ADB:Stiglmayer, Johann Baptist

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Artikel „Stiglmayer, Johann Baptist“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 230–235, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stiglmayer,_Johann_Baptist&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 17:05 Uhr UTC)
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Stiglmayer: Johann Baptist St., Bildhauer, Medailleur und Erzgießer, geboren am 18. October 1791 zu Fürstenfeldbruck (Oberbaiern) als der Sohn eines Hufschmieds, zeichnete schon frühzeitig nach den Holzschnittbildern in Konrad Geßner’s Naturgeschichte, wovon ein Exemplar unter den wenigen Büchern des Vaters sich befand. Von seinen Eltern täglich in das (von Herzog Ludwig dem Strengen gestiftete) Kloster geschickt, um dort den Hausbedarf an Milch zu holen, wurde er mit dem Klosterverwalter Pfeifer bekannt, welcher gute Kupferstiche besaß und den Knaben mit den Elementen des Zeichnens bekannt machte. Um ein Handwerk zu lernen, kam St. dann nach München zu dem Silberarbeiter Streißl, einem tüchtigen Meister in getriebener Kirchenarbeit, wo er große Geschicklichkeit erlangte und den Unterricht in der Feiertagsschule mit solchem Eifer genoß, daß er daselbst den ersten Preis zu hundert Gulden errang. Dadurch erregte er die Aufmerksamkeit des Münzdirectors Leprieur, welcher das junge Talent anzueifern verstand und seine Aufnahme in die Akademie erwirkte, 1810. Neben dem Modelliren und der Bildhauerei versuchte sich St. auch im Graviren, wozu eine antike syrakusische Münze mit dem Bilde der Proserpina als Muster diente; auf die Rückseite setzte er die Figur eines bogenspannenden Mannes nach einer kretischen Münze. Die Arbeit erschien nebst einem nach der Natur vollendeten Basrelief und etlichen Zeichnungen nach Antiken schon 1814 auf der Münchener Kunstausstellung. St. modellirte jetzt in Wachs und Thon, insbesondere ein selbstcomponirtes Relief mit der Darstellung wie Moses aus dem Felsen eine Quelle schlägt. Das Werk kam 1817 auf die Münchener Kunstausstellung, dazu der „Abschied des Tobias“, die Statue einer „Clio“, eine weibliche Figur zu einem Grabmal, eine Porträtbüste des damaligen Hofcapelldirectors v. Streber und drei Medaillen (auf die Vermählung der Kaiserin Karoline, eine mit dem Bildniß des Grafen v. Preysing und des Akademiedirectors v. Langer). In rühmlicher Anerkennung erhielt St. durch König Maximilian (1818) eine Stelle als Münzgraveur und zugleich ein Reisestipendium nach Italien, mit dem besonderen Auftrage, sein Augenmerk auf die Broncesculptur zu richten. Dazu ergab sich erwünschte Gelegenheit, als gerade zu Neapel durch den Römer Francesco Righetti in der am Fuße des Vesuv gelegenen Villa San Chario die Vorbereitungen getroffen wurden zum Gusse des von Canova modellirten colossalen Pferdes für das nach Neapel bestimmte Standbild Karl’s III. (modellirt und gegossen von dessen Sohn und Gehülfen Luigi Righetti). Der Künstler nahm den wohlempfohlenen deutschen Collegen anfangs in zuvorkommender Weise auf, wurde aber bald, als er Stiglmayer’s besonderes Interesse bemerkte, rückhaltender und erschwerte ihm schließlich den Zutritt in seine Gußhütte. St. aber hatte doch schon Manches gesehen und [231] erbaute muthig in einem Kellergewölbe des Palazzo Caniati zu Neapel mit dem Bildhauer Beccali, welcher schon mehrere Gegenstände für den König Joachim gegossen hatte, einen Ofen, um Versuche nach der von Righetti beibehaltenen älteren Wachsmethode zu machen. Es gab aber von seiten des Hausbesitzers und der Polizei Schwierigkeiten, Untersuchungen und Klagen ob der drohenden Feuergefährlichkeit, bis der deutsche Künstler nicht bloß geschmolzenes Erz aus dem Ofen, sondern auch reines Gold aus seiner Hand fließen ließ. Zwar mißlangen die ersten Versuche, da aber St. den Fehler entdeckt hatte, wagte er sich abermals ans Werk und dieses Mal, am Weihnachtsabend 1820, glückte der Guß mit einer von dem Bildhauer Haller (1792-1826) modellirten kleinen Phidias-Statue, welche heute noch in der Erzgießerei zu München gezeigt wird. Die ganze Genesis dieses ersten Gusses nach Stiglmayer’s eigenem Tagebuch berichtete Ferdinand v. Miller in einem am 18. Februar 1869 gehaltenen Vortrage über die „Geschichte der Münchener Erzgießerei“ (vgl. Beil. 13 Augsburger Postzeitung vom 2. März 1869). Weitere Versuche, darunter eine Büste des Kronprinzen Ludwig (nach Thorwaldsen) hatten den gleich günstigen Erfolg. Außerdem besuchte St. die reichen Sammlungen zu Rom und Neapel, sammelte Skizzen und Studien, verlor aber eines seiner werthvollsten Notizenbücher in den Abruzzen durch eine Räuberbande, die ihn vollständig ausplünderte. – Nach vierjähriger Abwesenheit kehrte St. 1822 zurück und schnitt nun in München die Stempel sowol zu gewöhnlichen Münzen wie zu besonderen Medaillen, z. B. auf die Vermählung der Prinzeß Elisabeth Ludovike mit dem preußischen Kronprinzen (1823). Im J. 1824 ging St. nach Berlin, wo eben durch die aus Paris verschriebenen Erzgießer Lequin und Coué die Vorbereitungen zum Gusse des von Rauch modellirten colossalen „Blücher“ im Gange waren und sah hier die neuere französische Formenmethode, welche ihm der Broncegießereidirector Reisinger bereitwillig erklärte. Die erste Nutzanwendung davon machte St. bei einem Grabmal, das die Königin Karoline den von Spix und Martius nach München überbrachten brasilianischen Kindern „Isabella, vom Stamme der Maranhas und Johannes, vom Stamme der Juris“, welche in München 1822 ihr junges Leben beschlossen hatten, errichten ließ. Dasselbe befand sich bis 1892, im Auftrage der hohen Stifterin wohlgepflegt und alljährlich zu Aller-Heiligen mit Blumen geschmückt, in der Nähe des mittleren, vor dem Leichenhause gelegenen Brunnens. In die Steinwand des Denkmals ist eine Bronceplatte (48 cm Breite und 40 cm Höhe) eingelassen, worauf die beiden „Wilden“ in ganzer Figur und Porträtähnlichkeit, von St. modellirt und gegossen, dargestellt sind; diese für die Geschichte der Erzgießerei hochinteressante Platte wurde jetzt in das Museum der Stadt München versetzt. Für die Decken- und Gewölbeverzierungen der Glyptothek lieferte St. viele Reliefarbeiten, z. B. eine „Proserpina“ (nach Cornelius) für den „Göttersaal“ und die zwölf olympischen Götter für den „Römersaal“ (Förster, Cornelius 1874 I, 320). Auch eine Büste Königs Max I. goß St. noch kurz vor dessen Ableben. Darauf begann mit der Thronbesteigung König Ludwig’s I. eine ganz neue Aera für die Künste und somit auch für den Erzguß. Es wurde in der jetzt noch darnach benannten Straße, damals weit ab von der Stadt, mitten in den Neuhauser Feldern, ein Gußhaus gebaut und St. zum Inspector der Erzgießerei mit einer Besoldung angestellt, deren geringe Ziffer heute unser Erstaunen erregt. Dieselbe ging später auch auf Stiglmayer’s Neffen und Nachfolger, F. v. Miller, über und wurde schließlich aus kleinlicher Ersparung von einem Landtage sogar gestrichen und die Anstalt in Herrn v. Miller’s Privatbesitz übergeben, nachdem daraus eine fast unübersehbare Reihe von Werken hervorgegangen war, welche den Ruhm dieser Anstalt wirklich über die ganze gebildete Welt trugen. Diese Kunsttechnik war gleich der Glasmalerei seit dem Herzoge Wilhelm V. und dessen Sohne, dem Kurfürsten Maximilian durch mehr [232] als zwei Jahrhunderte völlig vergessen. Der erste Guß am 16. October 1826 bestand in einem 4 Meter hohen Candelaber auf der vom Grafen v. Schönborn in Gaibach errichteten Constitutionssäule. Als bedeutendste Leistung aber ergab sich die Errichtung des Obelisken am Karolinenplatz zu München. Schon 1813 und 1816 war die Idee aufgetaucht, den dreißigtausend Baiern, welche im „russischen Winter“ geblieben, ein Denkmal zu setzen. Das Project bestand in einer monolithen Säule, wozu das Fundament in der Ludwigsstraße herausgemauert wurde; doch verschob sich die Angelegenheit abermals, bis König Ludwig 1827 die Errichtung eines in Bronce zu gießenden Obelisken beschloß, wozu Leo v. Klenze die Zeichnungen lieferte. Der Guß der Spitze am 29. November 1829 mißlang, da man auf die Einziehung der Metallwände nicht gerechnet hatte, kam aber dann am 30. Januar 1830 glücklich zustande. Nun folgten in rascher Arbeit 14 weitere Theile; als am 12. April 1833 das Piedestal in der Gußgrube stand, gab es bei dem 15700 Pfund erheischenden Guß einen unerwarteten Rumor im Innern der Form, ohne daß das Werk zu Schaden kam. Dasselbe hatte im ganzen einen Metallaufwand von 61874 Pfund und einen Kostenbetrag von 50000 Gulden bei fünfjähriger Arbeitszeit erfordert (Nr. 12 Kunstblatt 1834); die Inauguration erfolgte am 18. October 1833. Während diesen großen Arbeiten fand der unermüdliche Mann noch Zeit für viele weitere Kunstleistungen. So goß St. nach eigenem Modell das Denkmal für König Max I. zu Kreuth, aufgestellt am 13. Juli 1828 (lithographirt von Heinzmann 1828; eine Abbildung und Beschreibung im Sulzbacher Kalender für 1853, S. 45 ff.), ebenso das lebensgroße Ebenbild der auf ihrem Sarkophage ruhenden, schönheitsberühmten Karoline v. Mannlich (in den Arkaden des südlichen Friedhofs); dann im Auftrage des Herrn v. Weichs das Ehrengedächtniß zu Sendling für die daselbst (1705) gefallenen Oberländer; das Denkmal bei Aibling, errichtet an der Stelle, wo die Königin Therese von ihrem nach Griechenland ziehenden Sohne, dem König Otto, Abschied nahm (enthüllt am 1. Juni 1835; vgl. Nr. 60 Kunstblatt 1835); ferner mehrere Büsten der Königin Therese, des Herzogs Maximilian in Baiern, des Grafen v. Törring-Jettenbach, des Weihbischofs v. Streber; eine Medaille auf Minister v. Zentner (Nagler, Monogrammisten, 1879, V, 70, Nr. 340). Dazu kamen die ehernen Thore für die Glyptothek und die Walhalla. Naturgemäß bot jedes neue Werk neue Probleme und brachte neue Erfahrungen; deshalb hatte auch jede Statue eine eigene, oft sehr merkwürdige Geschichte. Eine epochemachende Leistung war das nach Rauch’s Entwurf (von Sanguinetti u. A.) modellirte Denkmal für König Max I., welches die Bürger der Stadt München errichten ließen. Das gewaltige Unternehmen machte den Bau eines neuen Gußhauses mit einem neu construirten Ofen und einer tiefer liegenden Gießgrube nothwendig; trotz aller dabei aufgewendeten Umsicht und Sorgfalt mißlang doch der erste Guß am 9. August 1832. St. wollte die sitzende Figur des Königs mit dem reichen Thronmantel in einem Stücke gießen. Er hatte aber keine Ahnung von der furchtbaren Wucht der dazu nöthigen flüssigen Erzmasse, welche in unverhältnißmäßig kurzer Zeit in die wohlbereitete Form strömt. Als nun die etwa 150 Centner schwere Metallfluth einfloß, sprengte ihre Gewalt den sorgfältig gemauerten Boden der Gießgrube: die Fundamente wichen und das kochende Erz explodirte mit gewaltiger Detonation, zerriß die mühevoll bereitete Form, die Arbeit achtzehn Monate langen Fleißes (A. Lewald, Panorama von München, 1835, I, 230 ff.). Damit war aber auch das letzte Lehrgeld bezahlt. Mit unermüdlicher Ausdauer ging St., nachdem der Boden der Gießhütte für künftige Eventualitäten gewölbt worden, an die Herstellung der neuen Form und der neue Guß der Statue vollzog sich in glücklicher Weise, worauf auch das Piedestal [233] mit den Reliefs und den vier an den Ecken sitzenden, massiven Löwen (deren jeder 130 Centner Erz erforderte) folgte; J. B. Bückens ciselirte das Ganze, dessen Enthüllung am 15. October 1835 gefeiert wurde. Eine neue, gewaltige Aufgabe war der Guß jener für den Thronsaal bestimmten, von Schwanthaler modellirten, zwölf colossalen Statuen Wittelsbacher Fürsten, wozu St. einen treuen Gehülfen gewann an seinem Neffen Ferdinand Miller. Diesen (geboren am 18. October 1813 zu Fürstenfeldbruck) hatte St. rechtzeitig vom Uhrmachergewerbe weg auf die Akademie geschickt, dann in seine Werkstätte genommen, tüchtig geschult und nach Paris gesendet, wo derselbe frischweg wieder in die Blouse fuhr und in Sojer’s Atelier bei den Gußarbeiten für die Julius-Säule wacker mitarbeitete, dann aber im Etab1issement des innig befreundeten Meisters selbständig den Guß einer „Diana von Gabä“ vollzog. Weil damals schon bei König Ludwig I. der Entschluß feststand, diese Fürstenbilder nicht allein in Erz gießen, sondern auch im Feuer vergolden zu lassen, erhielt Miller die Weisung, sich auch in dieser Technik zu unterrichten. Miller sammelte während einer dreimonatlichen Beschäftigung als Arbeiter in einem einschlägigen Geschäfte alle nöthigen Erfahrungen, um nicht nur eine schöne Metallfärbung zu erzielen, sondern auch die Mattirung in der Hand zu haben und lieferte dann mit dem Guß und der Vergoldung einer Statuette des Kurfürsten Max I. (nach Schwanthaler) einen vielversprechenden Beweis seiner Fertigkeit und Sicherheit. Aber auch in Paris hatte man bisher nur kleinere Gegenstände gegossen; als nun Miller davon sprach, daß es sich um Vergoldung von drei Meter hohen Statuen handle, bezeichnete sein Principal ein solches Unternehmen für geradezu unmöglich und im höchsten Grade für lebensgefährlich; eine derartige Arbeit könne man nur durch Züchtlinge wagen. Auch Manfredini in Mailand erklärte auf eine Anfrage des Königs, er setze seinen Kopf zum Pfande, daß jede Statue zum mindesten zweien Arbeitern das Leben koste. Dadurch ließen sich jedoch St. und Miller nicht abschrecken, sondern construirten in einem eigenen Bau einen sinnreichst ausgedachten Vergolderheerd, der alle Befürchtungen gründlich widerlegte. Die beim Abdampfen des Quecksilber-Amalgam gefährliche Operation wurde auf einem durch Glasfenster völlig abgeschlossenen Heerd vorgenommen, wobei die Arbeiter nicht allein durch eine sorgfältig berechnete Ventilation, sondern auch durch Glasmasken und nasse Schwämme, welche sie unter denselben vor den Mund hielten, hinreichend geschützt waren, während die zu vergoldenden, oft sehr ansehnlichen Theile ganz beliebig gedreht und durch einen Schienenweg augenblicklich und leicht in den Ofen zurückgebracht werden konnten (vgl. die Abbildungen in Nr. 102 und 104 der Illustr. Ztg., IV. Bd. S. 413). So erlebten der Meister und sein Neffe einen hohen Triumph. Nicht ein einziges Opfer kostete die Arbeit und kein Geselle erkrankte. Deshalb ließ denn auch König Ludwig, so oft wieder eine der zwölf Statuen vergoldet war, an Manfredini melden, er werde nun wieder um einen Kopf kürzer gemacht. – Zwischen die Reihe dieser Fürstenbilder drängten sich aber immer wieder neue, ebenso interessante Aufträge, welche den ganzen Scharfsinn des Künstlers herausforderten. So kam im August 1836 Thorwaldsen’s Reiterstatue des Kurfürsten Max I., welche verhältnißmäßig rasch vollendet und am 12. October 1839 enthüllt wurde (Nr. 89 Kunstblatt 1839 und Abbildung in Nr. 13 ebendas. 1840); im Leib des Pferdes hatten, nachdem der Kern herausgeschlagen war, 19 Arbeiter Platz gefunden, welche zur Ueberraschung der zufällig in der Gußhütte Anwesenden anfangs schnell, dann immer langsamer dem Sitze des Reiters entstiegen! Neben solchen Leistungen entstanden die Schiller-Statue für Stuttgart (1837–39), wobei sowol Thorwaldsen wie St. auf Honorar verzichteten; das Denkmal für den Markgrafen Friedrich von Brandenburg in Erlangen; eine Büste F. v. Schill’s [234] für Braunschweig (beide im Auftrag König Ludwig’s I.), dann ein Crucifix (nach Schwanthaler) für Bamberg, ein großer Schwan (in Zinkguß) für Hohenschwangau. Unausgesetzt aber ging die Arbeit an den Statuen für den Thronsaal weiter, welche auch in kleinem Maßstabe copirt wurden, ebenso wie die 24 Malerstatuen auf der Pinakothek für den russischen Kaiser. Dazu waren die Vorarbeiten zum Koloß der Bavaria (wozu 17 Flöße den nöthigen Thon aus dem baierischen Oberlande brachten) vollauf im Gange. Auch entstanden die Bilder der Götter und Nornen für die Walhalla (1840), das Mozart-Standbild (wofür Schwanthaler und St. das Ehrenbürgerrecht der Stadt Salzburg erhielten) und jenes Jean Paul Richter’s für Baireuth (gegossen am 8. April 1841; vgl. Nr. 37 Kunstblatt 1842), die Kandelaber für den Thronsaal der Residenz, die colossalen Statuen der Großherzoge Ludwig von Hessen und Ludwig von Baden u. s. w. Besonderes Augenmerk verwendete St. auch auf die damals auftauchende Galvanoplastik; Ferdinand Miller ging deshalb nach Paris und veranstaltete nach seiner Rückkehr sehr glückliche Versuche mit einer kleinen Reiterstatue nach Thorwaldsen und dem von Schwanthaler nach Hesiod componirten „Schilde des Herakles“; man kam aber bald zur Einsicht, daß von dieser Technik kein Surrogat für den Erzguß zu erwarten sei. – Im J. 1842 zeigten sich die ersten, gefahrdrohenden Vorboten von Stiglmayer’s Krankheit. Man munkelte natürlich alsbald von einer Vergiftung infolge der Vergoldungen. König Ludwig sendete dem kranken Künstler seinen eigenen Leibarzt, Dr. v. Breslau, welcher die Krankheit als unheilbaren Magenkrebs diagnosirte. Es gelang den Mitteln der Kunst eine kurze Frist dem verzehrenden Uebel abzudingen; doch zu eigentlicher frischer Thätigkeit kam St. nicht mehr. Er benutzte diese Zeit um seinen Neffen Ferdinand Miller, welcher im Namen und unter der Obhut des Oheims schon seit zwei Jahren die Arbeiten in der Gießerei vollständig leitete, als seinen ebenmäßigen Stellvertreter heranzubilden. Die Statuen von Tilly und Wrede für die Münchener Feldherrenhalle waren in Arbeit, die Standbilder des Königs Ferdinand von Neapel und Bolivar’s für Bolivia (beide nach Tenerani’s Modellen) schritten vorwärts, auch das Haupt der riesigen Bavaria war gegossen, und der Guß für das Frankfurter Goethe-Denkmal auf den 2. März 1844 festgestellt. Aber St. lag todkrank darnieder und erhielt nur stündlich vom weiteren Gange der Arbeit neuen Bericht. Endlich stieß Miller „in Gottes Namen“ den Zapfen hinein, das Erz verlief sich in die angewiesenen Gänge; der Guß war vollständig gelungen. (Das 50 Centner schwere Material dazu ergaben türkische Kanonen aus der Seeschlacht von Navarin. Vgl. Nr. 43 Kunstblatt vom 29. Mai 1845, mit einer Abbildung in Steingravüre von Herwegen.) Die Freudennachricht verklärte die letzten Stunden des Meisters, welcher noch am Abend des 2. März 1844 ruhig von seinem Tagewerk scheiden konnte, da er seine Schöpfung getrost in den besten Händen wußte. (Vgl. den Bericht über den Guß des Goethe-Denkmals und Stiglmayer’s Ableben in der Münchener Polit. Ztg. und in Nr. 67 Allgem. Ztg. vom 7. März 1844.) St. wurde in der von ihm schon seit geraumer Zeit bereiteten und mit dem von ihm selbst gemeiselten Relief einer Madonna geschmückten Grabstätte im benachbarten (neuestens der Stadt einverleibten) Neuhausen zur letzten Rast gelegt. Er zählte zu jenen seltenen Menschen, welche die fernsten Gegensätze ohne Härte, ohne den mindesten Nachtheil ihres Charakters zu verbinden wissen. „Von niederer Herkunft, war er doch ein Mann der feinsten Bildung, die ihn den höchsten und geistig ausgezeichnetsten Persönlichkeiten gegenüber sich frei, leicht, anmuthig bewegen ließ; mit seinen Leuten den altbaierischen Dialekt redend, sprach er gegen Andere das gewählteste Hochdeutsch, und mit gleicher Gewandtheit das Italienische und Französische, unterstützt durch eine äußerst [235] wohlthuende, reine Sprachstimme. Ernst, fest, entschlossen und entschieden in allen Anordnungen bei seinem Beruf, war er doch in jedem Worte, das er zu seinen Untergebeuen sprach, die Milde selbst. Endlos beschäftigt, fand er immer Zeit zu Gefälligkeiten gegen Andere; gesucht von Allen, war er durchaus bescheiden, uneigennützig und freigebig und ohne eine entschiedene Abneigung gegen irgend Einen, war er doch von dem Gefühl der Freundschaft tief durchdrungen und trug ein volles, warmes Herz für Alle, die er liebte. Eine beglückende Harmonie verband sein Denken, Empfinden und Thun, eine liebliche Heiterkeit sprach aus jedem Wort und Blick“ (Nr. 49 Illustr. Ztg. 1844 S. 364). Ebenso schön schildert seinen Charakter auch der Nekrolog in der Allgem. Ztg.: „Hervorgegangen aus der gesunden Wurzel des baierischen Volksstammes, hatte er sich, eingetreten in die Kreise der höheren Bildung, die ganze Fülle natürlicher Empfindung, rückhaltloser Offenheit, unverbrüchlicher Rechtschaffenheit und Treue bewahrt. Ernst und streng in der Ausübung seiner Pflichten, mild und freundlich in Wort und Benehmen gegen Jeden, gleich freudefähig wie freudegebend, Herz und Gedanken in übereinstimmender Bewegung, Künstler und Mensch aus einem Guß, rief er unwillkürlich bei Allen, die ihm nahe kamen und nahe standen, einen unermüdlichen Wetteifer von Liebe und Achtung hervor. Niemand konnte ihn kennen, ohne ihm anzugehören.“ – St. hatte sich 1825 mit einer Nichte des Weihbischofs v. Streber vermählt; sein einziger Sohn, Heinrich St., welcher bei dem Tode des Vaters noch das Gymnasium frequentirte, widmete sich der Landwirthschaft, kaufte die Insel im Staffelsee, machte unglückliche Versuche in der Oekonomie, und starb am 21. April 1886. – Zum bleibenden Andenken des hochverdienten Mannes erhielt der „Stiglmayer-Platz“ (an der Kreuzung der Dachauer- und Briennerstraße), nahe der Stätte seines Wirkens, den Namen. Eine von Joh. Bapt. St. modellirte Madonnen-Statue stiftete sein dankbarer Neffe und Nachfolger, Ferdinand v. Miller, auf einen Seitenaltar der Ludwigskirche (Stahlstich von Ad. Schleich); der besondere Anlaß zu dieser Stiftung ist in Nr. 44 Ueber Land und Meer 1876 S. 874 in der Biographie F. v. Miller’s berichtet.

Vgl. Raczynski, 1840, II, 507 und die Nekrologe in Beil. 68 Allgem. Ztg. vom 7. März 1844, Nr. 95 Kunstblatt 1844 S. 394 ff., Illustr. Ztg. Leipz. 1. Juni 1844 S. 363 ff. (mit Porträt), Kunstvereins-Bericht für 1844 S. 55 – Vincenz Müller, Universal-Handbuch von München, 1845, S. 189 ff. – Nagler, 1847, XVII, 354 ff. – F. v. Miller, Gesch. der Münchener Erzgießerei (Vortrag, München 1869), woselbst die frühere und neuere Manipulation beim Erzguß geschildert wird (vgl. dazu Söltl in Frhr. v. Zu Rhein „Deut. Blätter“, 1840, S. 325–32 und in dessen „Bildende Kunst“ 1842). – Stumpf, Denkwürdige Bayern, 1865, S. 459 ff.