Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche

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Autor: Edmund Veckenstedt
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Titel: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Leuschner & Lubensky
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Erscheinungsort: Graz
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Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche
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[I]
Wendische
Sagen, Märchen
und
abergläubische Gebräuche.

Gesammelt und nacherzählt
von
Edm. Veckenstedt,
Dr. phil.
Oberlehrer der alten Sprachen am Nicolai-Gymnasium zu Libau (Kurland).




Graz,
Verlag von Leuschner & Lubensky
k. k. Universitäts-Buchhandlung.
1880.

[II] Alle Rechte vorbehalten. Insbesondere das Recht der Uebersetzung in eine slavische Sprache, sowie die Herausgabe einer Auswahl von Märchen und Sagen aus dieser Sammlung für die Jugend.

Die Verlagsbuchhandlung.      





Druck von B. G. Teubner in Leipzig.
[III]
HERRN GEHEIMRATH
Prof. Dr. R. VIRCHOW.

[V]
Vorwort.



Die Sagen, Märchen und abergläubischen Gebräuche, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit übergebe, sind in überwiegender Mehrzahl dem Munde der Wenden entnommen, welche in der Niederlausitz sesshaft sind: einige Beiträge stammen von den Wenden der Oberlausitz her, mehr von denjenigen Bewohnern der Niederlausitz, welche zwar bereits deutsch reden, aber die volle Sorbentradition bewahrt haben. Die Sagen und Märchen der deutschredenden Wenden finden sich in jedem Abschnitte nach dem Zeichen, welches zwei parallele Striche bilden. Mit wenigen Ausnahmen ist jeder Sage und jedem Märchen der Ort beigefügt, aus dem sie stammen; der Schreibweise der wendischen Ortschaften liegt Richard Andree’s Sprachkarte, welche er seinen wendischen Wanderungen beigegeben, zu Grunde. Die wendischen Namen sind, soweit sie bereits literarisches Eigenthum waren, nach Haupt und Schmaler, Zwahr, Liebusch und Jacob Grimm geschrieben. Die Sagengruppen finden sich im Ganzen nach den Kategorien geordnet, welchen Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie gefolgt ist.

Es ist ein nicht gewöhnliches Glück, welches mir beschieden ist, in diesem Werke eine ansehnliche Fülle von neuen Sagengestalten und mythischen Namen in die Wissenschaft einführen zu können, insofern ich dies nicht schon in meinen Vorträgen, welche ich in der Berliner Anthropologischen Gesellschaft in den Jahren 1877 und 1878 gehalten, gethan habe. Diese Sagengestalten und mythischen Namen sind der Posserpańc, der Serp, der Serpel, die Pšezpolnicer, der Jeb, die Golen, der Schirrmann und die Schirrawa, die Serpolnica, Maria na Penku, Anna Subata, Fika, Gibańe, Wurlawa, die glühende Frau. Dazu gesellen sich die Drachenbäume, welche [VI] ich in meiner Magdeburger Heimath zuerst auffand, dann in der Wendei kennen lernte: jetzt kann ich meinem Werke auch einige hierher gehörige Nachrichten einfügen, welche vom Herrn Pastor Handtmann der Neumark entnommen sind.

Alle die Gestalten, welche für die Forschung neu gewonnen oder die in meiner Sammlung zu neuem Leben erweckt sind, erregten mir eben so oft das Gefühl der vollsten Befriedigung, wie doch auch dasjenige des tiefsten Bedauerns, wenn ich daran dachte, wie wenig bis jetzt für die Wendenforschung gethan ist. Nach solchen Resultaten fühlt man sich veranlasst zu fragen: welche Gestalt und welcher Name birgt sich noch, was ist von der Sorbentradition bereits verschollen? So ist z. B. kein eigentliches wendisches Heldenlied bekannt, und doch setzt mehr als eine von meinen Sagen Heldenlieder voraus, und doch bin ich zweimal auf Spuren wendischer Heldenlieder gestossen, leider ohne denselben nachzugehen.

Dass meine Sammlung ausser dem berührten Material viel Eigenthümliches bietet, ergiebt die Natur der Sache. Hat man ein gewisses Recht, von einem Volke, welches seine Nationalität bewahrt hat, trotzdem ein fremdes Sprachmeer seine Wohnsitze umfluthet, ein fremder Herrscher seiner waltet, Vertiefung seines Wesens zu erwarten, welches nicht zum wenigsten aus der Fülle seiner Tradition stets neue Kräfte gesogen, so wird auch die Sorbentradition in der Lage sein, Sagengestalten, welche der Deutsche bereits dem Process der Verflüchtigung entgegengeführt sieht, in man möchte sagen ursprünglicher Frische der Conception und echt mythischer Weiterentwicklung darbieten zu können. So glaubt z. B. die deutsche Sagenforschung die Loreley als Schöpfung von Heine und Clemens Brentano erwiesen, ihren eigentlichen mythischen Gehalt vernichtet zu haben. Dass aber die Frage nach der Existenz der Rheinnixe auf dem Felsen zu St. Goar auf das Neue zu stellen ist, ergeben die Wendensagen: birgt doch die boža łosć sämmtliche Elemente, welche der Loreley und den Sirenen zu eigen sind.

Eben diese Ursprünglichkeit der Tradition giebt uns von vornherein die Gewissheit, dass arische Urmythen nicht nur [VII] vielfach in der Wendensage lebendig, sondern auch in der Sorbenüberlieferung ungewöhnlich deutlich erkennbar sein werden. Die vergleichende Mythenforschung, welche nach Angelo de Gubernatis der Slaventradition den Ehrenplatz nach den Veden zuweist, wird, hoffe ich, das gebotene Material willkommen heissen. Durch das neue Material, welches ich biete, werden manche ihrer Schlüsse sich zu evidenterer Sicherheit erheben lassen. Wer hat nicht z. B. oft den Räthseln der persischen, griechischen oder römischen Königssage nachgesonnen: ein mythischer König, über dessen Wesen kein Zweifel obwalten kann, eröffnet meine Sammlung. In den über ihn mitgetheilten 107 Nummern tritt uns die gewaltige Gestalt des Wendenkönigs, des Messias der Slaven im Herzen Deutschlands, in leuchtender Hoheit entgegen: der ebenbürtige Genoss des Dahâk und Isfendiyar, des Achilleus und Pelops, des Romulus und Tullus, des Siegfried und roi Artus darf fortan die göttlichen Rechte wieder beanspruchen, welche die arischen Völker in ihrer gemeinsamen Urheimath ihm willig verliehen.

Die slavischen Nixen und Schwanmädchen sind Schöpfungen, welche der Duft echter Poesie umweht.

Die wendischen Schlangensagen reihen sich den schönsten Sagenschöpfungen aller Völker würdig an.

Pumphut stellt die Frage, ob der gewaltige Zauberer ursprünglich eine gestürzte slavische oder deutsche Gottheit ist.

Der nächtliche Jäger braust als wilde Sturm- und Gewittergottheit auch über die Föhrenwälder der Niederlausitz dahin.

War man bis jetzt geneigt, die Sagen, in welchen der dumme Hans auftritt, nach dem Vorgang der Gebrüder Grimm auf den Siegfriedmythus zurückzuführen, so wird, denke ich, der arische Held, dessen Gestaltung in den Veden die früheste Fixirung gefunden, als der Herakles der arischen Völker sich deutlicher, als bisher möglich war, erweisen lassen.

Es scheint die Zeit eingetreten zu sein, in welcher der lustige slavische Zwergkobold in der Wendei den Namen des Till Eulenspiegel anzunehmen im Begriff ist. Eingehende Forschungen [VIII] werden zu erweisen haben, wie die Namen Eulenspiegel, Hajnschpihel und Hansschpigel ursprünglich entstanden sind, sowie welcher Grad von Verwandtschaft zwischen dem deutschen Eulenspiegel und dem lustigen slavischen, lettischen und mongolischen Zwergkobold, der zauberkundig ist und sogar den Fuchs überlistet, vorhanden ist.

In den Wendenstreichen waltet eine lustige Ironisirung der Vergangenheit des Volkes selbst, welches darin eine Kraft des Humors erkennen lässt, die beweist, dass die Wenden auch in dieser Manifestation des Volksgeistes die Rivalität keines Volkes zu scheuen haben.

Die Hexen, welche selbst vor der Parodirung des Abendmahles nicht zurückschrecken, treiben ihr unholdes Wesen in der Tradition der Niederlausitzer Wenden, wie der Vampyr und die Pest.

In erstaunlich anthropomorpher Gestaltung tritt uns der Bludnik entgegen und erinnert uns, dass einer der wichtigsten Factoren zum Erkennen einer Sagengestalt die Etymologie ist.

Noch bergen der Schirrmann und die Schirrawa die Eigenthümlichkeit ihres Wesens.

Die verhältnissmässig geringe Anzahl von Riesensagen scheint dem Ethnologen Recht geben zu wollen, wenn er behauptet, nicht physiologische, sondern ethnologische Momente seien bei der Bildung dieses Begriffes thätig gewesen: die Fülle der Ludkisagen aber beweist, dass dem Wenden fast in allen Beziehungen Zwerg- und Ahnencultus identisch sind.

Wird gar manche Sagengruppe, wie z. B. solche, welche den Namen der Nachtjäger, die Murawa, die Hexen, die Aufhocker, die versunkenen Glocken trägt, der Forschung willkommene Bestätigung ihrer Sätze bieten, so bergen doch auch viele von meinen Sagen Einzelheiten, welche eine besondere Beachtung von Seiten der Herren Archäologen und Alterthumsforscher beanspruchen möchten. Dahin rechne ich mehr als eine Schatzsage. Scheint es doch, wenn wir nach den Niederlausitzer Bronzefunden urtheilen, denen eine ungewöhnlich naive Beurtheilung von Seiten der germanistischen Anthropologen zu Theil geworden ist, als werden weitere Nachforschungen an den von der Sage umspielten Orten in der [IX] Niederlausitz zu einem ähnlichen Resultate führen, wie es die Römer erlangten, als sie die heiligen Seen in Gallien nach Tempelschätzen ausfischten.

Für archäologisch und antiquarisch wichtig halte ich auch die meisten Sagen von den Teufelssteinen, von den versunkenen Kutschen, wenn wir uns an die in der Niederlausitz gefundenen Bronzewagen erinnern, von den Erntegebräuchen der Ludki und Nixen.

Der Pfahlweg des Wendenkönigs hat mir die Bestätigung meiner Ansicht gegeben, dass eine via sacra auch den Wenden bekannt war. Eine Revision der Ansichten über die alten Schanzen, wie ich sie in aller Kürze im vorigen Jahre in Paris versucht, dürfte dringend geboten sein.

Die slavische Thiersage ist zu reich und ursprünglich, als dass ich glauben sollte, ich hätte in den von mir mitgetheilten Thiersagen mehr als eine Probe dessen zu geben vermocht, was die Wenden auch in dieser Hinsicht ihren Besitz nennen mögen; ich nahm die Nachforschung nach der Thiersage zu spät auf, als dass ich hier günstigere Resultate hätte verzeichnen können.

Die Nummer XXI umschliesst 30 grössere Sagen und Märchen. Ich hoffe Verzeihung zu finden, dass ich sie unter einer Nummer, jede Sage und jedes Märchen mit einer besonderen Ueberschrift versehen, gebracht habe: mir scheint die ihnen im Buche angewiesene Stelle nicht unpassend. Würden doch verschiedene dieser Sagen und Märchen sich nur mit einem gewissen Zwange einer der aufgestellten Kategorien einordnen lassen.

Habe ich in diesem Abschnitte, wie in dem ganzen Werke den Unterschied von Sage und Märchen zu markiren unterlassen, so möge an das Wort der Gebrüder Grimm erinnert werden, dass es Punkte giebt, wo nicht zu bestimmen ist, ob Märchen oder Sage vorliegt. Vor Allem jedoch ist mir die Absicht und, wie es schien, Möglichkeit massgebend gewesen, indirect in dem Werke eine Art von wendischer Mythologie zu geben, weshalb ich jede Sagengestalt biographisch in den Sagen habe auftreten lassen oder die Sagen, welche sich um einen klar erkenntlichen Kern gruppiren, so [X] geordnet habe, dass der rothe Faden, welcher die verschiedenen Manifestationen des Volksgeistes verbindet, zu Tage tritt. Zur Ergänzung des Materiales einer jeden Gestalt schien es deshalb erlaubt, die dahin gehörenden Märchen und selbst abergläubischen Gebräuche, welche das Zeichen des gestürzten Glaubens klar an der Stirn tragen, heranzuziehen. Eben aus diesem Grunde haben sich den Wendenkönigssagen sogar einige Züge der slavischen Heldensage einfügen müssen. Nicht unwillkommen wird, hoffe ich, der Forschung die Art sein, wie ich die reine Sorbentradition von derjenigen Ueberlieferung geschieden habe, welche zwar auf wendischer Grundlage ruht, aber eben weil sie einem Geschlecht deutschredender Menschen entnommen ist, vielleicht eine oder die andere Modification erlitten hat.

Was nun die eigentlichen Märchen anbetrifft, so ist die Thatsache sicher eine erfreuliche, dass in den Werken der Gebrüder Grimm sich gar manche Parallele zu ihnen findet, natürlich in weit reicherem Masse in den Sagenwerken der Russen. Einzelne Gestalten aber der wendischen Märchenwelt scheinen eigenartig zu sein. Auch die Märchen der Wenden mahnen daran, dass es Zeit ist, diejenigen Märchen der arischen Völker, welche dieselben sind, nur man möchte sagen dialektisch gewandelt, zusammenzufassen und ihre tiefere mythische Bedeutung anzuerkennen, daneben freilich auch zuzugestehen, dass die individuelle Schöpferkraft eines Volkes sich nicht nur in den Sagen, sondern auch in den Märchen lebendig erweist.

Die Nummern des Aberglaubens habe ich so geordnet, dass sie gleichsam ein Spiegelbild dessen geben, was der wahnbefangene Mensch, dem der alte Glaube alle Fasern seines Wesens durchdringt, zu thun oder zu lassen gezwungen ist, will er unholden Mächten den Eingang versagen, oder sind dieselben bei ihm eingezogen, wie er ihren Bann löst. Sorgfältige Erwägungen in der Anordnung dieser Nummern werden hoffentlich nicht vermisst werden.

Besondere Mühe habe ich auf die Aufspürung des abergläubischen Kalenders verwandt. Es ist jedenfalls interessant, dass z. B. die wendische mjas god Zeit den Saturnalien der [XI] Römer in ganz anderer Weise entspricht, als den Zwölfen, dass die Schwichawa Reste eines Dienstes der Liebesgöttin zu bergen scheint.

Auch für den heidnischen Festkalender der arischen Völker ist, wie ich meine, die Zeit gekommen, in welcher auf Grund des bisher gesicherten Materiales die Resultate gezogen werden können: ist das geschehen, so wird sich mit Aussicht auf Erfolg die Untersuchung führen lassen, welchen Einfluss die frühere Cultur der Semiten auch hier auf die Arier ausgeübt hat.

Als Ergänzung des Werkes wird sich eine Zusammenstellung der wendischen Ernte-, Hochzeits- und Beerdigungsgebräuche als ebenso nothwendig erweisen, wie das Johannis-, Stoll- und Gänserichreiten als so charakteristisch erscheint, dass ein näheres Eingehen darauf der Forschung hoch willkommen sein wird. Hoffentlich, wenn nicht ein anderer Forscher die nöthigen Notizen giebt, werde ich in nicht zu langer Zeit auch diese Arbeit abschliessen können, vielleicht zusammen mit einer Sagensammlung, welche ich in Mitteldeutschland, von der Oder bis zur Elbe, veranstaltet habe. Auch diese Sammlung birgt eine ungewöhnliche Fülle des Interessanten und Neuen: Die Crossener Odernixe, der Nespech: der Poldsche, der Bläk, die Hollrücken, die Purken, welche in den berührten Gegenden Deutschlands ihr Wesen treiben, beweisen die sagenumbildende und sagenschaffende Kraft der Bewohner auch dieses Theiles von Deutschland.

Es schien mir eine Zeit lang, als könnte die vorliegende Sammlung der Anmerkungen nicht entbehren. Eigene Erfahrungen, welche ich bei meinen Vorträgen in verschiedenen Städten der Niederlausitz, sowie in der Berliner Anthropologischen Gesellschaft zu machen Gelegenheit hatte, zeigten mir evident, dass in Deutschland, welches unter allen Ländern die meisten Sagensammlungen besitzt, die Gelehrten dem mythologischen und Sagenstudium zwar mit Eifer und auch nach dem Hinscheiden der Gebrüder Grimm noch mit Erfolg obliegen, dass aber, wie in so vielen andern Dingen, das Volk und der sogenannte Gebildete kaum eine Ahnung von den Arbeiten und Errungenschaften seiner Gelehrten [XII] besitzt. Freilich fehlt es den Deutschen eigentlich an Arbeiten wie die eines Max Müller oder Ralston, eines Bréal oder Laboulaye, eines Angelo de Gubernatis oder Maikof, Arbeiten, in denen umfassendes Wissen, Sicherheit der Methode, meisterhafte Composition, glänzende Darstellung um die Palme des Sieges ringen. Vielleicht, dass Anmerkungen meinem Werke beigegeben, das innige Verhältniss der Wendensage besonders zur russischen auch für den Nichtforscher klar gelegt hätten: aber eben Erfahrungen mancher Art wiesen darauf hin, dass ich wahrscheinlich eine Danaidenarbeit unternommen hätte, wäre der Gedanke von mir durchgeführt worden, dem Werke Anmerkungen anzufügen. Wenn die Beziehungen, welche die Gebrüder Grimm bereits zu Anfang dieses Jahrhunderts zwischen dem italienischen, französischen und deutschen Märchen erwiesen[WS 1] haben, nur dem Fachgelehrten bekannt zu sein scheinen, wenn man Sammlungen wie die eines Giambattista Basile, welche spätestens 1677 ihren Umgang in Italien antrat, in seinen Urtheilen nicht beachtet, ebenso wenig wie die Thatsache, dass die Lieblinge unserer Kinderstuben, Rothkäppchen, Aschenputtel, der kleine Däumling u. s. w. bereits 1697 durch Charles Perrault in Frankreich zu neuem Leben erweckt wurden, so würden nach menschlicher Voraussetzung Anmerkungen meinem Werke angefügt, die Urtheile mit Ausnahme der Gelehrten nicht beeinflussen, ob die Arbeiten der Gebrüder Grimm dazu herangezogen wären oder die von Benfey, ob Angelo de Gubernatis Material geboten oder Bladé, ob Wuk Stephanowitsch Karadschitsch oder Afanasief, Khudyakof und Maikof. Der Fachgelehrte bedarf zum Theil der Anmerkungen nicht, zum Theil wird er bereits in kurzer Zeit hinlängliches Material flüssig finden. Herr Professor Krek in Graz, Herr Akademiker Schiefner in Petersburg, Herr Dr. Sokolow in Dorpat, Herr Dr. Köhler in Weimar, vielleicht der sagenkundigste Mann unserer Zeit, haben die Güte gehabt, sich bereits mit den Aushängebogen meines Werkes zu beschäftigen. Hoffentlich wird mir selbst Zeit und Musse bleiben, mehr als eine Gestalt meines Sagenwerkes, mehr als ein archäologisches und antiquarisches Detail, welches [XIII] die Sorbentradition birgt, zu behandeln, wie ich das in den Jahrgängen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft aus den Jahren 1877 und 1878 gethan mit den Drachenbäumen, den Serpsagen, dem dummen Hans (ich halte die Ansichten, welche ich dort über ihn ausgesprochen, verleitet durch eine Bemerkung der Gebrüder Grimm, nicht mehr aufrecht), den Riesen- und Zwergsagen, dem Namen bog, dem Wendenkönig, der mjas god Zeit, der boža łosć, dem Babower Bronzefund, den Niederlausitzer Bronzewagen.

Es erübrigt, dass ich über die Sprache, in welcher ich geschrieben und die Art, in der ich gesammelt, die nöthigen Notizen gebe. Zuerst die Versicherung, dass ich dem Grundsatze der Gebrüder Grimm treugeblieben bin, wie sie ihn mit den Worten aussprechen: „Was die Weise betrifft, in der wir gesammelt, so ist es uns zuerst auf Treue und Glauben angekommen. Wir haben nämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert.“ Die Sprache suchte ich noch einfacher und volksmässiger zu gestalten, als sie selbst die Grimm’schen Märchengestalten reden. Allerdings war ich auch bestrebt, sie möglichst frei von der Ungelenkheit, ja verworrenen Satzfügung mancher Erzähler aus dem Volke zu halten. Deshalb hoffe ich, dass auch der jugendliche Leser sich voll und ganz dem Zauber wird hingeben können, welcher den Gestalten der dichtenden Volksphantasie das Gewand stiller Hoheit und schlichter Grösse verliehen hat.

Somit glaube ich im Ganzen der Tradition treueren Ausdruck gegeben zu haben, als selbst die Gebrüder Grimm. Nie bin ich so weit gegangen, wie sie, aus verschiedenen Erzählungen eine zu machen.

Was die Varianten anbetrifft, so habe ich einige Male solche, welche sich als besonders charakteristisch erwiesen, in voller Ausführlichkeit mitgetheilt, besonders auch aus dem Grunde, um zu zeigen, wie schwankende Umrisse oft einen bedeutenden Kern umspielen, über 150 aber, welche von keiner hervorragenden Wichtigkeit zu sein schienen, habe ich einfach zurückbehalten.

Bei meiner Arbeit habe ich viel Unterstützung gefunden, [XIV] was dankbar anzuerkennen mir eine angenehme Pflicht ist. Die Herren Kuhn und Schwartz wandten ihr Interesse meinen Sagenforschungen zu, Jagić, Max Müller in Oxford, A. Schiefner in Petersburg, Sokolow in Dorpat, R. Köhler in Weimar, in hervorragendster Weise Prof. Krek in Graz.

Directe Zusendungen von Material sind mir von Herrn Alexander Rabenau in Vetschau gemacht worden, welcher einen beträchtlichen Theil der Märchen gesammelt hat. Es ist der Buchstabe R. den Märchen beigefügt worden, welche von ihm herrühren, besonders auch aus dem Grunde, weil Herr Rabenau für deren rein wendischen Ursprung die Bürgschaft zu leisten hat. Dann hat mir Herr Lehrer Jordan in Papitz, bekannt als eifriger Slavenforscher, interessante Beiträge, besonders aus der Oberlausitz, geliefert.

Herr Lehrer Jordan hat auch die Redaction der in wendischer Sprache mitgetheilten Sagen zu übernehmen die Güte gehabt. Dass diese Beigabe nicht unwillkommen sein wird, darf ich wohl hoffen. Zeigen sich doch in ihr die Sagen und Märchen in ihrem ursprünglichen Gewande, sind doch in den Uebergangsdialekten von Muskau und Spremberg kaum einige Zeilen bisher gedruckt worden.

Ausserdem sind für mich die Herren Lehrer Schwela in Schorbus, der Redacteur der wendischen Zeitung, Boit in Syhlow, bekannt durch seine euhemeristische Arbeit über die Ansiedlung und den Kinderraub des Wendenkönigs, Proposch und Nasdal thätig gewesen. Auf die Serpsagen bin ich durch Herrn Pastor Thiele, früher in Drachhausen, zuerst hingewiesen worden. Herr Dr. Hölzer hat mehrfach für mich gesammelt. Besonders tüchtige Beiträge verdanke ich dem Eifer meines früheren Schülers Eugen Riedel zu Drebkau. Hoffentlich wird der fleissige junge Mann dafür sorgen, dass die prähistorische Forschung in der Niederlausitz, nachdem es mir gelungen ist, besonders durch die unausgesetzte Anregung des Herrn Dr. Voss, des Directorialassistenten am königlichen Museum in Berlin, sie auf den Standpunkt zu heben, welchen sie jetzt einnimmt, auch fernerhin interessante Beiträge zu verzeichnen hat. Arnold Winkelmann hat Tüchtiges für das Werk geleistet, von Hanschke ist, nachdem er die [XV] Schule verlassen hatte, mit rühmlichem Fleisse gesammelt worden. Ferner haben in den Ferien unter meiner unausgesetzten Controle die Schüler Wolf, Krüger, Liersch, Gruban, Schachne, Hildebrandt, Nommel, Luckner, Jahn, Pauli gesammelt. Dass ich jede Mittheilung der Schüler mit derjenigen Reserve aufgenommen habe, welche nöthig ist, versteht sich von selbst, aber auf die Mithülfe der jugendlichen deutschen Sagensammler zu verzichten, hatte ich ebenso wenig Ursache, wie Hahn die Hülfe der griechischen und albanesischen Jugend nicht verschmäht hat, Bielenstein diejenige der jungen Letten.

Von wendischen Gutsbesitzern haben mich besonders die Herren Hampusch in Branitz und Quitzk in Kuhnersdorf unterstützt. Herr von Schönfeldt auf Gulben fand bei den Wenden ungewöhnlich interessante Schatzsagen, welche auf den grossen Bronzeschatz Bezug hatten, welcher auf seinen Besitzungen gefunden wurde, Herr Franke in Teuplitz machte mir Mittheilungen von der Fee, welche des Nachts auf dem Teiche Wäsche bleicht, einer Gestalt, welche meines Wissens nur noch die Bretagne kennt. Von den Sagen, welche der Herr Gymnasialdirector Wagler in Guben, Herr Oberlehrer Jentsch daselbst, die Gubener Gymnasial- und Realschüler Flach und Waldau mir gesandt haben, habe ich in diesem Werke, der Natur der Sache nach, nur ein geringe Anzahl verwenden können: sie werden eben meinem nächsten Werke eine erwünschte Bereicherung bieten.

Für den Aberglauben ist mein früherer Schüler Jakubasch, nachdem er, ein Kind des Landes, als Landmann auf’s Neue mit den Wenden in die vielfachsten Beziehungen getreten war, besonders thätig gewesen.

Die Bestimmung des Pflanzenmateriales hat Herr Professor Ascherson in Berlin zu übernehmen die Güte gehabt.

Allen Freunden und Sammlern den herzlichsten Dank. Mögen sie in dem Bewusstsein, der Wissenschaft die erheblichsten Dienste geleistet zu haben, die ihnen gebührende Belohnung finden.

Hier in Libau, wo ich mein Werk zum Abschluss habe bringen können, sind einige von meinen Schülern in der [XVI] Prima bei dem Correcturlesen mir behülflich gewesen, der Gymnasiast Grot hat das Register selbständig angefertigt. Auch ihnen meinen Dank.

Dass sich der Herr Verleger um die Ausstattung des Werkes wohlverdient gemacht hat, zeigt das Buch selbst.

Es ist gebräuchlich, Werken wie das vorliegende den Namen von Fürsten und Herren vorzusetzen. Mir war es ein Bedürfniss, mein Werk einem Fürsten der Wissenschaft zu widmen, ohne dessen Eingreifen in die Anthropologie auch dieses Werk schwerlich entstanden wäre, dessen Wohlwollen mich vielfach begleitet hat, zu dessen erstaunenswerthen Leistungen auf einer Fülle von Gebieten des menschlichen Wissens ich mit Bewunderung emporschaue.

Möge das Buch in Deutschland die freundliche Aufnahme finden, welche ihm die Slavengelehrten erweisen.

Und so ziehe denn das Werk hinaus als ein Scheidegruss an das alte deutsche Vaterland.

Libau, 3. Oct. 1879.

Edm. Veckenstedt.     

[XVII]
Inhalt.


Seite
I. Der Wendenkönig 1
II. Der Nachtjäger 35
III. Serpsagen 54
Der Posserpańc Nr. 1–2 54
Der Serp Nr. 3–7, 12 54
Der Serpel Nr. 8–10 55
Serp und Kossa Nr. 11 55
Die Pšezpolnicer Nr. 13 56
Der Sichelmann Nr. 14 56
IV. Der dumme Hans 57
V. Pumphut 86
VI. Dr. Faust 91
VII. Der Markgraf Hans 93
Friedrich der Grosse 94
VIII. Till Eulenspiegel 95
IX. Wenden- und Schildbürgerstreiche 101
X. Die Pšezpolnica Nr. 1–14 105
Die Dziewica Nr. 15 108
Die Mittagsfrau Nr. 16–19 108
Die Serpolnica Nr. 1–5 109
Die Serpyšyja Nr. 1–3 110
Die Sichelfrau Nr. 1–2 110
XI. Die Anna Subata Nr. 1–9 112
Maria na Penku Nr. 1–4 113
Die Frau auf dem Berge 114
Die glühende Frau 114
Die Fika Nr. 1–3 115
XII. Die Gibańe Nr. 1–2 117
Die Wurlawa Nr. 1–2 117
XIII. Die Schwanjungfrauen 119
XIV. Die Murawa 131
XV. Die boža łosć 139
XVI. Die Riesen 144
XVII. Die Ludki 157
XVIII. Der Schirrmann und die Schirrawa 183

[XVIII]

Seite
XIX. Nix und Nixe 185
Die Wasserfee Nr. 56 205
Der Jeb 205
XX. Der Bludnik 206
XXI. 1) Der Grünbart 214
2) Des Schneiders Wettstreit mit dem Riesen 217
3) Die Geister im Stromberg und im Löbauer Berg 218
4) Das Wasser des Lebens 221
5) Das Häuschen aus Pfefferkuchen 225
6) Das vortreffliche Mittel 227
7) Die Geschichte vom reichen Müller 227
8) Der kluge Dieb 228
9) Der ehrliche Soldat 229
10) Die kluge Tochter des Bauers 230
11) Der kluge Mann und die dumme Frau 231
12) Der Prinz und sein Zauberpferd 233
13) Die schöne Müllertochter 237
14) Die unglückliche Ehe 240
15) Das Zunderzeug 241
16) Die drei Ringe 244
17) Der verzauberte Prinz 249
18) Die verzauberte Prinzessin 251
19) Der schlafende Prinz 253
20) Die Jungfrau im See 253
21) Die goldene Kugel 254
22) Die dankbare Kröte 255
23) Der Zauberlehrling I. 255
24) Der Zauberlehrling II. 257
25) Der Schulmeister und die Teufelskuh 259
26) Das Erbstück 260
27) Die sieben Brüder 264
28) Der muthige Ritter 266
29) Die hülfreichen Hunde 269
30) Der Schatz im Todtenkopf 271
XXII. Zauber 272
XXIII. Die Hexen 278
XXIV. Der Zarny Bog und der Bėly Bog 297
XXV. Der Teufel 298
XXVI. Erscheinungen 310
XXVII. Spuk 322
XXVIII. Entrückung 325
XXIX. Aufhocker 327
XXX. Die Grenze 332
XXXI. Die Pest 336
XXXII. Der Tod 341

[XIX]

Seite
XXXIII. Die Todten 344
XXXIV. Der Vampyr 354
XXXV. Schatzsagen 356
XXXVI. Kirchen 375
XXXVII. Glocken 378
XXXVIII. Versunkene Wagen 380
XXXIX. Versunkene Orte 382
XL. Der Drache 385
XLI. Der Werwolf 395
XLII. Die Smia 400
XLIII. Die Schlangen 402
XLIV. Gespenstige Thiere 410
XLV. Thiersagen 422
XLVI. Die Drachenbäume 426
XLVII. Steine 428
XLVIII. Der Aberglaube 434
I. Die Tageszeiten 434
II. Die Wochentage 435
III. Der Kalender 435
IV. Der Mond 445
V. Himmelszeichen 445
VI. Das Kind 445
VII. Die Hochzeit 447
VIII. Der Tod 448
IX. Die Johanniskräuter 452
X. Krankheiten 454
XI. Sprüche 462
XII. Träume 467
XIII. Böse Mächte 468
XIV. Die Thiere 470
XV. Die Pflanzen 474
XVI. Verschiedenes 477
XLIX. I. Bautzner Dialekt. Duchojo we Wusmužowej a Lubijsky horje 480
II. Muskauer Dialekt. Wobmamjeny prync 483
III. Spremberger Dialekt. Lużki 485
IV. Niederwendischer Dialekt um Cottbus. Ten głuby Hanso 486
Koklaŕski 490

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erwiessn