ADB:Triller, Daniel Wilhelm

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Artikel „Triller, Daniel Wilhelm“ von Erich Schmidt, Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 608–615, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Triller,_Daniel_Wilhelm&oldid=3419411 (Version vom 12. Dezember 2018, 17:10 Uhr UTC)
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Triller: Daniel Wilhelm T., Dichter, Mediciner, Philolog, wurde am 10. Februar 1695 in Erfurt geboren. Ueber die Geschichte seiner Familie von dem wackeren Köhler Georg Schmidt an, der 1455 den Namen Triller erhielt, weil er Kunz von Kaufungen „mit seinem Schürbaume weidlich getrillet“, hat T. im „Sächsischen Prinzenraub“ 1743 breitspurigen Bericht erstattet – siehe aber Koch, Trillersagen 1884; S. 138 f. die Vita seines Vaters Johann Moriz. Dieser (1662–1701), Jurist, Mediciner, Polyhistor, rühriger und vielseitiger Schriftsteller, auch er um Darstellung jenes Prinzenraubes und die Genealogie der Triller bemüht und fähig „ein anmuthiges Gedichte zu machen“, war 1694–1697 Professor der Mathematik und Dichtkunst am Erfurter Gymnasium und zog dann als Arzt nach Altenburg, wo ihn in einer Stunde mit seiner Gattin. Rosina Sibylla Köhler aus Altenburg, ein hitziges Fieber dahinraffte. Von einem Verwandten, dem Bürgermeister Lic. Gellert, versorgt und auf dem Zeitzer Gymnasium unter Herzog gut vorgebildet, studirte T. 1713 in Leipzig bei Menz Philosophie, bei Mencke Geschichte, bei Lehmann Naturlehre, war Mitglied der „Vertrauten Gesellschaft“ des späteren Reichsgrafen v. Lotz, ging aber 1714 von den schönen Wissenschaften zur Medicin über, ohne sich einseitig auf diesen Beruf einzuschränken. Im Juni 1716 wurde er Magister auf Grund der „Disputatio de Moly Homerico cum reliquis argumentis ad fabulam Circaeam pertinentibus“ (36 S., vgl. auch Poet. Betr. 3, 122). Das krause Thema war zuletzt von dem Jenaer Mediciner C. W. Wedel 1713 erörtert worden. Eine altmodische allegatenreiche Gelehrsamkeit verbreitet sich über die Buhlerin, ihr Philtrum, die Etymologie von μωλυ, die unzutreffenden Bestimmungen der antiken Botanik; es sei der Helleborus niger. 1718 promovirte er in Halle unter Hofmann’s Auspicien mit der „Nova Lolli, Franconiae Deastri, explicatio“ (vgl. Miscellanea Lipsiensia XI, 13) und kehrte nach Leipzig zurück, wo er Vorlesungen über Geschichte der Heilkunst, seltsamer Weise auch über die Paulinischen Briefe hielt. Philologische Studien zum Neuen Testamente [609] hat er auch in Merseburg betrieben. Sein größtes Interesse wendete sich nachhaltig dem Hippokrates zu; die „Apologia pro Hippocrate, Atheismi falso accusato“, Rudolstadt 1719, ist gegen Gundling gerichtet. Das folgende Jahr brachte einen offenen lateinischen Brief an den Engländer Freind über das erste und das dritte Buch des Meisters, Vorstudien zu einer Ausgabe, die, durch Uebersiedelung unterbrochen, 1729 in der zu Leyden gedruckten Studie „De nova Hippocratis editione adornanda Commentatio“ (vgl. Leipziger Gelehrte Zeitung 1729, S. 61) wieder angekündigt, aber durch neue Lebenspflichten nochmals zurückgeschoben und auch in Paris nicht abgestoßen wurde. Kleineres steht auch in den Misc. Lips. X (1721) 118. 1720 als Landphysikus nach Merseburg berufen, heirathete er eine Apothekerstochter und legte, als der Schwiegervater starb, die Regierung aber den ärztlichen Beruf nicht mit dem eines Apothekers verbunden wissen wollte, die medicinische Praxis nieder, um bis zum Tode seiner Frau, 1729, der Officin vorzustehen. In dieser Periode trat er als Dichter hervor. Kränklicher Einsamkeit entzog ihn der Ruf, den Erbprinzen von Nassau-Saarbrücken 1730 als Leibarzt auf Reisen zu begleiten. Fortan hat T. eine große Weltkenntniß erworben, bedeutende gelehrte Verbindungen geschlossen und die Gunst hoher Herren erworben, die er in einer speichelleckenden Zeit würdig erwiderte, Widmungen und Gedichte liberal mit offenen Bekenntnissen über inneren Adel ausstattend. Sein weiterer Lebenslauf ist in den Reimwerken gebucht. Unterwegs versäumte er wissenschaftliche Arbeit und fördernden Austausch nicht. So finden wir ihn in Basel im Kreise der Bernoulli, Werenfels, Iselin, in Straßburg bei Schöpflin, während die beiden längeren Pariser Aufenthalte 1731 f. Studien auf der Bibliothek ergeben, mit allen namhaften Aerzten verkehrend, auch mit Fontenelle bekannt (vgl. die Verse 1757 in Gottsched’s „Neuestem“ VII, 234); dazwischen in Holland der Geburts- und Geistesaristokratie nahe, auch für die Bilderschätze interessirt (Poet. Betr. II, 329). Nach persönlicher Begegnung verhieß er Franz von Lothringen für seine Tugenden das Kaiserthum (II, 341) und ward damit ein Prophet. Allen voran fesselte ihn Boerhave (II, 338; Epicedium 1738 III, 70), zu dessen Aretäusausgabe er „Observationes et emendationes“ beisteuerte. Im Frühjahr 1732 erfolgte die Heimkehr. Bieberich und Wiesbaden hat T. in manchen Reimen preisend abgeschildert. Er behielt reiche Muße für medicinische und philologische Studien, wie sie damals nicht nur bei ihm Hand in Hand gingen. In einen Streit zwischen den Breslauer G. Hahn und dem auch als Dichter wohl bekannten, von T. (IV, 323) besungenen Werlhof über die Frage, ob die Alten die Kinderblattern gekannt, warf er „Epistolae medicae duae de anthracibus et variolis veterum“ (Hahn’s Carbo pestilens 1736 beigedruckt); drei Jahrzehnte später hat er W. Schlegel’s höhnische Prophezeiung eines englischen Lehrgedichts über die Impfung durch die „Geprüfte Pocken-Inoculation“ (Frankfurt a. M. 1766, in Quarto) vorweggenommen, und 1768 ein größeres „Gedicht von der Veränderung der Arzneikunst“ (Wittenberg) zum Besten gegeben. Wie weit hinter den heutigen klinischen Untersuchungen liegen die verlassenen Gelehrtenstege einer Zeit, da T. zwar neuere Erfahrungen Boerhave’s u. A., sowie eigene Empirie heranzog, um 1740 eine „Succincta Commentatio de Pleuritide ejusque curatione, adjectis simul decem singulis pleuriticorum historicis“ zu liefern, aber darin das Hauptaugenmerk den Lehren des Hippokrates, Aretäus, Alexander Trallianus, Cälius Aurelianus, Cornelius Celsus zuwandte. Und welcher Arzt betriebe heute gar die Textkritik nichtmedicinischer Schriftsteller der Antike, Griechen und Lateiner, Dichter und Prosaiker, wie T. in den „Emendationes et Observationes in Juliani Caesares“ (Gotha 1736), den Beiträgen zum Gellius, [610] zu Gronov’s Aelian (London 1744), dem Commentar zu Lucan’s Pharsalia u. s. w. Seinen Freunden in Hippokrates, dem weitberühmten Londoner Arzt Mead und Wigan, hat er 1742 einen dicken philologischen Band über den Kanal geschickt: „Observationum criticarum in varios Graecos et Latinos auctores libri IV“ (Frankfurt a. M., 519 S. ohne die Indices), durch eine stolze Absage an die Kritikaster eingeleitete weitschichtige Adversaria, besonders auf loci corruptissimi, depravatissimi, deploratissimi gerichtet, manchmal conservativ, öfter überkritisch ändernd, weite Kreise, der Prosaiker mehr, bis zu den Spätlingen durchlaufend, sehr belesen, ohne methodische Schärfe, auch mit bösen hebräischen Etymologien behaftet. Im gleichen Jahre schloß sich „Hesychianarum Emendationum specimen novum“ an. Die classischen Philologen kennen heute kaum noch seinen Namen. Einst war er mit Gelehrten vom Rang Reiske’s intim (Lebensbeschreibung 1783, S. 747 Briefe aus den Jahren 1750–1758; vgl. die Erwähnungen in Bernard’s Zuschriften).

T. führte trotz wiederholter Kränklichkeit ein glückliches Leben in schönster Eintracht mit seiner zweiten Gattin Henriette Thomä (geb. am 16. Januar 1715), die ihm am 7. October 1734 angetraut worden war: „O Tag! der würdig, mit Zinnober Im Allmanach gefärbt zu stehn.“ Die Kinder stellten sich in rascher Folge ein: sieben haben die Mutter überlebt. Er siedelte 1744 nach Frankfurt a. M. über, vom Reichshofrathscollegium zum Leibarzt und ordentlichen Rath gewählt und konnte sogleich eine große Praxis entfalten, zog aber schon im Juni 1745 als Hofrath und Leibarzt nach Weißenfels, dessen letzten Herzog er alsbald in den böhmischen Feldzug begleitete, selbst schwer erkrankend, in Iglau genesend (Poet. Betr. IV). Mit dem Herzog Johann Adolf erlosch im Frühjahr 1746 das regierende Haus, das Ländchen fiel an Kursachsen. T. erhielt nun, nachdem eine Aussicht auf Leipzig verflogen war, die erste medicinische Professur in Wittenberg und den Charakter als Hofrath und Leibarzt des Königs von Polen. Eine Sommerreise nach Frankfurt a. M. brachte am 12. August 1751 seiner Gattin den Tod. Der Untröstliche errichtete ihr ein großes „Wohlverdientes Ehrengedächtniß“ und wurde nicht müde, ihr in herzbrechenden Reimen an den Gedenktagen des gesegneten Bundes nachzuseufzen („Klage- und Trauergedichte über das Absterben seiner Henriette“, Wittenberg 1752; Poet. Betr. VI, 93). Er hat sich (VI. Vorwort) über Besser’s und Canitzens Wittwergedichte ausgelassen, letzteren überschätzend, dem ersteren ganz gesunde Einwürfe machend – nun wetteiferte er mit ihnen, freilich lahm genug. Der 6. Band seiner „Poeterei“ macht 1755 auch unserer näheren Kenntniß dieses fortan träg verrinnenden Lebens ein Ende. An der Universität hielt er „wenig oder fast gar keine Vorlesungen“. Er lebte lang, viel zu lange für seinen Ruf: am 22. Mai 1782 ist er 87jährig gestorben. Für die Beerdigung hatte er einen langen Choral gedichtet, als „D. W. Trilleri Extremum Vale, oder letzte Abschiedsgedanken von dieser Welt“ gedruckt, worin er vor allem auf „ein redlich Herz“ Anspruch macht. Was wir von seiner Persönlichkeit wissen, gibt ihm ein gutes Recht darauf.

Ganz anders steht es um Triller’s dichterische Titel. Wohl macht ihm sein später Nachruf „Zufällige Gedanken über J. C. Günther’s elendes Leben und herrliche Gedichte“ (1742 III, 101, vgl. auch S. 327, 384) menschlich Ehre, daß er über der „allzufreyen Brunft“ das lyrische Genie nicht vergaß und dem Jugendfreund so treu blieb, auch sich ihm so willig unterordnet – aber aus seinen vielen tausend Reimen würde Niemand erschließen, daß T. einst (in Leipzig um 1718) neben dem genialsten Dichter der Zeit den „Anakreon“ übersetzt hat (vgl. Seufferts Vierteljahrschr. 6, 491). Einen Erstling, die galante Frühlingsode von 1713, zog er spät hervor (VI, 621). Seine Gedichte, außer Fabeln und dem [611] Epos, sind in sechs stattlichen Bänden als „Daniel Wilhelm Trillers, Phil. & Med. Doct. Poëtische Betrachtungen, über verschiedene, aus der Natur- und Sittenlehre hergenommene Materien“ in Hamburg erschienen; der erste 1725, vom Meuselwitzer Pastor Hecker edirt, mit dem Zusatz „zur Bewährung der Wahrheit Christlicher Religion, denen Atheisten und Naturalisten entgegen gesetzet“, mit Aenderungen und Zuthaten des Verfassers neu herausgegeben 1739 (752 S.) von J. C. B., der auch den zweiten Band 1737 (wiederholt 1746) zeichnet. Der dritte erschien 1742 (1750), der vierte 1747, der fünfte 1751, der sechste 1755. Vorausging 1723 Urtext und Uebersetzung von „Hugonis Grotii leidendem Christus“ mit großem Erklärungsapparat und einer Zugabe von Passionsandachten. T. zeigt hier seinen Zusammenhang einmal mit Opitz, dann mit der neueren geistlichen Dichtung, die besonders in Hamburg gedieh. Und in Hamburg fand T., der auch am „Patrioten“ theilnahm, seinen göttlich verehrten Meister, Brockes, den unermüdeten theologisch-naturwissenschaftlich reimenden Lobredner des „Irdischen Vergnügens in Gott“. Ihm wollte, stets bescheiden zu dem vierten Gestirn nach Opitz, A. Gryphius, Lohenstein aufblickend, der medicinische Versmacher wie Icarus dem Dädalus folgen. Brockes habe seiner Dichtung erst Inhalt gegeben. Ihm widmete er jenen „Christus“ und den ersten Hauptband, empfing selig prosaische und gebundene Anerkennungen des Rathsherrn (vgl. IV, 661), feierte ihn Jahre lang als Dichterfürsten und beschloß seinen 4. Band mit einem Trauercarmen. Charakteristisch für T. ist eine der Thesen von 1716: „Poetae fiunt, non nascuntur“, und viel später der Vers: „Wer zu lang singt, singt nicht gut“. Er hat über die Poesie sich schwankend geäußert, einmal für eine Stelle des Hippokrates alle Dichtungen der Welt hergeben wollen, anderswo (III, 112) den großen Haller – den letzten, den er noch würdigte – angerufen: „Du solltest Folianten schreiben, Und nichts, als nur die Dichtkunst treiben … Ruh’ aus, die Körper zu zergliedern, Und wende dich zu deinen Liedern.“ Ihm war die Dichtung nur ein Nebenwerk, aber er betonte das utile, Feind des Schwulstes, dessen nicht geringe Spuren im eigenen ersten Band er zu bessern und fortan auf dem Mittelweg zwischen dem Prunkenden und dem Niederträchtigen zu meiden suchte, und ein Gegner Hofmannswaldau’scher Sinnlichkeit. Pope imponirte ihm (III, 146). Er selbst gewann einen dichtenden Verehrer in dem Coburger Herrn v. Böhlau, den er höchlich überschätzte (I2 vorn; III, 329, 350, 383, 486; V, 183). Wir wissen, daß seine eigene Reimerei immer von Reminiscenzen an Stellen der Alten begleitet war, die er „unter währender Arbeit“ an den Rand schrieb, um sie dann in Fußnoten niederzulegen. Manches darin und in Vorreden zeugt von weiter Belesenheit und vereinigt brave Worte gegen die landläufigen Casualverse mit den schiefsten Urtheilen, z. B. über Milton, Petrarca oder des Dantes lächerlich einfältige Vorstellung von „Ditis Hofstadt“ – T. hat die Hölle freilich ganz anders beschrieben (I, 101). Er betont mit Berufung auf Pindar, Horaz u. a. und schiefer Anwendung auch auf Epos und Drama, was erlebte Gelegenheitspoesie heiße (IV. Vorrede), kann aber selbst nichts ausgestalten und steckt oft noch tief im alten Opitziren (vgl. auch I, 243: „Ich empfinde fast ein Grauen“; IV, 482: „Damon saß in tiefem Sinnen“). Teleolog und Feind der „verstockten Atheisten“ wie Brockes, trotz zahllosen christlichen Reimen doch vom Deismus gestreift (III, 393 Lob Bayle’s), hat T., im 1. Bande namentlich, gerade das, was an dem „großen Brocks“ unser Lachen reizt, bis zum Verwechseln getroffen: wenn er Nelken oder Bienen beobachtet, das Firmament oder den Weinstock lehrhaft beguckt, „die aus Glaß geblaßne Röhre“ des Torricelli, „des Blutes Circulfluß“, das Fieber und das Chinin erörtert, mit Brockes hört und sieht, schmeckt und riecht (Aria: „Eröfnet sich das Nasen-Loch“) oder in 115 Strophen, [612] nebst lateinischen Noten, einen Cursus der menschlichen Anatomie abhält oder vorher (I, 137), diese schlimmsten, aber belustigendsten Opera auch später auszeichnend, des Schöpfers weise Größe in der Fortpflanzung der Frösche mit liebevollster Versenkung schildert, wobei mitten in der Thierphysiologie ein Vergleich zwischen dem Froschpaar und Emma’s und Eginhard’s Huckepack erscheint. Medicinischem Interesse entsprang auch die, schon von zwei anderen unternommene Versification des Christian-Gryphischen „Tempels des Todes, wie er das Somnium Scipionis in deutschen Strophen bearbeitete und auslegte. Brockes hat ihn 1734 „aus langer Schlafsucht“ wieder zur Poesie geweckt, aber Themata wie die Aloe oder des Holzes mannichfacher Nutzen schwinden gemach, die Wasser von Wiesbaden, Ems, Schwalbach, Böhmen („Das Kaiser-Karls-Bad zu besingen Empfind’ ich einen Dichtertrieb“) zu feiern lag dem Arzt nahe, doch hat er noch im 5. Band „Das Fliegenauge“ unter die teleologische Lupe genommen. Geschmacklos kann er auf eine aristotelische Hodegetik ein „Lob des Caffe“, auf die Huldigung für Haller ein Tobackgedicht folgen lassen. Sein Heimgebrachtes aus der Fremde ist recht uncharakteristisch; seine massenhafte religiöse Dichtung, auch nach Sannazaro’s Muster, aber ohne heidnische Einmischung ausgebreitet (I, 511), trocken; seine Epigrammatik stumpf; seine durch keinerlei Liebeslyrik eingeleitete eheliche Hauspoeterei biedermännisch; seine zahlreichen verstreuten theils freien, theils treuen Uebersetzungen aus Horaz, Anakreon u. s. w. in Reimversen (mehrmals hat T. die altüberlieferten gereimten Sapphica) stillos; seine fortlaufenden Zeilen oder Strophen mannichfach, nicht selten äußerlich sauber, fließend, die Reime im ganzen rein und zwanglos (IV, 267 sie kommen „ungeheißen“) – aber er ist ein urprosaischer Kopf ohne alle innere Form, seine Sprache so schwunglos wie seine Brockesischen Cantaten unsanghaft, und den von ihm (V. Vorrede) lebhaft bestrittenen Ausdruck „schöpferischer Geist“ hat ihm selbst Niemand zugemuthet.

T. bezeichnet seine „moralischen“ und „physikalischen“ Gedichte als geringe Gaben. Zur Epik trieb ihn keine poetische Ruhmbegier, sondern ein harmloser Familienstolz. Daß den Deutschen zum Epos nicht sowol das Talent, als Zeit, Geld, Freiheit, Gönnerschaft fehle, setzte er in den Poet. Betr. II, 548 ff. thöricht auseinander, indem er zugleich wider den „rauhen Uebellaut und Ohrenzwang“ reimloser moderner Verse (Seckendorf’s) und die Hexameter (des Heräus) Einspruch erhob. Dem Nachtreter des 17. Jahrhunderts erschien Lucan, den er commentirte und verdeutschte, als geistvollster und wärmster Poet. Auf den Römer, aber auch auf Voltaire’s Henriade sah er hinüber und ahmte einzelne Partien nach, wollte aber sein mit einer Ode und dem Abdruck alter Schriften des Vulpius und Tentzel beschlossenes, anmerkungsreiches Gedicht in vier Büchern, „Der Sächsische Prinzenraub oder Der wohlverdiente Köhler“ (Frankfurt a. M. 1743, 320 S.) nicht vor den „tadelsüchtigen Wortrichtern und Erbpachtern des sogenannten guten Geschmacks“ für ein Epos ausgeben, weil einer aristokratischen Poetik Bossu’s u. A. zuwider ein niedriger Mann die Hauptperson sei. Trotz dem von ihm selbst für gewohnheitsmäßiges heroisches Spielwerk erklärten Apparate des Wunderbaren: Zaubereien, Träumen, unheimlichen schwarzen Reitern, Schutzgeistern, trotz Ausrufen und Gleichnissen sind die klapperigen Alexandriner bare Prosa, und die lange Vision des braven Köhlers von den künftigen Trillern macht eine böse Coda. Ein feierliches Cano eröffnet die Geschichtklitterung vom Jahre 1455. T. kannte ein ungedrucktes lateinisches Dichtwerk Eylenberg’s von 1679, lobte und benutzte aber auch das treffliche alte Drama D. Cramer’s, Plagium (P. Franz, Der sächsische Prinzenraub im deutschen Drama des 16. Jahrhunderts, Marburg 1891). Die geschichtlichen Relationen waren ihm alle geläufig, er bot den größten Fleiß auf – aber „Ein matter Dichterkiel [613] ist darzu viel zu schlecht, Timanthes’ Schleyer wär hier nur allein gerecht“, so daß dem Reimer selbst ein kritisches „Trillen“ oder ϑρυλλεῖν (S. 123) nicht erspart blieb. Er steht tief unter dem Hermannsänger v. Schönaich. Göttinger (Gel. Zeitung 1743 St. 64) und Greifswalder (Crit. Versuche II, 300) griffen ihn an mit der Frage, ob das Wesentliche des Epos auf dem Rang der Personen oder der Wucht und Vortrefflichkeit des Gegenstandes beruhe. Die Dresdener Nachrichten (1743 St. 45, nach Waniek von Liscow) zausen das Machwerk höhnisch und rathen (St. 48) dem Urheber, seinen Kiel zu zerstampfen und seine Leier dem Aesculap zu weihen. Die Zürcher bitten den „erhabenen Poeten“ nur ironisch, er möge nicht vergessen, dem Ehrentempel des Ahnherrn eine Capelle für seine eigene vornehme Person anzubauen (Sammlung VII, 96). Kühl verhalten sich die Gottschedianer (Crit. Beiträge VIII, 535); gleichwol muß T. stets in ihren Reihen marschiren, wenn die Blocksbergmusen von den Gegnern beschworen werden, wie ihn auch Henzi’s Amusemens de Misodème zu den méchans écrivains zählten und Bodmer (Duncias 1747, S. 8) seinen Namen unter die obotritischen rückt.

Das Jahr 1740, eines der streitbarsten unserer Litteraturgeschichte, war auch für T. verhängnißvoll geworden. Damals erschien sein Band „Neue Aesopische Fabeln, worinnen in gebundener Rede allerhand erbauliche Sittenlehren und nützliche Lebensregeln vorgetragen werden“ (Hamburg, ohne die Register 335 S., mit einem allegorischen Kupfer: „Ein Genius reicht dem Verfasser Geschöpftes Hippocrenenwasser“ … ). Vorausgegangen war im 2. Bande der Poet. Beitr. – der S. 215 auch „Die Matrone von Ephesus“ nach Petronius mit Erwähnung Lafontaine’s bringt – S. 548 ff. ein „Poetischer Anhang von moralischen Fabeln, nebst einem ausführlichen Vorbericht von denen Eigenschaften, Tugenden und Fehlern der Fabeln überhaupt“: Musterung der deutschen Poesie, Lob des altväterischen, von T. mehrmals benutzten Rollenhagen, Preis der „güldenen Fabeln“ Lafontaine’s, mäßige Polemik gegen La Motte wegen zu langer Moralien und der Definition der Fabeln als kleiner Heldengedichte. Ihm ist die Fabel ein „historisches Epigramma, moralisches Geschichtsgedichte, symbolisches Sinngedichte“, worin auf eine verdichtete, unglaubliche, aber nicht unvernünftige Geschichte eine Moral folgt. Gegen die Lehre und die Beispiele eröffnete 1740 Breitinger im 7. Abschnitt seiner „Critischen Dichtkunst“ („Von der Esopischen Fabel“) eine langathmige, theils zutreffende, theils ungerechte Polemik, die von der Definition des „lehrreichen Wunderbaren“ aus, besonders S. 214–262, Mangel an Wunderbarem, Unwahrscheinlichkeit, verfehlte Moral, niedrigen Stil aufsticht; während Zink in den Hamburgischen Berichten von gelehrten Sachen (1740, S. 641) die Fabeln des an der Alster wohlempfohlenen T. den Schulen ans Herz legt und T. „einem aufgeweckten Stoppe und scharfsinnigen von Hagedorn“ als dritten geschickten Kopf zugesellt. Dem entsetzlich platten Stoppe ist T. allerdings überlegen, aber er steht tief unter Hagedorn. Man vergleiche nur die 43. Fabel vom armen Schneider und reichen Kaufmann mit dem „muntern Seifensieder“, oder Triller’sche Bearbeitungen Lafontaine’scher Vorlagen sowol mit diesen als mit Hagedorn’s Seitenstücken und überlege, was der congeniale Freund Horazens zu der philisterhaften Darstellung der Stadt- und der Feldmaus gesagt haben mag. Nur die Thatsache, daß theilweis ein engerer Anschluß an Lafontaine gesucht wird, und ein paar formale Experimente in dem schläfrigen Jambentrott verschaffen diesen Fabeln ein kleines geschichtliches Interesse. (Vgl. Eigenbrodt, Hagedorn und die Ezählung in Reimversen, 1884, dazu Seuffert im Anzeiger der Zeitschr. für deutsches Alterthum XII, 74 ff.) Zu der Sammlung von 1740, 34 verbesserte und 106 neue Stücke enthaltend, denen die 2. Auflage 1750 weitere fünfzig beifügte, hat T. [614] ein Vorwort geschrieben, dankbar für reichlichen Beifall, empört gegen „etliche tobende Neider und schäumende Verläumder“. Eine gröbere Fassung war von der Censur unterdrückt worden, gelangte jedoch über Hamburg nach Zürich und auf illoyale Weise daselbst zum glossirten Abdruck in Breitinger’s „Nothwendigem Ergänzungsstücke zu der Schutz-Vorrede Hrn. Dr. Tr*ll*rs“, mit Seitenhieben auf den unschuldigen Liebling und Weihrauchspender Böhlau (Poet. Jugendfrüchte, 1740, S. 83, 345; bevorwortet von T.). Der Gottschedianer Pitschel antwortete dem Zürcher (Belustigungen, August 1741, I, an drei Stellen) salzlos und T. preisgebend. Breitinger hetzte billigen Spott zu Tod im „Echo des deutschen Witzes“, 1741, besonders in den Aufsätzen „Historischer Erweis“ … und „Zureichender Grund“ … ; in Bodmer’s läppischem „Complott der herrschenden Poeten“ muß „Tirller“ die Gefährlichkeit der Schweizer bestätigen. Uebrigens hatte J. U. König schon im Mai 1725 den „Affen Brocksens“ bei Bodmer brieflich angeschwärzt.

Was Wunder, daß T., im Grund verträglich und kein Cliquenmann, nach solcher Unbill sehr ergrimmte und zunächst in der Vorrede der Poet. Betr. III seitenlang auseinandersetzte, wie „ein ungestümes und gräßliches Echo aus den rauhen Alpengebürgen her“ und „derlei ohnmächtige papierne Donnerschläge“, die nur „häßlichen Gestank“ hinterlassen, ihn nicht anfechten könnten. Er kommt zu oft auf den hypercriticus Alpinus, die turpes glires Alpinos zurück. Die unglücklichste Entgegnung war 1746 die übereilte Concurrenz mit Bodmer’s ein Jahr vorher begonnener Opitzausgabe durch einen vierbändigen, auf Fellgibel’s schlechten Text gegründeten, unnütze Conjecturen und leere Anmerkungen führenden Neudruck, den Breitinger 1747 spielend abfertigen konnte („Der gemißhandelte Opitz“ … ) und Lessing verächtlich bei Seite schob. Gottsched (Büchersaal II, St. 6) dämpfte sein Parteilob als kundiger Richter durch gewichtige Zweifel.

T. war schon seinem Alter nach und als Brockesist kein Gottschedianer. Nur in den litterarischen Händeln jener Zeit konnte er als solcher gelten. Er erwähnt den Dichter Gottsched nur nebenher. Ein nach einem Besuch bei T. 1729 begonnener Briefwechsel war bald eingeschlafen, weil T. die Einladung in die Deutsche Gesellschaft dilatorisch beantwortet hatte, aber 1746 wieder in Fluß gekommen. Von einer scherzhaften Epistel an Frau Gottsched (28. Dec. 1750) sagt Danzel richtig, sie zeige „mehr als alle seine geistlosen Gedichte das unaustilgbar hölzerne Wesen des Mannes“. Die Beziehungen blieben locker. Auch verfing bei Gottsched die Prahlerei nicht (8. März 1747), daß der Marquis de la Cer im Théâtre de l’univers (IV, 148) den einzigen T. als Deutschen neben Milton, Pope, Addison, Rousseau, Voltaire genannt habe. Später hätschelte der Leipziger seinen Schönaich, und die Zürcher nahmen diesen zum Prügelknaben, so daß T. beinahe bedauerte, keiner weiteren Angriffe gewürdigt zu werden. Im Neologischen Wörterbuch S. 71 fährt er übel, auch wenn der Satz ein verstecktes Lob bedeuten sollte. Klopstock’s Stern war aufgegangen, Bodmer hatte den greulichen „Noah“ ausgeschickt. Beider „seraffischen“, patriarchalischen Stil suchte T., mit derselben Kritiklosigkeit wie Schönaich, 1751 zu parodiren: „Der Wurmsaamen. Ein Heldengedicht. Erster Gesang. Welchem bald noch XXIX. folgen sollen. Nach der allerneuesten Mahlerischen, Schöpferischen, Heroischen und männlichen Dichtkunst, ohne Regeln Regelmäßig eingerichtet“ (8 S. 4° o. O., im Elsaß gedruckt, in Frankfurt verlegt), ganz witzlos, in schauderhaften Hexametern. Mit den beiden Fortsetzungen hat T. nichts zu thun, nur daß er am Schluß der zweiten als Meister des Natürlichen neben Brockes gerühmt wird, was ihm nichts half. Ein lustiges, bekannten französischen Versen nachgeahmtes kleines Gespräch zwischen Gottsched und T. theilt Kleist, [615] Zürich 22. Nov. 1752, Gleim mit (Sauer II, 213). Das Letzte, was wir von Triller’s belletristischer Theilnahme besitzen, sind Spottverslein und zornige Randnoten zu Klopstock’s „Gelehrtenrepublik“, in deren Schrullen sich ja auch ganz andere Männer als der abgelebte Greis nicht zu finden wußten. T. war damals, 1774, längst abgetreten, vergessen, fossil. Schon 1755 muß er gefühlt haben, seine Zeit sei vorbei, denn im Vorwort zum 6. Bande der Poet. Betr., wesentlich einem Todtenopfer für Frau Henriette, erklärt er sich unschlüssig, ob der vorhandene siebente erscheinen solle, und hält drei Uebersetzungen aus Grotius, sowie den deutschen Lucan zurück. Daß er Lessing noch überlebt und Schiller’s „Räuber“ noch hat lesen können, muthet uns fast so wunderlich an, wie wenn der alte Schönaich im 19. Jahrhundert mit der Leipziger Facultät über seinen „Hermann“ correspondirt.

Aeltere Litteratur bei Jördens V, 86. – Danzel, Gottsched und seine Zeit, Anhang S. 388. – Reichliche Mittheilungen Waniek’s.

– In der Heilkunde hat sich T. als Arzt, akademischer Lehrer, besonders aber durch eine fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit einen Namen gemacht. In letzterer Beziehung sind, abgesehen von den oben genannten Arbeiten, von hervorragenderer Bedeutung einige vorzügliche Beiträge zur Kenntniß der alten med. Classiker, Arbeiten, die noch heute historischen Werth besitzen und eine Bereicherung des diesbezüglichen Theils der Medicohistorie darstellen. Einige dieser Abhandlungen sind als akademische Gelegenheitsschriften erschienen, die T. in großer Anzahl verfaßt hat; andere betreffen das Gebiet der allgemeinen Pathologie und Therapie.

Vollständige Verzeichnisse finden sich in der großen 7 bändigen französischen Biographie médicale VII, p. 364 u. in Dezeimeris’ Dictionnaire historique IV, p. 285. – Vergl. auch Winter im Biogr. Lexikon VI, 8.
Pagel.