Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Septuagesimä 1836

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« Am 3. Sonntag nach Epiphanias 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag Sexagesimä 1836 »
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Am Sonntag Septuagesimä.
(Altdorf 1836.)


4. Mos. 6, 23–27. Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet: Der HErr segne dich und behüte dich! Der HErr lasse Sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! Der HErr hebe Sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden! Denn ihr sollt Meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß Ich sie segne.

 Zum Priestertum gehört auch das Segnen, und dieses dritte Stück des Priestertums ist es, von welchem uns heute zu reden übrig ist.


I.
 Daß das Segnen zum Priestertum gehört, erkennen wir auf das deutlichste in unserm Text. Denn dieser Text enthält Worte Gottes, welche ER bei Einsetzung des Priestertums gesprochen hat. Die Worte aber lauten, wie folgt: „So sollt ihr zu den Kindern Israel sagen, wenn ihr sie segnet,“ und nachdem der HErr die Priester jenen heiligen Segen gelehrt hat, welcher noch heute von jedem Priester am Altar über das Volk gesprochen wird, in welchem die Anbetung des dreieinigen Gottes und der Name des dreieinigen Gottes befohlen wird, wiederholt Gott den Befehl an die Priester: „Ihr sollt Meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß Ich sie segne.“ Gleichen Sinnes sind die Worte von der Einsetzung des Stammes Levi zum priesterlichen Stamm (5. Mos. 10, 8): „In selbiger Zeit hat der HErr abgesondert den Stamm Levi, zu tragen die Lade des Bundes des HErrn, zu stehen vor dem Angesicht des HErrn, Ihn zu bedienen und zu segnen| in Seinem Namen, bis auf diesen Tag.“ – Und wie das Segnen im Alten Testament überhaupt den Priestern befohlen war, so war es insbesondere dem Hohenpriester bei seinem Amte am großen Versöhnungstage aufgegeben. Darum haben auch, solange der Tempel zu Jerusalem stand, und solange Priester und Hohepriester in demselben dienten, beide, Priester und Hohepriester, das Recht des feierlichen Segensprechens ausgeübt. Wenn z. B. am großen, jährlichen Versöhnungstage der Hohepriester das Blut des Sühnopfers ins Allerheiligste brachte, lag in den Vorhöfen das ganze Volk Israel auf seinem Angesichte voll Schmerz über die Sünde. Wenn dann der Hohepriester die Opfer vollendet hatte, trat er vor die ganze Gemeinde, hob seine beiden Hände empor zum Himmel, von dannen Segen zu empfangen, wandte dann seine Hände gegen die Gemeinde, hob die drei ersten Finger bei dem Namen Jehovah, den außer dem Hohenpriester bei dieser Handlung kein Jude auszusprechen wagte, hob bei diesem Namen die drei ersten Finger höher und neigte sie gegen das Volk und sprach also den dreifachen Segen des allerheiligsten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Geistes. Dann stand das Volk fröhlich auf und ging im Frieden und Segen des HErrn von dem Tempel in seine Hütten. – Gleich also thun die Priester in der evangelisch-lutherischen Kirche auch, nur daß sie bei Aussprechung des gebenedeiten Namens nicht diesen Namen, sondern das Zeichen des Neuen Bundes, das Kreuz, über die Gemeinde zeichnen. – Aus alle dem erkennen wir, daß Segnen zum Priestertum gehöre. Um jedoch allen Zweifel zu beseitigen und die Gewißheit stark zu machen, erinnern wir noch an jenen größten aller alttestamentlichen Priester, der schon vor der Zeit des mosaischen Gesetzes, zu Abrahams Zeit, in der geheimnisvollen Stadt Salem, selbst geheimnisvollen Wesens, wohnte, an Melchisedek, der da ein Bild war des zukünftigen Hohenpriesters Christus. Von diesem wissen wir aus der heiligen Schrift zwar nicht, daß er geopfert oder Fürbitte gethan hat, aber da Abraham von der Könige Schlacht heimkehrte, ging er heraus und segnete, größer als ein Patriarch, den Abraham und empfing aus seinen| Händen die Gabe des Zehnten. In Abrahams Leben aber geht mit diesem Segen Melchisedeks sichtlich eine neue, himmlischere Zeit an. So sehen wir auch an dem Beispiel des Melchisedek (1. Mos. 14, 19; Hebr. 7, 1. 6. 7), daß Segnen ein wesentliches Stück des Priestertums ist.


II.
 Nach diesem brauchen wir eigentlich von Christo nichts zu wissen, als daß ER ein wahrhaftiger Priester ist, um daraus auch gewiß zu wissen, daß zu Seinem Amte das Segnen gleicherweise gehört habe. Und da wir von Seinem unvergänglichen Priestertum längst überzeugt sind, so zweifeln wir auch an Seinem unvergänglichen Segensamte nicht. Und wenn wir uns erinnern, daß Christus Gott und Mensch in einer Person ist, so müssen wir Seinen Segen für kostbarer anerkennen, als alle Segen alt- und neutestamentlicher Priester. Denn Sein Segen muß göttlich und menschlich zugleich sein. Stellt euch einen frommen Vater, eine liebreiche Mutter vor, welche, nach dem allgemeinen Priestertum des Neuen Bundes, zu irgend einer feierlichen Zeit des Jahres beschließen, ihren Kindern den Segen – Vater- und Muttersegen – zu erteilen: so menschlich, freundlich, lieblich muß auch der Segen Christi sein. Denn wer für uns Mensch ward, um für uns zu sterben und unserm Elend, es mag Namen haben, welche es will, Abhülfe zu thun und eine völlige Erlösung zu stiften, wer diese Erlösung mit Überwindung nie genug erkannter und erwogener Hindernisse vollbringt, der, Brüder, hat ein Herz, reicher an zärtlicher Liebe, als Väter und Mütter. Seine Segnungen, aus einem für uns durchbohrten Herzen fließend, müssen menschlicher, freundlicher, lieblicher sein, als Vater- und Muttersegen. Dazu so viel höher der Himmel ist, als die Erde, ja, so viel größer und gewaltiger Gott ist, als ein Mensch, so viel Unterschied zwischen Gottes Werken und Menschenwerken ist: ein ebensolcher Unterschied ist zwischen Christi Segen und aller Väter und Mütter, aller Priester, aller Menschen Segen. Segnen heißt Gutes wünschen. Wenn Menschen segnen, wenn auch ihr Segen mit Gebet und Flehen| zu Gott geht, ist er doch nicht immer mit Gottes Segen und Gedanken eins, zeugt oft nur von dem liebevollen Herzen der Segnenden, ohne daß er in Erfüllung geht. Wenn Priester am Altar segnen, segnen sie zwar im Namen des HErrn; aber der Segen des HErrn aus der Priester Mund hat Seine geheimen Wege, und an wem er in Erfüllung gegangen, wer für denselben empfänglich gewesen ist, davon zeugt erst der Tag, der über alle geheimen Wege Gottes Licht und offenbares Recht verbreitet. Der Priester Segen ist ein heiliges Geheimnis und nicht zu verwechseln mit anderer Menschen Segen. Christi Segen, als unmittelbarer Gottessegen, ist kein bloßer Wunsch aus freundlichem Herzen, sondern ein Wort dessen, der da spricht, so geschieht’s, der gebeut, so steht’s da; denn ER selbst ist Gott. Wen ER segnet, von dem steht geschrieben: „Seine Gesegneten bleiben gesegnet!“ Gottes und unseres ewigen Hohenpriesters Segnungen überwinden die Welt, wenn ER segnet, gehen höher, als die Sündflut, weiter, als die Wolken, fassen die Erde ein und werden vom Himmel nicht gefaßt, so groß sind sie. Denn wie Seine Liebe, so Sein Segen; ja, wie Sein Herz, so Sein Segen. Sein Herz aber hat Raum für eine Welt und göttliche Macht! Selig, wer von dem HErrn JEsu Christo, dem ewigen Priester, dem großen Gott gesegnet wird!


III.

 Christus, der ewige Hohepriester, hat aber auch gesegnet zur Zeit Seines Erdenwandels, ER segnet noch, ja, ER ist so voll Segen, daß ER selbst ein Segen der Welt ist und heißt.

 1. ER hat gesegnet die Kindlein mit Auflegung Seiner Hände und ihnen vor allen Sterblichen das Himmelreich zugesprochen (Mark. 10, 16). Jene Kinder waren noch nicht getauft, aber der Segen des hochwürdigsten Hohenpriesters war ihre Taufe. Selige Kinder, wer mit euch unter den segnenden Händen Christi und an Seiner Brust gelegen wäre! Wie möget ihr gewandelt haben, wie in Seinem Namen, wie um Seines Namens und Bekenntnisses willen gestorben sein!

|  2. Ferner, als der HErr sein Opfer vollbracht und über Tod und Grab den Sieg gewonnen hatte, als ER wieder auferstanden war und vierzig Tage lang Seine Jünger gelehrt hatte, die Elfe, führte ER sie hinaus gen Bethanien, um vor ihren Augen aufzufahren, zu Seinem Vater und zu ihrem Vater, zu ihrem Gott und zu Seinem Gott, einzugehen mit Seinem eigenen Blut in das Allerheiligste. Und wie der Hohepriester des Alten Testaments, nachdem er im Allerheiligsten gewesen, den Segen sprach, so war es ein Vorrecht des großen und ewigen Hohenpriesters, vor Seinem Eingang ins himmlische Heiligtum Seinen Jüngern und denen, welche durch ihr Wort an Ihn gläubig werden sollten, den Segen zu sprechen. ER hob Seine Hände auf, ER segnete sie, Sein Leib glänzte wie die Sonne, Seine Wunden in Seinen Händen strahlten Segen, und also segnend ward ER aufgehoben. Segensgebärde war die letzte Gebärde, welche die Welt von Ihm sah, die Welt, die Ihm nur Fluch und Leid in Seine Krone geflochten hatte.
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 3. In Seinen Jüngern segnete ER Seine ganze Gemeinde. Wie dieser Segen in Erfüllung gegangen ist, davon ist der erste Pfingsttag ein lautes Zeugnis: in Flammen, in Kräften des heiligen Geistes ging der Segen aus. Davon ist die Erde selbst ein Zeugnis, welche Seines Segens immer voller wurde. Davon ist die Menge der abgeschiedenen Gläubigen Zeuge, das stille Paradies der Frommen, das auf den letzten Tag harret, denn dies Paradies grünt, blüht, trägt seine Früchte durch Seinen Segen. – Ja, alle Seine Weissagungen auf eine letzte schöne Zeit, wo eine Herde und ein Hirte sein wird, wo Seine Kirche triumphieren, Seine Gläubigen in das Schauen dessen übergehen werden, was sie hier geglaubt haben, es sind lauter Segnungen des ewigen Hohenpriesters. Und die ganze Geschichte der Welt, deren Ende bis jetzt noch aufgehalten wird, ist nichts anderes, als eine Erfüllung dieser geheimnisvollen Segnungen. Und wenn Seine Segnungen werden erfüllt sein, wenn das Land Seiner Segnungen voll ist, gleichwie der Meeresgrund mit Wellen überdeckt ist, dann wird auch die Welt ihr Ziel erreicht haben,| welche ja nur übrig bleibt, solange sie als Zeugin Seiner Thaten vorhanden ist. Bis dies Ziel erreicht ist, bis am letzten Tage der ewige Hohepriester aus dem Heiligtum hervorkommt sichtbar, und mit ewigem Segen Seine Kirche begrüßt, ist alles Gute, das wir erfahren, aller Segen Leibes und der Seele, liebe Brüder, nur ein Beweis, daß der ewige Hohepriester noch lebt und segnet. Durch Seine Hand fließt Gnade um Gnade zu, wie Sein Mund Gnade um Gnade für uns bittet und uns zusegnet. In Seiner Fülle leben wir unsere Lebenstage dahin, in den reichen Gütern Seines Hauses, in der Erfüllung Seines immerwährenden Vatersegens leben, weben und sind wir. Aber leider sind wir ein vergeßliches Geschlecht und ein undankbares, das unter den Segenshänden des ewigen Hohenpriesters dahintanzt, wie Mücken im Sonnenstrahl, erfreut vom Glück, aber danklos, ohne Lied, ohne Sang und Klang! – O tadelhafte Gesinnung und beklagenswerte Blindheit des Herzens, die um so beklagenswerter ist, wenn man bedenkt, daß dieser ewige Hohepriester nicht von uns fern ist. Seine Hände schweben zwar über uns, aber Seine Füße stehen mitten unter uns, die Erde ist Seiner Füße Schemel; ER ist bei uns und selbst unser größter Segen. Alles, was ER giebt, bringt Segen, ER selbst aber ist lauter Segen und ein Quell des Segens. ER ist ja der Same, welcher dem Abraham verheißen ward, in welchem alle Völker gesegnet werden sollten, Ihn hat ja der Vater unter uns gesendet, uns zu segnen, daß wir an Ihm Sein segenvolles Vaterherz erkennen sollten. Was haben wir an Ihm nicht alles? ER ist die Versöhnung für unsere Sünden, unser Friede, unsere Freude, unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung, unseres Lebens Leben, unseres Todes Tod, welche Namen gebühren Ihm nicht? Wo ist etwas Schönes, Großes oder Gutes, das wir in Ihm nicht hätten, das der nicht hätte, der Ihn hat? – O Du ewig segensvoller Hoherpriester und unser größter Segen, habe Dank für Deine Offenbarung, daß wir Dich kennen und wissen, daß Du mit ausgebreiteten Armen, mit segnenden Händen uns aufgenommen hast und noch bereit bist, alle aufzunehmen, welche, mühselig| und beladen im Geist, nur eine Erquickung, eine Ruhe erquicken und beruhigen kann, die Erquickung, die Ruhe an Deiner Brust!


IV.

 Weil wir denn einen segensvollen Hohenpriester haben, welcher uns auch berufen hat, selbst zu segnen, so lasset uns auch Seinem himmlischen Berufe folgen. Ihm zu Dank und Preis. Euer ganzes Leben, euer Gang durch die Straßen eurer Stadt, euer Wandel in euren Häusern, euer Wachen und euer Schlafen, werde wie das Leben und Wandeln des ewigen Hohenpriesters, ein immerwährendes Segnen. Segnet vor allen, liebe Brüder,

 1. euren Gott und euren Hohenpriester und sprechet: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HErrn!“ Gott segnen heißt Gott loben! Segnet, lobet euren Gott! An andern Teilen unseres priesterlichen Gottesdienstes kann man uns auf allerlei Weise stören, irren, davon abhalten. Aber den HErrn loben können wir, wenn wir nur wollen, und unsere Herzen dazu stimmen lassen, ohne Anstand, allemal, bei Tag und Nacht. Da brauchen wir keine Glocken, keine Kirche, keine Zuhörer, keine starke Stimme, keinen Vorrat an ausgesuchten Meditationen und Worten, keine Anstrengung des Gedächtnisses, sondern nur ein wackeres, evangelisches, belebtes Herz dazu. Lobet denn den HErrn, liebe Brüder, und preiset Ihn, alle Seine Knechte! Denn Seine Gnade und Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit. Lobet den HErrn!

 2. Segnet Gottes Freunde, Gottes Kinder! Die Gesegneten des HErrn segnet, damit ihr unter ihnen erfunden und mit ihnen gesegnet werdet! Von Gottes Gesegneten heißt es: „Ich will segnen, die dich segnen, und will fluchen, die dich verfluchen!“ Auf daß ihr mit Gottes Kindern gesegnet werdet, so segnet sie und schmähet sie nicht mit der Welt, die da verkauft ist, Übles zu thun!

 3. Segnet, Brüder, die Euren! Segnet, ihr Gläubigen, die Stadt, in welcher ihr wohnet, denn es steht geschrieben:| „Durch den Segen der Frommen wird eine Stadt erhöhet!“ (Spr. 11, 11). Segnet, ihr Väter und Mütter, eure Häuser, eure Kinder, denn der Segen der Eltern, so er aus frommen Herzen kommt, ist Weissagung von dem HErrn und eine Bürgschaft des Wohlergehens für die Nachkommen! Segnet, Brüder, eure Geschwister, eure Nachbarn; gegenseitiges Segnen bringt Eintracht, aber wo der Segen nicht geübt wird, da ist Zwietracht. Wo Segen ist, da singt man in den Hütten der Gerechten: „Wie fein und lieblich ist’s, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aarons herabfließt in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid. Wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zion!“ Ja, wo man einander segnet im Namen des HErrn, da ist Zion, da wohnt Gott, da ist eine Hütte Gottes unter den Menschen, daselbst verheißt Gott Segen und Leben immer und ewiglich!

 4. Segnet, Brüder, segnet eure Feinde! Fünfmal ist auf das ausdrücklichste und sonst noch oftmals den Kindern Gottes geboten, ihre Feinde zu segnen! Brüder, seid ohne Falsch, wie die Tauben! Wer sind wir, daß wir zürnen sollten, oder daß man uns beleidigen könnte? Haben wir nicht alle mehr verdient, als uns widerfährt? Nehmt jeden Backenstreich als eine Züchtigung von Gott, so wird es euch leicht werden, den Menschen, durch welchen er gereicht wird, zu segnen! Wahrlich, es ist süß, die Feinde zu segnen, es ist himmlische Süßigkeit, aber Rache und Groll ist höllische Freude. Ihr Kinder des Himmelreichs, nehmt hin die himmlische Freude, und segnet eure Feinde und leget einen Kranz von brennenden Kohlen der Liebe auf ihre Häupter: er sieht schön aus vor Gott, wenn auch eure Feinde durch ihn nur Brand und Schmerzen fühlen!

 5. Aber, Brüder, so sehr ihr vermahnet werdet, eure Feinde zu segnen, so sehr werdet ihr gewarnt, die Feinde Gottes zu segnen. Der Fürst der Welt, seine Knechte, seine Kinder, ihr Beginnen ist es, um welches David betet mehr als einmal: „Ich hasse ja, HErr, die Dich hassen!“ Wohl| giebt es ein Gebet, einen Segen, daß Gottes Feinde Gottes Freunde werden mögen, das bleibt, das geht Hand in Hand mit dem Haß des feindlichen Sinnens und Thuns! Es ist ein besonderes Lob, welches der HErr in der Offenbarung denen spendet, die ER liebt, die Ihm gefallen, daß sie die Bösen nicht tragen könnten, noch huren würden dem Herrn dieser Welt nach samt dem Weibe Jesabel! Es schweige der Segen, es wehe Gebet auf wider die, die Gott widerstreiten, daß sie nicht hinausführen ihres Herzens Gedanken, daß wie Babels Turm ihre Pläne vernichtet werden! Das Wehe, welches der HErr über die Pharisäer u. dgl. spricht, bleibe auch im Munde der heiligen Kirche, daß nicht des Satans Beginnen gar von den Gläubigen gelobt, durch ihre Gebete getragen werde. Wie unsere Väter wider die Türken, so lasset uns wider die Rotte der Abgefallenen, der Weltlinge und Heuchler beten, die unter dem Schilde des Namens christlicher Leute der Heiden Thun einführen zum Jauchzen der Hölle! Glühender Haß dem Reich der Finsternis! Wo der nicht ist, ist auch keine Liebe zu dem HErrn!




 Warum, Brüder, warum aber ist keine Freude, kein Dank für JEsu Segen, keine Nachahmung desselben, keine Befolgung Seiner Segensgebote, kein Haß der Welt, kein Licht über den großen Unterschied zwischen Gott und Welt in der Christenheit? Darum, Brüder, weil man noch nicht wie Jakob an der Furt Jabok gesegnet worden ist von dem ewigen Hohenpriester, weil man noch keinen neuen Namen, kein neues Herz empfangen hat, weil man ihn noch nicht empfangen hat, den ewigen Segen, und dennoch träumt, auf guten Wegen zu sein! Und warum hat man noch keinen Segen empfangen? Weil man ihn noch nicht gewollt, noch nicht gesucht, noch nicht erfleht hat, weil man sich noch in kein Ringen mit Gott, dem Hohenpriester, eingelassen, weil man noch nicht gesagt hat im höchsten Drang der Seele, in der höchsten Sehnsucht des Herzens: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“ Das Himmelreich leidet Gewalt seit den Tagen Johannes, und die| Gewalt thun, dringen hinein, das ist, nach Auslegung des Propheten Hosea: „die durch Gebet und Thränen mit Gott ringen wie Jakob.“ Und warum hat man noch nicht gekämpft, warum scheut man sich, sich in diesen Kampf einzulassen und darin zu verharren? Darum, weil man das Schicksal Jakobs fürchtet, der, nachdem seine Seele durch den Segen Christi genesen, am Leibe hinkend geworden war, weil man vor der Welt nicht hinkend, nicht einseitig werden will, auch wenn man nicht anders vor Gott ein ganzer Mann werden kann! Weil man keine Kraft in sich fühlt, wie Jakob Weib und Kinder, ja die ganze Welt und ihre Lust vor sich über die Furt zu schicken und mit Gott allein zu bleiben, weil Herz und Lust am irdischen Wohlergehen hängt und man die Fleischtöpfe Ägyptens für süßer hält, als mit Christo und dem Volke Gottes Schmach zu leiden! Weil das Kreuz den Juden, das ist, den Stolzen und Selbstgerechten, heute noch ein Ärgernis, und den Griechen, das ist, den Leichtsinnigen, welche die christliche Freiheit zum Deckel der Bosheit nehmen, eine Thorheit, eine Schwachheit, ein Zeichen solcher Leute ist, die da den freien Weg, das ist, die breite Straße, nicht mögen, wo man im Trubel und Tumult der Menschen zu einer weiten Pforte der Verdammnis, in einen Meereshafen fährt, wo man mit ewigen Wellen zu kämpfen hat!
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 Geliebte Herzen, denen ich ewiges Leben gönne, gleichwie der fromme Wundarzt, der ein Glied abschneidet, des Leibes gänzliche Genesung wünscht! Geliebte Herzen, ernste Worte sind das und sollen es sein, gesprochen nach allgemeinem Bedürfnis eurer Seelen, nicht für wenige unter euch! Ernste Worte sind es und sollen es sein! Mögen sie euch zum Segen für eure Seelen werden! Mögen sie in euch in ihrer Summa klingen: „Rein ab und Christo an!“ Möge eure Seele von ihren Banden frei werden, von ihren Fesseln und Bleigewichten los, eingehen in den stillen, sicheren Hafen, wo Gottes Kinder in heiliger Liebe für alle Menschen wohnen, Glück und Segen jeder Seele gönnen! Ja, ja, meine herzlich Geliebten, ja, ihr, die ich schmerzlich liebe, weil meine Seele sieht, daß ihr den Weg des Friedens nicht wählt, noch versteht,| meine Geliebten, der HErr, der ewige Hohepriester, der Engel, der Jakob erlöset hat von allem Übel, der erlöse euch von eurer Blindheit, von euren Sünden, von den Strafen derselben, und schenke euch in Seinen Wunden und unter dem Schatten Seiner Flügel Segen des Lebens, ein neues, demütiges Herz und einen neuen Namen, den Namen der Kinder Gottes! Amen! Amen.




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