BLKÖ:Liechtenstein, Joseph Wenzel Laurenz Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 15 (1866), ab Seite: 156. (Quelle)
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Liechtenstein, Joseph Wenzel Laurenz Fürst (k. k. Feldmarschall, Ritter des goldenen Vließes, geb. 10. August 1696, gest. 10. Februar 1772). Der Sohn des Fürsten Philipp Erasmus [s. d. S. 133, Nr. 53], der im Kampfe den Heldentod gefunden, und Christiane Theresens Gräfin Löwenstein-Werthheim. Der Fürst Joseph Wenzel – so und auch sehr oft allein Wenzel wird er genannt – verlor seinen Vater, als er selbst erst 8 Jahre alt war, und Walther Fürst Dietrichstein und Maximilian Graf Kaunitz überwachten seine Erziehung. Nachdem er am Karolinum zu Prag seine Studien beendet, trat er, 17 Jahre alt, in das Dragoner-Regiment Wehlen, mit welchem er unter Prinz Eugen im Jahre 1716 in den Türkenkrieg zog. Prinz Eugen war damals in Europa der erste Meister der Kriegskunst. Auch jetzt hatten sich viele Prinzen und Große des Auslandes in Eugen’s Lager eingefunden, u. A. die Fürsten Bevern, Culmbach-Württemberg, Anhalt-Dessau, die Grafen Charolais, die Prinzen Dombes, Marsillae, Pons, um unter Eugen ihre Schule zu machen. Fürst Joseph Wenzel hatte sich bereits im Vorpostengefechte so ausgezeichnet, daß er zum Oberstlieutenant vorgerückt war; besonders that er sich in der Schlacht bei Belgrad (16. August 1717) hervor, wo er in der Hitze des Kampfes so tief in’s Handgemenge gerathen war, daß er sich mit einem Male von Feinden umringt sah. Einen Tartaren, der eben den Säbel schwang, um des Fürsten Kopf zu spalten, schoß er vom Pferde und bahnte sich über Leichen den Weg zu den Seinen. Der Passarowitzer Frieden machte dem Kriege mit der Pforte ein Ende, und während eines zwölfjährigen Friedens lebte der Fürst der Häuslichkeit und seinen Studien, bis im Jahre 1730 sich der politische Horizont wieder verdüsterte. Die Insel Korsika hatte sich gegen die Bedrückungen Genua’s empört. Die Genueser suchten beim Wiener Hofe, 1731, um Hilfe an. Nun, erzählt uns Morgenstern in seinen Helden Oesterreichs: „Nachdem der Fürst selbst ein Dragoner-Regiment erhalten, führte er es nach Italien und von da nach Korsika über, wo er dem General Wachtendonk in Bezähmung der aufrührerischen Insulaner große Dienste geleistet“. Wir können nicht umhin, den Lorberkranz des Helden hier um ein Blatt zu schmälern: denn weder der Fürst Joseph Wenzel, noch sein Regiment sind je in Korsika gewesen. Worauf dieser [157] Irrthum, der sich in vielen Biographien des Fürsten vorfindet, beruhet und wer ihn der Erste vorgebracht, ist kaum mit Bestimmtheit anzugeben. Im Jahre 1733 ging L. mit seinem Regiments in das anfänglich bei Oppeln, später bei Groß-Glogau zur Deckung der Königswahl August III. zum Könige von Polen aufgestellte Lager. Im September d. J. wurde der Fürst General-Major. Als im Jahre 1734 Frankreich und Spanien – die polnische Frage hatte zum Vorwande dienen müssen – Oesterreich den Krieg erklärten, erhielt Prinz Eugen den Oberbefehl über die Rheinarmee und der Fürst Joseph Wenzel ein Commando unter Eugen. Doch in diesem ersten, aus Märschen und Gegenmärschen bestehenden Feldzuge bot sich dem Fürsten keine Gelegenheit zur Auszeichnung. Im Jahre 1735 berief der Kaiser den Fürsten aus dem Felde an seinen Hof und schickte ihn mit der Mission, Preußen in guter Gesinnung für Oesterreich zu erhalten und zur Absendung eines größeren Corps als Verstärkung der Rheinarmee zu bereden, nach Berlin zum Könige Friedrich Wilhelm. In diese Zeit fällt auch Liechtenstein’s Bekanntschaft mit dem damaligen Kronprinzen, nachmaligen Könige Friedrich II. Der Fürst hatte Gelegenheit gefunden, sich dem von seinem Vater sehr karg dotirten Kronprinzen gefällig zu erweisen. Nach vielen Jahren, nachdem Friedrich II. längst König war, schickte er dem Fürsten die geborgte Summe sammt den Interessen. Der Fürst Liechtenstein nahm das Capital an und schickte dem Könige die Interessen zurück. Der König, der sich diese kleine Lehre des großen österreichischen Cavaliers hatte gefallen lassen müssen, entbot nun mit einem schmeichelhaften Handbillet dem Fürsten ein kostbares Tafelservice. „J’espere“, schreibt der witzige König, „que votre amitie pour moi sera pas si cassilleux, comme la porcellaine, que je vous envoie“. Der Fürst, der dem Könige durchaus nicht verbindlich bleiben wollte, machte diesem nun mit einer Broncestatue ein Gegengeschenk. Es war ein Antinous, für den früher einmal der König dem Fürsten selbst bereits 30.000 fl. angeboten, welche aber der Fürst, dem dieses Kunstwerk um Geld nicht feil war, damals ausgeschlagen hatte. – Nach seiner Rückkehr von Berlin wurde L. Feldmarschall-Lieutenant, Obersthofmeister der Erzherzogin Maria Anna, wohnte im Februar 1736 den Vermälungsfeierlichkeiten der Erzherzogin Maria Theresia und des Herzogs Franz Stephan von Lothringen bei und begab sich nun nach Ungarn in das Lager, welches Johann Graf Palffy zur Beobachtung der Türken aufgestellt hatte. Im Herbste 1737 wurde er zum Botschafter am französischen Hofe ernannt, wo bereits die Friedensunterhandlungen eingeleitet waren. Am 22. März 1738 schloß er mit Frankreich einen Vertrag wegen der Grenzstreitigkeiten in Luxemburg und hielt dann am 21. December d. J. seinen prachtvollen Einzug in Paris. Durch den großen Aufwand, den er machte, erregte er Erstaunen bei den Franzosen und durch eine geselligen Talente gewann er die Zuneigung des Königs Ludwig XV. Im März 1739 ernannte ihn der Kaiser zum General der Reiterei und im November d. J. zum Ritter des goldenen Vließes. Der Kaiser Karl VI. war gestorben und hatte die Beruhigung in’s Grab mitgenommen, daß die ersten europäischen Mächte die pragmatische Sanction garantirt hatten. Aber kaum hatte der Kaiser die Augen geschlossen, als man [158] in Oesterreich der Worte Eugens gedachte, eine Armee von Hundertachtzig Tausend Mann sei die beste Garantie der pragmatischen Sanction. Der Fürst selbst rieth die sofortige Aufstellung von 40.000 Mann, aber die heimlichen Gegner gewannen die Oberhand und es kam nicht dazu. Als endlich der Fürst gewahrte, wie Frankreich die Ansprüche des Churfürsten von Bayern auf die österreichischen Erblande unterstützte, nahm er am 23. Jänner 1741 seinen Abschied von Versailles und kehrte nach Wien zurück. Im November g. J. begab er sich zur Armee nach Böhmen. Der erste Feldzug fiel nicht glücklich für Oesterreich aus. Im Treffen zwischen Czaslau und Chotusicz (17. Mai 1742) führte der Fürst den rechten Flügel der Cavallerie an und richtete mit derselben die preußische Cavallerie zu Grunde. Bereits neigte sich der Sieg auf die Seite der Unseren; aber die ungarischen Truppen sahen sich, anstatt die errungenen Vortheile zu benützen, nach Beute um, und die Schlacht wurde verloren. Der Fürst selbst focht in dieser Schlacht mit einer Bravour ohne Gleichen. Auch da war er in’s dichteste Handgemenge gerathen und nahe daran, von einem preußischen Kürassier niedergehauen zu werden. Rechtzeitig noch wich der Fürst diesem Hiebe aus und senkte seinen Degen bis an das Gefäß in den Leib seines Gegners. Nun ging er mit dem Großherzoge von Toscana nach Bayern, welches im Jahre 1743 völlig unterworfen wurde. Die bisherige Führung des Krieges hatte den Fürsten auf manche Mängel in unserer Armee aufmerksam gemacht und ihn zur Ueberzeugung gebracht, daß die Siege der Preußen auf ihrem Geschütze beruhen. In der Schlacht bei Czaslau, in welcher 80 preußische Geschütze gegen die Unseren donnerten, hatte es der Fürst erkannt, daß alle persönliche Tapferkeit vor den todtbringenden Geschützen erliege, und daß eine gutbediente Artillerie im Felde das Uebergewicht gebe. Die Kaiserin billigte ganz die Ansichten des Fürsten, der auf Reformen nach dieser Richtung abzielte. Im Juni 1744 wurde er General-, Land-, Feld- und Haus-Artilleriezeugmeister, überhaupt Chef des ganzen Artilleriewesens. Rasch ging der Fürst an die Ausführung seines Gedankens. Da es an heimischen Kräften fehlte, mußten solche in der Fremde gesucht werden. So kamen der Däne Alvson, der unter dem Namen „Feuerteufel“ in der Armee fortlebende, in sächsischen Diensten stehende Rouvroy, der Berliner Schröder und der durch seine technischen Kenntnisse hervorragende Mechaniker Jaquet auf des Fürsten Ruf nach Oesterreich. Dann schaffte der Fürst die Auflagen zweier kostbarer Werke über die Ingenieurkunst, nämlich jenes von Belidor und Deidier und ließ sie gratis unter sein Corps vertheilen. Dabei nahm er fleißig Uebungen mit der neugeschulten Mannschaft vor, setzte für geschickte Kanoniere und Bombenwerfer ansehnliche Preise aus, und indem er die ihm angewiesenen Summen um ein Beträchtliches aus eigenen Mitteln erhöhte, förderte er die Tüchtigkeit unserer Artillerie in kürzester Zeit in überraschender Weise. Im Juli 1745 wurde der Fürst General-Feldmarschall, Statthalter in Mailand und commandirender General in Italien. Bald nach seiner Ankunft bei der Armee, die bisher unter des Grafen Schulenburg Befehl gestanden, nahm der Fürst große Veränderungen mit derselben vor. Nicht bloß seine Reformen im Geschützwesen fanden Platz, auch die sehr gelockerte Disciplin wurde wieder hergestellt. Das Heer, das in Lumpen und Fetzen [159] einherging, da es den Sold nicht regelmäßig erhielt und von Freibeuterei lebte, mußte neu gekleidet und disciplinirt werden. Der Fürst, seinen Credit benützend, kaufte Leder, Leinwand und was sonst zur Ausrüstung nöthig war, im Großen; zahlte den rückständigen Sold aus und stellte in Kürze ein wohlgerüstetes Heer dem Feinde entgegen. Die Uebermacht des Feindes hinderte ihn jedoch an einem entscheidenden Schritte. Er und der König von Sardinien mußten sich vor den verbündeten Spaniern und Franzosen über den Po zurückziehen, während diese sich immer mehr ausbreiteten und Mitte December 1745 Mailand besetzten. Der Fürst nahm mit seiner Armee die Aufstellung hinter dem Tessin im Novaresischen. Indessen schickte die Kaiserin im Februar 1746 neue Verstärkungen und vereitelte so die Bemühungen der Franzosen, den König von Sardinien auf ihre Seite zu bringen. Nun war der Fürst in der Lage, wieder die Offensive zu ergreifen, er vertrieb den Feind aus dem Mailändischen und zwang ihn, sich auf die Vertheidigung der kleineren Herzogthümer Parma, Guastalla und Piacenza zu beschränken. Nach der Einnahme Mailands rückte der Fürst vor, nahm Pavia, dann Parma und eben daran Piacenza zu nehmen, zwang ihn Kränklichkeit, den Oberbefehl für einige Zeit in des Artillerie-Generals Botta Adorno Hände niederzulegen. Als aber die Franzosen unter Marschall Maillebois im spanischen Lager eingerückt waren, übernahm der Fürst wieder den Oberbefehl und erwartete gerüstet den feindlichen Angriff. Am 16. Juni kam es vor Piacenza zur Schlacht. Vor Tagesanbruch begann dieselbe und dauerte bis zum Einbruch des Abends. Der Feind war bedeutend an Macht überlegen, dreimal bereits mußten die Kaiserlichen zurückweichen, und wer weiß – wenn Liechtenstein nicht in Person den Befehl geführt hätte – wohin sich zu Ende des Tages die Schale geneigt hätte. So aber, obgleich krank, bestieg er das Roß und blieb bis zum Ende der Schlacht, alle Dispositionen selbst treffend und überall im dringenden Augenblicke gegenwärtig. Die Niederlage des Gegners war groß. In förmlicher Auflösung suchte Alles in der Flucht seine Rettung. 6000 Todte und Verwundete bedeckten die Wahlstatt, und ebenso viele wurden gefangen. 10 Kanonen, 32 Fahnen wurden von den Kaiserlichen erbeutet. Erst nachdem der Sieg unzweifelhaft war, übergab L. das Commando wieder an Botta Adorno und selbst eilte er nach Padua, um ärztliche Hilfe zu suchen, aber schon in Colorno mußte er Halt machen, ein heftiges Fieber bedenklichsten Charakters machte ihm die Weiterreise unmöglich. Eines Umstandes sei hier – weil er für den Fürsten bezeichnend ist – in Kürze gedacht. Vorsicht halber ließ der Fürst aus Böhmen auf eigene Kosten achtzig Kanoniers mit der Post kommen, die wenige Stunden vor Beginn der Schlacht ankamen und durch ihre Geschicklichkeit nicht unwesentlich zum Siege des Tages beigetragen hatten. Nachdem seine Gesundheit wieder hergestellt war, kehrte L. nach Wien zurück, wo er sein Commando niederlegte und sich ganz der Vervollkommnung des von ihm mit aller Liebe gepflegten Artilleriewesens widmete, wobei er namhafte Summen seines eigenen Vermögens verwendete, um in seinen Versuchen und Reformen nicht durch die langsamen Wege der Controlsbehörden aufgehalten zu werden. Auch legte er die ihm 1747 übertragene Stelle eines Commandanten der Stadt Wien nieder. Im Jahre 1751 befehligte der Fürst das zu [160] Ehren des Landtages in Pesth aufgestellte großartige, über 30.000 Mann starke Lustlager. Im folgenden Jahre zur Herstellung seiner Gesundheit die Bäder in Spaa brauchend, folgte er einer Einladung des Prinzen Erbstatthalters von Oranien in den Haag, worauf er bei seiner Rückkehr in Antwerpen schwer erkrankte und sich die Theilnahme der Antwerpener für den Fürsten darin aussprach, daß zu seiner Erhaltung öffentliche Andachten stattfanden. Im October desselben Jahres zum commandirenden General in Ungarn ernannt, erhielt er schon im nächsten Jahre das Generalat der gesammten kaiserlichen Reiterei mit der besonderen Vollmacht, unter dem Beistande einiger Kriegsräthe über die Vorfälle bei dieser Truppengattung ohne weitere Appellation entscheiden zu können. Im Jahre 1759 legte der Fürst diese Stelle in die Hände des Prinzen Friedrich von Zweybrücken nieder. Im September des folgenden Jahres erhielt er den Auftrag, für den Erzherzog Joseph um die Prinzessin Isabella von Parma zu werben. Im Jahre 1763 begab er sich in geheimer Mission wieder nach Italien, um mit den Bourbonischen Höfen wegen der Erbfolge in Toscana und Modena ein Abkommen zu treffen. Zu gleicher Zeit warb er auch für den künftigen Großherzog von Toscana um die Hand der spanischen Infantin Maria Louise. Nachdem er seine Aufträge glücklich ausgeführt, begab er sich nach Frankfurt, um die Wahl des Erzherzogs Joseph zum römischen Kaiser zu betreiben, und nachdem er auch diese Aufgabe gelöst, und noch der Kaiserkrönung beigewohnt, zog er sich, damals beinahe schon ein 70jähriger Greis, von allen öffentlichen Angelegenheiten zurück. Nach diesem Ueberblicke seiner öffentlichen Thätigkeit wenden wir uns noch den Veränderungen in seinem fürstlichen Haushalte und einigen besonders hervorragenden Momenten seines Lebens zu. Schon im Jahre 1712 erhielt er durch den Tod seines reichen Vetters des Fürsten Johann Adam Andreas nicht nur die deutschen Reichsherrschaften Vaduz und Liechtenstein, sondern erbte von demselben auch das zweite oder neue Liechtensteinische Majorat, welches aus den böhmischen Herrschaften Turau und Buczowicz, dem Palaste in der Herrengasse zu Wien, dem fürstlichen Hause zu Brünn und allen Liechtensteinischen Häusern zu Prag bestand. Ein noch damit verbundenes Capital von 250.000 fl., wie die Herrschaften Vaduz und Liechtenstein, trat er im Jahre 1718 mit kaiserlichem Consens an seinen Oheim Anton Florian [S. 118, Nr. 4], wieder ab und erhielt dafür am 19. April d. J. die Hand von dessen Tochter Maria Anna Karolina (geb. 21. October 1694), welche damals Witwe des Grafen Ernst von Thun war. Aus dieser Ehe waren wohl drei Kinder entsprossen, die aber alle in der Jugend starben. Die Fürstin starb am 20. Jänner 1753. Als im Jahre 1748 sein Vetter Karl Johann Nepomuk [nach Anderen irrthümlich Julius Johann Nepomuk genannt] plötzlich mit Tode abging, übernahm der Fürst die Verwaltung von dessen Besitzungen und Gütern insolange, bis dessen bei des Gatten Tode in gesegneten Umständen befindliche Gemalin durch die Niederkunst einer Tochter den Zweifeln an der großen Erbschaft ein Ende machte. Da keine näheren männlichen Erben vorhanden waren, nahm Fürst Joseph Wenzel von seines Vetters ausgedehnten mittelbaren und unmittelbaren Lehen sofort Besitz und gelangte auf diese Weise auch zu den Besitzungen und Vortheilen, die er vor [161] dreißig Jahren dem Großvater des Erblassers, dem Fürsten Anton Florian, hatte überlassen müssen. So war Fürst Joseph Wenzel deutscher Reichsfürst geworden und behauptete auch das ihm anfänglich bestrittene Recht von Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Was seine eigene Person betrifft, so erhielt der Fürst von seinem Herrn und Kaiser und auch von fremden Fürsten noch manche Ehren und sonstige Zeichen der Huld. So verlieh ihm Kaiser Joseph im November 1765 den eben gestifteten ungarischen St. Stephan-Orden; die Kaiserin früher schon den Titel Hoheit (celsissimus) und ließ im kaiserlichen Zeughause seine Büste aufstellen [siehe Näheres S. 163, in den Quellen]. Die Kaiserin von Rußland schenkte ihm im Jahre 1766 einen prachtvollen Staatswagen mit acht finnländischen Schimmeln und zwei Reitpferden, welches Geschenk der Fürst mit vier herrlichen Standbildern aus feinstem Alabaster, die vier Jahreszeiten vorstellend, und einer Statuette der Göttin Cybele erwiederte. Als der Fürst im hohen Alter von 76 Jahren starb, schrieb Kaiser Joseph an seinen zum Erben der Fürstenthümer und des Majorates ausersehenen Prinzen Franz Joseph [s. d. S. 123, Nr. 17], den Neffen des Verstorbenen, da dieser keine Kinder hinterlassen hatte, folgende Worte: „Sie, mein Prinz, haben in Ihrem Oheim einen Vater, Wir aber den ergebensten und würdigsten Diener und der Staat einen verdienstvollen Bürger verloren. Lassen Sie mich mein Bedauern zu dem Ihrigen fügen, und da Sie seine Wohlthaten nimmermehr vergessen werden, so lassen Sie mich seine Verdienste verewigen und unserer Erkenntlichkeit Gerechtigkeit widerfahren, indem ich vor den Augen der ganzen Welt bezeuge, wie hoch man ihn geschätzt und was man von seinem Neffen erwartet, dessen Verwandte sich an Redlichkeit, Eifer und Muth unveränderlich hervorgethan haben“. Die Kaiserin aber ließ nach seinem Tode, 1773, zu seinem Andenken eine Medaille prägen. Aus Pezzl’s Charakteristik des Fürsten entnehmen wir folgende Stellen: „Jeder Künstler hatte freien Zutritt zu ihm. Er belohnte den Erfinder und vollendeten Künstler und ermunterte durch Geschenke das angehende Genie. Viele zogen einen lebenslänglichen Gnadengehalt von ihm. Er wollte aber, daß sich der Künstler beschäftige und bestellte daher oft Arbeiten, die er nicht brauchte. Er ließ Ringe, Dosen und anderes Geschmeide oft umfassen, um nur der Kunst Brot zu geben. Nichts aber übertraf sein Mitleiden gegen Arme. Die Summe, die er jährlich für die leidende Menschheit hingab, ging in die Tausende. Eine Menge armer Witwen wurden von ihm unterhalten und viele verlassene Waisen auf seine Kosten erzogen. Er ließ auch in Feldsberg ein besonderes Waisenhaus für 20 arme Knaben herstellen, die er im Lesen und Schreiben unterrichten, verkosten, kleiden und dann nach ihrem Genie ein Handwerk lernen ließ. Es gab täglich gewisse Stunden, wo die Armen sich vor den Fenstern seines Palastes versammelten, die dann auch nie ohne reichliches Almosen wegkamen. Er hatte den Satz angenommen. daß Leute, die ihn um Hilfe ansprechen, wenigstens dürftig sein müssen, und daß ein gutes Herz nicht untersuchen soll, ob sie es durch oder ohne ihre Schuld sind. Er sah es auch – so sehr er selbst die Gesetze des Landes verehrte – gar nicht gerne, wenn die damalige Sicherheitswache ihm die Armen verscheuchte, ja er gab wohl auch, sobald er die Annäherung dieser Aufseher merkte, [162] den Armen den Wink, sich aus dem Staube zu machen. Wenn er ausging oder ausfuhr, mußten die Bedienten die Taschen voll Münzen haben. Es stand der Verlust seiner Gnade darauf, wenn sie einen Armen unbeschenkt wegließen. Erfuhr er, daß es irgendwo verschämte Hausarme gab, so schickte er ihnen, ohne sich erst darum ansprechen zu lassen, oft beträchtliche Summen zu. In späteren Jahren war L. ganz das Bild des gutherzigen Murrkopfes, den Goldoni uns so liebenswürdig schilderte. Er jagte bei übler Laune oft wegen Kleinigkeiten Leute aus dem Dienste, ließ ihnen aber lebenslänglich ihren Gehalt; andere durften nicht mehr vor seinem Gesichte erscheinen; aber er bedachte sie in seinem Testamente – und viele gewannen durch seine Ungnade mehr, als sie vielleicht durch seine Gnade würden gewonnen haben. Kurz die Güte seines Herzens machte immer die Fehler seines feurigen Temperamentes wieder gut“. Nur sein gegen seinen Gefährten und Freund, den Neger Angelo Soliman [siehe: Soliman] begangenes Unrecht, den er sofort seines Dienstes entließ, weil er sich verheirathet hatte, machte erst sein Neffe und Erbe Franz Joseph wieder gut, indem dieser Soliman einen Jahresgehalt aussetzte, ihm die Aufsicht über die Erziehung seines Sohnes Alois Joseph [s. d. S. 139] übertrug und ihm mit seiner Familie eine Wohnung im fürstlichen Palais anwies. Hormayr aber, der den Fürsten noch persönlich gekannt, sagt kurz aber treffend von ihm: „Der Grundzug in dem Gemüthe dieses Fürsten war: Rasches Wirken durch große Mittel. Darum ritt er selber, in Augenblicken der Entscheidung und des Beispieles wegen, mitten in die Türken und Preußen hinein. Darum waren ihm die Kanonen lieber als die Flinten; darum gab er das Geld lieber selbst, als es beim öffentlichen Schatze zu suchen; darum verschenkte er die Lehrbücher, welche Andere empfohlen hatten“. Und auch das kurze Urtheil Friedrich’s II., dem der Fürst im Felde gegenüber gestanden, dürfte am passendsten diese gedrängte Lebensskizze schließen. Nach der verlorenen Schlacht von Kollin schreibt der König an den Lord Marschall: „daß die Oesterreicher den Vortheil einer wohlbedienten Artillerie hatten, die Liechtensteinen Ehre bringt“. Auf welche Stufe aber der Fürst diese bis vor ihm vernachlässigte Waffe gehoben, dafür spricht das Urtheil Fouquets, gewiß eines Kenners in diesem Stücke, der der kaiserlichen Artillerie sogar den Vorzug vor der preußischen einräumt und von ihr sagt: „Ihre Kanonen sind besser gearbeitet, ihr Pulver treibt weiter und ihre Feuerwerker sind geschickter“.

I. Zur Biographie. Premlechner (Joh. Bapt.), Panegyricus principi J. W. Liechtensteinio (Viennae 1772, 8°.). – (Pezzl, Johann), Lebensbeschreibungen des Fürsten Raimund Montekukuli, des Fürsten Wenzel Lichtenstein, des Hofraths Ignaz von Born (Wien 1792, J. V. Degen, 8°.) S. 127–214. – Morgenstern (Raphael), Oesterreichs Helden des 17. und 18. Jahrhunderts (St. Pölten 1783, 8°.) S. 319. – Neue genealogisch-historische Nachrichten (Leipzig, Heinsius, 50.) Bd. XII, S. 237–255. – Hormayr (Joseph Freih.), Oesterreichischer Plutarch (Wien 1807, A. Doll, 8°.) Bd. II, S. 63. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrg. (1842), S. 51: „Heldentafel“; IV. Jahrg. (1845), S. 532: „Fürst Wenzel Liechtenstein und die zwei Brüder“ [nach einer wirklichen Begebenheit erzählt von Friedrich Uhl]. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofs und Adels und der österreichischen Diplomatie (Hamburg 1852, Hoffmann u. Campe, kl. 8°.) S. 25. – Thaten und Charakterzüge berühmter österreichischer Feldherren (Wien 1808, Degen, 8°.) Bd. II, S. 125 [mit der Angabe des Todesjahres 1773, welches unrichtig ist]. – [163] Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Bd. XIX, Abtheilung 2, S. 327. – Reilly (Franz Joh. Jos. v.), Skizzirte Biographien der berühmtesten Feldherren Oesterreichs von Maximilian I. bis auf Franz II. (Wien 1813, Kunst- und Industrie-Comptoir, kl. 4°.) S. 378. – Ersch und Gruber, Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, II. Section, 23. Theil, S. 141. – Kamerad (Wiener militärisches Blatt, 4°.) 1865, Nr. 23, S. 183: „Zur Geschichte des österreichischen Heerwesens. Die Armee unter der großen Kaiserin“ [im Texte]. – Schweigerd (C. A). Oesterreichs Helden und Heerführer (Wien 1835, Prandel, gr. 8°.) Bd. III, S. 223 [Abdruck aus Hormayr].
II. Porträte. 1) Unterschrift: Joseph Wenzel Fürst von Lichtenstein. Grande nomen. Sunt oculis sna tela flammae. Walli. Lyric. lib. III, p. 294 et 286. J. L. Allemand sculpt. (4°.). – 2) Umschrift im Rahmen des Medaillons: Wenceslaus princeps de Lichtenstein. Weinrauch sc. (kl. 8°.). – 3) Unterschrift: Jos. Wenz. Fürst Liechtenstein. Prokop lith. (8°.), schlechte Lithographie. – 4) Unterschrift: Lichtenstein. J. Blaschke sc. (8°.). – s) V. Fanti del., J. Schmutzer[WS 1] sc. (Fol.). – 6) A. Sanchez d’Avila p. 1762, J. Watson fec. 1769.
III. Denkmal des Fürsten im Wiener Zeughause. Bald nach seiner Werbung um die Hand der Prinzessin Isabella von Parma für den Erzherzog, nachmaligen Kaiser Joseph erhielt der Fürst von der Kaiserin Maria Theresia mit Diplom vom 3. Juni 1760 den Titel Celsissimus (Hoheit). Der für diese kaiserliche Huld dankbare Fürst ließ noch im nämlichen Jahre im kaiserlichen Zeughause zwei Erzmonumente errichten, welche die Büsten Ihrer Majestäten des Kaisers Franz Stephan und der Kaiserin Maria Theresia vorstellen. Die Kaiserin wollte nun auch den Reformator der Artillerie an der Stelle ehren, wo sich die Erinnerungen an seine Reformen auf jedem Schritte mehren, und befahl im kaiserlichen Zeughause die Aufstellung seines Standbildes von Erz mit folgender Inschrift: IMPERAT. | FRANC. ET MARIA THERESIA | PII, FELICES, AUGUST. | PATRES PATRIAE | SCIENTIARUM ARTIUMQUE | FAUTORES | JUSTI MERITORUM ARBITRI | VIRI TOGA ET SAGO | AEQUE MAGNI | JOSEPHI WENCESLAI | SAG. ROM. IMP. PRINCIPIS | DE LICHTENSTEIN | AUREI VELERIS EQUI. | S. S. CAES. MAJ. CONS. ACT. INT. | CASTRORUM TRIBUNI | SUPREMI UTRIUSQUE REI | ARMAMEN. MOD. | LEGION. DIMACH. PRAEFECT. | VIRTUTI RELIGIO. FIDELI | PATRIAE AMO. AC IN REI AR | MAMENTARIAE INVENTIS | RESTAURANDIS, PROMOV. | AUGENDISQUE INDUSTRIAE | INDEFESSOQUE LABORI | HOC MONUMENTUM PUBLICUM PONI JUSSERUNT. – Hier sei noch bemerkt, daß es der Fürst Joseph Wenzel war, der zum Andenken an Kaiser Joseph, als dieser auf der Herrschaft Proßnitz an der Heerstraße den Pflug durch ein ganzes Joch Ackerland mit eigener Hand gelenkt, auf dieser Stelle mit Einverständniß der mährischen Stände ein Denkmal setzen ließ mit der Inschrift: Dem Andenken Joseph II., römischen Kaisers, der im Jahre 1769 den 19ten des Augustmonats zur Erinnerung des Fleißes und Verherrlichung der nützlichsten aller Künste mit eigener Hand den Pflug durch dieses ganze Joch Ackers lenkte. Mit Einverständniß der Stände von Mähren geweiht von Joseph Wenzel Fürsten von Liechtenstein.
IV. Denkmünze auf den Fürsten Joseph Wenzel von L. Ein Jahr nach seinem Tode, 1773, ließ die Kaiserin dem Fürsten zu Ehren eine Medaille schlagen, welche auf der Aversseite das Brustbild des Fürsten vorstellt, auf der anderen Seite aber in einer Verzierung von Armaturen abermals sein Bild mit der Inschrift enthält: MARIA THERESIA | AUGUSTA | RESTITUTORI | REI ARMAMENTARIAE | BELLI PACISQUE ARTIBUS | ILLUSTRI | AMICO PATRIAE ET SUO.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: S. Schmutzer.