ADB:Wittenweiler, Heinrich der

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Artikel „Wittenweiler, Heinrich“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 610–616, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wittenweiler,_Heinrich_der&oldid=- (Version vom 23. Juli 2019, 07:48 Uhr UTC)
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Wittenweiler: Heinrich (der) W., spätmittelhochdeutscher Dichter, nennt sich als Verfasser des „puoch der Ring“ (1 c 8) daselbst 1 d 14, während sonst weder innerhalb dieses Werkes noch anderwärts irgendwelche unmittelbare Auskunft über seine Personalien erhältlich sind. Bis auf Bächtold (s. u.) galt er als Sohn Südwestbaierns, jedoch ist er sicher Schweizer und zwar stammt er fast zweifellos aus einer eigentlich adligen (von Wittenwile), dann aber wegen Verarmung oder Ansiedlung bezw. Isolirung unter rein bürgerlicher Bevölkerung sich einfach W. nennenden Familie des Thurgaus, die nach dem Oertchen Wittenwyl bei Wängi oberhalb Frauenfeld hieß. Der ganz, zum Theil bis in geringste Einzelheiten greifbare, Schauplatz im „Ring“ bestätigt das völlig. Vielleicht ist W. mit „hainrich von wittenwile, genant müller Burger ze liechtenstaig“ identisch, der in einem Briefe, Pergament des Stiftarchivs St. Gallen, im Jahre 1426 aussagt, er habe in 80 Jahren sechs Herren von Wängi, wo er geboren und erzogen worden, während Lichtensteig sein Wohnsitz gewesen sei, persönlich [611] gekannt, also vor 1346 geboren sein muß, zumal das Siegel dieser Urkunde, der Oberkörper eines Bocks mit dem Geschlechtsnamen ringsum, des Dichters Wappen in dem Gedichtmanuscript gleicht. Da Constantinopel noch als griechische Stadt im Gedichte vorkommt, so kann letzteres nur vor 1453 entstanden sein, und die Erwähnung des Markgrafen von Ferrara, falls diese den meint, der in den Zwanzigern des 15. Jahrhunderts das bei den Schweizern Hülfe suchende Florenz gegen Mailand unterstützte, würde auch zu jenem durch Autograph belegten W. passen. Freilich war jener W. zu letztangedeuteter Zeit schon sehr alt, und deshalb, sowie weil der aus der Schlacht bei Tätwil (1351) und sonst bekannte österreichische Reiterführer Burkhart von Ellerbach wol in „Her Püppel von Elrpach“ steckt und dieser im Gedicht ‚dannocht ongeporn‘ heißt, ist man geneigt etwa um 1400 die Entstehung des Dichtwerks anzusetzen. Auch die Erwähnung des Schießpulvers als etwas nicht weiter Auffälliges, und die vielfältigen lehrhaften Ergüsse des sichtlich lebensreifen Verfassers befürworten diese Annahme. Sprachton und Sprachform, alterthümelnde Andeutungen und der Inhalt als Ganzes ließen an sich den Ursprung auch früher im 14. Jahrhundert hinaufrücken. Davon kann nun allerdings genug Reminiscenz und mit unerlaubter Zusatzlust vorgenommene Aenderung des Schreibers der uns überkommenen Handschrift sein, dem möglicherweise außer der Anzahl specifisch bairischer Formen – die freilich hinwiederum auch Niederschlag eines etwaigen längeren Aufenthalts Wittenweiler’s auf bairischem Dialectboden vorzustellen vermöchten – dann „noch vielfache, uns unverständlich gewordene Anspielungen auf Zeitereignisse“ in die Schuhe zu schieben wären; Bächtold, der auf solche hinweist, möchte demzufolge das Werk sogar „oft als historische Satire auffassen“, aber ohne daß er diese Dinge von Wittenweiler’s Conto abzuschreiben denkt. Gegenüber der relativen Sicherheit über Wittenweiler’s Herkunft und der wenig Spielraum gewährenden Combination über seine Lebens- und Schaffenszeit schwebt eine nähere Bestimmung seiner Persönlichkeit ganz in der Luft. Er besitzt allerlei Kenntnisse in Welt- und Lebensbegebenheiten, war vielerorts herumgekommen und ist bestrebt, seine Erfahrungen, so einmal ein ganzes recht naturgemäßes, theilweise sogar vegetarianisches Hygieine-Capitel, als gute Regeln durch den Mund passender Leute seiner Handlung an den Mann zu bringen. Trotz dieser Thatsache und der unleugbaren didaktischen Tendenz seines Sittengemäldes spricht nichts für den geistlichen Beruf des Verfassers, obschon die Derbheit des Ausdrucks und der Situationen, die wiederholte Rohheit im Stil angesichts zahlloser andrer Erzeugnisse priesterlichen Litteratenthums im deutschen und ausländischen Mittelalter sowie der fast allgemeinen Verwilderung in jener Epoche des Niedergangs in Ritterschaft und sogenanntem höfischen Wesen keineswegs als Gegenargument Rücksicht beanspruchen dürfen.

Den Gang der Handlung aus dem buntscheckigen Inhalte herauszuschälen ist leicht. Im Dorfe Lappenhausen verliebt sich der junge dummstolze Bertschi (Berthold) Triefnas in die schmutzige verwachsene Mäczli (Mechtild) Rürenzumph und führt ihr zu Ehren mit 11 andern ungeschickten Bauern in lächerlicher Ausstaffirung ein Sonntagsturnier auf: sie fallen in einen Bach und werden von Ritter Neithart mit, ihnen verborgen bleibender Ironie im ritterlichen Waffengange belehrt, als Gumpelpfaffe zur Beichte gehört und darin praktisch erprobt, wieweit seine Unterweisung etwas gefruchtet hat. Bertschi’s Verliebtheit offenbart sich weiter in einer Serenade, wo er, trotzdem jene das nackte Hintertheil herauskehrt, ihre Schönheit preist, einem Ueberfalle im Kuhstall, dem Zuschleudern eines an einen Stein gebundenen Liebesbriefs durchs Fenster. Alle drei Mal giebt’s Skandal, der letzte Liebesbeweis verwundet das Mädchen, und der Arzt, der sie heilt und den ihr unzugänglichen Brief vorliest, raubt der Uebernaiven die Unschuld [612] und fördert dann, um die Folgen von sich abzuwälzen, mit aller Macht einen positiven Ausgang der Liebesaffaire. Dem freudestrahlenden Bertschi räth nach redseliger Discussion seine versammelte Verwandtschaft zu heirathen, und auch die Sippe Mäczli’s stimmt deren Vater zu der Zusage bei. Darauf wird von der Vetternschaft seiner Zukünftigen Bertschi streng über sein religiöses Wissen examinirt und muß einen Schwall von Lehren in kirchlichen und weltlichen Dingen über sich ergehen lassen. Die herbeigeholte Braut verfährt auf Geheiß sehr unzart mit dem Auserwählten, worauf die Civilehe geschlossen wird. Auf die Kunde kommen zum wirklichen Hochzeitsfeste aus der Nord- und Centralschweiz und den nördlichen Bodenseegegenden ganze Karawanen zur Feier. Nach der kirchlichen Ceremonie beginnt in Bertschi’s Haus, wohin alle Theilnehmer ihre komisch geringwerthigen Geschenke bringen, ein endloses Gelage, das immer mehr in ein wüstes Fressen und Saufen ausartet. Als gar Gesang und dann wilder Tanz anfängt, da kennt die aus gröbster Völlerei erwachsene rüpelhafte Laune keine Grenzen mehr: bei der Prügelei wegen einiger Weiber steigt die Unfläterei immer höher und es entwickelt sich aus dem Raufen ein erster Zusammenprall der Lappenhauser mit den benachbarten Nissingern, die verjagt werden, aber sich nach Bundesgenossen umsehen. Die unterbrechende Nacht giebt wieder reichlich Anlaß zu Obscönitäten. Am andern Morgen erscheinen die Nissinger auf dem Plan, unterstützt von den Zwergen unter ihrem König Laurin, den reckenhaften Helden Dietrich von Bern, Meister Hildebrand, Dietleib, Wolfdietrich, ferner einem großen wilden Hirschreiter und tapfern Kriegern der nächsten Schweizer Landschaften, und die Schlacht mit den Lappenhausern hebt an, die aus den bedeutendsten Städten Europas Absagen auf ihre Hülfebitten bekommen, jedoch die Hexen vom Heuberg und sieben Riesen, darunter Goliath, Roland und Ecke auf ihrer Seite haben. Die Nissinger siegen in dem mörderischen Kampfe, der unter furchtbarem Blutvergießen und Pulverdampf (zum ersten Mal im heroischen Epos!) bis zum Abend dauert, vermittelst ihrer streitbaren Helfer und belagern den fliehenden Bertschi auf einem Heuschober vier Tage kunstgerecht; als sie ihn vor Heißhunger Heu essen sehen, ziehen sie sich entsetzt zurück. Sein ganzes Heimathdorf ist ein dampfender Trümmerhaufen, die Bewohnerschaft verschwunden, auch seine Familie und sein eben angetrautes Weib todt. Düster gestimmt in der Erkenntniß „wie sich alleu dinch vergend, die an unsern werchen stend“, zieht er, wie Grimmelshausen’s Simplicissimus dritthalb Jahrhunderte später, in den Schwarzwald und verbringt dort den Rest seiner Tage als Einsiedler, bestrebt, die ewige Seligkeit zu erlangen.

Der Dichter hat den Stoff der eigentlichen Handlung aus dem in Schwaben entstandenen und spielenden Schwank des 14. Jahrhunderts „Metzen Hochzeit“, einer typischen Gestaltung der damals auch in Volksliedern oft erzählten tollen Bauernheirath und dörflichen Trinkerei entlehnt. Deren längste, gegen das Ende vielfach lückenhafte Fassung von 672 Versen liegt in Laßberg’s „Liedersaal“ III, 399 vor, eine von 416 in Graff’s Diutiska II, 78 und in dem Liederbuche der Hätzlerin S. 259. W. verbreitert das daselbst Erzählte vollständig, stellenweise wortwörtlich herübergenommen, jedoch insgesammt auf 10 000 Verse, nachdem er allerlei Einzelheiten und Episoden eingeflochten und darin das Grobzügige und Klobige der Vorlage weit überboten hat; ob er den in dieser fehlenden ersten Theil auch fremder Erfindung dankt, bleibt fraglich: der damals gäng und gäbe Spott über die Auswüchse des niederen Ritterstandes, der Bauern kindische Nachahmungssucht und sodann die Popularität Neithart’s (A. D. B. XXIII, 395 f.) sprechen für die Möglichkeit der Selbständigkeit. Seine Haupteinschiebsel aber sind didaktischer Natur, wie ja schon der Eingang das Ganze der Absicht unterstellt, in drei Richtungen zu belehren, nämlich erstens in höfischer Art und [613] Turnier, zweitens in praktischer Weltweisheit, drittens in den Vorkenntnissen für Noth und Krieg. Diese Dreiheit erfährt darauf ihre Belege im Speerstechen und Minnedienst, in der Heirathsgeschichte nebst ihren begleitenden Umständen, in dem Eifersuchtskriege bis aufs Messer. Jedem der drei ungleichmäßig langen und gefärbten Abschnitte, deren Schwerpunkt im mittleren mit seiner ganz und gar ererbten Fabel ruht, ist eine theoretische Darlegung des betreffenden Grundmotivs eingefügt, nämlich in Neithart’s Unterweisung, in den beiden Familiensitzungen, im Kriegsrath vor dem Zuge zur Lappenhauser Linde. Trotz des wahrhaftigen, theilweise feierlichen Tones, der diese Aussprachen beherrscht und den nur die, wol entlehnte Traum-Allegorie von der Minne und ihren verschiedenartigen Genien nach dem Auftragbriefe des Arztes überbietet, strafen die jedesmal angeschlossenen erzählenden Capitel in ihrer anfangs burlesken, später grotesken Form die schönen Regeln und Dogmen Lügen, und wenn auch der Dichter in seinem Programm das Versprechen voraussetzt, Scherz mit Ernst zu mischen, weil die Menschen diesen meistens nicht ohne jenen vertragen, und deshalb seinen Lehren den realistischen Roman anzuhängen vorgiebt, so lauert ihm dabei doch gewiß der Schalk im Nacken, und er hat entweder sich gescheut, ganz direct der bösverrotteten Mitwelt den Spiegel vorzuhalten, und daher das Beispiel-Gewand gewählt, oder er beabsichtigt, recht deutlich zu demonstriren, wie in den weiten und engen Kreisen des menschlichen Daseins die Begebenheiten zumeist aller Erwartung, der Richtschnur und dem Vorhaben zuwiderlaufen. Im übrigen ist alle drei Male das Netz völlig zerrissen, und die Geschehnisse purzeln unbekümmert um die vorausgehende Doctrin, scheinbar in tollem Wirrwarr, durcheinander, nicht ohne daß der völlig im Hintergrunde verharrende Dichter das Ziel fest im Auge behält. In sich ist die Ausführung wieder durchaus formlos, und W. weidet sich geradezu an den stärksten Unflätereien, die man nur entschuldigt und einigermaßen begreift, sobald man sein Werk als Caricatur des höfischen Ritterepos und herbe Satire wider die rüden Excesse der damaligen bäuerlichen Lebensführung betrachtet. Wir erkennen alsdann in ihr ein Erzeugniß systematischer Persiflage in litterar- und culturgeschichtlicher Hinsicht, kaum aber directen Spott gegen die alte nationale Heldensage und ihre classische Darstellung in der Hohenstaufen-Aera, ja, nach Uhland’s liebevollem Verfolgen der einzelnen hergehörigen Ingredienzien müßte man eher bewußten Schutz der Tradition bei W. erblicken als die bei ihm statuirte „Parodie des Eckenliedes und der Dietrichssage“; da paßt eher Bächtold’s (Verhdlgn. u. s. w. S. 186; s. u.) Ausdruck: „eine Art Nibelungen-Noth ins Bäurische übersetzt“. Trotz allen Witzes und ausgelassenen Spaßes – der nach der Vorrede nur den läppischen unvernünftig lebenden Bauern, nicht aber den treffen soll, „der aus weysem gfert sich mit trewer arbayt wert“, so daß W. also nicht als absoluter Bauernfeind proclamirt werden darf – überwiegt, wenn man ein Facit zieht, doch die tragische Schlußstimmung, daneben das Abstoßende der unzähligen ekligen Auftritte das Helle und Heitere, so daß man von dem Prädicate eines komischen Epos lieber Abstand nehmen sollte. Lebensvolle und lebhafte Schilderung oft genug bis zu dramatischem Flusse und nacktestem Naturalismus durchdringt das ganze Gedicht, dessen überaus hervorragender Werth als Zeit- und Sittenbild großen Stils von den verschiedensten Gesichtspunkten aus mehrfach dargelegt worden ist. Darin läßt sich leicht ein Urtheil gewinnen, in formeller Beziehung hingegen verhindert die schlechte Ueberlieferung ein fertiges Votum, wennschon Sprache und Metrik auch so einen gewaltigen Abfall selbst gegen die Ausläufer des höfischen Epos bekunden. Höchst merkwürdig bleibt „Der Ring“ – gemäß der einleitenden Auskunft so benannt weil ein Edelstein darin liege (als „Rahmenerzählung“ gedacht?) und das Buch über den Weltlauf im Ring (d. h. rings; vgl. Schiller, Wallensteins Lager, [614] 7. Auftr., V. 48) um uns bescheide – immerhin, ein drastisches Zeugniß für die schlimmen Schäden, die Volksgeist und Moral seit der Blüthe um 1200 erlitten hatten, und den tiefgesunkenen Geschmack in der Aesthetik des Lebens und der Poesie. Und doch steht W. in ihm als ein Mann da, der mit freiem Blicke viele Maßlosigkeiten seiner Zeit- und Landsgenossen durchschaut, richtet und, mit hyperbolischer Verzerrung, theilweise meisterhaft geißelt.

Ausgabe nach der einzigen Handschrift (Herzogl. Bibliothek zu Meiningen) von L. Bechstein, eingeleitet von Adelbert Keller, 1851, als Band XXIII der Bibliothek des Litterar. Vereins zu Stuttgart; der Text sehr mangelhaft, dessen Säuberung durch Keller begonnen. Inhaltsangabe zuerst bei W. Menzel, Gesch. d. dtsch. Dchtg. I, 433–435 (Druckfehler Tiefnas), dann bei Bächtold, „Gesch. d. dtsch. Lit. i. d. Schweiz“, wo S. 182–190 (vgl. Anmkg. S. 47 u. 208) das Werk und sein Verfasser am sorgfältigsten analysirt werden, endlich bei A. Schultz, Dtsch. Sittengeschichte des 14. u. 15. Jahrhs. (1892) S. 163 bis 169, übersichtlich mit Heraushebung der culturhistorisch wichtigen Stellen („Metzen Hochzeit“ behandelt Schultz in „Das höfische Leben“ 2 I 653 ff.). Auf festen Füßen steht unsere Ansicht besonders durch Bächtold (1870: Der Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven, Züricher Dissertation, S. 16, wo er „eine spätere Arbeit“ über W. ankündigt; 1875: Germania XX, 66–68; 1887: Verhandlungen der 39. Versammlg. dtschr. Philologen u. Schulmänn. in Zürich, Lpz. 1887, S. 185 f.; 1888: a. a. O.). Von litterargeschichtlichen Handbüchern hat W. zuerst Gervinus schon 1853 i. d. 4. Ausg. II, 183 f. gut charakterisirt, dann berücksichtigte ihn Menzel (a. a. O.) und H. Palm in seinen Neubearbeitungen von Pischon’s „Leitfaden z. Gesch. d. dtsch. Litt.“ 13 (1868) S. 58 Anm. 4; s. ferner W. Scherer 6 S. 261 f., Roquette 3 I, 185 f., Fr. Vogt in H. Paul’s Grundriß d. germ. Philol. II, 1, 361; Goedeke, Grundriß2 I, 297. Die originelle, in Wittenweiler’s örtlicher Zuweisung irrthümliche Behandlung Uhland’s Schrift. z. Gesch. d. Dichtg. u. Sage VII, 368–375 (in der in Pfeiffer’s Germ. I. gestandenen Abhandlung über „Dietrich von Bern“ S. 329–335). Sehr schätzbare, von Bächtold beinahe durchweg angenommene urkundliche Mittheilungen bei Gustav Scherrer, Kleine Toggenburger Chroniken. Mit Beilagen und Erörterungen (1874), besonders S. 112–126 (S. 112 Druckfehler 1861 statt 1851). Dessen und Bächtold’s Ergebnisse benutzt meist wörtlich die Hallenser Dissertation „Zum Ring Heinrich Wittenweiler’s“ von Ernst Bleisch (1891), willkommen eigentlich bloß wegen der Zusammenstellungen Abschnitt VIII „Culturgeschichtliches“ S. 38–57 (S. 59 f. etliche Vorschläge zu Textänderungen), von Ph. Strauch, Jhrsbercht. f. neuere dtsch. Litteraturg. II. Bd., II, 3, 2 mit Recht als am Registriren haftend getadelt; Strauch wünscht die Scheidung des echten und des volksthümlichen Neithart und weist auf Frz. Söhns’ (Die Parias unserer Sprache, 1888, S. 5) Feststellung des heutigen Fortlebens der Redensart „Da geht’s zu wie auf Metzens Hochz(ei)t“ in der Dresdner Gegend hin. Aehnlich stellt K. Weinhold, Ztschr. f. dtsch. Culturgesch. II (1857) in „Züge aus dem Leben der süddeutschen Bauern des 13. u. 14. Jahrhs.“, S. 475 f., wo er unser variirtes Thema knapp skizzirt, fest: „Der Meier Betz [= Bertschi; vgl. zur Localisirung des Namens Birlinger’s „Alemannia“ III, 191] galt noch im Anfange des 16. Jahrhunderts als stehender Vertreter der Bauern, wie sich aus Geiler’s Predigten ergiebt“. Alb. Richter, Dtsch. Heldensagen d. Mittelalters I3, 249, findet in der „höchst komischen Schilderung eines Bauernturniers“ bei W. ein Seitenstück zu Jocus’ und Zivilles’ Kampf im Volksbuche vom gehörnten Siegfried. Besonders als Musterschilderung einer derb pointirten Bauernhochzeit dient der zweite d. i. der Haupttheil vom ‚Ring‘ öfters: vgl. außer Schultz’ und anderer angeführten Stellen Weinhold, D. dtsch. Frauen i. d. Mittelalter3 [615] I, 348 A., W. Creizenach, Gesch. d. neueren Dramas I, 417 (sub „Das komische Drama des Mittelalters“); so auch mit Einbeziehung des ganzen Verlaufs, ohne Namensnennung, bei Alb. Richter, Bilder aus d. dtsch. Culturg.2 I, 334, wo für die „mehreren altdeutschen Gedichte“ dieses Stoffs Herkunft aus „bürgerlichen Kreisen“ betont wird, wie bei A. Schultz, D. höf. Leben2 I, 437 für die wenig älteren poetischen Verherrlichungen des Trunks à la Weinschwelg, Wiener Meerfahrt; F. Tetzner, Gesch. d. dtsch. Bildung u. Jugenderziehg. von der Urzeit bis zur Errichtung von Stadtschulen (1897) S. 261 übersieht neben Metzen Hochzeit den ‚Ring‘ als Quelle für unsre Kenntniß spätmittelalterlicher Hochzeitsgastereien. Als schlagendstes Muster für „freche Situation“ im deutschen Schriftthum der ganzen Periode führt G. Ellinger, Histor. Ztschr. 65, 150 gegenüber Joh. Janssen’s (Gesch. d. dtsch. Vlks. seit d. Ausgg. des Mittelalters VI.) Angriffen auf das Fastnachtsspiel S. 42, Mäczli’s Selbstgespräch, daneben S. 57 f. der Bechstein’schen Ausgabe, d. i. die überlascive ärztliche Sprechstunde, an, ferner dafür, daß neben Eulenspiegel’s Unflätereien im 15. Jahrhunderte „die ganze Litteratur von diesen wüst-grobianischen Zuge [vgl. Hauffen, Caspar Scheidt der Lehrer Fischarts. Studien zur Gesch. der grobian. Litter. i. Dtschld. S. 122 f., auch S. 2 A. 2 u. S. 60 A. 1; Hauffen’s Recensenten, Fränkel (Littbl. f. germ. u. roman. Philol. 12, S. 6, Germ. 36, 181) und Strauch (Anzg. f. dtsch. Altert. 18, 359) haben W. nicht ausdrücklich nachgetragen] beherrscht“ war, S. 159 p. 37 1 ff.; die Schweinerei des ‚her Chnocz‘.

Einzelheiten: der von Ellinger a. a. O. an erster Stelle namhaft gemachte Monolog besitzt eine volksmäßig-naive Parallele in der Geschichte von der Jungfrau und dem weißen Rosendorn bei v. d. Hagen, GesamtAbenteur Nr. 53, wo W. Menzel (Gesch. d. dtsch. Dchtg. I, 417) sich mit Unrecht an Aristophanes und Rabelais, die ja doch bewußt raffinirt arbeiteten, erinnert fühlt; das, in der Gegenwart mit Zuchthaus strafbare Verfahren des Arztes (vgl. Liebrecht, Zur Volkskunde, S. 136 = German. 21, 394 f.), Ellinger’s zweiter Beleg, in einem der additamenta des Philipp Hermotimus zur Sammlung der Facetien Frischlin’s, Bebel’s, Poggio’s, De cunno inaurando (Amsterdamer Druck der Facetiae von 1660, S. 354), sowie eine Variation bei Valentin Schumann, Nachtbüchlein (s. ed. Bolte S. 369 u. 394) p. 46–48 Nr. 17 (vgl. Fränkel, Vrtljhrschr. f. Litteraturg. V, 470); in letzterem Schwänkecompendium p. 4 auch das oben S. 611 berührte Zeigen des podex zur Verulkung des nächtlicherweile hofirenden Liebhabers (Ring p. 10 30 u. 11 25) wie bei Chaucer, The milleres tale und in zahllosen Modelungen (vgl. Fränkel ebd. S. 463, Bolte a. a. O. S. 385, Wlislocki, Ztschr. f. verglchd. Litteraturg., N. F. II, 189, auch Rochholtz, Dtsch. Glaube u. Brauch II, 318 und Liebrecht, German. 37, 505 f.). Das allegorische (s. oben S. 613) Motiv vom guten und bösen Engel, das von Herkules am Scheidewege bis Calderon sich forterbte und in das Faust-Volksschauspiel überging, steht im Ring S. 62 24 ff. (Bielschowsky, Vrtljhrsch. f. Litteraturg. IV, 222). Das Mittel, den flatus ventris durch Fußscharren zu verhüllen (38 a ff.) entspricht der Salon-Vorschrift in dem wüsten „de peditu eiusque speciebus discursus methodicus“ § 41 (im Druck der „Facetiae facetiarum“ von 1657 S. 36; in diesem Sammelwerke S. 253, d. h. in § 26 der „Theses inaugurales de virginibus“, steht auch eine Parallele zu der widerlichen Symbolik der Verachtung im Ring 21 d 89 f.) In p. 36 c 37 fährt ein durch hastiges Hinunterschlingen erstickender Fresser „mit seiner sel gen Schläuraffenland“, einem der ältesten Belege dieses Dorados, der bei Pöschel (Paul’s u. Braune’s Beiträge 5, S. 7 f.; vgl. Fränkel, German. 36, S. 185) fehlt. Das Thema vom Krieg der Weiber mit den Flöhen hat bereits W. in seinem Ring 37 d 41 ff. angeschlagen (vgl. Zarncke zum Narrenschiff 110 a 139) und mit einem andern viel behandelten (Hauffen S. 72 A. 3) verbunden“, Strauch, [616] Anzg. f. dtsch. Alterth. 18, 381 (einen andern Specialnachweis Strauch’s s. ebd. 15, 317). In d. Vrtljhrschrft. f. Litteraturgesch. II, 487 geräth Ad. Hauffen (s. o.) bei einem Rückblicke auf die deutsche Trinklitteratur vor dem 16. Jahrhundert auf „größere epische Darstellungen, wie von Metzen hochzit und vor allem Wittenweiler’s Ring (besonders 34 d–38 c), welche die haarsträubendsten Schilderungen wüster Gelage und unsauberer Situationen in ekelerregender Detailmalerei vorführen“; ebd. II, 333 weist A. Schönbach den Namen des Bauers Troll, „der von 4 32 ab durch das ganze Gedicht vorkommt“, in der Form Droll in Keller’s Sammlung der Fastnachtspiele 287 3 und 337 20 unter den Narrennamen, 525 14 als Bauernname und in der mit dem „Ring“ ja aufs allerengste zusammengehörigen (was zu bemerken war) Geschichte Von Mayr Betzen Ldrbch. d. Hätzlerin S. 266 ff. nach. Den, wie auch oben angedeutet, öfters hervorgehobenen Willen Wittenweiler’s, bestimmte Gattungen der älteren mittelhochdeutschen Dichtkunst zu parodiren, illustrirt Bleisch in seiner Promotionsschrift durch ein Sondercapitel S. 21 ff., und zwar nicht nur, wie Uhland, Bächtold u. A. bezüglich der Heldensage, sondern auch, und zwar in erster Linie, für die Lyrik, nämlich p. 12 b 19–27 das Liebeslied (‚hofelied‘), p. 38 c 41 bis 38 d 8, sowie p. 39 15–39 (vgl. auch p. 39 c 21–34) das Tanzlied, also der ‚reie‘, endlich p. 43 b 31–38 das Tagelied; jedoch enthalten die hier auftretenden Formen aller dreier Gattungen keine ausgesprochenen oder durchschimmernden Beweise einer parodirenden Anlage, so daß auch de Gruyter’s (Das deutsche Tagelied, 1887, S. 125) Wendung „kritisirende Komik“ für die Stimmung des letztgenannten Genres kaum zutrifft (vgl. Fränkel, Shakespeare u. das Tagelied, S. 122 Anm. 3).

Eine textlich sorgsam durchcorrigirte (nicht normalisirte) Neuausgabe von Wittenweiler’s „Ring“, mit einer Zusammenfassung der biographischen und litterarhistorischen Ergebnisse sammt deutlichem Vergleiche der nachgewiesenermaßen angeeigneten und vermuthlich freigeschaffenen Haupt- und Nebenmotive mit ihren Parallelen ist wünschenswerth und wäre für die mittelhochdeutsche und internationale Litteraturgeschichte höchst lehrreich. Vgl. auch Hagelstange, süddeut. Bauernleben (1898) bes. S. 59 f., 244–60 u. ö.