BLKÖ:Wiesner, Conrad

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wießner, Conrad
Band: 56 (1888), ab Seite: 83. (Quelle)
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Wiesner, Conrad (Kupferstecher, geb. zu Hohenelbe in Böhmen am 28. December 1821, gest. zu Rom in der Nacht vom 16. auf den 17. September 1847). Sein Vater, ein Autodidakt, stach Wallfahrtsbilder, die er dann selbst colorirte und verkaufte. Als seine Familie sich mehrte, zog er die heranwachsenden Kinder zu seiner Beschäftigung heran, und so kam Conrad, den er übrigens die Schule besuchen ließ, auch an die Arbeit. Acht Jahre alt, colorirte derselbe die Bilder des Vaters, zeigte aber auch schon das Verlangen, mit Radirnadel und Grabstichel selbst Bilder auszuführen, wie er sie in der Wohnung seines Schullehrers und des Katecheten gesehen, denn diese Stiche erschienen ihm besser, als die von seinem Vater gestochenen Wallfahrtsbilder. Nun ging Letzterer selbst zum Lehrer und zum Katecheten, besah sich die ihm von dem Sohne angerühmten Bilder und fragte, wo man die Herstellung derselben erlerne. Man bezeichnete ihm Prag und rieth ihm, den talentvollen Sohn bald dahin zu bringen. Als er auf diesen Rath bemerkte: derselbe sei wohl sehr gut, nur etwas theuer, boten ihm Lehrer und Katechet ihre Hilfe an, indem sie erklärten, den braven Jungen nach Kräften in seinen Studien unterstützen zu wollen. So kam es denn, daß in den ersten Tagen des Monats September 1835 Conrad, begleitet vom Vater, nach Prag ging, um in die Kunstakademie einzutreten. Der Director derselben, Waldherr [Bd. LII, S. 181], war eben krank, und Wenzel Manes [Bd. XVI, S. 369, im Texte][WS 1], der den Director vertrat, entschied in übertriebener Aengstlichkeit trotz der [84] glänzenden Schulzeugnisse und einer Mappe, gefüllt mit talentvoll gezeichneten Kupferstichcopien, Skizzen nach der Natur u. s. w., nicht bedenkend, daß er zwei Hoffnungsblüten mit einem Schlage knicke: „Vorläufig noch unreif für die Aufnahme“. Als er aber die Bewegung gewahrte, welche in Vater und Sohn nach diesem Urtheile vorging, begann er ermuthigend wieder: „Ausnahmsweise will ich also den Versuch mit dem Kleinen machen“, und schrieb hiernach – am 12. September 1835 – den Namen Conrad Wiesner in die Matrikel. So ging Alles vortrefflich, bis der unterstützende Lehrer schwer erkrankte und der Pfarrer starb, worauf Conrad wieder ins Vaterhaus zurückkehren mußte. Denn des Knaben Hoffnung, an der von der Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde unter G. Döbler’s [Bd. IV, S. 424] Leitung zu errichtenden Kupferstecherschule als Zögling aufgenommen zu werden, erfüllte sich nicht, weil alle vorläufig gestifteten Freiplätze ohne Rücksicht auf Wiesner mit Prager Zöglingen besetzt waren. So kam Ende October 1836 Conrad wieder im Elternhause an. Er arbeitete nun sieben Monate lang im Kreise der Seinigen rastlos weiter, stellte, da er denn bereits in der Akademie Fortschritte gemacht hatte, für eine Anzahl neuer Bilder die Platten her, wodurch das Geschäft sich sofort einträglicher gestaltete, führte auch eine gefälligere Bemalung ein, für jedes einzelne Bild ein Musterblatt schaffend. Mitten in seinen Bestrebungen, das väterliche Geschäft zu heben, unterbrach ihn ein Brief seines Prager Quartiergebers, der mit Döbler befreundet war, und diesen vermocht hatte, Wiesner noch nachträglich in die Kupferstecherschule aufzunehmen, und zwar bis zur Erledigung eines Freiplatzes gegen ein Monatshonorar von 2 fl. So zog denn Wiesner am 14. Mai 1837 in Gesellschaft mehrerer Hohenelber Johannes-Wallfahrer wieder nach Prag und trat in Döbler’s Schule ein. Bald entwickelte sich zwischen Lehrer und Schüler ein so befriedigendes Verhältniß, daß Ersterer von dem bedungenen Lehrgelde absah und seinem Schüler für gewisse Vorarbeiten an größeren Platten auch ein Monatsgehalt zusicherte. Wie bemerkbar Wiesner’s Mitarbeiterschaft an den Stichen Döbler’s wurde, zeigte sich zunächst an den damals üblichen Neujahrs-Entschuldigungskarten, als dieselben einen auffallend anderen Charakter annahmen. Führich, der die Zeichnungen dazu lieferte, war mit der „ganz empfindungslosen und ungenauen“ Art des Döbler’schen Stichels nichts weniger denn zufrieden gewesen. Da mit dem Jahre 1836 durchwehte diese Arbeiten ein neuer Geist, aber dieser neue Geist war kein anderer als der Wiesner’s, dem Döbler die Hauptarbeit an den Stichen überlassen hatte. Indessen erkannte Kadlik [Bd. X, S. 346], der mit der Umgestaltung der veralteten Akademie betraut wurde, bald das vielversprechende Talent und war nun darauf bedacht, Wiesner insoweit zu fördern, daß derselbe einige Zeit ausschließlich sich dem Kunststudium widmen konnte. Unter Kadlik’s Führung entwickelte sich denn auch zusehends der Genius Wiesner’s. Damals, im Jahre 1841, erschien in Prag bei Peter Bohmann’s Erben eine Ausgabe von Raphael’s Bildern zur biblischen Geschichte des alten Testaments nach Zeichnungen von Wilhelm Kandler [Bd. X, S. 429]. Diese Ausgabe umfaßt vierzig Bilder und ist bis Nr. XXV von Döbler’s [85] Schülern (J. Battmann, Hoffmann, Rybicka, Salamon, Schmidt, Steinmüller, Zelisko) gestochen. Darunter führen neun Blätter den Namen Wiesner’s, aber ihm müssen noch drei andere, nämlich Nr. I, III und IX, als für Döbler übernommene Ausführungen zugeschrieben werden. An diese Raphael’schen Bibelbilder reihen sich zunächst folgende von Wiesner gestochene Blätter: „Die h. Cäcilia“, nach K. Blaas; – „Das Hochaltarbild in der Capelle des Prager Blindenversorgungsinstitutes“, nach Führich’s Zeichnung; – eine „h. Veronica“, nach Paolo Veronese, als Neujahrs-Enthebungskarte unter Döbler’s Namen herausgegeben, wie denn an den Karten für 1838: „St. Gotthard“, nach Führich, und für 1839: „Moses’ Gebet“, nach Kuppelwieser, unser junger Künstler hervorragenden Antheil hatte; – „Maria in throno“ und „St. Michael“, nach Federzeichnungen von Kadlik, anläßlich deren der Biograph Wiesner’s bemerkt, daß derselbe darin schon zeigt, was der richtige Stecher sein soll, nämlich der getreue Uebersetzer des zur graphischen Vervielfältigung übernommenen Bildwerkes. Wie sehr Wiesner’s Arbeiten sich vervollkommneten, beweisen die silbernen Preismedaillen, welche die Akademie in den Jahren 1839 und 1840 ihm zuerkannte. Als dann am 16. Jänner 1840 Kadlik starb, trat eine Pause in Wiesner’s künstlerischer Beschäftigung ein, bis zu seiner Aufnahme im Hause des Kupferstichverlegers Siegmund Rudl, dessen Sohn er in seiner Kunst unterrichten sollte. Die Schul-Fleißkarten mit herzigen Kindergruppen und allerlei liebliche Volksbildchen, welche in dieser Zeit in Rudl ’s Verlage erschienen, sind seine Arbeiten, auch versuchte er sich damals in einigen Bildern mit dem Pinsel und im Porträt, zu dem ihm größeren Theils Rudl’s Kinder saßen. Als dann Director Ruben [Bd. XXVII, S. 200] nach Kadlik’s Tode 1841 die Leitung der Prager Kunstakademie übernahm und die Weiterführung der mit Döbler’s Hinscheiden eingegangenen Kupferstecherschule plante, wollte er die Leitung der letzteren Wiesner übertragen, dieser aber entzog sich dem ihm gemachten Anerbieten, humorvoll gegen seine Freunde sich aussprechend: „Erst müssen außer den Pragern noch andere Kirchthürme über mich geurtheilt haben, bevor ich daran denken will, mich festsetzen zu lassen“, denn er hatte immer eine Studienreise nach Frankreich und Italien als nächstes Ziel vor Augen. Verhielt er sich aber in dieser Richtung ablehnend, so nahm er doch Theil an einem von der Firma Gottlieb Haase und Söhne verlegten Illustrationswerke, ein Heft mit eilf Illustrationen „Böhmischer Nationallieder“ enthaltend, das für einen wohlthätigen Zweck bestimmt war. Die Compositionen zu diesem Werke lieferten: Fritz Hawranek, Ant. Knöchl, Ant. Lhota, Joh. Manes, Rud. Müller, Karl Swoboda, Gust. Matzek und Ad. Weidlich. Den Stich von acht Illustrationen hatte Wiesner besorgt, und zwar so vortrefflich, daß, wie dessen Biograph sich präcis ausdrückt, jeder der an der Sammlung betheiligten Zeichner in der Reproduction sich „bis ins Innerste getroffen“ fühlte. An diese Blätter reihten sich nun bis 1844 folgende zunächst durch Director Ruben angeregte Arbeiten: der große Stich nach dem von Andreas Fortner nach den .Skizzen von Ruben in Silber getriebenen Armleuchter, welcher von einigen Mitgliedern des böhmischen Adels dem Oberstburggrafen [86] Karl Grafen Chotek anläßlich dessen am 30. December 1842 erfolgter Versetzung in den Ruhestand verehrt worden war; dann das nach Ruben’s Zeichnung ausgeführte Diplom für die Mitglieder des „Vereines zum Wohle hilfsbedürftiger Kinder in Prag“; – „Ave Maria“ und „Macht des Glaubens“, beide nach Ruben, in Form von Neujahr-Enthebungskarten; – das Diplom für die Mitglieder des bestandenen „Theiner Nächstenliebevereines“ in Prag, nach den Compositionen Rud. Müller’s im figuralen und Herman Bergmann’s im ornamentalen Theile; – und das Diplom für die Bürger Prags, nach der Zeichnung von Jos. Hellich. Ein Stich „Die Sennin“. nach einem im Besitze des Grafen Erwin Nostitz befindlichen Gemälde Ruben’s, kam nicht zur Vollendung, weil im Laufe der Arbeit die Kupferplatte sich als schadhaft erwiesen hatte. In den Jahren 1845 und 1846 arbeitete Wiesner größtentheils an einem seiner Hauptwerke, nämlich an dem Stiche von „Cyrill und Method“, nach der von Emanuel Max in Rom in carrarischem Marmor ausgeführten und von Kaiser Ferdinand für die Prager Teynkirche angekauften Doppelstatue. Der fertige Stich, dessen Zeichnung er selbst vollendet hatte, befand sich auf der Prager Ausstellung 1847. Während dieser Arbeiten aber blieb er immer Rudl’s Hausgenosse, dabei unterstützte er einen seiner Brüder, der in Prag den Gymnasialstudien oblag, und einen zweiten, der Kunsttalent zeigte und die Akademie besuchte. Indessen war es Director Ruben, der immer noch die Absicht hatte, Wiesner für seine Akademie zu gewinnen, gelungen, für ihn ein Reisestipendium, zu dessen Bestreitung sich einige böhmische Cavaliere vereinigt hatten, zum Besuche der Seinestadt zu erwirken. Schon begann Wiesner mit allem Eifer das Studium der französischen Sprache und bereitete sich für die Pariser Reise vor, als er auf Empfehlung seines Studiengenossen Wilhelm Kandler, von dessen Zeichnungen nach Raphael er mehrere Blätter für das bereits erwähnte Bibelwerk gestochen hatte, unter ebenso ehrenvollen als materiell günstigen Bedingungen eine Berufung erhielt als Kupferstecher an die k. preuß. archäologische Anstalt in Rom, deren Director damals Dr. Emil Braun war. Am 23. Februar 1847 trat er diese Reise an über Wien, Venedig und traf in den ersten Tagen des März in Rom ein. Seine erste Arbeit daselbst war eine Studie nach Marc Antonio, welche so trefflich ausfiel, daß ihm Director Braun sofort eine sehr heikliche, den Stich einer Handzeichnung von Giulio Romano: „Die h. Magdalena“ übertrug. Auch diese führte er ebenso rasch als mit vollendetem Geschick aus, so daß ihn Braun für die Ausführung der bedeutendsten künstlerischen Aufgaben befähigt erkannte. Die Arbeit, welche nun an die Reihe kam, war ein Umrißcyclus von sechs Platten nach einer alten kostbaren Niellogravirung mit der Darstellung des Argonautenzuges. Nun sollte ein großer Stich nach Overbeck’s „h. Abendmahl“, die „Sibyllen“ des Michael Angelo und dessen „Weltgericht“ folgen. Doch bevor er an die Ausführung dieser Werke ging, begann er auf Ersuchen seines Freundes Emanuel Max den Stich von dessen „Statue der h. Ludmilla“. Dieser war schon so weit gediehen, daß der Künstler die Vollendung auf Mitte September in Aussicht stellte. Am 11. September befand sich Wiesner noch des Abends im Kreise seiner Tisch- und Studiengenossen, nur klagte [87] er über einen recht häßlichen Kopfschmerz. Als er aber am anderen Tage im gewohnten Kreise nicht erschien und man bei ihm nachsah, war bereits ärztlicher Beistand nöthig geworden. Ein von Dr. Braun berufenes Consil erklärte den Zustand für ein hochgradiges Nervenfieber. Zwei Tage später hieß es bereits: „Unrettbar“, und in der Nacht vom 16. auf den 17. September 1847 erlosch das Leben des erst 26jährigen Künstlers. Die unter den Oesterreichern in Rom bestehende „Todtenbruderschaft“ bahrte den Verblichenen am 19. September in der Kirche der Madonna del popolo auf einen Katafalk und begrub ihn Abends um 9 Uhr unter Fackelschein auf dem Camposanto nächst der Peterskirche. Unter den Fackelträgern befanden sich unter fast sämmtlichen in Rom weilenden Künstlern Overbeck und Flatz. Das ihm für seine in Rom ausgeführten Arbeiten noch ausständige Honorar wurde seinen Angehörigen in Hohenelbe übermittelt. Der frühe Hingang des allgemein geliebten und zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Künstlers wurde in Rom, in seiner Heimat und von den Seinen tief betrauert. Der Biograph Wiesner’s zählt von dessen ihm sonst noch bekannt gewordenen Arbeiten auf: drei Gebetbuchbilder, und zwar: „Mariä Verkündigung“, „Christi Begegnung mit Magdalena“ und „Christus und die Samaritanerin am Brunnen“, für den Calve’schen Verlag; – ein „Denkblatt zur Gründungsfeier des Hospiz in Kukus“, dieses und die vorigen sämmtlich nach Zeichnungen von Rud. Müller; – „Christus am Kreuze“, nach einem Oelbilde für den verstorbenen P. Vater in Leitmeritz; – „St. Maria“, für die barmherzigen Schwestern ebenda; – „Mädchenkopf“, nach einer Studie von Kadlik; – „Das Opfer Noä“, nach demselben; – „Die Lukas-Altarbilder“, in der Teynkirche zu Prag, nach Hellich, und die „Einladungskarte zur Benefizvorstellung des Schauspielers Karl Dietz“, mit der Sterbescene Correggio’s (in Oehlenschläger’s gleichnamigem Drama), nach Zeichnung von Koruna. Was Wiesner noch geleistet haben würde, wenn ihm ein längeres Leben beschieden gewesen wäre, läßt sich absehen, wenn man die Werke betrachtet, die er uns vollendet zurückgelassen. Er faßte seine Kunst nicht von der rein technischen Seite auf; er drang vielmehr in den Geist des ihm vorgelegten Originals und war auf das eifrigste bemüht, im Stich dasselbe nach Technik und Idee wiederzugeben. Der Maler oder Zeichner, der sein von Wiesner im Stich wiedergegebenes Original sah, konnte immer ausrufen: ich bin vollkommen verstanden, wäre ich ein Stecher, ich könnte mich selbst nicht getreuer wiedergeben. Wiesner war ein exacter Zeichner, ein Umstand, der in der Kunst des Kupferstechers von eminenter Bedeutung ist, wenn man bedenkt, wie viele Stiche großer Werke unter den schlechten Contouren und falschen Tinten eines schwachen oder gar incorrecten Zeichners leiden und schwere Schädigung erfahren und das Original uns geradezu in verpfuschter Darstellung wiedergeben. Wenn Wiesner in Oesterreich gelebt hätte, würde es auch in ihm sich seines Kelter, Thäter, Schleich oder Ruscheweih gerühmt haben. Nagler schreibt [Bd. XXI, S. 431] über einen Karl Wiesner. Dieser ist unser Conrad Wiesner, nur mit dem falschen Taufnamen Karl.

Mittheilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen. Redigirt von Dr. Ludwig Schlesinger (Prag, gr. 8°.) XXI. Jahrgang (1882), Nr. 11, S. 112: [88] „Künstler der Neuzeit Böhmens. XI. C. Wiesner“. Von Prof. Rudolf Müller.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. XV, S. 369, im Texte].