BLKÖ:Pichl, Joseph Bojislav

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pichler, Adolph
Band: 22 (1870), ab Seite: 222. (Quelle)
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Pichl, Joseph Bojislav (čechischer Schriftsteller, geb. zu Kosoř bei Prag 23. August 1813). Die Studien beendete er in Prag, und zwar das Gymnasium unter Männern wie Wenzel Swoboda und Jos. Jungmann, welche nicht geringen Einfluß auf die Jugend übten. Schon damals verband er sich mit mehreren Schulkameraden, unter anderen mit dem jetzigen Wysehrader Canonicus Stulč, den in Sprache und Literatur zurückgebliebenen čechischen Geist zu wecken und zu heben, und arbeitete in dieser Richtung an den von Tyl redigirten „Česky květy“ (d. i. čechische Blüthen). Nachdem er die medicinischen Studien gehört und im Jahre 1843 die Doctorwürde erlangt, ließ er sich in Pardubitz nieder, und wie früher in Prag, weckte er auch dahier den nationalen Sinn und war insbesondere unter der Arbeiterclasse in dieser Richtung thätig. [223] Die Stadt selbst ernannte ihn zu ihrem Stadtphysikus. Als sich im Jahre 1848 auch in Pardubitz die neue Zeit zu regen begann, begründete P. bereits im März ein politisches Blatt, den „Pardubický hlasatel svobody a lidu práva“, (d. i. Der Pardubitzer Verkündiger der Freiheit und Volksrechte), worin er aber bald einen Ton anschlug, daß sich eine starke Partei gegen ihn bildete, deren Erbitterung er in solcher Weise erregt hatte, daß er bei Nacht und Nebel nach Prag entfloh, wohin ihm dann seine Familie nachgefolgt war, denn P. hatte sich schon im Jahre 1845 mit Franziska Bohunka, Tochter des oberwähnten Gymnasialprofessors Franz Swoboda [siehe S. 224 zu Ende dieser Biographie] verheirathet. In Prag setzte P. seine publicistische Thätigkeit fort und begründete das volksthümliche Blatt „Svatováclavske poselství“, (d. i. die St. Wenzelsbotschaft), welches im Verlage des Dr. Jos. Frič bis zur Verhängung des Belagerungszustandes erschien. Im Jahre 1849 ernannte ihn die Stadtrepräsentanz zum Redacteur des neu in’s Leben gerufenen Blattes „Obecní list“, d. i. Gemeindeblatt), das aber verschiedener Unzukömmlichkeiten wegen bald unterdrückt werden mußte, worauf P. beim Prager Magistrate Translator in bohemicis wurde. Im Jahre 1850 unternahm P. die Herausgabe des belletristischen Blattes „Včela“ (d. i. die Biene), für welches er aber schon nach dem Erscheinen weniger Nummern die Concession verlor. Mit dem Umschwunge der politischen Verhältnisse, mit welchem auch im Prager Stadtrathe durch Wahl gemäßigterer Männer eine ruhigere Anschauung und Prüfung der Verhältnisse zu entwickeln sich begann, wurde P. seines Translatorpostens enthoben, worauf er nach Kladno übersiedelte, wo er Hüttenarzt wurde. Dort entfaltete er als Arzt und Nationaler eine von den ihm gleichgesinnten Kreisen wohlgewürdigte Thätigkeit. Nachdem mannigfache Hindernisse und Gegnerschaften bekämpft werden mußten, wurde er Begründer des Stadt-Casino’s měštanské beseda, welches, so lange P. in Kladno verblieb, immer mehr und mehr in Aufschwung kam. Auch wurde P. durch die Bemühungen seiner Partei zum Aufseher der Stadtschule und in den Gemeinderath der Stadt gewählt. Das ihm zugedachte Bürgermeisteramt lehnte er aber ab. Im Jahre 1861 wurde P. als Berg- und Hüttenarzt nach Nýřan bei Pilsen übersetzt, wo ihn natürlicher Weise die nationalen Angelegenheiten wieder in nicht geringerer Weise wie bisher in Anspruch nahmen, und er von seiner Partei, wenn es galt, ihre Interessen zu fördern, nach jeder Seite hin unterstützt wurde. In Anerkennung dieses seines Wirkens ernannten ihn der Bürger- und Handwerkerverein zu ihrem Ehrenmitgliede, eine Auszeichnung, die vor ihm noch Niemanden zu Theil geworden war. Im Jahre 1864 berief ihn der Prager Stadtrath zum Director des St. Bartholomäusspitals in Prag, welche Stelle er zur Stunde noch bekleidet. Als Schriftsteller hat P. eine große und namentlich als Uebersetzer, und zwar einiger classischer Werke des Auslandes, verdienstliche Thätigkeit entfaltet. Er hat übersetzt die Novellen von Cervantes unter[WS 1] dem Titel: „Cervantesovy Novely“, 2 Theile (Königgrätz 1838, gr. 12°.), ferner den „Don Quichotte“ unter dem Titel: „Don Quijote de la Mancha“ (Prag 1864, Kober, mit 180 Illustrationen von Guido Manes, gr. 8°.); – die meisten historischen Romane [224] von Herloßsohn: „Cernohocy“ (die Montenegriner, recte: Stephan Maly, der Montenegriner-Häuptling), 3 Theile (Prag 1853; zweite Aufl. 1863, 12°.); – „Jan Hus. Historicko-romantický obraz“ (Johann Hus. Historisch-romantisches Gemälde (Prag 1850; zweite Aufl. 1861, 12°.); – „Jan Žižka“ (Johannes Zizka) (ebd. 1850; zweite Aufl. 1861, 12°.); – „Poslední Táborita“ (der letzte Taborit), 2 Theile (ebd. 1851; zweite Aufl. 1861, 12°.); – „Uhru roku 1444–1460“ (Ungarn in den Jahren 1444–1460), 4 Thle. (ebd. 1852, 12°.); – „Valdstejn“ (Wallenstein), 3 Theile. 1: Wallenstein’s erste Liebe; 2: die Tochter Piccolomini’s; 3: Wallenstein’s Mörder (ebd. 1860 bis 1862, 12°.); – „Venecián“ (der Venetianer), 2 Theile (Prag 1854, 12°.). Außerdem gab er heraus: „Deklamace Schillera a jiných básníků německých“, d. i. Gedichte zur Declamation von Schiller und anderen deutschen Dichtern (Prag 1854, Pospišil, 12°.), das Buch enthält die berühmtesten Balladen von Schiller, und zwar: Kampf mit dem Drachen, Handschuh, Gang zum Eisenhammer, Taucher, Bürgschaft und Lied von der Glocke; von Bürger: Lenore, die Entführung; von Uhland: der Burgvogt (?); von Anastasius Grün: der alte Comödiant; von Heinrich Heine: die Pilgerin (wahrscheinlich „Die Wallfahrt nach Kevlar“); – „Krasořečník společenzký český“, d. i. Čechisches Declamationsbuch für gesellige Kreise, 3 Theile (Prag 1852 und 1853, 8°.); – „Společenský zpěvník“, d. i. Gesellschaftliches Gesangbuch (Prag 1851; siebente stereotypirte Aufl. ebd. 1865, Kober, mit den Liedern von Joseph Leopold Zwonař, 8°.). In der Museal-Zeitschrift (Časopis českeho Museum hat er mehrere Uebersetzungen classischer Dichtungen anderer Slavenvölker, wie z. B.: „Das Lied von Stephan Potocki“, von Niemciewicz (1852, IV, 115); – „Die Expedition von Choczym“, von Bogdan Zaleski (ebd. 117); – „Der Gesang der Czerkessen“, von Marlinsky (ebd. 119); – „Das Betttuch“, von Lermontov (ebd. 119); – „Der Mond“, von Podolińsky (ebd. 120); – „Der Hügel“, von Kolcov (ebd. 120), u. dgl. m. veröffentlicht. – Seine Gattin Franziska Bohunka (geb. zu Prag im Jahre 1811 – die Angabe des „Slovník“, 1711, ist ein offenbarer Druckfehler) ist, wie schon bemerkt worden, eine Tochter des Professors Swoboda aus Prag und brachte schon vom Haus aus die Liebe für ihre Muttersprache und ihr Böhmerland mit, durch welche sie den Gatten in seinen nationalen Bestrebungen und Unternehmungen nicht unwesentlich förderte. Unter dem Pseudonym Marie Čacká trat sie mit verschiedenen poetischen Versuchen in mehreren čechischen Unterhaltungsblättern und nicht ganz ohne Erfolg auf, so daß, als sich mit einem Male die – später widerrufene – Nachricht von ihrem Tode verbreitete, man sie in Nachrufen und Gedichten allgemein beklagte. Selbstständig erschienen von ihr unter dem Pseudonym Marie Čacká: „Pisně“, d. i. Gedichte (Prag 1857, Kath. Geřabek, 16°.); aus dem Französischen übersetzte sie Charles Reybaud’s Erzählung „Lucie“ (Prag 1843) – und im Lumír waren abgedruckt zwei Erzählungen: „Deyova vdova“ (die Witwe des Dei) und „Trýzeň“ (Seelenqual). In Handschrift hat sie liegen eine vollständige Uebersetzung der Erzählungen von Bouilly, deren einige in den „Prazsky [225] Noviny“ und in der „Koleda“ gedruckt waren.

Jungmann (Jos.), Historie literatury české, d. i. Geschichte der böhmischen Literatur (Prag 1849, Řiwnáč, 4°.) Zweite von W. W. Tomek besorgte Ausgabe, S. 610. – Slovník naučný. Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Frz. Lad. Rieger (Prag 1859, I. L. Kober, Lex. 8°.) Bd. VI, S. 355.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: und unter.