen sie im allgemeinen gleichgültig zu sein.“ Doch müssen wir zugeben, dass diese in der Mehrheit sind. Unter ihnen sind viele, die sogar von der Mutter verschmäht wurden, seither jeder Frau gegenüber die gleiche Herabsetzung befürchten oder ein Übermass von Hingabe verlangen.

Es gibt im Leben und in der Entwickelung des Menschen nichts, was mit solcher Heimlichkeit ins Werk gesetzt wird wie die Errichtung des Persönlichkeitsideals. Wenn wir nach der Ursache dieser Heimlichkeit fragen, so scheint der wichtigste Grund in dem kämpferischen, um nicht zu sagen feindseligen Charakter dieser Fiktion gelegen zu sein. Unter fortwährendem Abmessen und Abwägen der Vorzüge Anderer ist sie entstanden und muss demnach — nach dem ihr zugrunde liegenden Prinzip des Gegensatzes — den Nachteil der Anderen bezwecken. Die psychologische Analyse des Nervösen ergibt stets die Anwesenheit der Entwertungstendenz, die sich summarisch gegen alle richtet. Die kämpferischen Neigungen[14] treten in der Habsucht, im Neid, in der Sehnsucht nach Überlegenheit regelmässig hervor. — Aber die Fiktion der Überwältigung Anderer kann nur benützt werden, in Rechnung kommen, wenn sie die Anknüpfung von Beziehungen nicht von vorneherein stört. Und so muss sie frühzeitig unkenntlich gemacht werden, sich maskieren, da sie sich sonst selbst aufhebt. Diese Verschleierung geschieht durch Aufstellung einer Gegenfiktion, die vor allem das sichtbare Handeln leitet, unter deren Gewicht aber die Annäherung an die Realität, und die Anerkennung ihrer wirksamen Kräfte vollzogen wird. Diese Gegenfiktion, stets gegenwärtige korrigierende Instanzen, bewerkstelligt den Formenwandel der leitenden Fiktion, indem sie ihr Rücksichten aufzwingt, soziale, ethische Zukunftsforderungen mit ihrem realen Gewicht in Anschlag bringt und so die Vernünftigkeit des Denkens und Handelns sichert. Sie ist der Sicherungskoeffizient der Leitlinie zur Macht, und die Harmonie beider Fiktionen, ihre gegenseitige Verträglichkeit, sind das Zeichen psychischer Gesundheit. In der Gegenfiktion sind die Erfahrungen und Belehrungen, die sozialen und kulturellen Formeln, die Traditionen der Gesellschaft wirksam. In Zeiten der Gehobenheit, der Sicherheit, der [43] Norm, des Friedens ist sie die formgebende Kraft, die eine Sperrung der Kampf- und Affektbereitschaften bewirkt und eine Angleichung der Charakterzüge an das Milieu. Steigt die Unsicherheit, und taucht das Gefühl der Minderwertigkeit auf, dann wird unter steigender Abstraktion von der Realität diese Gegenfiktion entwertet, die Bereitschaften werden mobilisiert, der nervöse, prinzipielle Charakter tritt hervor und mit ihm das übertriebene gesteigerte Persönlichkeitsideal. Es gehört mit zu den Triumphen des menschlichen Witzes, in Anpassung an die Gegenfiktion der leitenden Idee zum Durchbruch zu verhelfen, durch Bescheidenheit zu glänzen, durch Demut und Unterwerfung zu siegen, durch die eigene Tugend Andere zu demütigen, durch eigene Passivität Andere anzugreifen, durch eigenes Leid Anderen Schmerzen zuzufügen, mit weiblichen Mitteln ein männliches Ziel zu verfolgen, sich klein zu machen, um gross zu erscheinen. Solcher Art aber sind oft die Kunstgriffe der Neurotiker.

Über die Bedeutung der ursprünglichsten Wahrnehmung und Empfindung als einer Abstraktion brauche ich keine Worte zu verlieren. Ebenso abstrakt ist die Setzung eines fiktiven Leitpunktes und des nun zwischen diesen zwei Punkten ausgesponnenen Lebensplanes. Wir haben bezüglich der nervösen Psyche öfters hervorgehoben, dass die grössere Unsicherheit allein dazu zwingt, den Leitpunkt noch mehr der Realität zu entziehen, ihn höher anzubringen. Dazu kommt noch, dass die minderwertigen Sinnesorgane qualitativ und quantitativ veränderte Empfindungen, die ausführenden Erfolgsorgane veränderte Technizismen, meist im Sinne einer Einschränkung aufweisen, so dass sich die Selbsteinschätzung, das ideelle Leitbild, das Weltbild und der Lebensplan gegenüber der Norm in der Richtung vermehrter Abstraktion, vermehrten Verzichts auf Identität mit der Realität gestalten müssen. Dabei kann die Kompensation und Überkompensation freilich das Weltbild gelegentlich der Wirklichkeitslinie näher bringen, wie bei den grossen Leistungen der nervösen Psyche. Das überspannte Persönlichkeitsideal aber, das in starker Fixierung, in die Nähe einer Gottähnlichkeit gerückt, dem Wesen und Verhalten der Neurotiker und Psychotiker so oft einen leicht oder ausgesprochenen hypomanischen Zug verleiht, wenn nicht die Vorbereitung dazu, die Kleinheits-, die Verfolgungsideen noch den Ausschlag geben, verursacht durch eine Art innerer Gewissheit, ohne welche die Aufstellung des Zielpunktes unmöglich wäre, ein Prädestinationsgefühl. In den Phasen grösserer Unsicherheit wird dieses namhaft verstärkt, und seine Bedeutung als Antizipation der leitenden Fiktion, als Abschlagszahlung tritt deutlich hervor.

Den wertvollen Anteil dieser Kompensations- und Sicherungsleistung schildert Gustav Freytag in den „Erinnerungen aus meinem Leben“ folgendermassen:

„Aber auch die Treffer an der Scheibe wurden mir nicht leicht. Denn zu Oels hatte ich beim Unterricht bemerkt, dass ich sehr kurzsichtig war. Als ich das in den Ferien dem Vater klagte, riet er mir, mich doch ohne Brille durch die Welt zu schlagen, und erzählte mir von der Hilflosigkeit eines Theologen, der ihn einst am Morgen aus dem Bett angefleht hatte, ihm seine Brille zu suchen, damit er die Beinkleider finden könne. — Dem Rat blieb ich folgsam, ich habe nur im Theater und vor Bildern die Gläser gebraucht. Die Beschwerden, [44] welche dieser Mangel in Gesellschaft bereitete, suchte ich zu überwinden und ging arglos an manchem vorüber, was einen schärferen Beobachter beunruhigen konnte. — Die Freude an Blütenpracht und dem Schmuck der Kleider, an merkwürdigen Gesichtern und Frauenschönheit, den strahlenden Blick, den holden Gruss aus der Ferne musste ich oft entbehren, während andere sich daran freuten. Aber da die Seele sich behend in Mängel der Sinne einrichtet, so entwickelte sich schon früh in mir ein gutes Verständnis solcher Lebensäusserungen, die in meine Sehweite kamen und ein schnelles Ahnen von Vielem, was mir nicht deutlich wurde; die geringere Zahl der Anschauungen gestattete, die empfangenen ruhiger und vielleicht inniger zu verarbeiten. Jedenfalls war der Verlust grösser als der Gewinn. Darin aber hatte der Vater recht, meine Augen bewahrten durch das ganze Leben unverändert den scharfen Blick in der Nähe.“

Denkt man sich die Entwickelung einer derartigen visuellen Phantasie, die immerhin schon bedeutend von der Wirklichkeit abstrahiert, unter dem Druck der Sicherungstendenz aufgestachelt, so ergibt sich zum gleichen Zweck der Sicherung wie im obigen Beispiel die Ausbildung einer visuell-halluzinatorischen Fähigkeit, die sich, wenn es sich um die Aufstellung eines sichernden Mementos oder eines beruhigenden Selbstzuspruchs handelt, auch ausserhalb des Traumzustandes geltend machen kann. Die Abstraktion, aber auch die Antizipation ist dann noch weiter vorgeschritten und kann bei „Telepathen“ oder Kassandranaturen zu den bekannten auffallenden pathologischen Äusserungen führen. Einen ungeheuren Ansporn zu diesem Hinausgreifen über die den Menschen gesteckten Grenzen bietet, wie immer, das peinigende Minderwertigkeitsgefühl, das, auf die Schwäche bezogen, den Anderen die grössere Fähigkeit des Sehens bis zu dem Grade zumutet, als ob diese etwa Verborgenes sehen, das Innere erforschen könnten. Die Sicherungstendenz des Kindes mit seinen Heimlichkeiten kann frühzeitig gerade diesen Punkt zur eigenen Sicherung aufgreifen, und unter der fiktiven Annahme handeln, als ob Andere ihm „bis ins Herz“ sehen, seine innersten Gedanken erraten könnten, eine Annahme, die als Kunstgriff in der Neurose und Psychose öfters auftritt und gerade so viel wert ist, als etwa vergröberte Schuldgefühle und eine neurotische Gewissenhaftigkeit, und dazu bestimmt ist, einer drohenden Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls, der Schande, der Strafe, dem Spotte,[15] der Erniedrigung, der weiblichen Rolle, dem Tode vorzubeugen.

Die stärkere Fähigkeit des Nervösen zur Abstraktion und Antizipation liegt nicht bloss seinem halluzinatorischen Charakter, seiner Symptombildung, seinen Phantasien und seinen Träumen zugrunde, sondern auch den scheinbaren Überspannungen von Organfunktionen, die er durch tendenziöse Überwertung zu Kampfbereitschaften ausgestaltet. So gewinnt die Neurose Raum durch abstrakteres Voraussehen und Vorausdenken, formt aus ihnen die regelmässig vorzufindende neurotische Vorsicht, mittelst deren der Patient prinzipiell und in scharf gegensätzlicher Gruppierung nach dem Schema: „Triumph-Niederlage“ die Möglichkeiten des Erlebens dauernd in Evidenz hält. Oder er setzt durch Steigerung seiner Organempfindlichkeiten, einer Vorstufe der Halluzinationen, durch Empfindlichkeit [45] gegen Gerüche, Geräusche, Berührungen, Temperaturen, durch Geschmacks- und Schmerzempfindlichkeit seine Umgebung in Bann, und bringt stets auch seine Unternehmungen dadurch in Einklang mit seiner fiktiven männlichen Leitlinie. Torheiten und Aberglauben, arrangierte Überzeugungen von einem unheilvollen Fatum, der festwurzelnde Glaube an das eigene Pech dienen der gleichen Sicherungstendenz, die sich den Beweis konstruiert, dass Vorsicht nötig sei. In derselben Richtung wirkt die halluzinatorische Erweckung der Angst, von der der Nervöse einen ausgiebigen Gebrauch macht.

Dass die Charakterzüge ebenso wie die Affektbereitschaften im Dienste der leitenden Fiktion stehen, dafür sucht dieses Buch in weitestem Ausmasse Beweise zu erbringen. Die steil aufwärts führende Leitlinie des Nervösen erzwingt eben besondere Mittel und Lebensformen, die unter dem wenig einheitlichen Begriff des neurotischen Symptoms zusammengefasst werden. Bald finden wir unter ihnen Sicherungen an entfernten Orten, Sperrvorrichtungen und Deckungsgefechte, die den zentralen Impuls, den Willen zur Macht siegreich gestalten sollen, dann wieder sind es — oft schwer verständliche — Umwege, Schleichwegen vergleichbar, um die Leitlinie nicht zu verlieren, wenn der geradlinige Weg zum männlichen Triumph verlegt ist. Oft findet man einen Wechsel von nervösen Erscheinungen, die einem Ausproben gleichen, bis das schwerere Symptom den Einklang mit der leitenden Idee verbürgt. Auch diese Erscheinungen und ihre Psychogenese glaube ich in vorliegender Arbeit im Zusammenhange und in genügender Breite dargestellt zu haben. Sie fussen allesamt auf lange geübten und vorbereiteten Fähigkeiten, deren Überwertigkeit durch das Mittel der neurotischen Apperzeption gestützt wird und durch ihre Eignung für den Kampf um das ideelle Persönlichkeitsgefühl begründet ist. Die Vorbereitungen selbst fallen in den Beginn der Neurose, begleiten den Aufbau der Persönlichkeitsidee und passen sich ihm an. Sie lassen sich am klarsten in den aufbewahrten Kindheitserinnerungen, in den oft wiederkehrenden Träumen, in der Mimik und im Habitus, im Spiel der Kinder und in ihren Phantasien über künftige Berufe, über die Zukunft erkennen.

Es liegt im Wesen einer hoch angesetzten Leitidee, dass sie ihren Träger, den Nervösen, der Wirklichkeit entfremdet. Nicht selten macht sich dieser Zustand in einem „Fremdheitsgefühl“ geltend, das aber wieder überwertet und tendenziös verwendet wird, um in einer unsicheren Situation einen vorsichtigen Rückzug zu empfehlen. Diesem „Zurück!“ scheinbar entgegengesetzt, tritt zuweilen das unberechtigte Gefühl der Vertrautheit mit einer Situation, das Gefühl des „déjà vu“ hervor, oft um im Bilde einer versteckten Analogie zu warnen, oder zu ermutigen.[16] Bei neurotischen Schülern habe ich zuweilen beobachten können, wie sie sich unter dem Gefühl ihrer Prädestination in einer gänzlich unbekannten Frage zu Worte meldeten und gänzlich versagten. Solche Erlebnisse können dem Neurotiker sein etwa auftauchendes, unterstrichenes Gefühl der „Vertrautheit“ als höchst suspekt, wie wenn ihm dauernd ein saurer Nachgeschmack verblieben wäre, empfinden lassen. [46] Die Sicherung durch die übertriebene Persönlichkeitsidee und das Haften an ihr bedingen oft auch das Gefühl oder sogar die Tatsache einer gewissen Weltfremdheit, die freilich meist tendenziös übertrieben wird. Furcht vor allem Neuen, Schwerbeweglichkeit, Ungeschicklichkeit, Schüchternheit begleiten den der Wirklichkeit abholden Neurotiker und zeigen immer sein Bestreben, die Realität umzudeuten, umzudichten, umzukonstruieren. Auch dieser Mangel sucht seine Kompensation und findet sie in leichteren Fällen in der zur Realität leitenden Gegenfiktion, die wieder in abstrakter, meist aufdringlicher Form die Bedeutung der Realität zu überschätzen sucht, um aus übertriebener Furcht vor dem Irrtum und vor Niederlagen für alle Fälle Bereitschaften herzustellen. Das Schwanken zwischen Ideal und Wirklichkeit kommt in der neurotischen Psyche übertrieben zum Ausdruck, wobei die Zweifelsucht als Paradigma das Suchen nach der „einzigen Wahrheit“ vorbereitet, nach dem männlichen Endzweck des Neurotikers. Oder es werden die äusseren Formen pedantisch, wie ein Fetisch festgehalten und überschätzt, als ob sie Sicherheit verbürgten. Aus Hebbels Briefen[17] scheint mir folgende Stelle diesen Zug anzudeuten: „Man kann äussere Formen, die man in der Jugend so leichtsinnig bespöttelt, nie genug verehren, denn sie sind in der regellosen, rastlos bewegten Welt die einzigen Hilfslinien für die notwendige Unterscheidung.“ — Im Kleinen wie im Grossen, immer zeigt sich die Sehnsucht, Sicherheit zu gewinnen, und immer sucht sie der Mensch nach Analogien und auf abstrakten, prinzipiellen Wegen.

Die Häufigkeit des Befundes von sexuellen Leitlinien in der Neurose erklärt sich bei unbefangener Analyse aus folgenden Gründen:

1. weil sie eine geeignete Ausdrucksform des männlichen Protestes abgeben können,

2. weil es in der Willkür des Patienten liegt, sie als real zu empfinden.

Die Eignung der sexuellen fiktiven Leitlinie beruht demnach gleichfalls in ihrem Wert für die Sicherung des Persönlichkeitsgefühls, haftet an ihrer Bedeutung als Abstraktion und an ihrer halluzinatorischen Erregbarkeit, an ihrer Fähigkeit, sich leicht zu konkretisieren und Antizipationen zuzulassen.

Der halluzinatorische Charakter der Nervösen ist demnach ein besonderer Fall des Sicherungsmechanismus. Er bedient sich, wie auch das Denken, die Sprache, der primitiven, auf das kleinste dynamische Mass reduzierten Erinnerungen, zu denen er durch die abstrahierende Kraft der suchenden Sicherungstendenz geleitet wird. Seine Funktion und Aufgabe ist es, aus einfachen, kindlich gelegenen Erfahrungen durch Unterstreichung einer erlittenen Herabsetzung oder durch die tröstende Erinnerung an ein überstandenes Übel per analogiam den Weg zur Höhe zu berechnen. Die halluzinatorische Kraft stellt eine fertige Bereitschaft der angespannten Sicherungstendenz vor, und entnimmt ihr Material, wie es die Funktion des Denkens und Vorausdenkens tut, dem ehernen Bestand des neurotisch gerichteten Gedächtnisses. Was von den Autoren die Regression im Traume und in den Halluzinationen genannt wird, ist der alltägliche Vorgang des auf Erfahrungen zurückgreifenden Denkens, kann bloss das [47] Material betreffen, nie aber die Dynamik des Traumes oder der Halluzination erklären. Die psychische Dynamik der Halluzination besteht also darin, dass in einer Situation der Unsicherheit mit Macht eine Richtungslinie gesucht und durch Abstraktion, per analogiam, mit den Schätzen der Erfahrung, durch Antizipation und durch die einer sinnlichen Wahrnehmung angenäherte fiktive Darstellung hypostasiert wird. Letztere Fähigkeit als wirksamstes Mittel des Ausdrucks kann durch die der Realität geneigte Gegenfiktion, wie der Traum, als in bewusstem Gegensatz zur Wirklichkeit empfunden werden, oder die Sicherungstendenz löst die Gegenfiktion auf und lässt die Halluzination als real empfinden.

Jodl definiert die Kultur als „das unter bestimmten Umständen und besonderer Intensität gesteigerte Streben des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben vor den feindlichen Mächten der Natur wie vor dem Antagonismus der übrigen Menschen zu sichern, seine Bedürfnisse, sowohl reale als ideale, in steigendem Masse zu befriedigen und sein Wesen ungehindert zur Entfaltung zu bringen“. Der Nervöse hält diese Leitlinie viel fester im Auge, kann aber je nach Bedarf die ins Transzendentale führende Leitlinie oder die zur Kultur geneigte Gegenfiktion schematischer und prinzipieller zum Ausdruck bringen, letztere im Sinne eines neurotischen Umweges, etwa indem er sich dem „Antagonismus der übrigen Menschen“ weitgehend zu unterwerfen scheint, damit aber über sie triumphiert.

Die Entwickelung dieses Strebens, sein Wesen ungehindert zur Entfaltung zu bringen, den Gipfelpunkt dessen zu erreichen, was etwa der Nervöse seine Kultur nennen könnte, führt uns wieder zu den schon erörterten interessanten und psychologisch bedeutsamen Vorbereitungen zurück, zu den tastenden Versuchen, welche die Kompensation des ursprünglichen Minderwertigkeitsgefühls einleiten soll. Alle unfertigen, kindlichen Organe streben darnach, mit allen ihren angeborenen Fähigkeiten und Entwickelungsmöglichkeiten zweckmässige, sozusagen intelligente Bereitschaften auszubilden. Bei den Versuchen konstitutionell minderwertiger Organe mit ihren mannigfachen Fehlleistungen wächst infolge der grösseren Spannung gegenüber den Anforderungen der Aussenwelt der Eindruck der Unsicherheit, und die Selbsteinschätzung des Kindes bringt ein dauerndes Minderwertigkeitsgefühl zuwege. So kommt es, dass bereits in der frühkindlichen Zeit die Beherrschung der Situation nach einem mustergültigen Beispiel, meist über dieses Beispiel hinaus zum Leitmotiv genommen wird, und ein dauernder Willensimpuls wird festgelegt, um einer leitenden Idee, — dem Willen zur Macht, — die dauernde Führung zu überweisen. Dies ist auch die Zwecksetzung in der neurotischen Psyche, die bewusst oder unbewusst der Formel entspricht: ich muss so handeln, dass ich letzten Endes Herr der Situation bin. Längeres Verweilen des Kindes in der Phase des Minderwertigkeitsgefühls führt zur Steigerung und Verstärkung der Intensität jener Leitformel, so dass von der besonderen Intensität alles Strebens, der vorbereitenden Handlungen, der Bereitschaften, der Charakterzüge in irgend einer Entwickelungsperiode auf ein ursprüngliches Minderwertigkeitsgefühl geschlossen werden darf. Auch an den der Norm nahestehenden Organen findet man die tastenden Versuche, wie sie die Bereitschaften zum Gehen, Sehen, Essen, Hören ausgestalten. Exner hebt hervor, wie in [48] der Sprachentwickelung des Kindes diese tastenden Versuche dem Treffen der Lautkombinationen vorangehen. Viel krampfhafter gestalten sich die Vorbereitungen im Werdegang der minderwertigen Organe, deren Bereitschaften und Arbeitsweisen im günstigen Falle der Ueberkompensation künstlerische Leistungen und Fertigkeiten zutage fördern, oft aber wie in der Neurose aus der Behütung durch die Vorsicht kaum je herauswachsen. Auf dem durch die Sicherungstendenz gebotenen Weg sucht das Kind seine Fehler kennen zu lernen, sie zu verbessern oder durch einen Kunstgriff aus ihnen Nutzen zu ziehen. Da es den wahren Grund seiner Minderwertigkeit nicht kennt, oft auch aus Stolz nicht kennen will, wird es leicht verleitet, äussere Ursachen namhaft zu machen, die „Tücke des Objekts“, zumeist die Angehörigen zu beschuldigen, — und bezieht damit eine aggressive, feindliche Stellung zur realen Aussenwelt. Meist bleibt ihm die Ahnung, die Erwartung böser Schicksale als abstrakter Rest seines Minderwertigkeitsgefühls, die es gerne übertreibt, oft zu Schuldgefühlen ausbaut, wenn die Situation es erlaubt, um sein Voraussehen, seine Vorsicht mit gutem Grund entfalten zu können. Das neurotische Bestreben führt letzter Linie dahin, die Grenzen der Persönlichkeit zu erweitern und zu sichern, indem fortwährend die eigenen Kräfte an den Schwierigkeiten der Aussenwelt abgemessen und erprobt werden. Auf diese angestrengten Versuche lassen sich mancherlei Neigungen des Nervösen, sein Hang mit dem Feuer zu spielen, gefährliche Situationen zu schaffen und aufzusuchen, seine Lust am Grausamen und Teuflischen (Michel) zurückführen. Ebenso wie sadistische Regungen liegen die Neigungen zum Verbrechen an der männlichen Leitlinie, scheitern aber oft an dem sich gestaltenden Widerspruch und werden nur mehr in der Erinnerung tendenziös übertrieben, um vor einer Ausführung zurückzuschrecken.

Mit Vorliebe bedient sich die Nervosität der mangelhaften Organleistungen, der Kinderfehler, des Krankheitsgefühls überhaupt, einerseits um das Persönlichkeitsgefühl des Patienten, — meist nach Art einer trotzigen Revolte, — gegenüber den Forderungen elterlicher Autorität zu sichern, andererseits um, — nach Art einer kunstvollen Obstruktion, — Entscheidungen und Zusammenstösse, die der männlichen Fiktion gefahrvoll werden könnten, hinauszuschieben, gewisse Kampfpositionen aufzugeben, um wichtigere halten zu können. Ja, der Nervöse wird häufig kleine Niederlagen suchen, sie künstlich sogar herbeiführen, oder gefahrvolle Ausblicke schaffen, um daraus die Berechtigung für sein neurotisches Handeln und seine Vorsicht abzuleiten. Bei neurotisch festgehaltenen Kinderfehlern darf man stets auf besonderen Trotz und starke Aggression gegen Vater oder Mutter gefasst sein.

Zwangsmässiges Suchen nach Verständnis der äusseren Schwierigkeiten. Versuche, sie zu überwältigen, zu beherrschen, zu bekämpfen, Geringschätzung und Entwertung des Lebens und seiner Freuden oder Flucht vor ihnen charakterisieren so die eine Seite der Neurose. Dabei kommt recht häufig zutage, dass der Patient vom Leben, von der Arbeit, von der Liebe und Ehe in glühendster Begeisterung, aber platonisch schwärmt, während er sich heimlich durch die Neurose den Zugang zu ihnen verrammelt, um auf begrenzterem Terrain, in der Familie, beim Vater oder bei der Mutter sein Herrschergefühl zu sichern.

Dieser nach aussen gewendete, ängstlich vorsichtige Blick des Neurotikers, zur Wahrung der leitenden Fiktion bestimmt, ist regelmässig [49] auch von einer höheren Intensität der Selbstbeobachtung begleitet. Zuweilen ist in einer Situation psychischer Unsicherheit die personifizierte, vergöttlichte Leitidee als zweites Selbst, als innere Stimme analog dem Dämon des Sokrates warnend, anfeuernd, strafend, beschuldigend anzutreffen. Und was uns der Neurastheniker, der Hypochonder gar berichten, wie sie im eigenen Innern wühlen, wie scharf sie alle Akte ihres Lebens kontrollieren und begleiten, gilt für den Nervösen überhaupt. Die Selbstbeobachtung kann zur Abgrenzung des Kampfplatzes führen, indem sie sich der Ausserungen von Krankheitsfurcht bedient, wobei der Nervöse jederzeit in der Lage ist, den sichernden Rückzug anzutreten. Sie muss als wirksam gedacht werden, wenn die primitiven Sicherungen der Angst, der Scham, der Schüchternheit, die komplizierteren des Schamgefühles, des Gewissens, der nervösen Anfälle, die Ahnung einer Niederlage begleiten, um das Persönlichkeitsgefühl nicht unter das geforderte Niveau sinken zu lassen. Selbstbeobachtung und Selbsteinschätzung, immer von der leitenden Fiktion gereizt und verstärkt, damit eine Operationsbasis geschaffen und die Aggression eingeleitet werde, aktivieren sofort die nervösen, prinzipiellen Charakterzüge des Neides, Geizes, der Herrschsucht etc. — Im fortwährenden Messen und Ringen des Nervösen um seine eigene Geltung, gegen die Geltung des Anderen, spielt seine gesteigerte Selbstbeobachtung mit, sie gibt dem Vorausdenken und der Phantasie Winke, und verkündet ihre Anwesenheit, wenn der Patient der Entscheidung ausweicht oder zu dem gleichen Zwecke sich dauernd dem Zweifel ergibt. Dass alle diese Selbstbeobachtungen aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit stammen und von diesem erzwungen werden, ist ebenso leicht zu verstehen, als dass sie schliesslich ihr Ziel erreichen, auf das sie eigentlich hingearbeitet: die Vorsicht. So ist die Selbstbeobachtung im selben Masse Verzögerung, Egoismus, Grössenwahn, Treppenwitz, Zweifel, Kleinheitswahn, und berührt sich mit allen anderen Phänomenen, die vom Gefühle der Minderwertigkeit aus angeregt werden; insbesondere dient sie zur Verstärkung und Kontrolle der „männlichen Protestcharaktere“ wie Mut, Stolz, Ehrgeiz etc., ebenso auch zur Vertiefung aller Sicherungstendenzen wie der Sparsamkeit, der Genauigkeit, des Fleisses, der Reinlichkeit. Sie beeinflusst die Aufmerksamkeit und dient auch zur Beherrschung derselben, so dass sie im Netz der Sicherungstendenzen eine hervorragende Stellung einnimmt. Ihre Ergebnisse allerdings sind tendenziös gefälscht. Es wäre weit gefehlt, sie als libidinös oder lustbringend anzusehen. Ihre Funktion ist vielmehr, alle Eindrücke der Aussenwelt zu gruppieren und unter einen einheitlichen Text zu bringen, dergestalt, dass die primäre Unsicherheit des Individuums sozusagen mathematisch oder statistisch, nach Massgabe einer Wahrscheinlichkeit vor Entlarvung gewahrt bleibe, dass das Individuum einer Niederlage entgehen könne. In der „Neurotischen Disposition“ (l. c.) habe ich zum ersten Male diese Dynamik der Neurose hervorgehoben, und die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, sie vertieft und erweitert darzustellen. Die geweckte und vertiefte Selbstbeobachtung liegt also auf dem Wege zur Neurose, mag sie auch in der Philosophie, Psychologie und Selbsterkenntnis zuweilen herrliche Früchte tragen. Sie ist die von der Realität der Welt durch einen Fehlschuss sich entfernende Privatphilosophie des Neurotikers, [50] dessen Wahn, — durch Analyse korrigierbar, — ihr wertvolles Analogon im Γνῶϑι σαυτόν des erhabenen Philosophen hat. Der meist unkorrigierbare Wahn in den Grübeleien und phantastischen Selbstbeobachtungen des Psychotikers, der um vieles leichter als arrangierter Wahn zum Zwecke der Sicherung des Persönlichkeitswertes zu durchschauen ist, lehrt uns den Wahn in den Selbstbeobachtungen des Neurotikers verstehen.

Das Streben des Nervösen nach Sicherheit, seine Sicherungen selbst, können demnach nur betrachtet werden, wenn man den ursprünglichen, entgegengesetzten Wertfaktor der Unsicherheit mitbetrachtet. Beides sind Ergebnisse eines nach Gegensätzlichkeit gruppierenden Urteils, welches in Abhängigkeit von dem fiktiven Persönlichkeitsideal geraten ist, und das ihm tendenziöse, „subjektive“ Wertungen darbietet. Das Gefühl der Sicherheit und das seines Gegenpols der Unsicherheit, eingeordnet dem Gegensatzpaar von Minderwertigkeitsgefühl und Persönlichkeitsideal, sind wie das letztere ein fiktives Wertpaar, ein psychisches Gebilde, von welchen Vaihinger hervorhebt, „dass in ihnen das Wirkliche künstlich zerlegt ist, dass sie nur zusammen Sinn und Wert haben, einzeln aber durch Isolation auf Sinnlosigkeit, Widersprüche und Scheinprobleme führen“. In der Analyse von Psychoneurosen kommt nun regelmässig zum Vorschein, dass sich diese Gegensatzpaare analog dem einzig realen „Gegensatz“ von „Mann — Frau“ zerlegen, so dass Minderwertigkeitsgefühl, Unsicherheit, Untensein, Weiblichkeit auf die eine Seite der Gegensatztafel, Sicherheit, Obensein, Persönlichkeitsideal, Männlichkeit auf die andere Seite gelangen. Die Dynamik der Neurose kann demnach so betrachtet werden, wird auch in ihren Ausstrahlungen auf die Psyche des Nervösen von diesem oft so erfasst, als ob der Patient sich aus einer Frau in einen Mann verwandeln wollte. Diese Bestrebungen ergeben in ihrer bunten Fülle das Bild dessen, was ich männlichen Protest genannt habe.

Die Stärke des männlichen Einschlags im Kulturideal sowohl wie insbesondere in der fiktiven Leitlinie des Nervösen, wie wir sie im Wollen, Handeln, Denken, Fühlen unserer Patienten, in ihren Einstellungen zur Aussenwelt, in ihren Vorbereitungen fürs Leben und in ihren Bereitschaften, in jedem Charakterzug, in jeder physischen und psychischen Geste finden, — die die Kraft des Aufschwungs gibt und die Linie des Lebens nach oben richtet, lässt erraten, dass am Beginne der psychischen Entwickelung ein Mangel an solcher Männlichkeit empfunden wurde, und dass das ursprüngliche Minderwertigkeitsgefühl des konstitutionell beeinträchtigten Kindes aus diesem Gegensatz heraus auch als weiblich gewertet wird. Was immer dem Minderwertigkeitsgefühl zugrunde lag, — wenn die starke neurotische Sicherung durch Aufstellung der männlichen Fiktion eingeleitet wird, fällt der supponierte Grund der kindlichen Unsicherheit und diese selbst infolge der neurotischen, gegensätzlichen Gruppierung unter die als weiblich gewerteten Erscheinungen. Die Empfindung der Kleinheit, der Schwäche, der Ängstlichkeit und Unbeholfenheit, der Krankheit, des Mangels, der Schmerzen etc., löst dann im Neurotiker Reaktionen aus, als ob er sich gegen eine ihm innewohnende Weiblichkeit zur Wehre setzen, also männlich und stark reagieren müsste. In gleicher Weise erfolgt diese Antwort, reagiert die Affektbereitschaft des männlichen Protestes gegen jede Herabsetzung, gegen das Gefühl der Unsicherheit, der Verkürztheit, [51] der Minderwertigkeit, und der Nervöse zeichnet, um den Weg zur Höhe nicht zu verfehlen, um die Sicherung vollkommen zu machen, konstant wirkende Leitlinien für sein Wollen, Handeln und Denken in Form der Charakterzüge in den weiten, chaotischen Feldern seiner Seele. Meist findet man die Charakterzüge geradlinig zum männlichen Ideal hinstreben, bei männlichen und weiblichen Patienten; entsprechend den früheren Darlegungen ergeben sich aber, insbesondere nach einer entscheidenden Niederlage des Patienten, die uns schon bekannten neurotischen Umwege, Anfälle und Anfallsbereitschaften, deren analytische Auflösung und Einordnung in das Gesamtbild wieder den Zug zur Erhöhung des männlichen Persönlichkeitsgefühls aufweisen, wenngleich sie äusserlich und oberflächlich genommen oft als Zaghaftigkeit, Angst, als unmännlich erscheinen, ebenso als Flucht oder als Rückzug vor dem Leben angesehen werden könnten. Die einfache Frage betreffs der Beharrlichkeit der oft weither geholten Kunstgriffe in Form der neurotischen Symptome lässt uns verstehen, dass in diesen letzteren Fällen nicht eine Entscheidung gefallen, sondern dass das ursprünglich konstruierte, fiktive männliche Leitziel nach wie vor wirksam ist, und dass eine kulturelle Einfügung, Ruhe und Zufriedenheit nicht aufkommen kann, weil das Ziel zu hoch angesetzt ist.

Durch gewisse Unsicherheiten des Kindes betreffs seiner eigenen Geschlechtsrolle wird der männliche Einschlag in der leitenden Fiktion namhaft verstärkt. In der Tat kann man bei allen Kindern das ungeheuere Interesse für Geschlechtsunterschiede in meist verdeckter Form durchbrechen sehen. Die einheitliche Kleidung der Kinder in den ersten Lebensjahren, weibliche Züge bei kleinen Knaben, männliche bei Mädchen, gewisse Drohungen der Eltern, wie: ein Knabe werde sich in ein Mädchen verwandeln, tadelnde Bemerkungen den Knaben gegenüber wie die, dass er wie ein Mädchen, Mädchen gegenüber, dass sie wie Knaben seien, können die Unsicherheit noch vergrössern, solange die Differenz der Genitalorgane unbekannt bleibt. Aber selbst bei weitest gediehener Aufklärung können durch Anomalien der Genitalien oder durch Fehlurteile Zweifel erwachen, die tendenziös festgehalten werden und immer wieder im gegensätzlichen Bilde des „Männlich oder Weiblich“ im ferneren Leben auftauchen, so dass unsere ursprüngliche Feststellung,[18] dem neurotischen Zweifel liege der Zweifel an der eigenen Geschlechtsrolle zugrunde, bloss in der Richtung eine Erweiterung verlangt, dass die Neurose diese Zweifelslage des Patienten in der Folge als Sicherung gegen Entscheidungen festhält, um die „zögernde Attitude“ auszubauen.

Je länger die Unsicherheit an der eigenen Geschlechtsrolle besteht, um so dringlicher werden die Versuche und tastenden Vorbereitungen, in die männliche Rolle zu gelangen. So entsteht das Urbild des männlichen Protests, der dahin zielt, unter allen Umständen seinen Träger in die männlichste Schaustellung zu drängen, oder, wie es bei Mädchen und frühzeitig neurotisch erkrankten Knaben geschieht, die Herabsetzung in allen Formen durch neurotische Kunstgriffe zu verhindern, gleichzeitig aber geradlinige männliche Charakterzüge und starke Affektbereitschaften auszubilden.

[52] Das Vorstadium der Erkenntnis der eigenen Geschlechtsrolle, der psychische Hermaphroditismus des Kindes, besteht wohl regelmässig. Seine Bedeutung wurde von Dessoir und von mir hervorgehoben. Dass dieses Stadium mit seinem starken, den männlichen Linien zugeneigten Streben von grösster Bedeutung für die Entwicklung der Neurose mit ihrem hoch angesetzten männlichen Leitziel und seinen Sicherungen ist, ergab mir die Analyse der Psychoneurosen. Als guter Beobachter und Kenner der Kinderseele zeigt sich Goethe, der in Wilhelm Meisters theatralischer Sendung hervorhebt: „Sowie in gewissen Zeiten die Kinder auf den Unterschied der Geschlechter aufmerksam werden und ihre Blicke durch die Hüllen, die diese Geheimnisse verbergen, gar wunderbare Bewegungen in ihrer Natur hervorbringen, so war's Wilhelmen mit dieser Entdeckung; er war ruhiger und unruhiger als vorher, deuchte sich, dass er was erfahren hätte, und spürte eben daran, dass er gar nichts wisse“.

In der Tat findet man als erste Äusserung dieser Unerfahrenheit und ihres herabsetzenden Rückschlags auf die Psyche eine ungeheure Steigerung der Neugierde und Wissbegierde, und um doch eine Richtung seines Lebens zu finden, gerät das Kind unter den Zwang einer Leitlinie, die es treibt, so zu handeln, als ob es alles wissen müsste. Macht es die Erfahrung von der Superiorität des männlichen Prinzips in unserer Gesellschaft, so wird das Leitbild vermännlicht, insbesondere, wenn ihm der Mann, der Vater als der Wissende erscheint.

Zu besonderen Charakterzügen, die in der Neurose deutlicher werden, kommt es bei kleinen Mädchen, die sich solcher Art bemühen, die männliche Leitlinie zu halten. Das Gefühl der Verkürztheit überwiegt bei ihnen, ebenso bei Knaben, die sich für weiblich halten, dermassen, dass sie nur Sinn und Interesse dafür haben, Beweise für diese Verkürzung zu sammeln und ihre Aggression gegen die Umgebung zu steigern. Bilder von Kastration, von Verweiblichung, von Verwandlungen in einen Mann, von männlichen Formen des Lebens tauchen bei der Analyse als Wegweiser in der neurotischen Psyche auf, deuten auf die Sucht nach Manngleichheit und lassen in späterem Formenwandel der Leitlinien die männliche Fiktion immer wieder auftauchen. Die typische psychische Attitude dieser Nervösen ist regelmässig so, als ob sie einen Verlust erlitten hätten, oder als ob sie mit grosser Vorsicht einem Verlust ausweichen müssten. E. H. Meyer berichtet in den „Indogermanischen Mythen“ (I. S. 16): „Nach dem Atharva Veda verzehren die Gandharven (phallische Dämonen) den Knaben die Hoden und verwandeln dadurch die Knaben in Mädchen“. — Solcher und ähnlicher Gestalt scheinen in der Kindheit die Vorstellungen vieler Nervöser über die Entstehung beider Geschlechter gewesen zu sein, als von Gedanken über eine erlittene Verkürzung, die sich in einem sexuellen Bilde der Verweiblichung darstellt. Die nächste psychische Folge ist dann in der Regel die verschärfte Aggression gegen die Eltern, denen die Schuld an dieser Verkürzung zugeschrieben wird.

Flies, Halban, Weininger und vor ihnen unter anderen Schopenhauer und Krafft-Ebing fundieren den psychischen Hermaphroditismus auf der Anwesenheit von hypothetischer, männlicher und weiblicher Substanz in einem Individuum. Unsere Auffassung setzt bloss den Gegensatz in der Wertschätzung des Männlichen und Weiblichen voraus, wie er tatsächlich besteht, rechnet mit der allgemeinen [53] Verbreitung des gegensätzlichen, bildlichen Apperzeptionsschemas: „Männlich-Weiblich“ und folgert aus dem Zwang des neurotisch verstärkten und erhöhten Persönlichkeitsideals den darin leicht auffindbaren männlichen Einschlag. Letzterer bedingt auch die Unterstreichung des Gefühls der eigenen Minderwertigkeit durch die Fassung in einem Bilde, das der weiblichen Rolle angehört, um mit den Regungen, Bereitschaften und Charakterzügen des männlichen Protestes dagegen zu reagieren. Eine Reihe der letzten Arbeiten aus der Freudschen Schule haben die von mir veröffentlichten Befunde aufgegriffen. Die weitere Verfolgung führt unwiderruflich zur Erkenntnis der Unhaltbarkeit der Libidotheorie, zur Beseitigung der sexuellen Ätiologie und zum Verständnis des neurotischen Sexualverhaltens als einer Fiktion.

Ist uns so der männliche Protest als Kunstgriff der Psyche klar geworden, mittelst dessen sie zur vollen Sicherung gelangen, sich mit der leitenden Persönlichkeitsidee zur Deckung bringen will, so erübrigt es noch, die Formverwandlung dieser Leitlinie ins Auge zu fassen, wie sie jedesmal eintritt, wenn sich in ihr Widersprüche geltend machen und den Zweck des neurotischen Strebens, das Obenseinwollen, gefährden. Dieser Fall tritt ein, wenn die Wirklichkeit mit einer starken Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls droht. Der Nervöse wird sogar in diesem Falle prinzipieller an seiner „Idee“ festhalten als der Normale. Je weiter er aber in die sichernde Neurose eingesponnen ist, um so eher wird er — auf Erinnerungen und Memento gestützt — den Schaden antizipierend, neue neurotische Umwege konstruieren, weitere neurotische Sicherungen anbringen, die für ein vorliegendes Problem weder ein Fiat noch eine Negation enthalten, vielmehr beide zugleich. Es wird sich sein psychisch-hermaphroditischer Charakter auch darin geltend machen, dass er zurückweicht, sich unterwirft, weiblich wird, während sein Streben gleichzeitig weiterhin ein Vordringen, Herrschsucht, Männlichkeit aufweist, mit dem Ergebnis, dass er nichts vorwärts bringt, da er für jeden Schritt nach vorne einen nach rückwärts macht, dieses Verhalten zuweilen sogar pantomimisch ausdrückt. Ebenso kann die Furcht vor Blamage, vor Strafe, vor Schande, kurz vor dem „Unten“ seine geradlinigen männlichen Züge verwandeln. Die Konstruktion von neurotischen Schuldgefühlen, von ererbten Verbrecherinstinkten, von Rohheit, Grausamkeit und Egoismus schafft schreckende Spuren in gleicher Weise wie das neurotisch zum Ausdruck gebrachte Gefühl der Schüchternheit, Feigheit, Unbeholfenheit, Dummheit und Faulheit. — Das schlimme, unerziehbare Kind, die Flegeljahre und manche Formen der Psychose, häufig das Vorstadium der „entwickelten Neurose“ zeigen uns den männlichen Protest in hoher geradliniger Ausbildung. Ihre Darbietungen sind geradezu getragen von der zum Selbstzweck gewordenen Welle des männlichen Protestes, der voll und ganz die Stelle der verstärkten leitenden Fiktion vertritt.

Unsere theoretische Darstellung von der neurotischen Psyche wäre unvollständig, wenn sie nicht auch auf das Wesen und die Bedeutung des Traumes einginge. Ich kann an dieser Stelle keine abgerundete, geschweige eine vollständige Traumtheorie vorführen. Aber ich bin aus mehreren Gründen genötigt, alle Beobachtungen und Befunde mitzuteilen, die meine Traumuntersuchungen des praktischen Teils dieser Arbeit ermöglicht haben. Freuds Traumdeutung war vielleicht die stärkste Förderung unseres Verständnisses der Neurosenpsychologie. [54] Doch kann ich sie nicht als Abschluss unserer Erkenntnis vom Traume ansehen. Im Laufe einer langjährigen Beobachtung des Traumlebens gesunder und kranker Personen bin ich zu folgenden Ergebnissen gelangt:

1. Der Traum ist eine skizzenhafte Spiegelung von psychischen Attituden, und deutet für den Untersucher die charakteristische Art an, wie der Träumer zu einem bevorstehenden Problem Stellung nimmt. Er deckt sich deswegen mit der Form der fiktiven Leitlinie, gibt immer nur Versuche des Vorausdenkens, probeweise Vorbereitungen einer Aggressionsstellung, kann daher mit grossem Vorteil zum Verständnis dieser individuellen Vorbereitungen, der Bereitschaften und der leitenden Fiktion verwendet werden.

2. In gleicher Weise treten, mehr oder weniger abstrakt, die Einstellungen des Träumers zur Mitwelt und somit auch seine Charakterzüge[19] und deren neurotische Abbiegungen zutage. Die Abstraktion im Traumdenken ist durch die Sicherungstendenz erzwungen, die ein Problem durch Vereinfachung und Zurückführung auf ein einfacheres, kindlicher gelegenes zu lösen sucht, und dies ganz wie das Denken überhaupt, nur vertiefter, mittelst des Gedächtnisses bewerkstelligt, in bildlicher, analogischer Weise, durch halluzinatorische Erweckung von Erinnerungen schreckender oder aneifernder Art. Die Absperrung Tod der Wirklichkeit durch den Schlaf unterstützt das abstraktere Denken im Traume, da die Korrektur durch den Schlaf der Sinnesorgane zum grössten Teil ausgeschlossen ist. Dieser Umstand sowie der Mangel einer bewussten Zwecksetzung im Traumdenken verschulden die Unverständlichkeit des Trauminhalts, der überhaupt erst einen Sinn erhält, wenn man ihn als ein Symbol des Lebens nimmt, ein „Als ob“, für welches die Deutung erst die reale Aggression einzusetzen hat.

3. Diese noch zu erweisenden Tatsachen sowie die Ausdrucksform des Traumes in einem „Als ob“ („Mir war, als ob“) zeigen uns das Wesen des Traumes als einer Fiktion, in der sich die Vorversuche und Proben verdeutlichen, durch welche die Vorsicht zur Beherrschung einer Situation in der Zukunft gelangen will. Bei den Träumen nervöser Personen wird man deshalb deutlicher als bei andern die neurotische, nach dem Prinzip einer starken Gegensätzlichkeit arbeitende Apperzeptionsweise, das betonte Minderwertigkeitsgefühl und die leitende Persönlichkeitsidee beobachten oder im Zusammenhang mit ihrem Seelenleben erraten können.

4. Der Zug der neurotisch verstärkten Leitidee wird sich in den Träumen der Nervösen regelmässig äussern, zumeist im Bilde des Strebens nach „Oben“ oder des männlichen Protestes. Die weibliche oder „untere“ Operationsbasis ist immer angedeutet.

5. Wiederholte Träume ähnlichen Inhalts und erinnerte Kindheitsträume zeigen die fiktive Leitlinie am deutlichsten. Denn sie bauen sich auf einem fertigen oder als brauchbar befundenen Schema auf, das durch das neurotische Endziel errichtet und festgehalten wird. Die mehrfachen Träume einer Nacht weisen auf den Versuch einer mehrfachen Lösung hin und kennzeichnen das Gefühl einer stärkeren Unsicherheit. Die sogenannte „Traumzensur“, derzufolge die Verdeckung [55] oder Verschleierung eines Sachverhalts durch Entstellung bezweckt wird, erweist sich als die Wirkung der Sicherungstendenz, die den Formenwandel der Fiktion in der Neurose wie im Traume intendiert, und in entsprechender Entfernung dem Widerspruch in der männlichen Leitlinie durch einen Umweg zu entgehen sucht. Andere „Entstellungen“ liegen im Wesen des abstrakteren Traumdenkens und in seinem Charakter als einer blossen Spiegelung.

6. Die Symbolik und der Kunstgriff der Analogie im Traume sind formalinhaltliche Ausstrahlungen dynamischer Affektverstärkungen, ihre Wortbilder sozusagen. Sie sind der psychische Überbau über ein Junktim zwischen psychischer Situation und einem tendenziös, meist fälschlich — sophistisch herangezogenen Memento, das die von der „Idee“ geforderte Resonanz beibringen muss.

Die von Freud behauptete Erfüllung von infantilen Wünschen im Traume löst sich also für mich auf in einen Versuch des Vorausdenkens, um zur Sicherung zu gelangen, wobei tendenziös gruppierte Erinnerungen, keineswegs die libidinösen oder sexuellen Wünsche der Kindheit als Memento zu Hilfe genommen werden, ein psychischer Kunstgriff, der auch das logische Denken beherrscht. Das Wesen der Neurose sowie ihrer Träume und ihres Wahns bieten als einzig Unterscheidendes von der Norm die durch die verstärkte Fiktion verstärkte Tendenz zur Auswahl der wirksam gemachten Erinnerungen, kurz gesagt: die neurotische Perspektive. — Der Neurotiker leidet nicht an Reminiszenzen, sondern er macht sie.

Ist einmal dieser zur Orientierung und zur Sicherheit des Handelns unbedingt nötige Vergleichspunkt gefunden, der um so höher eingestellt wird, je drückender das Gefühl der Minderwertigkeit auf dem Kinde lastet, so muss er aus obigen Ursachen, aus dem Zwang des Vergleichens und des kindlichen Ausrichtens stabilisiert, hypostasiert, für heilig, göttlich erklärt werden. Auf der einen Seite stehen die realen Bedingungen und Bewegungen des Subjekts, auf der anderen als kompensierende Folge des Minderwertigkeitsgefühls der Gott, die leitende Idee, bildlich apperzipiert in einer Person, in einem Geschehen. Dieser letztere ideelle Punkt wirkt nun so, als ob ihm alle richtende Kraft gegeben wäre. So entsteht erst aus dem organischen, objektiven Leben das, was wir Seelenleben, Psyche nennen.

Jeder Schritt des Kindes richtet sich in diesem System und wird von ihm gerichtet. Es ist ein fortwährendes Abwägen, Tasten, Vorbereiten, Bereitschaftenstellen und Messen am Ideal, was das Kind in seiner Entwickelung vorwärts bringt. Es misst sich am Manne ebenso wie an der Frau, wobei die Gegensätzlichkeit der Geschlechter abermals eine Hilfslinie ergibt und eine psychische Ausrichtung nach einer entgegengesetzten, in gewissem Sinne feindlichen, ausweichenden Linie, der männlichen, erzwingt. Beim neurotisch disponierten Kinde bringt die durch das Unsicherheitsgefühl gesteigerte kompensatorische Sicherungstendenz unter Anspannung der Aufmerksamkeit die abstrakt — neurotisch vertieften Richtungslinien zum überspannten Ziel des männlichen Protestes zuwege. Und die schärfer gefasste Gegensätzlichkeit der Geschlechter schafft früher und eindringlicher die vorbereitenden Stellungen zum anderen Geschlecht, um somehr, [56] wenn, wie beim Neurotiker, die ausschliessliche männliche Wertung des Ideals auf sein Minderwertigkeitsgefühl reflektiert und dieses als weiblich erscheinen lässt.

Die Grundlage der Familienerziehung bringt es mit sich, dass die ersten Versuche, zu einem Persönlichkeitsideal zu gelangen, Entlehnungen von Zügen der höchstgewerteten Familienpersönlichkeit, zumeist des Vaters, vorstellen. Neurotisch disponierte Kinder, die in der Gegenüberstellung des Vaters eine Verstärkung ihres Minderwertigkeitsgefühles empfinden, treffen alsbald Vorbereitungen und konstruieren Kampfbereitschaften, als ob sie den Vater überflügeln müssten. In diesen vorbereitenden Versuchen liegt auch die Einstellung zum anderen Geschlecht, soferne der Intellekt des Kindes nicht bezüglich seiner eigenen Geschlechtsrolle fehlgreift, und viele seiner für die Zukunft bestimmten Bereitschaften werden anticipando in spielerischer Weise[20] gegenüber Familiengliedern des anderen Geschlechts wachend oder halluzinatorisch, im Traume, probeweise geübt.

Dass dem Knaben dabei die Mutter in gewissem Sinne ein Muster abgibt, ist seit langem bekannt, insbesondere von Nietzsche hervorgehoben worden. Dabei ist die Grenze, die sich das Kind setzt, Sache einer Erprobung durch das Kind. Seine Wünsche sind, im Falle es neurotisch disponiert ist, masslos. Unzufrieden durch die übergrosse Distanz zu seinem Persönlichkeitsideal, kommt es auch zu Sexualwünschen in bezug auf die Mutter, ein Beweis, wie grenzenlos angespannt der Wille zur Macht ist. Eine Fixierung einer Sexualbeziehung aber muss andere Gründe haben als einmal gehegte Wünsche im Bereiche einer gewissen Masslosigkeit. Das Begehren des Knaben greift auch auf andere weibliche Personen seiner Umgebung. Das Bild ist dann wieder wie bezüglich der Perversion. „Die Mutter besitzen wollen“ wird zum Zeichen seiner Unzufriedenheit, zum Symbol seiner Masslosigkeit, seines Trotzes und seiner Furcht vor anderen Frauen. Nun kann im späteren Leben eine „Fixierung“ an die Mutter aus ähnlichen Konstellationen eintreten, nicht aber weil der Wunsch ehedem libidinös war. Denn es ist gleichgültig, welcher Art die reale Beziehung zur Mutter war, — die Psyche des Nervösen wird sie stets in irgend einer Art zur Sicherung verwenden.

Hier interessiert uns vor allem das Motiv der Unzufriedenheit. Es entspringt aus dem Gefühl einer Verkürzung, und es ist klar, dass das Kind vom „Wachsen“ alle Erfüllungen erwartet. Nach der Psychologie des „als ob“ kann es sein Heil vom Wachstum seines Körpers, seiner Haare, seiner Zähne, seines Genitalorgans erwarten. Speziell seine Erfahrungen von den Zähnen sind geeignet, ihm den Eindruck zu hinterlassen, dass etwas nachwachsen könne. In Träumen und Phantasien spielt das Zahnmotiv häufig hinein, bei Mädchen, um ihre Hoffnung, ein Mann zu werden, festhalten zu können, bei Knaben, um ihre Sehnsucht nach voller Männlichkeit darzustellen. Reisst man einen Zahn, Milchzahn, aus, so wächst ein neuer, stärkerer. Das „Ausreissen des Zahnes“ im Traume steht demnach für den Wunsch, ein Mann zu werden.

Neurotische Männer wie Frauen sind voll des Gefühls der Verkürzung, und ihr ganzes Leben verläuft in der Suche nach einer [57] Erweiterung ihrer Einflusssphäre. Um dies anzustreben, ja nur um dazu Stellung nehmen zu können, bedarf es bei ihnen einer ständigen Unterhaltung ihrer Unzufriedenheit, so dass sie aus Rücksicht auf das gesetzte fiktive Leitziel aus jeder Situation durch Überlegung, Arrangement oder Willkürlichkeit Nahrung für ihre Unzufriedenheit und Beweise für ihre Zurückgesetztheit gewinnen wollen. Mit grosser Regelmässigkeit fand ich bei ihnen die gegensätzliche Apperzeptionsweise nach dem Schema: „Männlich-Weiblich“, mittelst derer sie alle ihre Erlebnisse suchten und klassifizierten. Überlagert ist dieses Schema, nachdem sie das Weltbild einfangen wollten, gewöhnlich durch ein gegensätzliches Bild des grossen und kleinen männlichen Genitales.

Es ist ein häufiger und charakteristischer Befund, dass sich an Körperstellen, die von Natur aus minderwertig sind, eine feinere Sensibilität entwickelt, deren Erregung zuweilen den Charakter des Lustvollen annimmt. Ich habe diese Erscheinung in der „Studie über Organminderwertigkeit“ (1907, Wien und Berlin) beschrieben und führe sie auf kompensatorische Einrichtungen zurück, die bei den Vorfahren des Individuums im Kampfe um ihre Erhaltung bei Gefährdung des betreffenden Organs oder Organteiles in Gang gekommen sind. Diese kompensatorischen, nunmehr höherwertigen Anteile eines minderwertigen Organs, — minderwertig, nachdem es in der Aszendenz zu Schaden gekommen war, — sind eigentlich Schutzvorrichtungen in gewissem Sinne, wenngleich sie sich häufig nicht bewähren. Da aber ihre Technik eine andere geworden ist, mit der annähernd normaler Organe nicht mehr gleichen Schritt hält, so werden auch die psychischen Erscheinungsweisen, die sich an dieses Organ knüpfen, auffällig und aus der Norm herausfallen. Es handelt sich um die gleiche, wenngleich minutiösere Variation auf der Grundlage der Minderwertigkeit, die ich in der Biologie zur Erklärung der Variation, der Verfeinerung und des Verfalls der Organe herangezogen habe.[21]

Auf diese Weise hat sich z. B. im Bereiche des Nahrungsorgans der geschmackempfindende Apparat als Sicherungsapparat herausgebildet, ebenso aber auch der lustempfindende Apparat, der nunmehr die Kontinuität der Ernährung und die richtige Auswahl der Speisen garantieren muss. Die Variation gegenüber der Ahnenreihe kommt durch „Kompensationstendenzen“ zustande, die im Keimstoff eingeleitet werden. „Die Konjunktur (im weiteren Sinne: das Milieu) beherrscht das Keimplasma“, und so erklärt sich die prompte einheitliche Reaktion, — Minderwertigkeit + kompensatorischer Sicherung — durch Veränderung der Lebensbedingungen im weitesten Sinne, das heisst: alle Lebewesen einer einheitlichen Spezies variieren bei der gleichen Änderung ihrer Lebensweise in gleicher Richtung. Für die menschliche Gesellschaft muss man den Gesichtspunkt festhalten, dass — mehr als im Tier- und Pflanzenreich — die Beanspruchungen an die Einzelindividuen quantitativ und qualitativ verschieden sind, so dass ihre Organminderwertigkeiten und deren kompensatorische Sicherungen innerhalb einer beträchtlichen Breite differieren. Und diese Variationen [58] wären noch auffälliger,[22] wenn sich nicht mit so starkem Übergewicht die menschliche Psyche als hauptsächlichstes Sicherungsorgan in den Kreis der Korrelationen und Kompensationen eingeschoben hätte. Nunmehr treten die massgeblichsten Sicherungstendenzen nicht mehr als Organvarietäten, sondern in erster Linie als psychische Eigenarten hervor. Immerhin bleibt ein genügend nachweisbarer Zusammenhang bestehen, und wir können aus Organvarietäten, Stigmen und Degenerationszeichen derselben auf vermehrte kompensatorische Einrichtungen des Gehirns und ausgebreitete Sicherungstendenzen in der Psyche schliessen. Ist doch das Wesen und die Tendenz aller psychischen Vorgänge von Versuchen des Vorbauens und von Vorbereitungen zur Mehrwertigkeit voll, so dass man sich der Anschauung nicht verschliessen kann, Seele, Geist, Vernunft, Verstand sind für uns Abstraktionen jener wirksamen Linien, auf denen der Mensch über seine Körperfühlsphäre hinausgreift, seine Grenzen erweitern will, um sich eines Stückes der Welt zu bemächtigen und sich vor drohenden Gefahren zu sichern. Die Mangelhaftigkeit der selbsttätigen Organe, hinauf gezaubert auf die sicheren Wege des Erkennens, Verstehens, Voraussehens!

Im Tierreich noch ersetzt zum Teil ein feingearbeiteter, technischer Apparat, was dem Menschen die Erkenntnis leistet. Die feine Witterung des Hundes wird überflüssig oder dienstbar gemacht; was an Giftpflanzen der Geschmacksapparat weidender Rinder vermeiden lässt, davor sichert den Menschen sein verstehendes Auge. Aber die gleiche Tendenz ist es und bleibt ewig bestehen, den Kampf der Vorfahren um die Erhaltung ihres Lebens durch feiner abgestufte, variierte Organe, sowie durch verfeinerte Kunstgriffe der Psyche zu erleichtern.

Und so ist es uns gestattet, derlei empfindlichere, periphere Apparate, ihre besondere Physiognomie und Mimik als Zeichen eines angegriffenen Organes, als verräterische Spuren einer überkommenen Organminderwertigkeit anzusehen. Dies gilt auch für die besondere Ausbildung der Geschmacksempfindung beim Menschen, für die grössere Reizempfindlichkeit der Lippen- und Mundschleimhaut, zu der sich meist eine grössere Ansprechbarkeit des Gaumens, des Schlundes, meist auch des Magens und des Verdauungstraktes gesellt. Physiognomisch stellt sich dies Bild des minderwertigen Mundes dar in der Form beweglicherer, feinerer, oft vergrösserter Lippen, meist leichter Deformationen der Lippen, der Zunge (lingua scrotalis Schmidt), des Gaumens, zu denen sich oft Degenerationszeichen an diesen Teilen, vergrösserte Tonsillen oder der ganze Status lymphaticus gesellen. Zuweilen freilich bleibt bei aller Minderwertigkeit eine Höherbildung im Sinne der Kompensationstendenz aus, und es fehlt selbst die Hyperästhesie. Recht häufig sind Reflexanomalien; gesteigerter Rachenreflex, aber auch Herabsetzung desselben gehören zu demselben Bilde. An Kinderfehlern beobachtet man: grössere Inanspruchnahme der Mundpartien, Berührungen [59] des Mundes, Daumenlutschen, Neigung alles in den Mund zu stecken, Erbrechen. Dabei meist gutes Gedeihen, sofern dies durch andere gleichzeitige Organminderwertigkeiten nicht gehindert wird.

Aber das Übel, die Entbehrung, Verwöhnung und die Schmerzen, die von der Wiege an den minderwertigen Ernährungstrakt begleiten, erwecken gleichzeitig ein Gefühl der Minderwertigkeit, Verkürztheit und Unsicherheit und drängen das konstitutionell disponierte Kind auf den Weg der Kunstgriffe. Das stärker und überstark ausgebaute, frühreife Persönlichkeitsideal schliesst auch fiktive Ziele überreicher Befriedigungen in sich, denen die Wirklichkeit nie gerecht werden kann. Die Aufmerksamkeit solcher Kinder ist nach Art einer Zwangsidee auf alle Ernährungsprobleme und deren Sublimierungen (Nietzsche) gerichtet. Die Entbehrung eines Leckerbissens löst bei ihnen ganz andere Affekte und Handlungen aus, als wir erwarten. Ihr Sinn geht nach der Küche, ihr Spiel und ihre infantile Berufswahl setzt sich aus ihren Bereitschaften für Nahrungserwerb in Phantasien fort, Koch oder Zuckerbäcker zu werden. Die Bedeutung des Geldes als Machtfaktor dämmert ihnen früher und ungeheuerlicher auf, ebenso der Sinn für Geiz und Sparsamkeit. Stereotypien und Pedanterien beim Essen finden sich oft, prinzipielle Massnahmen wie: das Beste zuerst, oder zuletzt zum Munde zuführen; die Ungeduldigen bevorzugen erstere Praktik, die Vorsichtigeren und Sparsamen letztere. Idiosynkrasien gegen Speisen, Nahrungsverweigerung, hastiges Schlingen werden oft als Trotzgeberde festgehalten und zeigen die Verwendung des Ernährungsproblems zur Aggression gegen die Eltern. — Abgesehen von organischen Erkrankungen des minderwertigen Ernährungsapparats im späteren Leben, von denen ich bei diesem Typus auf Ulcus ventriculi, Appendizitis, Karzinom, Diabetes, Leber- und Gallenerkrankungen aufmerksam gemacht habe, zeigt sich in der Neurose die stärkere Beteiligung, das Mitschwingen und die häufigere Verwendung funktioneller Störungen des Magendarmtraktes. Seine intimere Beziehung zur Psyche spiegelt sich in vielen neurotischen und psychotischen Symptomen wieder. Einem speziellen Kunstgriff dieser Art glaube ich auf der Spur zu sein, ohne eine abschliessende Anschauung vorlegen zu können. Eine Anzahl neurotischer Symptome wie Erythrophobie, neurotischer Obstipation und Kolik, Asthma, wahrscheinlich auch Schwindel, Erbrechen, Kopfschmerz, Migräne stehen in einem mir noch nicht ganz aufgeklärten Zusammenhang mit willkürlichem, aber unbewusstem Zusammenspiel von Anuskontraktion („Krampf“ der Autoren, „Spasmus des Sigma“? Holzknecht, Singer) und Aktionen der Bauchpresse, symbolische Akte, die unter der Herrschaft der verstärkten Fiktion zustande kommen.

Den Erwerbsinn dieses Typus, seine Gier nach Geld und Macht fand ich auffallend im Vordergrund und als wesentlichen Einschlag im Persönlichkeitsideal.


  1. Übersetzt von Dr. Max Kahane.
  2. S. die Publikationsstellen am Schlusse dieses Buches.
  3. S. auch Adler, Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie und Psychologie, Vortrag in der Philosophischen Gesellschaft a. d. Universität zu Wien 1908 und J. Reich, Kunst und Auge, Oesterreichische Rundschau 1908.
  4. Adler, Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. l. c.
  5. Adler, Trotz und Gehorsam.
  6. Siehe Furtmüller, Psychoanalyse und Ethik, München, E. Reinhardt 1912.
  7. Siehe Karl Groos, Die Spiele der Menschen, Die Spiele der Tiere.
  8. Adler, Trotz und Gehorsam l. c.
  9. Wie aus Karl Groos, Spiele der Tiere zu ersehen ist, ist auch das Verständnis der Tierseele darauf gegründet, dass wir es handeln sehen, als ob es einer fiktiven Richtungslinie folgen würde.
  10. Auf Bergson's fundamentale Lehren muss ich hier verweisen, ohne seine bedeutsamen Gesichtspunkte genügend einreihen zu können.
  11. S. den Traum des Hippias, Herodot VI. 107: „er glaubte bei seiner Mutter zu schlafen.“ Dies träumte er, als er vorhatte, seine Mutterstadt zu erobern, wie er es schon einmal als Begleiter seines Vaters miterlebt hatte. Also der „Ödipuskomplex“ als Symbol des Herschenwollens. — Auch bei den Römern findet sich „Beischlaf“ als Symbol einer Eroberung, eines Sieges. Vgl. den Doppelsinn von „subigere“.
  12. Von neueren Autoren, die diesem Gesichtspunkt Rechnung tragen, muss ich in erster Linie H. Silberer nennen.
  13. Für Psychologen von scharfer Witterung merke ich hier an, dass die Häufung von Vergleichen, die aus dem Militärleben genommen sind, von mir mit bewusster Absicht vorgenommen wurde. Bei der Heereserziehung ist Ausgangspunkt und fiktiver Zweck nur näher zusammengerückt, leichter zu überschauen, und jede Bewegung des übenden Soldaten wird zur Bereitschaft, um ein primäres Schwächegefühl in das Gefühl der Überlegenheit umzuwandeln.
  14. S. „Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose (l. c.).
  15. Über neurotische Disposition l. c.
  16. Fremdheitsgefühl und Gefühl der Vertrautheit in der Neurose sind analog den Spiegelungen der Warnung und des Zuspruchs einer inneren Stimme im Traum, in der Halluzination, in der Attitude und in der Psychose.
  17. R. M. Werner, Aus Hebbels Frühzeit, Österreichische Rundschau 1911.
  18. Psychischer Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose l. c. u. die folgenden Schriften.
  19. Schon G. Chr. Lichtenberg schreibt: „Wenn Leute ihre Träume anfrichtig erzählen wollten, da liesse sich der Charakter eher daraus erraten als aus dem Gesicht.“
  20. S. „Zur Lehre vom Widerstand“ l. c.
  21. So wird auch die Wertigkeit eines Organs im „Strome des Lebens“ zum Symbol, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und fiktives Endziel, — ganz wie im Charakter oder im nervösen Symptom, — abspiegeln. — Der Gedanke des „Symbolischen in der Gestalt“ ist nicht neu, er findet sich bei Porta, Gall und Carus.
  22. Die psychische Sicherung beim Menschen mit ihren Bereitschaften und Charakteren ähnelt so sehr den sichernden Variationen im Tierreich, dass die Phantasie der Kinder, der Nervösen, der Dichter, ja auch die Sprache oft diese Analogie benützt, um gleichnisweise eine psychische Geberde, eine Bereitschaft, einen Charakterzug durch das Sinnbild eines Tieres verständlich zu machen, in Wappen zum Beispiel, in dichterischen Gleichnissen, in Fabeln und Parabeln. S. auch Erckmann-Chatrian, Der berühmte Doktor Matthieu, Goethes Reinecke Fuchs, Gemälde und Karikaturen.
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