RE:Licinius 58

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,1 (1926), Sp. 270285
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58) M. Licinius Crassus, Consul des Jahres 724 = 30 v. Chr.

a) Name. M. Licinius M. f. M. n. Crassus Acta triumph. Capitol. CIL I² p. 50. Μᾶρκος Λικίνιος Μάρκου ὑὸς Κράσσος IG III 1, 572 = Dessau 8810 (diese athenische Inschrift hat zuerst Dittenberger, dem alle neueren Forscher beistimmen, auf den Consul 724 bezogen). Μ. Λικίνιος Μ.υἱ ⟨Κράσσος⟩ Dio ind. I. LI. M. Licinius Crassus CIL I² p. 61 Fasti Amiternini. [M. Lic]inius Crassus ebd. p. 77 Tabula triumph. Barberin. M. Licinius Crassus Oros. VI 19, 14. M. Licinius CIL I² p. 66 Fasti Venusini. M. Cras. Rev. arch. XXVI 1895, 272 n. 4 = CIL VIII Suppl. 22640, 4 (Jahresangabe auf einer Amphora). M. Crassus Liv. per. CXXXIV. CXXXV. Flor. II 26, 14. Dio LI 4, 3. 23, 2. Zonar. X 32. Cassiodor. (Mommsen Chron. min. II p. 134.) Crassus (oder Grassus) in den Consulfasten. Den Beinamen Dives hat er offenbar nicht geführt (irrig Drumann-Groebe IV² 128). b) Leben. Crassus war wohl ein Sohn des M. Licinius Crassus, des älteren Sohnes des Triumvirn (s. Nr. 68), und der Caecilia Metella, der Tochter des Metellus Creticus (s. o. Bd. III S. 1235 Nr. 136). Der Triumvir hatte Tertulla kurz vor 87 v. Chr. geheiratet, lebte aber von 85 bis 83 getrennt von seiner Frau in Spanien (s. Nr. 69); andrerseits war sein älterer Sohn Marcus im J. 54 Quaestor Caesars; demnach wird man dessen Geburt um 87 ansetzen dürfen (vgl. Nr. 58). Nehmen wir an, daß er mit 20 Jahren einen Sohn bekam, so ergäbe sich als Geburtsdatum unseres Crassus die Zeit um 67 v. Chr.: viel weiter läßt sich seine Geburt zeitlich nicht hinabrücken, in Anbetracht des Consulates seines eigenen Sohnes, für den wir füglich M. Crassus Consul 740 = 14 halten dürfen (so urteilte schon Drumann IV² 128); nimmt man als dessen Geburtsjahr etwa 47 v. Chr. an (s. Nr. 57), so fallen alle Schwierigkeiten weg, die z. B. Hülsen (N. Heidelb. Jahrb. VI 1896, 57f.) und Groebe (bei Drumann) zu erkennen glaubten Hülsen hält es für möglich, daß unser [271] Crassus der Sohn des Quaesitors von 695 Crassus Dives gewesen sei, doch dieser hieß wahrscheinlich Publius [vgl. Münzer u. Nr. 71] und sein zweites Kognomen eignete wieder jenem nicht; wenn Groebe die Geburt des Crassus um 73 ansetzt, so erschließt er dies aus dem Jahre seines Consulates: aber sicherlich ist Crassus, wie von der Bekleidung der Praetur, so auch von der Einhaltung der geltenden Altersgrenze befreit worden). Während sein Großvater und sein Vater in engster politischer Verbindung mit Caesar gestanden hatten, finden wir den jungen Crassus ständig auf Seiten der Feinde Caesars des Sohnes (allerdings darf der Κράσσος, der nach Appian. bell. civ. V 50 im Perusinischen Bürgerkrieg gegen Octavian kämpfte, nicht – wie dies z. B. PIR II 275 n. 126 geschieht – mit unserem Crassus identifiziert werden; hier ist vielmehr P. Canidius Crassus gemeint, s. o. Bd. III S. 1475). Er schloß sich dem hartnäckigsten Gegner Octavians, Sex. Pompeius, an (Dio LI 4, 3). Wahrscheinlich gehörte er zu den Anhängern des Pompeius, die durch den Vertrag von Misenum (Sommer 39 v. Chr.) wieder zu ihrem Vermögen und zu den Staatsämtern gelangten (vgl. Appian. bell. civ. V 72. Dio XLVIII 36). Einige Zeit nachher wird er die Quaestur verwaltet haben (dies ergibt sich wohl aus der Angabe, daß er Consul wurde, ohne Praetor gewesen zu sein; s. u.). Ob er nach dem neuerlichen Ausbruch des Krieges wieder zu Pompeius zurückgekehrt ist, wissen wir nicht. Wohl erst nach der Schlacht bei Naulochos (3. September 36) schloß er sich dem M. Antonius an (Dio LI 4, 3). Er muß aber beizeiten das Aussichtslose der Lage des Antonius erkannt haben, denn offenbar noch vor der Schlacht bei Actium ging er endlich doch zu Caesar über. Welche Bedeutung dieser dem Anschluß des Repräsentanten eines so hochberühmten und politisch mächtig hervorgetretenen Hauses beilegte, ist daraus zu erkennen, daß er ihn für das Jahr 724 = 30 v. Chr. zu seinem Kollegen im Consulate erhob, obwohl Crassus die Praetur nicht bekleidet hatte (Dio LI 4, 3; wenn auch die Wahl mutmaßlich wieder in regelrechter Weise durch die Komitien erfolgte, war selbstverständlich Octavians Wille entscheidend). Crassus führte die Fasces das erste Halbjahr hindurch, während Caesar das ganze Jahr Consul blieb; am 1. Juli trat an Crassus’ Stelle C. Antistius Vetus (CIL I² p. 61 Fasti Amitern.; p. 66 Fasti Venus.; verwirrt Chron. Pasch. [Κράσσου τὸ β’ Mommsen Chron. min. I p. 217] und Fasti Hydat; die sonstigen Zeugnisse über Crassus’ Consulat s. o. Abschn. a; vgl. CIL I² p. 160f. Vaglieri Diz. epigr. II 955). Man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß der Consulat die Bedingung war, die Crassus für seinen Anschluß an Octavian stellte; aber es war, wie es scheint, nicht die einzige Bedingung. Denn er erhielt – zweifellos unmittelbar nach dem Consulat – den Befehl über ein Heer, und es ist wohl ausgeschlossen, daß ein Politiker wie Octavian in der damaligen Situation – der Endkampf gegen Antonius und Kleopatra war eben im Gange –- dem Enkel des Triumvirn, seinem langjährigen Widersacher, aus freien Stücken ein Armeekommando [272] und gegebenenfalls die Führung eines großen Krieges anvertraut hätte.

Die Truppenmacht, an deren Spitze Crassus trat (nach Ritterling o. Bd. XII 1221 etwa vier bis fünf Legionen), stand in der römischen Provinz Makedonien. Er führte den Oberbefehl als Proconsul dieser Provinz, zu der auch Achaia gehörte (als procos. wird er in den Capitolinischen Triumphalfasten, CIL I² p. 50, als ἀνθύπατος in der athenischen Inschrift IG III 572 bezeichnet; Dio LI 23, 2 sagt von ihm ἔς τε τὴν Μακεδονίαν καὶ ἐς τὴν Ἑλλάδα πεμφθείς, danach Zon. X 32: εἰς τὴν Μακεδονίαν καὶ εἰς τὴν Θρᾴκην καὶ εἰς τὴν Ἑλλάδα μεμφθείς).

Den Krieg des Crassus gegen Balkan- und Donauvölker (bellum adversus Basternas et Moesos et alias gentes a M. Crasso [gestum] Liv. per. CXXXIV, bellum a. M. Crasso adversus Thracas.. gestum ebd. CXXXV, bellum Moesicum Flor. II 26, τοῖς τε Δακοῖς καὶ ⟨τοῖς⟩ Βαστάρναις ἐπολέμησε Dio LI 23, 2: im Kriegsbericht selbst nennt Dio die Daker nicht mehr, wahrscheinlich weil er hier Daker und Geten identifiziert, vgl. Furtwängler Intermezzi 62. Brandis s. o. Bd. IV S. 1962; den Triumph feierte Crassus nach den Triumphalfasten ex Thraecia et Geteis, CIL I² p. 50 vgl. p. 77) hatte Livius im 134. und 135. Buche sicherlich eingehend dargestellt, doch ist seine Erzählung verloren (bis auf eine von Florus II 26 aufbewahrte Episode), und die einzige ausführlichere Quelle für uns der Bericht Dios (LI 23–27), der kaum auf Livius zurückgeht (das von Florus erzählte Detail fehlt bei Dio). In letzter Linie wird des Crassus eigene Relation an den Senat die Grundlage der historischen Darstellungen geboten haben (beruht die Erzählung des Florus indirekt auch nur z. T. auf dem amtlichen Bericht des Crassus, so ließe sich daraus auf eine gewisse Ruhmredigkeit desselben schließen, auf die auch die wiederholte Hervorhebung der großen Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, hinzuweisen scheint).

Was die Zeitbestimmung der Feldzüge des Crassus anlangt, so hatte Zumpt Comm. epigr. I 45 ihren Beginn in das Jahr 724 = 30 gesetzt, während Zippel (Die röm. Herrschaft in Illyrien 238), Gardthausen (Aug. I 1052. II 661 f.) und andere sich für das Jahr 29 v. Chr. entschieden. Die Diostelle, auf die sich sowohl Zumpt als Zippel berufen, ergibt keinen sicheren Anhalt; denn Dio berichtet zuerst über den Triumph Caesars im J. 29 und die anschließenden Einweihungsfeierlichkeiten und Spiele (LI 21. 22), dann über die Dedikation des Theaters durch Statilius Taurus im J. 30 (LI 23, 1) und fährt dann fort: κατὰ δὲ δὴ τοὺς αὐτοὺς τούτους χρόνους, ἐν οἱς ταῦτ’ ἐγίγνετο, ὁ Κράσσος usw. (23, 2): so daß unklar bleibt, ob sich diese Anknüpfung auf das J. 30 oder 29 bezieht. Die Zeitbestimmung kann vielmehr nur davon ausgehen, daß bei Dio in der Darstellung der Kriegsereignisse nur von einem einzigen Winterlager des Crassus die Rede ist; da Crassus am 4. Juli 27 triumphierte, folgt daraus, daß seine beiden Feldzüge in den Jahren 29 und 28 stattfanden und durch die Winterquartiere 29/28 getrennt wurden (vgl. Cichorius Röm. Denkm. [273]

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[275] in d. Dobrudscha 13). Zu demselben Ergebnis führt die 7. imperatorische Akklamation Caesars, die in das J. 725 gehört (CIL VI 873) und nach Dio LI 25, 2 nur auf den Sieg des Crassus bezogen werden kann (vgl. Mommsen R. gest.² p. 12; die nächste Akklamation erfolgte erst 729, s. o. Bd. X S. 345). Der Balkankrieg begann jedenfalls einige Zeit nach dem 11. Januar 29, da an diesem Tage der Ianustempel geschlossen wurde (s. o. Bd. X S. 338), aber wohl noch vor dem Ende des Winters, da die Bastarner die Vereisung der Donau zu ihrem Übergang über den Strom benützt haben werden (s. u.). Im Sommer dieses Jahres war der entscheidende Sieg vermutlich schon erfochten, wie sich aus der Reise des römischen Bundesgenossen Roles zu Caesar nach Korinth erschließen läßt (s. u.). Fraglich bleibt, ob die gefangenen „Daker“, die bei der Einweihung der Curia Iulia unmittelbar nach dem dreitägigen Triumph (13.–15. August 29) gegen Sueben kämpfen mußten (Dio LI 22, 8), von Crassus nach Rom gesendet worden waren (Gardthausen II 662); allerdings sagt Dio (LI 24, 7), daß Crassus die gefangenen Barbaren unter die Soldaten verteilt habe.

Nach der Annahme der meisten neueren Forscher hat Octavian selbst die Initiative zu den Feldzügen des Crassus gegeben (Schiller Gesch. d. röm. Kaiserz. I 235. Mommsen Röm. Gesch. V 12. Gardthausen Aug. I 1052. Furtwängler Intermezzi 62. Filow Klio Bhft. VI 1. Sehmsdorf Germ. in d. Balkanländ. 26. L. Schmidt Gesch. d. deutsch. Stämme I 1910, 462 u. a.). Wohl hatte Octavian schon im J. 35/34 v. Chr. einen Krieg gegen Daker und Bastarner in Aussicht genommen und Vorbereitungen dafür getroffen (App. Illyr. 22) und man hegte in Rom während des Bürgerkrieges ernstliche Befürchtungen wegen eines Eingreifens der Daker (vgl. Verg. Georg. II 497. Horat. sat. II 6, 53; carm. III 6, 13f.: paene occupatam, seditionibus delevit urbem Dacus et Aethiops), aber die Volkskraft der Daker war durch innere Zwietracht gelähmt (Dio LI 22, 8; vgl. Brandis o. Bd. IV S. 1961), so daß die unmittelbare Gefahr wohl abgewendet schien. Es lag gewiß nicht in Octavians Interesse, dem gefährlichen Rivalen zu kriegerischem Ruhm und zu dem Verdienst einer Vergrößerung des Reiches zu verhelfen. Vielmehr wird Crassus selbst den offenbar erwünschten Anlaß, den ein Einfall der Bastarner darbot, dazu benützt haben, um einen Eroberungskrieg im Stil der imperialistischen Politik eines Pompeius, Caesar und seines eigenen Großvaters zu unternehmen und den durch den Untergang des Triumvirn erschütterten Waffenruhm seines Geschlechtes wieder herzustellen (der Auffassung Dessaus Gesch. d. röm. Kaiserz. I 392, Crassus habe „vielleicht seine Aufgabe zunächst nicht anders aufgefaßt als die meisten seiner Vorgänger“, kann ich nicht beistimmen).

Die Bastarner hatten – mit Weibern und Kindern (Dio LI 24, 4), was darauf schließen läßt, daß sie ausgewandert waren, um neue Wohnsitze zu suchen – die (sicherlich noch zugefrorene) Donau überschritten, Moesien unterjocht, die Stämme der Triballer und Dardaner bezwungen [276] (Dio LI 23, 3: τὴν Μυσίαν τὴν κατ’ἀντιπέρας σφῶν, worunter hier der Westen des späteren Untermoesien zu verstehen ist). Dann waren sie jedoch über den Balkan nach Süden vorgedrungen und verheerten das Gebiet der mit den Römern verbündeten, an der Grenze Makedoniens (im oberen Strumatal) hausenden thrakischen Dentheleten (Dio LI 23, 4, vgl. Oberhummer o. Bd. IV S. 2102). Um dem blinden Könige dieses Volksstammes, Sitas, Hilfe zu bringen und die römische Provinz (die übrigens kaum wirklich bedroht war) zu schützen, rückte Crassus gegen sie ins Feld, und der Anmarsch des römischen Heeres genügte allein, um die Barbaren zum Rückzug (über den Haemus) zu veranlassen (καὶ αὐτοὺς ἐκ τῆς προσόδου μόνης καταπλήξας ἐξέωσεν ἀμαχεὶ ἐκ τῆς χώρας Dio 23, 4; auf diesen kampflosen Abzug der Bastarner beziehen Gardthausen Aug. II 662 und andere die Erzählung des Florus II 26, die meines Erachtens eher mit dem Bericht über die Niederlage des Dapyx im Einklang steht; s. u.). Damit wäre eigentlich das Ziel der Unternehmung erreicht gewesen, aber ebensowenig wie Caesar, als die Helvetier den Marsch durch die Provinz aufgaben, von Kriegshandlungen Abstand genommen hatte, ebensowenig wollte sich Crassus mit diesem unblutigen Erfolge begnügen. Auf der Verfolgung der Bastarner besetzte er die Landschaft Segetike (so Dio 23, 5; nach Mommsen R. G. V 12 und Cichorius Röm. Denkm. in d. Dobrudscha 14, 3 ist damit das Hochplateau von Serdica gemeint; irrig denkt Müllenhoff Deutsche Altertumsk. III 153 an Selletike, das zwischen Haemus und dem Pontus lag, vgl. Oberhummer Art. Seletike. Boissevain Dio vol. II p. 375) und drang hierauf in Moesien ein (Dio 23, 5; unter Μυσίς ist hier nicht „das heutige Serbien“ zu verstehen [Zippel 239], da Crassus sich doch nicht allzuweit von den Bastarnern entfernt haben wird; vielmehr ist an den östlichen Teil der späteren Moesia superior, d. h. das serbisch-bulgarische Grenzgebiet zu denken; vgl. Premerstein Jahresh. I 1898, Bbl. 149; irrig Sehmsdorf Germ. in d. Balkanländ. 1899, 28). Der Zweck dieser Diversion wird gewesen sein, den Bastarnern die Möglichkeit eines Ausweichens nach Nordwesten zu nehmen; für den Osten hatte er dieselbe Absicht vielleicht schon damals durch das Bündnis mit Roles (s. u.) erreicht. Er verheerte das Land der Moeser und erstürmte eine starke Festung, vor welcher seine Vortruppen zuerst eine Schlappe erlitten hatten (Dio 23, 5; nach Premerstein war dies der Hauptort der Moeser, Ratiaria). Unterdessen hatten die Bastarner an dem Flusse Kedros haltgemacht (wohl dem Kebros oder Ciabrus, einem Nebenfluß der Donau, heute Cibrica, vgl. Zippel, Boissevain, Sehmsdorf a. a. O.) – wahrscheinlich nicht freiwillig, sondern der Not gehorchend, weil der wieder aufgetaute Strom für sie nicht mehr passierbar war. Als Crassus heranrückte, schickten sie ihm Gesandte entgegen, die ihn aufforderten, sie in Ruhe zu lassen, da sie sich nicht gegen Rom vergangen hätten (Dio 24, 1). In echt römischer Treulosigkeit hielt Crassus die Gesandten mit vorgespiegelter Freundlichkeit zurück, machte sie trunken [277] und erfuhr im Rausch ihre Pläne (Dio 24, 2). Nachts, durch Waldland vorrückend, sendete er Rekognoszierungstruppen voraus, die von den Bastarnern, die es nur mit diesen zu tun zu haben glaubten, angegriffen wurden, aber die Barbaren in den Wald hinein hinter sich herzogen, so daß diese auf die römische Hauptmacht stießen (Dio 24, 3). Es kam zu einem Blutbad unter den überraschten Barbaren, denen die hinter dem Heere aufgestellte Wagenburg erst recht zum Verderben wurde; vergebens boten sie ihre letzten Kräfte auf, um ihre Weiber und Kinder zu retten. Den König der Bastarner, Deldon, tötete Crassus mit eigener Hand. Viele von den Feinden, die sich in einen Wald geflüchtet hatten, gingen, als die Römer diesen in Brand setzten, zugrunde, andere fanden in den Fluten der Donau ihren Untergang (die Schlacht hat demnach an der Mündung des Ciabrus stattgefunden) oder wurden, einzeln im Lande umherstreifend, erschlagen (Dio 24, 3–5; vgl. Sehmsdorf 28). Einen Heerhaufen, der sich in eine Festung geworfen hatte (ob dies Cibras an der Mündung des Ciabrus war, wie Sehmsdorf vermutet, ist ganz ungewiß), bekam Crassus mit Hilfe des Getenkönigs Roles in seine Gewalt und vernichtete ihn (Dio 24, 6; das „Königreich“ des Roles lag wohl im östlichen Teil des späteren Untermoesien, Premerstein 178). Roles begab sich zu Caesar, um von diesem die Anerkennung als Freund und Bundesgenosse des römischen Volkes zu empfangen (Premerstein vermutet, daß diese Zusammenkunft in Korinth stattgefunden habe, wo Caesar auf der Durchreise nach Italien im Sommer 29 verweilte; trifft dies zu, so sind damit die oben erzählten Ereignisse ungefähr datiert; vgl. Gardthausen I 1052. Dessau Gesch. der römischen Kaiserzeit I 393). Die Niederlage und der Untergang des Dakerkönigs Cotiso, dessen Horaz in einem, wie zumeist angenommen wird, zum 1. März 29 v. Chr. gedichteten Liede gedenkt (carm. III 8, 18 occidit Daci Cotisonis agmen; der Zeitbestimmung [vgl. Kießling-Heinze I⁶ p. 312] wiederspricht jedoch Kappelmacher Wien. Stud. 1922, 48f. mit einleuchtenden Gründen), wird von mehreren Forschern (z. B. in dem erwähnten Kommentar, ferner von Gardthausen II 662 und anderen) mit dem Bastarnersiege des Crassus in Verbindung gebracht. Man müßte dann annehmen, daß sich den Bastarnern auch andere Volksstämme angeschlossen hatten, die dabei nur den Zweck eines Raubzuges verfolgten (auch Bahrfeldt Berl. Münzblätter 1912, 16ff. und Ruzicka Buletin. Soc. Numism. Române XVII 1922 Nr. 41–42 nehmen an, daß Cotiso – den sie mit dem Κοσων barbarischer, in großen Mengen im südlichen Siebenbürgen gefundener Goldmünzen identifizieren –, in den Kämpfen gegen Crassus gefallen sei); viel eher möchte ich jedoch glauben, daß Cotiso in den inneren Kämpfen, die die Daker entzweiten (Dio LI 22, 8), den Untergang gefunden hat.

Nachdem Crassus die Gefangenen als Kriegsbeute unter die Soldaten verteilt hatte (Dio 24, 7). wendete er sich wieder gegen die Moeser und brachte fast das ganze Volk zur Unterwerfung, teils auf friedlichem Wege, teils durch Schrecken [278] oder mit Gewalt, wobei es nicht ohne Mühe und Gefahren zuging (Dio 25, 1). Obwohl Dio die Triballer (zwischen Margus und Oescus, vgl. Vulić Wien. Stud. XXIV 1902, 336f.) nicht ausdrücklich nennt, liegt es in der Natur der Sache, daß sie damals gleichfalls unter die Gewalt der Römer kamen. In dieser Phase des Krieges wird demnach Crassus das heutige Mittel- und Nordserbien und das nordwestliche Bulgarien unterworfen haben. Die Moeser haben sich seither widerstandslos der römischen Herrschaft gefügt (vgl. Dessau a. a. O. 394). Da bereits der Winter (29 auf 28) hereingebrochen war, zog Crassus durch das Gebiet der Thraker – und zwar wie aus Dio 25, 4 hervorgeht, der Serder (um Serdica, das heutige Sofia) und der Maeder (westlich vom Strymon, vgl. Zippel 240) – in die Provinz zurück. Das Heer litt auf diesem Marsche viel durch die schneidende Kälte und durch die Angriffe der Thraker, obwohl Crassus durch deren Land als durch Freundesland zog (Dio 25, 2; die Serder hatte er allerdings wohl erst selbst unterworfen [s. O.]; über die Länge und Härte des Winters in diesen Gegenden vgl. Weiss Mitt. Geogr. Ges. Wien 1915, 525f.).

In Rom beschloß der Senat auf die Kunde von seinem Siege sowohl für ihn als für Caesar Supplikationen und den Triumph (καὶ γὰρ καὶ θυσίαι καὶ νικητήρια οὐχ ὅτι τῷ Καίσαρι ἀλλὰ καὶ ἐκείνῳ ἐψηφίσθη Dio 25. 2). Nach der Bastarnerschlacht war er von seinen Truppen wohl als Imperator akklamiert worden (abweichend Dio 25, 2, doch vgl. u.), aber auch Caesar nahm auf Grund dieses Sieges den Imperatortitel zum siebentenmal an (Dio 25, 2. CIL VI 873. Mommsen Res gest.⁵ p. 12). Die Zuerkennung des Triumphs beweist, daß man in Rom die Meinung hegte, der Krieg habe nunmehr seinen Abschluß gefunden; nach Dio (25, 2) soll Crassus selbst in Anbetracht seiner Verluste auf dem Rückmarsch zu dem Entschluß gelangt sein, sich mit dem Erreichten zu begnügen; sogar zu den Bastarnern sei diese Kunde gedrungen (25, 3). Schon diese Bemerkung läßt darauf schließen, daß wir hier eine Beeinflussung der Überlieferung vor uns haben, die nur von augusteischer Seite ausgegangen sein kann. Denn Caesar, der inzwischen den Bürgerkrieg glücklich beendet hatte, wird es fraglos höchst ungern gesehen haben, daß der Träger eines so berühmten Namens, sein früherer Gegner, kriegerische Lorbeeren erntete und ein siegreiches Heer an seine Fahnen fesselte (vgl. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 58). Aber Crassus hat sich an die Abmahnung, die ihm vermutlich damals von Rom zukam, nicht gehalten, sondern brach – „widerwillig“ und durch einen Rachezug der Bastarner (demnach hatte an der vorjährigen Wanderung nur ein Teil des großen Volkes teilgenommen) gegen Sitas und die Dentheleten veranlaßt – wieder mit seinem Heere auf: es wird noch ziemlich früh im Jahre gewesen sein, da die Barbaren wohl abermals das Zufrieren der Donau zu ihrem Einfall benützt (vgl. Furtwängler S.-Ber. Akad. Münch. 1904, 400 gegen Cichorius Röm. Denkm. in d. Dobrudscha 14) und mutmaßlich darauf gerechnet hatten, daß sie noch vor dem Eintreffen der Römer in [279] die Heimat zurückkehren könnten. In Eilmärschen rückte er gegen die Barbaren heran, schlug sie zum zweitenmal und zwang sie zu einem Vertrag (Dio 25, 3). Worin dieser bestand, sagt Dio nicht: wahrscheinlich mußten die Bastarner sich verpflichten, den Strom niemals wieder zu überschreiten (vgl. Epit. de Caes. 1, 7: (Augustus) Getarum populos Basternasque lacessitos bellis ad concordiam compulit; die Gesandtschaft der Bastarner und Skythen an Augustus, die dieser Res gest. 5, 51f. erwähnt, gehört wohl erst in das J. 25 v. Chr., vgl. Mommsen Res gest.² p. 133; o. Bd. X S. 345). Crassus wendete sich hierauf gegen die thrakischen Maeder und Serder, die ihm bei seinem Rückzuge so viel Ungemach zugefügt hatten, und unterwarf nicht ohne Anstrengung diese wilden Stämme, wobei er das grausige Abschreckungsmittel anwendete, den Gefangenen die Hände abhauen zu lassen (Dio 25, 4). Das übrige thrakische Land verheerte er durch Streifzüge, bis auf das Gebiet der Odrysen, die ihm friedlich entgegengekommen waren; er überwies ihnen einen Teil des den Bessern gehörigen Gebietes am Hebrus (Marica) mit dem altberühmten Nationalheiligtum des Dionysos (Dio 25, 4. 5; vgl. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 394). Der König der Odrysen war seither in Thrakien der angesehenste römische Vasallenfürst, doch gehört die bedeutende Erweiterung des Odrysenstaates über ganz Thrakien und nach Norden bis an die Donaumündungen nicht schon (wie Zippel 243f. Mommsen R. G. V 13 und andere annehmen) in diese, sondern in eine spätere Zeit (Premerstein 179f. Dessau 395). Ein Hilferuf des Königs Roles, der mit einem anderen Getenkönig, Dapyx, im Kriege lag, führte Crassus abermals in das Donauland, und zwar wahrscheinlich in das heutige Nordostbulgarien. Als er auf die Streitmacht des Dapyx stieß, ergriff die feindliche Reiterei sogleich die Flucht und riß das Fußvolk mit sich, so daß ohne wirkliche Schlacht ein großes Blutbad unter den Barbaren angerichtet wurde (μάχην μὲν οὐδεμίαν ἔτ’ ἐποιήσατο, φόνον δὲ δὴ φευγόντων ἑκατέρων πολὺν εἰργάσατο, Dio 26, 1). Auf dieses kampflose Treffen, nicht auf den Rückzug der Bastarner – die unmöglich als Moesi bezeichnet werden konnten und den Römern offenbar nicht in Schlachtaufstellung gegenübergetreten waren – ist meines Erachtens die Erzählung des Florus II 26, 14–16 zu beziehen: Moesi quam feri, quam truces fuerint, quam ipsorum etiam barbari barbarorum horribile dictu est. unus ducum ante aciem postulato silentio ,qui vos‘ inquit ,estis?‘ responsum invicem ,Romani gentium domini‘. et ille ,ita‘ inquit ,fiet, si nos viceritis‘. accepit omen Marcus Crassus. illi statim ante aciem immolato equo concepere votum ut caesorum extis ducum et litarent et vescerentur. deos audisse crediderim: nec tubas sustinere potuerunt usw. (danach Iordanes Rom. 245). Als Dapyx sich in einen festen Ort warf, schloß ihn Crassus daselbst ein und nahm den Platz durch Verrat. Dapyx und seine Krieger töteten sich gegenseitig, den Bruder des Königs nahm Crassus gefangen, entließ ihn jedoch unangetastet (Dio 26, 1. 2). Einheimische, die sich mit ihren Herden in eine weite Höhle, Keiris [280] genannt, geflüchtet hatten, brachte er durch Vermauerung der Zugänge zur Ergebung (Dio 26, 3. 4; noch heute gibt es in der Dobrudscha Höhlendörfer, vgl. Weiss Zur Kunde d. Balkanhalbinsel XII 26). Crassus wendete sich gegen den festen Ort Genukla an der Donau (nach Premerstein 152 im Mündungsgebiet des Stromes, nach Furtwängler Intermezzi 63f. in der Dobrudscha, vgl. Patsch o. Bd. VII S. 1210. Weiss ebd. 1334. Cichorius 12f.; ohne Begründung verlegt Jänecke S.-Ber. Akad. Heidelb. 1919, 20, 19 die Festung in die Gegend von Macin-Braila). Der Angriff auf die dem Getenkönig Zyraxes gehörende Feste erfolgte wohl nicht allein deshalb, weil sich daselbst die Feldzeichen befanden, die einst die Bastarner dem C. Antonius in der Schlacht bei Histros geraubt hatten (Dio 26, 4), sondern vor allem, weil Crassus jeden Widerstand südlich der Donau brechen wollte. Zyraxes selbst war mit seinen Schätzen zu den „Skythen“ geflüchtet, um ihre Hilfe anzurufen, aber seine Stadt fiel, zu Land und Wasser bestürmt, nach einer kurzen, doch schwierigen Belagerung den Römern in die Hände (Dio 26, 4–6). Zweifellos gelangten damals auch die römischen Feldzeichen in den Besitz des Crassus (vgl. Furtwängler S.-Ber. Münch. 1897 I 269. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 393; irrig Benndorf Jhfte. I 133. Sehmsdorf 28; Augustus erwähnt sie in den Res gestae unter den zurückgewonnenen Feldzeichen nicht: das beweist aber nur, daß der Kaiser auch diese Ruhmestat des Crassus absichtlich ignoriert hat). Durch die Vernichtung dieses getischen Reiches kamen wohl auch die Griechenstädte am Ufer des Schwarzen Meeres unter Roms Oberhoheit (Premerstein 192). Während der Kämpfe gegen die Geten hatten sich abermals moesische Stämme empört (Dio 26, 6). Crassus ließ diese zum Teil durch seine Legaten unterwerfen, gegen die Artakier aber und andere Stämme, die bis dahin ihre Unabhängigkeit behauptet hatten, wendete er sich selbst und brachte sie teils mit Gewalt, doch nicht ohne Mühe, teils durch die Furcht vor dem Schicksal der Gefangenen zur Unterwerfung (Dio 26, 6. 27, 1; die Artakier hausten im zentralen Teile des Balkans, vgl. Tomaschek o. Bd. II S. 1304). Durch seine Feldzüge hat Crassus die Volkskraft der einst so gefürchteten Bastarner für alle Zeit gebrochen, das römische Provinzialgebiet der Balkanhalbinsel gegen die Einfälle nordischer Barbaren gesichert und das Land zwischen Balkan und Donau dem römischen Machtbereich unterworfen, doch wurde der Hauptteil des eroberten Gebietes nicht der römischen Verwaltung, sondern der Herrschaft von Klientelfürsten unterstellt, denen auch die Abwehr der Barbaren oblag (vgl. Mommsen R. G. V 13; s. o.).

Ein Denkmal der Siege des Crassus glaubte Furtwängler in dem gewaltigen Tropaeum von Adamklissi in der Dobrudscha zu erkennen. Er vertrat die Anschauung, daß das Denkmal, das eine Weihung Traians an Mars Ultor vom J. 109 trägt, dennoch nicht von diesem Kaiser, sondern von Crassus errichtet worden sei (Intermezzi 1896, 51–77; S.-Ber. Münch. phil. Kl. 1897, I 247–288; Abh. Akad. Münch. phil. [281] Kl. XXII 1903, 3, 455–515: S.-Ber. ebd. 1904, 383–413). Seine Hypothese ist von anderen Forschern mit großer Entschiedenheit bekämpft worden (Benndorf Österr. Mitt. XIX 1896, 181–204; Österr. Jahrh. I 1898, 122–137. VI 1903, 251–266. Niemann Österr. Jahrh. I 1898, 138–142. VI 247–251. Petersen Röm. Mitt. 1896, 302ff. 1903, 68–72. Studniczka Abh. Sächs. Ges. d. Wiss. phil. hist. Kl. XXII 4, 1904. Cichorius Philol. hist. Beitr. Wachsmuth überr. 1897, 1–20; Die röm. Denkm. in d. Dobrudscha 1904. [Cichorius’ Vermutung, daß Constantin die von Barbaren beschädigten Reliefs durch neue ersetzt habe, ist von Furtwängler S.-Ber. 1897, 283ff.; Abh. 471. Benndorf Jahrh. I 130 und Jänecke S.-Ber. Akad. Heidelb. 1919, 20, 17f. 20 mit einleuchtenden Gründen abgelehnt worden.] Gardthausen Aug. II 663f. Dragendorff Bonn. Jahrb. CXIII 1905, 259ff. Drexel N. Jahrb. f. d. kl. Alt. XLIX 1922, 330–844. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 393; über die neueste Hypothese Jäneckes s. u.). Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß Furtwänglers Auffassung manches Bestechende hat. So spräche dafür, daß weder die Bewaffnung und Ausrüstung der in den Reliefs von Adamklissi dargestellten römischen Soldaten (desgleichen die Rüstung des obersten eigentlichen Tropaeums, vgl. Jänecke 20, 1) noch die Typen der barbarischen Völkerschaften den Dakerkriegen Traians entsprechen (mit Unrecht in Abrede gestellt von Drexel 337f., dessen Erklärung keineswegs befriedigt), während man in den Barbarentypen wohl die vier von Crassus besiegten Nationen, Bastarner, Moeser, Geten und Thraker erkennen könnte. Auch die Wahl des Ortes würde nicht zu Traians dakischen Feldzügen, wohl aber zu jenem Abschnitt des Krieges passen, der Crassus zur Eroberung von Genukla und damit an die Grenze des neugewonnenen Gebietes führte. Von den Einwänden, die gegen Furtwänglers Deutung geltend gemacht wurden, können einige nicht als stichhaltig gelten, so z. B. Cichorius’ Argument (Denkm. 12f.), daß Crassus gar nicht die Zeit gefunden habe, ein so gewaltiges Denkmal zu vollenden: zum Bau des Tropaeums, das ,in etwa sechs Monaten hergestellt werden konnte‘ (so meint wenigstens Furtwängler Abh. 481; S.-Ber. 1904, 400f.), hätte eine vom Hauptheere abkommandierte Abteilung (der überdies Kriegsgefangene und zur Arbeit gepreßte Einheimische zugeteilt werden konnten) vollauf genügt, ohne daß die Kriegshandlungen unterbrochen werden mußten. Ebensowenig ließ sich Benndorfs Einwand aufrecht halten, daß der Kalkstein, aus dem das Tropaeum erbaut ist, einer tieferliegenden Schicht desselben Steinbruches angehöre als das Material des benachbarten Grabaltars für gefallene Soldaten und der ältesten Teile der Civitas Tropaeensium (Jhfte. VI 254f. Cichorius Denkm. 36f. 42; widerlegt von Furtwängler S.-Ber. 1904, 398f.). Dennoch läßt sich Furtwänglers Datierung nicht halten, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Monument eben die Weihung Traians trägt. Die große Inschrifttafel, auf der diese zu lesen ist (CIL III 12467), [282] gehörte dem Tropaeum von allem Anfang ,als organischer Teil‘ an und kann auch nicht etwa zweimal benutzt worden sein (Furtwängler Abh. 466. 475. 485; S.-Ber. 1904, 386f. 402f.). Furtwängler muß demnach annehmen, daß sie ursprünglich ohne Inschrift angebracht worden sei. Dies ist sicherlich ganz unwahrscheinlich, denn wenn auch die Fassung der Inschrift, die Crassus gewählt hätte, von Rom aus abgelehnt worden wäre – Crassus hätte nach der Auffassung Caesars diesen als den Weihenden nennen müssen –, so war doch der Proconsul, der das gewaltige Siegesdenkmal zur Verewigung seiner Ruhmestaten errichtet haben soll, am allerwenigsten der Mann, um sich, solange er als Sieger auf neuerkämpftem Boden stand, durch solche Rücksichten bestimmen zu lassen und erst darauf zu warten, ,welche Fassung von Rom gebilligt wurde‘ (vgl. Cichorius Denkm. 16f. Dragendorff 261). Und welche Möglichkeit hätte Augustus gehabt, dagegen einzuschreiten, sobald einmal hoch oben auf dem Riesenbau in weltentlegener Gegend eine Inschrift angebracht worden war, deren Inhalt ihm nicht zusagte? Die Differenz zwischen ihm und Crassus wegen des Imperatortitels datierte bereits aus dem J. 29 (s. u.); schon als der erste Stein zum Siegesdenkmal gelegt wurde, hätte demnach Crassus über den Wortlaut der Inschrift mit sich im klaren sein müssen. Ferner bliebe nach Furtwängler für Traian tatsächlich nichts als ,Ausbesserung im kleinen, Reinigung und Instandsetzung‘ (S.-BeT. 1904, 404): und diese ,Flickarbeiten' sollten dem größten Bauherren unter den Caesaren genügt haben, um seinen Namen auf das Siegesdenkmal eines anderen zu setzen! (vgl. Dragendorff 260f.). Endlich könnte das Monument auch ursprünglich keinem anderen Gotte als dem Mars Ultor 40 geweiht gewesen sein: der Kult dieses Gottes in seiner späteren Form (als des Siegesgottes des Römerheeres) ist aber erst im J. 2 v. Chr. von Augustus offiziell begründet worden (vgl. Bormann Jhfte. I 136, 7. Benndorf ebd. VI 258. Studniczka 9. Cichorius Denkm. 15f.). Furtwänglers Gegenargument (S.-Ber. 402), Traian habe ,nicht annehmen können, daß der Erbauer des inschriftlosen Tropaions dasselbe etwa nicht dem Mars zu weihen beabsichtigt habe‘, ist nicht stichhaltig: selbst die Prämisse zugegeben, muß doch Traian über die Feldzüge des Crassus sicherlich sehr genau unterrichtet gewesen sein – jedenfalls viel genauer als wir – und er muß demnach gewußt haben, welchem Gotte das Siegesdenkmal konsekriert war.

Einen neuen Lösungsversuch hat in jüngster Zeit Jänecke vorgebracht (S.-Ber. Akad. Heidelberg phil. hist. Kl. 1919 Abh. 20). Er vertritt die Auffassung, daß tatsächlich Crassus das Tropaeum errichtet habe, aber das ursprüngliche Bauwerk habe nur aus dem mittleren massiven Kernbau (mit dem Tropaeumaufbau) bestanden, während Traian um diesen Kernbau herum den mächtigen Rundbau aus Gußmauerwerk anlegen ließ; die älteste Inschrift sei am Sockel des Kernbaues angebracht gewesen. Die architektonische Begründung dieser These zu prüfen, liegt [283] außerhalb meiner Fachkenntnisse (sie wird abgelehnt von Drexel 381 f., bezweifelt von Dörpfeld Philol. Wochschr. XLI 1921, 1115f.), aber Jäneckes Kombination bleibt gerade für das größte Rätsel, das uns das Monument aufgibt, die Lösung schuldig: die Figuren der Metopen und Zinnen des Mantelbaues, die Jänecke in traianische Zeit setzt, sind doch gerade derjenige Teil des ganzen Bauwerkes, der am wenigsten zu den Dakerkriegen Traians stimmt (Jäneckes Argumentation [S. 19], Crassus habe hier keine individualisierten Barbaren abbilden können, weil die Stelle, wo er sie besiegte, über 400 km westlich liege [bei Vidin], erledigt sich durch das oben über Crassus’ Feldzüge Gesagte; Drexel 340f. sucht wahrscheinlich zu machen, daß der Metopenfries und die Zinnenreliefs eine dem ursprünglichen Entwurf fremde Zutat, doch noch unter Traian entstanden seien).

Seine Kriegstaten, durch die Crassus den militärischen Ruhm seines Geschlechtes in glanzvoller Weise wieder hergestellt hatte, wurden von der öffentlichen Meinung Roms vollauf gewürdigt (vgl. Hor. carm. III 8, 23f. iam Scythae laxo meditantur arcu cedere campis, II 9, 23f. intraque praescriptum Gelonos exiguis equitare campis und dazu Kießling-Heinze). Der Senat hatte ihm schon im J. 29 den Triumph zuerkannt (s. o.). Crassus hätte, wie Dio berichtet (LI 24, 4), auch das Recht gehabt, die Rüstung des mit eigener Hand getöteten Bastarnerherzogs im Tempel des Iuppiter Feretrius auf dem Kapitol zu weihen, wenn er αὐτοκράτωρ στρατηγός, d. h. Heerführer mit eigenem Imperium gewesen wäre. Dio bestreitet auch (25, 2), daß er, „wie einige angeben“, den Imperatornamen erhalten habe, vielmehr habe Caesar allein diesen angenommen. Aber Crassus selbst hat offenbar den Standpunkt vertreten, daß er den Krieg mit eigenem Imperium führe, und hat sich demnach auf Grund der Akklamation durch seine Truppen den Imperatornamen beigelegt: in der Inschrift seines Standbildes, das ihm während seines Proconsulates von den Athenern auf der Akropolis errichtet wurde (IG III 1, 572 = Dessau 8810), wird er Ἀνθύπατος καὶαὐτοκράτωρ genannt. Dementsprechend hat er zweifellos auch den Anspruch auf das Recht erhoben, im Anschluß an den Triumph die Spolia opima darzubringen (Dessau Herm. XLI 1906, 144). Dagegen wurde ihm das selbständige Imperium von Caesar bestritten und demnach, da Crassus nur als sein Legat den Heeresbefehl geführt habe, das Recht auf die Führung des Imperatortitels und auf die Dedikation der Spolia opima verweigert. Caesar tat dies sicherlich sowohl aus politischen als aus persönlichen Gründen; es konnte ihm, wie Dessau (S. 144) mit Recht bemerkt, ,nicht gleichgültig sein‘, wenn Crassus ,wie ein neuer Romulus in Rom einzog‘ und einen Triumph feierte, der durch ,eine so eigenartige und seltene Trophäe‘ seinen eigenen in Schatten stellen mochte. Selbst ohne heldische Ader, mußte er verhüten, daß sein hochadeliger Nebenbuhler einen Ruhm errang, der ihn den größten Helden der römischen Geschichte zugesellte (vgl. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 58). Er wird sich hiebei des Senates bedient haben, der den Siegesbericht des [284] Crassus Imperator ,mit dem Beschluß eines Dankfestes aus Anlaß der von dem Proconsul Crassus errungenen Erfolge‘ beantwortet haben wird (Dessau Herm. 145). Aber die Entscheidung des Senates war nicht allein hinsichtlich der Spolia opima anfechtbar (Dessau Herm. 146f.; Gesch. d. röm. Kaiserz. I 58f.), auch die Verweigerung der imperatorischen Benennung ließ sich bestreiten: ganz abgesehen davon, daß den Unterfeldherren der Triumvirn und noch im J. 28 dem Statilius Taurus und Nonius Gallus wegen weniger bedeutender Erfolge ohne weiteres der Imperatortitel zugestanden worden war (vgl. Dio LI 20, 5. CIL X 409. IX 2642. Dessau Gesch. d. röm. Kaiserz. I 56ff.). Die Zeit, in der Crassus den Balkankrieg führte, ist in politischer Beziehung eine Epoche des Überganges gewesen, in der die staatsrechtlichen Kompetenzen Caesars keineswegs in voller Klarheit feststanden. Es kann hier nicht der Ort sein, auf diese Fragen einzugehen (vgl. zuletzt Dessau I 24ff.), aber auf welchen Rechtstitel immer Octavian damals seine militärische Gewalt gegründet haben mag, in jedem Fall war es durchaus nicht jedem Zweifel entrückt, ob der Proconsul Crassus suis oder alienis auspiciis den Krieg zu führen befugt war (auch die Anschauungen der neueren Forscher gehen in dieser Hinsicht sehr auseinander: so nehmen Zippel 242 und Dittenberger IG a. a. O. an, daß Crassus den Krieg mit eigenem Imperium geführt habe, dagegen geben Mommsen St.-R. I³ 125, 5. Gardthausen Aug. II 663 und andere wieder Dio recht; daß er formell pro consule, tatsächlich als Legat Caesars fungiert habe, ist die Meinung Ganters Prov. Verw. d. Triumvirn 46ff. und Premersteins 154). Für die Situation ist es kennzeichnend, daß Octavian genötigt war, seine Auffassung durch angebliche historische Analogien gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen (vgl. Dessau Herm. a. a. O.; Gesch. d. röm. Kaiserz. I 59, der auch zeigt, welche staatsrechtlichen Folgen im Hinblick auf den Imperatortitel dieser Streit nach sich gezogen und wie er in der Literatur nachgewirkt hat). Das Verhalten Octavians gegen Crassus lehrt mit voller Deutlichkeit, daß ein unverhüllter Antagonismus zwischen den beiden Männern bestand (auf die Spannung zwischen Crassus und Octavian haben bereits Furtwängler Abh. 485f. und Dessau Herm. 146 hingewiesen; das Verschweigen der Siegestaten des Crassus in den Res gestae bezeugt gleichfalls, wie Furtwängler Abh. 486; S.Ber. 1904, 403 bemerkt, diese Differenz). Da erhebt sich nun die Frage: warum hat Crassus, der doch sicherlich nichts weniger als ein zaghafter oder sentimental empfindender Mann war, seine Stellung an der Spitze einer großen und siegreichen Armee nicht ausgenützt, um seinem Gegner die führende Stellung streitig zu machen? Die Antwort bietet ein Blick auf die Vorgänge zu Beginn des J. 27 v. Chr. Es ist bisher nicht beachtet worden, daß zu der Zeit, als Caesar seine berühmte ,Verzichtleistung‘ aussprach, ein Mann von altberühmtem Namen, der auch persönlich Heldenruhm errungen hatte, an der Spitze einer siegreichen Armee im Begriffe war, zur Feier des Triumphes nach Italien überzusetzen. [285] Der Gefahr, die von dieser Seite her drohte, konnte Octavian, wenn er es nicht auf offenen Konflikt ankommen lassen wollte, nur durch einen überraschenden Schachzug, der den Gegner matt setzte, begegnen, und in der Tat ist der Entschluß, den er – allerdings dabei auch von anderen politischen Erwägungen als nur der Besorgnis vor Crassus geleitet – gewählt hat, ein geradezu genialer gewesen. Als Octavian die ,Republik‘ wiederhergestellt, und die Staatsgewalt an Senat und Volk zurückgegeben hatte, war Crassus schlechthin erledigt. Der Triumph konnte ihm nicht verweigert werden – er hat ihn am 4. Juli 727 gefeiert und dem Capitolinischen Iuppiter den Palmzweig geweiht (Acta triumph. Capitol. CIL I² p. 50. Tab. triumph. Barberin. ebd. p. 77, vgl. Marquardt St.-V. II² 589. Mommsen p. 54; Augustus, dem der Senat im J. 29 gleichfalls den Triumph wegen der Siege des Crassus zuerkannt hatte [s. o.], hat davon keinen Gebrauch gemacht und Rom, wohl mit Absicht, vorher verlassen, vgl. o. Bd. X S. 344). Aber mit dem Triumph war Crassus’ politische Laufbahn zu Ende. Er wird nachher nicht mehr erwähnt.