Leben des allemannischen Dichters Johann Peter Hebel

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Autor: Gustav Friedrich Nikolaus Sonntag
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Titel: Leben des allemannischen Dichters Johann Peter Hebel
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aus: J. P. Hebels sämmtliche Werke: Band 1, S. III–LXXXIII
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Chr. Fr. Müller’sche Hofbuchhandlung
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[III]
Leben des allemannischen Dichters
Johann Peter Hebel.
1.

Johann Peter Hebel wurde den 10ten Mai 1760 zu Basel geboren, und den 13ten desselben Jahrs in der Kirche zu St. Peter daselbst getauft.

Sein Vater war Johann Jakob Hebel, Schutzbürger und Webermeister zu Hausen, einem Badischen Dorfe, welches im Wiesenthale eine Stunde hinter Schopfheim liegt, und von Basel sechs Stunden entfernt ist. Seine Mutter war Ursula, eine geborne Oertlin. Das Vermögen dieser beiden Leute bestand in einem kleinem Hause nebst einigen Grundstücken und Kapitalien. Solches Vermögen hatten sie zum Theil von ihren Eltern geerbt, zum Theil in ihrer Dienstzeit, als sie noch unverheirathet [IV] waren, durch redlichen Fleiß und weise Sparsamkeit erworben.

Johann Jakob Hebel war aus Simmern in der jenseitigen Pfalz gebürtig. Schon als Jüngling verließ er seine Heimath, um in der weiten Welt sein Glück zu suchen. Zu Basel wurde er Bedienter bei einem Major, Namens Iselin, welcher zuletzt als Brigadier starb, und begleitete ihn und sein Regiment nach Flandern und an den Niederrhein, so wie später nach Korsika, wo er sich in den Jahren 1756 und 1757 befand. Nach seiner Zurückkunft verheirathete er sich mit der genannten Ursula Oertlin, welche er zu Basel, wo sie in dem nämlichen Hause diente, kennen gelernt hatte. Da sie die Tochter eines Bürgers von Hausen war, und hier ihr Vermögen hatte, so nahm er mit ihr in diesem Dorfe seinen Wohnsitz. Weil sie aber beide sich durch ihre Rechtschaffenheit und Treue bei der Familie zu Basel, bei welcher sie in Diensten gestanden waren, eine fortdauernde Achtung und Liebe erworben hatten, und sich ihnen zur Zeit des Frühlings und Sommers in dieser Stadt eine günstigere Gelegenheit zum Erwerbe als in ihrem Heimathsorte darbot, so begaben sie sich jedesmal im Frühling zu ihrer vorigen Herrschaft nach Basel zurück, und blieben einige Monate hindurch daselbst, indem sie theils im Hause, theils im Garten um den Taglohn arbeiteten. Während eines solchen Aufenthalts im Jahr 1760 geschah es, daß ihr [V] Sohn, Johann Peter, zu Basel geboren wurde.

Johann Jakob Hebel lebte mit seiner Ehefrau zufrieden und glücklich, aber frühe schon entriß ihn der Tod den Seinigen. Schon am 25ten Juli 1761 starb er zu Hausen in einem Alter von 41 Jahren, nachdem er kurz vorher krank von Basel zurückgekommen war. Seine Familie verlor an ihm einen rechtschaffenen und treuen Hausvater, der sowohl wegen seines Verstandes, als auch wegen seines gefühlvollen und frommen Gemüthes bei Allen, die ihn kannten, geachtet war. Als er starb, hatte Johann Peter noch nicht völlig ein Alter von einem Jahre und drei Monaten erreicht. Ein jüngeres Kind, mit Namen Susanna, war beim Tode des Vaters erst fünf Wochen alt, aber es folgte ihm noch im nämlichen Jahre in die Ewigkeit.

Dieses Verhängniß, welches die hinterlassene Wittwe getroffen hatte, war schwer; aber auch hier bestätigte sich der alte Spruch, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Sie war eine Frau von vorzüglichem Verstande und edlem Gemüthe, und ihre bedrängte Lage diente nur dazu, daß sie bei der Erfahrung der Eitelkeit des irdischen Glückes den hohen Werth ihrer Tugend und Frömmigkeit um so inniger fühlen lernte. Ihr theuerstes Gut auf Erden, an welchem ihr mütterliches Herz hieng, war ihr kleiner Knabe, – das einzige Kind, [VI] welches sie noch hatte; und dieser Knabe wurde ihr um so theurer, als sich schon frühe vor ihren Augen die herrlichen Anlagen seines Geistes entwickelten. Aber je mehr sie ihn liebte, um so mehr glaubte sie ihm ihre Liebe nicht besser erweisen zu können, als durch eine gewissenhafte und christliche Erziehung. Frühe schon erkannte sie, daß sein jugendlicher Geist einer wachsamen und strengen Aufsicht bedürfe. Er war ein Knabe von gutmüthigem Herzen, aber bei seinem sehr muntern und regsamen Geiste blieb er nicht von jugendlichem Muthwillen frei, wovon noch jetzt manche Beispiele eigener Art erzählt werden. Deswegen verwendete sie die genaueste Sorgfalt auf seine Erziehung. Mit sanfter Liebe, aber auch, wo es nöthig war, mit ernster Strenge leitete sie ihn auf der richtigen Bahn. Ihr Herz ermüdete nicht in diesem schönen Berufe, und ihre mütterliche Sorgfalt blieb nicht ohne reichen Segen. Besonders machte ihr frommer Geist einen tiefen Eindruck auf ihn, und frühe schon erwachte ein gleicher Geist auch in seinem Gemüthe, und that sich auf eine sehr erfreuliche Weise kund. So zum Beispiel verfertigte er sich als Knabe ein Kästchen, um die Puppen von Raupen darein zu legen, die er gesammelt hatte. Er füllte es mit Erde, machte jeder Puppe ein kleines Grab, legte sie hinein, und setzte, nachdem er sie mit Erde leicht zugedeckt hatte, ein kleines Kreuz darüber. Mit Sehnsucht sah er dann ihrer Auferstehung entgegen, und freute sich, wenn diese erfolgte, um so inniger, da sein frommes Herz eine tröstliche Andeutung unsers zukünftigen Lebens darin fand.

[VII] Mit der Mutter vereint wirkten andere gut gesinnte Menschen für das Wohl des heranwachsenden Knaben. Besonders nahm sich desselben auch der Schullehrer des Dorfes, Andreas Grether, gewissenhaft und liebreich an. Bei diesem gieng Hebel von seinem sechsten Jahre an bis in sein zwölftes in die Schule. Grether liebte den Knaben wegen seiner ausgezeichneten Anlagen sehr, bestrebte sich mit aller Treue, sein Wohl zu befördern, und behandelte ihn eben so mit freundlicher Milde als mit gehörigem Ernste. Das Andenken dieses Mannes trug Hebel stets in dankbarem Herzen, und äußerte sich oft mit Rührung und Achtung über ihn. Als vor mehreren Jahren an Hebel von einem seiner Freunde und Schüler, der damals in Schopfheim wohnte, die bekannte Zeichnung des Hauses, in welchem er und seine Mutter einst wohnten, gesendet wurde, wobei sich zugleich noch ein Theil des in der Nähe stehenden Schulhauses darstellt, so schrieb er dem Uebersender zurück: „Beide Stätten sind mir heilig, wo zwei Menschen wohnten, meine Mutter und mein Schulmeister, Andreas Grether, die so Vieles an mir thaten, denen ich so Vieles verdanke.“

Neben der teutschen Schule zu Hausen besuchte Hebel, nachdem er die nöthigen Vorkenntnisse im Lesen und Schreiben erlangt hatte, auch die lateinische Schule zu Schopfheim, wohin er Nachmittags wanderte. Wahrscheinlich erhielt er noch bei August [VIII] Gottlieb Preuschen, welcher bis zum Jahre 1769 Diakonus zu Schopfheim und Lehrer der lateinischen Schule war, den ersten Unterricht in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache. Auf Preuschen folgte aber Karl Friedrich Obermüller, welcher im Jahre 1810 als Pfarrer zu Weitnau starb. Von diesem wurde er mehrere Jahre unterrichtet.

Außerdem aber empfieng Hebel auch zu Basel Unterricht im Lateinischen, so wie im Zeichnen und in andern Lehrgegenständen. Auch jetzt noch besuchte seine Mutter oft die Familie zu Basel, bei der sie im Dienst gestanden war, und hielt sich gewöhnlich im Sommer längere Zeit daselbst auf, um durch Arbeit sich Lohn und Unterhalt zu erwerben. Während dieser Zeit genoß er daher in dieser Stadt den nöthigen Schulunterricht.

So brachte er einen großen Theil seines Knabenalters abwechselnd bald in einem armen Dorfe, bald in einer reichen Stadt zu, und lernte das menschliche Leben von verschiedenen Seiten kennen. So lange er sich in Hausen befand, lebte er in Dürftigkeit. Er mußte sich mit geringer Kost begnügen, und, gleich andern Knaben wenig bemittelter Eltern, manche beschwerliche Arbeiten verrichten. Mühsam mußte er im Winter seiner Mutter das nöthige Holz zusammenlesen und nach Hause tragen. Zuweilen arbeitete er auch für das Eisenwerk zu Hausen, [IX] indem er Steine für den Schmelzofen zerschlagen half. In den Tagen aber, in welchen er sich zu Basel aufhielt, lebte er im Hause einer vornehmen und reichen Familie, ohne die Beschwerden der Armuth zu fühlen. Stets erfreute er sich hier einer freundlichen und liebreichen Behandlung. Unvergeßlich blieb ihm daher das Gute, welches ihm auf diese Weise zu Theil ward. So oft er in späteren Jahren in die Nähe von Basel kam, besuchte er die edle Familie, von welcher er als Knabe so manche Wohlthat empfangen hatte; und als er später seine Wohlthäterin, die Gemahlin Iselins, nicht mehr unter den Lebenden fand, so verließ er doch Basel nie, ohne die Stätte ihres Grabes besucht zu haben.

Als aber Hebel das zwölfte Jahr zurückgelegt hatte, traf ihn ein schweres, und ohne Zweifel das schwerste Verhängniß seines Lebens. Seine Mutter wurde, als sie nicht völlig das siebenundvierzigste Jahr vollendet hatte, im October 1773 während ihres Aufenthalts zu Basel von einer Krankheit überfallen. Ungeachtet der menschenfreundlichen Pflege, die ihr im Hause ihrer Herrschaft zu Theil wurde, wünschte sie doch in ihre Heimath zurückgebracht zu werden, in der Hoffnung, daß sie bei ihren Verwandten daselbst leichter genesen werde. Ihrem dringenden Wunsche wurde nachgegeben, und ein Einwohner von Hausen holte sie am 16ten October desselben Jahres mit einem Fuhrwerke von Basel ab. Bei der kranken Mutter befand sich zugleich der [X] Sohn als Begleiter. Noch ahndete man, als sie Basel verließen, die Nähe des Todes nicht. Auf der Straße aber zwischen den Dörfern Brombach und Steinen, ungefähr in der Mitte des Wegs von Basel nach Hausen, verschlimmerte sich der Zustand der Kranken so sehr, daß alle Hoffnung auf Rettung verschwand. Ehe nur ein Arzt herbeigeholt werden konnte, lag sie in den letzten Zügen, und verschied unter dem lauten Schluchzen und Weinen ihres bei diesem herzzerreissenden Anblicke trostlosen Sohnes. Ihr Leichnam wurde hierauf nach Hausen gebracht, und auf dem Kirchhofe daselbst beerdigt.

Auf’s innigste liebte Hebel seine Mutter, und sein ganzes Leben hindurch blieb ihm ihr Andenken heilig. Nur mit der tiefsten Rührung vermochte er an sie zu denken und von ihr zu sprechen. Auch in einer an eine Landesgemeinde gerichteten Antrittspredigt, die er im 60sten Jahre seines Lebens schrieb, aber nicht vollendete, erwähnt er derselben. Er habe, sagt er, im dreizehnten Jahre seine Mutter verloren. „Aber“ – fährt er fort – „der Segen ihrer Frömmigkeit hat mich nie verlassen. Sie hat mich beten gelehrt, sie hat mich gelehrt an Gott glauben, auf Gott vertrauen, an seine Allgegenwart denken. Die Liebe vieler Menschen, die an ihrem Grabe weinten, und in der Ferne sie ehrten, ist mein bestes Erbtheil geworden, und ich bin wohl dabei gefahren.“

[XI]
2.

Als Hebels Mutter gestorben war, wurden ihr Haus und ihre Grundstücke verkauft, und das ganze Vermögen, welches dem Sohne zufiel, betrug zweitausend fünfhundert Reichsgulden. Schon mehr als ein halbes Jahr vor ihrem Tode hatte sie ihn seinem Lehrer Obermüller in die Kost und in die Wohnung gegeben, damit er desto ungestörter seine Zeit dem Unterrichte, den er bei demselben empfangen sollte, widmen könnte; und in diesem Verhältnisse blieb Hebel bis zur Confirmation. Außer dem Unterrichte, welchen er bei Obermüller im Lateinischen, im Griechischen und in andern Lehrgegenständen empfieng, wurde er auch von Johann Christian Zilly, welcher damals Präceptor zu Schopfheim war, in der Geometrie, im Rechnen und im Schreiben unterrichtet.

Die vorzüglichen Fähigkeiten, die er immer mehr an den Tag legte, und die immer größeren Fortschritte, die er in seinen Kenntnissen machte, bestärkten seine Freunde immer fester in der Hoffnung, daß etwas Ausgezeichnetes aus ihm hervorgehen werde. Er hatte frühe schon Neigung zum Studiren gefaßt, und seine Freunde ermunterten ihn zur Ausführung dieses Entschlusses. Besonders war es die Theologie, die sein Gemüth ansprach. Er wünschte sich dem geistlichen Stande zu widmen; denn von früher Jugend an schien ihm der Beruf eines Predigers der [XII] schönste zu seyn. Schon als kleiner Knabe hatte er manchmal auf einem Tische oder Stuhle gepredigt, und dadurch seine Neigung zu erkennen gegeben.

Im Mai 1774, bald nach seiner Confirmation, begab er sich in Begleitung seines Vormunders, Sebastian Wehrer, eines Bürgers von Hausen, nach Karlsruhe, um in der gelehrten Anstalt, die damals unter dem Namen „Gymnasium illustre“ daselbst blühte, sich weiter auszubilden, und für die Universität vorzubereiten. Um diese Zeit war Joh. Christian Sachs, der bekannte Verfasser einer Geschichte Badens, Rector des Gymnasiums. Neben ihm lehrten Johann Leonhard Walz der Aeltere, welcher zugleich Oberhofprediger war, Christoph Mauritii, Gottlob August Tittel, Johann Lorenz Böckmann, Karl Joseph Bougine, und Wilhelm Friedrich Wucherer, von welchen Männern die meisten durch ihre Schriften bekannt sind.

Da Hebels Vermögen nicht bedeutend war, wurde er von einigen edlen Männern auf menschenfreundliche Weise unterstützt. Georg Friedrich Hummel, Geheimer Hofrath und Ephorus des Gymnasiums, machte ihm von Zeit zu Zeit Geschenke mit Geld. Christoph Mauritii, Kirchenrath und Professor, welcher bereits erwähnt wurde, gab ihm in jeder Woche an einem Tage unentgeldlich [XIII] die Kost. Besonders aber nahm sich desselben August Gottlieb Preuschen liebreich an, der ihn schon früher in Schopfheim kennen gelernt hatte, und seit dem Jahr 1769 als Hofdiakonus zu Karlsruhe angestellt war. Preuschen gab ihm nicht nur zwei Tage in jeder Woche freie Kost, sondern auch unentgeldlich ein Wohnzimmer in seinem Hause, und übernahm die Aufsicht über ihn, so lange sich Hebel als Schüler in Karlsruhe befand.

Vier Jahre brachte Hebel in dieser Stadt zu, und zeigte sich im erfreulichsten Lichte. Er war einer der ausgezeichnetsten Schüler des Gymnasiums, und machte vorzügliche Fortschritte. Im März 1778 wurde er mit einem ehrenvollen Zeugnisse zur Universität entlassen.

Unter den Universitäten wählte er Erlangen, wo damals besonders zwei berühmte Theologen lehrten. Der eine war Georg Friderich Seiler, unter dessen zahlreichen Schriften besonders sein biblisches Erbauungsbuch bekannt ist; der andere Johann Georg Rosenmüller, dessen Scholien zum neuen Testament noch immer als ein gutes Handbuch gebraucht werden. Letzterer war zugleich in dem Jahr, als Hebel nach Erlangen kam, Prorector der Universität, und unterzeichnete am 8ten Mai 1778 den Aufnahmsschein, vermöge dessen Hebel in die Reihe der akademischen Bürger eintrat.

Auf der Universität zeichnete sich Hebel nicht [XIV] durch angestrengten Fleiß aus. Ein anhaltendes Besuchen der Collegien und vieles Studiren sprach seinen freien und selbstthätigen Geist nicht sehr an. Aber auch mit geringerem Fleiße brachte er es durch seine ausgezeichneten Fähigkeiten dahin, daß er nach seiner Zurückkunft die ihm auferlegte Prüfung zu Karlsruhe im September 1780 wohl bestand, und unter die Candidaten der Theologie aufgenommen wurde.

3.

Nachdem Hebel seine Prüfung zu Karlsruhe bestanden hatte, so begab er sich in die geliebte Gegend zurück, in welcher er einst als Knabe gelebt hatte. In Hertingen, einem Dorfe, welches in einer schönen Gegend vier Stunden unterhalb Basel liegt, und ungefähr fünf von Schopfheim entfernt ist, wurde er von dem Pfarrer Philipp Jakob Schlotterbeck als Hauslehrer für seine Kinder angestellt. Zugleich unterrichtete er die Kinder eines andern Einwohners daselbst. Später unterstützte er den Pfarrer auch in kirchlichen Geschäften, nachdem er im August 1782 ordinirt worden war.

Der Aufenthalt in Hertingen war für Hebel sehr angenehm, und mit Vergnügen sprach er auch in späteren Jahren oft noch davon. Schon im März 1783 aber wurde er von da abberufen, und zum Hülfslehrer an dem Pädagogium zu Lörrach mit dem Titel: Präceptorats-Vicarius, ernannt.

[XV] Nicht leicht konnte ihm ein angenehmerer Aufenthaltsort zu Theil werden, als es durch diese Anstellung geschah. Lörrach, eine kleine aber freundliche Stadt, liegt am Ausgange des lieblichen Wiesenthals, ungefähr vierthalb Stunden von dem ebenfalls freundlichen Schopfheim entfernt, und anderthalb Stunden von Basel, welches sich südlich von Lörrach in einer prächtigen Lage dem Auge darstellt. Die nahen Anhöhen gewähren die herrlichste Aussicht, und auf einigen derselben, wie auf dem mit Reben besetzten Tüllinger Berge, an dessen Ecke sich das Wiesenthal mit dem großen Rheinthale vereinigt, sieht man drei Länder vor sich: Teutschland, Frankreich und die Schweiz. In dieser Stadt, in deren Umgebung die Natur so viel Großes und Herrliches darbietet, und die ihm wegen der Nähe seiner Heimath um so angenehmer war, brachte er nun acht und ein halbes Jahr zu, und die Tage, die er hier verlebte, waren die schönsten und heitersten seines Lebens.

Mit reichem Segen wirkte er in seinem Berufe, und fand bei den Eltern, deren Kinder er unterrichtete, dankbare Anerkennung. Bei den gründlichen Kenntnissen, die er in manchen Lehrfächern besaß, bei dem trefflichen Verstande, mit dem er sich schnell in jedes Fach, wenn es ihm unbekannt war, einarbeitete, welches namentlich bei der Naturgeschichte geschah, die er, um sie lehren zu können, selbst erst lernen mußte, und bei der sanften Gemüthsart und der heiteren Freundlichkeit, womit er die [XVI] Herzen der Schüler zu gewinnen wußte, eignete er sich ganz vorzüglich zum Lehrer. Bei allen seinen Schülern erwarb er sich Achtung, Liebe und Dank.

Außer dem Unterrichte, den er an dem Pädagogium ertheilte, besorgte er zuweilen auch kirchliche Geschäfte. Er predigte manchmal theils in der Stadt, theils in der umliegenden Gegend. Auch in dieser Hinsicht fand er vielen Beifall.

Besonders aber gewann er durch das Angenehme seines gesellschaftlichen Umgangs die Herzen derer, die ihm nahe waren. Er lebte unter einem, durch gesunden Verstand, gefühlvolles Gemüth, einfache Sitten und redliche, fromme Denkungsart sich auszeichnenden Volke, das den Umgang mit einem Manne, wie er war, nicht anders als sehr hoch schätzen konnte. Mit seinem geistreichen Wesen, seinem eigenthümlichen Scharfsinn und seinem unerschöpflichem Witz, so wie mit seiner freundlichen ungeheuchelten Gemüthlichkeit und Einfachheit der Sitten, und dabei mit seinem heiteren und frohen Sinne zog er die Menschen aus allen Ständen und vom verschiedensten Alter an sich. Bei ihm fand der Landmann wie der höhere Gewerbsmann, und der wissenschaftlich gebildete Staatsdiener angenehme Unterhaltung. Wie der Knabe und der Jüngling, so schloßen sich der Mann und der Greis im Umgange gern an ihn an. Wer in jener Gegend wohnte, und ihn kennen lernte, liebte und achtete ihn.

[XVII] Besonders aber waren es drei Männer, die sich damals des Umgangs mit ihm vorzüglich zu erfreuen hatten, und stets mit ihm in der vertrautesten Freundschaft standen. Der eine war Wilhelm Engelhart Sonntag, damals Lehrer der lateinischen Schule in der drei Stunden von Lörrach entfernten Stadt Kandern, und später Pfarrer zu Bötzingen, wo er im Jahr 1799 im sechsunddreißigsten Jahre seines Lebens starb. Schon auf dem Gymnasium zu Karlsruhe, wo sie miteinander studirten, schloßen sie ihren innigen Freundschaftsbund, dem sie bis in den Tod getreu blieben. Der andere war Tobias Güntert, damals Prorector des Pädagogiums zu Lörrach, und später Pfarrer zu Weil, wo er im Jahr 1821 starb. In Günterts Hause gieng Hebel zu Lörrach in die Kost, und genoß viele frohe Stunden, und viele ihm unvergeßliche Beweise der Freundschaft. Der dritte ist Wilhelm Friedrich Hitzig, der im Jahr 1787 als Pfarrvicarius nach Lörrach kam, später Prorector des Pädagogiums daselbst wurde, hierauf in Rötteln, in Schopfheim und in Auggen nacheinander angestellt war, und gegenwärtig wieder zu Lörrach als Pfarrer dieser Stadt und als Decan der Diözese mit dem Titel „Kirchenrath“ sich befindet, in welchem zweifachen Berufe er mit reichem Segen und im Besitze allgemeiner hoher Achtung stets fortwirkt. Hebel liebte und schätzte ihn sehr, und stand bis an seinen Tod mit ihm in vertrautester Freundschaft.

[XVIII] Lange war Hebel von der Oberkirchenbehörde nicht so erkannt und geachtet, wie er es verdiente. Daß er ein geistreicher junger Mann und sehr brauchbarer Lehrer war, entgieng ihr nicht, aber sie erkannte ihn lange Zeit nicht nach dem vorzüglichen Grade seiner Würdigkeit. Acht und ein halbes Jahr mußte er sich zu Lörrach als Präceptoratsvicarius mit einer jährlichen Besoldung von ungefähr 350 Gulden begnügen, wobei er von seinem eigenen Vermögen zusetzte; und eilf Jahre, vom Jahr seiner Aufnahme unter die Candidaten an gerechnet, wartete er auf Anstellung an einer Pfarrei oder an einem Diakonat. So lange er als Präceptoratsvicarius in Lörrach sich befand, gehörte er in die Reihe der Candidaten. „Eilf Jahre“, sagte er daher in seiner oben erwähnten Antrittspredigt vor einer Landgemeinde, „bis in das einunddreißigste meines Lebens wartete ich vergeblich auf Amt und Versorgung. Alle meine Jugendgenossen waren versorgt, nur ich nicht. Ich stand noch da, wie der Prophet Jesaias sagt, gleich einem Baume oben auf einem Berge, und einem Panier oben auf einem Hügel.“

Die Neigung seines Gemüths war hauptsächlich auf eine Anstellung an einer Landpfarrei gerichtet; aber die Vorsehung lenkte es anders. Es war nicht das stille, bescheidene Loos des Dorfpredigers, das ihn erwartete, sondern es war eine glänzendere Höhe, wohin er geführt werden sollte.

[XIX] Allmählig immer mehr von der ausgezeichneten Fähigkeit überzeugt, die er als Schulmann bewies, beschloß die oberste Kirchen- und Schulbehörde ihn nach Karlsruhe an das Gymnasium zu berufen. Diese Anstalt enthielt damals zwei Abtheilungen. Die eine umfaßte die untern Schüler, welche sechs verschiedene Klassen nach dem Verhältniß ihrer Kenntnisse ausmachten; die andere die obern, welche den Namen „Exemten“ führten, und in drei Ordnungen eingetheilt waren. Hebel wurde im Spätjahr 1791 als Lehrer bei der Abtheilung der untern Schüler, und zwar an der obersten und zweitobersten Klasse derselben mit dem Titel „Subdiakonus“ angestellt. Er hatte in diesem Berufe theils im Lateinischen und Griechischen und in den Anfangsgründen des Hebräischen, theils in Realien, wie zum Beispiel in der Naturgeschichte, Unterricht zu ertheilen. Dabei war ihm auch zur Pflicht gemacht, von Zeit zu Zeit in der fürstlichen Hofkirche zu predigen. Die nämlichen Geschäfte blieben ihm auch, als er im folgenden Jahre zum wirklichen Hofdiakonus ernannt wurde.

Wenig bekannt war er noch, als er in der Residenzstadt Karlsruhe ankam; aber bald leuchtete sein Name wie ein freundlicher Stern, der in der Nacht aus einer Wolke hervorbricht. Bald erlangte man allgemein die Ueberzeugung, daß ein vortrefflicher Lehrer für die Anstalt an ihm gewonnen sey. Nicht nur in denjenigen Lehrgegenständen, in welchen er [XX] bereits gründliche Kenntnisse besaß, wie in der lateinischen und griechischen Sprache, sondern auch in solchen, in die er sich selbst erst einarbeiten mußte, welches jetzt namentlich bei der hebräischen Sprache geschah, lehrte er mit dem besten Erfolge; denn bei seinem ausgezeichneten Verstande und bei seiner trefflichen Lehrgabe, wie sie nur selten gefunden wird, war er jedem Unterrichte, den er zu geben hatte, gewachsen. Man bewunderte an ihm die Kunst, auf eine eben so leichte und angenehme Weise als mit reichem Segen zu unterrichten. Sein Blick war auch hier beim Unterrichte stets freundlich, seine Rede sanft und lieblich, sein Ernst, wenn er ihn zeigen mußte, würdig, sein Vortrag lichtvoll und deutlich. Wie ein Vater stand er unter seinen Schülern; alle Herzen, von Liebe und Achtung ergriffen, waren ihm zugethan.

Wie im Lehrzimmer, so gewann er auch auf der Kanzel großen Beifall. Wenn er vor Landgemeinden predigte, war seine Rede sehr einfach, und leicht zu verstehen. In der Hofkirche zu Karlsruhe aber waren seine Predigten hauptsächlich an Zuhörer aus höheren Ständen gerichtet. Daher wendete er bei diesen Predigten nicht immer die gleiche Sorgfalt auf die Einfachheit und Klarheit der Darstellung, wie sonst bei andern Arbeiten. Was aber seinen Predigten bei seinen Zuhörern einen hohen Werth verlieh, war der Reichthum und die Tiefe der Gedanken, und der ächt christliche Geist, [XXI] der darin athmet, so wie die Wärme des Herzens, die sich in ihnen kund thut. Auch die Art seines Vortrags war angenehm. Er sprach mit Ruhe und mit tiefem Gefühle. Er verschmähte alle künstliche Declamation, aber der Ton war der treue Ausdruck seines fühlenden Herzens. Er bewegte nur selten seine Hände, aber um so bedeutungsvoller war der Ausdruck seiner Augen und seiner Gesichtszüge. Unter die große Zahl derjenigen, bei welchen Hebel als Prediger ausgezeichneten Beifall erlangte, gehörte auch Badens großer Regent, Karl Friederich, der gewöhnlich sein Zuhörer war. Von diesen Predigten wurden während der Lebenszeit Hebels nur zwei dem Drucke übergeben, und beide auf besonderes Verlangen seiner Freunde. Die eine, welche am vierten Sonntag nach Trinitatis 1794 über Apostelgeschichte Kap. 5. Vers 30 und 31 gehalten wurde, und vom glücklichen Loose des christlichen Menschenfreundes handelt, kam im Jahr 1795 heraus mit dem Titel: „Etwas zur Befestigung des Glaubens an die göttliche Weisheit und Güte bei den Schicksalen unglücklicher Gottesverehrer und Menschenfreunde.“ Die andere, die er am zweiten Christtage 1796 über den Text Luk. 2. Vers 15 bis 20 vortrug, und in welcher er darüber sprach, wie Jesus mehr als einmal unerwartet unter den Menschen erschien, wurde im Anfang des Jahres 1797 herausgegeben. Vielleicht würde er selbst noch mehrere öffentlich mitgetheilt haben, wenn er länger gelebt hätte.

[XXII] Auch der gesellschaftliche Umgang trug, wie einst in Lörrach, so auch in Karlsruhe viel zu der hohen Achtung und Liebe bei, die er sich erwarb. Alle die herrlichen Eigenschaften seines Geistes und Gemüthes, die er dort gezeigt hatte, erkannte und bewunderte man auch hier. Junge und Alte, Vornehme und Geringe fühlten sich auch hier in seiner Gesellschaft, durch seine ausgezeichnete Gabe zu unterhalten und zu erheitern, auf’s innigste ergriffen, und an ihn gezogen; und wohl kann man sagen, daß er der unterhaltendste und beliebteste Gesellschafter in der ganzen Residenzstadt war.

Unter die Freunde und Verehrer Hebels gehörte besonders auch der damalige Geheimerath Friederich Brauer, der seit 1793 als Präsident an der Spitze des Consistoriums stand, ein Mann, der als Staatsmann und Gelehrter, so wie auch als Mensch und als Christ groß war, und sich durch seine Verdienste um Staat und Kirche ein Andenken erwarb, das noch lange im Segen bleiben wird. Brauer liebte und schätzte seinen Freund Hebel sehr, und ergriff, so wie auch das Collegium, dem er vorstand, gern die Gelegenheit, die sich im Jahr 1798 darbot, denselben zu befördern. Am 21ten März dieses Jahres wurde Hebel zum Professor der Dogmatik und der hebräischen Sprache für die Abtheilung der Exemten des Gymnasiums mit bedeutender Erhöhung seiner Besoldung ernannt. In diesen Lehrfächern sollte er diejenigen Exemten, [XXIII] welche Theologie studiren wollten, fortan unterrichten. Dabei hatte er aber auch jetzt noch mehrere Lehrstunden in alten Sprachen und in der Naturgeschichte den Klassenschülern, die er bisher unterrichtet hatte, zu ertheilen. Dagegen wurde ihm die Verpflichtung zum Predigen abgenommen. Selten nur trat er noch in diesem und einigen folgenden Jahren als Prediger auf. Die wenigen Festpredigten aber, die er seitdem hielt, wurden wegen ihrer Vortrefflichkeit mit vorzüglichem Beifall aufgenommen, und sind, wie die Ausgabe seiner Werke beweist, noch vorhanden.

Der hebräische Unterricht bei den Exemten kam dadurch, daß er ihm übertragen wurde, in sehr gute Hände. Zwar hatte er nur geringe Kenntnisse der hebräischen Sprache nach Karlsruhe mitgebracht, aber bald, nachdem er an das Gymnasium berufen worden war, sich eine vorzügliche Tüchtigkeit zu diesem Lehrfache erworben. Auch mit der chaldäischen Sprache, so wie mit den Anfangsgründen der syrischen und arabischen hatte er sich bekannt gemacht. Sein Unterricht im Hebräischen war, wiewohl er hinsichtlich der Grammatik Manches, das ihm kleinlich schien, nicht so genau nahm, als es Andere genommen haben würden, dennoch gründlich, und, besonders wenn er die herrlichen Gesänge von David, Assaph, Jesaias, Joel und Nahum, vor sich hatte, sehr anziehend und geistreich. In vorzüglichem Grade besaß er die Fähigkeit, in den [XXIV] Herzen seiner Zuhörer ein lebendiges Gefühl des schönen und erhabenen Geistes der hebräischen Dichtkunst zu erwecken. Noch erinnern sich seine Schüler mit dem innigsten Vergnügen an die lehrreichen Stunden, die sie in diesem Unterrichte zubrachten.

Auch sein Unterricht in der Dogmatik, den er der obersten Ordnung der Exemten ertheilte, verdient mit Lob erwähnt zu werden. Mit Recht betrachtete er diesen nur als eine Vorbereitung für das dogmatische Studium auf der Universität, und beschränkte sich darauf, seinen Zuhörern einen kurzen Abriß der christlichen Glaubenslehre zu geben, und das Wichtigste aus der Dogmengeschichte beizufügen. Der Geist, in welchem er lehrte, war der rein biblische, ausgehend von dem Glauben an eine unmittelbare Offenbarung, und von der Anerkennung der göttlichen Würde des Stifters der christlichen Religion. Mit weiser Besonnenheit und zarter Gewissenhaftigkeit hütete er sich, in die Gemüther der Jünglinge den Keim der Zweifelsucht oder des Unglaubens zu pflanzen. Auf diese Weise wußte er den Unterricht einer Wissenschaft, die sonst ganz der Universität überlassen wird, auf dem Gymnasium für die angehenden Theologen nützlich zu machen.

Brauer, von Hebels guten theologischen Kenntnissen und seiner trefflichen Lehrart immer mehr überzeugt, ermunterte ihn, für die badischen Schulen einen Katechismus zu verfassen. Hebel [XXV] hielt damals für das Beste, Luthers Katechismus neu zu bearbeiten, und dabei die Arbeit von Herder zu Grunde zu legen. Ums Jahr 1801 unterzog er sich wirklich diesem Geschäfte, und legte sodann den neu bearbeiteten Katechismus der Oberkirchen-Behörde vor, die diesen mit Beifall aufnahm, und in Abschriften zur Beurtheilung an die Diözesen sandte. Da aber das neue Lehrbuch den Wünschen eines großen Theils der Geistlichen nicht entsprach, so konnte es nicht eingeführt werden, und es wurde weder zu Hebels Lebzeiten, noch nach seinem Tode dem Druck übergeben.

Neben diesen Geschäften befaßte sich Hebel seit seiner Anstellung zu Karlsruhe besonders mit dem Studium der Naturgeschichte, und brachte es in diesem Fache bis zu einem vorzüglichen Grade der Gelehrsamkeit. Der Ruf von seinen trefflichen Kenntnissen in der Naturgeschichte verbreitete[WS 2] sich durch seine Freunde und Verehrer selbst im Auslande. Den 1ten März 1799 wurde er daher von der mineralogischen Gesellschaft zu Jena zum Ehrenmitgliede, und den 9ten Mai 1802 von der Gesellschaft der Aerzte und Naturforscher Schwabens zum correspondirenden Mitgliede ernannt.

5.

Höher aber fieng um diese Zeit sein Ruhm an, von einer andern Seite zu leuchten, gleich einer lieblichen [XXVI] Morgensonne, die in stiller Herrlichkeit aufgeht, und mit ihrem freundlichen Glanze alle Herzen entzückt.

Obgleich nämlich Hebel zu Karlsruhe in sehr angenehmen Verhältnissen lebte, so vermißte er doch die Heimath, in der er als Knabe und Jüngling gelebt hatte, jene herrliche Gegend, die oben von den freundlichen und fruchtbaren Fluren bei Basel zwischen dem Rheine und Schwarzwalde hinab bis zu den lieblichen und segensreichen Gefilden bei Müllheim und Badenweiler sich erstreckt. Er vermißte zugleich das daselbst zurückgelassene Völklein, unter dem er geboren war. Die Menschen dieser Gegend, ausgezeichnet durch einen aufgeweckten Geist, durch ein tief fühlendes und frommes Gemüth, durch Fleiß in ihrem Berufe, durch Einfachheit in ihren Sitten, und durch einen freundlich heiteren Sinn, waren und blieben seinem Herzen sehr werth. Ein heimwehähnliches Sehnen erwachte bei der Rückerinnerung in seiner Brust, und niemals vermochte er es ganz zu unterdrücken. Zwar machte er fast jedes Jahr in der Ferienzeit zu Ostern oder im Herbste eine Reise in die geliebte obere Gegend, um seine Freunde zu besuchen; aber dieses diente nur dazu, die alten Gefühle in ihm neu zu beleben. In den Stunden der Einsamkeit kehrten stets wieder die Bilder der vergangenen Zeit vor seine Seele zurück. Mit stiller Wehmuth erinnerte er sich der freundlichen Städte und Dörfer, in denen er einst [XXVII] lebte, und der lieblichen Fluren, wo er einst so oft weilte, besonders der Gefilde, durch welche die Wiese strömt, und der blumenreichen Hügel, auf deren einem das Bergschloß Rötteln mit seinen ehrwürdigen Trümmern als mächtiger Zeuge der Vergänglichkeit steht; und mit tiefer Sehnsucht dachte er an die lieben Seelen, denen sein Herz auch in der Ferne nahe war. Alle diese Rückerinnerungen erweckten in seinem Gemüthe den mächtigen Drang, die Gemüthsart und Lebensweise jenes Volkes, unter welchem er einst lebte, in der eignen Mundart des Volkes dichterisch darzustellen, und dessen Bild, hervorgerufen aus der Tiefe des innigst bewegten liebevollen Gemüthes, und verklärt im Spiegel der dichterischen Phantasie, idealisch der Welt zu geben. So entstanden die allemannischen Gedichte, die er meist in den Jahren 1801 und 1802 verfaßte. Hebel selbst äußerte daher, daß das Heimweh sie erzeugt habe.

Schüchtern von Natur konnte er nicht ohne fremden Zuspruch sich entschließen, sie öffentlich im Drucke herauszugeben; aber aufgemuntert durch das Urtheil sachkundiger Freunde, und durch den großen Beifall, welchen einige in Abschriften verbreitete Gedichte allenthalben gefunden hatten, faßte er den Entschluß. Noch hatte er keinen schriftstellerischen Ruhm, und sah sich daher genöthigt, den Weg der Subscription einzuschlagen.

Im Anfang des Jahrs 1803 erschien die erste [XXVIII] Ausgabe[WS 3] der allemannischen Gedichte zu Karlsruhe in der Macklottischen Hofbuchhandlung. Es waren zweiunddreißig Gedichte, die an das öffentliche Licht traten. Dabei befanden sich zugleich vier treffliche Melodieen. Drei davon zu den Liedern: Freude in Ehren, Hans und Verene, und: Wächterruf, hatte Karl Ludwig Müller, Pfarrer in Friesenheim, verfaßt. Die vierte zum Morgenstern hatte Hebel von einem unbekannten Verfasser aus Colmar im Elsaß erhalten.

Der Eindruck, den die allemannischen Gedichte bei ihrem Erscheinen überall machten, war außerordentlich. Wer sie las, fühlte sich hoch erfreut. Gebildete und ungebildete Leser, Leute von den niedrigsten Volksklassen und von den vornehmsten Ständen betrachteten sie mit dem innigsten Vergnügen. Der Greis las sie mit der tiefsten Rührung; das Kind hörte sie mit Entzücken an. Und was der wahre Beweis des natürlich und ewig Schönen ist: wer sie las oder anhörte, konnte sie immer wieder von neuem lesen oder anhören; ihr Reiz veralterte nicht, und verlor sich nicht. Mit der höchsten Bewunderung erkannte und fühlte man die herrlichen Eigenschaften, die sich in diesen Gedichten zeigen, die natürliche Einfachheit und Schönheit, die Eigenthümlichkeit sowohl des Stoffes, als auch der Art, wie dieser Stoff bearbeitet worden war, den kindlichen Sinn, mit dem der Dichter Alles in der Natur zu beleben und zu beseelen wußte, die liebliche [XXIX] Naivität, mit der er die Herzen so wohlthätig anspricht, den trefflichen Witz, den heiteren Frohsinn, und den unschuldigen Scherz, und besonders auch das tiefe Gefühl der Sittlichkeit und der Religion, so wie die ausgezeichnete Kraft und die aufs tiefste ergreifende Erhabenheit der Gedanken und Schilderungen, ohne irgend einen künstlich gesuchten Schmuck des Ausdrucks. Kein Gedicht erschien in der ganzen Sammlung, dem nicht der Ruhm eines vorzüglichen Werthes zu Theil wurde. Welches aber unter diesen schönen Gedichten das schönste sey, ob die Wiese, oder der Morgenstern, oder der Karfunkel, oder der Sommerabend, oder die Mutter am Christabend, oder das Gespenst an der Kanderer Straße, oder das Habermuß, oder Sonntagsfrühe, oder der Wächter in der Mitternacht, oder die Vergänglichkeit, oder die Spinne, oder irgend ein anderes, darüber konnten die Leser kaum mit sich selbst, geschweige denn mit anderen einig werden. Bei dem Gedichte übrigens, worin er die Vergänglichkeit so rührend besang, folgte er besonders der kindlichen Stimme seines Gemüths, indem er das Gespräche auf die Straße zwischen Brombach und Steinen versetzte. Hier war einst seine Mutter gestorben, und von hier aus mußten die Trümmer des Röttler Schlosses, die dem Auge des Wanderers im Wiesenthale sich darstellen, als mächtige Zeugen der Vergänglichkeit einen besonderen Eindruck auf sein Herz machen.

[XXX] Bald erschienen auch in öffentlichen Blättern die Urtheile ausgezeichneter Männer und Kunstrichter über Hebels Gedichte. Die Stimme des Volkes wurde dadurch bestätigt.

Zuerst als öffentlicher Beurtheiler trat Johann Georg Jacobi auf, der liebliche Dichter, der im ganzen teutschen Vaterlande mit Achtung genannt wird. Im Freiburger Intelligenz- und Wochenblatt vom 23ten Februar 1803 sprach er das freudige Gefühl aus, das ihn beim Lesen dieser Gedichte ergriffen hatte. Jedes dieser Gedichte, sagte er, habe etwas Eigenthümliches, in jedem wehe der wohlthätige Geist seines Verfassers. Er bekannte, daß er kaum den Eindruck wiederzugeben vermöge, den sie auf ihn gemacht hätten, und pries sie als eine ausgezeichnete Erscheinung, besonders in einer Zeit, in der sonst so viel Alltägliches und Erkünsteltes zum Vorschein komme. Auch machte er darauf aufmerksam, wie Hebel mit eigenen Augen sah, mit eigenem Herzen empfand, und das Gesehene und Empfundene treu darstellte, und wie er sich in den gemeinen Bürger und Landmann ganz hineindachte, in den ländlichen Bildern seine süßesten Erinnerungen aus den Jugendjahren ausprach, keine geschaffenen, sondern ungerufen gekommene Bilder gab, und glücklich mit seiner Phantasie jeden Baum und Felsen belebte, den Zeiten, Gestalt und Rede verlieh, und am Himmel und auf Erden überall seines Gleichen fand. Nicht genug, setzte er hinzu, könne er [XXXI] die Kunst bewundern, mit welcher Hebel die wichtigsten Wahrheiten, die so weit über dem Gesichtskreise des Feldbewohners liegen, versinnlicht zu diesem herabbringe, und nicht genug dem Dichter danken für die Liebe zum Guten und Schönen, die jeden Scherz heilige, und jeder Volkssage eine bedeutende Warnung oder einen Trost unterlege. Hebels Gedichte seyen von solcher Art, daß sie in jedem Lande durch ihre Einfachheit und Erhabenheit denjenigen entzücken müßten, dessen Geschmack unverdorben und dessen Herz der Stimme der Natur noch offen sey. Auf ähnliche Weise sprach auch später noch Jacobi in der Iris sein Lob über Hebels Gedichte aus.

Im nämlichen Jahre aber, in welchem die allemannischen Gedichte erschienen, erhob sich auch noch eine andere, und noch mächtigere Stimme für dieselben. Jean Paul, einer der größten Geister, die je unter dem teutschen Volke lebten, sprach im November 1803 in der Zeitung für die elegante Welt, in einem Schreiben an den Herausgeber dieser Zeitschrift, seinen Beifall und seine Freude aus. „Unser allemannischer Dichter“, sagt er, „hat für alles Leben und alles Seyn das offene Herz, die offenen Arme der Liebe, und jeder Stern und jede Blume wird ihm ein Mensch. Durch alle seine Gedichte greift dieses schöne Zueignen der Natur, deren allegorisirende Personification er oft bis zur Kühnheit der Laune steigert, z. B. im ganzen ersten [XXXII] Gedicht: die Wiese.“ – „Er ist“, fährt er fort, „naiv, er ist von alter Kunst und neuer Zeit gebildet, er ist meistens christlich-elegisch, zuweilen romantisch-schauerlich, z. B. in der hohen Erzählung: der Karfunkel; er ist ohne Phrasen-Triller, er ist zu lesen, wenn nicht einmal, doch zehnmal, wie alles Einfache. Mit andern bessern Worten: das Abendroth einer schönen friedlichen Seele liegt auf allen Höhen, die er aufsteigen läßt; poetische Blumen ersetzt er durch die Blumengöttin selber, durch die Poesie. Das Schweizer Alphorn der jugendlichen Sehnsucht und Freude hat er am Munde, indeß er mit der andern Hand auf das Abendblühen der hohen Gletscher zeigt, und zu beten anfängt, wenn auf den Bergen die Betglocken schön herabrufen.“

Eine geraume Zeit nachher machte ein anderer der berühmtesten Männer Teutschlands seine Ansicht über die allemannischen Gedichte bekannt. Göthe nämlich beurtheilte sie im Februar 1805 in der Jenaischen Literaturzeitung, nachdem im Jahr 1804 die zweite unveränderte Ausgabe erschienen war. Er lobte Hebels dichterisches Talent sehr, besonders seinen frischen frohen Blick, mit dem er die Gegenstände der Natur beobachte, seine Fähigkeit, durch glückliche Personificationen seine Darstellungen auf eine höhere Stufe der Kunst hinaufzuheben, und auf die naivste und anmuthigste Weise die Naturgegenstände [XXXIII] zu Landleuten zu verwandeln, seine vorzügliche Anlage, die Eigenthümlichkeiten der Zustände zu fassen und zu schildern, seine heitere Laune und seine Geschicklichkeit, die Hauptmotive der Volksgesinnung und Volkssagen wohl aufzufassen. Er spricht mit großem Lob von der Wiese; das Detail dieser Wanderung sey außerordentlich artig, geistreich und mannigfaltig, und mit vollkommener, sich selbst immer erhöhender Stetigkeit ausgeführt. Er deutet sodann auf die Schönheiten hin, die uns im Morgenstern und im Sommerabend ansprechen. Er erwähnt hierauf mit Beifall das Hexlein, den Bettler, Hans und Verene, den zufriedenen Landmann, den Schmelzofen und den Schreinergesell. Er bemerkt, wie dem allemannischen Dichter besonders die Schilderungen der Jahres- und Tagszeiten gelungen seyen, und führt als Beispiel, außer dem Winter, dem Jenner und dem Sommerabend, vorzüglich das Gedicht: Sonntagsfrühe, an, welches zu den besten gehöre, die jemals in dieser Art verfaßt worden seyen. Besonders rühmt er auch das Habermuß, welches Gedicht vortrefflich idyllisch ausgeführt sey, und die Spinne und den Käfer, bei welchen man die schöne Anlage und Ausführung bewundern müsse. Außerdem lobt er die große Anmuth der Erfindung und Ausführung des Wegweisers, des Mannes im Mond, der Irrlichter, und des Gespenstes an der Kanderer Straße, von welchem Gedichte man ebenfalls [XXXIV] sagen könne, daß in seiner Art nichts Besseres gedacht, noch gemacht worden sey. Sodann erwähnt er auch die Geschicklichkeit, mit der das Verhältniß von Eltern zu Kindern benutzt werde, um zum Guten und Rechten zärtlicher und dringender hinzuleiten, wie es in den Gedichten: die Mutter am Christabend, Eine Frage, und: Noch eine Frage, geschehe. Endlich redet er von der glücklichen Darstellung des dämmernden dunkeln Zustandes, der in dem Gedichte: Auf einem Grabe, so wie im Wächterruf, im Wächter um Mitternacht, und in der Vergänglichkeit dargestellt sey, und bemerkt die vortreffliche Auffassung und idyllenartige Behandlung der Volkssagen, die im Karfunkel und im Statthalter von Schopfheim mitgetheilt werden. Nur mit zwei Gedichten war Göthe nicht zufrieden, nämlich mit dem Storch und den Marktweibern in der Stadt. Bei dem ersten meinte er, daß nur die friedlichen Motive hätten darin aufgenommen werden sollen; bei dem andern, daß die Weiber beim Ausgebote ihrer ländlichen Waare den Städtern zu ernstlich den Text lesen. Auch gab er den Wunsch zu erkennen, daß Hebel bei seinen Gedichten, wenn sie in einer neuen Ausgabe wieder erscheinen würden, hie und da noch dem Metrischen einige Aufmerksamkeit schenken möchte.

Mit großem Beifall wurden Hebels Gedichte noch außerdem in anderen Zeitschriften gepriesen, [XXXV] und namentlich verdient unter diesen die Hallische Literaturzeitung erwähnt zu werden, in welcher im nämlichen Jahre, als Göthe in der Jenaischen sein Urtheil aussprach, ein Unbekannter die allemannischen Meisterwerke auf eine für Hebel eben so ehrenvolle als an sich treffliche Weise beurtheilte. Bald verbreitete sich Hebels Ruhm nicht nur in ganz Teutschland, sondern auch außerhalb des teutschen Vaterlandes, so weit die teutsche Sprache gesprochen wird.

Im Jahr 1806 erschien bereits die dritte Ausgabe der allemannischen Gedichte, bei welcher sich einige unbedeutende Kupferstiche befanden, und im Jahr 1808 mußte schon die vierte gedruckt werden. In keiner dieser beiden Ausgaben vermehrte Hebel die Zahl der Gedichte, aber in der dritten änderte er mehrere Ausdrücke und Stellen, und behielt diese Aenderungen auch in der vierten bei. Er vertauschte einige Worte und Redensarten, die ihm zu gemein schienen, mit anderen, milderte manche metrische Härten, ließ verschiedene Stellen, die allzu örtliche Beziehungen hatten, aus Rücksicht gegen die entfernteren Leser weg, und arbeitete andere um, in welchen einige Leute, und selbst solche, die er nicht persönlich kannte, Anspielungen auf sie, ihre Schicksale oder persönlichen Eigenheiten finden wollten. Nicht Jedermann war mit allen diesen Aenderungen zufrieden. Mehrere seiner Freunde äußerten ihm den Wunsch, daß er wieder zu dem alten Texte [XXXVI] zurückkehren möchte; aber er ließ sich nicht bewegen, diesem Wunsche zu entsprechen.

Bei dieser Hochschätzung der allemannischen Gedichte wurden bald auch Versuche gemacht, sie in das Hochteutsche zu übersetzen. Zwar bemerkte Jean Paul in der oben erwähnten Zeitschrift, daß, wenn man diesem zarten spielenden Musenkinde seine Mundart entzöge, ihm seine halbe Kindlichkeit und Anmuth genommen würde. Auch glaubte Hebel selbst, daß die allemannischen Gedichte nur allemannisch gelesen werden sollten. Sie in das Hochdeutsche übertragen zu wollen, äußerte er einem Freunde, komme ihm vor, wie wenn man ein hübsches naives Bauernmädchen in ländlicher Tracht in städtischen Putz kleiden, und so in höhere Gesellschaften einführen wollte. Dagegen meinte Jacobi, wie er schon im Freiburger Intelligenz- und Wochenblatte sich ausdrückte, daß diese Gedichte, wenn auch gleich manche Schönheit in jeder Uebersetzung, selbst in der besten verloren gienge, doch immer den Stempel des Dichtergenius an sich tragen, und in jedem Lande durch ihre Einfachheit und Erhabenheit denjenigen entzücken würden, dessen Geschmack unverdorben, und dessen Herz der Stimme der Natur offen geblieben sey. Diese Ansicht sprach er auch in der Iris aus, und fügte den Wunsch bei, daß ein Mann, mit dem seltenen Talente begabt, womit Herder jede unter einem entfernten Himmel sprossende Blume zu verpflanzen wisse, die allemannischen Gedichte mit einigen [XXXVII] unumgänglich nöthigen Auslassungen und Veränderungen übersetzen möchte. Jacobi selbst gab einige Proben, indem er zuerst im genannten Intelligenz- und Wochenblatte das Gedicht: Freude in Ehren, und sodann in der Iris noch Einiges von Hebel in die hochteutsche Sprache übertrug. Im Jahr 1808 aber wurde zu Bremen und Aurich in der Müllerischen Buchhandlung von einem Ungenannten eine hochteutsche Uebersetzung sämmtlicher allemannischer Gedichte nach der dritten Auflage herausgegeben. Zwar gestand der Uebersetzer selbst in der Vorrede, daß die herrlichen Dichtungen wohl Vieles von ihrer bezaubernden Anmuth verloren hätten, aber er glaubte, daß seine Uebersetzung im nördlichen Teutschland willkommen seyn werde, um Lesern das Original verständlicher zu machen.

Wie Jacobi den Wunsch äußerte, daß die allemannischen Gedichte in die hochteutsche Sprache übersetzt würden, so wünschte Göthe umgekehrt, daß man auch hochteutsche Gedichte in die allemannische Mundart übertragen möchte. Wie es für ein ganzes Volk ein Hauptschritt zur Kultur sey, fremde Werke in seine Sprache zu übersetzen, so sey es ebenso ein Schritt zur Cultur einzelner Provinzen, wenn man ihnen die Werke derselben Nation in ihrem eigenen Dialekt zu lesen gebe. Dabei berief er sich auf das Beispiel der Italiener, die ihren Tasso in mehrere Mundarten übersetzt hätten, und forderte den Verfasser der allemannischen [XXXVIII] Gedichte selbst auf, solche Versuche zu machen. Uebrigens bedachte Göthe nicht, daß in jener ganzen Gegend, wo die allemannische Mundart herrscht, solche nur im gemeinen Leben gebraucht wird, und die hochteutsche Sprache durch den Gebrauch in den Schulen, Kirchen und Amtsstuben dem Volke so bekannt ist, daß es keiner Uebersetzung hochteutscher Gedichte bedarf.

Auch mit Göthe’s Ansicht war Hebel so wenig, als mit Jacobi’s Meinung einverstanden. Er glaubte, daß die allemannische Sprache durchaus nichts vertrage, was nicht in ihr selbst erzeugt und geboren sey, weil es sonst aussehe wie eine fremde Seele in einem fremden Körper, oder wie wenn ein bekannter Mann von feinem Geschmacke und feinen Sitten auf einmal im Zwilchrocke erscheinen würde. Höchstens könne das Hochteutsche in die allemannische Mundart hinübergedichtet, aber nicht bloß hinübergesetzt werden.

Solche Anerkennung in der Nähe und Ferne fanden die allemannischen Gedichte. Von allen Seiten strebte man, dem großen Sänger hohe Achtung zu erkennen zu geben. Besonders aber stiftete ihm sein Freund, der noch lebende Geheimerath Karl Christian Gmelin, der berühmte Verfasser der Flora Badensis, im Jahre 1806 ein ehrenvolles Denkmal, welches er ebenso Hebels naturgeschichtlicher Gelehrsamkeit als seiner Dichtergröße setzen [XXXIX] wollte. Als Gmelin die beiden Pflanzenarten, welche bei Linné unter dem Namen: Anthericum calyculatum[WS 4] vorkommen, wegen der Eigenthümlichkeit ihrer Befruchtungstheile, in ein besonderes Geschlecht absonderte, und dieses Geschlecht in zwei Arten theilte, so gab er dem neuen Geschlechte den Namen Hebelia, und der einen der beiden Arten den Beinamen: Allemannica.[WS 5] Wenn einst den lieblichen Sänger das Grab deckte, dann sollte die Natur, deren Freund und Dichter er war, noch von ihm zeugen, und mit der Wiederkehr jedes Frühlings seines Namens Denkmal wieder hervorbringen.

6.

Während auf solche Weise Hebels Dichterruhm sich weit verbreitete, wirkte er selbst als Lehrer mit seiner bisherigen Berufstreue und mit segensreichem Erfolge fort. Um ihm einen öffentlichen Beweis der Anerkennung seiner Verdienste zu geben, ertheilte ihm Karl Friederich durch einen Beschluß vom 12ten December 1805 den Titel: Kirchenrath, ohne daß übrigens dadurch etwas in seinen bisherigen Berufsgeschäften geändert wurde.

Gegen Ende des Jahrs 1806 aber war er nahe daran, daß er seinem bisherigen Beruf entsagte, und Karlsruhe verließ. Da die Stadt Freiburg nach dem Preßburger Frieden an Baden gefallen war, so beschloß die Regierung, daselbst eine evangelische Pfarrei zu errichten. Hebel war geneigt, diese Stelle [XL] anzunehmen, die wegen der Freundlichkeit der Stadt und Gegend, und wegen vieler Freunde und Verehrer, die ihn dort erwarteten, besonders aber wegen der Nähe seiner alten Heimath, viel Anziehendes für ihn hatte. Im December 1806 machte er daher eine Reise dahin, um die Verhältnisse der Pfarrei noch genauer zu betrachten. Der freudige Empfang, der ihm in Freiburg zu Theil wurde, der allgemeine Wetteifer der Einwohner, ihm ihre Liebe und Achtung zu beweisen, und die herzlichen Zusprüche seiner Freunde, die Stelle anzunehmen, machten einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er Anfangs den Vorsatz faßte, Pfarrer zu Freiburg zu werden. Aber als er kaum die Rückreise angetreten hatte, wurde er in seinem Entschlusse wieder wankend; denn er hatte auch in Karlsruhe viel Angenehmes, das er nun verlassen sollte, und ohnedies war es mehr das Bild des Landgeistlichen, als des Stadtpfarrers, was ihm von Jugend auf in reizender Gestalt vorschwebte. Schon in Emmendingen, der ersten Poststation unterhalb Freiburg, war sein Gemüth, als er daselbst übernachtete, von der Ungewißheit hinsichtlich dessen, wozu er sich entschließen sollte, so ergriffen, daß er mehrere Stunden nicht ruhig schlafen konnte. Da geschah es Morgens um zwei Uhr, daß er bei seinem unruhigen Schlafe plötzlich die Stimme des Nachtwächters hörte. Die Worte, die der Nachtwächter sang, waren Hebels eigene Worte aus dem Wächterruf: „Und wem scho wieder, ebs no tagt, die schweri Sorg am Herze nagt, du [XLI] arme Tropf, di Schlof isch hi! Gott sorgt, es wär nit nöthig gsi.“ Durch diese Worte kehrte die verlorne Ruhe wieder in seine Seele, denn er betrachtete dieselben als eine höhere Mahnung, die ihn in diesem Augenblicke auffordere, den Ausgang der Sache ruhig abzuwarten. Als er nach Karlsruhe zurückgekommen war, so eröffnete ihm Karl Friederich, daß er ihn in seiner Residenz zu behalten wünsche, und ihm eine Besoldungszulage verwilligen werde. So wurde Hebels Gedanke, Pfarrer zu werden, bald wieder vereitelt. Doch sagte er später scherzweise, daß er drei Tage Pfarrer zu Freiburg gewesen sey.

Mit gewissenhafter Treue fuhr er nun wieder wie bisher in seinem Berufe als Lehrer fort. Durch einen Beschluß aber, den die Regierung am 1ten Februar 1808 faßte, wurde er zum Director des Lyceums ernannt. Diesen Namen hatte die Anstalt einige Zeit vorher wegen ihrer veränderten Einrichtung erhalten. Das Fach, in welchem er als Director lehrte, war, wie früher, hauptsächlich das der alten Sprachen, nur mit dem Unterschiede, daß er fast alle seine Unterrichtsstunden jetzt der obersten Abtheilung der Lyceisten ertheilte, und sie in höheren Autoren unterrichtete. Außerdem besorgte er noch den Unterricht der Rhetorik, verbunden mit Aufsätzen, zu deren Verfertigung er seine Schüler anleitete. Auch behielt er den Unterricht der Naturgeschichte in der zweitobersten Abtheilung der Schüler [XLII] wie bisher bei. Die Dogmatik wurde seit Ostern 1806 nicht mehr von ihm vorgetragen, und überhaupt seitdem an dieser Anstalt nicht mehr gelehrt. Im Jahr 1809 aber wurden seine Geschäfte dadurch vermehrt, daß er zum Mitgliede der evangelischen Kirchen- und Prüfungscommision ernannt, und hiermit derjenigen Behörde beigegeben wurde, welche unter der Oberaufsicht der Ministerial-Kirchensection die Beschlüsse über die Kirchen- und Schulvisitationen erläßt, und die Prüfung der Candidaten der Theologie und Philologie besorgt.

Bei allen diesen Berufsgeschäften aber verließ ihn sein Dichtergeist nicht. Zwar erweckte in ihm der außerordentliche Beifall, den seine allemannischen Gedichte gefunden hatten, keine große Lust, noch mehrere zu dichten, sondern der eingeerntete hohe Ruhm machte ihn vielmehr vorsichtig und ängstlich. Eingeschüchtert durch das Beispiel anderer Dichter, welche ihre dichterische Laufbahn nicht zur rechten Zeit zu beschließen wußten, besorgte er, daß er den erworbenen Beifall durch neue Gesänge wieder wegsingen möchte. Jedoch erschienen noch seit 1803 einzelne allemannische Gedichte von ihm in verschiedenen Jahren, theils in der Iris, theils in andern Zeitschriften. Er nannte diese späteren Erzeugnisse den Nachtrieb; aber auch in ihnen zeigte sich der hohe Dichtergeist, der ihn früher beseelte. Mit allgemeinem Beifall wurden solche Gedichte, wie: die Ueberraschung im Garten, das Gewitter, des [XLIII] neuen Jahrs Morgengruß, Agatha an der Bahre des Pathen, der Schwarzwälder im Breisgau, die Feldhüter, und andere, aufgenommen. Noch Einiges, was er seit der ersten Ausgabe verfaßte, aber bloß seinen Freunden handschriftlich mittheilte, würde vielleicht von ihm auch noch öffentlich herausgegeben worden seyn, wenn sein Freund Jacobi, der Herausgeber der Iris, länger gelebt hätte.

Auch in hochteutscher Sprache verfaßte Hebel um diese Zeit verschiedene Gedichte. Den Abendstern, eine freie Uebersetzung des allemannischen Gedichtes gleichen Namens, verfaßte er 1804, im nämlichen Jahre, als das allemannische Gedicht erschien. Das Sommerlied, und das Abendlied wenn man aus dem Wirthshaus heimgeht, dichtete er im Jahr 1806, und ließ beide im Badischen Kalender 1807 erscheinen. Die beiden Soldatenlieder: Das Grenadierlied, und das Musquetierlied, entstanden in dem Kriegsjahre 1809, und waren für die in das Feld ziehenden Badischen Soldaten bestimmt. Einige andere, meistentheils Gelegenheitsgedichte und poetische Briefe, deren Ursprung in die Jahre 1803 bis 1811 gehört, wurden von ihm seinen Freunden mitgetheilt, aber während seiner Lebenszeit nicht gedruckt. Uebrigens erkannte man auch bei den hochteutschen Gedichten, die er verfaßte, die trefflichen Anlagen seines Geistes und Gemüths.

[XLIV] Eine besondere Geschicklichkeit aber zeigte er um diese Zeit auch in der Kunst, Räthsel, Charaden und Logogriphe zu verfassen. Vornehmlich in dem Drechslerischen Kaffeehause, welches Hebel besuchte, und unter der Gesellschaft, die sich daselbst an ihn anschloß, und die er scherzweise die große Charaden- und Räthselakademie bei Drechsler nannte, übte er solche Kunst. In der ganzen Gesellschaft glänzte er auch in dieser Hinsicht durch seine Geschicklichkeit am meisten hervor. Solche Räthsel, wie er sie verfaßte, zum Beispiel, als er das Spinngewebe, den Steckbrief, die Zeitung, das Brettspiel, den Trauermantel, den Rittersporn, die Finger, den Schreibsand, das Bleistift, den Rausch, die Nacht, das Haar, oder sonst noch Anderes zum Gegenstand des Errathens machte, und solche Charaden, dergleichen er zu den Worten: Nordlicht, Grundbirne, Roßmarkt, Schafgarbe, Thierkreis, Ballhorn, Liebhaber, Steinbruch, und zu noch anderen verfertigte, wurden von jeher unter das Beste gerechnet, was in diesem Fache der Dichtkunst erschien. Besonders zeigte sich aber sein eigenthümlicher Witz in einer von ihm erfundenen neuen Art von Charaden, die er Trugcharaden nannte, weil er darin den Lesern gleichsam eine Falle legte, ihre Gedanken geflissentlich durch Angabe gewisser auffallender Merkmale auf einen unrechten Gegenstand hinleitete, und ihnen am Ende, wenn sie schon glaubten, die Auflösung [XLV] gefunden zu haben, plötzlich ihre Täuschung zu erkennen gab. Von dieser Art sind die vortrefflichen Charaden, die er zu den Worten: Zopfband, Hofrath, Distelfink, Tagloch, Rheinfall, Winterschuhe, und anderen, verfaßte, und die allgemein als Meisterstücke bewundert wurden. Er selbst ließ viele seiner Räthsel und Charaden, bald nachdem er sie verfaßt hatte, in Zeitschriften öffentlich erscheinen, worunter besonders das Badische Provincialblatt, das Freiburger Wochenblatt und das Morgenblatt zu erwähnen sind. Manche theilte er seinen Freunden bloß handschriftlich mit. Uebrigens änderte er sowohl an den gedruckten, als auch an den handschriftlich mitgetheilten manchmal wieder einzelne Ausdrücke, so daß dieselben mit verschiedenen Lesarten sich unter dem Volk verbreiteten.

Unterdessen aber wurde ihm von der obersten Kirchen- und Schulbehörde ein neues Geschäft übertragen, welches ihm Anlaß gab, seine Geschicklichkeit von einer anderen Seite in einem glänzenden Lichte zu zeigen. Schon seit dem Jahr 1803 hatte er mit einigen andern Staatsdienern an dem Badischen Landkalender gearbeitet, der im Verlage des Karlsruher Gymnasiums erschien. Jedes Jahr hatte er einige Beiträge dazu geliefert. Im Ganzen aber war er mit der Beschaffenheit des Kalenders nicht zufrieden. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß der Kalender als ein vorzügliches Mittel zur Bildung [XLVI] des Volkes, zur Erleuchtung seines Verstandes, und zur Veredlung seines Herzens, so wie überhaupt zur Beförderung seines zeitlichen und ewigen Wohls benutzt werden müsse, und daß bisher nicht genug Rücksicht darauf genommen worden sey, wünschte er, daß derselbe zweckmäßiger verfaßt, und um einige Bogen vermehrt werden möchte. Ein genauer Kenner der Denkungsweise und Gemüthsart des Volkes hielt er eine Abwechslung von Scherz und Ernst für nothwendig, weil er glaubte, daß der Kalender nur, wenn er neben der ernsten Belehrung zugleich heitere Unterhaltung gewähre, dem Volke willkommen sey. Dabei erkannte er zugleich, daß der Kalender überhaupt in einer einfachen und herzlichen Sprache verfaßt, nicht aus Zeitungen oder Anekdotensammlungen bloß herausgeschrieben, sondern mit allem Fleiß und in den Stunden der besten Laune bearbeitet werden müsse. Von dieser Ansicht geleitet machte er im Jahr 1806 den Vorschlag, daß die Bearbeitung des Kalenders einem Landgeistlichen übertragen werden möchte, der das erforderliche Talent nebst gutem Willen dazu besäße, und hinlängliche Muße hätte. Mit Recht aber hielt die oberste Kirchen- und Schul-Behörde ihn selbst für den geeignetsten Mann zur Besorgung dieses Geschäfts, und forderte ihm mit Anbietung einer bestimmten Belohnung dazu auf. So übernahm Hebel die Bearbeitung des ganzen Kalenders. Schon im Jahr 1807 wurde dieser ganz von ihm bearbeitet, aber noch blieb der bisherige Titel und die bisherige äußere Gestalt. Mit dem [XLVII] Jahr 1808 aber erschien er bedeutend vermehrt und mit Holzschnitten versehen unter dem Titel: Rheinländischer Hausfreund, und eben so wurde er im folgenden Jahre herausgegeben. Wie vortrefflich dieser so manche Jahre hindurch von ihm bearbeitet wurde, ist bekannt. Seine Darstellungen, wie sie schon in den ersten Jahrgängen vorkommen, zum Beispiel die lehrreiche Geschichte von Jakob Humbel, die rührende Erzählung vom Kannitverstan, die tief ins Herz dringende Anekdote: Wie eine gräuliche Geschichte durch einen gemeinen Metzgerhund an’s Tageslicht gebracht wird, der treffliche Aufsatz über die Baumzucht, und die herrlichen Betrachtungen über das Weltgebäude, wurden für unübertrefflich erkannt. Als eben so große Meisterstücke erkannte man auch seine scherzhaften Erzählungen, unter welchen die Geschichten vom Zundelfrieder und Zirkelschmidt, und die Anekdoten von verschmitzten Juden, zum Beispiel: der schlechte Gewinn, der einträgliche Räthselhandel, der falsche Edelstein, die zwei Postillione, und die drei Worte sich besonders auszeichnen. Abgesehen von einigen politischen Erzählungen, auf welche die damalige Zeit einen unverkennbaren Einfluß hatte, wurde der rheinländische Hausfreund von Hebel so meisterhaft bearbeitet, daß man ihn für den besten Kalender halten darf, der jemals geschrieben wurde. Manche giengen sogar in ihrer Meinung so weit, [XLVIII] daß sie die eigenthümliche Erzählungsart Hebels als die einzig zweckmäßige für das Volk ansahen, und dadurch zu unglücklichen Nachahmungen verleitet wurden. Auch im Auslande verbreitete sich dieser Kalender, und selbst Göthe setzte hohen Werth darauf, und bestellte ihn. Es wurden jährlich 30 bis 40,000 Exemplare abgesetzt, und einige davon kamen selbst nach Amerika. Wegen dieser anerkannten Vortrefflichkeit des rheinländischen Hausfreundes veranstaltete Cotta im Jahr 1811 eine Sammlung aller Erzählungen und Aufsätze von Hebel, die in den Jahrgängen 1808 bis 1811, so wie in den vorhergegangenen Badischen Kalendern enthalten sind, und gab sie unter dem Titel Schatzkästlein heraus. Uebrigens ist bekannt, daß in dem Jahrgange 1811, so wie später, zuweilen ein Adjunct des rheinländischen Hausfreundes und eine Schwiegermutter des Adjuncts erwähnt werden. Unter dem Adjunct meinte er seinen Freund, den damaligen königlich Wirtembergischen Gesandtschaftssecretär Kölle, der ihm verschiedene Anekdoten zur Bearbeitung für den Kalender mittheilte. Schwiegermutter des Adjuncts aber wurde von ihm scherzweise die berühmte Hendel-Schütz genannt, für welche Hebel wegen ihrer bewunderungswürdigen mimischen Kunst und ihrer geistreichen Unterhaltung sehr eingenommen war.

Was Hebel außerdem in den Jahren 1803 bis 1811 ausarbeitete, bestand theils in einigen theologischen Abhandlungen, theils in einigen humoristischen [XLIX] Aufsätzen. Schon zur Zeit, als seine allemannischen Gedichte erschienen, bestand in Lörrach ein theologischer Verein, welchen sein Freund Hitzig, damals Pfarrer zu Rötteln, mit mehreren anderen Geistlichen jener Gegend gebildet hatte. Zu diesem Vereine gehörte auch Hebel als correspondirendes Mitglied. Daher verfaßte er zuweilen eine theologische Abhandlung, und sandte sie an die Gesellschaft. Auf solche Weise entstanden seine Aufsätze über des Menschen Sohn, über den Dieb in der Nacht, und über Jephtha’s Tochter. Auch die Pfarrsynoden zu Karlsruhe, an welchen er um diese Zeit Theil nahm, gaben ihm Anlaß, Einiges im Gebiete der Theologie und Religionsphilosophie zu bearbeiten. So wurden für diese Synoden zwei Abhandlungen, die eine über das richtige Verhalten des Geistlichen in Ansehung der gesellschaftlichen Spiele, die andere über die Geister und Gespenster von ihm verfaßt. In allen diesen Abhandlungen erkannte man einen wiederholten Beweis von Hebels Reichthum an guten Gedanken und von seinem ausgezeichneten Scharfsinne. Auch die beiden humoristischen Aufsätze, die noch in diesen Zeitraum gehören, von denen der eine: Oesterlins Standrede über das glückliche Loos eines Schneiders, im Jahr 1811 in den süddeutschen Miszellen bekannt gemacht wurde, der andere aber: über die Juden, erst, nachdem er schon lange vorher verfaßt war, im Jahr 1812 in der Zeitschrift [L] Jason öffentlich erschien, wurden mit vielem Beifall aufgenommen.

Bei allen diesen Beschäftigungen blieb ihm noch Zeit genug zum gesellschaftlichen Vergnügen übrig. Froh und heiter verlebte er auch jetzt noch seine Tage, und stets innigst geliebt und hoch geachtet von den zahlreichen Freunden, in deren Gesellschaft er die Zeit der Ruhe nach der Arbeit zubrachte. Mehrmals besuchte er auch das geliebte Oberland, seine Heimath, wieder, und erfreute sich dort des Wiedersehens der alten Freunde und Bekannten, die er daselbst noch antraf. Namentlich im Jahr 1804 machte er eine Reise in diese Gegend. Sodann kam er im Sommer 1805 wieder dahin, indem er bei seiner Rückkehr von einer Reise in die Schweiz, die er mit zwei jungen Baronen gemacht hatte, seinen Weg über Basel und Lörrach nahm. Auch in den Jahren 1807, 1809 und 1811 ward den Bewohnern des Oberlandes das Vergnügen, ihn in ihrer Mitte zu sehen, wieder zu Theil. Bei diesen Gelegenheiten besuchte er gewöhnlich auch Straßburg. Hier lebte damals der Bijoutier Haufe, der ihm ein sehr werther Freund war. Im Kreise der Familie dieses Freundes, welcher aus dem Badischen nach Straßburg gezogen war, brachte Hebel viele frohe und glückliche Stunden zu, deren er sich stets mit liebreichem und dankbarem Herzen erinnerte.

[LI]
7.

Karl Friederich, der unvergeßliche Regent Badens, beschloß seine segensreiche Laufbahn im Jahr 1811, und es folgte ihm Karl, sein Enkel. Auch bei diesem Fürsten stand Hebel, so lange derselbe regierte, in hoher Achtung.

Bereits im Jahr 1808 war Hebel zum Director des Lyceums und im folgenden Jahre zum Mitgliede der evangelischen Kirchen- und Prüfungs-Commission ernannt worden. Sein bisheriger dreifacher Beruf aber, den er als Lehrer am Lyceum, als Director desselben und als Mitglied der erwähnten Kirchen- und Prüfungs-Commission zu versehen hatte, wurde ihm nun allmählig lästig. Besonders waren die trockenen Schreibereigeschäfte, die er wegen der Direction des Lyceums zu besorgen hatte, und das mühevolle Actenlesen, dem er sich als Mitglied der Kirchen- und Prüfungs-Commission unterziehen mußte, seinem freien Dichtergeiste zuwider. Oft drückte er hierüber sein Mißvergnügen aus. Den ganzen Tag auf dem Katheder sitzen, schrieb er einmal an seinen Freund Hitzig, sey jetzt noch ein Feiertagsleben für ihn, ein Ostermontagsspäßlein; aber auf der Kanzleistube sitzen, Berichte schreiben, Buch und Rechnungen führen, Acten durchgehen, examiniren, castigiren, Zeugnisse fertigen, wegen der Lyceisten correspondiren, das heiße so viel als: Ich sterbe täglich. Es seyen ihm, setzte er [LII] hinzu, fast alle Freuden aus dem Geschäfte entflohen, und viele sogar aus dem Leben.

Im Jahr 1814 wurde ihm zwar ein Theil seiner bisherigen Geschäfte abgenommen. Im Monat August dieses Jahrs legte er nämlich die Direction des Lyceums nieder. Bald darauf gab er auch noch seine bisherigen Unterrichtsstunden bis auf wöchentlich neun an andere Lehrer ab. Die Lehrstunden, die er jetzt noch behielt, waren vier für das Hebräische, zwei für die Erklärung des Theokrits und Plutarchs, welche beiden Autoren abwechselnd übersetzt wurden, zwei für die Rhetorik, und eine für den Unterricht im lateinischen Stil. Diese letzte behielt er jedoch nur noch zwei Jahre, so daß die Zahl seiner Unterrichtsstunden am Lyceum alsdann nur noch auf acht sich belief. Dagegen trat er im Jahr 1814 in die evangelische Ministerial-Kirchensection ein, und wurde dadurch Mitglied der obersten Kirchen- und Schulbehörde, wobei er zugleich auch ferner Mitglied der Kirchen- und Prüfungs-Commission blieb. Außerdem ward ihm im Jahr 1816 auch noch die Direction des Schulwittwenfiscus übertragen. Auf diese Weise wurden seine Geschäfte in anderer Hinsicht vermehrt, und besonders fiel ihm jetzt das Actenlesen, das ihm so sehr zuwider war, noch häufiger als sonst zur Last.

Unter solchen Verhältnissen fühlte sich sein Dichtergeist selten mehr erweckt. Zuweilen kam jedoch [LIII] noch ein Gelegenheitsgedicht, wie die Hauensteiner Hochzeit, das Lied für die Gesellschaft des Museums, und die Neujahrswünsche des Wochenblattträgers, oder eine Charade zum Vorschein.

Noch schrieb er aber mehrere Jahre lang den rheinländischen Hausfreund, und zwar, wie die Jahrgänge 1812, 1813, 1814 und 1815 beweisen, mit gleicher Vortrefflichkeit, wie in früherer Zeit. Nicht leicht wird, was die ernsten Darstellungen betrifft, etwas so Schönes gefunden werden, als solche Erzählungen oder Aufsätze, wie: Andreas Hertzeg, Christian Kuhmann, lange Kriegsfuhr, die gute Mutter, die Treue und ihr Dank, der Comet von 1811, Betrachtung über ein Vogelnest, Franziska, und der Schneider von Pensa. Auch hinsichtlich der scherzhaften Erzählungen bewies Hebel noch immer seine unübertreffliche Kunst, und schwerlich ist in dieser Hinsicht etwas Besseres in einem Volkskalender geschrieben worden, als solche Anekdoten, wie: die gute Geduld, die Schmachschrift, der Prozeß ohne Gesetz, der Herr Wunderlich, der Thalhauser Galgen, und dergleichen, und besonders auch wieder die in diesen Jahrgängen vorkommenden weiteren Schilderungen des Zundelfrieders und Zirkelschmidts, so wie auch abermals mehrere Geschichten von Juden, wohin namentlich die trefflichen Erzählungen: [LIV] Glimpf geht über Schimpf, wie einmal ein schönes Roß um fünf Prügel feil gewesen ist, der gläserne Jude, und Gleiches mit Gleichem, gehören.

Unerwartet aber wurde Hebel in diesem seinem schönen Wirken durch einen unangenehmen Vorfall unterbrochen. Als im Herbst 1814 der Kalender für das Jahr 1815 gedruckt, und schon eine kleine Anzahl der Exemplare herausgegeben war, so fand man unter den Erzählungen eine mit der Ueberschrift: Der fromme Rath. In dieser Erzählung wird ein katholischer Handwerksbursche dargestellt, wie er auf der Brücke einer Stadt in große Verlegenheit geräth, und nicht weiß, ob er links oder rechts sein Angesicht wenden soll, weil sich ihm von jeder Seite der Brücke ein Priester mit einer Monstranz nähert, und wie er hierauf dadurch aus der Verlegenheit gerissen wird, daß der eine Priester lächelnd seinen Zeigefinger gegen den Himmel hebt, um ihm anzudeuten, vor wem er niederknieen und wohin er blicken solle. Diese Erzählung, wiewohl sie in einem anständigen und würdigen Ton verfaßt war, und Hebel bei seiner gewissenhaften und edlen Gesinnung gewiß Niemand damit beleidigen wollte, mißfiel manchen Katholiken, zumal da der Verleger einen Holzschnitt dazu gegeben hatte, was allerdings nicht hätte geschehen sollen. Von katholischer Seite wurde es nun dahin gebracht, daß der Verkauf des rheinländischen Hausfreunds mit dieser [LV] Erzählung verboten, das Blatt, worauf sie stand, herausgenommen, und daher einige andere Blätter umgedruckt wurden. Hebel aber fühlte sich durch die Art, wie die Sache gegen ihn behandelt wurde, sehr gekränkt, und faßte daher den Vorsatz, den Kalender hinfort nicht mehr zu schreiben; und wirklich wurde dieser auch für die drei folgenden Jahre nicht mehr von ihm bearbeitet. Im Jahrgang 1816 rühren bloß zwei kleine Beiträge, wovon der eine mit den Worten: Bequeme Schifffahrt, wer’s dafür halten will, der andere mit den Worten: Zwei Spracherinnerungen, überschrieben ist, von ihm her. Am Jahrgange 1817 hatte er gar keinen Antheil. Auch in dem Jahrgang 1818 hat nur ein einziger Aufsatz mit der Ueberschrift: Eine Gerechtigkeit, ihn zum Verfasser. In diesem Aufsatze vertheidigte er seinen Schulmeister Andreas Grether, von dem er einst zu Hausen als Knabe unterrichtet worden war, gegen die Beschuldigungen, die gegen diesen Lehrer im vorhergehenden Jahrgang des rheinländischen Hausfreundes vorgebracht worden waren. Mit herzlichen Worten schilderte Hebel seinen Lehrer als einen vernünftigen, treuen, freundlichen und liebreichen Mann, und setzte ihm, nachdem er schon lange zu den Todten Gottes hinübergegangen war, auf diese Weise ein Denkmal der Liebe und Dankbarkeit auf sein Grab. Erst im Jahre 1818 ließ sich Hebel durch die Bitten und Zureden seiner Freunde bewegen, [LVI] den Kalender für das Jahr 1819 wieder zu schreiben.

Der große Ruhm aber, welchen er sich durch seine einfache und herzliche Erzählungsart erworben hatte, wurde die Veranlassung zu einer neuen Arbeit, die er ebenfalls um diese Zeit übernahm. Da man längst für die evangelischen Schulen des Großherzogthums Baden eine neue Bearbeitung der biblischen Geschichten wünschte, so forderten ihn manche seiner Freunde auf, sich diesem Geschäfte zu unterziehen. Dadurch bewogen machte sich Hebel im Jahr 1818 an solche Arbeit, und vollendete in diesem Jahre bereits den größten Theil der Geschichten des alten Testaments.

So floß Hebels Lebenszeit bis zum Ende des Jahrs 1818 dahin. Manches Lästige und Unangenehme in seinem Berufe hatte er während dieser Zeit zu tragen. Doch fehlte es auch nicht an Freude und Trost für ihn. Stets blieb ihm die innige Liebe und hohe Achtung, die er unter seinen so zahlreichen Freunden und Verehrern in Karlsruhe genoß. Nicht minder erhielt er fortwährend viele Beweise hoher Verehrung aus allen Theilen des Großherzogthums und selbst aus dem Auslande. Er sah, wie der Ruhm der allemannischen Gedichte selbst in den fernsten Gegenden immer fortblühte. Viele ausgezeichnete Gelehrte des Auslandes, wenn sie nach Karlsruhe kamen, besuchten ihn, um ihm dadurch einen [LVII] Beweis ihrer Hochachtung zu geben. Selbst in Königsberg wurde eine Uebersetzung seiner Gedichte in hochteutscher Sprache im Jahre 1811 und 1817 in zwei Bändchen herausgegeben, worin sämmtliche in den vier ersten Ausgaben stehenden Gedichte, mit Ausnahme des Schmelzofens, des Karfunkels, der Marktweiber in der Stadt, des Gespenstes an der Kanderer Straße, des Statthalters von Schopfheim, und des Schreinergesellen, enthalten sind. Scheffner, im Jahr 1811 schon ein fünfundsiebenzigjähriger Greis, war durch das Lesen der allemannischen Gedichte, die er nach der dritten Ausgabe kennen lernte, so von Bewunderung ihrer Schönheit ergriffen worden, daß er in seinem hohen Alter noch diese Uebersetzung zu Königsberg unternahm, um die Gedichte den Lesern jener Gegend verständlicher zu machen. Ohne Zweifel wußte er nicht, daß schon früher im Jahr 1808 zu Bremen und Aurich eine solche Uebersetzung herausgekommen war. Auch die Berliner Gesellschaft für teutsche Sprache achtete den allemannischen Dichter hoch, und ernannte ihn durch einen Beschluß vom 3ten Februar 1818 zu ihrem ordentlichen Mitgliede. Besonders aber mußte Hebel eine ausgezeichnete Anerkennung des Werthes seiner Gedichte darin finden, daß einige derselben sogar in die Russische Sprache übersetzt wurden.

Seine geliebte Heimath, das Oberland, besuchte er im Jahre 1812 zum letztenmal. So oft er auch [LVIII] mit dem Gedanken umgieng, wieder hinaufzureisen, so führte er doch seinen Vorsatz nie wieder aus, und begnügte sich mit den Lustreisen, die er in verschiedener Zeit mehrmals nach Straßburg, nach Baden, und in andere Städte und Gegenden machte. Seitdem er im Jahr 1791 die obere Gegend verlassen hatte, war so Vieles dort anders geworden. Manches hatte sich hinsichtlich der Sitten des Volks geändert. Einen großen Theil seiner Bekannten und Freunde deckte das Grab, und eine neue Welt war größtentheils an die Stelle der alten getreten. Diese Erwägung und das damit verbundene Gefühl der Wehmuth war es wahrscheinlich, was ihn unentschlossen machte, und den fortwährenden Aufschub seiner Reise bewirkte. Mit tiefer Rührung aber und Sehnsucht dachte er immer noch an die alte Heimath und die daselbst einst in früheren Jahren genossenen Freuden zurück. Mündlich und schriftlich drückte er oft diese Empfindung aus, die ihn so tief durchdrang, wenn das Bild der Gegend vor ihm schwebte, in welcher er einst als Knabe und Jüngling so glückliche Tage verlebt hatte.

8.

Im letzten Monat des Jahrs 1818 starb Großherzog Karl, und Ludwig, sein Oheim, bestieg den Thron. Eines der ersten Regierungsgeschäfte des neuen Regenten war die Einführung der landständischen Verfassung, deren Urkunde sein Vorgänger [LIX] kurz vor seinem Tode unterzeichnet hatte. Nach dieser Urkunde sollte ein Geistlicher als Prälat der evangelischen Kirche erwählt werden, um Sitz und Stimme in der ersten Kammer der Landstände zu haben.

Ludwig, längst von hoher Achtung gegen Hebel erfüllt, wünschte diesen mit der Würde des Prälaten auszuzeichnen. Mit Rührung und Dankgefühl erkannte Hebel die Huld des Regenten; aber aus Rücksicht gegen seinen Collegen, Kirchenrath Sander, einen sehr gebildeten, kenntnißreichen und in seinem Berufe sehr thätigen Mann, trug er anfänglich Bedenken, die ihm angebotene Würde anzunehmen, weil Sander ihm im Dienstalter vorgieng. Erst als Hebel aus sicherer Quelle vernahm, daß Sander in keinem Falle zum Prälaten würde ernannt werden, entschloß er sich, dem Wunsche des Großherzogs zu entsprechen. So wurde Hebel im Jahr 1819 als Prälat an die Spitze der Geistlichkeit gestellt. Ludwig ehrte dadurch ihn und sich selbst; denn Jedermann erkannte, daß dem Würdigsten diese Auszeichnung verliehen worden sey. Bald darauf, nämlich am Neujahrstage 1820, wurde Hebel mit dem Ritterkreuz des Zähringer Löwen, und später, nämlich am 5ten September dieses Jahrs, mit dem Commandeurkreuz des eben genannten[WS 6] Ordens beehrt.

Vermöge der erhaltenen Würde erschien Hebel [LX] auf dem Landtage, der in den Jahren 1819 und 1820 gehalten wurde, als Mitglied der ersten Kammer, und eben so auch auf den Landtagen von 1822 und 1825. Zwar zeichnete er sich bei diesen Gelegenheiten nicht besonders als Redner aus. Die Ursache hievon lag theils in einer gewissen Schüchternheit, die ihn, so geschickt er sonst auch war, vor Hohen wie vor Niedern zu sprechen, in der öffentlichen Versammlung der Landstände zurückhielt, theils in seiner eigenen Gemüthsstimmung, vermöge welcher er wenig Sinn für politische Verhandlungen hatte. Aber doch nahm er auch an manchen wichtigen Gegenständen Antheil, besonders wenn von Angelegenheiten des Kirchen- und Schulwesens die Rede war. Wenn er sprach, sprach er mit Einsicht, Würde und Kraft.

Mit dichterischen Arbeiten beschäftigte er sich seitdem er Prälat geworden war, einige Räthsel oder Charaden abgerechnet, nicht mehr. Doch veranstaltete er im Jahr 1820 die fünfte Ausgabe seiner allemannischen Gedichte, die zu Aarau bei Sauerländer gedruckt wurde. In dieser erschienen, außer den Gedichten, die in den vier bei Macklot gedruckten Ausgaben enthalten sind, noch zwölf andere, welche übrigens meistens schon theils aus der Iris, theils aus dem Freiburger Wochenblatt und dem alsatischen Taschenbuche bekannt waren. Im nämlichen Jahre wurden von Sophie Reinhard zehn wohlgelungene Zeichnungen zu den allemannischen [LXI] Gedichten bei Mohr und Winter in Heidelberg herausgegeben. Auch erschienen noch zwei neue hochteutsche Uebersetzungen, die eine von Friedrich Girardet zu Leipzig 1821, die andere von Adrian zu Stuttgart und Tübingen 1824. Beide enthalten sämmtliche in der fünften Ausgabe mitgetheilten[WS 7] Gedichte.

Auch mit der Bearbeitung des rheinländischen Hausfreundes hatte Hebel als Prälat nichts mehr zu thun. Zwar hatte er sich durch die Bitten seiner Freunde bewegen lassen, ihn für das Jahr 1819 wieder zu schreiben. Dieses aber war der letzte Jahrgang, welcher von ihm bearbeitet wurde.

Um so mehr aber war er in seinen letzten Jahren mit Arbeiten für die Kirche beschäftigt. Im Sommer 1821 wurde die erste Generalsynode berufen, um die längst gewünschte Vereinigung der beiden evangelischen Confessionen zu Stande zu bringen. Hebel und Sander erschienen dabei als evangelisch-lutherische Abgeordnete der Ministerial-Kirchensection. Als Anerkennung seines rühmlichen Wirkens wurde ihm, so wie seinem Collegen, im August 1821 von der theologischen Facultät zu Heidelberg die Würde eines Doctors der Theologie zuerkannt.

Schon während der Generalsynode verfaßte er einige treffliche liturgische Formulare für die h. Taufe, die Beichte und das h. Abendmahl, als Beiträge zu [LXII] einer kleinen liturgischen Sammlung für die neu vereinigte evangelische Landeskirche. Früher schon hatte er für die Wochengottesdienste einige Gebete verfaßt, die sich durch Einfachheit, Würde und frommes Gefühl auszeichnen.

Bald nach der Generalsynode vollendete er seine biblischen Geschichten. Die des alten Testaments waren schon seit zwei Jahren bearbeitet, und nun verfaßte er die des neuen. Beide Theile erschienen zuerst im Anfang des Jahres 1824 bei Cotta. Bald darauf wurde bei Katz zu Pforzheim eine zweite Ausgabe gedruckt, und diese in allen evangelischen Schulen des Großherzogthums eingeführt. Bekanntlich erlangte dieses Buch geringeren Beifall, als man erwartete. Verschiedene Behauptungen darin sind unrichtig; manche Auslegungen nicht hinlänglich begründet, oder auf bloße Vermuthungen gestützt; einzelne Charaktere nicht in das rechte Licht gestellt; einige Sätze zu kurz oder nicht deutlich genug hingegeben; manche Stellen nicht würdig genug und oft zu sehr im Tone des rheinländischen Hausfreundes verfaßt. Auch wurde beim neuen Testament die Reihenfolge der Erzählungen zu flüchtig behandelt. Auf der anderen Seite aber hat das Buch auch entschiedene Vorzüge. Es ist im Ganzen sehr geistreich und mit frommem Sinne geschrieben. Die Erzählungsart ist im Ganzen einfach, gemüthlich und für kindliche Herzen sehr anziehend. Manche Erzählungen, besonders im alten Testamente, sind [LXIII] wahre Meisterstücke. Hebel hatte, als er das Buch schrieb, hauptsächlich Kinder von acht bis zwölf Jahren im Auge, und gewiß wird es solchen als ein sehr nützliches Schulbuch dienen können, wenn manche unrichtige oder im Ausdrucke verfehlte Stellen vorerst verbessert sind. Auch von katholischer Seite wurde dem Buche Werth beigelegt. Ein Pfarrer dieser Confession bearbeitete es für die katholische Jugend, und gab es im Jahr 1825 zu Rothweil in der Herderischen Buchhandlung heraus.

Bald, nachdem die biblischen Geschichten erschienen waren, übernahm Hebel noch ein anderes wichtiges Geschäft, nämlich die Bearbeitung eines neuen Katechismus. Da seine frühere Bearbeitung des Herderischen Katechismus bei den Geistlichen des Landes nicht den gewünschten Beifall gefunden hatte, so entschloß er sich jetzt, ganz nach eigenem Plane, und unabhängig von irgend einem anderen Vorgänger, ein christliches Lehrbuch für die Schulen zu verfertigen, das er der zweiten Generalsynode vorzulegen gedachte. Dieser Katechismus wurde erst nach seinem Tode von der Müllerischen Hofbuchhandlung zu Karlsruhe herausgegeben, und später auch in die Sammlung seiner Werke aufgenommen. Mag auch dieses Lehrbuch, so wenig als irgend ein anderes Menschenwerk vollkommen seyn, und mag es auch nicht Allen in Allem genügen, so darf es wohl als entschieden angenommen werden, [LXIV] daß es unter die vorzüglichsten Katechismen gehört, die je geschrieben wurden. Besonders fand es wegen der Einfachheit seiner Sprache, wegen der zweckmäßigen Auswahl des Wichtigsten aus der christlichen Religionslehre, wegen der bündigen Kürze, wegen des unparteiischen, rein biblischen Geistes, der daraus klar hervorleuchtet, wegen der genauen Verbindung, in welcher darin die Glaubenslehre mit der Sittenlehre steht, und wegen des frommen Sinnes, womit es geschrieben ist, vorzüglichen Beifall.

Um diese Zeit, als Hebel mit solchen Arbeiten für die Kirche beschäftigt war, gab er den Beruf, den er bisher noch als Lehrer des Lyceums versah, gänzlich auf. Ermüdet von Geschäften bat er im Jahre 1824, daß man ihm die acht Unterrichtsstunden, die er noch am Lyceum ertheilte, abnehmen möchte. Durch einen Beschluß des Großherzogs vom 18ten October desselben Jahrs wurde seinem Wunsche entsprochen, und er des Lehramtes, das er, wie der höchste Erlaß sich ausdrückte, mehr als vierzig Jahre mit großer Auszeichnung, mit Treue, Eifer und besonderer Zufriedenheit bekleidete, nunmehr gänzlich enthoben. Mit ruhigem Gewissen und hoher Freude konnte Hebel auf die segensreiche Laufbahn zurückschauen, die er als Lehrer gegangen war. Er war sich des innigsten Dankes der zahlreichen Schüler bewußt, die er unterrichtet hatte. „Ich habe“ – sagt er schon im Jahr 1820 in der damals entworfenen [LXV] Antrittspredigt vor einer Landgemeinde – „Vielleicht zweitausend Jünglinge in Sprachen und Wissenschaften unterrichtet. Viele von ihnen erfreuen mein Antlitz, wenn ich sie nun als fromme, als glückliche, als geachtete Männer und Freunde wieder sehe. Manche von ihnen stehen schon lange in geistlichen Aemtern, und manches fromme Wort, das ich hie und da in ein gutes Herz gelegt habe, o Gott! es trägt vielleicht jetzt reichliche Früchte, ohne daß ich’s weiß.“

Merkwürdig ist es, daß Hebels Neigung für eine Landpfarrei nie in seiner Brust erstarb. Als er schon auf der höchsten Stufe des geistlichen Ansehens stand, und von dem Regenten mit glänzenden Ehrenauszeichnungen belohnt war, schwebte ihm doch das Loos eines braven Landpfarrers immer noch als das schönste vor Augen. Dessen zum Beweise dient auch, außer seinen mündlichen Aeußerungen, die schon mehrmals erwähnte Antrittspredigt vor einer Landgemeinde, die er im Jahr 1820 schrieb. Ernstlich konnte es damals wohl nicht mehr gemeint seyn. Er selbst mußte gewiß einsehen, daß er sich von seinen Verhältnissen, an die er sich in der Stadt so viele Jahre hindurch gewöhnt hatte, nicht mehr losreißen, und sich nach so langer Unschlüssigkeit nicht mehr zur Uebernahme einer Pfarrstelle auf dem Lande entschließen werde. Aber es that seinem Herzen noch am Abend seines Lebens wohl, sich auf einer [LXVI] Kanzel vor einer Landgemeinde zu denken, gleich einem geliebten Pfarrer, der als Vater unter seinen Kindern steht, ihnen das Köstlichste und Heiligste, was Menschen besitzen können, mittheilt, sie zur Frömmigkeit und Tugend ermahnt, und ihnen Trost im Leben, und Frieden, wenn sie sterben, bringt. „An einem friedlichen Landorte,“ sagt er in seiner Predigt, „unter redlichen Menschen als Pfarrer zu leben und zu sterben, war Alles, was ich wünschte, was ich bis auf diese Stunde in den heitersten und in den trübsten Augenblicken meines Lebens gewünscht habe.“

9.

In solcher Gemüthsstimmung trat Hebel in das Jahr 1826. – Das Jahr, in welchem zwei andere der berühmtesten Dichter: Voß und Baggesen, hinüberschieden, sollte auch das Todesjahr des allemannischen Sängers seyn.

Schon seit mehreren Jahren war Hebels Gesundheit erschüttert. Die Spuren körperlicher Schwäche zeigten sich immer mehr. Sein Gesicht alterte. Seine Nerven waren längst so angegriffen, daß seine Hand sehr zitterte, und seine Schrift kaum mehr leserlich war. Besonders litt er an Unterleibsbeschwerden. Auch seine Gemüthsstimmung war stiller und ernster, als vordem, obgleich in Gesellschaft seine Freundlichkeit und sanfte Heiterkeit sich nie ganz [LXVII] verlor. Seltener als sonst besuchte er seit einigen Jahren das Museum. Seitdem er Prälat geworden war, blieb er überhaupt mehr als früher zu Hause. Auch führte er nun seinen eigenen Tisch, nachdem er früher in fremde Kost gegangen war.

Zu den Arbeiten, die ihm als Mitglied der obersten Kirchen- und Schulbehörde oblagen, gehörte auch seit mehreren Jahren die Aufsicht und Berichterstattung über die protestantischen Lyceen, Gymnasien, Pädagogien und lateinischen Schulen; ein Geschäft, das er immer mit großer Umsicht, Sorgfalt und Treue verwaltete. An diesen Anstalten mußte er oft den öffentlichen Prüfungen beiwohnen, welches auch im September 1826 am Lyceum zu Mannheim der Fall war.

Ungern übernahm er diesmal die Reise nach Mannheim; aber der Gedanke, daß man ihn dort erwarte, und sich auf seine Ankunft freue, und die Hoffnung, daß die Reise vielleicht auf sein Befinden einen günstigen Einfluß haben werde, bewog ihn, ungeachtet es ihm schon unwohl war, sich dahin zu begeben. Hofrath Friedrich August Nüßlin, Professor und alternirender Director des Lyceums, ein durch seine gelehrten Kenntnisse und durch sein treues und segensreiches Wirken ausgezeichneter Mann, welchen Hebel sehr schätzte, lud ihn zu sich ein. Hebel, der im Kreise dieser ihm sehr werthen Familie gern verweilte, und manche angenehme Stunde [LXVIII] schon früher in ihrer Mitte zugebracht hatte, nahm die freundschaftliche Einladung an. „Ich komme,“ – schrieb er am 6ten September seinem Freunde Nüßlin,„diesmal – erschrecken Sie nicht! – in der Qualität eines Patienten zu Ihnen; doch, Gottlob! ohne Arzneigläslein, auch ohne Bedürfniß von Kraftbrühen, zarten Gemüslein etc. etc., nur mit dem Bedürfniß des Stillelebens unter einem freundlichen Dach.“

Es war der 10te September, als Hebel zu Mannheim ankam. Noch brachte er seine Freundlichkeit und Artigkeit mit, aber seine heitere Laune schien entflohen zu seyn; ein stiller Ernst war an die Stelle getreten. Sogleich bei seiner Ankunft wiederholte er seinem Freunde den Wunsch, bloß im stillen Familienkreise zu weilen. An den folgenden vier Tagen wohnte er sowohl Vormittags als Nachmittags der Prüfung bei, hörte mit Aufmerksamkeit zu, redete freundlich mit den Schülern, und legte ihnen zuweilen Fragen vor. Abends begab er sich aber frühzeitig zu Bette.

Am 14ten September wurde die Prüfung zu Mannheim beendigt. An diesem Tage gaben ihm die Schüler der obersten Klasse den Wunsch zu erkennen, ihm zu Ehren einen Fackelzug in der kommenden Nacht zu veranstalten. Diese Ehrenbezeugung lehnte er ab, weil ihm ein solcher Aufzug zu geräuschvoll gewesen wäre, und ohnedies mehr für eine [LXIX] Universität, als für ein Lyceum geeignet schien. Aber die Einladung zu einer Fahrt auf dem Rheine nach dem Punkte hin, wo der Rhein und der Neckar zusammenströmen, nahm er an. Mit einer Gesellschaft von Freunden und Freundinnen entschloß er sich, an den Rhein zu gehen, und einen Kahn zu besteigen. Unter diesen befand sich auch die Gattin eines Freundes, der seit Hebels letztem Besuche gestorben war. Hebel bezeugte ihr seine Theilnahme. „Wenn wir alt werden,“ setzte er hinzu, „wandeln wir auf einem großen Kirchhofe. Glauben Sie mir, ich fühle das.“

Schon stand die Sonne ziemlich tief, als er mit seinen Begleitern den Kahn bestieg; aber heiter und ungetrübt leuchtete sie mit ihren sanften Strahlen, die sich über die stille Wasserfläche des prächtigen Rheinstroms verbreiteten. Es war, als ob die Sonne die Gegenwart des großen Sängers der Natur verherrlichen, und ihm an seinem letzten fröhlichen Abend noch einmal ein feierliches Lebewohl sagen wollte.

Unter heitern Gesprächen fuhren sie den Strom abwärts. Als sie sich aber der Landspitze näherten, bei welcher der Rhein und der Neckar sich vereinigen, bewegten sich vom Ausflusse des Neckars her zwei Kähne ihnen entgegen. Der eine, mit festlichem Laub geschmückt, trug die Schüler der obersten Klasse, die ihn hier empfangen wollten; auf dem andern befanden [LXX] sich Musicanten, um durch Blasinstrumente den festlichen Abend zu verherrlichen. Die Musik ertönte, und unter der Melodie: God save the king! fuhren die beiden Kähne heran. Zwei Jünglinge stiegen in das Schiff, auf welchem Hebel sich befand, begrüßten ihn mit einer kurzen Anrede, und brachten ihm ein lautes Lebehoch. Alle Anwesenden stimmten jubelnd ein unter dem Klange der Musik. Sämmtliche Schiffe fuhren hierauf langsam nebeneinander auf dem Neckar nach Mannheim zurück. Unter muntern Gesprächen und fröhlichen Gesängen und unter dem Anstoßen der gefüllten Gläser von einem Schiff in das andere hinüber wurde die Fahrt fortgesetzt und vollendet. Schon waren die letzten Strahlen der Sonne verschwunden, ehe sie am Ziele ihrer Fahrt ankamen, und der stille Mond mit seinem Glanze war aufgestiegen. Alles trug dazu bei, die Feier des Abends zu erhöhen. Auch Hebels frohe Gemüthsstimmung war wieder erwacht. Aus seinem verklärten Blicke strahlte Freude, und er versicherte, er habe schon lange keinen so frohen Abend mehr gehabt. Als er jetzt im Dunkel der anbrechenden Nacht die Leute bemerkte, die aus ihren Gärten zurückkehrten, und an dem Ufer hin der Stadt zueilten, so fiel ihm das mythologische Reich der Todten ein. „Es kommt mir vor,“ sprach er, „als ob wir auf dem Styx führen, und jene Fußgänger dort Schatten wären, die zu uns einsteigen möchten, aber vom Charon nicht zugelassen würden.“

[LXXI] Nach seiner Zurückkunft blieb er noch den ganzen Abend hindurch heiter, und unterhielt die Gesellschaft mit geistreichen Reden. Am folgenden Tage machte er einige Besuche. Aber bald bemerkte man keine Munterkeit mehr an ihm. Am 16ten klagte er, daß sein Uebelfinden zugenommen hätte. Einen Arzt jedoch wollte er noch nicht gebrauchen. Auch entschloß er sich, Mannheim an diesem Tage zu verlassen, um sich über Schwetzingen nach Heidelberg zu begeben, wo er nach zwei Tagen die Prüfung des Gymnasiums vornehmen wollte. Mit Rührung nahm er von Nüßlin und seiner Familie Abschied, und sprach sein Bedauern aus, daß er diesmal nicht genug zur Heiterkeit gestimmt gewesen sey.

Als er in Schwetzingen angekommen war, kehrte er im Hause seines Freundes, des Gartendirectors Zeyher ein. Zeyher war nicht anwesend, sondern befand sich zu Karlsruhe. Hebel, der sich sehr leidend befand, machte einen Spaziergang im Schloßgarten, aber ohne sich dadurch Linderung zu verschaffen. Bald verschlimmerte sich sein Zustand so sehr, daß er den Gedanken aufgeben mußte, die Prüfung in Heidelberg vorzunehmen. Auch die ärztlichen Mittel, die jetzt angewandt wurden, blieben ohne Erfolg. Zuweilen stellten sich heftige Schmerzen im Unterleibe ein, aber stets suchte er die Klagen zu unterdrücken. Seine Freundlichkeit verließ ihn nie, und zuweilen war er sogar wieder einige [LXXII] Augenblicke heiter. Auch brachte er noch bis zum 21ten September die meiste Zeit des Tages außerhalb des Bettes und völlig angekleidet zu.

An diesem Tage stellten sich Fieberbewegungen ein, und die Krankheit erreichte bald einen Grad, bei dem alle Hoffnung auf Rettung verschwand. Der Kranke vermochte jetzt nicht mehr aus seinem Bette aufzustehen. Sein Hausarzt, der geheime Hofrath Seubert von Karlsruhe, der an diesem Tage nach Schwetzingen berufen worden war, erkannte sogleich, daß alle menschliche Kunst zur Hülfe zu schwach sey. Die nämliche Ansicht hatten noch zwei andere anwesende Aerzte.

Hebel behielt bis zur letzten Stunde seines Lebens seine Gemüthsruhe; auch hegte er immer noch Hoffnung auf Genesung. Als Zeyher am 21ten September von Karlsruhe zurückgekommen war, so gab ihm Hebel seine Freude über seine Ankunft zu erkennen, bemerkte ihm, daß er sich besser befinde, und bat ihn, dem Großherzog, der sich nach Hebels Befinden erkundigen ließ, für seine Theilnahme zu danken. Aber schon den 22ten September Morgens um 4 Uhr war er entschlummert. Sein Alter betrug sechsundsechzig Jahre und einige Monate.

Bei der Section des Leichnams zeigte sich eine unheilbare Mißbildung der Eingeweide als Grund [LXXIII] seines Todes. Am 23ten September Nachmittags geschah die Beerdigung. Noch waren im Sarge seine Gesichtszüge kenntlich, und seine gewohnte Freundlichkeit schien noch um sein Antlitz zu schweben. Uneingeladen waren viele seiner Freunde und Verehrer, und unter ihnen mehrere Professoren von Heidelberg, und die Geistlichen aus der Gegend zu seinem Leichenbegängnisse gekommen. Unter dem Geläute der Glocken setzte sich der zahlreiche feierliche Zug in Bewegung, und begleitete den Sarg, der mit einem Lorbeerkranze und mit dem Commandeurkreuze des Zähringer Löwen geschmückt war, und von den Kirchengemeinderäthen von Schwetzingen getragen wurde, zu der Stätte der Todten. Der Himmel war heiter, die Luft mild, und die Sonne leuchtete in sanftem Glanze. Auf dem Kirchhofe wurde der Sarg noch einmal geöffnet. Einige Verse wurden von Schulknaben gesungen, worauf Bähr, Hebels College seit 1823, und sein Nachfolger als Prälat, eine kurze Rede hielt. Bährs Worte waren einfach, herzlich und rührend; die Augen[WS 8] aller Anwesenden schwammen in Thränen. Nach Vollendung der Rede wurde der Lorbeerkranz dem Hingeschiedenen um’s Haupt gelegt, und der Sarg eingesenkt. Von den beiden Ortsgeistlichen sprach der eine noch einen Nachruf am Grabe, und der andere hielt eine Rede in der Kirche, womit die Leichenfeier[WS 9] beschlossen wurde.

Wenn der Wanderer auf den Kirchhof zu [LXXIV] Schwetzingen kommt, so erblickt er einige Schritte von der östlichen Mauer gegen Heidelberg das Grab des allemannischen Dichters. Ein einfacher Stein deckt den Hügel, und nennt ihm den Namen des Hingegangenen, und das Jahr und den Tag seines Todes.

10.

Die Nachricht von Hebels Tod war eine allgemeine Trauerkunde im Badischen Lande. Jederman nahm mit Rührung Antheil, und wer ihn näher kannte, fühlte mit tiefem Schmerz, daß ein großer Geist geschieden, und ein edles Herz im Tode gebrochen sey.

Hebel war ein Mann von vorzüglichen Geistesgaben; er hatte einen großen Verstand, einen ausgezeichneten Witz und Scharfsinn, eine herrliche Phantasie, und ein treffliches Gedächtniß.

Er besaß viele gründliche und gelehrte Kenntnisse. Das viele Lesen liebte er zwar nicht. Bei seiner freien Geistesrichtung und dichterischen Gemüthsstimmung hatte er an weitschweifigen gelehrten Werken keine Freude. Auch glaubte er, daß durchs viele Lesen die eigenen Ideen zu sehr unterdrückt würden. Hinsichtlich der Schröckhischen Kirchengeschichte zum Beispiel gestand er, daß er nur ein einziges Mal einen Versuch mit einem Bande [LXXV] gemacht, aber darin nicht mehr als einige Blätter zu lesen vermocht habe. Besonders waren ihm große Werke, wenn sie bloß auf das Gedächtniß berechnet waren, zuwider. So äußerte er zum Beispiel, daß es ihm fast unbegreiflich sey, wie Meusel sein bekanntes Werk habe schreiben können, in welchem die Gelehrten gleichsam in Reihe und Glied aufmarschirten. Dagegen liebte Hebel kurz gefaßte, bündige und geistreiche Werke. In diesen las er gern; und mit Hülfe seines eigenen selbstthätigen Geistes wußte er mit leichter Mühe sich überall einzuarbeiten, auf dem gelegten Grunde trefflich selbst fortzubauen, und sich zu einem gründlichen Gelehrten zu bilden.

In allen Theilen der Theologie war er wohl bewandert. Besonders aber besaß er in der Exegese und in der Dogmatik gute Kenntnisse.

Als Philolog verdient er ebenfalls mit Ruhm erwähnt zu werden. Zwar in neueren ausländischen Sprachen waren seine Kenntnisse nicht von Bedeutung; aber im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen war er sehr gut bewandert.

In der Philosophie und in der Geschichte war er wohl unterrichtet. Auch in der Physik und Astronomie besaß er gründliche Kenntnisse. Besonders aber in der Naturgeschichte stand er auf einer hohen Stufe.

[LXXVI] Als Dichter steht er auf der glänzendsten Höhe. Sein Name leuchtet gleich einem nie erlöschenden Sterne erster Größe, der die Bewunderung aller Herzen verdient. In seiner Art ist er unübertrefflich, und hat bis jetzt seines Gleichen nicht. Besonders als Idyllendichter vereinigt er alles Liebliche und Schöne in sich, und ragt über alle andere Dichter dieser Gattung empor.

Als Redner verdient er gerechtes Lob, und die Vorzüge seiner Predigten werden immer Anerkennung finden.

Besonders auch in seinen Erzählungen für das Volk ist er vortrefflich zu nennen, und sein rheinländischer Hausfreund wird bei der Nachwelt in ehrenvollem Andenken bleiben.

Was er als Lehrer war, fühlen die dankbaren Herzen seiner zahlreichen Schüler. Sein Unterricht war gründlich, und durch seine seltene Lehrgabe in hohem Grade anziehend, und darum segensreich.

Auch bloß als Mensch betrachtet verdient er die hohe Achtung der Mitwelt und Nachwelt. Schon beim Lesen seiner Gedichte, Erzählungen, Reden und Aufsätze muß man inne werden, daß ein Mann, der so innig von dem Gefühle des Wahren, Guten und Schönen durchdrungen war, ein edler Mensch gewesen seyn muß. Sein Herz war fromm und vom [LXXVII] Geiste des christlichen Glaubens durchdrungen. Es gab Augenblicke, wo er sich skeptischen Betrachtungen hingab, oder unter Freunden in Aufstellung und Vertheidigung paradoxer Sätze sich gefiel, aber solche Augenblicke giengen bald vorüber. Sein Gemüth band ihn fest an das Christenthum, in welchem er einen göttlichen Ursprung und die reinste und tiefste Quelle des Trostes und Friedens erkannte. Der Glaube, den er in seinem Gemüthe trug, war der, den er in seinem kurz vor seinem Tode geschriebenen Katechismus aussprach. Dabei hatte er stets ein warmes Gefühl für Menschenwohl. Er war liebreich gegen seinen Nächsten, billig im Urtheil gegen Andere, bescheiden im Bewußtseyn seiner Verdienste, dankbar gegen Menschen, die ihm Gutes gethan hatten, und[WS 10] durchaus ein Freund der Wahrheit und des Rechts. Auch ein tiefes Gefühl für Freundschaft trug er in seinem Herzen. Am theuersten aber waren und blieben ihm seine Jugendfreunde. Wenn er Verstorbener gedachte, die ihm in jugendlichen Jahren theure Freunde waren, so verkündigte sein Blick und seine Stimme tiefe Rührung; und seine wohlwollende Gesinnung ward auch noch den Kindern derselben zu Theil.

Seine Weltansicht war eine heitere. Sein Grundsatz war: froh zu leben und ruhig zu sterben, die Freuden der Gegenwart zu genießen, und sorglos im Vertrauen auf Gott der Zukunft entgegenzugehen. Aber seine Freude war, wie er sie in einem seiner [LXXVIII] Lieder nennt, eine Freude in Ehren. Keine unedle Leidenschaft befleckte seinen Wandel. Begegnete ihm etwas Unangenehmes, so erhob sich sein Gemüth über das Schicksal, und der Geist der Zufriedenheit verließ ihn nie. Als er einmal einen bedeutenden Theil seines, erst in späteren Jahren erworbenen Vermögens, nämlich gegen 5000 Gulden, durch den Bankerott eines Mannes, auf den er ein zu großes Vertrauen gesetzt hatte, unerwartet verlor, so vernahm er die Nachricht mit bewunderungswürdiger Ruhe, und sprach davon mit einer Heiterkeit, wie sie nur das Gemüth besitzt, das die Fesseln der Erde nicht binden.

Unter seine Vergnügungen gehörten früher das Theater und gesellschaftliche Spiele. Später aber hatte er sowohl am Theater, als auch an gesellschaftlichen Spielen wenig Freude mehr. Nur in die Lotterie setzte er noch von Zeit zu Zeit, um, wie er sich ausdrückte, dem Glück, wenn es ihn je besuchen wollte, die Thüre nicht zu verschließen. An Concerten fand er wenig Vergnügen; und überhaupt liebte er bloß einfache und gemüthliche Musik. – Tafelmusik war ihm ganz zuwider.

Ein Hauptzug seines Charakters war Einfachheit und Liebe zur Unabhängigkeit. Alles Gezwungene und Erkünstelte war ihm fremd und zuwider. Frei von allem Pedantischen war sein Reden und Thun. Selbst im Wissenschaftlichen bekümmerte er [LXXIX] sich wenig um das, was er für Nebensache hielt. So zum Beispiel gewöhnte er sich nie an die strengen Regeln der Metrik der Alten; sein freier Geist band sich nicht an solche ihn beengende Formen. Namentlich sind seine Hexameter sehr oft nicht ganz kunstgerecht abgefaßt, worauf ihn schon Göthe aufmerksam machte.

Die Gabe eines angenehmen gesellschaftlichen Umgangs hatte wohl selten ein Mensch, wie Hebel sie besaß. Seine freundliche Heiterkeit, seine ruhige Sanftmuth, seine edle Bescheidenheit, seine eigenthümliche Laune, seine kindliche Naivetät, sein unerschöpflicher Witz, und sein tief eindringendes geistreiches Wesen machte ihn zum liebenswürdigsten Gesellschafter. In allen Orten und Gegenden, wo er sich aufhielt, weilte Jedermann mit Vergnügen in seiner Nähe; so wie es ihm selbst sehr angenehm war, in der Gesellschaft freundlicher und heiterer Menschen zu seyn, und zu ihrem Frohsinn beizutragen. Nur in großen glänzenden Versammlungen zeichnete er sich nicht aus; seine Bescheidenheit und Abneigung gegen alles Prunkende hielt ihn zurück.

In den ehelichen Stand trat er nie. Zwar hatte er vielen Sinn für das Glück eines stillen und vertrauten Familienlebens, und nach Allem zu urtheilen, würde er ein guter Gatte und Vater geworden seyn. Aber in seinen jüngeren Jahren mochten ihn seine geringen Besoldungsverhältnisse vom Heirathen [LXXX] abgehalten haben; und später war er in dieser Hinsicht zu bedenklich und zu unentschlossen geworden.

Sein Aeußeres war sehr ansprechend; sein Gesicht heiter, edel und geistreich; seine Augen braun und freundlich; seine Stirne hoch; seine Nase etwas gebogen; sein Haar kraus, – früher dunkelbraun, und später silbergrau. Um seinen Mund spielte ein sanftes Lächeln. Sein Körper war wohl gebaut; nicht ausgezeichnet groß, doch etwas mehr als mittelmäßig; seine Haltung aufrecht und würdig, sein Gang etwas mit der Brust vorwärts gekehrt, und gleichgültig hinschlendernd. Unter den Bildnissen, die man von ihm hat, zeichnet sich zwar ein von Müller gezeichnetes und von Lips in Kupfer gestochenes durch Feinheit des Stiches aus, und dieses wurde auch bei der zu Leipzig und Zwickau erschienenen Sammlung der Bildnisse berühmter Leute zum Muster genommen; aber es fehlt dabei an der gehörigen Aehnlichkeit. Dagegen ist Hebels Bild, welches von Agricola gezeichnet wurde, und das schon vor ungefähr zwanzig Jahren in der Müllerischen Hofbuchhandlung zu Karlsruhe im Steindruck erschien, und zuletzt noch von Nehrlich für die Ausgabe seiner Werke in Stein gezeichnet [LXXXI] wurde, völlig getroffen, und Jedem, der ihn im Leben sah, auf den ersten Anblick kenntlich. Eine andere Zeichnung von Agricola, auf welcher Hebel dargestellt ist, wie er einem ihm zur Aufsicht empfohlenen Mädchen eine väterliche Zurechtweisung ertheilt, erschien vor einigen Jahren bei Mansfeld in Wien, und nachher bei Velten in Karlsruhe im Steindrucke, aber hier mit einem aus den allemannischen Gedichten entlehnten unpassenden Verse versehen. Auch diese Zeichnung hat Aehnlichkeit, aber sie stellt ihn in höherem Alter, und darum mit etwas verschiedenen Gesichtszügen dar.

Sein Vermögen, das er, nach Abzug der oben erwähnten bei einem Bankerott verlorenen Summe, noch behielt, bestand in ungefähr 7000 Gulden. Diese Summe wurde unter seine Verwandten zu Hausen und in der jenseitigen Pfalz gesetzmäßig vertheilt. Ein Testament hinterließ er nicht. Früher war es sonst immer ein Lieblingsgedanke von ihm, zwei Stiftungen für die Gemeinde zu Hausen zu machen, die eine für arme Schulkinder zur Anschaffung der ihnen nöthigen Bücher, die andere zur Erquickung alter Männer, denen an jedem Sonntag ein Schoppen Wein im Wirthshause zu Hausen [LXXXII] unentgeldlich verabreicht werden sollte. Ehe er aber diese Plane ausführte, trat unerwartet der Tod ein.

Nach seinem Tode kaufte die Müllerische Hofbuchhandlung zu Karlsruhe von seinen Verwandten seine hinterlassenen Papiere sammt dem Verlagsrechte für dessen sämmtliche Werke. Diese Papiere, die zum Theil mühsam eingetrieben werden mußten, weil Hebel Manches seinen Freunden mittheilte, ohne eine Abschrift zu behalten, ließ die Buchhandlung durch einen Verein mehrerer sachverständiger Männer durchgehen; und so wurde das, was für würdig zur Aufnahme in die Sammlung seiner Werke erachtet ward, zum Drucke ausgesondert.

Im freundlichen Thale, wo die Wiese strömt, in der Nähe von Schopfheim steht ein Berg, mit alten Eichen bewachsen, welcher eine prächtige Aussicht gewährt, und die Hebelshöhe heißt. Schöne Terrassen wurden von den Bergleuten von Hausen, welche den Sänger, als die Botschaft seines Todes gekommen war, ehren wollten, an diesem Berge erbaut. Hebels Freunde in jener Gegend weihten den Berg sodann feierlich ein, und gaben ihm seinen Namen. Auch in Karlsruhe wurde ein Plan zu einem Denkmal entworfen. [LXXXIII] Durch reichliche Beiträge von Freunden Hebels aus verschiedenen Gegenden, und besonders durch die huldvolle Unterstützung des Großherzogs Leopold, des hohen Beförderers alles Guten und Edeln, wird der zu diesem Endzwecke zusammengetretene Verein in den Stand gesetzt werden, dem allemannischen Dichter auch in der Stadt ein Denkmal zu setzen, in welcher er am längsten gelebt, gelehrt und im Segen gewirkt hat.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. laut Hebels Werke. Erster Teil (= Deutsche National-Litteratur. Band 142). Spemann, 1883, S. xli Google USA
  2. Vorlage: verbreite
  3. Vorlage: Ansgabe
  4. Gewöhnliche Simsenlilie (Tofieldia calyculata Wahlenb.)
  5. Hebelia allemannica C.C.Gmel. – Abbildung aus Flora badensis bei Pictura Paedagogica Online
  6. Vorlage: genann-
  7. Vorlage: mit|theilten
  8. Vorlage: Augrn
  9. Vorlage: Leichenfeirr
  10. Vorlage: uud