RE:Amazones

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 17541789
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Amazones (Ἀμαζόνες).

I. Mythologisch.

Die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung der Vorstellungen, welche die Entstehung der Amazonensagen in der Phantasie des griechischen Volkes bewirkt haben, gehört zu den schwierigsten und meistumstrittenen Problemen der griechischen Mythologie. Die Schwierigkeit der Lösung dieser Frage, die nur auf historisch-ethnologischem Wege möglich scheint, liegt namentlich daran, dass die geschichtliche Kritik auf keinem Gebiete noch zu so wenig festen Regeln gelangt ist, wie auf dem der Beurteilung und Behandlung der griechischen Sagengebilde, und nirgends der frei gestaltenden und nachbildenden Phantasie ein grösserer Spielraum gelassen wird, als auf diesem Arbeitsfelde. Wie bei jedem historischen Problem, so spielt auch bei diesem die Frage nach Zeit und Ort eine wichtige Rolle. Die Geschichtsforschung hat sich bisher von der Aufgabe, die der Überlieferung zu Grunde liegende Vorstellung von den Amazonen zu ermitteln, ziemlich fern gehalten. E. Meyer (Gesch. des Altert. I 304) bemerkt mit Recht über die Amazonensagen: ‚Was der Kern und die ursprüngliche Bedeutung der Sage ist, ist bis jetzt noch nicht ermittelt, ebensowenig, weshalb sie an den betreffenden Stätten localisiert wurde‘. Es ist vor allem beachtenswert und wichtig, dass die Heimat der Amazonen nicht Griechenland, sondern Asien ist. Dem hellenischen Mutterlande sind dieselben zu allen Zeiten fremd geblieben, und wie an allem Fremden, so haftet auch an ihnen der Begriff des Barbarischen. Die mit den Amazonen als ethnologischem Begriff operierenden Sagenüberlieferungen gehören zu den ältesten, von denen wir Kunde haben. Homer erwähnt sie bereits wie eine ferne Sage, die im Verklingen ist. Es ist die vorausgehende Generation, die mit den fremden Kriegerinnen zu thun hat. Die Helden der homerischen Amazonomachie sind Priamos und Bellerophon. Priamos kämpft in seiner Jugend als Bundesgenosse der Phryger gegen die Amazonen am Sangarios (Il. III 184ff.) und Bellerophon besiegt die kriegerischen Weiber auf ihrem Zuge nach Lykien (Il. VI 186). Homer kennt ferner das Grabmal der vielspringenden Myrine in der Troas, das die Sterblichen Batieia nennen (Il. II 811 σῆμα πολυσκάρθμοιο Μυρίνης). Unter dem Einflusse der späteren Poesie haben sich dann bei den Griechen im allgemeinen folgende Vorstellungen von den Amazonen ausgebildet. Im Nordosten von Kleinasien, wohin auch schon Homer bei der Erwähnung ihres Einfalls in Phrygien weist, in der Gegend des Flusses Thermodon in Leukosyrien auf dem doiantischen Gefilde, bestand ein grosser volkreicher Staat aus kriegerischen Frauen, an dessen Spitze eine Königin stand und in welchem entweder die Männer ganz ausgeschlossen oder blos zum Behufe der Erhaltung des Geschlechtes geduldet waren, aber im Zustande der Knechtschaft und mit denjenigen Beschäftigungen betraut, welche sonst die Frauen verrichten, verstümmelt an Armen und Schenkeln, [1755] damit sie, der Waffenführung beraubt, der Herrschaft der Frauen nicht gefährlich würden. Die Frauen allein führten die Waffen und verteidigten nicht blos ihren Staat, sondern machten auch, von Kriegslust getrieben, über die Grenzen ihres Gebietes Eroberungszüge in die Länder ihrer Nachbarn und in weite Ferne, vom Thermodon bis zum Tanais und über den Tanais hinaus bis nach Thrakien, nach der andern Seite hin bis nach Syrien, in die verschiedenen Länder Kleinasiens und Griechenlands, bei welcher Gelegenheit sie viele berühmte Städte gründen und mit den hervorragendsten Helden der griechischen Sage zusammentreffen. Sie fochten teils zu Fuss teils zu Ross als wilde furchtbare Kriegerinnen, bewaffnet mit Speer, Bogen, Streitaxt und halbmondförmigem Schilde. Unter den Göttern verehrten sie vor allem Ares und Artemis. Zu Hause beschäftigten sie sich vorzugsweise mit Jagd und kriegerischen Übungen und erzogen zu dieser Beschäftigung ihre weiblichen Kinder von früher Jugend auf. Ihre männliche Nachkommenschaft töteten sie entweder oder verstümmelten sie, oder sie schickten sie zur Pflege und Erziehung über die Grenze zu ihren Vätern; denn unter der Voraussetzung, dass die Amazonen keine Männer unter sich im Lande hätten, erzählte man, sie hätten mit einem benachbarten Männervolke zum Behufe der Fortpflanzung ihres Geschlechtes jährlich eine Zeit lang im Frühling in dem Grenzgebirge ehelichen Umgang gepflogen.

Amazonensitze und Eponymiesagen.

Als Hauptstadt der Amazonen wird gewöhlich Themiskyra am Thermodon genannt (vgl. Herod. IX 27. Diod. IV 16. Paus. I 2, 1. Appian. Mithr. 78. Eustath. zu Il. II 81), doch heisst es auch nach einer anderen Überlieferung (Pherekydes), dass sie, in drei Stämme geteilt, drei Städte mit deren Umgebung bewohnt hätten: Themiskyra, Chadesia und Lykastia. Vgl. Apoll. Rhod. II 987 ff. u. Schol. Nach Pherekydes (frg. 25) stammte das Volk der Amazonen von Ares, der auch sonst als Vater sämtlicher Amazonen oder einzelner derselben genannt wird, und der Nymphe Harmonia, gezeugt in den Schluchten des akmonischen Hains in der Gegend des Thermodon. Nach Iustin II 4 waren es die hinterbliebenen Frauen von Skythen, welche an den Thermodon ausgewandert und dort im Kriege durch die benachbarten Völker umgekommen waren. Auch nach Sallust frg. 3, 46 waren sie von Skythien aus in Kleinasien eingewandert, nach Aischylos Prometh. 415. 723 aus Kolchis, südlich vom Kaukasos, nicht fern vom kimmerischen Bosporos und der Maiotis Limne. Vgl. Eurip. Herakles 416. Hellanikos frg. 84. Nicol. Dam. frg. 153. Amm. Marc. XXII 8, 17. Stat. Achill. II 86. Prop. III 11, 14. Claudian. de raptu Pros. II 60. Stat. Silv. I 6, 53. v. Wilamowitz Eurip. Herakles II 134. Nach Ephoros bei Schol. Ap. Rhod. II 965 haben sie ihre Männer, von denen sie misshandelt wurden, bei Gelegenheit eines Krieges teils getötet, teils verjagt; vgl. Steph. Byz. s. Ἀμαζόνες. Als die Griechen die Gegenden um den Thermodon kennen lernten und dort keine Amazonen fanden, suchte man ihr Nichtvorhandensein auf verschiedene Weise zu erklären. Man sagte, Herakles, ein Hauptfeind der Amazonen, [1756] habe sie vernichtet, oder sie seien vertrieben worden und nach Norden ausgewandert. Strab. XI 505. Diod. XVII 77. Iustin II 4. Curtius VI 4, 17. 5, 24; vgl. E. Prigge De Thesei rebus gestis (Marburg 1891) 22. So erzählt Herodot IV 110ff., wie nach Besiegung der Amazonen am Thermodon durch die Griechen der Rest derselben jenseits des Pontos im Lande der freien Skythen zu einem ehelichen Leben überging und durch Verbindung mit skythischen Jünglingen drei Tagereisen östlich vom Tanais und nördlich von der Maiotis das Volk der Sauromaten begründete. Auch spätere Schriftsteller, die nach dem Zeugnis des Strabon in den Gegenden des Kaukasos wohl bekannt waren, erzählten von Amazonen am Nordabhange des Kaukasos, also östlich von der Maiotis, ungefähr in denselben Gegenden, wohin sie nach der Erzählung bei Herodot versetzt werden, ähnliche Dinge, wie man sie von den am Thermodon sesshaften wusste (Strab. XI 504). Ausser im Norden der damals bekannten Welt begegnen wir den Amazonen auch im Süden derselben, in Libyen, wohin eine jüngere Überlieferung ihre Wohnsitze verlegt und von ihnen vieles nach dem Vorbilde der nördlichen Amazonen fabelt, was wir bei Diodor als pragmatische Geschichte wiedergegeben finden. Doch bemerkt Diodor allerdings, dass diese Amazonen, welche älter seien, als die am Thermodon, vielen unter dem lesenden Publikum ganz fremd sein möchten. Sie wohnten, heisst es, auf einer grossen Insel des Tritonsees, der in der Nähe der Aithiopen und des Oceans liege, und unterwarfen sich alle Städte der Insel mit Ausnahme der heiligen Stadt Mene, welche von Aithiopen bewohnt war, und machten unter ihrer Königin Myrine grosse Eroberungszüge nach Westen bis zum Ocean, nach Osten bis nach Ägypten, Arabien, Kleinasien, wo sie eine Reihe glänzender Städte im Innern des Landes und an der Küste gründeten; dann gingen sie nach Lesbos und Samothrake über, und nachdem ihr Heer durch den Thraker Mopsos und den Skythen Sipylos geschlagen und Myrine getötet war, zog der Rest wieder nach Libyen zurück. Auch diese Amazonen sollen von Herakles ausgerottet worden sein (Diod. III 53ff. Anthol. Lat. 860. Zenothemis in Schol. Apoll. Rh. II 265; vgl. E. Bethe Quaestiones Diodoreae mythographae, Göttingen 1887, 27). Eine andere Sagengruppe weist den Amazonen ihre Wohnsitze weiter im Westen an. Schon in einer verhältnismässig alten Überlieferung erscheint Thrakien als ihre Heimat, Ares, der Stammgott Thrakiens, als ihr Vater (Arktinos Aithiopis; vgl. Verg. Aen. XI 659ff. Quint. Smyrn. I 168. A. Klügmann Die Amazonen in der att. Litter. und Kunst, Stuttgart 1875, 32. E. Bethe Herm. XXVI 597). Andere, jüngere Traditionen lassen die Amazonen in Illyrien und Vindelicien hausen (Serv. Aen. XI 842. I 243. Hor. Od. IV 4, 17). Während die genannten Gegenden in der Überlieferung als Heimat der Amazonen erscheinen, ist das Auftreten derselben in dem von den Griechen bewohnten Westen Kleinasiens erst als eine Folge ihrer Wanderzüge anzusehen. Hier sind die Amazonen in die Stiftungssagen einer langen Reihe von Städten und Gründungen verwoben und spielen in den religiösen Traditionen und Legenden dieser [1757] Ortschaften eine wichtige Rolle. Gegen die von verschiedener Seite vorgetragene Annahme, dass diese Überlieferungen erst der Schöpfungskraft jüngerer Dichter ihre Entstehung verdanken, spricht das von Homer erwähnte Grabmal der Amazone Myrine bei Ilion, welches die Verbindung der Amazonen mit der Aiolis in ein hohes Alter hinaufrückt (Hom. Il. II 811. Toepffer Att. Geneal. 192). Myrine, der Name der ältesten Amazone, ist von der gleichnamigen Stadt der Aiolis nicht zu trennen, die der Überlieferung zufolge ihren Namen von einer Amazonenfürstin erhalten haben soll (Strab. XII 573). Wie Myrine, so weisen auch die meisten anderen Städte der Aiolis Reminiscenzen an ein ehemaliges Regiment der Amazonen auf. Es wird berichtet, dass Kyme nach einer gleichnamigen Amazonenkönigin benannt worden sei, während der frühere Name dieser Stadt Amazonion gelautet habe (Ephoros bei Strab. XII 550. Diod. III 55. Steph. Byz. s. Κύμη u. Ἀμαζόνειον), dass Gryneia von der Amazone Gryne, die hier von Apollon vergewaltigt worden sein soll, seinen Namen erhalten habe (Serv. Aen. IV 325; vgl. Herod. I 147. Strab. XIII 622. Paus. I 21, 7), desgleichen galten Pitane und die lesbische Stadt Mytilene als Stiftungen amazonischer Heerführerinnen (Diod. III 55). Auch der Name von Smyrna, das die Aioler später an die Ionier verloren, wurde von einer Amazonenfürstin abgeleitet (Ephoros bei Strab. XII 550. Steph. Byz. s. Σμύρνα. Tac. Ann. IV 56. Plin. n. h. V 118. Klügmann Philol. XXX 524ff.). Nach Herakleides Pontikos frg. 34 soll Herakles den Amazonen das ganze Küstengebiet vom aiolischen Pitane bis Mykale zugewiesen haben, und in der That finden wir hier überall Stadttraditionen, die an die Amazonen anknüpfen. Im ionischen Kleinasien ist die berühmteste Amazonenstadt Ephesos, in dessen Gründungslegende die Amazonen eine hervorragende Rolle spielen. Nach Paus. VII 2, 7 soll Pindar (frg. 174) den Amazonen, die von Asien nach Attika zogen, die Gründung des Heiligtums der ephesischen Artemis zugeschrieben haben, während nach Pausanias eigener Ansicht die Stiftung des Heiligtums in noch höhere Zeiten hinaufreichte. Die Weiber vom Thermodon galten als die ersten, denen der Tempel der Artemis ein Asyl gewährte; hier sollen sie Schutz gefunden haben vor der Verfolgung durch Herakles oder Dionysos (Paus. VII 2, 7. Tacit. Ann. III 61. Herakl. Pont. frg. 34. Plut. quaest. graec. 56. Toepffer Att. Geneal. 201). Die Stifter und ältesten Vertreter des ephesischen Artemisdienstes waren genealogisch mit den Amazonen verknüpft, z. B. galt die ephesische Priesterin Ephesos als Mutter der Amazo (Eustath. Dion. 828), der mythische Stifter des Artemisheiligtums Ephesos als Enkel der Amazone Penthesileia (Paus. VII 2, 7. Et. M. s. Κάϋστρος. J. Geffcken De Stephano Byzantio, Göttg. 1887, 31). Nach einer anderen Tradition war die eponyme Heroine der Stadt eine lydische Amazone, die den Artemiskultus daselbst begründete (Et. M. s. Ἔφεσος· ἀπὸ Ἐφέσου Λυδῆς Ἀμαζόνος, ἣ πρώτη Ἄρτεμιν ἐτίμησε καὶ ὠνόμασεν Ἐφεσίαν; vgl. Steph. Byz. s. Ἔφεσος. Herakl. Pont. frg. 34). Vgl. über die ephesischen Kultlegenden noch Schol. Il. VI 186. Kallim. Artem. 237ff. Strab. XIV 633. Steph. Byz. s. [1758] Σισύρβη. Hygin fab. 223. 225. Ampel. VIII 18. Clem. Alex. Protr. IV 52. Mela I 88. Guhl Ephesiaca 133ff. Klügmann Philol. XXX 535ff.; Die Amazonen 30. E. Meyer Gesch. des Altert. I 253ff. Preller-Robert Griech. Myth. I 329, 2. Von ionischen Niederlassungen waren ausser Ephesos noch eine Reihe anderer Örtlichkeiten mit Amazonensagen verknüpft, wie z. B. die Insel Samos, sowie die in der Umgebung von Ephesos gelegenen Städte Anaia, Pygela, Latoreia (Plut. quaest. gr. 56. Steph. Byz. s. Ἀναία. Strab. XII 551. Athen. I 57; vgl. Klügmann Philol. XXX 541ff. C. Wachsmuth Stadt Athen I 416). Weiter finden die an Amazonen anknüpfenden Eponymiesagen ihre Fortsetzung längs der ganzen kleinasiatischen Küste hinauf bis in die Gegenden der mythischen Stammsitze dieses Volkes bei Themiskyra am Pontos. Bei Nonnos XV 313 u. s. wird die eponyme Nymphe der Stadt Nikaia an der Propontis als Amazone bezeichnet, womit die bei Plutarch (Thes. 26) erwähnten Amazonensagen dieser Gegend in Verbindung zu bringen sind, aus denen hervorgeht, dass sowohl Nikaia als auch das benachbarte Pythopolis in die amazonischen Eponymiesagen verflochten waren. Vgl. Eustath. Dion. 828. Nach Steph. Byz. s. Μύρλεια war die bithynische Stadt Myrleia nach einer gleichnamigen Amazone benannt worden, ebenso Kynna, eine Stadt in der Nähe des pontischen Herakleia (Steph. Byz. s. Κύννα· πολίχνιον πλησίον Ἡρακλείας, ἀπὸ μιᾶς τῶν Ἀμαζόνων) und Thibais am Pontos Euxeinos (Steph. Byz. s. Θιβαΐς; vgl. Eustath. Dion. 828. Arrian. ἐν Βιθυνιακοῖς bei Steph. Byz. s. Ἀμαζόνειον. ἔστι καὶ ἐν Βιθυνίᾳ Μαζαῖον κατὰ παραφθοράν. E. Maass Parerga Attica, Greifsw. 1899, 7). Auch die paphlagonische Stadt Amastris wurde für die Stiftung einer gleichnamigen Amazonenfürstin gehalten (Steph. Byz. s. Ἄμαστρις). Dasselbe gilt von der milesischen Pflanzstadt Sinope am schwarzen Meere, von dessen Amazonensagen Hekataios von Milet berichtete (FHG I 352); vgl. Schol. Apoll. Rh. II 946. Skymn. 941. Iustin II 4. A. Klügmann Philol. XXX 549f.; Die Amazonen 29). Auf dem griechischen Festlande spielen die Amazonen in den Gründungssagen der Städte keine Rolle, sondern die Überlieferungen von ihnen knüpfen hier fast ausschliesslich an Grabhügel und Totenmale an. In dieser Hinsicht kommt vor allem Attika in Betracht, das besonders reich an Amazonentraditionen ist, ferner Thessalien (Plut. Thes. 27: τάφοι γὰρ αὐτῶν ἔτι καὶ νῦν δείκνυνται περὶ τὴν Σκοτουσαίαν καὶ τὰς κυνὸς κεφαλάς), Boiotien (Chaironeia, Steph. Byz. s. Ἀμαζόνειον. C. Wachsmuth Stadt Athen I 416), Megara (Paus. I 41, 7. Plut. Thes. 27. v. Wilamowitz Eurip. Herakles I 302), der Peloponnes (Troizen, Paus. II 31, 4. 32, 9; Pyrrichos in Lakonien, Paus. III 25, 3), Euboia (Chalkis, Plut. Thes. 27. Wachsmuth a. a. O. 415, 4). Auch nach Unteritalien sind die Sagen, in denen die Amazonen als eponyme Heroinen eine Rolle spielen, hinübergewandert (Steph. Byz. s. Ἀμαζόνες. Lykophr. 993).

In der nachhomerischen Zeit sind es vornehmlich drei geschlossene Sagencomplexe, die der Dichtung und bildlichen Kunst den Stoff zu Darstellungen liefern:

1) Achilleus und Penthesileia.

Nach dem Excerpt des Proklos aus Arktinos [1759] Aithiopis soll die thrakische Amazonenfürstin Penthesileia, eine Tochter des Ares, den Troern zu Hülfe gekommen und von Achilleus getötet worden sein. Wir kennen die Einzelheiten dieser Sage blos durch Dichtungen der späteren Epiker (Quintus Smyrnaeus, Tzetzes Posthomerica u. a.) und eine grosse Fülle bildlicher Darstellungen. Vgl. im allgemeinen Welcker Ep. Cyclus II 169ff. v. Wilamowitz Hom. Unters. 407, 5. E. Bethe Herm. XXVI 597. C. Robert Bild und Lied 111; Berliner Winckelmannsprogramm 1891, 28ff.; Die antiken Sarkophagreliefs II 76ff. G. Loeschcke Bonner Studien (Berlin 1890) 255ff.

2) Die Amazonenabenteuer des Herakles.

Der Zug des Herakles an den Thermodon oder in das Skythenland, um den Gürtel der Amazonenkönigin nach Argos für Hera oder ihre Priesterin Admeta, die Tochter des Eurystheus, zu holen, gehört einer alten Sagendichtung an, die uns nur noch in jüngeren Gestaltungen vorliegt. Vgl. Eurip. Herakl. 408ff. Apollod. II 5, 3ff. Apoll. Rh. II 967. Schol. Pind. Nem. III 38. Valer. Flacc. V 132ff. Diod. IV 16. Paus. I 2, 1. Preller-Plew Griech. Mythol. II 238. v. Wilamowitz Eurip. Herakles I 302. II 133. 135. Die Sagen wechseln, nach denen Herakles entweder allein oder in Gesellschaft mit einer Schar auserlesener griechischer Sagenhelden den Zug gegen die Amazonen unternimmt. Vgl. Klügmann Amazonen 15ff.; Roschers Lexikon I 268. Als Amazonenkönigin, deren Gürtel Herakles im Auftrage des Eurystheus erwerben soll, wird bald Hippolyte, bald Melanippe genannt. Die Kämpfe des Herakles mit den Amazonen dienten den späteren Dichtern und Historikern als beliebtes Mittel, um die Anwesenheit oder Abwesenheit der Amazonen in verschiedenen Gegenden Asiens zu motivieren. Auch die Gründungs- und Eponymiesagen vieler kleinasiatischer Städte und Ortschaften fussen auf den Sagen von der Bekämpfung der Amazonen durch Herakles. Die Coloniegründungen der Milesier und Megarer am Pontos liefern uns einen Zeitpunkt für die Entstehung der Sage von den Amazonenkämpfen des Herakles am Thermodon. Es ist beachtenswert, dass weder Homer noch Hesiod etwas von diesen Kämpfen wissen. Für die Kenntnis derselben bieten namentlich die bildlichen Darstellungen eine wichtige Ergänzung der litterarischen Tradition (s. u. im archaeologischen Teil). Über das Verhältnis des Herakles zur Lyderfürstin Omphale weiter unten.

3) Die attische Amazonensage.

Die Grundzüge dieser in sehr verschiedenen Fassungen erhaltenen Sage bilden der Kriegszug des Theseus in das Amazonenland und der Rachezug der Amazonen nach Attika. Theseus raubt die Amazonenkönigin Antiope (als Name derselben wird auch Hippolyte, Melanippe und Glauke genannt) und wird deswegen von den Amazonen in Athen bekriegt, bis er sie nach hartnäckigem Widerstande überwindet. Der Zug des Theseus nach Asien und der Raub der Amazonenfürstin sind eine offenbare Doppelung des Heraklesabenteuers, doch ist es schwer zu entscheiden, welche der beiden Heldenfiguren die ursprüngliche ist, ob die Dorer die Sage den Ionern entnommen und auf ihren Herakles übertragen haben, oder ob Theseus als Erbe und Nachfolger des Herakles anzusehen ist. Es scheint, [1760] dass in der Fassung, die beide Heroen den Zug ins Amazonenland gemeinschaftlich unternehmen lässt, bereits ein Ausgleichungsversuch der beiderseitigen Sagenanrechte gemacht worden ist (Hegias von Troizen bei Paus. I 2, 1. Philochoros frg. 49 bei Plut. Thes. 26). Nach einer anderen Sagenwendung erscheinen als Gefährten des Theseus Peirithoos und Phorbas (Pind. frg. 161. Pherekydes frg. 108 und mehrere Vasendarstellungen), die auch an anderen Abenteuern des Helden Anteil haben. Vgl. die im einzelnen sehr variierenden Fassungen der Sage bei Plut. Thes. 26–38. Eurip. Herakles 217. Diod. IV 16. Isokr. XII 193. Lykophr. 1324. Istros bei Athen. XIII 557 A. Jahn-Michaelis Griech. Bilderchroniken 73. Schol. Arist. Panath. 118. Klügmann Die Amazonen 21ff. v. Wilamowitz Eurip. Her. I 302. Corey De Amazonum antiquissimis figuris (Berlin 1891) 45ff. E. Prigge De Thesei rebus gestis 5ff. Durch die neuen Apollodorfragmente ist die Sage von Theseus und der Amazone um einen neuen Zug bereichert worden, der in der bisherigen Überlieferung (Plut. Thes. 28) nur unvollkommen angedeutet war. Bei Gelegenheit der Hochzeitsfeier des Theseus mit der Minostochter Phaidra kommt es zu einem Aufstande der in Athen weilenden Amazonen, der durch die Eifersucht ihrer Königin, die Theseus vor der Kreterin geehelicht hatte, hervorgerufen wird. Der Vorfall wird in der Epitome Vaticana (ed. Wagner Leipzig 1891) XIX 2ff. mit folgenden Worten beschrieben: ἦν δὲ Ἱππολύτη ἡ τοῦ Ἱππολύτου μήτηρ, ἣ καὶ Γλαύκη καὶ Μελανίππη· αὕτη γὰρ ἐπιτελουμένων τῶν γάμων Φαίδρας, ἐπιστᾶσα σὺν ὅπλοις ἅμα ταῖς μεθ’ ἑαυτῆς Ἀμαζόσιν ἔλεγε κτείνειν τοὺς συνανακειμένους Θησεῖ· μάχης οὖν γενομένης ἀπέθανεν, εἴτε ὑπὸ τῆς συμμάχου Πενθεσιλείας ἀκούσης, εἴτε ὑπὸ Θησέως, εἴτε ὅτι οἱ περὶ Θησέα, τὴν τῶν Ἀμαζόνων ἑωρακότες ἐπιστασίαν, κλείσαντες διὰ τάχους τὰς θύρας καὶ ταύτην ἀπολαβόντες ἐντὸς ἀπέκτειναν. Dieselbe Erzählung steht in etwas veränderter Fassung in den Fragmenta Sabbaitica (Papadopulos Kerameus Rh. Mus. XLVI 1891, 184): ἔχων δὲ ἐκ τῆς Ἀμαζόνος παῖδα Ἱππόλυτον λαμβάνει μετὰ ταῦτα παρὰ Δευκαλίωνος Φαίδραν τὴν Μίνωος θυγατέρα, ἧς ἐπιτελουμένων τῶν γάμων Ἀμαζὼν ἡ προγαμηθεῖσα Θησεῖ τοὺς συγκατακειμένους σὺν ταῖς μεθ’ ἑαυτῆς Ἀμαζόσιν ἐπιστᾶσα σὺν ὅπλοις κτείνειν ἔμελλεν· οἱ δὲ κλείσαντες διὰ τάχους τὰς θύρας ἀπέκτειναν αὐτήν· τινὲς δὲ μαχομένην αὐτὴν ὑπὸ Θησέως λέγουσιν ἀποθανεῖν. Diese Version der Sage stammt, wie aus Plut. Thes. 28 hervorgeht, aus einer Theseis (ἣν ὁ τῆς Θησηΐδος ποιητὴς Ἀμαζόνων ἐπανάστασιν γέγραφε, Θησεῖ γαμοῦντι Φαίδραν τῆς Ἀντιόπης ἐπιτιθεμένης καὶ τῶν μετ’ αὐτῆς Ἀμαζόνων ἀμυνομένων καὶ κτείνοντος αὐτὰς Ἡρακλέους περιφανῶς ἔοικε μύθῳ καὶ πλάσματι; vgl. E. Prigge De Thesei rebus gestis 12ff. R. Wagner Rh. Mus. XLVI 1891, 394). Die bei Plutarch (Thes. 28) erwähnte Mitwirkung des Herakles bei der Bezwingung der Amazonen wird von A. Klügmann (Die Amazonen 19) auf seine Eigenschaft als ἀλεξίκακος zurückgeführt, in der er in Athen kultliche Verehrung genoss. Das in der Theseis verwertete Sagenmotiv von der durch die neue Ehe des Theseus erweckten Eifersucht der Amazone stimmt [1761] schön zu der bei Pausanias (I 2, 1) erhaltenen Fassung, dass Antiope bei der Belagerung Themiskyras durch Theseus und Herakles aus Liebe zum ersteren die Stadt den Griechen übergeben habe. Wie hier Theseus, so erscheint dort Herakles als Überwinder und Erretter. Die Entsühnung heischende Mordthat der Penthesileia hängt wohl mit der Localisierung der Amazonensage am Areopag zusammen (vgl. Epit. Vat. 19). Der Einfall der Amazonen in Attika wird in der Sage als eine Folge des Raubes der Amazone durch Theseus dargestellt. Was von beiden ursprünglich älter ist, der Zug des Theseus nach Themiskyra und die Gewinnung der Amazone oder der Einfall der Amazonen in Griechenland, das wird sich schwerlich bestimmen lassen. Jedenfalls liegen der Sage von dem Überfall der asiatischen Kriegerinnen historische Thatsachen zu Grunde, die wir in frühe Zeiten hinaufrücken müssen. Vgl. v. Wilamowitz Eur. Herakles I 302: ‚Die Amazonen sind in der Theseussage zunächst Gegner, die nicht aufgesucht werden, sondern selbst kommen, weshalb der Ort des Kampfes auch Troizen selbst und Athen ist. Auch die asiatischen Amazonen überfallen die Griechenstädte oder ziehen wider sie vor Ilios. Man ist also verpflichtet, wirklich in diesen Traditionen den Reflex von Angriffen fremder Völker, über deren Nation nichts feststeht, auf die Küsten des saronischen Meeres zu sehen, weshalb denn auch Amazonengräber bei Megara liegen, demselben Megara, das Minos so gut wie Athen bezwungen hat.‘ Was uns die attischen Redner in ihren exaltierten Declamationen von der Amazoneninvasion berichten (Ps.-Lysias Epitaph. 4ff. Ps.-Dem. Epitaph. 8. Isokr. Panegyr. 68ff.) beruht zum Teil auf verschwommenen Reminiscenzen an die Perserkriege; vgl. E. Prigge De Thesei reb. gestis 19ff. Wenn Prigge (a. a. O. 15ff.) jedoch behauptet, dass die attische Amazonensage durch die Perserkriege ins Leben gerufen sei, und er in dieser Sage nur eine mythische Widerspiegelung jenes historischen Ereignisses sehen will (S. 17: Itaque breviter dicere possumus, nostram fabulam esse imaginem bellorum Persicorum), so ist er auf einen Abweg geraten und verkennt das Wesen der Sage ebenso sehr, wie das der Überlieferung. Denn es ist ganz undenkbar, dass Aischylos (Eumen. 688ff.), der Marathonkämpfer und Dichter des Perserdramas, Pindar (frg. 161) und Herodot (IX 27) die Mederinvasion bereits in eine Amazoneninvasion umgesetzt haben sollten. Das einzige Bindeglied zwischen den Persern und Amazonen, die gemeinsame asiatische Heimat, genügt nicht, diese Hypothese zu befürworten (vgl. Prigge a. a. O. 19). Die bekannte Nachricht (Plut. Thes. 27) über die Stiftung der Boedromienfeier der Athener lehrt nur, dass sich hier wie auch sonst häufig die legendarische Veranlassung eines alten Siegesfestes im Laufe der Geschichte verschoben hat. Sie lehrt aber ferner auch, dass die Sage, die Boedromien seien zur Feier des Amazonensieges der Athener begangen worden, älter sein muss, als die heortologische Verbindung des Boedromienfestes mit dem Marathonsiege, denn es ist nicht möglich, anzunehmen, dass in einer Zeit, als diese Verbindung geschaffen war und feststand, noch eine Concurrenzlegende [1762] hätte aufkommen können, die an Stelle der Perser die Amazonen einsetzte. Auch weist das an den Boedromien stattfindende Artemisopfer darauf hin, dass die Verbindung dieses Festes mit der Amazonensage alt ist und die letztere nicht ihre Entstehung einer mythisierenden Nachwirkung der Perserkriege verdanken kann.

Die Belagerung Athens durch die asiatischen Kriegerinnen wird im einzelnen sehr verschieden erzählt (vgl. v. Wilamowitz Kydath. 100). Die Localisierung derselben auf dem Areopag ist durch ihre kultlich-mythologische Verbindung mit Ares gegeben. Aischylos (Eum. 688ff.) lässt sie den Hügel im Angesichte der Burg zu einer Gegenfestung umgestalten und sagt, dass der Felsen von dem Opfer, das die Amazonen hier ihrem Ahnherrn darbrachten, seinen Namen erhalten habe (692 Ἄρει δ’ ἔθυον, ἔνθεν ἐστ’ ἐπώνυμος πέτρα πάγος τ’ Ἄρειος); vgl. Et. M. s. Ἄρειος πάγος. Eustath. Dion. 653. Der von den Amazonen befestigte Aresfelsen ist der Ausgangspunkt des Angriffes, der auf die Burg gerichtet war. Wir begegnen derselben Verbindung in der verwandten Sage von Troizen, wo die Amazonomachie ebenfalls an den Kultort des Ares geknüpft ist (Paus. II 32, 9 πρὸ δὲ τοῦ χωρίου τούτου ναός ἐστιν Ἄρεως, Θησέως καὶ ἐνταῦθα Ἀμαζόνας μάχῃ κρατήσαντος). Das ist zu berücksichtigen, wenn man die Verbindung zwischen Ares und den Amazonen nur aus ihrem kriegerischen Charakter folgern und erklären will (Wachsmuth Stadt Athen I 427). Es ist allerdings richtig, dass der Areopag ‚durch seine Lage die natürliche und einzige Angriffsbasis gegen die Burg bot‘ (U. Köhler Herm. VI 105), die auch von den Persern ausgenutzt wurde (Herod. VIII 52), aber das allein genügt nicht, um die Localisierung der Amazonensage auf diesem Hügel zu motivieren, denn die Wege, welche die Sage geht, werden nicht durch praktische Gesichtspunkte bestimmt. Es wird sich schwerlich entscheiden lassen, ob der Kultus des Kriegsgottes sich an den Hügel vor dem Aufgang zum Burgfelsen angeschlossen hat, weil an denselben die Sage von einer gewaltigen Kriegsthat eines fremden Erobererstammes anknüpfte, oder ob die Sage die Kämpfe der asiatischen Kriegerinnen an diesen Ort verlegte, weil der mythische Vater derselben an ihm seit alters verehrt wurde. Wir sehen nur den Ausgang einer längeren Entwickelung, die sich nicht in ihrer ganzen Ausdehnung auf attischem Boden vollzogen hat. Da greift bereits alles passend in einander. Dass das Kriegervolk der Amazonen Ares zum Stammvater hat, ist ebenso natürlich und folgerichtig, wie dass des Kriegsgottes Töchter Kriegerinnen sind. Die athenische Sage lässt sie die Höhe, die dem Kultus des Ares geweiht war, einnehmen und befestigen, um von hier aus die Akropolis zu belagern. Aesch. Eum. 688ff. Apollod. frg. Sabb. 184. Wagner Rh. Mus. XLVI 1891, 394. Der Angriff der Amazonen wird von dem attischen Nationalhelden Theseus siegreich zurückgeschlagen, der die fremden Kriegerinnen nach hartem Kampf vernichtet. Über den Schauplatz und Verlauf der athenischen Amazonenkämpfe besitzen wir eine sehr umfangreiche antike und moderne [1763] Litteratur, die hier nicht im einzelnen erörtert werden kann. Am eingehendsten hat sich im Altertum mit dieser Frage der Atthidograph Kleidemos beschäftigt, dessen Bericht uns im Leben des Theseus bei Plutarch (27) erhalten ist. Derselbe lässt in Übereinstimmung mit Aischylos den Angriff der Amazonen von Westen her gegen die Burggemeinde stattfinden, die durch das Eingreifen der benachbarten Stadtgemeinden gerettet wird. Nach Kleidemos stand der linke Flügel der Amazonen πρὸς τὸ νῦν καλούμενον Ἀμαζόνειον, der rechte πρὸς τὴν Πνύκα beim Heiligtum der Chrysa (κατὰ τὴν Χρύσαν). Über Chrysa lehrt uns die attische Sagen- und Localgeschichte sonst nichts. Vgl. C. Wachsmuth Stadt Athen I 422ff. II 254. Aber es ist in diesem Zusammenhange beachtenswert, dass eine Sage Chrysa als Geliebte des Ares kennt (Paus. IX 36, 1. Steph. Byz. s. Φλεγύα). Die Lage ihres Heiligtums auf dem Pnyxfelsen wird man als gesichert ansehen dürfen. Dagegen werden wir das Amazoneion, den Aufstellungsort des linken Flügels der Angreiferinnen, von der Ἀμαζόνων ἕδρα σκηναί τε am Areopag nicht trennen können. Vgl. Aesch. Eum. 688ff. Diod. IV 28. Harpokr. Steph. Byz. s. Ἀμαζόνειον. Lolling Handb. d. Altertumsw. III 330, 3. W. Judeich Jahrb. f. Philol. 1890, 736f. Den Angriff der von Theseus geführten Athener lässt Kleidemos vom Musenhügel aus geschehen (Plut. Thes. 27 μάχεσθαι δὲ πρὸς τοῦτο τοὺς Ἀθηναίους ἀπὸ τοῦ Μουσείου ταῖς Ἀμαζόσι συμπεσόντας). Durch diesen Flankenangriff werden die Amazonen zurückgeworfen, doch ermannen sie sich von neuem, und die Schlacht dauert fort, an verschiedenen Punkten, bis endlich die Athener den Sieg davontragen. Auch das Palladion, der Ardettos und das Lykeion werden in den Schlachtbericht des Kleidemos verflochten (Plut. a. a. O. ἀπὸ δὲ Παλλαδίου καὶ Ἀρδηττοῦ καὶ Λυκείου προσβαλόντας ὤσασθαι τὸ δεξιὸν αὐτῶν (τῶν Ἀμαζόνων) ἄχρι τοῦ στρατοπέδου καὶ πολλὰς καταβαλεῖν). Es ist klar, dass die noch später vorhandenen Amazonengräber und Amazonenstätten den attischen Localhistorikern als Gesichtspunkt für die Anordnung der Schlacht dienten, und dass die uns erhaltene Beschreibung des Schauplatzes der Amazonomachie nichts anderes ist, als ein künstlicher Versuch, in die über die Stadt zersteuten Amazonenlocale einen historischen Zusammenhang zu bringen. Auch hier ist die für die athenische Stadtgeschichte so wichtige und verhängnisvolle Doppelung der Stätten im Nordwesten und Südosten des antiken Stadtgebietes zu beachten, die Wiederholung derselben Kulterinnerungen und Kultmale in Melite und an den Ufern des Ilisos. So finden wir das Amazoneion im Nordwesten beim Aeropag, die τάφοι τῶν πεσόντων περὶ τὴν πλατεῖαν τὴν φέρουσαν ἐπὶ τὰς πύλας παρὰ τὸ Χαλκώδoντoς ἡρῷoν, ἃς νῦν Πειραικὰς ὀνομάζουσιν, den τόπος παρὰ τὸ Θησεῖoν, ὅνπερ Ὁρκωμόσιoν καλοῦσιν und andererseits die im Südosten des Stadtgebietes befindliche Ἀμαζoνὶς στήλη, die der Amazonenfürstin Antiope errichtet worden war (Plut. Thes. 27 ἔνιοι δέ φασι μετὰ τοῦ Θησέως μαχομένην πεσεῖν τὴν ἄνθρωπον ὑπὸ Μολπαδίας ἀκοντισθεῖσαν καὶ τὴν στήλην τὴν παρὰ τὸ Γῆς Ὀλυμπίας ἱερὸν ἐπὶ ταύτῃ κεῖσθαι; vgl. Paus. I 2, 1. Plat. Axioch. 364). [1764] Moderne Litteratur zur Topographie der Amazonomachie: C. Wachsmuth Stadt Athen I 415ff. 447ff. II 254. U. Köhler Hermes VI 105. Klügmann Die Amazonen 31ff. v. Wilamowitz Kydathen 100. Lolling Handb. d. Altertumswiss. III 330. E. Curtius Stadtgeschichte von Athen (Berlin 1891). N. Wecklein Sitz.-Ber. der Münch. Akad. 1887, 89. W. Judeich Jahrb. f. Philol. 1890, 736f. R. Wagner Rh. Mus. XLVI 1891, 393f. E. Prigge De Thesei rebus gestis 13ff.

Beziehungen der Amazonen zum Kultus und zu bestimmten Gottheiten.

Die Gottheiten, mit deren Kult und Mythen die Amazonen am engsten verwoben waren, sind Ares und Artemis. Ares wird als ihr gemeinsamer Stammvater bezeichnet, und viele Amazonenfürstinnen, deren Namen uns überliefert sind, werden von ihm abgeleitet, so z. B. Penthesileia, die kriegerische Heerführerin der Aithiopis. Im schwarzen Meere war eine Insel dem Ares heilig, auf der die Amazonen ihrem Ahnherrn einen Tempel errichtet hatten (Apoll. Rh. II 387). In Athen schlagen die Amazonen ihren Sitz auf dem Aresfelsen auf, der durch zahlreiche Traditionen mit ihnen verknüpft ist. Die athenische Sage berichtet auch von weissen Pferden, die die Amazonen dem Ares als Opfer dargebracht hätten (Schol. Arist. Lysistr. 191). In diesem Zusammenhang ist die Thatsache beachtenswert, dass in Argos Ares als θεὸς γυναικῶν verehrt wurde (Luc. Amor. 30), und dass in Tegea dem Ares Γυναικοθοίνας ein Frauenfest gefeiert wurde, von dem die Männer ausgeschlossen waren (Paus. VIII 48, 3). Als Mutter der Amazonen wird von Pherekydes (Schol. Apoll. Rh. II 990) die pontische Nymphe Harmonia, von anderen Athene bezeichnet (Nikolaos Progymnasmata VI 11; vgl. Diod. III 71. Stat. Theb. XII 531). Noch enger als mit Ares sind die Amazonen mit Artemis verbunden, in deren Kultsagen sie eine bedeutende Rolle spielen. Es ist vor allem die grosse Göttin von Ephesos, in deren Gefolge die mythischen Kriegerinnen des Nordens erscheinen, die ihr Heiligtum an der Mündung des Kaystros stiften und daselbst ihren Kult begründen. Vgl. Preller-Robert Griech. Mythol. I 329. Diodor nennt sie die Jagdgenossinnen der Artemis (IV 16) und lässt sie der nordischen Artemis Tauropolos Opfer darbringen (II 46; vgl. Strab. XIV 639. Stadiasmus mar. magni Geogr. Gr. min. I 499). In der lakonischen Stadt Pyrrichos wurde Artemis unter dem Beinamen Astrateia verehrt und die Stiftung ihres Kultbildes den Amazonen zugeschrieben (Paus. III 25, 3). Vgl. S. Wide Lakonische Kulte (Lpz. 1893) 94. Die enge Verbindung der Amazonen mit der Todes- und Grabesgöttin ist aus ihrem mythischen Wesen zu erklären, denn wie Artemis, so sind auch sie todbringend und männermordend, und hiermit wird es zusammenhängen, dass die Erinnerungen an die Amazonen vornehmlich an Gräberkulte und Grabmäler geknüpft sind. Überhaupt treten allenthalben in der Amazonenmythologie die Beziehungen zum Tode besonders stark hervor und liefern uns eine wichtige Handhabe für die Erkenntnis und Beurteilung ihrer mythischen Natur. Das Verhältnis der Amazonen zu Apollon ist dunkel und scheint kein sehr enges gewesen zu sein. [1765] In der Stadt Pyrrichos in Lakonien wurde neben der Artemis Astrateia ein Apollon Amazonios verehrt, dessen Kultbild ebenfalls von den Weibern vom Thermodon gestiftet sein sollte (Paus. III 25, 3). Vgl. S. Wide a. a. O. 94. Aus Pind. Ol. VIII 46f. ersehen wir, dass Apollon den Amazonen gewogen ist, doch erscheint er andererseits als Beschützer der griechischen Helden in ihren Kämpfen gegen die Amazonen (vgl. den Fries des Apollotempels bei Phigaleia. Macrob. Sat. I 17, 18. Klügmann Die Amazonen 95). Als Herakles seinen Zug nach dem Thermodon glücklich beendet hatte, weihte er die Beute dem Apollon zu Delphi (Eurip. Ion 1145ff.). Die aiolische Stadt Gryneia soll ihren Namen von der Amazone Gryne erhalten haben, die Apollon hier vergewaltigt hatte (Serv. Aen. IV 325). Wie das Verhältnis des Apollon zu den Amazonen in der Sage bald als ein freundliches bald als ein feindliches erscheint, so ist auch das Verhältnis des Dionysos zu den Weibern ein wechselndes, bald werden sie von ihm bekämpft und vernichtet, bald einigt er sich mit ihnen in Liebe und Leidenschaft. Vgl. Plut. quaest. graec. 56. Paus. VII 2, 7. Tac. Ann. III 61. Diod. III 66. 71. 74. Seneca Oedip. 479 (der die Weiber vom Thermodon in Mainaden verwandelt werden lässt). Polyaen I 1, 3. Sarkophagrelief in Cortona: Arch. Ztg. 1845 Taf. 30. Heydemann Hall. Winckelmannspr. 1879, 111. B. Gräf De Bacchi exp. Indica (Berlin 1886) 49ff. Auch die Sage, dass Dionysos als Mädchen aufgezogen worden sei und Weiberkleider getragen, gehört wohl in diesen Zusammenhang. Über den Kultus der Amazonen wissen wir wenig. Es liegt nahe, anzunehmen, dass derselbe sich auf Gräberkultus beschränkt hat und man ihnen an ihren Totenhügeln wie Heroen geopfert hat. Aus Athen wissen wir, dass hier im Monat Pyanopsion vor dem Theseusfeste eine Opferfeier für die Amazonen abgehalten wurde (Plut. Thes. 27 ἥ τε γινομένη πάλαι θυσία ταῖς Ἀμαζόσι πρὸ τῶν Θησείων).

Der Name der Amazonen hat schon im Altertum sehr verschiedene Deutungsversuche hervorgerufen, aus denen wir über die Natur und das mythische Wesen derselben nichts lernen. Auf Grund der verschiedenen Etymologien sind eine Reihe aitiologischer Sagenversionen entstanden, die sich hinsichtlich ihrer Abgeschmacktheit ziemlich die Wage halten. Die einen sagten, die Amazonen wären infolge ihrer starken Brüste so genannt worden, die anderen, man hätte ihnen, als sie noch Mädchen waren, die eine oder auch beide Brüste verstümmelt, damit sie den Bogen besser spannen könnten, andere leiteten den Namen davon ab, dass die Amazonen nicht an der Brust gesäugt worden seien. Vgl. Diod. II 45. III 53. Schol. Il. III 189. Iustin II 2. Curtius VI 5, 28. Apollod. II 5, 9. Arrian. Anab. VII 13, 2. Philostr. Heroic. XX 42. Andere Ableitungen des Namens samt den dazugehörigen Sagen bei Herodian I 28 Lentz. Steph. Byz. Schol. Aesch. Prom. 726. Et. M. 75, 45. Von Einzelnamen der Amazonen ist uns eine grosse Menge überliefert. Vgl. Pott Kuhns Zeitschr. VIII 425ff. A. Klügmann Amazonen 9ff.; Roschers Myth. Lex. 270ff. Ebensowenig wie durch den Namen wird das Wesen und der Ursprung der Amazonen [1766] durch die Epitheta aufgehellt, die ihnen die Dichter beilegen. Doch sind einige derselben für die Erkenntnis ihres mythischen Charakters immerhin von Wichtigkeit. In der Ilias (III 189. VI 186) werden die Amazonen ἀντιάνειραι genannt, was nach der Auffassung der einen (Aristarchos) ‚männergleich‘, nach der anderer ‚männerfeindlich‘ bedeutet. Vgl. Schol. und Eustath. zu Il. III 189. VI 186. Pind. Ol. XII 16 (Antianeira kommt auch als Name einer einzelnen Amazone vor). Der feindliche Gegensatz der Amazonen zu dem männlichen Geschlecht wird auch durch das aischyleische Beiwort στυγάνορες (Prom. 726) und das herodoteische ἀνδροκτόνοι (IV 110) ausgedrückt. Ferner wird an den Amazonen die Schnelligkeit und Geschicklichkeit im Springen hervorgehoben (Hom. Il. II 814 πολύσκαρθμος Μυρίνη), während jüngere Schriftsteller von ihren Reigen- und Chortänzen zu berichten wissen (Stat. Ach. II 84. Kallimachos im Schol. Theokr. XIII 25; Hymn. auf Artem. 237ff.). Im allgemeinen ist zu bemerken, dass die den Amazonen beigelegten Epitheta das Kriegerische und Männerfeindliche als Grundzug ihres Charakters erkennen lassen.

Es ist im Eingange darauf hingewiesen worden, dass die Frage nach dem Ursprung und dem Wesen der Vorstellungen, die der antiken Überlieferung über die Amazonen zu Grunde liegen, noch nicht gelöst ist. Ebensowenig ist es ermittelt worden, weshalb die Sagen von der Anwesenheit der Amazonen an den betreffenden Stätten, an denen wir sie treffen, localisiert waren. Wir werden im folgenden sehen, dass beide Fragen aufs engste mit einander zusammenhängen und die Beantwortung der einen von der der anderen abhängig ist. Von einer Erörterung oder Widerlegung der zahlreichen modernen Deutungsversuche werden wir am besten absehen, denn dieselben sind meistenteils so unklar und verschwommen, dass sie sich selbst das Urteil sprechen. Man findet die ältere Litteratur, in der diese Versuche niedergelegt sind, bei A. Klügmann im Myth. Lex. I 275ff. aufgezählt. Es ist in erster Linie festzustellen, was sich das Altertum unter den Amazonen gedacht hat. Das Altertum hat sich unter ihnen zu allen Zeiten leibhaftige Menschen gedacht. Die Amazonen sind für die Alten ein ethnologischer Begriff, ein Menschenstamm aus der Fremde, mit Eigenschaften und Sitten, die der griechischen Nation fremd und ungewohnt waren. Die heutzutage geläufigen Anschauungen, die in den Amazonen das Gefolge einer grossen asiatischen Naturgottheit sehen, in deren Dienste sie wirken und deren Kultus sie als Hierodulen ausbreiten, oder sie für höhere mythische Wesen halten, die in erster Linie im Kultus eine Rolle spielen, diese und andere homogene Vorstellungen, die hier nicht wiedergegeben zu werden brauchen, stehen den antiken Zeugnissen und Anschauungen diametral entgegen. Die Amazonen nehmen vielmehr zum Kultus keine andere als eine ausübende Stellung ein; sie sterben alle, wie die Menschen, und werden nach ihrem Hinscheiden als Tote, wie auch viele unter den Menschen, durch Heroenopfer und Totenspenden geehrt. Die Gottheiten, die die Amazonen insonderheit verehren, sind [1767] Ares und Artemis; sie selbst geniessen bei Lebzeiten keinen Kultus, nur den üblichen Grabeskultus nach dem Tode. Sie sind veritable Menschen, aber Menschen mit anderen Sitten und Gewohnheiten ausgestattet, als sie den hellenischen Stämmen eigen sind. Während in historischer Zeit bei allen griechischen Völkern der Mann das Hauswesen verwaltete, den Staat regierte und den Krieg führte, thaten bei den Amazonen alles dieses die Frauen; wie bei den Hellenen das Verhältnis des Mannes zu der Frau auf der Liebe beruhte, so beruhte es bei den Amazonen auf dem Hasse, die asiatischen Weiber sind, wie Aischylos sagt, στυγάνορες. Der in der Geschichte der Menschheit so bedeutungsvolle Kampf zwischen den beiden Geschlechtern war bei den Amazonen zu Gunsten der Frauen ausgefochten worden, die Männer waren den γυναῖκες ἀνδροκτόνοι im Kampfe erlegen und seitdem ihre Knechte. Das ist die sehr reale Auffassung, die das Altertum von den Amazonen besessen und in der Litteratur niedergelegt hat. Woher hat es dieselbe gewonnen? Die Beantwortung dieser Frage ist für die Feststellung des Wesens und Kernes der Amazonensagen von weiter tragender Bedeutung, als man meist angenommen hat. Es ist beachtenswert, dass die lebendige Vorstellung von den kriegerischen Weibern Asiens im Geiste des griechischen Volkes nie erloschen ist, sondern bis in die hellste historische Zeit hinein fortgedauert hat. Wir hören während des Verlaufes der griechischen Geschichte wiederholt von kriegerischen Weiberstämmen am Pontos und im Innern Asiens, am ausführlichsten bei Gelegenheit der Eroberungszüge Alexanders d. Gr., und wir haben kein Recht, diese Nachrichten leichthin in das Reich der Fabel zu verweisen, sondern müssen sie im Lichte der Aufklärung betrachten, die der wunderbare Kriegszug Alexanders dem Abendlande über die Verhältnisse des Orients gebracht hat. Wenn auch die sagenhaften Wohnsitze der Amazonen bei den verschiedenen Schriftstellern im einzelnen vielfach schwanken, so stimmen doch die meisten derselben darin überein, dass dieses Kriegervolk aus den Landschaften am schwarzen Meere, dem Gebiete der Skythen, nach Kleinasien und von da weiter nach Europa vorgedrungen ist. Erst eine jüngere Überlieferungsschicht weist ihnen auch Sitze im fernen Süden, in Libyen, an. Beides ist kein Zufall, sondern beruht auf der historischen Thatsache, dass sich bei den Völkerstämmen dieser Gegenden analoge Zustände vorfanden und beobachten liessen, wie sie den Überlieferungen über die Amazonen der Vorzeit zu Grunde liegen. Es hat in diesen Gebieten noch in geschichtlicher Zeit thatsächlich Völker gegeben, bei denen die Weiber das Scepter über die Männer führten und das Staatswesen leiteten. Herodot (IV 110) erzählt uns von dem skythischen Stamme der Sauromaten, dass die Amazonen von denselben Oiorpatai d. h. Männermörderinnen (ἀνδροκτόνοι) genannt worden seien, und berichtet uns von der Verschmelzung der beiden Völkerschaften. Auch andere Züge, die wir an den Amazonen kennen, treffen auf diesen Stamm zu, dessen Sitze am schwarzen Meere (περὶ τὴν λίμνην τὴν Μαιῶτιν) lagen, z. B. die Verbreitung des Areskultus (Herod. IV 62), die [1768] Pferdeopfer (Paus. I 21, 6), von denen auch die athenische Amazonensage des 5. Jhdts. Reminiscenzen bewahrt hat (Aristoph. Lys. 191 u. Schol.), das Reiten (ίππάζεσθαι) und Tummeln der Rosse (Herod. IV 116. Aisch. frg. 198 Nauck². Hippokr. de aere 24). Die Folge und der Zweck der ἀνδροκτονία ist die γυναικοκρατεία, der Rechtszustand, der uns in den Amazonensagen allenthalben entgegentritt und der den Grundzug ihres mythischen Wesens ausmacht. Von den skythischen Sauromaten wird uns ausdrücklich überliefert, dass sie von Weibern beherrscht und infolge dessen γυναικοκρατούμενοι genannt würden (Ephoros bei Skymn. 885; vgl. Skylax Geogr. Gr. min. I 59 Σαυροματῶν δέ ἐστιν ἔθνος γυναικοκρατούμενον). Auch die Massagetenkönigin Tomyris, die vom Iaxartes gegen Kyros zu Felde zog, ist nichts anderes, als eine historische Amazonenfürstin (Herod. I 205ff. Ed. Meyer G. d. A. I 516). Dasselbe, was von den Weiberstaaten an den Ufern des Pontos gilt, trifft auch auf die südliche Sagenheimat der Amazonen zu, auf Libyen, von wo uns ähnliche Überlieferungen über die Sitten und Zustände des Landes übermittelt werden, wie aus dem Norden (Diod. I 27 von den Ägyptern: διὰ δὲ ταύτας τὰς αἰτίας καταδειχθῆναι μείζονος ἐξουσίας καὶ τιμῆς τυγχάνειν τὴν βασίλισσαν τοῦ βασιλέως, καὶ παρὰ τοῖς ἰδιώταις κυριεύειν τὴν γυναῖκα τἀνδρός, ἐν τῇ τῆς προικὸς συγγραφῇ προσομολογούντων τῶν γαμούντων ἅπαντα πειθαρχήσειν τῇ γαμουμένῃ; vgl. Soph. O. C. 337. Herod. II 35. IV 180. 193. Pind. Pyth. IX 123). Dieses Zusammentreffen wird niemand für Zufall halten. Die geschilderten Kulturzustände beschränken sich aber keineswegs auf die Länder des Nordens und Südens, in welche die Sage die Wohnsitze der Amazonen verlegt, sondern wir treffen auch noch in verschiedenen Gegenden Kleinasiens und auf den Inseln des aegeischen Meeres ähnliche Kulturverhältnisse und Rechtszustände, wie sie sich in den Amazonensagen wiederspiegeln. Einer der ältesten Sitze der Amazonensagen ist Lykien, wo die Weiber von dem griechischen Heros Bellerophon bekämpft werden (Hom. Il. VI 186). Die Gestalt dieses Helden ist in der Sage zum Träger verschiedenartiger Züge des altlykischen Kulturlebens geworden, z. B. wurde die xanthische Sitte des μὴ πατρόθεν ἀλλ’ ἀπὸ μητρῶν χρηματίζειν auf ihn zurückgeführt (Nymphis von Herakleia bei Plut. de mulier. virt. 9). In diesem Zusammenhange verstehen wir die auffällige Thatsache, dass Sarpedon, der Enkel des Bellerophon in mütterlicher Linie, vor Glaukos, dem directen Enkel desselben, bei der Erbfolge den Vorzug erhält (Eustath. Il. XII 101). Dazu stimmen die erbrechtlichen Bestimmungen, die uns von den Historikern aus Lykien berichtet werden: Λύκιοι τὰς γυναῖκας μᾶλλον ἢ τοὺς ἄνδρας τιμῶσι καὶ καλοῦνται μητρόθεν, τὰς δὲ κληρονομίας ταῖς θυγατρᾶσι λείπουσι, οὐ τοῖς υἱοῖς (Nicol. Damasc. FHG III 461). Wie uns Herodot mitteilt, nannten sich die Lykier noch zu seiner Zeit nicht nach ihren Vätern, sondern nach ihren Müttern (I 173 καλέουσι ἀπὸ τῶν μητέρων ἑωυτοὺς καὶ οὐκὶ ἀπὸ τῶν πατέρων· εἰρομένου δὲ ἑτέρου τὸν πλησίον τίς εἴη, καταλέξει ἑωυτὸν μητρόθεν καὶ τῆς μητρὸς ἀνανεμέεται τὰς μητέρας). Herakleides bezeichnet [1769] die im alten Lykien herrschenden Rechtszustände ausdrücklich als Gynaikokratie (15 νόμοις δὲ οὐ χρῶνται, ἀλλ’ ἔθεσι καὶ ἐκ παλαιοῦ γυναικοκρατοῦνται); vgl. O. Treuber Gesch. der Lykier (Stuttgart 1887) 120. Sehr ähnliche, auf matriarchalischem Princip beruhende familienrechtliche Zustände finden wir bei dem den Lykern benachbarten und nahe verwandten Volksstamm der Karer, der ehemals auch die der karischen Küste vorgelagerte Insel Kos inne hatte (Steph. Byz. s. Κῶς), aus der uns ein merkwürdiges inschriftlich überliefertes Namensverzeichnis erhalten ist, in dem eine lange Reihe von Personen aufgezählt wird, die auf Grund ihrer Abstammung in weiblicher Linie an einem bestimmten Kultus Anteil haben (Paton and Hicks Inscriptions of Cos, Oxford 1891, 368. Toepffer Athen. Mitt. XVI 412). Über andere die Stellung der karischen Frauen charakterisierende Eigentümlichkeiten vgl. Herod. I 146. Plut. quaest. graec. 58; de mulier. virtut. 7. Polyaen. VIII 64. Dasselbe gilt von der alten Bevölkerung Lydiens, die ebenfalls einst gynaikokratischen Principien gehuldigt hat (Athen. XII 515 τὰς ψυχὰς ἀποθηλυνθέντες ἠλλάξαντο τὸν τῶν γυναικῶν βίον διόπερ καὶ γυναῖκα τύραννον ὁ βίος εὕρετο αὐτοῖς). Lydien ist die Heimat der Sage, die den mythischen Bekämpfer der asiatischen Amazonen Weibertracht anziehen und der Königin Omphale Sklavendienste leisten lässt. Auch die Geschichte der Erbfolge der lydischen Herrscher lehrt, dass dieselbe wenigstens in der ältesten Zeit nach gynaikokratischen Grundsätzen gehandhabt worden ist. Zur Omphalesage vgl. v. Wilamowitz Herakles I 313ff. F. Cauer Rh. Mus. XLVI 1891, 244ff. K. Tümpel Philol. 1891, 607ff. Ähnliche matriarchalische Bestimmungen werden uns von den Lelegern und Tyrrenern überliefert, deren älteste Heimat ebenfalls an der Westküste Kleinasiens zu suchen ist. Es kann nicht Zufall sein, dass sich bei allen diesen Völkerstämmen, deren Wanderzüge am Eingang der griechischen Geschichte stehen, und die in der Ilias (X 428ff.) unter den Bundesgenossen eines kleinasiatischen Volksstammes aufgezählt werden, noch Einrichtungen und Sagenüberlieferungen nachweisen lassen, die von der Bedeutung und dem Einfluss zeugen, welche das Weib in jenem Zeitalter in weitem Umfange besessen und ausgeübt hat. Wir haben gesehen, dass fast alle Städte der Aiolis mit Amazonensagen verwoben sind, dass die Gründungslegenden der meisten Orte daselbst an Amazonenfürstinnen anknüpfen und dieselben als Stifterinnen ihrer Kult- und Gemeinwesen bezeichnen. In der Troas bei Ilion lag der Grabhügel der ältesten Amazonenfürstin, von der wir Kunde besitzen, der πολύσκαρθμος Myrine, deren Totenmal Homer uns geschildert hat (Il. II 811). Die an das Grab der Amazone anknüpfende Sage ist für uns verschollen. Nur der Name ist an einer Stadt der Aiolis haften geblieben, die nach dieser alten Amazonenkönigin benannt worden sein soll (Strab. XII 573). Doch kennen wir noch eine ältere Tradition, die den Namen der aiolischen Stadt Myrine von der lemnischen Königin dieses Namens, der Mutter der Hypsipyle, ableitete (Hekataios bei Steph. Byz. s. Μύρινα). Ohne Zweifel sind [1770] beide Eponymen ursprünglich mit einander identisch. Auch beruht die Anknüpfung der kleinasiatischen Stiftungssage an Lemnos schwerlich auf Zufall, sondern findet in den gleichartigen Einrichtungen und Verhältnissen beider Länder ihre historische Begründung. Die Sitten und Einrichtungen der asiatischen Ἀμαζόνες ἀνδροκτόνοι, bei denen die Männer geknechtet oder aus dem Wege geräumt waren, während die Weiber sich von Zeit zu Zeit mit fremden Männern gatteten, entsprechen auf das genaueste den Sagenschilderungen über die gynaikokratischen Institutionen der Lemnierinnen, die sich ihrer Väter und Gatten durch Mord entledigt hatten und seitdem die Herrschaft über die Insel führten. Es ist sehr bezeichnend, dass eine der älesten griechischen Sagen, die wir besitzen, die Argonautenfahrt, mit diesen Verhältnissen ausgesprochen rechnet und nur aus ihnen verständlich wird. Die Insel Lemnos ist infolge des furchtbaren Väter- und Gattenmordes ἀνδρῶν ἔρημος, und die hellenischen Argonauten vereinen sich hier mit den Weibern nach Amazonensitte (Apoll. I 9, 17 προσσχόντες γυναικοκρατουμένῃ τῇ Λήμνῳ μίσγονται ταῖς γυναιξίν). Wie die Königin Hypsipyle, die sich mit Erginos, dem Helden des thessalischen Orchomenos, im Wettkampfe misst, uns aufs lebhafteste an die πολύσκαρθμος Μυρίνη der Ilias erinnert, so sind auch die lemnischen Weiber der Sage, mit denen die Argonauten gleich nach ihrer Landung auf der Insel Wettkämpfe ausfechten, nichts anderes als ein ritterliches Amazonenvolk. Wie in der kleinasiatischen Amazonensage Dionysos als Gegner der Weiber auftritt und gegen sie zu Felde zieht, so erscheint er auch auf Lemnos in schroffem Gegensatze zu der daselbst herrschenden Gynaikokratie und als Beschützer seines Sprösslings Thoas vor der Wut der mordgierigen Weiber. Diese eigenartigen Sagenschöpfungen lassen sich nur auf historisch-ethnologischem Wege erklären. Während die griechische Historiographie in der Vorzeit alle möglichen Völkerschaften auf Lemnos hausen lässt, weist das Alphabet der von den Franzosen entdeckten, einer vorgriechischen Bevölkerung angehörigen Inschrift von Lemnos nach Phrygien, mit dessen Schrift es sich fast deckt (Kirchhoff Gesch. d. griech. Alphab.⁴ 54ff.). Bekanntlich lässt die Ilias (III 184ff.) Priamos als Bundesgenossen der Phryger gegen die Amazonen zu Felde ziehen. Wenn wir nun erwägen, dass alles dafür spricht, dass Thrakien die ursprüngliche Heimat der Phryger war (Ed. Meyer Gesch. d. Altert. I 299), so werden wir uns an die altthrakischen Sagen von der Tötung des Orpheus, Pentheus, Itys durch die rasenden Weiber erinnern und auch hier eine Parallele zwischen den Amazonen und den thrakischen Mainaden finden, die auf Vasenbildern genau im Typus der Amazonen dargestellt sind. Möglicherweise liegt hier die historische Verknüpfung, welche die männerfeindlichen Lemnierinnen mit den männermordenden Amazonen Kleinasiens verbindet. Aber auch andere Gestalten der alten Volkssage gehören in diesen Zusammenhang, z. B. die Λαφύστιαι γυναῖκες Thessaliens (Lykophr. 1237 u. Schol.) und die Minyerinnen, die am Agrionienfeste τὸν Διόνυσον ὡς ἀποδεδρακότα ζητοῦσιν (Plut. Symp. VIII prooem.). Fassen wir diese innerlich [1771] zusammenhängenden Erscheinungen auf dem Gebiete der Sagen- und Kulturgeschichte zusammen, so scheint es kaum zweifelhaft, dass die durch Kampf und Sieg erworbene Suprematie des Weibes noch als Erbe der Bevölkerung anzusehen ist, die in der Urzeit einen Teil der Inseln und Küsten des aegaeischen Meeres bewohnte, bis sie nach langem Ringen im Laufe der Jahrhunderte vom Hellenentum absorbiert wurde. Auch uns sind diese Völkerstämme fast nur aus den nachfolgenden Schichten, in denen sie langsam aufgegangen sind, kenntlich, vor allem aus den Aiolern und Ionern. Die Kultur, die wir an den ehemaligen Sitzen jener Völker und bei verwandten Volkssplittern noch treffen, ist vorhellenisch und den Griechen zu allen Zeiten als fremd und barbarisch erschienen. Sie reicht in eine Zeit, aus der uns keine zusammenhängende Geschichtsüberlieferung erhalten ist. Aber die Sagen lehren, dass diese Zustände und der Kampf um ihre Erhaltung oder Vernichtung einst tief das geistige Leben und Denken der Völker durchdrungen und leidenschaftlich bewegt haben. Die erhaltenen Amazonensagen sind ein Nachhall dieser Empfindungen. Wer sie verstehen und in ihrem Werden begreifen will, muss vor allem den Kreis erweitern, der den Begriff der mythologischen Amazonen meist zu umspannen pflegt, und auch die verwandten Erscheinungen auf den angrenzenden Kulturgebieten in denselben hineinziehen. Das konnte hier nur in beschränktem Umfange geschehen. Doch ist der Weg angedeutet worden, auf dem man vielleicht zu einer befriedigenden Lösung dieses historischen Problems gelangen kann.

II. Archaeologisch.

Darstellungen von Amazonen sind fast in allen Zweigen der antiken Kunst und des Kunsthandwerkes ungemein häufig. Zunächst scheint man sie rein decorativ ohne bestimmten mythologischen Zusammenhang verwendet zu haben, dann treten in verschiedenen Zeiten und Denkmälergattungen verschiedene Sagenkreise in den Vordergrund des Interesses, bis schliesslich der besondere Inhalt sich mehr und mehr verflüchtigt und die Darstellungen zum ‚mythologischen Ornament‘ werden. Die ältesten Darstellungen sind gesammelt und richtig angeordnet in der sorgfältigen Dissertation von A. Corey De Amazonum antiquissimis figuris, Berolini 1891. Aus seinen vollständigen und übersichtlichen Zusammenstellungen geht leider hervor, dass einige der gerade für die Chronologie wichtigsten Stücke nicht publiciert sind, im übrigen vgl. die oben angegebene Litteratur.

Die ältesten Spuren von Amazonendarstellungen weisen nach dem griechischen Osten: es sind das zunächst kleine Bronzefiguren von reitenden Bogenschützinnen, welche als Schmuck von Bronzeurnen dienen. Es sind bisher vier sämtlich in Italien gefundene Exemplare bekannt, drei abgebildet: Minervini Monumenti di Barone tav. A B = Ann. d. Inst. 1851 tav. A. Monum. d. Inst. V 25. Röm. Mitt. II 244. Dass sie in Cumae fabriciert sind, hat von Duhn nachgewiesen und vermutet, dass die Vorbilder dafür aus Chalkis stammen. Vgl. Ann. d. Inst. 1879, 129ff. Röm. Mitt. II 244. 269. 271. Das Bild einer chalkidischen Amphora, abgebildet und von Loeschcke [1772] besprochen Bonner Studien 256. kommt bestätigend hinzu, dargestellt ist ein Hoplit, welcher eine berittene Amazone verfolgt, sie schiesst mit dem Bogen im Fliehen nach rückwärts, ähnlich wie es die Bronzen zeigen. Loeschcke hat sie auf Achill und Penthesileia gedeutet. Die angeführten Denkmäler dürften kaum älter sein als die Mitte des 6. Jhdts., aber aus ihrer Übereinstimmung in der Darstellung der Amazone hat mit Recht Loeschcke (a. a. O. 256f.) dem Typus ein höheres Alter im Kreise altionischer Kunst zugewiesen. Von der Röm. Mitt. II Taf. IX abgebildeten Vase, welche von Duhn und Loeschcke in diesen Zusammenhang gezogen haben, sagt Dümmler (Röm. Mitt. II 186, 2) ausdrücklich, dass die Reiter männlich sind, also keine Amazonen darstellen, auch die von Loeschcke erwähnten noch unpublicierten Scherben aus Naukratis im British Museum stellen nach Corey 79 keine reitenden Amazonen vor. Da der Typus dieser reitenden Amazonen im Kreise altionischer Kunst auch ganz übereinstimmend für Männer sich verwendet findet, wenigstens auf zwei Denkmälern, der eben erwähnten Röm. Mitt. II Taf. IX abgebildeten Vase und den Bonner Studien 256, 20 erwähnten Bronzereliefs, und da die dargestellte Kampfesweise durch Herodot als die skythische bezeugt ist, so dürfen wir sogar annehmen, dass ursprünglich die skythischen Bogenschützen so dargestellt wurden und von ihnen der Typus erst auf die Darstellung der Amazonen als eines kriegerischen, den Skythen benachbarten Weibervolkes übertragen worden ist.

Eine andere vereinzelte Amazonendarstellung aus dem Kreise ionischer Kunst mag hier angeschlossen werden, eine knieende Bogenschützin mit hoher spitzer Mütze, welche in den Zweikampf zweier Hopliten eingreift, auf dem Bruchstück einer Amphora aus Daphnae in Ägypten. Das Stück befindet sich im British Museum und soll in den Antiken Denkmälern des archaeologischen Instituts veröffentlicht werden.

Als die ältesten erhaltenen Amazonendarstellungen darf man einige altattische schwarzfigurige Vasen ansehen, die etwa in den Anfang 6. Jhdts. hinaufreichen mögen. Die ältesten sind unpubliciert. Ohne Andeutung eines bestimmten Mythus finden sich auf schwarzfigurigen Vasen späteren Stils, deren Typen die rotfigurige Malerei übernommen und weitergebildet hat, Amazonen in fast allen Situationen, in denen griechische Hopliten dargestellt zu werden pflegen (Corey 49, Cap. III), sich rüstend, kämpfend, fliehend, mit Pferden und Wagen beschäftigt, fahrend, reitend, zu Wagen und zu Pferde kämpfend. Hervorzuheben ist die Amazone, welche ihr Pferd niederknieen lässt, um aufzusteigen: Stephani Compte rendu 1864, 5. Über die Abrichtung der Pferde zum Knieen hat O. Benndorf gehandelt (Das Heroon von Gjölbaschi-Trysa 140f.) und die Darstellung knieender Pferde in mehreren Amazonenkämpfen nachgewiesen. Ganz bedeutungslos werden zwei reitende Amazonen symmetrisch zu beiden Seiten einer beliebigen Darstellung (Amazonenkampf, Heraklesthat, Athena und Gigant) angebracht, ebenso wie auch zwei auf ithyphallischen Maultieren reitende Maenaden mit Dionysos auftreten; beide Schemata bedürfen noch einer gemeinsamen zusammenhängenden Untersuchung: es finden sich bisher nur ganz flüchtige Malereien, [1773] fast ausschliesslich auf Lekythen. Solche Lekythen mit reitenden Amazonen sind aber bereits im Grabe der Marathonkämpfer gefunden. Die Amazonen tragen die übliche Hoplitentracht, im späteren schwarzfigurigen Stil tragen sie fast regelmässig den Helm mit hohem Busch. Allmählich dringt schon in der schwarzfigurigen Malerei, also etwa um die Mitte des 6. Jhdts., die skythische Tracht ein; sie findet sich auf rotfigurigen Vasen überwiegend angewendet. Das Wesentliche daran ist die hohe spitze Mütze, ein enganliegendes Ärmelgewand und Hosen und die Ausrüstung mit Bogen und Pfeil. Dieser Trachtwechsel, welcher sich in gleicher Weise bei den mythologischen Amazonendarstellungen vollzieht, kann nur mit der Vorstellung von der pontischen Heimat der Amazonen zusammenhängen, welche somit als in Athen bekannt schon für die Mitte des 6. Jhdts. bezeugt wird. Vgl. Dümmler Röm. Mitt. II 189.

Von mythischen Darstellungen ist auf schwarzfigurigen Vasen der Kampf des Herakles gegen die Amazonen bei weitem die verbreitetste. Zu Grunde liegt ein einfaches Zweikampfschema, dessen Verwendung in der archaischen Kunst keineswegs auf diesen Mythus beschränkt ist: Herakles, in heftiger Bewegung nach rechts, hat die vor ihm fliehende Amazone mit der Linken gepackt, am Arm, der Schulter, dem Helm, oder bei den Haaren – das letztere ein Motiv, welches die spätere Kunst beibehalten und ausgebildet hat –, er tritt auch gelegentlich mit dem Fuss auf sie, mit der Rechten zückt oder schwingt er das Schwert, auf jüngeren Darstellungen die Keule gegen sie. Die Amazone ist in dem alten Schema des sog. Knielaufes mit zurückgewendetem Kopfe gebildet, welches für einen fliehenden und bedrohten Krieger durch die Dolondarstellungen bereits als in der altionischen Kunst heimisch erwiesen wird. Vgl. Studniczka Arch. Jahrb. V 142ff. Auf diese Gruppe sind die Kampfdarstellungen nach zweierlei Verfahren aufgebaut; entweder entsteht durch mehrmalige Wiederholung, leise Veränderungen und Einsetzung von Hopliten, Genossen des Herakles, in dieselbe eine Reihe von Einzelkämpfen nebeneinander, oder sie wird durch Zufügung von Figuren zu beiden Seiten erweitert, Kriegern, die dem Herakles, Amazonen, die ihrer Königin zu Hülfe kommen. Durch Verbindung beider Methoden endlich entstehen ganz figurenreiche Compositionen. Anderseits wird auch nur die eine Zweikampfgruppe allein dargestellt, auch unter Beifügung zuschauender Personen zu beiden Seiten. Den attischen Vasen gehen zwei noch unpublicierte nichtattische, vielleicht chalkidische – die Untersuchung über diese älteren Vasengattungen ist noch ganz in ihren Anfängen – voran, vgl. Corey 3. Es folgt eine Gruppe älterer attischer Amphoren, welche sich von den übrigen attischen Vasen streng sondert, sie werden meist als ‚Tyrrhenische Amphoren‘ oder als ‚Korinthisch-attische Vasen‘ bezeichnet. Die letztere Bezeichnung ist ganz unzutreffend, da sich der durchaus unwahrscheinliche Zusammenhang mit der korinthischen Malerei keineswegs erweisen lässt, vielmehr Beziehungen zu altionischer Kunst auch hier viel näher liegen. Auf dieser Vasengruppe findet sich gemäss ihrer Verzierung mit Bildstreifen stets die durch Nebeneinanderstellung von Einzelkämpfen gebildete Schlacht. Zu den von [1774] Corey gesammelten Beispielen ist neuerdings ein sehr wichtiges und charakteristisches Stück hinzugekommen: Gsell La Nécropole de Vulci Pl. V–VI, sämtliche Figuren sind inschriftlich bezeichnet.

Ob innerhalb des Kreises der Amazonendarstellungen die Reihe von Einzelkämpfen der ursprüngliche Typus ist, aus welchem die eine stehende Hauptgruppe später herausgenommen und ihrerseits weitergebildet ist, oder ob jene eine Gruppe die Wurzel aller späteren Darstellungen sei, lässt sich zur Zeit noch nicht entscheiden. Jedenfalls aber lehrt die Betrachtung der Denkmäler, dass eine bestimmte poetische Quelle, auch nur eine einigermassen ausgeprägte Vorstellung vom Mythus oder vom Wesen der Amazone zunächst den Typus der Darstellungen nicht bestimmt hat, da ja ganz wie in den nichtmythologischen Darstellungen ein fertiger Typus übertragen worden ist und die fremde Tracht erst allmählich aufkommt. So sind also für eine Reconstruction der poetischen Quelle diese Bilder nicht zu verwerten, abgesehen von einem Punkte, nämlich den Namen: wo die Gegnerin des Herakles benannt ist, heisst sie Andromache – auf späteren Vasen kommt der Name auch für andere Amazonen vor –, zu den vielen Beispielen kommt die oben angeführte Amphora aus Vulci hinzu. Der Name Hippolyte kommt für sie nicht vor. Ferner ist ein Genosse des Herakles oft Telamon genannt, für diese Namen, vielleicht auch den der Glauke, wird man eine poetische Quelle annehmen dürfen, welche älter ist als die uns vorliegende Sagenüberlieferung (vgl. oben), doch sind die Vermutungen Coreys über eine solche Quelle (35ff.) sehr unwahrscheinlich.

Die Darstellungen, welche in der zweiten oben angegebenen Weise aus dem Grundtypus abgeleitet sind, hat Corey je nach der Art der Gruppierung der Figuren und ihrer Zahl in 17 verschiedene Typen geordnet, von denen einige durch mehr als 10 Exemplare vertreten sind; das Bild eines Berliner Dreifusses (nr. 3988, Furtwängler Sammlung Sabouroff Taf. 49. 50, 1) muss unter diese Gruppe gerechnet werden, deren älteste Exemplare vielleicht der ersten an Alter kaum nachstehen. Auf jüngeren Vasen wird die Gruppenbildung reicher, auch wird das Schema des Kampfes des Herakles mit Geryoneus nachgebildet. Ferner ist die Amazone oft als in die Kniee sinkend und zusammenbrechend dargestellt, wie Furtwängler meint eine ‚Umdeutung‘ jenes altertümlichen ‚Knielaufes‘ (Roschers Lexikon I 2202), aber gewiss keine missverständliche, wie derselbe (Sammlung Sabouroff zu Taf. 49) annimmt. Der Kampf des Herakles tritt im rotfigurigen Stil ganz zurück, die wenigen Darstellungen (Corey 28ff.) schliessen sich im Typus und in der Tracht meist eng an die schwarzfigurigen an, einige entwickeln den Typus noch etwas freier, hervorzuheben ist der Kantharos des Duris (Klein Meistersignaturen 22), abgebildet Wiener Vorlegebl. VIII Taf. 4, 1a und 1b. Hier haben die Amazonen noch die griechische Tracht, welche sonst, wie bereits oben im allgemeinen bemerkt, schon im schwarzfigurigen Stil allmählich durch die skythische – oft so, dass nur irgend ein Stück derselben der Hoplitenrüstung zugefügt wird – verdrängt wird, oft sind auf derselben Vase die verschiedenen Amazonen verschieden ausgerüstet.

[1775] Den attischen Vasenbildern ist ein ganz vereinzeltes korinthisches anzureihen. Bisher fehlten auf korinthischen Vasen (Wilisch Die altkorinthische Tonindustrie) die Amazonendarstellungen vollständig, ganz kürzlich ist aber ein Alabastron aufgetaucht, welches in sog. korinthisch-schwarzfiguriger Technik bemalt ist, dasselbe soll im Bulletin de Corr. Hellén. veröffentlicht werden. Dargestellt sind drei Hopliten, welche von rechts kommen, ihnen entgegen schreiten von links drei Frauen in langem Gewand, die erste und zweite tragen Helm und Schild und schwingen in der erhobenen Rechten den Speer, die dritte trägt auf dem Rücken den Köcher und schiesst mit dem Bogen, von ihren Pfeilen fliegen zwei durch die Luft. Sämtliche Figuren tragen Namensbeischriften in korinthischer Schrift, der vorderste Krieger ΗΕΡΑΚΛΕΣ[WS 1], sein Schildzeichen ist das Vorderteil eines Löwen, seine Gegnerin heisst hier ΑΝΔΡΟΜΕΔΑ[WS 2], der Name des Kriegers hinter Herakles lässt sich zu dem des Iolaos leicht ergänzen, die zweite Amazone heisst ΑΛΚΙΝΟϜΑ[WS 3].

Auf jüngeren Vasen wird auch die friedliche Gewinnung des Gürtels der A. durch Herakles dargestellt, mit Unrecht bringt Klügmann 28 diese Darstellung in Verbindung mit der Litteratur. Eine dieser Vasen (Mus. Borb. VI 5 = Arch. Ztg. 1856 Taf. 89) ist attisch aus der zweiten Hälfte des 5. Jhdts., die übrigen sind unteritalisch. Vgl. noch Corey 43. Ein anderes unteritalisches Vasenbild stellt vielleicht die Hochzeit des Herakles mit der A. dar. Arch. Ztg. 1856, 177 Taf. 88 (Welcker).

Um den Kreis des Herakles zu erledigen, mögen hier gleich erwähnt werden die Metopen des Hephaistostempels in Athen (sog. Theseion), Mon. d. Inst. X 59, 2; vgl. Annali 1878, 194, des Zeustempels in Olympia und des Heratempels in Selinunt (Benndorf Metopen von Selinunt Taf. VII), welche Herakles im Kampfe mit der Amazone darstellen. Eine Reihe von Monumenten der Kleinkunst wird hier übergangen.

Als Kampf des Achilleus und der Penthesileia sind die Bilder zweier schwarzfiguriger Vasen durch Beischrift der Namen bezeichnet. Die eine ist eine Amphora des Exekias (Klein Meistersignaturen nr. 2), abgebildet Gerhard A. V. Taf. 206 und Wiener Vorlegebl. 1888 Taf. 6, 2a: Penthesileia in Hoplitentracht, über dem Chiton ein Fell statt des Panzers, ist nach rechts ins Knie gesunken und blickt nach links zurück und hinauf zu Achilleus, der von links kommend sie mit der Lanze durchbohrt. Dieses Bild gehört in eine Reihe von Kampfesdarstellungen zwischen Kriegern und Amazonen, deren Schema durchaus mit dem, welches für den Kampf des Herakles verwendet ist, zusammengehört (Corey 57). Man hat sie meist auf Grund dieses einen Beispiels alle als Achill und Penthesileia gedeutet, doch ist es methodisch empfehlenswerter, sie unbenannt zu lassen. Irgend welchen Rückschluss auf die poetische Quelle gestattet diese Darstellung in keinem Falle. Vgl. Loeschcke Bonner Studien 248. Die andere Vase ist eine Amphora, welche bei Gerhard A. V. Taf. 205, 1 abgebildet und danach oft wiederholt ist: [1776] Achill und Penthesileia, beide in Hoplitenrüstung, doch ohne Schild, reiten mit eingelegter Lanze auf einander ein, die Pferde bäumen sich etwas, am Boden liegt zwischen ihnen eine tote Amazone. Auch dieses Bild findet sich ohne Namensbeischriften noch auf drei anderen Vasen, die man daher schon an sich nicht ohne weiteres berechtigt wäre auf Achill und Penthesileia zu deuten (Corey 79 XVI β 1). Nun kommt aber hinzu, dass Loeschcke in seinen lehrreichen Ausführungen über ‚bildliche Tradition‘ gerade für diesen Typus die rein formale Entstehung in einer langen Entwicklungsreihe nachgewiesen, und damit fällt selbst für das inschriftlich bezeugte Bild jede individuellere Bedeutung fort. Aber es knüpft sich an diesen Typus die Frage nach dem Aufkommen der Amazonen als Reiterinnen in der attischen Kunst. Um von einer früheren Ansicht zu schweigen, welche die schwarzfigurigen Darstellungen berittener Amazonen für archaisierend und demnach einer viel späteren Zeit angehörig hielt – eine Ansicht, welche bei dem heutigen Stande der Vasenforschung keiner Widerlegung mehr bedarf und sich für den vorliegenden Fall überdies durch den oben erwähnten Fund im marathonischen Soros von selbst erledigt – hat Loeschcke in dem mehrfach erwähnten Aufsatze auf Grund jenes Nachweises berittener Amazonen in der altionischen Kunst, mit welchem diese Übersicht beginnt, das Aufkommen berittener Amazonen in Attika auf den Einfluss jener Kunst zurückführen wollen. Dagegen ist aber einzuwenden, dass erstens die Art, wie die attischen Vasenmaler die Amazonen alles das auch treiben lassen, was der männlichen kriegerischen Jugend zukommt, wovon vor der Behandlung der mythischen Darstellung die Rede war – findet sich doch sogar auf einer unpublicierten Münchener Vase (Jahn 687) eine Amazone, den Ephebeneid leistend: Corey 53 II –, überhaupt für die Darstellung der berittenen Amazonen das Suchen nach einer besonderen Erklärung unnötig macht; und zweitens zeigen die berittenen Amazonen attischer Vasen sich in ihrer Bildung in keiner Weise durch jenen so ausgeprägten ‚altionischen‘ Typus beeinflusst; weder spielt die skythische Tracht bei ihnen eine besondere Rolle, noch findet sich jemals das bezeichnende im Fliehen nach rückwärts Schiessen. Es muss also vorläufig die reitende Amazone in der attischen Kunst als eine naheliegende selbständige Erfindung der attischen Malerei der Mitte des 6. Jhdts. gelten.

Auch die rotfigurige Vasenmalerei hat keinen festen Typus für Achill und Penthesileia ausgebildet: in engem Anschluss an den durch die Vase des Exekias vertretenen Typus ist durch geschickte Weiterbildung das Innenbild einer leider sehr fragmentierten Schale strengen Stils im Besitz des Duc de Luynes entstanden (abgebildet Mon. d. Inst. II 11, danach wiederholt bei Overbeck Her. Gall. Taf. XXI 7, der im Text dazu 501f. die möglichen Beziehungen zur Erzählung der Aithiopis erörtert). Auch das Bild einer Hydria bei Gerhard A. V. Taf. 165, 1. 2 gehört im Typus hierher und darf auf Achill und Penthesileia gedeutet werden. Selbständiger ist die Composition des Innenbildes der Schale München 370, sie ist sehr stark ergänzt und ganz unzureichend publiciert. Einer jüngeren Entwickelung gehört [1777] die berühmte Amazonenvase von Ruvo an. Es ist eine Volutenamphora üblicher Form, etwa gegen die Mitte des 5. Jhdts. gemacht, abgebildet bei Schulz Die Amazonenvase von Ruvo, Leipzig 1851, welcher mit Unrecht (S. 4) die zusammenhängend umlaufende Darstellung in zwei Bilder zertrennen und demgemäss deuten will. Es finden sich alle verschiedenen Trachten gleichzeitig. Die Darstellung knüpft an den älteren Typus an, ist aber bereits, wie fast alle jüngeren Vasen, von dem mikonischen Gemälde (s. u.) beeinflusst. Dasselbe gilt von der Vase Mon. d. Inst. X 9. Eine Reihe ähnlicher Vasen, welche aber keine bestimmte mythologische Beziehung zulassen, hat Klügmann Ann. d. Inst. 1874, 205 zusammengestellt.

Der Amazonenkampf des Theseus fehlt auf den Vasen mit schwarzen Figuren gänzlich, es findet sich nur Theseus, die Antiope zu Wagen entführend, auf zwei unpublicierten Vasen späteren Stils dargestellt: Corey 43. Ihnen schliesst sich ein rotfiguriges Bild strengen Stils an, die Schale des Kachrylion (Klein Meistersignaturen 8), abgebildet Wiener Vorlegebl. D 7. Bereits in den Anfang des 5. Jhdts. führt die einzelnstehende originelle Composition auf einer Amphora Mon. d. Inst. I 55, wo Theseus die Antiope in seinen Armen fortträgt, gefolgt von Perithoos. Das ebenso vereinzelte Bild einer Hydria aus Ruvo in Petersburg, welches Mon. ed Ann. d. Inst. 1856 Taf. 15 abgebildet ist, führt uns schon in die Zeiten des freien Stils, der Mitte des 5. Jhdts. zu. Theseus ist hier noch im vollen Kampf begriffen, während seine Genossen die Amazone zu Wagen entführen, die Vase ist durch Ergänzungen stark entstellt; vgl. Klügmann Amazonen 25. Von den übrigen späteren Vasen wird weiter unten zu handeln sein. Wie überhaupt in der entwickelten rotfigurigen Malerei und in der Kunst des 5. Jhdts. die Theseusmythen mehr und mehr die des Herakles verdrängen, so wird auch der Amazonenkampf des Theseus im entwickelten rotfigurigen Stil ganz populär und übernimmt dort die Rolle, welche der Kampf des Herakles in der schwarzfigurigen Malerei gehabt hatte, dieser selbst verschwindet allmählich. Die Sammlung der hierhergehörigen Monumente wird im wesentlichen Klügmann verdankt.

Eine ganz neue und grössere Bedeutung gewann die Darstellung des Kampfes des inzwischen zum attischen Nationalhelden herausgebildeten Theseus gegen die Amazonen in der grossen monumentalen Kunst des 5. Jhdts. Hier handelt es sich aber nicht mehr um Raub oder Entführung der Amazonenkönigin, sondern um den rächenden Einfall der Amazonen in Attika und ihre Abwehr durch Theseus, eine Sage, von der sich in der attischen Kunst vor den Perserkriegen keine Spur findet, und die, wenn auch sicher nicht ihre Entstehung (vgl. oben), so doch gewiss ihre Ausbildung und Popularisierung der symbolischen Bedeutung verdankt, welche sie durch die Erinnerung an dieselben erlangte. Vgl. Klügmann Amazonen 31ff. In Athen war diese Amazonenschlacht in zwei grossen Gemälden dargestellt, von denen sich eines in dem Theseion und eines in der Stoa Poikile befand. Vielleicht waren beide, jedenfalls aber eines dieser Gemälde von Mikon, dem Zeitgenossen [1778] Polygnots, man hat sich in neuerer Zeit gemeinhin entschieden, die Überlieferung über die mikonische Amazonomachie auf das Bild in der Stoa Poikile zu beziehen, Veranlassung dazu sind folgende Worte Arrians anab. VII 13, 5: καὶ γέγραπται ἡ Ἀθηναίων καὶ Ἀμαζόνων μάχη πρὸς Κίμωνος οὐ μεῖον ἤπερ ἡ Ἀθηναίων καὶ Περσῶν. Man pflegt Μίκωνος zu lesen und dann der gemeinsamen Erwähnung mit der Marathonschlacht wegen, welche in der Poikile gemalt war, auch an die Amazonenschlacht der Poikile zu denken. Aber abgesehen davon, dass dies kein zwingender Beweis ist, ist die Änderung des Namens überflüssig. Die übrige Überlieferung ist ausschliesslich und entschieden auf Seiten des Theseion. Mikon hatte die Amazonen als Reiterinnen gemalt, wie Aristophanes Lys. 678 bezeugt. Dieser Umstand ermöglicht es, in einer Reihe von Vasenbildern, deren Stil in die Zeit nach Mikon weist, die Spuren seines Werkes, welches begreiflicherweise die gleichzeitige Vasenmalerei sehr stark beeinflusst hat, zu finden. Die Vasenbilder sind gesammelt von Klügmann Ann. d. Inst. 1867, 211ff.; vgl. Die Amazonen 42ff. 47. Es sind im wesentlichen zwei Gruppen, welche diese Vasen immer wiederholen, die eine zeigt Theseus, dessen Name mehrmals beigeschrieben ist, stets in idealer Nacktheit mit Helm, Schild, Schwert und Lanze, im Kampfe mit einer berittenen Amazone, welche scheinbar im nächsten Augenblick unterliegen wird; öfter kommt dem Theseus ein Gefährte, gelegentlich auch der Amazone eine Genossin zu Hülfe. Bezeichnend für die Composition und den Stil ist, dass oft eine Terrainerhöhung angegeben ist, auf welche Theseus mit dem Fuss tritt. Es ist zu beachten, dass die Gegnerin des Theseus auf den Vasenbildern verschiedene Namen trägt. Doch sind diese sowohl wie die der Gefährten des Theseus sämtlich attische Namen. Die wichtigsten Vasen dieser Gruppe sind abgebildet Monum. d. Inst. VIII 44. Luynes Vases pl. 43. dasselbe Bild nach der anderen Seite gewendet zeigt die Vase Ann. d. Inst. 1867 Taf. F. ebenso nur Theseus und die Amazone Gerhard A. V. 163. Die zweite Gruppe von Vasen zeigt die Amazonen im siegreichen Vordringen. Die Beispiele sind gesammelt von Klügmann Ann. d. Inst. 1867, 222, 1. Hervorzuheben ist Museo Gregoriano II 20 (2. Ausg. Taf. 26), 2. welches im Stil auffallend mit Monum. d. Inst. VIII 44 übereinstimmt, und uns dadurch auch stilistisch einen Anhalt für die Art des Mikon giebt. Die Tracht der Amazonen auf allen diesen Vasen wechselt, doch ist die fremde vorherrschend. Sie tragen dann aber nicht mehr die hohe spitze phrygische Mütze, wie auf den älteren Darstellungen, sondern eine der thrakischen ἀλωπεκίς durchaus ähnliche; vgl. über dieselbe Heuzey in Daremberg et Saglio Dictionnaire I 187f. und Furtwängler im 50. Berliner Winckelmannsprogramm 159f. Ferner kämpfen auf einigen dieser Vasen die Amazonen zum erstenmale mit der Streitaxt. Auch erscheint vereinzelt hier schon der später fast ausschliesslich übliche Amazonenschild, eine etwa halbmondförmige Pelta.

Aber ausser jenen Vasenbildern ist es auch noch ein grosses, monumentales Werk, welches uns ausserhalb Attikas die Spuren des mikonischen Gemäldes [1779] bewahrt hat und daher am besten gleich hier besprochen wird, es sind das die Amazonenkämpfe, welche unter anderen Reliefs das Heroon von Gjölbaschi schmücken. Die Reliefs, welche sich jetzt in Wien befinden, sind veröffentlicht und eingehend behandelt von O. Benndorf Das Heroon von Gjölbaschi-Trysa, Wien 1891. Der grössere Amazonenfries, auf welchem der Herausgeber die troische Sage erkennt, zieht sich in zwei Streifen über einander hin (Taf. XIV. XV). Ein kleinerer Fries, welcher sich nur in einem Streifen über einem Kentaurenkampfe hinzieht (Taf. XXIII A 2. 3), ist nur andeutungsweise vom Herausgeber auf die attische Amazonomachie bezogen worden (245). Bei der wesentlich decorativen Verwendung dieser Darstellungen ist die Deutung nicht ohne weiteres in allen Punkten ausser Zweifel zu stellen, so ist in dem grösseren Friese ausser der Zusammenstellung mit anderen Darstellungen aus dem troischen Sagenkreise nichts, was auf eine bestimmte Deutung führen könnte, die vom Herausgeber als Achilleus und Penthesileia bezeichnete Gruppe kaum irgendwie hervorgehoben oder ausgezeichnet, es ist daher neuerdings der Versuch gemacht worden, nicht nur diesem Friese, sondern auch den beiden andern mit ihm zusammenhängenden jeden mythologischen Charakter abzusprechen, dafür aber der anderen Reihe, deren Glied der kleinere Amazonenfries ist, den mythischen Charakter zu belassen. Diese Ansicht vertritt W. Gurlitt und beabsichtigt, sie demnächst in den Athenischen Mitteilungen ausführlich zu begründen. Die Wichtigkeit der Friese im Zusammenhang mit der mikonischen Schöpfung wird durch die Entscheidung über ihre Deutung kaum berührt. Die Friese sind zwar von verschiedenen Händen gearbeitet und zeigen einige Unterschiede in der Tracht, haben aber wichtige Motive gemeinsam und gehen sicherlich auf dieselbe bildliche Anregung zurück. Wie auf den eben besprochenen Vasen kämpfen die Amazonen fast durchweg zu Pferde, die Griechen zu Fuss. Die Amazonen tragen zum grossen Teil ‚phrygische Mützen‘, welche sich auf dem kleinen Friese der Form der Alopekis ganz auffallend nähern, namentlich in der dritten Gruppe von rechts, welche sich auf A 2 und 3 verteilt. Anders ist die Form auf dem grossen Friese, jedoch sind die Mützen auch hier gegen die üblichen phrygischen so viel niedriger, dass man an die thrakischen denken möchte. Zweimal kommen auf dem kleinen Friese hohe Stiefel vor (Benndorf 182). Auch diese sind ein Bestandteil der thrakischen Tracht (Heuzey bei Daremberg et Saglio I 188). Die enganliegenden Gewänder sind nur auf dem grossen Friese erkennbar. Unter den Waffen findet sich neben Bogen und Lanze auch die Streitaxt, die Schilde haben die bekannte sichelförmige Gestalt. Die hauptsächlichsten Kampfgruppen, welche zum Teil wiederholt vorkommen, sind dieselben, wie sie die eben besprochenen Vasenbilder bieten, eine wesentliche Gruppe kommt hinzu. Es ist dies die Amazone, welche sich dem auf sie eindringenden Griechen ergiebt. Sie streckt ihren Schild weit von sich, während ihr Leibross sich niederlegt, um sie absteigen zu lassen. In dieser Gruppe erkennt Benndorf Achill und Penthesileia; selbst wenn dieser Deutung nichts im Wege stünde, [1780] würde doch nicht nur durch ein spätes Vasenbild, welches dieselbe Gruppe wiederholt, ein älteres gemeinsames Vorbild erwiesen, sondern die Wiederkehr einer fast identischen Gruppe auf dem kleinen Friese – auch hier muss man wohl die Bewegung des Pferdes ähnlich auffassen – berechtigt uns, auch dieses Motiv dem mikonischen Gemälde einzufügen.

Endlich muss hier der möglichen Rückschlüsse gedacht werden, welche aus diesen Darstellungen für das Epos zu ziehen sind: Welcker hatte (Ep. Cyklus II 216) vermutet, dass in der Aithiopis die Amazonen als Reiterinnen eingeführt gewesen, dieser Vermutung hatte schon Preller Gr. Myth. II³ 434 widersprochen. Benndorf hat sie gelegentlich der berittenen Amazonen von Gjölbaschi und des mikonischen Gemäldes wieder aufgenommen. Ihre Richtigkeit zu erweisen hat dann Loeschcke in dem mehrfach erwähnten Aufsatze in den Bonner Studien 255 unternommen. Im Anschluss nämlich an den Nachweis der berittenen Amazonen in der altionischen Kunst, sucht er auch für die Darstellung des Kampfes von Achilleus und Penthesileia einen in jenem Kunstkreis fest ausgeprägten Typus durch Heranziehung einer korinthischen Vase zu erweisen. Die Vase ist S. 259 abgebildet, dargestellt ist ein Krieger, welcher einen Reiter verfolgt, der Reiter sendet, im Fliehen sich umwendend, einen Pfeil auf seinen Verfolger ab, dem Krieger kommt noch ein Bogenschütze zu Hülfe. Die beiden Hauptfiguren stimmen augenfällig mit der an derselben Stelle 256 abgebildeten, oben erwähnten chalkidischen Vase überein, welche eine Amazone, von einem Krieger verfolgt, darstellt. Loeschcke deutet die korinthische auf Achill und Troilos und glaubt, dass der Typus durch Übertragung von dem Schema für Achill und Penthesileia entstanden sei und somit für dieses eine typische Geltung in der altionischen Kunst erweisen könne, welche dann ihrerseits einen Rückschluss auf das Epos erlaube. So bestechend und scharfsinnig diese ganze Combination ist, unterliegt sie doch schweren Bedenken. Zunächst ist weder die Deutung der chalkidischen Vase auf Achill und Penthesileia noch die der korinthischen auf Troilos sicher, beide können wohl Kampfdarstellungen ohne besondere mythische Bedeutung sein. Der Umstand, dass die einzige Amazonendarstellung auf einer korinthischen Vase die Amazone zu Fuss zeigt – wie oben berichtet wurde –, empfiehlt für die vermeintliche Troilosdarstellung nicht an das Vorbild einer berittenen Amazone zu denken. Die männlichen Bogenschützen der ionischen Kunst lagen hier viel näher. Und da wir diese auch als Vorbilder der berittenen ionischen Amazonen betrachten durften, so fällt in der That jede Nötigung fort, letztere aus dem Epos herzuleiten. Für uns treten also berittene Amazonen zuerst entweder ausserhalb jedes Sagenzusammenhangs auf oder in anderen Sagenkreisen als dem der Aithiopis, nämlich bei Herakles und Theseus (vgl. oben). Die einzigen Denkmäler aber, welche als Illustrationen des Epos gearbeitet sind, und bei denen wir daher engeren Anschluss an dasselbe erwarten dürfen, zeigen Penthesileia zu Fuss. Es sind das vor allem die homerischen Becher, welche im 50. Berliner Winckelmannsprogramm 26 veröffentlicht sind. Dass sie in das 3. Jhdt. gehören und in enger Beziehung [1781] zu den epischen Studien der älteren Alexandriner stehen, hat Robert daselbst 62ff. nachgewiesen. Ebenso ist auf der tabula iliaca Penthesileia zu Fuss dargestellt, nur die interpolierte Zeichnung Feodors giebt ihr ein Ross: Jahn Griech. Bilderchroniken 27 nr. 53. Auch die Cista Pasinati mit dem Tode der Penthesileia zeigt einen Fusskampf, Mon. d. Inst. VIII 7. Robert 50. Winckelmannsprogramm 63, 1. Methodisch sind wir gezwungen, auch für das Epos Penthesileia als Fusskämpferin anzunehmen, die künstlerische Wertlosigkeit jener Gattung von Bildern darf dagegen nicht geltend gemacht werden. Über die berittene Penthesileia des Qu. Smyrnaeus vgl. F. Noack Gött. gel. Anz. 1892, 774. 799. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass Pausanias V 25, 6 ein Werk des Kydoniaten Aristokles in Olympia sah, welches Euagoras von Zankle geweiht hatte, es stellte Herakles um des Gürtels willen mit einer berittenen Amazone kämpfend dar. Wegen der Bezeichnung Ζαγκλαῖος setzt Pausanias das Werk älter als das Jahr der Umnennung der Stadt in Messene, also 494. Die einzige sehr zweifelhafte Spur einer Signatur des Aristokles könnte allenfalls IGA 577 sein.

Eine zweite monumentale Darstellung der attischen Amazonenschlacht war die, mit welcher Pheidias den Schild der Athena Parthenos geschmückt hatte. Wie bei dem Gemälde des Mikon ermöglichen es auch hier einige auf uns gekommene Nachbildungen dieses Schildes in Verbindung mit den litterarischen Nachrichten über denselben, wenigstens eine schwache Vorstellung von diesem Werke zu gewinnen. Die ganze Fläche des Schildes stellte den Abhang eines Berges dar und liess den ganzen Kampf sich auf dem hügeligen Boden zu Fuss abspielen. Das mikonische Gemälde scheint, wie vor allem der Fries von Gjölbaschi lehrt, noch aus einer Reihe sich wohl von einander lösender Gruppen bestanden zu haben, die wenig in einander übergriffen. Dem gegenüber muss der Schild des Pheidias bereits ein einheitliches Bild einer wirren und lebhaften Schlacht geliefert haben, deren einzelne Gruppen, wenn auch in der Composition geschieden, wenigstens für das Auge nicht mehr auseinanderfielen. Zu ähnlichen Resultaten ist für die Composition der Gigantenschlacht der Innenseite M. Mayer Giganten und Titanen 267, 10 gekommen. Als Rest einer noch nicht ganz überwundenen Altertümlichkeit lässt sich eine gewisse Gewaltsamkeit und Eckigkeit der Bewegungen nicht verkennen. Auf dem Schilde erscheint zum ersten Male das später allgemein übliche Idealcostüm der Amazonen, ein kurzer Chiton, welcher nur auf der einen Schulter befestigt, einen Teil der Brust freilässt. Auch für jene reichere Form der Pelta, welche durch zwei nebeneinanderliegende Ausschnitte bedingt wird, ist hier die älteste Spur. Ausserdem finden sich die thrakischen Stiefel und das Doppelbeil. Die drei Nachbildungen des Schildes sind abgebildet Michaelis Der Parthenon Taf. XV, dazu kommt noch ein Fragment: Schreiber Athena Parthenos Taf. III E3; ausführlich besprochen sind sie von Klügmann Amazonen 56ff. und bei Schreiber 599. Hinzukommen zwei Vasenbilder, Fiorelli Vasi Cumani Taf. 8 und Gerhard A. V. 329–330, deren Beziehung – die freilich bei dem zweiten nur sehr fern ist – [1782] zum Schilde Winter Die jüngeren attischen Vasen 36 erkannt hat. Für Tracht und Ausrüstung der Amazonen ergeben diese Vasen nichts, es finden sich die verschiedensten Amazonentrachten vereinigt. Zwei bezeichnende Motive, welche die spätere Kunst immer wieder verwendet – bis zu den Sarkophagen herab –, finden sich auf den Nachbildungen des Schildes zum ersten Male, das Zerren einer Amazone bei den Haaren und das Unterstützen einer sinkenden. An genaueren Nachrichten fehlt es uns über zwei andere Darstellungen von Amazonenschlachten, mit welchen Pheidias die Zeusstatue in Olympia schmückte, die Schlacht am Thermodon in Rundfiguren auf den Querriegeln des Thrones – hier kämpfte Theseus als Genosse des Herakles – und die attische Schlacht auf der Vorderfläche des Fusschemels. Vgl. Paus. V 11, 4 und dazu Klügmann Amazonen 61ff.

Die attischen Werke haben eine Anzahl Motive ausgebildet, welche sich seitdem auf allen folgenden ausserattischen Denkmälern wiederfinden, wie dies schon der Fries von Gjölbaschi zeigte. Ein Hauptwerk ist der Fries des Apollontempels von Phigalia, welcher Kentauren und Amazonenkämpfe enthält. Verzeichnis der Abbildungen und der Litteratur bei Friederichs-Wolters nr. 883–905 S. 305. Einige Platten des Amazonenkampfes sind abgebildet bei Brunn Denkmäler T. 86–89, für die richtige künstlerische Würdigung ist Kekulé Das akademische Kunstmuseum zu Bonn nr. 140 einzusehen. Der Tempel war von Iktinos, dem Architekten des Parthenon, erbaut, danach ergiebt sich die Zeitbestimmung. Man darf also die Reliefs unbedenklich für jünger halten als die Erbauung des Parthenons, nicht aber ebenso für jünger als die Statue des Pheidias, diese könnte auch jünger sein als der Phigaliafries, so dass die beiden oben erwähnten Motive nicht notwendig von Pheidias erfunden zu sein brauchen. Der Stil des Reliefs gilt allgemein als attisch, die dargestellte Schlacht als die theseische. Die Hauptfigur (Brunn T. 89) gilt ausser bei Robert Die antiken Sarkophagreliefs II 76 und Furtwängler in Roschers Lexikon I 2226 immer noch ganz allgemein für Theseus, obwohl Klügmann Amazonen 61. 98 längst bewiesen hat, dass es Herakles ist. Die Figur trägt Löwenfell und Keule und muss, was ausschlaggebend ist, in der linken Hand einen Bogen gehalten haben, für welchen ein Bohrloch vorhanden ist, wie Brunn gesehen hat (Athen. Mitt. IV 275. 2). Man hatte sich vielleicht gegen diese Gründe verschlossen, weil ein unbärtiger Herakles in der attischen Kunst wenigstens nicht häufig ist; doch unerhört ist er selbst in der 1. Hälfte des 5. Jhdts. auch in Attika nicht; vgl. Furtwängler a. a. O. 2163 und Hartwig Arch. Jahrbuch VIII 161. Dagegen finden wir in nichtattischen Kunstwerken Herakles unbärtig, zwar nicht im aeginetischen Ostgiebel (denn A. Körtes Versuch, ihn dort nachzuweisen, Arch. Jahrbuch VII 68ff., ist mit Recht von Furtwängler Arch. Anzeiger 1893, 88 und Hartwig Arch. Jahrbuch VIII 167, 11 abgelehnt worden), aber in der Metope mit Herakles Löwenkampf in Olympia und in der Metope mit Herakles und der Amazone aus Selinunt (Benndorf Metopen von Selinunt Taf. VII). Einer nicht [1783] attischen – peloponnesischen – Kunst entstammt aber auch der Phigaliafries. Zwar benützt er, wie oben bemerkt, einige attische Motive, auch von den Metopen des Parthenon, daneben aber auch im Kentaurenkampf ein sehr bezeichnendes, dem olympischen Westgiebel entlehntes; vgl. Sitzungsberichte der archäol. Gesellschaft, April 1890. Treu Arch. Anzeiger 1890, 61. Zwar ist Stil und Arbeit der Gewänder nicht ohne die am Parthenon gemachten Fortschritte denkbar, aber die rücksichtslose Darstellung entfesselter Kampfesleidenschaft, die gedrungenen Körper, die Kopftypen weisen uns deutlich in das Gebiet peloponnesischer, etwa argivischer Kunst. Das kann hier nicht näher begründet werden, aber die Beziehung der Körperbildung zu derjenigen Polyklets wird niemand verkennen – eine richtige Beobachtung in diesem Sinne hat Bloch Röm. Mitt. VII 104, 1 gemacht – und neueste Funde aus den Ausgrabungen der Amerikaner in Argos (Excavations of the American School of Athens at the Heraion of Argos 1892 nr. I Taf. VI und VII) bestätigen durch ihre Ähnlichkeit mit den Typen des Frieses diese Ansicht. Seitdem wir durch Robert (Arch. Märchen 99ff.) über die Zeit Polyklets genauer unterrichtet sind als bisher, ist aber ein Einfluss Polyklets auf Phigalia nicht gut denkbar, so bleibt nur übrig, in diesem kunstgeschichtlich so hervorragend wichtigen Denkmal diejenige Kunst vertreten zu sehen, welche vor und etwa noch neben Polyklet in Argos geübt wurde.

Im Heiligtum des Asklepios zu Epidauros sind Reste von etwa halblebensgrossen Marmorgruppen gefunden, welche den Kampf berittener Amazonen darstellten. Abgebildet Kavvadias Fouilles d’Epidaure pl. VIII u. XI, vgl. S. 19f., einiges auch Ἐφημ. ἀρχ. 1884 πιν. 3 und 4. das besterhaltene Stück bei Brunn Denkmäler Taf. 20. Sie bildeten den Schmuck des Tempelgiebels. Ist auch eine Wiederherstellung der Gesamtcomposition nicht mehr möglich, so bieten doch diese eigenartigen Werke, bei denen namentlich die Behandlung des Gewandes Beachtung verdient, ein besonderes künstlerisches Interesse, namentlich seit Foucart nachgewiesen hat, dass Timotheos inschriftlich als ihr Urheber überliefert ist, Bull. hell. 1890, 589. In diesem Timotheos denselben Bildhauer zu erkennen, welcher in Verbindung mit Skopas, Bryaxis und Leochares um die Mitte des 4. Jhdts. am Mausoleum in Halikarnass gearbeitet hat, berechtigt die schon früher erkannte stilistische Verwandtschaft, welche zwischen den Sculpturen von Epidauros und einem Teil der Reliefs des Mausoleums besteht. Über diese berühmtesten Amazonenkämpfe s. die Litteratur bei Friederichs-Wolters nr. 1221–1239 S. 427. Einige Platten sind abgebildet bei Brunn Denkmäler Taf. 96–100. Auch hier ist die vollständige Wiederherstellung der Reihenfolge der Platten nicht mehr möglich, aber das Erhaltene genügt zu einem vollen künstlerischen Eindruck. Unter den Griechen ist Herakles hervorgehoben. Die Arbeit von vier verschiedenen Händen hat Brunn nachgewiesen und sie auf die genannten Künstler zu verteilen gesucht, doch ist durch die Entdeckung der epidaurischen Sculpturen, sowie die Auffindung eines Werkes des Bryaxis mit Künstlerinschrift und neuere Untersuchungen die Frage auf einen [1784] veränderten Standpunkt gerückt, auf Grund dessen sie einer erneuten Untersuchung bedarf. Die Basis des Bryaxis ist abgebildet im Bull. hell. 1892. Endlich sei noch aus hellenistischer Zeit der Fries vom Tempel der Artemis zu Magnesia am Mäander erwähnt, von welchem der grösste Teil sich im Louvre befindet. Clarac pl. 117 C–J und Revue archéol. X 1887 Taf. 17 u. 18, vgl. S. 257; die Figur des Herakles findet sich Clarac pl. 117 D nr. 6. Andere Platten davon sind im Museum zu Stambul. Die Arbeit ist von verschiedener Güte und wie es scheint auch verschiedenem Stil; während einige Platten von grosser Schönheit sind, zeigen andere schon eine recht rohe Ausführung. Über den Erbauer des Tempels, Hermogenes, dessen Zeit unbekannt ist, vgl. Puchstein Das ionische Kapitell (47. Berliner Winckelmannsprogramm) 40 und Anm. 31.

Auch auf Sarkophagreliefs sind Amazonenkämpfe häufig dargestellt, und zwar verwenden auch sie die durch die monumentale Kunst der vorhergehenden Jahrhunderte festgestellten Typen, die dann auch für die attische Sage oder auch ganz ohne bestimmte mythologische Beziehung verwendet erscheinen, wenn nicht eine stets wiederkehrende Achill und Penthesileia darstellende Gruppe eingesetzt ist. Die ältesten noch griechischen Sarkophage aus dem 2. Jhdt. sind vielleicht nach dem Vorbilde des attalischen Weihgeschenkes gearbeitet. Vgl. Robert Die antiken Sarkophagreliefs II 76ff., wo auch ein Überblick über die Gesamtentwicklung der Darstellungen der Amazonensage gegeben ist, und Michaelis Arch. Jahrbuch VIII 126.

Die älteste der uns erhaltenen Amazonenstatuen ist ein Torso einer knieenden Bogenschützin aus feinem Inselmarmor von vorzüglicher archaischer Arbeit in Rom, welcher in den Röm. Mitt. 1889, 86 leider ungenügend abgebildet und von Petersen besprochen ist. Derselbe hat darin ein archaisches Original erkannt, welches ursprünglich zu einer Giebelgruppe gehörte. Seiner Vermutung, dass wir damit den Rest eines der Werke des Bupalos und Athenis besässen, mit welchen Augustus nach einer Nachricht des Plinius (n. h. XXXVI 13) die Giebel seiner Tempel schmückte, steht nicht sowohl der Stil des Werkes entgegen, welcher auf das ausgehende 6. Jhdt. und eine entwickelte Marmortechnik weist, als die Erwägung, dass jene Werke kaum ganze Giebelgruppen gewesen sein können, sondern stehende Frauenfiguren, wie sie den Tempel von Aegina als Akroterien schmückten. Zu dem Motiv der Statue vgl. noch Corey 98. Auch die nächstälteste Statue, die bekannte Wiener Amazone (Friederichs-Wolters nr. 238), ist ursprünglich keine Einzelstatue gewesen, deutliche Spuren weisen an dem Wiener Exemplar darauf hin, dass die Figur mit einer anderen zu einer Gruppe vereinigt war. Zunächst muss sie, um dem Falle der Haare und der Gewandfalten gerecht zu werden, etwas mehr nach rechts und hinten geneigt werden, dann aber ist es nicht mehr möglich, sie allein aufzustellen. Ferner finden sich die Spuren zweier Stützen, welche zu einer verlorenen zweiten Figur die Verbindung herstellten. Die eine ist ein bekannter Ansatz am rechten Oberschenkel, welcher zu gross ist, um als Rest oder Stütze eines Attributes der Amazone [1785] selbst aufgefasst zu werden, also notwendig auf eine andere Figur weist, und da auch hier nicht an ein Attribut derselben – beispielsweise deren Schwertscheide – gedacht werden kann, so muss man sie als directe Verbindung beider Figuren auffassen. Eine zweite, weniger beachtete, wenngleich nicht minder zweifellose Spur befindet sich am rechten Glutaeus, da wo das Obergewand endet, zwischen Ober- und Untergewand herauskommend.[WS 4] Wie eine solche Gruppe etwa zu denken sei, lehrt die Darstellung eines in London befindlichen Cameo (abgeb. Sacken Sculpturen des Münz- u. Antikencabinets zu Wien 4 Fig. 1), welche trotz geringfügiger Abweichungen auf dasselbe Original wie die Wiener Statue zurückgehen muss. Dass letztere kein Originalwerk ist, lehrt der Augenschein, doch hat man mit Unrecht früher einen künstlichen Archaismus in dem Werk gesehen. Seitdem die Ausgrabungen der letzten Jahre die archaischen Kunstwerke näher kennen gelehrt haben, kann nicht mehr bezweifelt werden, dass das Original ein Werk des ausgehenden Archaismus um die Zeit der Perserkriege gewesen ist. Die Kunstschule lässt sich vor der Hand nicht bestimmen, gewisse Beziehungen zu der Marmorplastik, wie sie in Athen am Ausgang des 6. Jhdts. blühte, liegen vor, doch darf man aus den Stützen der erhaltenen Figur eher auf ein Bronzeoriginal schliessen, worauf auch manches in der Formengebung hinzuweisen scheint.

In das Gebiet von Einzelstatuen führen uns erst die verwundeten Amazonen, welche nach einer ziemlich verworrenen Nachricht des Plinius (n. h. XXXIV 19) im Heiligtume der Artemis zu Ephesus aufgestellt waren und von welchen es gelungen ist, zwei oder drei in unserem Denkmälervorrat wiederzufinden. Den Grund zum Verständnis der Nachricht des Plinius hat Otto Jahn Ber. der sächs. Gesellschaft der Wissensch. 1850, 32ff. gelegt, über die drei Haupttypen der erhaltenen Amazonenstatuen hat zuletzt Michaelis im Arch. Jahrbuch I 14ff. ausführlich und zusammenfassend gehandelt. Dort sind auch sämtliche Wiederholungen aufgezählt und Skizzen der Ergänzung mitgeteilt. Der erste Typus ist bekannt durch zahlreiche Wiederholungen, vor allem aber die Berliner Amazone (Berlin nr. 7), eine Statue in London in Landsdownehouse und eine – wohl die beste – im Hofe des Palazzo Sciarra in Rom befindliche. Die Amazone, welche an der rechten Seite verwundet ist, stützt sich mit dem linken Arm auf einen Pfeiler – es lässt sich nicht ausmachen, ob im Original nicht vielleicht dessen Stelle die Streitaxt vertrat –, während sie den rechten ermattet auf das Haupt legt, bekleidet ist sie nur mit einem kurzen gegürteten Chiton, welcher die rechte Brust frei lässt. Die grosse Übereinstimmung, welche dieses Werk mit den Statuen des Polyklet, namentlich dem Doryphoros, in der Auffassung des Motivs, in Körperbau und Kopftypus zeigt, müsste, auch wenn von einer Amazone des Polyklet nichts überliefert wäre, vom Standpunkt der stilistischen Betrachtung uns dahin führen, hier ein Werk des Polyklet zu erkennen; da nun jene Pliniusstelle unter den Künstlern der ephesischen Statuen Polyklet nennt, darf diese Zuteilung als eines der sichersten Resultate der Kunstgeschichte betrachtet werden. Die entgegengesetzte [1786] Ansicht vertritt der amtliche Katalog des Berliner Museums zu nr. 7, leider ohne Gründe anzugeben. Neben der ausdrucksvollen Harmonie der Stellung und der vollen Beseelung der Gesichtszüge der polykletischen Amazone beeinträchtigt doch etwas wie akademische Pose die ergreifende Wirkung. Zwar darf man erwarten, dass dem Original noch der ganze Reiz einer sorgfältig durchgeführten feinen Erzarbeit zu Hülfe kam, namentlich da ein bekannter Ausspruch Polyklets zu bezeugen scheint, dass er auf die letzte Durcharbeitung Gewicht legte (vgl. Diels S.-Ber. der arch. Gesellschaft, Mai 1886). Doch aber wird mancher einen nachhaltigeren Eindruck von der capitolinischen Amazone empfangen. Auch dieser zweite Typus ist in zahlreichen Wiederholungen auf uns gekommen, das beste Exemplar des schönen Kopfes befindet sich im neuen capitolinischen Museum in Rom. Die richtige Ergänzung des Motivs ergiebt eine von Klügmann Amazonen 1 veröffentlichte Gemme der Pariser Nationalbibliothek; vgl. Michaelis 28. Die Amazone, welche ausser dem kurzen Chiton noch einen Mantel trägt, ist ebenfalls an der rechten Seite verwundet, sie stützt sich mit der rechten Hand auf einen langen Speer, den sie hoch oben fasst, und lässt das Haupt in Mattigkeit etwas nach rechts vorwärts sinken. Die linke sucht das Gewand von der Wunde zu entfernen. Die Folgerichtigkeit, mit der aus dem Motiv der Verwundung jede Bewegung dieser Figur entwickelt ist, die Einheitlichkeit, mit der es ohne Rücksicht auf äusserlich schönen Linienfluss das ganze Werk beherrscht, endlich der edle Ausdruck des Schmerzes in den feinen Zügen sind oft und mit Recht gepriesen worden. Diese Eigenschaften in Verbindung mit den Formen des Kopfes lassen ein Werk der attischen Kunst, und zwar wie sie sich unter dem Einfluss Myrons entwickelt hatte, darin erkennen. Kekulé Commentationes Mommsenianae 487; Idolino (49. Berliner Winckelmannsprogr.) 14. Sehr nahe stehen nämlich ihrem Formcharakter nach dieser Amazone der attische Diadumenos Farnese (Friederichs-Wolters 509–511) und der schöne attische Jünglingskopf aus Herculaneum in Neapel (Comparetti und De Petra La Villa Ercolanese tav. VII 4), aber für keines dieser Werke lässt sich ein bestimmter Künstler nennen. Nach Plinius haben Pheidias und Kresilas Amazonenstatuen geschaffen, und in neuerer Zeit ist man oft geneigt gewesen, die attische Amazone dem Pheidias zuzuschreiben. Aber wie wenig wir auch immer über den Kunstcharakter des Pheidias wissen, es genügt doch, um mit Bestimmtheit ihm dieses Werk absprechen zu können. Über die naheliegende und ebenfalls oft ausgesprochene Vermutung, die Statue sei das Werk des Kresilas, lässt sich zur Zeit noch kein ganz sicheres Urteil fällen. Es ist von verschiedenen Seiten der Gedanke ausgesprochen worden, dass eine Statue aus der Sammlung Farnese in Neapel der vulneratus deficiens des Kresilas sei (Gercke Arch. Jahrb. VIII 117). Trifft diese Vermutung das Richtige, so würde man die Amazone des Kresilas eher in dem Typus einer zusammenbrechenden Amazone erwarten, für welchen durch einen bei Klügmann Amazonen 95 abgebildeten Pariser Cameo und eine Statuette in Dresden ein statuarisches Vorbild wahrscheinlich [1787] gemacht wird. Die Dresdener Statuette ist abgebildet in dem oben erwähnten Aufsatze Jahns auf Taf. I und dort 32ff. besprochen; vgl. Friederichs-Wolters nr. 518.[WS 4] Man hat früher zwischen der polykletischen und der attischen Amazone eine so grosse Ähnlichkeit gefunden, die man besonders auch in den Kopftypen zu sehen glaubte, dass man sich das eine Werk nicht ohne Bezugnahme auf das andere entstanden denken konnte. Die Frage, welches das frühere sei, ist hin und her mit viel Aufwand von Scharfsinn oft behandelt worden; vgl. zuletzt Robert Archaeol. Märch. 109f. Aber abgesehen davon, dass keine mögliche wissenschaftliche Methode sie lösen könnte, muss eingewendet werden, dass die Ähnlichkeit überschätzt worden ist: für die Figuren im ganzen hat das schon Michaelis S. 42 betont, aber auch die Köpfe zeigen nur jene ganz allgemeine Verwandtschaft, welche zwischen dem polykletischen und dem attischen Typus einer gewissen Gruppe von Werken besteht (Kekulé Idolino 13), nichts was sie darüber hinaus enger verbände. Am wenigsten hat sich über den dritten Typus, die Matteische Amazone, bis jetzt mit Sicherheit feststellen lassen. Zunächst kennen wir den Kopf dieses Typus nicht, da keine Wiederholung mit einem zugehörigen Kopfe erhalten ist. Zwar glaubte Michaelis denselben in dem Kopfe der Statue in Petworthhouse gefunden zu haben. Er ist abgebildet Arch. Jahrb. I Taf. 1. 2. Aber schon auf der Abbildung ist erkennbar, dass der Kopf in einem geraden Schnitt auf den Hals aufgesetzt ist, also nicht zugehörig sein kann, ausserdem hat sich aber auch herausgestellt, dass er modern ist, der antike Kopf war, wie der erhaltene Rest des Halses lehrt, nach rechts vom Beschauer gewendet. Vgl. S.-Ber. der arch. Gesellschaft in Berlin, November 1890. Damit fallen auch die Schlüsse fort, welche Michaelis aus dem Stil des Kopfes auf die Zeit gezogen hat, und frühere Betrachtungen, welche auf Grund der schlankeren Körperbildung und des Gewandstiles das Werk für beträchtlich jünger ansahen, als die anderen beiden, treten wieder in ihr Recht. Ferner ist aber auch das Motiv nicht klar: die Amazone steht fest auf dem rechten Bein, das linke, im Knie etwas gebogen, kann nur mit der Fusspitze den Boden berühren, der rechte Arm ist über den Kopf gehoben, der linke hängt herab; sie trägt den Köcher mit dem Bogen an der linken Seite und hat den Chiton, mit welchem sie allein bekleidet ist, über dem rechten Schenkel hochgezogen und den Zipfel im Gürtel befestigt. Aus dem letzteren Umstande hat Wolters (Berliner Abgüsse 237) versucht, auch für diesen Typus die Verwundung zu erweisen. Dem hat aber Michaelis mit Recht widersprochen (43f.): die Haltung der Amazone verrät nichts von Ermattung, und als Vorwand für die Anbringung jenes Gewandmotivs konnte der Künstler ebensogut die Vorbereitung für Lauf oder Sprung brauchen oder irgend eine andere Thätigkeit, bei welcher der Schenkel sich ungehinderter bewegen sollte; vgl. auch Helbig Führer durch die öffentlichen Sammlungen in Rom 193. So hatte man denn auch schon früher auf Grund einer jetzt verschollenen Gemme, welche bei Natter Traité de la méthode antique de graver en pierres fines pl. 31 abgebildet ist, die Amazone [1788] mit einer langen Sprungstange ergänzt, eine Ergänzung, welche Michaelis durch einen Rest in der Hand des capitolinischen Exemplars bestätigt glaubte. Doch steht die Echtheit jener Gemme nicht fest, und die Ergänzung an und für sich ist auch nicht ohne Bedenken. Kürzlich ist eine Bronzestatuette in das Museum von Verona gekommen, die eine genaue Wiederholung des in Rede stehenden Typus ist: die Amazone hält in jeder Hand einen ringartigen Gegenstand, vielleicht einen Schlagring. Der Typus des zierlichen Köpfchens kann nicht vor der Mitte des 4. Jhdts. entstanden sein. Doch kann auch diese Statuette noch nicht alle Fragen entscheiden. Der Umstand, dass die charakteristische Frisur des Kopfes durchaus der auf der Gemme entspricht, scheint die Echtheit der letzteren zu stützen und bereitet bei der Verschiedenheit der Motive nur neue Schwierigkeiten.

Es ist oft hervorgehoben worden, dass die Eigentümlichkeiten des Amazonencharakters in den bildlichen Darstellungen jener kriegerischen Jungfrauen trefflich zum Ausdruck gekommen seien. Wie weit aber die antiken Künstler einen solchen Eindruck erstrebten, entzieht sich durchaus unserem Urteil, da wir von keinem derselben ausser der Amazone eine andere weibliche Statue – etwa eine Aphrodite – zum Vergleich besitzen, und die Möglichkeit muss für das 5. Jhdt. immerhin anerkannt werden, dass das, was der moderne Beschauer als besonders dem Charakter der Amazonen angemessen in diesen Werken empfindet, grösstenteils auf Rechnung der Eigentümlichkeit des Künstlers zu setzen sei und sich auch in jeder beliebigen anderen weiblichen Statue desselben wenigstens zum Teil gefunden habe, wie dies für die archaische Kunst (zur Wiener Amazone) mit Recht Wolters betont hat. Von späteren Amazonenstatuen sind in erster Linie die erhaltenen Nachbildungen des attalischen Weihgeschenkes zu nennen, unter welchen die erste Stelle die im Museum zu Neapel befindliche Statue einer sterbenden Amazone einnimmt: Friederichs-Wolters nr. 1411, dort auch die Litteratur, und Klügmann Amazonen 82. Nach einer von Klügmann Arch. Ztg. 1876, 35 bekannt gemachten Beschreibung aus der Zeit Leos X. befand sich neben dieser Amazone früher ein Säugling, die ursprüngliche Zugehörigkeit desselben ist von Klügmann bezweifelt, hat sich aber durch Untersuchung der Statue bestätigt, und damit wird die Identificierung derselben mit einer von Plinius n. h. XXXIV 88. XXXV 98 beschriebenen Gruppe und die Rückführung auf den Künstler Epigonos wahrscheinlich, vgl. Michaelis Arch. Jahrb. VIII 119ff. Ausserdem ist eine im Casino Borghese befindliche Gruppe von einer reitenden Amazone und zwei gefallenen Gegnern für das attalische Weihgeschenk in Anspruch genommen worden, im allgemeinen gewiss mit Recht, doch ist bei der Schlechtigkeit des Stückes in seiner Verwendung die grösste Vorsicht geboten. Abgebildet Arch. Jahrb. II 77ff. Taf. VII (M. Mayer). Andere Spuren weist Michaelis in dem eben erwähnten Aufsatze nach und Robert Ant. Sarkophagreliefs II 83. Über einige andere weniger wichtige Amazonenstatuen vgl. Klügmann 83. hinzuzufügen wäre etwa noch ein Torso aus Pal. Borghese, Mon. d. Inst. IX 37 = Friederichs-Wolters 1400.

[1789] Amazonen im Kampfe mit Greifen finden sich in späterer Kunst decorativ verwendet, Klügmann Amazonen 54f. Usener De Iliadis quodam carmine Phocaico, Bonn 1875, 18. Eine Reihe verschiedener Denkmäler namentlich der Kleinkunst von geringerem inhaltlichen Interesse meist aus später Zeit sehe man in Roschers Lexikon der Mythologie I 276ff. Hervorzuheben ist noch der Amazonenkampf auf einer Grabstele aus Apollonia Monuments grecs 1877 Tf. 3, vgl. Brückner Athen. Mitt. XIII 373. Ein fragmentiertes Bronzerelief aus Palästrina Mon. d. Inst. XI 31, 1 wird von Klügmann Amazonen 10 mit Unrecht auf Herakles bezogen, da der Gegner der Amazone einen Schild trug.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 2900
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Zu S. 1785, 9 (Art. Amazones):

Vor dem Original ergab sich noch ein ferneres Indicium für das Vorhandensein einer zweiten Figur neben der Wiener Amazone; es findet sich nämlich am Rücken links nach den Hüften zu eine Stelle, wo die Gewandfalten auffallend vernachlässigt sind; da es die Stelle ist, wo man ohnehin den Arm der zweiten Figur erwarten musste, so ist sicher er es gewesen, der hier an der Ausarbeitung des Gewandes hinderte.

Zu S. 1787, 4 (Amazones):

Die Dresdener Statuette ist jetzt von ihren Ergänzungen befreit und angesichts des unergänzten Originals wird die nur durch die Abbildung der ergänzten Statue hervorgerufene Vermutung eines Zusammenhanges mit Kresilas durchaus hinfällig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pauly-Wissowa I,2, 1775a.jpg
  2. Vorlage: Pauly-Wissowa I,2, 1775b.jpg
  3. Vorlage: Pauly-Wissowa I,2, 1775c.jpg
  4. a b Siehe auch Nachträge und Berichtigungen Band I,2 S. 2900