RE:Skamandros 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III A,1 (1927), Sp. 429–434
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1) Σκάμανδρος, ὁ, (Hom. Il. V 77. 774 u. a. Plat. Cratyl. 391 c. 392 a. Aeschin. epist. X 3. 5. Strab. XIII 595ff. Exc. Strab. XIII 271. Als Flußgott verehrt δῖος Hom. Il. V 77. XII 21. XXI 124ff., θεῖος Hesiod. theog. 345 (auf Münzen von Alexandreia Troas und von Neu-Ilion, Head-Svoronos Ἱστ. Νομ. II 73. 77. Eustath. 1263, 35 jetzt Menderé Sú in der Troas. Das σκ. des Namens bewirkt niemals Positionslänge. Die Götter sollen ihn in ihrer Sprache Xanthos genannt haben (s. d.).

Aus der Literatur. Perrot Excursion à Troie et aux Sources de Mendéré (Annuaire Assoc. Etud. Grecques VIII [1874] 59ff.). Forchhammer Der Skamandros, Jahrb. Philol. CXIII )(1876) 320ff. Lawton Investigations at Assos, Papers Americ. Inst. I (1882) 163ff. Basset Contes et Légendes de la Grèce Ancienne XV. Le faux Scamandre, Rev. des Traditions Populaires XVI 1901, 633f. Dörpfeld Troia und Ilion (1902), Veränderung der Küstenlinie und des Laufes des Skamander, der im östlichen Teil der Ebene floß, Taf. I. Obst Der Skamander-Xanthos in der Ilias (Klio IX [1909] 202ff.). Leaf Troy: A Study in Homeric Geography )1912 II.

Über seine Quellen. Clarke Travels in various Countries of Europe etc., London 1812, II 145. Barker Webb Topographie de la Troade Antique et Moderne, Paris 1844, 46. – (1879) Virchow Beiträge zur Landeskunde von Troas, Abh. Ak. Berl. 1879, Phys. Kl. III 38ff. (1890) Über den troïschen Ida, die Skamanderquelle und die Porta von Zeitunlü, S.-Ber. Ak. Berl., Physik.-math. Cl. XLVI 1892, 4. H. Kiepert FOA IX. Dörpfeld Troia und Ilion II 616f. Leaf Topogr. of the Scamander Valley, Ann. Brit. Sch. Ath. XVII (1910f.) 266ff. Er entspringt im Idegebirg (Hom. Il. XII 21. Strab. I 58. XIII 602. Schol. II. XXI 235) aus zwei Quellen (Il. XXII 148). Dichterische Bezeichnungen seines Laufs sind βαθυδινήεις, δινήεις, δῖος, διοτρεφής, ἐΰρροος ἠιόεις. Das Quelltal liegt 177 m hoch, fast senkrecht unter den höchsten Gipfeln der Ide. Den Ursprung nimmt er in einer kurzen jäh ansteigenden Engschlucht zwischen Macchien (Garigues) und hohen Bäumen aus einer Art von Quellschlund (8,4° Temperatur) aus Marmorgestein und stürzt in Kaskaden herunter zur Einmündung der ,warmen‘ Quelle (15,8° Temperatur). ,Bei Ilion‘ befinden sich diese Quellen allerdings nicht. Der Verlauf des Flusses in der Niederung ist zur Trockenzeit unansehnlich. Die Versetzungen seines Bettes ereignen sich zur Regenzeit. Er hat mehrere Zuflüsse; an einem südlichen lag Kokyleion (jetzt Kará Ew = Schwarzhaus). Über die Küstenveränderungen seiner Mündungsfläche s. Cold Küstenveränderungen im Archipel² (München 1886) 52ff. und Dörpfeld Troia und Ilion II 601ff. Jedem, der die Fläche von Hissarlýk bis zum Meer bereist hat, ist es offenbar, daß der Fluß im Lauf der Zeit Land angesetzt hat. Im Gebiet der Tieffläche verändert er zwischen den Sandbänken seines breiten Winterbettes oftmals seinen Lauf. Die alten trockenen Bette des Flusses nannte man wohl Παλαισκάμανδρος (Palaescamander Plin. n. h. V 124). Im August 1896 hatte er bei Hissarlýk an seiner tiefsten Stelle höchstens ½ m Tiefe, und man konnte das klare Wasser des Hauptarms an vielen Stellen im Sommer bequem zu Pferde überschreiten. S. noch die Art. Sirmis (Lykien), Troia und Xanthos.

Bei Homer ist der Fluß S. zugleich ein Flußgott, der in der Göttersprache den besonderen Namen Xanthos hat (Hom. Il. XX 73f., vgl. Lobeck Aglaopham. II 858f. Naegelsbach Hom. Theol. 178f. Schoemann Opusc. acad. II 350). Die verschiedene Entstehungszeit der einzelnen Gesänge bedingt auch ein Schwanken in den Angaben über seine Herkunft. Während nach Hom. Il. XXI 195f. alle Flüsse, jegliches Meer, alle Quellen und Brunnen dem Okeanos entströmen, ja dieser nach XIV 201. 246 sogar der Urquell aller Götter überhaupt und Tethys ihre Mutter ist, hat Xanthos-S. nach XIV 434. XXI 2 (vgl. die Schol.). XXIV 693 vielmehr Zeus zum Vater. Jedenfalls ist er im Besitz voller göttlicher Würde (XXI 248: θεὸς μέγας 264. 380). Die Troer opfern ihm Stiere und stürzen als Weihgaben lebende Pferde in seine Wasserwirbel(v. 131f., vgl. Myth. Lex. I 1495. III 2902); auch hat er einen Priester namens Dolopion (V 77f. Tzetz. Hom. 60f.), jedoch kein τέμενος (gegen Preller-Robert Gr. Myth. I⁴ 550, 4, da sich Hom. Il. XXIII 148 auf den Spercheios bezieht). Unter den Flußgöttern, die Agamemnon beim Abschluß des Waffenstillstands neben Zeus, Helios, Gaia, und den Unterweltsgöttern zu Zeugen anruft (III 276f.), sind gewiß auch S. und sein Bruder Simoeis mit gemeint, vgl. Soph. Ai. 862. Einmal, als sich die wichtige vierte Schlacht in der troischen Ebene vorbereitet, nimmt er sogar an der olympischen Götterversammlung teil (XX 4f. 73f.). Seine ganze Größe zeigt sich in der μάχη παραποτάμιος (XX), deren Schauplatz sein Flußbett und dessen Ufer sind; als ebenbürtiger Gegner leistet er in menschlicher Gestalt (v. 213 ἀνέρι εἰσάμενος) lange dem besten der Achaier erfolgreich Widerstand, so daß jener in arge Bedrängnis gerät (v.233f.); erst das Erscheinen Poseidons und Athenes, die Achill zu Hilfe kommen (v. 248f.), namentlich aber das Eingreifen des von Hera entsendeten Hephaistos (v. 328f. 342f.) gebietet dem erzürnten Flußgott Halt (v. 382).

Die nachhomerische Sage führt das Lebensbild des S. weiter aus, ohne jedoch den gewaltigen Eindruck dieser Kampfszene zu erreichen. Nach Hesiod. Th. 345 gehört er zu den 25 Flüssen, die Okeanos mit Tethys zeugt; wie sein Bruder Simoeis (v. 342) heißt er θεῖος. Bei Hygin. fab. praef. sollen Pontus und Mare vermöge der interpretatio latina gewiß das nämliche Elternpaar bezeichnen, unter dessen 17 Söhnen jedoch nur 4 mit den hesiodischen Brüdern von S. und Simoeis übereinstimmen. Wie andere Flüsse Stammväter der einheimischen Herrschergeschlechter sind (Preller-Robert I⁴ 547), so ist auch S. zugleich der Ahnherr des troischen Königshauses; von ihm und einer Nymphe des Idagebirges namens Idaia stammt Troias ältester König Teukros ab (Apollod. III 139 W., s. Myth. Lex. V 403f.); dessen Schwestern (also die Töchter des S.) Kallirrhoe, Strymo oder Rhoio, Plakia, Leukippe und Kalybe (s. d.) sind die mehr oder weniger sicher bezeugten Gattinnen von Tros und Laomedon und dadurch die Mütter von Priamos und seinen Geschwistern, sowie die Ahnfrauen von Anchises und seiner Sippe. Gegenüber dieser festen troischen Bodenständigkeit macht eine andere Überlieferung den S. zum Kreter (Kallinos frg. 7 [432] Bergk⁴. Strab. XIII 604. 613. Lvk. AI. 1303f. mit Schol. und Tzetz. Serv. Aen. III 108). S. und sein Sohn Teukros kommen nämlich aus Draukos am kretischen Ida mit einem Heere in das Land der Bebryker (d. i. nach Troas) zur Bekämpfung der Mäuse (s. u.); der dorthin aus Samothrake eingewanderte König Dardanos vermählt sich mit Teukros’ Tochter Arisbe; dieser Ehe entstammt der nachmalige troische König Erichthonios, der Vater von Ilos, Ganymedes und Assarakos und Großvater des Laomedon. — Mäuse (kret., σμίνθοι, vgl. Schol. Il. I 39) verzehren dem S. und seinem Heere bei ihrer Ankunft im Bebrykerlande Schildriemen und Bogensehnen und erweisen sich ihnen so an dem neuen Wohnort als die ,erd-geborenen‘ Feinde, vor denen ein Orakel jene gewarnt hat (Schol. Lyk. 1303 γηγενεῖς. Serv. Aen. III 108 terrigenae). Deshalb stiften die Ankömmlinge dem Apollon Smintheus (dem Mausetöter?) ein Heiligtum. S. ertrinkt später im Flusse Xanthos, der ihm zu Ehren den Namen S. erhält; sein Sohn Teukros wird König (Serv. a. a. O.). Nach dem Etym. M. 715, 31 (nicht aber nach dem berichtigten Text des Schol. Lyk. 1303) ist S. der Sohn, nicht der Vater des Teukros; übrigens kommt letzterer bei Verg. Aen. III 104f. nach Troas ohne S., der hier ganz unerwähnt bleibt. Außer Kallinos (s. o.) mag zu vorstehenden Berichten manches Hellanikos beigesteuert haben, vgl. FHG I 63, 130. Kullmer Jahrb. f. Philol. Suppl.-Bd. XXVIII 559f.

Auch nach einer andern phantastischen Lokalsage erhält der troische Fluß Xanthos von S. den Namen. Dieser, hier ein Sohn des Korybas (oder eines Korybanten) und der Demodike, gerät über den Anblick der Göttin Rhea in Raserei und stürzt sich in den nahen Fluß, wo er den Tod findet (Ps.-Plut. de fluv. 13).

Während des Zuges, den Herakles mit Telamon und anderen Genossen gegen Troia unternimmt, hat einer von diesen, Deïmachos, der Sohn des Boioters Eleon, ein Liebesabenteuer mit Glaukia, der Tochter des S. Diese ergibt sich dem Landesfeind und wird von ihm schwanger; als ihr Geliebter vor Troia fällt, flieht sie in das Lager der Griechen zu Herakles, der sie und ihr inzwischen geborenes Söhnchen mit nach Boiotien nimmt und ihrem Schwiegervater Eleon übergibt. Bei ihm wächst der Knabe heran, wird aber nach seinem Großvater väterlicherseits S. genannt, und diesen Namen erhält, als er König geworden ist, auch der boiotische Fluß Inachos (Plut, quaest. gr. 41, vgl. Bursian Geogr. v. Griechenl. I 223). Hier sei gleich erwähnt, daß Aeneas zwei Flüsse Simois und Xanthus bei Buthrotum in Epirus antrifft (Verg. Aen. III 302. 350); sie verdanken, ebenso wie ein dabeiliegendes Städtchen Troia, ihre Namen der mit ihrem Landsmann Helenus vermählten und hierher verpflanzten Andromache. Auch die Bäche S. und Simonis bei Segestil auf Sizilien (Diodor. XX 71. Strab. XIII 608, vgl. Holm Gesch. v. Sic. I 32. 343) sind, was ihre Namen angeht, poetische Fiktionen, künstliche Spuren und Nachklänge der Aineiassage; s. auch Verg. Aen. V 633f.

Zur unmittelbaren Vorgeschichte des Trojanischen Krieges gehört die Erzählung, die drei Göttinnen hätten sich vor ihrem Wettstreit um die [433] Schönheit im Xanthos gebadet und dadurch ihrem Haar eine blonde Färbung verliehen (Etym. M. 715, 38, vgl. 610, 19. Schol. A und B Il. XXI 1f.) Bei Eustath. 1197, 49f. ist nur von einem Bad der Aphrodite die Rede.

Μῶσά μοι ἀμφὶ Σκάμανδρον ἐυρρων ἄρχομαι ἂείδειν, dieser (freilich sehr verschieden gelesene und erläuterte) Anfang eines Hymnos (des Stesichoros? vgl. Sittl Gesch. d. Gr. Lit. I 310) ist die Aufschritt einer Schreibtafel in der Schulszene der berühmten Berliner Durisvase (Arch. Ztg. 1873 Taf. I). Wie dieser Vers, so bewegt sich bereits im Bereich des Krieges selbst Pind. Nem. IX 93f.: λέγεται μὰν Ἕκτορι – κλέος ἀνθῆσαι Σκαμάνδρου χεύμασιν ἀγχοῦ. Einen neuen Zug, obschon gewiß nach älterer Vorlage, bietet Ennius (Hectoris Lutra, vgl. Ribbeck R. Tr. 126), wonach das Stillstehen des S. nicht, wie bei Homer (Il. XXI 15f. 218f., s. Catull. LXIV 357f. Verg. Aen. V 806f. Sen. Ag. 213), durch die Haufen der Leichen veranlaßt wird, sondern eine Wirkung des Schreckens vor dem Wüten Achills ist.

Ilions Geschick hängt von Bedingungen ab, deren Anzahl bei der schwankenden Überlieferung nicht gering ist, obwohl jeder Gewährsmann meist nur drei anführt (Plaut. Bacch. 953 tria fata). Es werde, heißt es in manchen Quellen, Troia nicht erobert werden, wenn die Rosse des Thrakers Rhesos aus dem S. getrunken hätten (Schol. A Il. X 435. Eustath. 817, 26. Verg. Aen. I 469f. mit Serv. und zu II 13). Daher ziehen Odysseus und Diomedes zur Nachtzeit aus, um die Rosse zu rauben. Die erhaltene Tragödie Rhesos weiß noch nichts von diesem Fatum; für Accius Nyctegresia setzt es jedoch Ribbeck R. Tr. 362. 365, nach einem griechischen Vorbild, voraus. In den Wellen des S. muß die Amazone Penthesileia ihr Leben lassen nach Tzetz. Posth. 201f. Diomedes schleudert sie noch lebend in den Fluß, erzürnt über die Tötung seines Verwandten Thersites durch Achill, der zur Strafe für seine Verhöhnung ,den Mund des griechischen Pöbels‘ mit einem Faustschlag zum Schweigen gebracht hat.

Wie andere homerische Personen, besonders Polyphem, in der späteren Dichtung als Liebhaber auftreten, so spielt auch in das Leben des S. das erotische Element herein, jedoch ohne Anschaulichkeit. Nur erwähnt wird sein Liebesverhältnis zu einer Neaera bei Ovid. am. III 6, 27f., während v. 31f. weder Xantho im Text feststeht (Heinsius liest Xutho), noch ob der troische S. gemeint ist. Sehr seltsam ist der von Ps.-Aischin. epist. X 3 und 8 für Troas und Magnesia erwähnte Brauch, nach welchem die Mädchen vor der Hochzeit dem S. bezw. dem Maiandros ihre Jungfrauschaft weihten. — Der von der Dichtunsr somit vielgefeierte S. (Menandr. π. ἐπιδεικτ., Rhet. gr. IX 224 Walz: Σκ. ὁ ποταμὸς ἐκεῖνος ὁ ποιητικός) nimmt in der Geschichte eine bescheidene Stelle ein: vom Riesenheere des Xerxes wird sein Wasser ausgetrunken (Herodot. VII 48).

Die bildende Kunst zeigt die gelagerte Gestalt des Flußgottes mit herkömmlichen Attributen der Wassergottheiten. Rohrstauden, Urne, Füllhorn, auf mehreren Reliefs: so auf einem in Troia gefundenen (Schliemann Troia 239 nr. 126), ferner auf zwei Sarkophagreliefs mit dem Urteil [434] des Paris (in dem Museo Boncompagni, vgl. Baumeister Denkm. II 1168 fig. 1359, wo der Flußgott wohl nach antiken Vorbildern ergänzt ist; und in der Villa Pamphili, vgl. Robert Sarkophagreliefs II Taf. IV 10); sodann auf zwei Reliefs mit Paris und Oinone (Tonlampe in Berlin, vgl. Overbeck Gal. her. Bildw. 256 Taf. XII 2; Basrelief im Palazzo Spada, vgl. Baumeister III 1635 fig. 1696); endlich, sogar mit dem Namen des Gottes bezeichnet, auf Münzen von Neuilion aus der Kaiserzeit (Dörpfeld Troia und Ilion 489 nr. 60; 499 nr. 103; 527 nr. 463). Als Fluß ist S. dargestellt auf einem Wandgemälde mit dem Urteil des Paris aus dem Grabe der Nasonen vor Ponte Molle (Overbeck a. a. O. 246 Taf. XI 2).