ADB:Köstlin, Josephine

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Artikel „Köstlin, Josefine“ von Heinrich Adolf Köstlin in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 345–350, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:K%C3%B6stlin,_Josephine&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 16:56 Uhr UTC)
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Köstlin: Josefine Caroline K. (Josefine Lang), Gattin des Christian Reinhold Köstlin (s. A. D. B. XVI, 769), Liedercomponistin, geboren am 14. März 1815 zu München, † am 2. December 1880 zu Tübingen, entstammt väterlicher- wie mütterlicherseits einer angesehenen Künstlerfamilie. Ihr Vater, Theobald Lang (geb. 1783 in München, 1798 Violinist in der Hofcapelle daselbst, 1802 bis 1804 in Stuttgart, von da ab in München bis 1839), war der Sohn von Martin Lang, dem jüngeren Bruder von Franz Lang, der eine Tochter von Johann Stamitz zur Frau hatte. Beide Brüder waren als ungewöhnlich tüchtige Hornvirtuosen Zierden der Mannheimer Hofcapelle, die unter der Führung des Joh. Stamitz den Ruf des „besten Orchesters der Welt“ erlangt hatte und 1778 mit Karl Theodor nach München übersiedelte. Die Mutter Regina, geb. 1786, seit 1808 mit Theobald Lang vermählt, war die jüngste Tochter des Flötenvirtuosen Hitzelberger, der seit 1786 als Kammermusikus der Hofcapelle des Fürstbischofs von Würzburg angehörte, und der Hofsängerin Sabine Hitzelberger, einer gefeierten Künstlerin von Weltruf (vgl. H. Riemann, Musik-Lexikon, 6. Aufl., Leipzig 1905, S. 573), die trotz lockender Berufungen der Heimath, der sie ihre Ausbildung verdankte, treu geblieben ist. Regina war ihrer Schwester Johanna nach München gefolgt, die seit 1800 als Kammersängerin daselbst angestellt war. Auch sie war eine bedeutende Künstlerin und widerstand wie einst ihre Mutter allen Versuchen, sie für Paris zu gewinnen. Bald nach ihrer 1808 erfolgten Vermählung mit Theobald Lang entsagte sie dem Bühnenberufe, um sich ganz den Pflichten der Gattin und Mutter zu widmen. Josefine war das zweite Kind der sehr glücklichen Ehe. Ein Bruder war ihr vorausgegangen, Ferdinand Lang, der bis zu seinem 1882 erfolgten Tode als königlicher Hofschauspieler zu München gewirkt hat als der erklärte Liebling der Münchener (s. A. D. B. XVII, 596; R. Gadermann, Ferdinand Lang. Fünfzig Jahre eines Künstlerlebens. München 1877). (Nach dem am 10. Mai 1827 erfolgten Tode seiner ersten Gattin verheirathete sich Theobald Lang zum zweiten Male mit Therese, der Wittwe seines Collegen Seligmann, die ihm aus erster Ehe einen Sohn zubrachte, Karl S., der als Director der Maxhütte bei Regensburg gestorben ist. Der zweiten Ehe entsproßte noch eine Tochter Margaretha, die sich an den königlichen Intendanzrath [346] Ludwig v. Bar in München verheirathete und in Würzburg gestorben ist.)

Von Geburt an zarter Gesundheit, konnte Josefine zunächst die öffentliche Schule nicht besuchen. Der sehr mangelhafte Privatunterricht fand später seine Ergänzung durch den Besuch eines Instituts, in dem sie sich eine tüchtige Ausbildung in den neueren Sprachen und in der Litteratur erwarb, wie denn auch die Auswahl und sprachliche Behandlung ihrer Liedertexte nicht bloß ein feines Empfinden, sondern auch einen geschulten Geschmack bekundet. Von größter Bedeutung für sie war der Verkehr in dem Hause ihres Pathen, des königlichen Hofmalers Josef Stieler (s. A. D. B. XXXVI, 189), das ihr insbesondere nach dem Tode ihrer Mutter im vollsten Sinne des Wortes zur zweiten Heimath geworden ist. Die ersten musikalischen Eindrücke empfing sie von den Eltern, namentlich von der Mutter. „Meine größte Freude war es“, erzählt sie später, „wenn die Mutter mich auf den Schooß nahm und unter tausend Liebkosungen meine Finger auf dem Clavier spazieren gehen ließ, mich Kindermelodien singen oder gar kleine Stückchen spielen lehrte“. Das Kind, den gewöhnlichen Spielen der Kinder fremd, verrieth früh einen fast leidenschaftlichen Drang zu musikalischer Bethätigung und unverkennbare Begabung. Schon im fünften Lebensjahre wurde daher mit Clavierunterricht begonnen. Ordnung und Methode kam in denselben freilich erst, als ein Fräulein Berlinghof († 1877 zu Darmstadt als Wittwe des Hofmusikus Wagner) sich ihrer als Lehrerin annahm. Mit elf Jahren trat sie zum ersten Mal als Clavierspielerin in einem Museumsconcert auf. Doch war sie hiefür offenbar nicht geschaffen. Ihre Gabe war die Composition. Musikalisches Gestalten war für sie Selbstaussprache. Eine Reihe von Liedern hat sie geschaffen, ehe sie die leiseste Ahnung von Compositionslehre hatte. Dabei hat sie „kein Lied geschrieben, worin nicht irgend ein sonnenklarer Zug von Talent war“, und doch war sie „sonderbarer Weise noch ganz ohne musikalische Bildung“. So urtheilte Felix Mendelssohn-Bartholdy (s. A. D. B. XXI, 331), als er sie 1830 bei seinem ersten Besuch in München im Stieler’schen Familienkreise kennen lernte und singen hörte. Die Eigenart ihrer Erscheinung und Begabung erregte sofort sein lebhaftes Interesse. „Denkt euch“, schreibt er an seine Schwestern, „ein zartes, kleines, blasses Mädchen mit edeln, aber nicht schönen Zügen, so interessant und seltsam, daß schwer von ihr wegzusehen ist, und alle ihre Bewegungen und jedes Wort voll Genialität. Die hat nun die Gabe, Lieder zu componiren und sie zu singen, wie ich nie etwas gehört habe, es ist die vollkommenste musikalische Freude, die mir bis jetzt zu Theil geworden ist“. Beim Abschied gab er ihr Goethe’s Gedichte mit der eigenhändig eingeschriebenen Mahnung: „Nur nicht lesen, immer singen, und das ganze Buch ist dein“. Als er das Jahr darauf wiederkam, war er von den Fortschritten, die sie indessen gemacht hatte, überrascht. „Wen die jetzigen Lieder nicht packen, der fühlt überhaupt nichts.“ Er besprach sich eingehend mit den Eltern, mahnte sie nachdrücklich, das Kind, das bereits anfing, in die Mode zu kommen, doch ja vor den Ansprüchen der Gesellschaft zu bewahren, damit „so etwas Göttliches nicht vergehe“, und ertheilte der Kleinen, so lange sein Aufenthalt in München währte, täglich eine Stunde in vierstimmigem Satz und doppeltem Contrapunkt. Auf seinen Vorschlag, sie nach Berlin zu schicken, um sie dort unter der Hut seiner Familie durch Bernhard Marx ausbilden zu lassen, vermochten die Eltern nicht einzugehen. Josefine verblieb in München. Nur eine einzige größere Reise durfte sie machen; es war im Jahr 1838. Das Ziel war Salzburg, wo sie bei der Wittwe Mozart’s, der verwittweten Etatsräthin v. Nissen, freundliche Aufnahme fand und in [347] den Erinnerungen an den unsterblichen Meister, in dem sich für sie der Genius der Musik verkörperte, mit ihrer Freundin Fanny Schinn schwelgte. 1839 war bereits eine zweite Reise geplant; sie sollte in die Musikmetropole Wien führen, wo ihre Tante Margaretha, die Wittwe des Schauspieldirectors Karl Carl lebte; aber der Vater konnte sich im letzten Augenblick nicht von seinem Kinde trennen. Die Reise unterblieb. Uebrigens bot das damalige München der angehenden Künstlerin des Anregenden genug. Seit Mendelssohn und Marx auf ihr Talent aufmerksam gemacht hatten, war sie in den musikalischen Kreisen eine gesuchte Persönlichkeit. Fast mit allen bedeutenden Musikern, die in München lebten oder besuchsweise verweilten, wurde sie bekannt, so mit Franz Lachner, Ferdinand Hiller, Wilhelm Taubert, J. B. Cramer, Adolf Henselt, ja mit Chopin und Anton Rubinstein. In Augsburg, wo sie bei einer befreundeten Familie zu Besuch einige Wochen weilte, traf sie mit Steffen Heller zusammen und begeisterte sich mit ihm für die Erstlinge der Robert Schumann’schen Muse. Im Stieler’schen Hause, wo sie wie das eigene Kind gehalten wurde, fand sich alles zusammen, was das München Ludwig’s I. von geistigen Größen aufzuweisen hatte, so die Maler Wilhelm Kaulbach, Cornelius, Grotefend, Heß, Hanno, Winterhalter, Fritz Dürk u. A., die Bildhauer Rauch und Thorwaldsen, der dänische Dichter Andersen. Es war eine künstlerisch reich gesättigte Atmosphäre, in der sich der junge Geist entfaltete. Von besonderer Bedeutung für die Liedercomponistin war es, daß Dichter wie Friedrich Rückert, Justinus Kerner, vor allem auch Lenau in ihren Lebenskreis traten. Den letztgenannten hat ihre musikalische Eigenart in tiefster Seele ergriffen; klang sie doch mit seiner eigenen merkwürdig zusammen. – 1835 wurde ihr auf ihr Ansuchen „zu ihrer weiteren Ausbildung im Gesange“ der Acceß in die K. Hof-(Kirchen-)Capelle bewilligt, 1840 wurde sie zur wirklichen K. Hof(capell)sängerin ernannt (mit 100 fl. Jahresgehalt). Ihr Dienst machte sie mit den Meisterwerken des katholischen Kirchenstils vertraut. Den Tag füllten Unterrichtsstunden aus, die sie bis zur Zahl von 8 ertheilte. Die Abende waren vielfach durch gesellschaftliche Verpflichtungen in Anspruch genommen, denen sie mit bestem Willen nicht ausweichen konnte. Solchen Anforderungen war die zarte Constitution nicht gewachsen. Als der Vater am 15. Juli 1839 infolge eines Herzschlags plötzlich der Familie entrissen wurde, erkrankte sie schwer. Die Königin-Wittwe Karoline, die ihr besonders zugethan war, schickte sie zur Erholung in das Bad Kreuth. Hier entschied sich ihr Geschick. Zu gleicher Zeit weilte dort, um sich von schwerer Krankheit zu erholen, der junge Rechtsgelehrte und Dichter Reinhold Köstlin. Sie lernten einander kennen. Es entspann sich ein Herzensverkehr der seltensten Art: er dichtete Lied um Lied, sie componirte und sang sie. Als sie von einander scheiden mußten, wußten beide, daß sie einander für das Leben angehören mußten, ohne daß sie sich eigentlich ausgesprochen hatten. Erst im Jahre darauf folgte die Verlobung, am 29. März 1842 zu Stuttgart die Trauung. Josefine wurde die glückliche Gattin des jungen, vielversprechenden Universitätsprofessors, und es war ein reiches Glück, dem sie entgegenging, als sie in die damals noch recht kleine Universitätsstadt Tübingen einzog. Bei dem erstgebornen Sohne Felix übernahm Mendelssohn Pathenstelle. Drei Söhne und zwei Töchter folgten. Die Künstlerin wich vollständig der Gattin und Mutter. Kein einziges der später veröffentlichten Lieder ist in dieser Zeit reinen Glückes entstanden. Die Kunst schwieg nicht, aber sie mußte sich bescheiden, das häusliche Leben zu durchklingen und seinen Höhepunkten die verklärende Weihe zu geben. Wenn ein Künstler oder ein Dichter nach Tübingen kam, so ging er an dem damals weit von der Stadt, mitten im Garten gelegenen [348] Hause in der jetzigen Rümelinstraße, das Köstlin seinem Glücke erbaut hatte, nicht vorüber. So sahen die Gatten unter anderen die Milanollo’s , die Dichter Geibel, Mörike, Uhland bei sich. Der Universität gehörten unter anderen Friedrich Vischer, der Aesthetiker, als akademischer Musikdirector Silcher, der Volksliedermeister, später der tiefgründige Dr. Otto Scherzer an. Sie wie der musikkundige Theologe Palmer, die treffliche Schriftstellerin Ottilie Wildermuth gehörten zum engeren Freundeskreis. Das Glück war von nur allzukurzer Dauer. In der Nacht vor dem Sonntag, an dem der älteste Sohn zum Confirmationsaltar schritt, den 15. September 1856, erlag der Gatte einem tückischen Leiden, das ihn drei Jahre zuvor genöthigt hatte, seine Vorlesungen einzustellen. Schon die äußere Lage, die Aufgabe, sechs unmündige Kinder zu erziehen, unter denen eines bereits unheilbarem Siechthum verfallen war, zwang die junge Wittwe, wieder zur Kunst zu greifen, um mit ihr den Kampf des Daseins aufzunehmen. Mit heroischer Tapferkeit hat sie ihn durchgeführt. Sie wurde bald die gesuchteste Gesangs- und Clavierlehrerin der Universitätsstadt. Als solche durfte sie 1865/66 den damaligen Prinzen Wilhelm von Württemberg, jetzigen König Wilhelm II., und dessen Vetter, Herzog Eugen von Württemberg, den Enkel des aus Karl Maria von Weber’s Lebensgeschichte bekannten kunstsinnigen Herzogs Eugen Erdmann von Württemberg, zu ihren Schülern zählen. Auch der Drang, zu schaffen, wurde wieder lebendig. Lied um Lied blühte auf. Wieder wurden ihre Lieder ihr Tagebuch. Im künstlerischen Schaffen fand sie Trost und Erhebung unter all dem Schweren, das ihr zu tragen beschieden war. Sie mußte es erleben, daß der zu den schönsten Hoffnungen berechtigende erstgeborne Sohn 1862 der Irrenanstalt Winnenthal zugeführt werden mußte, in der er bei einem Brande 1867 umkam. Der zweite Sohn, vom 9. Jahre an das Sorgenkind, wurde von 20jährigem Siechthum 1873 durch den Tod erlöst. Der dritte Sohn war 1864 in München vom Typhus ereilt worden, von dessen Folgen er sich nie mehr hat erholen können. Am Morgen des Osterfestes 1880 hat sie auch ihm die Augen zugedrückt. In den geistlichen Liedern, die sie geschaffen hat, ist die stille Zuversicht, mit der sie allen Schicksalsschlägen Stand gehalten hat, zu ergreifendem Ausdruck gekommen. Es sei nur an das sieghaft ausklingende „Gib dich dahin“ (von Albert Zeller), an das fast an Händel’sche Klänge gemahnende „All mein Leben bist du“ erinnert. – Die beiden Töchter sah sie als glückliche Bräute und Gattinnen aus dem Hause scheiden. Die eine hat sich mit dem kgl. preußischen Hofopernsänger und späteren Marinemaler Johannes Schleich in Berlin, dem vertrautesten Sänger der Lang’schen Lieder, die andere mit dem durch seine Freundschaft mit Johannes Brahms auch in musikalischen Kreisen bekannt gewordenen Elektrotechniker Dr. Richard Fellinger († als k. k. Baurath zu Wien 1903) verheirathet. Der jüngste Sohn ist der Verfasser dieser Skizze.

Bis zum letzten Tage ist die Künstlerin ihrer Kunst treu geblieben. Am Abend des 2. December 1880 ist sie infolge eines Herzschlages zur ewigen Ruhe eingegangen, am 4. December mit dem Gatten im selben Grabe vereinigt worden. –

148 Lieder und Gesänge hat sie selbst veröffentlicht, daneben einige Claviercompositionen. Nach ihrem Tode veranstalteten die überlebenden Kinder und die Herren Breitkopf & Härtel in Leipzig ein Liederbuch in 2, je 25 Lieder enthaltenden Heften. Später erschienen bei Michaelis in Leipzig noch einige Claviersachen.

Ueber ihre Lieder urtheilt Ferdinand Hiller (Aus dem Tonleben unserer Zeit II. Leipzig 1868, S. 116): „Sie geben in der Folge das Bild einer [349] steten Entwicklung. Die frühesten gehören der Zeit an, wo sie noch fast ein Kind war, und tragen den Stempel der liebenswürdigsten Naivetät, aber schnell wächst die Breite der melodischen Anlage, die Eigenthümlichkeit der Harmonie, die Tiefe der Auffassung, der Reichthum der Begleitungsformen. Was diese Gesänge auszeichnet, ist vor allem die Spontaneität der Erfindung – in den einen und anderen mehr oder weniger bedeutend, findet man nie musikalische Mache, oder interessante Reflexion, die Hauptkrankheit unserer Zeit. Ein anderer großer Vorzug der Lang’schen Lieder ist die Behandlung der Stimme – in jedem Takte zeigt sich die Sängerin im besten Sinne des Wortes. Aber auch die Clavierbegleitung legt Zeugniß davon ab, daß die Tonsetzerin auf dem Instrumente gänzlich zu Hause ist. Zeigt sich auch hie und da der Einfluß, den Mendelssohn’sche und Schubert’sche Weise auf sie ausgeübt, von Nachahmung ist nirgend eine Spur; alles ist frisch einem ächt musikalischen Gemüth entsprossen, ohne Aengstlichkeit, ohne Peinlichkeit, ohne eine Rücksichtnahme, welcher Art sie sei. Heiter oder traurig, tiefernst oder freudesprudelnd, stets ist die Stimmung eine gesunde, ebenso entfernt von überspannter Melancholie, als von sich selbst überbietendem Glückseligkeitsdusel. Es ist aufrichtige Musik, und ihre Aufrichtigkeit entspringt einer edlen Seele“. Aus diesem Urtheil der Zeit- und Fachgenossen erhellt, daß J. L. als Liedercomponistin, wie ja schon aus ihrem Bildungsgang hervorgeht, zu derjenigen Gruppe von Tonsetzern gehört, die in ihrem Schaffen durch das Vorbild Felix Mendelssohn-Bartholdy’s bestimmt sind. Bei aller Bedingtheit der musikalischen Gestaltung durch den Text im ganzen und einzelnen ist vor allem auf musikalische Geschlossenheit und Begründung gesehen, die Lieder bilden musikalisch in sich abgerundete, durch sich selbst einleuchtende Tonstücke. Es ist daher wol zu begreifen, daß sie dem von J. L. über alles verehrten Meister besonders „ans Herz gehen“, daß er z. B. von dem „Scheideblick“, dem „Sonnenuntergang“ in Fis-dur und dem „Freund, ach, und Liebster“ in f (op. 9 und 10) meint, für diese Lieder „wären einem jeden wohl alle Kapellmeisterstellen und Contrapunkte feil, aber auch dann sind sie nicht zu haben“ (Brief d. d. Soden, 19. Juli 1844 bei Köstlin, Josefine Lang, S. 96). Ebenso Recht dürfte der Meister auch damit haben, daß er den besonderen Reiz dieser Lieder darin findet, daß sie „die Persönlichkeit (der Componistin) so deutlich und liebenswürdig aussprechen“ (Brief d. d. Leipzig, 26. April 1841, ebenda S. 94). Sie verdanken ihre Entstehung nicht sowol dem musikalischen Gestaltungsdrang überhaupt, der Absicht, einen Text, der zur Composition reizt, musikalisch auszulegen, als vielmehr dem Bedürfniß persönlicher Selbstaussprache. Der musikalische Gestaltungstrieb bemächtigte sich jedes Mal gerade dieses Textes, weil er das zur Auslösung bringt, was in der Seele der Künstlerin wogt und nach Gestaltung ringt, für sie das rechte Wort zur gegebenen Stunde ist. In diesem Sinne sind ihre Lieder „ihr Tagebuch“. Daher die warme Beseeltheit, die oft leidenschaftliche Innigkeit, das weiblich Anschmiegende ihrer Melodik. Daher auch das Ueberfluthen der Musik über den Text in einzelnen Liedern. In diesem völligen Zusammenfließen des persönlichen Fühlens und Erlebens mit dem des Dichters, weit weniger in den Einzelheiten der musikalischen Auslegung, liegt der eigenartige Reiz der Lang’schen Lieder: sie überraschen nicht durch frappirende Wendungen und Pointen, sie ergreifen und bewegen die Seele. Daraus erklärt sich wol auch ihr Schicksal. Sie sind niemals sogenannte Schlager im Concertsaal geworden, obschon ihre Wirkung bei gutem Vortrag eine tiefe und nachhaltige ist, sie sind auf den intimen Kreis der Kenner beschränkt geblieben. Sie erfordern zu voller Würdigung ihrer Eigenart die gesammelte Stille des Gemüths.

[350] F. Hiller, Josephine Lang, die Liederkomponistin. In „Aus dem Tonleben unserer Zeit“ II. Berlin 1868. – H. A. Köstlin, Josefine Lang. Lebensabriß, Musikal. Vorträge. Herausgegeben von Paul Graf Waldersee. III, 26, 27. Leipzig 1881. – Reisebriefe von Felix Mendelssohn-Bartholdy aus den Jahren 1830 bis 1832. Herausgegeben von Paul Mendelssohn-Bartholdy. 2. Auflage. Leipzig 1862, S. 175 ff. – Briefe aus den Jahren 1836 bis 1847 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Herausgegeben von Paul Mendelssohn-Bartholdy und Karl Mendelssohn-Bartholdy. Leipzig 1864, S. 312, 364. – Elsbeth Friedrichs, Josefine Lang. In der Neuen Musik-Zeitung. Stuttgart 1905, Nr. 10. – Vgl. Dr. W. Kleefeld, Der Antheil der Frau an der musikalischen Cultur. In Velhagen und Klasing’s Monatsheften. Berlin, XX, 1, S. 38. – Bildnisse sind vorhanden von Winterhalter und Friedrich Dürk, ersteres im Besitz von Frau Dr. Maria Fellinger (Berlin), letzteres in dem von Dr. H. A. Köstlin (Cannstatt); von Karl v. Müller (Paris, Frankfurt), im Besitz von Frau Therese Schleich (Berlin). Später von der Künstlerin aufgenommene Photographien geben ein falsches Bild, da sie die für sie charakteristische Bewegtheit des seelischen Ausdrucks nicht wiederzugeben vermögen. – Der größte Theil des musikalischen Nachlasses befindet sich auf der Königl. Landes-Bibliothek zu Stuttgart.