BLKÖ:Szemere, Bartholomäus von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Szembek, Joseph
Band: 42 (1880), ab Seite: 56. (Quelle)
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Szemere, Bartholomäus von (ungarischer Staatsmann, geb. zu Vatta im Borsoder Comitate Ungarns am 24., n. A, am 27. August 1812, gest. im Irrenhause zu Ofen am 18. Jänner 1869). Der Sproß einer alten angesehenen ungarischen Adelsfamilie [S. 65]. Die Vorbereitungsstudien machte er an den protestantischen Schulen zu Miskolcz, Käsmark und Patak, die philosophischen und juridischen Wissenschaften hörte er 1832–34 in Preßburg, wo er auch das Diplom als Doctor der Rechte erlangte. Hierauf trat er als Notar im Borsoder Comitat ins öffentliche Leben ein und wirkte in dieser Stellung bis zum Jahre 1836, in welchem er eine Reise nach Deutschland, Frankreich, England, Holland und Belgien unternahm, wo er seine Aufmerksamkeit vor allem auf das Fabriks- und Gefängnißwesen richtete, da ersteres in Ungarn sehr im Argen lag, letzteres der Reform wenigstens sehr bedürftig war. Seine Mittel gestatteten es ihm, nach diesen und nach anderen Richtungen seine Wißbegierde zu befriedigen. Nach seiner Heimkehr gab er von den Ergebnissen seiner Reise in dem Werke: „Utazás külföldön“, d. i. Reise ins Ausland (Pesth 1840, 2. Aufl. 1845) umständlichen Bericht und legte damit sozusagen den Grund zu seinem späteren Rufe. 1840 zum Oberstuhlrichter im Borsoder Comitate ernannt, wurde er 1843 in den denkwürdigen Landtag dieses Jahres gewählt, in welchem sich die parlamentarischen Kräfte Ungarns, die fünf Jahre später dessen Elend decretirten, zu messen begannen. Auch Szemere gehörte zu diesen und erweckte durch sein besonnenes, aber durch und durch magyarisches Verhalten die Aufmerksamkeit. Indeß schon damals glaubte sich ein Publicist zu der Bemerkung berechtigt: es sei schwierig, über Szemere ein bestimmtes Urtheil zu fällen, weil er mehr der Zukunft als der Gegenwart angehöre. Besonders machte er sich auf jenem Landtage bemerkbar in der Debatte zwischen der magyarischen [57] Partei, welche durchaus auf dem Vortrag in ungarischer Sprache bestand, und den croatischen Deputirten, die bei dem bisher üblichen Latein beharren[WS 1] wollten. Die Debatten wurden von beiden Seiten mit Hartnäckigkeit geführt, da sprach Szemere das entscheidende Wort: „Lassen wir sie lateinisch sprechen, aber ihre Reden werden als gar nicht gehalten betrachtet“. Und dabei blieb es. Die Croaten klagten immer; der Magyar ließ sie unbeachtet, bis das Schwert an Stelle der Zunge, Menschenblut an Stelle der Tinte trat. Szemere bekundete rednerisches Talent, politisches Geschick, das nur durch seine ausgesprochene Magyaromanie einigermaßen beeinträchtigt wurde. Hatte er schon früher auf dem Gebiete des Gefängnißwesens durch eine dessen Reform bezweckende, und zwar zunächst auf das Zellensystem basirte Schrift, betitelt: „Terve egy épitendő javitófogháznak a magán rendszer elvei szerint“, d. i. Plan zur Errichtung eines Correctionshauses nach Principien des Privatrechtes (Kaschau 1838, mit Lithograph. Plan) in maßgebenden Kreisen die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, so wurde sein etliche Jahre später herausgegebenes Werk: „A büntetésről s különösebben a halalbüntetesről“, d. i. Von der Strafe und insbesondere von der Todesstrafe (Ofen 1841), von der ungarischen Akademie der Wissenschaften mit dem Preise gekrönt. 1846 zum Vicegespan des Borsoder Comitates ernannt und von diesem als Deputirter in den 1847er Reichstag entsendet, trat er nun mehr und mehr, wiewohl nicht immer in günstigster Beleuchtung, in den Vordergrund. Als eifriger Reformer, als entschiedener Fortschrittsmann und Vollblutungar schloß er sich sofort der Linken an und gewann bald so sehr die öffentliche Meinung für sich, daß er schon im März 1848 in das erste von Louis Grafen Batthyány gebildete Cabinet als Minister des Innern eintrat. Aber das Vertrauen, welches man ihm bis dahin entgegengebracht, rechtfertigte er in dieser verantwortlichen, schon unter gewöhnlichen Umständen, nun erst in so ernsten Zeitläuften wichtigen und schwierigen Stellung ganz und gar nicht. Man warf ihm in kurzer Zeit Unfähigkeit vor, und dieser Umstand war es vielleicht, der ihn bei seinem Ehrgeize immer mehr und mehr in die Arme der Revolution drängte, endlich ganz in jene Kossuth’s trieb. Denn gewiß ist es, daß Szemere, wenngleich der Linken angehörig, niemals für Kossuth sich begeistert hat, ja vor und bei Beginn des Reichstages 1847/48 zu verschiedenen Malen in den Reihen der Gegner des Agitators gestanden ist. Man ging damals so weit, zu behaupten, die Regierung würde ihn noch in den Märztagen haben erkaufen können, wenn sie gewollt hätte, und ein Publicist steht nicht an, zu sagen: „daß einige seiner Schritte und manche gouvernementale Sentenzen beweisen, daß er sich selbst zu einer Liebeserklärung herabgelassen habe“. Kurz, als Minister des Innern büßte Szemere den Ruhm ein, den er sich als Comitatsbeamter und Deputirter erworben hatte. Wenn man nach den Erlässen und Decreten, die aus seinem Cabinet erflossen, seine Thätigkeit beurtheilen wollte, dann freilich müßte man gestehen, daß er als Minister thätig war wie kein zweiter, denn es verging kein Tag ohne einen Erlaß aus dem Ministerium des Innern. Aber es verhielt sich damit, wie einst mit den Wiener Communalverordnungen, die, um 11 Uhr erlassen, um 12 Uhr bereits [58] vergessen und ad acta gelegt waren. Die Szemere’schen Ministerial-Verordnungen, die, obgleich kundgemacht, nie ausgeführt wurden, waren nicht Gesetze, sondern journalistische Stylproben. Die liberale Presse hatte ihn zum Stichblatt genommen. Ein thatenloser Federheld hieß: Szemere táblabiró uram“, und von einem Aufsatze, den die Redaction seines schwülstigen Styles wegen tadelte oder zurückwies, sagte man: „Er müsse aus dem Ministerium des Innern kommen“. Je verworrener aber die Zustände wurden, je mehr sich Kossuth dem Moment seines Va bancque näherte, um so mehr umgarnte er Szemere und riß ihn mit sich fort. Mit dem Rücktritte des Ministeriums Batthyány am 10. September 1848 ging die ganze Executivgewalt in die Hände des Landesvertheidigungs-Ausschusses über. Szemere entwickelte als Mitglied desselben eine unermüdliche Thätigkeit. Mit Madarasz und Nyáry bildete er das Triumvirat, das unter Kossuth’s Führung die Schicksale des Landes mit allmächtiger, aber verderbenbringender Macht leitete. Als nach dem in Olmütz vollzogenen Thronwechsel gegen Mitte December das zweite Ministerium zusammentrat, übernahm Szemere das Justizportefeuille. Szemere nach Deák! Es klingt fast wie Ironie. Aber die Situation hatte sich ganz zu Szemere’s Gunsten gestaltet, er war damals allein von allen Ministern übrig geblieben. Der rothe Madarasz wurde der scandalösen Diamantengeschichte wegen aus der Regierung und dem Parlament gestoßen; Nyáry, welcher immer zur Mäßigung und zu friedlichem Ausgleich gerathen, nebstdem der Unabhängigkeitserklärung offen widersprochen hatte, war mißliebig geworden, Eötvös weilte außer Landes, Szechényi befand sich in der Döblinger Irrenanstalt, Klauzal war zurückgetreten, Batthyány und Károlyi saßen gefangen, also nur Szemere noch stand auf dem Platze. Nach Proclamirung der Republik in Debreczin suchte Szemere als Conseilspräsident und Minister des Innern den üblen Eindruck seines ersten ministeriellen Debuts zu verwischen. Bemerkenswerth ist seine Rede in der Debrecziner Sitzung vom 2. Mai 1849, in welcher er die Politik seines Ministeriums, also sein Programm entwickelte, das wenigstens an Offenheit nichts zu wünschen übrig läßt. „Meine Herren!“ sprach er damals, „Das Ministerium tritt mündlich mit keinem langen Programm auf. Drei Punkte jedoch müssen gehört werden. Erstens: Das Ministerium bekennt sich als eine revolutionäre Regierung. Eben darum schreckt es unter seiner Verantwortlichkeit vor keinem Mittel zurück, vor keinem, welches die Rettung des Vaterlandes beansprucht. Mit der Wiederkehr des Friedens hört es auf, eine revolutionäre Regierung zu sein; außerordentliche Maßregeln ohne äußerste Nothwendigkeit sind eine bürgerliche Todsünde. Zweitens: Das Ministerium bekennt sich zur republikanischen Richtung. Feind der Monarchie, bleibt es auch feind jener Art Republik, die über das Gemeindesystem, das Familienleben und die Organisirung der Arbeit hinaus „Eigenthum sei Diebstahl“ predigt. Es will – so Gott es fügt – eine Republik, die mehr beglücken als glänzen soll. Drittens: Das Ministerium bekennt sich zur demokratischen Richtung. Es will und wird seine Gesetze im demokratischen Geiste formuliren. Es adoptirt das [59] Princip der Volkssouveränität in Allem, aber auch in allen seinen Consequenzen. Zur Schmälerung der Volkssouveränität, dieser ewigen Quelle der Gewalt, wird es Niemandem, so weit es dies zu hindern vermag, zur Uebermacht verhelfen, nein, in einem solchen Falle, von seinem Posten abtretend, die Nationalversammlung, den Gouverneur und das Volk aufrütteln. Es bittet um kein Vertrauen, denn das Vertrauen muß von selbst erstehen“. Am 14. Mai legte er mit Duschek, Batthyány, Horváth und Vukovich den Ministereid in Kossuth’s Hände ab und erließ dann den merkwürdigen Erlaß bezüglich der Organisation der Polizei, worin er das Spionirsystem förmlich desavouirte und den Grundsatz aufstellte: „die Polizei habe die Aufgabe zu helfen, aber nicht zu belästigen“. Noch einmal, als die Gefahr von Minute zu Minute stieg, nahm er einen revolutionären Anlauf, indem er in der Sitzung vom 22. Mai ausrief: „Meine Herren! Ofen ist genommen. Ungarn ward an demselben Tage frei, an dem vor dreihundert Jahren der erste Habsburger, König Ferdinand I. den ungarischen Thron bestieg!“ Etwas mysteriös, aber damals verfing alles. Ueber diese Zeit seines Debrecziner Aufenthaltes berichtet eine Zeitstimme ohne viel Bedenken: mit dem scheinbaren Glücke Ungarns begann wieder Szemere’s bekanntes Malheur. Sein Táblabiróthum trat in den Vordergrund. Anstatt die Siege der revolutionären Armee und die allgemeine Begeisterung rasch und nach Kräften auszunützen, vertändelte er die kostbare Zeit mit nutzlosen Lappalien. Acht Tage lang ließ er sich in Debreczin mit Huldigungen und Gratulationen beräuchern. Dann konnte er dem kindischen Gelüste nicht widerstehen, sich in seiner Vaterstadt als Ministerpräsident zu zeigen. Unter Festessen, Fackelzügen u. d. m. vergeudete er vierzehn Tage in Miskolcz. Endlich in Budapest angelangt, kannte er keine dringendere Aufgabe, als Erinnerungen zu schreiben, Danksagungen für diese zu empfangen und sich mit der Presse, die ihn ob seiner Unthätigkeit auszankte, herumzubalgen. „Die Russen“, schrieb ein Publicist, der dieses Verhalten Szemere’s bekrittelt, „durften noch nicht kommen, denn Szemere war mit seinen Ernennungslisten noch nicht fertig. Als sie dennoch nahten, ließ er es in seinem Organe als freche Lüge erklären. Und als sie ihm bereits vor der Nase standen, warf er sich als reuevolles Beichtkind in die Arme des frommen Csanader Bischofs (alias Cultusminister Michael Horváth) und schrieb in dessen Gemeinschaft Fasttage, Processionen und Aehnliches aus. Der böse russische Dämon aber wollte sich durch Pater Michaels Beschwörungsformeln nicht bannen lassen“. Nun ging es nach Szegedin, aber sein Táblabiróthum folgte ihm auch dahin nach. Anstatt den Landsturm aufzubieten, ordnete er Reichstagssitzungen an und während die kaiserlichen Truppen aller Orten auftauchten und endlich ganz Ungarn besetzten, bewies er auf der Landkarte, daß noch sieben Achtel des Reiches Stephans in ungarischen Händen seien, und aus alten englischen und französischen Journalen, daß England und Frankreich interveniren müssen. Noch in der Sitzung vom 21. Juli erwiderte er auf eine an ihn gerichtete Interpellation: „Wenn Sie mich befragen, ob denn gewisse Aussicht vorhanden, daß wir den schweren Kampf mit der vereinten österreichisch-russischen Armee sieghaft bestehen werden, [60] so antworten wir, die Regierung, entschieden: Ja! und zwar nicht darum, weil wir hoffen, sondern weil wir berechnen“. Das Ende dieses Calculs ist bekannt. Nach der Katastrophe von Világos floh auch Szemere, zunächst nach Widdin, und verließ dieses, wie einer seiner Biographen erzählt, sobald er einen türkischen Paß erhalten, heimlich, die Baarschaft der Landescassen in Gedanken, zerstreut, in seinen Koffer packend. Andere meinen, diese Mitnahme der Casse sei auf Befehl Kossuth’s geschehen. Mit Kasimir Grafen Batthyány, Házmann und Loródy vergrub er die ungarische Krone. Von Constantinopel, wohin zunächst seine Flucht gerichtet war, begab er sich nach Paris. Daselbst wurde er Mitglied des Comités der ungarischen Emigranten, zu welchem noch Ladislaus Graf Teleki, S. Vukovich, G. Klapka und J. Czecz gehörten. Damals trug sich Felix Fürst Schwarzenberg als Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen mit dem Gedanken, alle zur ungarischen Krone gehörenden und übrigen nichtdeutschen Länder Oesterreichs in den deutschen Bund aufzunehmen. Da beantragte Szemere in einer Sitzung des Emigranten-Comités, gegen diesen Plan bei der französischen und englischen Regierung ein Memorandum zu überreichen. Mit der Abfassung desselben wurde Graf Teleki betraut. Als dieser ablehnte, arbeiteten Szemere und Vukovich jeder einen Entwurf aus, und jener des Ersteren gelangte zur Annahme. Da das Memorandum in ungarischer Sprache verfaßt war. übertrug es Teleki in die französische. Lithographirt, und von sämmtlichen Comitémitgliedern unterschrieben, wurde es der englischen Regierung und dem Präsidenten der französischen Republik überreicht. Dieser Schritt hatte den energischesten Protest der englischen und französischen Regierung – letzterer datirt vom 5. März 1851 und betrachtet die Sache als casus belli – zur Folge, und Schwarzenberg’s Gedanke blieb unausgeführt. Aber daran ließ sich Szemere noch nicht genügen, er schickte dieses in einzelnen Punkten modificirte Memorandum an mehrere berühmtere freisinnige Männer in Deutschland, welche auf den Landtagen der verschiedenen deutschen Staaten als Führer der Opposition galten. Er hatte sie nämlich bereits gehörig bearbeitet, gegen gedachten Plan von zweifellos großer politischer Tragweite aufzutreten und die Ausführung desselben um jeden Preis zu verhindern. Denn das Durchfallen dieses österreichischen Projectes war nur dann gewiß, wenn sich ihm von außen die europäischen Mächte, von innen das deutsche Volk selbst vereint widersetzten. Jene freisinnigen deutschen Männer gingen in die Falle. Denn, wenn Frankreich und England dagegen protestirten, so liegt der Grund auf der Hand, welche Gefahr aber für Deutschland vorlag, zu den 50 Millionen des deutschen Bundes noch etliche Millionen Magyaren aufzunehmen, das ist unerfindlich. Nun aber, dieser Schritt Szemere’s hatte zur Folge, daß die Ausführung des Planes unterblieb. Von Paris aus erklärte der Verbannte in einem an Julian Chownitz ddo. 22. Februar 1850 gerichteten Briefe, daß er nie jene Acte des ungarischen Ministeriums unterschrieben habe, welche an Görgey die Dictatur übertrug, denn er würde eine solche Gegenzeichnung für ein Verbrechen gegen das Vaterland gehalten haben, da ja hierdurch sowohl [61] der Verräther als der Verrath legalisirt worden wäre. Ununterbrochen hielt sich Szemere in Paris auf. Von dort aus vollbrachte er eine That, für welche ihm noch heute jeder nur einigermaßen besonnene Ungar Dank wissen muß; denn er gab Nachricht, wo die ungarische Krone vergraben lag. Folgendes ist der Sachverhalt. Zwischen Kossuth und Szemere bestand in den letzten Tagen des ungarischen Aufstandes bittere Feindschaft, die auch im Exil fortdauerte. Da erhielt die österreichische Regierung durch einen Agenten Kunde, daß Kossuth seinerzeit den Versuch gemacht habe, die Krone in der Nähe der Herkulesbäder bei Mehadia zu vergraben. Durch verschiedene Umstände daran verhindert, habe sich Kossuth veranlaßt gesehen, seinen Plan durch Szemere in der Gegend von Orsova ausführen zu lassen. Diese Anhaltspunkte genügten der kaiserlichen Regierung, die Untersuchung des Sachverhaltes einer gemischten Commission zu übertragen. Die Arbeiten derselben hatten das Schicksal wie jene vieler anderer Commissionen, sie waren von keinem Erfolge begleitet. Dagegen arbeitete ein glücklicher Zufall der Regierung in die Hände. Im Frühjahr 1853 nämlich wurde die Umgegend des Allionberges bei Orsova tief unter Wasser gesetzt, welcher Umstand den in London weilenden Kossuth, der den Versteck der Krone genau kannte, veranlaßte, auf Mittel zu sinnen, sich des Kleinods zu bemächtigen, um eine Zerstörung desselben durch elementare Einflüsse zu verhüten. Kossuth trat zu diesem Ende mit einer Persönlichkeit der Insel Neu-Orsova in Verbindung. Geeignete Individuen sollten gedungen, der Schatz bei Nacht und Nebel gehoben und in die Hände des Agitators gespielt werden. In Wien bekam man davon Wind, und ohne Aufsehen wurden in der gefährdeten Gegend derart Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß weder eine Nachgrabung, noch ein Raubversuch unentdeckt vor sich gehen konnte. Seressaner des Romanen-Banater Grenz-Regiments, welche später als Ehrenwache verwendet wurden, und Gendarmen durchstreiften Tag und Nacht die Gegend, und in der That war diese Maßregel keine zwecklose, denn man ward bald eines Individuums habhaft, welches in den Schilfmorästen jener Gegend verborgen, den Plan des Agitators zur Verwirklichung bringen sollte. Mit obiger Nachricht, welche die österreichische Regierung von Kossuth’s Vorhaben erhielt, steht nun Szemere in engster Beziehung. Als er nämlich in Paris von der Absicht Kossuth’s erfuhr, äußerte er sich entschieden: „daß er das vergrabene Kleinod eher dem Vaterlande als dem Feiglinge zukommen lassen wolle, der die Nation an den Abgrund des Verderbens gebracht habe“. Diesen von Ohrenzeugen verbürgten Worten Szemere’s folgte auch alsbald die That, denn am 28. August 1853 erhielt die Regierung durch eine vertrauenswürdige Person aus Paris Papiere, welche den Schlüssel zum Versteck der Krone enthielten, worauf die Auffindung und Bergung derselben in sicheren Schutz erfolgte. Szemere hielt sich auch die folgenden Jahre noch in Paris auf, und von Zeit zu Zeit gelangten einzelne Lebenszeichen seiner Existenz in die Öffentlichkeit; später begab er sich nach England, wo er von Manchester aus im December 1859 an den „Pesti Hirnök“ ein Schreiben richtete, in welchem er Ungarn die Annahme der kaiserlichen Erlässe vom 20. October 1859 als Basis [62] für dessen künftige Entwickelung warm empfahl. Er motivirte darin seinen Rath mit dem Hinweis auf das Trügerische aller Hoffnungen, welche die Zukunft Ungarns mit Hilfe von außen her in Zusammenhang bringen. „Die italienische Regierung“, schreibt er „wird an uns nicht denken, sobald sie Venedig erlangt hat, Garibaldi ist vom Schauplatze abgetreten, und Cavour ist der eigennützigste italienische Tory; die französische Regierung ist im Uebergange zu einer neuen der bisherigen entgegengesetzten Politik begriffen; die englische sieht allenthalben auf ihre eigenen Interessen, wo solche nicht für sie vorhanden sind, haben wir kein Beispiel, daß sie einem unterdrückten Volke geholfen hätte; die russische kann, so lange sie auf Polen nicht verzichtet, für uns nichts thun wollen; ebenso wenig die preußische. Ich hielt es in einem so wichtigen Augenblicke für meine Pflicht zu sprechen“. Einen noch interessanteren Brief richtete er an dieselbe Zeitung ddo. London 4. Juni 1862, worin er das berüchtigte Donaureich-Project Kossuth’s analysirte und verurtheilte. Dieses Schreiben, in welchem er Kossuth’s Treiben eine Va banque-Politik nennt und denselben als den Haupturheber des beklagenswerthen Zustandes Ungarns bezeichnet, ist dem ganzen Wortlaute nach in der Wiener „Presse“ vom 14. Juni 1862, Nr. 162 abgedruckt. Später kehrte Szemere aus England nach Paris zurück, wo er von einem Boldényi-Szabo (wohl jenem Paul Szabó, dessen dieses Lexikon S. 121, Nr. 22 gedenkt) arglistig hintergangen und fast um sein ganzes Vermögen betrogen ward. Darüber wurde er irrsinnig, und Anfangs 1865 meldeten die Journale: daß er im Irrsinn zu Paris verstorben sei, die Witwe sich aber an die Gnade des Kaisers gewendet und um Erlaubniß zur Rückkehr ins Vaterland gebeten habe. Bald erfolgte eine Berichtigung dieser Angaben, nach welcher sich die Nachricht vom Tode Szemere’s als irrthümlich herausstellte, dagegen als Thatsache sich erwies, daß seine Gattin für sich und ihren kranken Gatten um straffreie Rückkehr ins Vaterland gebeten habe, welche ihr auch sofort gewährt und auf telegraphischem Wege bekannt gegeben wurde. Am 24. Jänner 1865 traf Szemere in Pesth ein, und anfangs zeigte sich eine so erfreuliche Besserung im Zustande des Kranken, der in der Heilanstalt des Dr. Batizfalvy untergebracht war, daß man hoffte, er werde dieselbe bald wieder verlassen können. Jedoch erwies diese Hoffnung sich als trügerisch. Kurz nach seiner Rückkehr ins Vaterland meldeten Pariser Blätter das am 21. März 1865 in Paris erfolgte Ableben seiner Gattin. Die nächsten Jahre brachte er im Irrenhause zu. Nach fortwährendem Siechthum, wobei sein Zustand sich immer mehr verschlimmerte, wurde er endlich am 13. Jänner 1869 im Alter von 57 Jahren von seinem schweren Leiden durch den Tod erlöst. Von seinen drei Kindern Attila (geb. in Paris 1861), Marie (geb. 1848 in Pesth) und Gisela (geb. 1857 in Paris) scheint ihn nur die ältere Tochter überlebt zu haben, denn blos dieser geschieht während seines Aufenthaltes in der Privatheilanstalt, sowie nach seinem Ableben Erwähnung. Diese eine Tochter besuchte nämlich den unglücklichen Vater in seiner letzten Krankheit, und als sie nach seinem Hinscheiden die Herausgabe seiner gesammten Werke auch auf die umfangreiche Correspondenz ausdehnen [63] wollte, erbat sie die Vermittelung der Regierung bezüglich der Ausfolgung jener Papiere ihres Vaters, welche in Folge der Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 confiscirt worden waren. In Wien wurden demgemäß in den betreffenden Archiven Nachforschungen gepflogen, welche jedoch resultatlos geblieben sind. Zur Vervollständigung des vorstehenden Lebensbildes sei noch in Kürze der weiteren literarischen Thätigkeit Szemere’s gedacht, denn einige seiner wissenschaftlichen Arbeiten sind bereits im Laufe der Lebensskizze angegeben worden. Schon in seiner Jugend, während seiner Studienzeit in Patak, zeigte er ungewöhnliches Interesse für geistige Bestrebungen, und hatte er damals wesentlichen Antheil an der Bildung eines Vereines, welcher im Jahre 1834 das Taschenbuch „Parthenon“ herausgab. Darin befinden sich auch einige metrische Versuche Szemere’s. Früher schon, 1832, brachte von ihm die „Felsömagyarországi Minerva“ eine Tragödie „Berczlak“ und ein Lustspiel „Kisfaludy Károly emléke“. Bald wendete er sich der geschichtlichen Forschung, jedoch nur vorübergehend, zu. Das Einzige, was in dieser Richtung vorliegt, ist eine Mittheilung über den anonymen Notar des Königs Béla. Sonst sind noch anzuführen im „Ueberschwemmungsalbum“ (Árvizkönyv) für die Jahre 1840 und 1841: „Eine Erinnerung an Kölcsey“ (Kölcsey emlékezete) und eine „Erinnerung an Maria“ (Mária emlékezete), ferner seine eine sehr zeitgemäße und nicht unwichtige Frage behandelnde Broschüre: „Terv egy papi özvegy- és árvatárról, és arról, mikép lehet a pap sorsát biztositani a reformátusoknál“, d. i. Plan einer Priesterwitwen- und Waisenanstalt, ferner wie man das Loos der Geistlichen der reformirten Kirche sichern kann (Pesth 1841), endlich: „Notes on Hungarian Wines“ (2de édition Paris 1861, E. Brière, 8°.). Nach seinem Tode aber wurden herausgegeben: „Utazás keleten a világosi napok után. 1. és 2. kötet“, d. i. Reise nach dem Orient nach den Tagen von Világos. 2 Bände (Pesth 1870, Mor. Ráth, 8°.) und „Szemere Bertalan összegyüjtött munkai“, d. i. Bartholomäus Szemere’s gesammelte Werke (Pesth 1869 u. f., M. Ráth), welche unter Anderem auch sein in der Verbannung geschriebenes Tagebuch enthalten. In deutschen Bücherkatalogen finden wir noch von Szemere: „Modificationen des ungarischen Zunftwesens“ (Preßburg 1848, J. A. Reißbach, 8°., 32 S.); auch wird ihm die Autorschaft der bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienenen Flugschrift: Kossuth, Batthyányi, Görgey, welche in deutscher Sprache verfaßt ist, zugeschrieben. Alles in Allem war Szemere unstreitig ein bedeutendes Talent, ausgestattet mit vielen und gründlichen Kenntnissen. Seine Reden im Abgeordnetenhause waren einfach und maßvoll; er parfumirte, wie einer seiner Biographen schreibt, in seiner Rede die Rose nicht, wie sehr dies auch magyarisch-orientalischer Brauch ist, doch machen seine Worte zeitweise zu ängstliche Toilette, auch pflegt die Phalanx seiner Beweise mitunter zu dicht rangirt zu sein: ein Mann schlägt dem andern die Pickelhaube vom Kopfe. Er war ein aufgeklärter Oppositionsmann, doch nicht ohne Beigeschmack der Ammenmärchen aus der Kinderstube des ungarischen Liberalismus. Hochverräther war er, und das ist das Treffendste, was über ihn [64] gesagt worden, aus Zusammentreffen von Umständen. In den Quellen wird noch eine Charakteristik Szemere’s mitgetheilt, die weniger zart den Revolutionsmann anfaßt.

Quellen zur Biographie. Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 15, 18 und 87. – Dasselbe, 1867, Nr. 108. – Dasselbe, 1869, Nr. 19. – Friedenfels (Eugen von), Joseph Bedeus von Scharberg. Beiträge zur Zeitgeschichte Siebenbürgens im 19. Jahrhundert (Wien 1877, Braumüller, 8°.) Bd. II, S. 59 und 64. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, Fol.) Bd. II (1844), Nummer vom 25. Mai, S. 345. – Levitschnigg (Heinrich Ritter von), Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn (Pesth 1850, Heckenast, 8°.) Bd. I, 2. 240. – Neue Croquis aus Ungarn (Leipzig 1844, Hirschfeld, kl. 8°.) S. 218 u. f. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1865, Nr. 136 und 202. – Dieselbe, 1868, Nr. 1285. – Dieselbe, 1869, Nr. 1577 und 1584. – Dieselbe, 1870, Nr. 68. in der „Kleinen Chronik“. – Pesther Lloyd, 1861, Nr. 225: „Ueber die Thätigkeit der ungarischen Emigration“. – Die Presse (Wiener polit. Blatt) 14. Juni 1862, Nr. 162; „Szemere gegen Kossuth“. – Schlesinger (Max.), Aus Ungarn. Zweite Auflage (Berlin 1850, Franz Dunker, 8°.) S. 313 u. f. – Das Vaterland (Wiener polit. Blatt) 1860, Nr. 99: „Erklärung eines Verbannten“. – Wiener Zeitung, 1865, Nr. 11, S. 137, in der Rubrik „Sterbefälle“. – Wiener Abendpost (Beilage der Wiener Zeitung) 1865, Nr. 11. – Zur Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes. Authentische Berichte (Leipzig 1851, Arnold’sche Buchhandlung, 8°.) S. 102–107 und 142. – Toldy (Ferencz), A magyar nemzeti irodalom története a legrégibb időktől a jelenkorig rövid előadásban, d. i. Geschichte der ungarischen National-Literatur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Im gedrängten Umriß (Pesth 1864–1865, Gustav Emich, gr. 8°.) Seite 327 und 343. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1856, Gust. Emich 8°.) I. Theil, S. 543. – Ujabb kori ismeretek tára, d. i. Neues Conversations-Lexikon (Pesth, gr. 8°.) Bd. VI, S. 278. – Budapesti szemle, Uj foly, d. i. Budapesther Revue. Neue Folge. Band XIII (1869), Seite 43, 250 und 325.
Szemere’s Charakteristik. Wenige Männer der ungarischen Erhebung aus den Jahren 1848 und 1849 erfreuten sich deutscher Seits einer so eingehenden Würdigung wie Szemere. Der österreichische Lloyd vom 24. November 1850 brachte nachstehende Charakteristik: Szemere war in geistiger Beziehung ein unermüdlicher Handwerker, der mit bewunderungswürdiger Geduld jene Stellen herausrubricirte und auswendig lernte, die er sich beim Lesen wissenschaftlicher Werke mit rothen Kreuzen als Pensum bezeichnet hatte. Er war eine mittelmäßige Copie von Goethe’s Famulus Wagner, sein Faust schienen das Rotteck-Welcker’sche und andere Lexika. Ueber jede Frage goß er das sorgsam gesottene Gebräu seiner Citate, welche er gleich einem Pflanzensammler in den hohen Geistesfächern getrocknet, classificirt und ausgespannt hatte. Er wußte selbst dem Parterre durch sein gelehrtes Wesen in jenen organischen Fragen zu imponiren, wo nach fremden Schöpfungen und Ziffern die neuen Schößlinge eingesetzt werden sollen. Man hielt seine manierirten Aphorismen, Maximen und technischen Darstellungen für Detailkenntnisse und wirkliche Weisheit, während der Kenner Lampe und Schweiß roch und die theoretische Ueberschwenglichkeit zu würdigen wußte. Man hat den geschnörkelten Adonis des Borsoder Comitates seiner Administrationskenntnisse wegen – er war Stuhlrichter und Vicegespan gewesen – für den Posten eines Ministers des Innern fähig gehalten, wahrscheinlich weil er sein Inneres so glücklich zu administriren verstand, daß dessen Schlauheit und Schlechtigkeit längere Zeit vor der öffentlichen Meinung unbemerkt blieb. Man denke sich nun einen Menschen, der gewohnt war, vor jedem Entschlusse drei Tage über den Büchern zu sitzen, dessen autokratischer Geist nur von gedruckten Weisungen lebte, plötzlich als Minister des Innern in einem Lande, wo mehr zu organisiren war, als in Frankreich bei Beginn des Consulates. Es [65] ist wahr, daß in kurzer Frist Alles von seiner Unfähigkeit überzeugt war, allein seine schlechten Eigenschaften versöhnten ihn endlich mit der immer rascher hervortretenden Revolutionspartei und da er ganz geschaffen war, den Bertrand des Robert Macaire mit katzenbucklerischer Würde und Anhänglichkeit zu repräsentiren. so hatte ihn eine bizarre Laune des Schicksale auch mit Erfüllung dieser Sendung gesegnet und ihn zum Ministerpräsidenten Kossuth’s gemacht – mit dem er einen ähnlichen moralischen Makel theilte, vor dem er immer auf den Knieen lag – als dieser Minister-Portefeuilles zu vertheilen hatte. Sonst hatte er sich niemals für Kossuth begeistert, ja sogar vor und bei Beginn des 1847/48ger Reichstages das Gegentheil gethan.... Eine reiche Heirat vertagte das harte „Muß“, die Märztage stellten ihn auf einen Posten, wo sein kaltes Urtheil und die tiefe Weisheit in der thatsächlichen Wirklichkeit aus dem Nebeldunste der Theorie emporsteigen sollte, und siehe da – der arme Bartholomäus, der Verächter Kossuthischer Staatsweisheit, geberdete sich wie Marat – sein Schwulst wurde immer revolutionärer, er transplantirt die demokratische Republik mit leicht verständlichen Clauseln, wo die Königskrone über einem L. schwebte. Die Gefahr erscheint, er wechselt mit seinem Gönner einen Blick und Pöltenberg muß in das russische Lager, um dem Großfürsten Constantin die Krone Ungarns anzubieten; die Gefahr wächst, Bartholomäus flieht, er wirft endlich seinen Gönner wie eine ausgepreßte Citrone von sich (???) und ist nun in Paris erschienen, wo er wahrscheinlich in Bälde ein Werk darüber herausgeben wird, wie groß und wie gerecht die ungarische Revolution gewesen, und wie klug und nothwendig auch die Maßregeln gewesen, welche Kossuth und er getroffen. Möglich auch, daß er ein Buch gegen seine Freunde und Ueberzeugungen schreiben, schwarzgelb malen und beim österreichischen Gesandten in Paris um straflose Rückkehr nach Ungarn mit der Bedingung bitten wird, alle Aufschlüsse zu geben und in Zukunft der beste Unterthan in der Welt zu sein“. Also schrieb man 1850 dem „Oesterreichischen Lloyd“ in Wien aus Pesth. – Das Facsimile der Unterschrift Szemere’s befindet sich in Heinrich Ritter von Levitschnigg’s Werke: „Kossuth und seine Bannerschaft“ (Pesth 1850, Gust. Heckenast, 8°.) Bd. I, S. 249.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: beharrren.