Die Gartenlaube (1867)/Heft 30

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[465] No. 30.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Das Geheimniß der alten Mamsell.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Drunten im Vorderhause saß die alte Köchin strickend an der offenen Hausthür, wie sie an schönen Sommerabenden zu thun pflegte. Aus der Küche quoll der Duft frischen Gebäckes, sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln, wie sie Frau Hellwig stets zum Kaffee genoß, aus der Röhre gezogen – es war also hier unten Alles in seinem Geleise fortgegangen, während droben ein Glied der Familie aus der Welt geschieden war.

Felicitas ging in die Gesindestube. Gleich darauf trat auch Heinrich herein. Er hing still seine Mütze an den Nagel, dann schritt er auf Felicitas zu und reichte ihr wortlos die Hand. Der wehmüthige Blick der rothgeweinten Augen in diesem alten, wetterharten Gesicht drang wie erlösend in das schmerzerstarrte Innere des jungen Mädchens – sie sprang auf, schlang ihren Arm um seinen Hals und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus.

„Du hast sie nicht noch einmal gesehen, Feechen?“ fragte er nach einer Pause leise. „Friederike sagt, die Madame habe ihr die Augen zugedrückt – ach, gerade die Hände! … Von Dir ist nicht die Rede gewesen, und das kann man sich doch an allen zehn Fingern abzählen, die Madame wäre wüthend geworden, wenn sie Dich da oben gesehen hätte… Wo hast Du denn gesteckt?“

Felicitas’ Thränen hörten sofort auf zu fließen. Mit sprühenden Augen erzählte sie ihm, was geschehen war. Er rannte wie besessen in der Stube auf und ab.

„Ist denn das menschenmöglich!“ rief er ein Mal um das andere und fuhr sich mit beiden Händen in seinen dichten, grauen Haarwust. „Und das hat der liebe Gott so mit ansehen können? … Ei, du heiliges Kreuz! … Und nun gehe Du hin und klage und erzähl’s! Bei Gericht schicken sie Dich heim, weil Du keinen Zeugen hast, und in der ganzen Stadt glaubt Dir’s kein Mensch, denn das ist die gerechte, fromme Frau Hellwig, und Du .… Und wie hinterrücks sie’s gemacht hat!“ unterbrach er sich grimmig auflachend. „Just in einem Moment, wo die Vögel recht geschrieen haben, hat sie die Thür sachte wieder aufgeschlossen. … Ja, ja, ich sag’s ja immer – ‘s ist Eine von den Schlimmsten! … Feechen, Du armes Unglückskind, Dich hat sie bestohlen! Ich hab’ heute Morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen müssen – morgen Nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen – Deinetwegen… Ja, ja, ‚wer weiß, wie nahe mir mein End'‘, sie war so erstaunlich weltpolitisch, Unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheidtheit in einem Weiberkopfe, aber den schönen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt, sonst hätte sie nicht so lange gewartet!“


19.

Es war noch sehr früh am Morgen, als Frau Hellwig im Vorderhof erschien. Statt der wohlbekannten, in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverändert gebliebenen weißen Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen, fleischigen Wangen. Das unselige Geschöpf, das so oft den Sabbath des Herrn entheiligt hatte durch unheilige „Lieder und lustige Weisen“, war ja nun todt; auch die letzte Spur seines geächteten Daseins war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt – man hatte den Leichnam gestern Abend noch in das Leichenhaus geschafft… Trotz alledem hatte die Verstorbene den Namen Hellwig getragen – ihm galten die schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen, der heute den wohlgestärkten Leinwandkragen am Hals der großen Frau verdrängt hatte.

Sie schloß die Thür auf, in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte verschwinden sehen. Außer der bekannten Treppe, welche hinter der gemalten Thür lag, führte noch ein zweiter Aufgang, eine enge, gewundene Stiege, in die Mansarde, und zwar direct von der schmalen, steilen Straße aus; das war der Weg, den Heinrich und die Aufwartfrau benutzt hatten und zu welchem auch die Hofthür führte.

Wohl sahen die Gypsbüsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten herab, allein der Genius war entflohen aus dem Raum, den die große Frau jetzt mit der sicheren, unanfechtbaren Haltung der Besitzergreifenden betrat… Ein kaltes, verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Reihe der Zimmer durchschritt, deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle Gemüth, den feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete, aber sie runzelte auch mit einem haßerfüllten Ausdruck die Brauen, als ihr Auge über Bücherreihen hinter den Scheiben eines Glasschrankes streifte, die auf ihren zierlich gepreßten Saffianeinbänden gefeierte Dichter- und Schriftstellernamen trugen.

Sie ergriff einen starken Schlüsselbund, der auf dem Nachttisch lag, und öffnete einen Secretair – das offenbar interessanteste Möbel für sie. Eine musterhafte Ordnung herrschte in all’ den Kästen; einer nach dem andern wurde aufgezogen – vergilbte, mit verblaßten Bändern zusammengebundene Briefpakete, Schreibehefte kamen zum Vorschein. Die plumpen, weißen Hände stopften sie ungeduldig wieder hinein – was interessirte sie das Geschreibsel, die große Frau war nicht neugierig! … Desto wohlwollender wurde ein Kästchen behandelt, das sich bis an den Rand mit Documenten gefüllt erwies. Mit großer Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau Hellwig Blatt um [466] Blatt; sie verstand ausgezeichnet zu rechnen, im Nu hatte sie die sehr bedeutende Totalsumme dieser einzelnen sicher und vortheilhaft angelegten Capitalien überschlagen – sie übertraf ihre Erwartung.

Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende; es kamen die verschiedenen Commoden und Schränke an die Reihe, und je länger Frau Hellwig suchte, desto ungeduldiger und hastiger wurde sie. Allmählich röthete sich ihr Gesicht, mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfällige Gestalt von Zimmer zu Zimmer, rücksichtslos durchwühlten ihre Hände die Wäschkästen, warfen die zierlich gefältelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander, stießen Glas und Porcellan in den Schränken zusammen, daß es klang und klirrte – das, was sie suchte, war nicht zu finden. Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf die Galerie. Daß sie verschiedene Blumentöpfe umstieß und mittels ihrer schwerfälligen Bewegungen nach allen Seiten hin Blüthen und Zweige abknickte, war ihr sehr gleichgültig – sie hatte in diesem Augenblick nicht einmal ihr stereotypes verächtliches Lächeln für diesen „Quark“, diese „Alfanzereien“.

Friederike fütterte gerade das Geflügel drunten im Hof; Frau Hellwig befahl ihr, sofort den Hausknecht heraufzuschicken, und trat wieder zurück, um ihr Suchen von Neuem zu beginnen.

„Weißt Du nicht, wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat?“ rief sie dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen. „Es muß viel da sein, ich weiß es von meiner Schwiegermutter. Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere, silberne Eßlöffel, eine gleiche Anzahl schwer vergoldeter Kaffeelöffel, desgleichen silberne Leuchter, Kaffee- und Milchkanne gehabt,“ – dieses mit bewundernswürdiger Gedächtnißtreue festgehaltene Verzeichniß rollte von den Lippen, als werde es abgelesen – „ich kann nichts von alledem finden – wo steckt es?“

„Das weiß ich nicht, Madame,“ versetzte Heinrich ruhig. Er schritt auf einen Tisch zu, zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Eßbestecke heraus. „Das ist Alles, was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe,“ sagte er, „ich mußte es öfter putzen, weil es die Aufwartfrau nicht recht machte.“

Frau Hellwig schritt hin und her und biß sich zornig auf die Lippen. Die strenge Zurückhaltung, die sie dem Gesinde gegenüber stets beobachtete, verließ sie für einen Augenblick.

„Es wäre eine schöne Geschichte, ein wahrer Scandal, wenn die Alle diese werthvollen, alten Familienstücke verkauft, oder wohl gar – verschenkt hätte; ähnlich sähe es ihr schon!“ sagte sie, freilich mehr wie für sich. „Es muß wieder her, ich ruhe nicht eher! … Sie hat auch Brillanten gehabt, sehr schönen Schmuck; es ist Alles, was von solchen Sachen der Familie Hellwig je gehört hat, zwischen ihr und meiner Schwiegermutter getheilt worden,“ sie unterbrach sich, ihr Blick fiel in dem Moment auf den Glasschrank, der die Noten enthielt. Ihn hatte sie noch nicht untersucht.

Der Schrank selbst stand auf einem schwerfältigen Kasten, den sehr schön geschnitzte Holzthüren verschlossen; sie riß dieselben auf – hohe Stöße sorgfältig geordneter Zeitschriften füllten die zwei Regale aus. Jener grausam boshafte Zug erschien verstärkt in dem ungewöhnlich aufgeregten Gesicht, die Oberlippe krümmte sich nach innen und ließ fast die ganze obere Reihe ihrer schöngepflegten, festen Zähne sehen… Sie zog ein Paket um das andere hervor und schleuderte es auf die Erde, daß die einzelnen Hefte weit umherflogen.

In dem alten Mann kochte der Ingrimm. Er ballte die Fäuste und sah mit einem fast wilden Blick auf die Vandalin. Diese Blätter, er hatte sie alle selbst von der Post geholt, sie waren eine wahrhafte Erquickung und Freude für die Einsame gewesen; noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen, wenn er ein neuangekommenes Heft auf ihren Tisch legte.

„Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen!“ murmelte sie. „Diese Schandblätter, diese höllischen Sudeleien! Ja, ja, sie hat’s arg getrieben, die gottvergessene, alte Jungfer, und ich bin gezwungen gewesen, so viele Jahre lang den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden!“

Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben. Bei dem Anblick der Noten klang eine Art kurzen, rauhen Gelächters von ihren Lippen. Sie schloß den Schrank auf und befahl Heinrich, einen Waschkorb zu holen. Was von Büchern und Notenheften auf den Regalen lag, mußte er in den Korb räumen. Er zerbrach sich den Kopf, was wohl das Schicksal dieser schönen Bücher sein würde, die so oft dort auf dem Flügel gelegen und von denen die alte Mamsell so köstliche Musik abgelesen hatte. Die große Frau stand neben ihm und sah streng darauf, daß kein Blättchen zurückblieb; sie selbst rührte nichts an, es sah fast aus, als fürchte sie, ihre Finger daran zu verbrennen.

Schließlich befahl sie dem Hausknecht, den Korb in das Vorderhaus zu tragen. Sie verschloß alle Thüren der Mansardenwohnung sorgfältig und folgte ihm. Zu Friederikens Aerger, der solche Besuche ein Gräuel waren, trat sie in die Küche; Heinrich mußte seine Last niedersetzen und eine Papierscheere aus dem Wohnzimmer bringen. Die alte Köchin hatte gerade starkes Bratfeuer.

„Heute kannst Du das Holz sparen, Friederike!“ sagte Frau Hellwig, ergriff ein loses Heft und warf es in die Flammen. Die zierlichen Mappen mit der kostbaren Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korb. Die seidenen Bandschleifen, mit denen sie zusammengebunden waren, lösten sich, eine nach der anderen, unter den ruhig und beharrlich manipulirenden Fingern der großen Frau… Hei, wie das loderte und fraß! Hier strahlte noch einmal der Name „Gluck“ in rothem Glanze, dort glühten die Notenköpfe einer brillanten Schlußcadenz Cimarosa’s wie feurige Perlen, um dann in ein und demselben Flammenmantel unterzugehen, der Italiener, Deutsche und Franzosen parteilos umfaßte.

Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden – der Grimm schnürte ihm die Kehle zu. Noch lag die Leiche der armen Einsamen über der Erde, und dies gefühllose Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und plünderte und zerstörte, wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland.

„Aber, Madame,“ sagte er endlich, „es könnte doch ein Testament da sein!“

Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer roth angestrahltes Gesicht, es zeigte ein Gemisch von Hohn und Unwillen.

„Seit wann habe ich Dir denn erlaubt, mir gegenüber Deine weisen Bemerkungen zu machen?“ frug sie beißend. Sie hatte eben das Bach’sche Opernmanuscript in den Händen, von welchem die alte Mamsell neulich gesagt, daß es, als nur in diesem einzigen Exemplar vorhanden, dereinst mit Gold aufgewogen werden würde. Energischer als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdruck zerriß und zerschnitt sie die Blätter in Atome und stopfte sie unter die Bratröhre.

In diesem Augenblick wurde draußen die Hausglocke stark angezogen. Heinrich ging zu öffnen. Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein. Er verbeugte sich vor der verwundert aus der Küche kommenden Frau des Hauses und stellte sich in seiner Eigenschaft als Amtscommissär vor, der beauftragt sei, den Nachlaß des verstorbenen Fräulein Cordula Hellwig zu versiegeln.

Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben verlor Frau Hellwig völlig ihre eiserne Ruhe und Kaltblütigkeit.

„Versiegeln?“ stotterte sie. „Es liegt ein Testament bei der Justizbehörde.“

„Das ist ein Irrthum!“ fuhr sie heraus. „Ich weiß ganz genau, daß sie nach dem Willen ihres Vaters kein Testament machen durfte – es fällt Alles an das Haus Hellwig zurück.“

„Thut mir leid,“ sagte der Beamte achselzuckend. „Das Testament existirt, und so sehr ich auch bedaure, incommodiren zu müssen, meine Pflicht zwingt mich, die Versiegelung sofort vorzunehmen.“

Frau Hellwig biß sich auf die Lippen, ergriff den Schlüssel zur Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran. Heinrich aber lief triumphirend hinauf zu Felicitas, die bereits ihr Amt als Kinderwärterin wieder verwaltete, heute jedoch zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der plaudernden Kleinen saß. Heinrich theilte ihr das Vorgefallene mit. Bei der Beschreibung des Autodafé fuhr sie empor.

„Einzelne Blätter waren es, die sie verbrannte?“ fragte sie mit erstickter Stimme.

„Ja, einzelne Blätter. Sie lagen in blauen Mappen, schöne Bänder hingen d’ran –“

Sie hörte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Küche. Da stand der Korb, er enthielt noch verschiedene Clavierauszüge und Notenhefte, aber die Mappen lagen geöffnet und zerstreut auf dem Ziegelfußboden, auch nicht ein einziges Blättchen lag mehr [467] darin. Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen Papierfetzen in die Heerdecke geweht. Felicitas hob ihn auf. „Johann Sebastian Bach’s eigenhändig geschriebene Partitur, von ihm erhalten zum Andenken im Jahre 1707. Gotthelf von Hirschsprung.“ las sie mit überströmenden Augen… Das war das letzte Ueberbleibsel des geheimnißvollen Manuscriptes – die Melodieen waren verstummt für ewig!

Allem Anschein nach hatte Frau Hellwig anfänglich nicht die Absicht gehabt, um des Todesfalles willen die Vergnügungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen, aber nach der Versiegelung, von der sie sehr echauffirt, mit einem unglaublich grimmigen, verbissenen Gesicht zurückgekehrt war, warf sie hastig einige zurückrufende Zeilen auf das Papier. Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte, dem letzten Willen der Verstorbenen gemäß, das Testament eröffnet werden. Zu diesem Act brauchte Frau Hellwig eine Stütze, sie war überhaupt fassungslos wie noch nie in ihrem Leben. Der mögliche Verlust eines bedeutenden Vermögens, das sie stets für unverlierbar gehalten, wirkte in seiner Schreckgestalt selbst deprimirend auf ihre eisernen Nerven.

Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt. „Eine Reise in’s Blaue hinein, und wo es uns gefällt, wollen wir Hütten bauen,“ hatte das Programm gelautet; Frau Hellwig mußte demnach ihren Brief auch ziemlich in’s Blaue hineinschicken… Das Suchen, mit welchem sie in der Mansardenwohnung den Tag begonnen hatte, wurde nun im Zimmer ihres verstorbenen Mannes fortgesetzt. Unter den Familienpapieren mußten sich die Beweise finden, daß der alten Mamsell nicht das Recht zugestanden habe, eigenmächtig über ihren Nachlaß zu verfügen. Sie hatte möglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht, das war bereits gestern Abend Frau Hellwig’s Vermuthung gewesen – das Thürschloß der Vogelstube hatte wacker seine Schuldigkeit gethan und auch dies Capital der Familie erhalten. … Wie die große Frau auch sann und grübelte, sie wußte sich selbst nicht mehr zu sagen, woher ihr jene Ueberzeugung, die sie viele Jahre hindurch unumstößlich festgehalten, gekommen war. Hatte sie die Verfügung von Cordula Hellwig’s Vater einst selbst gelesen, oder war es die mündliche Ueberlieferung irgend einer glaubwürdigen Person – genug, überzeugt war sie noch, und die Papiere mußten sich finden… Sie suchte und las, bis ihr leichte Schweißperlen auf die blasse Stirn traten – es war heute ein wahrer Unglückstag – ihre Forschungen waren ebenso erfolglos, wie die von heute Morgen… Das Glück schüttet am liebsten kaltherzigen, berechnenden, phantasielosen Menschen seine Rosen vor die Füße – scheint es doch, als wähne es bei reich angelegten Naturen seine Schätze minder sicher, als bei solchen, die nicht allein am Geldkasten, sondern auch vor der Seele eiserne Riegel haben. … Die große Frau war eines jener verwöhnten Glückskinder – sie war daher sehr verwundert über den heutigen Unglückstag.

Zwei Tage waren vergangen, der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise noch wohlverpackt in der Postkutsche durch die grünen Thäler des Thüringer Waldes, und die alte Mamsell wurde zur Erde bestattet, ohne daß ein Träger des Hellwig’schen Namens hinter ihrem Sarg geschritten wäre.

Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend, mit jener Selbstbeherrschung, die groß angelegten Charakteren eigen. Die Schwäche, welche Trost im Zureden Anderer sucht, kannte sie nicht – seit ihrer Kindheit war sie gewöhnt, alles Schwere mit sich allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden ausbluten zu lassen, ohne daß ihre nächste Umgebung das Vorhandensein derselben ahnte. Sie hatte es grundsätzlich vermieden, die Todte noch einmal zu sehen. Der letzte bewußte Blick der Sterbenden, der noch einmal auf ihr geruht, war für sie der Abschied gewesen – sie wollte das liebe Gesicht unbeseelt nicht in ihre Erinnerung aufnehmen… Aber am Nachmittag des Begräbnißtages, als Frau Hellwig ausgegangen war, nahm sie einen der Schlüssel, die in der Gesindestube hingen; er schloß den Corridor, in welchen die dem Leser bekannte Rumpelkammer mündete. Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Corpulenz der Hausfrau ließ sie alles Treppensteigen möglichst vermeiden, aus dem Grund hatte die alte Köchin schon seit länger ungehindert Zutritt in die am höchsten gelegenen Räume.

Tante Cordula sollte und mußte heute noch frische Blumen auf ihren Grabhügel haben, aber nur solche, die sie selbst gepflegt hatte. Die Mansardenwohnung war, mit Ausnahme der Vogelstube, versiegelt – auf diesem Weg konnte man mithin nicht zu dem hängenden Garten gelangen, den die Nachlässigkeit des Justizbeamten von aller menschlichen Pflege abgeschnitten hatte… Nach neun Jahren zum ersten Mal wieder stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinüber nach dem blumenbedeckten Dach… Was Alles lag zwischen jenem unglückseligen Tag, wo ihre gemißhandelte Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen empörte, und heute! Dort drüben war ihr Heim – dort hatte die Einsame das geächtete Spielerskind beruhigend an ihr großes edles Frauenherz genommen und mit allen Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf seine Seele abgewehrt. Dort hatte das Kind unermüdlich gelernt und infolge dieses Lernens erst wahrhaft gelebt… Er, der in diesem Augenblick in schöner Damengesellschaft genießend die prächtigen Thüringer Wälder durchstreifte – er ahnte nicht, daß sein einstiger auf Vorurtheil und finster zelotischer Anschauungsweise basirter Erziehungsplan einzig an einigen wagehalsigen Schritten über die zwei schwanken Rinnen da unten gescheitert war.

Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurückgelegt werden. Felicitas stieg aus dem Fenster und schritt über die Dächer; sie kam rasch und leicht hinüber und hatte bald den ebenen Boden der Galerie unter ihren Füßen… Die armen Dinger da, die so harmlos mit den Köpfchen im leisen Zugwind nickten, waren weit schlimmer d’ran als die Lilien auf dem Felde. Wie durch ein Zauberwort hoch in den Lüften festgehalten, wußten sie nichts von der süßen, warmen Muttererde, nichts von dem starken Heimathboden, der die Grundvesten mächtiger Bäume wie das zarte Wurzelgefaser der kleinsten Blume sich fest in das Herz drückt – ihr Wohl und Wehe hatte in den zwei kleinen, weißen, welken Händen gelegen, die jetzt selbst still in dem Heimathboden ruhten und zu Erde wurden. Noch fühlten indeß die Herausgesperrten ihre Verwaisung nicht, es hatte mehrere Mal zur Nachtzeit stark geregnet – in diesem Augenblick blühten und dufteten sie um die Wette.

Felicitas drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glasthür und sah hinein in den Vorbau. Da stand der kleine, runde Tisch; das Strickzeug mit einer halb abgestrickten Nadel lag neben dem Knäuelbecher als sei es eben nur aus der Hand gelegt worden, um im nächsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden. Quer über einem aufgeschlagenen Buch lag die Brille; das junge Mädchen las tief bewegt einige Zeilen – der letzte geistige Genuß, den die alte Mamsell auf Erden gehabt hatte, war die Rede des Antonius in Shakespeare’s Julius Cäsar gewesen… Da drüben im Wohnzimmer stand der geliebte Flügel, und seitwärts blinkten die Scheiben des großen Glasschrankes – sie zeigten die leere Fläche der Regale, das alte Möbel hatte sich treuloser Weise seine musicalischen Kostbarkeiten entreißen lassen, sie waren zu Asche zerstiebt, andere dagegen hielt es um so fester – Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschätzen der alten Mamsell gesucht … in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig. Das Geheimfach des Schrankes enthielt nicht allein Schmuck und Silber, in einer Ecke stand auch ein kleiner, grauer Pappkasten. „Er muß vor mir sterben!“ hatte Tante Cordula gesagt … war er vernichtet? … Um keinen Preis sollte er in die Hände der Erben fallen, und doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen, Hand an ihn zu legen. Es war mehr als wahrscheinlich, daß er noch existirte. Wenn das Testament den Ort bezeichnete, wo das Silber lag, dann wurde möglicherweise auch ein Geheimniß offenbar, das die Einsame mit allen Kräften der Welt zu entziehen gesucht hatte – das durfte nun und nimmer geschehen.

Die Glasthür des Vorbaues war von innen verriegelt. Rasch entschlossen drückte Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel – er lag nicht vor, wohl aber hatte man zugeschlossen und den Schlüssel abgenommen – eine trostlose Entdeckung! … Ein leidenschaftlicher Grimm bemächtigte sich des jungen Mädchens gegen das Verhängniß, das ihr consequent in den Weg trat, wenn sie hoffte, für Tante Cordula wirken zu können. In den Schmerz um die Verstorbene mischte sich nun auch die schwere Sorge um das, was wohl nun kommen werde. War der Inhalt des kleinen, grauen Kastens geeignet, das Gerücht bezüglich einer Schuld der alten Mamsell zu widerlegen? Oder warf er, vielleicht mystisch und unlösbar, einen noch tieferen Schatten auf die Heimgegangene?

[468] Sie schnitt rasch ein schönes Bouquet ab, steckte zwei Töpfe mit Aurikeln – Tante Cordula’s Lieblinge – in ihren Korb und legte den Weg über die Dächer mit weit schwererem Herzen zurück, als sie gekommen war.

Nun hatte dies junge Mädchen bereits drei Gräber da draußen auf dem weiten, stillen Todtenfelde! Die liebsten Menschen, die ihr warmes Herz mit Inbrunst umfaßt, deckte die Erde. Sie warf einen unsäglich bitteren Blick gen Himmel, als sie die Blumen auf Tante Cordula’s frisches Grab streute – er konnte ihr nun nichts mehr nehmen! Ihr Vater war seit vielen Jahren verschollen – er moderte längst in fremder Erde; dort drüben auf einem kostbaren Marmorblock leuchtete in Goldschrift der Name Friedrich Hellwig, und hier – sie schritt auf das Grab ihrer Mutter zu, es war, Dank der Fürsorge der alten Mamsell, seit neun Jahren zur schönen Jahreszeit stets mit köstlichen Blumen bedeckt. Aber heute lag der Grabstein herausgerissen neben dem Hügel; Heinrich hatte erst vor einigen Tagen erklärt, die Inschrift müsse endlich einmal erneuert werden, sie sei am Erlöschen – wahrscheinlicherweise war auf seinen Betrieb der Stein herausgenommen worden. Er war bis dicht an den Namen der Verstorbenen eingesunken gewesen; heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Länge. „Meta d’Orlowska“ las Felicitas mit verdunkeltem Blick; aber da stand ja weiter drunten noch ein Name, den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte. Von der schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an den Schriftzügen; allein sie waren in den Sandstein vertieft – „geborne von Hirschsprung aus Kiel“ ließ sich ohne Mühe entziffern.

Felicitas versank in tiefes Sinnen. … Dieser Name hatte auf dem Bach’schen Opernmanuscript gestanden; er hatte ferner dem uralten, thüringischen Rittergeschlecht gehört, dessen Wappen noch auf allen Wänden des alten Kaufmannshauses prunkte – das kleine, silberne Petschaft in Felicitas’ Kindertäschchen zeigte aber auch denselben springenden Hirsch … wunderbares Räthsel! Das stolze Geschlecht, das in seinen letzten Generationen zu Hobel und Pfrieme hatte greifen müssen, war ja längst erloschen. Heinrich hatte als Kind den letzten Träger des alten Namens noch gekannt – er war jung und unverheirathet als Student in Leipzig verstorben… und doch war vor vierzehn Jahren aus dem fernen Norden eine junge Frau gekommen, die im Elternhause den Namen getragen und das Wappen geführt hatte. … War einst ein Zweig vom alten Thüringer Stamm losgerissen und in die Ferne geschleudert worden? … Du stolzer Ritter, der du deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause verewigen ließest, tritt heraus aus deinem Zinnsarg und wandle über dies Gräberfeld! Verschiedene Steine tragen deinen Namen, und unter ihnen ruhen Männer mit schwieligen Arbeiterhänden, Männer, die im Schweiß ihres Angesichts ihr Brod essen mußten, während du die Ansprüche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit verbrieft und besiegelt hinterließest, während du in dem unzerstörbaren Wahn die Augen schlossest, dein bevorzugtes Blut, die aristokratischen Hände deiner Nachkommen seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit. Tritt her an dies Grab, das den Staub einer weit hergewanderten Tochter deines Hauses deckt! Das Brod, das sie aß, war ein ungleich härteres, ein verachtetes – sie mußte im Gaukelspiel vor die Menschen treten, und dies Gaukelspiel zerstörte ihren blühenden Leib. … Du hast nicht an den Wechsel gedacht, der in der Welt- und Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel trägt und hier einen Abgrund öffnet, um beide dann für einen Augenblick trügerisch wieder zu ebnen und auszugleichen.

Ob noch Verwandte von Felicitas’ Mutter existirten? Das junge Mädchen beantwortete sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lächeln; auf alle Fälle existirten sie nicht für die Tochter der Meta von Hirschsprung. Sie waren zweimal öffentlich aufgerufen worden und hatten consequent geschwiegen. Vielleicht hatte diese Linie des alten Geschlechts seine ursprüngliche Reinheit bewahrt bis zu dem Augenblick, wo eine Tochter derselben dem Taschenspieler Herz und Hand schenkte – sie wurde verstoßen aus dem Paradiese adeligen Glanzes, aus dem Kreis der Ihrigen auf Nimmerwiederkehr. … Soviel war gewiß, ihr Kind beschritt die Schwelle Derer niemals, die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau des Taschenspielers öffentlich verleugneten.


20.

Felicitas kehrte, nachdem sie den Gottesacker verlassen, nicht in das Haus am Markt zurück. Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten, gegen Abend wollte auch Frau Hellwig kommen, um mit dem Kind unter den Akazien zu essen… Die große Frau hatte ihre äußere Ruhe scheinbar wiedergewonnen, nur war es auffallend, daß sie viel mehr, als sonst, ausging; es hatte fast den Anschein, als sei es ihr Bedürfniß, sich bis zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und vielleicht auch ein wenig auszusprechen.

Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie völlig ignoriren zu wollen. Auf die Vermuthung, daß das Mädchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt habe, war sie augenscheinlich nicht gekommen; sie hatte Felicitas’ Eindringen einfach für Neugierde gehalten, die sie unter anderen Umständen freilich nicht straflos hätte hingehen lassen, aber im Hinblick auf die weiteren Vorgänge jenes Abends war es ihr ohne Zweifel wünschenswerth, daß das Vorgefallene möglichst rasch vergessen werde.

Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb nun vor einer Gartenthür stehen. Sie schöpfte tief Athem, dann legte sie rasch entschlossen die Hand auf den Drücker und öffnete die Thür, sie führte in den Nachbargarten, in das Besitzthum der Frank’schen Familie… Das junge Mädchen war jetzt einzig und allein auf sich und seine eigenen Entschlüsse angewiesen. So schmerzzerrissen auch ihre Seele war, auf die Energie ihres im Kampfe hart gewordenen Charakters hatten diese inneren Leiden keinen Einfluß; ihr außerordentlich klarer Kopf stand auch nach dem härtesten Schlage sehr bald dem Unvermeidlichen gegenüber, und nie hatten die Nebel der Gefühlsseligkeit oder Schwärmerei diesen scharfen, logischen Gedankengang zu beeinträchtigen vermocht.

Die zarte, sehr distinguirt aussehende Dame im weißen Häubchen, die Felicitas vor wenig Tagen angeredet hatte, saß zeichnend in einem schattigen Laubgang. Sie erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig, näher zu kommen.

„Ah, da kommt meine kleine, junge Nachbarin und will einen guten Rath, nicht wahr?“ fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und ließ das junge Mädchen neben sich niedersetzen. Felicitas sagte ihr, daß sie nach Verlauf von drei Wochen das Hellwig’sche Haus verlassen müsse und eine Stelle suche.

„Wollen Sie mir nicht ungefähr sagen, was Sie leisten können, mein Kind?“ fragte die Frau und ließ ihre großen, klugen Augen, welche lebhaft an die ihres Sohnes erinnerten, auf Felicitas’ Gesicht ruhen; es wurde flammend roth… Sie sollte von ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie plötzlich auskramen, wie der Kaufmann seine Waaren – es war ihr ein unsäglich peinliches Gefühl, und doch mußte es sein.

„Ich glaube, ganz leidlich im Französischen und Deutschen, in Geographie und Weltgeschichte unterrichten zu können,“ antwortete sie zögernd, „auch im Zeichnen habe ich mich geübt, musikalisch ausgebildet bin ich nicht, allein ich weiß, was zu einem tüchtigen, schulgerechten Gesangsvortrag gehört;“ die Augen der Frau Hofräthin vergrößerten sich merklich im Erstaunen, „dann kann ich auch kochen, waschen, bügeln und auf Verlangen auch scheuern.“ Die letzten Artikel des Berichtes kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mädchens, als die anfänglichen.

„Hier, in unserem guten, kleinen X., möchten Sie wohl nicht bleiben?“ fragte die Dame lebhaft.

„Wünschenswerth wäre mir allerdings ein längerer Aufenthalt nicht, aber ich habe liebe Gräber hier, allzu rasch möchte ich mich auch nicht von ihnen trennen –“

„Nun, dann will ich Ihnen etwas sagen. Die Gesellschafterin meiner Schwester in Dresden verheirathet sich; diese Stelle wird in etwa sechs Monaten frei, ich werde Sie dort empfehlen, und bis dahin bleiben Sie bei mir. Sind Sie damit einverstanden?“

Felicitas küßte ihr überrascht und dankbar die Hand, aber dann richtete sie sich empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an, es war nicht zu verkennen, daß ihr noch ein Wunsch auf den Lippen schwebte; die Hofräthin bemerkte es sofort.

„Sie haben noch etwas auf dem Herzen, nicht wahr? … Wenn wir eine Zeit lang miteinander leben wollen, dann müssen wir vor Allem offen sein, also heraus mit der Sprache!“ sagte sie munter.

[469] „Ich möchte Sie bitten, meiner Stellung in Ihrem Hause, sei sie auch die untergeordnetste und von der kürzesten Dauer, eine bestimmte Gestalt zu geben,“ antwortete Felicitas rasch und fest.

„Ah, ich verstehe! Sie sind es müde, ein Brod zu essen, das Sie sauer genug verdienen mußten und welches – sprechen wir es aus – trotzdem ein Gnadenbrod genannt worden ist?“

Felicitas bejahte eifrig.

„Nun, in diese drückende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen, mein liebes, stolzes Kind. Ich engagire Sie hiermit als meine Gesellschafterin. Waschen, scheuern, bügeln sollen Sie natürlich nicht, wohl aber manchmal in der Küche nachsehen, denn ich und meine alte Dore werden nachgerade morsch und müde – wollen Sie?“

„Ach, und wie gern!“ Zum ersten Mal nach Tante Cordula’s Tode glitt es wieder wie ein schwaches Lächeln über das ernste Gesicht des jungen Mädchens.

(Fortsetzung folgt.)




Ein „unentwegter“ Kämpfer.
„Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein.“

Nur wer das schöne Schwabenland kennt, dieses unendlich mannigfaltig und wunderbar wechselnde Panorama von Hügeln

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Johannes Scherr.

und Thälern, dort mit himmelanstrebenden Tannen und Eichen, mit duftenden Obstgärten und Weingeländen bedeckt, hier lachende Fluren und üppige Getreidefelder, dazwischen die freundlichen Dörfer und Städtchen, auf stolzen in das Land lugenden Felshöhen die altersgrauen Schlösser oder halbverfallenen Burgen und die ganze reiche Landschaft belebt von einem der gemüthlichsten Stämme deutscher Zunge, – und nur wer in diesem Paradiese einige Zeit gelebt und sich wohl gefühlt hat, ist im Stande zu begreifen, daß und warum gerade das Schwabenland mit Vorzug eine Wiege deutscher Dichter und Denker war und ist. Und gerade im Herzen dieses Paradieses, dort, wo die Ueberreste des Stammschlosses der Reichsgrafen von Rechberg, mehrfach in der Geschichte deutscher Diplomatie und des Kriegswesens genannt, weit in das Land hinausschauen, ward am 3. October 1817 in dem Dörfchen Hohenrechberg dem dortigen Dorfschulmeister Franz Scherr ein Knabe, das zehnte Kind einer reichgesegneten Ehe, geboren und auf den Namen Johannes getauft. Seine trefflichen Eltern sorgten für eine musterhafte Erziehung und Fortbildung, während sein älterer Bruder Thomas, der um das schweizerische Schulwesen hochverdiente, wegen seiner freien Geistesrichtung aber auch vielfach angefeindete Seminardirector von Zürich, dem talentbegabten Knaben die Mittel bot für die Gymnasial- und die späteren Universitätsstudien. Nachdem er eine Zeitlang an der bei Winterthur gelegenen Erziehungsanstalt seines Bruders als Lehrer gewirkt, ließ er sich in Stuttgart nieder, wo er sich mit einer Schweizerin, einer gebornen Kübler, vermählte, die sich durch mehrere volksthümlich belehrende Schriften bekannt gemacht hat. Mit dem Jahre 1844 betrat Scherr durch die Herausgabe einer Schrift „Würtemberg im Jahre 1844“, welche in allen Schichten der gebildeten Bevölkerung großes Aufsehen erregte, den politischen Kampfplatz, auf welchem er bis zum Jahre 1848 als rüstiger Vorkämpfer aller freiheitlichen Bestrebungen sich stets bewährte. In seiner innersten Seele vom Geiste des Republikanismus erfüllt, zu welchem ihn das Studium der Alten, seine Bekanntschaft mit den staatlichen Einrichtungen der Schweiz und schließlich seine Forschungen in der Geschichte Amerika’s hinführten, betrachtete er die Föderativ-Republik als Ideal moderner germanischer Staatsform, ein Ideal, dem er bis zur Stunde treu geblieben und unzweifelhaft bis zum Tode treu bleiben wird. Dabei übersah Scherr aber niemals die mannigfachen Mängel und Fehler, an welchen die Demokratie jener Tage litt; kein Schriftsteller hat wohl mit kräftigeren Worten und beißenderer Satire solche Schwächen gegeißelt, keiner mehr als er es verschmäht, der blinde Lobredner und Schmeichler der Massen oder, wie er sich selbst ausdrückt, „Volkshofrath“ zu sein.

Eine Wahl zum Mitgliede des deutschen Reichsparlaments lehnte Scherr, der sich jetzt mehr und mehr von der Idealpolitik lossagte, von der Ansicht geleitet ab, daß diese Versammlung vollständig in der Luft schwebe, so lange die Umwandlung des deutschen Staatenbundes in einen Bundesstaat nicht in den Einzelstaaten gründlich zum Bewußtsein gekommen und durchgedrungen sei. Dagegen hat er als Mitglied der würtembergischen Abgeordnetenkammer [470] und des Landesausschusses 1848 bis 1849 in diesem Sinne eifrig gewirkt, in gleicher Weise auch für Ein- und Durchführung der vom Parlamente end- und rechtsgültig beschlossenen Reichsverfassung.

Die schönen Träume, in welchen sich das deutsche Volk gewiegt, verflogen nur zu bald, die nationale Sache unterlag nach kurzem Kampfe und die allerwärts sich kundgebende Reaction bemächtigte sich mit gieriger Hand aller Derer, welche im Streite für die Interessen des Volkes eine hervorragende Rolle gespielt hatten. Es konnte daher nicht fehlen, daß auch Scherr zu diesen gezählt wurde, weshalb er, um den drohenden Verfolgungen zu entgehen, den vaterländischen Boden zu verlassen beschloß. Er hatte keine Ahnung, daß er am 11. August 1849, zur Stunde, wo die Kammer aufgelöst ward, unter wahrhaft lächerlicher Entfaltung militärischer Macht verhaftet werden sollte, als ihm ein Stuttgarter Polizeidiener vertraulich eine bestimmte Warnung zukommen ließ, ohne Zweifel aus Dankbarkeit dafür, daß Scherr in der Kammer für eine bessere Besoldung der Polizeidiener nachdrücklich gesprochen hatte. Nur mit genauer Noth entkam der Gewarnte zufolge der von seiner Frau glücklich getroffenen Vorkehrungen aus Stuttgart und über den Bodensee nach der Schweiz. Bald darauf ward der Flüchtling in contumaciam zu einer Zuchthausstrafe von sechszehn Jahren verurtheilt. Hätte er es der Mühe werth gehalten, zur Untersuchungshaft und Procedur sich zu stellen, so würde er wahrscheinlich, wie seine Mitangeschuldigten, freigesprochen worden sein; allein er zog es vor, als freier Bürger in der Schweiz zu leben, wohin er mit ganzer Seele gehörte. Dafür ergoß sich jetzt selbstverständlich die ganze wüste Fluth der Lästerung und Verleumdung über ihn; noch Jahre hernach sprach er mit unverhohlener Bitterkeit in vertrauten Kreisen von der unglaublichen Lieblosigkeit und Gemeinheit, denen nach seiner Flucht seine in Stuttgart zurückgelassene Frau ausgesetzt war. Dagegen erzählte er in der heitersten Laune, wie er eines schönen Sommermorgens mit einer Frau Hofräthin aus Stuttgart im Garten des Badehotels Hof Ragaz bei Pfäffers zusammentraf und die gnädige Frau, welche ihn nicht kannte, ihm die abenteuerlichsten Erfindungen über die Person des p. p. Scherr mittheilte. Unter Anderem erzählte sie ihm, daß der „Erzjacobiner“ Scherr seinen Sohn auf den Namen Robespierre habe taufen lassen. Als er bei diesen Worten die Frau Hofräthin mit der freundlichen Bemerkung unterbrach: „Aber meine Beste! mein Sohn heißt ja nicht Robespierre, sondern Bruno!“ wäre die Gnädige vor Schrecken schier in Ohnmacht gefallen.

Im Jahre 1850 habilitirte sich Scherr als Docent an der Universität Zürich, zog aber zwei Jahre später aus Familienrücksichten in das ihm altbefreundete Winterthur, wo er während der Wintermonate dankbar aufgenommene Vorträge hielt und acht Jahre hindurch seinen Studien und literarischen Arbeiten lebte, bis er 1860 zur Professur der Geschichte an das eidgenössische Polytechnikum in Zürich berufen wurde. Hier lebt und wirkt er noch gegenwärtig. Der Geschichtsprofessor hat in dieser Stellung Erfolge errungen, welche selbst seine bittersten Gegner ihm nicht werden bestreiten können; seine durch Kraft und Geist belebenden und durch glänzenden Vortrag fesselnden Collegien zählen zu den beliebtesten und besuchtesten.

Soviel über das vielbewegte Leben des berühmten Schriftstellers. In zwei Worten ist sein Wirken in Zürich niedergelegt: Amt und Arbeit. In jenem geht er, wie gewohnt, seinen eigenen Weg, diese setzt er immer noch mit gleicher Lebendigkeit fort, obgleich seine Gesundheit oft warnt. Daneben lebt er, wohl durch ursprüngliche Neigung und Erfahrung bestimmt, ziemlich isolirt und zurückgezogen; nur wenigen verwandten Geistern zugänglich, weicht er der Menge und ihrem Lärm aus. Dem öffentlichen Leben steht er als scharfer Beobachter gegenüber, Einfachheit und Geradheit sind die Grundzüge seines ganzen Wesens. Wenn es je einen Schriftsteller gab, der nie etwas Anderes schrieb, als was er selbst innerlich durchgefühlt und durchdacht hat, so ist er es.

Scherr ist etwas über Mittelgröße und hager; sein nicht eben schönes Gesicht drückt in festen Linien mehr die kritische Schärfe als die Phantasie und das Gemüth aus, die ihm doch gleicher Weise inne wohnen. Neben der Gewalt, mit welcher er alles Hohle und Faule, alles Bornirte und Befirnißte niederschmettert, offenbart sich in seinem Benehmen doch Gutmüthigkeit, mit der er dem Talente, der Arbeitskraft, der Charakterfestigkeit und dem Unglücke seine Theilnahme widmet.

Als Schriftsteller ist unser Scherr fruchtbar wie nur wenig und zugleich ein ganzer Mensch in des Wortes vollster Bedeutung, freidenkend in allen Sachen des Staates, wie denen der Religion, deren kirchliche Fesseln er längst abgestreift hat. Außer seinen novellistischen und satirischen Schriften, welche dreißig Bände umfassen und deren einzelne Titel wir hier aufzuzählen unterlassen, zeichnet er sich insbesondere als Literar- und Culturhistoriker aus. Auf diesem Gebiete haben wir vor allem zu nennen seinen Bildersaal der Weltliteratur –, seine Deutsche Cultur- und Sittengeschichte (vielleicht sein Hauptwerk und jetzt schon in dritter Auflage) –, seinen Schiller und seine Zeit –, die Geschichte der Religion –, die Geschichte der deutschen Frauenwelt, zwei Bände –, Blücher, seine Zeit und sein Leben –, Studien –, und Aus der Sündfluthzeit. – Gegenwärtig soll er, wie wir hören, an einer Geschichte der Jahre 1848 bis 1851 arbeiten, wozu er seit langer Zeit die umfassendsten Vorarbeiten vollendet hat.

Scherr’s Feder ist nicht berufen zum Frieden, sondern zum Krieg; er ist der Mann des Kampfes. Das faul und alt Gewordene wegzufegen und dem freien Culturfortschritt reine Bahn zu machen, ist das Ziel seines energischen Ringens und eines seiner Verdienste, daß er unter den Ersten stand, welche in der Beurtheilung des geschichtlichen Ganges den Culturelementen die bedeutsame und organische Stellung anwiesen, die es jetzt einnimmt. Wie bekannt, hat er es auch als der Erste unternommen, den Verlauf der deutschen Cultur- und Sittengeschichte von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart herab zu zeichnen. In diesem Buche, wie in allen seinen Büchern, ist sein Auge immer auf die politische und sociale Entwickelung gerichtet, in der Art, daß er selbst da, wo er Bilder aus den ältesten Zeiten und fernsten Ländern vorführt, in erster Linie in’s lebende Geschlecht energische Mahnungen und Aufforderungen richten will. Scharf individuell, weckt seine Schreibweise Liebe oder Haß; Beides dient ihr, und in jedem Fall fesselt sie; Sprache und Gedanken haben Farbe. Bitter, oft von juvenalischem Spott, rücksichtslos durchgreifend, hat er doch immer eine ernste und strenge Endabsicht; es muß vorwärts gehen, thut die Reform es nicht, so mag die Revolution über die abgelebten Geschlechter hinwegrollen. Jede seiner Schriften ist eine That. Am tiefsten haßt er die liebe liberal-constitutionell schwatzende Mittelmäßigkeit.

In seinem geschichtlichen Urtheil ist er stets scharf, treffend, oft schroff, aber nie ungerecht, denn sein ganzes Sein und Wesen ist nur dem Dienste der Wahrheit gewidmet, obschon wir nicht leugnen wollen, daß sich häufig bei ihm eine gewisse Schadenfreude kundgiebt, ein geheimer Kitzel, über die Fehler und Schwächen der Fürsten und ihrer Creaturen recht schonungslos zu urtheilen. Die ungemeine Belesenheit Scherr’s leuchtet aus jeder Seite seiner Schriften hervor und es dürfte nicht wohlgethan sein, auch nur ein Blatt zu überschlagen, da fast jede Zeile ihre vollste Bedeutung hat. Die drastischen Gestalten und dramatischen Gruppirungen, die charakteristischen Schlag- und Kraftworte, die kecken Parallelen geben Allem, was er schreibt, ein ganz besonderes Relief; seine geschichtlichen Werke lesen sich mit der spannenden Anziehungskraft eines Dramas, woraus wohl zum Theil der außerordentliche Erfolg, den sie bei der deutschen Lesewelt gefunden, zu erklären ist. Dabei kann Scherr mit allem Rechte sich rühmen, zu arbeiten im Dienste der gewissenhaften Arbeiterin Geschichte, deren vollauf genügende Aufgabe „die riesige und undankbare ist, den Weltaugiasstall des Köhlerglaubens mit dem eisernen Kehrbesen der Wahrheit reinzufegen.“

Seine politische Ueberzeugung hat er am Schlusse seiner Deutschen Culturgeschichte in folgenden Worten ausgesprochen:

„..… Deutschland ist nicht das Land der Initiative. Es liegt in unserem Nationalcharakter etwas Schwerfälliges, was des Anstoßes von außen her bedarf, um in Bewegung zu gerathen; aber es liegt in ihm zugleich auch die Kraft der Durchdringung, eine unbeugsame Ausdauer, welche nicht abläßt den einmal betretenen Weg bis an’s Ende zu verfolgen, und führte er auch an tausend Schwindel erregenden Abgründen vorbei und mitten durch das wildverwachsene Gestrüppe zahlloser Vorurtheile hinauf zu jenen Aetherhöhen des Gedankens, vor deren unerbittlich scharfer Luft andere Nationen furchtsam zurückbeben.“

Ein letzter Zug, den wir einer in den verflossenen Jahren [471] über ihn laut gewordenen Stimme entlehnen, vollende das Bild des berühmten Autors: „Der Stubengelehrte alten Stils kann ihn nicht begreifen, der Doctrinär und Fusionär nicht leiden, ihn, der seine Ueberzeugungen mit nackten Worten hinschleudert und von Transigiren nichts wissen will.“ Fügen wir bei: das Volk liebt, der tiefer Denkende versteht und würdigt ihn.




Deutsch-amerikanische Lebensläufe.
Von Adolf Douai.
3. Der Holzhacker.


Der Dritte, an welchen die Reihe des Erzählens kam, war P…, ein Farmer aus Missouri, der sich im Unionskampfe einen geehrten Namen erworben hatte, ein riesiger, baumstarker Recke, mit Zügen und Gliedmaßen, wie aus knorrigem Eichenholze zugehauen, dessen gutmüthige Miene aber Jedem zurufen zu wollen schien: „Kann ich denn was dafür, daß man mir scheu aus dem Wege geht, wie einem Mammuth? Habe ich nicht die wohlwollendsten Absichten? Wer hat ein besseres Gewissen als ich?“ Er bedurfte auch einiger Zeit zum Räuspern und Zurechtsetzen, ehe er Worte finden konnte, wie eine riesige Maschine, welche langsam in Gang kommt, und einer Einleitung, die wir weglassen, um sich wegen Mangels an Redegewandtheit zu entschuldigen. Endlich half ihm ein Schluck 65er zum Anfange seines amerikanischen Lebenslaufs.

„Als ich,“ sagte der Farmer P. aus Missouri, „im Herbste 1856 in Philadelphia landete, war guter Rath theuer. Auf meinen erlernten Beruf, Cameralwissenschaften, fortzukommen, war außer Frage, und Geld hatte ich ungefähr soviel, wie ein Bruder Studio, wenn das Semester zu Ende geht. Man rieth mir allerlei Erwerbswege an, zu deren Verfolgung aber mehr Geld, oder mehr Englisch gehörte, als ich erschwingen konnte. Diese Rathschläge von Leuten, welche schon lange im Lande, über die ersten Nahrungssorgen hinweg und gewissermaßen schadenfroh waren, Andere in den nämlichen Verlegenheiten zu erblicken, welche sie selbst anfänglich hatten ausstehen müssen, kamen mir in meinem grimmigen Humor ebenso vor, wie der Rath, den man wohl Kindern giebt, wenn sie einen Sperling fangen wollen, ihm doch Salz auf den Schwanz zu streuen. Ich sah ein, daß ich die erste beste Arbeit suchen müßte, und beschloß in Betracht meiner körperlichen Rüstigkeit, es als Holzhacker zu versuchen. Ich kaufte mir also eine Säge, eine Axt und einen Sägebock und begab mich vor die Hausthüren, vor denen ich eine Fuhre Holz abladen sah, mit dem Anerbieten meiner Dienste. Hui! wie da die Spähne flogen! Es ist doch gut, dachte ich bei mir selbst, daß es Arbeiten giebt, mit denen man sein Brod verdienen kann, ohne Kant’s Kritik der reinen Vernunft und Hegel’s Phänomenologie vollkommen verstanden zu haben, die mir soviel Kopfzerbrechen gekostet hatten. Ich bin mein Lebtage nicht so sehr mit mir zufrieden gewesen, wie am ersten Abende meines holzhackerischen Lebenslaufes, als ich mit anderthalb Dollars redlich verdienten Geldes nach Hause ging, umsomehr, als dies überhaupt das erste Geld war, welches ich jemals verdient hatte. Denn bis dahin hatte ich lediglich meiner Eltern Geld verstudirt und verjubelt. Wie ich nun so in mein stilles Glück versunken heimwärts gehe – ich hätte die ganze Welt umarmen mögen und baute auf meine mit Holzhacken zu machenden Ersparnisse mir schon eine idyllische Zukunft – da überfiel mich an der nächsten Straßenecke eine ganze Rotte zerlumpter und besoffener Irländer, welche das Holzhacken in den Straßen der Stadt der Bruderliebe als ihr Monopol zu betrachten schienen und mir meinen Eingriff in ihre wohlerworbenen Rechte büßen lassen wollten. Ehe ich mich dessen versah, regnete es Püffe, Faustschläge und Fußtritte auf mich, und zwei meiner Gegner versuchten mir meine Werkzeuge zu entreißen. Der gute Rath der Bibel: seid langsam zum Zorn![1] ließ sich hier schlechterdings nicht buchstäblich befolgen. Wozu anders giebt der Schöpfer dem Menschen Leibesstärke, als um sich seines Lebens zu wehren? Und dann – da bekanntlich ein irischer Schädel nicht eher Vernunft annimmt, als bis man ihm mit dem Knüttel zuredet, so that ich vielleicht am Schlusse meines Tagewerkes noch eine extragute, menschenfreundliche Handlung, indem ich ihre Liebkosungen nicht unbeantwortet ließ. Kurz, mit dem Axtstiel in der einen, dem Sägebock in der andern Hand liebkoste ich sie, bis ich Meister des Schlachtfeldes blieb. Wie mir das Abendessen darauf geschmeckt hat, läßt sich nicht beschreiben.

Allein wenn ich in anderen Stadttheilen Holz sägte und hackte, wo man mich noch nicht näher kannte, wiederholten sich die Angriffe der irischen Monopolisten auf mich. Natürlich wiederholte sich auch deren Ausgang. Einmal kam die Polizei dazu und schritt ein; aber da ich der Einzige war, der ruhig stehen blieb, im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, während meine Angreifer Fersengeld gaben, so wurde ich allein verhaftet und in das Sectionshaus eingesperrt, wo ich die Nacht zubringen mußte. Als ich den nächsten Morgen vor den Richter gestellt wurde, konnte ich natürlich keinen meiner Angreifer namhaft machen. Ich hatte also weiter keine Genugthuung, als die, daß die verkannte Unschuld am Ende doch immer gerechtfertigt wird und daß, was das Laster betrifft, auch in Amerika der Krug solange zu Wasser gehe, bis er zerbricht – was freilich mitunter etwas lange dauern kann. Mit löblicher deutscher Standhaftigkeit aber beschloß ich, als Holzhacker auszudauern, bis ich mir einen Wirkungskreis erobert hätte, und führte diesen Entschluß recht vorsätzlich in allen Stadttheilen aus, was mir täglich anderthalb Dollars, den Irländern aber, meinen Mitbewerbern, ungezählte Beulen und blaue Flecke eintrug.

Das Verdienst bleibt doch auf die Dauer nicht unbekannt und unbelohnt. Eines Tages trat ein feingekleideter Angloamerikaner auf mich zu und redete mich an: ‚Ich habe bemerkt, daß Sie ein starker, furchtloser und tapferer Mann sind. Einen solchen suche ich längst. Wollen Sie in meine Dienste treten? Ich brauche einen Usher (Portier, Thürsteher) und zahle vierzig Dollars den Monat bei freier Kost und Wohnung.‘

‚Mir recht,‘ antwortete ich, ‚vorausgesetzt, daß es ein anständiger Dienst und eines gebildeten Mannes würdig ist. Ich bin ein deutscher Studirter.‘

Er musterte jetzt erst meine Gesichtszüge genauer und, wie es schien, beifällig, reichte mir die Hand und führte mich in ein Speisehaus, wo wir zusammen Mittag machten. Er setzte mir dabei die Pflichten auseinander, welche ich bei ihm zu erfüllen haben würde, und versprach mir höheren Lohn und eine bessere Stellung, sobald ich Genüge leiste. Er war Inhaber einer Academy in einem benachbarten Land- und Fabrikstädtchen, in welcher sowohl Knaben als Mädchen – aber in getrennten Räumen – unterrichtet wurden. Als Usher hatte ich nicht blos Fremde anzumelden, ungebetene Gäste abzuweisen, Botengänge nach auswärts zu machen, sondern auch widerspenstige Jungen zurechtzuweisen – womöglich ohne körperliche Züchtigung, den Verkehr zwischen Jungen und Mädchen zu verhüten, überhaupt die ultima ratio des Directors zu bilden.

Eines Tages z. B. gerieth der Director in Streit mit einem Irländer, der für gelieferte Arbeit nicht hoch genug bezahlt zu sein glaubte. Da der Kerl einen pöbelhaften Lärm im Hause anstimmte, den Director vor seinen Schülern beschimpfte und mit Gewalt drohte, so bekam ich den Wink, ihn zur Thür hinauszuschaffen. Dies ging nun durchaus nicht friedlich ab; er schlug nach mir, und es blieb mir nichts Anderes übrig, als ihn wie ein Wickelkind zwischen steif ausgestreckten Armen in die Höhe zu heben und jenseit der Grenzen des Grundstücks wieder niederzusetzen. Da ihm dabei die Rippen im Leibe ein klein wenig geknackt haben mochten, warf er nunmehr mit Steinen nach mir und den Fensterscheiben des Hauses, und ich konnte weiteres Unheil nur dadurch verhüten, daß ich ihn packte, unter die benachbarte Pumpe trug und dort solange einwässerte, bis er sich auf’s Bitten legte und mir Urfehde schwor. Ob er mir freilich späterhin für meine praktische Unterweisung in der Reinlichkeit und Sanftmuth Dank gewußt hat, daran erlaube ich mir zu zweifeln.

Ein anderes Mal mußte ich einem der größeren Schulknaben einen ähnlichen Dienst erweisen. Diese hatten alle den größten Respect vor mir, weil sie den Vorfall mit dem Sohne der grünen [472] Insel mit angesehen hatten. Es war an der gemeinsamen Mittagstafel, an welcher auch die Schülerinnen und Lehrerinnen theilnahmen; der Junge, ein überaus frecher Bengel von etwa fünfzehn Jahren, hatte ein ungenießbares Stück Beefsteak bekommen, welches er, zum Ergötzen der Schüler auf der Gabel hoch emporhielt, indem er dazu an dieselben eine aufrührerische Rede losließ, als ich, weil er auf alle Ermahnungen des Directors und der Lehrer zur Ruhe nicht stillschwieg, zur Execution herzugeholt wurde. Er entwickelte eine hinreißende Beredsamkeit. Er erinnerte seine Cameraden an alle die ledernen Roastbeefs, die halbverbrannten Muttonchops (Schöpsenfleisch-Schnitte), die verdächtig duftenden Stücken Suppenfleisch, die versalzenen Gemüse, die faulen Kartoffeln, an all’ das unausgebackene Brod und an den homöopathisch-verwässerten Kaffee, deren Verdauung man ihren unschuldigen, noch unverdorbenen Mägen zumuthe, und schloß jeden Satz mit dem Ausruf: ceterum censeo Carthaginem esse delendam! auf gut Englisch: solch’ Futter gehört den Schweinen! – Es war eine Scene zum Malen, nicht zum Beschreiben. Durch den tobenden und jubelnden Aufruhr von mehr als hundert Jungen und Mädchen hindurch, welche offenbar alle mehr oder weniger mit dem Redner sympathisirten, kreischten die Lehrerinnen, brüllten die Lehrer, ächzte der hülf- und rathlose Director, welcher vergebens zu Worte zu kommen suchte, während die Frau Directorin in Ohnmacht lag. Ich selbst mußte mir die Verwirrung eine Weile mit ansehen, ehe ich mir klar wurde, was hier zu thun sei. Wäre ich mit Gewalt eingeschritten, so hätte mir’s der Director am Ende selbst schlechten Dank gewußt, weil dadurch seine Anstalt zu Grunde gehen konnte. Ich bahnte mir also einen Weg bis gegenüber dem verwegnen Redner und sah ihn eine halbe Minute lang mit vernichtenden Blicken an. Das allein hatte schon genügt, Todtenstille herzustellen. Jetzt öffnete ich die Schleußen meiner Beredsamkeit. Es war das erste Mal, daß ich zusammenhängend Englisch zu reden versuchte; aber der große Moment verlieh mir, wie den Aposteln beim Pfingstfeste, Sprachengabe.

‚Was glaubst du wohl, mein Sohn,‘ rief ich mit einer dröhnenden Donnerstimme, vor welcher Alt und Jung erzitterte, ‚daß Plato in seiner Akademie gethan hätte, wenn ihm solch’ ein Bürschchen wie du die Zucht der Anstalt gestört hätte? (Lange Pause.) Oder was würden wohl die alten Lakedämonier gethan haben, wenn solch’ ein halbwüchsiger Junge laut erklärt hätte, daß die schwarze Suppe vor die Schweine gehöre? (Noch längere Pause.) Oder was für eine Strafe würde wohl der alte sittenstrenge Cato dem Römerjüngling verordnet haben, der seinem Schulmeister den Gehorsam aufgekündigt und seine Mitschüler zum Aufruhr gegen die Schulgesetze verleitet hätte? (Sehr lange Pause.) Die Antwort überlasse ich euch Allen selber. Jetzt aber verschwinde in weniger als keiner Zeit! Fort zur einsamen Haft auf dein Zimmer, bis dein Lehrer dich wieder herausläßt! Fort!‘

Das wirkte zauberhaft. Die Schüler hatten indeß alle schon wieder ihre Plätze eingenommen; der Sünder wankte lautlos der Thüre zu, und der Director hatte Sprache und Zuversicht wiedergewonnen. Ich selbst entfernte mich mit großen Schritten, um dem Director ausschließlich die Zügel der Ordnung zu überlassen, und wiederholte auf meinem Zimmer die gehaltene Rede leise mehrere Male, um mich zu vergewissern, daß ich auch mustergültiges Englisch gesprochen habe. Das mußte auch der Fall gewesen sein, da auch der Director es mir versicherte, welcher bald darauf zu mir kam. Er war mit mir so zufrieden, daß er mir eine Stellung als Lehrer der classischen Sprachen an seiner Anstalt bot bei doppeltem Ushergehalte.

Wer war froher als ich, einen passenden Wirkungskreis gefunden zu haben? Keine Stellung ist so sehr wie die eines Lehrers geeignet, rasch die Landessprache gründlich zu erlernen, keine auch giebt mehr Gelegenheit, vortheilhafte Bekanntschaften zu erwerben und mit der Wissenschaft im Zusammenhang zu bleiben. Aus diesen Gründen blieb ich an dieser Anstalt mehrere Jahre, während deren ich nur Kenntnisse und Geld genug einsammelte, die ich später gut verwerthen konnte. Ich brauche aus diesem Abschnitte meiner Lebensgeschichte blos noch das Eine zu erwähnen daß ich fleißig, theils aus Büchern, theils bei sachverständigen Lehrern Physik und Chemie studirte und deshalb den Unterricht in diesen Wissenschaften an der Anstalt überkam. Auch die Mädchen mußten daran theilnehmen. Es waren das halb- und ganz erwachsene hübsche Dinger von dreizehn bis siebzehn Jahren, von denen aber keine einen lebhafteren Antheil an diesem Unterrichte nahm. Wenn ich ihnen Quecksilber auf einen Teller ausgoß und die Kügelchen hin- und herrollen ließ, um ihnen die Natur des Metalles durch eigene Anschauung kennen zu lehren, da riefen sie wohl: ‚ach, wie hübsch! – gerade wie ein Haschemannsspiel!‘ – Wenn ich ihnen die Natronflamme und ihr Spectrum mittels verbrennenden Kochsalzes zeigte, da meinte Jenny, solch’ eine Farbe liebe sie für ihren Strohhut, und Lisbeth hätte lieber ein seidenes Kleid von dieser Couleur gehabt. Wenn ich Kaliumkügelchen auf Wasser warf und sie tanzten darauf unter Selbstentzündung, so meinte Ellen: es gehe ihr beim Tanzen ebenso, sie würde warm, besonders wenn der Tänzer ein hübscher Junge wäre; aber bis zum Feuerfangen hätte sie’s doch noch nicht gebracht. Wenn ich dann wiederholte und das Atomgewicht des Quecksilbers und seine verschiedenen Mischungsverhältnisse wissen wollte, oder die Zusammensetzung des Kochsalzes, oder die häufigst vorkommenden Kalium-Verbindungen, da fing bald die Eine, bald die Andere verstohlen an zu gähnen, oder zum Fenster hinauszusehen, oder sonst Allotria zu treiben, und Juliet, eine überreife starke Brünette, rief einmal ganz naiv aus: ‚Aber, Herr Professor, warum fragen Sie uns das Alles? Sie wissen das ja doch selber viel besser als wir unwissenden Dinger.‘ Und sie sagte es obendrein in einem so gutmüthig neckischen Tone, daß man ihr nicht gram werden und sie strafen konnte. Nun können Sie denken, wieviel diese Mädchen ungefähr Fortschritte in der edlen Naturwissenschaft gemacht haben mögen. Nur Eine war darunter – eine echte Yankeein, nicht schön, aber fesselnd durch sittiges und sinniges Wesen und ein seelenvolles, gescheidtes Auge – die paßte auf, als wenn die ewige Seligkeit davon abhinge. Die lernte wunderbar. Sie war auch ausgezeichnet im Lateinischen und Griechischen, in Geschichte und Geographie, kurz in Allem, was ich zu lehren hatte. Die Eine war schuld, daß ich mich als Lehrer dieser Mädchenclasse ganz außerordentlich anstrengte und wirklich Ansehnliches leistete, so daß der Director meinem Gehalte fort und fort zulegte, wenn ich nur die entfernte Möglichkeit meines Weggehens durchblicken ließ. Larifari! Ich wäre von ihm nie weggegangen, solange Harriet dablieb. Und – merkwürdig – auch Harriet schien gar nicht an’s Abgehen denken zu wollen, obschon ihre akademische Laufbahn beendet war und sie den obersten Cursus unnöthigerweise ein zweites Mal mit durchmachte.

Das öffnete mir die bis dahin blöden Augen, und ich faßte mir ein Herz und redete die Augensprache mit ihr. Und als sie auch darin so sehr als Meisterin sich erwies, daß ich zuletzt immer verstummen, d. h. meine Augen vor den ihrigen niederschlagen mußte, wenn diese in vollem Glanze auf mir ruhten, da ging mir die jubelnde Gewißheit auf, daß dies eine Lebensgefährtin für mich werden könnte und müßte – und heute ist sie’s; sie ist es geworden nach jahrelanger Trennung und seltsamen Schicksalen beiderseits. Sie ist ihrem damals mir gegebenen Gelübde treugeblieben trotz der heftigen Widerrede ihres Vaters, der in mir zugleich den Fremdgebornen, den Unkirchlichen, den Revolutionär und den Sclavereifeind haßte. Sie ist mein treues Weib geworden, trotzdem daß ihr Vater sie enterbte und mein damaliges Loos nichts weniger als glänzend war. Denn meine Farmerlaufbahn im nördlichen Missouri war besonders während des Unionskriegs eine höchst dornenvolle. Bald nach dem Anfange dieses Krieges verbrannten mir meine Rebellennachbarn Haus und Hof über dem Kopfe, eben als ich soweit eingerichtet war, daß ich meine Braut heimführen zu können glaubte. Ich baute mir sofort eine neue Blockhütte, als ich von dem gegen die Buschklepper unternommenen Rachezuge siegreich zurückgekehrt war, und fragte dann brieflich bei ihr an, ob sie nicht lieber mit dem Kommen warten wollte, bis ich besser eingerichtet, und die Zeiten ruhiger geworden wären. Sie kam statt aller Antwort selber, um meine Gefahren und schweren Arbeiten beim Wiedereinrichten meiner ganz verwüsteten Farm zu theilen. ‚Wenn Du,‘ sagte sie zu mir, ‚für unser gemeinsames Vaterland kämpfst und duldest, so steht es mir, einer Eingebornen, schlecht an, hinter Dir zurückzubleiben.‘ Dann diente ich drei Jahre in der Miliz und konnte in dieser ganzen Zeit nur drei oder vier Male auf Urlaub bei ihr sein. Indessen verwaltete sie meine Farm mit Hülfe zweier flüchtiggewordener Negersclaven, ja, sie bewährte bei mehreren Lebensgefahren, wie die steten Glückwechsel dieses Hinterwaldkrieges sie mit sich brachten, eine wunderbare Geistesgegenwart und Entschlossenheit. Einst [473] wurde sie, als sie mit ihrem Säugling mutterseelenallein auf der Farm war, von einer kleinen Buschklepperbande überfallen, die von meiner Abwesenheit vom Hause Wind haben mochten. Da sie wußte, wie sehr mein Name bei allem Gesindel der Umgegend gefürchtet war, so rief sie mit vollkommenster Zuversichtlichkeit rasch und laut in’s Haus hinein: ‚Captain Werner, komm, rasch mit Deiner Büchse, es sind Buschklepper da!‘ – Und das kühne Stückchen gelang – die Burschen verschwanden wie Spreu vor dem Winde.“

Hier wurde der Erzähler von allgemeinem Beifall unterbrochen, und Einer knüpfte an die Aussprache seiner vollen Bewunderung für eine solche Hausfrau die schelmische Frage: „Was hat es denn nun aber dem guten Weibchen genutzt, daß sie Physik und Chemie so eifrig studirt hat?“

„Ei,“ versetzte der glückliche Gatte mit vieler Wärme, „kochen hat sie gelernt, wie keine andere Angloamerikanerin. Die Chemie der Küche und die Physik der Wirthschaft hat sie anwenden gelernt. Und von der Gährungschemie versteht sie soviel wie ich, so daß ich meine ausgedehnten Weinkeller wochenlang unter ihrer alleinigen Obhut lassen kann. Und dann ist es in der Wildniß des fernen Westens ein unschätzbarer Gewinn, an seiner Seite ein treues Weib zu haben, das alle unsere Gedanken versteht und würdigt, mit dem wir jede Regung des Geistes austauschen können und das ein Verständniß für unser ganzes Innere hat.“

Der Erzähler wurde beglückwünscht und beklatscht, und ein Anderer hatte die Unterhaltung fortzusetzen.




Das October-Jubiläum auf der Wartburg.
Von Robert Keil.


Der Zug unserer Zeit ist der nationale. Gilt dies von den Völkern der Gegenwart überhaupt, so gilt es insbesondere und vor Allem von dem deutschen Volke. Jung und alt, arm und reich, hoch und niedrig, – Alle streben und ringen, bewußt oder unbewußt, nach dem einen hohen heiligen Ziele: nach einer wahren freiheitlichen Einigung des gesammten deutschen Vaterlandes. Mögen auch die Hoffnungen der Patrioten von Neuem vielfach getäuscht und vor endlicher Erreichung des Ziels mannigfache Hindernisse, welche der eitelste Egoismus und der engherzigste Particularismus wieder und wieder in den Weg legen, zu überwinden sein, immer und allezeit haben wir doch mit wärmstem Dankgefühle der Männer zu gedenken, die jene hohen Ideen zuerst erfaßt und in jugendlich-feuriger Begeisterung durch ihr erstes deutsches Nationalfest da droben auf der Wartburg den ersten gewaltigen Anstoß zur Verbreitung und Befestigung des deutschen Einheitsgedankens in allen deutschen Stämmen und Ständen gegeben haben.

In der That, das berühmte oder berüchtigte Fest, welches in den Octobertagen des Jahres 1817 die deutschen Studenten auf der Wartburg begingen und das demnach im kommenden October seinen fünfzigsten Jahrestag feiert, war das erste wahre deutsche Nationalfest. Hören wir, was uns nach fünfzig Jahren einer der Theilnehmer des Festes, der um die Sache der Humanität und Freiheit so hochverdiente schweizerische Präsident Karl Völker (auf Schloß Herbrugg im Canton St. Gallen, gebürtig aus Eisenach), über die Entstehung des Festes aus dem reichen Schatze seiner Erinnerungen mittheilt. Es bedarf übrigens kaum der besondern Bemerkung, wie bedeutsame Streiflichter von dieser Ideenentwickelung der Jahre 1815 und 1817 zugleich auf die politische Lage der Gegenwart fallen.

„Unter Napoleon’s Herrschaft,“ schreibt er mir, „war nicht nur die Unabhängigkeit fast aller Staaten Europas, sondern auch die innere Freiheit Frankreichs vernichtet worden, und hier wie dort regte sich Unwille: dort, weil die von ihm gemachten Eroberungen dem französischen Volk keinen Ersatz für die verlorene Freiheit gewährten, hier, weil man trotz der eigentlich besseren Staatseinrichtungen doch den Druck der Fremdherrschaft und die Schmach der verlorenen Selbstständigkeit zu stark fühlte. England, von Anfang an der erbittertste Feind Napoleon’s, unterstützte den spanischen Aufstand, und als der Zug gegen Rußland durch Moskau’s Brand fehlschlug und Preußen sich erhob, da wurde auch dieses mit Rath, Geld, und Macht unterstützt. Der Tugendbund, namentlich aber auch ein Jahn, Arndt, Fichte, Luden, Fries und andere Erzieher und Lehrer hatten die deutsche Jugend zu einem Kampf für die Zerstörung der Fremdherrschaft begeistert, zugleich aber waren auch die Schriften eines Voltaire, Helvetius und Rousseau, welche die französische Revolution vorbereitet hatten, mit ihren Ideen von Menschenrechten unter die deutsche studirende Jugend gedrungen, und Amerika’s Beispiel, das Studium der englischen Verfassung und Schiller’sWilhelm Tell“ hatten Gedanken und Verlangen erweckt, welche Befriedigung anstrebten. Darum hoffte man auch mit der äußern Befreiung die innere zu erlangen und um nicht stets der Gefahr der Unterjochung durch eine fremde Nation ausgesetzt zu sein, sondern als eine starke unangreifbare Macht dazustehen, ersehnte man ein alle deutschen Staaten und Stäätchen fest umschließendes politisches Band, das man sich in einem deutschen Kaiser idealisirte. Die deutschen Fürsten durften daher nur mit Inaussichtstellung der Gewährung jener Verlangen das deutsche Volk zu Ergreifung der Waffen, zu Befreiung des Vaterlandes auffordern. So geschah es denn auch, und nach den großen Opfern, welche das deutsche Volk an Geld und Blut zur Vertreibung der fremden Dränger gebracht, nach den mörderischen Schlachten, an denen auch die begeisterte studirende Jugend theilgenommen hatte, nach der Transportation Napoleon’s und der Wiederherstellung des Throns der Bourbonen versammelten sich die Bevollmächtigten und Vertreter der verschiedenen Staaten zum Congreß in Wien.

Das deutsche Volk harrte mit Sehnsucht auf dessen Beschlüsse, die seine künftigen Zustände entscheiden sollten. Aber von Monat zu Monat verzögerte sich zuerst die Versammlung und als sie endlich im October beisammen war, ging Alles so geheimnißvoll und doch resultatlos zu, daß die gehegten Hoffnungen in bittere Gleichgültigkeit umschlugen; namentlich wurden die Unterhandlungen über die deutsche Verfassung nach einem fruchtlosen Versuch gänzlich unterbrochen und dafür das Volk durch die Zeitungen mit den endlosen Festen regalirt, die der gastliche Wiener Wirth seinen Gästen täglich zum Besten gab, während seine fünfzigtausend Invaliden, die den Sieg mit errungen hatten, darben mußten und der kurz vorher erfolgte Staatsbankerott eine große Zahl von Unterthanen in Noth und Armuth gestürzt hatte. Metternich, der Präsident des Congresses, machte sich zum Förderer der Begehren Englands und Rußlands und zum Werkzeug der Ränke eines Talleyrand und Montgelas. Wie geheim aber auch Alles zuging, so gab es doch horchende Mäuschen, welche mit den Unterhandlungen hinausschlüpften. Von vaterländischer Gesinnung zeigte sich unter den Vertretern der deutschen Höfe kaum eine Spur mehr; jeder Fürst und jedes Fürstlein dachte nur an seine Vergrößerung oder an seine Selbsterhaltung, und von Aufgeben von Souveränetätsrechten und Unterordnen unter ein gemeinsames deutsches Oberhaupt war nun gar keine Rede mehr. Ja, so weit ging die Schmach, daß der intriguante und nach allen Seiten Lug und Trug spielende Metternich (den man damals nur Mitternacht nannte) an einem Kriegsbündniß zwischen Oesterreich, Baiern und Frankreich gegenüber Preußen und den norddeutschen Staaten arbeitete. – Nun war im Jahr 1815, besonders von dem Theil der Studirenden, welche den Befreiungskrieg (viele unter Lützow) mitgemacht hatten, die Jenaische Burschenschaft gegründet worden. Der nächste Zweck derselben war kein anderer, als der schon früher von Fichte und Jahn angestrebte, nämlich der Zerrissenheit Deutschlands, die sich auch auf den Universitäten durch die Landsmannschaften und ihre ewigen Händel und Feindschaften kundgab, sowie auch dem wüsten Treiben auf den Universitäten entgegen zu arbeiten. Man hoffte auf diese Weise nicht nur ein besonneneres Leben und Streben unter der Jugend zu wecken, sondern auch das Gefühl der deutschen Zusammengehörigkeit fest zu gründen, in der Hoffnung, [474] daß es im späteren Berufsleben nachhaltig wirken werde. Als nun aber das schändliche Treiben in Wien offenkundig wurde, da nahm auch die Jenaische Burschenschaft, wie schon in Gießen und Berlin der Fall gewesen war, einen mehr politischen Charakter an. Man begann sich laut über all’ die Treulosigkeit der Diplomatie auszusprechen, und es war kein Wunder, wenn unter der früher so begeisterten und nun so getäuschten Jugend ein vergrimmter Ernst Platz griff und der Entschluß immer entschiedener wurde, für die Einheit Deutschlands und für verfassungsmäßige bürgerliche Freiheit dann einzustehen, wenn die Einzelnen in das praktische Leben treten würden. Aber um dies Ziel zu erreichen, war die Burschenschaft in Jena allein nicht ausreichend; diese Vereinigung mußte auf allen deutschen Hochschulen in gleichem Sinne und Geist eingeführt werden. So entstand unter den Jenensern die Idee einer allgemeinen deutschen Burschenschaft, und um sich allseitig zu verständigen, wurde das Wartburgfest ausgeschrieben. Es sollte ein dreifaches Fest gefeiert werden: das Jubiläum der Reformation als der Befreiung aus geistiger Knechtschaft, der Sieg in der Leipziger Schlacht als der Befreiungsmoment von der Fremdherrschaft und endlich die Gründung einer allgemeinen deutschen Burschenschaft.“

Soweit der greise Burschenschafter mit dem treuen, jugendlichen Herzen.

Die Studirenden Hans Ferdinand Maßmann, Candidat der Theologie aus Berlin, und Karl Hoffmann aus Rödelheim bei Frankfurt a. M. waren es, welche, als sie sich im Herbste 1816 in der Nähe Rödelheims, der Eine um nach Jena, der Andere um nach Gießen zurückzukehren, trennten, zunächst in Erinnerung des auf das nächste Jahr fallenden Reformationsfestes den Grundgedanken des Wartburgfestes zuerst faßten und in Jena und Gießen anzuregen sich das Wort gaben. Hier in Jena, der kleinen Stadt, welche Böckh bei Begrüßung der Universität an deren Jubiläum im Namen aller Universitäten so treffend „eine Metropole der tieferen und höheren Erkenntniß und Wissenschaft, eine Weltstadt“ genannt hat, in Jena, wo von jeher und vollends unter Karl August und Goethe der Geist die freieste Bewegung hatte und die Burschenschaft in Begeisterung für die heilige nationale Einheitsidee bereits entstanden war, fand jener Festgedanke, welchen Maßmann, als er Ostern 1817 nach Berlin zurückkehrte, in Jena hinterlassen und sein Landsmann Eduard Dürre besonders lebendig erhalten hatte, lebhaften Anklang. Von hier aus erließ unterm 11. August 1817 Robert Wesselhöft im Namen der Burschenschaft die Einladung an die andern Hochschulen, um das Fest „in drei schönen Beziehungen, nämlich der Reformation, des Sieges bei Leipzig und der ersten freudigen und freundschaftlichen Zusammenkunft deutscher Burschen von den meisten vaterländischen Hochschulen, am dritten großen Jubiläum der Reformation zu begehen“. Trotz allen Verdächtigungen, die ihm von außen her über beabsichtigte Umtriebe in der deutschen Jugend- und Burschenwelt zugetragen wurden, ertheilte der wahrhaft patriotisch gesinnte Fürst Weimars zum Fest die Erlaubniß, veranlaßte selbst die gastliche Aufnahme der Studirenden in den Eisenacher Bürgerhäusern, übergab ihnen die Wartburg, ließ zum dortigen Mahl die Fischteiche öffnen und sorgte für die Illumination der Wartburg und für das Holz zum Siegesfeuer.

Es war am Morgen des 18. Oct. 1817, als die aus Berlin, Erlangen, Gießen, Göttingen, Heidelberg, Jena, Kiel, Leipzig, Marburg, Rostock, Tübingen und Würzburg erschienenen Festtheilnehmer, gegen fünfhundert an Zahl, in feierlichem Zuge zur Wartburg hinaufzogen. Es war ein frischer, klarer Herbstmorgen. Die Festmusik erklang, die Glocken tönten dazwischen. Scheidler, der Jenaer Burschenschafter, der zum Burgvoigt und Oberanführer des Ganzen gewählt worden, schritt mit entblößtem Jenaischem Burschenschwert voran; Lauteren von Heidelberg, Binzer von Kiel, Lynstedt von Leipzig und Sartorius von Gießen folgten ihm als Burgmannen. Eduard Graf v. Keller aus Jena trug die jenaische schwarz-roth-goldene Burschenfahne, der sich alle willig untergeordnet hatten; ihn umgaben Aegidi von Berlin, Karl Ludwig Sand von Erlangen, Heinrich von Marburg und Crome von Göttingen als gewählte Fahnenbegleiter mit Burschenschwertern. Ihnen folgten die Studenten Jahn und Bauer von Berlin, Schneider und Ebermayer von Erlangen, Buri und Kümmel von Gießen, Krüger und Bortning von Göttingen, Carové und Kohl von Heidelberg, Riemann und Siewerssen von Jena, Förster und Olshausen von Kiel, Hoffmann und Trenner von Leipzig, Sallmann und Claus von Marburg und Michelsen, Wokrow und Johnsen von Rostock als die übrigen Mitglieder des Festausschusses, dann die übrigen Studenten, meist in schwarzem deutschen Rock, die Mützen mit Eichenlaub geschmückt, das ihnen Maßmann vorauseilend von den Eichen gebrochen hatte.

So zogen die frischen, blühenden Jünglinge ernst und feierlich in die alte Wartburg und in den mit Laubgewinden gezierten Rittersaal ein. Dort hatten sich bereits vier jenaische Professoren eingefunden: Schweitzer, der Redacteur der weimarischen und sonach ersten Verfassung in Deutschland und nachheriger Minister des Großherzogthums, Kieser, der, schon Professor, den Befreiungskrieg als freiwilliger Jäger mit durchgekämpft hatte, der nachherige Historiograph des Wartburgfestes, Oken, der geistvolle Naturforscher und Patriot, welcher, wie sein großer College Luden, „ein Vaterland, innerlich stark, mit den nöthigen Bürgschaften der Sicherheit nach außen und einer vernünftigen, gesetzlich geordneten Freiheit im Innern“ erstrebte, endlich der Philosoph Fries, der die studirenden Jünglinge zum Bündniß angeregt hatte, „daß im Geiste eins und einig werde das deutsche Vaterland, daß es im regen Gemeingeist gedeihe zum öffentlichen Leben.“ Sie Alle erblickten in dem Feste den Keim eines großen, fruchtreichen Baumes. Dort, im Rittersaal war es, wo H. Riemann (aus Ratzeburg), der als Lützower in tobender Schlacht sich das eiserne Kreuz erworben hatte, in kräftig wackerer Rede die Reformation als die Wiedergeburt des freien Gedankens und das Gedächtniß der Leipziger Schlacht als die Errettung des Vaterlandes aus schmählichem Sclavenjoche feierte, der treulos getäuschten Hoffnungen des deutschen Volkes gedachte und begeistert ausrief: „In den Zeiten der Noth haben wir Gottes Willen erkannt und sind ihm gefolgt. An dem, was wir erkannt haben, wollen wir aber auch nun halten, so lange ein Tropfen Bluts in unsern Adern rinnt: der Geist, der uns hier zusammengeführt, der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, soll uns leiten durch unser ganzes Leben, daß wir, alle Brüder, alle Söhne eines und desselben Vaterlandes, eine eherne Mauer bilden gegen jegliche äußere und innere Feinde dieses Vaterlandes, daß uns in offener Schlacht der brüllende Tod nicht schrecken soll, den heißesten Kampf zu bestehen, wenn der Eroberer droht; daß uns nicht blenden soll der Glanz des Herrscherthrons, zu reden das starke, freie Wort, wenn es Wahrheit und Recht gilt; – daß nimmer in uns erlösche das Streben nach Erkenntniß der Wahrheit, das Streben nach jeglicher menschlichen und vaterländischen Tugend! Mit solchen Grundsätzen wollen wir einst zurücktreten in’s bürgerliche Leben, fest und unverrückt vor den Augen als Ziel das Gemeinwohl, tief und unvertilgbar im Herzen die Liebe zum einigen deutschen Vaterlande!

Alle Anwesende waren tief ergriffen, den Jünglingen, selbst den Männern, traten Thränen in die Augen und in der Stille der eigenen Brust wurden heilige Schwüre für das ganze Leben geleistet. Eine kurze warme Ansprache von Hofrath Fries und der kirchliche Segen, welchen E. Dürre, vom Augenblick hingerissen, aussprach, schloß diesen erhebenden Theil der Feier.

Damit waren die Ideen des Festes klar ausgesprochen, sie bildeten bei dem nachherigen fröhlichen Zusammensein auf dem Burghof das Thema der Gespräche der einzelnen Gruppen, und lustig erscholl hier das so äußerst bezeichnende Festlied des Dr. Friedrich Förster in Berlin:

Frisch auf! frisch auf zur Burschenfahrt,
Ihr Jungen und ihr Alten!
Wir wollen hier nach unsrer Art
Den großen Festtag halten.

5
Heut ist des Doctor Luther’s Tag,

Zuerst ein Jeder singen mag:
„Hoch lebe Doctor Luther!“

Zum zweiten leb’ im deutschen Land
Jetzt und zu allen Zeiten

10
Ein jeder wackre Protestant,

Der nimmer scheut zu streiten.
Dreht uns der Papst die Nase nicht,
So giebt’s noch manchen Lumpenwicht,
Den wir darniederschlagen.

15
Das dritte Hoch! wir rufen’s frei

Dir, Herzog, hier zu Lande,
Der Du Dein Wort gelöset treu,

[475]

Wie Du es gabst zum Pfande.
Verfassung heißt das Eine Wort,

20
Des Volkes und des Thrones Hort!

„Herzog August soll leben!“

Nun sei ein Lebehoch gebracht
Den Lebenden und Todten,
Die mit Gesang und Schwert zur Schlacht

25
Einst Deutschland aufgeboten.

Schill, Blücher, Oels und Gneisenau,
Arndt, Körner, Jahn – wer kann genau
Die Heldennamen zählen?

Auch hat auf diesem alten Thurm

30
Manch flotter Bursch gesessen,

Weil gegen den Magnificum
Er sich zu hoch vermessen.
War’s aber ein fideles Haus,
Und zog er für die Freiheit aus,

35
So sei ihm Hoch gerufen!


Zuletzt nun rufet Pereat
Den schuft’gen Schmalzgesellen
Und dreimal Pere – Pereat
So fahren sie zur Höllen!

40
Auf! auf! mein deutsches Vaterland,

Ihr Brüder, reichet euch die Hand
Und schwört: „so woll’n wir’s halten!“

Es folgten das Festmahl im Minnesängersaal mit edlen, patriotischen Toasten auf das Andenken Luther’s, auf den Großherzog von Weimar, auf die Sieger bei Leipzig, auf alle deutschen Hochschulen und ihre Bursche, auf „die versammelte deutsche Burschenschaft und den edeln Geist, der sie vereinigt hat“ etc., dann der Festgottesdienst in der Stadtkirche und fröhliche Turnspiele auf dem Markte Eisenachs. Inzwischen wurden die Siegesfeuer vorbereitet.


Der Wartburg gegenüber, etwa eine halbe Stunde von der Stadt Eisenach entfernt, liegt der Wartenberg, gewöhnlich Wadenberg genannt, vielleicht der schönste Aussichtspunkt der ganzen romantischen Umgegend. Unter sich erblickt man die freundliche Stadt, darüber die in mittelalterlicher Schöne wieder erstehende Burg und weithin die Kette des Thüringer Waldes mit dem ragenden Inselsberg. Dort loderten am Abend des 18. October 1817 achtzehn Feuer und dahin wallten die Studenten in langem Fackelzuge, unter Begleitung der Musik. Am hochflammenden Feuer sprach hier Rödiger von Jena (gebürtig von Worms) seine begeisterte Rede voll glühender Vaterlandsliebe. „In der Noth,“ rief er unter Anderm, von den Fackeln umgeben, der Versammlung zu, „in der Noth versprach man uns, ein Vaterland zu geben, ein einiges Vaterland der Gerechtigkeit, aber der theuer erkaufte Bundestag ist noch nicht angebrochen, und fast will es scheinen, als sei das Volk glühend erwacht, die Herrlichen gefallen, damit hochmüthige Ideelosigkeit ein Freudenmahl halte von dem letzten Bissen des Landes und näher in seinem Herzen hafte der Stachel launiger Gewaltthätigkeit und der Dolch tückischer Erbärmlichkeit für jetzt und die Zukunft, als verstehe sich das von selbst. Nur ein Fürst hat fürstlich sein Wort gelöst, allen andern ein Vorbild, allen Deutschen ein wahrhaft deutscher Mann; derselbe, dessen Ahnen immer voran waren, wo es galt, das Heldenschwert zu ziehen für die Reinigkeit des Glaubens und die Gerechtigkeit, und die dem großen Luther hier eine Zuflucht öffneten, von wo aus er deutsch den Deutschen das Wort predigte und ergründete das Licht der weltdurchflammenden Wahrheit. Unter seinem Schutze sind auch wir zusammengetreten, um auf dem freiesten deutschen Boden ein freies deutsches Wort zu wechseln. Mögen ihm die andern nachkommen und bald! Denn Eins hat das deutsche Volk gewonnen, die Kraft des Selbstvertrauens – es will sich nicht wiederum wiegen lassen in den ehrlosen Schlaf, es kann nicht vergessen seine Schmach und sein jauchzendes brüderliches Erwachen zum Kampf für seinen Gott und seine Gerechtigkeit!“ – –

Der Festausschuß hatte bestimmt, daß an den Feuern reden solle, wer sich dazu getrieben fühle, der heftige Wind hielt aber mehrere dazu Vorbereitete ab. Nachdem noch einige Burschenlieder gesungen worden und damit die Reihe der vorher beschlossenen Feierlichkeiten beendigt war, zerstreute sich die Burschenversammlung an die auf dem Wartenberg vertheilten Feuer; man unterhielt sich mit dem dort gleichfalls vereinigten Landsturme beim fröhlich kreisenden Becher, und die Meisten kehrten zur Stadt zurück. Da erschienen plötzlich an dem am meisten lodernden Holzstoß, wo Rödiger gesprochen hatte, einige Bursche, der eine mit einer Heugabel, ein anderer mit einem großen Korbe voll Bücher, ein Dritter mit großen schwarzen Zetteln, auf welchen mit fernscheinenden Buchstaben die Namen solcher Männer zu lesen waren, die bei allen Vaterlandsfreunden durch ihre Schriften Verachtung und Entrüstung erregt hatten. Maßmann war es und seine Freunde – Maßmann, der die von ihm, Wilhelm Wesselhöft, Heinrich Leo u. A.[2] vorbereitete Kundgebung gegen Alles, was der Achtung des Vaterlandes, was deutscher Selbstständigkeit und Einheit zuwider war, jetzt zur Ausführung bringen wollte.

Mit seinen Vertrauten hatte er bei Buchhändler Bärecke in Eisenach mehrere Ries Maculatur (Ritterromane, alte Predigten etc.) gekauft und daraus Pakete gebildet, welche die Originalwerke der zum Feuer verdammten Schriftsteller vorstellen sollten. Hier auf dem Wartenberg sollte das Flammengericht über die verfehmten Bücher gehalten werden. Die neue und unerwartete Erscheinung zog die Menge heran, und in dem dichten Kreis, welchen sie um die Opfernden bildete, erinnerte Maßmann in kurzer kerniger Rede an Luther’s Bullen-Verbrennung und fuhr fort: „So wollen auch wir durch die Flamme verzehren lassen das Andenken Derer, so das Vaterland geschändet haben durch ihre Rede und That und die Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben in Leben und Schriften. Darum soll’s geschehen, daß alle deutsche Welt wisse, weß sie dereinst von uns sich zu verhoffen habe. Wahrlich, wir hätten des Zeugs überlang zu brennen und brandmarken, auch anderer Völker Schriften, so die ganze Welt verdorben haben, wenn wir allen schlechten und bösen Machwerken ihr Recht und Gericht geschehen ließen. Aber diese Feuerbrände hier mögen als die Vertreter und Reigenführer der ganzen Sippschaft büßen! So tretet denn heran zu dem zehrenden Fegfeuer und schauet, wie Gericht gehalten wird über die Schandschriften des Vaterlandes. Möge das höllische Feuer sie alle verzehren und vernichten, wie arge Tücke oder die Jämmerlichkeit und Erbärmlichkeit sie eingab!“ Er las von einem großen Bogen die verdammten Schriften ab, bei jedem Namen zeigte ein anderer Vertrauter den Titel, der groß auf schwarzem Zettel (oder, um mit Maßmann zu reden, auf „einerseits nacht-, tod- und höllenschwarzes Papier“) geschrieben war, den Umstehenden zur Ansicht vor, die Eingeweihten riefen: „In’s Feuer!“ – Die Menge stimmte in den Ruf ein, Einzelne riefen dazwischen: „Wer kennt den Gesellen nicht und sein Geschmier?“ oder: „Fahre hin, du böser Feind und Widersacher der edeln Jugendfreiheit!“ „Der Kerl muß brühwarm gepfeffert und gesalzen werden!“ „Gänse-, Schwein- und Hundeschmalz, alles aber ohne Salz!“ „In’s Feuer mit den Wichten! In’s Feuer!“ und unter diesen Zurufen wurden von einem dritten Vertrauten Bücher (oder vielmehr die sie darstellenden Pakete) von Ancillon, von Cölle, Crome, Dabelow, von Haller, Janke, Kotzebue, von Kamptz, Schmalz, Werner und Andern mit der Heugabel in das Feuer geworfen, zuletzt auch zum Zeichen des lebhaften Widerwillens gegen den Gamaschendienst bei den Heeren noch ein Schnürleib, ein „Pracht-, Prahl- und Patentzopf“ und „ein großmächtiger Corporalstock“ verbrannt. Jubelnd erscholl von Allen noch die obige Strophe:

„Zuletzt nun rufet Pereat
Den schuft’gen Schmalzgesellen!“ etc.

Dann zogen die Burschen mit dem Landsturm zur Stadt zurück und schlossen mit einem begeisterten Hoch auf den Großherzog den festlichen Tag.

Nach dem Beschlusse des Festausschusses reihte sich, von dem Grundgedanken des Festes hervorgerufen, dem ersten Festtage am 19. October eine „freie Burschengemeinde“ auf der Wartburg an, worin die vaterländische, burschenschaftliche Reform des Studentenlebens berathen wurde. In gediegener, besonnener Rede geißelte Carové von Heidelberg das landsmannschaftliche Unwesen auf den deutschen Universitäten, widerlegte die falschen Vorstellungen

[476]
Die Gartenlaube (1867) b 476.jpg

Die vier Schwerthiebe auf dem Krönungshügel in Ofen.
Nach der Natur aufgenommen von J. W. Frey

[477] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [478] von Burschenehre und Burschenfreiheit, entwickelte die neue burschenschaftliche Idee und schloß mit den begeisterten Worten: „Erkoren haben wir eine neue Oriflamme: Volksehre und Freiheit! und geschlossen im Geiste und Herzen einen öffentlich-geheimen Bund zur Wiederherstellung und Erhöhung unserer wahren Würde. Denn treulich und wahrhaftig wollen wir dieses Fest damit gefeiert haben, daß wir nach geistiger Freiheit ringen, wie Luther, und nach Verdrängung des Unrechts, wie die Sieger zu Leipzig, und wie diese und jener wollen wir nicht nur für den selbsteignen Heerd und die selbsteigne Freiheit kämpfen und sterben, sondern gleich ihnen für alle unsere Brüder. Ja, alle soll nur Ein Band umschließen, das Band der Ehre und der Liebe; und nur wenn wir mit allen unsern besten Kräften an diesem Bande weben, nimmer, nimmer davon ablassen und auf Gott vertrauen, nur dann wird unser Werk gelingen, nur dann dürfen wir mit Stolz und ohne zu erröthen, einst wieder diesen Saal betreten und uns mit höherer Freude in’s Auge schauen und sagen: Wir haben den Geist unseres Volks verstanden und, was er damals von uns gefordert, soviel an uns war, erstrebt und vollbracht!“ Es war vor Allen noch Rödiger, der beim Mißton einzelner Gegenreden und gegenseitiger Anschuldigungen verschiedener älterer Verbindungen von einzelnen Hochschulen mit unnachahmlicher und unwiderstehlicher Beredsamkeit die Gemüther mit sich fortriß. Auf Scheidler’s besondere Mahnung versöhnten und vereinten sich die streitenden Parteien, und wie einst die Schweizer Männer auf dem Rütli umarmten sich in patriotischer Begeisterung die Jünglinge der verschiedensten Universitäten und Verbindungen auf der Wartburg mit Bruderhand und Bruderkuß. Diesen Bruderbund besiegelten noch die Meisten, vorzüglich auf Sand’s Drängen, in der Kirche zu Eisenach mit dem Genuß des Abendmahls. Dann kehrten die Festtheilnehmer vom gastlichen Eisenach nach ihren Hochschulen zurück, nicht zu Wagen, nicht mit dem modernen Dampfroß, – den Stab in der Hand, den Eichenzweig an der Mütze, das Ränzel auf dem Rücken, wanderten sie fröhlich heim, und die Burschenfahne wurde bei Sturm und Regen, über Berg und Thal, (von Eisenach bis Weimar in einem Tag!) von den Jenenser Studenten Stark aus Weimar und Tömlich aus Altenburg auf den Schultern nach Jena zurückgetragen. Konnte Tömlich damals ahnen, daß nach wenigen Jahren diese Burschenfahne als das verfolgte Symbol des Einheits- und Freiheitsgedankens sich in seinen, des nunmehr wohlbestallten Pfarrers geheimen Schutz und unter den Altar seiner Dorfkirche flüchten würde?

(Schluß folgt.)




Eine Krönung von Volkes Gnaden.

Der große Festtag zu Ofen-Pest, der achte Juni 1867, an welchem vor dem Hochaltare im Dom zu Ofen der Kaiser Oesterreichs sein Haupt beugte, um auf dasselbe die Königskrone der Ungarn setzen zu lassen, war keine gewöhnliche Königskrönung. Nicht nach dem gewohnten Verlauf menschlichen Geschicks und monarchischer Ordnung war hier ein Fürst in’s Grab und ist sein Erbe auf den Thron gestiegen: eine Revolution hatte den rechtmäßigen König bewogen, seine ungarische Krone zugleich mit der Oesterreichs niederzulegen, in blutigem Kampf stand die Nation seinem Nachfolger gegenüber, bewältigt durch fremde Hülfe lag sie am Boden, das Recht ihrer Selbstständigkeit war vernichtet vom Kriegsrecht. Und nicht eine neue Revolution, nicht das Schwert hat der ungarischen Nation wieder zum Sieg ihres Rechts verholfen, sondern das beharrliche Festhalten an ihrem Recht in gesetzmäßigem politischem Kampf; nicht Waffengewalt im Innern hat den Beherrscher Oesterreichs zur Anerkennung dieses Rechts gezwungen, sondern nach furchtbaren äußeren Schicksalsschlägen auf sein Reich die Einsicht und Ueberzeugung, daß nur die Wiederaufrichtung des ungarischen Königthums den Frieden mit dieser Nation und daß nur dieser Friede die Neuerkräftigung des österreichischen Staatswesens herbeiführe. Die Ungarn sahen am achten Juni in Ofen ihr zertrümmert gewesenes Königthum glorreich wieder aufrichten, und darum bedeutet diese große Feier in der That zugleich eine Königs- und Volkskrönung.

Neben dem englischen giebt es in Europa kein für die Monarchie und für seine Krone begeisterteres Volk, als die Ungarn, und zwar zeichnen sich hierin die letzteren noch ganz besonders dadurch aus, daß der alte Goldreif der sogenannten Stephanskrone selbst es ist, mit dem sie den Begriff der königlichen Legitimität unzertrennlich verbinden. Keine Krone der Welt hat eine solche Bedeutung. „Nur der ist König von Ungarn, welcher mit dieser Krone gekrönt ist,“ steht ausdrücklich in den Grundgesetzen des Krönungsdiploms; ja, Kaiser Joseph der Zweite wird von den Ungarn nicht in der Reihe ihrer legitimen Könige mit gezählt, weil der seltene Mann, in seiner Scheu vor öffentlichem Pomp, die formelle Krönung in Preßburg verabsäumt hatte. Denn auch am uralten Krönungsceremoniel halten die Ungarn unerbittlich fest und bewahren deshalb mit der Krone die sämmtlichen übrigen Reichskleinodien – Schwert, Reichsapfel, Scepter, Mantel, Schuhe und Strümpfe – in einem eisernen Kasten als Nationalheiligthümer in der Burg von Ofen unter der Wacht besonderer „Kronhüter“.

Dennoch, oder vielmehr gerade wegen der Wichtigkeit, welche die Ungarn ihrer Krone beilegen, indem sie in ihr das äußere Zeichen ihrer Selbstständigkeit erkennen, hat dieselbe eine so abenteuerreiche Vergangenheit, daß eine kurze Schilderung derselben den sicherlich nicht wenigen unserer Leser, welchen sie bis jetzt unbekannt geblieben, willkommen sein wird.

Die Krone der Ungarn besteht aus zwei Theilen. Als Stephan, der als erster christlicher König des Landes später Heiliggesprochene, sich krönen lassen wollte, ließ er den Papst Sylvester den Zweiten in Rom um eine Krone und den Titel eines apostolischen Königs bitten. Beides wurde ihm, und zwar mit Genehmigung des römischen Kaisers deutscher Nation, Otto’s des Dritten, im Jahre 1000 gewährt; die Krönung erfolgte am fünfzehnten August des folgenden Jahres. Diese Krone bestand aus einem Goldreif mit den Schilden und den zwei gekreuzten Bogen sammt dem Reichsapfel darauf. Unter Stephan’s Nachkommen brach Unfrieden im Königshause aus, so daß Salomon dreimal gekrönt werden mußte und endlich doch das Reich an den Herzog Geysa verlor. Diesem hatte der byzantinische Kaiser Michael Dukas einen reich mit Edelsteinen besetzten und einer griechischen Inschrift gezierten Goldreif geschenkt, welcher nun mit der alten Krone verbunden wurde, so daß die Ungarn sich eigentlich einer Doppelkrone erfreuen. Dieselbe hatte auf dreiundzwanzig gesalbten Häuptern des arpadischen Stammes geruht, als dieser 1301 ausstarb. Ungarns Unglückswort heißt „Königswahl“. Die Eifersucht der heimischen Geschlechter, nicht die Armuth des Volkes an eigenen tüchtigen Männern, ließ stets fremde Häupter für die Ungarnkrone vorziehen. Diesmal gewann den Vorzug der zwölfjährige Sohn des Böhmenkönigs Wenzel, Wenzel der Jüngere, gegen Karl Robert Anjou von Neapel. Schon nach drei Jahren sah Wenzel der Aeltere sich genöthigt, mit Heeresmacht nach Ofen zu ziehen und seinen Sohn sammt der Ungarnkrone mit gen Prag zu führen. Die Ungarn wählten nun den Herzog Otto von Baiern zum König, und diesem antwortete Wenzel gern die Krone aus.

Um das Reichskleinod glücklich durch das eifersüchtige Oesterreich zu bringen, verkleideten der Herzog und sein Knappe sich als Kaufleute und der Letztere trug die Krone in einem Fäßchen am Sattelknopf. Nach einem scharfen nächtlichen Ritt, als am Morgen Herzog Otto in der Gegend von Fischament, unterhalb Wien, über die Donau wollte, fanden sie den Sattelknopf leer, das Fäßchen war verloren. Da galt’s ein Reiten! Aber schon nach einer Stunde sahen sie den Schatz wieder, noch unberührt in seinem Fäßchen, an einem Sumpf liegen. Das Gefäß war zu klein für die Krone gewesen und darum hatte das Kreuz des Reichsapfels auf derselben ein wenig umgebogen werden müssen; auch dieses historische Wahrzeichen ist der Krone bewahrt worden, kein Ungarnkönig hat seitdem eine andere Krone getragen, als die mit dem schiefstehenden Kreuze, und als am achten Juni Franz Joseph das Schwert nach den vier Seiten der Welt auf dem Krönungshügel schwang, konnte jeder Ungar dort an dem schiefen Kreuze sich überzeugen, daß sein König die wahre ungarische Krone trage.

Um sein sinkendes Ansehen zu heben, warb Otto 1307 persönlich bei dem Woiwoden von Siebenbürgen, Ladislaus, um dessen Tochter. Wir erfahren nun, daß der König die Krone stets bei [479] sich trug – so sehr war sie es allein, die ihn zum König machte! – denn Ladislaus nahm ihn sammt der Krone fest und behielt letztere, als er jenen aus der Gefangenschaft entließ. Der Nachfolger desselben, der oben genannte Gegenkönig des jungen Wenzel, Karl Robert Anjou, hatte sich zwar einstweilen mit einer andern Krone, also unecht, krönen lassen, rief aber sein Heer gegen Siebenbürgen zusammen, worauf Ladislaus das Kleinod auslieferte und die Krönung mit der „heiligen Krone“ geschehen konnte. In der bald darauf hereinbrechenden Türkennoth wurde sie nach dem hohen Schlosse Vissegrad geflüchtet.

In noch größere Gefahr kam die Krone bei der nächsten „Königswahl“, nach dem Tode des edlen deutschen Kaisers und Ungarnkönigs Albrecht’s des Zweiten (1439). Er hinterließ seine Gattin Elisabeth gesegneten Leibes, und sie gebar 1440 einen Sohn. Während nun eine andere Partei Wladislaw von Polen zum König und zugleich zum zweiten Gatten der Elisabeth bestimmte, ließ diese durch ihre treue muthige Kammerfrau, die Kottanerin[WS 1] wird sie genannt, die Krone von Vissegrad heimlich wegbringen. Mitten im Winter, im Schlitten, ging die Fahrt über die Donau, die Krone war in die Kleider der Kammerfrau gehüllt. Da fiel der Schlitten um und das Eis brach. Nur mit knapper Noth wurden Frau und Krone gerettet. Elisabeth krönte mit ihr ihr Kind und verbarg sie in dessen Wiege.

Später kam die Stephanskrone als Pfandstück nach Wien und erst nach dem Siege des Matthias Corvinus über Kaiser Friedrich den Dritten, gemäß dem Friedensvertrage und allerdings gegen eine Abfindung von sechzigtausend Ducaten, nach Vissegrad, das nun durch Reichstagsbeschluß zu deren Verwahrungsort erhoben wurde, zurück. Um so wichtiger erwies sich fortan das hohe Amt der beiden „Kronhüter“. Denn Johann Zapolya nahm als solcher die Krone in Besitz und verlor sie durch seinen Collegen Perenyi, der sich ihrer bemächtigte, um sie an Kaiser Ferdinand den Ersten auszuliefern.

Nun begann ein neuer wunderbarer Schicksalswandel mit ihr. Perenyi blieb Kronhüter für Ferdinand, verlor aber die Krone auf einer Reise – er trug sie demnach auch da bei sich! – an die Rebellen, die sie Zapolya zurückgaben. Zapolya hatte indeß bei Sultan Soliman Schutz gesucht und dieser kam mit seinem Heer im Sommer 1529 über Ungarn gegen Ofen und Wien herangezogen. Auf dem Mohacser Felde, wo Zapolya mit seinen wenigen Truppen zu ihm stieß, zwang er ihn, Ungarns Reichsinsignien sammt der heiligen Stephanskrone ihm auszuliefern. Das hat den Fluch der Ungarn auf Zapolya’s Haupt geladen bis diesen Tag. Nach dem Abzug von Wien gab Soliman die Kleinodien zwar zurück, aber indem er Zapolya als König von Ungarn seinen „Freund, Bruder und Lehnsmann“ nannte. Zapolya’s Wittwe stellte die Krone Ferdinand dem Ersten wieder zu.

Nachdem sie ein halb Jahrhundert, bis zum Beginn des dreißigjährigen Krieges, in Prag ausgeruht, kam sie nach Ungarn zurück, um sofort von dem Siebenbürgener Fürsten und Rebellen Bethlen Gabor gepackt zu werden, der sie erst drei Jahre später, in Folge des Nikolsburger Friedens, wieder herausgab. Fortan war erst Preßburg, dann, unter Kaiser Joseph dem Zweiten, von 1784 bis 1790 Wien, und von da an Ofen ihr ungestörter Aufenthaltsort, bis die Revolution von 1848 sie zu neuen Irrfahrten herausriß. Ganz im ungarischen Nationalgeist legte auch Kossuth das höchste Gewicht auf die Reichskleinodien, die er sofort in seine Gewalt nahm. Er behielt sie stets bei sich, sie wanderten mit ihm von einem Regierungssitz zum andern und – „als Ungarn zu den Füßen Sr. Majestät von Rußland lag“ – auf einem Bauernwagen der türkischen Grenze zu. Mit dem „Gouverneur“ war auch die heilige Krone Stephans verschwunden. Wir haben’s ja Alle erlebt, wie das Schicksal dieser Schätze damals die Tagespresse beschäftigte. Nur Eines vermuthete man mit Recht: daß Kossuth mit der eisernen Kiste sich schwerlich über die türkische Grenze gewagt haben werde. Und so fand es sich später. Im dritten Jahr des Geheimnisses kam der Schatz wieder an’s Tageslicht. Kossuth hatte die Kiste im Walde unweit Orsova, am Einfluß der Czerna in die Donau, Neu-Orsova gegenüber, vergraben. Da jene Stelle den Ueberschwemmungen sehr ausgesetzt ist, so scheint Kossuth an eine Wiederausgrabung der Kiste gedacht und darüber Mittheilungen gemacht zu haben, die nach Wien verrathen worden sind, denn es begannen seitdem unter der Leitung eines österreichischen Auditors, Titus Karger, Nachgrabungen in der richtigen Gegend, die am achten September, genau dem Tage der Geburt Mariä, der Schutzpatronin Ungarns, zur Entdeckung der Nationalheiligthümer führten. Seit zehn Jahren verewigt eine byzantinisch-maurische Capelle die denkwürdige Stätte.

Hüten wir uns, den Ungarn diesen politischen Aberglauben hinsichtlich ihrer Reichskleinodien zu verargen; wo er, mit solchem Ernst und solcher Energie verbunden, solche Ziele erreicht, werden wir ihn hoch über seinen religiösen Bruder zu stellen haben, der in seinen Reliquiencapellen zu Aachen und Trier für uns Deutsche so niederdrückende Triumphe feiert. Ueber dem Aberglauben thront der Glaube der Nation, daß Ungarn einer besseren Zeit entgegen gehe, und wenn die Stephanskrone auf des neuen Königs Haupt mehr solche Gedanken erzeugt, wie die allumfassende Amnestie und das noch weit herrlichere Zeugniß wahrer Versöhnung: die Spendung der Krönungsgeschenke für die Nachkommen der Honveds – dann wollen auch wir sie mit Ehrfurcht betrachten, denn sie leistete mehr, als alle kirchlichen Wunder je vermocht. Die Monarchengeschichte verzeichnet’s zum ersten Mal: daß ein Fürst den Kindern, deren Väter das Schwert gegen ihn geführt, die Hand zum Wohlthun gereicht.

Da die Gartenlaube in zeitgeschichtlichen Mittheilungen mit der Tagespresse unmöglich gleichen Schritt halten kann, die Schilderungen des Krönungsfestes zu Ofen-Pest folglich längst in den Händen ihrer Leser waren, so können wir von diesen absehen, glaubten aber, den höchsten Augenblick der Feier und den zugleich einzigen in seiner Art, durch tüchtige Künstlerhand dargestellt, in der Gartenlaube bildlich wiedergeben zu müssen; Bekanntlich bestimmt das Krönungsceremoniel, daß der König, nachdem ihm im Dome der gesammte Krönungsornat angelegt und die Krone des heiligen Stephan auf das Haupt gesetzt ist, auf einer Bühne unter freiem Himmel vor allem Volke den Decretaleid zu leisten hat, worauf er das Roß besteigt und auf den sogenannten Krönungshügel reitet, um dort das Schwert des heiligen Stephan nach den vier Himmelsgegenden zu schwingen, zum Zeichen, daß er bereit sei, das Ungarland gegen jeden Feind zu vertheidigen, er komme von wannen er wolle. – Es muß in der That für ein monarchisches Herz etwas Entzückendes in dem Schauspiel liegen, einen Herrscher mit der Krone auf dem Haupte und unter freiem Himmel hoch zu Roß – ein Bild, wie nur der kindlichen Phantasie es vorschwebt – hier im Lichte des Tages und in solcher Bedeutung für Volk und Reich zu sehen; aber nicht deshalb, sondern weil in ihm diese Krönung von Volkes Gnaden gipfelte, haben wir diesen Moment auch in der Gartenlaube der Verherrlichung werth gehalten.
H. v. C.




Blätter und Blüthen.


Das furchtbare Trauerspiel in Lugau ist geschlossen: die Rettungswerkzeuge ruhen am Schacht, die Verschütteten sind für todt erklärt und der kirchliche Segen sollte am Sonntage des einundzwanzigsten Juli den Schachthügel zum großen Grabhügel für hundertundzwei auf ewig hier Bestattete weihen. Diese Trauerfeier ist jedoch bis auf Weiteres verschoben, und zwar, wie man veröffentlicht, auf Wunsch der Hinterbliebenen. Sie wird immer noch stattfinden müssen und das ergreifende Bild derselben ist vorauszusehen. Vierundvierzig Wittwen werden auf dem Grabe ihrer Gatten, eine Braut auf dem Grabe ihres Bräutigams, hundertundsiebenunddreißig Kinder auf dem Grabe ihrer Väter knien, und wie viele arme graue Väter und Mütterchen mit dem braven Sohn die Stütze ihres Alters, wie viele Geschwister ihre Brüder, wie viele junge Herzen ihre Freunde und ihr Theuerstes da drunten liegen haben, bleibt wohl ungezählt.

Das völlige Aufhören aller Arbeiten im Schacht, um bis zu den Verschütteten vorzudringen, geschah auf Anordnung des königl. sächs. Finanz-Ministeriums in Folge einer Darlegung der in Lugau thätigen Sachverständigen. Die Regierung hat das von denselben über den Verlauf des Schachtbruchs und der Rettungsarbeiten am siebenten Juli aufgesetzte Protokoll am zehnten Juli veröffentlicht. Vergleichen wir dasselbe mit unserem Brief aus Lugau in der vorigen Nummer der Gartenlaube, so finden wir ihn im Allgemeinen damit übereinstimmend; namentlich ist unsere Vermuthung: „Sehr wahrscheinlich ist der ganze untere Schacht bis weit über den oberen Querschlag vollständig ausgefüllt“ nun von den Sachverständigen als ein Hauptgrund des Einstellens der Arbeiten zur Oeffnung des Schachtes angenommen. Dagegen haben wir einen Irrthum zu berichtigen. Aus den Erzählungen eines Schichtmeisters und eines Bergmanns hatte ich geschlossen, daß Steiger Schubart selbst bis zur Tiefe von über siebenhundert Ellen niedergefahren und also selbst bis in die Nähe des oberen Querschlags [480] vorgedrungen sei. Das Protokoll berichtet hierüber: Das Ereigniß, daß in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag (vom dritten zum vierten Juli) das auf der Verstopfungsstelle, in der Tiefe von dreihundert sechsundachtzig Ellen, aufgestaut gewesene Wasser verschwunden war, „hatte den dienstthuenden Steiger am Donnerstag früh gegen drei Uhr bewogen, nochmals durch Hinablassen der Tonne im Förderschacht die Tiefe zu ermitteln, in welcher sich die Bruchmassen gestaut hatten. Nach der Fühlung des Maschinenwärters sollte hierbei die Tonne bis hinab in die Sohle des Füllortes des ersten Querschlags, mithin bis in die Tiefe von siebenhundert sechsundfünfzig Ellen unter Tage, niedergegangen sein.“ – Nach dieser Angabe bitte ich, die meinige zu berichtigen. Ich hatte dies falsch verstanden, was bei der Aufregung, mit welcher jene Mittheilungen an Ort und Stelle gegeben und aufgenommen wurden, wohl verzeihlich ist.

Das Grab ist geschlossen. Aber die letzten Seufzer der Sterbenden schlugen nicht an liebe Ohren; der Trost, dem Gatten, dem Vater das gebrochene Auge zugedrückt haben, ist Müttern und Kindern genommen, – sie haben keine lieben Hügel mit Blumen zu schmücken, denn auf Neufundgrube wird binnen Jahr und Tag die Esse wieder rauchen, die Dampfmaschine wieder die Tonnen in die Tiefe tragen und der arme Mensch wieder arbeiten, um mit seinem Schweiß den Glücksboden Anderer zu düngen. – Möge das Andenken an den Jammer dieser Tage und die Sorge für die beklagenswerthesten Opfer derselben, die armen Hinterbliebenen, nicht ebenso rasch vergehen wie die äußeren Spuren des Unglücks verschwinden werden!

Bis heute nehmen die Spenden der Theilnahme für „die Unglücklichen von Lugau“, wie das Mitleid sie in ganz Deutschland und darüber hinaus nennt, ihren ehrenwerthen Fortgang. Möge dieser Segensstrom der Menschenliebe noch recht lange fließen, denn viel, sehr viel ist nöthig, um den Lohn der Arbeit von hundert Männern auf Jahre hinaus zu ersetzen!

Wir thun es im Interesse der Sache, wenn wir dabei die Frage erheben: in welchen Händen kommen die aus allen Himmelsgegenden jetzt nach Lugau gesendeten Gelder zusammen? Wer sind die Mitglieder des betreffenden Comité, in welcher Weise wird schon jetzt die Unterstützung der Hinterbliebenen der Todten im Schachte besorgt und welcher Plan liegt für die künftige Verwendung der Gelder vor? Eine offene Beantwortung dieser Fragen würde den Sammeleifer noch für lange stärken, während die etwaige Bestätigung der hier und da ausgesprochenen Befürchtung, daß Bergbeamtete, über deren Knappschaftscassenführung bittere Klagen aus den Kreisen der Bergleute vorliegen, auch bei diesem Werke der Wohlthätigkeit betheiligt sein möchten, sehr störende öffentliche Erörterungen hervorrufen könnte.
Fr. Hofmann.




Für Die mit Schreibekrampf. (Atremograph des Prof. Maas.) Auf die Anfragen: wie der Schreibekrampf zu heilen sei, kann Verfasser, der selbst seit vielen Jahren an diesem Krampfe leidet, nur Folgendes antworten. Von einem Heilmittel, wozu auch die Elektricität gehören soll, hat Verf. noch niemals Hülfe gesehen und deshalb bleibt den am Schreibekrampf Leidenden, wenn sie nicht mit der andern (linken) Hand schreiben lernen, nichts übrig, als solche Vorrichtungen in Gebrauch zu ziehen, durch welche das Schreiben mit der kranken Hand ermöglicht wird. Der Verf., der alle die unten aufgeführten mechanischen Hülfsmittel durchprobirt hat, kommt am besten mit einem langen, dicken, walzenförmigen (nicht zugespitzten) Korkstöpsel aus, durch dessen Querdurchmesser (Seitenfläche), entweder gerade in der Mitte oder mehr an dem einen oder andern Ende des Stöpsels, eine längere oder kürzere Feder gesteckt wird und den man beim Schreiben mit seinen beiden Enden zwischen dem ersten und dritten (oder vierten) Finger hält, während die Spitze des zweiten Fingers sanft auf der obern Fläche des Stöpsels ruht. – Auch der neuerlich vom Prof. Maas angegebene Atremograph, welcher in Berlin bei S. Röder (neue Friedrichstraße 50) zu haben ist, thut dem Verf. und andern am Schreibekrampfe, Zittern und an ähnlichen beim Schreiben störenden Uebeln Leidenden ausgezeichnete Dienste. Es ist dieser Apparat der menschlichen Hohlhand genau nachgebildet und macht jede willkürliche und unwillkürliche, beim Schreiben unnöthige Bewegung der Finger unmöglich. Er ist übrigens nicht blos jenen Leidenden zu empfehlen, sondern auch Solchen, welche sich an eine richtige, natürliche Haltung der Feder und Bewegung des Arms zu gewöhnen wünschen. Der Preis dieses Apparates ist zwei Thaler.

Außerdem kann man sich noch auf folgende Arten das Schreiben erleichtern. 1) Man nehme die Feder zwischen andere Finger (zwischen den dritten und vierten) oder in die Hohlhand, so daß sie zwischen diesen oder jenen Fingern heraussteckt. – 2) Man befestige die Feder mit Hülfe eines Ringes von Stahl oder Kautschuk an das vorderste Glied eines oder mehrerer Finger. Zu empfehlen ist folgende Befestigungsart: man nimmt ein übersponnenes Gummiband (etwa vier Zoll lang), welches an dem einen Ende mit einem Schnällchen versehen ist, und befestigt solches in der Mitte am untern Theil des Federhalters (etwa zwei Zoll von der Feder entfernt). Beim Schreiben legt man das Band um Zeige- und Mittelfinger und zieht es vermittels des Schnällchens nach Bedürfniß mehr oder weniger fest zusammen. – 3) Man stecke die Feder in eine leichte Kugel, die mit der ganzen Hand umfaßt wird. Anstatt der Kugel läßt sich auch eine nach der Hohlhand geformte Halbkugel anwenden, auf deren oberer Fläche Vertiefungen für die Finger angebracht werden können. – Dem Einen wird diese, dem Andern jene Vorrichtung mehr zusagen.
Bock.




Der Spatz als Höhlenfertiger. Als ich unlängst in der Kölnischen Zeitung Karl Vogt’s Referat über die Charakteristik des Spatzes von einem Franzosen las, worin unter Anderem die ergötzliche Anekdote erzählt wird, wie die Spatzen auf der Mauer eines Casernenhofes gleich den exercirenden Soldaten sich in Reih’ und Glied setzen und auf den Befehl des Commandirenden: „Aus einander, marsch!“ sich mit jenen auflösen und nach verschiedenen Richtungen davoneilen, da gedachte ich so mancher von mir wahrgenommenen Züge aus dem Leben dieses Vogels mit mehr als zwei Naturen, die theils belustigen, theils erzürnen und empören, theils aber auch rühren und versöhnen. Ich könnte ihn schildern als den Phlegmatiker, während er andererseits wieder einem Choleriker oder Sanguiniker wie aus dem Gesichte geschnitten erscheint. Ich könnte ihn als Egoisten, als verschmitzten, schlauen Dieb, als grausamen Usurpator, als den Mann mit bösem Gewissen und harmloser Miene kennzeichnen; aber ich habe ihn auch als Freund der Geselligkeit, als Gehülfen seiner Standesgenossen, als treuen Pfleger und Lenker seiner Kinder, als gemüthlichen Hausgenossen der Menschen und als eine der liebenswürdigen Seelen kennen gelernt, die im Elend ausharren und beim ersten Sonnenblick des Lebens in kindlicher Freude das Leid und sich selbst vergessen. Der Spatz paßt so zu sagen auf alle Sättel, wie denn auch sein Wahlspruch das „„Ubi bene, ibi patria“ ist. Vielleicht werde ich jedem Fachkundigen ein mitleidiges Lächeln und Achselzucken abnöthigen, wenn ich den Spatz als „Höhlenfertiger“ bezeichne, und doch mag folgendes Erlebniß beweisen, daß der Vielseitige auch in der Reihe dieser Künstler seinem Namen Ehre machen würde.

Ein langjähriger Freund unseres Hauses liegt eines Morgens wach im Bett. Plötzlich klopft es an, und empor fährt er wie „Lenore um’s Morgenroth“ mit einem herrischen „Herein!“ Doch Niemand tritt ein. Da klopft es zum zweiten und dritten Mal in rascher Folge und das gespannte Ohr des Lauschenden entdeckt die Stelle, woher das Pochen dringt, an der Tapetenwand, welche den Winkel des Hauses von außen begrenzt. In diesem Augenblick reißt die Tapete und – herein zwängt sich der Kopf eines alten Spatzenmännchens, befremdet sich umsehend und den erstaunten Herrn im Bette mißtrauisch musternd. Ein wetternder Ausruf und ein rascher Griff von Seiten des Letzteren überzeugen den ernüchterten Eindringling, daß hier seines Bleibens nicht ist, und rasch zieht er seinen Kopf zurück; aber die Federn am Hals sträuben sich zur Halskrause, und es kostet ihn einige Mühe zu entfliehen, bis endlich der Rand der zerrissenen Tapete nach außen nachgiebt. Eine genaue Untersuchung der Stelle und ein später stattfindender Augenschein mit Hinzuziehung meiner Person liefern folgendes Ergebniß. Der Spatz hat nach und nach die Lehmwand des Hauses an der erwähnten Stelle losgehackt und einen Höhlengang von nahezu einem halben Fuß im Durchmesser gemeißelt. Die Bewohner des Hauses werden als Zeugen vernommen, die denn erklären, daß sie schon seit Jahren das Klopfen an verschiedenen Stellen der Wand wahrgenommen hätten, vermuthend, es wären Holzwürmer. Ein Urtheilsspruch erkennt den Spatz des Einbruchs schuldig, doch mildert der Umstand die Schärfe des Erkenntnisses, daß es kein Einbruch zur Nachtzeit gewesen und der Schlaf des friedliebenden Herrn nicht gestört worden ist.




Freiligrath-Dotation.

Bei dem Barmer Haupt-Comité sind wiederum eingegangen: V. in Schwelm 1 Thlr.; H. in Schwelm 1 Thlr.; durch Professor Dr. Eltze in Dessau 70 Thlr.; Lehrer C. in Halver 9 Thlr. 15 Ngr.; Nordmann in Stockholm von der deutschen Gesellschaft daselbst 42 Thlr.; Comité in Witten durch Dr. med. Staeps 160 Thlr.; gesammelt in Haßlinghausen durch Hüttenbeamten Nusch (Alles Beträge von 10 Ngr. bis 1 Thaler!) 43 Thlr. 15 Ngr.; durch das Comité in Crefeld, von: C. St. in Rotterdam 5 Thlr.; D. St. 5 Thlr.; H. M. 5 Thlr.; F. D. in Buenos Ayres 7 Thlr.; zweite Sendung aus Elbing durch A. Philipps 33 Thlr.; Aachener Zeitung für sich 41 Thlr.; vom Aachener Turnverein 20 Thlr.; Comité in Pforzheim durch A. Kuhn 300 fl. = 171 Thlr. 10 Ngr.; von der Redaction des Gemeinnützigen in Varel 6 Thlr.; Sammlung in Hilden durch Dr. Zapp 20 Thlr.; erste Rate aus Bielefeld, gesammelt durch Schneidermeister Pet. Heinr. Guntermann 140 Thlr.; Sammlung in Königsberg durch Dr. Falkson 20 Thlr.; Expedition der Halleschen Zeitung von J. W. in B…dt 3 Thlr.; Hallesche Volksliedertafel 11 Thlr. 10 Ngr.; Dr. H. G. 1 Thlr.; Sammlung bei einem Festmahle durch K. 12 Thlr.; H. Zimmermann in Waldshut 9 Thlr. 17 Ngr; p. Posteinzahlung durch Dr. Falkson in Königsberg 6 Thlr. 5 Ngr. 2 Pf.; „Geber“ aus Neustadt (Cleve-Berg) 5 Thlr.; M. in Rüdesheim 3 Thlr. 23 Ngr.; durch Professor Johannes Scherr in Zürich; vom Freiligrath-Comité in Zürich 827 Frs., durch Sieber in Uster 51 Frs., zusammen 878 Frs. = 234 Thlr. 4 Ngr.; Kaufmännischer Verein in Mannheim 7 Thlr.; Cösliner Zeitung 14 Thlr.; durch Hammerschmidt vom Comité in Hanau 116 Thlr. 17 Ngr.; aus Barmen: A. u. E. St. 11 Thlr. 10 Ngr.; E. C. 10 Thlr.; M. 10 Thlr.; F. W. 5 Thlr.; R. Z. 2 Thlr.; C. S. 2 Thlr.; A. T. 5 Thlr.; W. N. 5 Thlr.; R. T. 2 Thlr.; C. W. 1 Thlr.; F. S. 2 Thlr.; E. B. 1 Thlr.; A. M. 1 Thlr.

Gesammt-Einnahme bis heute 7695 Thlr. 28 Sgr. 8 Pfge.

Wir bemerken noch, daß die eingehenden Gelder sofort verzinslich angelegt werden.

     Barmen, den 5. Juli 1867.
Das Central-Comité.




Inhalt: Das Geheimniß der alten Mamsell. Novelle von E. Marlitt. (Fortsetzung.) – Ein „unentwegter“ Kämpfer. Mit Portrait. – Deutsch-amerikanische Lebensläufe. Von Adolf Douai. 3. Der Holzhacker. – Das October-Jubiläum auf der Wartburg. Von Robert Keil. – Eine Krönung von Volkes Gnaden. Mit Illustration. – Blätter und Blüthen: Das furchtbare Trauerspiel in Lugau. Von Fr. Hofmann. – Für Die mit Schreibekrampf. Von Bock. – Der Spatz als Höhlenfertiger. – Freiligrath-Dotation.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. WS: Jak. 1,19
  2. Es entstand bald nach dem Feste in Jena ein Steindruck, auf welchem von einem geschickten Künstler der Augenblick aufgefaßt worden war, wo Rödiger am Feuer und beim Fackelschein seine Rede hielt. Hier war die Mehrzahl der Hauptgestalten äußerst glücklich und erkennbar wiedergegeben: Rödiger, Ed. Dürre, Riemann, Scheidler, Maßmann, Binzer u. A., im Hintergrunde auf jenem oben erwähnten Korbe mit einer Flasche Wein in der Rechten der jugendliche Heinrich Leo. – Sollte sich nicht irgendwo ein Exemplar des Bildes erhalten haben?

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Koltanerin