Die Gartenlaube (1874)/Heft 44

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[703]

No. 44.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Allerseelentag.

Wie die falben Blätter fallen –
Heut ist Allerseelentag,
Wo man zu den Gräbern wallen,
Beten dort und weinen mag

5
Und gedenken jener Tage,

Da sie lebten, die da nun
Ohne Leid und Lust und Plage
Tief im stillen Grabe ruhn.

Doch wer Keinen zu beklagen,

10
Wer kein Grab zu schmücken hat,

Dennoch mag er Leid wohl tragen,
Wenn auch ihm der Spätherbst naht.

Und er sorge, wird erscheinen
Ihm sein Allerseelentag,

15
Daß man klagen, daß man weinen

Auch an seinem Grabe mag.

 Hermann Allmers.




Die Geschichte vom Spötterl.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid.


(Fortsetzung.)


Als Corona vor dem Director und anderen Musikverständigen Probe gesungen hatte, war das allgemeine Urtheil, wenn auch nicht so überschwenglich wie das des Pianisten, doch ein günstiges gewesen, das noch günstigere Erwartungen nicht ausschloß; als es aber an den eigentlichen Unterricht ging, wurde die Hoffnung des Lehrers wie der Eifer der Schülerin nur zu bald bedeutend heruntergestimmt. Corona faßte leicht und spielend auf; es machte ihr keine Schwierigkeit, eine Weise, die man ihr vorsang oder vorspielte, in ihren Naturgesang zu übertragen, aber das bloße, ermüdende und keineswegs erfreuende Ueben der einzelnen Töne und Tonverbindungen war ihr rasch verleidet; sie fühlte, daß man etwas von ihr verlangte, was in ihrem Wesen keinen Grund hatte. Der Lehrer konnte sich bald nicht verhehlen, daß die Stimme vielleicht eben ihrer Eigenart wegen einer eigentlich künstlerischen Ausbildung eigensinnig widerstrebte; der ursprüngliche Traum, aus der Sennerin eine Sängerin ersten Ranges zu bilden, zerrann und ließ nur die Möglichkeit zurück, daß das frische Naturkind dafür im muntern Fache, als Soubrette oder Localsängerin, desto Bedeutenderes leisten würde – vollauf genug, um den gutmüthigen Meister in seinem Eifer nicht erkalten zu lassen.

Was sie am härtesten vermißte, war das Leben in und mit der freien Natur, an das sie von Jugend auf gewöhnt war; trotz des Winters waren ihre Gedanken doch immer weit jenseits der Stadtmauern, und wenn der Wind so recht durch die Straßen sauste, den Schnee jagte und an die Scheiben warf, kam es ihr oft schier grauenhaft vor, als wäre es die Stimme eines Freundes, dem sie entflohen und der jetzt mit lautem Rufen und Klagen nach ihr suche – kein Wunder, wenn ihr dabei manchmal auch andere Erinnerungen erwachten und ein Gefühl sie anwandeln wollte, das der Reue so ähnlich sah, wie ein Wassertropfen dem andern. Wohl nahm sie sich dann immer wieder zusammen und sagte sich selbst, daß sie keine Thörin sein dürfe und, was sie sich einmal vorgenommen und zugetraut, auch durchführen müsse, aber die Anwandlungen kamen öfter, wie die Schwierigkeiten sich häuften. Das war besonders der Fall, als sie anfangen sollte, mit dem Gesange auch die Darstellung zu verbinden und eine Andere zu scheinen, als sie war. Bisher war ihr der Gesang, wie dem Vogel, die natürliche Aeußerung ihres eigenen Gemüthes gewesen; jetzt sollte sie etwas Anderes hineinlegen, was man ihr von außen vorschrieb. Darin lag etwas, wogegen ihr Inneres sich wie gegen eine Unwahrheit sträubte, und was eben deshalb ihre Versuche in dieser Richtung bald als sehr zweifelhaft erscheinen ließ. Der kluge Director hatte daher den Ausweg eingeschlagen, sie zuerst in einer Bauernrolle auftreten zu lassen, in der sie am wenigsten aus sich herauszugehen brauchte und gewissermaßen sich selbst spielen konnte. Zu diesem Zwecke war in der beliebten Posse „Der Geist im Hofgarten“ eine ländliche Scene eingeschoben worden; nach diesem Versuche, dachte er, sollte sich wohl bemessen lassen, ob und welche Hoffnungen überhaupt auf ihre künftige Entwickelung mit Recht gebaut werden konnten. Sie hatte der ersten Probe mit Bangen entgegengesehen, sich aber, als es zum Auftreten kam, zusammengenommen und mindestens keine auffallende Ungeschicklichkeit begangen. Eine Bemerkung, die sie dabei gemacht, war ihr von wesentlichstem Vortheile gewesen; bald genug hatte sie nämlich gemerkt, daß Manche von der Gesellschaft Lust zeigten, [704] sie als Neuling oder fremden Eindringling zu necken oder sich an ihr zu reiben; aber anstatt sie niederzudrücken oder einzuschüchtern, hatte das vielmehr dazu gedient, die ihr eigene Widerstandsfähigkeit wachzurufen und sie zu erinnern, daß auch sie nicht ohne Stachel sei. In solch gemischter, halb gereizter, halb befangener Stimmung erwartete sie nun auch den Beginn der Hauptprobe; nachdenklich hing ihr Blick an den leinwandenen Bäumen und den Bergen aus Pappendeckel, von denen sie umgeben war, und unwillkürlich schwebten ihre Gedanken von denselben hinweg und hinaus zu den wirklichen, auf denen eben wieder der Frühling einzuziehen begann – sie mochte die Empfindung eines gefangenen Vogels haben, den man dadurch an die Freiheit glauben machen will, daß man abgebrochene grüne Zweige um die Eisendrähte seines Käfigs steckt.

Ein heftiger Schlag, der unmittelbar neben ihr ertönte, schreckte sie aus ihrem Brüten auf, daß sie schreiend zusammenfuhr – es war ein Kanonenschuß, den der Inspicient eben auf der großen Trommel markirt hatte. Lachend wendeten sich die Schauspieler nach der Unerfahrenen um; sie waren eben um die schwarze Probirtafel unter der Theateruhr versammelt, auf welcher der Theaterdiener das Repertoire der nächsten Woche angeklebt hatte; dasselbe verkündete nebst Wiederholung des heutigen Stückes das Zaubermärchen „Adler, Fisch und Bär“, die Possen „Die falsche Catalani“ und „Staberl in floribus“, zur gebührenden ernsten Abwechselung aber das Schauerstück „Der Nachtwandler in der Todtengruft von Glenthorne“ und das große Ritterschauspiel „Kuno der Entartete“.

„Immer wieder die alten Schmarren!“ rief der Heldenliebhaber, nachdem er gelesen, unwillig aus. „Keine einzige ordentliche Rolle, in der es der Mühe verlohnte, sich zu plagen! Man muß versauern und verbauern bei dieser Bande.“

„Pah, daraus mach’ ich mir nichts,“ bemerkte ein kleiner, schmächtiger Mann, der Bösewichter und ähnliche Rollen zu spielen pflegte und den Anschlag mit raschem Blicke überflogen hatte. „Sechs Stücke, und sechsmal zu thun! Ich komme auf mein Spielgeld; das ist die Hauptsache.“

„Dafür kennt man Euch,“ entgegnete der edle Vater, eine große Gestalt mit mächtiger Baßstimme und der Haltung eines Festpredigers. „Ihr habt keinen andern Gedanken als Geld und wieder Geld. Wo bleibt da die Kunst?“

„Was mit der Kunst werden soll,“ rief der Liebhaber wieder dazwischen, „das kann man sich denken, wenn ein solches Repertoire gemacht wird. Das edelste Pferd, wenn es immer im Stalle steht, muß steif und lahm werden. Aber ich werde mit dem Director reden; ich werde ihm sagen –“

„Was wird es helfen, was Ihr ihm sagt?“ unterbrach ihn spöttisch der Bösewicht. „Der Director ist ein praktischer Mann; er wird sich die Hände reiben und sagen: ‚er müsse auf Das sehen, was volle Häuser und volle Cassen mache,‘ und das muß man ihm nachsagen, er kennt sein Publicum; es vergeht fast kein Abend, an dem wir nicht ausverkauft haben.“

„Und die Kunst wird darüber zum Handwerk,“ rief der edle Vater feierlich.

Der Bösewicht zuckte die Achseln. „Möglich; aber nach dem Sprüchworte hat das Handwerk einen goldenen Boden.“

„Krämerseele!“ murmelte der Held in sich hinein.

Der Bösewicht that, als ob er nicht höre, aber fuhr giftig fort: „Wenn Ihr doch einmal dem Director etwas sagen wollt, dann sagt ihm lieber, er solle sich von seinem Regisseur nicht so viel einreden lassen! Diesen Ritterschmarren ‚Kuno der Entartete‘ hat kein anderer Mensch auf das Repertoire gesetzt, als er, weil er den Kuno gerne spielt.“

„Ja, den Ihr gerne spielen möchtet,“ rief der edle Vater hinwider. „Diesmal seid Ihr Euch selbst ungetreu geworden. Was thut’s, wenn Ihr neben dem Regisseur den Burgvogt spielen und ihm das Licht halten müßt? Ihr kommt ja doch auf Euer Spielgeld.“

Lautes Lachen belohnte die Rede, so daß der Inspicient sich bemüßigt sah, durch abmahnendes Zischen Ruhe zu gebieten; leiser mischte sich ein junges, schlank gewachsenes Mädchen mit hochblonden Haaren in das Gespräch, von dem ihr, obwohl sie mit anderen Gedanken beschäftigt schien, kein Wörtchen entgangen war. Sie hatte Corona von ihrem Standpunkte näher kommen sehen und war gleich darauf bedacht, eine stachlige Bemerkung zu machen; war sie doch Gesangs-Soubrette, also zunächst bedroht, falls die Anfängerin Glück machen und auf der Bühne Fuß fassen sollte.

„Das ist noch lange nicht das Schlimmste,“ sagte sie möglichst laut, indem sie sich den Anschein gab, als bemerke sie Corona nicht. „Das Unausstehlichste bei uns sind diese ewigen Versuche mit Anfängern, von denen man doch weiß, daß sie zu gar nichts führen. Es braucht jetzt sonst nichts, als ein paar Töne im Halse zu haben, um von den Bauern hereinzulaufen und Sängerin zu werden. Ah, sind Sie da?“ unterbrach sie sich selbst, als ob sie Corona erst jetzt bemerke. „Ich habe Sie nicht gesehen und wollte Sie nicht kränken. – Weil Sie aber meine Worte doch schon gehört haben, nehme ich sie nicht zurück. Sie thun mir leid, mein gutes Kind.“

„Das ist sehr hübsch von Ihnen, mein Fräulein,“ unterbrach sie eine schöne junge Frau, welche eben hinzugetreten war und die letzten Worte noch vernommen hatte – es war die Frau des Directors Carl, die beliebte Darstellerin aller zärtlichen und rührenden Liebhaberinnen. „Noch schöner aber wäre es, wenn Sie Ihr Beileid in etwas sanftere Worte gekleidet hätten. Sei ohne Sorge, mein Kind!“ fuhr sie dann, zu Corona gewendet, mit der sanften Stimme fort, die ihr immer schon mit den ersten Lauten die Herzen aller Hörer gewann. „Du hast Dich auf einen steilen Pfad begeben und wirst wohl von Deinen Bergen her wissen, wie rauh es sich auf solchen wandelt.“

Corona war mit glühendem Antlitze dagestanden, begierig, auf den Angriff etwas zu erwidern, und doch außer Stande, es zu thun; so unverhohlener Bosheit gegenüber hielt ihre gewöhnliche Schlagfertigkeit nicht Stand. Sie folgte Frau Carl in die Tiefe des Theaters, ergriffen von der liebevollen Leutseligkeit der schönen Frau; das Eis, das ihr der Hohn an das Herz geschleudert, löste sich vor dem warmen Hauche wahrer Theilnahme in Thränen und quoll ihr heiß über die Wangen herab.

„Sei ruhig, Mädchen!“ sagte Frau Carl wieder. „Du hast den Versuch gewollt; also bleibe auch standhaft dabei! Glaube mir: Du hast einen Beruf gewählt, der viele Rosen verspricht, aber mehr Dornen bringt – Du mußt auf Beides gefaßt sein.“

Sie wollte noch mehr sagen, aber der Inspicient rief Corona zu: ihre erste Scene war gekommen. Gefaßt und entschlossen stieg sie die Brettertreppe zu der gemalten Sennhütte hinan, vor der sie ihr erstes Lied zu singen hatte; die Schauspieler traten neugierig in die Coulissen etwas vor; auch der Regisseur kam von der Bühne näher, die Ursache der kleinen Verzögerung, die entstanden war, zu erfahren. Er kam der blonden Sängerin gegenüber zu stehen, und unbewacht und unbemerkt flog ein rascher Blick des Einverständnisses zwischen Beiden hin und her.

Die Probe nahm ungestört ihren Verlauf, und rasch kam die weitere Scene heran, in welcher Corona auf der ebenen Bühne spielen und ein Lied singen sollte, das kein bloßer Naturgesang war; in ihm sollte sie bewähren, daß die Vogelkehle fähig war, sich der Weise des Vogelstellers zu fügen, die er ihr vorgespielt und eingelernt. Sie hatte vorher ein kleines Selbstgespräch zu halten und mußte sich den Anschein geben, als habe sie Heu zusammenzurechen. Das Werkzeug dazu lehnte an einem Felsstücke im Vordergrunde. Der Regisseur benahm sich äußerst schweigsam und zurückhaltend; er machte keine Bemerkung, um sie nicht, wie er sagte, im letzten Augenblicke zu verwirren; nur darauf legte er großes Gewicht, daß der Rechen ja gewiß an dem bestimmten Orte liege. Er rief eigens den Requisiteur herbei, um ihn auf die Wichtigkeit des Gegenstandes aufmerksam zu machen, dessen Mangel die noch ungeübte Darstellerin leicht vollständig aus der Fassung bringen könnte; dieser versicherte hoch und theuer, daß nichts fehlen solle; auch der Maschinist Sußbauer, die Zimmerleute und der schwarzhaarige Aushelfer versprachen ihr Augenmerk darauf zu richten, und so ging Alles in den besten Hoffnungen auseinander.

In wenigen Augenblicken war die ganze Bühne leer und dunkel. An den Stufen, die in den Corridor führten, traf der Regisseur, wie zufällig, mit der hochblonden Localsängerin zusammen: ein paar flüchtige Worte wurden zwischen ihnen gewechselt; ein noch flüchtigerer Blick der Dame deutete nach dem Felsstück mit dem Rechen.

Erst als Alles still geworden war, huschte auch Corona die Treppe hinunter und aus dem Hause.

[705] Am Abend hatte es kaum fünf Uhr auf dem Rathhausthurme geschlagen, als unter dem Portale des Isarthor-Theaters schon eine ansehnliche Menschenmenge versammelt war und, unter den Säulen und bis weit herab über die Stufen stehend, sich das Warten nicht verdrießen ließ, obwohl der Märzwind ziemlich kalt von der Brücke herein blies. Es waren meist Leute aus den geringen Ständen: Lehrjungen und Gesellen, die auf dem letzten Platze und der oberen Galerie, „Juhe“ geheißen, sich eine Stelle zu erobern hofften; doch fehlten auch einige Bürger nicht, die es vorzogen, einen bessern Platz durch ein paar Stunden Zeit, statt durch Mehrausgabe eines Sechsers zu erkaufen – die Zeit war damals noch wohlfeil.

Allerlei Gespräch war und kam bald in Gang. Der Eine erzählte von dem Wunderkinde, das heute als Sängerin auftreten solle, und das der König selbst in Tegernsee entdeckt habe. Andere, durch einen Schusterbuben veranlaßt, der den „Jungfernkranz“ pfiff, unterhielten sich von der Pracht und Herrlichkeit der Oper „Der Freischütz“, die eben damals neu gegeben worden, und lachten darüber, wie bei der letzten Aufführung das Wildschwein in der Wolfsschlucht viel zu hoch hereingekommen sei, so daß man die Filztappen des Zimmermanns gesehen, der es getragen.

Die Thorflügel des Theaters öffneten sich endlich. Alles drängte sich, stolperte und fiel in die Halle. Es war noch geraume Zeit bis zum Beginne der Vorstellung, und schon war das Theater in allen Räumen überfüllt. Im Parterre wogten die Köpfe wie eine dunkle Saat durcheinander; von der Galerie herab summte es wie ein schwärmender Bienenstock; in den Logen war kein Platz mehr unbesetzt, und die hochgegürteten Damen der vornehmen Welt mit Turbanen, Baretten, Federschmuck und manch’ anderem hochgethürmtem Kopfputz wehten sich mit ihren Fächern Luft zu oder ließen ihre Brillanten im Wiederscheine des Kronleuchters glänzen. Dazwischen reihte sich mancher artige Mädchenkopf mit silbernem Ringelhäubchen, Mieder und Geschnür, der damals noch ausgezeichneten und mit Auszeichnung getragenen Tracht der Bürgerstöchter. Nur die in der Mitte des Zuschauerraumes gelegene Loge des Königs war leer; ein unerwarteter Besuch hoher Gäste hatte sein vorausgesagtes Erscheinen unmöglich gemacht. Vor dem Vorhange standen bereits zu beiden Seiten zwei Grenadiere mit den hohen Bärenmützen, den Silberlitzen auf der Brust und dem breiten Gürtel mit Beschlag um den Leib.

Der Vorhang mit Apollo und den Sonnenrossen begann bereits zu beben. Im Orchester hauchte die Oboe den Ton, nach welchem die Musiker leicht und rasch die Stimmung prüften, als Baron Worinoff in einer Loge des ersten Ranges neben einer schönen Dame Platz nahm, deren Haltung, sowie die Kostbarkeit ihres Anzuges und Schmuckes zeigten, daß sie hohen Rang mit Reichthum vereine. Sie drückte ihre Freude aus, den Baron wiederzusehen, da sie erst vor einigen Tagen von ihrem fernen Landsitze in die Stadt gekommen und nun zu ihrem Schrecken vernommen habe, daß er inzwischen in Lebensgefahr gewesen. Der Baron nahm eine geringschätzige Miene an und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, von solcher Kleinigkeit besonderes Aufsehen zu machen. Allerdings, erzählte er dann, sei es ihm bei einer Bergbesteigung begegnet, daß er auf dem Rückwege unter einem großen Baume sich auf einen abgehauenen Stamm niedergesetzt, um in der kühlen, mondhellen Nacht etwas auszuruhen, als plötzlich ein Schuß gefallen sei, der ihm den Hut vom Kopfe genommen, während die Kugel durch denselben tief in den Baum gedrungen sei. Die Dame entsetzte sich. Das sei „horrible“, meinte sie, indem sie die Federn ihres Hutes und den Fächer schwingen ließ.

„Der Mörder ist doch längst ermittelt und eingesteckt?“

„So viel mir bekannt,“ erwiderte Worinoff, „ist es noch nicht gelungen, seiner habhaft zu werden. Ohne Zweifel war es ein Bauernbursche, der mir an demselben Tage begegnet war, ein ehemaliger Soldat, der sich an mir rächen wollte, weil ihm in der Gefangenschaft in Rußland nicht Alles nach Wunsch gegangen war. Er ist seitdem flüchtig geworden, und es ist keine Spur von ihm aufzufinden.“

Die Dame fand das unbegreiflich. Was für Zustände! Welch’ ein Land, welche Gegend mußte es sein, wo dergleichen vorkommen konnte! Das erschien ihr geradezu „abominable“. Worinoff stimmte ihr bei, schilderte die Mühseligkeiten einer Bergwanderung, den Mangel jeder Bequemlichkeit, sowie die stete Gefahr irgend eines Unglücks. Die Gegend sei gänzlich unwegsam, und in den unzugänglichen Bergschluchten verbergen sich noch obendrein Wild- und Raubschützen, von denen Einer sogar den halbzahmen Lieblingshirsch des Königs erschossen, der daher auch auf Ermittelung des Thäters einen Preis von hundert Dukaten gesetzt habe.

„Und aus diesem Lande, von diesen Halbwilden,“ fragte die Dame, „stammt die Sängerin, die wir heute zu hören bekommen sollen? Wie hat sich ein solches Talent in diese Wildniß verirrt?“

„Nun, wie man es nimmt, Comtesse,“ entgegnete Worinoff etwas befangen. „Ich habe das Mädchen dort gesehen – gewiß, sie hat eine gute Stimme und eine eigenthümliche Art zu singen. Aber ich bin doch bange für sie; es fehlt ihr jede Fähigkeit zu feinerer Ausbildung. …“

Er hatte nicht Unrecht, wenn er so sprach. Corona hatte bei seinen anfangs häufigen Besuchen in Bälde und unverkennbar gezeigt, daß sie für die Ausbildung nach seinem Geschmack keinen Sinn habe. Er war dann ausgeblieben und erklärte sie für eine dumme Bauernmagd, die am besten thun würde, bei ihren Kühen und Melkkübeln zu bleiben.

Bald begann die Musik; nach wenigen einleitenden Tacten hob sich der Vorhang. Die Vorstellung nahm ihren Anfang und ging unter lebhafter Theilnahme und großer Heiterkeit der Versammlung ihren geregelten Gang. Jetzt zeigte sich die neue Berglandschaft mit dem fernen See und der Almhütte. Ein Geflüster flog durch das Haus; denn die Debütantin stand in ihrer heimischen Bauerntracht vor der Hütte und begann ihr Lied. Corona sang mit beklommenem Athem; aber sie sang ihr Lied gut zu Ende. Sie hatte sich vorgenommen, sich an gar nichts und an gar Niemand zu kehren und gerade so zu thun, als säße sie daheim vor ihrer Hütte auf der Gindelalm. Der athemlos lauschenden Stille folgte lebhafter Beifall; aber in denselben mischten sich deutlich jene bedenklichen Töne, mit welchen das Gegentheil des Beifalls ausgedrückt oder doch angedeutet werden soll, daß es noch zu früh sei, Beifall laut werden zu lassen. Die vielen Reden und Lobpreisungen, welche in der Stadt herumgegangen waren, hatten die Erwartungen übermäßig gespannt; man glaubte, einer Art Naturwunder zu begegnen und fand verstimmt ein hübsches Bauernmädchen, das eben sang, wie ein Bauernmädchen zu singen pflegt. Die nachgeahmten Vogelstimmen aber dünkten vollends Manchem wie eine Spielerei, die sich auf den Bergen zu der Cither recht gut ausnehmen mochte, die aber in einem Kunsttempel nicht am Platze war. So kam die Hauptscene herbei, und Corona betrat die Bühne, noch immer ruhigen Blutes; sie hatte das Zischen nicht gehört oder dessen Bedeutung nicht verstanden. Sie sprach ihre Rede ohne Störung und näherte sich dem Felsstücke, um den Rechen zu ergreifen – aber wie sie auch ihre Blicke anstrengte und umherschickte, der Rechen, das wichtige und so sehr eingeschärfte Requisit, war nirgends zu erblicken. Betroffen stand sie einen Augenblick; eine Pause trat ein und säuselndes Gelächter flog durch das Haus.

Da tauchte plötzlich hinter dem Felsstücke ein Hemdärmel und ein Arm empor und reichte ihr den Rechen. Sie griff danach, aber das Säuseln draußen steigerte sich zum Sturme. Corona stieg das Blut zu Gesicht und klopfte ihr in den Schläfen. Dennoch behielt sie Fassung genug, zu bemerken, daß der Augenblick herankam, in welchem der zweite und künstlichere Theil ihrer Aufgabe abermals mit Gesang beginnen sollte. Sie begann, auch, aber unsicher und schwankend; der Anblick des auf sie schauenden bewegten Publicums, der sie zuerst gleichgültig gelassen, begann nun auf sie zu wirken: sie verlor erst den Tact, setzte unrichtig ein, und dasselbe säuselnde Lachen der einmal entfesselten Heiterkeit klang ihr als Antwort entgegen. Da fühlte sie es noch glühender in sich auflodern – zum Entsetzen des Capellmeisters, der mit erhobenem Tactstocke wie versteinert dastand, brach sie mitten im Gesange ab und trat, den Arm in die Hüfte gestemmt, bis an die Lampen vor. Sie gedachte nicht mehr, wo sie stand; es muthete sie an, als sei sie zu einem Trutzgesange herausgefordert worden und müsse darauf antworten. Schallend und mit voller Stimme, als müsse sie das Echo der Berge wecken, sang sie auf die Zuschauer hinunter:

[706]

„Das hölzerne G’lachter,
Das könnt’s wohl erspar’n.
B’hüet enk Gott miteinand’!
Macht’s enk selber den Narr’n!“

Im nächsten Augenblicke war sie hinter den Coulissen verschwunden.

So etwas war noch nicht dagewesen.

Der Vorhang sauste herunter und schied die empörten Hälften der Theaterwelt voneinander. Vor demselben schrieen, lachten, pfiffen und trampelten die Zuschauer; hinter demselben rannten Schauspieler und Bühnenleute, Director und Regisseur mit nicht minderem Lärm durcheinander. Wie ein gereizter Lindwurm, der nach seinem Opfer späht, sprang der Regisseur hin und wieder; der Director aber rief: „Wo ist die Unglücksperson? Hinauf mit dem Vorhange! Schleppt sie mir heraus! Sie muß ausspielen, oder ich lasse sie vier Wochen in den Falkenthurm setzen.“

Die hochblonde Soubrette aber trat mit lammfrommem Gesichte hinzu und erklärte sich bereit, die Rolle auszuspielen. „Eigentlich sollt’ ich es nicht thun,“ sagte sie. „Aber was bringt man nicht für Opfer für die gute Sache! Ich habe es ja vorhergesagt, daß es so kommen wird.“

Wieder blinzte sie nach dem Regisseur hin, und in dem Blinzen lag, daß sie nicht die Einzige gewesen, die gewußt, daß es so kommen werde, und auch warum. Der Director nahm den Vorschlag mit Entzücken an; aber auch die davon verständigten Zuschauer begrüßten die Aushülfe mit Applaus: es war auch der einzige Ausweg; denn Corona herbeizuschaffen, mußte bald als eine Unmöglichkeit erkannt werden. Sie hatte die ersten Augenblicke der Verwirrung benutzt und war weder im Ankleidezimmer, noch auf der Bühne, noch in den Corridors zu finden.

„Wie hat sie sich denn nur hinausgefunden?“ rief Director Carl. „Sie muß eine Versenkung oder ein Flugwerk benutzt haben. In der kurzen Zeit konnte sie sich unmöglich so im Theater orientiren und der Hausmeister sagt auch, daß sie bei ihm nicht vorübergekommen sei. Ich bin doch schon lange Director, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.“

Die Lösung des Räthsels ließ übrigens nicht lange auf sich warten. Aus der Werkstätte in der Tiefe des Theaters, wo eine meist nur von Zimmerleuten benutzte Treppe zu einem Seitenausgange führte, kam bedächtigen Schrittes der Maschinenmeister Sußbauer heraufgestiegen, auf seinem emporgehobenen Maßstabe eine schwarze Perrücke tragend. „Da schauen Sie her,“ rief er, „was ich gefunden hab’! Die Hinterthür ist offen, und daneben ist die Perrücken dag’legen und der Schurz von meinem Aushelfer.“

„Dann wissen wir schon, woran wir sind,“ rief Carl in komischem Zorne. „Das ist ein förmliches Complot. Der Bursch’ in der schwarzen Perrücke war offenbar mit dem Mädel einverstanden und hat ihr fortgeholfen. Sicher ist es auch kein Anderer gewesen, der ihr den Rechen herausgereicht hat. Aber wenn Er mir noch einmal mit einem solchen Zimmermanns-Dilettanten kommt, Sußbauer, dann soll Ihn der Teufel holen.“

– Die Entflohene war indessen in die wilde Märznacht hinausgestürmt, in welcher die matten Lämpchen der Straßenlaternen mit dem Winde um ihr flackerndes Dasein kämpften. Sie hatte gar nicht Acht gehabt, wie sie eigentlich aus dem Hause gekommen, und wer es gewesen, als eine Hand schnell die ihre gefaßt und sie hastig nach sich gezogen hatte; erst jetzt, als ihr die kalte Luft unfreundlich um Stirn und Wangen blies, besann sie sich des Vorgefallenen deutlicher; erst jetzt kam es ihr vor, als habe ihr die Stimme des Retters bekannt geklungen; erst jetzt dachte sie daran, sich nach ihm umzusehen. Er hatte sich hart an ihrer Seite gehalten – obwohl er den Bart abgenommen, erkannte sie auf den ersten Blick Quirin’s hohe, benarbte Stirn und starrte ihn wortlos an; ihr erster Gedanke war, daß er ihr diesen Anlaß abgelauert habe, um seinen Spott mit ihr zu treiben und sie fühlen zu lassen, wie sehr er Recht behalten mit seiner Prophezeiung. Aber Quirin ließ ihr nicht lange Zeit zu erwägen; er grüßte sie mit ruhigem Tone, durch welchen nur schwach die Erregung des Vorgefallenen durchzitterte.

„Grüß Gott, Rohnberg Corona!“ sagte er. „Sei nit bös, daß ich Dir so in den Weg komm’ – aber mir ist halt, als wenn Du jetzt wen brauchen könntest, auf den Du Dich gut verlassen kannst. Was hast jetzt im Sinn? Wo willst hin?“ fuhr er fort, als sie noch immer beklommen schwieg. „Da darfst nit bleiben; ich denk’ wohl, sie werden bald herauskommen und nach Dir suchen. Willst in Deine Wohnung?“

„Nein, nein!“ rief sie hastig, „Da thäten s’ mich auch suchen … Ich geh’ nimmer hin; ich thät’s nit aushalten, wenn ich den Leuten allen in die spöttischen Gesichter sehen müßt’.“

„Dasselb’ will ich wohl glauben,“ entgegnete Quirin, „aber wohin willst nachher?“

„Ich weiß nit,“ sagte Corona, und die erste freigewordene Thräne brach ihr aus dem Auge. „Ich will nur fort, fort aus der Stadt, dahin, wo mich kein Mensch mehr sucht – am liebsten fort aus der Welt.“

„Das wär’ ein bißl gar zu weit,“ rief Quirin freudig. „Aber willst wirklich ganz fort? Willst wirklich nimmer in der Stadt bleiben und nimmer in das Komödihaus da zurück?“

„Niemals, niemals,“ entgegnete sie mit matter Stimme. „Lieber sterben.“

Während des Gespräches war sie wie unbewußt an Quirin’s Hand rasch fortgeeilt und hatte, achtlos dessen Leitung folgend, längst die Bogen des Isarthores hinter sich. Sie näherten sich, an den Gärten und kleinen Häusern vorüberschreitend, der Isarbrücke.

„Wenn Du willst und das Fahren in der Nacht nit scheust,“ begann Quirin nach einer Weile, „dann könnt’ ich Dir vielleicht helfen. Ich mein’, Du wirst jetzt nach Tegernsee nit gern zurückwollen; da wird ’s ein großes Gered’ geben und ein Gespött, dem Du vielleicht gern aus dem Weg gehst. Ich hab’ neulich gehört, die Clarl, Deine gute Freundin von der Gindelalm, hat so Zeitlang gehabt nach Dir, daß sie auch nimmer hat in Tegernsee bleiben wollen – sie hat sich jetzt nach Osterwarngau heraus verdingt als Hauserin zu einem Bauern, der ganz einschichtig mit seinen kleinen Kindern haust …“

„Ja, ja, zu der will ich,“ unterbrach ihn Corona mit unverkennbarer Freude. „Die nimmt mich auf und versteckt mich vor den Leuten, bis das erste Gered’ vorüber ist. Und wenn wieder der Auswärts kommt, werd’ ich schauen, daß ich wieder auf die Gindelalm komm’ und den Leuten aus dem Gesicht bin.“

„Du wirst wohl wissen, was Du zu thun hast,“ sagte Quirin mit anscheinender Ruhe, während ihm das freudige Herz bis an den Hals herauf schlug. „Nach Warngau aber wär’ just eine gute G’legenheit da – über der Brucken drüben, im Kreuzlgießergarten, stellt der Bäck’ von Warngau ein, der jede Woch’ botenweis nach München fahrt; der reist in einem Stündl ab. Wenn ’s Dir recht wär’, so wär’ ’s doch für ’was gut g’wesen, daß ich Dir jetzt so begegnet bin.“

„Red’ nit so!“ entgegnete Corona beklommen. „Meinst, ich sollt’ glauben, daß Du mir so zufällig begegnet bist? Meinst, ich hätt’ Dich nit erkannt, wie Du mir zugerufen hast: ‚Da hinunter!‘? Warum willst es nit eingesteh’n, daß Du mit Fleiß in der Näh’ gewesen bist, daß Du in der Still’ auf mich Acht ’geben und jetzt das Alles schon im Voraus hergericht’t hast? Willst nit haben, daß ich Dir dafür danken soll?“

„Weiß Gott, wie gern ich Dir ’was zu Dank thun möcht’,“ sagte der Bursch hinwieder. „Aber es ist doch nit so, wie Du meinst; es ist Alles nur das gute Glück, daß sich ’s so getroffen hat. Ich bin Knecht gewesen in einem Bräuhaus in der Näh’, und damit ich mir ein paar Kreuzer mehr hab’ verdienen können, hab’ ich in der Komödi als Zimmermann mitgeholfen. Das ist Alles – ich hab’ halt selbig’smal nimmer daheim bleiben mögen.“

„Sag’ lieber, Du hast nit dürfen, Du hast Dich aus’m Staub g’macht!“ entgegnete Corona, „Du wirst wissen, daß am selbigen Abend, wie der Russ’ von der Gindelalm herunter ist, auf ihn g’schossen worden ist – Sie haben’s Alle auf Dich g’halten.“

„So?“ rief Quirin mit eigenthümlichem Lachen. „Haben sie’s auf mich gehalten? Kann mir’s schier denken. Aber sag’ selber: mit was hätt’ ich denn schießen sollen? Du hast ja selber g’seh’n, daß ich nix von einem Schießzeug gehabt hab’. – Es hätt’ nur höchstens mein Bergstock losgeh’n müssen.“ Corona wollte erwidern; aber Quirin unterbrach sie. „So, da sind wir schon,“ sagte er, „jetzt kann’s gleich dahin geh’n; der Bäck’ hat sein Wagerl schon hergericht’t, und der Hausknecht führt schon die Pferd’ heraus zum Einspannen. Steig nur auf, Corona! Und vor Gebetläuten bist schon in Warngau.“

[707] Corona war dieser Ausweg so erwünscht gekommen, daß sie in einer Art von Halbtraum zugehört und dahingeschritten war; sie hatte wohl noch allerlei auf dem Herzen, was sie gegen Quirin auszusprechen wünschte, aber sie fand die Worte nicht dazu, und wenn sie solche gefunden, wollte doch kein Laut aus der Kehle. – Auch war

Die Gartenlaube (1874) b 707.jpg

Aus dem Regen in die Traufe.
Nach dem Oelgemälde von Toby E. Rosenthal.[WS 1]


Quirin sichtbar bemüht, jede weitere eingehende Unterhaltung abzuschneiden. Deshalb betrieb er die Abreise mit augenscheinlicher Eile und half der nicht Widerstrebenden auf den Sitz neben dem Bäcker, dem er sein „Bäschen“ auf’s Beste empfahl und der die Empfehlung gleich dadurch würdigte, daß er eine warme Decke zum Schutze gegen die rauhe Märznacht über sie warf. Kaum fand Corona noch Zeit, Quirin ihren flüchtigen Dank zu wiederholen, ihn zu fragen, wo sie ihn wiederfinden könne, um ihm dann erst so recht zu sagen, wie hoch sie den Dienst anschlage, den er ihr geleistet. Er überhörte die Frage, setzte den einen Fuß auf die Radspeiche, hob sich gegen Corona empor und sagte ihr seinen Abschied in’s Ohr; der Bäcker nahm eben vom Wirthe Zügel und Peitsche in Empfang und achtete nicht auf die Beiden.

„B’hüt Dich Gott, Sennerin!“ flüsterte Quirin. „Laß Dir’s gut geh’n und grüß’ mir im Auswärts die Gindelalm! Weil ich aber sorg’, es könnt’ Dir jetzt daheim ein Bißl hinderlich geh’n, d’rum möcht’ ich Dir ein Andenken mitgeben – da nimm das Papier da! Wenn Du in Warngau bist, mach’s auf und lies’s!“

Sie wollte Näheres wissen, wollte fragen – da zogen die Pferde an, das Blatt blieb ihr in der Hand; sie hörte nur noch aus weiter Ferne ein windverwehtes letztes „Bhüt’ Gott!“ des Burschen.

Es kam Alles genau, wie er vorhergesagt. Eben begann der späte Frühlingsmorgen zu grauen und die Glocke verkündete das Frühgebet, als sie vor dem Hofe hielten, in welchem Clarl als Wirthschafterin hauste. Bald hatte sie die Alte herausgepocht, die schlaftrunken und betroffen von der unerwarteten Begegnung vor ihr stand und sich flüchtig das Geschehene erzählen ließ. Zu genauerer Mittheilung war keine Zeit: im Hause des Bauern ist die Arbeit die erste Gebieterin; Clarl hatte vollauf zu thun und nur eben Zeit genug, Corona dem Bauer als ihre Base vorzustellen, die unerwartet zum Besuche gekommen. Erst als der späte Abend herankam, saßen sie Beide in Clarl’s Kammer auf dem Rande des gemeinsamen Bettes und erzählten und sprachen, bis die Mitternacht nahe und das Stückchen geringer Kerze, das die Kammer beleuchtete, am Erlöschen war.

Eine hatte der Anderen so viel zu sagen, Corona von ihren Erlebnissen bis zu der Stunde, da sie flüchtig an die Hütte der Freundin gepocht, Clarl von allen den Hoffnungen und Erwartungen, die sie sich von Corona gemacht, und wie doch oft etwas wie Reue und Sorge über sie gekommen, wie sie sich einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie Corona angetrieben, den gewagten Entschluß auszuführen, und daß sie so vielleicht die Schuld trage, wenn die Sache keinen guten Ausgang nahm. Nachdem sie Alles erfahren, gab sie, wenn auch mit schwerem Herzen, das erträumte, vermeintlich mühelose und reizende Stadtleben auf und bot Corona herzlich die Hand. „Nun, wenn’s nit sein soll,“ sagte sie, „und wenn’s Dir so aufg’setzt ist, mußt Dich halt d’rein finden. Bist ja ein gescheites Leut; greif halt wieder zur Arbeit und lach’ über das, was Dir gescheh’n ist! Und wenn Du in meine Fußstapfen treten und ein alter Dienstbot’ werden mußt, wie ich, nachher wollen wir halt einmal in der Ewigkeit einander helfen beim Wolkenschieben. Aber was red’ ich denn da daher?“ rief sie, sich unterbrechend. „Mit dem Wolkenschieben hat’s ja wohl bei Dir keine Gefahr – der Wachtelschlager laßt Dich nach Allem, was Du mir erzählt hast, nimmer aus, und wenn Du Dich auch noch so stark einspreiz’st, geht das Spötterl zuletzt doch in dem Schlaghäusl ein. Was ist denn in dem Papier, das er Dir gegeben hat?“

„Ich weiß noch nit,“ entgegnete Corona, indem sie das Blatt aus dem Mieder hervorzog. „Ich hab’s heut’ schon ein paar Mal in der Hand g’habt und aufmachen wollen, und allemal ist mir wieder gewesen, als wenn mich was abhalten thät’. So hab’ ich’s für’n Abend aufg’spart. Kann mir zwar gar nit [708] einbilden, was das sein sollt’, das mir helfen könnt’; aber was’s auch ist – nit wahr, Clarl, das mußt mir versprechen, daß Du keinem Menschen was davon sagst.“

„Versteht sich,“ sagte Clarl; „das versprech’ ich Dir mit Mund und Hand. Wenn er auch ein Wildling und nichts ist als ein armer Steinklopfer, ist er Dir doch redlich beigestanden, und das ist schön von ihm; – das druck’ ich ihm gewiß in ein Wachsl.“

Während dessen hatte Corona das Blatt entfaltet, das in schweren unbehülflichen Zügen einige geschriebene Zeilen enthielt; sie las und hatte kaum gelesen, als sie schluchzend aufsprang und an das kleine Fenster eilte, um in die Nacht hinauszusehen und ihre Erregung vor Clarl’s verwunderten Augen zu verbergen. Kopfschüttelnd griff diese den Zettel vom Boden auf und buchstabirte mühselig und langsam daran herum. Er lautete:

„Weil der König Demselbigen hundert Ducaten versprochen hat, wer ’s herausbringt, so bezeug’ ich hiermit von freien Stücken, daß ich der Wildschütz, der Gamstod, bin. Der König soll die hundert Ducaten an die Corona Rohnberger auszahlen und soll ihr sagen, daß ich sie noch recht schön grüßen lass’. Quirin Grabner.“

Clarl schwieg, als sie geendet; schweigend löschte sie die Kerze, legte sich nieder und störte Corona nicht, die noch lange ebenfalls stumm und regungslos am Fenster verweilte. Draußen war dunkle, mondlose Nacht, durchwebt mit Sternenschein von wunderbarem Reichthum und Glanz; nur ganz in der Ferne brannte in irgend einem Hüttenfenster ein schwaches Licht. Corona’s Gedanken schwebten fragend und suchend in das Dunkel hinaus; die Erinnerung leitete den Schwung ihrer Flügel. … Bald kam es ihr vor, als höre sie Waldessausen und Wasserrauschen und das ferne Licht käme aus dem kleinen Fenster einer einsamen Sägemühle im Walde. … Die Erde schloß sich mit Wald und Flur und Berg so schwarz an den schwarzen Himmel an, daß sie in einander unterzugehen schienen; das Licht war, als wäre ein Glückssternlein vom Himmel gefallen, um nun auf der Erde zu verglühen.


(Fortsetzung folgt.)




Die Aachener Reliquien.
Von Carus Sterne.
I.

In dem neuentbrannten Kampfe zwischen Staat und Kirche, zwischen Aufklärung und Verdummung – für Europa hoffentlich ein letzter Versuch! – greift der abgewirthschaftete Clerus in glücklichster Verblendung zu den Waffen des Mittelalters zurück. Unsinnige Dogmen, die man vor Jahrhunderten bereits zurückgewiesen, werden halb mit List, halb mit Gewalt der Christenheit aufgedrungen, an allen Ecken und Enden Wunder gethan, Wallfahrten und Reliquien-Ausstellungen mit möglichstem Pompe in Scene gesetzt. Jeder Entdeckung der Wissenschaft antwortet im andern Lager ein Rücksprung in die Zeiten der Finsterniß und Unwissenheit, jedem Fortschritte der bürgerlichen Freiheit ein Act geistiger Knechtung. So entsprach, um nur von den neuesten Ereignissen zu reden, dem St. Galler Schützenfeste, auf welchem die neue geistige Erhebung der Schweiz gefeiert wurde, als Gegendemonstration die Wallfahrt der Schwarzen nach dem Grabe des heiligen Nicolas von der Flüe, der es im Hungern noch der Louise Lateau zuvorgethan haben soll. So sollten als Antwort auf den Brief der englischen Liberalen an den Kaiser von Deutschland die Wallfahrten dienen, welche ein Häuflein Schotten und Engländer nach dem Jesuitenneste Paray le Monial und nach dem Schreine des heiligen Edmund in Frankreich in glücklicher Selbstvergessenheit der Geschichte anstellten, denn dieser Edmund hatte sich gerade im Gegentheile durch Bekämpfung päpstlicher Uebergriffe in England ausgezeichnet. So wurden endlich die diesjährigen Reliquien-Ausstellungen in Aachen, München-Gladbach etc. mit besonderem Glanze in’s Werk gesetzt, um den deutschen Regierungen zu zeigen, wie sehr des Volkes Herz noch an den Gnadenschätzen der Kirche hängt.

Von dem widerlichen Schauspiele der Aachener Heiligthumsfahrt haben unsere Leser eine lebendige Schilderung in Nr. 33 dieses Jahrganges der „Gartenlaube“ erhalten, sowie auch ein Inventarium der Hauptschätze des Aachener Stifts, gegen welche alle Perlen und Edelsteine der Welt, nach dem gewöhnlichen Ausdrucke der Hüter dieser berühmten Curiositäten, werthlos erscheinen müssen. Dennoch ermangeln sie nicht, die Kästen und Schreine derselben mit Gold und Edelsteinen – sei es auch oft nur buntes Glas – förmlich zu bedecken, weil der funkelnde Glanz doch anders auf die Masse wirkt, als das nackte „Heiligenklein“. Nichts Abstoßenderes giebt es wohl als dergleichen unmittelbar mit Perlen und funkelndem Gesteine bedeckte, vollständige Menschengerippe, wie z. B. der heilige Alexander in Freiburg oder die Skelete in Baden-Baden. Man glaubt ein zum Balle und Todtentanze geschmücktes Menschengerippe zu sehen und verwundert sich, wie heilige Männer so eitel sein können, daß sie solchen Tand nicht sofort abwerfen, denn die Knochen der wunderwirkenden Heiligen sind immerfort lebendig und begeistet, wie Nihusius lehrte. Der Aachener Dom ist besonders unermeßlich reich durch den Besitz der meisten abgelegten Kleidungsstücke der heiligsten Personen, denn er besitzt nicht nur das Unterkleid der Maria, sondern auch ihren Gürtel und Schleier, nicht nur die Windeln und das Lendentuch, sondern auch den Gürtel und das Schweißtuch des Erlösers, und hat darum stets einen besonderen Stolz darein gesetzt, die „Kleiderkammer“ des Herrn genannt zu werden. In dem Aachener Domhymnus begegnet man darum auch der mehr als curiosen Strophe:

Kleiderkammer sei gegrüßet,
Die des Heilands Blöß’ umschließet,
Wo der Mutter Schooß ihn trägt,
Wo die Kripp’ ihn bergend hegt,
Wo das Kreuz ihn sterbend hebt!

Die pietätvolle Betrachtung und sogar die Verehrung echter (!) Reliquien ist vielleicht eine unschuldige, natürliche Handlung und wohl kaum sündhaft, wenn sich damit weiter kein Mißbrauch verknüpft. Denn es geht ein allgemeiner Zug der Ehrfurcht vor den Ueberbleibseln und der Hinterlassenschaft theurer Verstorbener durch die Menschheit; im Grunde sind wir ja Alle, die wir eine Haarlocke, eine Schleife, einen getrockneten Strauß oder einen vergilbten Brief mit antheilvollem Auge betrachten, vielleicht gar in Stunden lebhafter Erregung küssen, Reliquiennarren. Aber – und das ist der Hauptpunkt – nicht die Sache an sich, sondern das Geschenktbekommen von einer Person, die individuelle Erinnerung giebt solchen Dingen ihren Werth, der sich nicht auf eine zweite Person vererbt. Es ist ähnlich mit den Reliquien großer Männer und Frauen. Sie können für die gesammte Menschheit nur dann Anziehungskraft gewinnen, wenn ihre Echtheit durch zweifellose Documente verbürgt ist.

Fragen wir aber, wie es in dieser Beziehung mit den Aachener Reliquien steht, so lautet die Antwort: weder die Herkunft eines der sogenannten großen Heiligthümer, noch der zahllosen kleinen, vielleicht mit Ausnahme der Gebeintheile Karl’s des Großen, ist durch irgend ein Document verbürgt; man kann von den meisten selbst nicht einmal mit Sicherheit angeben, wo sie sich aufgehalten haben, bevor sie nach Aachen kamen. Ein dumpfes Gerede, die sogenannte Stiftstradition, behauptet, sie seien größtentheils von Karl dem Großen zusammengebracht worden, der in Jerusalem, Constantinopel und Rom – seiner Zeit den Hauptstapelplätzen des Reliquienschachers – die zuverlässigsten Verbindungen schon vermöge seines Ansehens gehabt, um nur die besten, preiswürdigsten Waaren zu erhalten. Wir werden den Werth dieser Ueberlieferung nachher genauer betrachten, um uns in den Augen befangener Leser wegen unserer strengen Beurtheilung des Reliquienhandels zu rechtfertigen. Zunächst sei nur erwähnt, daß auch die Erwerbung durch Karl den Großen bei keinem Stücke durch ein Document oder nur durch die Erwähnung eines zeitgenössischen Schriftstellers verbürgt ist. Ganz wesenlose Sagen, wie z. B. die keine Kritik vertragende [709] Erzählung des Mönches Benedict von Soracte (um’s Jahr 1000), Rittergedichte und Legenden, wie der Helianth,[BER. 1] erzählen, daß Karl der Große diese Reliquien von seinem Zuge nach dem gelobten Lande mitgebracht habe. Die Profanhistorie weiß aber von einem solchen Zuge nichts, und verweist die Erzählung davon in das Gebiet der Dichtung.

Es giebt überhaupt nur ein einziges vertrauenswürdiges Document, welches die an sich wahrscheinliche Sache, daß Karl der Große nach der Gewohnheit seiner Zeit den Altar seiner Hofkirche mit Reliquien geschmückt habe, einigermaßen erhärtet; es ist die zu Gunsten der letzteren erlassene sogenannte pragmatische Sanction. Das Schriftstück ist, wie es heute vorliegt, erwiesenermaßen unecht, doch haben die Kaiser Friedrich der Erste und Zweite sein Vorhandensein anerkannt und die Echtheit bestätigt; man kann ihm deshalb wohl den Werth einer beglaubigten Abschrift zugestehen. In dieser Schrift heißt es wörtlich: „Da ich das herrliche Werk der vortrefflichen Basilika nicht allein nach meinem Wunsche und Verlangen, sondern auch durch die Gnade Gottes vollkommen zu Stande gebracht, habe ich Heiligthümer der Apostel, Märtyrer, Beichtiger und Jungfrauen aus weit entlegenen Ländern und Reichen, besonders aus Griechenland gesammelt und an diesem heiligen Orte hinterlegt, damit durch ihre Fürbitte das Reich befestigt und Nachlaß der Sünden verliehen werde.“

Man bemerke wohl, daß in dieser Aufzählung der jetzigen Hauptschätze, der Marien- und Christus-Reliquien, mit keiner Silbe Erwähnung geschieht, ein Beweis, so gut er irgend noch verlangt und geführt werden kann, daß Karl’s Gedächtniß mit denselben nicht verunziert werden darf. Das Lendentuch Christi wird in den älteren Verzeichnissen, die im neunten Jahrhundert beginnen, nicht mit aufgeführt und zuerst im Jahre 1192 erwähnt. Das ebenfalls zu den vier großen Reliquien gezählte blutige Tuch Johannes des Täufers taucht erst im vierzehnten Jahrhundert auf, der Aachener Gürtel Christi gar erst im siebenzehnten Jahrhundert. Karl der Große, obwohl in den Anschauungen seiner Zeit befangen, besaß einen verhältnißmäßig vorurtheilsfreien prüfenden Geist; er befahl in seinen Capitularien die Unordnungen bei Wallfahrten streng zu ahnden; er ersuchte Papst Leo den Dritten, eines der sogenannten, jetzt vollkommen erklärten Blutwunder,[1] welches sich in Mantua gezeigt hatte, sorgfältig untersuchen zu lassen; er glaubte gewiß nicht daran, daß getragene Baumwollstoffe sieben Jahrhunderte lang ihr Gewebe bewahren könnten. Daß er Knochen von Heiligen, die zu seiner Zeit ausgegraben wurden, gesammelt und zur Heiligung seiner Kirche verwendet habe, ist dagegen sehr glaublich.

Selbstverständlich läßt sich nur selten der directe und positive Beweis der Unechtheit einer sogenannten Reliquie führen, und nur wenn ein Kalbsknochen statt eines Menschenknochen dem Kusse der Gläubigen ausgestellt wird, oder das bisher unbekannte wirkliche Grab mit dem Skelete eines Heiligen, dessen Doppelgänger seit Jahrhunderten in einer oder mehreren Kirchen Wunder gethan haben, gefunden wird, zeigt sich der Schwindel offen. Wir haben vor wenigen Monaten einen solchen directen Fälschungsbeweis an den in Breisach seit Jahrhunderten ihrer Wunderthaten wegen verehrten Heiligen Protasius und Servasius[BER. 1] erlebt, an welchem Scandale auch das Aachener Stift participirt, sintemalen es bedeutende Gebeintheile der erst jetzt in Mailand wirklich aufgefundenen Märtyrer dem Kaiser Karl dem Vierten nach Prag verehrte. Dagegen läßt sich der negative Beweis, oder vielmehr ein Erweis der ungeheuren Unwahrscheinlichkeit der meist vorherrschenden Annahme, der etc. Knochen oder Lumpen könnte doch echt sein, insbesondere bei den Reliquien der Lebens- und Leidensgeschichte Christi sehr leicht führen.

Wir müssen dieserhalb freilich etwas näher auf den Ursprung des Reliquien-Schwindels eingehen. Die Juden hatten einen ausgesprochenen Abscheu vor Bilder-Anbetung und allem, was daran hängt, und im ganzen alten Testamente findet sich keine Spur von Reliquien-Verehrung, denn nicht einmal die Knochen des Erzvater Joseph, die auf den Wunsch des Sterbenden mit nach dem gelobten Lande genommen wurden, erfuhren solche. Nur der Zelot Elisa, der angeblich zweiundvierzig Kinder durch Bären auffressen ließ, weil sie ihn Kahlkopf geschimpft hatten, macht eine ungewöhnliche Ausnahme, insofern er mit dem Mantel des Elias und mit seinen eigenen Knochen Wunder wirkte. Dagegen war der Reliquien-Schwindel im Heidenthume obenauf und zeigte genau die Erscheinungen, wie später im Christenthume. Die wunderthätige große Zehe, womit der König Pyrrhus die Milzsucht auszutreiben pflegte, setzte man, wie Plinius berichtet, in einem besonderen Tempel bei, woselbst sie fortfuhr, ihre Kunststücke zu machen. Die Knochen des heiligen Propheten Mopsus heilten, wie Ammianus Marcellinus erzählt, die Krankheiten aller Wallfahrer, die nach seinem Grabe in Afrika pilgerten.

Besonders berühmt aber als Gnadenstätte war die Stadt Comana in Kappadocien, die ihren Namen nach dem dort aufbewahrten Haare des heiligen Orestes führte, das Rom der Heiden, dessen Pontifex maximus keinen Fürsten über sich anerkannte. Aber eine zweite Stadt Comana machte ihm den Ruhm, die echten Locken des Orest zu besitzen streitig, und in dem Orte Kassabala[BER. 1] zeigte man ebenso wie in Comana das Opfermesser Iphigeniens, ja Athen und Sparta machten ihrerseits den beiden Comanen in Vorzeigung des „allein echten“ Bildes der taurischen Diana Concurrenz. Es gab so viel dieser Palladien wie gegenwärtig echte Köpfe des Täufers Johannes, obwohl die Bibel in ihrer Einfalt lehrt, der arme Mann habe nur einen Kopf zu verlieren gehabt. Ging im Alterthum ein solches, meist vom Himmel gefallenes Palladium durch Raub oder Brand verloren, so machte man es wie mit dem vom Himmel gebrachten Salbfläschchen Chlodwig’s oder der ebendaher stammenden rothen Kriegsfahne (Oriflamme) der Franzosen; man fand es nach der Vernichtung wieder, oder behauptete, der Feind habe eine zur bessern Sicherung angefertigte Fälschung erwischt.

Dies war vorauszuschicken, um den heiligen Zorn zu erklären, mit welchem die ältesten, sittenstrengen Lehrer der Kirche den ab und an auftauchenden Reliquien-Unfug als heidnischen Gräuel ächteten. So lange die neue Lehre um ihre Existenz und staatliche Anerkennung zu kämpfen hatte, das heißt, Jahrhunderte lang, hörte man nichts von dem Verbleib der Kleider und Marterwerkzeuge Christi oder der Knochen der Märtyrer. Sobald sie aber einigermaßen zur Ruhe gekommen war, ging die Abgötterei zunächst mit den Gebeinen der Märtyrer los. Die älteren Kirchenväter, in der Reinheit ihrer Auffassung der Lehre, witterten darin sogleich eine Verletzung des ersten Gebotes Moses, und Tertullian gab ohne Weiteres den Teufel als Urheber des Reliquien-Unfugs an. Athanasius, der im vierten Jahrhundert lebte, und insbesondere der Presbyter Vigilantius, eiferten ihm darin nach; der Erstere ließ alle Reliquien, deren er habhaft werden konnte, einmauern.

Im vierten Jahrhundert bereits begann man in Jerusalem und im Morgenlande überhaupt, das Reliquien-Graben und Fabriciren als Geschäft zu betreiben. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt uns, wie man kurz nach einander die Körper der heiligen Apostel Andreas, Lucas und Timotheus dreihundert Jahre nach ihrem Begräbniß aufgefunden und nach Byzanz gebracht; ja die Asche des heiligen Samuel, dessen Ruhe einst Saul gestört, wurde plötzlich an’s Licht gebracht, und der Kaiser Arkadius ging der großen Procession bis vor die Thore seiner Hauptstadt entgegen. Der Abscheu der Bischöfe hatte sich bald in sein Gegentheil verkehrt, nachdem sie die Einträglichkeit der Sache eingesehen, und nur ein Eunapius und ähnliche Heiden machten sich noch über die eingepökelten Märtyrerköpfe lustig, welche, wie weiland das Haupt des erschlagenen Orpheus, das Mittleramt zwischen Himmel und Erde zu besorgen bekamen. Und wie man ehedem an den Gräbern der Märtyrer gebetet, so wurde es bald erstes Bedürfniß, für die Errichtung einer neuen Kirche oder eines neuen Altars Märtyrerknochen, nach denen sie getauft werden konnte, anzuschaffen und damit den Ort zu weihen. Das Bedürfniß war groß, aber woher nehmen und nicht stehlen? Man weiß aus den Erfahrungen neuerer Zeiten – ich erinnere nur an die Erhebung der Reste Schiller’s – wie schwer es selbst in ruhigen Zeiten ist, einige Jahrzehnte nach dem Begräbniß die Identität von Menschengebeinen festzustellen; der Selbsttäuschung und dem Betruge waren hier Thor und Thür geöffnet.

Man kennt aus den Berichten zahlreicher Orientreisender

  1. Der Leser wolle meinen Aufsatz über dieselben in Nr. 14 des vorigen Jahrganges der Gartenlaube vergleichen.

[Berichtigung]

[710] die Anstelligkeit und listige Geschäftigkeit der Orientalen, dem Liebhaber jedes irgend gewünschte Alterthum zu liefern, es, wenn er skeptisch ist, vor seinen Augen auszugraben und das alterthümliche Aussehen so täuschend nachzuahmen, daß ein gewiegter Kenner dazu gehört, den Betrug zu durchschauen. Eine solche Leistung interessirter Orientalen ist denn auch höchst wahrscheinlicherweise die angeblich im Jahre 326 erfolgte Auffindung des Kreuzes Christi in Gegenwart der heiligen Helena, der Mutter Constantin’s, gewesen, wenn die Geschichte nicht gar blos eine der üblichen Mönchsfabeln zur Auffrischung des Glaubens ist. Denn was die Erzählung höchst verdächtig macht, ist, daß kein gleichzeitiger Schriftsteller des Fundes erwähnt. Der berühmteste Kirchenschriftsteller jener Zeit, Eusebius († 340), der die Kreuzerscheinung Constantin’s so ausführlich beschreibt, übergeht die wunderbare Kreuzfindung mit Stillschweigen; ein ungenannter Pilger aus Bordeaux, der nur sieben Jahre später (333) die Stätten der Leiden Christi besucht und ausführlich beschrieben hat, weiß kein Wort von dem neuerdings gemachten hochwichtigen Funde.

Erst mehr als fünfzig Jahre später, um die Zeit des Todes der Kaiserin-Mutter, treten die ersten Mittheilungen auf, und mögen nun die bezüglichen Nachrichten und Reden des heil. Cyrillus, Ambrosius, Rufinus u. A. echt oder untergeschoben sein, bezeichnend genug für den mystischen Charakter der Angelegenheit ist schon ihre abweichende Darstellungsweise. Der heil. Ambrosius, welcher das Wunder 395 in einer officiellen Leichenrede (auf Kaiser Theodosius) verherrlichte, läßt das Kreuz Christi sogleich an der auf demselben befindlichen und jetzt theilweise in Aachen gezeigten Inschrift von den beiden anderen unterscheiden. Die Kirchenhistoriker Rufinus und Sozomenos berichten dagegen, die Tafel sei abgerissen gewesen, und man habe durch das bekannte physikalische Experiment mit der kranken Frau, die auf dem Missethäterkreuze kränker, auf dem des bekehrten Sünders etwas besser und auf demjenigen Christi ganz gesund wurde, die Sache entscheiden müssen. Wie wunderbar, daß sich von dem Galgenwalde Golgathas gerade diese drei Kreuze, die doch ebenso wenig mit Quecksilber durchtränkt waren, wie die anderen, allein dreihundert Jahre lang im Schutte unvermodert erhalten haben! Von dem Kreuze Christi wäre das der gläubigen Zuversicht angemessen, denn das Holz dazu ist nach alter Sage im Paradiese gewachsen und schon im Tempel Salomonis als Bauholz verwendet gewesen, allein das Kreuz des starren Sünders verdiente doch gewiß kein Privilegium gegen die Holzmaden.

Das Kreuzholz des gläubigen Schächers thut natürlich Wunder wie dasjenige Christi selber, und in dem Aachener Stifte wie anderswo fehlt auch nicht Holz vom Kreuze des „heiligen Räubers“, wie ihn der christliche Festkalender nennt. Soll ich eine Hypothese wagen, die alle diese Sonderbarkeiten und Widersprüche der Kreuzfindungsfrage erklären würde, so ist es folgende.

Im Jahre 326, als Helena das heil. Grab besuchte, hatten die Hüter desselben ihr zu Ehren eine kleine Ueberraschung vorbereitet. Man fand „ganz zufällig“ in ihrer Gegenwart die drei Kreuze. Allein bei der Ausgrabung und den dazu gehörigen obligaten Wundern kamen einige Schnitzer und Unregelmäßigkeiten vor; es wurde aus der Schule geschwatzt, und das Mysterium endigte als mißglückter Puff. Die Spötterei der Augenzeugen erklärt am besten, weshalb sowohl Eusebius wie der Pilgrim von Bordeaux es für das Beste gehalten haben, über die Geschichte zu schweigen. Fünfzig Jahre später, als die Mitwisser und Augenzeugen todt waren, konnte man ungescheut Sache und Personen mit den Heiligenscheinen versehen, welche den Augen der Mitlebenden fast immer verborgen bleiben.

Mag es sich nun hiermit übrigens verhalten, wie es will, Thatsache ist, daß am Ende des vierten Jahrhunderts bereits über alle Welt Splitter vom „wahren“ Kreuze Christi verbreitet waren. Jeder Christ, der es bezahlen konnte, suchte damals, wie der heil. Chrysostomus erzählt, ein kleines Stück desselben zu bekommen, um es, mit Gold und Edelsteinen eingefaßt, als sogenanntes Pectoralkreuz am Halse oder auf der Brust zu tragen, das beste Schutzmittel und Amulet gegen jede böse Anfechtung. Das Stift in Aachen hat nahezu ein Dutzend solcher Splitter zum Theil ansehnlichen Umfangs zusammengebracht, jedenfalls in der Voraussetzung, daß, wenn der eine vielleicht nicht ganz echt, doch der andere es sein könnte. Merkwürdig genug wurde der Stamm des Kreuzes zu Jerusalem dadurch nicht kleiner, und schon im vierten Jahrhundert machte der Presbyter Paulinus, dieser kleine Schäker, den Witz, es wachse vermöge seiner Heiligung und Unsterblichkeit immerfort nach, also um so schneller, je mehr man davon abschnitt. Dürfte man mehrere Stücke, z. B. blos die des Aachener Schatzes, mikroskopisch untersuchen, so würde man vielleicht alle Holzarten des Morgen- und Abendlandes finden, bis auf das durch Hutten’s Krankheit und Buch berühmt gewordene Guajakholz aus Amerika, welches eine Zeitlang als „heiliges Kreuzholz“ besonders gefeiert wurde. Die oft sehr humoristische Legende berichtet denn auch, daß das Kreuzholz aus drei verschiedenen Baumarten „zusammengewachsen“ sei.

Neben dem Klaftern und Schiffsladungen verschlingenden heiligen Holzhandel zu Jerusalem wuchs das Geschäft mit alten Knochen und Lumpen allmählich zu einer staunenswürdigen Höhe. Die Orientalen und Anwohner der heiligen Stätten müßten ja Engel gewesen sein und den ihnen angeborenen Handelstrieb gänzlich erstickt haben, wenn sie von dem Wahnsinne und der Reliquiensammelwuth des Abendlandes nicht hätten den entsprechenden Nutzen ziehen wollen. Man bot ihnen ja, was sie irgend fordern konnten.

Wie auf der Wiener Weltausstellung türkische Händler (Mohamedaner) ein glänzendes Geschäft mit Rosenkränzen, Kreuzen, Sträußen und anderen Reliquien aus dem heiligen Lande machten, wie zu Berlin das Hauptgeschäft mit Christus- und Marienbildern sich in den Händen mosaischer Trödler (am Mühlendamme) befindet, so scheuete man sich damals noch viel weniger, Reliquien von Andersgläubigen zu kaufen. Ich erlaube mir hier keine Kalauer: das berühmteste Heiligthum des Aachener Kleiderschranks, das Kleid, in welchem die Gottesmutter den Weltheiland gebar und welches an der Brust mit Milchflecken beschmutzt ist, leitet sich aus einer so verdächtigen Quelle her. Freilich wurde es, wenn dieses Gewand dasselbe ist, von dem ein alter Kirchenschriftsteller berichtet, der Judenfamilie, die es mit größter Andacht auf einem Dorfe in Galiläa verehrte und den Gläubigen (ohne Entrée?) ausstellte, um’s Jahr 451 von zwei ehemaligen Arianern, nicht abgekauft, sondern gestohlen. Es wurde nämlich als ein großes Verdienst angesehen, Reliquien zu stehlen, wenn sich dieselben in den Händen der Ungläubigen befanden, seien es auch solche gläubige Ungläubige, wie diese Juden.

Unsere bekehrten Arianer ließen sich in Jerusalem ein Kästchen anfertigen, dem ganz ähnlich, in welchem die Reliquien den Pilgern gezeigt wurden, kehrten, dasselbe unter dem Mantel verbergend, zurück, bewerkstelligten den Tausch mit geübter Hand und kamen mit ihrer Beute wieder nach Byzanz, wo sie Kaiser Leo mit seiner Gemahlin Verina selig pries und ob der großen That mit fast „abgöttischen Ehren“ überhäufte.

Ob später vielleicht Agenten der lateinischen Kirche das Heiligthum der oft verfluchten griechischen Secte nochmals auf demselben anstandslosen Wege „abgeschenkt“ haben, um es in der würdigeren Reliquienkammer zu Aachen beizusetzen, ist unbekannt; die Geschichte ist aber ein köstliches Musterstück für Tractätlein. Wir werden im folgenden Aufsatze sehen, daß die Principien des Reliquienhandels im Allgemeinen diesem Probestücke gleichen und daß Kirchenlichter mit cynischer Offenheit erklären, daß Betrug und Schwindel den Werth und die Wirksamkeit der von der Kirche geweiheten Reliquien nicht beeinflussen können.



[711]
Deutschlands Corinna.


Es war im Herbste 1866, als ich auf der Heimreise aus der Schweiz von einem Stuttgarter Freunde eingeladen wurde, den Abend in seiner Familie zu verleben. Ich nahm die Einladung in der Voraussetzung an, nur meinen Freund mit den Seinigen zu treffen, und war nicht wenig überrascht, eine auserlesen glänzende Vereinigung der bedeutendsten Männer und der anmuthigsten Frauen Stuttgarts zu finden: Künstlerinnen, Dichter, Schriftsteller und Beamte.

Leicht und ungezwungen floß die quellsprudelnde Unterhaltung, bald scherzhaft heiter, bald ernst gelehrt, und kaum ist mir ein Abend anregender dahin geschwunden, wie jener.

Dies verdankten wir vorzugsweise einer außergewöhnlichen Frauenerscheinung, die, eine angehende Fünfzigerin und etwas unter Mittelgröße, durch ihr imponirendes, einnehmendes und bewegliches Wesen, wie durch ihre ausdrucksvolle und sympathische Stimme auffiel, und deren tiefdunkle Augen sich die zündende Gluth früherer Jahre vollständig bewahrt hatten. Ihren Namen – Frau Professor Pierson – hatte ich beim Eintritte nur flüchtig gehört und dachte nicht daran, daß ich es hier mit einer Berühmtheit zu thun habe. Durch die Gewandtheit ihrer geistvollen Unterhaltung zog sie jedoch bald genug auch meine Aufmerksamkeit auf sich.

Die verständnißvolle Wirthin, die man für eine Schwester jener interessanten Frau halten konnte, da ihre dunklen Augen die südliche Gluth der Pierson’schen theilten, hatte für einen Augenblick neben derselben Platz genommen. Frau Pierson’s Hand in der ihrigen haltend, lauschte sie der immer lebhafter sich gestaltenden Unterhaltung, welche sich um das Liederbuch des Hymnologen A. Knapp drehte. Einige Mitglieder der Gesellschaft pflichteten dem berüchtigten verurtheilenden Ausspruche über Goethe in Knapp’s „Christoterpe“ bei und suchten die Behauptung zu erweisen, Goethe verderbe die Jugend.

Unsere Wirthin ergriff das Wort: „Meine Herrschaften, es ist Ihnen wohl Allen zur Genüge bekannt, daß meine berühmte Freundin hier als Deutschlands Corinna gepriesen wird. Wie wäre es daher, wenn wir sie ersuchten, von ihrem Talente eine Probe zu geben und sich unparteiisch – wie mein Mann immer sagt: sine ira et studio – zu erklären, ob auch sie die Lectüre Goethe’s für die Jugend verwerflich halte; ihr Richterspruch soll letztinstanzliche Entscheidung der Meinungsverschiedenheit sein. Sind Sie zufrieden?“

„Gerne zufrieden,“ jubelten die aus peinlicher Situation erlösten Gäste.

„Damit wir es unserer Corinna nicht zu leicht machen,“ setzte unsere Wirthin hinzu, „so möge sie ihr Urtheil in Form einer Epistel an ihren Sohn richten, an den hoffnungsvollen Studenten der Medicin dort, den ich längst in seiner begeisterten Unterhaltung mit seiner Nachbarin hätte stören sollen.“

Ohne Widerrede ergriff die nunmehr als Deutschlands Corinna eingeführte Frau Professor Pierson unter einer leichten anmuthsvollen Verbeugung das Wort:

 An meinen Sohn.

Was auch von Goethe ich gelernt,
     Nie hat es mich von Gott entfernt,
Denn jedes seiner Worte weist
     Schon durch sich selbst den heil’gen Geist.
Lies, Sohn, in allen Lebenslagen
     Im grünen Buche der Natur!
Horaz, Homer! Doch lasse nur
     Auch stets den Goethe aufgeschlagen!
Trägt Schiller Dich zum Sternenzelt,
     Zeigt Goethe Dir die bunte Welt:
Und Jeder muß sich doch bequemen,
     Die Welt – so wie sie ist – zu nehmen.“

Nach dieser geistvollen Leistung war es mir klar: die geniale Frau Professor Pierson mußte ein und dieselbe Person wie Caroline Leonhardt-Lyser sein. Und ich hatte mich nicht geirrt.

Ich stelle sie weit über die Karschin und behaupte, daß bei ihrer Beurtheilung ohne Scheu ein ganz außerordentlicher Maßstab angelegt werden darf. Nicht sowohl ist es die Conception der Form und die Technik des Improvisirens, wie vielmehr der Geist, den sie der Form einzuhauchen weiß: der durch das Medium des Herzens hindurchgegangene und verinnerlichte tiefe Gedanke, den sie blitzartig mit der schönen Form zu umkleiden versteht. So nur ist es zu erklären, daß viele ihrer Improvisationen nicht bloße flüchtige Producte einer reimgeübten Dichterin sind, sondern – es ist nicht zu viel gesagt – poetische Erzeugnisse echter Begeisterung. Nord- und Mitteldeutschland ist arm an solchen Stegreifdichtern und ‑Dichterinnen. Unser norddeutsches Klima scheint eben nicht sonderlich dazu angethan, Naturen in großer Fülle zu erzeugen, die innerlich lodern und brennen wie feuerspeiende Berge, und die bei jeder Veranlassung Dithyramben flammen, Sonette und Ghasele regnen oder makamenartige Märchen convulsivisch produciren, wie man es beim feurigen Volksgeiste südlicher Völker wohl öfters findet. Die deutsche Sprache – schwer, gemessen, ernst, nüchtern, mannigfach in ihren Reimen, arm an Wörtern eines Klangs, nach Correctheit und Bestimmtheit des Ausdrucks ringend – ist eine widerspenstige Brunhilde, die sich nur gezwungen der Kunst des Improvisators beugt, ja, die nicht selten durch ihre Begriffe fordernde kühne Selbstständigkeit die Pläne des Meisters kreuzt, so routinirt derselbe in Hinsicht auf Phantasie und Gedächtniß und so imponirend auch immer sein Vorrath an Reimen und poetischen Floskeln sein mag. Dazu kommt noch, daß der Deutsche die Entfaltung des Improvisators auch nicht im Entfernten ermuthigt. Er verhält sich ihm gegenüber ablehnend, kritisch, überbedachtsam, und sträubt sich dagegen, die Poesie so ohne Weiteres in ihrer vollsten Unmittelbarkeit, in ihrem Naturzustande entgegen zu nehmen. Es reizt ihn zwar, den aller Hülfsmittel beraubten, völlig wehrlosen, nur mit seinem inneren Reichthume ausgestatteten Improvisator sich ängstlich winden zu sehen, oder aber denselben im Hervorsprudeln von Gedanken und Bildern anzustaunen; aber er ist dann rasch fertig, die Kunst des Improvisators für Spielerei und geistige Seiltänzerei zu erklären, und dessen Gaben für leichte, unreife, gehaltlose Producte zu nehmen.

– Inzwischen hatte uns unsere Wirthin ein Poesie-Album mit zwei improvisirten, unverändert gebliebenen Sonetten der Frau Leonhardt-Pierson vorgelegt, zu welchen König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen den Stoff angegeben hatte. Das Thema war: „1) Sonett: Tasso an Leonore, den Frühling schildernd und seine Liebe gestehend; 2) Sonett: Leonorens Antwort mit Hindeutung auf ihren Stand; beide Sonette sollen sich verhalten wie Brief und Antwort.“

Frau Pierson lehnte es ab, uns diese Sonette vorzulesen. Dann aber erhob sie sich lächelnd mit den Worten: „Das wäre mir eine schöne Improvisatrice, bei welcher ein so guter Stoff nicht den Entschluß zu einer neuen That hervorriefe,“ und mit ergreifender Accentuation und Modulation begann sie:

 Tasso an Leonore.

Warum ich, Hohe, Dir dies Blättchen sende?
     Der Frühling strahlt, drum darfst Du so nicht fragen.
     Mit frischen Rosen soll’s der Zephyr tragen
     In Deine Laube, Deine zarten Hände.

O, daß der süße Frühling nimmer schwände,
     Fort töneten der Nachtigallen Klagen
     Gleich bunten Märchen aus den goldnen Tagen,
     Daß ich im Haine hier den Feenstab fände;

Gedanken, liebevoll Dir zugewendet,
     Sie webte ich für Dich zum Netz, zum zarten,
     Sie hielten Dich, wo Du auch wärst, umsponnen.

Was Sehnsucht, Lieb’ und Treu’ in mir bewahrten,
     Erblühte jetzt im Lenz, würd’ reif, vollendet,
     Und stets bei Dir lebt’ ich in ew’gen Wonnen.“

Die geistvolle Frau ließ sich durch den unterbrechenden Beifall nicht stören und fuhr schlagfertig fort:

[712]

 Leonorens Antwort.

Jüngst träumte ich: ich stieg aus blauen Wellen
     In einem zarten, silbernen Gewande;
     Ein mächtig Sehnen zog mich hin zum Lande,
     Obgleich ich war die Königin der Quellen.

Wär’ ich’s, wie manche Nacht wollt’ ich erhellen,
     Wie milde lösen schwere, feste Bande;
     Nur Lieb’ und Reinheit nähm’ ich an zum Pfande,
     Wer etwas bei der Nixe wollt’ bestellen.

     Dann würd’ ich in verschiedenen Gestalten
     Bald Schäferin, bald Elfe Dir erscheinen,
     Damit ich Dir nicht immer Fürstin bliebe.

Doch Traumbild war’s. Es ist nicht festzuhalten:
     Der Fürstensaal gleicht nicht den Feeenhainen:
     Zu schön für diese Welt ist – Dichters Liebe.“

Wir erhoben uns, um unserer Anerkennung, Bewunderung und Dankbarkeit einen Ausdruck zu geben. Nunmehr drehte sich die ganze Unterhaltung nur noch um Frau Pierson. Unsere freundliche Wirthin hatte mir gegenüber Platz genommen. Man drückte das Bedauern aus, daß über das Leben der berühmten Frau so wenig Authentisches bekannt geworden sei, daß man z. B. nicht einmal das Geburtsjahr derselben kenne. Mit einem Ohre nach der Improvisatrice hinhörend, schlug unsere Wirthin rasch ihr Album auf und deutete nach dem Blatte, wo über den beiden Tasso-Sonetten die Bemerkung stand: Improvisirt von Caroline Leonhardt, geboren am 6. Januar 1814 in Zittau. „Warten Sie, meine Freunde!“ unterbrach sie sich sodann mit so lauten Worten, daß Frau Pierson, im Sprechen innehaltend, zu ihr hinüberlauschte, „meine Freundin kann keine Bitte abschlagen; gewiß wird sie uns die Freude bereiten, etwas aus ihrem reichen Leben zu erzählen; wir werden bei dieser Gelegenheit hoffentlich auch Einiges von ihrem Gatten, dem genialen Pierson, zu hören bekommen.“

Nach einigem Zögern begann Frau Pierson: „Ich bin die Tochter des sächsischen Hauptmanns Leonhardt. Kurz nach meiner Geburt starb meine Mutter; mein Vater, der wieder heirathete, erlag bald seinen im russischen Feldzuge erhaltenen Wunden. Meine Stiefmutter heirathete den sächsischen Hauptmann Dreverhoff, und ich hatte nunmehr zur Stiefmutter auch den Stiefvater erhalten. Ich erinnere mich aus meinem zwölften Lebensjahre, wie sich mein sogenanntes Improvisationstalent gelegentlich einer Schulprüfung bei Declamation eines Gedichts verrieth, als ich eine ganze Strophe unvorbereitet aus eigener Phantasie einlegte, ohne nur einen Augenblick schüchtern oder verlegen zu werden. Zur Rede gesetzt, entschuldigte ich mich mit mangelhaftem Gedächtnisse und mußte dann bekennen, daß diese Strophe von mir selber sei. Von nun an gab mir der Lehrer einige dürftige Anleitung im deutschen Versbau, und ich schrieb viele Verse, die nicht so ganz mangelhaft gewesen sein können, da einige derselben gewürdigt wurden, auf dem Staatsarchive zu Zittau aufbewahrt zu werden. Meine Verwandten verhielten sich meiner Neigung gegenüber mehr apathisch als aufmunternd – antipathisch ist vielleicht das bezeichnende Wort. Sie wollten von einen dichtenden Mädchen nichts wissen, weshalb ich meine Gedichte, Märchen, Novellen meist hinter ihrem Rücken schrieb. Zuletzt wandte ich mich nach Dresden, wo mich der unvergeßliche Friedrich Kind in literarische Kreise einführte, mir die nöthige Unterstützung und Anregung für Vertiefung meiner Bildung gewährte und mir namentlich eine weitgehende Perspective in die Gesetze der Prosodik und Metrik eröffnete.“

„Erhielten Sie von Kind regelrechten Unterricht in der deutschen Poetik?“ fragte ich höflich unterbrechend.

„Dies nicht. Nur gelegentlich sprach er mit mir über diese und jene Form, aber er lieh mir doch die Werke, die mir Aufschluß geben konnten, besonders Eschenburg’s ‚Theorie der schönen Wissenschaften‘. Nachdem in meinem zwanzigsten Lebensjahre – 1834 – meine Jugendgedichte unter dem Titel ‚Liederkranz‘ erschienen, schrieb ich fünf Jahre später die kurze Biographie der Improvisatrice Louise Karschin, und hierdurch wurde die Lust in mir rege, mich öffentlich, wie ich es ja privatim so oft mit Erfolg gethan, als Stegreifdichterin zu bethätigen. Mein Entschluß war ein Wagniß. Es gährte heftig in mir. Friedrich Rückert, der in jener Zeit im Zenith seines Ruhmes stand, schien der einzige Mann zu sein, von dem ich mir Raths erholen konnte. An ihn wandte ich mich. Er sollte mir sagen, ob mein Entschluß einer Dichterin unwürdig, ob er unpassend oder unweiblich sei. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich die Antwort, daß Rückert die Ausbildung eines solchen Talents für Pflicht halte, daß er 1817 in Rom die berühmte Rosa Taddei mit vieler Erbauung gehört habe und daß seiner Meinung nach gerade eine Frau besonders geeignet sei, den Eingebungen des Augenblicks zu folgen und eine Gabe auszubilden, bei welcher das Gefühl das Wesentliche sei. Der Rubicon lag hinter mir. Kaum hatte ich Rückert’s Brief erhalten, als ich ohne Aufenthalt nach Erlangen abreiste, um meine Leistungen dem Urtheile des großen Dichters und des letzten Classikers unserer Tage zu unterstellen.“

„Das war wohl im Februar 1840?“ fragte ich.

„Ganz recht; aber woher wissen Sie das so genau?“

„Ich erinnere mich, in einem Briefe Rückert’s an seinen Freund Scheler gelesen zu haben, daß ihm eine debütirende ‚gewaltige Improvisatrice‘ in jener Zeit einmal etwas vorimprovisirt habe.“

„Einmal?! Mehrere Tage hintereinander habe ich Rückert’s Aufgaben gelöst, ich darf wohl ohne unbescheiden zu sein sagen, zu seiner begeisterten Zufriedenheit gelöst. Er hatte eine gründliche Prüfung mit mir angestellt; in allen Rhythmen und Formen hatte er meine Kunst versucht, bis er mir den Ritterschlag mit den Worten ertheilte: ‚Gehen Sie hin, meine Liebe! Sie werden eine Zukunft haben.‘“

„Diese Beurtheilung flößte Dir Vertrauen ein,“ sprach die Jugendfreundin,“ während sie wieder in ihrem Poesie-Album blätterte und dasselbe mir aufgeschlagen über den Tisch reichte. „Mit Stolz,“ so fuhr sie fort, „erfüllte meine Freundin besonders dieses bis heute völlig unbekannt gebliebene hochinteressante Gedicht Fr. Rückert’s, das der Dichter bei ihrer Abreise aus Erlangen flüchtig auf’s Papier warf.“

Ich ergriff das dargereichte Buch und las:

 An Caroline Leonhardt-Lyser.
Der erste Dichter, der die Welt entzückte, war
Gewiß ein Stegreifdichter, dem, vom Geist bewegt,
Unvorbereitet von der Lippe floß das Wort.
Lang vor Homer hat Orpheus, um Eurydice
Beseelte Saiten rührend mit Stegreifsgesang,
An’s Thor der Hölle, das nicht widerstand, gepocht.
Und weil zum Anfang wieder nur das Ende kehrt,
So wird zur Stegreifdichtung unsre Dichtung auch
Einst wiederkehren, wenn ich prophezeien kann.
Nicht aus dem Stegreif heute, sondern sattelfest
Im Flügelroß, auf welches mich Begeist’rung hob,
Richt’ ich des Loblieds goldnen Pfeil, den tönenden,
Auf eine Stegreifdichterin, und preise Dich,
Corinna Deutschlands! – ich, der erste Dichter nicht,
Noch auch der letzte, Dich, die letzte nicht, jedoch
Gewiß die erste deutsche Stegreifdichterin.“

Man betrachtete noch das von Platz zu Platz wandernde Poesie-Album, als Jemand der Wirthin die Frage zuflüsterte, ob der Name Lyser, den die Ueberschrift des Gedichtes nenne, fingirt, oder ob Frau Pierson schon einmal verheirathet gewesen sei.

Die Wirthin legte den Finger auf den Mund. „Lassen Sie sich ja nicht einfallen, eine ähnliche Frage an meine Freundin zu richten!“ sagte sie in halblautem Tone; „meine Freundin spricht nie von ihrer ersten Ehe, von der ich weiß, daß sie eine sehr unbefriedigende gewesen ist. Ihr erster Mann war der bekannte Novellist J. P. Lyser (geboren in Flensburg 1804). Schon nach wenigen Jahren wurde die Ehe wieder gelöst. Die beiden Töchter, die derselben entsprossen, wurden von ihrem zweiten Manne, Pierson, adoptirt. Die hierauf bezüglichen Privatverhältnisse sind für die künstlerischen Leistungen meiner Freundin ohne Bedeutung. Lassen Sie uns darüber schweigen und die Sache übergehen! Hat ja doch auch die deutsche Presse bei dem Tode Lyser’s in tactvollster Weise die Motive dieser Ehetrennung übergangen. Lyser, über den Sie in Literaturgeschichten das Wesentliche finden, hat übrigens Manches zur Verbreitung des Ruhmes seiner Frau beigetragen.“

„Und wohin wandten Sie sich von Erlangen?“ fragte Einer aus der Gesellschaft die liebenswürdige Improvisatorin, und diese fuhr fort:

[713] „Ermuthigt durch das glänzende Zeugniß Rückert’s, trat ich 1840 bis 1843 nacheinander in Wien, Berlin, Dresden, Hamburg, Leipzig, Prag, Pest, Frankfurt am Main mit kaum geahntem Erfolge auf, was zur Folge hatte, daß ich fast an alle Höfe gezogen wurde. So hörte mich zum Beispiel im Juni 1843 die Königin von England im Buckingham’ Palace, im Juli desselben Jahres König Leopold von Belgien in Brüssel etc. Ein Jahr später heirathete ich den bekannten Componisten Henri Hugo Pierson, wodurch meine kurze Laufbahn als Improvisatrice schon wieder ihren Abschluß erhielt. Der Wille meines Mannes, Kränklichkeit, spätere Sorgen für meine zahlreiche Familie nöthigten mich, das öffentliche Auftreten zu unterlassen. Auch ordnete ich als gefügige Gattin meine Kunst gern der meines Mannes unter – meinen Namen dem seinigen. Was thut man nicht Alles für einen theuren Mann!“

„Aber sagen Sie,“ unterbrach ich die verehrte Frau, „was war es denn, das den gefeierten Componisten Pierson, der doch von Geburt ein Engländer war, an Deutschland fesselte?“

„Und Sie können noch fragen?“ belehrte mich mit strafend emporgehobenem Finger die resignirt gewordene Wirthin; „dort ist der Magnet! Nachdem Pierson, dieser herrliche Künstlertypus mit den langen, braunen Künstlerhaaren, mit dem männlich freundlichen Blicke, mit den gewinnenden Manieren, mit der wohlklingenden, fast gesangartigen Stimme, meine Freundin – um mit Wieland zu sprechen – als seine zweite Hälfte erkannt hatte, war ihm mit der Gattin Deutschland zur zweiten Heimath geworden. Und er hat seinen Entschluß nie bereut. Erblühte ihm doch in Deutschland das schönste Eheglück,“ und mit dem Blicke nach dem oben erwähnten Musensohne sich wendend, setzte sie hinzu, „und der lieblichste Ehestandssegen.“

„Wie gut Du zu schildern verstehst!“ sagte Frau Pierson in herzlichem Tone. „Du erinnerst mich aber auch an meine Verpflichtung, dem Geliebten heute noch eine Zeile zu schreiben. Und dazu – sollte ich meinen – wäre es nunmehr die höchste Zeit. Ohnehin sind wir am Schlusse meiner Selbstbiographie angelangt.“

Sich erhebend, deutete sie mit dem Finger nach dem großen Regulator, der auf ein Uhr zeigte. Sie grüßte nach allen Seiten – und verschwand am Arme der Freundin im Nebensalon.




Acht Jahre sind seit jenem denkwürdigen Abende verflossen, an welchem ich zur Corinna Deutschlands in freundliche, seither nicht unterbrochene Beziehung trat.

Die treffliche Frau Pierson verlor inzwischen ihren Gatten, mit dem sie abwechselnd in Wien, Mainz, Würzburg, Stuttgart und Hamburg gelebt. Ein Herzschlag endete sein Leben am 27. Januar 1873. Seine dem Hohen und Idealen zugeneigte Künstlerseele wurde heimgetragen in das Reich ewiger Harmonie. Dem zu früh Verstorbenen hatte die Gattin ihr Leben, ihr Streben, ihre Liebe geweiht, weshalb sie seit ihrer Verheirathung nicht wieder öffentlich auftrat. Auch hat sie bei keiner Gelegenheit – außer der ebenerwähnten in Stuttgart – wieder improvisirt, so daß das obige zum ersten Male von uns mitgetheilte Gedicht „An meinen Sohn“ die Bedeutung der allerletzten Improvisation der Corinna Deutschlands beanspruchen darf.

Während ihrer Ehe mit ihrem zweiten Manne war sie schriftstellerisch nicht unthätig. Ehrlich hat sie nach der Palme des Ruhmes auf literarischen und dichterischen Gebieten gerungen, und die Fülle wie der Gehalt ihrer zu Tage geförderten Leistungen berechtigt uns, sie zu den begabtesten Dichterinnen der Gegenwart zu zählen. Ihre Lieder und Operntexte wurden von den bedeutendsten Componisten in Musik gesetzt, ihre Kinderschriften hochgeschätzt und von Pädagogen empfohlen; im Märchen und in der Sage hat sie ebenso viel Begabung an den Tag gelegt, wie in Journalaufsätzen; ihre Novellen und Romane zeichnen sich durch Einfachheit der Schilderung und der Sprache, sowie durch verständnißvolle, psychologische Motivirung und spannende, lebensvolle Handlung aus. Auch ihr dramatisches Gedicht „Meister Albrecht Dürer“ trug ihr mannigfache Anerkennung ein. Zahlreiche Briefe von Alexander von Humboldt, dem König Ludwig dem Zweiten von Baiern, Tieck, Saphir, Meyerbeer, Reissiger, Marschner und Anderen bezeugen das Ansehen, dessen sie sich mit Recht erfreute. Marschner, ebenfalls ein geborener Zittauer, war übrigens, obwohl bedeutend älter, ihr aufrichtiger Freund von ihrer Jugendzeit an, und ist es stets geblieben.

Die Publicationen der letzten Jahre ließ die Dichterin pseudonym erscheinen, und doch sind sie so gehaltvoll, daß sie, wie ja auch deren Aufnahme bewies, ihren früheren Ruhm erhöht haben würden. Ein an mich gerichteter, sehr interessante Aussprüche Fr. Rückert’s enthaltender Brief giebt den Grund dieser Pseudonymität an. Ich theile denselben mit, da ich mich des berühmt gewordenen Wortes von Buffon erinnere: le style c’est l’homme, und es von Werth sein dürfte, den Briefstil unserer Dichterin kennen zu lernen:

„… So Viele begreifen meine Liebe zur Einsamkeit und stillen Verborgenheit nicht ganz. Es mag sein, daß ich, namentlich meiner Familie gegenüber, nicht ganz Recht hatte, Vieles anonym und pseudonym herauszugeben; aber ich finde, man schreibt viel unbefangener, wenn es mit dem Gedanken geschieht: Niemand kennt Dich als Verfasserin, wenn er Dein Buch in die Hand nimmt. Dann befolgte ich in meinem Verfahren auch den Rath des verehrten Fr. Rückert. Als er – es war im Sommer 1841 in Neuseß – meinen ‚Albrecht Dürer‘ gelesen hatte, fragte er, die schönen durchdringenden Augen fest auf mich richtend: ‚Und in wie langer, wollte sagen kurzer Zeit haben Sie dieses dramatische Gedicht niedergeschrieben?‘ Als ich der Wahrheit gemäß geantwortet, sagte er: ‚Hören Sie meinen Rath: Schweigen Sie darüber! Nehmen Sie sich ein Beispiel an O. L. B. Wolff! Dieser gelehrte Mann kann schreiben, was er will, es wird immer Krittler geben, die von vornherein seine Bücher mit dem Gedanken zur Hand nehmen, daß sie nur flüchtige Erzeugnisse einer leichtfertigen Muse vor sich haben. Es giebt bei unserer herangebildeten Sprache so viele seichte Reimer, daß der schöpferische Dichter-Improvisator von Nichtkennern oder von neidischen Krittlern leicht für einen Reimer gehalten wird. Daß es unter den Dichtern einzelne Naturen giebt, die weise handeln, wenn sie, gehörige allgemeine Bildung vorausgesetzt, der Eingebung des Augenblicks folgend, aussprechen oder niederschreiben, was eben der Augenblick ihnen eingiebt, verstehen nur Wenige.‘ Diesen Rath habe ich als einen wohlgemeinten und weisen mir zu Nutze gemacht. Es ist mir eine so große Freude, die Gebilde meiner Phantasie als Novellen oder Romane, als Sagen oder Märchen zu gestalten, daß ich gern auf irgend ein artiges, anerkennendes Wort verzichte, welches mir vielleicht dann und wann gesagt werden könnte, wenn die meine Bücher lesenden Bekannten wüßten, daß ich sie geschrieben habe. …“

An dieser Stelle mache ich von einer Ermächtigung der Frau Pierson Gebrauch, indem ich dem Publicum zum ersten Male enthülle, daß der viel gelesene Roman „Die Unbekannte“, sowie die sämmtlichen Romane „Vom Verfasser der ‚Unbekannten‘“ der Feder unserer Caroline Leonhardt-Pierson entstammen.

Seit dem Tode ihres Gatten lebt sie, ernst und schweigsamer als je, bald bei ihren drei Söhnen und einer geliebten, noch unverheiratheten Tochter in Dresden, bald bei ihrer Tochter in Augsburg, mit der Sammlung ihrer lyrischen Gedichte beschäftigt.

Dr. C. Beyer.



Die Taufe „Friedrich’s des Großen“ in Kiel.


Die am 20. September dieses Jahres durch den ersten Kaiser des wiedererstandenen deutschen Reichs vollzogene Taufe des ersten eisernen, auf einer deutschen Kriegswerft erbauten Panzerschiffs hatte für Deutschlands Volk und Flotte hervorragende Bedeutung. Ist doch auch der Boden, auf dem der Weiheact stattfand, ein historischer. Denn hier befand sich die von der provisorischen Regierung Schleswig-Holsteins 1848 angelegte erste deutsche Kriegswerfte.

Noch jetzt sind die halbverfallenen Schuppen und die alte Helling der damaligen Anlage vorhanden, nur wenige Schritt {{ [714] von den großartig angelegten massiven Hellingen des im Bau begriffenen Marine-Etablissements entfernt. Neben diesen Schuppen, an der alten Chaussee, die vom Dorfe Gaarden nach dem Fischerdorfe Ellerbeck führte, sieht man eine Reihe stattlicher Pappeln, welche bei der Gründung des schleswig-holsteinischen Schiffbauplatzes von einem Capitain der damaligen deutschen Flotte gepflanzt wurden. Wie diese Pappeln in den fünfundzwanzig Jahren heranwuchsen, daß man jetzt in ihrem Schatten Schutz finden kann, ist auch die deutsche Flotte aus ihren damaligen unscheinbaren Anfängen zu stattlicher Größe emporgeblüht, Schutz und Schirm bietend dem deutschen Handel, dem deutschen Bürger im Auslande.

Es waren nur kleine hölzerne Ruderkanonenboote von etwa achtzehn Meter Länge und ein bis zwei Geschützen, welche aus freiwilligen Beiträgen ganz Deutschlands in Kiel, Hamburg und anderen Küstenplätzen für die Regierung Schleswig-Holsteins 1848 bis 1849 erbaut wurden. Doch gesellten sich bald ein Paar größere Schiffe hinzu: das eiserne, in Kiel erbaute Schraubendampfkanonenboot „Von der Tann“ und der „Barbarossa“, ein von der damaligen deutschen Centralgewalt erworbener und für Kriegszwecke in Bremerhafen umgearbeiteter Post-Raddampfer. Der „Von der Tann“ bestand einige ruhmreiche Gefechte gegen die Dänen, mußte aber, von Uebermacht gedrängt, in die Neustädter Bucht flüchten, wo er von dem Commandanten auf Strand gesetzt und verbrannt wurde, damit er nicht in die Hände der Dänen fiele. Der ruhmreiche Tag von Eckernförde, der 5. April 1849, brachte der jungen Flotte einen neuen Zuwachs in der zur Capitulation gezwungenen dänischen Fregatte „Gefion“.

Leider nahm die kleine deutsche Flotte, wie bekannt, ein rasches unglückliches Ende unter dem Auctionshammer im Frühjahre 1852. Aber ihr Andenken wird in Deutschland unauslöschlich sein. Denn in ihr verkörperte sich zum ersten Male der in jedem Deutschen fast unbewußt schlummernde Gedanke an eine Machtstellung zur See. Sie rief die Erinnerungen wach an die Zeiten des meerbeherrschenden Hansabundes, an die Zeiten, wo deutsche Bürgermeister an der Spitze von Flotten in Kopenhagen Könige absetzten und Frieden dictirten.

Preußens König, Friedrich Wilhelm der Vierte, und sein Vetter, der in den Annalen der Marine für immer verzeichnete Prinz Adalbert von Preußen, übernahmen die Mission, die so früh geendete deutsche Flotte in einer preußischen wieder in’s Leben zu rufen. Sie durften dieses um so mehr thun, da sie dadurch ein Bestreben ihres großen Ahnherrn verwirklichten. Brandenburgs ruhmreicher Kurfürst Friedrich Wilhelm war es, der in seinen Kriegen mit Schweden ein paar Handelsfahrzeuge in Kriegsschiffe umwandelte, die vor Swinemünde mit den Schweden siegreiche Gefechte bestanden und auch reiche Prisen aufbrachten. Derselbe große Kurfürst war es auch, der an der Westküste Afrikas eine brandenburgische Colonie anlegte. Preußen baute in Folge des Krieges mit Dänemark 1849 bis 1850 in Anklam, Wolgast, Stettin, Berlin und Magdeburg eine Ruderkanonenboot-Flotille. Hierzu kamen die 1852 in der bremerhafener Auction erstandenen Schiffe der deutschen Flotte, „Barbarossa“ und „Gefion“, welche jetzt in Kiel als Kasernenschiffe stationirt sind. – Indem wir uns eine Uebersicht über die seit dem Jahre 1852 gebauten und erworbenen deutschen Kriegsschiffe bis zu einer passenden Gelegenheit aufsparen, wollen wir heute unsere Aufmerksamkeit nur dem Panzerschiffe „Friedrich der Große“ zuwenden.

Der von allen Seemächten eifrig geförderte Bau von Panzerfahrzeugen, deren Größe im Wettkampfe zwischen Panzer und Kanone alles bisher Dagewesene weit hinter sich ließ, veranlaßte auch Norddeutschland, Werften für den angegebenen Zweck anzulegen. Sowohl auf dem von Preußen käuflich erworbenen Terrain am Jahdebusen – dem jetzigen Wilhelmshaven –, wie auch in Kiel (nach der definitiven Einverleibung Schleswig-Holsteins) entstanden Marine-Etablissements. Auf diesen Werften wurde 1870 in Wilhelmshaven der Bau des Panzerthurmschiffes „Großer Kurfürst“ und im April 1871 in Kiel derjenige des Schwesterschiffes desselben, des jetzt vom Stapel gelassenen „Friedrich der Große“, begonnen.

Wie nicht anders zu erwarten, hatten diese Unternehmen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Erst nach und nach fanden sich geeignete Arbeitskräfte, die außerdem erst zum Eisenschiffbau angelernt werden mußten. Doch alle Schwierigkeiten wurden glücklich überwunden. Allmählich wuchs die Arbeiterzahl und mit derselben der Bau der Schiffe.

Welche ungeheure Arbeitsleistung bis jetzt der „Friedrich der Große“ erforderte, geht aus der Menge des verarbeiteten Materials hervor. Es wurden gebraucht circa 22,000 Centner Eisenplatten der verschiedensten Stärke, ca. 10,000 Centner Winkel- und Balkeneisen, etwa 2000 Centner Eisenniete und 900 Kubikmeter Teakholz.*[1] Die Länge des Schiffes von der Vorkante des unter Wasser liegenden Sporns bis zu der Hinterkante des Rudersteven beträgt ca. 95 Meter, die größte Breite auf dem Panzer etwas über 16 Meter und die Tiefe vom Oberdeck bis zum Kiel ca. 11 Meter. Das Gewicht der Panzerfregatte im vollständig senkbaren Zustande, also mit der Maschine von 5400 indicirten Pferdekräften, mit sechs Kesseln von je fünf Feuerungen, dem Kohlenvorrathe von ca. 12,000 Centnern, den Panzerplatten von etwa 25,000 Centnern Gewicht, mit den Geschützen der Takelage, dem Proviant, der Munition und der 500 Mann starken Besatzung – beträgt rund 135,000 Centner. Es ist dies das Dreifache des Gewichts von dem jetzt im Wasser befindlichen Schiffsrumpfe. Das gefechtsfertige Schiff wird vorn etwa 69 Decimeter, hinten 75 Decimeter tief eintauchen, während jetzt der Rumpf vorn 24 und hinten 42 Decimeter tief im Wasser liegt.

Das Schiff ist bis auf wenige Schmiedestücke, deren Herstellung in Deutschland nicht bewirkt werden konnte, aus deutschem Eisen erbaut. Ebenso ist die Maschine in einer deutschen Fabrik, der niederschlesisch-märkischen Maschinenbau-Actiengesellschaft (vormals Egells) in Berlin, im Bau begriffen. Die Panzerplatten müssen allerdings von England bezogen werden, da kein deutsches Hüttenwerk sich mit Herstellung solcher Platten befaßt.

Der Panzergürtel des „Friedrich der Große“, aus 22,5 Centimeter starken Eisenplatten und 26 Centimeter dicken Teakholzbalken bestehend, reicht vom Batteriedeck bis circa zwei Meter unter Wasser und schützt dadurch die Maschine sowohl wie auch die Pulver- und Granatkammern. In der Mitte des Schiffes befindet sich die auf allen vier Seiten durch ebenso starke Panzerwände geschützte 28 Meter lange Kasematte, welche vom Batteriedeck bis zum Oberdeck reicht. Sie dient zum Schutze der Drehvorrichtung für die 18 Decimeter über die Kasematte hinwegragenden sehr stark gepanzerten Thürme.

Jeder der beiden Drehthürme erhält je zwei schwere Krupp’sche Ringgeschütze von 26 Centimeter Caliber, welche über das zum Umklappen eingerichtete Schanzkleid hinweg, fast nach allen Richtungen des Horizontes eine Eisenmasse von 180 Kilo bei einer Pulverladung von über 25 Kilo werfen können. Ein Bug- und ein Heckgeschütz von je 17 Centimeter Caliber gestatten ein Feuern direct nach vorn und nach hinten, so daß die sechs Geschütze des Schiffes in jedem Augenblicke den ganzen Horizont bestreichen können. Der am Vorsteven 28 Decimeter unter Wasser befindliche Sporn ist ebenfalls eine der Artillerie des Schiffes ebenbürtige Waffe. Ihre gute Verwendbarkeit hängt von der leichten Manövrirfähigkeit des Schiffes ab. Zu erwarten ist, daß die Construction des Schiffes auch in dieser Beziehung eine sorgfältige gewesen ist.

Mit dem Stapellaufe dieses Schiffes ist wieder ein Schritt vorwärts zu dem ersten Ziele des Flottengründungsplanes, der Herstellung von acht großen Panzerschlachtschiffen, geschehen. Die Panzerschiffe „König Wilhelm“, „Kronprinz“ und „Friedrich Karl“ im Vereine mit den jetzt im Bau begriffenen fünf gepanzerten Schiffen werden die Hauptangriffs- und Hauptvertheidigungsflotte Deutschlands bilden.

Von den zuletzt genannten fünf Panzerfahrzeugen wurden im October vorigen Jahres auf der Werft von Samuda in London der „Kaiser“, kurz darauf im November in Stettin auf der Werft der Actiengesellschaft Vulcan die „Preußen“ (ein Schwesterschiff zu „Friedrich dem Großen“), ferner am 12. September dieses Jahres ebenfalls in London die „Deutschland“ und jetzt am 20. September der „Friedrich der Große“ in Kiel vom Stapel gelassen. Im Frühjahre nächsten Jahres wird mit dem in Wilhelmshaven zum Ablaufe gelangenden „Der große Kurfürst“

[715]
Die Gartenlaube (1874) b 715.jpg

Das Panzerschiff „Friedrich der Große“ auf dem Stapel zu Kiel.
Nach einer photographischen Aufnahme des Kieler Marine-Ingenieurs.

[716] die gesammte Hauptstreitmacht Deutschlands zur See sich im Wasser befinden.

Die noch zur Flotte erforderlichen Panzercorvetten, schwimmenden gepanzerten Batterieen, Panzerkanonenboote und alle anderen Fahrzeuge werden im Inlande gebaut werden. Dieses ist um so mehr berechtigt, da die außerordentliche Eleganz, mit der der Stapellauf des großen Friedrich vor sich ging, wieder ein Zeugniß für die Tüchtigkeit deutscher Schiffbauer ablegte. In Kiel ist eine Panzercorvette im Bau begonnen worden. Dieselbe erhält noch einen stärkeren Panzer als der „Friedrich der Große“.

Zu dem Ablaufe und der vorhergehenden Taufe des Schiffes war der Kaiser Wilhelm selbst in Kiel erschienen und seine Gegenwart verlieh der Festlichkeit die gehörige Weihe.

Zum ersten Male wieder nach vielen Jahrhunderten besuchte ein deutscher Kaiser das dem Reiche zurückgewonnene Land.

Das Eintreffen des Monarchen in der festlich geschmückten Stadt am Abende des 19. September wurde nicht nur von den Kielern, sondern auch von herbeigeeilten Bewohnern ganz Schleswig-Holsteins enthusiastisch begrüßt.

Das denkbar schönste Kaiserwetter lachte am 20. September über dem von bunt beflaggten Schiffen belebten herrlichen Hafen. Nachdem der Kaiser am Vormittage zuerst die Kirche besucht, dann die Deputationen sämmtlicher Städte der ehemaligen Herzogthümer empfangen hatte, begab sich derselbe mit großem Gefolge zu der kaiserlichen Yacht „Grille“, um nach dem Hafeneingange Friedrichsort zu fahren, dessen Riesenkanonen jedem feindlichen Schiffe den sichern Untergang bereiten.

Bald verkündete der eherne Mund der Geschütze auf dem zur Feier anwesenden deutschen Geschwader das Herannahen des Kriegsherrn. In demselben Augenblicke sah man auf den im vollen Flaggenschmucke prangenden Schiffen „Kronprinz“, „Friedrich Karl“, „Niobe“, „Nymphe“ und „Rover“ großes Leben sich entwickeln. Mit staunenswerther Geschwindigkeit kletterten die Matrosen die Wanten empor bis in die höchsten Spitzen der Masten und standen im Nu Mann an Mann auf allen Raaen in weißem Paradeanzuge. Als die „Grille“ sich dem Geschwader näherte, ertönte ein donnerndes Hurrah als Gruß dem greisen Herrscher entgegen.

Der Kaiser begab sich in einem Boote an Bord des Admiralschiffs „Kronprinz“. Nachdem am Großmast die emporsteigende Kaiserstandarte das Betreten des Decks durch Seine Majestät verkündigt hatte, führten alle Schiffe Segelexercitien aus, die durch ihre Schnelligkeit und Präcision ein herrliches Schauspiel gewährten. In unglaublich kurzer Zeit standen die Schiffe mit in der Sonne glänzenden weißen Segeln da und ebenso schnell verschwanden die Segel wieder. Mit hohem Interesse beobachtete der Kriegsherr die Manöver und verließ erst lange nach der anberaumten Zeit und nachdem der „Kronprinz“ noch das Exercitium „Klar Schiff zum Gefecht“ vorgeführt hatte, das Admiralschiff, um sich wieder an Bord der „Grille“ zu begeben.

Nach der Besichtigung von Friedrichsort, der sich ein Manöver mit Torpedos anschloß, fuhr der Kaiser mit Gefolge nach der Werftanlage Ellerbeck, wo die aus Nah und Fern herbeigeströmte, nach Tausenden zählende Zuschauermenge des Ablaufs harrte. Auch dieses junge Marine-Etablissement zeigte sich in seinem ganzen Glanze, mit unzähligen Flaggen und Eichenguirlanden geschmückt. Vom Landeplatz dicht bei dem Dorfe Ellerbeck, bis in die Nähe des noch auf Stapel befindlichen Schiffs, fuhr der Kaiser durch die mit Ehrenpforten und Blumen geputzte Straße, die einen Ueberblick über die im Bau begriffenen großartigen Anlagen gestattete. Der brausende Jubel des Volks verkündete den nahenden Monarchen auch denjenigen, welche nicht aus nächster Nähe dem Schauspiele beiwohnen konnten.

Bald betrat Kaiser Wilhelm den vor dem Vorsteven des Schiffs errichteten Taufaltar in Begleitung seiner Nichte, der Landgräfin von Hessen, und des Chefs der Admiralität von Stosch, ergriff dann die an lang herabwehenden schwarz-weiß-rothen Seidenbändern befindliche Champagnerflasche und vollzog die Taufe des Schiffs mit folgenden Worten:

„Ich taufe Dich im Namen des großen Königs ‚Friedrich der Große‘. Magst Du seinem Namen Ehre machen, magst Du seinen Ruhm in alle Meere tragen!“

Mit sicherer Hand schnellte der Kaiser die Champagnerflasche gegen den Vorsteven des Täuflings, daß diese sofort klirrend zerschellte und mit ihrem perlenden Naß den Sporn des Schiffes benetzte – nach dem Glauben der Seeleute ein günstiges Omen für das Schiff. – Jugendlich raschen Schrittes begab sich Seine Majestät mit dem Gefolge, dem unter andern hohen Personen auch Prinz Friedrich Karl und Feldmarschall Moltke angehörten, durch die im Werkstättenhofe Spalier bildenden Beamten, Officiere und Deputationen nach einer für den Kaiser hergerichteten Tribüne, um von da aus das Zeichen zum Ablauf zu geben.

Lautlos harrte die Menge des Schauspiels; nur noch einige wenige Hammerschläge unterbrachen die feierliche Stille. Da gab der Kaiser das Zeichen, und der Schiffsbaudirector Zeysing, unter dessen Oberleitung der Bau des Schiffs zu seiner jetzigen Größe herangewachsen ist, durchschnitt die Schnur, welche die beiden Fallbeile hielten. Die Messer fielen herunter und kappten die das letzte Hemmniß bildenden Taue. Noch eine Minute stand das Schiff seiner Fesseln beraubt, eine Minute, in welcher manches Herz heftiger schlug als gewöhnlich, denn nun war der entscheidende Moment gekommen, in dem durch irgend einen unglücklichen Zufall die ganze Feier scheitern konnte. Doch die Spannung löste sich bald in allgemeine Freude auf, denn langsam und würdevoll setzte sich das Schiff in Bewegung. Als ob es sich bewußt wäre, welche ehrenvolle Auszeichnung ihm zu Theil geworden sei in der von einem deutschen Kaiser eigenhändig vollzogenen Weihe – so elegant und ruhig glitt das Schiff in sein künftiges Element.

In diesem Augenblicke entstieg Aller Brust ein begeistertes „Hurrah“; die anwesenden zahlreichen Musikchöre gaben den Empfindungen durch den Choral „Nun danket Alle Gott“ einen würdigen Ausdruck, und unter ihren Klängen und dem Jauchzen der auf unzähligen Schiffen im Hafen befindlichen Volksmenge legte das Schiff seinen letzten Weg zurück.

Jetzt befindet es sich an dem provisorischen Kai der Werft, um seiner Vollendung entgegen zu gehen. Rüstig wird die Panzerung in Angriff genommen, und in kurzer Zeit wird die deutsche Marine wieder ein Stück nationaler Arbeit aufweisen können, auf welches jeder Deutsche stolz sein kann.

Wenn auch die deutsche Marine nicht die Ausdehnung erreichen wird, welche die Seemächte ersten Ranges zu schaffen sich angelegen sein lassen, so wird dieselbe doch so gefördert werden, daß sie einen sicheren Schutz deutscher Interessen auf dem Meere, ein sicheres Bollwerk der deutschen Küsten und Häfen abgiebt.

Jedenfalls ist hier in kurzer Zeit mit kleinen Mitteln Großes geleistet worden, und wer die vorbereitenden Anlagen in Kiel und Wilhelmshaven gesehen hat, dem muß es klar geworden sein, daß mit Ernst und Energie an der Entwickelung unserer Marine gearbeitet wird.

S.




Zehn musikalische Sonette von David Fr. Strauß,
E. F. Kauffmann gewidmet.
II.

6. Zauberflöte.

Dem Gotte gleich, der aus den Thorenstreichen
Der Menschenkinder Weltgeschichte flicht,
Hast Du aus einem närrischen Gedicht
Ein Tönewerk erschaffen sonder Gleichen.

Schon warst Du nahe jenen ernsten Reichen,
Wo jede Lebenstäuschung uns zerbricht,
Das Haupt umstrahlt von jenem reinen Licht,
Vor dem die bunten Erdenfarben bleichen.

Da schien der Menschen Thun Dir Kinderspiel,
Du sahst den Haß in ew’ge Nacht verbannt,
Die Liebe sich zur Weisheit mild verklären.

Dank Dir, verklärter Meister! Nah’ dem Ziel,
Hast Du uns liebend noch herabgesandt
Vorklänge von der Harmonie der Sphären.

[717]

7. Fidelio.

Nicht in Sevillas Gärten, wo die Düfte
Von Rosen und Jasmin den Sinn verwirren;
Du führst uns hin, wo nächt’ge Vögel schwirren,
In kalte moderfeuchte Kerkergrüfte.

Nicht süße Laute füllen hier die Lüfte,
Von Mädchenchören, die wie Tauben girren;
Von Gramesseufzern nur und Kettenklirren
Tönt dumpfer Widerhall durch diese Klüfte.

Doch welch ein Himmelsklang zerreißt die Nacht!
Ist’s Liebe? – Nein, das ist die Liebe nicht.
Die um das Schöne flattert, um das Neue.

Die ist’s, die Ernst aus eitlem Spiele macht,
Die sich aus Dornen bleiche Rosen bricht,
Die Dulderin, Erlöserin – die Treue.

8. Beethoven’s A-dur Symphonie.

Wo führst Du hin mich, wunderbarer Freund?
Du lockst mit holdem Schmeichellaut mein Sehnen;
Nein, ist es Wahrheit oder eitles Wähnen,
Daß mir das Ziel, mein Glück, schon nahe scheint?

Ha, böser Zaub’rer, war es so gemeint?
Zerschmelzen soll ich unter Deinen Tönen?
Seit Qualen kennt das Herz, das Auge Thränen,
Ward bitt’rer – nein, ach, süßer nie geweint.

Doch aus dem Thränenbade neu belebt,
Ein Jüngling, steigt der Geist, tritt kühn daher,
Umhüpft von leichter Scherze munt’rem Chore!

Was, leichter Scherz? – Jauchzt, daß die Erde bebt,
Es rase Lust und ein Bacchantenheer
Sprenge des Göttersaales eh’rne Thore!

9. Desselben achte Symphonie.

Welch’ bunter Drang, welch unruhvolles Streben –
Bald weiches Sehnen, bald verweg’ne Fragen –
Sind es Gedanken, welche sich verklagen?
Sind’s Völker, die sich für ihr Recht erheben?

Ja, uns’re Wünsche! – Das ist noch ein Leben!
Schau hin, wie sie, im Wirbeltanz getragen,
Mit schwerem Fuße bald den Boden schlagen,
Bald, leichte Genien, hoch im Aether schweben!

Nun aber fasse Dich, wach’ auf, mein Herz! –
Du willst nicht? Gut, wenn Dir das Spiel behagt,
Ich werd’ es Dir durch keinen Ernst vergällen.

Doch ist es Dir denn Ernst mit Deinem Scherz?
Du hast Dein tiefstes Leiden nicht geklagt –
Wie kann die Lust Dir aus der Tiefe quellen?

10. Mozart’s Symphonie in C.
(Mit der Schlußfuge.)

Auf, zu des Dasein’s Gipfeln kühn hinan!
Wozu in dumpfen Niederungen zagen?
Versuch’s, wie hoch Dich Deine Flügel tragen,
Mein Geist, und mache Dir durch Wolken Bahn!

Wie? hob mich zum Olymp ein luft’ger Kahn?
Welch’ gold’ne Lichter seh’ ich um mich tagen?
Und welch’ ein nie empfundenes Behagen
Dringt wie ein Aetherstrom auf mich heran?

Schon reißt ein sel’ger Uebermuth mich fort:
Hin tanz’ ich, unter Göttinnen gereiht,
Vom Festgesang des Musenchor’s begeistert.

Titanen seh’ ich in den Tiefen dort:
Dumpf murren sie und drohen neuen Streit;
Ein Wink von Zeus – und alles ist bemeistert.




Blätter und Blüthen.


Graphologie. Die Graphologie ist eine neue Narrheit, mit der man seit einiger Zeit in den Pariser Salons die Zeit todt schlägt. Nachdem die tanzenden Tische, die Klopfgeister und der spiritistische Unsinn die Neugierde erschöpft, kommt der graphologische Unsinn auf’s Tapet. Jean Hippolyte Michon, ein aus der Kutte gesprungener Geistlicher, ist der Gründer der Graphologie. Unter diesem Titel giebt er auch eine Zeitschrift heraus, und er hat bereits viele Jünger, welche den alleinseligmachenden graphologischen Glauben zu verbreiten suchen. Die Graphologie ist die Lehre, aus den Schriftzügen das Talent, den Charakter und das Temperament des Schreibenden zu erkennen. Das ist freilich nicht neu. Neu ist aber die Art und Weise der Anwendung dieser Lehre. Herr Michon sucht für dieselbe besonders in den Salons zahlreiche Proselyten zu gewinnen und wendet sich mit Vorliebe an die Frauen. Er richtet an jede die Bitte, ein paar Zeilen auf’s Papier zu werfen, und erklärt hierauf mit lauter Stimme die Schriftzüge.

Er beginnt ungefähr so: „Diese Handschrift zeugt von Charakterstärke, wie es sich besonders aus den Grundstrichen des L, des P und des T erweist; die Haarstriche des M und des N zeugen aber zugleich von einem sanften Nachgeben. Aus der Verschlingung des S und des T erkennt man die treue Anhänglichkeit und das Festhalten an dem einmal gefaßten Entschlusse. Sie haben,“ sagt er zu der Dame gewendet, „viel Formensinn und ein seltenes Kunstverständniß, wie es sich aus den Anfangsbuchstaben, zumal aus dem B, D und W, deutlich ergiebt. Sie sind bei aller Energie sanft und mild und bei aller Entschlossenheit sehr nachgiebig und duldsam. Ihre Handschrift, Madame, ist eine der merkwürdigsten, die mir je vor’s Gesicht gekommen.“

Die Dame zieht sich, wie man sich leicht denken kann, sehr befriedigt zurück, um einer Anderen Platz zu machen, welche Herr Michon nicht weniger zufrieden stellt. Herr Michon findet in jeder weiblichen Handschrift nur Geistes- und Herzensvorzüge. Ob er selber an seine Erklärungen glaubt, weiß Niemand; gewiß aber ist jeder Gatte erstaunt, daß Jener schon nach einem Augenblicke in den mehr oder minder orthographischen Zeilen seiner Gattin so viele Tugenden sieht, die er, der Gatte, nach vieljährigem Zusammenleben noch immer nicht entdeckt hat, und daß von ihren Fehlern, die er genau kennt, der genannte Grapholog auch nicht die allergeringste Spur findet. Was thut dies aber? Die Frauenwelt hält den Herrn Michon für einen Wundermann und ist von der Unfehlbarkeit seiner Kunst auf’s Festeste überzeugt. Zu bemerken ist noch, daß Herr Michon aus jeder Handschrift, in welcher Sprache sie sich auch ergehen möge, sei es die russische, arabische, hebräische oder koptische, mit gleicher Sicherheit wie aus der französischen auf den Charakter und die Begabungen des Schreibers zu schließen weiß; ja, er beurtheilt sogar den Charakter der Gelehrten nach der Art und Weise, wie sie die Keilschrift abschreiben.

Herr Michon beschränkt seinen Wirkungskreis nicht blos auf Paris. Er hält auch in den Provinzen und sogar im Auslande öffentliche graphologische Vorträge, die sich eines zahlreichen Publicums erfreuen. Nach jeder Vorlesung wird die Zuhörerschaft eingeladen, ein paar Zeilen auf’s Papier zu werfen. Die Papierschnitzel werden dann gesammelt und der Grapholog schildert hierauf aus den schnell hingekritzelten Schriftzügen die Charakterzüge. Zu den Experimenten, welche Herr Michon in seinen öffentlichen Vorträgen anstellt, gehört auch folgendes. Er läßt sich von dem ersten besten Elternpaare die Handschrift geben; unter dieselbe läßt er die Kinder dieser Eltern, und zwar mit dem ältesten die Reihe beginnend, einige Linien schreiben, und in diesen findet er sogleich auf das Unwiderleglichste die hervorragendsten Charakterzüge des Vaters und der Mutter.

Beurtheilt nun Herr Michon nach den Schriftzügen den Charakter des Schreibers, so weiß er auch sogleich, wenn er einen Menschen kennen lernt, welche Handschrift dieser nothwendig haben muß. Mit einem Worte: wie er den Menschen in der Handschrift erräth, so erräth er auch die Handschrift im Menschen. Man kann sich leicht denken, daß Herr Michon und seine Jünger von den Gläubigen oft um Rath gefragt werden. Diese Consultationen werden entweder schriftlich oder mündlich verlangt und ertheilt. Im erstern Falle wird das Honorar dem Briefe beigeschlossen; im letztern wird es dem Graphologen persönlich eingehändigt. Herr Michon veröffentlicht in seinem Blatte derartige schriftliche Consultationen, unter andern eine, die er einem Freier zu Theil werden ließ. Besagter Freier schickte ihm die Handschrift seiner Auserwählten und fragte ihn, ob er es wagen dürfte, dieselbe an den Altar zu führen. Herr Michon fand aus den Handschriften des Freiers und seiner Auserkorenen, daß das Paar für einander wie geschaffen sei. Ob die Partie in Folge der graphologischen Offenbarung zu Stande gekommen, weiß ich nicht zu sagen; ich weiß jedoch, daß ein Mann nach zurückgelegtem Schwabenalter sich vor zwei Jahren an einen andern Graphologen in einer Freierangelegenheit gewendet. Der Grapholog ließ es an Aufmunterungen nicht fehlen und der zweiundvierzigjährige Jüngling führte die Braut heim. Allein schon nach einigen Monaten fand er den Wahn sehr kurz und die Reue sehr lang. Er lebt seht getrennt von seiner Hälfte. Wahrscheinlich ist er nicht der Einzige, der seinen Glauben an die graphologische Unfehlbarkeit schwer büßte. Dies wird indessen Andere nicht abhalten, an diese Unfehlbarkeit zu glauben, bis eine neue Thorheit die Leichtgläubigkeit des Publicums anlockt.




Zur Charakteristik des nordamerikanischen Beamtenthums. Die Mehrzahl meiner Leser hat wohl schon aus öffentlichen Blättern oder vom Munde deutscher nach den Vereinigten Staaten verschiffender Exporteure Klagen über das amerikanische Zollsystem und dessen Anwendung durch die dazu bestellten Beamten vernommen. Die dabei mitgetheilten Thatsachen erscheinen dem deutschen Hörer übertrieben, entstellt oder ganz unglaublich, und dennoch dürfte der größte Theil derselben vollkommen wahr sein. Die dem amerikanischen Zollsysteme zu Grunde liegenden [718] Gesetze sind einestheils so einfältig und dunkel, und anderntheils so plagend und verwickelt daß es fast unmöglich ist, unter denselben eine vollständig erschöpfende, einwandsfreie Declaration zu machen. Der Importeur ist gänzlich der Gnade der Zollbeamten anheimgegeben, mit denen sich gut zu stellen seine erste Aufgabe ist. Ich will damit keineswegs sagen, daß er sie bestechen müsse, um mit ihrem Wissen zu schmuggeln – was freilich auch oft genug vorkommt, wie die vorjährigen Congreßverhandlungen bewiesen haben – nein, er muß sie in guter Stimmung erhalten, damit, wenn er, was fast unvermeidlich, wider Wissen und Willen in eine der tausende von Fallen stürzt, welche das Gesetz stellt, man ihm dies nicht als Absicht anrechne, sondern als Versehen nachsehe. Und doch ist auch der Gesetzgeber zu einem gewissen Grade zu entschuldigen. Nach drei Seiten ist er genöthigt Front zu machen: gegen den des Schmuggels oder der Unterschätzung verdächtigen Importeur, gegen dessen nicht weniger gefährliche Helfer, wie Schiffscapitaine, Zahlmeister und andere Schiffsbeamte und Diener und die Verlader, und zuletzt und hauptsächlich gegen die Unfähigkeit und Nichtswürdigkeit der eigenen Beamten.

Die folgende Erzählung, welche in allen Theilen auf wirklich Geschehenem beruht, wird eine fast komische, aber für den Betroffenen sehr lästige Seite amerikanischer Zollplackereien zur Anschauung bringen.

Es war im Anfange Mai dieses Jahres. Meine seit lange erwarteten zwei Söhne waren endlich von Central-Amerika in New-York angekommen. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen, und in der Freude des Wiedersehens und dem Austausche von gegenseitigen Erlebnissen und Familiennachrichten war einige Zeit verflossen, als mein älterer Sohn W. eine momentane Pause mit den Worten unterbrach:

„Papa! ich habe Dir von Panama tausend Stück Deiner Lieblingscigarren, ‚Ambalemas‘, mitgebracht und sie dem Zollbeamten am Dampfer übergeben. Morgen werde ich sie holen lassen und die Freude haben, Dir einmal wieder eine anständige Cigarre anbieten zu können.“

Mein Sohn P. brach hierbei in ein lautes Gelächter aus: „Morgen! Nicht daran zu denken! Nicht in einer Woche und nicht in einem Monate erhältst Du sie; ich kenne das besser. Du warst ein Thor, den Winken des hungrigen Zöllners, der Dir die größtmögliche Gelegenheit zum Uebertragen von ein paar Dollars von Deiner in seine Hand bot, nicht zu entsprechen; dann hätte Papa jetzt eine gute Cigarre, und Ihr wäret Beide allen weiteren Laufens und Zögerns überhoben.“

„W. that vollkommen Recht,“ war meine Antwort, „und ich muß die entgegengesetzte Ansicht entschieden mißbilligen. Wie ich nie, selbst auch nur einen Centwerth, geschmuggelt habe, oder es von den Meinigen litt, so soll es auch nie für mich geschehen.“ – –

An jedem der drei nächstfolgenden Tage fuhr mein Sohn W. von der obern Stadt nach der Dampferwerfte am Fuße der Canalstraße, und dann nach dem Zollamte in der Wallstraße, um zu erfahren, wohin die Kiste gekommen. Am vierten Tage wurde ihm im Zollamte eröffnet, daß die Cigarren mit Beschlag belegt seien. Auf seine Entgegnung, daß dies unmöglich, da er sie ja selbst dem Beamten zur Taxirung übergeben habe, wurde ihm erwidert: dieses Bureau wisse nur die Thatsache der Beschlagnahme; die Gründe dazu könne er auf einem andern Bureau, ich glaube Nr. 9, erfahren. Also nach Nr. 9. Hier wurde ihm durch einen sehr artigen Bureauvorsteher die wunderbare Mittheilung, es seien die tausend Cigarren mit Beschlag belegt, weil es eben nur tausend und nicht dreitausend wären, die geringste Zahl, welche das Gesetz zu importiren gestatte; um die Beschlagnahme aufgehoben und die Einfuhr gestattet zu erhalten, müsse er sich an den Schatzsecretär (Finanzminister) in Washington wenden. Dies geschah unter Mittheilung der näheren Umstände. Der Schatzsecretär, dem ich persönlich bekannt war, gestattete denn auch schon nach dem zweiten Briefe die Einführung der geringern als gesetzlichen Zahl, da durchaus kein Grund vorläge, unter den obwaltenden Umständen an die entfernteste Absicht eines Betruges zu glauben.

Es kam nunmehr darauf an, den Betrag des Eingangszolls festzusetzen, und zu dem Ende wurde eine Werthschätzung der Cigarren nöthig. Mein Sohn wies durch die unwidersprechlichsten, auch amtlichen, Beweismittel nach, daß diese Cigarren auf dem Isthmus von Panama ein Cent Gold (nahezu sechs Pfennige) das Stück, also das Tausend zehn Dollars Gold kosteten, und daß er so viel bezahlt hatte, und da in den Vereinigten Staaten eine Art Tradition, deren Basis ich jedoch nie auszufinden im Stande war, existirt, wonach der Eingangszoll auf Cigarren nie mehr als hundert Procent des Ankaufspreises betragen dürfe, so rechneten wir auf höchstens zehn Dollars Gold. Der Beamte hatte die Güte, uns zu belehren, daß dies ein großer Irrthum wäre, daß er im Gegentheil ganz unbeschränkt sei im Ansatze des Zolls und daß er denselben unter den obwaltenden besonderen Umständen auf dreißig Dollars festsetzen wolle.

Da alle Gegenvorstellungen erfolglos blieben und ich ohnedies die Absicht hatte, bald die alte Heimath zu besuchen, so kamen wir zu dem Entschlusse, die Cigarren im Regierungsdepôt zu belassen, bis ich nach Deutschland absegelte. Wir theilten dies dem Beamten mit, worauf wir unterrichtet wurden, daß es dazu wiederum einer speciellen Erlaubniß des Schatzsecretärs bedürfe. Diese wurde nachgesucht und auch bald durch Vermittelung eines Freundes im Schatzamte ertheilt.

Bis dahin waren wir dem Schröpfen Seitens der Zollbeamten entgangen; das sollte nun beginnen. Der Beamte eröffnete uns nämlich, daß das Verwahren und das Uebertragen der Kiste vom Regierungsdepôt nach dem deutschen Dampfer der Bremer Linie eine Menge von Formalitäten erheische, die mein Sohn ohne große Belästigung nicht erfüllen könne, und daß er uns deshalb rathe, die Sache einem der im Hauptzollamte angestellten Zollmakler zu übertragen. Der Rath schien verständig. Um ihm nachzukommen, mußten wir zwei volle Stunden lang mit dem ausgewählten Makler im Hauptzollamte herumlaufen und Jeder nicht weniger als drei Eide schwören, das heißt der Beamte schrieb etwas auf ein Papier, sah uns an und nickte mit dem Kopfe; wir nickten wieder, und fort ging es eiligst zu einem andern eisernen Gitterkasten, hinter dem ein anderer Beamter saß. – Gegen Mitte Juni ging vom Makler die Erlaubniß zum Ueberführen der Kiste auf den Bremer Dampfer „Frankfurt“ und zugleich seine Rechnung im Betrage von nahezu zehn Dollars ein. Auf der alten Reichsstadt sollte ich meine heißersehnten Cigarren vorfinden.

Der Tag unserer Abfahrt, der 21. Juni, rückte heran. Es kam mir eine Anzeige des norddeutschen Lloyd zu, wonach die Kiste Cigarren an den Capitain der „Frankfurt“ überliefert worden. Dabei war eine sehr geringe Spesenrechnung. –

Wir hatten unsern Kindern, Verwandten und Freunden Lebewohl gesagt. Es war ein recht schweres, denn man scheidet nicht gerne von einem Lande, in dem man fünfundzwanzig Jahre gewohnt, mit dem man sich so identificirt wie wir, und wo man so viele Lieben zurückläßt. Die Narrows lagen hinter uns; wir befanden uns außerhalb der Jurisdiction der Vereinigten Staaten; der Lootse hatte uns verlassen; der weite Ocean lag vor uns, und wir befanden uns auf einem deutschen Schiffe. Nun war also doch wohl endlich die Zeit zum Schmauchen einer columbischen guten Cigarre gekommen.

Ich wandte mich mit meiner letzterwähnten Notiz an Capitain Bülow und bat, mir nunmehr die Cigarrenkiste aushändigen zu lassen. Nach kurzer Zeit kam er zurück und überreichte mir eine Ordre der New-Yorker Zollbehörde, worin er unter persönlicher Verantwortlichkeit und der des Schiffes verpflichtet wurde, die Cigarren erst in Bremen an mich auszuliefern, und auch dies nicht eher, als bis erstens er selbst, zweitens der Proviantmeister vor dem amerikanischen Consul in Bremen beschworen hätten, daß mir die Kiste auf der Ueberfahrt nicht überliefert worden, und bis drittens ein Bremer Kaufmann vor denselben Consul beschworen habe, daß die fragliche Kiste von ihm untersucht und uneröffnet befunden worden. Die unausgefüllten Formulare für diese drei Eide lagen der Ordre bei. Also bis auf deutschen Grund, über den weiten atlantischen Ocean hinüber reichten die lächerlichen Zollplackereien Onkel Sam’s.

Der vortreffliche Capitain, selbst Raucher, sympathisirte tief mit mir, gab seinem Bedauern, meinem Wunsche nicht entsprechen zu können, freundliche Worte und hatte die Güte, mir seinen eigenen Vorrath von sehr guten Habanas zur Verfügung zu stellen. Ich mußte mich ruhig fügen, und ich darf mir nachsagen, daß ich mich über meine Enttäuschung nicht einmal ärgerte. Onkel Sam ist doch ein guter alter Herr, wenn er auch manchmal wunderliche Marotten hat!

Wir landeten am 10. Juli in Bremerhafen, und ich übergab meine Cigarrenangelegenheit einem dortigen Commissionär. Anfang August erhielt ich endlich die Cigarren in Elberfeld. Die drei Eide waren geleistet, und der Consul hatte dafür drei Dollars eingestrichen. Der deutsche Zoll betrug blos drei Thaler.

Und die Moral von der Geschichte: Bringe nie Cigarren nach den Vereinigten Staaten, wenn aber doch, und es sind über dreitausend, so zahle was Dir abgefordert wird, unter dieser Zahl aber – – – Nun, ich rathe nie zu einer ungesetzlichen Handlung, allein ich fürchte, mein Sohn P. hatte Recht.

Die hieran sich knüpfende, für den internationalen Verkehr wichtige Frage, ob die Vereinigten Staaten das Recht haben, ihre fiskalischen Gesetze über das Gebiet einer andern Nation auszudehnen und durch Androhung von Confiscation wirksam zu machen, gehört nicht hierher, dürfte sich aber doch der deutschen Regierung zur Erwägung empfehlen.

R.




Kleiner Briefkasten.

E. H. in Schw. Eingehenderes über das von Ernst Ziel in einem Artikel unserer Nr. 37 behandelte Werther-Thema finden Sie in den bei Eduard Wartig in Leipzig erschienenen „Erläuterungen zu den deutschen Classikern“ von Heinrich Düntzer, welche auch eine Hauptquelle jenes Artikels bilden. Wir ergreifen mit Vergnügen diese Gelegenheit, um auf das durch reiche Fülle des Inhalts, lichtvolle Gruppirung des verarbeiteten Stoffes und klare, leicht faßliche Darstellung ausgezeichnete Werk, welches nunmehr bis zur neunundsechszigsten Lieferung vorliegt, hinzuweisen. Es gehört zu den verdienstvollsten Unternehmungen zur Interpretirung unserer großen Dichter.

M. v. M. in H. Ihren Wunsch, die Theater-Erinnerungen von Wilhelm Koffka (Nr. 27) in einer Reihe weiterer Artikel fortgesetzt zu sehen, bedauern wir aus dem rein äußerlichen Grunde nicht erfüllen zu können, daß wir eine größere Anzahl von Beiträgen aus demselben Gebiete theils bereits erworben, theils vereinbart hatten, bevor uns Herr Dr. Koffka seine sehr schätzbaren „Erinnerungen“ antrug.

E. B. in Sch. Selbstverständlich werden wir noch auf die zu Ehren von Robert Prutz auf dem Friedhofe zu Stettin stattgehabte Demonstration zurückkommen und bei dieser Gelegenheit auch das auf dem Dichtergrabe gesetzte Denkmal im Bild mittheilen.

L. S. F. in Cöln. Durchblättern Sie einfach die Jahrgänge 1866 bis 1874 der Gartenlaube und Sie werden leicht ersehen, in welcher Reihenfolge E. Marlitt ihre Erzählungen veröffentlicht und wer aus Ihrer Gesellschaft die Wette gewonnen hat.

Laura. Ungeeignet. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfügung.

O. P. in Hamburg. Für die Gartenlaube unbrauchbar; wir bitten über das Manuscript zu disponiren.

X. X. in P. Ob Sie überhaupt Talent haben, wie Sie behaupten, können wir hier nicht entscheiden, daß aber in den gesandten Illustrationen zu „Werner’s gesprengten Fesselnkein Talent aufzufinden war, dürfen wir Ihnen – ohne zu schmeicheln – wohl versichern.

Dr. Stallgren in Halmstad (Schweden). Fr. Kohlrausch ist bereits im Jahre 1867 in Hannover gestorben.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Eine ostindische Eichenart; sie widersteht im höchsten Grade der Fäulniß, ist aber allerdings nicht so zähe wie Eichenholz.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: G. Rosenthal, siehe Berichtigung (Die Gartenlaube 1874/47)

Anmerkungen (BER.)