Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)/Von den falschen Propheten

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« Von der seufzenden Creatur Wilhelm Löhe
Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)
Lasset euch versöhnen mit Gott I »
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D. D. p. Tr. VIII.
Von den falschen Propheten.




Matth. 7, 15–23.

Unmittelbar vor unserm Texte versichert Der, welcher die Wahrheit ist, daß die Pforte zur Lebensstraße eng, die Straße selber schmal sey, – daß derer, welche diese schmale Straße nur finden, geschweige derer, welche sie wandeln, wenige seyen, die Menge wandele auf einem breiten Wege zur Verdammniß. – Ernste, wahrlich sehr ernste, aller Ueberlegung werth zu achtende Worte unsers Herrn! Wir alle sind durch sie dringend aufgefordert, in uns einzukehren und unsere liebe Seele zu fragen: „Auf welchem Wege bist du, Seele? Wohin gehst du? Wenn dein Weg nun gar zu Ende ist, wenn du deinen Wanderstab, dein Reisekleid ablegen mußt: was wird’s seyn, das dir zu Theil wird? Leben oder Verdammniß?“ – Was ist wichtiger für uns alle, als diese Frage nach unsern letzten Dingen? Was geht uns näher an, als Seligkeit und Verdammniß? Wer über diese Dinge irrt, kann sich leicht zu seinem ewigen Schaden verirren. Großer Gott, erbarme Dich!

 So wichtig diese Sache in unsern Augen ist, so wichtig ist sie auch in den Augen des guten Hirten Jesus. Darum hat Er uns nicht nur in der Bergpredigt die schmale Lebensbahn so genau und kenntlich beschrieben, daß man denken sollte, es müßte ein Jeder leicht verstehen,| was Er mit ihr meint; – sondern Er warnt auch am Ende dieser Predigt Seine Schafe mit treuem Herzen vor den Verführern, durch welche sie an der schmalen Straße irre gemacht und von ihr verleitet werden könnten. „Sehet euch vor vor den falschen Propheten!“ ruft Er mit mächtiger, liebevoller Stimme, – an die falschen Messias’e, an die falschen Apostel, an die falschen Lehrer denkend, welche nach seinem Hingang zum Vater die Zeit benützen, als Wölfe unter der Heerde, als Eber im Weinberg wüthen würden.

 Theure, werthe Seelen! Ich kann, ich darf es euch nicht verhehlen, – meine Jugend lockt mich zwar zu schweigen, aber mein Amt und der Eid, welchen ich der heiligen Kirche gethan, zwingt mich zu reden, – ich muß es euch bei Gelegenheit des heutigen Evangeliums sagen: Es sind viele falsche Propheten in unsern Tagen, – viele Verführer vom schmalen Wege, – viele, welche von dem Worte Gottes weichen und den Weg breit und bequem machen wollen, der zum Leben führt. Ja, wenn in irgend einer Zeit, so laufen die Christen in unserer Zeit Gefahr, durch Verführer um ihr ewiges Heil betrogen zu werden. Darum bedarf es gerade jetzt treuer Wächter, unerschrockener Zeugen, welche vom rechten und falschen Wege deutlichen Unterricht geben, auf daß Niemand ungewarnt verloren gehe.

 Wohl wahr! Alle, auch die treuen Zeugen sind nicht ganz rein, – in jedem Diener Gottes ist noch der alte Mensch als ein falscher Prophet. Unter allen kann ich mir am wenigsten anmaßen, ein treuer Diener und Zeuge des Herrn zu heißen. Viel Trauriges, was ich heute reden muß, paßt auch auf mich. Aber mag es mich gleich selber treffen: zeugen muß ich doch, auf daß ihr behutsam werdet, auf daß ihr nicht jeglichem Geiste glaubet, sondern euch vorsehet vor allen falschen Propheten, und von dem, was auch in treugesinnten Zeugen von dem falschen Propheten stammt.

|  Mein Gott, züchtige und demüthige mich Du! Ich weiß ja, daß ich nichts bin, als ein armer, unwerther Sünder, auch noch nie eine Predigt ohne Sünde gethan habe. Aber siehe Du dennoch in Christo Jesu gnädig auf mich und diese meine Zuhörer, auf daß wir selig werden, ich sammt denen, welche Dein Wort aus meinem Munde hören! Amen.




 1. „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reissende Wölfe“ spricht der Herr. Er redet also für’s Erste von denen gar nicht, welche sich als offenbare, reissende Wölfe geberden, welche ohne allen Schafpelz und Bemäntelung sich für das geben, was sie sind. Wider diese gleichsam ehrbaren Wölfe predigt Christus hier nicht: das Geheul aus ihrem Munde predigt genugsam und wer vor ihnen fliehen will, der kann es. Sie sind wie Aussätzige, welche schon von weitem durch Wort und Geberde ihr: „unrein! unrein!“ kreischen, – wie ein Regen, dessen Wolken man lange vorher sieht – wie Sümpfe, welche ihren Geruch weit genug um sich her verbreiten. –

 Solche reissende offenbare Wölfe sind diejenigen, welche zwar der Kirche Brod essen, aber gar kein Geheimniß daraus machen, daß sie den Glauben der heiligen Kirche und des göttlichen Worts nicht für Wahrheit achten, welche es gerade heraus sagen, daß sie selbigen für Aberglauben, für Lug und Trug achten. Diese sagen zu Jesu nicht mehr: „Herr, Herr!“ – weissagen und predigen auch nicht mehr in Seinem Namen, sondern im Namen ihres eigenen, verderbten, aufgeblasenen Herzens. Sie thun ihre Thaten nicht mehr in Seinem Namen, nicht Er mehr, sie selber sind sich letzter Zweck; – nicht Seine, ihre eigene Ehre suchen sie. Die edelsten Glaubenslehren verhöhnen sie, Blut und Wunden sind ihnen zu Spott und Hohn, sie| begraben das Verdienst Jesu Christi, wie es die Kirche lehrt, und heben dagegen das Verdienst eigener Werke hervor. Damit rauben sie den geängsteten Gewissen, die wohl Schmerz und Zagen der Sünde, aber kein gutes Werk bei sich befinden, ihren Trost; – morden mit Lügenpredigt, welche ihr eigenes Herz geboren hat, die Seelen; – verbreiten Ruhe des Todes, geistlichen Tod über Gottes Weinberg – und wollen für alles das noch ungescholten, ja gelobt seyn. Ihrer sind viel in unsern Tagen. Weil sie aber laut genug von sich selber predigen, dürfen wir sofort mit unserm Texte von ihnen schweigen.

 2. Diejenigen, von welchen Christus im Texte spricht, sind im Grunde eben so schlimm, ja schlimmer, als die eben Genannten. Sie wollen nicht scheinen, was sie sind. Sie wissen wohl, was Christus zu seinen Jüngern spricht: „Siehe, Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ (Matth. 10, 16). Darum verkleiden sie sich, um desto sicherer unter der Heerde zu verderben, in Schafe. So waren zu Jesu Zeiten viele Pharisäer. So sind und waren zu allen Zeiten alle Heuchler und Gleißner.

 Ich scheide absichtlich zwischen Heuchlern und Gleißnern. Die Heuchler wissen gar wohl, daß sie Wölfe sind: es ist bei ihnen wissentlicher, ausgesuchter Betrug, wenn sie eine Schafsmiene annehmen. Sie arten darin ihrem Vater, dem Teufel, nach, welcher auch, um desto sicherer zu verführen, sich mühsam in einen Lichtengel verkleidet. Zu Ehren der Menschheit möchten wir hoffen, daß solcher Leute auf Erden sich nur wenige finden. Desto größer aber ist die Menge der Gleißner, welche ihre eigne Wolfsnatur, ihr verderbtes Herz mit seinem Betrug und seinen Schleichwegen, mit seiner teuflischen List sich selber geflissentlich verhehlen; – welche so verrückt sind, daß sie, obwohl Wölfe, sich dennoch selbst für Schafe alles Ernstes halten, sich als Schafe geberden und es höchst übel nehmen, wenn man sie nennt, was sie sind, nämlich Gleißner| d. i. Heuchler ohne es zu merken. Die Heuchler sind nicht so gefährlich als die Gleißner: den Heuchlern ist’s so gar hoher Ernst nicht mit ihrer Heuchelei, sie verrathen sich öfter. Aber die Gleißner sind ganz darauf aus, Schafe zu scheinen; ja, so viel sie sich selbst erkennen, ist es ihnen auch Ernst, zu seyn, was sie scheinen. Es ist aber Nichts mit ihnen bei allem Schein: ihr Christenthum paßt zu ihrem inwendigen Menschen wie ein neuer Lappen zum alten Kleid: das, was in Christo Jesu alleine gilt, die neue Creatur, ist in ihnen nicht geboren. Es hat sich blos ihr alter Mensch bekehrt, ohne daß ein neuer da ist. Sie haben die Kraft Gottes nie erfahren, welche allerdings aus Steinen und Gleißnern Gotteskinder, aus Wölfen Schafe machen kann. Ein fürchterlicher Betrug ist in ihnen: selbstbetrogen betrügen sie andre. Mit Einem Worte: sie sind selbstgerechte, scheinheilige Frömmler. – Was vor Menschenaugen recht ist, thun sie, wissen sich viel damit und sind stolz. Haben sie ja einmal eine Sünde vor andern eingestanden, so bleibt ihnen tief innen die stille, stolze Freude, daß sie demüthig gewesen – und eben damit vor der Gemeinde größer geworden seyen, als hätten sie nicht gesündigt. Wenn ihr Gewissen sie schlägt, wie ein Cherub, mit hauendem Schwert, so pflegen sie inwendig oft die geheime Hoffnung, daß wohl gar ihr Name bei Gott besser angeschrieben ist, als bei ihnen selbst, daß der Allerheiligste sich ihrer Demuth freue. Diese Art kann im Amte treu seyn bis zu einem gewissen Punkte, dem Ehrenpunkte: wer ihnen da wohl thut und schmeichelt, hat Simson’s Locken gestohlen und kann mit ihm machen, was er will: – wer ihnen da weh thut, hat den Wolf gereizt, daß er in angebornem Grimm seinen Schafpelz fallen läßt!
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 3. Wenn man nun dem äußern Schein bei keinem Menschen trauen darf, wenn es dahin gekommen ist, daß ein reines und aufrichtiges Herz behutsam und langsam im Vertrauen seyn muß, daß solches Mißtrauen und solche| Klugheit eine große, seltene Tugend ist: – wer giebt uns denn ein sicheres Kennzeichen an die Hand, nach welchem wir treue Lehrer von den falschen unterscheiden, keinem unrechtmäßig das Vertrauen schenken, aber auch keinem unrechtmäßig das Vertrauen entziehen? – Ein solches sicheres Kennzeichen, l. Seelen, giebt uns der Herr selbst in unserm Texte: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“
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 Unter den Früchten ist nicht die reine Lehre verstanden: wer die nicht hat, ist ein offenbarer Wolf. Auch gehört nicht hieher, wie viele Anhänger, Zuhörer und Freunde ein Lehrer hat: denn der Teufel hat in der Welt die meisten Zuhörer, Anhänger und Freunde. Ferner gilt hier nicht, wie viele einer zum wahren Christenthum bekehrt hat: das hängt von den Gaben ab, welche Gott verleiht und versagt, wem Er will. – Willst du aber lernen, welche Früchte hier gemeint seyen; so studiere nur die Bergpredigt, welche dicht vor dem: „Sehet euch vor!“ unsers Textes steht. In ihr hat Jesus Christus der Pharisäer und falschen Propheten böse Früchte und gegenüber seiner Schafe edle Tugendfrüchte treu und kenntlich abgezeichnet. – Welcher Lehrer nicht mit allen Kräften trachtet, in den sieben ersten Seligkeiten der Bergpredigt erfunden zu werden; welcher nicht mit allen Kräften ringt, die bessere Gerechtigkeit zu erfüllen, welche Jesus auf dem Berge lehrte; – ich sage nicht: „welcher sie nicht erfüllt“ (denn das kann keiner); sondern: „welcher nicht nach allen Kräften ringt, sie zu erfüllen“; – welcher nicht vor allen Dingen, sichtlich, unwidersprechlich, unabstreitbar nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit trachtet: – von dem kann man gründliche Besorgniß haben, er möchte etwa kein frommer Lehrer, sondern ein falscher Prophet seyn, von dem steht geschrieben: „Sehet euch vor!“ – Im Gegentheil: wenn es an einem Lehrer augenfällig ist, daß er den Willen des himmlischen Vaters zu erfüllen| für seinen Lebensberuf hält, den zu erreichen er keine Entsagung, keinen Kampf mit sich oder andern, keinen Zorn der Welt und des Teufels scheut: wenn irgend einer, durchdrungen von Abscheu vor aller Sünde, voll heiliger Liebe zu Jesu Christo, der Welt stirbt, Christo lebt und in sein Bild verklärt zu werden strebt; – wenn er von Jesu Christi Geist besucht, Seiner Gnadengüter voll, unter der Zahl der Gottverlobten steht, in Jesu Seines Lebens Frieden, in Ihm die Seligkeit seiner Ewigkeit erkennt: – wenn er Jesu Schmach nicht scheut und die Demüthigung mit Willigkeit, ja im Fortgang seines innern Lebens mit Dank gegen Gott aufnimmt: – wenn er bei aller Treue der Pflichterfüllung den Sinn des Täufers hat und bewahrt, der geruhig sprach: „Er muß zunehmen, ich muß abnehmen!“ – wenn er von Lob nicht eitel, von Gleichgültigkeit und Haß nicht aus der Ruhe gebracht, mit St. Paulo still durch gute und böse Gerichte geht, verzeiht und segnet, eines menschlichen Tages Urtheil Nichts achtet und sich an Gottes Gnade genügen läßt, andern alles Gute gönnt, selbst jedes Uebel aus der Hand des Herrn auch als gut aufnimmt: – – wenn einer so thut, dann ist er ein treuer Lehrer, ein guter Baum. – Seine Früchte werden erkannt werden am Tag der Garben, wenn er auch hier Nichts geachtet ist und klein scheint im Reich des Herrn. Er ist eine Rose auf dem Berg oder im Thal, die Niemand findet, die Gotte blüht, duftet und welkt: der Wind weht über sie, ihre Stätte kennt sie nicht mehr, sie wird vergessen von denen, die ihrer nicht werth waren; aber der Herr kennt die Seinen.
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 4. Ihr könntet fragen: „Darf man denn aber so gewiß von der Frucht auf die Beschaffenheit des Baums, von dem unbescholtenen Wandel eines Lehrers auf seine Treue schließen? Wird man nicht oft falsch urtheilen? Antwort: Es ist wohl möglich, daß du nicht zu urtheilen| verstehst; denn es muß geistlich gerichtet seyn, und wer weiß, ob du in deinem Urtheil dich von Gottes Geiste leiten lassen magst? Wohl möglich, daß du manchen treuen Lehrer verkennst, und manchen falschen für heilig und treu achtest: daran aber bist du schuldig und deine Ungeschicklichkeit, nicht die Frucht, die redlich von dem Baume Zeugniß giebt. Wer nie einen Apfel gesehen hätte, könnte wohl auch eine Birne für einen Apfel halten, und einen Birnbaum für einen Apfelbaum: deswegen bleiben aber dennoch Frucht und Baum, was sie sind. Gleich also, wenn du aus Gottes Wort durch Seinen heiligen Geist gelernt hast, was ein guter Baum und eine gute Frucht ist, wirst du von dem guten Baume richtig und gut urtheilen können und von dem bösen, wie es einem bösen Baum gebührt.

 Ferner: Es stehen zwei Weinstöcke verschiedener Art im Garten, doch jeder gut und fruchtbar in seiner Art. Beide sind in Wahrheit Gottes liebe Pflanzen, und ihre Früchte sind weder Heckenbeeren, noch Dornenfrüchte. Wenn dir nun des einen Weinstocks Trauben besser schmecken, als des andern, und du wolltest um deines Geschmacks willen den einen Weinstock loben, den andern verachten, da sie doch beide Gottes Pflanzen sind in ihrer Art; so wärest du freilich um deiner Leidenschaft willen ungeschickt, zu urtheilen, was gut und bös ist; aber des Herrn Befehl bleibt dennoch lauter und ohne Wandel: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Er verneint in unserm Evangelio auf das allerstärkste die Möglichkeit, daß von einem bösen Baume gute Früchte, von Dornen Trauben, von Disteln Feigen, von einem bösen Herzen Früchte eines heiligen Wandels geerntet werden können. Dabei muß es bleiben, obgleich der Christen Sünde im Urtheil über eines Lehrers Werke groß ist.

 5. Indeß weil auf ein richtiges Urtheil allerdings viel ankommt; so kommt der Herr der menschlichen Schwachheit| hülfreich entgegen, und lehrt uns Vorsicht. Er warnt uns in unserm Evangelio namentlich vor dreien Dingen, von denen wir ohne Seine Rede allzugeneigt seyn würden, einen Schluß auf die Treue eines Lehrers zu machen. Diese drei unsicheren Dinge sind:
a. Das Herr, Herr sagen,
b. Das Weissagen im Namen Jesu,
c. Das Thaten thun in Seinem Namen.

 a. „Es werden, versichert Jesus Christus, nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in’s Himmelreich kommen.“ Herr, Herr sagen heißt Jesum für einen Herrn bekennen; – bekennen, daß Er würdig sey, zu nehmen Preis und Ruhm und Ehre, Gewalt und Macht, würdig, daß sich in seinem Namen beugen alle Kniee im Himmel und auf Erden und unter der Erden. Es steht wohl geschrieben (1. Cor. 12, 3.): „Niemand kann Jesum einen Herrn heißen, ohne durch den heiligen Geist.“ Aber viele maßen sich’s an, und nennen den großen Namen in frecher Dreistigkeit, ohne Ehrfurcht. Darum kann man denjenigen noch nicht mit Sicherheit einen Diener Gottes nennen, dessen Bekenntniß vom Namen Jesu rechtgläubig lautet: es kann Schafpelz seyn und ist es hundertmal gewesen. Rechtgläubiges Bekenntniß ohne rechtgläubiges Leben ist Nichts; von jenem zu diesem ist ein großer Schritt.

 b. Daß nun „Herr, Herr sagen“ kein sichres Kennzeichen frommer Lehrer sey, ist leicht zu begreifen. Aber das ist erstaunlich, daß man in Jesu Namen weissagen und am jüngsten Tage doch die Stimme hören kann: „Ich habe euch nie erkannt.“ Weissagung – nach der nächsten Bedeutung Vorherbestimmung der Zukunft, ist eine Wundergabe; aber dennoch eine Gabe, welche auch ein Heuchler haben und trotz ihres Besitzes als Heuchler verloren gehen kann. Bileam (4. Mos. 22–24.) weissagte| herrlich von dem Aufgang des ewigen Morgensterns Jesus Christus, und war doch ein reißender Wolf, welchen der Zorn des Höchsten verzehrte. (4. Mos. 31, 8.) – Weissagen heißt aber in der heiligen Schrift auch manchmal predigen. Die Predigtgabe ist also auch kein sichres Kennzeichen eines frommen Predigers. Wenn einer noch so schön, noch so christlich predigt, wenn Christus sein A und sein O ist, wenn er, wie man sagt, mit Salbung, mit einer gewissen himmlischen Kraft und mit einem Ansehen predigt, dem sich nicht widersprechen läßt, – wenn er die Schrift erklärt, als wäre er dabei gewesen, wenn er aus jedem Wort die treffende Vermahnung, die passende Lehre zu ziehen weiß, – wenn ihm auf allen seinen Tritten der Segen seiner Zuhörer folgete und das Volk in seiner Nähe wie von einem Schauer der Ehrerbietung ergriffen würde: – was ist alles das? Betrüglich Ding! Es kann Schafpelz seyn, und ist es hundertmal gewesen!
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 c. Sey’s drum! Fahr hin, Weissagung! Fahr hin, du edles Gut der Predigtgabe! du bist zu verschmerzen. Aber das ist erschrecklich, daß Viele an jenem Tage zu dem Herrn sprechen werden: „Haben wir nicht in Deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in Deinem Namen viele Thaten gethan?“ – und Er doch antworten wird: „Weichet alle von mir, ihr Uebelthäter!“ Großer Gott! wie ist der Mensch gefallen, daß selbst die Wundergabe ihm zum Verderben dienen kann! Wie einer mit seinem Munde allerlei aufbringt, was er bei allem Schein und Eifer doch nicht glaubt, – wie er mit seinem Munde zu Jesu nahen und Ihn bekennen und mit dem Herzen ferne von Ihm seyn kann, – das ist, so schlimm es ist, begreiflich und gewiß; auch hab’ ich’s an mir selber oft genug erfahren. Aber daß ein Mensch Macht über böse Geister, Macht über die Elemente haben soll, – daß er herumgehen, den Elenden Hülfe, den Kranken Genesung, den Kummervollen fröhliche Angesichter verleihen – und| bei alle dem ein verkappter Wolf, ein Heuchler seyn kann: das hätte ich nimmermehr geglaubt, wenn es Der nicht gesagt hätte, dem gegenüber jeder Zweifel schweigen muß. Können aber solche große von aller Welt angestaunte Gaben einem gleißnerischen Herzen nur zur Decke dienen: du lieber Gott! wie viel weniger kann man dann von andern Dingen einen sichern Schluß auf das Christenthum des Herzens machen, – z. B. vom Almosengeben, Schulen und Anstalten, Kirchen und Spitäler errichten und bedenken. Ein einziger Tropfen wahrer Geistesarmut!) im Herzen eines gedemüthigten Dieners Gottes ist Gott angenehmer, als diese rauschende Thatenpracht.

 6. Ob uns nun wohl der Herr ein Mißtrauen gegen solche äußerliche Gaben einflößt; so müssen wir doch bedenken, daß Er sagt: „Nicht alle, die zu mir Herr, Herr sagen, werden in’s Himmelreich kommen!“ und nicht: „Alle, die zu mir Herr, Herr sagen, werden nicht in’s Himmelreich kommen!“ Es müssen allerdings auch fromme Christen ihren Herrn nennen, was Er nun einmal ist: „Herr, Herr!“, sie müssen in Seinem Namen reden und Thaten thun. Wer ihnen daraus ein Verbrechen machen wollte, der wäre einem thörichten Manne gleich, welcher allen Schafen gram seyn wollte, weil einmal der Wolf ein Schaf erwürgt und ihm den Pelz gestohlen hat. Dem Schafe ist sein Pelz, dem Christen der Name Seines Herrn zum Kleid und Schmuck gegeben: beide tragen ihr Kleid mit Ehren. Ja, selbst an Wölfen ist nicht der Schafpelz das Schändliche, sondern daß sie zum Schafpelz nicht passen, daß ihre verkehrte, böse Art desto greller in’s Licht tritt, wenn sie gegen den Schafpelz betrachtet wird. Es ist leider die schwere Schuld der Heuchler, daß nicht allein sie heucheln, sondern durch ihre Heuchelei auch alle andern frommen Seelen in den Geruch pharisäischen Wesens kamen. Darum muß auch das Mißtrauen seine Schranken haben.

|  7. Bis hieher, lieben Brüder, gedachten wir eigentlich blos der Lehrer und Prediger. Aber die Sache geht weiter: jeder Mensch ist in seinem Kreise ein Prediger, wenigstens durch das Beispiel. Darum giebt’s in jedem Stande Wölfe im Schafpelz. – So giebt es zum Beispiel eine Klasse von Menschen, deren Beispiel in unsern Tagen noch mehr Gewalt hat, als das der Prediger. Ich meine die Edlen und Vornehmen dieser Welt. Diese sind, wofern sie Heuchler sind, unter allen Wölfen die gefährlichsten. Wie Capernaum sind sie bis in den Himmel erhoben: weil sie so hoch stehen, sind der Menschen Augen zu ihren Gunsten bestochen. Der Herr hat sie mit irdischer Pracht ausgezeichnet unter den Menschenkindern – nach unerforschter Gnade: Er hat sie erhöhet bis zum Himmel, Er kann sie erniedrigen bis zur Hölle: wenn Er zu Gerichte sitzt, sieht Er nicht Person an – benedeit und fluchet einem jeden Baume je nach seiner Frucht.
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 Ferner kennen wir alle eine große Gleißnerin. Ehedem hatte sie ihren Sitz in den großen Städten, nun ist sie in alle Städte, in alle Märkte, alle Dörfer eingedrungen. Ich meine die falschberühmte Aufklärung und sogenannte höhere Bildung. Ihr Geschrei ist auf allen Gassen, so gemein, wie der Staub, der überall daheim ist. Aufklärung, höhere Bildung nennt sie sich; aber sie ist nicht, was sie sich nennt; eine grimmige Wölfin steckt unter der Decke, deren eigentliche Namen sind: Luxus – Stolz und Hoffahrt. Es offenbart sich bereits, wohin diese Aufklärung führt. Hochmuth kommt vor dem Fall, und Luxus vor der Verarmung. Bei einer großen Anzahl von Menschen werden der Bedürfnisse, der Vergnügungen so viele durch Kraft dieser Aufklärung, daß Vermögen, Kraft und Fleiß nicht mehr das Nöthige erschwingen können. Darum arbeitet man übermäßig und vergißt über der Arbeit Gott Und Gottes Wort, damit man nur am Feiertage etwas habe zu verprassen. Kann man| dann das schwer gewonnene Gut in Gesellschaft einiger vornehmen Schwelger und nach ihrem Beispiel verschwenden, dann däucht einem, man sey auf einmal selber groß und vornehm geworden. So weicht man von Gott, der Herr und Sein Segen weicht wiederum von uns. Der Ruin wird immer bedenklicher, eine Familie nach der andern geht zu Grunde. Das sind die Früchte der edlen Aufklärung im Irdischen, vom Geistlichen zu schweigen!

 Endlich überschwemmt eine ganze Schaar falscher Propheten das Land: ich meine jene schlechten Erbauungsbücher, die Kinder der falschen Propheten, welche der Menschen ewiges Heil untergraben wollen. Honigsüß sind sie, kein Gewissen tasten sie an, lassen Jedermann in seinem Sündenschlummer, schläfern ein, was noch nicht schläft: viele junge, viele alte Herzen sind durch diese elenden Bücher verderbt worden; viele Verdammte werden’s einst bezeugen, daß durch so ein Buch der Grund zu ihrem Verderben gelegt worden ist.

 Ach, wie lange könnte man reden, wenn von den falschen Propheten unserer Tage rein ausgeredet werden sollte! Aber ich bin müde der langen Predigt voll unangenehmer Entdeckung. Summa: die Welt ist voll Verführung. – Lasset mich nun nur noch einen Augenblick ausruhen im Anschauen dessen, der ja doch meiner Seele Freude, mein Hirte und mein König ist.

 8. Ja! Gott sey ewig Lob und Dank! In der weiten Welt, die den Verführern nachfolgt, – in der großen Wüste derer, welche sich zur Erde bücken, nur sich, nur ihre Ehre, ihren Vortheil suchen, – steht der große Prophet hehr und mild, Jesus Christus, genannt nach Wahrheit Gottes Lamm. Auf ihn sehet, ihr Schafe, wenn ihr wissen wollet, welches Geistes Kinder ihr seyn sollt. Lammessinn und Lammsgeberde sind in Ihm beisammen. In Ihm haben auch Seine Feinde keinen Betrug auffinden können. Er ist, was Er scheint, – ein Lamm. Er| hat den Willen des himmlischen Vaters treulich erfüllt. Siehe da! wie liegt das Lamm Gottes so fromm! Voll Freundlichkeit schaut es auf die Menschenkinder, aus Seinen Wunden quillt der Reichthum göttlicher Gnade, wie ein Strom: daraus trinken die müden Seelen Vergebung der Sünden, Friede und Freude, ewiges Leben. Das war Seines Vaters Wille: eine Quelle des Heils sollte er erfinden: Er fand sie in Seinem Herzen, in Seiner Liebe, – und Er schenkte Sein Herz, Seine Liebe den Sündern! So hat Er des Vaters Willen gethan! Er hat es treu gemeint und meint es noch treu! Er ist kein Heuchler; denn ein Heuchler hat nicht die Liebe, daß er sein Leben ließe für die Feinde!
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 Lieben Brüder! Wenn euch ein Führer mangelt zu der engen Straße; – wenn euch, wie billig, kein menschlicher Lehrer mehr weiter genügt, als euch auf Ihn hinzuweisen: – o dann werdet Seine Nachfolger, Nachfolger des Lamms! Findet ihr bei genauer Prüfung in euerm Leben viele Heuchelei; so trinkt aus der Liebe Seines aufrichtigen Herzens! Der Trank Seiner versöhnenden Liebe versöhnt und reinigt zu gleicher Zeit zu himmlischer Lauterkeit ein Herz, welches seine Heuchelei aufrichtig beweint. – Jesu ganzes Lehren, Leben, Leiden, Sterben ist Demuth: nehmt aus Seiner Fülle Demuth, so schwindet alle Heuchelei. Habt ihr Demuth, so folgt Ihm ferner in aller Demuth nach, wohin Er geht. Er ist das Licht der Welt: wer Ihm nachfolgt wird selber Licht des Lebens haben. Wenn aber Jesus eures Lebens Licht ist auf dem schmalen Pfade, wenn Er in Seinem Worte euern Füßen leuchtet, wenn Er mit und um euch ist: was braucht ihr dann viel auf trügliche Menschen zu schauen, welche so leicht zu falschen Propheten werden? Das Volk Israel am Berge Sinai kannte Ihn in Seiner herablassenden Liebe nicht, – darum sprachen sie zu dem Menschen Mose: „Rede du mit uns! Laß Gott nicht mit uns reden, wir| möchten sonst sterben!“ (2. Mos. 26, 19.) Besser und kindlicher betete der Knabe Samuel (1. Sam. 3, 10.): „Rede, Herr, dein Knecht hört!“ So betet auch ihr, meine Lieben! – Jesus redet zu uns in Seinem Worte! Sein Wort ist nahe bei uns! Sein Geist verherrlicht Ihn im Wort! Seine Schafe hören Seine Stimme. Laßt uns unser Ohr vor Menschenlehren schließen, – laßt uns auf Jesum hören, als fromme Schafe auf den treuen Hirten. So werden wir erfahren in Wahrheit, daß Er, wenn alle Menschen lügen, Worte des ewigen Lebens hat! Ja! Amen.






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