BLKÖ:Haydn, Johann Michael

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 8 (1862), ab Seite: 141. (Quelle)
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Haydn, Johann Michael[BN 1] (Tonkünstler und erzbischöflicher Orchesterdirector zu Salzburg, geb. zu Rohrau in Niederösterreich an der ungarischen Grenze 14. September 1737, gest. zu Salzburg 10. August 1806). Bruder des Vorigen. Ueber seine Eltern ist schon in dessen Biographie Näheres berichtet worden. Gleich seinem Bruder empfing auch er von seinem Vater die erste Ausbildung des Talentes, in dem er später so Großes zu leisten berufen war, und kam gleich seinem Bruder in das Capellhaus zu St. Stephan in Wien, das unter Reuter’s Direction stand. Als Sängerknabe zeichnete sich Johann Michael, oder wie er gemeiniglich genannt wird, Michael, durch seine reine Sopranstimme und den besonders weiten Umfang derselben (vom einfachen bis zum dreimal gestrichenen f) aus. Durch seinen Gesang erregte er einmal (14. November 1748) die Aufmerksamkeit der Kaiserin Maria Theresia [142] und ihres erlauchten Gemals. Die Kaiserin beschenkte den jugendlichen Sänger mit 12, nach Anderen mit 24 Ducaten und gestattete ihm, sich außerdem eine Gnade zu erbitten; Michael erbat sich die folgende: die Hälfte des so eben erhaltenen Geschenkes seinem armen Vater schicken zu dürfen. Es wird dieses Moment aus dem Leben Michael’s deßhalb hier angeführt, weil diese Kindlichkeit und dieses Mitgefühl durch’s ganze Leben einen Grundzug seines Charakters bilden. Schon als Sängerknabe componirte er und errichtete unter seinen Collegen eine kleine musikalische Genossenschaft, deren Vorsitz er führte und strenge alle Plagiate überwachte. In diesem letzteren Geschäfte zeigte er sich als geübter Kenner, denn sobald er ein Plagiat auffand, spielte er das Thema, aus dem jenes Plagiat stammte, sogleich auf dem Clavier. In diesem Verschmähen fremder Kunst und Kraft zeigte sich früh das Bewußtsein des eigenen Genius, der wirklich nicht der Stelzen bedurfte, um sich darauf über Andere zu erheben. Wie wenig erfolgreich die Lehrjahre Haydn’s unter Reuter’s Leitung gewesen, wurde schon in der Lebensskizze Joseph’s bemerkt, und für Michael hatte Reuter keine Ausnahme gemacht. Was Michael erlernte, hatte er vornehmlich seinem Talente und seinem Fleiße zu verdanken; er spielte die Orgel mit solcher Fertigkeit, daß er öfter für den Organisten bei St. Stephan eintrat, und da es sich bald ergab, daß er in seinem Spiele von keinem Anderen übertroffen wurde, entstand ein edler Wetteifer unter den Knaben, wobei Michael stets den Sieg davon trug. In seinem Drange nach höherer Ausbildung wußte er sich die besten Muster zu verschaffen, und die Werke eines Bach, Händel, Graun, Hasse waren es, welche seinen künstlerischen Geschmack läuterten und ihn das Wesen der Kunst in seiner ganzen Tiefe, so weit es der menschliche Geist vermag, erkennen ließen. So wurde er nach und nach ein trefflicher Orgelspieler, der auch die Violine mit Gewandtheit strich und dem die Behandlung anderer Instrumente nicht fremd war. Dabei vernachlässigte er aber die übrigen Fächer nicht und eignete sich – im Gegensatze zu unseren heutigen Musikern, die zum großen Theile über ihr Instrument hinaus wenig Bescheid wissen – eine gediegene, ja classische Bildung an. Die Lateiner waren ihm nicht fremd und er erquickte sich an ihnen, so lange er lebte, und unter den deutschen Autoren zog ihn damals Wieland am meisten an. Dabei war er eine so durch und durch rhythmische[WS 1] Natur, daß es ihm schlechterdings nicht behagte, mißlungene Texte in Musik zu setzen; daher es wohl kommen mag, daß er mit besonderer Vorliebe Kirchenstücke componirte, und indem Kenner seiner Werke sein Talent jenem seines Bruders nicht nachsetzen lassen, so bezweifeln sie doch, ob er eine „Schöpfung“ oder die „Jahreszeiten“ hätte zu componiren vermocht, aber nicht etwa aus musikalischer Schwache, sondern weil ihm die mit Recht viel getadelten Texte jener Oratorien (beide von van Swieten) nicht in jene Stimmung hätten versetzen können, die ihm sein musikalischer Genius in wortlosen Phantasien nur zu gerne gewährte. Sein Bruder Joseph selbst empfand nicht geringe Pein bei der Composition jener Texte und beklagte sich sehr ernst darüber [vergl. Dies, S. 158 u. f. u. 180 u. f., und Griesinger, S. 69]. Auch trieb Michael mit großer Vorliebe Geschichte und Erdbeschreibung und erstere war im vorgerückten Alter seine Lieblingslectüre. Als H., weil er als Sängerknabe [143] nicht mehr fungiren konnte, das Capellhaus von St. Stephan verließ, that er es mit wortreichen Versprechungen Reuter’s, für sein weiteres Fortkommen besorgt sein zu wollen. Reuter kam aber über die Worte nie hinaus, und um dieses gewissenlose Verhalten des Meisters gehörig zu würdigen, sei bemerkt, daß das Capitel zu St. Stephan für den Unterhalt und Unterricht eines jeden Chorknaben dem Capellmeister jährlich 700 fl. bezahlte und dieser für 6 Chorknaben die ansehnliche Summe von 4200 fl. jährlich bezog [vergl. Dies, Biograph. Nachrichten von Joseph Haydn, S. 22], eine Summe, die ihm doch wohl die Verpflichtung auferlegte, für die weitere Unterkunft der Knaben, zu deren Ausbildung er eigentlich nichts, aber Alles die eigenen Talente thaten, wenigstens für die erste Unterbringung nach ihrem Austritte aus dem Capellhause besorgt zu sein. Als Michael austrat, war er sich selbst überlassen und lebte vom Unterrichtertheilen, bis er, erst 20 Jahre alt, eine Stelle als Capellmeister des Bischofs in Großwardein erhielt, wo ein kleiner Gehalt kaum für seine bescheidenen Lebensbedürfnisse ausreichte, hingegen seine Compositionen sich bald großen Beifalles erfreuten. Fünf Jahre wirkte er auf diesem Posten, als er 1762 einem Rufe nach Salzburg als erzbischöflicher Orchesterdirector folgte. In dieser Stellung hatte er 300 fl. Gehalt und freien Tisch; später erhielt er vom Staate den Titel Concertmeister und Domorganist und 400 fl. Gehalt, welcher bei dem Regierungsantritte des Churfürsten und Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich auf 600 fl. erhöht wurde. Mit dieser Summe hatte H. den Culminationspunct in seiner pecuniären Stellung erreicht, und in seiner Liebe zu dem ihm eine zweite Heimat gewordenen Salzburg lehnte er alle Anerbieten ab, die seine Stellung verbessert hätten. So hatte sein Bruder Joseph in allem Ernste die Absicht, ihm die Capellmeisterstelle bei dem Fürsten Eßterházy zu verschaffen; Michael schlug sie aus, und ohne die Emolumente hätte der Gehalt allein mehr als das Doppelte dessen, was er in Salzburg bezog, ausgemacht. Ebenso vereitelte er die Bestrebungen seiner Wiener Freunde, welche, als Michael im Jahre 1801 sich nach Wien begab, um der Kaiserin die von ihr bestellte Messe persönlich zu überreichen und bei der Aufführung zu dirigiren, die Absicht hatten, alljährlich eine Summe zusammenzuschießen, um ihn in Wien zu behalten. Der Gedanke an eine Trennung von Salzburg erfüllte ihn stets mit Wehmuth, insbesondere knüpfte ihn ein inniges Freundschaftsband an den Pfarrer von Armsdorf, Werigand Rettensteiner, der aber später (Nov. 1803) nach Seewalchen in Oberösterreich, zu Michael’s tiefem Leidwesen, versetzt wurde. Immerhin aber ist es nicht ganz erklärt, wie es kam, daß Michael, dessen Ruhm sich außen täglich mehrte, dessen Name in fernen Landen gefeiert wurde, im Heimatlande so wenig berücksichtigt wurde, daß nichts für die Verbesserung seiner Lage geschah. Jedoch er selbst war zufrieden und gefiel sich in seinen beschränkten Verhältnissen, die mitunter selbst drückend wurden. So z. B. erhielt er einmal Befehl, Duetten für Violine und Alt zu schreiben. Krankheit hinderte ihn, den Auftrag auszuführen; da ward er mit Einziehung seiner Besoldung bedroht; Mozart, der ihn täglich besuchte, vollendete die verlangten Duetten in wenigen Tagen und reichte sie unter M. Haydn’s Namen ein; wahrhaft ein Zug eines Mozart um einen Haydn würdig. Sein kleines Einkommen vermehrte H. [144] durch Unterrichtgeben im Generalbaß und durch Orgelspiel in der h. Dreifaltigkeitskirche. Seine Kunst aber, die herrliche ihn umgebende Natur und sein Freund in Armsdorf, der, ein gefälliger Dichter, ihm manchen Text für seine Compositionen schrieb oder Auszüge aus guten Dichtern für seine Zwecke bearbeitete, waren die heilige Drei, die ihm das Dasein verschönerten und ihn glücklich machten. Im Jahre 1801 erfuhr H. das Unglück, beim Eindringen des Feindes in Salzburg von französischen Huszaren, die ihm das Seitengewehr an die Brust setzten, geplündert zu werden; seine beste Habe, die wenigen Kostbarkeiten, die er besaß, und seinen voraus empfangenen dreimonatlichen Gehalt nahmen sie ihm. Deutsche Freunde ersetzten ihm dann zum großen Theile feinen Verlust, auch sein Bruder Joseph, der ihm öfter namhafte Beträge zukommen ließ, ihn auch im Testamente zum Universalerben seines Vermögens eingesetzt hatte, vergütete ihm einen Theil seines Schadens und beschenkte ihn für die geraubte silberne Sackuhr mit einer goldenen. Die fernere Absicht Joseph’s, seinen Bruder zum Universalerben zu machen, vereitelte aber dessen 3 Jahre früher eingetretener Tod; denn Michael starb schon 1806 im Alter von 69 Jahren. Michael war verheirathet und zwar mit der Tochter des Salzburger Domcapellmeisters Lipp, welche eine treffliche Sängerin war und später die Stelle einer Hofsängerin erhalten hatte. Aus dieser Ehe wurde ihm eine Tochter geboren, welche aber schon im Alter von 3 Jahren starb. Der Tod dieses Kindes, das Michael innig liebte, ließ nachhaltige Verstimmung in Michael’s Herzen zurück. „Seine Ehe“, schreibt Fröhlich in „Ersch und Gruber“ ohne Angabe der Quellen (Sect. II, Bd. III, S. 257), „war sonst nicht glücklich“, was zu Pillwein’s (Lexikon salzburgischer Künstler, S. 93) Mittheilung, als er von den „an seine von ihm vorzüglich geschätzte Gattin“ gerichteten Liedern spricht, nicht paßt und auch sonst nicht Bestätigung findet. Die Witwe erhielt für das von Michael an den kais. Hof geschickte Requiem ein Honorar von 600 fl., und als sie die Partituren ihres Mannes an den Fürsten Nikolaus Eßterházy gesendet, setzte ihr dieser Mäcen eine lebenslängliche Pension aus. Die Leiche H.’s wurde feierlich bestattet und bei der Leichenfeier das von ihm componirte „Miserere“ gesungen. In seinem Nachlasse fand sich eine große Menge Compositionen und Partituren [siehe unten: I. Michael Haydn’s Compositionen], sämmtlich von ihm schön, richtig, deutlich, fast ohne Correctur und Radirung geschrieben; außerdem 20jährige durch verschiedene Zeichen ausgedrückte Wetterbeobachtungen, welche er regelmäßig des Tages dreimal aufzeichnete. Von seinen Schülern nennen wir die bedeutenderen: Schinn, Grätz, Ett und Karl Maria von Weber. Auch erfand H. mittelst einer Art unharmonischer Leiter eine geheime Schreibart in Noten, mit welcher er selbst mit seinem vertrauten Freunde Hacker, der den Schlüssel dazu mittheilte, Briefe wechselte. Für den Fall, als solche Briefe irgendwo gefunden würden, theilen wir den Schlüssel hier mit:

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Viele Jahre nach seinem Tode gab P. Martin Bischofreiter, Benedictiner im Ordensstifte zu St. Peter in Salzburg, wo sich eine vollständige Sammlung der Compositionen Michael H.’s befinden soll, folgendes Werk: „Michael Haydn’s Partitur-Fundament“ (Salzburg 1833, Oberer’sche lithogr. Anstalt, kl. Qu. Fol., 2 Bl. Tit., Vorw., Regeln und 74 Seiten Partimenti und 1 Blatt Anmerkungen) heraus. Die auf dem Titelblatte befindliche Vignette stellt Michael H.’s Denkmal in der Kirche zu St. Peter in Salzburg vor. Auch befand sich zur Zeit seines Todes im Besitze eines seiner Salzburger Freunde eine Original-Handschrift Haydn’s, enthaltend das ganze Antiphonarium mit unterlegtem bezifferten Grundbasse in 196 klein geschriebenen Seiten, welches am 27. Mai 1792 vollendet war, von Kennern als gute Uebung im bezifferten Grundbasse und als einer der größten musikalischen Schätze bezeichnet wird.

I. Michael Haydn’s Compositionen. Nur ein ganz kleiner Theil derselben erschien im Drucke. Vortheilhafte Anträge – es ist eine Correspondenz zwischen Michael H. und den Verlegern Breitkopf und Härtel in Leipzig vorhanden, die dieß bestätigt – schlug er in seiner Apathie gegen alle Vergoldung und Versilberung seiner Production beharrlich aus. Desto mehr calculirten gewinnsüchtige Copisten darauf; sie versendeten die Abschriften seiner Meisterwerke weit und breit herum, und ein Biograph Haydn’s schreibt sogar: „So kann man wirklich einen Catalog von Johann Michael Haydn’s Werken im Original aufweisen, womit ein gewisser feiler Speculant zum sichtlichen Schaden des rechtmäßigen Eigenthümers in die nahen und fernen Gegenden handelte“. Von Michael Haydn’s Werken sind bekannt (die im Drucke erschienenen sind mit einem Stern (*) bezeichnet): *„Vier deutsche Choralvespern über die bekanntesten Vollkommenheiten Gottes, welche bei dem öffentlichen Gottesdienste anstatt der lateinischen Vesper, und zwar nach eben denselben Tönen, in welchen die Psalmen darin angestimmt werden, abgesungen werden können. Herausgegeben von J. B. Depisch. In Musik gesetzt von u. s. w.“ (Salzburg 1795, 9 Bogen in Fol.). Dieses Werk enthält 12 Psalmen oder Wechselgesänge und ein Magnificat für zwei Singstimmen, welche aber einander nur wiederholen, nie zusammentreffen, den Generalbaß für die Orgel, und noch zwei Horn- und Trompetenstimmen. H. hat zu diesen alten, größtentheils litaneimäßigen Melodien nur einen neuen Generalbaß gesetzt; da es aber nicht leicht ist, zu solchen von Melodie entblößten, auf einem Tone fortgehenden Gesängen abwechselnde Harmonien mit Geschmack und in entsprechender Weise zu setzen, so wird diese Arbeit immer als Muster in ihrer Art angesehen, und für jene, welche Harmonie studiren, eine Vergleichung dieses Werkes mit Bach’s Litaneien eine gute Studie sein. – *„Deutsches vollständiges Hochamt mit vier Singstimmen, zwei Hymnen und Orgel“ (2. Aufl. Salzburg 1797, Fol.). – *„VI Sonaten für Geige und Bratsche“. 2 Lieferungen (Augsburg 1794, Gambart). – *„Lateinische Messe für vier Singstimmen, zwei Violinen, Bratsche, Baß, zwei Hörner und Pauken“ (ebenda), wird als H. Lieblingsmesse bezeichnet. – *„Ouverture à 2 V., 2 Ob. 2 Fag. Fl.“ etc. (gr. Fol., 1797). – *„Ouvert. arrangée p. le Clav.“ (gr. Fol., 1797) wahrscheinlich die vorige. – *„XII Menuetten für große Orchester“ (Augsburg 1795, 41/2 Bogen). – *„III. Simf. aus D-moll[WS 2] à 13 und aus C à 14, Op. 1““ (Wien, Artaria, 1793). – *„Karl der Held“, ein Gesang zu vier Männerstimmen ohne Begleitung (Salzburg 1800). – *„Willkommen im Grünen“, ein Gesang zu vier Männerstimmen ohne Begleitung, Nr. 2 (ebd. 1800). – *„VI deutsche Canons zu vier und fünf Stimmen ohne Begleitung“. 1. Heft (ebd. 1800). – „III Simf. à gr. Orch., darunter die Schlittenfahrt“ (Mspt.). – „VIII Quint. à 2 V., 2 A., et [146] Vc. Darunter Nr. 4 mit einem Horne; Nr. 6 à V. Ob. Fag. Viola et Vc., und Nr. 8 à V. Clar. Corno 2do, Fag. et A.“ (Mspt.). – „III Quart. à 2 V. A. et Vc.“ (Mspt.). – „Trio à V. A.“ (Mspt.). – „VI Sonat. à V. et A.“ (Mspt.). – „Requiem, in Es. à 4 Voci, 2 V. 2 Tromb. e Organo“ (Mspt.) – „Offertorium de S. Trinit. à 4 Voci, 2 V. Viola, 2 Clar. Tymp. e Organo“ (Mspt.). – „Neue Messe, für die Kaiserin geschrieben und zu Laxenburg am 4. October 1801 zum ersten Male aufgeführt“. – *„Suite von Violinquintetten (Wien 1803, Industr. Compt.). – „III Violinquartetten“ (ebd. 1802). – „Romance und Adagio für Hörner“, 2 V. Br. und B., Op. 2. – „Missa à cori“, genannt die spanische Messe, weil er sie für den König von Spanien geschrieben hat. Die Partitur davon besaß Herr Kühnel (Mspt.). – „Missa in C“. – „Motetto in G“, beide Nummern besaß Kühnel (Mspt.). – „Motetto à Alto solo“ (Mspt.). – „Due Litanie del Venerabile Sacramento. Nr. 1. 2.“ (Mspt.). – „Offertorium, à B. conc. et 4 Voci“ (Mspt.). – „Cantata: Quae moesta terra“ (Mspt.). – „Missa pro defunctis, in C min.“ (Mspt.). – „Offertorium: Tres sunt etc.“ (Mspt.). – „L’Endimione“ (Mspt.) – „Requiem, in B-Partitur“ (gestochen, bei Kühnel). – Als in seinem Nachlasse befindlich, der später von der Witwe dem Fürsten Nikolaus Eßterházy übergeben worden, verzeichnet die von des verklärten Tonkünstlers Freunden herausgegebene „Biographische Skizze“ (Salzburg 1808, Mayr’sche Buchhandlung, 8°.) S. 60, noch folgende Werke: A. Kirchenmusik, mit lateinischen Worten. 20 Messen nebst einigen Gloria und Credo; 16 Offertoria; 114 Gradualien. Ueber die Entstehung dieser Kirchentonstücke ist Einiges zu bemerken: Erzbischof Hieronymus (Graf Colloredo), durch die kirchlichen Reformationen in Salzburg unvergeßlich, ertheilte H. den Auftrag, an die Stelle der Symphonien, welche während des Hochamtes zwischen der Epistel und dem Evangelium in wenig erbaulicher Weise und den andächtigen Beter störend vorgetragen zu werden pflegen, entsprechende Tonstücke einzuschalten. Haydn nahm nun den Text aus dem Graduale im römischen Missale, d. i. nämlich das Halleluja und die Responsorien, welche der Priester nach der Verlesung der Epistel und vor der des Evangeliums mit dem unter ihm stehenden Chore wechselweis singt, und bearbeitete ihn für die gewöhnlichen vier Singstimmen, zwei Violinen (hie und da auch mit Blasinstrumenten) und die Orgel; so entstand das erste Graduale am 24. December 1783, welchem eine Menge anderer in ununterbrochener Reihe folgte, so daß sich in seinem Nachlasse die obige Zahl von 114 für alle Sonn- und Festtage vorfanden; 9 Litanie; 5 Te Deum; 3 ganze Vespern und 1 Dixit insbesondere; 4 Tantum ergo; 5 Responsoria; 2 Completoria: 2 Tenebre, mit 4 Singstimmen und Orgel; 2 Stella coeli, auch für 4 Singstimmen und Orgel; 2 Regina coeli, mit Instrumentalbegleitung; 1 Alma; 1 Ave Regina, und 1 Salve Regina, alle 3 mit Instrumentalbegleitung. B. Kirchenmusik, mit deutschen Worten. 4 Messen, 1 Arie, 1 Litanei, 1 Te Deum, 4 deutsche Choralvespern, 1 Segen, 1 Regina coeli, 1 Oelberg-Andacht, mehrere Gesänge mit und ohne Instrumentalbegleitung, C. Oratorien und Opern. Der büßende Sünder. Oratorium; – Der reumüthige Petrus. In zwei Theilen. Oratorium; – Der Kampf der Buße mit der Bekehrung. Oratorium. – Die Opern: Andromeda et Perseo. Drama in 2 Atti; – Patritius, der englische Patriot; – Tapferkeit; – Der fröhliche Wiederschein, D. Cantaten und Lieder: Jubelfeier; An die Frau Aebtissin am Nonnberge; Liedchen für den Feldwebel und Lied der Recruten; Chor der Priester; 50 deutsche vierstimmige Lieder, darunter: Feierabendstunde, Die verlassene Mutter mit ihrem Säugling am Strome, Abschiedslied an Herrn von Moll, Freiheitsbaum der Schweizer, An alle Deutsche, An unsere Gärten, Im Grünen, Das Landleben, Einladung zum Landleben, An den Hain zu Aigen, An Sie, Zu Ihr! zu Ihr! Anläßlich dieser Lieder verdient bemerkt zu werden, daß Haydn mit Rücksicht auf den Umstand, daß die vier gewöhnlichen Singstimmen nicht immer noch überall nach Wunsch zu haben sind, seine Lieder für vier gleiche Männer- oder Frauenstimmen gesetzt hat. Der Umfang der Töne reicht daher in denselben von F–ā oder f–ā[WS 3]. – E. Andere Werke: 30 Symphonien; 2 Partite; 1 Serenata; 1 Concerto por il flauto; 1 Pastorello; 2 Divertimenti à 6 stromenti; 3 Divertimenti à 5 stromenti; 2 Quintetti; 3 Notturni à 5; 1 Parthia à 5 Instromenti (2 Clarinetti, 2 Corni e Fagotto); 1 Concerto por il Violino; 1 Quartetto (Violin, englisches Horn, Violoncell und Violon); 7 Märsche; 9 Partien Menuetten; 1 Partie englischer Tänze; mehrere [147] Canons. Außerdem sind von ihm bekannt 2 Requiem, ein älteres, welches vollendet ist, und ein zweites, im Auftrage der Kaiserin geschriebenes, wobei ihn, wie den unsterblichen Mozart, die Ahnung beschlich, er schreibe dieses Werk zu seiner eigenen Todesfeier, was auch wirklich der Fall war. Dieses zweite ist unvollendet geblieben; es sind nämlich nur Introitus und Kyrie vorhanden. Seine Absicht, eine Fortsetzung zur „Schöpfung“ seines Bruders Joseph zu schreiben, schien an Mangel eines guten Textes gescheitert zu sein, der ihm zur guten Composition unerläßlich schien und seine kirchenmusikalische Richtung, die der Texte leicht entbehrt, zunächst erklären mag.
II. Zur Biographie Michael Haydn’s. Es findet sich hie und da der 11. September 1737 als J. M. Haydn’s Geburts-, und der 8. August 1806 als sein Todestag angegeben; beides ist unrichtig. Die ausführlichsten Mittheilungen über Michael Haydn’s Leben gibt bisher das Schriftchen: Biographische Skizze von Michael Haydn. Von des verklärten Tonkünstlers Freunden entworfen und zum Besten seiner Witwe herausgegeben (Salzburg 1808, Mayr’sche Buchhandlung, 8°., mit dem Bildnisse) [dieses letztere ist eine Profil-Silhouette]. – Zerstreute Nachrichten, oder kürzere Biographien, Nekrologe, Episoden aus seinem Leben enthalten folgende Journale und Druckschriften: Annalen der Literatur und Kunst in dem österreichischen Kaiserthume (Wien, Doll, 4°.) Jahrg. 1809, Intelligenzblatt, August, Sp. 65–88. – Salzburgisches Intelligenzblatt vom 23. August 1806, Nr. XXXIV. – Nachricht über das Erzstift Salzburg nach der Säkularisation (Passau 1805), Bd. I, S. 159. – Ersch und Gruber, Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste (Leipzig, Brockhaus, 4°.) II. Section, 3. Theil, S. 256. – Pillwein (Benedikt), Biographische Schilderungen oder Lexikon Salzburgischer, theils verstorbener, theils lebender Künstler, auch solcher, welche Kunstwerke für Salzburg lieferten (Salzburg 1821, Mayr’sche Buchhandlung, 8°.) S. 88–96. – Allgemeine musikalische Zeitung, IX. Jahrg, Nr. 4, S. 58. – Gerber (Ernst Ludwig), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1790, Breitkopf, Lex. 8°.) Theil I, Sp. 613. – Desselben Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1812, A. Kühnel, gr. 8°.) Theil II, Sp. 531. – Leipziger musikalische Zeitung, Jahrg. VI, S. 450. – Zeitschrift für Deutschlands Musikvereine und Dilettanten, Bd. II, S. 400 und 402 [enthält die Abbildung und Beschreibung des Haydn’schen Monumentes in der Peterskirche in Salzburg]. – Baur (Samuel), Allgemeines historisch-biographisch-literarisches Handwörterbuch aller merkwürdigen Personen, die in dem ersten Jahrzehend des neunzehnten Jahrhunderts gestorben sind (Ulm 1816, Stettini, gr. 8°.) Bd. I, Sp. 565. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères, sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris, 1850 et seq., 8°.) Tome XXIII, Sp. 6588 [mit der irrigen Angabe des 16. September 1737 als Geburts- und des 18. August 1808 als Todestag]. – Gaßner (F. S. ), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in Einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 418. – Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden, Arnold Schäfer, gr. 8°.) Bd. II, S. 358. – Oesterreichische National-Encyklopädie von von Gräffer und Czikann (Wien 1835, Bd. II, S. 525. – BrockhausConversations-Lexikon, 10. Auflage, Bd. 7, S. 518. – Bagge, Deutsche Musikzeitung (Wien, 4°.) I. Jahrgang (1860), Nr. 12, S. 91: „Ueber den Werth der Michael Haydn’schen Kirchencompositionen“. – Frankl (L. A.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrgang (1842), S. 625: „Salzburg und Rohrau“. – Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, herausg. von Gubitz (Berlin, 4°.) 1843, Nr. 149–151: „Die Allgewalt der Töne“ [eine Künstlergeschichte, in welcher Michael Haydn eine Rolle spielt].
III. Porträte. 1) Schattenriß von Matzenkopf, mit der Unterschrift: Joh. Michael Haydn (in Medaillenform; auch bei der „Biographischen Skizze“); – 2) J. F. Schröter sc. (Leipzig, Breitkopf, 8°.); – 3) Lithographie (Wien, Spina, Fol.); – Haydn’s Freund, Pfarrer Werigand Rettensteiner, kaufte dessen Schädel von der Witwe. Ein Porträt in Oel besaß P. Michael Nagnzaun, Benedictiner zu St. Peter in Salzburg; ein zweites besitzt die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
IV. Grabmonument. Abbildung des Denkmales in der Peterskirche in Salzburg (Wien, Spina) [dasselbe kam durch seines Freundes Rettensteiner Bemühungen zu Stande]. – Miß Trollope in ihrem „Wien und die Oesterreicher“ [148] (1838), Bd. I, S. 145, schreibt über dieses Denkmal Mich. Haydn’s: „Sein Körper liegt am Fuße der Stufen, die von der kleinen Kirche des h. Ruprecht zu der Capelle und Zelle des h. Maximus führen; sein Haupt aber ist in einer Urne von schwarzem Marmor eingeschlossen, die auf dem Denkmale steht, welches ihm in der benachbarten Kirche der Benedictiner errichtet worden ist. Dieses Denkmal ist vielleicht nicht im reinsten Geschmacke, macht aber dennoch Eindruck. Das Gestell, welches die Urne trägt, steht auf einem bemoosten Felsen, auf welchem weiße Marmortafeln angebracht sind, worauf man die ersten Tacte seiner bewundertsten Compositionen erblickt. Am meisten ist das Bündel von kupfernen Strahlen zu tadeln, welches eine Art Heiligenschein bildet und sich von der Decke bis zur Urne erstreckt. Das sieht abscheulich aus...“
V. Urtheile und Charakteristiken Michael Haydn’s und seiner Musik. In neuester Zeit erst schreibt Karl Moyses in Bagge’s deutscher Musik-Zeitung (1860) über Michael Haydn: „Ein schöpferisches Talent kann nur dann ein wahres und vollendetes Kunstwerk liefern, wenn es für den zur Behandlung erwählten Gegenstand mit Liebe und Begeisterung durchdrungen ist. Dieß war nun bei H. der Fall, der als echter, gläubiger Christ, seinem Gott und seiner Kirche aus ganzer Seele ergeben, fast ausschließlich sein schöpferisches Talent zu deren Verherrlichung weihte und seinen Compositionen die ganze Tiefe seiner religiösen Empfindungen verlieh, welche Gefühle des Autors bei deren Anhörung auch im Herzen jedes Gläubigen wieder wachgerufen werden. Die einfachen heil. Textworte der Kirche, welche durch das Gepräge ihrer kindlichen Poesie und durch ihre hohe Beziehung das Gemüth des Menschen in Anspruch nehmen, waren es, welche unserem wahrhaft religiösen H. am meisten zur Bearbeitung entsprachen. Jede Stelle in seinen Kirchenschöpfungen ist ein offenes Geständniß seines Glaubens, in jeder Stelle athmet der Geist des herzlichsten und feierlichsten Lobes des Allerhöchsten. – Entfernt von dem Streben, mit seinen Compositionen zu glänzen, genügte es ihm, die Herrlichkeit Gottes durch den Zauber der Harmonien vor den Herzen einer andachterfüllten Gemeine, wo auch diese sich versammeln wollte, zu entfalten. Diese Anspruchslosigkeit und der Umstand, daß in seiner Lehensepoche die Aufhebung von Stiften und Klöstern erfolgte, in denen Kirchenmusik allein die wahre Würdigung fand, wirkten hindernd an der Verbreitung seiner Meisterwerke und legten Hindernisse in den Weg, für seinen von aller Verschnörkelung und Tändelei entfernten, einfachen, harmonievollen und originellen Styl Nachahmer zu gewinnen, oder eingehendes Studium seiner Partituren zu bewirken. Trotzdem, daß H. auf diese Weise wenig Anregung von Außen zum künstlerischen Schaffen hatte, so arbeitete er in dem kirchlichen Fache, welches eigentlich die Sphäre seines Genius war, mit rastloser Thätigkeit; dabei gingen alle seine Werke, worin er sich immer gleich erhaben blieb, aus schöpferischem Drange hervor; nie war es Eigennutz oder Begierde nach Reichthum, welche ihn zur Arbeit anspornten. Von diesem edlen Gefühle, welches überhaupt einem Künstler bei seinem Schaffen jeder andern Nebenabsicht voran gehen soll, geleitet, schrieb auch unser H. die sogenannten „Gradualien“ für alle Sonn- und Festtage, welche an die Stelle der früher zwischen Epistel und Evangelien gebräuchlichen langweiligen und gehaltlosen Symphonien gekommen sind. Diese Compositionen, welche neben Anderen auch der damalige Churfürst von Würzburg copiren ließ, hatten sich der lebhaftesten Anerkennung zu erfreuen, trugen aber dem anspruchslosen Meister nichts ein, welcher sich mit dem Gefühle begnügte, daß durch deren Aufführung die Verherrlichung Gottes gefeiert werde. In Hinsicht auf den Nutzen der Michael Haydn’schen Compositionen für die Kunstbildung werden seine Partituren für die Zukunft von den Lehrmeistern zur Bildung ihrer Schüler und zur eigenen Vervollkommnung als beste Muster angewendet werden können. Schwerlich wird man einen durchgehende reineren Satz als den seinen finden. Ungezwungen ist sein Fortschreiten im Gesange, die Verdoppelung der Intervalle einsichtsvoll berechnet, der Grundbaß genau und richtig beziffert, der Contrapunct und die Imitation mit meisterhafter Gewandtheit behandelt, ferner ist den Mittelstimmen, welche eigentlich zur Ausfüllung der Harmonie bestimmt sind, für sich allein auch eine Art des Gesanges zugewiesen. In der Begleitung des Chorals, den Haydn mit besonderer Vorliebe behandelte, überrascht er in ebenso verschiedenen als unerwarteten Harmonien. Rhythmisches und ästhetisches Gefühl haben ihm schon die Götter in der Wiege mitgegeben, daher verstand er es auch, den Geist der Worte in das Reich der Töne einzuführen.“ – Fröhlich, der Biograph beider Haydn, [149] Joseph’s und Michael’s, in der Ersch und Gruber’schen Encyklopädie, sagt treffend über die Arbeiten Michael’s: „Dieselben lassen sich von einer doppelten Seite betrachten, nämlich in Beziehung auf ihren inneren Werth im Ganzen und Einzelnen oder auf ihren Nutzen für Kunstbildung überhaupt. In Hinsicht des ersten Punctes ist zu bemerken, daß H. von guten Freunden angegangen, welchen er nicht gern etwas abschlug, oft in ungünstiger Stimmung componirte. Nicht selten mußte er Texte bearbeiten, die, wenn auch gerade nicht schlecht, doch auch nicht Stoff genug für geistigen Schwung enthielten, ohne welchen so ruhige Naturen, wie die unseres H., das Große, dessen sie dennoch fähig sind, zu leisten nicht vermögen. Daher oft seine Aeußerung: „Gebt mir Texte, und verschafft mir die ermunternde fürstliche Hand, wie sie über meinem Bruder waltet, und ich will nicht hinter ihm bleiben.“ Oft trat manches lang dauernde harte Schicksal sowohl in seinen Dienst- als häuslichen Verhältnissen ein, und doch sollte und mußte er arbeiten. Hatte er auch oft treffliches, ja sogar den geäußerten Wünschen entsprechendes geliefert, so fand er doch nur wenig Ermunterung. Von diesem Mangel an äußerer Anregung mag es gekommen sein, daß seine Instrumental-Compositionen nicht gleichen Werth haben, wie seine Gesangwerke, obgleich auch ihnen feste Haltung, fließender Gesang, hie und da bedeutender Schwung, gute Behandlung der Instrumente nicht abzusprechen ist. Ja sie enthalten einzelne Stellen von großer Wirkung, einen Strom von Begeisterung, welcher seine große Kraft in den Wendungen und Verflechtungen der Ideen, so wie im kühnen Eingreifen derselben ebenso bewährt, als auf der andern Seite der zarteste Erguß des Herzens Milde fühlen läßt. Mehr heimisch fühlte er sich, wenn er einen Text zu behandeln hatte, der das Gemüth ansprach. Je interessanter die Ideen, je mehr sie sich dem ewig Wahren, Guten und Schönen zuwenden, desto besser seine Bearbeitung. Deßwegen gelang ihm auch vorzüglich die heilige Musik, in welcher er die tiefen Gefühle seines warmen Glaubens, seiner reinen Liebe zu Gott und den Menschen, seiner unerschütterlichen Hoffnung, kurz seiner tiefreligiösen Begründung ergießen konnte. Daher die bestimmte, würdige, erhabene Sprache, die alle H.’schen Werke dieser Art auszeichnet und sich bald in den reinsten, kindlichen Gefühlen ergießt, die wir in dieser Lauterkeit, man dürfte sagen, in dieser Verklärung selten bei einem Tonsetzer der neueren Zeit finden, bald im Psalmenfluge zum Throne des Ewigen sich erhebt, daher die vortretende Beachtung des Textes, sowie die oft geringere Beachtung der Begleitung, überhaupt der Instrumentalpartie, die er zwar ganz ihrer Natur gemäß behandelte (er war selbst ein trefflicher Violinist), durch welche er der einfachen Färbung der Singstimmen Bewegung und reicheres Leben verleiht, auch manchen Gedanken mit großer Wirkung hervortreten läßt, indeß nicht so effectvoll, so eingreifend für die Wirkung des Ganzen zu behandeln und anzuwenden wußte, als sein großer Bruder. Doch sind auch einzelne Werke von ihm vorhanden, die selbst in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig lassen, z. B. die treffliche Messe aus C mit dem Benedictus, worin G-dur mit G-moll abwechselt, ein classisches Werk der ersten Art. Uebrigens ließe sich das Mangelnde leicht ergänzen, und das herrliche Gemälde durch die Instrumentalkunst, wie sie in der neuesten Zeit ausgebildet ward, ohne Verlust der Eigenthümlichkeit hervorheben, wie es denn an gelungenen Versuchen nicht fehlt. Was aber den zweiten Punct betrifft, nämlich welchen Nutzen das Studium der H.’schen Werke gewähre, so ist es gewiß, daß derjenige, welcher in das Wesen der Musik eindringen und mit dem wahrsten Quell des Schaffens vertraut werden will, besonders in Hinsicht der Gesangsmusik bei Michael H. unendlich gewinnen müsse, denn sowohl die Grundzüge einer würdigen Kunstsprache, als die in den einzelnen Bearbeitungen enthaltenen Anleitungen zur Entfaltung derselben können nicht klarer und belehrender vorliegen. Ueberall ist tiefgeistige Auffassung des Ganzen, und ebenso geistvolle Unterordnung des Einzelnen; nirgends gibt es etwas Halbgesagtes. Alle Sätze fügen sich bequem und reihen sich zu einem interessanten und doch dabei klaren Periodenbau; und so wie die Idee im Ganzen und Einzelnen immer mehr hervortritt, so entfaltet sich auch das Gemüth in seiner Schönheit und Lebensfülle. In den besseren Werken erhebt sich dieß bis zu den trefflichsten poetischen Bildungen – was hauptsächlich von seinen religiösen Arbeiten gilt, man betrachte z. B. nur sein Pax vobis; wenn wir hier durch den Strom der Begeisterung mit fortgerissen werden, wenn uns der Tonsetzer mit den erhabensten Gefühlen erfüllt, uns die großartigsten Anschauungen vorführt, Geist und Herz mit Allgewalt bewegt, so ist nicht zu vergessen, diese großen Effecte flossen aus seinem kindlichen [150] Gemüthe, in dem sich die stärksten Gegensätze in schönster Harmonie verbanden. Und in dieser letzten Beziehung sind nicht wenige seiner Werke kaum zu überbieten. Mozart und Joseph H., so wie Vogler reichten ihm den Siegerkranz. Besonders interessant aber sind seine Compositionen dadurch, daß sie fern von aller Glanzsucht, keinem Modegeschmacke huldigen, sondern in jenem ernsten Geiste gearbeitet sind, welcher der ewig blühende der Kunst und daher klassisch zu nennen ist. In dieser Hinsicht bleiben sie ewige Muster; ebenso dienen sie, unsere Empfindungen zu veredeln, unsern Willen zu heiligen und uns zu jenem Puncte hinzuführen, der im Leben, wie in der Kunst der höchste ist, und welchen Christus trefflich bezeichnete, wo er sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht eingehen in das Himmelreich“. Daher wäre auch sehr zu wünschen, daß seine besseren Werke – die sich in der Abtei zu St. Peter in Salzburg vollständig vorfinden sollen – besonders in Partitur herausgegeben würden, wobei sein treffliches Antiphonarium mit untergelegtem bezifferten Grundbasse nicht zu vergessen wäre (ist bereits geschehen, siehe S. 145, zu Ende der biographischen Skizze). Seine Tonstücke erfordern aber sowohl einen gut besetzten Singchor (da sein Hauptaugenmerk auf die Gesangpartie gerichtet war), als einen Vortrag, der mit Wahrheit und vielem Leben die musikalischen Ideen auffaßt und sie mit begeistertem, ganz durchdrungenem Gemüthe darstellt. Deßwegen sollten Singstimmen und Instrumente dort, wo sich nicht sehr gründlich gebildete Meister befinden, genau mit der Art des Vortrages bezeichnet werden.“ – Interessant zur Vergleichung, wie seiner eigenthümlichen Anschauung wegen, erscheint das Urtheil Gaßner’s, der nicht wie die beiden Vorgenannten von Bewunderung und Anerkennung dieses Genius erfüllt ist. Es möge hier als Ergänzung und das Studium dieses noch zu wenig gewürdigten und gekannten Kirchencomponisten anregend folgen. Doch muß der protestantische Standpunct, auf welchem Gaßner steht und über katholische Musik urtheilt, nicht übersehen werden. Gaßner schreibt: „Was uns von ihm bekannt geworden (namentlich die Jubilatmesse in C, 1 Salve Regina, 2 Salve redemtor, 1 Kyrie und einzelnes aus mehreren Messen und Motetten) zeigt uns den geschickten, heiter andächtigen Tonsetzer, der frischweg, und dabei die Aufgabe und den Ort wohlbedenkend, im Dienste der Kirche seinen Gesang ertönen ließ, wie er ihm eben gegeben war, ohne höheren Antrieb und Gedanken (?). Nicht reinere oder tiefere Frömmigkeit war es, wenn er sich einfacher, mehr im Niveau hervorgebrachter und allbequemer Andächtigkeit hielt, als sein großer Bruder und Mozart, sondern mindere Kraft und Erhebung des musikalischen Vermögens, wie sich denn auch in seinen Instrumentalsachen auch das Unverkennbarste, das Naturell des Bruders bei unendlich minderer (!) Kraft offenbart. In beider Brüder Kirchensachen ist nicht die Weihe und Salbung der großen, besonders italienischen Meister ihrer Kirche, und noch weniger die Treue und evangelische Tiefe der großen Norddeutschen, sondern vielmehr eine – man mochte sagen idyllische – Naturandacht von den frischen, sinnlich erregten, warmen Lebenspulsen des Süddeutschen gehoben. Aber nur im älteren Bruder stürmt und sprudelt diese sinnliche Lebenskraft so gewaltig auf, daß wir uns fast besinnen müssen, ob das auch noch ehrliches Christenthum ist und nicht Thibaut (Reinheit der Tonkunst) allein es leugnet. Aber eben in diesem natürlich unschuldigen Behagen blieb dem jüngeren Bruder die Anfechtung jenes Nachdenkens über sein Thun erspart, gegen die ein bewußterer Geist sich nur in harter Selbstüberwindung und christlicher Demuth aufrecht erhalten kann. Denn nur der christliche Gedanke vermag zu retten, gegen wen sich das Wort der Schrift wendet: Viele sind berufen, Wenige aber auserwählet.“

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Haydn, Johann Michael [s. d. Bd. VIII, S. 141]. Im Jahre 1862 erschien im Drucke: „Die Hochzeit auf der Alm. Operette von Michael Haydn. Nach der Original-Partitur für Pianoforte rangirt von M. Mayer“ (Verlag, von Falter und Sohn in München). Die Original-Partitur dieser Operette, welche Michael H. im Jahre 1768 in Salzburg geschrieben, [472] befindet sich im Besitze der Verlagshandlung.
    (Augsburger) Allgemeine Zeitung 1862, Nr. 216. – Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1862, Nr. 240. [Bd. 14, S. 471 f.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: rythmische.
  2. Vorlage: D-mol.
  3. Vorlage: ā mit 2. Makron darüber (für zweigestrichenes a).