RE:Cornelius 164

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band IV,1 (1900), Sp. 13421346
Gaius Cornelius Gallus in der Wikipedia
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[1339] 164) C. Cornelius Cn. f. Gallus, römischer Ritter, erster Praefect von Ägypten, a) Name. Alle drei Namen sind in der neugefundenen trilinguen Inschrift aus Philae, S.-Ber. Akad. Berl. 1896, 475 (auch Comptes rendus de l’acad. 1896, 110; [1339] etc. etc.

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Wo Quintilian von den Provincialismen spricht (inst. I 5, 8), führt er den Gallicismus casnar ,assectator‘ aus einer oratio Labieni sive illa Cornelii Galli est in Pollionem an (vgl. Serv. Ecl. 9, 10). Reichlichere und zum Teil wenigstens auch bestimmtere Angaben haben wir über den Dichter Gallus, das Beste aber zu seiner Kenntnis kann uns nur eigene Combination geben. Hier können nur die Resultate solcher Combination und ihr Weg in Kürze vorgeführt werden; bezüglich alles Näheren muss ich auf meine demnächst an anderer Stelle zu gebende ausführliche Behandlung dieser Fragen verweisen. Ausdrücklich bezeugt sind uns für Gallus vier Bücher Elegien auf Lykoris (Serv. Ecl. 10, 1 und die andern oben citierten Stellen, namentlich Ovids), wie Gallus anklingend an den Apollon Λυκωρεύς (vgl. ) Euphorion frg. LIII) und den Parnassgipfel Λυκώρεια und in Übereinstimmung mit dem Bentleyschen Gesetz seine geliebte Cytheris (s. o.) nannte. Aus diesen Elegien stammt jedenfalls der einzige unter dem Namen des Gallus überlieferte Vers, der Pentameter uno tellures dividit amne duas, der sich auf den Hypanis bezieht (Vib. Sequest. in Rieses Geogr. lat. min. p. 148, 26). Als ihr Vorbild werden von Diomedes GL I 484, 22 Kallimachos und Euphorion genannt, und obwohl bei Serv. a. O. anscheinend die Übersetzungen aus Euphorion von den Elegienbüchern geschieden sind und mit den verschwommenen Worten des Probus zu Ecl. 10, 50 nicht viel anzufangen ist, wird man wohl dem Diomedes glauben müssen, wenn man in Betracht zieht, was Vergil selbst Ecl. 10, 50 den Gallus sagen lässt: ibo et Chalcidico quae sunt mihi condita versu carmina pastoris Siculi modulabor avena. Denn das stellt doch anscheinend den euphorionischen Vers in Gegensatz zum theokriteischen oder, mit andern Worten, das Distichon zum Hexameter, wie etwa Propert. I 9, 11 den Mimnermi versus in Gegensatz zu Homer. Gallus muss also wohl erst Elegien im euphorioneischen Geschmack geschrieben, dann aber ähnliche Stoffe in bukolischer Einkleidung behandelt haben (vgl. G. Schultze Euphorionea, Diss. Strassburg 1888, 54f.). So würde sich der starke Einfluss, den Gallus auf Vergils bukolische Dichtung geübt hat und den wir ausser in anderem weiterhin zu Besprechenden z. B. schon in den bukolischen Namen Vergils erkennen (vgl. Wissowa bei C. Wendel De nomin. bucolicis, Jahrb. f. Phil. Supplem. XXVI 46f.), nicht blos aus den persönlichen Beziehungen der beiden Dichter zu erklären brauchen. Aber es scheint auch, als hätten wir aus diesen elegischen Dichtungen in bukolischer Einkleidung noch Reste. [1347] Denn einmal ist ganz klar, dass die Klagen des Gallus bei Verg. Bei. 10, 22f. 35-43. 44f. 46f. τόποι der Elegie sind; schon J. H. Voss hat zu der ersten und letzten Stelle Properz I 8, 7f. verglichen, mit den andern halte man z. B. Tibull I 5, 20ff. II 3, 3ff. I 10, 11–14 zusammen. Zweitens aber bemerkt Servius zu v. 46 hi omnes versus Galli sunt de ipsius translati carminibus, und wir werden gleich sehen, dass man das ohne jede Abschwächung und Umbiegung zu verstehen berechtigt, ja fast gezwungen ist. Dann ergiebt sich also auch hier wieder, dass Gallus elegische Stoffe im Hexameter, im Verse Theokrits behandelt hat.

Dass in Gallus eigenen Augen diese elegisch-bukolischen Gedichte nur eine niedere Stufe seiner poetischen Leistungen waren, zeigen Vergils Verse Ecl. 6, 64ff. Man hat es wiederholt schon ausgesprochen (z. B. Reitzenstein Herm. XXXI 194f. und, in einem wichtigen Punkte allerdings von der naturgemässen Interpretation abirrend, Maass ebd. 408f.), dass diese Verse Gallus eigene Einleitung zu einem Epyllion über den gryneischen Hain wiedergeben müssen, eine Art Dichterweihe also in der Art der hesiodischen und noch mehr der kallimacheisch-ennianischen. Der Dichter, der am Permessus bisher sich ergangen hat, wird von den Musen auf den Helikon geholt und ihm dort die Hirtenpfeife Hesiods übergeben, damit er nun eben jenen Stoff besinge, den einst auch Hesiod (frg. 188 Rz.) behandelt hatte. Dass der Permessus hier die elegische Poesie, die Höhen des Helikon die epische (oder wie man das nennen will) bezeichnen, wird völlig klar durch die Stelle des Properz II 10, 25, die man nicht (wie Rothstein Properz II p. 341 und vorher Herm. XXIV 22) auf Vergil, sondern direct auf Gallus (Reitzenstein a. O. 195) oder auf sein nächstes Vorbild Euphorion zurückführen muss.

Der Zusammenhang der vergilischen Ekloge macht dann aber so gut wie sicher, was in den letzten Jahren wiederholt ausgesprochen worden ist (Ribbeck Röm. Dicht. II² 28. Maass a. O. 421f. Wendel a. O. 48f.), dass nicht blos dieser eine Stoff von Vergil dem Gallus entlehnt ist, sondern alles das, was Vergil den Silen singen lässt, von Gallus gesungen war. Damit gewinnen wir für diesen eine Fülle von Stoffen. Er hatte die Weltschöpfung in epikureischem Sinn (31-40), Deukalion und Pyrrha (41), das Reich Saturns (41), Prometheus (42), die Argonauten und Hylas (43f.), Pasiphaes Liebe zum Stier, anscheinend mit einer Einlage über die Proitiden (46–60), Atalantes Wettlauf (61), Phaethon (62), Skylla, des Nisus Tochter (74–77), Tereus (78–81) und Hyakinth (denn so sind 82f. gewiss zu verstehen, vgl. Maass 421) dichterisch behandelt. In welcher Form war das geschehen? war das alles ein zusammenhängendes Werk? Die Frage beantwortet sich dadurch, dass das von Vergil zwischen Phaethon und Skylla mitten inne gestellte Gedicht über den gryneischen Hain, wie wir sahen, seine eigene Einleitung hatte; Gallus hatte jenen Themen einzelne Epyllien gewidmet.

Ist man erst einmal so weit, so gewinnt sofort ein neuerdings fast völlig in Vergessenheit geratener Gedanke Bedeutung, der, wie C. Barth Adversar. III 21 behauptet, von Obertus Gifanius [1348] herstammt und nach anderen (vgl. J. Fontanini Histor. litterar. Aquileiensis, Rom 1742, 32) zuletzt von J. H. Voss (zu Ecl. 6, 74) und Merkel (zum Ibis p. 368ff.) nachdrücklich vertreten worden ist. Wir besitzen ja ein Epyllion Ciris, das Skylla, des Nisus Tochter, besingt, unter den kleineren vergilischen Gedichten; haben wir hier etwa das Werk des Gallus noch vor uns? Ich glaube, dass sich auf diese Frage bestimmt mit ja antworten lässt, muss aber den Leser bitten, den, wie ich glauben darf, evidenten Beweis in der erwähnten, baldigst erscheinenden Arbeit nachzusehen. Wo zwischen Ciris und Vergil wörtliche Übereinstimmungen bestehen, ist allemal Vergil der Nachahmer; das reiche Mass seiner Entlehnungen ist bei seinem persönlichen Verhältnis zu Gallus durchaus begreiflich (vgl. die Zusammenstellungen bei Bährens Poet. lat. min. II 186ff.; hier p. 127ff. und in Ribbecks Vergil Bd. IV die beste kritische Grundlegung, wofür im übrigen der Artikel P. Vergilius Maro zu vergleichen ist).

Jetzt erst sind wir in die Lage gesetzt, uns ein eigenes Urteil über Gallus als Dichter zu bilden. Der Versbau ist etwas härter als der des Catull und der bukolischen Gedichte Vergils, wie das nicht verwunderlich ist; auch Gallus Elegie war ja nach Quintilian X 1, 93 durior als die des Tibull und Properz. Auch die Periodisierung der Ciris lässt manchmal die Glätte anderer augusteischer Dichtungen vermissen. Aber im übrigen darf ich wohl hoffen, dass man statt ,Unbehülflichkeit‘, ,Nüchternheit‘, ,Unklarheit‘ des Gedichtes und ähnliche Subjectivitäten gegen meine Ansicht ins Feld zu führen, ihr vielmehr den Anlass entnehmen wird, das Gedicht endlich voll zu würdigen. Ich nehme keinen Anstand, es als ein Meisterstück alexandrinischer Erzählungskunst zu bezeichnen, das in seinen uns anmutenden Teilen unmittelbar neben Catulls Epyllion treten darf, mit dem es so viel Verwandtschaft hat, in den uns minder erfreulichen wahrscheinlich nach dem Urteil der Euphorionsjünger Catull sogar weitaus übertraf. Indes auch für alles dies muss ich bitten, die Nachweise an der angedeuteten Stelle aufzusuchen.

Dass auch die Epyllien des Gallus auf griechische Vorbilder zurückgehen, zeigen schon ihre alexandrinischen Eigenheiten, die wir eben andeuteten. Es wird uns aber ausserdem auch für eben jenes Gedicht über den gryneischen Hain, dem Gallus seine Dichterweihe vorausgehen liess, ausdrücklich durch Serv. Ecl. 6, 72 Euphorion als Quelle bezeugt. Und zwar setzte Meineke Anal. Alex. 79 die Erzählung ins letzte Buch der Chiliaden, andere, so schon Fontanini a. O. 31, haben sich durch die Rohrpfeife Hesiods, die Gallus bei der Dichterweihe erhält, veranlasst gefühlt, an Euphorions Ἡσίοδος zu denken; möglich, dass die Einkleidung von hier, die Erzählung selbst, die, obwohl sie auf Hesiod zurückgeht, doch schwerlich in einem nach ihm benannten Gedicht gestanden haben kann, aus den Chiliaden stammt. Für die Ciris steht ein anderer als Gewährsmann so gut wie sicher; das ist Parthenios, der, wie man längst gesehen hat, in den Metamorphosen die Geschichte der Skylla bis in die Einzelheiten hinein genau wie Cornelius Gallus [1349] erzählt hatte (Meineke Anal. Al. 270. Rohde Roman 93 = ²99). Man darf vielleicht schliessen, dass von jenen in der sechsten Ekloge genannten Epyllien noch eine Reihe weiterer auf dasselbe Werk des Parthenios zurückgeht. Sie behandeln ja fast sämtlich Metamorphosen; und ihn als Stoffsammlung zu benutzen, hatte Parthenios dem Gallus in der Vorrede zu den ἐρωτικὰ παθήματα warm genug ans Herz gelegt. Nur für Hyakinth (Ecl. 6, 82f.) wird man diesen Schluss nicht ziehen mögen; nicht nur, dass ein Epyllion dieses Stoffs von Euphorion bezeugt ist, gerade dies scheint Cornelius Gallus auch für seine Elegien benützt zu haben (vgl. frg. XXXIII M. mit Properz II 34, 91. G. Schultze a. O. 54).

Was die Zeit der Dichtungen des Gallus anlangt, so hat Haupt Opusc. III 206 das spöttische cantores Euphorionis bei Cic. Tusc. III 45 auf Gallus vor anderen beziehen wollen. Dann wäre Gallus bereits 710 = 44, also als etwa 25-Jähriger mit Poesien hervorgetreten. Andererseits sind im J. 39 Vergils Eklogen abgeschlossen, die, wie wir gesehen haben, nicht nur die Elegien, sondern auch die Bucolica des Gallus ebenso wie eine Reihe seiner Epyllien, darunter die Ciris, bereits voraussetzen.

Die Unsterblichkeit, die Ovid der Poesie des Gallus und insbesondere den Lykorisliedern prophezeite (am. I 15, 29f.), ist letzteren gar nicht, einer andern Dichtung, wie wir gesehen haben, nur dadurch zu teil geworden, dass sie sich bei Zeiten unter jenen Erzeugnissen versteckt hatte, die dem Altertum mit mehr oder weniger Recht als Vergils Jugendgedichte galten. Die Nachwelt hat sich für den, wie es scheinen musste, vollständigen Verlust dadurch zu entschädigen gesucht, dass sie Dichtungen verschiedenster Art teils bona teils mala fide auf Gallus Namen taufte. Zwar wenn die Lydia bella puella candida hsl. als Galli poetae ioci bezeichnet wird (Fontanini 58. Riese Anthol. lat. II, XL), so wird das wohl auf einfacher Homonymie und nicht auf einer Absicht der einen oder der andern Art beruhen. Dagegen hat dann gerade unserem Gallus neuerdings F. Jacobs Anthol. gr. XIII 897 die beiden Epigramme Anth. Pal. V 48 und Anth. Planud. 89 zuweisen wollen. Bei dem ersteren, das in der Pfälzer Hs. τοῦ δικαίου Γάλλου überschrieben ist, lässt sich dafür gar nichts weiter anführen. Das zweite, nur Γάλλου überschriebene, würde allerdings, was Jacobs nicht einmal bemerkt, ein eigenartiges Relief bekommen, wenn es von dem Mann, dessen Vergehen war linguam nimio non tenuisse mero (Ovid. trist. II 446), etwa nach seinem Sturz und der Verbannung von des Gottes Tafel geschrieben wäre; ein zwingender Beweis für Jacobs kann das aber schwerlich genannt werden. Das Gebiet der Fälschungen betreten wir mit der naiven Titulierung des Gedichtes Anth. lat. nr. 242 R. = Poet. lat. min. IV nr. 185; sie lautet in einer älteren Hs. (des 11. Jhdts.) Decasticha Cornelii poetae praefecti Aegypti u. s. w., in jüngeren Hss. (des 14. und 15. Jhdts., Bährens p. 22f.): supplicat Cornelius Gallus ad Augustum ne comburatur Aeneis. Bösartiger ging Pomponius Gauricus zu Werke. Er strich in den Elegien Maximians, deren zweite eine formosa Lycoris feiert, das Distichon [1350] IV 25f., in dem Maximian sich nennt, und gab sie dann (Venedig 1501) als Cornelii Galli fragmenta heraus, obwohl sie unter dem richtigen Namen sogar schon gedruckt worden waren (Fontanini a. O. 42ff. Traube Rh. Mus. XLVIII 287). Eine noch frechere Fälschung sind Asinii Cornelii Galli elegiae, zuerst herausgegeben von Aldus Manutius (Florenz 1582 u. ö., vgl. Fontanini 59ff.), neuerdings abgedruckt in Rieses Anthologie nr. 914–917. Diese Centonen aus Catull, Horaz, Tibull, Ovid u. s. w., die 914, 3 die Lycoris zu nennen wagen, aber schon in der Prosodie ihr wahres Gesicht zeigen (virgǒ 917, 1), sind zweifellos erst unmittelbar vor dem ersten Druck entstanden; der ungeheuerliche Name Asinius Cornelius Gallus beruht auf der interpolierten Stelle in der Vergilvita des Donat (Reifferscheid im Apparat zu Suet. p. 60, 5) huius Pollionis filium G. Asinium Cornelium Gallum, wo erst Fabricius et einfügte; die Fälschung ist zuerst energisch nachgewiesen von Scaliger (Opuscula, Frankfurt 1612, II 37ff. und 411; vgl. Bernay’s Scaliger 299f.). Im ganzen vgl. Teuffel R. Litt.-Gesch.⁵ § 232.