BLKÖ:Szemere, Paul von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 42 (1880), ab Seite: 67. (Quelle)
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Szemere, Paul von (ungarischer Poet, geb. zu Péczel im Pesther Comitate Ungarns am 19. Februar 1785, gest. ebenda 14. März 1861). Ein Sproß des Adelsgeschlechtes, welchem Bartholomäus entstammt, ist er dessen Oheim und Vetter des Nicolaus. Im Elternhause erhielt er die sorgfältigste Erziehung. Seine Studien begann er 1791 zu Ofen und setzte sie zu Kun-Hálas, Nagy-Körös, Pápa, Patak und Preßburg fort. Der juridischen Laufbahn sich widmend, erlangte er 1808 das Advocatendiplom und wurde 1818 Vice-Fiscal des Pesther Comitates. Später gab er sein Amt auf und lebte zu Pesth ausschließlich seinen literarischen Neigungen und Studien. Im Alter von siebzehn Jahren, 1802, veröffentlichte er in dem Journal „Magyar Kurir“ seine ersten Gedichte. Später lieferte er Beiträge in die 1805 von Bozóki herausgegebene Sammlung „Tavaszi virágok“, d. i. Frühlingsblumen. Bereits Advocat, hörte er 1809 an der Pesther Hochschule die ästhetischen Vorträge des tüchtigen Ludwig von Schedius [Bd. XXIX, S. 149], dem die Ungarn vier Jahrzehnte hindurch (1792 bis 1833) deutsche Bildung und Cultur verdanken. Dann besuchte er mit seinem geistig verwandten Freunde Vitkovics [68] die Vorlesungen des rühmlichst bekannten Stephan Horváth [Bd. IX, S. 324] aus der ungarischen Philologie, welche auf seine poetischen Schöpfungen nicht ohne Einfluß geblieben sind. Um diese Zeit erschien seine poetische Epistel an Vida, mit deutscher Uebersetzung unter dem Titel: „Epistel an Vida. Deutsch in Prosa von Haliczky“ (Ofen 1819, Universitätsdruckerei. 4°.) herausgegeben; ferner die damals vielbesprochene Recension der Schrift „Uj holmi“, d. i. Etwas Neues, gedruckt unter dem Titel: „Uj holmi kritikai megitéltetése. Képlaki Vilhelm által“ (Pesth 1810, 8°.), und die drei Sonette: „Emlékezet“, d. i. Erinnerung, „Boldog pár“, d. i. Das glückliche Paar, und „Himfy“ (ein durch Alexander Kisfaludy’s Liebeslieder in Ungarn vielbekannter Name), welche mit drei Sonetten Kazinczy’s zugleich von Horváth[WS 1] (1811, 8°.) herausgegeben wurden. Paul Szemere ist es, der, von Kazinczy angeregt, mit diesem zugleich die Sonettenform in der ungarischen Dichtung eingebürgert und eben damit einen so ausgezeichneten Erfolg gefeiert hat, daß seitdem sein Name in rühmlichster Weise genannt wurde. In der nächsten Zeit veranstaltete er auch die Herausgabe einer Sammlung von Liedern nach beliebten Original-Melodien, unter dem Titel: „Dalok azoknak a kik szeretnek“, drei Stücke (Pesth 1812, 8°.), und diese Lieder fanden sofort beifälligste Aufnahme. Eine Fortsetzung derselben erschien 1817 in Kulcsár’s „Hasznos mulatságok“, d. i. Nützliche Unterhaltungen. Auch sonst nahm Szemere regen Antheil an dem literarischen Treiben jener Tage, und als gegen den Dichter Franz Kölcsey eine Schrift: „Mondolat“, d. i. Gerede, auftauchte, lieferte er nicht nur den Plan, sondern auch Beiträge zu der Erwiderung, welche unter dem Titel: „Felelet a mondolatra“, d. i. Antwort auf das Gerede (Pesth 1815) von Kölcsey herausgegeben wurde. Im Jahre 1818 erhielt er von dem Pesther wohlthätigen Frauenverein den Antrag, Theodor Körner’s „Zriny“ ins Ungarische zu übersetzen. Dieser Aufgabe unterzog er sich mit vielem Geschick, indem er mit seiner Uebersetzung ein Muster in Versbau und poetischem Styl und zugleich die ersten Ottave Rime in ungarischer Sprache bot; der Verein aber brachte das schöne Werk zur Aufführung, die bei der Verherrlichung des vaterländischen Helden begreiflicherweise eine begeisterte Aufnahme fand. Auch machte das Stück dann die Runde auf anderen magyarischen Bühnen. Gedruckt aber erschien es im Jahre 1826 im ersten Hefte von „Élet és Literatura“, d. i. Leben und Literatur. Schon im Jahre 1806 trug sich Szemere mit dem Gedanken, eine ästhetische Zeitschrift in seiner Muttersprache herauszugeben; aber immer stellte sich der Verwirklichung dieses Vorhabens ein Hinderniß entgegen, die eigenen Arbeiten jedoch, welche er für diesen Zweck sich zurechtgelegt hatte, verwendete er nun für andere Sammelwerke, so für den von Ragályi herausgegebenen „Segitő“, d. i. Der Helfer, für Döbrentei’s „Erdélyi Museum“, d. i. Siebenbürgisches Museum, und 1824 für Kovácsóczy’s „Aspasia“. Endlich aber gelangte er doch zur Ausführung seines Planes, als er sich im Jahre 1826 mit Kölcsey zur Herausgabe der periodischen Schrift „Élet és Literatura“, später „Muzárion“, verband, von welcher in den Jahren 1826–1829 neunundzwanzig [69] Hefte, zusammen vier Bände, erschienen sind. Die Erscheinungen der Zeit und Literatur mit charakteristisch hervorstechend kritischer Tendenz wurden in dieser Zeitschrift erörtert. Vieles Andere wechselnden Inhaltes: Poesien, Kritiken, auch eine Erzählung in Briefen: „A hivatal“, d. i. Das Amt, welche in der „Aurora“ für 1822 abgedruckt war, brachten die besten periodischen Organe seiner Zeit, so die „Kritikai lapok“, d. i. Kritische Blätter, das „Athenaeum“, „A Sas“, d. i. Der Adler, „Muzßarion“ u. a. Nach dem im Jahre 1830 erfolgten Tode Karl Kisfaludy’s, welcher das ungarische Taschenbuch „Aurora“ begründet hatte, gerieth er wegen Herausgabe desselben mit Joseph Bajza [Bd. I, S. 127] in Proceß und gab es dann von 1833–1835 heraus. 1831 wurde er in der ersten Generalversammlung der ungarischen Akademie der Wissenschaften in die philologische Section derselben als wirkliches Mitglied gewählt und nahm seit dieser Zeit an ihren Arbeiten regen Antheil. Aber schon früher hatte er sich an der Schaffung dieses Institutes betheiligt, da er in die mit der Ausarbeitung der Statuten desselben betraute Commission berufen worden war. Bemerkenswerth erscheint es, daß, obwohl von Szemere keine selbständigen Sammlungen seiner Gedichte vorliegen, er doch unter Ungarns Dichtern so hervorragt, daß ein Literarhistoriker ihn ohne Bedenken zu den zwölf Aposteln des Erlösers der ungarischen Poesie, Franz Kazinczy [Band XI, S. 97], zählt. So nimmt denn Szemere seine Ehrenstelle neben Daniel Berzsenyi [Bd. I, S. 344], Gabriel Döbrentei [Bd. III, S. 340], Andreas Fáy [Bd. IV, S. 153], Franz Kölcsey [Bd. XII, S. 215], Karl Kisfaludy [Bd. XI, S. 325], Joseph Bajza [Bd. I, S. 127], Georg Czuczor [Bd. III, S. 120][WS 2], Johann Kis [Bd. XI, S. 310], Alexander Kisfaludy [Bd. XI, S. 318], Ladislaus Tóth und Michael Vitkovics ein. Er hat im Ganzen nur wenig geschrieben, aber an seine Schöpfungen die Sonde der strengsten Selbstkritik angelegt, welche dem heutigen „Jung-Ungarn“, das im Heine-Petöfi’schen Fahrwasser sein leichtes poetisches Schifflein dahinschaukein läßt, abhanden gekommen zu sein scheint. Ein Kritiker steht nicht an, die sechs Sonette von Szemere, welche in der That aus der Gemüthswelt gegriffene Bilder sind, nicht nur was Composition, Geist und Färbung betrifft, als die edelsten Perlen, welche in dieser Gattung die ungarische Poesie besitzt, sondern in der Weltliteratur überhaupt als Sonette ersten Ranges zu bezeichnen. Fünf davon: „Erinnerung“, „Das beglückte Paar“, „Isabella“, „An die Hoffnung“ und „Echo“, sind, übersetzt von Halicky und dem Grafen Majláth, in Fenyéry-Toldy’s „Handbuch der ungarischen Poesie“ (Pesth und Wien 1828, gr. 8°.) Bd. II, S. 424 u. f. veröffentlicht und so der deutschen Literatur einverleibt worden. Möge man nun obigen Ausspruch gelten lassen oder nicht, so kann doch kein Zweifel darüber aufkommen, daß es unter den ungarischen Schriftstellern und Dichtern nur sehr wenige, ja vielleicht keinen zweiten gibt, der ästhetische Studien mit größerem Eifer und Fleiße betrieben hatte, als er; keinen, der auf seine Zeitgenossen, in der strengsten Bedeutung des Wortes, edler und nachhaltiger eingewirkt hätte, dessen Ansichten von der Natur und Kunst klarer, dessen historische Kenntnisse anziehender und lehrreicher wären, als jene Szemere’s. [70] Kertbeny bemerkt über unseren Dichter, daß derselbe in ungarischen Literaturkreisen eine Art Tieck’scher Rolle gespielt, daß er namentlich in späteren Jahren durch seine socialen Verbindungen, sein Vorlesen, seine mündlichen Aeußerungen ungemein zur Würdigung richtiger Principien beigetragen, daß er es gewesen, der, bereits im hohen Alter, zuerst auf Petöfi aufmerksam gemacht und gegen Widerspruch entscheidend gesprochen habe. Außer obigen Sonetten sind von Szemere’s Dichtungen durch deutsche Uebertragung noch bekannt: eine zweite Uebersetzung des Sonettes „Echo“ von Tretter, in Kertbeny’s „Album hundert ungarischer Dichter“, S. 66, wovon auch eine englische Uebersetzung (von Bowring?) vorliegt; und „Sehnsucht vom Aufgang zum Niedergang“, übersetzt von Majláth im oberwähnten „Handbuch der ungarischen Poesie“. Szemere war mit seiner Cousine Christine, einer Schwester des Dichters Nicolaus Szemere, vermält, welche gleichfalls der Poesie huldigte und unter dem Namen Vilma Proben ihres Talentes in der „Aurora“ und „Urania“ veröffentlichte. Sie starb, erst 36 Jahre alt, am 26. März 1828.

Croquis aus Ungarn (Leipzig 1843, Otto Wigand, kl. 8°.) S. 157. [Mit der prägnanten Charakteristik: „Tüchtiger Aesthetiker, der die edle Eigenschaft besitzt, sich nur dann um die Menschen theilnehmend zu bekümmern, wenn es ihnen schlecht geht“.] – Handbuch der ungarischen Poesie u. s. w. In Verbindung mit Julius Fényéry herausgegeben von Franz Toldy (Pesth und Wien 1828, G. Kilian und K. Gerold, 8°.) Bd. II, 80 u. f. – Kertbeny (C. M.), Album hundert ungarischer Dichter in eigenen und fremden Uebersetzungen (Dresden und Pesth 1854, R. Schäfer u. Hermann Geibel, 12°.) S. 66 und 520. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.). Zweite Abtheilung, Bd. X, S. 1244, Nr. 1. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. V, S. 251. – Taschenbuch für die vaterländische Geschichte. Herausgegeben von Hormayr und Mednyansky (Wien, 12°.) X. Jahrgang (1829), S. 258. – Ungarns Männer der Zeit. Biographien und Charakteristiken hervorragender Persönlichkeiten… Aus der Feder eines Unabhängigen (Prag 1862, A. G. Steinhauser, 12°.) S. 267. – Ungarische Post (Pesther polit. Blatt) 1855, Nr. 41, im Feuilleton: „Paul Szemere“. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1846, Gustav Emich, 8°.) I. Bd., S. 544. Zweiter (den ersten ergänzender) Band, S. 418. – Magyar Sajtó, d. i. Die ungarische Presse (Pesth, Fol.) 1855, Nr. 27. Von Franz Toldy. – Toldy (Ferencz), A magyar költészet kézikönyve a Mohácsi vésztől a legújabb időig, d. i. Handbuch der ungarischen Dichtung von der Schlacht bei Mohács bis auf unsere Tage (Pesth 1857, Gust. Heckenast, gr. 8°.) Bd. II, S. 140 bis 151. – Toldy (Ferencz), Irodalmi arcképei s újabb beszédei. Kiadta Tárkányi, d. i. Literarische Porträts von Franz Toldy. Herausgegeben von Tárkányi (Pesth 1856, Gust. Emich, gr. 8°.) S. 87. – Toldy (Ferencz), A magyar nemzeti irodalom története a legrégibb időktől a jelenkorig. Rövid előadásban, d. i. Geschichte der ungarischen National-Literatur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (Pesth 1864 bis 1865, Gust. Emich, gr. 8°.) S. 186, 195, 206, 207, 217 und 256. – Trombita közérdekü magyar nemzeti lap, d. i. Die Trompete, ungarisches Nationalblatt (Pesth, kl. Fol.) 22. März 1861: „Nekrolog“ . Von Andreas Fay.
Porträte. 1) Lithographie auf der Bildnißgruppe „Magyar irók arczképcsarnoka“, I. Blatt, 1856. Lith, von Barabás. – 2) Unterschrift: „Szemere Pál. | Műmeléklét a „Divatcsarnok“ 1853 | Julius-September folyomóhoz“. Daneben das Facsimile des Namenszuges. Barabás lith. 1853 (Wien, J. Rauh, Fol.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Horvát.
  2. Vorlage: [Bd. II, S. 120].