Ein Veteran der „Gartenlaube“

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Titel: Ein Veteran der „Gartenlaube
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 497–499
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Veteran der „Gartenlaube“.

Es war an einem Spätabend im Sommer des Jahres 1834, als ein junger Mann mit dem Ränzlein auf dem Rücken die Residenzstadt Koburg verließ und den Weg nach Jena einschlug. Der braunlockige Bursche mit hellen blauen Augen und offenen Gesichtszügen zählte kaum 21 Jahre und hatte schon eine kleine Vergangenheit hinter sich, obwohl er jetzt erst studiren wollte.

Die sonnige Zeit der Kinder- und Knabenjahre, wo noch das treue Mutterauge über dem Liebling wachte und der Vater von den Kriegsabenteuern, die er als Feldtrompeter in den Feldzügen 1814 und 1815 erlebt, dem lauschenden Sohne erzählte, war längst dahin. Die Theuren ruhten im Grabe; schon seit mehreren Jahren hatte der junge

Die Gartenlaube (1886) b 497.jpg

Friedrich Hofmann.

Wanderer für sein Fortkommen und seine Bildung selbst sorgen müssen, und auch der heutige Gang mochte ihm Sorge bereiten, denn seine Barschaft betrug nicht mehr als neun Kreuzer. Aber die Armuth, welche den Einen verzagt macht, macht den Andern trotzig, und von der letzten Art war der junge Mann, welcher unverdrossen und wohlgemuth vorwärts in die Nacht hinein mit neun Kreuzern in der Tasche auf die Universität ging. –

Dieser junge Mann war Friedrich Hofmann, der heute auf eine thaten- und ehrenreiche Vergangenheit zurückblickt und mit dem wir am 1. Juli 1886 das Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigen Thätigkeit in der Redaktion der „Gartenlaube“ feiern durften. Schon zu jener Zeit, wo wir ihm auf dem Wege nach Jena begegneten, war er Dichter und Schriftsteller. Dichter aus innerem Beruf und Schriftsteller aus Noth.

Als Johann Friedrich Hofmann – er wurde am 18. April 1813 in Koburg geboren – 17 Jahre alt war, starb sein Vater, und er sah sich auf sich selbst angewiesen. Er blieb zwar auf dem Gymnasium, das er seit dem Jahre 1827 besuchte, mußte aber dabei allerlei Nebenbeschäftigungen betreiben, um sich das Nöthigste zum oft sehr kärglichen Leben zu erwerben. Er gab Privatstunden im Schönschreiben und Französischen, er war Advokatenschreiber und wirkte auch als „Präfekt“ des Sängerchores, das in den Straßen, in der Kirche und bei Begräbnissen zu singen hatte. Vor Allem aber versorgte er auch den Accessistendienst im Justizamt, um daselbst später eine Subalternstelle zu erhalten, die ihm als die Endstufe seiner sonderbaren Gymnasiastenlaufbahn erschien.

Glücklicherweise machte seine Dichternatur einen argen Strich durch diese bescheidene Lebensrechnung. Es war nämlich inzwischen die Julirevolution von 1830 mit ihren Fortsetzungen in Deutschland und Polen ausgebrochen, und der allgemeine Freiheitsdrang war auch in den jungen Dichter gefahren und hatte sich in einer Reihe von Freiheitsliedern geäußert, welche zum nicht geringen Stolze des jugendlichen Dichters in dem damaligen „Vaterlandsverein“ vorgetragen wurden. Aber der allgemeinen Begeisterung folgte die Reaktion auf der Spur. Der Bundestag setzte, wie an andern Orten, so auch in Koburg eine Immediat-Untersuchungskommission gegen demagogische Umtriebe ein, und auch der Gymnasiast Johann Friedrich Hofmann wurde vor dieses Gericht gezogen.

Die Strafe, die man über den jugendlichen Freiheitssänger verhängte, war für seine damalige Lage die härteste: er wurde von jedem Staatsdienst ausgeschlossen. Amtskopist konnte er nun nimmer werden. Jetzt mußte sein Talent ihn retten. So war es das Schicksal, das ihn vorwärts trieb.

Ein Glück war es, daß Hofmann auch fernerhin wenigstens das Gymnasium besuchen durfte. Er gab nun nach wie vor Privatstunden, sang als Chorpräsekt für die Lebendigen und die Todten, glaubte aber nunmehr, daß er die Feder zu höheren Zwecken führen könnte, als zum Abschreiben von Gerichtsakten, und setzte sich frischweg mit dem Chef des Bibliographischen Instituts in Hildburghausen, Joseph Meyer, in Verbindung. Dieser hatte schon damals den Plan zu seinem großen Konversationslexikon gefaßt und beschäftigte Hofmann dafür mit Übersetzungen aus französischen Zeitungen und Broschüren. In welchem Geiste er dies that, verräth das Begleitschreiben zu seiner ersten Geldsendung: „Freuen Sie sich, lieber Hofmann, wie ich mich gefreut habe, als ich den ersten Honorarthaler in die Tasche steckte.“

So kam das Jahr 1834 und seine zu Anfang dieser Zeilen geschilderte Uebersiedelung nach Jena heran.

Schon am zweiten Abend nach seinem Abmarsch von Koburg langte Hofmann in der Musenstadt an, von den überraschten Freunden jubelnd begrüßt. In einer Universitätsstadt läßt man ein Talent, das auf sich selbst vertraut, nicht sinken. Das sollte auch Hofmann unerwartet schnell erfahren. Schon am nächsten Morgen sicherte ihm Professor O. L. B. Wolff die Mitarbeiterschaft an dem von ihm redigirten Konversationslexikon, und da auch Meyer’s Honorare den Weg nach Jena fanden, so war die Sorge für die nächste Zukunft gehoben.

Der Jenenser Student wagte sich jetzt an größere litterarische Arbeiten: er lieferte die deutsche Bearbeitung einer französischen Oper für die herzogliche Hofbühne in Koburg und ließ im Jahre 1838 sein erstes Buch, das Schauspiel „Die Schlacht bei Focksan“, drucken.

Dem öffentlichen Studententreiben blieb Hofmann anfangs fremd. Erst als die Mehrzahl seiner Koburger Altersgenossen Jena verlassen hatte, trat er, und zwar in Folge eines Duells mit Einem, der später sein Herzensfreund geworden, in die Burschenschaft. Die Nachwehen des „Frankfurter Attentats“ (3. April 1833) drückten noch schwer auf diese Verbindung, die sich öffentlich als solche nicht verrathen durfte. Und doch beherbergte damals der „Burgkeller“ (vergl. „Gartenlaube“ 1865, S. 520) einen Kreis junger Geister, welche, als ihre Zeit kam, für die Ideen der Burschenschaft gestritten und gelitten haben. Dazu gehörten: Adolf von Trützschler, ein Volksmärtyrer von 1849; Ludwig Häusser, der Geschichtschreiber; Heinrich Schmidt, der als Rechtsprofessor in Hermannstadt in der Verzweiflung über das Unglück seines Sachsenlands den Tod suchte; Oskar von Wydenbrugk, der achtundvierziger Minister von Weimar; Lorenz Stein (jetzt L. von Stein), der berühmte Nationalökonom in Wien; Heinrich Jäde, der Dichter der reizendsten Kinderbücher, den, als man ihn 1873 begrub, über tausend Kinder Weimars freiwillig zu Grabe begleiteten; Strackerjan, der Pädagog von Oldenburg, und noch mancher andere Nennenswerthe; ihnen schloß Hofmann sich an. Sie gründeten zur Neubelebung des akademischen Humors eine „Unsinnia“, und in welcher Weise sie den ersten Schritt in die [498] Oeffentlichkeit wagten, ist in dem Artikel „Es war doch schön auf Hochschulen“, „Gartenlaube“ 1865, S. 425 ff. ergötzlich geschildert und zu lesen.

Wolff machte damals die Bemerkung: „Unser Hofmann lebt jetzt poetischer, als er schreibt.“ Trotzdem war ihm die Poesie nicht ausgegangen, denn er hatte in jener Zeit sein „Rundgemälde von Koburg“, eine größere Dichtung in vier Gesängen, begonnen, die er, als im Sommer 1840 seine akademische Laufbahn schloß, in Eisenberg vollendete und in Jena drucken ließ.

Einer Einladung folgend ging er nun nach Zerbst. Dort, im Kreise geistesfrischer Gesinnungsgenossen und in der regen Zeit, als Arnold Ruge und Ludwig Feuerbach alle Strebefreudigen um sich scharten, schrieb Hofmann eine dramatische Zeitsatire: „Die Nacht im Walfisch“, in welcher die damaligen morgenländischen Zustände benutzt waren, um die abendländischen zu geißeln. Die Arbeit schien gelungen und ein zeitgemäßes Unternehmen zu sein, denn ein angesehener Buchhändler in Leipzig bot ein Honorar dafür, welches Hofmann mit der beglückenden Hoffnung erfüllte, sofort nach Leipzig übersiedeln und sich eine freie Schriftstellerexistenz begründen zu können. Die Freunde halfen fleißig die schönsten, goldensten Luftschlösser bauen. Da kam die Hiobspost: der sächsische Censor hatte alles Wirksame aus dem Stücke gestrichen und ein preußischer, bei dem der Leipziger Buchhändler sein Glück versuchte, noch mehr darin verwüstet. Arbeit und Hoffnung waren vergeblich gewesen. Hofmann mußte sich nun wieder dem ersten Werke zuwenden, das ihn auf die Schriftstellerlaufbahn gelenkt hatte, dem Meyer’schen Konversationslexikon. Er ging nach Hildburghausen, wo er zu Anfang des Januar 1841 eintraf.

Der Uebergang vom freiesten Poetenleben zur strengsten alphabetisch gebietenden Prosa der Lexikonarbeit war ein zu schroffer; der Zwiespalt des äußeren Pflichtzwangs und der inneren Sehnsucht nach poetischem Schaffen hat oft störend auf Hofmann eingewirkt. Aber der Gedanke Meyer’s, das Volk durch Bildung zur Freiheit reif zu machen, dem er, wie mit seinem „Universum“, auch mit seinem Konversationslexikon diente, fesselte Hofmann an diese Arbeit; und als die Revolution von 1848, die sie mit allem Eifer selbst mit herbeigeführt und mit Jubel begrüßt hatten, Meyer’s größte Unternehmungen erschütterte und auch das Konversationslexikon gefährdete, hielt Hofmann nun erst recht treu bis zum Ende aus.

Einen freundlichen Ausgleich für jenen inneren Zwiespalt hatte er doch gefunden. Da Hildburghausen es war, von wo aus er aus der traurigsten Lage als Verurtheilter und Verlassener erlöst worden war, so drängte es ihn, armen Kindern daselbst und in seiner Vaterstadt eine Freude zu bereiten, und zwar durch eine Christbescherung. Er bat Meyer, einige Bogen seiner Gedichte drucken zu lassen und zu gestatten, daß der ganze Erlös dafür zu diesem Zweck verwendet werde. Dies geschah, und die außerordentliche Theilnahme, welche die Ausführung dieses Gedankens in beiden Städten fand, bestimmte Meyer und Hofmann, das gute Werk jährlich fortzusetzen und immer weiter zu verbreiten. So entstand der „Weihnachtsbaum für arme Kinder. Gaben deutscher Dichter, eingesammelt von Friedrich Hofmann. Hildburghausen, Christgeschenk des Bibliographischen Instituts. 1842 bis 1866.“

Der „Weihnachtsbaum“ hatte sich in den 25 Jahren seines Gedeihens über mehr als hundert Städte und Ortschaften Deutschlands ausgebreitet und über 100 000 arme Kinder mit Christbescherungen erfreut. Die Stadt Koburg bedachte dafür Hofmann mit ihrem Ehrenbürgerrecht.

Vierzehn Jahre hindurch arbeitete Hofmann an dem großen Konversationslexikon, welches 52 Bände umfaßt, und beendete im Jahre 1854 den schwierigen Registerband desselben. Seine Leistungen fanden auch in wissenschaftlichen Kreisen volle Anerkennung, denn am 5. Oktober 1854 beehrte ihn die philosophische Fakultät in Jena mit dem Doktordiplom.

Trotz alledem war Hofmann diese Art des geistigen Schaffens überdrüssig geworden, und er sehnte sich nach einer anderen Thätigkeit. Die Sehnsucht trieb ihn hinaus, fort, in die Ferne. Am liebsten wäre er nach Amerika gezogen – dort, in Missouri, hatte ein Freund, dem er das Nachkommen versprochen, 13 Acres Urwald auf Hofmann’s Namen eintragen lassen. Hofmann erhielt diese Nachricht während seines letzten Winters in Jena, wo ihm eben schon Tage lang das Holz ausgegangen war, ihm, dem Urwaldsbesitzer! – Zur Auswanderung fehlten leider die Mittel, aber der Reisewunsch wurde doch, wenn auch in anderer Art, erfüllt. Ein Verwandter des herzoglichen Hauses Koburg, Graf Mensdorff-Pouilly, in La Mira bei Venedig wohnend, suchte für zwei schon herangewachsene Knaben als Lehrer und Führer womöglich einen Koburger. Hofmann erhielt diese Stelle und wurde am 1. Mai 1855 in Venedig erwartet.

Der Aufenthalt in Italien und später in dem gräflichen Schlosse Einöd bei Eilly in Steiermark bildet eine der schönsten Episoden im Leben Hofmann’s. Das Dienstverhältniß zum Grafen Arthur von Mensdorff verwandelte sich bald in eine innige Freundschaft, die bis heute fortdauert.

Aber schon im Herbst 1856 rief ein Todesfall Hofmann nach Hildburghausen zurück. Joseph Meyer war am 27. Juni gestorben und sein „Universum“ verwaist. Diese Monatsschrift mit Stahlstich-Illustrationen behauptete in den dreißiger und vierziger Jahren einen bedeutenden Rang in den vorwärts strebenden Volkskreisen und war ihres Schöpfers ganze Sorge und größter Stolz. Krankheit und Arbeitsüberlast, in Folge seiner großen montanistischen Unternehmungen, hatten Meyer schon früher gezwungen, sich nach Hilfe umzusehen, und da war es Hofmann gewesen, dem allein er solche Mitarbeiterschaft anvertraut hatte. Seinem Publikum hatte er diese Hilfe beim Abdruck des ersten Artikels Hofmann’s (Bd. XII, S. 37) mit der Notiz: „Geschrieben von wackerer Freundeshand. Mr.“ angedeutet. Als nach seinem Tode Hermann Meyer Erbe der Sorgen und Arbeiten des Vaters wurde, übertrug er Hofmann die Fortsetzung dieses Ehrenwerks des Bibliographischen Instituts.

In diese Zeit fällt auch die Entstehung der „Kinderfeste“ Hofmann’s und Julius Otto’s in Dresden. Hofmann hatte im „Weihnachtsbaum“ alljährlich so viel die kleinen Herzen der Kinderwelt Ansprechendes mitgetheilt, daß er, aufgefordert, gern zu dem Versuch die Hand reichte, die bei den Männergesangvereinen so beliebt gewordenen Singwerke mit Deklamationsverbindung auch für Schulkinder möglich zu machen. Der Erfolg war ein außerordentlicher, und zwar ohne alle aufdringliche Preßreklame. Das „Schulfest“ (1857) und das „Weihnachtsfest“ (1858) hatten, noch ehe ihnen das „Pfingstfest“ und das „Vaterlandsfest“ nachfolgen konnten, schon die tausendste Aufführung erlebt; diese rasche Verbreitung geschah dadurch, daß von dem sangesfrohen Thüringen aus von Stadt zu Stadt, ja von Dorf zu Dorf jedes Stück sich selbst empfahl und keine andere Reklame bedurfte und fand, als die Dank-Inserate erfreuter Zuhörer in den Lokalblättern. –

Während Hofmann durch das „Weihnachtsfest“ und den „Weihnachtsbaum“ für neue Kinderfreuden sorgte, drückte ihn selbst das Gefühl der Vereinsamung nieder und erweckte in ihm den Wunsch, endlich sich nach der Stadt zu wenden, die ihm vor achtzehn Jahren der Drache der Censur versperrt hatte. Er siedelte im Herbst 1858 nach Leipzig über, wo er im Sommer 1861 von Ernst Keil den Antrag erhielt, als ständiger Mitarbeiter in die Redaktion der „Gartenlaube“ einzutreten.

Diesem Schritte war ein für sein Leben gleichwichtiger vorhergegangen. Hofmann hatte sich im Frühling 1860 vom Thüringerwalde die treue Gattin heimgeholt. Wurde auch dieses Glück durch den Tod des ersten Kindes, des Knaben Arthur, getrübt, so sollte es doch Beiden vergönnt sein, im hoffnungsfrohen Kreise von vier Kindern das Fest der silbernen Hochzeit zu feiern.

Wer einen Blick auf die Zeit von 1861 bis heute wirft, auf diese Jahre der größten Ereignisses die das deutsche Volk je erlebt, wird ermessen, wie dieselben einen für ein Weltblatt, wie die „Gartenlaube“ es damals schon war, ausschließlich thätigen Geist erfüllen und erheben mußten. Wie hoch Hofmann seine Aufgabe auffaßte, verräth uns ein „Geständniß“, mit dem er einen Artikel schließt, in welchem er einem im Leben verkannten und mißachteten Manne die wohlverdiente Würdigung zu retten sucht. „So oft mir“, sagt er dort (Jahrgang 1867, S. 812), „die Ehre zu Theil wird, einen Artikel für die ,Gartenlaube’ zu schreiben, greife ich mit dem Bewußtsein zur Feder, daß dies für Millionen Leser geschieht. Dieser Gedanke ist, wie kein anderer, geeignet, bei der Wahl des Stoffes wie der Form an Ernst und Gewissenhaftigkeit zu mahnen: die weite, fast unabsehbare Wirkungssphäre verpflichtet dazu. Und keinen Augenblick darf man vergessen, daß die ,Gartenlaube’ sich immer von Neuem als das zu bewähren hat, was sie schon so vielen vom Unrecht Unterdrückten und Verfolgten gewesen ist: eine Herberge der Gerechtigkeit.“

[499] Namentlich die Ausübung dieser letzteren Gartenlaubenpflicht, sowie die Möglichkeit, dem warmen Gefühl für menschliches Drangsal, mit dem sein eigenes Jugendschicksal ihn erfüllt hatte, durch die „Gartenlaube“ zu großen Erfolgen verhelfen zu können, und das offenbare Ziel des Blattes, nationale Einheit und politische Freiheit des deutschen Volkes vor Allem durch gesunde Volksbildung zu erstreben, dies Alles machte Hofmann’s äußere Stellung zu einer auch mit seinem inneren Drang harmonirenden, und Ernst Keil, der diesen Herzenszug sofort erkannte, gewährte Hofmann gern jede Gelegenheit, demselben frohen Lauf zu lassen.

Von großem Erfolg in dieser Beziehung war Hofmann’s Eintreten für Wilhelm Bauer (von 1860 bis zu dessen Tod 1875). Dasselbe brachte ihn in persönliche Berührung mit Herzog Ernst von Koburg (vergl. „Gartenlaube“ 1863, S. 159), welcher in Anerkennung der poetisch vielfach bethätigten Heimatliebe des Dichters und wohl die auf Bundestagsanordnung einst geschehene Verurtheilung Hofmann’s nunmehr belächelnd, ihm das Ritterkreuz seines Hausordens verlieh.

Die Redaktionsthätigkeit Hofmann’s entfaltete sich am schönsten in den großen Sturm- und Kriegsjahren 1870 und 1871.

Sein bester Gedanke war der eines großen Christfestes für die armen Kinder und Waisen des Krieges, mit dem zugleich eine Christbescherung für die armen Kinder in Elsaß und Lothringen verbunden sein sollte. Hofmann’s Aufruf: „Eine große Bitte an alle deutschen Kinder“ erschien Mitte November in der „Gartenlaube“ (S. 792), und schon nach wenigen Wochen erwies der Erfolg sich als ein überraschend großartiger. Hofmann hatte das rechte Wort für Jung und Alt gefunden; rührend herrlich zeigte es sich, daß der Geist der großen Zeit auch in die Herzen der deutschen Kinder gefahren war; ihnen gefiel offenbar der Wunsch am besten, daß ihre deutsche Liebe den französischen Haß in Elsaß-Lothringen besiegen solle. Und so massenhaft kamen von überall her, wo Deutsche wohnen (später selbst noch Nachsendungen aus anderen Erdtheilen), auf den Ruf der „Gartenlaube“ die Gaben, von der centnerschweren Kiste bis zum Packetchen, das Kindeshand selbst zur Post gebracht hatte, daß Hofmann’s Arbeitszimmer und E. Keil’s Gartensalon sich in vollständige Niederlagen von Weihnachtswaaren aller Art verwandelt hatten. Die größten Sympathien nahm die wiedergewonnene „wunderschöne Stadt“ des Volksliedes in Anspruch: nach Straßburg konnten und mußten, nach den Wünschen der Kinder und vieler Alten, die meisten Gaben gerichtet werden. Ebenso kamen Sendungen im Verhältniß zu der Einwohnerzahl und dem Kriegsschicksal nach Fröschweiler, Schlettstadt, Lützelstein, Weißenburg, Pfalzburg, Zabern, Marfal, Diedenhofen etc., und sogar an die kleinen Franzosen in Metz. Der Briefwechsel über diese Sammlungen und Bescherungen, namentlich die Kinderbriefe mit ihren vielen patriotischen Verschen, sind ein schöner Erinnerungsschatz an diese große Zeit.

Nachdem Hofmann die Arbeiten für die Kriegskinder-Bescherungen abgemacht, ging er selbst ins Kriegsland. Am 12. Januar 1871 fuhr er mit einem preußischen Sanitätszug vom Bayerischen Bahnhofe in Leipzig ab, eigentlich um Einrichtung und Benutzung solcher „fahrenden Lazarethe“ zum Behufe einer Beschreibung in der „Gartenlaube“ möglichst genau kennen zu lernen. Der betreffende Zug, welcher in Epernay transportfähige Verwundete abholen und in fünf Tagen nach Leipzig zurückkehren sollte, gerieth im Elsaß in die endlosen Militärzüge, welche nach Süden eilten, wo vom 15. bis 17. Januar der furchtbare Kampf vor Belfort wüthete. Erst am 20. konnte er nach Nanzig und Weiler gelangen, erhielt aber auf der Fahrt nach Chalons die Weisung, von dort die Richtung nach Orleans einzuschlagen. Dies dehnte die Reise von fünf Tagen auf fünf Wochen aus, während welcher Hofmann von Brumath am 16. Januar einen Abstecher nach Straßburg und von Orleans aus am 7. Februar nach Paris machte. Die „Gartenlaube“ brachte über diese Erlebnisse außer einem kurzen Brief aus Paris (S. 156) die Artikel: „Ein fahrendes Lazareth“ (S. 167 und 246) und „Vierundzwanzig Stunden im Paris der bittern Noth“ (S. 204), dem Hofmann im Jahrgang 1883, S. 97 und 116 in dem Artikel „Vor zwölf Jahren in Paris“ eine ausführlichere Schilderung dieses kühnen, aber gelungenen Eindringens in die feindselige Stadt folgen ließ. Nach der Anmerkung auf S. 204 (1871) scheint es sehr wahrscheinlich, daß Hofmann der erste Deutsche war, welcher sich schutzlos und am hellen Tage in das Paris des Waffenstillstandes gewagt hatte. Mit Bezugnahme auf dieses kühne Wagniß schrieb ihm damals sein Freund Generalmajor Graf Arthur Mensdorff-Pouilly: „Wo Teufel nahmen Sie den Muth her? Denn da gehört wahrhaftig mehr dazu, als hinter guten Schanzen heraus mit weittragenden Kanonen zu schießen!“

Am Ende des Krieges verfaßte Hofmann für das Leipziger Internationale Hilfskomité „Leipzigs Gruß den heimkehrenden Siegern“, ein Gedicht, welches in 180 000 Exemplaren gedruckt und an alle durchziehenden Krieger als Erinnerungsblatt vertheilt wurde. In Nr. 27 begann Hofmann in der „Gartenlaube“ mit der Rubrik der „Vermißten“; zunächst wurden in derselben „Vermißte Soldaten unseres Krieges“ aufgerufen, später „Vermißte Deutsche“ überhaupt, nachdem früher einzelne Nachforschungen nach Verschollenen mit gutem Erfolg belohnt worden waren.

Dieses glorreichste Jahr der deutschen Nation sollte für die Familie Keil mit dem schwersten Unglück enden. Ernst Keil’s einziger Sohn, Alfred, ein blühender und edelstrebender junger Mann von noch nicht 27 Jahren, war auf einer Orientreise am 28. December 1871 in Kairo gestorben. Ergreifend war der Kultus, welchen Ernst Keil mit der Pflege der Erinnerung an seinen Sohn verband. Mancherlei Anerkennungen, Wohlthaten und Stiftungen ließ er von ihm ausgehen und zwar in Briefen, die mit dem Namen Alfred unterschrieben sind. Auch Hofmann empfing einen solchen, in welchem Alfred ihn bat, seinem Vater und der „Gartenlaube“ treu zu bleiben; damit war eine Erhöhung des Gehaltes verbunden, und dem Schreiben lag Alfred’s Bildniß bei.

Ein ernstes Ziel führte Ernst Keil und Hofmann gemeinsam am 2. Oktober 1872 nach Dresden. Dort war einer der ältesten Freunde Keil’s, Ferdinand Stolle, am 29. September gestorben. Im Friedhofe der Neustadt sprach an seinem Grabe Hofmann einen Nachruf mit dem letzten Gruße der „Gartenlaube“ an den Todten, der ihr Jahre lang treu gewesen.

Hofmann ist ein geborener Volksdichter; sein improvisatorisches Talent gestattete ihm zugleich, in Goethe’s Sinn „Gelegenheitsdichter“, d. h. allezeit freudig bereit zu sein, die Feste der Familie, geselliger Vereine und Verbindungen, des Theaters und der Nation mit Liedern und Prologen zu verschönen. Wahre Perlen solcher Dichtungen findet man in Hofmann’s ausgewählten Gedichten, welche unter dem Titel „Nach fünfundfünfzig Jahren“ im vorigen Herbste (Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger) erschienen sind. Außerdem that sich Hofmann auch als Dialektdichter hervor, schrieb mehrere Festspiele und Operntexte, die allgemeinen Beifall fanden, und erfreute die Kinderwelt durch reizende Märchensammlungen, wie „Der Kinder Wundergarten“ etc.

Inzwischen kam das Jahr 1878 heran, das Jubeljahr der „Gartenlaube“, deren fünfundzwanzigsten Jahrgang Friedrich Hofmann mit einem „Jubelgruß“ eröffnete.

Von dem Feste sichtlich gehoben gingen Redaktion und Mitarbeiterschaft an das Fortwirken für das Jubelblatt. Vor Allem machte E. Keil den Eindruck eines Mannes, der mit neuerblühter Schaffenslust das Lieblingswerk seines Lebens weiterzuführen bereit steht. Das Aufblühen war Täuschung, es war „das Blühen eines Sternes“, sein letztes Aufleuchten vor dem Untergang. Ernst Keil starb nach einem kurzen Krankenlager am 23. März 1878, und Ernst Ziel übernahm die Redaktion des Blattes. Auch jetzt blieb Hofmann seiner alten Pflicht als ständiger Mitarbeiter treu, bis im Jahre 1883 eine neue Ordnung der Dinge ihn nöthigte, die verantwortliche Redaktion zu führen, welche er auch beibehielt, als mit dem Jahre 1884 der jetzige Herausgeber die geschäftliche Leitung des Blattes übernahm. Inzwischen hat der treue Kämpe sein dreiundsiebzigstes Lebensjahr überschritten, und wer möchte es ihm verdenken, daß er jetzt endlich Sehnsucht nach größerer Ruhe empfand und den Wunsch äußerte, von dem seine Kräfte allzu sehr anstrengenden redaktionellen Geschäftszwang befreit zu werden und künftig nur noch als ständiger Berather und gelegentlicher Mitarbeiter an der „Gartenlaube“ sich zu betheiligen. Dieser Wunsch ist dem trefflichen verdienten Veteranen gern bewilligt worden. Derselbe scheidet also nicht aus unserer Mitte. Als „Ehrenmitglied der Redaktion“ wird er auch in der Folge für seine geliebte „Gartenlaube“ zu wirken suchen, und nach wie vor stehen ihm die Spalten derselben jederzeit offen, besonders aber dann, wenn er, dem alten Herzenszuge folgend, für Arme und Bedrängte Liebesgaben sammeln oder eintreten wollte für Wahrheit und Recht!