ADB:Sieveking, Karl

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Artikel „Sieveking, Karl“ von Wilhelm Sillem in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 227–231, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sieveking,_Karl&oldid=- (Version vom 21. November 2019, 00:24 Uhr UTC)
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Band 34 (1892), S. 227–231 (Quelle).
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Sieveking: Karl S., Syndikus und Diplomat in Hamburg, daselbst geb. am 1. Nov. 1787, † am 30. Juni 1847, war der zweite Sohn von Georg Heinrich S. (s. diesen) und dessen Gattin Johanna Margaretha, Tochter des Arztes Joh. Albert Heinrich Reimarus (s. A. D. B. XXVII, 704–709). S. wurde fast 20 Jahre nach dem Tode seines Urgroßvaters, des Wolfenbüttler Fragmentisten Herm. Sam. Reimarus ( † 1. März 1768, s. A. D. B. XXVII, 702–704) geboren. Die geistige, sowohl kirchliche als litterarische und politische Entwicklung Deutschlands von der Mitte des vorigen Jahrhunderts, der Aufklärungsperiode, bis in die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts, wo positiv evangelischer Sinn das Leben angefangen hat zu durchdringen, spiegelt sich wieder in diesen vier Generationen der Reimarus-Sieveking’schen Familie. Ehe S. das 12. Lebensjahr vollendet hatte, starb sein Vater (1799). Die Erziehung der Söhne lag der treuesten Pflege und Liebe der Mutter ob, einer in jeder Beziehung ausgezeichneten Frau, die, in dem Ideenkreise des väterlichen Hauses aufgewachsen, sich später nicht so leicht in die Denkweise ihres Sohnes Karl finden konnte, der in der zweiten Hälfte seines Lebens u. a. zu den wärmsten Beförderern des Rauhen Hause gehörte, ja in gewisser Weise die Begründung desselben allein ermöglichte. Steffens hatte sie im J. 1803 kennen gelernt und schreibt von ihr: „Nie habe ich eine Frau gekannt, die mich so ganz beherrschte, deren stets milde Gegenwart dennoch eine unwiderstehliche Gewalt auf mich übte. Von ihrer frühesten Jugend an hatte sie in der großartigsten Umgebung gelebt. Alle geschichtlichen Bewegungen Europas, geistige wie politische und commerzielle, umgaben sie durch würdige Repräsentanten, die in ihrer Nähe erschienen. Zwar war die religiöse Ueberzeugung, die in diesem Kreise herrschte, nicht die meinige. Die Ansicht, die mit Reimarus anfing und mit Strauß in unsern Tagen den höchsten Gipfel erreicht hat, bildete, wenn auch weniger entwickelt, doch die Grundlage ihrer Religiosität, und dennoch herrschte in diesem Kreise eine Pietät, ja eine Andacht, die ich mit voller Ueberzeugung eine christliche nennen muß.“ Und Poel schrieb ein Menschenalter später: „Sie war die personificirte Charitas mit aller Grazie und Lebendigkeit des jugendlichen Alters. Hat je die Natur das Wort „hülfreich“ in leserlichen Zügen einem Wesen aufgeprägt, so ist es dieses gewesen … Trotz vollkommenster Weiblichkeit besitzt sie einen männlichen Geist, der, ungetrübt durch Vorurtheil und Illusionen, die Verhältnisse klar durchschaut; und männlich wie ihr Verstand, ist auch ihr Muth, wenn große Unglücksfälle ihr schwere Opfer auferlegen … Ueberhaupt aber gibt es wohl keine Matrone in Hamburg, die einer gründlicheren Verehrung genösse.“ Nach dem Willen des verstorbenen Vaters zum Kaufmannsstande bestimmt, ward S. [228] der Pensionsanstalt des Abbé Guyot in Altona übergeben, trotzdem der alte Professor Büsch grade dem seinen Freunden Sieveking und Dorner gewidmeten Nachrufe eine eindringliche Warnung an die Eltern vor Pensionsanstalten eingeflochten hatte. Indes, da Sieveking’s Neigungen sich nicht auf einen praktischen Beruf beschränkten, sollte er ein Gymnasium besuchen. Lübeck erschien dazu geeigneter als die zerstreuende Heimath. Von 1801–1803 blieb er daselbst, u. a. mit Karl v. Rumohr befreundet, im Hause des Subconrectors Trendelenburg, die Aufmerksamkeit seiner Lehrer und Mitschüler durch seine Kenntnisse und seinen Fleiß erregend. Im J. 1803 nach Hamburg zurückgekehrt, trat er in die Prima und das Haus Gurlitt’s ein, des Directors des Johanneums, seine mathematischen und Sprachstudien fortsetzend. Ostern 1805 ging S. zugleich mit dem spätern Kirchenhistoriker August Neander auf das Akademische Gymnasium über. Gurlitt ließ die Abschiedsreden dieser beiden Abiturienten im Programm veröffentlichen als Beweis, wie weit es tüchtige Schüler auf dem Johanneum gebracht hätten. Während Varnhagen und Friedr. Wilh. Neumann, später mit Chamisso und Neander im Nordsternbunde vereinigt, schon auf dem Gymnasium sich mit letzterem für Plato begeisterten, stand S. damals Neander noch fern. Nachdem S. das Gymnasium verlassen, gewährte ihm die Mutter eine Reise nach Schottland, wohin zu reisen er einige Jahre vorher einen sehr selbständigen Versuch gemacht hatte, der ihn aber nicht weiter als nach Tönning geführt hatte. Vom Februar bis Juni (1806) blieb er in Schottland, schon damals durch die väterlichen Verbindungen bei bedeutenden Männern eingeführt, z. B. bei H. J. Temple, hernach Lord Palmerston. Eine Frucht dieser Reise war es wohl, daß Sieveking’s „Achtung vor Deutschland, als Sitz ernster Bildung“, wie er schrieb, „stieg“. Im Herbst traf er in Heidelberg ein, nachdem er in Hannover den Minister v. d. Decken, Kestner und Blumenbach, in Frankfurt Schlosser kennen gelernt hatte. Die traurigen Zustände Deutschlands, da Preußen bei Jena unterlag, schmerzten S. tief. In Heidelberg trat S. den Professoren Thibaut, Voß und besonders Daub näher. Geneigt, bald sich ganz den Wissenschaften hinzugeben, bald wieder an allen Erscheinungen des politischen Lebens Theil zu nehmen, widmete er sich seinem Fachstudium, der Rechtswissenschaft, nur in geringem Maße, so daß die Mutter in ihren Briefen nicht müde wird, ihn zu der nothwendigen Concentrirung seiner Studien zu ermahnen. Eine Ferienreise führte ihn um Ostern 1807 nach München zu Jacobi; Zwistigkeiten in der Studentenwelt bewogen ihn, im Sommer Heidelberg zu verlassen und die Schweiz zu bereisen. Pestalozzi in Yverdun wurde besucht und ein längerer Aufenthalt in Lausanne und Genf genommen, das ihm damals als ein Muster eines selbständig regierten städtischen Gemeinwesens erschien. Darauf hielt er sich zwei Jahre in Göttingen auf, vom October 1807 bis zum October 1809. „Zunächst werde ich durch das holperige Steinpflaster praktischer Jurisprudenz meine Rippen tüchtig zusammenschütteln lassen müssen“, schrieb er von dort aus. Aber daneben betrieb S. höhere Mathematik und Experimentalphysik. Plato hatte er immer zur Hand. Für sein späteres und inneres Leben wurde ihm die Göttinger Zeit besonders dadurch wichtig, daß er hier, vielleicht durch seinen Pensionsfreund Ed. Loder († 1812 als a. o. Professor der Medicin in Königsberg, s. A. D. B. XIX, 78), mit Neander in nähere Berührung kam, so daß dieser schon damals an S. schrieb: „Deine Liebe, die mir unter Allem auf Erden das größte Kleinod ist, macht mir weit mehr Freude, als Alles, was Du für mich gethan hast … Du bist doch der einzige Freund, der lebendig auf mich gewirkt hat.“ Außer Neander’s Freundschaft war es der Umgang mit Leopold v. Gerlach, Rumohr und Villers, was ihm die Studienzeit besonders werth machte. Im Herbst 1808 führten die Ferien S. nach [229] Jena in den Frommann’schen Kreis, nach Weimar zu Goethe, nach Halle zu Steffens und Reichardt. Als Sieveking’s Landsmann, Vincent Rumpff, nachmaliger hanseatischer Geschäftsträger in Paris von 1824–1864, nach Heidelberg ging, schloß sich S. dem jüngeren Freunde an, und wandte sich auch jetzt endlich der Jurisprudenz zu. Doch schrieb er über die Professoren: „Daub ist mir von allen bei Weitem der Liebste.“ S. hatte eine gewisse Scheu vor dem Betreten des Weges bürgerlicher Erwerbsthätigkeit; aber durch seinen Ernst, seine Kenntnisse und die Reife seines Urtheils, war der zwanzigjährige junge Mann Allen eine merkwürdige Erscheinung. Nachdem die Vaterstadt dem französischen Kaiserreich einverleibt war, erschien es wünschenswerth, daß S. das französische Gerichtsverfahren in Paris kennen lerne. Auf Wunsch der Mutter, und um Rechtssachen, die ihr Handlungshaus betrafen und in Paris anhängig waren, zu ordnen, reiste S. im April 1810 dorthin. Auch hier hatte er Zutritt sowohl im Salon der Recamier als im Dachstübchen des Grafen Schlabrendorf. Am wohlsten fühlte er sich aber unter den Norddeutschen und Nordländern, die für ihre Heimath Waldeck, Oldenburg, Norwegen, in Paris Begünstigungen zu erlangen hofften. „Ich komme hoffentlich deutscher aus Paris zurück, als ich hingekommen bin“, schrieb S. der Mutter. Schlabrendorf hatte ihm noch beim Abschied den Rath ertheilt, sich einer bürgerlichen Thätigkeit zuzuwenden. So kehrte S. denn über Heidelberg nach Göttingen zurück, wo er in der That promovirte (11. Dec. 1810). Kaum war S. nach der Vaterstadt zurückgekehrt, als sich das Haus der Mutter genöthigt sah, seine Zahlungen einzustellen (Frühjahr 1811, nicht 1799) und S., der noch in demselben Sommer, bezeichnend für seine Lebensanschauungen, schrieb: „In Handelsstädten hat man zu viel Achtung vor dem Erwerben und zu wenig vor dem Ererben“, mußte nun auch auf das erstere bedacht sein. Erwünscht war ihm die Aufforderung seines Oheims Reinhard (s. A. D. B. XXVIII, 44 ff.), sich als Privatsecretär bei ihm in Cassel einzustellen (Juni 1811). Reinhard’s Bemühungen, S. in die französische Diplomatie einzuführen, lehnte S. ab. So versatil seine Natur auch war, so konnte er doch darin seinem Oheim nicht nachfolgen und entschied sich, nachdem er 1811 in Cassel zugebracht, sich in Göttingen als Privatdocent der Geschichte zu habilitiren. Dort angekommen (27. Mai 1812), wandte sich S., von jeher ein Kenner des Plato, der florentinischen Geschichte zu und ließ seine „Geschichte der Platonischen Akademie in Florenz“ (September 1812) erscheinen. Seine im Winter begonnenen Vorlesungen über florentinische Geschichte fanden reichlichen Beifall, und kein Geringerer als Niebuhr sprach noch 1828 sein Bedauern aus, daß S. der Stellung eines Diplomaten später vor der des Gelehrten den Vorzug gegeben habe. Nach langem Schwanken schien S. als Docent das für ihn passende Feld der Wirksamkeit gefunden zu haben. Allein die Ereignisse des Frühjahrs 1813 führten auch ihn vom Studium zu den Waffen. wenn auch nur in der Bürgerwehr der Vaterstadt, die von Tettenborn (28. März) befreit, am 30. Mai wieder von den Franzosen besetzt wurde. S. wurde als Secretär des Syndikus Gries (s. A. D. B. IX, 656), der zu dem hanseatischen Directorium gehörte, in das Hauptquartier des Kronprinzen von Schweden gesandt, dann (im November 1813) nach Frankfurt, um bei den versammelten Monarchen die Anerkennung der Unabhängigkeit der drei Hansestädte zu betreiben. Und während S. auf diese Weise ganz in die Aufgaben der Gegenwart eingeweiht wurde, befestigte sich in ihm „immer mehr die Ueberzeugung, daß den Menschen doch nur die Wiedergeburt ihrer Seele recht helfen könne“. Im Sommer 1814 reiste S. auf Wunsch der Hamburger Bankinteressenten als Mitglied einer Deputation nach Paris, die wegen Restituirung der von den Franzosen geraubten Bank daselbst verhandeln sollte. Allein in der Vaterstadt fühlte er sich nicht heimisch, im Winter [230] 1814/15 ist er in Berlin, um seine Studien wieder aufzunehmen. Neander und Leopold v. Gerlach sind seine Freunde. Und im Umgange mit diesen, namentlich dem ersteren, befestigt sich in S. die Ueberzeugung, wie er schreibt „die ich keinem Lehrgebäude, sondern sittlichen Erfahrungen verdanke, daß nur die Kräfte einer zukünftigen Welt unser Herz wahrhaft zu erwärmen und zu beseligen vermögen“. Napoleon’s Rückkehr aus Elba veranlaßte ihn zu dem Wunsche, an den Rhein zu gehen und sich dem Hauptquartier anzuschließen, als er von Hamburg beauftragt wurde, als Abgesandter der drei Hansestädte, mit Hauptmannsrang, ins Wellington’sche Hauptquartier sich zu verfügen, um den Subsidienvertrag über die englische Unterstützung für die hanseatischen Truppen abzuschließen. S. zog mit Wellington in Paris ein, und schloß dort den Vertrag zur Zufriedenheit seiner Vollmachtgeber. Während dieses dritten Aufenthalts in Paris erwarb er auch für S. Boisserée den einen der beiden Originalrisse des Kölner Doms. Wohl die Anerkennung, die Sieveking’s Thätigkeit gefunden hatte, bestimmte ihn, sich fortan in der Vaterstadt, und zwar als Advocat (Dec. 1815) niederzulassen, indem dies die Stellung war, aus welcher er zu größerer Thätigkeit gelangen konnte. Seine bisher hin und herschwankenden Pläne hatten ein Ziel gefunden. Bald (1819) wurde er als Ministerresident nach Petersburg gesandt, kehrte aber 1821 zurück, da er 1820 (Mai) zum Syndikus erwählt worden war. Die Syndici mußten den Verkehr mit den hiesigen fremden Gesandten unterhalten und selbst auswärtige Missionen übernehmen, Verpflichtungen, zu deren Erfüllung S. durch seine ganze Vergangenheit, seine gewinnende Liebenswürdigkeit, die Gabe geistreicher und witziger Unterhaltung, seine freimüthige Selbständigkeit und hohe classische Bildung geeignet war. Und wenn ihn auch sein Beruf Jahre lang von Hamburg entfernte, so bildete doch die Vaterstadt den Mittelpunkt seiner Thätigkeit, sein Haus den Mittelpunkt edelster Geselligkeit, namentlich seitdem er, mit Caroline de Chapeaurouge vermählt (1823), fünf Jahre später die schöne ländliche Besitzung der Schwiegereltern in Ham bei Hamburg erhielt und das Wohnhaus von Chauteauneuf hatte erweitern und umbauen lassen. Die erste amtliche Reise führte S. (28. Februar 1827) nach Brasilien, woselbst er (17. Nov.) einen für Hamburg sehr vortheilhaften Handelstractat abschloß, infolge dessen das Hamburger Geschäft mit Brasilien sich vielseitig entwickelte. S. war unter den verschiedenen fremden Gesandten beim Kaiser der beliebteste. Nach seiner Rückkehr (Februar 1828) blieb er drei Jahre ungestört in Hamburg und Ham, bis er, zum hamburgischen Bundestagsgesandten in Frankfurt ernannt, sich im December 1830 dahin verfügte. Diese Stellung, die er bis zu seinem Tode (1847) bekleidete, hinderte ihn aber nicht, auf längere Zeit sowohl nach der Heimath zurückzukehren als auch Italien, England und Holland zu besuchen. Im J. 1842 war S. Vertreter Hamburg’s in der zweiten Elbschifffahrts-Revisions-Commission zu Dresden, durch welche alle Elbzölle bis auf den Stader Zoll (und den Eßlinger Zoll bei Hamburg-Bergedorf) aufgehoben wurden. Als Vertreter eines kleinen Freistaates, dessen friedliche Bestrebungen keine irgend eifersüchtigen Regungen wachrufen konnten, „begegnete er in den höchsten Kreisen stets vielem Wohlwollen und einem Vertrauen, das gelegentlich den Charakter der Vertraulichkeit annehmen konnte“. In seiner Heimath beförderte er unablässig künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen. So veranstaltete S. im J. 1840 (26. August), als König Christian VIII. von Dänemark, selbst ein Beschützer der Künstler, eine Collation unter Sieveking’s „Strohdache“ in Ham (der Landsitz daselbst war allerdings mit Stroh gedeckt, barg aber unter anderen Kunstschätzen in seinem Innern auch den Thorwaldsen’schen Alexanderzug) angenommen hatte, eine Ausstellung von Gemälden Hamburgischer Künstler, die erste ihrer Art in Hamburg. Im J. 1844 [231] eröffnete er die Herausgabe der Schriften der „Akademie von Ham“ mit der Geschichte von Florenz, auf seine Jugendarbeit zurückgreifend, die er jetzt als „Studien aus den Lehrjahren eines unzünftigen Freimeisters“ bezeichnete. Hermann Reuchlin (s. A. D. B. XXVIII, 280), damals Erzieher in Sieveking’s Hause, hat die Vorstudien zu seiner Geschichte des Port Royal in Sieveking’s auserlesener Bibliothek gemacht, und Mordtmann’s (s. A. D. B. XXII, 219) erste Schriften über den Orient wurden von der Akademie zu Ham herausgegeben. Wie umfassend aber Sieveking’s Ideen waren, zeigt sein im J. 1841 entworfener Plan, die Chatam-Inseln bei Neuseeland für eine deutsche Colonisation zu erwerben. Schon in Brasilien hatte die Berührung mit Pfälzer Auswanderern ihn auf den Gedanken gebracht, anstatt die Auswanderung zu verhindern, sie vielmehr zu organisiren. Aus der „Zuversicht zu dem weltgeschichtlichen Beruf des deutschen Volks“ war jener Plan geboren; „ein netzartig weiter über Polynesien sich verbreitendes Gewebe deutscher Colonisation“ sollte nach Sieveking’s Meinung in jenen Inseln seinen Ausgangspunkt finden. Allein der Hamburger Brand (Mai 1842) machte diesen Plänen ein Ende, die erst in veränderter Gestalt nach 1870 realisirt werden konnten. Waren diese nun auch gescheitert, so begünstigte er mit der ihm eignen Wärme und Umsicht die Arbeiten der innern Mission in seiner nächsten Umgebung. An demselben Tage (13. Nov. 1832) nämlich, als der letzte Zögling das Haus verlassen hatte, das Sieveking’s, aus Genf stammende Schwiegereltern nach Pestalozzi’s Weise auf ihrem Hammer Besitz errichtet hatten, hatten sich zuerst Wichern, der Vater der innern Mission, und S. einander gegenübergestanden. S. war von der Nothwendigkeit, des ersteren Bestrebungen zu unterstützen, durchdrungen. Er gab jenes Haus, seit langen Zeiten „das Rauhe Haus“ genannt, nebst beträchtlichen Ländereien her zur Gründung der Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder; er eröffnete am 12. Sept. 1833, dem Gründungstage derselben, die erste öffentliche Versammlung in der Börsenhalle, die einen größern Zuhörerkreis mit derselben bekannt machen sollte, durch eine empfehlende Rede. S. hat von da ab bis an sein Ende mit Rath und That Wichern zur Seite gestanden und wird mit Recht als der zweite Begründer des Rauhen Hauses angesehen. „Es war die gleiche Gesinnung des christlichen Glaubens, so sprach Wiehern am Sarge Sieveking’s, „die gleiche Hoffnung und Zuversicht zu der Macht des lebendigen Christus in der Gemeinde, die ihn den Bestrebungen der Anstalt von Anfang aufs innigste verbunden hielt.“ An den Folgen eines Herzübels entschlief der bisher so kräftige und rüstige Mann am 30. Juni 1847. In dem Erbbegräbniß neben der Hammer Kirche wurde seine irdische Hülle beigesetzt. Von seinen vier Söhnen erreichte allein Johannes Hermann S., Dr. juris, 1852–1873 Senatssecretär, ein höheres Alter. Ein Jahr vor seinem Tode (21. Juni 1884) versammelte er in dem väterlichen Hause zu Hamm die zahlreiche Festversammlung, welche gekommen war, das 50jährige Stiftungsfest des Rauhen Hauses (12. Sept. 1883) zu feiern.

Bilder aus vergangener Zeit von Poel. 2. Theil. Bilder aus Karl Sieveking’s Leben. Hamburg 1887. – Steffens, Was ich erlebte V, 315 ff. – Friedrich Oldenberg, Joh. Heinr. Wichern. Hamburg 1884. I, 316 ff., 599 ff. – Hamb. Schriftsteller-Lexikon VII, 179. – Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte III, 493. – Mittheilungen d. Vereins für Hamb. Geschichte. 14. Jahrg. S. 207.