Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze/Kapitel 7

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« Kapitel 6 Wilhelm Löhe
Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze
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VII.
Vater,
ich befehle meinen Geist in Deine Hände.


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Luc. 23, 46.
46. Und JEsus rief laut, und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände. Und als Er das gesagt, verschied Er.
 Beim Beginn der sechs schweren Stunden richtete JEsus Sein erstes Wort an den Vater, indem Er sprach: Vater, vergib, sie wißen nicht, was sie thun. Am Schluße dieser Stunden richtete Er Sein letztes Wort gleichfalls an den Vater: „Vater, spricht Er, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Also Eine Richtung hat der Sohn auch in der schwersten Zeit Seiner Leiden mit allen Treuen festgehalten; von all dem Ungeheuern, was ihm begegnet ist, hat nichts auf ihn die Macht ausgeübt, daß Sein Verhältnis zu Dem, der Ihn gesandt hatte, erschüttert worden wäre. Bewundern wir an dem heiligen Paulus die Gesinnung und das Wort, das wir am Schluße des achten Capitels an die Römer lesen, die Gesinnung des unerschütterlichen Vertrauens, daß er nicht werde abgetrennt werden von der Liebe Gottes, die in Christo JEsu ist, so finden wir in dem letzten Worte JEsu und in der von Ihm ausgesprochenen Gesinnung den Grund und die Quelle, aus welcher allen anderen Christen, wer sie auch seien, ein ähnliches Vertrauen, eine ähnliche Zuversicht quillt. Aehnliches Vertrauen, ähnliche Zuversicht, sage| ich, denn das Waßer ist der Quelle, von der ich rede, zwar ähnlich, aber keineswegs gleich, und das unerschütterliche Anhangen JEsu an Seinem Vater und der Erfahrung, namentlich wie Er sie in den letzten sechs Stunden machte, ist auch über das apostolische Vertrauen und die Treue Pauli weit erhaben. Wenn wir uns den vollen Eindruck verschaffen wollen von der Treue JEsu, so müßen wir sie gar nicht mit der Treue Seiner Apostel, welche doch nur aus Seiner Treue floß, vergleichen, sondern vielmehr mit dem Verhalten des ersten Adams im Paradiese in seiner Versuchungszeit. Gleichwie der erste Adam versucht wurde und fiel, so wurde der zweite Adam versucht und stand; dort bestand die Versuchung in einem lügenhaften Reize, der leicht entschleiert und vernichtet werden konnte, hier aber besteht sie in geheimnisvollen Kämpfen und Schrecken der Hölle und im Gefühle der Gottverlaßenheit, von welchem wir nicht einmal eine Ahnung haben. Dort betraf sie den ersten Menschen im vollesten Glücke, hier den zweiten Adam im größten Unglück, in der größten Schwachheit des Leibes. Dort währte die leichte Versuchung einen Augenblick, hier aber währt die schwerste, uns nach ihrer vollen Wucht verborgene Versuchung lange Stunden. Jene endigte mit bösem Gewißen und hatte das Verderben der ganzen nachfolgenden Menschheit zur Folge, diese endigt mit dem Ausspruch des vollsten Vertrauens und tiefsten inneren Friedens, und ihre Folge ist die Versöhnung der Welt. Gegenüber der folgenreichsten Untreue in Versuchung steht die folgenreichste Treue, welche sich herzgewinnender und rührender nicht aussprechen konnte, als in den Worten voll Kraft und Friede: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ So wie man an Sterbebetten| voll jammernden Mitgefühls ist, so lange der Kampf währt, aber eine gewiße Zufriedenheit das Herz durchdringt, wenn der letzte Hauch vorüber und der ganze Lebenslauf glücklich geschlossen ist, so fühlt man bei dem letzten Worte JEsu bereits die tiefe Beruhigung, welche Sein vollendetes Werk in den Kindern des Todes schaffen kann. Die Trauer schweigt, die Bewunderung wird laut, und man ruft im Chore dem Vorredner der Kirche, dem Hauptmann am Kreuze nach, der durch den Tod des HErrn zum Glauben und zur Anerkennung Seiner übermenschlichen Würde und Seiner Gottheit gelangte.
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 Das siebente Wort des HErrn beschließt die sechs bangen Stunden JEsu; aber es beschließt auch den zweiten Theil der sechse, die drei letzten Stunden. In diesen dreien war das erste Wort ein Psalmenton: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlaßen,“ und das letzte ist auch ein Psalmenton, ein Wort aus dem einunddreißigsten Psalm und deßen sechstem Verse genommen. Der heilige Jakobus sagt: „Leidet jemand, der bete, ist jemand fröhlich, der singe Psalmen.“ Der HErr aber gieng mit Psalmen in die Finsternis und geht mit Psalmen wieder aus ihr heraus; Psalmen haben ihn geleitet vom Anfang bis zum Ende, eine Bemerkung, durch welche nicht allein der Werth der Psalmen aufs höchste steigt, sondern durch welche wir auch in die Stimmung JEsu und in Sein inneres Verhalten einen Blick thun können. Die Psalmen, die Ihn bewegen und beschäftigen, reden von Ihm selber, sind Weißagungen von Ihm. Er beschäftigt sich mit ihnen, um sich innerlich dadurch zu stärken, daß Er sich vorhält, wie die Schrift erfüllt werden müße. Es ist, wie wenn das geschriebene Wort mitten in Seinem Weh und Leid Seines| Fußes Leuchte und ein Licht auf Seinen Wegen gewesen wäre. Er spricht aber auch Psalmenverse aus, die Ihn besonders beschäftigen, ohne Zweifel um uns in die Gemeinschaft Seiner heiligen Gedanken und Seines Ergehens zu bringen: Die Verweisung auf die Psalmen weist uns auf die Lichter, die in Seine dreistündige Dunkelheit Licht bringen, und uns anleiten können, den Wegen Seiner Seele ein wenig nachzugehen und uns desto beßer in Seinen Kampf und Sieg zu vertiefen. Ihr, meine lieben Brüder, werdet aufgefordert, zu diesem Zwecke für euch selbst die genannten Psalmen zu lesen und zu betrachten: süße Passionsfreude, vermengt mit Wehmuth, Reue und Leid, werdet ihr bei solcher Beschäftigung finden, durch dieselbe tüchtig und geschickt werden, am Kreuze JEsu bei Seiner siegreichen Vollendung zu stehen. Während ich euch aber also berathe, und Segen des Rathes verheiße, erkenne ich wohl, daß es Zeit ist, auf das letzte Wort des HErrn JEsus selbst einzugehen, und dasselbe zu erwägen. Bei diesem Geschäfte werde ich euch vor allen Dingen das Wortverständnis zurecht zu legen haben, dann aber zeigen, was in den Worten ausgesprochen liegt, was der HErr mit diesen Worten that, in welcher Weise Er’s gethan hat und wie unser Weg zur Ewigkeit dadurch erhellt wird.
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 Hört man die Worte: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände,“ so klingen sie wie ein Gebet, wie eine Bitte an den ewigen Vater, daß Er sich Seines Sohnes in dem nun bevorstehenden Augenblick des Todes annehmen möge. Viele Tausende haben seit dem ersten Charfreitag in ihren täglichen Gebeten und in ihren Sterbensnöthen dem HErrn JEsus nachgesprochen,| viele haben auch in ihrem Leben gebetet, daß das letzte Wort JEsu ihr eigenes letztes Wort sein und werden möge. Wer aber hat je diese Worte anders gesagt oder sagen wollen, als nur gebetsweise, und wer wird sie in der Folge wohl anders sagen können und dürfen? Nichts anders wollen die unzähligen Nachfolger JEsu mit Seinen letzten Worten, wann und so oft sie dieselben wiederholen, sagen, als was der heilige Stephanus in seinem Todesgebete ausgedrückt hat, da er sagte: „HErr JEsu, nimm meinen Geist auf.“ Beim Gebrauch der herrlichen berühmten Worte hat man nichts vor, als um Bewahrung und Versorgung der armen scheidenden Seele zu beten. In diesem Sinne aber hat der HErr die Worte des einunddreißigsten Psalms nicht gesprochen, und der Ausdruck „befehlen“ soll nicht wie in unserer neueren Sprache ein Gebet andeuten, oder eine Bitte, sondern eine herrliche, große That des HErrn. Nach dem Wortlaut der heiligen Schrift heißt das letzte Wort des HErrn nicht anders, als: „Vater, in Deine Hände werde ich nun niederlegen meinen Geist, Dir werde ich ihn überantworten und übergeben; was ich hier auf Erden noch zu thun habe, das werde ich jetzt alsbald thun, nun soll mein Geist vom Leibe losgerißen werden und in Deine väterlichen Hände übergehen.“ So sagte der HErr, und alsbald that Er auch also, Er neigte Sein Haupt und hauchte Seine Seele aus, und überlieferte Seinen menschlichen Geist in die Hände Seines Vaters, auf daß Sein Tod vollzogen und Er ein vollkommenes Opfer würde für alle unsere Sünden. So haben wir also das letzte Wort JEsu nicht sowohl als ein Gebet anzusehen, sondern vielmehr als die Verkündigung der letzten noch übrigen That und Todeserfahrung unseres HErrn. Seine laute| mächtige Stimme legt aller Welt aus, was sie von sich selbst nicht versteht und ihr zu jener Zeit auch niemand hat auslegen können. Wie der Herold die Thaten ankündigt, die sein Herr wird geschehen laßen, so wird JEsus Christus nothgedrungen Sein eigener Herold und verkündigt nicht bloß den Menschen, die da zuhören, sondern dem ewigen Vater selbst den nun alsbald folgenden Vollzug Seines Opfers. Mehr zum Himmel, als über die Weite, über die Erde hin tönt die mächtige Verkündigung; in den ewigen Höhen soll vernommen werden, was auf dem Hügel Golgatha geschieht, Himmel und Erde erfahren von diesem Sterbenden selbst Seine Todesbotschaft, die sich nun verwandeln wird zu einer Botschaft des Lebens und zu einer Ursache der ewigen Seligkeit.
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 Aus dem, was wir bisher gesagt haben, könntet ihr, meine geliebten Brüder, selbst entnehmen, was der HErr gethan hat, indem Er die Worte sprach, oder vielmehr, was Er gethan hat zu der Zeit, da er Seine Worte ausführte und nach deren Inhalt handelte. Wenn wirklich das berühmte Wort des HErrn so aufzufaßen ist, daß es nichts anders heißt, als: „Vater, ich werde nun meine Seele in Deine Hände überliefern,“ so heißt das nicht bloß: „ich werde nun sterben“, sondern es heißt mehr. Es heißt: Ich werde nun selbst die Bande auflösen, welche Leib und Seele verbinden, ich werde Leib und Seele von einander trennen und scheiden, und wenn das geschehen ist, meine Seele Deinen treuen Händen überliefern. Es könnte freilich diese Auslegung und Deutung manchem bang machen; es könnte sich jemand gedrungen fühlen, wenn auch zögernd, die von mir gegebene Deutung zu erläutern und zu sagen: Das heißt ja nichts| anderes, als ich werde mich tödten. Während man die Juden Mörder nennt, sammt allen denen, welche den HErrn ans Kreuz gehängt haben, scheint es bei einer solchen Auslegung, als wollte man den HErrn selbst zum Mitursächer Seines Todes machen und etwa gar unter die Rotte Seiner Mörder mengen. Es ist ja freilich richtig, daß der HErr eine sterbliche Menschheit an sich genommen, daß die Kreuzigung den Tod derselben herbeiführen mußte und daß daher diejenigen, welche die Schuld Seiner Kreuzigung tragen, Blutschuld an Ihm haben und Seine Mörder sind. Die Juden sind also Seine Mörder, und Er hat nicht selbst nach dem Kreuz gestrebt. Aber wenn Er nun auch bei der sichersten Voraussicht Seines nahenden Endes Sein Leben auch nur um einen Augenblick verkürzt, selbst die Bande, die Leib und Seele vereinigen, aufgelöst hätte, könnte sich da nicht ein anfechtender Gedanke des Inhalts erheben, als sei Er selbst der Ursächer Seines Todes? Weiß Er, was niemand weiß, nemlich wo Leib und Seele zusammenhangen, kennt Er die Knoten unseres Daseins, kann Er sie lösen, warum hat Er sie dann nicht lieber zusammengehalten und verbunden gelaßen, so könnte man allerdings fragen, aber die Frage wäre doch keineswegs recht. Es mußte ja doch Sein Tod erfolgen, wie sollte denn außerdem die Schrift erfüllt und unser Heil geschafft werden? Auch darf man ja den Hohenpriester und Erlöser der Welt, der gesagt hat, ich habe Macht, mein Leben zu laßen und es wieder zu nehmen; nicht in eine und dieselbe Reihe mit den armen Sündern stellen, die freilich keine Macht, als eine frevelige haben, ihr Leben zu laßen, und ebensowenig eine Macht, es wieder zu nehmen. Es ist richtig, daß alles vermieden werden muß,| was ihn den Sündern ähnlich macht, und jeder Gedanke als ein verdammter zurückgescheucht werden, durch welchen nur die Möglichkeit aufgestellt würde, als könnte Er sich irgend unter den Sündern finden. Man könnte daher auch sagen: Wenn Er Seine Seele in des Vaters Hände gegeben hat, sie also zuvor von dem Leibe abgeschieden, so hat Er es doch nicht eher gethan, als in dem Augenblicke, in welchem der Tod ohnehin bevorstand; er hat dem Tode die Macht gleichsam aus der Hand genommen und Seinen Tod selbst vollzogen. Aber wozu diese übergroße Vorsicht, bei der man überdies vielleicht mehr sagt, als man weiß. Hier ist kein Gleichnis mit andern Menschen, auch keine Nachfolge zu fürchten, weil keine möglich ist. Der HErr ist Hoherpriester und Opfer zugleich; Sein Opfer und Seine Aufopferung aber ist nicht bloß eine innerliche, sich durch keine äußere That kund gebende, sondern im Gegentheil, Er hat sich wahrhaftig im heiligen Geiste Gott geopfert, nicht bloß betend, sondern eben sterbend, indem Er Leib und Seele löste, den Leib auf Erden ließ, die Seele in Seines Vaters Hände übergab. Sein Tod ist ein Opfertod, und daß er das ist, stellt den HErrn nicht in die Reihe der Sünder, sondern macht ihn eben zum Lamm Gottes, das der Welt Sünden trug, das in Zeit und Ewigkeit von allen Auserwählten gerühmt und gepriesen wird. Nicht Tadel ist zu fürchten, sondern Ruhm und Preis und Ehre ist zu geben dem Lamme, das von den Juden erwürgt wird, die keine priesterlichen Hände haben, das aber mitten in die Sündennacht Seiner Mörder hineintrat, und während sie die größte aller Sünden thaten, selbst die höchste That aller Gottes- und Menschenliebe vollzog, nemlich sich Gott zum Opfer brachte,| für uns und alle Menschenkinder starb. Wir können daher nicht anders, wir müßen den Tod JEsu also faßen und Seine letzten Worte so verstehen, daß Er nun, nachdem alles andere bereits vollendet ist, das Opfer vollzieht, und an Sich, dem Menschensohne, das wirklich thut, was Abraham an seinem Isaak thun wollte. Sterbend hat er sich geopfert, und mit den Worten: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist“ kündigt Er Sein Opfer an. Seine Worte stimmen zu der That.
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 Damit wißen wir also, was der HErr gethan hat. Die Erklärung des wie aber liegt so nahe, daß ich mehrfach schon bei Beantwortung der vorigen Frage auch diese Frage beantworten wollte. Es liegt ja so außerordentlich nahe zu sagen: der HErr ist freiwillig gestorben, es hat Ihn von Ewigkeit keiner genöthigt, das Werk der Versöhnung zu übernehmen, sondern es war Sein eigener Beschluß. Und diesen Beschluß hat Er festgehalten auch in Seinem Erdenleben, unter allen, auch den traurigsten Umständen, den schmerzlichsten Leiden, den Nöthen des nahenden Todes, auch zu der Zeit, da Er alles vollendet hatte, und nichts mehr übrig war, als der Opfertod. Er hätte auf jeder Stufe Seines Lebens noch einen andern Weg gehen und anders handeln können, aber Er ist sich auf allen Stufen Seines Lebens und Leidens treu geblieben und hat endlich unverzagt im vollsten Sinne, sich selbst aufopfernd, nach dem Worte gethan: „Siehe, ich komme zu thun Deinen Willen.“ Diese Freiwilligkeit des Opfertodes JEsu gibt erst seinem Opfer den vollen und ganzen Werth, und erst dadurch wird der HErr nicht bloß Opfer, sondern Hoherpriester und Versöhner. Diese Freiwilligkeit erscheint aber nicht bloß in einer stillen oder schwächlichen| Gestalt, sondern es geht kräftig und mächtig her, denn Er ruft ja mit lauter Stimme: „Vater, in Deine Hände“, und neigt dann selbst Sein Haupt und stirbt. Eine unverdroßene, mächtige, gewaltige Freiwilligkeit und Freudigkeit zeigt sich bei unserm HErrn, und wir dürfen daher nicht bloß die Frage: wie hat Er sich geopfert, so beantworten, daß wir sagen, freiwillig, sondern wir müßen auch dazu setzen, in der Freiwilligkeit mächtig, stark am Geist, auch mit lautem Geschrei und Ton des Leibes. Obwohl Er wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und vor seinem Scheerer verstummt, sich zum Kreuze hat führen laßen, auch so geduldig leidet und stirbt wie ein Lamm; so trägt Er doch in Seinem Sterben nicht bloß Lammesart, sondern man sieht, es überwindet der Löwe aus Juda, und dieser Hoherpriester geht in königlicher Majestät und großer Kraft an Sein Amt, und vollzieht Sein Opfer, daß die Himmel vor Erstaunen schweigen, daß die Erde bebt und der Aufenthalt der Todten zerrißen wird, daß sich der Hauptmann am Kreuze bekehrt und die Menge mit bedenklichen Faustschlägen an die eigne Brust zur Stadt zurückkehrt.
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 So hätten wir denn das letzte Wort vom Kreuze betrachtet, und vielleicht ist uns auf dem Wege der Betrachtung der Werth desselben gestiegen. Was mir jetzt noch obliegt, ist eins, nemlich euch zu zeigen, was für eine Leuchte wir an demselben bei unserem Gang in die Ewigkeit haben. Der HErr sagt: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist“; warum wählt Er diesen Ausdruck? Kann Er denn Seine Seele irgend wo anders hingeben, als in die Hände Seines Vaters, in deßen treue Allgewalt und allmächtige Liebe? Ist der Ausdruck so gewählt, daß| man an deßen Stelle noch andere oder doch einen zweiten entgegengesetzten denken könnte? Diese Fragen, meine lieben Brüder, könnten euch wunderlich erscheinen, da sie doch auf JEsum Christum hin und Seinen Tod keinen Zweck haben können. Er kann ja nicht anders, als in die Freuden der Ewigkeit eingehen und es ist unmöglich, daß Seine Seele von anderen Händen, als von denen des himmlischen Vaters in Empfang genommen werde. Dennoch aber liegt in meinen Fragen ein Sinn. Es geht ja nicht jede abscheidende Seele in des Vaters Hand, denn es ist unter der Hand des Vaters nicht die pure Allmacht zu verstehen, welche auch die Hölle umfaßt, sondern es liegt in dem Ausdruck die schützende Macht des himmlischen Vaters gegenüber der verderbenden Macht des Teufels und seines ewigen Reiches, der Hausfriede Gottes und die ungestörte Ruhe der Ewigkeit im Gegensatz zu der ewigen Unruhe der Verdammten. Indem der HErr JEsus Christus Seinen Geist dem Vater befiehlt, opfert Er ihn nicht bloß für uns alle auf, sondern Er versagt und verweigert ihn dem Satan und seiner Gemeinschaft, und geht als ein Herzog aller derer, die da selig werden, mit Ruhm und Preis Seines Vaters in das heilige Paradies, den Aufenthalt der seligen Seelen. Ebendamit zeigt Er uns unser eigenes Ziel, nach welchem wir trachten müßen. Viele Seelen, die aus dem Leibe scheiden, finden nicht die Begleitung Lazari zum Schooße des ewigen Friedens, sinken auch nicht einfach und einsam, wie Steine in die ewige Verdammnis nieder, sondern es wartet auf sie die Gesellschaft der Dämonen und der Aufenthalt im Gefängnis. Wie schauerlich ist es, denken zu müßen, daß irgend einer von uns von Engeln Beelzebubs erwartet, empfangen, geleitet| werden könnte, wenn er stirbt. Der bloße Gedanke kann uns zittern machen und den Wunsch in uns erwecken, daß doch auch wir nirgend anders hin, als in die Hände des göttlichen Vaters und Seines nun erhöhten, zur Rechten sitzenden Sohnes sterbend unsere Geister möchten gehen laßen. Gewis, meine Brüder, haben wir alle den Wunsch, und es fragt sich daher nur, wie derselbe ausgeführt werden könne? Den Vorgang der hinscheidenden Seele JEsu erkennen wir, wie aber soll es geschehen, daß wir nachfolgen?
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 Da findet sich nun, daß uns das letzte Wort des HErrn nicht bloß unser Ziel zeigt, sondern uns auch den Weg angibt, dasselbe zu erreichen. Können wir auch nicht selbständig und mächtig, wie unser HErr, die Seele in des Vaters Hand legen, so haben wir doch die Erlaubnis und die Aussicht, unsere Seele in der sicheren Hoffnung der Erhörung in die Hände des Vaters betend zu befehlen. Wir werden Ihm nachfahren, dem Herzog der Seligkeit, Sein und ewig bleiben, wo Er ist. Das ist uns, die wir an den HErrn glauben, gewis, weil wir wißen, daß Er Sich für uns aufgeopfert, und daß Er mit Seinem einigen Opfer in Ewigkeit alle vollendet hat, die geheiligt werden. An dieses Opfer erinnert uns ja das letzte Wort am Kreuz, wir fanden darin geradezu die Opferhandlung angezeigt. So hängen wir also unsern Glauben, und unsere Hoffnung an dies Opfer und zweifeln nicht, daß wir in der Kraft dieses Opfers die väterlichen Hände Gottes beim Ausgang aus diesem Leben bereit finden, uns aufzunehmen. Ganz anders, wie JEsus, aber doch fröhlich und selig in der Kraft Seiner Leiden, sprechen wir einst: „Es ist vollbracht,“ dürfen und sollen in unserem Maße in diesem| Worte Seine Nachfolger sein. Ebenso sprechen wir auch, wenn schon ganz anders, als der HErr, dennoch aber mit vollester Wahrheit, in unserem Maße und in unserer Weise: Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist. Der gewaltige Vorgang JEsu ermächtigt uns zur Nachfolge. Der Unterschied zwischen Seinem und unserem Vollbringen ist der Grund, weshalb wir in unserem Maaße wohl vollbringen können. Ebenso ist der Unterschied, der zwischen Seinem letzten Worte und der Art und Weise ist, in welcher wir es nachsprechen können, Grund und Ursach, weshalb wir so selig dem HErrn nachbeten dürfen. Im vollen Bewußtsein des Unterschiedes, ja in der freudigsten Erwägung desselben beten wir Christo nach; der große Sinn, in welchem Er Sein Wort gesprochen hat, gibt auch unserer Sterbensbitte ihren vollen Sinn, und es zeigt sich, wie verschiedene Menschen ein jeder dasselbe und dennoch ganz etwas anderes jeder in seinem Sinne selig und fröhlich thun können.
 Die tiefe Trauer des Charfreitags endet, meine Brüder, in Kraft des letzten Wortes JEsu, in einer tiefen Ruhe. Sein Opferlied, Sein Lied in höherm Chore, Sein gewaltiger freudiger Abschied bewirkt, daß wir nun bereits weniger auf unsere Sünden, die Ihm so weh gethan, als auf das gelungene große Opfer und auf den tiefen Todesfrieden hinsehen, den wir in Ihm finden. Sein entseelter Leichnam, Sein erblaßtes Angesicht, Sein leerer Tempel ist uns so schrecklich nicht, daß die Gedanken der tiefsten Beruhigung und des Hausfriedens Gottes uns darüber verloren giengen. Allerdings ist eine gewaltige Trennung vorgegangen:| JEsu Leib ist von JEsu Seele getrennt. Aber es ist auf eine Weise geschehen, die an sich selber schon eine Bürgschaft ist, daß noch die Geschichte JEsu für diese Welt nicht geschloßen ist. Der Charfreitag geht unter, seine Sonne sinkt friedlich und heiter ins Meer; keine Finsternis der Gottverlaßenheit ist mehr vorhanden: feierliche, erwartungsvolle Ruhe liegt über den Bergen Jerusalems. Harret eine kleine Weile, meine Brüder, nach dreien Tagen sehen wir alles Leiden im Lichte Gottes, und wenn nur erst alles bereitet ist, wird sich ein Jubel entzünden wie Freudenfeuer, um nimmer zu verlöschen, und es wird sich zeigen am Beispiel des Heiligen in Israel, wie wohlgeborgen in den Händen des Vaters die abgeschiedenen Seelen, wie gewis sie der Rückkehr zu ihren Leibern und der seligen Auferstehung sind. Laßt uns heimgehen in tiefem Frieden und die kleine Wartezeit bestehen. Stündlich wendet sich die Zeit und über ein Kleines singen wir vom Sieg in den Hütten der Gerechten, und wie der HErr alle Seine und unsere Feinde erlegt, und uns reichlich verschafft hat den Eingang in Sein ewiges Reich. Amen.




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