RE:Bremse

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band III,1 (1897), Sp. 827–828
Bremsen in der Wikipedia
Bremsen in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|III,1|827|828|Bremse|[[REAutor]]|RE:Bremse}}        

Bremse Die Bremse (οἶστρος, tabanus bovinus, vgl. Aubert-Wimmer Aristot. Tierk. I 168) entsteht nach Aristoteles aus den kleinen breiten Würmern, welche auf der Oberfläche der Flüsse laufen (Arist hist. an. V 19 p. 138, 20 B. Schol. Odyss. XXII 299), der ihr verwandte μύωψ (Blindfliege) entsteht aus verwesendem Holz (Arist. hist. an. V 19, 139 B). Er rechnete sie zu den Dipteren (Arist. hist an. I 9, 19. Meyer Arist. Thierk. 218f.), weil sie mit ihrem Rüssel stechen. Eine charakteristische Beschreibung beider Insectenarten fehlt bei ihm; gelegentlich berichtet er, dass beide einen festen, bestachelten Rüssel haben, welcher durch das Fell der Tiere hindurchsteche [828] (Arist. hist. an. IV 7, 98. IV 4, 92), und dass die Augen des μύωψ wassersichtig werden (Arist. V 20, 141). Die genauere Unterscheidung beider B.-Arten ist das Verdienst des Sostratos, eines Arztes und Naturforschers der augusteischen Zeit (vgl. M. Wellmann Herm. XXVI 344f.), dessen Bericht aus den Schol. Apoll. Rh. I 1265. Schol. Theocr. VI 28. Schol. Odyss. XXII 299. Ael. n. a. IV 51. VI 37 zu reconstruieren ist; vgl. Schol. Nic. Al. 160. Hes. s. μύωψ. Darnach gleicht die B. einer sehr grossen Fliege, hat einen harten Körper, einen starken Stachel an dem Munde und giebt einen summenden Ton von sich, während die Blindfliege der Hundsfliege (κυνομυία) gleicht, einen kleineren Stachel hat, aber stärker summt. Die B. peinigen besonders die Rinder und machen sie rasend (Schol. Apoll. Rh. Schol. Odyss. a. a. O.); schon Homer (Od. XXII 300) hatte die angstvolle Flucht der Freier vor Odysseus mit der der Rinder verglichen, welche im Hochsommer vor der B. flüchten. Die Io, welche von Hera in eine Kuh verwandelt war, wurde von einer B. in Raserei versetzt und durchirrte in diesem Zustande viele Länder und Meere, bis sie in Ägypten Ruhe fand (Apoll. II 1, 8, 5f.). Ampelos, der schöne Geliebte des Dionysos, kam, weil er sich hatte hinreissen lassen, die Selene durch stolze Reden zu beleidigen, durch den Sturz vom Stiere ums Leben, den Selene durch eine Blindfliege wild gemacht hatte (Nonnos XI 191f.). In beiden Sagen ist es die B., welche das Tier rasend macht und dadurch Unheil anrichtet. Dieser physische Vorgang ist von den Griechen beim Menschen auf das geistige Gebiet übertragen worden und hat ihnen Anlass gegeben zur Personification der wahnsinnigen, rasenden Wut (οἶστρος), mit der die Götter die Frevler strafen. In der erhaltenen Litteratur lässt sich diese Personification nicht nachweisen (nach Poll. IV 149 war der οἶστρος eine tragische Person), dagegen in der bildenden Kunst: am bekanntesten seine Darstellung auf der colossalen Prachtvase aus Apulien in München nr. 810 (vgl. Millin Tombeaux de Canosa pl. VII–X) als Jüngling dargestellt mit zwei weissen Schlangen im Haar und zwei Fackeln in den Händen als Lenker des Wagens der Medeia, durch die Beischrift gesichert. Vgl. Körte Über Personificat. psych. Affecte in der späteren Vasenmalerei, Berl. 1874, 6f. 38f.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band S VIII (1956), Sp. [S_VIII 16]–19
Bremsen in der Wikipedia
Bremsen in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|S VIII|16|19|Bremse|[[REAutor]]|RE:Bremse}}        
[Abschnitt korrekturlesen]

Bremse (zoologisch). Es werden hier die zu der Familie Tabanidae Lesch gehörigen Fliegen behandelt, von denen den Alten fünf bekannt waren.

1. Rinder-B. (Tabanus bovinus L.), οἶστρος tabanus. Sie begegnet zuerst bei Homer Od. XXII 300: die Freier zittern vor Odysseus wie Rinder, wenn der αἰόλος οἶστρος sich nähert zur Zeit, wenn die Tage länger werden; das Epitheton ornans drückt die schnelle Bewegung aus, die, wie ich in ungefährer Übereinstimmung mit den Forschungen Reinhard Demolls (Der Flug der Insekten und der Vögel, Jena 1918) festgestellt habe, 16 m/s beträgt. Die Sage, daß Io von einer B. verfolgt worden ist, findet sich oft bei den Tragikern (z. B. Aischyl. Prom. 566. 878; Suppl. 540), das Wort οἶστρος bedeutet aber bereits von Sophokles an bei den Dichtern nur allgemein ,Raserei‘.

Aristoteles nennt den οἶστρος oft, aber nur in Aufzählungen mit μίωψ u. a. zusammen, so daß sich nicht feststellen läßt, ob er wirklich Tabanus bovinus darunter verstanden hat. Ebenso wenig läßt sich aus den ersten Stellen der römischen Literatur feststellen: Varr. r. r. II 5, 14. Plin. n. h. XI 100. Das Tier war offenbar so bekannt, daß es sich erübrigte, es näher zu beschreiben. Das erste zoologisch Wichtige findet man bei Ailian. hist. an. VI 37 (s. nr. 2); ferner Schol. Nicand. al. 160 (Quelle Aristoteles’ Ζωïκά): ,Die Rinder-B. ist eine sehr große Fliege mit einem länglichen Stachel‘. Wie sich aber hier in den Scholien reine Wissenschaft und populäres Wissen ein Stelldichein geben, ersieht man aus Schol. [17] Nicand. al. 495, wo es heißt: ,Man muß jedoch wissen, daß die B. aus dem Blutegel entsteht‘ (die Übersetzung ,Raserei‘ verbietet sich an dem Orte). Genaueres noch beim Schol. Apoll. Rhod. I 1265: ὁ οἶστρος ἐπιγεννᾶται ἐκ τῶν ἐν τοῖς ποταμοῖς ἐπιπλεόντων ζωαρίων, wo diese Meinung dem exaktesten aller antiken Zoologen, dem Sostratos, zugeschrieben wird; er meinte mit ζωάρια die im Wasser lebenden Larven (freilich nicht der Gattung Tabanus, die sich in feuchtem Erdreich aufhalten, sondern von Chrysops, nr. 3). Sostratos hat also bestimmt οἶστρος und μύωψ anders gebraucht als das Volk. Bei Hesych (nr. 1525 meiner Abhandlung Die zool. Glossen im Lex. d. Hesych, Quellen u. Studien zur Gesch. d. Naturwissenschaften u. Medizin VII) sind beide Begriffe gleichgesetzt.

Ein Mittel gegen B.-Biß finden wir bei den Hippiatr. Paris. 919: Einreibung mit verdünntem Wermut.

2. Tabanus bromius L. Ailian. hist. an. VI 37 behauptet vom μύωψ, er summe schrill und ähnlich wie die Holzbienen. Er hat wohl diese Art dabei vor Augen gehabt.

3. Blind- B. (Chrysops caecutiens L.), μύωψ, asilus. Obwohl man annehmen muß, daß – wie οἶστρος nach seinem zischenden Anflug – μύωψ nach dem blöden Taumel benannt ist, so finden sich doch schon früh Verwechslungen und Unsicherheiten. Aischyl. Suppl. 307 fragt der König den Chor:

τί οὖν ἔτευξεν ἄλλο δυσπότμῳ βοΐ;

und erhält zur Antwort:

βοηλάτην μύωπα κινητήριον.

Darauf er:

οἶστρον καλοῦσιν αὐτὸν οἱ Νείλου πέλας,

wo man freilich mit Hermann Ἰνάχου πέλας schreiben wird. Und Aischyl. Prom. 675 – wo es sich wieder um die Io-Sage handelt – steht: ὀξύστομος μύωψ

Aristoteles gibt den μύωψ nur in Aufzählungen, und zwar meistens zwischen μυῖα und οἶστρος, denen dann gewöhnlich noch ἐμπίς (Zuckmücke) folgt, so daß man fast – wenn nicht fast alles dagegenspräche – wegen der auf dem Wasser schwimmenden Larven auf den Gedanken kommen könnte, er habe unter οἶστρος die Stechmücke verstanden. Wichtig sind bei ihm die unten zu behandelnde Stelle hist. an. V 19 p. 552 a 29 und V 20 p. 553 a 15, wo behauptet wird, die μύωπες gingen an Augenwassersucht zugrunde (dies scheint mir mehr auf nr. 4 zu passen). Eine Möglichkeit zur Unterscheidung könnte noch part. an. II 17 p. 661 a 24 bieten (οἶστροι stechen nur Menschen, μύωπες Menschen und Vieh); aber auch hiermit vermag man nichts anzufangen, da sowohl Mücken wie B. keinen Unterschied machen. Interessant (und weiter nichts als das!) ist weiterhin Nicand. ther. 415ff. (von der Kreuzotter):

Ἔστε βρύα προλιπὼν καὶ ἕλος καὶ ὁμήθεα λίμνην
Ἀγρώσσων λειμῶσι μολουρίδας ἢ βατραχῖδας
Σπέρχεται ἐκ μύωπος ἀήθεα δέγμενος ὁρμήν.

Also auch die Schlange soll unter den B.-Angriffen zu leiden haben; der Scholiast bestätigt das, als ob er es oft genug gesehen hätte; τοῦτον γὰρ τὸν ὄφιν ἀεί ποτε τείρει ὁ μύωψ καὶ διώκει αὐτόν. Andererseits wird die Blind-B. wieder von der [18] Weberspinne (Textrix lycosoma Sund.) verfolgt (Nicand. ther. 736), und man möchte hier tatsächlich eher an eine Chrysops- als Tabanus-Art denken. Und wenn Ailian. hist. an. VI 37 μύωψ) mit Wadenstechern vergleicht und behauptet, er habe einen kleineren Stachel als οἶστρος, so spricht das für die in diesem Artikel angesetzten Definitionen. Nun kommt aber die auf Sostratos (frg. 9-11 Wellmann) zurückzuführende Belehrung von seltener Genauigkeit, die wir dem Schol. Hom. Od. XXII 299 verdanken: Ὁ οἶστρος ἀπογεννᾶται ἐκ τῶν ἐν τοῖς ποταμοῖς πλαγίων ζωαρίων τῶν ἐπιπλεόντων τὰ ὕδατα• διὸ καὶ πλεῖστα περὶ αὐτὰ γίνεται. Ὁ δὲ μύωψ ἐκ τῶν ξύλων ἀπογεννᾶται (dies stimmt mit Aristot. hist. an. V 19 p. 552 a 29 überein). Καὶ Καλλίμαχος περὶ τοῦ μύωπος(frg. 46 Schn. = 301 Pf.):

βούσοον οὔτε μύωπα βοῶν καλέουσιν ἀμορβοί (wo es ὅν τε statt οὔτε heißen muß). Εἰσὶ δὲ οὗτοι πολέμιοι ταῖς βουσίν diese, d. h. doch wohl die οἶστροι nicht: wieder liegt die Vermutung ,Mücken‘ nahe!) • ὔταν γὰρ κατὰ τὴν λαπάρην αὐτοὺς δρύψωσιν, εὐθέως ἀπολιμπάνουσι τὸν νομὸν σοβηθέντες. *Ἔστι δὲ ὁ μὲν οἶστρος μυίᾳ παραπλήσιος (also keine Mücke, sondern eine Fliege!) κέντρον ἔχωv εὐμέγεθες ἐκ τοῦ στόματος καὶ φωνὴν μεγάλην βουβώδη• ὁ δὲ μύωψ παρόμοιος τῇ κυνομυίᾳ (paßt besser auf nr. 4) τό τε κέντρον ἔλαττον ἔχει τοῦ οἶστρου. Ἱστορεῖ περὶ τοὺτων Ἀριστοτέλης ἐν τοῖς Περὶ ζῴων (frg. fehlt bei Rose; es können ja auch die Ζῴων ἱστορίαι gemeint sein. † Dahinter von späterer Hand: οἶστρος ὁ λεγόμενος μύωψ• ἔστι δὲ ζῷον ὑπόχαλκον τὴν μορφήν (paßt nur auf diese nr. 3), ὅπερ ἂν εἰςέλθῃ εἰς τὰ ὦτα τῶν βοῶν, ἐξοιστρεῖν ἀναγκάζει τοὺς βόας. § Noch spätere Anmerkung: οἶστρος θηρίον ἀκρίδι ἐοικός, τὴν χροιὰν ποικίλον, εὐκίνητον, δάκνον καὶ στροβοῦν τὰς βοῦς; (allenfalls auf 3 zu deuten). Quelle bis zum * ist Sostratos, bis zum † Ps.-Aristoteles, bis zu § Alexander von Myndos, bis zum Schluß das Lexikon des Pamphilos. Kritik: in Zeile 14 muß man ξύλων in ξηρῶν ändern. Dann entspricht das von Sostratos Vorgebrachte ganz den Tatsachen, wenn man οἶστρος gleich Chrysops und μύωψ gleich Tabanus setzt; denn die Chrysops-Larven leben im Wasser, die von Tabanus im Erdreich.

Auch bei den Römern ist früh eine Verwirrung eingetreten, was wiederum die erste Erwähnung bezeugt. Verg. Georg. III 146:

Est lucos Silari circa ilicibusque virentem
Plurimus Alburnum volitans, quoi nennen asilo
Romanumst, oestrum Grai vertere vocantes:
Asper, acerba sonans, quo tota exterrita silvis
Diffugiunt armenta, furit mugitibus aether
Concussus silvaeque et sicci ripa Tanagri.

Der lateinische Dichter hat also Ps.-Aristoteles ausgeschrieben, nicht Sostratos (was ja wohl chronologisch auch kaum möglich war, da diese Verse etwa um 32 v. Chr. geschrieben sind, während die Zoologie des Sostratos gegen 28 v. Chr. erschien). Vgl. Plin. n. h. XI 100: asilus sive tabanum dici placet. Iuba berichtete nach demselben XXXII 10, in Arabien schmiere man die Kamele mit Fischfett ein, um die B. zu vertreiben. Weiter Isidor. or. XII 8, 15.

4. ist unter μύωψ auch noch die ähnlich aussehende und lebende Regen- B. (Haematopota [19] fluvialis L.) begriffen, die teilweise nicht nur mit dem Wadenstecher (κυνόμυια) verglichen, sondern auch so genannt wird, z. B. überall in der Septuaginta und bei Lyd. mens. p. 182. 23 Wünsch: οἱ μύωπες, οὓς αὐτοὶ (nämlich die Kirchenschriftsteller) καλοῦσιν κυνομυίας.

5. Chrysops relictus Meig. ist der culex bei Ammian. Marc. XVIII 7, 5, der in die Augen sticht.