Die Versprengten

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Textdaten
Autor: W. Belka
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Titel: Die Versprengten
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Eine Kriegserzählung.
6. Heft der Romanheftreihe Das Eiserne Kreuz. Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[I]

6. Heft Preis 10 Pf.
Das Eiserne Kreuz
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Die Verspengten.
Die Erlebnisse von vier deutschen Soldaten in Feindesland.
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Mit vieler Mühe gelang es endlich den Verwundeten emporzuziehen.


[1]
(Nachdruck, auch im Auszuge, verboten. Alle Rechte vorbehalten. – Copyright by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H. Berlin 14. – 1914.)


Das Eiserne Kreuz


Die Versprengten.


Erlebnisse von vier Musketieren inmitten der feindlichen Linien.
Von W. Belka.


Der Ordonnanzoffizier setzte über den Chausseegraben und jagte dann weiter auf den kleinen Hügel zu, auf dem der Divisionsstab im Schutze einer Kieferngruppe Aufstellung genommen hatte.

„Da kommt ja der Prinz Stelheim,“ meinte der Divisionskommandeur zu seinem Adjutanten und ließ seinen Braunen eine kleine Linksdrehung machen. „Der scheint es ja sehr eilig zu haben. Ein famoser Sprung eben über den Graben. Da – verd…, da haben wir die Geschichte!“

Schon vorher hatte sich in der von platzenden Schrapnells erfüllten Luft der tiefe Orgelton, dieses unheimliche, heulende Geräusch einer Granate aus einem schweren Feldgeschütz bemerkbar gemacht. Und nun war das Geschoß keine hundert Meter links vom Divisionsstab in den zertretenen Acker eingeschlagen, dicht vor dem herangaloppierenden Meldereiter, der jetzt in einer durch die Explosion aufgeworfenen Sandwolke für Sekunden völlig verschwand.

„Armer Prinz,“ sagte Exzellenz bedauernd. „Er dürfte hin sein.“

Aber der junge Ordonnanzoffizier rappelte sich jetzt unter [2] seinem offenbar schwerverletzten Pferde, das wild mit den Hufen um sich schlug, wieder auf und stapfte mit etwas unsicheren Schritten weiter auf den Divisionskommandeur zu.

Der ritt ihm, von feinen Offizieren gefolgt, im Trab entgegen. Und schon von weitem rief er dann:

„Sie haben Glück gehabt, Durchlaucht. – Nun, und was bringen Sie neues?“

Prinz Stelheim nahm die Hacken zusammen und die Hand an den Helm.

„Der Herr Kommandierende General lassen Exzellenz melden, daß unser Flügel aus strategischen Gründen zurückgenommen wird. Die Division erhält den Befehl, den Kampf sofort abzubrechen, nachdem noch durch einen allgemeinen Vorstoß Luft gemacht ist. Den Rückzug der Division deckt ein Infanterie-Regiment sowie zwei Batterien. Weitere Befehle folgen.“

Der Divisionskommandeur nickte zerstreut. Man sah es dem Ausdruck seines gebräunten Gesichtes an, daß ihm diese Nachricht ebenso überraschend kam wie unangenehm war. Aber keine Frage folgte, nichts. Das Armee-Kommando befahl, und er hatte zu gehorchen.

Gleich darauf preschten die Ordonnanzoffiziere und Meldereiter, von Exzellenz eingehend unterrichtet, nach verschiedenen Richtungen in die vordere Gefechtslinie davon.

Prinz Stelheim hatte inzwischen seinem treuen Fuchs, der ihn nun schon eine Woche lang unbeschädigt durch den Geschoßhagel getragen hatte, die Gnadenkugel hinter das Ohr gegeben. Jetzt schob der schlanke Offizier, der die Uniform eines der vornehmsten rheinischen Kavallerieregimenter trug, die Pistole in das Futteral zurück, schnallte dann mit Hilfe eines Meldereiter-Unteroffiziers den Sattel und das Zaumzeug ab und legte beides einem der Reservepferde des Divisionsstabes an.

Wenige Minuten später jagte er wieder von dannen, hinein in den von leuchtendem Mittagssonnenschein erfüllten Septembertag seinem Ziele zu.

Und weiter ging in der Gefechtslinie der Kampf. Weiter raste das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, weiter platzten krachend die Granaten, pufften knallend die Schrapnells in der Luft ihre bleierne Kugelsaat aus.

[3] Vor einem etwas vorgebauten Gehöft eines langgestreckten Dorfes hielt im Schutze eines gewaltigen Strohstakens der Stab eines Infanterie-Regimentes. Und keine tausend Meter nach vorwärts auf dem ebenen, von Waldstücken unterbrochenen Gelände lagen in dünnen Linien hinter schnell aufgeworfenen Deckungen die deutschen Schützen. Soeben war wieder ein Sturmangriff des Feindes blutig zurückgewiesen worden. Noch knallte das Verfolgungsfeuer mit wütender Heftigkeit hinter den zurückgehenden Franzmännern her. Eine Batterie, die hinter dem Dorfe stand, feuerte Salven auf den Gegner. Und heulend fuhren die Granaten über die Köpfe der Offiziere hinter dem Strohschober auf den Feind zu.

Der Oberst zündete sich jetzt mit Gemütsruhe eine frische Zigarre an und sagte nebenbei zu seinem Adjutanten, einem langaufgeschossenen, blonden Westfalen:

„Sehen Sie, Frerka, da rennt die Gesellschaft wieder. Schade, daß wir noch immer nicht den Befehl zum Vorgehen bekommen.“ Die Zigarre brannte. Der Ober tat ein paar Züge und fuhr dann fort. „Die Franzosen müssen reichlich Verstärkungen bekommen haben, sonst würden sie nicht so angriffslustig sein. – Halt, da kommt ein Meldereiter von der Brigade.“

Der Unteroffizier parierte sein Pferd vor dem Regimentschef.

„Befehl vom Herrn Brigadekommandeur. Unser Flügel geht zurück. Das Regiment deckt den Abmarsch der Division unterstützt von zwei Batterien. Vorher noch ein allgemeiner Vorstoß.“

Der Oberst brummte etwas in seinen dicken Schnurrbart. Sicher eine Antwort, daß er verstanden habe. Aber seine Worte wurden durch den Krach einer in den Strohstaken einschlagenden, platzenden Granate vollkommen verschlungen. Im Nu stand der weit auseinandergerissene Haufen des leicht brennbaren Materials in hellen Flammen, so daß der Regimentsstab, von dem niemand verletzt worden war, schleunigst sich hinter das Gehöft zurückziehen mußte.

Von hier aus gab nun der Oberst, nachdem der Meldereiter wieder zur Brigade zurückgeschickt war, seine Befehle weiter. Im Kreise standen um ihn herum seine Offiziere – die Pferde waren in einer nahen Schlucht in Sicherheit gebracht [4] worden – und verfolgten an der Hand der Karten seine Anweisungen, während die Luft ringsum von dem Pfeifen der Geschosse und Heulen der Granaten unheimlich belebt war.

„Meine Herren, was es auf sich hat den Abmarsch einer Division zu decken, das wissen Sie alle,“ sagte er jetzt zum Schluß mit leicht bedeckter Stimme. „Nun, wir werden unsere Schuldigkeit tun! Wir opfern uns freudig im Interesse des Ganzen. Es muß eben sein!“ Und dann zu einem etwas abseits stehenden Sergeanten gewandt. „Köhler, ist das Telephon auch in Ordnung?“

„Nein, Herr Oberst,“ erwiderte der, die Hacken zusammenreißend. „Ich wollte es eben melden. Die Drähte müssen von Sprengstücken zerrissen sein.“

Der Regimentskommandeur nickte nur. „Das war vorauszusehen. – Nun, dann meine Herren, so müssen Sie schon die Befehle an die Bataillone selbst übermitteln. Sie wissen ja Bescheid. Um es nochmals kurz zu sagen: Nach dem allgemeinen Vorstoß, bei dem wir die feindliche Front wohl so etwa einen Kilometer zurückdrängen dürften, besetzt das Regiment mit ganz dünnen Schützenketten die bisherigen Stellungen der Division. Die Verteidigungsabschnitte sind: Erstes Bataillon Linie Peamont bis Derlieux, zweites Bataillon: Nordausgang des Dorfes Derlieux bis Wäldchen von Cossenette[1], drittes Bataillon und zwar 10. und 12. Kompagnie Dorf Cossenette bis Weiler Montfort, 9. und 11. Kompagnie in Reserve hinter Derlieux. – So meine Herren, nun vorwärts!“

Die beiden Ordonnanzoffiziere jagten davon, während der Oberst und der Regimentsadjutant durch ihre Gläser die drei Reiter ständig im Auge zu behalten suchten.

Nach einer Weile sagte der Oberst dann erleichtert aufatmend: „Sie sind unversehrt angelangt! Und – wahrhaftig, Frerka, da setzt auch schon der allgemeine Vorstoß ein.“

Tatsächlich merkte man an dem plötzlich besonders heftig werdenden Geschütz- und Gewehrfeuer, daß in der vorderster Linie etwas Besonderes sich abspielte. Immer lauter wurde das Krachen der einschlagenden Granaten. Batterien, die bisher noch in Reserve gestanden hatten, wurden herangezogen und brachten im Nu ihre graugestrichenen Kanonen in Stellung. So unerwartet kam dieses Einsetzen [5] aller Kräfte, daß nun deutlich auf feindlicher Seite ein Abnehmen des Widerstandes sich durch Zurückgehen einzelner Abteilungen und Batterien kennzeichnete. In raschen Sprüngen Terrain gewinnend, arbeiteten die Deutschen sich unaufhaltsam an den Gegner näher heran, gingen schließlich auch hier und da mit lautem Hurra zum Bajonettangriff über.

Jedenfalls stimmte die Voraussage des Oberst vollkommen. Die Franzosen zogen sich einige 1200 Meter weit auf ihre Reserven zurück, die in gut vorbereiteten Schützengräben lagen. Hier kam der Kampf notwendig wieder zum Stocken. Und nun vollzog sich, wobei jede Deckung klug ausgenutzt wurde, das Loslösen der Division vom Feinde, eine Aufgabe, die mit zu den schwierigsten der großen Gefechts-Taktik gehört.

Nach dem unheimlichen Getöse des letzten Vorstoßes war jetzt eine Ruhepause eingetreten, die nur hin und wieder durch den Donner eines Geschützes und Gewehrgeknatter unterbrochen wurde. Beide Parteien schienen neue Kräfte zu sammeln; die eine um den eben errungenen Erfolg zu behaupten, die andere, um das aufgegebene Terrain zurückzugewinnen. Doch nur scheinbar wie gesagt war diese Ruhe.

In Wahrheit verzichteten die Deutschen auf eine Ausnutzung dieses geglückten Sturmanlaufes, und Kompagnie auf Kompagnie sammelte sich im Schutze eines Dorfes und marschierte ab, wobei sich schnell die Bataillone zusammenfanden, sich bald zu Regimentern in Marschkolonnen vereinigten und dem neuen Ziele zustrebten. Inzwischen hatte wieder das eine Infanterie-Regiment, dem die Aufgabe zugefallen war das Loslösen vom Gegner zu verschleiern, seine neuen Stellungen eingenommen, während die beiden zu dem gleichen Zweck bestimmten Batterien ihre Geschütze einzeln über die kilometerlange Linie verteilten.

Vor dem Dörfchen Cossenette[2], das jetzt nur noch einen rauchenden Trümmerhaufen bildete, lag am Rande einer Anhöhe der 1. Zug der 8. Kompagnie. Die [Leute][3] hatten sich, so gut es in der Eile ging, Schützenlöcher gegraben. Und ein paar ganz Gewitzte waren sogar in das Dorf geschlichen und schleppten Ziegelsteine herbei, um diese als Schutz vor sich aufzubauen.

[6] Südlich von Cossenette schmiegte sich in eine Geländefalte ein Gehölz ein, das dann nach Osten zu Anschluß an die weiten Forsten von Verzigny, einem Städtchen südöstlich von St. Quentin, hatte. Vor diesem Gehölz hatte der Einjährige-Unteroffizier Horst Weber, im Zivilberuf Beamter einer großen Bank Mitteldeutschlands, mit seiner aus acht Mann bestehenden Gruppe Stellung genommen. Weber hatte unter seinen Leuten auch zwei Kriegsfreiwillige, die, da sie in einer Jugendwehr etwas militärischen Drill erhalten hatten, bereits nach vierzehntägiger Ausbildung beim Rekrutendepot des Regiments auf ihre Bitte zur Front geschickt worden waren.

Soeben hatte sich der eine der Kriegsfreiwilligen, ein blutjunger Student des Maschinenbaufaches, von dem Unteroffizier dessen scharfes Fernglas reichen lassen und blickte jetzt angestrengt nach dem Feinde hinüber, der etwa 1000 Meter entfernt in den sicheren Schützengräben lag.

„Na, Makull, sehen Sie was?“ fragte Weber nach einer Weile. „Sie haben doch so vorzügliche Augen. Läßt sich denn drüben keinerlei Bewegung wahrnehmen, die auf die Absichten unserer Herren vis-a-vis hindeutet?“

„Nichts,“ antwortete der Kriegsfreiwillige. „Doch halt! Da – wahrhaftig, ein französischer Flieger,“ rief er dann.

Der Einjährige-Unteroffizier pfiff durch die Zähne. „Kinder, jetzt wird die Geschichte faul, oberfaul sogar! Der Benzinvogel wird sehr bald erkannt haben, daß unser Flügel zurückgenommen wird und wir hier für unsere Division den Lückenbüßer spielen – mit einem ganzen Infanterie-Regiment und so Stücker zehn Geschützen, mehr sind es sicher nicht von den kleinen Brummern. Paßt auf, in einer halben Stunde geht der Tanz los! Und dann – viele von uns werden den Tag kaum überleben. Wie unser Hauptmann vorhin sagte, daß wir eine Stellungveränderung sichern sollen, da wußte ich schon Bescheid. Man ist ja nicht umsonst bereits seine vier Wochen immer ganz vorne gewesen. Nun, was hilft es. Wir werden eben unsere Schuldigkeit tun, das ist selbstverständlich.“

Durch Webers Worte klang trotz des stark hervorgekehrten wurschtigen Tones ein so bitterer Ernst hindurch, daß die beiden Freiwilligen, die ihren Vorgesetzten zwischen sich auf dem harten, lehmigen Boden liegen hatten, unwillkürlich [7] ihre Herzen schneller klopfen fühlten. Hatten sie doch bisher nur kleinere Plänkeleien mitgemacht.

Ihre Gedanken fanden freilich keine Muße sich lange mit der Gefährlichkeit dieses Postens zu beschäftigen. Denn der französische Flieger war jetzt bedeutend näher gekommen und wurde nun sofort mit lebhaftem Gewehrfeuer begrüßt, in das sich auch bald das dumpfe Dröhnen der Geschütze mischte, die mit Schrapnells nach dem flüchtigen Luftgegner hinauffunkten. Der jedoch schraubte sich in schräger Kurve ebenso geschwind aufwärts, befand sich bald über den deutschen Stellungen und kehrte nun plötzlich in eiligster Fahrt zu seinem Aufstiegplatz zurück.

Trepinski, der andere Kriegsfreiwillige, der im Zivil dem friedlichen Berufe eines Uhrmachergehilfen nachgegangen war, dann aber, von der allgemeinen Begeisterung ergriffen, sich schon am dritten Mobilmachungstage gemeldet hatte, ließ sich jetzt von dem Unteroffizier gleichfalls das Glas reichen und spähte nach dem Feinde aus. Kaum hatte er es aber richtig eingestellt, als drüben plötzlich eine offenbar eben erst aufgefahrene Batterie die deutschen Schützen vor dem Dorfe Cossenette mit Granaten zu bewerfen begann, von denen gleich die erste keine dreißig Meter links von Unteroffizier Webers Gruppe in einen gemauerten Backofen einschlug, hinter dem zwei brave Musketiere sich eingenistet hatten. Ziegel- und Holzstücke flogen durch die Luft, auch einige Feldsteine, die oben auf dem primitiven Dorfofen gelegen hatten. Und eines dieser kindskopfgroßen Naturgeschosse schlug, im Bogen wieder auf der Erde landend, Trepinski eine mächtige Beule in das auf den Tornister aufgeschnallte Kochgeschirr.

Dessen Besitzer war vor Schreck über den Stoß, den er von dem niedersausenden Stein erhielt, ganz blaß geworden, worüber der Unteroffizier nachsichtig lächelte.

„Ja, Trepinski, das Kochgeschirr ist hin,“ meinte er, „Die Beule kriegen Sie nicht mehr ’raus. Im übrigen können Sie von Glück sagen, daß die Klamotte Ihnen nicht auf den Helm prasselte.“

Inzwischen hatte Makull seinem etwa drei Meter links von ihm liegenden Nebenmanne zugerufen, man solle doch mal nachsehen, ob den beiden Kameraden hinter dem Backofen was passiert sei. Die Mauern waren nämlich gerade [8] derart umgestürzt, daß sich nicht erkennen ließ, wie es hinter dem Trümmerhaufen von Ziegeln ausschaute.

Von Mann zu Mann ging die Aufforderung durch die dünne Schützenlinie. Aber infolge des jetzt mit furchtbarer Heftigkeit einsetzenden Artilleriefeuers, dem sich auch schon das taktmäßige Knattern von Maschinengewehren beimengte, deren Kugelsaat unaufhörlich über die Köpfe der deutschen Infanterie hinfegte, wagte es niemand, selbst der dem eingeschossenen Ofen zunächst Befindliche nicht, noch den beiden Kameraden zu sehen, die so gar kein Lebenszeichen mehr von sich gaben.

So mußte sich denn Makull, der wußte, daß von diesen einer sein Putzer gewesen war, selbst auf den Weg machen. Obwohl Unteroffizier Weber ihn warnte, jetzt seine Deckung ja nicht zu verlassen, kroch er doch auf allen Vieren hinter dem Kamm der Anhöhe entlang und kam auch wirklich unverletzt bei dem zertrümmerten Ziegelbau an. Die beiden Leute, die halb von den Mauerresten bedeckt waren, hatten hier einen schnellen Tod gefunden, das sah der Student auf den ersten Blick.

Dann aber erblickte der Kriegsfreiwillige noch etwas anderes: ein flehendes, braunes Augenpaar, das aus einem mit zottigen Haaren bedeckten Gesicht hervorschaute und in stummer Bitte auf ihn gerichtet war. Wahrhaftig, das konnte nur jener Hund recht unbestimmter Abkunft, diese Mischung von Wolfshund, Pintscher und Bernhardiner, sein, den man vor fünf Tagen halb verhungert in einem Dorfe, an eine Hundehütte angekettet, gefunden, wieder herausgefüttert und mitgenommen hatte, eine Tat, die der mittelgroße, noch junge „Hektor“ durch eine geradezu rührende Anhänglichkeit lohnte. Das Tier, mit dem ganzen Körper zwischen Ziegeln und Balken eingeklemmt, begann jetzt leise zu winseln. Und Fritz Makull ließ diesen bescheidenen Hilferuf des treuen, vierbeinigen Gefährten der letzten Marschtage nicht unberücksichtigt. Vielleicht war Hektor nur leicht verletzt und konnte noch gerettet werden. So legte der Student denn sein Gewehr bei Seite und räumte schnell die Mauerreste, Balken und Bretterstücke fort, unter dem der Hund wie in einer Falle lag. Die Mühe war auch wirklich nicht umsonst gewesen. Hektor kroch jetzt, scheinbar ganz [9] unverletzt, hervor, ließ sich den zottigen Kopf streicheln und schüttelte dann aus seinem Petz die Erde heraus.

Als der Freiwillige endlich auf seinem Platze in der Schützenlinie wieder angelangt war, sah er mit Schrecken, welche Veränderungen in den letzten zehn Minuten seiner Abwesenheit sowohl im Vorgelände als auch bei den Seinen eingetreten waren. Die französische Artillerie, der die bei den Deutschen auf eine so weite Strecke verteilten Batterien natürlich keinerlei nennenswerten Schaden zuzufügen vermochten, hatte ihre Stellungen weit vorgeschoben und sich offenbar auf ihr Ziel tadellos eingeschossen. Das bewiesen die unaufhörlich in nächster Nähe krepierenden Schrapnells nur zu deutlich. Ebenso war aber auch die feindliche Infanterie mit starken Kräften bereits auf einige sechshundert Meter vorgedrungen. Ein Hagelschauer von Kugeln pfiff in allen Tönen um die mutigen Verteidiger herum, die hier, auf einem verlorenen Posten stehend, ausharren mußten bis zum letzten Mann und dabei schon derart große Verluste hatten, daß jeder einigermaßen energische Vorstoß von gegnerischer Seite die dünne deutsche Front über den Haufen werfen konnte.

Von Unteroffizier Webers Gruppe waren nur noch fünf Mann kampffähig. Zwei lagen mit Kopfschüssen regungslos da; der dritte hatte zwei Schüsse in den linken Arm erhalten und kroch eben langsam zurück, um sich zu dem hinter dem Dorfe Cossenette befindlichen Verbandsplatz zu begeben.

Weber rief jetzt dem Freiwilligen etwas ärgerlich zu: „Wo steckten Sie denn, Makull! Ich dachte schon, sie hätten sich vorsichtigerweise nach rückwärts konzentriert.“

Der junge Student, dessen linke Wange zwei knallrote Schmisse zierten, überhörte diese wohl nicht böse gemeinte Verdächtigung absichtlich und begann nun wie seine Kameraden ringsum Schuß auf Schuß nach dem Feinde hin abzugeben.

So verging eine halbe Stunde. Die deutschen Verluste mehrten sich in furchtbarer Geschwindigkeit. Der Mann rechts von Makull war urplötzlich ebenfalls nach vorn zusammengesunken und rührte sich nicht mehr. Dabei nahm die Heftigkeit des feindlichen Artillerie- und Gewehrfeuers immer noch zu. Die Franzosen, die offenbar durch ihre Flieger [10] von dem Abmarsch starker Abteilungen auf deutscher Seite benachrichtigt worden waren, schoben ständig frische Verstärkungen in ihre Linie ein. Gelegentlich wagten einige Trupps von ihnen längere Sprünge, die ihnen jedesmal jedoch noch erhebliche Verluste brachten, da das Feuer der Deutschen sich sofort auf diese vorgehenden Schützen vereinigte. Trotzdem konnte der völlige Zusammenbruch der Verteidigung, die hier nur ein einziges Regiment übernommen hatte, nur noch eine Frage der Zeit sein.

Unteroffizier Weber, der seine eigenen Patronen bereits verschossen hatte, ließ jetzt von Trepinski den Gefallenen die Munition abnehmen. Um sich dem schmächtigen Uhrmachergehilfen verständlich zu machen, mußte er die Worte herausbrüllen, so laut er es nur vermochte. Der Lärm der platzenden Granaten verschlang eben jedes andere Geräusch.

Weber, ein vorzüglicher Schütze, legte sein Gewehr, dessen Lauf schon ganz heiß geworden war, bei Seite und ließ sich von Makull das eines toten Kameraden reichen. Jeden Schuß, den er abfeuerte, begleitete er mit einer lauten Bemerkung.

„Französische Brut – das saß!“ „Siehst Du, mein Junge, warum steckst Du auch Deinen französischen Verbrecherschädel so weit aus der Furche hervor!“ – „Vorbei, schade! Die Kugel hätte auch wohl was besseres verdient!“

In dieser Tonart ging es ununterbrochen.

Inzwischen war die Sonne immer tiefer gesunken. Dunstige Schleier verhüllten sie jetzt. Und die hereinbrechende Dämmerung brachte auch einen frischen Wind von Ost mit, der schwere Regenwolken zusammentrieb. Es wurde zusehends dunkler und dunkler.

Da – ganz plötzlich – drüben bei den Franzosen lautes Geschrei, Trommelwirbel, Kommandorufe –

Das Gewehrfeuer schwieg. Nur noch in der Ferne ein paar dröhnende bum – bum – bum der Geschütze. Dann fast unheimliche Stille.

„Kinder,“ schrie Weber, „sie greifen an! Raus aus den Gewehren, was nur heraus kann. Es geht um unsere Freiheit, unser Leben!“

Doch, wie schwach war die Geschoßgarbe nur noch, die diesen Sturmlauf aufhalten sollte! Sprungweise kam der [11] Gegner näher und näher, sich kaum eine Atempause gönnend.

Aber jetzt, das war das richtige Mittel, sich nochmals Luft zu schaffen! Jetzt die Töne eines Signalhorns, klar sich fortpflanzend von Bataillon zu Bataillon:

„Seitengewehr pflanzt auf!“

Und dann: „Auf! Marsch, marsch, hurra!“ Das flößte dem Rest des einst so stolzen und jetzt so kläglich zusammengeschossenen Regiments den echten deutschen Elan ein.

Ran an den Feind, der keine zweihundert Meter mehr entfernt war. Und, so dünn auch die Linie der Angreifenden, das Hurra durchbrauste wie aus tausenden von Kehlen kommend die Abenddämmerung, verfehlte auch heute seine Wirkung nicht.

Der Gegner flutete zurück. Und hinter ihm her prasselte die bleierne Saat. Jeder Mann gab sein Bestes. Schuß auf Schuß knallte, bis die französischen Reserven ihre zurückgehenden Abteilungen aufnahmen.

Ein neues Bild. Feindliche Kavallerie, mindestens drei Brigaden erschienen aus einer Bodensenkung gerade gegenüber dem Dorfe Cossenette. Im Nu hatten sich die Reitergeschwader fächerartig ausgebreitet, jagten jetzt, sich immer weiter auseinander ziehend, heran.

Was die französische Infanterie nicht vermocht hatte, das erreichten ihre Schwadronen, die trotz beträchtlicher Verluste unaufhaltsam vordrangen; die mehr als dünnen deutschen Linien wurden über den Haufen geritten.

Zum Glück setzte in demselben Augenblick ein heftiger Regenguß ein, der es der französischen Kavallerie unmöglich machte, ihren Sieg gehörig auszunutzen, diesen Sieg über einen Gegner, der stundenlang fünfzigfach überlegenen Kräften todesmutig und opferfreudig standgehalten hatte.

Das Gefecht löste sich jetzt in eine Reihe von Einzelkämpfen auf, bei denen die Reiter jedoch zumeist den Kürzeren zogen. Manch einer holte noch eine deutsche Kugel vom Pferde herab, manch einer mußte erkennen, daß der Säbel gegen das Bajonett eine recht unwirksame Waffe ist.

Unteroffizier Weber hatte sich bei Beginn des französischen Kavallerieangriffs mit seinen beiden Kriegsfreiwilligen und einem plötzlich bei ihnen aufgetauchten Gefreiten der Nachbarkompagnie im Laufschritt in das Gehölz neben [12] dem Dorfe Cossenette zurückgezogen. Hier, gedeckt von den Bäumen, holten die vier immer wieder neue Feinde von den Gäulen herunter. „Jeder Schuß ein Treffer!“ brüllte Weber, der auch hier wieder seine Schießfertigkeit bewies.

Dann sprang er plötzlich ein paar Schritt auf das freie Feld vor, indem er den drei andern zurief: „Die Standarte muß unser werden, koste es, was es wolle!“

Eben begannen die ersten Tropfen zu fallen.

Der französische Standartenträger, begleitet von vier Kameraden, riß zu spät sein Pferd herum. Webers Kugel durchschlug ihm die Schulter und den Hals, daß er sofort blutüberströmt vom Pferde sank. Ehe noch einer der Franzmänner die Standarte aufraffen konnte, knallten schon drei weitere Schüsse. Und aus dem Knäuel wild umsichschlagender verwundeter Pferde und umsichschauender Reiter schlüpfte der deutsche Unteroffizier mit dem Banner des Dragoner-Regiments davon und in das schützende Gehölz zurück.

Dichter und dichter fiel der Regen. Und unter seinem Schutz gelang es den vier Deutschen tatsächlich, mit der Standarte den sie wütend verfolgenden Kavalleristen zu entkommen.

Eine Stunde später befanden sie sich dann bereits in dem von Schluchten vielfach durchschnittenen Walde, der die Fortsetzung des Gehölzes von Cossenette bildete. Immer tiefer drangen sie in den endlosen Forst ein, sich nur gelegentlich beim Scheine von Webers Taschenlampe nach dem Kompaß orientierend. Ein Gedanke allein war es, der sie beseelte: Nicht in Gefangenschaft zu geraten und das französische Banner in ihrem Besitz zu behalten.

Der Unteroffizier bildete, sich mühsam vorwärtstastend in dieser pechschwarzen Finsternis, die Spitze. Die Nachhut bestand aus Fritz Makull, neben dem sich beständig der treue Hektor hielt obwohl ihm ein Geschoß das linke Hinterbein dicht über dem Kniegelenk durchschlagen hatte. Der Hund war, vielleicht weil es ihm in dem Kugelhagel der Schrapnells hinter dem zusammengestürzten Ofen schließlich doch zu ungemütlich wurde, zu dem Studenten gerade in dem Augenblick hinübergelaufen, als das so arg dezimierte deutsche Regiment den französischen Vorstoß mit einem Bajonettangriff [13] beantwortete, und hatte sich dann auch nicht mehr von der Seite des Freiwilligen fortgerührt.

Endlich, es war elf Uhr nachts, glaubte Weber zwischen sich und die Verfolger eine genügende Entfernung gelegt zu haben. Es goß noch immer in Strömen. Trotzdem beschloß man jetzt da, wo man sich gerade befand, zu lagern. Bei allen machte sich nun auch die Erschöpfung nach diesem furchtbaren, blutigen Tage in eindringlichster Weise geltend. Schnell wurde aus den drei Zeltbahnen – der Gefreite der 9. Kompagnie trug auf dem Rücken statt des Tornisters das wohlverpackte Feldtelephon – die man zur Verfügung hatte, ein Regendach hergestellt, und zwar im Schutze einer dichtbelaubten Buche. Dann deckte man sich, so gut es ging, mit den Mänteln zu, die Tornister als Kopfkissen benutzend.

Nur Makull dachte noch nicht an Schlaf. Das leise Winseln des Hundes, der sich zu seinen Füßen niedergekauert hatte, rief sein Mitleid wach. So bat er sich denn von dem Unteroffizier dessen Taschenlampe aus und verband bei deren Schein mit Hilfe seines Verbandspäckchens den Fuß des Tieres, das willig alles mit sich machen ließ.

Dann streckte auch er sich zum Schlafe hin. Hektor war dicht neben ihn gekrochen, so daß er auch noch ein Stück von dem gegen die schon recht empfindliche Nachtkälte schützenden Mantel abbekam. Jedenfalls merkte der Student bald, daß die Nähe des dankbaren Tieres, dessen langhaariges Fell durch die Eigenwärme des Körpers bald trocknete, als lebende Wärmeflasche gar nicht zu verachten war. Während seine drei Leidensgefährten in ihren nassen Kleidern vor Frost mit den Zähnen klapperten und immer wieder vor Kälte munter wurden, schlief er mehrere Stunden fest und traumlos und erwachte erst, als es bereits völlig hell war.

„Na – auch schon auf!“ begrüßte ihn Unteroffizier Weber, der eben ein großes Stück Kommißbrot zwischen die Zähne schob.

Fritz Makull sprang empor. Und gleichzeitig rappelte sich nun auch Hektor unter dem Mantel hervor und hinkte auf drei Beinen zu Trepinski hin, der neben Weber auf einer Baumwurzel Platz genommen hatte und gleichfalls sein bescheidenes Frühstück einnahm. Der Uhrmachergehilfe, nicht minder tierlieb als der Student, reichte dem Hunde denn auch verschiedene Bissen, die dieser begierig hinunterschlang.

[14] Der Telephongefreite von der 9. Kompagnie, ein Elektrotechniker namens Hartock, war, wie Weber jetzt Makull erzählte, vor etwa einer halben Stunde auf Kundschaft ausgezogen.

„Er hat sich selbst dazu erboten, wahrscheinlich, um sich warm zu laufen. Der arme Kerl,“ berichtete er weiter, „fror von uns am allermeisten. Diese Telephon-Kommondierten sind wirklich schlecht daran, müssen den Tornister mit Mantel und Zeltbahn bei der Bagage lassen und nur den Kasten mit dem Apparat und der Drahtrolle, sowie ihr Gewehr schleppen. Kommen sie dann in eine Lage wie diese, so fehlt ihnen alles, um sich das Dasein nur einigermaßen erträglich zu machen.“ Und nach einer Weile fügte er hinzu, den letzten Bissen Speck zerkauend:

„Wo der Hartock nur bleibt! Ich fange wirklich schon an mich um ihn zu sorgen.“

Inzwischen hatte auch schon Fritz Makull seine geringen Eßvorräte aus dem Brotbeutel hervorgeholt und teilte nun redlich alles mit Hektor, der zu seinen Füßen lag.

„Wie ist eigentlich der Gefreite von seiner Kompagnie abgekommen?“ fragte der Student den Unteroffizier, der soeben den Rest seines Kommißbrotes wieder fortsteckte und nun mit dem Taschentuch das Schloß seines Gewehres zu reinigen begann.

„Er sollte zum Bataillonskommandeur und diesem melden, daß die Kompagnie keine Munition mehr hätte,“ erwiderte Weber, eifrig die Rostflecken[4] fortreibend. „Dann kam der Kavallerie-Angriff, und da schloß er sich uns an.“

Makull war nun auch mit dem Frühstück fertig.

„Wo habt Ihr eigentlich die Standarte gelassen,“ meinte er, sich suchend auf der kleinen Waldlichtung umsehend. „Ich möchte sie mir doch mal bei hellem Tage beschauen.“

Doch der Unteroffizier schüttelte den Kopf. „Die steckt dort unter dem Reisighaufen. Lassen Sie sie nur liegen, Makull. Wir haben jetzt wichtiges zu tun. Hier können wir nichts bleiben. Wir müssen, sobald wir uns einigermaßen orientiert haben, nach Osten zu weiter, um Anschluß an irgend eine deutsche Gruppe zu gewinnen. Wo nur der Hartock stecken mag! Ob der wirklich den Franzosen irgendwo in die Hände gelaufen ist?“

[15] Der Student durch den Imbiß noch mehr gestärkt, erbot sich nun ebenfalls auf Rekognoszierung auszugehen.

„Ich nehme den Hund mit. Der bringt mich sicher hierher zurück,“ erklärte er, um etwaige Bedenken Webers zu zerstreuen.

Der Unteroffizier nickte, wenn auch widerwillig. – –

Der junge Student war nun bereits eine Viertelstunde unterwegs. Er hatte zunächst, den Hund an der Leine führend, die Richtung nach West mitten durch den Wald eingeschlagen, war dann nach Süden, immer sich nach dem Kompaß orientierend, abgebogen und verfolgte jetzt einen kaum sichtbaren Pfad, der sich zwischen den Buchenstämmen und dem dichten Unterholz zahlloser Haselnußbüsche hindurchschlängelte. Öfters blieb er stehen, um zu lauschen. Gerade als der Kriegsfreiwillige dann in eine langgestreckte Lichtung einbiegen wollte, auf der zahlreiche Stapel von Buchenkloben aufgeschichtet waren, blieb Hektor plötzlich stehen und stieß mit gesträubtem Rückenhaar ein leises, warnendes Knurren aus.

Blitzschnell tauchte Makull hinter einem von zahlreichen jungen Schößlingen umwucherten Buchenstamm unter. Und gleich darauf vernahm er auch das Knacken trockener Zweige und ein vorsichtiges Rauschen in den Büschen am Rande der Lichtung. Dann wurde es wieder still.

Der Student, der anfänglich gefürchtet hatte, daß der Hund ihn womöglich durch Knurren oder Bellen verraten würde, merkte bald, wie überflüssig diese Sorge und seine Vorsichtsmaßregel, das Umklammern von Hektors Schnauze mit der Hand, gewesen war. Das kluge Tier, das offenbar für die Jagd dressiert worden war, lag regungslos neben seinem Herrn und drehte nur, argwöhnisch die Luft einziehend, den Kopf hin und her.

Jetzt wieder ein Geräusch, als ob sich ein Mensch langsam durch die Büsche drängte. Und nun vermochte Makull auch eine Gestalt zu erkennen, die eben hinter einem Baum hervor auf den Fußpfad schlüpfte. Kein Zweifel, das war der Gefreite! Die lange hagere Gestalt war nicht zu verkennen.

„Hartock!“

Der Angerufene fuhr erschreckt zusammen. Und erst als [16] sein Regimentskamerad nun aus dem Versteck hervortrat, ließ er das schußfertig erhobene Gewehr sinken.

Die beiden schüttelten sich kräftig die Hand.

„Ich suche vergeblich unsere kleine Lichtung,“ meinte der Gefreite, der auf dem Rücken einen mächtigen, in eine wollene Decke eingeschlagenen Packen trug. „Führ’ mich jedenfalls schnell zu dem Unteroffizier. Ich habe viel zu erzählen. Die Franzosen durchstöbern den Wald. Natürlich sowohl nach Versprengten wie nach der Standarte. Sie rückten in weiter Kette von Westen her vor. – Vorwärts denn; wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Während des Marsches konnte der Student sich doch nicht die Frage verkneifen, was der Gefreite denn eigentlich in der Pferdedecke mit sich herumschleppe.

„Drei französische Reitermäntel und zwei weitere Pferdedecken,“ erwiderte der von Natur nicht sehr redselige Hartock kurz. „Ich fand sie in einem zertrümmerten Bagagewagen, der dort drüben im Straßengraben liegt. – Noch einmal so frieren wie in der verflossenen Nacht will ich jedenfalls nicht!“ setzte er hinzu.

Der Einjährige-Unteroffizier war froh, als der Gefreite sich in Begleitung Makulls wieder einstellte. Das, was Hartock dann berichtete, zeigte nur zu deutlich, daß man vorläufig an ein Durchschlüpfen durch die bereits weit vorgeschobenen französischen Linien nicht denken konnte. Feindliche Kavallerie und Radfahrerkommandos waren in starken Abteilungen auf der im Süden den Wald durchschneidenden Straße vorgerückt, sicherlich zu dem Zweck, um den Resten des deutschen Regiments den Weg nach Osten zu versperren.

„Es gibt für uns nur eine Möglichkeit, der drohenden Gefangennahme zu entgehen,“ fuhr Hartock nun fort. „Auf einer Höhe mit unserer Lichtung hier habe ich im Norden eine tiefe Felsschlucht entdeckt, die dicht bewachsen ist und in der wir vielleicht ein Versteck finden. Laßt uns daher sofort aufbrechen. Wir haben kaum zehn Minuten Wegs meiner Schätzung nach vor uns. Und bis dahin können die Franzosen, die den Forst ganz planmäßig absuchen, noch nicht hier sein.“

Weber hatte an des Gefreiten Vorschlag so manches auszusetzen, fand aber auch kein besseres Mittel, um sich aus dieser üblen Lage herauszuhelfen. So wurden denn in aller [17] Eile die Zeltbahnen, die das Regendach gebildet hatten, zusammengerafft, die Standarte unter dem Reisig hervorgeholt und der Marsch angetreten. Nach knappen zehn Minuten standen die vier Versprengten dann wirklich am Rande einer etwa zweihundert Meter breiten Schlucht, die sich von Süden nach Norden mindestens einen Kilometer lang hinzog und von dunklen Fichten und überhängenden alten Eichen umsäumt war. Die Wände dieses mitten in dem weiten Forst liegenden Felskessels waren an manchen Stellen derart steil, daß man nur mit Hilfe von Stricken hätte hinabgelangen können. An anderen Stellen wieder ging die Schlucht ziemlich flach in den eigentlichen Wald über. Auf dem Grunde dieses Tales lagen überall mächtige Steinblöcke umher, einzelne davon von ganz respektabler Höhe. Moos, niedrige Kiefernstämmchen und Unkraut wucherten auf ihnen mit seltener Üppigkeit.

Der kleine Trupp eilte weiter am Ostrande entlang einer Stelle zu, wo der Abstieg keine großen Schwierigkeiten bot. Weber war immer ein paar Schritte voraus, ihm folgte Trepinski, der die Standarte trug, dann kam der Gefreite mit seinem großen Bündel und den Beschluß des Zuges machte Fritz Makull mit dem braven Hektor an der Leine.

Plötzlich blieb der Hund wie angewurzelt stehen, die Nase tief auf den Boden gedrückt. Wieder sträubten sich seine Rückenhaare hoch empor, aber er knurrte nicht. Nur an der Leine zerrte und zog er nun mit aller Kraft seiner drei unverletzten Beine. Er wollte durchaus näher an den Rand der Schlucht heran, gerade dorthin, wo eine vom Sturm vor langer Zeit halbentwurzelte Eiche weit über den hier sehr schroffen Abhang hinüberhing. Und Makull ließ ihm den Willen. Er war neugierig, was des klugen Tieres Argwohn erregt haben könnte.

Jetzt standen sie ganz dicht an der steilen Wand, in deren Spalten hie und da Tannen- und Kiefernstämme wuchsen. Sowohl Hektor wie auch sein Herr reckten, sich weit vorbeugend, die Hälse lang. Aber die Kulisse der Nadelbäume war zu dicht, um sie mit den Blicken durchdringen zu können. Schließlich wagte der junge Student es, den beinahe wagerecht liegenden Stamm der Eiche zu betreten. Vorsichtig [18] tastete er sich Schritt für Schritt weiter. Und dann wandte er sich rückwärts der Felswand zu.

Ein frohes Leuchten lief gleichzeitig mit einem schreckhaften Zusammenzucken über sein frisches Gesicht. Hinter der Kulisse der Tannen, Kiefern und Eichenäste gähnte in dem Abhang ein gut drei Meter breites und ebenso hohes Loch, das sich ein gutes Stück in die Wand hineinerstreckte. Und in dieser hellen, ziemlich geräumigen Höhle stand zum Sprunge zusammengekauert ein hochbeiniges, rötlichgelbes Tier mit langen Haarpinseln an den aufrechten Ohren, – ein Fuchs.

Jetzt setzte der Fuchs wirklich zum Sprunge an, schnellte wie ein Gummiball zwischen die Äste einer Kiefer und verschwand in dem Gestrüpp auf dem Grunde der Schlucht auf Nimmerwiedersehen.

Hektor, der den Feind nun ebenfalls für einen Moment bemerkt hatte, heulte vor Jagdeifer laut auf, was ihm ein drohendes. „Kusch dich!“ seines neuen Herrn eintrug. Und dann kamen die drei anderen Versprengten, die die Sorge um den plötzlich verschwundenen Gefährten zurückgeführt hatte, gerade in dem Moment herbei, als Fritz Makull wieder von dem Eichenstamm auf den festen Boden zurückkletterte.

„Zum Henker was machen Sie hier!“ schalt Unteroffizier Weber besorgt. „Jede Minute ist kostbar. Die Franzosen werden uns noch über den Hals kommen, ehe wir unseren Schlupfwinkel erklettert haben. Daß Sie auch immer Ihre besonderen Dinge treiben müssen, Makull!“

Der Freiwillige lachte über sein ganzes, rotbäckiges Gesicht.

„Besondere Dinge – stimmt!“ meinte er freudig. „Ich habe nämlich eben eine famose Höhle hier gerade unter uns in der Felswand entdeckt, die ein vorzügliches Versteck bietet. Folgt mir nur! Nachher erzähle ich das nähere. Den Hund muß mir einer von Euch zureichen.“

Und schon kletterte er wieder auf den Stamm der Eiche, nachdem er sich das Gewehr über die Schulter gehängt hatte, und turnte an einem starken Ast so weit nach abwärts, bis er mit den Füßen den Rand des Felsloches erreichen konnte.

Wenige Minuten später befanden sich auch Hektor und Trepinski in der etwa sechs Meter tiefen, nach hinten zu niedriger werdenden Höhle.

„Donner noch eins, Makull,“ lobte Weber, „das ist wahrhaftig [19] ein reines Geschenk des Himmels, diese Grotte. Da können die Franzmänner lange suchen, ehe sie uns finden.

Es war wirklich die höchste Zeit gewesen, daß die vier Deutschen diesen sicheren Schlupfwinkel fanden. Denn wenige Minuten später schon hörten sie von der anderen Seite der Schlucht französische Zurufe herüberschallen.

„Wir müssen ganz besonders genau das Tal durchsuchen,“ erklang eine Stimme nach einiger Zeit aus dem Grunde des Felskessels herauf. „In dieser Wildnis können sich Dutzende von den verfl– Prussiens verbergen.“

Weber, der ein halbes Jahr auch in einem Pariser Bankhause gearbeitet hatte und das Französische fertig sprach, verstand jedes Wort. Die vier Versprengten hockten beieinander im Hintergrunde der Grotte auf den als Polster zusammengelegten Decken und Mänteln. Die Gewehre hielten sie schußfertig in den Händen. Sollten sie entdeckt werden, so würden sie sich jedenfalls nicht ohne Kampf ergeben. Das war beschlossene Sache. Mit atemloser Spannung harrten sie nun der weiteren Entwicklung der Dinge. Hektor, der wieder neben Fritz Makull sich niedergekauert hatte, verhielt sich musterhaft. Zwar sträubten sich bisweilen seine Haare in mißtrauischer Wachsamkeit, wenn einer der Franzosen unten in der Schlucht besonders laut wurde; das blieb aber auch das einzige Zeichen seiner inneren Erregung.

So schlich Minute auf Minute dahin. Die Feinde ließen sich Zeit bei ihrer Spürtätigkeit. Dann wieder eine Stimme ganz in der Nähe:

„Hier ist eine deutliche Blutspur zu sehen – Da geht sie weiter. Es wird sicher der preußische Offizier sein, den wir schon einmal aufstöberten und der uns entkam.“

Die vier in ihrer Höhle schauten sich bedeutungsvoll an.

Und abermals ein Ausruf:

„Verd–! Die Bluttropfen hören plötzlich auf. Laßt uns den andern Teil der Schlucht durchsuchen. Hier befindet sich niemand.“

Die Schritte, das Rauschen der Zweige und das Abbröckeln loser Steine entfernten sich immer mehr. Weber kroch nun bis zum Ausgang der Höhle vor und spähte umher. Aber die Baumkulisse war derart dicht, daß sie nur an zwei bis drei Stellen eine Möglichkeit zum Durchblick in den Felskessel bot.

[20] Dann hörte der Unteroffizier plötzlich ein vorsichtiges Scharren von links, ein Geräusch, als ob ein schwerer Körper langsam über den Boden geschleift wurde. Öfters blieb es auch eine Weile still. Dann setzte dieses unterdrückte Geräusch wieder ein. Und jetzt vernahm Weber ganz deutlich einen anderen Ton, ein qualvolles Stöhnen, das sich wie aus der Kehle eines Leidenden wider Willen hervorrang. Nur zu gut kannte der Unteroffizier diese Äußerungen eines mannhaft bekämpften Schmerzgefühls von den zahlreichen Gefechten her, die er bereits mitgemacht hatte. Unwillkürlich schoß es ihm durch den Sinn, daß die Franzosen von einer Blutspur und einem von ihnen verfolgten Offizier gesprochen hatten. Sollte dieser ihren spähenden Blicken doch entgangen sein, sollte der Verwundete sich etwa jetzt gerade unterhalb ihres Versteckes befinden? Was tun? Wenn es nun einer der Feinde war, der hier noch herumspionierte? Sich irgendwie bemerkbar zu machen ging also nicht an. Aber wie sich sonst Gewißheit verschaffen? Da kam Weber ein guter Gedanke. Mit wenigen Worten verständigte er die Kameraden von seiner Absicht und schwang sich dann möglichst geräuschlos mit Hilfe des nach unten reichenden Eichenastes auf den Stamm hinauf, wo er nun schrittweise, sich stets hinter dem Blätterdach verbergend, so weit vorrückte, daß er über die Natur-Kulisse der in einem Winkel nach oben gewachsenen Nadelbäume hinwegsehen konnte.

Zunächst vermochte er nichts Auffälliges zu entdecken. Dann aber erblickte er etwa zehn Meter schräg unterhalb seines leise hin- und herwippenden Standortes die Gestalt eines Mannes, der zwischen den Felsblöcken, halb verdeckt von Farnkräutern und dunkelgrünen Ginsterbüschen, auf allen Vieren sich langsam vorwärtsbewegte.

Jetzt hob der Mann da unten wie lauschend den Kopf. Die eine Bewegung genügte. Weber hatte deutlich auch den oberen Teil des feldgrauen Rockes gesehen, der die Verschnürung der Husaren und auf den Schultern die deutschen Offizierachselstücke zeigte.

Ganz leise pfiff der Unteroffizier nun das bekannte Hupensignal des Kronprinzen – ta-tü, ta-ta – das bei Nacht einer stillschweigenden Übereinkunft nach in dem Xten Armeekorps als Erkennungszeichen unter den Patrouillen galt.

[21] Der Offizier schaute empor. Weber winkte ihm mit der Hand zu und deutete ihm an, er solle näher an die unterhalb der Grotte stehende Kieferngruppe herankriechen.

Sehr bald konnten sie sich nun auch durch leise Worte verständigen. Und dann kehrte Weber zunächst in die Höhle zu seinen Gefährten zurück. Die Beratung dauerte nur kurze Zeit. Der Oberleutnant, der einen Schuß im linken Oberarm hatte, mußte irgendwie in die Grotte emporgezogen werden, falls man sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, von den im nördlichen Teile der Schlucht noch immer umherschwärmenden Franzosen bemerkt zu werden.

Der Gefreite Hartock war es, der das Richtige fand: in aller Eile wurde aus den Gewehrriemen, den Decken und den Mänteln eine Art Seil hergestellt, an dem sich Fritz Makull als der leichteste in die Schlucht hinabließ, was auch keine großen Schwierigkeiten bot, da die Entfernung vom Rande der Grotte bis zum Grunde des Talkessels nur etwa sechs Meter betrug.

Es glückte denn auch tatsächlich, den verwundeten Oberleutnant, dem das Ende des Seiles, eine der Decken, fest um die Mitte des Leibes geknüpft worden war, emporzuziehen. Ihm folgte dann auf demselben Wege der junge Student, für dessen gesunde Glieder diese Kletterpartie ein leichtes war.

Der völlig erschöpfte Offizier wurde nun im Hintergrunde der Grotte weich gebettet und von Fritz Makull so gut es ging verbunden. Leider stellte sich heraus, daß die Kugel auch den Oberarmknochen durchschlagen hatte. So blieb denn nichts anderes übrig als aus Moos und Zweigen einen festen Verband herzustellen, der das Einschienen des verletzten Knochens ersetzen sollte.

Der Oberleutnant war derselbe Prinz Stelheim, der als Ordonnanzoffizier am vergangenen Tage dem Kommandeur der Xten Division vom Oberkommando den Befehl zur Rückwärtsbewegung überbracht hatte. Er war dann am Nachmittag mit einem noch gefährlicheren Auftrag in die vordere Gefechtslinie zu dem Oberst des Infanterie-Regiments geschickt worden, das mit so glänzender Bravour stundenlang den weit überlegenen Feind aufgehalten hatte. Bei diesem Ritt war ihm sein Pferd unter dem Leibe erschossen worden, und er selbst geriet in die Angriffslinie der französischen Kavallerie [22] hinein, der er sich nach mannhafter Gegenwehr nur durch die Flucht entziehen konnte. Da ihn ein feindlicher Offizier, den er vom Pferde zu stechen versucht hatte, mit einer Pistolenkugel so gut wie wehrlos gemacht hatte, vermochte er den ihm hartnäckig bis in den Wald nachsetzenden Reitern nur dadurch zu entgehen, daß er sich in einem Graben verkroch und dann später bei völliger Dunkelheit den Rückweg auf die eigenen Linien zu antrat. Durch den Blutverlust jedoch stark geschwächt, war er nur langsam vorwärts gekommen und schließlich halb ohnmächtig in einem Gehölz liegen geblieben, wo ihn erst die Stimmen der den Forst absuchenden Feinde wieder zu sich brachten, denen er nur mit Mühe sich entziehen konnte. In der Schlucht angelangt, war er in eine von Ginstergestrüpp überwucherte Felsspalte gekrochen, in der die Verfolger ihn nicht zu entdecken vermochten.

Das war des Prinzen von Stelheims Leidensgeschichte. Und nun lag er, von heftigem Wundfieber geschüttelt, in der übelriechenden Felsengrotte, aber wenigstens unter Kameraden, die alles daran setzen wollten, ihn und sich selbst vor einer Gefangennahme zu bewahren.

Inzwischen hatte sich der noch immer bewölkt gewesene Himmel – der Regen war schon in den ersten Morgenstunden vorübergegangen – vollständig aufgeklärt. Gegen elf Uhr vormittag brach die Sonne durch. Alles ringsum gewann plötzlich bei dem erwärmenden Schein des Tagesgestirns ein anderes Aussehen. Neuer Mut, frischer Unternehmungsgeist erfüllte die Herzen der vier Deutschen, die nun, da die Franzosen bereits seit zwei Stunden verschwunden waren, zunächst ihren Schlupfwinkel zu reinigen und sich wohnlich einzurichten begannen. Nachdem der Unrat aus der Grotte entfernt war, mußten die beiden Kriegsfreiwilligen aus dem Walde, natürlich unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, frisches Moos herbeiholen, während der geschickte Hartock aus Tannenzweigen und Eichenästen eine Art Windschutz herstellte, der den Eingang der Höhle bis auf eine ein Meter breite freibleibende Öffnung verdeckte. Von innen wurde diese grüne Wand dann noch mit den Zeltbahnen verkleidet, so daß man es nun nachts wagen konnte, ein kleines Feuer anzuzünden, um die Nahrungsmittel zuzubereiten, die freilich auch erst besorgt werden mußten. Denn damit stand es recht schlecht. Zwei Stücke Speck eine kleine Büchse Konservenfleisch, ein [23] halbes Kommißbrot etwa und zwei Beutel von dem harten Mehlgebäck, was zur Eisernen Ration gehörte, waren die ganzen Eßvorräte. Dazu kam noch eine Handvoll Salz und zwei Feldflaschen dünnen Kaffees. Viel war das nicht für gesunde, junge Leute, einen Schwerkranken und einen Hund, zumal man damit rechnen mußte, vielleicht tagelang hier in der Waldeinsamkeit zuzubringen. Daher wurden denn auch der Gefreite und Fritz Makull sehr bald ausgeschickt. Die beiden ließen, um sich möglichst frei bewegen zu können, ihre Seitengewehre, Brotbeutel und Feldflaschen in der Grotte zurück und nahmen nur die Gewehre mit. Patronen steckten sie sich in die Taschen ihrer feldgrauen Röcke.

Vier Stunden brauchten die beiden Kundschafter, bis sie, schwer beladen und nach mancherlei Abenteuern nicht ganz ungefährlicher Natur, an den Rückweg denken konnten. Unangefochten langten sie wieder in der Grotte an, von Weber und Trepinski freudig begrüßt, die um das Schicksal der beiden Kameraden schon recht besorgt gewesen waren.

„Kinder,“ meinte der Unteroffizier erstaunt, „was bringt Ihr denn da in den beiden Bündeln alles mit? Ich müßte mich sehr irren, wenn da aus Ihrem Packen oben nicht die Schwanzfedern eines Huhnes herausragen, Makull!“

Der Student lachte vergnügt. „Eines Huhnes! Sie irren!“ sagte er stolz. „Drei Sonntagsbraten hat die verängstigte Försterfrau spendieren müssen trotz ihres Jammerns und Zeterns.“

Während die beiden Bündel – es waren zwei buntgewürfelte Bettdecken von etwas zweifelhafter Sauberkeit – nun ihre Schätze herausgeben mußten und diese in einer Ecke verstaut wurden: Salz, Mehl, zwei Brote, drei eben erst gemordete Hühner, ein Landschinken, ein Beutel Kaffeebohnen sowie drei Päckchen Pfeifentabak, berichtete der Gefreite als Führer dieses Fouragierzuges kurz über die wertvollen Feststellungen, die man noch nebenbei gemacht hatte.

„Wir gingen zunächst nach Süden zu mitten durch den Wald,“ erzählte Hartock in seiner etwas maulfaulen Art. „Nach einer Viertelstunde erreichten wir bereits eine gepflasterte Landstraße, auf der gerade ein französisches Infanterieregiment nach Osten zu entlangmarschierte. Als dieses vorüber und die Luft rein war, kreuzten wir, wir hatten bis dahin in einem Gebüsch keine dreißig Meter entfernt gelegen, [24] die Straße und drangen in den jenseitigen Wald ein. Dieser erstreckt sich offenbar noch meilenweit nach Süden. Mir kehrten schließlich um und gelangten nun, nachdem wir mehrere Male französischen Patrouillen nur durch die Wachsamkeit unseres braven Hektor rechtzeitig ausweichen konnten, in weitem Bogen wieder in diesen Waldabschnitt diesseits des Weges, wo wir dann etwa eine Meile von unserer Höhle hier entfernt auf einer Lichtung die Wohnung eines Försters fanden, in der wir nur dessen Frau antrafen. Diese mußte uns eiligst an Eßwaren herbeibringen, was sie nur vorrätig hatte. Nachdem wir noch den drei Gockeln dort zu einem schnellen Ende verholfen hatten, schlugen wir uns nach Osten zu in die Büsche, passierten nach einer halben Stunde einen kleinen Bach und kamen so an den östlichen Rand dieses ausgedehnten Forstes. Vor uns lag ein Dorf. Und vor dem Dorfe waren die Franzmänner gerade eifrig beschäftigt, wie wir durch mein Glas feststellten, den Kamm einer langgestreckten Anhöhe mit Schützengräben zu versehen. Leider wurden wir nun aber von einer ihrer Kavalleriepatrouillen bemerkt und mußten schleunigst Fersengeld geben. Auf Umwegen fanden wir uns dann jedoch glücklich hier zu unserer Schlucht zurück. Jedenfalls ist das Resultat unseres vierstündigen Umherstreifens, abgesehen von der Ergänzung unserer Lebensmittel, für uns insofern ein wenig erfreuliches, als wir nun genau wissen, daß wir recht übel in der Patsche stecken. Von allen Seiten haben wir Feinde um uns, und mit einem Versuch zu den Unserigen durchzuschlüpfen ist es vorläufig nichts.“

Weber lobte die beiden, wie sie es auch verdient hatten, mit herzlichen Worten und schloß daran einen eingehenden Bericht über die verschiedenen Arbeiten an, die er und Trepinski inzwischen ausgeführt hatten. Nicht nur, daß sie aus Moos vier weiche Lagerstätten hergerichtet und aus Steinen einen ganz praktischen Herd gebaut hatten, nein, sie waren sogar im Walde auf Pilzsuche gewesen und auch mit einem reichen Vorrat eßbarer Arten heimgekehrt. Ferner hatten sie in dem nördlichen Teile der Schlucht eine Quelle und in einer Tannenaufforstung einen sogenannten Dohnenstrich entdeckt, d. h. einen Pfad im Gehölz, an dessen Randbäumen überall in kleinen Holzbögen Pferdehaarschlingen zum Fangen von Krammetsvögeln hingen. Gerade dieser Dohnenstrich war [25] insofern sehr wertvoll für die Nahrungsmittelergänzung, als man ohne viel Arbeit die Schlingen immer wieder mit neuem Köder, verschiedene Beeren, versehen und so eine ganze Menge der wohlschmeckenden Vögel fangen konnte. Auch für den verwundeten Oberleutnant war bestens gesorgt worden. Kühlende Kompressen, die man aus Stücken der Pferdedecken gewonnen und in das eiskalte Quellwasser getaucht hatte, lagen auf seiner Stirn, und ebenso hatte Trepinski aus dem Saft von wilden Pflaumen, der mit Wasser vermischt war, für den Kranken ein erfrischendes Getränk hergestellt.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit gab es nicht mehr viel zu tun. Nur Fritz Makull machte noch ein paar mal den Weg bis zu der Quelle, um frisches Wasser in einem Kochgeschirr für die Kompressen zu holen. Die anderen saßen im Halbdunkel der Grotte auf ihren Lagerstätten und plauderten von diesem und jenem. Und neben ihnen ruhte auf einem weichen Moospolster der treue Hektor, dessen Verband von Zeit zu Zeit gleichfalls angefeuchtet wurde, um die Schußwunde nach Möglichkeit zu kühlen.

Dann kam die Nacht. Der Fieberanfall des Oberleutnants, wohl mehr durch Überanstrengung als durch die Armverletzung hervorgerufen, war sichtlich im Abflauen begriffen. Die Besinnung kehrte zurück, und bald erlebten die Vier die Freude, daß der Kranke, wenn auch noch mit schwacher Stimme, nach Wasser verlangte. Man reichte ihm die von Trepinski zubereitete, säuerlich schmeckende Limonade, von der er gierig zwei Becher voll austrank.

„Herr Oberleutnant müssen nun zu schlafen versuchen,“ sagte Weber bittend. „Nachher gibt es denn auch was zu essen. Aber Schlaf ist nach solchem Fieberanfall die beste Medizin.“

Der Prinz lächelte matt. „Brave Kameraden – brave Seelen!“ flüsterte er, schloß dann aber gehorsam die Augen und war auch wirklich gleich darauf eingeschlummert.

Nun wurde zunächst der Herd ausprobiert. Gewiß, er rauchte etwas, aber wenn man das Feuer mit ganz trockenen Zweigen nährte, so war der Qualm nicht weiter lästig, da er an der schräg ansteigenden Decke der Höhle nach außen abzog. Dann wurde eines der sauber gerupften Hühner auf das Feuer gesetzt. Die Eingeweide, Herz, Leber und Lunge, alles gut gereinigt, kamen in ein zweites Kochgeschirr [26] und waren für den wackeren vierbeinigen Gefährten bestimmt.

Diese Mahlzeit, zu der es noch frisch aufgebrühten Kaffee gab, mundete allen vorzüglich. Prinz Stelheim erhielt ein paar Becher Bouillon und etwas Brustfleisch des weichen Huhnes. Auch er aß mit größtem Appetit, ließ sich dabei die Erlebnisse der beiden Kundschafter erzählen, drehte sich dann wieder auf die rechte Seite und – schlief abermals ein. Auch die anderen suchten nun ihre Lagerstätten auf, nachdem Unteroffizier Weber noch eine kurze Streife durch den Wald gemacht hatte, um sich zu überzeugen, daß man auch völlig sicher sei.

Als der Oberleutnant am Morgen erwachte, fühlte er sich wieder vollkommen frisch. Der Arm schmerzte nur sehr wenig, ein Beweis, daß der feste Verband sich bewährt hatte und keinerlei Entzündung hinzugetreten war. Der Vormittag verging mit allerlei kleinen Arbeiten für den „Haushalt“. Trepinski, der das Amt des Koches übernommen hatte, wollte heute sogar zwei Gerichte auf den Tisch bringen, Pilze und Specktunke und gekochtes Huhn. Als Nachtisch gab es zu den wirklich recht gut geratenen Speisen Pflaumenkompott, „die reine Schlemmerei“, wie der prinzliche Oberleutnant vergnügt erklärte.

Nachher zogen dann der Gefreite Hartock und Fritz Makull wieder auf Erkundung aus, kehrten aber bereits nach zwei Stunden heim, da es in der Gegend jetzt geradezu von Franzosen wimmelte und sie äußerst vorsichtig hatten sein müssen, um nicht abgefaßt zu werden. Auch heute hatte Hektor sich bei diesem Kundschaftergang vorzüglich bewährt, wofür er zur Belohnung ein paar Reste des Huhnes erhielt.

Der Gefreite war jedoch, was allen auffiel, nach der Rückkehr in die Grotte recht still und nachdenklich geworden. Irgend etwas mußte seine Gedanken ganz in Anspruch nehmen. Denn während die anderen plaudernd bei einander saßen und Trepinski und Weber aus ihren kurzen Holzpfeifen nicht gerade allzu wohlriechende Wolken des französischen Förstertabaks in die Luft steigen ließen, verhielt er sich völlig schweigsam. Und erst als der Prinz, der sich die Anrede „Durchlaucht“ sofort verbeten hatte, ihn nun geradezu fragte, ob er denn irgend welche Sorgen habe, entgegnete er zögernd:

„Sorgen wohl nicht, Herr Oberleutnant. Aber mir geht im Kopf beständig eine Idee herum, die sich leicht verwirklichen [27] ließe. Die Franzosen haben nämlich drüben längs der Straße eine Feldtelephonleitung gelegt, wie ich heute bemerkte. Der Draht läuft über die unteren Äste der den Weg umsäumenden Bäume hin und dürfte vorn in der neuen Feldstellung endigen, die der Gegner da im Osten angelegt hat. Es wäre nun ein leichtes, diesen Draht „anzuzapfen“, wie man das heimliche Anschließen eines neuen Drahtes nennt. Dann könnte man alle Gespräche, die die Leitung durchlaufen, mit anhören.“

„Donnerwetter!“ entfuhr es dem Prinzen, der jetzt aufrecht, ein Mooskissen[5] im Rücken, auf seinem Lager saß und in seinen schlanken, feinen Fingern die letzte seiner Zigaretten hielt, „das wäre ja großartig. Allerdings,“ fügte er dann schon weniger begeistert hinzu, „was hilft es uns schließlich, wenn wir auf diese Weise auch so manche Geheimnisse der feindlichen Heeresleitung erfahren! Wir können das Gehörte ja doch nicht an unser Oberkommando weitermelden. Trotzdem, ein Versuch in dieser Beziehung wäre recht interessant. Nur – wäre es nicht sehr wahrscheinlich, daß die Franzosen die Leitung öfters revidieren und dabei die „angezapfte“ Stelle finden? Und weiter – haben Sie denn in Ihrem Telephonkasten genügend viel Draht, um die Nebenleitung bis nach hier zu führen?“

Aber Hartock ließ sich so schnell nicht von seinem Plan abbringen. „Einer Entdeckung kann man durch schlaue Anlage des neuen Drahtes, der ohnehin sehr dünn und daher schwer zu bemerken ist, vorbeugen, Herr Oberleutnant. Mein Drahtvorrat würde nun allerdings nicht bis in unsere Grotte reichen, da ich nur etwa 800 Meter in dem Kasten habe. Aber das schadet auch nichts. Man könnte ja in einer dicht belaubten Buche einen Telephonposten einrichten.“

„Und wer sollte dort sitzen und auf etwaige Gespräche warten?“ warf der Unteroffizier achselzuckend ein. „Die Sache hätte doch überhaupt nur Zweck, wenn das Telephon Tag und Nacht von einem von uns beobachtet würde. Für diese Aufgabe käme ich nun allein in Betracht, da ich das Französische fertig spreche und verstehe. Fortdauernd aber in der Krone eines Baumes zu hocken – wer könnte das aushalten?“

„Alles ganz schön diese Einwendungen, lieber Weber,“ meinte Prinz Stelheim jetzt, indem er den Stummel seiner [28] Zigarette bei Seite legte. „Aber Sie vergessen daß ich auch noch da bin. Ich spreche, verstehe und schreibe die Sprache unserer Feinde hier wohl ebenso gut wie Sie, nehme ich an. Wir beide könnten uns mithin, wollen sagen, alle vier Stunden ablösen. Und, erfahren wir wirklich etwas besonderes, wertvolles, so könnte man noch immer wenigstens den Versuch wagen, die Nachricht durch die gegnerischen Linien hindurchzuschmuggeln. Kommt Zeit, kommt Rat!“

So kam es denn, daß der Gefreite Hartock in der nächsten Nacht tatsächlich mit größtem Geschick den Draht der feindlichen Leitung anzapfte und den Nebenanschluß in der Krone einer riesigen, uralten Buche endigen ließ, wo in einer starken Astgabel mit Hilfe von Zweigen und Moos ein ganz bequemer Sitz mit Rückenlehne hergerichtet wurde.

Ein weiterer Tag war verstrichen. Es war um die Mittagszeit, als der Oberleutnant mit Hilfe Hartocks von der Buche herabkletterte und den Telephonposten an den Unteroffizier übergab. Vorsichtig, sich immer im dichten Gebüsch haltend, eilten der Prinz und der Gefreite der Grotte zu.

„Es ist wirklich ein Jammer,“ meinte der Oberleutnant leise zu seinem Begleiter, „daß wir all die so überaus wichtigen Mitteilungen, die wir bereits an unserem Telephon abgefangen und notiert haben, nicht weiterbefördern können. Vor einer Stunde z. B. kam vom französischen Korpskommando an die vor uns liegende Division der Befehl, daß übermorgen bei Tagesgrauen bei dem Dorfe Malunville mit Hilfe der Verstärkungen, die in dieser und der nächsten Nacht herangezogen werden sollen ein Durchbruchsversuch und eine Aufrollung unseres rechten Flügels unternommen werden soll. Bedenken Sie, Hartock, wie vorteilhaft es für die Unserigen wäre, wenn diese und die anderen Nachrichten über die Anzahl der feindlichen Batterien, ihre Aufstellung, über Truppenstärke und so weiter baldigst unserem Armeekommando überbracht würden! Ich bin rein verzweifelt bei dem Gedanken, daß uns der Weg nach vorn so vollständig versperrt ist!“

Prinz Stelheim stieß eine Verwünschung aus.

„Wenn wir nur eine französische Uniform hätten,“ sagte er dann nachdenklich. „Vielleicht ginge es in einer Verkleidung. Ich muß doch mal mit Weber darüber sprechen.“

Inzwischen waren sie dicht bei der Grotte angelangt und wollten eben den Abstieg zu ihrem Schlupfwinkel auf dem [29] gewöhnlichen Wege über den Eichenstamm beginnen, als sie in großer Höhe über dem Walde das knatternde Geräusch eines Flugzeugmotors vernahmen, das zeitweise schwächer wurde, auch bisweilen ganz zu verstummen schien, je nachdem der Benzinvogel da oben an dem bedeckten Himmel dünnere oder dichtere Wolkenschichten durcheilte. Aber zu Gesicht bekamen sie den Flieger nicht, so sehr sie auch nach ihm spähten.

Als sie dann die Grotte betraten, hatten die beiden Kriegsfreiwilligen bereits ihre über glühenden Holzkohlen gewärmte Mittagsmahlzeit verzehrt. Die Portionen für den Oberleutnant und Hartock hingen noch in dem Kochgeschirr über der Glut. Gleich darauf brachen Trepinski und der junge Student zu einem Gange nach dem Dohnenstrich auf, dessen Schlingen sie wieder einmal mit frischem Köder bestecken wollten. Hektor, dessen Bein von Tag zu Tag besser wurde, brachte durch lebhaftes Schweifwedeln seine Bitte zum Ausdruck, daß man ihn mitnehmen möchte, was denn auch bewilligt wurde.

Zehn Minuten später schritten die beiden Freiwilligen bereits den schmalen, durch die Tannenaufforstung nach Westen zu führenden Pfad entlang, der schon so vielen Krammetsvögeln verhängnisvoll geworden war. Auch heute fanden sie sechs von den wohlschmeckenden Vögeln in den mordenden Pferdehaarschlingen verendet auf, die sofort in Trepinskis Brotbeutel wanderten. Trepinski machte dann den Vorschlag, man solle noch die große, ganz in der Nähe liegende Lichtung besuchen und dort nach Pilzen sich umsehen, deren Vorrat schon sehr auf die Neige ging. Fritz Makull war einverstanden.

Kaum hatten sie dann aber die Fläche betreten, als ihre Aufmerksamkeit auf ein überaus lebhaftes Gewehr- und Geschützfeuer gelenkt wurde, das von Westen her herüberschallte. Erstaunt blickten sie sich an. Denn dort konnte ja unmöglich ein Gefecht im Gange sein, weil in jener Richtung nur die äußerste französische Reservelinie lag. Kampfeslärm war jetzt nur von Osten her zu erwarten, wo es ja auch täglich recht lebhaft herging, ein Beweis dafür, daß die Deutschen nach Zurücknehmen des Flügels jetzt wieder zum Angriff übergingen.

Schnell genug kam dann die Erklärung für das wütende [30] Feuer: Ein Flieger tauchte plötzlich von Osten kommend über dem Walde in ziemlich niedrigem Fluge auf.

Die beiden Kriegsfreiwilligen und der Hund kauerten jetzt hinter einem Stapel von Holzkloben und beobachteten erregt das sich ihren Augen darbietende Schauspiel. Kein Zweifel, das war eine deutsche Taube, die die französische rückwärtige Stellung hatte auskundschaften wollen und dann vom Feinde beschossen worden war.

Das Geknatter der Schüsse und das tiefe bum bum der Kanonen war wieder verstummt. Dafür senkte sich das Flugzeug nun aber in steiler Gleitbahn immer mehr und landete endlich keine zweihundert Meter von den beiden Deutschen mit abgestelltem Motor auf der Lichtung.

Fritz Makull war es, dem jetzt ein großartiger Gedanke plötzlich durch den Kopf schoß. Er wußte ja, wie sehr Prinz Stelheim es jede Stunde bedauerte, daß man die abgefangenen feindlichen Befehle nicht dem deutschen Oberkommando überbringen konnte. Hier gab es nun vielleicht eine Möglichkeit dazu. Jedenfalls mußte der Versuch gemacht werden, die von dem Oberleutnant übersichtlich niedergeschriebenen Telephongespräche den Fliegern mitzugeben.

Mit wenigen Worten verständigte der junge Student nun seinen Gefährten von seinen Absichten und rannte dann in jagender Hast nach der Grotte zurück, um sich des Prinzen Notizbuch mit den wertvollen Notizen aushändigen zu lassen.

Trepinski näherte sich nun seinerseits, mit seinem Taschentuche winkend, dem Flugapparat, aus dem soeben die beiden Insassen herausgeklettert waren.

„Gut Freund!“ rief er wiederholt, als er bemerkte, daß die Flieger mißtrauisch ihre Pistolen schußfertig machten.

Und dann stand er dem Beobachtungsoffizier, der ebenso wie der Pilot, ein Sergeant, mit dem Eisernen Kreuz geschmückt war, gegenüber und berichtete mit wenigen Worten alles nötige.

Doch der Offizier zuckte die Achseln. „Warten bis Ihr Kamerad zurück ist? Das können wir nicht! Zunächst müssen wir allerdings das von einer Kugel durchlöcherte Benzinzuflußrohr flicken. Vielleicht haben wir aber auch schon vorher die französische Kavallerie, die uns sicher verfolgt, auf dem Hals.“

Und sofort machten die beiden Flieger sich nun an die [31] Arbeit, um das Rohr schleunigst auszubessern. Inzwischen fand Trepinski doch Gelegenheit, den Leutnant nochmals auf die große Wichtigkeit der aufgefangenen Gespräche aufmerksam zu machen.

„Das glaube ich ja gern,“ meinte der Offizier, der eben das durchschossene Rohr mit einem Stück Gummibinde umwickelte. „Was hilft das aber, wenn wir die Notizen noch rechtzeitig bekommen und dann von der Kavallerie im letzten Moment noch durch Karabinerschüsse wieder heruntergeholt werden.“

„Ob der Verband halten wird, Herr Leutnant?“ fragte der Sergeant jetzt.

„Hoffen wirs. Wenn auch etwas Benzin durchfließt, was schadet es. Wir haben ja genug davon. Die Hauptsache bleibt, daß der Motor genügend gespeist wird.“

Inzwischen mochten zehn Minuten vergangen sein. Trepinski fieberte förmlich vor Erregung. Wenn nur Makull bald zurückkehrte. Es wäre doch jammerschade gewesen, wenn diese günstige Gelegenheit unbenutzt vorübergehen sollte.

Der Offizier schaute argwöhnisch von seinem hohen Sitz aus nach dem etwa dreihundert Meter entfernten östlichen Rande der Lichtung hinüber, während der Motor weiter mit halber Kraft den Propeller knatternd im Kreise drehte. – So verstrichen abermals ein paar Minuten. Und nun tauchte der Student wirklich zwischen zwei Holzstößen auf. Trepinski stieß einen Freudenruf aus.

Aber in demselben Augenblick sprengten auch drei Reiter in voller Karriere von der anderen Seite herbei. Trepinski besann sich nicht lange, riß das Gewehr an die Schulter und – mit dem Knall des Schusses begann auch das vorderste Pferd zu stolpern und brach dann nach wenigen Sätzen zusammen. Noch drei Schuß gab der wackere Freiwillige ab, dann machten die beiden anderen Kavalleristen kehrt und verschwanden wieder zwischen den Bäumen.

Keuchend, schweißtriefend nahte Fritz Makull. Das Notizbuch befand sich wenige Sekunden später in Händen des Beobachtungsoffiziers. Und jetzt machte die Taube einen förmlichen Satz nach vorwärts, rollte über den ziemlich ebenen Boden einige dreißig Meter dahin und stieg dann mit zunehmender Geschwindigkeit empor, den Wolken zu.

[32] „Geglückt!“ jubelten die beiden Freiwilligen wie aus einem Munde.

Aber nun belehrte sie auch das Pfeifen von Karabinerkugeln, daß es für sie höchste Zeit war an ihre eigene Sicherheit zu denken. Im Marsch marsch ging’s dem schützenden Walde zu. Und ohne weiteren Zwischenfall langten sie dann auch in der Grotte an.

Bereits in der nächsten Nacht machte sich die Wirkung der dem deutschen Oberkommando auf so abenteuerliche Weise übermittelten Nachrichten dadurch bemerkbar, daß plötzlich gegen die Mitternachtsstunde von Osten her ein von Minute zu Minute lebhafter werdender Kampflärm hörbar wurde. Deutscherseits hatte man eben nicht abgewartet, bis die Franzosen ihre angemeldeten Verstärkungen heranziehen konnten, sondern war sofort zum Angriff übergegangen, der schließlich um die zehnte Vormittagsstunde mit einem Rückzuge des Feindes endigte.

Auch den fünf Bewohnern der Felsengrotte wurde endlich das tapfere Ausharren glänzend belohnt. Sie schlossen sich den vorrückenden deutschen Abteilungen an und wurden dann später nach Abbruch des Gefechtes zu ihrem Regiment, das bei dem Kampfe gegen die französische Übermacht über ein Drittel seiner Mannschaften eingebüßt hatte, zurückgebracht.

Prinz Stelheim sorgte auch dafür, daß das ebenso mutige wie umsichtige Verhalten der vier Versprengten zu Ohren der höchsten Vorgesetzten kam. Und bereits eine Woche später wurde den wackeren Musketieren von dem Divisionskommandeur eigenhändig das Eiserne Kreuz zweiter Klasse überreicht, während ihr Oberst den Unteroffizier Weber für die Eroberung der Standarte noch außerdem zum Vizefeldwebel und die drei anderen zu Unteroffizieren beförderte.


     Der nächste Band enthält:

Pan Svarszinski.
Ein Abenteuer im Gouvernement Suwalki.



Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.


[Verlagswerbung]
Das Eiserne Kreuz.

Das eiserne Kreuz, der Lohn für Mut und Tapferkeit vor dem Feinde, schmückt nun schon die Brust so mancher unserer Krieger, die, meist verwundet, die Reihen ihrer kämpfenden Kameraden verlassen mußten, um Genesung zu finden zu neuen Heldentaten für das Vaterland. Als König Friedrich Wilhelm im März 1813 sein Volk zu den Waffen rief und es zum Kampf gegen den Erbfeind Frankreich aufforderte, da stiftete er das Eiserne Kreuz als Belohnung für diejenigen Kämpfer, die mit besonderem Heldenmut für das Vaterland streiten würden. Und auch unser großer Kaiser hat es in den denkwürdigen Augusttagen, als eine Welt von Feinden sich gegen unser Vaterland rüstete, von neuem gestiftet. Fürwahr, es gibt kein schöneres Zeichen. Einfach und schlicht nur, aber nicht für alles Gold der Welt zu erkaufen. Nur Mut und Tapferkeit vermögen diese höchste Auszeichnung zu verschaffen. Und wo wir das schlichte Kreuz auf der Brust eines Kriegers sehen, da wissen wir, daß in dieser Brust ein mutiges Herz schlägt, das bereit war den letzten Schlag für das Vaterland zu tun.

Hier und da hört man von mutigen Taten Einzelner, die ihr Leben für das Vaterland in die Schanze schlugen. Sollen diese Episoden echt deutschen Mutes der Vergessenheit anheimfallen, sollen diese Heldentaten im Strome der Zeit verschwinden? Nein, auf keinen Fall! Sie sollen erhalten bleiben, den lebenden Geschlechtern zum Gedenken, den kommenden zur Nacheiferung. Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen in den vorliegenden Heften „Das Eiserne Kreuz“ jene Heldentaten unserer tapferen Krieger, die mit dem Ehrenkreuz belohnt wurden, zu sammeln, zu bearbeiten und zu veröffentlichen, um sie dadurch der großen Zahl unserer Volksgenossen zugänglich zu machen.


Die Hefte „Das Eiserne Kreuz“ erscheinen wöchentlich zum Preise von 10 Pfg. Sie sind durch jede Buch- und Schreibwarenhandlung zu beziehen. Man erhält dieselben auch gegen Einsendung des Betrages vom

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin S.14,
Dresdenerstraße 88-89.

Korrigierte Druckfehler der Vorlage (Wikisource)

  1. Vorlage: Cossenmette
  2. Vorlage: Coßmette
  3. In der Vorlage unleserlich.
  4. Vorlage: Rostflecke
  5. Vorlage: Mooskisesn