RE:Samaria

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I A,2 (1920), Sp. 21022105
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Samaria, hebr. שֹׁמְריֹן‎ Schomerôn. Die ältere Aussprache ist im Aram. שָׁמְרָיִן‎ Esr. 4, 10. 17 und in den Keilinschriften Samerina erhalten. Daher auch bei den LXX Σαμάρεια, lat. Samaria. S. ist Name 1. für einen Berg und die darauf gebaute bekannte Stadt, 2. für das israelitische Nordreich, s. Israel und 3. die spätere Provinz S.

1. Die Stadt S. (vgl. Guthe Realenc. f. prot. Theol. u. Kirche XVII 425f. XXIV 448f.). Die Stadt ist der Hauptsache nach eine israelitische Gründung. Sie ist benannt nach dem Berg, der zuvor schon besiedelt war und sich nach dem Geschlecht Schemer nannte (Stade Zeitschr. f. alttest. Wissensch. 1885, 165ff.). Durch Kauf ging der Ort über an Omri (etwa 885–877), den Begründer der Omridendynastie 885–842. Omri baute den Ort aus, versah ihn mit Wällen und machte ihn, um eine den Stammfehden entrückte Residenz zu haben, ähnlich wie David mit Jerusalem verfuhr, zur Königsstadt des Nordreiches Israel (bis 722) 1. Kön. 16, 24. Für dieser Zweck eignete sich die Neugründung durch ihre vorzügliche Lage (Baedeker Palästina⁷ 1910, 208) Auf einem, nur im Nordosten mit den gegenüberliegenden Bergen verbundenen, 100 m über dem Tal noch ragenden 400–430 m hohen allerdings wasserlosen Hügel gelegen, war S. ein leicht zu befestigender, unzugänglicher Ort, der die ganze Umgebung beherrschte und von den umgebenden Bergen durch breite Täler getrennt war. Die wichtigeren Orte des Nordreiches ließen sich von S. unschwer erreichen. Unter Ahab, bzw. schon unter seinem Vater Omri besaß S. einen Königspalast 1. Kön. 20, 6. Er scheint bei den von Lyon und Reisner veranstalteten Ausgrabungen (The Harvard Theological Review II–IV 1910/11. Thiersch Ztschr. d. Deutsch. Pal.-Ver. 1913, 49ff.) in der untersten Bauschicht wiederentdeckt worden zu sein. Wenigstens fand man hier eine Alabastervase mit dem Namen des Pharao Osorkon II. (XXII. Dynastie), eines Zeitgenossen Ahabs von Israel. Interessanter noch ist der wohl auch in die Zeit der Omriden gehörende [2103] Fund von 75 Ostraka in altsemitischer Schrift, Scherben, Nachrichten über Wein- und Öllieferungen aus verschiedenen Landorten, wohl Steuern in Naturalien an den Hof enthaltend. Das üppige Leben, vor allem die wüsten Weingelage der Hauptstadt geißeln die Bußprediger Amos Am. 6, 1ff. und Jesaja Jes. 28, 1ff. Schon unter Omri besaßen aramäische Kaufleute Basare חוצות‎ ,Gassen‘ 1. Kön. 20, 34 in S., was für den raschen merkantilen Aufschwung der Stadt spricht. Heiligtümer von S. kennt Mi. 1, 5. Ahab hatte seiner tyrischen Gemahlin Isebel zu Gefallen 1. Kön. 16, 32 einen Baalstempel errichtet. Am. 8, 14 wird der Kult der אֲשֵׁמָה‎ (so ist der Test zu verb.) von S. erwähnt. 2. Kön. 13, 6 redet von einer Aschere. Seit Omri war S. der Begräbnisort der israelitischen Könige 1. Kön. 16, 28.

Die Aramäerkampfe, in die das Nordreich nicht lange nach der Reichsteilung (933) verstrickt wurde, brachten der Stadt S. viel Ungemach durch Benhadad II. zur Zeit Ahabs 1. Kön. 20 (2. Kön. 6, 24ff.?). In S. ließ Jehu 842 die Prinzen aus dem Hause Omri durch Vornehme der Stadt ermorden 2. Kön. 10, 1ff. Darauf folgte dann das Blutbad, das Jehu unter den Baalsanhängern in S., dem Hauptsitz des Fremdkultus, anrichten ließ 10, 18ff. Der Baalstempel wurde damals zerstört und der Jahwekult als Landesreligion wiederhergestellt. Während der Assyrerkriege wurde Hosea, der letzte König von Israel in S. 724 von Salmanassar V. (727–722) belagert und nach 3jährigem Ringen die Stadt von Sargon II, 722 erobert (Schrader Keilinschr. u. A. T.³ 1903, 269). In der altisraelitischen Königsstadt nahm fortan der assyrische Statthalter (šaknu oder פּחה‎ seinen Wohnsitz. Viele Israeliten wurden auch aus S. 722 nach Assyrien deportiert und an ihre Stelle fremde Kolonisten angesiedelt 2. Kön. 17. Über die Entstehung der jüdischen Sekte der Samaritaner s. d. Art. Obwohl assyrischer Besitz geworden, beteiligte sich S. 720 an einem Aufstand der Stadt Hamath am Orontes gegen die Assyrer. Jer. 41, 5 bringen nach dem Abzug der Chaldäer aus Palästina 586 Bewohner von S. Opfergaben nach Jerusalem. In nachexilischer Zeit residierte in S. ein persischer Statthalter. Zur Zeit Nehemias ist es ein gewisser Sanballat, ein Halbjude aus Bet-Horon Neh. 2, 10. Derselbe ist auch 407 noch auf seinem Posten. Denn mit den Söhnen Sanballats Delaja und Schelemja korrespondierten damals die Juden in Elephantine = Jeb in Ägypten (Sachau Aram. Pap. u. Ostraka aus Elephantine 1911). Wie es scheint, war dem Kommandanten von S. die kleine Judengemeinde von Jerusalem militärisch unterstellt Esr. 4, 8ff. Neh. 3, 34 (Hölscher Die Profeten 1914, 334). Durch Alexander d. Gr. wurde die Stadt hellenisiert (Schürer Gesch. d. jüd. Volkes II⁴ 195ff.). Weil die Bewohner, während der König in Ägypten weilte, den Andromachos, den Präfekten von Koilesyrien ermordet hatten, bestrafte Alexander die Stadt 331 damit, daß er makedonische Kolonisten in ihr ansiedelte (Curt. IV 8). Dadurch war der Stadt ihr Gepräge für die Zukunft gegeben: sie wurde eine judenfeindliche griechisch-römische Kolonie. Wie vordem war S. auch jetzt [2104] eine wichtige Festung und wurde daher von Ptolemaios Lagi 312 und von Demetrios Poliorketes 296 zerstört, muß sich aber bald wieder erholt haben. 107 v. Chr. wurde S. nach einjähriger Belagerung Jos. ant. XIII, 10, 2f.; bell. Iud. I 2, 7 von Antigonos und Aristobul, den Söhnen des Johann Hyrkan, erobert und von neuem zerstört. Sie blieb in jüdischem Besitz auch unter Alexander Iannaios Jos. ant. XIII 5, 4. Im J. 63 trennte aber Pompeius die Stadt vom jüdischen Gebiet ab Jos. ant XIV, 4, 4; bell. Iud. I 7, 7 und schlug sie zur Provinz Syrien. Durch Gabinius wurde die Stadt wiederaufgebaut. Eine neue Glanzzeit kam aber erst über S. durch Herodes, dem die Stadt 30 v. Chr. von Augustus Jos. ant. XV 7, 3 verliehen wurde. S. wurde nun von Herodes bedeutend erweitert und mit prächtigen Bauten geschmückt. So errichtete Herodes einen Augustus-Tempel und legte eine große Säulenstraße an. Von diesem Herodestempel ant. XV 8, 5; bell. Iud. I 21, 2 haben sich bei den oben erwähnten Ausgrabungen Reste gefunden, vor der Treppe ein Altar und eine mächtige Kaiserstatue (jetzt im Museum zu Konstantinopel). Desgleichen sind von der Säulenstraße nicht unbeträchtliche Trümmer erhalten. Die abermals mit Kolonisten besiedelte Stadt erhielt durch Herodes zu Ehren des Kaisers Augustus (σεβαστός) den Namen Σεβαστή, Σεβάστεια, bei den rabbinischen Juden סבסטי‎ (Levy Neuhebr.-Chald. Wörterb. III 1883, 469). Über sebastenische Münzen s. Schürer a. a. O. Wie es scheint war der Stadt S. die Landschaft S. unterstellt. Sebastenische Soldaten begegnen mehrfach im Heere des Herodes Jos. ant. XVII 10, 3; bell. Iud. II 3, 4. 4, 2f. Nach dem Tode des Herodes kam S. an Archelaos ant. XVII 11, 4; bell. Iud. II 6, 3; nach seiner Verbannung stand es unter römischen Prokuratoren, die vorübergehend durch die Herrschaft des Agrippa I. 41–44 n. Chr. abgelöst wurden. Sebastenische Truppen gehörten jetzt zu den in Juda stationierten römischen Soldaten. Beim jüdischen Aufstand wurde die Stadt von den Juden überfallen. Im Neuen Testament wird die Stadt Apg. 8, 5–14 genannt. Unter Septimius Severus wird S. eine römische Kolonie. Allmählich wurde S. durch das 72 n. Chr. von Vespasian gebaute Neapolis = Sichem überflügelt. Später finden wir hier einen Bischofsitz. Die Kreuzfahrer gründeten hier wieder ein Bistum. Von ihnen rührt auch, 2. Hälfte des 12. Jhdts.. die alte Johanniskirche her (Bädeker a. a. O. 209). Der jetzige recht ärmliche Ort, von fanatischen Beduinen bewohnt, ist einer von den wenigen, der durch seinen Namen Sebástie eine letzte Erinnerung an den Hellenismus auf jüdisch-orientalischem Mutterboden aufweist.

2./3. Reich und Provinz S. Der Name der Hauptstadt übertrug sich allmählich auf das Reich Hos. 7, 1. 14, 1; 2. Kön. 17. 26 u. ö.; ebenso in den Keilinschriften. Die Grenzen wechseln mit dem Umfang, den das Nordreich Israel seit dem 7. Jhdt. gehabt hat. 734/3 wurden von Tiglat-Pileser gewisse nördliche und ostjordanische Besitzteile mit dem assyrischen Reiche verbunden 2. Kön. 15, 29. Den Niedergang des assyrischen Reiches seit 650 ausnutzend hat der jüdische König Josia (640—609) Eroberungen in [2105] S. gemacht, die aber durch die Schlacht von Megiddo 609 wieder verloren gingen 2. Kön. 23, 15ff. Nach dem Untergang des Nordreiches blieb der Name S. an der Landschaft haften. In persischer Zeit hatte S. einen eignen Statthalter. Das nachexilische Judäa mag etwa die Nordhälfte des ehemaligen Königreichs Judäa Neh. 3, 7 umfaßt haben und wurde von den Vornehmen S.s wegen seiner Kleinheit verachtet. Auch im 3./2. Jhdt. hatte S. eine eigne Verwaltung. Der uns bekannte Sprachgebrauch, der zwischen S., Judäa und Galiläa unterscheidet, geht auf Josephus und das Neue Testament zurück und datiert etwa seit der Makkabäerzeit. 145 v. Chr. trat Demetrios II. die bisher zu S. gehörenden 3 Bezirke im Süden Apherema, Lydda und Ramatajim an den Hasmonäer Jonathan als steuerfreie ab. 128 eroberte Johann Hyrkan Sichem und verband das ganze Gebiet von S. mit dem jüdischen Reich Jos. ant. XIII 9, 1; bell. Iud. I 2, 6. Pompeius nahm aber 63 v. Chr. den Juden S. wieder ab und schlug es zur Provinz Syrien. S. war also nun dem Statthalter von Syrien unterstellt. Unter Herodes gehörte aber S. wieder zum jüdischen Gebiet (vgl. Guthe Bibelatlas 1911 nr. 9–12). Josephus gibt bell. Iud. III 3, 4 als nördliche Grenze von S. den Ort Γίναια, d. i. das heutige Dschenin (Bädeker Palästina⁷ 1910, 210) an, die Ebene Jesreel wird entweder besonders Jos. ant. XX 6, 1 oder zu Galiläa bell. Iud. III 3, 1 gerechnet. Im Westen das Karmelgebiet gehörte zu Tyrus (Phönizien), und die Küstenebene zu Caesarea. Im Osten war die Grenze der Jordan; im Süden nennt Josephus als Grenzort gegen Judäa Ανουαθ Βορκέως bell. Iud. III 3, 5 d. i. das heutige Chirbet Berkit (Guthe Bibelatlas nr. 14).

[Beer.]