Frau Auguste Pattberg geb. von Kettner

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Textdaten
Autor: Reinhold Steig
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Titel: Frau Auguste Pattberg geb. von Kettner
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aus: Neue Heidelberger Jahrbücher, Band 6, Seite 62–122
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Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Koester
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Erscheinungsort: Heidelberg
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[62]
Frau Auguste Pattberg
geb. von Kettner.
Ein Beitrag zur Geschichte der Heidelberger Romantik.
Von
Reinhold Steig in Berlin.

Der Name der Frau Auguste Pattberg ist in der deutschen Litteratur so gut wie unbekannt. Auch diejenigen, die die Heidelberger Romantik lieben, werden sich ihrer schwerlich aus des Knaben Wunderhorn erinnern. Nur zweimal wird sie in dieser Sammlung deutscher Lieder genannt, obgleich ihr Anteil an derselben ein viel grösserer war. Sie ist, um bekannte Lieder anzuführen, die Einsenderin der Gedichte „Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Main“ und „Es steht ein Baum im Odenwald“, die von singbaren Weisen getragen, ohne dass man von der Frau Pattberg wüsste, in den idealen Besitzstand unseres Volkes aufgenommen worden sind. Dies Verdienst würde hinreichen, sie den Freunden deutscher Dichtung lieb und wert zu machen, auch wenn sich nicht noch andere Wirkungen und Fragen litterarischer Art an ihren Namen knüpften. Es traf sich, dass ich eine beträchtliche Zahl handschriftlicher und anonym gedruckter Aufzeichnungen von ihr vereinigen konnte. Und so unternahm ich es, zumal gefördert durch freundlich mir gebotene Familienerinnerung und amtliche Vermittelung urkundlicher Zeugnisse, der lieben Frau ein Gedenkblatt zu schreiben, litterarischen Beziehungen nachzugehen und alsdann, was ich von ihrer Hand besitze, wie einen überkommenen Nachlass mitzuteilen[1].


[63]
1. Biographisches.

Frau Auguste Elisabeth Pattberg gehört mit ihrem ganzen Leben und Dasein dem Odenwalde an. Den 24. Februar 1769 wurde sie zu Neunkirchen bei Aglasterhausen geboren. In weiter Krümmung umspannt der Neckar dort den von der Neunkircher Höhe beherrschten Gau mit seinen Burgen und Ruinen, Flecken, Dörfern und Städten. Eine glückliche Abgeschiedenheit hatte dem fränkischen Volksstamme, der hier seit Väterzeiten seine Sitze hat, die alte deutsche Art mit ihrer sinnigen Freude an ehrwürdig-hergebrachten Sitten und festlichen Gebräuchen vor dem zerstörenden Eindringen moderner Beglückungs-Ideen gerettet. Die vornehmen Familien, die zum Teil seit Jahrhunderten immer über dieselben Bezirke ihren wohlthätigen Einfluss breiteten, erwiesen sich als ein fester, allgemein verehrter Hort alter patriarchalischer Herzlichkeit. Sie gingen führend mit dem Volke und bewahrten sich in schlichter Lebenshaltung das Verständnis seiner Eigenart. Geist, Kunstsinn und frohe Gastlichkeit war unter ihnen heimisch. Aus einem solchen Familien-Verbande ist Frau Auguste Pattberg hervorgegangen.

Ihr Geburtsort Neunkirchen mit Heidelberg als dem Sitze der Regierungsgewalt unterstand damals dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz und wurde erst Jahrzehnte später dem Badischen Staatswesen angegliedert. Der Vater, Engelhard Wilhelm Kettner, war Forstmeister zu Neunkirchen, Mosbach und Dilsberg und bewohnte als solcher ein Karl Theodor gehöriges Jagdschlösschen bei Neunkirchen. Durch seine Gemahlin, Maria Magdalena Franziska geborene von Krone, eine Schwester des Heidelberger Oberpolizeimeisters Franz von Krone, war er mit anderen massgebenden Familien verschwägert. Zu den Freunden des Hauses zählten viele kurpfälzische Beamte, insbesondere auch der Oberjägermeister Friedrich Ferdinand Sittich von Hacke. Der Beamtenadel der Familie Kettner wurde 1793 von Karl Theodor als Reichsadel anerkannt und bestätigt. Die Familie erwarb späterhin von Ludwig von Stockmar das Dorf Reichartshausen, Amts Bischofheim, als grundherrliche Besitzung, wo sie weiter geblüht hat und noch blühen mag.

Angehörige der Familien von Hacke und von Krone hoben das kleine Gustel, so hiess sie bei den Ihrigen, aus der Taufe, die sie in der katholischen Pfarrkirche zu Neunkirchen empfing. Sie wuchs als der Liebling des Hauses heran. Ihre Mutter, eine gemütvolle, feingebildete Frau, wusste der Führung ihres Hauswesens einen höheren Zug zu geben. Den Wert des täglichen Brotes veredelte sie durch [64] geistige Zukost. In diesem Sinne suchte sie auch auf ihre Kinder einzuwirken, die sie mit rechter Liebe und Sorgfalt erzog. Sie hatte ausser der Tochter noch zwei ältere Knaben. Von diesen hat einer, Johann Franz von Kettner († 1839), der zunächst der Amtsnachfolger seines Vaters wurde, nachmals dem badischen Staate als oberster Chef des Forstwesens in einflussreicher Stelle gedient, und ist wie sein Sohn, der badische Oberjägermeister Franz Wilhelm von Kettner († 1874), auf forst- und volkswirtschaftlichem Gebiete als Schriftsteller aufgetreten. Auch Auguste von Kettner war litterarischer Sinn und poetische Begabung wie ein freundliches Muttererbe zugefallen.

In dieser Sphäre also wuchs sie auf, umhegt von fröhlicher, bedeutungsvoller Natur: sie selbst ein Bild jugendlicher Schönheit. Die Gesichtsfarbe zart und mit blühendem Rot geschmückt; blaue Augen und lange weissblonde Locken. Ihre liebsten Kameraden waren die Brüder. Sie lernte von ihnen, wie der beste Schütze, die Büchse zu führen. Mit ihnen ritt sie bergauf, bergab, um die Wette, und die Freude war gross, wenn sie zuerst das Ziel erreichte. Alle Pfade des Odenwaldes, seine Burgen und Schlösser wurden ihr vertraut. Sie lauschte den Sagen aus früherer goldner Zeit. Den Leuten des Volkes sang sie ihre schlichten, innigen Lieder nach. An Sonn- und Festtags-Abenden schaute sie den Jünglingen und Mädchen zu, die sich unter den laubigen Ästen der Dorflinde zu Spiel und Tanz versammelten. Sie selbst fing schon als Kind an Gedichte zu machen, mit denen sie die Ihrigen an festlichen Tagen beschenkte, und diese Gabe ist ihr ebenso wie die Frische ihrer Erscheinung bis in das hohe Alter treu geblieben. Während sich von ihren Schilderungen der Heimat, ihren Sagen und Volksliedern so manches bei dem damals neu erwachten Streben der Zeit, zu retten und zu sammeln, erhalten hat, sind ihre Gelegenheitsgedichte aus der früheren Zeit, wie es scheint, fast alle verloren gegangen. Erst später hat sie einige Bändchen drucken lassen, und manches Jägerliedchen von ihr ist in die damaligen Forst- und Jagdjournale aufgenommen worden.

Ihre Liebe schenkte und bewahrte sie einem Gespielen der Kindheit, welcher einst zu ihr gesagt hatte: „Wenn wir gross geworden, wirst du meine Frau.“ Es war Arnold Heinrich Joseph Pattberg, aus dem nahen Neckarelz, der Sohn einer der ihrigen eng befreundeten Familie, die gleichfalls dem alten kurpfälzischen Beamtenstande angehörte. Sein Vater, Christian Pattberg, war seit 1762 Amtskeller, d. i. erster Verwaltungs- und Justizbeamter, in Neckarelz und erhielt 1778 den Titel eines kurpfälzischen Hofgerichtsrates. Als Arnold Heinrich in [65] Heidelberg die Rechte studiert und in die Dienstgeschäfte sich eingearbeitet hatte, wurde er im Mai 1788, siebenundzwanzigjährig, zum Amtsnachfolger seines Vaters bestellt. Einen Monat später führte er seine Braut zum Altare; an der Stätte, wo sie die heilige Taufe empfangen hatte, wurde sie am 16. Juni 1788 ihm zur Gattin angetraut. Die Namen des kurpfälzischen Hofgerichtsrats Stockmar und des Professors der Medizin Zuccarini aus Heidelberg, als Zeugen der Trauung, sind in das Kirchenbuch von Neunkirchen eingetragen. Und so zog die junge neunzehnjährige Frau ein in das freundliche Neckarelz, wo die liebliche Elzbach aus den Bergen dem Neckar sich vereint, wo altehrwürdiges Bauwerk noch heute von den Tagen der Tempelherren redet und die Kulturerinnerung bis zu den Zeiten der Römer hinaufreicht. Auch Goethe hat einmal in Neckarelz geweilt, mit Sulpiz Boisseree, 1815, auf der Heimfahrt begriffen, und die Seele noch erfüllt von der Schönheit der altdeutschen Bilder, die er in Heidelberg gesehen hatte.

Das Amtshaus in Neckarelz war reizend gelegen und gewährte die Aussicht auf den Lauf des Stromes. Ein grosser Garten umhegte es, in dem Frau Pattberg nach ihrem Geschmacke die schönsten Anlagen einrichten liess. Sie war eine Blumenfreundin, namentlich die Rosen liebte sie, und über den ganzen Garten hin pflanzte sie Rosenlauben an, die, wenn der Frühling kam, die duftende Pracht ihrer Blüte entfalteten. Wie wechselvoll die Zeiten auch die äusseren Verhältnisse ihrer Heimat gestalteten: drei Jahrzehnte hindurch hat sie ungestört hier walten können. Für das Wohl der Ihrigen in nie ermüdender Sorge thätig zu sein, sah sie als deutsche Frau für die höchste ihrer Pflichten an. Allen geistigen Interessen fuhr sie fort ein offenes, empfängliches Gemüt entgegenzubringen. Sie war freundlich und hilfreich gegen Jedermann, zumal den Armen und Kranken in Neckarelz ein wahrer Segen. Die ungesuchte Gastlichkeit, die sie gegen Freunde und Bekannte zu üben wusste, war weit und breit bekannt, und manche bedeutende Männer sind im Laufe der Jahre zum Besuch in ihrem Hause erschienen.

Ihr Gatte schritt in seiner Laufbahn stetig vorwärts. Noch unter dem Kurfürsten Karl Theodor zum Keller und Zollschreiber in Neckarelz ernannt, wurde er, als 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss die kurpfälzischen Ämter Mosbach und Boxberg an das Fürstentum Leiningen kamen, in Leiningische Dienste übernommen, als Justizbeamter und Amtskeller in Neckarelz bestätigt und vom Fürsten Karl Friedrich Wilhelm zu Leiningen mit dem Charakter und Range eines wirklichen Hofgerichtsrats, [66] unter dem 12. Juli 1803, ausgezeichnet. Bei der Neuorganisation der Leiningischen Landesbehörden stieg er zum ersten Rentamtmann des Fürstlichen Rentamtes Mosbach auf, mit dem Sitz in Neckarelz. Sieben Kinder wurden ihnen geboren, von denen das jüngste bald wieder starb. Der älteste Sohn Franz arbeitete zwei Jahre unter seinem Vater am Rentamt in Neckarelz, trat dann aber in Königlich Bairische Militärdienste ein. Ebenso ein zweiter Sohn. Beide machten glücklich die Freiheitskriege mit. Der jüngste widmete sich, gleichfalls in Baiern, der Forstkarriere.

So war Frau Auguste Pattberg in ihrer Ehe ein reiches Mass inneren und äusseren Glückes beschieden. Aber das Alter kam, und der Dienstaustritt ihres Gemahls, 1821, und ein Jahr darauf der bitterschwere Abschied von Neckarelz. Mit ihrer jüngsten Tochter Auguste zogen sie nach Heidelberg hinüber, wo sie im alten Verkehr mit manchen Freunden weiter leben konnten. Sie gingen viel spazieren: die einzige Art jetzt noch, wie sie ihre Liebe zur Natur bethätigen konnten. Und die unvermerkt anwachsende Vertrautheit mit der schönen Gegend stillte wohl die Sehnsucht, die sie oftmals nach der alten Heimat ergriff. Am 27. November 1829 starb Pattberg, und nun blieb seine Gattin, gepflegt von ihrer treuen Tochter, allein zurück. Es traf sie 1842 ein Schlaganfall, von dessen Nachwirkungen sie sich nicht mehr völlig erholte. Mit christlicher Ergebung trug sie das allmähliche Versiegen ihrer Kräfte, ohne auch nur einen Augenblick das Gefühl fortbestehenden inneren Glückes zu verlieren. Ihre Gedanken weilten gern im lieben Neckarelz und im Elternhause, wo sie, wie sie zu sagen pflegte, ihres Lebens schönsten Traum geträumt habe. Sie liess sich oft aus Briefen und anderen Blättern, die sie aufbewahrt hatte, vorlesen, verfügte aber die Vernichtung derselben, da doch alles einer anderen Zeit, die nicht mehr verstanden werde, angehört habe. Bis zuletzt behielt sie ihr klares Gedächtnis und kannte alle, die sie besuchten. Am 4. Juli 1850 ist die greise Frau, sanft wie ein Kind, eingeschlafen in die ewige Heimat, auf die sie gläubigen Herzens gehofft hatte. Sie ruht mit ihrem Gatten auf dem Kirchhof zu Heidelberg.


2. Litterarisches.

Ich sagte, dass aus Frau Pattbergs früherer Zeit Schilderungen des Odenwaldes, Sagen und Lieder erhalten seien, und ich versuche jetzt die Zusammenhänge darzustellen, die sich etwa zwischen ihnen und dem [67] Hauptgange unserer Litteratur erkennen lassen. Sie fliessen alle mit in den bunten Wechsel derjenigen Bestrebungen ein, aus denen als die Blüte der Heidelberger Romantik des Knaben Wunderhorn hervorgegangen ist.

Der erste Teil erschien bekanntlich für das Jahr 1806, und Goethes schnell ausgefertigte Anzeige vom Januar 1806, zu der ihn persönliche Neigung für Arnim wie gewohnte Schätzung der Volkspoesie bestimmt hatte, gab der Sammlung vor der litterarischen Welt eine Stellung, der gegenüber der Tadel, welcher sich regte, nicht recht aufkommen konnte. Das von der kritischen Erörterung des Tages unberührte Publikum nahm denn auch die Lieder mit reinem Enthusiasmus auf, und Arnim sowohl wie Brentano empfingen rührende Beweise der dankbarsten Gesinnung. Der herzlich biedere Anselm Elwert, zu Dornburg in Hessen-Darmstadt Amtsverweser, dessen vor mehr denn zwanzig Jahren erschienene Volkslieder dem Wunderhorn Namen, Titelbild und Eingangsstrophen geschenkt hatten, fühlte sich ihnen fortan in persönlicher Freundschaft zugethan. Ein Pfarrer Röther zu Aglasterhausen, der seit Jahren Volkslieder gesammelt hatte, betrachtete seltsam bewegt das Wunderhorn bei dem Verleger Zimmer in Heidelberg und opferte der Freude, es zu besitzen, neidlos seine zierlich geordneten Manuskripte. Dieser Röther war, wie Elwert, in den neunziger Jahren Mitarbeiter an Gräters Bragur (3, 478) gewesen, einer Zeitschrift, die nach dem Vorgange Herders auch das deutsche Volkslied pflegte. Wenn man erwägt, wie nahe Aglasterhausen zu Neunkirchen und Neckarelz gelegen ist, so darf man nach Massgabe gesellschaftlicher Verhältnisse wohl eine persönliche Bekanntschaft zwischen dem Pfarrer Röther und Frau Auguste Pattberg annehmen. Es eröffnete sich alsdann ungesucht einer der vielen denkbaren Wege, auf denen auch die litterarische Beförderung des Volksliedes zu ihrer Kenntnis gekommen wäre. Jedenfalls war sie im Sinne der Genannten eine Freundin des Wunderhorns, das gleich anfangs in ihre Hände gelangte; und es fand sich bald auch für sie eine Gelegenheit, mit den Herausgebern in Verbindung zu treten. Einen gemeinsamen Bekannten hatten sie übrigens an Albert Ludwig Grimm, damals Hauslehrer beim Kirchenrat Schwarz in Heidelberg, der für das Wunderhorn (1, 83) sammelte, und an dessen Persephone auf das Jahr 1806 Frau Pattberg beteiligt war.

Wunderbar ist die anregende Kraft, die gerade vom ersten Bande des Werkes ausging. Die Herausgeber liessen sich keine Mühe verdriessen. Wie Arnim in dem Nachwort des ersten Bandes und in Beckers [68] Reichsanzeiger, Dezember 1805, so forderte Brentano in besonders gedruckten Circularen die allerweitesten Schichten des Volkes zur ferneren Mitarbeit an dem Wunderhorn auf. Denn eine schnelle Fortsetzung war ursprünglich in Aussicht genommen und nur der Ausbruch des französisch-preussischen Krieges mit seiner unseligen Spaltung Deutschlands verzögerte sie bis zum Jahre 1808. Brentanos Circular (Arnim und Brentano S. 177 abgedruckt) wurde im Juni 1806 versandt. Vorzüglich, besagt es, wäre auf Lieder zu achten, welche die Kunstsprache mit dem Namen Romanze oder Ballade bezeichnet, d. i. in welchen irgend eine Begebenheit dargestellt wird, Liebeshandel, Mordgeschichte, Rittergeschichte, Wundergeschichte etc., je älter und einfacher, je grösser der Gewinn; weiter scherzhafte und elegische Volkslieder, Spottlieder, charakteristische Kinderlieder, Wiegenlieder etc.; und könne von manchen die vortreffliche Melodie mitgewonnen werden, so seien die Lieder doppelt wert. Die hier angegebenen Gesichtspunkte sind für die Sammelarbeit der Frau Pattberg die massgebenden geblieben. Sie richtete, aus Anlass des Circulares, folgenden Brief an Clemens Brentano:

Neckarelz den 5ten Juli 1806.     

Ihre Auffoderung an die Freunde der alten Vaterländischen Volksgesänge kam mir vor kurzem zu Gesichte. Ich würde mich freuen, wenn Sie unter denen, die ich Ihnen hier beischliese, wenigstens einige für Ihr Unternehmen brauchbar fänden, und mit Vergnügen würde ich es mir zum Geschäft machen, Ihnen noch mehrere zu verschaffen.

Mit Hochachtung 
Ihre 
ganz ergebenste Dienerin     
A. Pattberg geb. 
v. Kettner. 

Es lässt sich, worauf auch wenig ankommt, nicht feststellen, welche Lieder diesem ersten Briefe beigelegen haben. Die eigenhändigen Liedermanuskripte der Frau Pattberg, welche ich auf Grund ihrer durch die Briefe gewährleisteten Handschrift aus den Urmaterialien des Wunderhorns herausfinden konnte, bieten bei der völligen Gleichheit ihrer äusseren Form kein unterscheidendes Merkmal dar. Genug, dass mit dem Briefe der erste Schritt zur Teilnahme an den Heidelberger Bestrebungen gethan war. Denn dass Brentano die Korrespondenz aufnahm und ein unmittelbarer Verkehr sich knüpfte, ergiebt sich daraus, dass sie bald darauf auch Mitarbeiterin an der neugegründeten Badischen Wochenschrift wurde. Der Herausgeber derselben war Alois Schreiber, die eigentliche Seele des Unternehmens aber, wenigstens im Anfang, Clemens Brentano.

[69] Schreiber, 1805 aus Baden nach Heidelberg als Professor der Ästhetik berufen, trat bald mit Brentano und seinen damaligen Vertrauten, zu denen insbesondere Creuzer gehörte, in freundlichen Verkehr. Es war eine ebenso schnell aufflackernde wie rasch verlöschende Leidenschaft Brentanos, Journale ins Leben zu rufen, ohne als ihr Redakteur thätig zu sein: in Berlin, Prag, Wien hat er es später nicht anders gehalten. Damals, in Heidelberg, musste ihm erwünscht sein, ein Blatt zur Verfügung zu haben, das den sich ansammelnden Vorrat von Märchen, Sagen und ähnlichen Gebilden der Volksphantasie, die der Plan des Wunderhorns für jetzt noch ausschloss, ohne Zwang vorläufig aufnehmen konnte; denn auch Märchen und Sagen, die in der Folge den Brüdern Grimm als ihr eigner romantischer Arbeitsbezirk überlassen blieben, waren damals schon von Arnim und Brentano mit vollem Bewusstsein ihres Wertes in das Auge gefasst worden. Die „Kurfürstlich (später: Gross-Herzoglich) privilegirte Wochenschrift für die Badischen Lande“, die vom 4. Juli 1806 bis zum 1. Januar 1808 bei Mohr und Zimmer in Heidelberg erschien, hat in der That der volkstümlichen Litteratur einen Dienst geleistet, wie sie auch gegenüber der „Sucht zu modernisieren und der Aufhebung der Klöster“ gleich von ihrer ersten Nummer an für die Erhaltung der älteren deutschen Kunstwerke mit Eifer eintrat. Von Achim von Arnim ist der Badischen Wochenschrift in der Einsiedlerzeitung das rühmliche Zeugnis ausgestellt worden, dass ihre bedeutenderen Aufsätze aus dem Untergange errettet zu werden verdienten, in den sie leicht für die Nachwelt versinken könnten. Die Brüder Grimm haben auch aus ihr für die deutschen Sagen geschöpft. Zu dem, was aus der Wochenschrift der Erhaltung wert sei, rechne ich den Anteil der Frau Auguste Pattberg.

Ich gehe auf die wichtigeren, teils anonymen, teils mit den Verfassernamen gezeichneten Beiträge der Wochenschrift ein, um den Autorenkreis zu gewinnen, dem sich Frau Pattberg zugesellte.

Zunächst von Schreiber selbst. Er hat auch anonyme Stücke geliefert, die er aber selbst durch Aufnahme in spätere Bücher als sein Eigentum bekannt hat. Merkwürdig war mir


Ein altes Volkslied.
Mit wenigen Abänderungen.

Dort oben auf dem Berge
Da ist ein schwarzer See,
Und auf dem See da schwimmet
Ein Röslein, weiss wie Schnee.

5
Es kommt ein Hirtenknabe

Mit einem Haselstab:
Das Röslein muss ich haben,
Das Röslein brech ich ab!

[70]

Er zieht es mit dem Stabe

10
Wohl an den Binsenrand,

Doch aus dem Wasser hebet
Sich eine weisse Hand.

Sie zieht das Röslein nieder,
Tief in den dunkeln Grund:

15
„Komm, lieber Knab’, ich mache

Dir viel Geheimes kund.

Im See, am Boden wurzelt
Das Röslein, das du liebst,
Da will ich dir es brechen,

20
Wenn du dich mir ergiebst.“


Den Knaben fasst ein Grauen,
Er eilt hinweg vom See,
Doch immer ist sein Sinnen
Das Röslein weiss wie Schnee.

25
Er irret durch die Berge,

Der Gram das Herz ihm frisst,
Und niemand weiss zu sagen,
Wo er geblieben ist.

– das trotz mehrfacher in das Moderne fallender Wendungen doch wirklich auf volksmässiger Grundlage ruht, und als Ganzes mir geschlossen und wohlgelungen scheint. Dies, in der Wochenschrift vom 18. Dezember 1807 Sp. 815 anonym gedruckte Gedicht rührt nun von Schreiber her, wie daraus folgt, dass es sich später in seinen „Gedichten und Erzählungen“ (1812, S. 41), in den „Poetischen Werken“ (1817, Bd. 1) und in den „Sagen aus den Rheingegenden, dem Schwarzwalde und den Vogesen“ (1839, 2. Bändchen S. 255) wiederfindet. Aber hier immer ohne den Hinweis auf volkstümliche Herkunft und mit folgender Abweichung des Titels und der ersten Strophe

Der Mummelsee.
Hoch auf dem Tannenberge

Da ist ein schwarzer See,
Und auf dem See da schwimmet
Ein Röslein, weiss wie Schnee –

und wer je zum Mummelsee hinaufgestiegen ist und der Sagen über ihn sich erinnert, wird glauben, dass in Schreibers Gedicht von Anfang an kein anderer See als der Mummelsee gemeint gewesen sei. Indem ich mir aber vergegenwärtige – worüber ich aus Anlass des Goethe’schen Klageliedes in Sauers Euphorien 2, 814 gesprochen habe –, welche Bedeutung gerade damals „Da droben auf jenem Berge“ für Brentano erlangte, so denke ich, dass an dieser Stelle Brentanos persönlicher Einfluss auf Schreiber auch litterarisch zu erkennen sei. Er sammelte ja gleichfalls für das Wunderhorn, das er in Nr. 4 seines Blattes als eine Sammlung „ächt teutscher Volkspoesieen“ rühmte.

Brentanos Mitarbeiterschaft kam der Wochenschrift von ihren Anfängen an zu Gute. Der bekannte „Brief an den Herausgeber über das Sprichwort: Dir geht es wie dem Hündlein von Bretten“ (18. Juli 1806). [71] Das prächtige „Lied eines Heidelberger Studenten“ (1. August). Die gemütsreichen Strophen „An die Nymphe der Heilquelle zu Baaden bei der Ankunft unsers geliebten Landesherrn (Karl Friedrich)“, 15. August. Und wohl auch die „Alte Prophezeihung eines nahen Krieges, der aber mit dem Frühling endet“, die nur nach der Badischen Wochenschrift (1806, Sp. 256) citiert, in das Wunderhorn (2, 65) aufgenommen worden ist. Dann aber verstummt auf längere Zeit Brentanos Stimme; der Grund war der am 31. Oktober 1806 erfolgte Tod seiner Gattin Sophie (Mereau), geborenen Schubart, und sein einstweiliger Fortgang von Heidelberg. Die Badische Wochenschrift vom 7. November 1806, Nr. 19, brachte – wahrscheinlich aus Schreibers Feder, der sich in seinen thatsächlichen Angaben mit auf Creuzer und Görres stützen mochte – einen Nachruf auf Sophie Brentano, in welchem erwähnt war, dass „ihre letzte Arbeit eine Übersetzung der Fiametta des Bocazz gewesen sei, die in Berlin gedruckt werde, und deren Erscheinung sie leider nicht mehr erlebt habe“; und woran anschliessend aus dem ersten Bändchen ihrer „Gedichte“ (1800, S. 40) die „Schwermuth“ mitgeteilt wurde, die auch Herder einst in einer Erfurter Recension ausgezeichnet hatte.

Seit seiner Rückkehr nach Heidelberg, Ende November 1806, verlieren Brentanos Beiträge ihren einfachen, absichtsfreien Charakter. Sie erhalten von jetzt ab eine polemische oder satirische Beimischung. Brentano sah sich genötigt, eine Reise mit seiner Sophie nach Walldürn im Odenwald und seinen Schmerz über ihren Verlust vor öffentlicher Missdeutung zu schützen (20. Februar 1807), die der Kirchenrat Horstig anonym im Weimarer Journal des Luxus und der Moden hervorgerufen hatte. Mit Görres zusammen lieferte er der Wochenschrift als eine über ihre Ufer ausgetretene Beilage die „wunderbare Geschichte von BOGS, dem Uhrmacher“ (vgl. 8. Mai 1807, Nr. 19, Sp. 30), deren künftig zu beachtende Vorgeschichte in den, wohl auf Brentano zurückgehenden, Anzeigen der Nrn. 12 und 13 (20. und 27. März 1807) enthalten ist.

Von Sophie Brentano finde ich nur einen einzigen Beitrag in der Wochenschrift (23. Januar 1807, Nr. 4), nämlich anonym

Die Wanderschaft.
Ein Wanderer zog ins ferne Land.

     Wohlauf!
Er führte sein Liebchen an treuer Hand.
     Wohlauf!

5
Er führt es sanft, es folgt ihm gern,

Und freundlich grüsst sie der Abendstern.

[72]

„Treu Liebchen, schau hin und fürchte nicht
     Wohlauf!
Dort drüben im Walde, dort glänzt ein Licht.

10
     Wohlauf!

Wir ziehen ein ins kleine Haus,
Und ruhen und schlafen bis morgen aus.“

„Geliebter, o lass uns nicht gehn ins Haus.
     Wohlauf!

15
Noch mag ich nicht ruhen und schlafen aus.

     Wohlauf!
Die hellen Sternlein funkeln schön,
Wir wollen weiter und weiter gehn.“

„Wir dürfen nicht gehen für und für,

20
     Wohlauf!

Treu Liebchen, sey willig und folge mir.
     Wohlauf!
Ich bin ja müd, verlang nach Ruh,
Komm Liebchen, sing mir die Augen zu!“

25
Er geht voran auf dunkelm Weg,

     Wohlauf!
Und müde betritt er den schmalen Steg.
     Wohlauf!
Er wankt und schwankt und sinkt hinab,

30
Im Strom tief unten da ist sein Grab.


Und Liebchen sitzt still im Ufergras,
     Wohlauf!
Es treibet und jagt sie, sie weiss nicht was.
     Wohlauf!

35
Sie hört das Rauschen tief und hohl.

Da wird ihr plötzlich so leicht, so wohl.

Sie schliesset die schönen Augen zu.
     Wohlauf!
Sie folget dem Lieben hinab zur Ruh.

40
     Wohlauf!

Da liegen sie im kühlen Haus
Und ruh’n und schlafen bis morgen aus.

Von der Autorschaft Sophie Brentanos, als der sich nie verläugnenden Schülerin Schillers, uns zu überzeugen, genüge der Hinweis auf ihre an Klang und Versmass gleiche „Klage“ in Bernhard Vermehrens Musen-Almanach für 1803, S. 30, zu der ich in dem Buche „Arnim und Brentano“ S. 83 eine etwas abweichende Gestaltung mitteilen konnte; wie auch ihre Schwester Henriette Schubart in derselben Manier einen Scherz an den aus Jena scheidenden Zacharias Werner, den „Liebesgesellen“, [73] richtete, worüber u. a. die Erinnerungsblätter aus dem Leben einer deutschen Frau, mitgeteilt von Bertha Augusti (Köln und Leipzig 1887, S. 47) oder die Weimarer Goethe-Ausgabe IV 20, 36 oder das Frommannsche Haus und seine Freunde ³ S. 120 nachzulesen sind. Wir dürfen annehmen, Clemens Brentano habe „Die Wanderschaft“ aus Sophiens Nachlass, den er zu seiner schmerzlichen Erinnerung damals in Heidelberg ordnete, Alois Schreiber zum Abdruck überlassen.

Schon früher einmal hatten sich die hier vereinigten Autoren zu litterarischer Arbeitsgemeinschaft zusammengefunden: zu dem der Liebe und Freundschaft gewidmeten Frankfurter Taschenbuch auf das Jahr 1806. Da sehen wir Sophie Brentano, Görres, Schreiber mit Beiträgen vertreten, und neben ihnen Caroline Rudolphi aus Heidelberg und die Günderode, die alle unter einander Bekannte oder Vertraute waren. Brentanos briefliche Berichte an Arnim aus jener Zeit lassen erkennen, wie gesellig diese Menschen alle, besonders auch die Frauen, mit einander lebten; wie man Ausflüge den Neckar aufwärts durch das „überirdisch schöne“ Thal bis zu den Landschaden von Neckarsteinach unternahm und überall auf Volkslieder lauschte; wie Brentano, nach einer Reise zu seinem phantastischen Herrn Schwab in Miltenberg, den Kirchenrat Horstig zum Ankauf des Schlosses daselbst bewog; wie Horstig dem Gesange eines Bergknaben, auf welchen ihn Brentano aufmerksam gemacht hatte, das rührende Volkslied vom „Joseph, der die schöne Nanerl ins Unglück gebracht“, nachschrieb und in Reichardts musikalischer Zeitung veröffentlichte. Während also bis dahin völliges Einvernehmen herrschte, gewahren wir in der Badischen Wochenschrift nur zu bald die ersten Spuren gegenseitiger Spannung und beginnenden Zwiespalts: je nachdem sich die Einzelnen zu der strengen Autorität Johann Heinrich Voss’, der aus grundsätzlichen und persönlichen Motiven seine Gegnerschaft gegen die Romantik bald immer schärfer hervorkehrte, hingezogen oder von ihr abgestossen fühlten.

Voss war im Juli 1805 in freier, die Regierung beratender Gelehrtenstellung nach Heidelberg berufen worden. Seine Mitwirkung an der Badischen Wochenschrift ist, wie es scheint, weder für Wilhelm Herbsts Biographie noch für die neueren Arbeiten über ihn herangezogen. Der erste eigene Artikel Vossens erschien in Nr. 5, vom 1. August 1806. Hatte er sich 1805 in der Jenaischen Litteratur-Zeitung (Kritische Blätter 1827. 2, 13) sehr scharf gegen den kurpfalz-baierischen Studienplan ausgesprochen, so fand jetzt die von der preussischen Regierung getroffene Einrichtung eines Gymnasiums und einer Töchterschule zu [74] Heiligenstadt im Eichsfelde seinen Beifall. Er gab also Schreibers ausführlichem Artikel über dieses Schulwerk in Nr. 5 mit Unterzeichnung seines Namens ein Geleitwort bei. Unsere geistige Bildung sei bisher von den Werken der geistreichsten Menschen, welche die Geschichte kenne, ausgegangen und Teutschland müsse forthin den Anwachs der gelehrten Staatsbürger in der Schule durch jene klassischen Werke der höchsten Humanität zu reineren Ansichten, zu edleren Gesinnungen erheben und stärken. Von dieser Erkenntnis sei der preussische Schulplan durchdrungen; ein solches Beispiel werde, auch wegen der musterhaften Vereinigung beider Konfessionen, in den badischen Landen Teilnahme erregen. Aber anstatt „Deutschlands“ hatte Schreiber nach seiner Gewohnheit in jenem Geleitwort „Teutschlands“ drucken lassen, eine Unform, die Voss nicht auf sich sitzen lassen mochte. Seiner Gelehrsamkeit, die er ähnlich schon in der Jenaischen Abhandlung über Klopstocks grammatische Gespräche und Adelungs Wörterbuch (Kritische Blätter 2, 374. 416) bewiesen hatte, wurde es leicht, in einer Berichtigung (Nr. 6) aus den Schriften Hagedorns, Klopstocks und vieler anderer, bis auf Goethe und Schiller herab, Belege für die allein giltige Schreibart „Deutschland“ beizubringen, und mit alter Animosität gegen Wieland spöttelte er auf dessen „teutschen“ Merkur und diejenigen neueren Modeblätter, die dem glänzenden Vorgänger mit vollem Munde „nachteutschten“; er schloss: „Aber meinen verehrten Mitbürger, den feinsinnigen Herausgeber dieser nützlichen Wochenschrift, lade ich im Namen der deutschen Sprachgöttin feierlich ein, dem ehrwürdigen Chore der Deutschen, denen Teutschheit widerlich ist, als würdiger Deutscher sich anzuschliessen. Johann Heinrich Voss.“ In derselben Nummer ist auch noch ein „Vorschlag an das Heidelberger Publikum“, eine bleibende Anstalt für einen Singchor zu errichten, neben Ewald, Schwarz und Schreiber an erster Stelle von Voss unterzeichnet, und „mit Erlaubnis des ehrwürdigen Verfassers“ druckte Schreiber Vossens Gedicht „Das Nothwerk“ (Sämtliche Gedichte 1802. 5, 163) ab, um gegen die kirchlichen und Polizei-Ordnungen anzukämpfen, die das Einbringen des Getreides am Sonntage überhaupt verböten. Vossens Übersetzungen des Horaz wie des Hesiod und der orphischen Argonautika wird dementsprechend in Nr. 8 glänzende Anerkennung[WS 1] zu teil. Seiner Anregung mag es auch zuzuschreiben sein, dass die Wochenschrift 1807, Nr. 25, die von W. K. F. in der Jenaischen Litteratur-Zeitung gelieferte lebhafte Zustimmung zu der Verteilung der königlich baierischen Gemäldesammlung auf verschiedene Städte des Reiches im Auszuge brachte, [75] da „sie überall eine Beherzigung zu verdienen schiene“. Zwar hat, wie wir wissen (vgl. Weim. Ausgabe IV 19, 286), Heinrich Meyer diese nach Goethes Ausdruck vortrefflichen Anmerkungen gemacht, in der Wochenschrift aber werden sie als „Einige Worte von Göthe“ mitgeteilt. Man sieht, dass auch hier, wie fast überall, Vossens Thätigkeit auf Änderung oder Besserung gegenwärtiger Zustände gerichtet war, woraus dann notwendig persönliche Verwickelungen für ihn entstehen mussten.

Zu Anfang wenigstens bildete sein Haus einen gern aufgesuchten Versammlungsort für die Heidelberger Schriftsteller und Gelehrten ohne Unterschied. Creuzer verkehrte dort wie Brentano, Arnim, Görres. Brentanos genannter Brief über das Hündlein von Bretten, dessen noch nicht litterarische Vorgestalt er im März 1806 Arnim mitteilte (Arnim und Brentano S. 167) verdankte noch der geselligen Unterhaltung eines Abends im Vossischen Hause seinen Ursprung. Schreiber nämlich, der gleichfalls an jenem Abend, 18. März 1806, mit bei Voss gewesen war, rückte eine Anfrage über die Bedeutung des Sprichwortes „Es geht dir wie dem Hündchen von Bretten“ in die zweite Nummer seiner Wochenschrift ein, und Brentano gab – also verabredeter Massen – in der dritten die bekannte Antwort. Aber bald trat die Spannung ein. Noch ehe der dem alten Voss so fatale Uhrmacher Bogs erschienen war, zielte schon der Abwehrartikel Brentanos über Horstig hinweg auf die Vossische Familie und die in ihrem Schosse ausgeheckten „Klätschereien“, zu deren Mundstück sich damals der – um den despektierlichen Ausdruck Heinrich Vossens (Goethe-Jahrbuch 5, 52) zu gebrauchen – für alle Stellen gleich geschickte Horstig und später im Morgenblatt Karl Reinbeck machten[2]. Eine kleine Nachwirkung dieser Verstimmungen mag man darin erkennen, dass Horstigs Name im Wunderhorn (2, 204) vermieden wurde, ob man gleich das schöne Volkslied von Joseph und Nanerl aufzunehmen sich entschliessen musste. Alois Schreiber suchte sich eine Zeit lang noch lavierend zwischen den Parteien zu halten, ging dann aber allmählich ganz in das Vossische Lager über und machte in demselben, wenn auch mit Zurückhaltung, den Feldzug gegen die Einsiedler und Wunderhornisten mit. Dieser Haltung entsprach es unter anderm auch, dass er in dem Gedichte „Die Erscheinung“, welche das jähe Ende der Günderode behandelt, gegen Creuzer Partei ergriff, wofür namentlich die vierte Strophe charakteristisch ist. Freilich in seinem Heidelberger [76] Taschenbuch auf das Jahr 1809, wo es S. 56 zuerst erschien, war diese Beziehung nur den Eingeweihten erkennbar: aber beim Wiederabdruck in seinen Gedichten und Erzählungen (1812, S. 63) gab er dem Titel bereits den Zusatz „Auf den Tag der Dichterin Tian“ und 1817 in den Poetischen Werken (1, 296) erklärte er offen, es „auf den freiwilligen Tod der Dichterin Tian (Fräulein von Günderode)“ gedichtet zu haben.

Mit allen diesen Personen müssen wir uns Frau Auguste Pattberg in Bekanntschaft denken. Von den Zwistigkeiten unter ihnen wurde sie freilich kaum berührt. Sie blieb mit Horstig auch noch für spätere Jahre befreundet, wie sich weiter unten zeigen wird. Ebenso mit Schreiber: unter dessen Subskribenten für seine „Gedichte und Erzählungen“ sie 1812 aus Neckarelz allein erscheint, wozu eine Reise Schreibers in den Odenwald – auf der sein (daselbst 1, 27 gedrucktes) Gedicht „Am Grab der heiligen Notburga, Hochhausen 1812“ entstand – und wahrscheinlich ein Besuch im nahen Neckarelz den Anlass gegeben haben mag. Ihre fortdauernde engere Verbindung aber mit Brentano und dem Wunderhorn machte sie natürlich doch dem Vossischen Kreise verdächtig, und so ist sie missgünstiger Beurteilung von dieser Seite nicht entgangen.

Im Frühjahr 1807 sandte ihr Brentano das nachgelassene Buch seiner Sophie: die Fiametta. Eine Übersetzung einer Novelle des Boccaz, wie eine schöne junge Frau durch die Liebe eines Jünglings beglückt und verzehrt wird. Frau Pattberg antwortete darauf:

Neckarelz den 10ten März 1807.     

Empfangen Sie meinen innigsten Dank für das mir zugesandte Werk. Dankbar will ich bei dem Nachlass einer edeln Frau verweilen, die ich aus ihren Schriften kennen und hochschätzen lernte.

Die Romanze, von welcher Sie sprechen, ist ohne Zusaz, und ich habe sie in meiner Jugend von einem alten Schreiber meines Vaters gelernt, welcher aus der Gegend von Mainz zu Hause war; Ich habe kürzlich einen Versuch gemacht sie nachzuahmen, und habe denselben gestern an Herrn Professor Schreiber eingesandt; in wiefern er gelungen ist, überlasse ich Ihnen zu beurtheilen. Ihr Unternehmen die verlohrene Blumen zu sammeln, die ehdem in weniger angebauten Feld der Poesie entsprosen sind, hat gleich anfangs so viel anziehendes für mich gehabt, dass ich anfing alles zu sammeln was mir in dieser Art bekannt war, und mit Vergnügen werde ich auch fernerhin an Sie einsenden, was Ihrem Zwek entsprechen kann. Auch sind mir noch manche schöne alte Melodieen bekannt, die ich mit der nächsten Sammlung übermachen werde. Wenn Sie im Laufe des Sommers einen kleinen Ausflug machen sollten, so würde es mich sehr freuen Sie hier bei mir in meinem häusslichen Kreise bewilkommen, und meiner Achtung versichern zu können, mit welcher ich mich nenne

Ihre ergebenste
Augusta Pattberg.     

Welche „Romanze“ hier gemeint sei, lässt sich aus der Wochenschrift nicht ermitteln, da in ihr nach dem 10. März 1807 ein entsprechendes [77] Gedicht nicht enthalten ist. Brentano wird die Romanze wahrscheinlich von Schreiber an sich genommen haben, so dass er die Urform wie die Nachahmung in Händen hatte (vgl. unten S. 113). Und somit wären wir auch zu den Beiträgen der Frau Pattberg zurückgelangt. Den Inhalt derselben bildet der Odenwald mit allem, was dort Natur und Volksphantasie geschaffen hat. Sie beginnen erst in dem Jahre 1807. Kein einziger ist mit vollem Namen unterzeichnet, sondern nur mit den Anfangsbuchstaben A. v. P–g., A. P–g., A. P. oder P. Läge jedoch innerlich der geringste Zweifel für meine Deutung dieser Zeichen auf Frau Auguste (von) Pattberg vor: der formelle Zusatz Schreibers zu ihrer „Nachricht von einigen Volksfesten“ (unten S. 104), dass sich darin die leise Klage und Hoffnung eines zarten weiblichen Gefühls ausspreche, müsste ihn entkräften. Das Zeichen P. führt allein die Volkssage von der Burg Schwarzach (unten S. 104), woraus ich jedoch nicht folgere, dass ihr auch anders geartete Stücke der Badischen Wochenschrift wie z. B. das über Titel angehören müssten. Die Schilderung des Neckarthales bis Heidelberg (unten S. 97) mit ihrer wärmeren Betonung von Neckarelz und mit zahlreichen Hindeutungen auf die im Volksmunde umgehenden Sagen ist gleichsam der Hauptstamm, von dem sich die übrigen Einzelsagen abzweigen.

Der Anlass zur Schilderung des Neckarthales war in einem früheren Artikel der Wochenschrift gegeben. Diese hatte in ihrer zweiten Nummer, 9. Januar 1807, eine Beschreibung „Das Badische Neckarthal“ gebracht, die „–tz“ unterzeichnet ist. Wer hier gemeint ist, weiss ich nicht; doch muss dieser Mitarbeiter zu den nächsten Freunden der Frau Auguste Pattberg gehört haben. Denn als er im Juni 1807 (Nr. 23, Sp. 353) wieder auf das Neckarthal zu sprechen kam, erzählte er auch von den Herren der alten Burg Landesehre, die die Feste Neuburg bauten und das Dorf Aliza, d. i. Elz, schufen: „Sie wurden Templer, und noch steht ihre Wohnung und Kirche: diese einfach und stark: jene lieblich und mild, und noch ist nicht entflohn der Geist und die Tugend der Ritter: denn unsre Freundin, A. P., vereinigt sie beide auf immer.“ Und Frau Auguste Pattberg liess in einer Oktobernummer (unten S. 106) ein Gedicht „An meinen Freund –tz in C.“ drucken, in dem sie gemeinsam mit ihm zu Neckarelz verlebter, innigvertrauter Stunden gedenkt. Jene erste Beschreibung also fängt da an, wo Jaxt und Kocher in den Neckar münden, und schliesst mit Neckarzimmern ab. Es war also für Frau Pattberg neben dem Heimatsgefühl noch ein persönliches Moment, das sie bestimmte, die Fortsetzung zu [78] geben. Ihr Freund hatte an den Schluss seines Aufsatzes die Notburgasage, wie sie im Odenwalde fortlebt (vgl. Grimms deutsche Sagen 3. Aufl. 1, 266. 231), gestellt, folgender Massen: „[Hinter Neckarzimmern, stromabwärts] auf der linken Seite finden sich schroffe, hie und da gespaltene Kalkfelsen, welche mitunter kleine Vertiefungen, umschattet vom schützenden Buschwerk darbieten. Eine kleine heilige Höhle, einst das Asyl der Königstochter Notburga, fesselt jetzt die Aufmerksamkeit des Wanderers am Gestade. Ihr Vater, der Franken König Dagobert, welcher auf Hornberg einige Zeit weilte, hatte sie einem Prinzen der ungläubigen Wenden verlobt; aber die sanfte Notburga zitterte vor dem rauhen heidnischen Krieger, fand keinen Geschmack an der Konvenienz-Heirath und wollte der Politik des Vaters nicht opfern ihren Glauben und ihre Freiheit. Drohend wurde der Vater, und dringend der verhasste Bräutigam. Am Tage, der Vermählung bestimmt, entrann sie den trunkenen Wächtern, und o Wunder! verfolgt, irrend am Ufer des Stroms, findet ihr spähendes Auge die rettende Fuhrt durch den Fluss; ihre Verfolger bedeckt die schnell herströmende Fluth, und die freundliche Höhle gewährt ein sicheres Obdach. Wilden Hastes jagen die Franken und Wenden die beiden Ufer des Flusses entlang, keiner findet den Ort, der die Gerettete birgt. Wundervoller noch ist ihre Erhaltung; eine furchtbare Schlange, die frühere Herrscherin der Höhle, bringt ihr das nöthige Brod, Kräuter und Wurzeln herbei. – Bald entflieht der entfesselte Geist in des Paradieses winkende Freuden. Leuchtende Flammen bezeichnen im nächtlichen Dunkel den Ort, wo der heilige Leichnam ruht. In schmerzlicher Wonne findet man ihn und erkennt die Tochter des Königs, und der heilige Glaube wählt’ zur Schutzgöttin sie! Um den schicklichen Ort zu ihrem Begräbniss zu finden, sucht man ein tüchtiges Paar Stiere, des Jochs nicht gewohnt. Neu war der Wagen, auf dem der Leichnam zum Ruheplatze geführt wird; freiwillig halten sie dort, wo jetzt die Kirche emporsteigt, welche den heiligen Leichnam umschliesst. Wunder geschehen über Wunder, und der Lieblingsritter des Königs schützt die Kirch’ und das werdende Dorf, der Vater der Horneck. Und der König schlägt an die Brust, suchte Gott zu versöhnen, und schenkte Hornberg die Burg, und das liebliche Thal an den Bischof von Speyer, zur Sühne der grässlichen Unthat, und so ist sie noch jetzt ein Lehen von Speyer und Baden.“ Hier setzte also, auch ihrerseits mit stärkerer Betonung der Notburgasagen, die Frau Pattberg ein: unten S. 98. Sie liess es sich von jetzt ab angelegen sein, alles Mündliche und Urkundliche über Notburga zu sammeln und lieferte der [79] Wochenschrift über die Höhle der heiligen Notburga eine „buchstäbliche Abschrift einer alten Urkunde“, die Schreiber 1807 in Nr. 16 vom 17. April anonym abdrucken liess, indem er zugleich „dem Einsender (!) dieser Urkunde seinen Dank und die Bitte um Fortsetzung seiner interessanten Beiträge“ aussprach. Der ungenannte „Einsender“ aber war kein anderer als Frau Pattberg. Denn genau dieselbe Urkunde veröffentlichte 1812 Horstig noch einmal in Heinrich Zschokke’s Miscellen für die neueste Weltkunde, S. 142 ff. Horstig rühmt daselbst das aus den frühesten Zeiten durch seinen Anbau bekannt gewordene Neckargebiet, in dessen Mittelpunkte Neckarelz mit seiner einfachen Kapelle der alten Tempelherren liege; und nach leichter Skizzierung der Notburgasage fahrt er fort: „So weit geht die Sage, die bisher ohne alle historische Unterstützung den veralternden Jahrhunderten überlassen zu sein schien … Durch die Güte einer forschbegierigen Freundin des Alterthums, der Frau Oberhofgerichtsräthin Pattberg zu Neckarelz, liegt hier die erste schriftliche Urkunde von der Notburgahöhle vor mir, … die ich, mit Erlaubniss der verehrten Besitzerin, den Lesern dieser Zeitschrift wörtlich … mitzuteilen das Vergnügen geniesse.“ Diese Urkunde, ein Schriftstück des sechszehnten Jahrhunderts, enthält ausser der Sage von der durch den Hirsch, nicht durch die Schlange, ernährten Notburga einen notariellen Akt über die Öffnung ihres Grabes in der Kirche zu Hochhausen. Das Original war von Frau Pattberg auf dem Hornberge gefunden worden. So geht also Horstigs (an sich überflüssige) Mitteilung, ebenso wie Schreibers Gedicht auf die Notburga, beide aus demselben Jahre 1812, auf persönliche Vermittelung der Frau Auguste Pattberg zurück. In Schreibers Heidelberger Taschenbüchern aber und in den vielen Jahrgängen seiner Cornelia findet sich keine Spur ihrer Beteiligung.

Die Beschreibung des Neckarthales ist nun später mehrfach als Quelle benutzt worden. Zunächst von Alois Schreiber in seinem 1811 erschienenen Buche über Heidelberg und seine Umgebungen. In dem Abschnitt „Das Neckar-Thal“, S. 249 ff., citiert er zwar die Badische Wochenschrift, doch nicht den Namen der Frau Pattberg dazu; ungenannt verwendet er auch ihre Volkssage vom Minneberg (unten S. 100), die Friedrich Baader 1843 in seinen Sagen des Neckarthals S. 161 abdruckte. Einzelnes ist, teils unmittelbar aus der Wochenschrift, teils durch Schreibers Buch in die von Helmina von Chezy 1816 herausgegebenen „Gemälde von Heidelberg … dem Odenwalde und dem Neckarthale“ übergegangen. Aus der Pattberg’schen Volkssage über die Burg [80] Schwarzach (unten S. 104) haben, gewiss ohne ihren Namen zu wissen, die Brüder Grimm für die Deutschen Sagen (3. Aufl. 1, 202. 263) geschöpft; eine nicht glückliche Bearbeitung der Schwarzachsage reihte Schreiber in seine Sagen aus den Gegenden des Rheins und des Schwarzwaldes (1829, S. 234) ein. Diese wie die Volkssage über das einsame Wiesenthal bei Neunkirchen gab der genannte Baader S. 385 und 418 wieder. Und die Schilderung der Frau Pattberg über die Volksgebräuche am Sommertag (unten S. 105) ist stillschweigend mitbenutzt worden für „das Sommertagslied“ in den Kinderliedern des Wunderhorns S. 38. 40, das von hier aus wieder seinen Eingang in die Vorrede zur zweiten Auflage der Grimmischen Märchen 1819, und in Jacob Grimms Deutsche Mythologie (4. Ausgabe 2, 639) gefunden hat.

Auch eine kleine Polemik über Sage und Geschichte hatte Frau Pattberg in der Badischen Wochenschrift zu bestehen, wodurch sie in die Lage kam, das Recht der Sage wacker zu verfechten. Ihre schon erwähnte Volkssage vom Minneberg berichtete, wie die drei Söhne Hugo’s von Habern in einer Berghöhle am Neckar die drei letzten, vor den Räubern ihres geringen Erbes in die Einöde geflüchteten Fräulein von Handschuchsheim finden, sich mit ihnen vermählen und an jener Stelle die Minneburg erbauen. Darauf erschien am 13. Februar 1807, Sp. 111, eine „urkundliche Berichtigung der in Nr. 5 der Badischen Wochenschrift enthaltenen, unter dem Titel: Minneberg, zu gewagt niedergeschriebenen Volkssage“. Es werden gegen sie zwei Genealogien angeführt, und dann heisst es: „Aus obigen dargestellten urkundlichen Beweisthümern, wovon noch mehrere bereit liegen, steht klar am Tag, auf welche Art – das geringe Erbe, – so den 3 Schwestern übrig bleiben sollte, – durch die Raubsucht eigennütziger Menschen – entrissen worden“. Unterzeichnet ist diese Berichtigung „B. 1807. A. H–n.“ Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich diese Zeichen auf A. Hermann aus Bischofsheim deute, den sein Lehrer Schreiber (vgl. Sp. 148 der Wochenschrift) als Autor in das Publikum einzuführen sich bemühte. Es erfolgte eine etwas ironisch gehaltene Erwiderung der Frau Pattberg in der 9. Nummer vom 27. Februar 1807, Sp. 141

Auf die urkundliche Berichtigung der Volkssage vom Minneberg.

Alles, was unter der Aufschrift: Volkssage, eingesandt wird, ist schon dieser Benennung nach nicht zu verbürgen, und gehört keinesweges in das Reich notorischer Gewissheit. Die Sage, nicht Geschichte des Minnebergs stammt von einem alten Schultheissen, Namens Rieb von Gerach, her; hat dieser einen unächten Zusatz gemacht, so mag er es in der Ewigkeit büsen. Wenn indessen über alle Volkssagen Beweise geführt werden sollen und wollen, dann dürften künftighin wenig mehr erscheinen.

A. P–g.     

[81] Selbstverständlich hat die von Frau Pattberg hier vertretene Anschauung Giltigkeit. Bemerkenswert ist, dass uns hier über die Aufzeichnerin der Sage hinaus auf ihren Gewährsmann vorzudringen verstattet wird, ähnlich wie es bei den Märchen der Brüder Grimm neuerdings durch Mitteilungen Herman Grimms aus ihrem Handexemplare mehr als früher möglich geworden ist.

Die Beiträge der Frau Pattberg erstrecken sich fast bis zum November 1807. Da las sie in ihrer Badischen Wochenschrift, Sp. 799, Arnims und Brentanos aus Hessenkassel im November 1807 datierte „Aufforderung, altdeutschen Volksgesang betreffend“, dieselbe, die auch in der Jenaischen Litteratur-Zeitung, in Zschokke’s Miscellen und in den Heidelbergischen Jahrbüchern veröffentlicht wurde. In ihrem Hauptteile eine wörtliche Wiederholung des von Brentano 1806 verschickten Zirkulars. Nach zweijähriger, durch den Krieg bedingter Trennung hatten sich Arnim und Brentano im Oktober 1807 bei Goethe in Weimar wiedergesehen und waren nach Kassel gegangen, wo Brentano jetzt wohnte. Von hier aus baten sie die Freunde ihrer Sache um neue Unterstützung. Eine der ersten Sendungen, die Brentano erhielt, kam von seiner Liederfreundin Frau Auguste Pattberg, und ehe Arnim über Frankfurt, im Januar 1808, zur bequemeren Überwachung des Wunderhorn-Druckes in Heidelberg eintraf, lagen die Lieder schon zur nachträglichen Ergänzung des der Hauptsache nach festgestellten Manuskriptes bei ihrem Verleger Zimmer bereit (Arnim und Brentano S. 229).

Arnim wählte sich gleich bei der ersten Durchsicht ein Jesuslied aus, behielt jedoch den Rest einstweilen zurück, weil er noch einiges Brauchbare für die Kinderlieder daraus zu nehmen gedachte. In der That weisen sich nach den erhaltenen Originalhandschriften (unten S. 111 und 115) die Kinderlieder „Auf dem Grabstein eines Kindes in einem Kirchhof im Odenwald“, S. 26

Liebe Eltern gute Nacht!
Ich soll wieder von euch scheiden etc.

und „Ach wenn ich doch ein Täublein wär“, S. 93

Dort oben auf dem Berge,
Da steht ein hohes Haus etc.

als von Frau Pattberg geliefert aus, das letztere mit einer interessanten, auf die Kinder berechneten Verwandelung der beiden Schlusszeilen. Gleichwie von Arnim auch das ihr im Wunderhorn 3, 70 ausdrücklich beigelegte Volkslied „Der Brunnen“, nach der Schreibung des Namens Patberg und der Orthographie zu urteilen – ein übrigens wichtiges [82] Charakteristikum für den Arbeitsanteil der Herausgeber – eingeschaltet worden ist. Das Jesuslied, nach einem Drucke vom Jahre 1636, voll kindlich-süsser Stimmung (unten S. 111) hat, wie ich glaube, Ernst Moritz Arndt 1811 mit angeregt, uns das „Gebet eines kleinen Knaben an den heiligen Christ“

Da lieber heil’ger frommer Christ,
Der für uns Kinder kommen ist etc.

Zu dichten, das man in Meisners neuer Gesamtausgabe 3, 287 findet.

Im Februar 1808 langte abermals eine Liedersendung der Frau Pattberg bei Brentano an (Arnim und Brentano S. 233). Jedoch behagte ihm nur ein vollkommenes Exemplar der komischen Adams-Erschaffung, das Arnim noch zum Ersätze eines weniger guten für das Wunderhorn 2, 399 (unten S. 118) zurecht kam. Kürzlich hat Erich Schmidt aus Goethes Nachlass eine etwas zerrüttete Gestalt desselben Liedes mitgeteilt (Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1895, S. 361). Es wäre wohl denkbar, dass Arnim und Brentano es persönlich im Herbst 1807 von Goethe empfingen und in ihr Druckmanuskript auch eingeordnet hatten, bis Brentano dann ein besseres Exemplar von Friederike Manuel, der Tochter eines Pfarrers bei Kassel, und das „vollkommene“ von Frau Pattberg erhielt. Sonst hütete man sich auf beiden Seiten, die einmal nach inhaltlichen Gründen gemeinschaftlich festgestellte Ordnung des Liedermanuskripts ohne Not zu stören. Deswegen blieben viele Lieder frischer Sendungen, die Frau Pattberg hergab, unberücksichtigt. Betreffs einer solchen Sendung schickte Brentano Arnim die undatierte Notiz: „Von der Pattberg habe ich ein Päckchen erhalten, worunter kaum ein Lied war. Wenn du mir eine Freude machen willst, so halte mir, was … die Pattberg gesendet, zusammen, verliere nichts, Du Papiermachefabrikant; ich will allen Vorrath dann zusammenbinden lassen, was mir eine wichtige Sammlung werden kann. Die Pattberg sendete beiliegendes Lied, das ich ins Morgenblatt senden sollte. Mache einen Umschlag drum und sende es hin.“ Ich habe im Morgenblatt kein Lied der Frau Pattberg gefunden, auch ein Zeichen der sich spannenden Verhältnisse. Die Absicht, sämtliche Urmaterialien für das Wunderhorn zusammenbinden zu lassen, ist leider nicht ausgeführt worden, ebensowenig der Plan, am Schlusse der Bände die Namen aller Beiträger und Mithelfer aufzuführen. Die einzelnen Blätter lagen lose im Arnim-Brentano’schen Nachlasse da und manches ist im Laufe der Zeit abhanden gekommen; einen Teil der Originale, wahrscheinlich mit Melodien, hat seiner Zeit August von Haxthausen durch Joseph Görres erhalten (Reifferscheid, Westfälische Volkslieder S. VIII).

[83] Brentano muss Frau Pattberg namentlich auch nach Melodien gefragt haben. Sie antwortete:

Neckarelz den 8ten Mai [1808].     

Ich übermache Ihnen hiermit noch einige Lieder, von denen allso ⋕ bezeichneten sind mir die Melodien bekannt so wie von noch vielen andern welche Sie schon haben, allein ich kann leider niemand finden der Geschiklichkeit und Gefälligkeit genug besizt sie mir aufzusezen.

Bei diesen Liedern sind manche aus neuern Zeiten, welche aus den poetischen Adern einfacher Landleuthe geflossen sind; ich zweifle ob sie zu Ihrem Zweck dienlich sind; doch mögen sie ein Beweiss sein, dass die Musen sich oft in der Hütte des Landmanns verweilen, und sich dann in der Sprache derer vernehmen lassen, bei denen sie einkehrten. Es soll mich unendlich freuen wenn Sie unter dieser Sammlung etwas entsprechendes finden, was mir in der Folge noch zukömmt werde ich Ihnen mit Freude mittheilen. Mit reinster Hochachtung habe ich die Ehre zu sein

Ihre
ganz ergebenste Dienerin     
A. Pattberg. 

Hier also hatte sie zum erstenmale neuere Lieder beigelegt, deren dem Volke angehörige Dichter ihr noch, wie es scheint, bekannt waren. Ich betone: zum erstenmale; eine so förmliche Entschuldigung wäre sonst nicht von Nöten gewesen. An sich freilich liegt nichts darin, das gegen den volkstümlichen Wert dieser Lieder spräche. Denn Volkslieder sind nicht blos in älteren Zeiten entstanden, und niemals hat sich, wie ich glaube, ein Volks- oder episches Lied von selbst gedichtet. Sondern, ein Dichter, bekannt oder unbekannt, ist es immer gewesen, der befähigt war, Gedanken oder Empfindungen des Volkes den allen zusagenden poetischen Ausdruck zu verleihen.

Von den Melodien fand sich nur noch eine einzige vor. Sie ist ohne jegliche musikalische Gewandtheit von fremder Hand aufgesetzt, darunter aber hat Frau Fattberg selbst geschrieben: „Diese Melodie gehört zu einem Lied aus früher überschickten Sammlungen“. Der Text des Liedes ist nicht mehr da, steht auch nicht im Wunderhorn: diese Weise teile ich, von ihren rhythmischen Mängeln befreit, unten S. 122 bei den Volksliedern mit. Weitere Melodien sind vielleicht in Ludwig Erks Deutschem Liederhort 1853, und demnach in der neuesten Bearbeitung Böhmes, zu suchen. Erk hatte 1845 bis 1854 in Bettinas Auftrage für die sämtlichen Werke Achims von Arnim das Wunderhorn bearbeitet und einen neuen vierten Band – der einst schon 1810 angekündigt worden war – hinzugefügt. Diese Bearbeitung ist hauptsächlich aus zwei Gründen für nicht gelungen zu betrachten: Erk hatte sich kein Gefühl für den inneren Aufbau des Wunderhorns anzueignen vermocht, weswegen er sich befugt hielt, die vermeintliche „bunte Reihe“ aufzulösen und einer „sachgemässeren [84] Ordnung“ für künftig das Wort zu reden; und zweitens konnte er trotz ehrlicher Bemühung noch nicht die völlige Herrschaft über die Originalpapiere gewinnen. Auch die handschriftlichen Blätter der Frau Pattberg sind ihm zu Gebote gewesen, ohne dass er hier wie in anderen Fällen wissen konnte, von wem sie stammten. Auch seinen Mitteilungen an Birlinger und Crecelius haftet dieser Mangel an. Eine künftige Arnim-Ausgabe wird also von Erks Bearbeitung wieder abgehen und zur ersten Ausgabe zurückkehren müssen. Doch seien, sagt Erk selber, die Nachlasspapiere Arnims nicht ohne Frucht für seinen Liederhort geblieben, der sich ja überhaupt mit seinen Texten und Melodien eng an das Wunderhorn anschliesse. Wenn nun z. B. im Liederhort S. 345 zu dem dem Wunderhorn 2, 221 entnommenen Liede

Wo’s schneiet rothe Rosen,
Da regnet’s Thränen drein,

für das ein Lied der Frau Pattberg (unten S. 112) benutzt ist, angemerkt wird: „Melodie mündlich, aus dem Odenwald“ und gleich nochmals „Mehrfach mündlich, aus dem Odenwald [Neunkircher Höhe] und der Gegend von Mosbach in der Pfalz“ – so werden wir hier in die unmittelbare Heimat der Frau Pattberg, d. h. doch wohl auf sie selbst verwiesen. Ferner: das von ihr gelieferte Lied im Wunderhorn 2, 15

Bald gras ich am Neckar,
Bald gras ich am Rhein etc.

besitzt der Arnim’sche Nachlass heute nicht mehr in der Originalhandschrift. Erk aber benutzte sie jedenfalls noch, wie es scheint. Denn auffälliger Weise liess er den ursprünglichen Vermerk des Wunderhorns „mitgeteilt von Frau von Pattberg“ schwinden und ersetzte ihn durch die Angabe, das Lied stamme aus „A. v. Arnims Sammlung“ her. Erks Text weist nun aber namentlich in der zweiten Strophe Varianten auf, die der odenwäldischen Herkunft des Liedes durchaus entsprechen: anstatt des allgemeineren Ausdruckes

Was hilft mir das Grasen

die sprachlich begrenztere, originalere Wendung

Was bat mich das Grasen.

Und indem ich mich daran erinnere, dass der Märker Arnim auch im zweiten Bande des Wunderhorns, S. 32, diesen ihm ungewohnten Ausdruck zu Brentanos Verdrusse missverstand, schliesse ich: Arnim hat hier bewusst geändert, Erk aber benutzte wieder die eigenhändige Niederschrift der Frau Pattberg, und wahrscheinlich auch die damit verbundene Melodie, die im Deutschen Liederhort S. 232 steht, so dass also wieder [85] sein Vermerk daselbst „Melodie mündlich, aus der Gegend von Darmstadt“ nur ungefähr richtig und jetzt auch auf die Vermittelung der Frau Pattberg auszudehnen wäre.

Ich verfolge diesen Weg nicht weiter, um so weniger, als ich auf ihm zu praktischen Resultaten zu gelangen nicht gesonnen sein kann, zumal da ich den sehr umfangreichen Nachlass Ludwig Erks für diese Zwecke bis jetzt ergebnislos durchgenommen habe. Und wende mich zu dem vielumstrittenen Lenoren-Liede des Wunderhorns 2, 19, das weder von Arnim noch von Brentano herrührt, sondern das, wie das Originalmanuskript unwiderleglich macht, von Frau Auguste Pattberg eingeliefert worden ist: unten S. 109.

Ich betrachte, in welcher Umgebung das Lied im Wunderhorn erscheint und was sich daraus etwa für die Zeit seiner Einlieferung schliessen lasse. Das Motiv der mit demselben zusammen geordneten Lieder ist treue Liebe in mannigfacher Bewährung. Das nach ausdrücklicher Bekundung der Herausgeber „von der Frau Pattberg mitgetheilte“ Gedicht 2, 15

Bald gras ich am Neckar,
Bald gras ich am Rhein etc.,

dem mit Anspielung auf die politischen Verhältnisse von den Herausgebern die Aufschrift „Rheinischer Bundesring“ gegeben wurde, eröffnet diese Reihe: insofern das Goldringelein, ein Symbol treuer Liebe, auch die von einander Getrennten zu verbinden und zu vereinigen die Macht besitzt. Hierauf folgt S. 17 ein durch die Überschrift und letzte Strophe auch formell sich angliederndes Gedicht, wie der aus dem Kriege heimkehrende Soldat seinem Feinsliebchen, das untreu inzwischen einen anderen Mann genommen hat, das scharfspitze Messer in das Herz sticht. Und nun S. 19 das Lenoren-Gedicht: treue Liebe lässt dem Toten im Ungerlande keine Ruhe, bis er den nächtlichen Geisterritt zur fernen Geliebten reitet. Man sieht also, dies Gedicht sitzt fest an seinem Orte; und daraus folgt, dass es von vornherein planmässig in das Manuskript des zweiten Bandes – d. i. 1807 in Kassel! – einrangiert worden ist.

Zu derselben Zeitbestimmung führt eine andere Betrachtung. Das Lied steht gleich zu Anfang auf dem zweiten Bogen. Der Druck begann aber schon im Februar 1808, bald nach Arnims Ankunft in Heidelberg und ging sehr schnell vorwärts. Da einzelne der noch im Januar 1808 angelangten Lieder der Frau Pattberg aber erst an eine viel, viel spätere Stelle oder gar erst in den dritten Band eingerückt werden konnten, so ergiebt sich wieder: das Lenorenlied muss, gleichwie „Bald gras ich am Neckar“, vor dem Jahre 1808 eingeliefert worden sein.

[86] Der Gewinn dieser Feststellung liegt klar zu Tage. Sie entzieht uns die Möglichkeit, das Lenorenlied etwa nach dem Briefe der Frau Pattberg vom 8. Mai 1808 für ein neueres Produkt ihr noch bekannter Volksdichter auszugeben. Ihre eigene Autorschaft aber ist an und für sich, nach Anlass und Absicht ihrer Sendungen, gänzlich ausgeschlossen. Und halte ich mir gegenwärtig, wie Brentano der blosse Zweifel an der Herkunft einer Romanze zu eifriger Nachfrage bestimmte, und dass Arnim, noch ehe er in Sachen des Lenoren-Liedes das Wort ergriff, seine Gegner ruhig auffordern konnte, ihm ein einziges Lied, das volksmässiger Grundlage entbehre, aufzuweisen, so bleibt nur der Schluss übrig: im Sinne der Frau Auguste Pattberg, die es einsandte, und nach der Überzeugung Arnims und Brentanos, die sich für die Aufnahme entschieden, war das Lenoren-Lied ein unverdächtiges Volkslied. Zu dieser Ansicht mussten sie um so leichter geneigt sein, als in Hippels Lebensläufen zweimal (1778. 1, 224 und 3, 313), und zwar in der ergreifenden Dichtung von seiner Liebe zu Minchen, des Volksliedes

Der Mond scheint hell,
Der Tod reit’t schnell!
Feins Liebchen, graut dir auch?

als eines „bekannten“ mit gleich bekannter Melodie gedacht war, und Arnim, wie wir von ihm selber wissen (Arnim und Brentano S. 212) kaum ein halbes Jahr zuvor in Königsberg das merkwürdige Buch gelesen hatte.

Nun hat das Lied das seltsame Geschick gehabt, in hervorragendem Masse der Träger des Streites zwischen Voss und Arnim zu sein. Die Ähnlichkeit dieser Volks- und Naturballade mit Bürgers Kunstballade Leonore musste natürlich von Anfang an in die Augen fallen. Der Stoff derselbe. Einzelne Wendungen ähnlich. Der Unterschied aber der: dass in dem Pattberg’schen Volksliede Feinsliebchen sich mit einer Art nüchterngesunden Gefühles gegen das Geisterhaft-Gespenstige dem Rufe des Geliebten versagt, während Bürgers Leonore, wie sich hier überhaupt das Wirkliche mit dem Übersinnlichen grenzlos bindet, dem Geiste Wilhelms auf sein Ross und in die Totenwohnung folgt. Um diesem irgendwie beschaffenen Verhältnis Ausdruck zu leihen, gaben Arnim oder Brentano nach ihrer Art, die Liedertitel im Hinblick auf persönliche, litterarische oder politische Dinge frei zu erfinden, dem Gedichte die Überschrift „Lenore“ und fügten den Vermerk hinzu: „Bürger hörte dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer.“

Dieser Vermerk hat nun viel Missbehagen und Widerspruch hervorgerufen. [87] Der alte Voss nahm ihn äusserst übel; die ihm unsympathische, antiklassische Volkspoesie schien hier den dreisten Anspruch zu erheben, sich gleichwertig neben eins der berühmtesten Produkte der Kunstpoesie hinzustellen oder gar als Quelle desselben zu gelten. Gerade die Frage nach der Quelle der Bürger’schen Leonore war seit einem Jahrzehnt zu einer litterarisch noch unerledigten geworden. Namentlich in England hatte Bürgers Leonore wegen ihres an die dort vertraute Percy’sche Sammlung anklingenden Tones grosse Verbreitung gefunden. Bis zum Jahre 1796 waren vier, zum Teil prächtig gedruckte und mit Kupfern gezierte Übersetzungen erschienen. Gleichzeitig wurde in The Monthly Magazine, vom September 1796, grundlos behauptet, dass Bürger seinen Stoff einer englischen Sammlung alter Balladen vom Jahre 1723 – die übrigens bis heute nie ans Licht getreten ist – entnommen habe, wo die Geschichte unter dem Namen the Suffolk miracle or a relation of a young man, who a month after his death appeared to his Sweethart erzählt werde. Im Februarheft des Teutschen Merkurs vom Jahre 1797 berichtete ein Londoner Korrespondent über diesen, wie er ironisch sagte, glücklich ausgewitterten Fund. Wieland als gewandter Redakteur erkannte sofort, dass die Korrespondenz den Keim zu einem interessanten Aufsatze für sein Journal enthalte, und um die Sache seinerseits gleich in Fluss zu bringen, merkte er unter dem Texte an, Bürger habe selbst nie etwas davon erwähnt, dass der Stoff zu seiner Leonore aus einer fremden Sprache entlehnt sei: „Vielmehr pflegte er oft gegen seine Freunde des Ursprungs dieser Ballade so zu erwähnen, dass er durch ein altes niedersächsisches Volkslied, worin das Hurra, hurra hop, hop, hop schon vorkam, auf die Idee des Liedes gebracht worden sey“. Wieland forderte Reinhard, der kurz zuvor seine Prachtausgabe Bürgers angekündigt hatte, oder einen andern von Bürgers vertrauten Freunden auf, den Lesern seines Journals eine befriedigende Auskunft hierüber zu erteilen. Derjenige, der dieser Anregung folgte, war Bürgers Lieblingsschüler August Wilhelm Schlegel: schon im Aprilheft des Teutschen Merkurs 1797 erschien von ihm „Noch ein Wort über die Originalität von Bürgers Leonore“.

Schlegel bezog sich gleichfalls auf ein Gespräch mit Bürger, wonach dieser einige Winke aus einem ihm nie vollständig vorgekommenen plattdeutschen Volksliede den dunkelen Erinnerungen einer Freundin verdanke, die ihm nur wenige Zeilen, darunter

Wo liese, wo lose
Rege hei den Ring

[88] gleich hochdeutschem „Wie leise, wie lose bewegte er den Thürring“ (als er nämlich in der Nacht vor die Thür der Geliebten kömmt), habe vorsagen können. Dieses Gespräch kann aber frühestens rund anderthalb Jahrzehnte nach der 1773 gedichteten und in der Göttingischen Poetischen Blumenlese auf das Jahr 1774 gedruckten Leonore stattgefunden haben. Unmittelbar aus der Entstehungszeit der Ballade berichtete zuerst Althof in „Einigen Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bürgers“ vor dem vierten Bande der von Reinhard herausgegebenen Vermischten Schriften Bürgers, 1802 S. 37.

Althof beruft sich sowohl im Allgemeinen, als bei seinen Bemerkungen über die Leonore (S. 38) ausdrücklich auf Boie als auf denjenigen Freund, dessen Stimme in dieser Angelegenheit desto sicherer entscheide, weil er der einzige Vertraute des Dichters bei der strophenweise vorrückenden Arbeit gewesen sei; bei Strodtmann 4, 262 findet sich auch die briefliche Beglaubigung dafür. Einst habe Bürger, wie er mehr als einmal erzählt, im Mondscheine ein Bauernmädchen singen hören:

Der Mond der scheint so helle,
Die Todten reiten so schnelle:
Feinsliebchen, graut dir nicht?

Danach hätte Bürgers Einbildungskraft schnell einige Strophen entworfen. Boie, dem er sie mitgeteilt, sei so bezaubert gewesen, dass er ihm keine Ruhe liess, bis das Stück fertig war. Die Unterlage eines fremden Originals lehnt Althof durch Boie ab. Vielmehr habe sich Bürger allenthalben, doch immer vergebens, nach dem alten Liede erkundigt, von dem jene in mehreren Gegenden Deutschlands noch im Munde des Volkes lebenden Laute ein Teil sein müssten.

Dies war der Stand der Dinge damals, als für das Wunderhorn gesammelt wurde. Wieland, Schlegel und Althof-Boie beriefen sich sämtlich auf mündliche Mitteilungen Bürgers. Was sie aber Thatsächliches anzuführen hatten, wich von einander ab; und durch zwei bekannt gewordene briefliche Äusserungen Althofs zu Friedrich Nicolai 1797 wird die Unbestimmtheit eher noch erhöht als vermindert. Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines deutschen Volksliedes war ausgesprochen. Jetzt erhielt Brentano 1806 oder 1807 in Heidelberg aus dem liederreichen Odenwald von Frau Auguste Pattberg ein Lied ähnlichen, nicht gleichen, Inhalts und Wortklangs wie die Leonore oder die mit ihr in Verbindung gebrachten Volksliedfragmente. Das war ein ungewöhnliches Ereignis in der sonst so einförmigen Sammelarbeit für das Wunderhorn. Es wurde im Freundeskreise angelegentlich erörtert. [89] Arnim wie Brentano gaben ihrer eigenen dichterischen Phantasie dasselbe produktive Recht wie dem immer neu gestaltenden Munde des Volkserzählers. Für den Einzelnen ohne Zweifel ein ebenso kühnes wie gefährliches Recht; das aber auch Wilhelm Grimm mit durchgreifendem Erfolge gegen Jacob bei den Märchen geltend machte. Kraft dieses Rechtes hielt sich Brentano nun für befugt, die Pattbergische Fassung der ersten (und weniger konsequent der neunten) Strophe

Es stehen die Sternlein am Himmel
Es scheinet der Mond so hell,
Wie reuthen die Todten so schnell

mit eigener Hand auf dem Originalmanuskript, den Angaben Althofs folgend, in die Form

Es stehn die Stern am Himmel
Es scheint der Mond so hell,
Die Todten reiten schnell

zu verwandeln; und auf Althof geht auch der absichtlich etwas schärfer zugespitzte Vermerk zurück, dass Bürger dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer hörte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Arnim, der im Druckmanuskript nur eine Kopie vor Augen hatte, von Clemens’ Verwandelungen gar nichts wusste. Unter denen, die über den merkwürdigen Sachverhalt schon vor dem Erscheinen des Bandes mündliche Aufschlüsse erhielten, befand sich wahrscheinlich auch der alte Voss.

Dem Vossischen Hause hatte Arnim auch bei seinem zweiten Aufenthalt in Heidelberg 1808 noch freundschaftlichen Besuch gemacht. Blieb die Verschiedenheit der poetischen Überzeugungen rücksichtsvoll bei Seite, so lag bisher zwischen Voss und Arnim nichts Persönliches vor, das ein Einvernehmen stören musste. Nur mochte dem aus seinem Stande aufgestiegenen Voss im Stillen nicht behagen, dass bei Arnim an einer bestimmten Stelle, wo der Litterat und Dichter aufhörte, der märkische Edelmann mit dem ihm innewohnenden Standesgefühl hervortrat; eines der wichtigsten, seiner Natur nach nicht ausgesprochenen Motive für Vossens späteren persönlichen Angriff auf Arnim und – auf den Grafen Stolberg. Unbefangen und freimütig hatte Arnim mit Voss wie mit Jedermann (vgl. Görres’ Briefe 8, 41) über seine und Brentanos ergänzende Liederarbeit gesprochen, ihm auch wohl die frisch einlaufenden Korrekturbogen des Wunderhorns vorgewiesen, bis sich Ende April, Voss zu neuem Verdrusse, Brentano in Heidelberg einstellte. Und so konnte Heinrich Voss als Sohn seines Vaters im Juni 1808, noch ehe der zweite Band des Wunderhorns fertig vorlag, an Goethe schreiben, Brentano habe sich [90] garstig anführen lassen und Gedichte, die ein Hiesiger scherzweise selbst gemacht und ihm auf der Post zugeschickt, als alte Volkspoesie abgedruckt: „Auch ist darunter das angebliche Original von Bürgers Leonore, das aber von einer Frau von Plattberg in Neckargemünd eigenhändig ist gemacht worden. Der Überfluss von Volkspoesie ist in Brentanos Sammlung so gross, dass nun ausser dem zweiten Bande noch ein dritter nachfolgen soll“.[3]

Diese missgünstigen Äusserungen über das Wunderhorn waren ebenso unbegründet wie ungenau. Ein solcher Ignorant war Brentano in diesen Dingen wahrlich nicht, dass ihn jeder Hausnarr hätte täuschen können. In einem noch ungedruckten Briefe schrieb Brentano an Goethe (nach dem 19. Januar 1809), im Ganzen seien die Ergänzungen im Wunderhorn schier unwert, erwähnt zu werden: „ganz eignes Machwerk aber, wie Voss sagt, das ist eine sehr unwissende Beschuldigung.“ Warum nannte Heinrich Voss den Heidelberger „Hiesigen“ nicht mit Namen, da er ja doch mit zwiefachem Irrtum die „Frau von Plattberg in Neckargemünd“ anführt? Seltsam aber: Goethe war über diese Neuigkeit längst viel besser unterrichtet, als Voss nur ahnen konnte. Schon im Februar hatte Johannes Falk aus Kassel, wo er Brentano besuchte, die ersten Aushängebogen des zweiten Bandes nach Weimar mitgebracht, und Goethe las aus dieser „Fortsetzung des Wunderhorns“, wie ich im Goethe-Jahrbuch 15, 274 bemerkt habe, in den Abendgesellschaften der Frau Johanna Schopenhauer vor. Goethes Mund sprach also zuerst den Namen der Frau Auguste Pattberg in dieser geistig vornehmen Gesellschaft aus. Sie hätte sich, wäre es ihr bekannt worden, keinen schöneren Lohn ihrer Bemühungen für das Volkslied wünschen können. Die Vossische Missgunst war doch zu offenkundig und trug wohl auch dazu bei, dass Goethe den alten Voss wirklich auf den Blocksberg zitierte: Weimarer Goethe-Ausgabe 14, 305.

Das arme „angebliche Original von Bürgers Leonore“, wie es Heinrich Voss zuerst genannt hatte, sollte noch lange keine Ruhe finden. Es schien dem alten Voss die Handhabe zu einem wuchtigen Hiebe gegen das Wunderhorn zu bieten. Er hatte im Frühjahr 1807 die Korrespondenz seines Schwagers Boie mit Bürger erhalten (Goethe-Jahrbuch [91] 5, 61), und nach mehrfachen anderen Angriffen auf das Wunderhorn wählte er 1809 „Bürgers Briefwechsel mit Boie über die Lenore“ aus, den er im Morgenblatt Nr. 241 vom 9. Oktober, mit Anmerkungen drucken liess. In der Sache das urkundliche, wenn auch nicht vollständige Material für die bei Althof gegebene Darstellung dieser Dinge. Die eigentliche Tendenz der Veröffentlichung trat in der entscheidenden Anmerkung hervor, die da besagte: „Die Geschichte der Lenore hatte Bürger von einem Hausmädchen erzählen gehört. Die Erzählerin, die er in der Folge Christine nennt, wusste aus dem alten Liede nur die Verse:

Der Mond der scheint so helle,
Die Todten reiten schnelle

und die Worte des Gesprächs: Graut Liebchen auch? – Wie sollte mir grauen? Ich bin ja bei Dir. – Wir haben dem Liede in allen Gegenden von Deutschland umsonst nachgeforscht. Was man im Wunderhorn dafür ausgiebt, scheint nicht älter als die Pfarrerstochter von Taubenhain, die aus der Bürgerschen verdorben ist, … Sprache und Versbau ist modern.“ Man bemerke doch hier, wo Voss für jedes Wort aufkommen muss, den vorsichtigen Ton gegenüber der ungenierten brieflichen Auslassung seines Sohnes. Der alte Voss wagte jetzt doch nicht das Pattbergische Volkslied schlechtweg zu verwerfen. Indem er aber mit dialektischer Geschicklichkeit den Streit auf „die Pfarrerstochter von Taubenhain“ (Wunderhorn 2, 222) hinüberspielte, die er ohne Beweis für „aus der Bürgerschen verdorben“ erklärte und seinen eigenen Worten neben Bürgers Briefen den Schein urkundlichen Wertes zu geben wusste, erzielte er bei dem Leser betreffs des Lenoren-Volksliedes thatsächlich diejenige Wirkung, welche hervorzurufen seine eigentliche Absicht war.

Und doch muss Vossens Kritik als eine irrige bezeichnet werden. Das Pattbergische Volkslied sollte gar nicht, wie Voss meinte, die „Quelle“ der Bürgerschen Leonore sein. Über das Charakteristische der Liederaufschriften im Wunderhorn habe ich schon gesprochen. Kein Mensch kann die „Aussicht in die Ewigkeit“ (2, 403) für eine Quelle Lavaters betrachten. Niemand das „Ikarus“ getaufte Gedicht Justinus Kerners (2, 161) irgendwie mit der Ikarussage in Verbindung bringen, oder „Rinaldo Rinaldini“ (2, 366) als Spott oder Quelle für Vulpius auffassen. Wäre damals schon Werners Vierundzwanzigster Februar gedichtet gewesen, so hätte vielleicht „Die Mordwirthin“ (2, 197) eine andere Bezeichnung erhalten. Ebensowenig sollte die Aufschrift „Die feindlichen Brüder“ über ein handschriftliches Gedicht des 17. Jahrhunderts [92] (2, 353) Quelle oder gar Schimpf gegen Schiller sein, eine Deutung, gegen die sich hier die Herausgeber in einer Anmerkung an die „liebe Dummheit“, die nicht Spass verstünde, ausdrücklich verwahrten. Ob wohl diese Anmerkung, gegen das Ende des zweiten Bandes, als eine Art von Vorausverteidigung gegen die Anklage geschrieben ist, die etwa mündliche Nachrichten aus dem Vossischen Kreise schon damals gegen die „Lenore“ erwarten liessen? Und trotzdem denunzierte – natürlich im Hinblick auf Goethe – der alte Voss in seinem ersten Angriff auf das Wunderhorn (Morgenblatt 1808, 25./26. November) diesen „pöbelhaften Wortwechsel eines Mehldiebs und eines Flickendiebs“, womit „namentlich gegen Schiller gewitzelt“ werde. Mit demselben Rechte hätte er die gegen ihn gerichtete Sonettenbeilage der Einsiedlerzeitung, die als ein „Anhang zu Bürgers Sonetten in der letzten Ausgabe seiner Schriften“ angekündigt und veröffentlicht wurde, als eine Anmassung gegen Bürger ausgeben können, während doch Vossens Ärger über das Sonett und im Besonderen seine grosse Abhandlung über Bürgers Sonette in den Juni-Nummern der Jenaer Litteratur-Zeitung verspottet werden sollte. So ist es auch im Sinne des Wunderhorns nicht angängig, die „Pfarrerstochter von Taubenhain“, worin doch nur ganz schlicht und anspruchslos ein im Volke häufig erlebtes Motiv behandelt wird, oder gar die „Lenore“ der Frau Auguste Pattberg wegen ihrer Aufschriften als „Quellen“ der entsprechenden Balladen Bürgers aufzufassen. Es wird sich zeigen, dass auch sachlich Vossens Angaben über die Entstehung der Leonore Bürgers nicht in Ordnung sind.

Eine Entgegnung Seitens der Herausgeber oder Freunde des Wunderhorns war in dem von Voss beherrschten Morgenblatt nicht möglich. Dagegen standen ihnen damals noch die Heidelberger Jahrbücher zu Gebote. Görres nannte hier (1810. 5, 2, 44) in einem Zuge Graf Friedrich, Lenore, Thedel etc. Reminiscenzen aus der teils fabelhaften, teils wirklichen Geschichte der Nation und gleichsam kleine zusammengebrochene Abbilder der grossen Erscheinung, die sich früher vor uns gestaltete. Auch Wilhelm Grimm trat öffentlich für die Echtheit des Pattbergischen Volksliedes ein, über dessen Herkunft er genau unterrichtet war, und dessen Aufnahme in das Wunderhorn seine Ansicht mitbestimmt hatte. Er erklärte 1810 in seinen erst 1811 erschienenen Altdänischen Heldenliedern, S. 506, zu dem Liede vom Ritter Aage, wo er auch auf die englischen und deutschen Lenoren-Dichtungen zu sprechen kam: „man weiss, dass Bürger das Volkslied im Sinne hatte, von dem er wenige Zeilen hörte, und das vollständig nun im Wunderhorn II. S. 19 steht. [93] So hat jedes der drei Völker diese Sage in seinem Volksgesang, als ein Zeugnis seiner Verwandtschaft, da ein Entlehnen offenbar nicht stattgefunden hat.“ Und dieses Urteil wiederholte er, zwar anonym, aber fast wortgetreu und darum jedem Eingeweihten erkennbar, in den Heidelberger Jahrbüchern 1811, S. 143. Er versuchte auch zuerst die sich gleich bleibende Wiederkehr des Lenoren-Stoffes und formelhafter Wendungen aus entfernten Volksgebieten nachzuweisen: ein Verfahren, dem er in den Märchen (1822. 3, 77 und 1856. 3, 75) treu geblieben ist, und das 1836 in den Altdeutschen Blättern (1, 174) durch Wilhelm Wackernagel, 1886 in den Charakteristiken durch Erich Schmidt und neuerdings durch Adolf Hauffen im Euphorien (2, 148. 203 und 3, 133) eine mit dem Anschwellen der hierher gehörigen Litteratur mitschreitende Fortbildung gewonnen hat. Indem Jacob Grimm in der Deutschen Mythologie (4. Auflage 2, 704) das Pattbergische Volkslied als echte Quelle benutzte, that er sein Einverständnis mit Wilhelm in dieser Frage kund.

Welcher Art die Erwägungen waren, von denen sich die Freunde hatten leiten lassen, ersieht man aus einer nicht viel später erfolgenden Erklärung Arnims. Jördens hatte in seinem „Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten“ auch die Notiz des Wunderhorns über die Leonore erwähnt. Eine mit Ki (Karl Justi?) gezeichnete, übrigens Vossisch gesinnte, Recension des Buches in den Heidelberger Jahrbüchern, 1811 S. 736, widersprach dieser Meinung mit dem Bemerken: das Gedicht des Wunderhorns scheine eine spätere, erst nach der Bürgerschen Lenore verfertigte Komposition zu sein. Was Voss wohlweislich zu behaupten sich gehütet hatte, war hier rückhaltlos ausgesprochen worden. Arnim erliess darauf im 21. Intelligenzblatt der Heidelberger Jahrbücher 1811, wahrscheinlich von Frankfurt aus, wo er damals mit seiner jungen Frau sich aufhielt, mit der ihm eigentümlichen Verbindung von Ernst und Ironie nachstehende, über den Recensenten hinweg an Voss gerichtete

Antikritik.

Den Recensenten von Jördens Wörterbuche in den Heidelb. Jahrb. fordere ich auf, die Quelle anzuzeigen, welche ihm bewiesen, dass das, im Wunderhorn unter dem Namen Lenore abgedruckte Lied der bekannten Bürgerschen Ballade nachgebildet sey. Es ist den Herausgebern eingesendet, und da sich alle innere Gründe vereinigten, es sey das in Bürgers Leben bezeichnete Lied, mit jener Notiz begleitet worden. Da mir noch kein Fall vorgekommen, dass ein weiter fortgebildetes Gedicht, wie Bürgers Lenore, das übrigens bei den frühern Dänischen und [94] Englischen Gedichten gleichen Inhalts auf Originalität der Geschichte keinen Anspruch machen kann, wieder zu einer fast ursprünglichen Einfachheit wie in jenem Liede des Wunderhorns zurückgeführt worden sey, so würde ich diese Entdeckung des Rec. als einen merkwürdigen Beytrag zur Geschichte der Poesie betrachten.

Ludwig Achim von Arnim.     

Man wird es begreiflich finden, dass Arnim den Namen der Frau Auguste Pattberg, wenn er ihn noch wusste, nicht in die Diskussion werfen mochte; auch, dass er sich stillschweigend auf seinen Freund Wilhelm Grimm bezog. Die nun ganz auf Voss gestützte „Antwort des Recensenten“ hat kein selbständiges Interesse für uns; beide Parteien hielten, natürlich, ihren Standpunkt fest. Brentano hat im Fanferlieschen (Märchen 2, 268 ff.) das Lenorenlied anklingen lassen, und noch in der Zueignung des Gockel (Schriften 5, 12) spricht er, wenn ich ihn recht verstehe, die Überzeugung aus, dass, noch ehe Bürgers Leonore gedichtet war, derartige Gespenstergeschichten und Märchen in nächtlicher Rockenstube erzählt worden seien.

Dies ist der Thatbestand über Bürgers und des Wunderhorns Lenoren-Dichtungen, wie er damals vorlag, und seine tief in das persönliche Getriebe der beteiligten Personen eingreifende Geschichte. Ungewöhnlich reich erscheint sie uns, und dennoch in ihrem uranfänglichen Werden lückenhaft und unvollständig. Stellt man bei Bürger überhaupt die Frage nach der Herkunft seines Stoffes, so kann als ein wichtigstes Moment alles dasjenige, was ihm nicht dem Wortlaute, sondern dem Sinne nach im Gedächtnis blieb, nicht in Anschlag gebracht werden, und selbst die Vergleichung ähnlicher Dichtungen giebt uns doch im Einzelnen keinen festen Anhalt; die Volksballade des Wunderhorns aber verschwindet unserem Gesicht in dem Augenblicke, wo wir sie rückwärts über die Frau Pattberg hinaus verfolgen möchten. Wenn ich die spätere, litterarische Beurteilung der Wunderhorn-Lenore – ich verweise namentlich auf Wackernagel (Altdeutsche Blätter 1836. 1, 193. 196), Pröhle (Bürger 1856, S. 100), Goedeke (Grundriss 1881. 3, 39), Sauer (Kürschner 78, S. LV), Schmidt (Charakteristiken 1886, S. 222. 240) – mir vergegenwärtige, so glaube ich zu bemerken, dass im Durchschnitt die Vossische Kritik vor der Arnim-Brentano-Grimm’schen Auffassung im Vorteil geblieben ist. Jetzt, wo zu Strodtmanns authentischem Briefwechsel und Schmidts Bekanntmachung der „Ur-Leonore“ Bürgers der Originaltext des Pattbergschen Volksliedes hinzutritt, kann das Urteil ein anderes sein, und in diesem Sinne schliesse ich noch einige Bemerkungen an.

[95] Voss ist im unrecht mit seiner Angabe, dass Bürger von seiner Magd Christine das Volkslied gehört habe. Auch wenn Althofs briefliche Äusserung zu Nicolai nicht widerspräche: aus Bürgers eigenen Briefen erfahren wir greifbar nur das eine (Strodtmann 1, 115), dass der Stoff aus einem alten Spinnstubenliede genommen sei; und die Hausmagd Christine (ebenda 1, 163) gehörte zu denjenigen Leuten des Volkes, welchen der Dichter seine bereits fertig gedruckte Leonore vorlas oder in diesem Falle vorlesen wollte, um die Probe ihres Eindruckes zu machen.

Boie-Althof-Voss hatten ferner Unrecht, wenn sie mit unbesorgter Sicherheit behaupteten, dass die Worte „Feinsliebchen graut dir auch?“ oder „Graut Liebchen auch? – Wie sollte mir grauen? Ich bin ja bei dir?“ aus dem von Bürger gehörten Volksliede stammten. Die „Ur-Leonore“ Bürgers hat sie überhaupt noch nicht, vielmehr ist dies ihm vorher, wie es scheint, nicht geläufig gewesene Wechselgespräch erst durch die Mitarbeit des Hains, dem das Gedicht zur Begutachtung vorlag, nachträglich auf Cramers und Boies Anraten (Strodtmann 1, 146. 149) eingeführt worden. Wäre das Pattbergische Volkslied aus Nachahmung Bürgers entstanden, so bliebe unbegreiflich, wie der Nachdichter sich dieses so ganz allgemein volkstümliche Moment nicht angeeignet haben sollte: in diesem Punkte steht also die Wunderhorn-Lenore auf derselben Stufe wie Bürgers frühester Entwurf.

In der Urgestalt der Bürger’schen Leonore hatte die 19. 22. 24. Strophe noch den Ausgang

Der volle Mond scheint helle;
Wie ritten die Todten so schnelle –

und gegen die Umwandelung dieses Ausrufes in die ruhigere Bekräftigung „Die Todten reiten schnelle“, die Boie forderte (Strodtmann 1, 159), sträubte sich lange Bürgers Gefühl, weil „er sich dies nicht erkünstelt, sondern es ihm anfangs gleich vorgeschwebt habe, dass es so seyn müsste“, bis der Ausruf endlich doch aus seiner Leonore schwand. Das Volkslied der Frau Pattberg aber hat ursprünglich (unten S. 109) denselben Ausruf

Wie reuthen die Todten so schnelle,

den erst Brentano aufgab, der aber gleichwohl als volkstümliche Form anderweitig bekannt ist. Frau Pattberg hat auch, wie wir gleichfalls neu erfahren, ein anderes Volkslied dem Wunderhorn (unten S. 110) vermittelt, das viermal mit der Zeile einsetzt

Ei, ei, wie scheint der Mond so hell,

[96] und um nur den einen kurzen Schritt vom Wunderhorn zur Einsiedlerzeitung zu machen, auch Bettinens Seelied (vgl. Goedeke ² 6, 83, 1 Anmerkung) weist mit den Versen

Es schien der Mond gar helle,
Die Sterne blinkten klar,

einen ähnlichen Eingang wie das Volkslied der Frau Pattberg auf. Wer wäre also gezwungen, bei diesem letzteren durchaus an Bürger zu denken?

Bürger hat dem alten Lenorenstoffe eine moderne Verknüpfung mit dem siebenjährigen Kriege gegeben: mit der Prager Schlacht (Str. 1 ⁶) und dementsprechend mit Böhmen, wo Wilhelm begraben liegt (Str. 15 ²). Die abmahnende Beschwichtigung der Mutter, in Strophe 8,

Hör, Kind! Wie, wenn der falsche Mann,
Im fernen Ungerlande,
Sich seines Glaubens abgethan,
Zum neuen Ehebande?

steht mit dieser Modernisierung, wie mir scheint, in Widerspruch. Die Mutter kann nur meinen, dass Wilhelm in Ungarn vielleicht ein Türke, ein Muselmann geworden sei. Jedermann sieht, dass dies Motiv für das Ungarn der siebenjährigen Kriegszeit nicht mehr zutrifft. Es muss die Stelle also ein von Bürger nicht preisgegebener Rest des alten Gedichtes sein, dessen Tradition bis in die türkische Herrschaft über Ungarn, also bis in das 17. Jahrhundert etwa, hinaufreicht. Das Volkslied der Frau Pattberg aber weiss es gar nicht anders, als dass der Tote „dort drin im Ungerlande“ ein kleines Haus, sein Grab, habe. Was ist nun wohl das Natürliche? dass ein volkstümlicher Nachdichter Bürgers irrig „im Ungerlande“ anstatt „im Böhmerlande“ gesagt habe, oder dass in dem Pattbergischen Volksliede selbständig und unabhängig der alte echte Grund gewahrt sei? Ich glaube das letztere. Im Wunderhorn zieht den Toten einzig und allein die eigene Sehnsucht zur Geliebten, nicht zugleich auch die Sehnsucht der Geliebten selbst: wodurch der Ausgang des Volksliedes notwendig und gerechtfertigt wird. Gerade diese inhaltliche Verschiedenheit, die man durchaus nicht für eine Verflachung ansehen darf, verbürgt meinem Gefühl es am unmittelbarsten, dass das Pattbergische Volkslied nicht aus Bürgers Ballade geflossen sei.

Es ist überhaupt mit aller abstrakten Kritik individuell entstandener Phantasiegebilde ein eigen Ding. So nötig sie erscheint, so leicht ist sie auch dem Irrtum ausgesetzt. Wer mit neu erschlossenem Material in der Hand zu bestehenden Anschauungen seine Stellung nehmen musste, hat diese Erfahrung zweifellos mehr als einmal an sich selbst gemacht. [97] Im Weimarischen Jahrbuch 1855 (3, 248) konnte Oskar Schade wie zu scheinbarer Bekräftigung einzelner abfälliger Bemerkungen über das Wunderhorn noch sagen: „Ganze Lieder stehen im Verdachte, eingeschwärzt zu sein, so z. B. das schöne Lied „Es steht ein Baum im Odenwald“, das nun überall als Volkslied aus dem Odenwald gilt, rührt höchst wahrscheinlich von einem der Herausgeber her: es macht übrigens seinem Dichter alle Ehre“. Jetzt sehen wir, dass das Wunderhorn es aus den Händen der Frau Pattberg erhielt (unten S. 108).

Von ihren übrigen Volksliedern braucht nicht einzeln gesprochen zu werden. Nur sei bemerkt, dass das Turteltäubchenlied (unten S. 115) aus einem Liebeslied im Wunderhorn zu einem Kinderliede verwandelt worden ist. Andere Dinge ergeben sich bei einer Vergleichung der Originalien mit den Texten des Wunderhorns von selbst, wie in den Noten angedeutet wird, die ich absichtlich innerhalb dieser Grenzen halte, und so ist mir, wie ich denke, die litterarische Betrachtung der von der Frau Auguste Pattberg gesammelten Volkslieder zugleich ein Stück Entstehungsgeschichte von Des Knaben Wunderhorn und ein Beitrag zur Geschichte der Heidelberger Romantik geworden.


Schlussbemerkung.

In der nachfolgenden Zusammenstellung der Aufzeichnungen der Frau Pattberg machen den Anfang ihre anonymen Sagen und Schilderungen aus der Badischen Wochenschrift, mit der einen oben S. 80 berührten Ausnahme. Es reihen sich gedruckte und ungedruckte Volkslieder für das Wunderhorn an, zu denen die eine erhaltene Melodie hinzutritt. Ausgeschlossen habe ich (vgl. oben S. 78) die Urkunde über die Notburgasage. Gedrucktes gebe ich mit möglicher Treue wieder. Ebenso verfahre ich mit der handschriftlichen „Lenore“, während ich sonst den Manuskripten eine leichte Interpunktion hinzugesetzt habe.


Das Neckarthal.[4]

Die Beschreibung des Neckarthales in der Badischen Wochenschrift hat schon bei dem Dorfe Neckarzimmern geendet. Zu interessant ist aber dieses schöne Thal, als dass es nicht der Mühe werth seyn sollte, dem Leser eine vollständige Beschreibung desselben vorzulegen.

[98] Zur Linken des Flusses liegt von Zimmern abwärts der Ort Hochhausen, bekannt durch das Grabmal Nothburgens, der Königstochter, jener vom Volke verehrten Heiligen des Craichgaues, deren Bild in Stein ausgehauen, in der Kirche des Orts zu sehen ist, und von welcher sich noch manche Sagen unter dem Volke erhalten haben. Mit Vergnügen verweilt nun das Auge auf dem lieblich erweiterten, mit Rebenhügeln umgebenen Thale, und erreicht auf der rechten Seite des Neckars das freundliche Neckarelz, da wo sich der Strom theilt, eine Insel bildet, und die schöne Elzbach aufnimmt. Dieser Ort gehörte ehedem zu den Besitzungen des berühmten Ordens der Tempelherren, und noch wird der Gottesdienst einer Religionsparthei an eben der Stelle gefeiert, wo sie einst ihre Versammlungen hielten. Wenig Schritte von da, jenseits der Elz, über welche eine schöne Brücke führt, liegt das fleissige Diedesheim, durch beide Orte zieht die Landstrasse, welche von Würzburg nach Heidelberg geht. Bei dem leztgenannten Dorf geschieht in Nächen oder Fähren die Überfahrt über den Fluss; jenseits erreicht man, nahe am Ufer, den Ort Obrichheim, der durch manche daselbst ausgegrabene Alterthümer merkwürdig ist, und vielleicht noch merkwürdiger werden könnte, wenn Sachkundige weitere Nachforschungen anstellten. Vor etwa 12 Jahren erbaute ein dortiger Bürger ein Haus, beim Fundamentgraben kam man auf eine breite steinerne Stiege, welche in ein Gewölbe führte; die Unwissenden warfen die Öffnung wieder zu, im blinden Wahne, es könnte ein Geist in jenes Gewölbe verbannt seyn. Seitwärts von Obrigheim liegt, auf einem sorgfältig angebauten Berge, die alte Burg Neuburg, von Taglöhnern der dortigen Hofbeständer bewohnt; von da erblickt man das anmuthige Thal mit allen seinen reichen Umgebungen im schönsten Lichte, nahe und ferne gelegene Ortschaften, Schlösser und Burgen, Mühlen und Höfe, erreicht das Auge, und folgt gerne den Krümmungen der Elzbach im schönen Wiesenthale und den Wendungen des Neckars; in amphitheatralischer Gestalt stellt sich das Ganze unter den lieblichsten Bildern dar. Diese lächelnde Gegend, die das Gemüth so freundlich anspricht, war ehedem der Aufenthalt Maximilian Josephs von Baiern, welcher mit seiner ganzen Familie in den Zeiten der Belagerung Mannheims im Jahr 1705 drei Monate lang dort verweilte. Rechts am jenseitigen Ufer erhebt sich auf einem mit Reben bepflanzten Berge der alte Schreckhof, ehmals verschiedenen alten nun ausgestorbenen Familien gehörig. Durch fruchtbare Wiesen und Felder windet sich der Fluss hinab gegen Bienau, ein heiteres Dörfchen, am rechten Ufer, doch, ehe man es erreicht, sieht man zur Rechten die alte, beinahe gänzlich zerstörte Burg Thauchenstein, welche isolirt auf einem steilen Felsenhange dasteht. Gerade Bienau gegenüber, zur Linken des Stromes, liegt das kleine Dörfchen Mörtelstein; romantisch ist seine Lage; zwischen zwei Bergen eingeengt, bleibt es lange dem Auge verborgen, und gewinnt höhern Reiz durch die Überraschung. Noch romantischer liegt auf einem Hügel die kleine Kirche und der Kirchhof, den zwei hohe Tannenbäume dem Wanderer bezeichnen. Von nun an begrenzen dunkle Wälder und steile Berge die Ufer, und man gelangt an eine Stelle, wo der Unkundige, von hohen Gebirgen umringt, sich gleichsam eingeschlossen glaubt, und schwer errathen würde, wohin sich der Strom wendet. Zuerst erreicht man nun das Dorf Guttenbach zur Linken, und mehr abwärts Gerach zur Rechten des Flusses, von wo aus man jenseits gerade gegenüber die schönen Ruinen des Minnebergs empor ragen sieht, welche auf ihrem hohen Sitze schon von Ferne her den schönsten Anblick gewähren, und mit den Wendungen des Stroms sich in mannichfaltiger Gestalt darstellen. Jetzt engt sich das Thal immer mehr zusammen, und man kommt zur Rechten an den Ort Zwingenberg, den eine sehr geräumige Burg in noch bewohnbarem Zustande merkwürdig macht; es sind dort schreckliche Gefängnisse, [99] Burgverliesse, und noch manche Überreste aus den schauerlichen Zeiten der Vehmgerichte. Auch ist es der Ort, wo der Günstling des Kurfürsten Karls von der Pfalz, der bekannte Minister Langhans, der nach dessen Tode angeklagt, schuldig befunden, und zu 20jähriger Gefängnissstrafe verdammt war, gefangen sass. Bei diesem Orte hat der Neckar einen Strudel, der den unkundigen Schiffer verschlingen oder seinen Kahn auf den Felsen zertrümmern würde. Auf einer hohen Waldspitze zur Linken liegt, mehr hinabwärts, die alte berühmte Burg Stolzeneck, von welcher noch einige Sagen im Munde des Volkes sind. Am rechten Ufer kommt man nun an das Dörfchen Lindach, und am jenseitigen, etwas weiter hinunter, nach Rockenau, von da erreicht man, immer weiter abwärts, auf derselben Seite, das Dorf Neckarwimmersbach, und bald darauf, auf der entgegengesetzten, das durch Holzhandel und Gewerbfleiss bekannte Städtchen Eberbach. Hier nimmt der Neckar zwei beträchtliche Flossbäche auf, die Gammels- und die Itterbach, wovon die letztere eine besonders heilende Kraft besitzt. Auf einem hohen Berge sieht man noch die letzten Trümmer einer ehemaligen Burg; gegenüber am linken Ufer aber das Örtchen Plaudersbach, und mehr abwärts am rechten den einsamen Neckarhäuser Hof. Jetzt erscheint schon aus der Ferne an des Flusses linkem Ufer die Kapelle von Hirschhorn, sie ist ein Überbleibsel alter Zeit, im Gothischen Geschmack erbaut, hat eine Menge der schönsten farbigen Glasscheiben, worauf theils Familienbilder, theils die Wappen der damals blühenden Geschlechter von Handschuhsheim, Habern und Hirschhorn sich befinden, und dient jetzt dem gegenüber zur Rechten des Flusses liegenden Städtchen Hirschhorn zur Begräbnissstätte. Dieses Städtchen ist sehr alt. Auf dem Berge liegt eine Burg, die noch bewohnt wird, und ein Kloster, welches vor noch nicht langer Zeit aufgehoben wurde. Noch immer umgeben hohe Berge, dichte Waldungen und Steinklippen die Ufer und der Fluss drängt sich mit raschem Laufe zwischen den hohen Bergmassen hindurch. Bald erblickt man zur Linken den hohen über alles emporragenden Dilsberg, ehemals Diebsberg genannt, weil seine Bewohner in den Zeiten des Faustrechts dasselbe fleissig ausübten. Er war ehedessen sehr befestigt, und ist noch merkwürdig durch seinen 126 Klafter tiefen Brunnen, der im Mittelpunkt seiner Tiefe eine eiserne Thüre hat, die in einen unterirdischen Gang führt, welcher unter dem Neckar hindurch nach dem gegenüber gelegenen Schlosse Steinach gegangen seyn soll, in diesem Schlosse, nahe bei dem Städtchen dieses Namens, hauste einst der berühmte Ritter Landschaden von Steinach. In der dortigen Kirche sind noch, in Stein ausgehauen, mehrere Ritter – unter ihnen auch Landschaden, zu sehen. Eine schwarze Tafel erzählt die Geschichte des leztern dem Wanderer.

Ausser jener Burg sind noch drei ähnliche Ruinen alter Schlösser in der Nähe, kaum einen Flintenschuss von einander entfernt, einige nennen sie die Schwester-Burgen, andre geben ihnen drei verschiedene Namen. Von diesen Burgen laufen in der Gegend noch mancherlei wunderbare Sagen umher. Jetzt wird der Fluss von der einen Seite etwas freier, und nähert sich dem artigen Städtchen Nekargemünd; es liegt am linken Ufer, und ist durch den regen Fleiss und die Betriebsamkeit seiner Einwohner bekannt. Die Landstrasse führt von da, immer am Rande des Flusses hinab, bis nach Heidelberg.

Jeder Fremdling, der diese Gegend besucht, wird sich mit Innigkeit der Schönheiten freuen, die er hier bei jedem Schritte erblickt.

Beschreiben lassen sich diese Szenen nicht; der Einheimische bewahrt ihre Bilder in seinem Gemüthe, und für den fremden Reisenden ist es hinreichend, ihn darauf aufmerksam zu machen.

A. P.     

[100]
Der Minneberg.[5]
Eine Volkssage.

Hugo von Habern hinterliess drei Söhne. Frühe wurden sie schon an ritterliche Übungen und an die Beschwerlichkeiten der Jagd gewöhnt. In den weitausgedehnten Forsten des Odenwaldes streiften sie bis zu den freundlichen Thälern des Neckars, und verfolgten Tage lang das Gewild. Ihr Begleiter war ein Windspiel von seltner Treue; nie wich es von ihrer Seite, war immer ihr Vorläufer und leitete sie stets auf die richtige Spur. Eines Tages führte sie der kundige Wegweiser auf den Gipfel eines steilen Berges am Neckar, vor den Eingang einer düstern Höhle. Die Jäger folgten auch diesmal dem klugen Führer, der sie nie irre geleitet hatte, hinab in die Tiefe der schauerlichen Kluft, in deren Hintergrunde sie zu ihrem grossen Erstaunen drei weibliche Gestalten erblickten, welche bethend auf den Knieen lagen. Die Jünglinge stutzten bei dem unerwarteten Anblick; sie wähnten drei Heilige im überirdischen Glanze geistiger Verklärung vor sich zu sehen, doch bald überzeugten sie sich, dass es Erdbewohnerinnen waren, die vom Schicksal verfolgt, hier eine Freistätte gefunden – und sich in diese Einöde geflüchtet hatten, um in stiller Verborgenheit, abgeschieden von der trüglichen Welt zu leben. Sie waren entsprossen aus dem berühmten Geschlechte der Ritter von Handschuchsheim, allein mit ihrem Vater war der alte Stamm dieses Namens erloschen, ihre Besitzungen fielen dem Lehensherrn heim. Die Mutter war längst schon gestorben, und das geringe Erbe, das den drei Schwestern noch übrig blieb, hatte ihnen die Raubsucht eigennütziger Menschen entrissen. Als verlassene Waisen, ohne Schutz, flüchteten sie sich vor den Nachstellungen arglistiger Verführer in diese einsame Klause, denn sie waren schön, und Schönheit droht nicht selten mit Gefahren. Ein alter Diener war den Jungfrauen gefolgt, und sorgte, als Einsiedler gekleidet, treulich für ihren Unterhalt: allein in der tiefsten Einsamkeit und in gänzlicher Abgeschiedenheit von den Menschen, waren ihre sanften weiblichen Gefühle nicht erstorben, und die edeln Jünglinge machten denselben Eindruck auf sie, den die Jungfrauen auf jene gemacht hatten. Das unauflösliche Band reiner Liebe schloss sich in der Folge unter ihnen, und knüpfte sich mit jedem Tage fester. Die drei Brüder erbauten auf jener Stelle eine stattliche Burg und nannten sie Minneberg. Lange lebten sie und ihre Gattinnen dort, in glücklichem Vereine, erst lange Jahre nachher verschwand auch ihr Name aus den Registern der edeln Geschlechter des Neckarthals. Zum ewigen Gedächtniss liessen die Ritter das Windspiel, welches sie zu den Einsiedlerinnen geleitet hatte, in Stein aushauen. Noch vor wenig Jahren behauptete dieses Denkmal der Erkenntlichkeit seine ehemalige Stelle auf dem hohen Portal über der Einfahrt zum Minneberg; allein unwissende Hände haben es nun entwürdigt, und an der Ziegelhütte unten im Thal bei dem Örtchen Guttenbach, über einer Stallthüre, in eine ärmliche Leimenwand eingemauert.

Überraschend und traurig war mir dieser Anblick, als ich im vorigen Sommer die Ruinen des Minnebergs besuchte, die ich lange nicht mehr gesehen hatte; oben auf dem Berge suchte ich vergebens den wohlbekannten Stein, und unten im Thale liess mich ihn der Zufall an einer Stelle finden, wo ich ihn nie gesucht haben würde. Verödet ist die Stätte der ehemaligen Pracht, und nur der Unglückliche verirrt sich noch zuweilen unter diese Ruinen und stellt Betrachtungen an über Vergangenheit, [101] Gegenwart und Zukunft! So hat jetzt ein vom Schicksal und den Menschen Verfolgter sich in die Gewölbe dieser zerfallenen Burg geflüchtet, und sich in einem derselben eine Wohnung bereitet. Die Eingange zu dem Gewölbe hat er mit Thüren von Binsen geflochten, versehen, und die Öffnungen, durch welche das Licht hereinfällt, mit geöltem Papier bekleidet; in dem einen Winkel steht sein hölzernes Bettgestell mit Laub und Moos gefüllt, und in dem andern eine Drehbank, die sein dürftiger Unterhalt ist. In einem der Nebengewölbe hat er sich eine Küche eingerichtet; seine ärmlichen Geräthschaften stehen in ärmlicher Ordnung umher, rund um die Ruinen hat er angefangen Schutt und verwildertes Strauchwerk hinweg zu räumen, um die besten Stellen urbar zu machen, und dankbar wird ihm die Erde darbringen, was er zu seinem Unterhalte bedarf. Er lebt in der Stille in seiner unterirdischen Wohnung, niemand zur Last; geht nur dann unter Menschen, wenn er von seinen Dreherarbeiten verkaufen will, um sich die nöthigsten Bedürfnisse dafür anzuschaffen. Sein Wesen zeigt nicht Menschenscheue, sondern vielmehr ein reines Bewusstseyn. Seit einiger Zeit haben sich einige Menschenfreunde thätig seiner angenommen, und ihm beim nahenden Winter Holz, einen Windofen und eine bessere Drehbank verschafft. Wie wenig bedarf dieser Abgeschiedene, der ferne von der menschlichen Gesellschaft die Wildnisse bewohnt. Noch einige Steine mit alten Inschriften, welche man sonst vor wildem Gesträuche nicht sah, sind durch den Fleiss des Einsiedlers sichtbar geworden, und bieten den Freunden des Alterthums einigen Stoff zu Nachforschungen dar.

A. v. P–g.     

Volkssage von der Burg Stolzeneck.[6]

Auf der Burg dieses Namens wohnte vor alter Zeit ein Ritter, mit Gottfrieds Heer zog er gegen die Ungläubigen, und liess seine Schwester mit einigen alten Dienern allein auf der Burg zurück.

Da kam eines Tages ein fremder Ritter und warb um ihre Hand; doch das Fräulein sprach mit kurzen Worten: nein! Der ergrimmte Freier warf sie ins Burgverliess, und ermordete alle Menschen und Thiere, die er im Schlosse fand; nur ein zahmer Rabe, des Fräuleins Liebling, rettete sein Leben, und erhob sich in die Luft. Der Wütrich schwur, der Unglücklichen nicht eher Speise noch Trank zu reichen, bis sie ihm die Hand geben würde; alle Tage kam er vors Gitter, und immer sprach sie nein. Bei jedem Male glaubte er, nun würde sie der Hunger zum Jawort nöthigen; allein zu seinem Erstaunen antwortete sie ein ganzes Jahr hindurch immer nein. Ihr Liebling, der treue Rabe, brachte ihr täglich Früchte, die ihr den Durst löschten, und Wurzeln, die sie nährten; so erhielt er ihre Tage. Als endlich der Bruder wiederkehrte, fand er seine Burg ausgestorben und leer; er sah hinab vom steilen Berge ins einsame Neckarthal, doch nirgends entdeckte er eine Spur von der geliebten Schwester. Da vernahm er plötzlich ein leises Seufzen, eine wehmüthige Klage aus der Tiefe der schrecklichen Gefängnisse, folgte schnell dem bangen Ton und erkannte die Stimme seiner Schwester: sie erzählte ihm ihr trauriges Sckicksal, aber gleich dem Sturmwind eilte in diesem Augenblick der fremde Ritter daher, das gezückte Schwert in der Hand, stürzte er auf den Wehrlosen zu; dieser ohne Waffen und Wehr glaubte sich verloren, doch siehe! es flatterte unter Sausen und Brausen ein Heer krächzender Raben aus den dunkeln Gründen des Waldes herauf, herbeigelockt vom Liebling des Fräuleins, fielen sie über den Fremden her, er vermochte nicht, sich des ungeheuern Schwarms zu erwehren; sie hackten ihm die [102] Augen aus und tranken sein warmes Blut und liessen nicht ab von ihm, bis er ohne Leben lag, und folgten noch mit grässlichem Geschrei seiner Leiche, die in ungeweihter Erde verscharrt wurde.

A. P.     

Volkssage.[7]

Zu Wimpfen ist ein See auf einem Berge, wovon folgende Sage erzählt wird. – Ein Knabe sah einmal auf dem See drei weisse Schwanen, er nahm ein Bret und fuhr ihnen nach. Als er eine Strecke weit vom Ufer entfernt war, schlug das unsichere Fahrzeug um, und der Knabe sank unter. Er wusste nicht, wie ihm geschah, denn er sah sich in einem prächtigen Schlosse, vor ihm stunden drei wunderschöne Jungfrauen. Wie kamst du hieher? sprachen sie zu dem Knaben. Ich wollte drei weisse Schwanen betrachten, entgegnete er, und ich weiss nicht, wie es mir weiter gegangen ist. Willst du bei uns bleiben, sprach eine der Jungfrauen, so sey uns willkommen, doch darfst du, sobald du einmal drei Tage hier verweiltest, nie wieder in deine Heimath zurückkehren, denn du würdest alsdann dich nicht mehr an die obere Luft gewöhnen können, und sterben müssen. Der Knabe willigte fröhlich ein. Doch nach Jahresfrist fühlte er eine unwiderstehliche Sehnsucht nach seiner Heimath, er wurde krank und härmte sich zusehends ab. Die Jungfrauen fragten ihn oft, was ihm fehle, allein er sagte ihnen nie den wahren Grund seiner Traurigkeit. Einmal war er in tiefes Nachsinnen verfallen, da trat eine hässliche alte Frau zu ihm hin und sprach: wenn du mir gelobest, mich zu heirathen, so führe ich dich in deine Heimath zurück. Nein, sprach der Knabe, lieber will ich sterben, ohne meine Heimath wieder zu sehen, als meine Gebieterinnen hintergehen und betrügen. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da standen die drei Schwestern im Glänze ihrer Schönheit vor ihm. Weil du so redlich bist, sprachen sie, so magst du denn wiederkehren zu den Deinigen. Als er am folgenden Morgen erwachte, sass er am Ufer des See’s, er erzählte seine Geschichte, allein niemand glaubte sie ihm. Gern wäre er nun wieder zurückgekehrt zu den drei schönen Jungfrauen, denn sie waren ihm unvergesslich. Er hatte keine Ruhe, keinen Frieden, bekam das Heimweh nach dem unbekannten Gefilde, in welches er versetzt gewesen war, so heftig, dass er nach wenig Tagen starb.

A. P.     

Volkssage.[8]

In einem einsamen Wiesenthale, nahe bei dem Flecken Neuenkirchen im Odenwalde, bemerkt man ein stehendes Wasser von wenig Umfang, aber so tief, dass es schwer zu ergründen ist; über dem Rande des kleinen Gewässers hängen die lieblichsten Vergissmeinnicht, und spiegeln sich im klaren See. Oft verweilte ich dort in den Tagen meiner Jugend, pflückte die freundlichen Blumen, und liess Steine an Fäden geknüpft, hinab in die Tiefe. Eines Tages begegnete mir dort ein altes Mütterchen aus dem nahe gelegenen Örtchen Breitenbronn, und erzählte mir folgende Sage von dem kleinen See.

Vor vielen Jahren stand auf dieser Stelle ein Frauenkloster. In einer stürmischen Winternacht nahte sich der Pforte ein wankender Greis und bat um Obdach. [103] Die gemächliche Pförtnerin wies ihn mit harten Worten ab; er flehte vergebens. Selbst die Priorin und ihre Mitschwestern blieben taub bei seinen Klagen; nur eine Jungfrau, welche das Gelübde des Ordens noch nicht abgelegt hatte, bat bei den übrigen für ihn. Doch diese spotteten ihrer, und die Pforte des Klosters blieb dem armen Wanderer verschlossen. Da berührte er mit seinem Stabe die Erde, und plötzlich versank das Kloster in ihren gähnenden Schoos, der sich Flammen sprühend öffnete; an der Stelle des prächtigen Gebäudes blieb zum ewigen Gedächtnisse der grundlose See.

Die Novize lebte im innigsten Verständnisse mit einem der edelsten Ritter des Gaues, oft wandelte er in nächtlicher Stille zum einsamen Kloster, und wenn alles rings umher in den Armen des Schlummers lag, sprach er durch das Gitter ihres Zellenfensters Stunden lang mit ihr. So kam er auch in dieser schrecklichen Nacht, um mit der Geliebten zu kosen. Von starrem Entsetzen ergriffen, erblickte er auf der verödeten Stille nicht mehr die hohen Thürme des stattlichen Klosters; statt aller verschwundenen Pracht erscheint vor seinem Blicke jener geheimnissvolle See. Laut klagend erhob der Ritter seine Stimme, rief den Namen der Geliebten, dass er weit und breit wieder tönte, und sprach: nur noch einmal kehre zurück in meine Arme. Da vernahm er eine Stimme aus dem See: „Morgen um die eilfte Stunde der Nacht kehre wieder zu dieser Stätte, auf der Oberfläche des Wassers gewahrst du dann einen Faden von blutrother Seide, nimm ihn auf und zieh ihn empor.“ Die Stimme verhallte, der Ritter schlich traurig nach Hause, doch um die bestimmte Stunde kam er wieder und that, was ihn die Stimme geheissen hatte. Kaum zog er den Faden empor, da stand die Geliebte vor ihm. Das unergründliche Schicksal, sprach sie, das mich schuldlos mit den Schuldigen versenkte, vergönnt mir, dich jeden Tag von der eilften bis zur zwölften Stunde der Nacht zu begrüssen, nie darf ich die bestimmte Zeit überschreiten, sonst siehst du mich nicht wieder, und ausser dir darf keines Mannes Auge mich erblicken, sonst schneidet eine unsichtbare Hand den Faden meines Lebens entzwei. Lange setzte der Ritter seine nächtlichen Wanderungen fort, allein der Neid und die Missgunst belauschte seine Schritte. Eines Tages nahete er sich in einer mondhellen Nacht dem traulichen See. Doch ach! sein klares Wasser war in Blut verwandelt, bebend ergriff er den Faden, seine Farbe war verbleicht, und derselbe entzwei geschnitten. Da stürzte sich der trostlose Jüngling hinab in die Tiefe und versank. Einsam, verödet, unbesucht vom irrenden Wanderer, nur von wenig Menschen gekannt, ist dieser abgelegene See, an dem Rande eines melancholischen Tannenwaldes, der seine dunkle Äste ausbreitet über den geheimnissvollen Ort, der einst das Grabmahl der beiden Liebenden ward.

A. P–g.     

Volkssage.[9]

In der alten Burg Schwarzach lebte ehmals ein Ritter, seinen Namen hat die Tradition nicht aufbewahrt, doch erhielt sie die Sage, dass er blind gewesen sey und neun Töchter gehabt habe, welche so schön als tugendhaft gewesen seyen. Alles würden sie aufgeboten, alles, ja selbst ihre Schönheit aufgeopfert haben, um ihrem Vater das Licht seiner Augen wieder zu erkaufen. In einer benachbarten Walburg lebte damals ein Ritter, wild und finster waren seine Blicke; verborgen lag seine Burg von hohen Tannen umgeben, schwarz war sie von aussen, wie seine [104] Seele von innen. Vergebens stellte er lange den schönen Jungfrauen[WS 2] nach, ihre Verachtung war sein wohlverdienter Lohn. Ergrimmt nahm er seine Zuflucht zur schändlichsten List; verschmähte Liebe entflammte sich in seinem Herzen zur bittersten Rache. Im erborgten Gewande eines Pilgers trat er eines Tages zu den Jungfrauen, und versprach ihnen ein untrügliches Mittel für die geblendeten Augen ihres Vaters; er befahl ihnen, in einem nahe gelegenen Thale vor Sonnenaufgang eine Pflanze zu pflücken, die er ihnen anwiess; der bestimmte Ort war ein schauerlich einsames Thal, von hohen überragenden Buchen und Eichen umgeben, die es nicht der Sonne noch dem Mond gönnten, das hohe Riedgras zu bescheinen, welches der feuchte Boden hervorbrachte; daher nennt man auch noch heute dieses Thal die kalte Klinge. Am nächsten Morgen, lange vor Sonnenaufgang, enteilten die zärtlichen Töchter der Ruhe; sie gingen frohen Muthes dahin, um dem Vater die heilsamen Kräuter zu brechen. Doch nie kehrten sie wieder, denn der Ruchlose ermordete sie, und begrub ihre Leichname im öden unbesuchten Thale. Der Vater, in Verzweiflung über den Verlust seiner Kinder, starb bald aus Gram, und den Mörder forderte in spätern Tagen das Bewusstseyn seiner schrecklichen That zur Sühne auf: er stiftete in der Gegend ein Kloster, auch liess er die Leichname der ermordeten Jungfrauen wol dreissig Jahre nachher in geweihte Erde bestatten.

P.     

Nachricht von einigen Volksfesten.[10]

Mit Vergnügen erinnere ich mich mancher Volksbelustigungen, die ich in frühern Zeiten mit ansah; tief prägen sich dergleichen Eindrücke in den Tagen der harmlosen unbefangenen Jugend in unser Gemüth, und bleiben selbst in spätem Zeiten ein Eigenthum unserer Erinnerung. In meinem Geburtsorte in der Rheinpfalz steht eine Linde, ausgebreitet ziehen sich ihre schlanken Äste an Stäben in die Höhe. Unter dieser Linde versammelten sich ehedem an Sonn- und Festtagsabenden die Jünglinge und Mädchen des Dorfes, und sangen in harmonischem Einklang alte Lieder und Romanzen. Noch jetzt wünsche ich oft die mir damals so lieb gewordenen Gesänge wieder vernehmen zu können, und verweile gern bei dieser freundlichen Erinnerung. Jährlich, zur Zeit der Kirchweihe, feierten die Einwohner des Dorfes unter jener Linde ein Fest; die Jugend versammelte sich des Nachmittags unter dem Baume, an einem Ast desselben ward ein Blumenkranz befestigt, die Jünglinge und Mädchen tanzten nach einer ländlich einfachen Musik um die Linde, und jeder hob sein Mädchen in die Höhe, wenn er an die Stelle kam, wo oben der Kranz hing. Welches nun so glücklich war, ihn zu erhaschen, dem ward ein mit Blumen und Bändern geschmücktes Lamm als Preis zugeführt. Theilnehmend vergnügten sich die Zuschauer an der Freude der jungen Leute, und an dem unterhaltenden Tanz. Jährlich ward dieses Fest, nur zuweilen mit einiger Abwechselung, wiederholt; es wurden nämlich bisweilen zwei seidene Tücher als Preis an einen Ast der Linde gebunden, um welche die Jugend tanzte, oben auf dem Baum lag ein mit Pulver geladenes Gewehr, so wie nun der Tanz begonnen hatte, ward ein brennender Lunten auf die Zündpfanne gelegt, und das Paar, welches bei dem Knall der Flinte gerade unter dem Preis tanzte, hatte ihn gewonnen. Leider sieht man nun diese unschuldigen Vergnügungen, diese Fröhlichkeit athmenden Volksfeste nicht mehr; allein wie könnte auch in einem Zeitalter, wie das unsrige, wo die Künste [105] der Verfeinerung den Landmann immer mehr seiner einfachen Sitten entwöhnen, wo der Besitz unstet schwankt, und ein ewiger Wechsel das Loos hoher und niederer Stände täglich mischt und ändert, wie könnte da der Sinn für die Freude zur Reife gedeihen? Wann wird sie einst wiederkehren jene glückliche Zeit, wo jeder in Ruhe und Frieden, am Ruder des Staates sowohl, als am Pfluge, den Pflichten seines Berufes mit Zuversicht und Glauben an beständige Dauer folgen und die Früchte seines Fleisses geniessen kann?

A. P.     

Der Sommertag.[11]

Auf den Sonntag Lätare, gewöhnlich der Sommertag genannt, gehen an manchen Orten die Mädchen von 6 bis 12 Jahren, mit Kränzen von Buxbaum oder Epheu, mit Blumen und Bändern geziert, im Dorfe, wohl auch auswärts, von Haus zu Haus, und kündigen durch ihren Gesang den Frühling an. Oft wehen noch um diese Zeit die rauhen Stürme des Nords, nicht selten fallen Schneeflocken auf den grünen Kranz, der die Nähe des Frühlings verkünden soll, und die Kinder gehen dennoch, treu der alten Gewohnheit, oft starr von Kälte, umher und singen:

Ja, Ja, Ja,
Der Sommertag ist da!
Er kratzt dem Winter die Augen aus
Und jagt die Bauern zur Stube naus.

Ehdessen gingen alle Mädchen, reich und arm, ohne Unterschied umher, und sangen ihren Mitbewohnern den Frühling an, jetzt aber ist es blos der ärmern Klasse überlassen, und dieser schöne alte Volksgebrauch ist bis zur Bettelei herabgesunken. Folgendes Lied wird am gewöhnlichsten an diesem Tage gesungen:

Heut ist Mitten Fasten,
Da leeren die Bauern die Kasten,
Thun sie die Kasten schon leeren,
Gott will was neues bescheeren,
Im Sommer da deiben die Früchte wohl,
Da kriegen sie Scheuern und Kasten voll.
Wo sind denn unsre Knaben?
Die den Sommertag halfen tragen,
Sie sitzen wohl hinter dem Wengertsberg
Und ruhn ihre zarte Händelein aus;
Wir gehen jetzt in das Wirthshaus,
Da schaut ein Herr zum Fenster heraus,
Er schaut heraus und wieder hinein,
Er schenkt uns was ins Beutelein nein;
Wir wünschen dem Herrn ein goldenen Tisch,
Auf jedem Eck ein backenen Fisch,
Und mitten drein ’nein
Eine Kanne voll Wein
Da kann der Herr recht lustig seyn.

Diese alte Gewohnheit herrscht noch hie und da in einigen Dörfern des Odenwaldes und Neckarthales; seltener ist hingegen der sonderbare Gebrauch, nach [106] welchem die Knaben am Fastnachtsdienstag mit papiernen Kappen auf und hölzernen Säbeln an der Seite, oft auch mit Schnauzbärten im Dorfe herum ziehen, und vor jedem Hause so lange schreien:

Eier raus, Eier raus,
Der Marder ist im Hühnerhaus.

bis man ihnen welche giebt, die sie dann am Abend verzehren oder verkaufen. In dem Ort Neckarelz erhalten sich beide noch bis auf diese Stunde, auch ist dort jährlich eine Volksbelustigung, nämlich

das Eierlesen.

Die jungen Bursche wählen jährlich zwei aus ihrer Mitte, welche sie als Eierleser bestimmen, und zwar jährlich auf den Ostermontag. Die beiden gewählten sind zum Laufe leicht angethan, ohne Brusttuch noch Wams, mit aufgeschürzten Hemdärmeln, weissen Unterkleidern, und um den Kopf und die Lenden tragen sie weisse Binden: jeder hat eine 10 Schuh lange Haselgerte in der Hand: so ziehen sie schon gegen 10 Uhr des Morgens im Dorfe auf und ab, und laden die Einwohner zum Eierlesen ein, welches gegen 2 Uhr anfängt. Jeder von allen ledigen Burschen bringt 3 bis 4 Eier mit auf die Wiesen am Rande des Neckars, alle tragen lange Haselgerten in den Händen, nun bilden sie zwei lange Reihen, in der Mitte derselben werden die Eier, jedes einen Schritt vom andern entfernt, hingelegt; das Loos weisst jedem der beiden Läufer sein Geschäft an, einer derselben muss alle diese Eier, eins nach dem andern, an einen bestimmten Ort zusammentragen, indess der andre nach Neckarzimmern laufen, und von dort einen Weck mitbringen muss. Welcher zuerst vollendet hat, der hat den Preis errungen, ihm gehören die Eier und die Geschenke, die die Zuschauer freiwillig geben. Beinah immer trift es sich, dass beide zugleich vollendet haben, und immer theilen sie Eier und Geschenke, fahren am Abend ihre Mädchen zum Tanze, und machen sich einen frohen Tag. Die bunte Menge der Zuschauer, die selbst aus benachbarten Orten herbeikommen, sucht ihre fernere Unterhaltung beim Tanze oder bei der Flasche. Dieser Tag wird dem Wirth und dem Bäcker oft einer der einträglichsten im Jahre, und hat für manchen Zuschauer den Reiz, den derlei alte Gewohnheiten, trotz ihrer Einförmigkeit, doch immer beibehalten; das oft Gesehene wird jedes Jahr aufs neue wieder angesehen, und diese einfache unschuldige Belustigung lässt nie, wie so manche andre, den Stachel der Reue zurück.

A. P.     

An meinen Freund –tz in C.[12]

Sey gegrüsst im neu vereinten Lande!
Du, den an des Neckars stillem Strande
Einst so mancher Edle liebgewann;
Den auf einem wandelbaren Pfade,

5
Fern von unserm friedlichen Gestade,

Wahre Freundschaft nicht vergessen kann.

[107]

Deiner denken wir beim frohen Mahle,
Hier in unserm anmuthsvollen Thale,
Wo uns gleicher Sinn verbunden hat;

10
Denken Deiner auf den grünen Auen,

Wenn wir noch im Geist dich wandeln schauen
Jenen Pfad, den sonst dein Fuss betrat.

Siehst du aus der Ferne noch im Bilde
Unsrer Fluren blühende Gefilde,

15
Und die Guten, die du hier gekannt?

Denkst du noch der grünen Rebenhügel,
Und wie zu des Neckars hellem Spiegel
Sich der Elzbach dunkle Welle wand?

Weisst du, wie des Abendschimmers Gluten

20
In des Flusses sonst erregten Fluten,

Spiegelnd oft der Wiederschein bewegt?
Siehst den Nebelduft vorüberwallen,
Hörst die fernen Abendglocken hallen,
Fühlst die Ahnung leis’ in dir erregt?

25
O dann denken wir mit dem Gefühle

Stiller Trauer dein, und sehn dem Spiele
Eitler Thoren und dem Schicksal zu;
Wenden dann mit Wehmuth unsre Blicke,
Bald zu der Vergangenheit zurücke,

30
Bald voran zum dunklen Ziel der Ruh.


Bei so manchen namenlosen Leiden,
Reicht Erinn’rung ihre stillen Freuden,
Und allmählich schwindet unser Leid.
Hoffnung mit dem rosigten Gewande,

35
Leitet uns am goldnen Gängelbande

Zu dem Tempel der Zufriedenheit.

Holde Göttin! wandle uns zur Seite,
Du, in deren freundlichem Geleite,
Manche Trauer unserm Blick entflieht;

40
Und wenn einst die lezten Stunden schlagen,

Soll dein Fittig uns hinüber tragen,
In das Land, wo man sich wiedersieht.

Nimm der Freunde Gruss! vom Neckarstrande
Folgt er dir zum neuen Vaterlande,

45
Und umflüstert sanft den Biedermann,

Den auf stillem abgewandtem Pfade,
An des Neckars blühendem Gestade,
Einst die reinste Freundschaft liebgewann.

A. P.     

[108]

Es steht ein Baum im Odenwald,
Der hat viel grüne Äst,
Da bin ich schon viel tausend mahl
Bei meinem Schaz gewest.

5
Da sizt ein schöner Vogel drauf,

Der pfeift gar wunderschön,
Ich und mein Schäzlein lauern auf,
Wenn wir mitnander gehn.

Der Vogel sizt in seiner Ruh

10
Wohl auf dem höchsten Zweig

Und schauen wir dem Vogel zu,
So pfeift er allso gleich.

Der Vogel sizt in seinem Nest
Wohl auf dem grünen Baum,

15
Ach Schäzel bin ich bei dir g’west

Oder ist es nur ein Traum?

Und als ich wied’rum kam zu dir,
Gehauen war der Baum,
Ein andrer Liebster steht bei ihr,

20
O du verfluchter Traum.


Der Baum der steht im Odenwald
Und ich bin in der Schweiz,
Da liegt der Schnee, und ist so kalt,
Mein Herz es mir zerreisst.[13]


Bald gras ich am Neckar,
Bald gras ich am Rhein,
Bald hab ich ein Schätzel,
Bald bin ich allein.

5
Was hilft mir das Grasen

Wann die Sichel nit schneidt,
Was hilft mir ein Schätzel,
Wenn’s bei mir nicht bleibt.

So soll ich dann grasen

10
Am Neckar am Rhein,

So werf ich mein goldiges
Ringlein hinein.

Es fliesset im Neckar,
Und fliesset im Rhein,

15
Soll schwimmen hinunter

Ins tiefe Meer n’ein

Und schwimmt es das Ringlein,
So frisst es ein Fisch,
Das Fischlein soll kommen

20
Aufs König sein Tisch.


Der König thät fragen,
Wems Ringlein soll sein?
Da thät mein Schaz sagen,
Das Ringlein g’hört mein.

25
Mein Schäzlein thät springen,

Berg auf und Berg ein,
Thät mir wiedrum bringen
Das GoldRinglein fein.

Kannst grasen am Neckar,

30
Kannst grasen am Rhein,

Wirf du mir immer
Dein Ringlein hinein.[14]


So viel Stern am Himmel stehen,
So viel Schäflein als da gehen,
In dem grünen Feld,

So viel Vögel, als da fliegen,

5
Als da hin und wieder fliegen:

So viel mahl sei du gegrüsst.

Soll ich dich dann nimmer sehen –
Ach das kann ich nicht verstehen,
O du bittrer Scheidens Schluss!

10
Wär ich lieber schon gestorben,

Eh ich mir ein Schaz erworben,
Wär ich jezo nicht betrübt.

[109]

Weiss nicht, ob auf dieser Erden
Nach viel Trübsal und Beschwerden

15
Ich dich wieder sehen soll.


Was für Wellen, was für Flammen
Schlagen über mir zusammen,
Ach wie gros ist meine Noth!

Mit Geduld will ich es tragen,

20
Alle Morgen will ich sagen:

O mein Schaz, wann kommst zu mir.

Alle Abend will ich sprechen,
Wenn mir meine Äuglein brechen:
O mein Schaz, gedenk an mich.

25
Ja ich will dich nicht vergessen,

Wann ich sollte unterdessen
Auf dem Todbett schlafen ein,

Auf dem Kirchhof will ich liegen,
Wie das Kindlein in der Wiegen,

30
Das die Lieb thut wiegen ein.[15]

Es stehen die Sternlein am Himmel
Es scheinet der Mond so hell,
Wie reuthen die Todten so schnell;

Mach auf mein Schaz dein Fenster

5
Lass mich zu dir hinein

Kann nicht lang bei dir sein;

Der Hahn der thut schon krähen
Er singt uns an den Tag,
Nicht lang mehr bleiben mag.

10
Weit bin ich hergeritten,

Zweihundert Meilen weit,
Muss ich noch reuten heut;

Herzallerliebste mein!
Komm sez dich auf mein Pferd,

15
Der Weeg ist reutenswerth:


Dort drin im Ungerlande
Hab ich ein kleines Hauss
Da geht mein Weeg hinaus,

Auf einer grünen Haide

20
Da ist mein Haus gebaut,

Für mich und meine Braut,

Lass mich nicht lang mehr warten
Komm Schaz zu mir herauf,
Weit fort geht unser Lauf;

25
Die Sternlein thun uns leuchten,

Es scheint der Mond so hell,
Da reuthen die Todten so schnell.

Wo willst mich dann hin führen?
Ach Gott was hast gedacht

30
Wohl in der finstern Nacht,


Mit dir kann ich nicht reuthen
Dein Bettlein ist nicht breit,
Der Weeg ist auch zu weit,

Allein leg du dich nieder,

35
Herzallerliebster schlaf

Bis an den jüngsten Tag.[16]


[110]

Ei Ei, wie scheint der Mond so hell,
Wie scheint er in der Nacht.
Hab ich am frühen Morgen
Meim Schaz ein Lied gemacht.

5
Ei Ei, wie scheint der Mond so hell,

Ei Ei, wo scheint er hin.
Mein Schaz hat alle Morgen
Ein andern Schaz im Sinn.

Ei Ei, was scheint der Mond so hell,

10
Ei Ei, was scheint er hier.

Er scheint ja alle Morgen
Der Liebsten vor die Thür.

Ei Ei, was scheint der Mond so hell,
Ei Jungfer, wann ist’s Tag?

15
Es geht ihr alle Morgen

Ein andrer Freier nach.[17]


Vögel thut euch nicht verweilen,
Kommt eilet schnell herzu,
Wölfe höret auf zu heulen.,
Denn ihr stöhret meine Ruh.

5
Götter kommt und helft mir klagen,

Ihr sollt alle Zeugen sein,
Dürft ich es den Lüften sagen
Und entdeken meine Pein.

Wehet nur ihr sanfte Winde,

10
Bächlein rauschet nicht so sehr,

Fliesst und wehet jezt gelinde,
Gebt doch meinem Leid Gehör.

Äst und Zweige thut nicht wanken,
Bäum und Blätter haltet still!

15
Weil ich jezo in Gedanken

Euch mein Leid entdecken will.[18]


Grabschriften,
abgeschrieben auf einem Kirchhof im Odenwald.

 1.
So ist dann nichts in dieser Welt,
ist nichts in deiner Eltern Thränen,
Das dich o Kind! zurücke hält?
Hilft dann kein Sehnen?

5
O Herzeleid! o hartes Wort!

Jezt gebt die Freud und Hoffnung fort;
O Engel Kind, wie manche Zeit
hat uns dein angenehmes Lieben
Verkürzt – und uns erfreut:

10
Nun will der Tod uns so betrüben,

Ach! unser Herz vor Jammer bricht,
Weil schon die Blum verwelket ist.

 2.
Welt gute Nacht, behalt das deine,
Lass mir Jesum als das meine,

15
Denn von ihm will lassen nicht.

Behüt euch Gott, ihr meine Lieben,
Lasst mein’n Tod euch nicht betrüben,
Durch den mir so wohl geschieht.
Meine Leiden sind vollbracht,

20
Drum gute Nacht.

Wollt ihr euch nach mir sehnen,
Ach stillet eure Thränen,
Weil meine schon gestillet sind,
Jesus wischt sie von den Wangen.

25
Jezt werd ich den Kranz empfangen,

Den mir der Heiland selber band,
Und was er macht, ist gut gemacht,
Drum sag ich der Welt gutnacht.

[111]

 3.
Liebe Eltern gute Nacht!

30
Ich soll wiedrum von euch scheiden,

Kaum war ich zur Welt gebracht,
Hab genossen keine Freuden,
So kommt schon der Tod herein,
Führt mich ins Grab hinein.

35
Eltern hört nur auf zu klagen,

Lasset mich mit Jesus sagen:
Nun Gottlob es ist vollbracht,
Eltern ich sag gute Nacht.

 4.
Bald hab ich ausgekämpfet,

40
Seh schon das End des Krieg’s,

Sünd und Satan ist gedämpfet,
Frieden ist die Frucht des Sieg’s,
So ich allbereits geniese;
Frieden wie bist du so süse.

45
Ich das Kleinste von den Glieder,

Geh schon fort, doch nicht allein,
Eltern, Schwestern, alle Brüder
Werden auch bald bei mir sein;
Weil sie wünschen, bitten, weinen,

50
Dass ihr Tag mag bald erscheinen.


 5.
Was hilft dich, Mensch, dein kurzes Leben
und die Freud auf dieser Welt?
Denk, dass du einmahl musst sterben,
Alles vergehet und zerfällt.

55
Heut stolzierest wie ein Doggen,[19]

Tragst ein grünen Blumenstrauss;
Morgen leut’ man dir die Glocken,
Trägt den Leib zum Hauss hinaus.[20]


O allerschönstes Jesulein,
Du Pragerisches, lieb und klein,
Klein an Gestalt, gross in der Macht,
Wie in Erfahrnuss schon gebracht.

5
Du Zierd des ganzen Erdenreich,

Mit deiner Hülf nicht von uns weich,
Weil du zu uns ankommen bist,
Demüthig sey von uns gegrüsst.

Du kommst zu uns aus Böhmen Land,

10
Ach, mach dein Hülf auch hier bekannt,

Wir fallen dir zu Füssen all,
Dein Gnad uns zeige überall.

O allerschönstes Jesulein,
Wie konnt es denn doch möglich sein,

15
Dass man so wenig dich geacht,

So lang dich in Vergessung bracht?

Sieben Jahr dauerte dein Elend,
Zerbrochen wurden dir deine Hand,
Bis endlich deiner Gnaden Strahlen

20
Auf einen treuen Diener gefallen.


Der ohngefähr zu Prag ankam,
Und dein Abwesenheit wahrnahm;
Cirillus ware er genannt,
Dem deine Gnaden schon bekannt.

[112]
25
Er suchte dich gleich einem Schaz,

Durchgehet alle Ort und Plaz,
Verworfen durch der Juden List,
Findt er dich unter Staub und Mist.

Mit Jubel und auch Herzens Freud

30
Er dich erblicket hat mit Freud,

Grüsste dich mit Herz und Mund,
Nicht gnug dich bedauern kunt.

Nach Möglichkeit thät er dich ehren,
Er musste auch von dir anhören:

35
„Gebt mir nur meine Händelein,

So geb ich euch den Segen mein.“

Dies muss die ganze Prager Stadt
Bekennen, die’s erfahren hat,
Wie du vom Schweden sie erlösst,

40
Der in ihr feindlich war zuerst.


Auch zu der grossen Pesten Zeit
Hast du sie von der Pest befreit,
O Jesulein streck aus deine Hand,
Beschüz das liebe Vaterland.[21]


„Zwei Tag darf ich noch bleiben,
Kommt an der dritte Tag,
So muss ich von dir scheiden,
Herzallerliebster Schaz.“

5
„Wann kommst du wieder heime,

Herzallerliebste mein?“
„Wenn’s schneet rothe Rosen,
Wenn’s regnet kühlen Wein.“

„Es schneet keine Rosen,

10
Und regnet auch kein Wein,

So kommst du auch nicht wieder
Herzallerliebste mein!“

Geh ich ins Vaters Garten,
Will sehn wo Rosen sein,

15
Leg ich mich hin und schlafe,

Auf rothen Nägelein;

Da thät es mir wohl träumen:
Es regnet kahlen Wein,
Es schneet rothe Rosen,

20
Mein Schaz käm wied’rum heim.


Als ich erwach vom Schlafen,
Da liegt ein tiefer Schnee,
Da blühen keine Rosen,
Mein Schäzlein ich nicht seh.

25
Ein Hauss will ich mir bauen

Dort auf der hohen Höh,
Kann ich mein Schaz anschauen,
Dann schmelzt der tiefe Schnee;

Dann blühen rothe Rosen,

30
Dann trink ich kühlen Wein,

Werd auch den Wind nicht spühren
Bei meiner Liebsten fein.

Und wann das Hauss gebaut ist
Wer wohnet mit mir drin?

35
Wann d’ wieder kommst nach dreissig Jahr,

Findst mich allein darin.[22]


[113]

Am Sonntag Morgen in aller Fruh
Da kam mir eine traurige Bottschaft zu,
Dieweil mein Schaz hat Urlaub genommen;
Wann werd ich einstmahls wiederum zu ihm kommen?

5
Er will mich nicht verlassen in keiner Noth

Und will mich treulich lieben bis in den Tod,
Mit Freuden bin ich aus, mit Trauern heim gegangen;
Warum muss ich Dich verlasen, mein einziges Verlangen?

Ich wollt es wäre wahr, ich läg im kühlen Grab,

10
So käm ich doch von alle meinen Leiden ab,

Mit Trauern muss ich zubringen meine Zeit,
Dieweil ich nicht kann haben was mein Herz erfreut.

Schau an mein bleiches Angesicht,
Schau wie es die Lieb hat zugericht,

15
Das Feuer auf der Erd das brennt nicht so heiss

Als wie die Lieb im Herzen, die niemand weiss.

Ich wollt Du köntst bei meiner Begräbniss sein
Und musst mich helfen legen ins Grab hinein,
Ich wollt du musst mich helfen tragen in das Grab,

20
Dieweil ich dich von Herzen treu geliebet hab.[23]

Romanze.

Es war einmahl ein schöner Knab,
Der liebt sein Liebchen bis ins Grab,
Sieben Jahr und noch viel mehr,
Die Lieb die nahm kein Ende mehr;

5
Der Knab reisst in ein fremdes Land,

Da ward sein Allerliebste krank,
Krank und kränker alle Tag,
Drei Stunde lang kein Wort mehr sprach.

Und als der Knab die Bottschaft hört,

10
Ihn die Kümmerniss verzehrt,

Und er liess sein Haab und Gut
Und schaut, was seine Liebste thut.

Er greift ihr leisslich an den Arm,
Der war schon kalt und nicht mehr warm:

15
„Bringt mir geschwind, geschwind ein Licht,

Sonst stirbt mein Schaz und sieht mich nicht.“

„Grüss Gott, Grüss Gott, mein schöner Knab,
Mit mir wirds heisen in das Grab,
Auf meinem Grab da steht ein Stein,

20
Da soll darauf geschrieben sein.


Da soll darauf geschrieben sein,
Dass wir die zwei allerliebsten sein,
Dass du mein allerliebster Knab
Mich treu geliebt bis an das Grab.“

[114]
25
„Wirst du mein Schaz, gestorben sein,

Dann will ich auch ins Grab hinein,
Dann trag ich stets ein schwarzes Kleid,
Zum Zeichen meiner Traurigkeit.“[24]


Ballade.

Es reitet die Gräfin weit über das Feld
Mit ihrem gelbhaarigen Töchterlein fein,
Sie reiten wohl in des Pfalzgrafen sein Zelt
Und wollen fein fröhlich und lustig seyn.

5
Frau Gräfin, was jagt ihr so früh schon hinaus?

O reitet mit eurem fein Liebchen nach Haus,
Der Pfalzgraf kommt selber gleich zu euch hinab,
Sie tragen ihn morgen hinunter ins Grab:

Es hat ihn ein Kugel so tödlich verwundt,

10
Da starb er sogleich in der nämlichen Stund,

Da schickt er dem Fräulein ein Ringelein fein,
Soll seiner beim Scheiden noch eingedenk seyn.

Hat dich, o Pfalzgraf, die Kugel getroffen,
Wär ich viel lieber im Neckar ersoffen;

15
Trägt man den Liebsten zum Kirchhof herein,

Steig ich wohl mit ihm ins Brautbett hinein.

Will reichen ihm meinen jungfräulichen Kranz,
Will sterben und scheiden von Güter und Glanz;
Lieb Mutter setz du mir den Kranz in das Haar,

20
Auf dass ich schön ruhen kann auf der Baar;


Steck mir an den Finger das Ringelein fein,
Es mit mir soll liegen ins Grab hinein,
Ein schneeweisses Hemdelein zieh du mir an,
Auf dass ich kann schlafen bei meinem Mann.

25
Auf Töchterleins Grab sollst legen ein Stein,

Drauf sollen die Worte geschrieben seyn:
Hier ruhet der Pfalzgraf[25] und seine Braut,
Da hat man den beiden das Brautbett gebaut.

 A. P–g.[26]


[115]

Nun ade, jetzt reiss ich fort
An ein fremdes Ort,
Muss von dir scheiden,
Soll deiner meiden.

5
„Ach was scheidst Du dann von mir?

Wann seh ich dich wiedrum hier?“
Im grünen Garten
Will deiner warten,
Im grünen Klee

10
Ich bei dir steh.


Es habens gesungen
Drei Hammerschmiedsjungen,
Zur guten Nacht
Haben sie’s gebracht.[27]


Hab ein Brünnlein mal gesehen,
Draus thät fliessen lauter Gold,
Thäten dort drei Jungfern stehen,
Gar so schön und gar so hold.

5
Thäten all so zu mir sprechen:

Trinkst du aus dem Brünnelein,
Kriegt dich einer bei dem Kragen,
Wirft dich in den Brunnen n’ein.

Ihr schön Jungfern kühnlich glaubet,

10
Will den Durst nicht löschen hier,

Wenn die schönste mir erlaubet
Einen zwoten Kuss allhier.

Diese mit den schwarzen Augen
Küss ich gern, trau aber nicht;

15
Sie kann nur zum Zancken taugen,

Aber zu der Liebe nicht.

Diese mit den grauen Augen,
Diese falsche mag ich nicht;
Kann allein zum Roppen taugen

20
Krazt den Buhlen ins Gesicht.


Diese mit den blauen Augen,
Diese küss ich gar zu gern;
Diese kann zur Liebe taugen,
Diese gleicht dem Morgenstern.[28]


Dort oben auf dem Berge
Da steht ein hohes Haus,
Da fliegen alle Morgen
Zwei Turteltäublein raus.

5
Ach wenn ich nur ein Täublein war!

Thät fliegen aus und ein,
Thät fliegen alle Morgen
Zu meinem Schaz hinein.

Ein Hauss wollt ich mir bauen,

10
Ein Stock von grünem Klee,

Mit Buxbaum wollt ichs deken
Und rothen Nägelein.

Und wann das Haus gebaut wär,
Bescheert mir Gott was nein,

15
Mein Schäzelein von achtzehn Jahr

Das soll mein Täublein sein.[29]


[116]

Ein Mägdlein ging spazieren
Spazieren durch den Wald,
Begegnet ihm ein Jäger,
ja Jäger,

5
Mit einem grünen Kleid.


„Ach du mein lieber Jäger,
Geb du mir einen Rath.“
„Den Rath will ich dir geben,
ja geben,

10
Geh mit zum kühlen Bier.“


„Warum denn nicht zum kühlen Wein,
Anstatt zum kühlen Bier?“
„Das thu ich dir zu Liebe,
ja Liebe,

15
Weil du mein Schaz sollst sein.“


„Ich frag nach keinem Schaz mehr,
Auch nicht nach Bier und Wein,
Ins Kloster will ich gehen,
ja gehen,

20
Will eine Nonne sein.“


Und als sie vor das Kloster kommt
Wohl auf dem höchsten Berg,
Begegnet ihr die Jüngste,
ja jüngste,

25
In einem weisen Kleid:


Ei willst dann du schon sterben,
Und bist doch noch so jung?
So muss man dich begraben,
begraben,

30
Dort unterem Rossmarin.[30]

Soll ich dann sterben,
Bin noch so jung?
Wenn das mein Vatter wüst,
Dass ich schon sterben müsst,

5
Er thät sich kränken

Bis in den Tod.
Wenn es die Mutter wüst,
Wenn es die Schwester wüst,
Thäten sich härmen

10
Bis in den Tod.

Wenn es mein Mädel wüst,
Dass ich schon sterben müst,
Sie thät sich kränken
Mit mir ins Grab.[31]


„Schön Schaz, willst mit mir kommen?
Wir wollen spazieren gehn,
Schöne Blumen sollst du sehen,
Der Garten ist schon auf.

5
Die schönste in dem Garten

Die brech ich dir wohl ab,
Die halte du in Ehren
Bis in das kühle Grab.

Nur eine und sonst keine

10
Steht hier auf diesem Plaz,

Das bist du, mein Cathrinchen,
Mein auserwählter Schaz;
Komm mit in kühlen Schatten,
Da hast du meine Hand,

15
Ein Küsslein mir erlaube

Und schenk zum Unterpfand.“

[117]

„Mit deinen Manieren
Bin ich gar wohl vergnügt,
Je öfter als du kommest,

20
Je lieber mir es ist;

Ich gebe dir ’s Händlein
Das Herze auch dabei,
Und bleibe dir auch immer
Und ewig getreu.“

25
Die Mutter sagt zum Jäger:

„Was bildst du dir dann ein?
Meinst du dann, mein Cathrinchen
Schenkt dir ihr Herzelein?
Jung ist sie noch von Jahren,

30
Was bildest du dir ein,

Must noch gar viel erfahren,
Ist viel zu jung und klein.“

„Ach nein, ach nein, Cathrinchen
Ist ja nicht mehr zu klein,

35
Je netter das Mädchen

Je lieber soll mirs sein;
Was helfen mich die grosen,
sie sind so ungeschikt,
Sag selber du Cathrinchen

40
Bist nicht in mich verliebt?“[32]

Als es war am Abend spath,
Der Junggesell tratt auf die Gassen,
     ja Gassen,
Er geht vor ’s Lieb Schlafkämmerlein:

5
„Schönster Schaz steh mir auf

Und lass mich ’nein,
Ich will heut bei dir schlafen,
     ja schlafen.“

„Was wärs, wenn ich dich auch ’rein lass –

10
Bei mir sollst du nicht schlafen,

     ja schlafen,
Es mögten eins oder zwei im Winkel stehn,
Möchten mir oder dir auf Unglück sehn,
Möchten mich oder dich verrathen,

15
     ja rathen.“


Und als es war um Mitternacht,
Der Wächter tratt auf die Gassen,
     ja Gassen:
„Steht auf, steht auf, ihr junge Leut,

20
Wo eins oder zwei beisamm leit,

Der Tag kommt schon zu schleichen,
     ja schleichen.“

Das Mädlein das war nicht zu faul,
Sie springt zum Kammerladen,

25
     ja Laden:

„Bleib liegen mein Herztausender Schaz,
Sind noch drei Stündlein bis an Tag,
Der Wächter hat uns betrogen,
     betrogen.“

30
Als es war am Morgen früh,

Das Mädlein hohlt ein Wasser,
     ja Wasser,
Begegnet ihr derselbige Knab
Der heut bei ihr gelegen hat,

35
Und wünscht ihr ein Gutmorgen,

     ja morgen:

„Guten Tag du mein Herztausender Schaz,
Wie hast heut Nacht geschlafen?
     ja schlafen?“

40
„Ich hab geschlafen in deinem Arm,

Jetzt bin ich weder kalt noch warm,
Mein Ehr hab ich verschlafen,
     ja schlafen.“

[118]

„Wenn du dein Ehr verschlafen hast,

45
Ich will dir sie bezahlen

     ja zahlen
Mit lauter Silber und lauter Gold
Mit lauter harten Thaler,
     ja Thaler.“

50
„Mein Ehr ist mir um Gold nicht feil,

Kannst mir sie auch nicht zahlen,
     ja zahlen.“
„Gehst du mit einem Kindelein,
Schweig still, ich will der Vatter sein,

55
Ich will es helfen nähren,

     ja nähren.“

Er kauft ihr eine güldne Schnuhr
Bringt sie wiedrum zu Ehren,
     ja Ehren;

60
Damit schnührt sie ihr Kläblein zu,

Er thut es helfen schnühren,
Und thut es helfen zieren,
     ja zieren.[33]


Als Gott die Welt erschaffen
Und allerhand Gethier,
Konnt er nicht ruhig schlafen,
Er hat noch etwas für;

5
Wann nur ein Mensch auf Erden,

Dacht er in seinem Sinn,
Die Welt muss voller werden,
Es sey noch etwas drinn.

Dem könnt wohl alles nutzen

10
So schön gemacht voraus,

Drauf nahm er einen Butzen
Und macht ein Männlein draus;
Er schnipt ihn in die Höhe,
Blies ihn ein bissel an,

15
Da sah er vor sich stehen

Adam! den ersten Mann.

Der Stein, wo Adam sasse,
Der war sehr kalt und nass,
Es fror ihn ans Gesasse,

20
Drum legt er sich ins Gras;

Gott Vater schaut vom Himmel,
Und schaut dem Adam zu,
Gedacht bey sich schon immer:
Was macht mein grosser Bu?

25
Ich darf ihn ja nicht schlagen,

Es ist ein jung frisch Blut,
Ein Weib muss ich ihm schaffen,
Sonst thut er mir kein gut.
Dann kommt er hergeschlichen,

30
Dass mans konnt merken schier,

Fein geschwind nahm er ein Rippe
Aus Adams Seit herfür.

Adam, der thut erwachen,
Und hat das Ding gespürt,

35
Es war ihm nicht ums Lachen,

Drum er so heftig schrie:
O Herr! Wo ist mein Rippen?
Ich bin kein ganzer Mann,
Wann ich daran will dippen,

40
So ist kein Ripp mehr da.


Adam sey nur zufrieden,
Schlaf fort in guter Ruh,
Vor Schaden dich will b’hüten,
Ich stell dirs wiedrum zu.

45
Ein Weib will ich draus machen,

Ein wunderliches Thier,
Du sollst mir drüber lachen,
Schau gschwind, da stehts schon hier!

[119] <poem>Kannst du so schöne Sachen

50
O lieber Gott und Herr!

Aus meinen Rippen machen, So nimm der Rippen mehr; Komm her mein liebe Rippe, Sey tausendmal willkomm,

55
Geh hin und nimm die Schippe,

Und grab die Erd herum.

Eins will ich euch noch sagen, Den Baum lasst mir mit Fried, Die Frucht so er thut tragen

60
Sollt ihr verkosten nit.

Ihr sollt des Tods gleich sterben, Zum Garten naus gejagt, Ins Elend und Verderben, Zum Garten naus gejagt.

65
Ach Gott, was schöne Aepfel,

So roth als wie ein Blut, Sie wär’n recht in mein Kröpfel, Ich glaub sie seynd recht gut! Braucht nicht lang zu studieren,

70
Könnt bald ein Doktor seyn;

Bräucht nicht lang zu studieren, Könnt bald ein Doktor seyn.

Darauf die Schlang sich krümmet An die verbotne Frucht,

75
Anbey ganz lieblich singet:

Glaubt nicht dass dieser Fluch An euch erfüllt soll werden, Viel lieber wird euch seyn Das Leben hier auf Erden,

80
Wie Götter könnt ihr seyn.

Mit Gott das lass du bleiben, Fängst schöne Händel an, Er ist im Stand, thut treiben Uns gleich zum Garten naus.

85
Adam wo bist hinkrochen?

O weh er ruft uns schon; Adam wo bist hinkrochen? O weh er ruft uns schon.

O Herr! thut mich verschonen,

90
Ich kann ja nichts dafür,

Die Rippe hats gethan, Die Schlang hat uns verführt. Die Schlang hat uns versprochen, Wir könnten was bessres seyn,

95
Drauf dachten wir wolltens wagen,

Und haben halt bissen drein.

Kriech mit mir unters Gebüsche, Geschwind lasst uns bedecken, Sonst thut er uns erwischen,

100
Wann er herein thut treten.

Adam wo bist hingangen? O weh! er ruft uns schon! Adam wo bist hingangen? O weh! er ruft uns schon!

105
Untreues Lumpeng’sindel,

Wie übel habt ihr g’hausst; Geschwind macht euren Bündel, Packt euch zum Garten naus; In Arbeit sollst du schwitzen,

110
Weil dieses hast gethan,

Und bey dem Rocken sitzen, Das ist der Sünden Lohn.

Die Eva wollt nicht gehen, Die rief sich ihren Mann,

115
Der wollt ihr nicht beystehen,

Da gieng das Zanken an. – Jezt wird das grösste Wetter Um meinen Hals hergehn, Hätt ich das alte Leder

120
Mein Lebtag nicht gesehn!

Zu Fuss sollst du nicht laufen, Ich sags bey meiner Treu, Was Schöns will ich dir kaufen, Wenn Kirchweih kommt herbey.

125
Und kriegst du mir erst Kinder,

Wohl übers Jahr hinaus, So wasch ich dir die Windel Und kehr die Stuben aus.[34]


[120]

O wie gehts im Himmel zu
Und im ew’gen Leben,
Alles kann man haben gnug,
Darf kein Geld ausgeben.

5
Alles darf man borgen,

Nicht fürs zahlen sorgen;
Wenn ich einmahl drinnen wär,
Wollt nicht mehr heraus begehr.

Fällt im Himmel Fasttag ein,

10
Speisen wir Forellen,

Peter geht in Keller ’nein,
Thut den Wein bestellen;
David spielt die Harfen,
Ulrich brath die Karpfen,

15
Margareth backt Küchlein gnug,

Paulus schenkt den Wein in Krug.

Lorenz hinter der Küchenthür
Thut sich auch bewegen,
Tritt mit seinem Rost herfür,

20
Thut Leberwurst drauf legen,

Dorothe und Sabina,
Liesbeth und Chatrina
Alle um den Herd rum stehen,
Nach den Speisen sehen.

25
Jezt wollen wir zu Tische gehn,

Die beste Speiss zu essen,
Die Engel um den Tisch rum stehn,
Schenken Wein in ’d Gläser.
Sie thun uns invitiren,

30
Der Barthel muss transchieren,

Joseph legt das Essen vor,
Cäcilia bestellt ein Musik-Chor.

Martin auf dem Schimmel reut,
Thut fein galoppieren,

35
Blasi hält die Schmier bereit,

Thut die Kutschen schmieren.
Wären wir ja Narren,
Wenn wir nicht thäten fahren,
Und thäten alleweil z’ Fuse gehn

40
Und liesen Ross und Kutsche stehn.


Nun adje du falsche Welt,
Du thust mich verdriesen,
Im Himmel mir es besser g’fällt,
Wo alle Freuden fliesen.

45
Alles ist verfänglich

Und alles ist vergänglich,
Wenn ich einmahl den Himmel hab,
Hust ich auf die Welt herab.[35]


Bruder Liederlich,
Warum saufst dich so voll?
O du mein Gott,
Warm schmekt mirs so wohl.

5
Am Mondtag

Muss versoffen sein,
Was am Sonntag
übrig war.

Am Dienstag

10
Schlafen wir bis neun,

Ihr liebe Brüder
Führt mich zum Wein.

Am Mittwoch
Ist mitten in der Wochen,

15
Haben wir das Fleisch gefressen,

Fress der Meister die Knochen.

Am Donnerstag
Stehn wir auf um Vier,
Ihr liebe Brüder

20
Kommt mit zum Bier.


Am Freitag
Gehen wir ins Bad,
Alle Lumperei
Waschen wir ab.

[121]
25
Am Samstag

Da wollen wir schaffen,
Spricht der Meister:
„Könnts bleiben lassen.“

Am Sonntag

30
Vor dem Essen

Sprach der Meister:
„Jezt wollen wir rechnen,

Die ganze Wochen
Habt ihr gelumpt,

35
Habt ihr gesoffen,

Null vor Null geht auf.“[36]


Auf, auf! der Bergmann kommt,
Er hat sein groses Licht
Schon angezündt.

Das giebt ihm hellen Schein,

5
Damit er fahren kann

Ins Bergwerk ein.

Tabak, du edles Kraut,
Wer dich zuerst gebaut,
Hat wohlgebaut.

10
Die Bergleuth sind gar hübsch und fein,

Sie graben rothes Gold
Aus Felsenstein.

Sie graben Silber, sie graben Gold,
Den schwarzen Mägdelein

15
Sind sie gar hold.


Schenk ein ein volles Glas,
Trinks zweimahl aus,
Was schadt dir das.

Der Wein der schadt uns allen nicht,

20
Der schmekt so gut,

Er kost ja nichts.

Die so ihn zahlen soll,
Die ist nicht hier,
Doch kommt sie wohl.

25
Und kommt sie heut noch nicht,

Kommt sie morgen früh
Für ganz gewiss.

Und ist das Wetter schön
Wann’s Sonntag ist,

30
Dann woll’n wir mit ihr gehn.


Und ist die Reiss vollbracht,
So wünsch ich gute Nacht
Nach’ Bergmanns Brauch.[37]


Droben im Baierland
Da ist mein Schaz bekannt,
Droben im Baierland
Ist er bekannt.

5
Hinter der Dornenheck

Hat sich mein Schaz versteckt
Hinter der Dornenheck
Ist er versteckt.

[122]

Hätt ich das Ding gewüst,

10
Dass du so untreu bist,

Hätt ich mein treues Herz
Nicht an dich g’hängt.

Wann mein Schaz Hochzeit hat,
Wein ich die ganze Nacht,

15
Geh in mein Kämmerlein,

Wein um mein Schaz.[38]


Es segelt dort im Winde
Ein Schifflein auf dem Meer,
Mit einem schönen Kinde,
Weiss nicht wohin woher;

5
Das Schifflein ist versunken

Die Wellen schlagen hoch;
Bist du schön Schaz ertrunken?
Ihr Wellen sagt mirs doch!

Soll ich dich nimmer sehen

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Ja nimmer auf der Erd?

So will ich weiter gehen
Bis Gott mir was beschert.

Die Sonn ist untergangen
Das Schifflein ist dahin,

15
Und soll ich nicht erlangen

Was mir es liegt im Sinn.

So will ich in dem Grunde
Aufsuchen einen Ort,
Im tiefsten Meeresschlunde

20
Find ich mein Schäzlein dort.[39]

Aus dem Originalblatt der Frau Pattberg (vgl. oben S. 83) folgende Melodie:

Steig Frau Auguste Pattberg.jpg

  1. Ich nenne dankbar Fräulein Auguste Hoffmeister, die Enkelin der Frau Auguste Pattberg, in Heidelberg; Seine Excellenz den Herrn Staatsminister Dr. Nokk; die Fürstlich Leiningische Generalverwaltung in Amorbach; die Herren Pfarrer Klement in Neckarelz, Archivdirektor von Weech in Karlsruhe, Professor Dr. Zangemeister in Heidelberg, Pfarrer Zimmermann in Neunkirchen. Es sei auch auf v. Schindels Deutsche Schriftstellerinnen (1825. 2, 81) hingewiesen, wo aber die im Folgenden behandelten Dinge nicht berührt worden.
  2. Irrtümlich weisen Birlinger und Crecelius in ihrer Ausgabe des Wunderhorns 2, 450 auch einen früheren, mit –br. gezeichneten Artikel „Ueber das Klatschen“ (Nr. 4, 25. Juli 1806) Brentano zu.
  3. Die von Bratanek offen gelassene Ansetzung dieses undatierten Briefes (Goethe-Jahrbuch 5, 74–77) ergiebt sich daraus, dass die in demselben erwähnte Anwesenheit der Frau Elise Bürger in Heidelberg nach der Zeitung für die elegante Welt 1808 Nr. 85 und dem Morgenblatte Nr. 137 in den ersten Tagen des Juni stattgefunden hat.
  4. Badische Wochenschrift Nr. 8. Freitags den 20. Februar 1807. Sp. 116–120. Vgl. oben S. 78. 79.
  5. Badische Wochenschrift. Nr. 5. Freitags den 30. Januar 1807. Sp. 73–76. Vgl. oben S. 79. 80.
  6. Badische Wochenschrift. Nr. 10. Freitags den 6. März 1807. Sp. 154. 155.
  7. Badische Wochenschrift. Nr. 19. Freitags den 8. Mai 1807. Sp. 303. 304.
  8. Badische Wochenschrift. Nr. 2. Freitags den 9. Januar 1807. Sp. 31. 32. Vgl. oben S. 79.
  9. Badische Wochenschrift. Nr. 34. Freitags den 21. August 1807. Sp. 543–44. Vgl. oben S. 79.
  10. Badische Wochenschrift. Nr. 15. Freitags den 10. April 1807. Sp. 225. 226. Vgl. oben S. 77.
  11. Badische Wochenschrift. Nr. 12. Freitags den 20. März 1807. Sp. 177 bis 180. – Vgl. oben S. 80.
  12. Badische Wochenschrift. Nr. 44. Freitags den 30. Oktober 1807. Sp. 701. 702. Vgl. oben S. 77.
  13. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Pattberg. Darnach ohne Abweichungen in Des Knaben Wunderhorn 3, 116 mit der Aufschrift „Aus dem Odenwald“.
  14. Aus Des Knaben Wunderhorn 2, 15 mit der Aufschrift
    Rheinischer Bundesring.
    (Mitgetheilt von Frau von Pattberg.)
    Den Klammervermerk ersetzte Erk in der Neubearbeitung 2, 18 durch die Angabe „(A. v. Arnims Sammlung)“; hier und in Erks Deutschem Liederhort S. 232 die Varianten: Str. 21, 3 „Was bat mich“ und Str. 31 „schönes“ anstatt „goldiges“. Vgl. oben S. 84.
  15. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Unverändert in Des Knaben Wunderhorn 2, 199 bis 200 mit der Aufschrift „Gruss. (Mündlich.)“, wofür in Erks Neubearbeitung 2, 198 „Gruss. (A. v. Arnims Sammlung.)“; indessen ist hier wie im Deutschen Liederhort die Herrichtung alleiniges Werk Ludwig Erks. Vgl. Birlinger und Crecelius 2, 184.
  16. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Pattberg; auf dem Blatte sind folgende Änderungen Brentanos ersichtlich:
    Str. 1.
    Es stehn die Stern am Himmel
    Es scheint der Mond so hell,
    Die Todten reiten schnell;
    Str. 9.
    Die Sternlein thun uns leuchten,
    Es scheint der Mond so hell,
    Die Todten reiten schnell.

    Nach dem so geänderten Manuskript in Des Knaben Wunderhorn 2, 19 mit der Aufschrift:
    Lenore.
    (Bürger hörte dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer.)
    Abgesehen von der äusseren Schreibung, weicht der Druck nur in „thät“ (Str.3 ¹), „meine“ (Str. 5 ¹) und „Weil“ (Str. 8 ³) von der Handschrift ab. In Erks Neubearbeitung 2, 19 zur Überschrift noch der Zusatz „Aus dem Odenwalde“. Siehe Birlinger und Crecelius 2, 263. Vgl. oben S. 85 ff. Jüngst komponiert von August Bungert: Neue Volkslieder nach alten und neuen Gedichten Op. 49, Nr. 70.
  17. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In Des Knaben Wunderhorn 3, 23 bis 24 mit geringfügigen Abweichungen und der Aufschrift „Ey! Ey!“
  18. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In des Knaben Wunderhorn 2, 229 mit der Aufschrift „Gedankenstille“ und dem zwiefachen Versehen „Lied“ anstatt „Leid“ (Str. 3 ⁴ und 4 ⁴).
  19. ein gewöhnlicher Ausdruck statt Puppe. (Bemerkung der Frau Pattberg.)
  20. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Die vier ersten Zeilen von Nr. 3 (Liebe Eltern – keine Freuden) und die sechs letzten von Nr. 4 (Ich, das Kleinste eurer Glieder – mag bald erscheinen) zu einem Ganzen verbunden in den „Kinderliedern“ des Wunderhorns S. 26, mit der Aufschrift: „Auf dem Grabstein eines Kindes in einem Kirchhof im Odenwald.“
  21. Aus des Knaben Wunderhorn 2, 187 bis 186, wo die Aufschrift lautet: „Das Prager Lied. 1636“.
  22. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Eine in dem Personenverhältnis abweichende Gestaltung in Des Knaben Wunderhorn 2, 221 bis 222 mit der Aufschrift:
    Wo’s schneiet rothe Rosen,
    Da regnet’s Thränen drein.

    (Mündlich.)
    Vgl. Birlinger und Crecelius 2, 75; oben S. 84.
  23. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Anklingend an Des Knaben Wunderhorn 2, 201 und 3, 17.
  24. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Eine Nach- und Umdichtung, wahrscheinlich von Frau Pattberg selbst (vgl. oben S. 76), in Des Knaben Wunderhorn 3, 34 bis 36 mit der Aufschrift „Die gute Sieben. (Mündlich).“
  25. Wahrscheinlich des Kurfürsten Philipp Wilhelms Sohn, Pfalzgraf Friedrich Wilhelm, geboren den 20. Juli 1665, welcher am 13. Juli 1689 vor Mainz erschossen wurde. (Anmerkung der Frau Pattberg.)
  26. Badische Wochenschrift, Nr. 6, Freitags den 6. Februar 1807, Sp. 95. 96. Darnach ohne Herkunftsbezeichnung, mit geringfügigen Abweichungen in Des Knaben Wunderhorn 2, 262, wo die Aufschrift „Der Pfalzgraf“ lautet und unmittelbar hinter ihr formell ein wenig geändert die Note über Geburt und Tod Friedrich Wilhelms folgt.
  27. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Pattberg; einzelne Anklänge in Des Knaben Wunderhorn 1, 205.
  28. Des Knaben Wunderhorn 3, 70, wo die Aufschrift lautet:
    Der Brunnen.
    (Mitgetheilt von Frau von Patberg.)
  29. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In den Kinderliedern des Wunderhorns 3, 93 mit der Aufschrift „Ach wenn ich doch ein Täublein wär“ und folgenden Verwandelungen: „Zu meinem Brüderlein“ (Str. 2 ⁴) und „Ein kleines, kleines Kindelein“ (Str. 4 ³, anstatt der vorletzten Zeile). Vgl. oben S. 97.
  30. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg.
  31. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. Unverändert in Des Knaben Wunderhorn 2, 215 mit der Aufschrift: „Rückfall der Krankheit“, wofür in Erks Neubearbeitung 2, 217 „Jung sterben“.
  32. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg.
  33. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg; Anklänge in Des Knaben Wunderhorn 1, 317.
  34. Aus des Knaben Wunderhorn 2, 399 bis 403, mit der Aufschrift: „Construction der Welt. (Mündlich.)“ Einiges darin von Achim von Arnim geändert (Arnim und Brentano S. 244). Vgl. oben S. 82.
  35. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In Des Knaben Wunderhorn 2, 403 bis 405 mit der, in Arnim’scher Orthographie sich darstellenden, Aufschrift „Aussicht in die Ewigkeit. (Fliegendes Blat.)“ und mit folgenden Abweichungen: „ewigen“ (Str. 1 ²), „bratet Karpfen“ (2 ⁶), „Dorthe“ (3 ⁴), „stehn, Nach den Speisen sie auch sehn“ (3 ⁸). In Erks Neubearbeitung 1, 367 zwei dieser Varianten wieder aufgegeben. Vgl. Birlinger und Crecelius 1, 374.
  36. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In Des Knaben Wunderhorn 2, 386 benutzt als Anfangsstück für „Rechenexempel. (Fliegende Blätter.)“; in Erks Neubearbeitung 2, 407 „Rechenexempel und Abschied“, das Anfangsstück mit dem Vermerk „Aus dem Odenwalde“ versehen, das dann Folgende als „fliegendes Blatt“ bezeichnet.
  37. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg; Anklänge in Des Knaben Wunderhorn 1, 114.
  38. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In Erks Neubearbeitung des Wunderhorns 4, 130 mit der Aufschrift „Der untreue Schatz. (Mündlich, aus dem Odenwald.)“
  39. Aus der eigenhändigen Niederschrift der Frau Auguste Pattberg. In Erks Neubearbeitung 4,70 mit der Überschrift „Das versunkene Schifflein. (Aus dem Odenwald.)“ und der Schlussbemerkung „Aus derselben Quelle wie B. II, S. 19“, an welch letzterer Stelle „Lenore“ steht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Anerkennuug
  2. Vorlage: Jungfauen

Als Einzeltexte auf Wikisource siehe:

Für die Texte von Auguste Pattberg siehe deren Autorenseite.