Die Gartenlaube (1866)/Heft 51

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1866
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[793] No. 51.
1866.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Auferstanden.
Von Paul Heyse.
(Fortsetzung.)


„Lebt der Marchese ganz von seiner Gattin getrennt?“

fragte unterbrechend Eugen, der, während die Alte sprach, in steigender Aufregung zugehört hatte.

„Er spricht nie mit ihr,“ sagte die Amme, „und sieht sie auch von allen sieben Tagen der Woche nur am Sonntag, wenn sie in der Capelle die Messe hört. Dann kommt er und kniet neben ihr im Stuhl nieder, sieht sie aber nicht an und auch beim Hinausgehen spricht er kein Wort, sondern verneigt sich nur ganz vornehm und höflich und geht dann wieder auf sein Zimmer. Dabei läßt er es ihr freilich an nichts fehlen, schickt ihr Bücher und Vorräthe zu Handarbeiten, und auch für den Tisch muß ich sorgen, wie wenn wir im besten Glück lebten. Aber Ihr wißt wohl:

Besser trocken Brod von Herzen,
Als Kapaunen mit Schmerzen,

und besser, ein Loth Freiheit, als zehn Pfund Gold. Das ist wenigstens meine Meinung, und daher, als wir das Leben einen ganzen Sommer lang ertragen hatten und nun zum ersten Mal einschneiten und ich stellte mir vor, wie’s erst im Winter werden sollte, da faßte ich mir einmal ein Herz und ging zum Herrn und sagt’ ihm, es könne nicht so fortgehen; die Frau würd’s nicht lange mehr machen und, sagt’ ich, es wäre auch schändlich, daß er die arme Creatur so mißhandelte, und wenn er glaube, auf die Art ihre Liebe zu gewinnen, sei er hundert Meilen vom Ziel, denn selbst einen Hund zähme man besser mit Streicheln als mit der Kette, und ich wisse sehr wohl, daß das Alles nicht wahr sei, mit ihrer Unvernunft, sondern es habe ganz andere Gründe, aber wundern sollt’s mich nicht, wenn er sie am Ende wirklich zum Rasen brächte. Das sagt’ ich und weiß heute noch nicht, wie ich mir so viel gegen ihn herausnehmen konnte, aber weil er mich einmal reden ließ, gab ein Wort das andere. Als ich nun endlich fertig war, stand er ganz ruhig auf und sagte mit einem Ton, wie wenn man ‚Guten Morgen‘ sagt: ‚Ich will Euch nur darauf aufmerksam machen, Barborin, daß ich immer geladene Gewehre in meinem Schrank habe und daß es besser ist, Ihr laßt dergleichen Reden, zu mir und zu Andern, da ich sonst genöthigt wäre, Euch niederzuschießen wie eine tolle Hündin. Und nun geht und sagt dasselbe auch an die Martina, falls Ihr Euern Wahnwitz von der haben solltet.‘ Heilige Mutter der Gnaden, wie erschrak ich! Wie machte ich, daß ich ihm aus den Augen kam! Denn er sah schrecklich aus, so leise er sprach. Und seitdem habe ich nie wieder das Herz gehabt, von dergleichen mit ihm anzufangen. Aber noch kein halbes Jahr war vergangen, da sprach meine Frau das erste Wort zu ihm. Nämlich die Mutter, die ihr alle Wochen schrieb, hatte ihr einen Brief geschickt – ich nahm ihn hernach ihr heimlich fort und las ihn – darin stand, daß Gino in Paris leichtsinnige Streiche gemacht und sich mit einem Franzosen duellirt habe, weil beide einer Tänzerin den Hof machten, und Gino habe eine Kugel in die linke Schläfe bekommen und sei augenblicklich todt geblieben. Das schrieb die Mutter ohne alle Ahnung, was es ihr sein mußte, und der Brief kam an einem Freitag. Von da an bis zum Sonntag Morgen lag meine Frau im Fieber. Ich rieth ihr ab in die Messe zu gehen. Aber da war kein Halten. Gut, so geht sie denn hin. Aber als die Messe aus ist und sie neben dem Marchese aus der Capelle kommt, bleibt sie auf der Schwelle stehen und fängt an mit ihm zu sprechen, so leise, daß ich kein Wort verstand; es mag auch wohl Französisch gewesen sein.

Er aber, nachdem er sie eine Zeitlang angehört hat, zieht plötzlich eine Uhr aus der Tasche, dieselbe, die der Taddeo damals in der Nacht aus dem Handgemenge mitgebracht hatte und sagt: ‚Es wird bald Mitternacht sein, Signora Marchesa!‘ – und damit verneigt er sich und geht, so kurzweg, daß ich kaum noch Zeit hatte hinzuzuspringen und meine Frau, die eine Ohnmacht bekam, in meinen Armen aufzufangen.

Was sagt Ihr dazu, Herr Capitano? Kann ein Christenmensch auf Vergebung seiner Sünden hoffen, wenn er nicht betet: Wie wir vergeben unsern Schuldigern? Und wenn’s noch etwas so Gefährliches gewesen wäre! Aber sie war jung und liebte ihn ja nicht, und an Gino hatte sie ihr Herz geschenkt, seit sie zuerst an etwas Anderes dachte, als Puppen und Zuckerbrod, und war sie nun nicht schwer genug gestraft, da der Leichtfuß sie und sein junges Leben hingeopfert hatte – um eine Tänzerin?“

Die Alte schnaufte heftig ein paar Mal hinter einander und wartete offenbar, daß Eugen in Verwünschungen ausbrechen sollte. Der aber stand in tiefen Gedanken und bohrte die Spitze seines Stockdegens in den mürben Steingrund. Endlich sagte er nur: „Und seit der Zeit?“

„Seit der Zeit haben wir gelebt, als wenn wir Sonne, Mond und Sterne vom Himmel gestohlen und den Erzengel Michael ‚Dieb‘ geschimpft hätten. Ja, lieber Herr Capitän, wenn man so wie Ihr in den Bergen spazieren geht und sieht das Castell so zwischen dem Wald vorschauen, da mag sich’s ganz lustig ausnehmen, und ein paar Mal habe ich auch Fremde auf der Brücke sitzen sehen, unter einem weißen Schirm, und die malten es ab. Aber manche schöne Nuß hat einen schwarzen Kern, den die Würmer zu Staub fressen. Wie wir da zwischen den [794] Mauern herumkriechen und an unserm Herzeleid nagen, das denkt Keiner! Nach jenem Tage, wo er ihr die Uhr gezeigt hatte, lag sie Wochen lang mit einem hitzigen Fieber. Da mußte Fra Ambrogio aus dem Kloster, der auch was von Krankheiten versteht, täglich kommen und ihren Puls fühlen und hernach immer dem Herrn Bescheid bringen. Und so hart er sich stellte, ich sah doch einmal, als ich unvermuthet bei ihm eintrat, ihn was zu fragen, daß er geweint hatte. Wie’s also wieder besser geworden war, rieth ich meiner Frau, es noch einmal bei ihm zu versuchen, und sie schickte mich auch, ihm für die Pflege zu danken und dann um die Erlaubniß zu bitten, daß sie ihn besuchen dürfe. Aber er sah mich ganz kaltblütig an und ließ ihr antworten, er bedauere, sie nicht sprechen zu können, er sei beschäftigt. Was sagt Ihr dazu? Und sie war knapp dem Tode entronnen! O der Seelenmörder, der Caraibe! Und sie – immer stiller und stummer, keine Klage, keine Bitte mehr, wie Eine, die nur lebt, um zu sterben. Selbst gegen den Taddeo, der ihr gern alles Widerwärtige anthäte, nur daß er den Herrn fürchtet, ist sie die Sanftmuth selbst. Nicht lange, so sagte sie, daß ihr das Sonnenlicht an den Augen weh thue – und ich will’s wohl glauben, so viel wie sie weint, wenn sie allein ist – und darum wolle sie bei Tage schlafen und Nachts auf sein. Und da half kein Abrathen, daß ihr die schwarze Nacht ihre Melancholie nur immer tiefer in’s Herz drücken müsse; sie bestand darauf, und so leben wir nun wie die Fledermäuse. Der Herr scheint sich gar nicht um uns zu kümmern, und in der Messe, wo wir ihn zu sehen bekommen, ist er immer der Alte, und daß er auch die Uhr immer bei sich trägt, kann man sehen an der Kette, so daß sie das Herz nicht hat, ihn je wieder anzureden. Ach, wozu hat sie überhaupt noch das Herz? Nur in’s Grab zu steigen. Und es ist wohl ein wahres Wort: Gut verloren, Viel verloren, Muth verloren, Alles verloren.

Bei meinem Leben, lieber Herr, wenn nicht bald Hülfe kommt, so schwindet sie mir unter den Händen hin, grad’ wie der Bach, der durch unsere Schlucht fließt, in der großen Hitze ganz vergeht. Denn so wird ihr das Blut in den Adern von ihrem unvernünftigen Kummer ausgetrocknet und eines Morgens muß ich dann zum Herrn gehen und ihm sagen: Ihr habt’s erreicht, Herr Marchese, unser armer Engel ist da, wo uns unsere Sünden vergeben werden von einem barmherzigen Heiland, und jetzt schießt mich auf dem Fleck nieder, wie Ihr gedroht, oder ich laufe spornstreichs nach Mailand und schreie Mord! Mord! in allen Gassen, und Euren Namen dazu, daß die Steine Blut weinen sollen! – –“

Wie die Alte das sagte, fing sie selbst so heftig an zu schluchzen, als wäre Alles schon eingetroffen und sie sähe ihre Herrin todt auf der Bahre liegen.

„Barborin,“ tröstete sie der junge Officier, „gieb Dich zufrieden, gute Alte, noch halten wir nicht so weit, und was ich vermag, dies schreckliche Ende zu verhüten, das gelobe ich Dir zu thun, als wäre Deine Frau meine leibliche Schwester. Aber daraus wird nichts, daß ich ohne Weiteres Deinen Brief an die Eltern bringe. Wer weiß, ob ich damit das Uebel nicht ärger machte? Denn daß die Frau Marchesa selbst nie daran denkt, die Mutter zu Hülfe zu rufen, ist mir verdächtig. In Händel zwischen Eheleuten soll man sich nicht mischen ohne die höchste Noth. Darum ist es durchaus nöthig, daß ich Deine Frau sehe und spreche und mich selbst überzeuge, ob sie bei Verstande ist, oder nicht. Wär’ es nicht zu machen, daß Du mir das Gitter zum Garten bei Nacht öffnetest? Daß die Thür zu meinem Thurm offen bliebe, dafür würde ich schon sorgen.“

„Was denkt Ihr auch,“ sagte die Alte mit erschrockener Miene. „Ihr wißt nicht, wie man uns bewacht. Nie kommen wir an die Luft, ohne daß der Taddeo bei der Hand ist. Er denkt wohl gar, wir würden die Gartenmauer hinaufklettern wie die Katzen, und was hätte er denn noch für eine Freude vom Leben, wenn er Niemand mehr zu plagen hätte? Und dann, meine Frau würde Euch gar nicht sehen wollen. Das ist ja eben ihre Krankheit und Einbildung, daß sie keinem Menschen mehr in’s Gesicht sehen will.“

„Aber Du könntest ihr sagen, Barborin, daß es ein Freund sei, der Grüße an ihre Mutter mitnehmen wolle und auch ihr selbst kein ganz Fremder sei. Denn Du mußt wissen, daß ich mit der Marchesa getanzt habe auf einem Ball in Venedig, als sie noch eine junge Gräfin war und das Bild des Glücks und der Freude!“

„Habt Ihr das wirklich?“ sagte die Alte und sah mit einem rührenden Ausdruck von freudiger Ueberraschung zu ihm auf. „Ach, ja wohl, Ihr könnt nicht lügen, Ihr habt ein zu ehrliches und schönes Gesicht. Und nun glaub’ ich um so fester, daß der Himmel Euch als seinen Engel gesandt hat, uns Alle zu erlösen. Wenn Ihr’s denn durchaus nicht anders thut, so will ich versuchen, was ich kann. Seht, lieber Herr, ich bin heut’ fortgegangen und hab’ gesagt, ich müßte droben im Kloster von den Pulvern holen, die Schlaf machen; die Frau Marchesa habe wieder drei Mal Tag und Nacht kein Auge zugethan. Aber das war nur ein Vorwand, um Euch zu sprechen, denn wir haben noch genug von den Pulvern und sie will sie auch gar nicht mehr nehmen. Nun aber will ich heut’ Nacht in den Krug mit Wein, den die Martina immer für den Schurken, den Taddeo, aus dem Keller holt, die doppelte Portion schütten, denn wir müssen durch seine Kammer gehen, weil es zu dem großen Gitter keinen Schlüssel giebt; und wenn ihm dann sein eines Diebslicht ausgeht, führ’ ich Euch sacht in den Garten und bring’ es schon dahin, daß auch die Frau an die Luft geht, und dann mag der Himmel für das Uebrige sorgen. Ach, wenn Ihr sie seht, der Jammer um die schöne junge unglückliche Creatur wird Euch so auf’s Herz fallen, daß Ihr Euch die rechte Hand abhacken ließet, wenn Ihr sie dadurch retten könntet!“

„Wann wirst Du mir öffnen?“ fragte er hastig.

„Ich will sehen,“ erwiderte sie. „Es hängt davon ab, ob sie heut’ schläft oder nicht. Wißt, ich komme in den Hof an den Brunnen und thue, als holt’ ich Wasser, und singe dabei, und dann horcht, was ich singe; da werde ich Euch die Stunde angeben. Und nun geleit’ Euch unsere benedeite Mutter der Gnaden und wartet hier noch ein wenig, bis ich weiter weg bin, damit uns Niemand zusammen sieht; denn der einäugige Teufel, der Taddeo, spürt Alles aus, was man thut oder läßt, und er tränke heut’ Abend keinen Tropfen, wenn er nur von fern Unrath witterte. Ich will jedenfalls in’s Kloster, denn er fragt sicher am Sonntag nach, ob ich dort gewesen bin. Somit lebt wohl, lieber Herr; der Himmel wird’s Euch segnen tausend und tausend Mal!“

Und so mit Seufzen und Stöhnen nahm sie ihren Korb wieder auf, zog das Tuch fester über den Kopf zusammen und verließ mit hastigen, lautlosen Schritten die Hütte, sich beständig umsehend, als wären Späher und Verfolger auf ihren Füßen.

Der Tag war heiß und hier oben auf der kahlen Höhe glühte der Fußboden in der Mittagssonne so gewaltig, daß Eugen bald wieder in die Schlucht hinunterflüchtete. Er verfolgte, um die Stunden nicht ganz für seine nächsten Zwecke zu verlieren, das trockene Bett des Waldbachs nach Norden zu und kletterte unermüdlich von Fels zu Fels, und noch rastloser jagten sich die Gedanken in seiner Brust. Erst nach vielen Stunden machte er Halt in einem verfallenen Häuschen auf der Höhe des Passes, dem man es schon von Weitem ansah, daß es mehr Schmugglergesindel, als ehrliche Wanderer zu beherbergen pflegte. Dort nahm er mit dem elenden Vorrath von Käse, Maisbrod und dünnem Wein vorlieb, den ein Weib in zerlumpten Kleidern ihm auftischte. Nachdem er gegessen, suchte er sich eine kühle Stelle etwas höher im Wald, wo er gedankenvoll den Rauch seiner schwarzen Cigarre vor sich hinblies, bis ihn die Müdigkeit übernahm. Erst der letzte schiefe Strahl der Sonne, die, hinter die Thalwand versinkend, ihn anblinzte, weckte ihn. Er hatte Mühe, sich auf Alles zu besinnen, was geschehen war und bevorstand; dann trat er um so eilfertiger den Rückweg an.

Er erreichte das Castell erst bei völliger Dunkelheit. Eine Viertelstunde nach ihm ließ Taddeo auch den Marchese in das große Thor und folgte, ihm die Jagdbeute abnehmend, seinem Herrn in das Gemach hinauf, wo auf dem Schreibtisch schon die Lampe brannte. Während er ihm die hohen Jagdstiefeln auszog, sagte er mit seinem gewöhnlichen verdrossenen Ton:

„Der österreichische Herr hat gestern Abend noch den Schrank weggerückt und ist in den Saal gegangen. Er hat an dem mittleren Fenster eine Scheibe offen gelassen; auch ist ein Tropfen Oel auf den Boden gefallen.“

„Was kümmert’s Dich?“ erwiderte der Marchese, an einer Feder schnitzelnd.

„Hm,“ brummte der Diener, „‘s ist nur, weil man aus [795] dem Fenster hinübersehen kann, wo die Frau Marchesa wohnt. Wenn der Herr Marchese nichts dagegen hat, mir kann’s ja gleich sein. Ich bin ja auch nicht gefragt worden, ob wir den deutschen Herrn in’s Castell aufnehmen sollten oder nicht. Und wenn es ihm Spaß macht, mit Barborin zwei Stunden lang oben im Steinbruch zu plaudern –“

„Wer sagt das? Wer hat ihn gesehen?“

„Meneghin,[1] der Ziegenhirt. Sie hatten sich in die Hütte versteckt, da trieb er seine Heerde vorbei. Wie er herunterkam, stand ich gerade draußen an der Brücke. Da sagte er mir’s.“

„Was hat die Barborin draußen zu suchen?“

„In’s Kloster wollte sie, Schlafpulver holen, die Frau habe sie wieder nöthig; kann sein, daß auch Andere davon profitiren sollen.“

Eine Pause trat ein. Der Marchese lag im Lehnstuhl, er hatte die Feder weggeworfen und die Augen fest zugedrückt. Taddeo, der jede Miene in seinem Gesichte kannte, schien mit dem Eindruck, den seine Nachrichten gemacht, zufrieden zu sein.

„Was ich noch sagen wollte,“ fing er wieder an, indem er Pulverhorn und Schrotbeutel in den Schrank schloß und die Doppelbüchse über die Schulter hing, um sie draußen zu reinigen, „der Herr Capitano hat sich’s verbeten, daß ich die Thür zum Thurm wieder zuschließe. Ich sagte, ich hätte es so in der Gewohnheit. Und er, sagte er, sei gewöhnt, bei Nacht frisches Wasser zu trinken; und wenn’s ihm um Mitternacht einfiele, seinen Krug frisch zu füllen, wolle er nicht wie ein Sträfling auf verschlossene Thüren stoßen. Ich hab’ den Herrn Marchese nur fragen wollen, wie es damit gehalten werden soll.“

Der Marchese stand plötzlich auf; die Bewegung, die in ihm arbeitete, ließ ihn nicht ruhen. Er schritt mit gekreuzten Armen wohl zehn Minuten lang über den Teppich des tiefen Zimmers hinauf und hinab, während Taddeo scheinbar phlegmatisch mit seinem Taschentuch an dem Lauf des Gewehrs herumrieb. Zuletzt trat sein Herr in die Fensternische und sah in die Nacht hinaus.

„Thu’, was Dir gut dünkt, Taddeo,“ sagte er. „Ich glaube, daß Du wieder einmal vor Scharfsichtigkeit um die Ecke siehst. Aber ich verlasse mich auf Deine Treue. Die Thür zum Thurm bleibt offen. Ich will, daß Du thust, als hörtest und sähest Du nichts, während Du Alles hörst und siehst. Geh’ jetzt, dem Fremden magst Du sagen, daß ich schon zu Bett gegangen sei, aber morgen ihn zu begrüßen hoffte.“

Taddeo ging. Kaum aber war er hinaus, als er hastig auf den Zehen wieder eintrat und die Thür hinter sich offen ließ. „Hören Sie wohl?“ sagte er halblaut.

Die dünne, hohe Stimme der Barborin klang aus dem Hof herüber.

„Was soll ich hören?“ fragte der Marchese. „Die Alte singt am Brunnen.“

„Und was?“ flüsterte Taddeo mit einem Gesicht, das von List und Schadenfreude glänzte.

„Ich kann kein Wort verstehen,“ sagte der Herr, nachdem er eine Weile gelauscht hatte. „Was ist auch an ihrem Singsang gelegen? Geh’ und laß mich allein.“

„Jetzt wieder dasselbe!“ raunte der Bursch, das Auge zudrückend, als könne er so den Sinn des Gehörs schärfen. „Hören Sie nicht:

Im Garten hinter unserm Hause
Ein Schlänglein kriecht, ein Schlänglein kriecht.“

„Nun hör’ ich es auch! ‘s ist das Lied von der Donna Lombarda,[WS 1] das hier jedes Bauernweib singt.“

„Aber anders, Herr Marchese. Heißt’s nicht im Liede weiter:

Des Schlängleins Kopf zerstoßt im Mörser,
Zerstoßet ihn, zerstoßet ihn!

Und wie singt die verdammte Hexe draußen?“

Soeben erscholl die Stimme von Neuem, lauter und gellender. Man konnte deutlich die Worte verstehen:

„Um Mitternacht, nach Mondenaufgang
Erwartet mich, erwartet mich;
Die Schlange dann im Garten hab’ ich
In Schlaf gewiegt, in Schlaf gewiegt.“ – –

Dann ward es still. Herr und Diener sahen sich einen Augenblick voll in’s Gesicht, und das scharfe Auge Taddeo’s bemerkte, wie der Marchese vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, als stehe er auf dem Sprunge, hinauszustürzen und die Sängerin draußen zu erwürgen. Gleich darauf war er wieder Herr seiner selbst. „Geh’,“ sagte er mit gelassener Stimme. „Es bleibt bei Allem, was ich Dir gesagt habe.“

Als Taddeo hinaus war, warf sein Herr sich in den Sessel und vergrub das Gesicht in seine Hände. Was für Gedanken mochten ihn bestürmen?

Spät kam der Mond. Eugen hatte schon lange am Fenster gestanden und auf ihn gewartet, und doch, wie jetzt der erste schmale Streif über die Thalwand heraufglänzte, erschrak er unwillkürlich. Es stritt wunderlich in ihm. Jetzt konnte er die Zeit nicht erwarten, durch die verbotenen Thüren zu schleichen, jetzt wieder, wenn das ernste Gesicht des Marchese vor ihn trat, wünschte er, dies Haus nie betreten zu haben. Er ging dann wieder in den wüsten Saal nebenan und spähte in den Hof. Aber unten blieb Alles dunkel. Das Herz klopfte ihm, wenn er dachte, wozu er hierhergekommen sei und was jetzt all’ seine Gedanken beschäftigte. Aber es riß ihn vorwärts.

Zur Stunde, die ihm die Alte bestimmt, tappte er sich im Finstern die Thurmtreppe hinab, ein Glas in der Hand, um, wenn er auf den Einäugigen stieße, einen Vorwand bereit zu haben. Aber er blieb im Hofe ganz allein, saß auf dem Steinrande des Brunnens und hörte, wie das schwarze Laub über ihm in der Nachtluft säuselte. Der Cypressengarten ward immer heller, so viel auch die traurigen dunklen Bäumchen vom Mond einsogen; aber die breiten Feigenblätter troffen förmlich von Glanz und die weiße Mauer starrte mit ihren versilberten Zinnen in den lichtgrauen Himmel, daß der Wiederschein Alles lichtete.

Plötzlich ging verstohlen eine Thür, Schritte kamen durch den dunklen Hof herangehuscht und er hörte die gedämpfte Stimme der Barborin: „Seid Ihr’s? Kommt!“

Dann, während sie auf den Zehen über die Steinplatten des Hofes gingen, sagte sie: „Alles ist in Ordnung. Es traf sich gut, daß er gerade heut’ durstig war wie ein Schwamm. Gar nicht erst in’s Glas goß er seinen Wein, sondern stürzte ihn nur so aus dem Kruge hinunter, und dann hatte er Noth, sein Bett zu finden. Wir müssen durch seine Kammer, aber fürchtet Euch nicht, er schnarcht, daß ein Regiment Soldaten mit der Musik an ihm vorbeimarschiren könnte. Da seht!“ und sie schob ihren Begleiter durch die schmale Thür in ein winkliges Zimmerchen, das nur durch ein kleines Rundfenster einen schwachen Mondschimmer empfing. Im Hintergrunde lag aus einem niedrigen Bett lang ausgestreckt und in seinen Kleidern Taddeo und athmete so schwer, daß es fast wie Röcheln klang.

„Wohl bekomm’s ihm!“ sagte die Alte und ballte die Faust gegen den Verhaßten. „Er hat die sechsfache Portion von unsern Pulvern. Ich wollt’, es machte sich jetzt eine wilde Katze über ihn her und drosselte ihn, daß er sein Schelmenauge nie wieder aufthäte. Nur immer mir nach, Herr Capitano. Hier –“ und sie öffnete die Thür zu dem geräumigen Gemach, in das er gestern Abend durch die Lücke im Laden geblickt hatte – „es ist dunkel hier, aber haltet nur meine Hand fest. Nebenan wohnt meine Frau, die ist schon zwei Stunden auf und schreibt und schreibt, der Himmel mag wissen, was, in ein Buch, das sie immer vor mir verschließt. Und seht, durch diese Thür geht’s in den Garten, den Schlüssel hab’ ich dem schnarchenden Ungeheuer abgenommen, da lass’ ich Euch vorangehen, und dann red’ ich meiner armen Frau zu, ein wenig Luft zu schöpfen, und bringe sie hinaus. Ihr aber haltet Euch im Schatten, und erst, wenn ich huste, tretet Ihr vor. Denn noch hat sie keine Ahnung, daß sie einen Fremden sehen soll, seit drei Jahren zum ersten Mal!“

Damit schloß sie eine Thür auf neben dem Betschemel, den er auch in der Dämmerung wohl wiedererkannte, und ließ ihn in das Gärtchen treten. Es war so eng und klein, daß es ihm, von den himmelhohen Mauern umschlossen, vorkam, als befinde er sich auf dem Grunde eines ausgetrockneten Brunnens, wo die letzte Feuchtigkeit allerlei Grün emporgetrieben habe. Schauerlich war’s ihm, zu denken, daß ein schönes junges Leben hieher flüchte, um vor dem Auge des Tages versteckt frischere Luft zu athmen. Alle Bedenken, ob er sich nicht gegen die Pflicht der Gastfreundschaft vergehe, wenn er in das Geheimniß dieser unseligen Ehe einbreche, fielen auf Einen Schlag von ihm ab. [796] Er glühte von Grimm und ritterlichem Muth, als er die Höhe der Mauern maß und im Stillen überlegte, wie man wohl am besten sie übersteigen könne, wenn kein anderer Weg zur Rettung offen bliebe. Erst als er hinter sich in dem großen Zimmer die Stimme der Alten wieder hörte, that er, wie sie ihn gebeten, und trat zwischen zwei Cypressen, die drüben an der Mauer standen.

Gleich darauf öffnete sich die Thür. Die junge Frau trat in den Mondschein hinaus, blieb aber auf der steinernen Stufe wie eine Bildsäule stehen, die großen schwarzen Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck gegen den Nachthimmel gerichtet, an dem eben der Mond die Zinne übersteigend heraufschwebte. Sie war ganz in ein graues schlichtes Gewand gekleidet, ohne Zierrath und Schmuck irgend welcher Art, nur ein kleines goldnes Kreuz hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Dabei war das schöngeformte junge Gesicht von so geisterhafter Blässe, als habe sie sich eben von der Bahre erhoben, auf die man sie scheintodt hingelegt, und finde sich noch nicht wieder in’s Leben. So erschien auch ihr Gang, als sie jetzt auf Zureden der Barborin den engen Kiesgrund betrat, müde und unsicher, wie eine Halbwache oder Schwerverwundete schreitet. Der Lauscher in seinem dunklen Winkel erschrak, als sie dicht an ihm vorbeiglitt. War das dieselbe Gestalt, die vor wenig Jahren, von Lebenslust beflügelt, an seinem Arm durch den Ballsaal geschwebt war? Das unerbittlichste Strafgericht über den, der sie dahin gebracht hatte!

Sie schien auch heute kaum Acht darauf zu geben, was die Alte in sie hinein wisperte. Nachdenklich stand sie an dem Rosengebüsch in der Mitte des Gärtchens; sie pflückte ein einzelnes Blatt einer rothen Rose und schien mit dem Thau, der daran hing, ihre Lippen zu kühlen. Was Barborin ihr sagte, verstand Eugen nicht. Er sah aber, daß sie plötzlich heftig zusammenfuhr und dann einen hastigen Blick umherwarf. In diesem Augenblicke hustete die Alte, und er, der ohnehin sich kaum länger bezwungen hätte, trat rasch aus seinem Versteck.

Aber entsetzt blieb er stehen, als er den Ausdruck der tiefsten Angst und des tödtlichsten Schreckens auf ihrem Gesicht gewahrte. Eine dunkle Röthe stieg ihr in die Wangen, sie versuchte zu sprechen, öffnete aber nur tonlos die Lippen und erhob beide Hände gegen ihn, wie wenn sie eine furchtbare Erscheinung abwehren wollte. Da benutzte er ihre ohnmächtige Bestürzung, um einen Schritt näher zu treten und in der ehrerbietigsten Haltung sein Eindringen, seine Kühnheit und Eigenmächtigkeit zu entschuldigen. Der reinste Antheil an ihrem unerhörten Geschick habe ihn getrieben, er habe keinen andern Zweck vor Augen, als ihr seine Dienste anzubieten, und wenn sie nur ein Wort sage, das ihm zu handeln erlaube, werde er sein Leben dafür einsetzen, sie aus dieser mörderischen Haft zu befreien. „Ich bin Ihnen nicht ganz fremd, Frau Marchesa,“ schloß er seine sich überstürzende Anrede. „Vor Jahren sah ich Sie, als Sie noch von Glück und Freude umgeben waren. Sie haben mich damals kaum beachtet; ich aber habe Ihr Bild lange in mir bewahrt, und jetzt –“

„Genug!“ sagte sie, und ihre Augen hefteten sich fest auf den Boden. „Gehen Sie – und wo – bist Du Barborin? Sag’ ihm –“

„Hört ihn doch nur an, theuerste Herrin,“ flehte die Alte. „Er will ja nichts, als daß Ihr ihm erlaubt, zu Eurer Frau Mutter zu gehen und ihr zu sagen, daß Ihr nicht krank und schwach im Haupte seid, und wenn es ihn jammert, wie mich selbst, daß Ihr durchaus sterben wollt –“

„Und wenn ich es wollte, wer könnte mich hindern?“ sagte sie plötzlich mit entschlossener starker Stimme, und sah den Fremden mit einer überlegenen Hoheit an, daß er bestürzt die Augen. niederschlug. „Gehen Sie, mein Herr, und versuchen Sie nie mehr, in mein Leben einzugreifen. Sie haben gemeint, mir damit wohlzuthun; darum soll Niemand erfahren, was Sie gewagt haben. Ein zweites Mal würde ich es dem sagen müssen, welcher der Herr meines Schicksals ist. Nie wieder – nie – Sie kennen jetzt meinen Entschluß!“

Damit wandte sie sich rasch zur Thür und ehe er ein Wort erwidern konnte, war sie im Hause verschwunden.

„O barmherzige Mutter der Gnaden!“ jammerte die Alte, die Hände ringend. „Habt Ihr’s nun gehört? Ist noch mit ihr zu reden? Und was fangen wir nun an? Ach Gott, ich erlebe es noch, daß sie mit der Stirn gegen die Mauer rennt, wenn es ihr zu lange dauert mit dem Verschmachten! Sagt’ ich’s Euch nicht, daß sie in diesem Käfig noch endlich ganz um den Verstand kommen wird, wie eine geblendete Nachtigall? ‚Wenn ich sterben wollte, wer könnte mich hindern?‘ – ist da noch ein Körnchen Vernunft d’rin, wenn man zweiundzwanzig Jahre alt ist und eine so schöne vornehme Creatur? Sagt doch nur um Gottes willen etwas, lieber Herr Capitano, daß mir nicht die Verzweiflung das Herz abstößt, wenn ich das Elend so allein in mich hineinschlucken muß!“

Jetzt erst schien er zu sich zu kommen. „Wir haben es verkehrt und plump angestellt, Barborin,“ sagte er, düster zu Boden starrend. „Wir hätten bedenken sollen, wie lange sie kein fremdes Gesicht gesehen hat, und muß nicht auch die Furcht, ihr Schicksal am Ende noch zu verschlimmern, sie vor jedem Schein von Rettung zurückbeben machen? O, was ist hier Alles zerstört? wie lange Zeit wird es brauchen, bis dies arme Leben sich wieder an Licht und Freiheit gewöhnt! O Barborin –“

Er schwieg, die Thränen traten ihm in die Augen. „Führe mich zurück,“ sagte er dann, „und höre, ich will einen anderen Versuch machen. Ich Thor, daß ich den Weg nicht zuerst einschlug! Meinst Du, daß sie einen Brief, den ich ihr schriebe, zurückweisen würde? Gleichviel, Du könntest ihn dann behalten und, sie möchte wollen oder nicht, ihr immer wieder damit kommen. Es muß endlich wirken.“

„Thut das, lieber Herr,“ sagte die Alte, während sie die dunkeln Räume wieder durchschritten. „Seht, da liegt das Thier, der Taddeo, noch immer wie ein todter Sack und schläft seinen Rausch aus. Aber ich fürchte, er merkt hinterdrein, daß man ihm was eingegeben hat. Denn das ist ihm noch nie passirt, und an mir läßt er dann seine Wuth aus. Also muß ich doppelt vorsichtig sein und darf nicht mehr mit Euch zu handeln haben. Aber wenn Ihr den Brief unter den Trittstein am Brunnen legtet, da würde ihn Niemand suchen außer mir, und dann macht’s ihr nur recht eindringlich, und besonders ihre Mutter müßt Ihr ihr zu Gemüth führen; denn die hat sie außer ihrem Gino am meisten geliebt, und wenn sie mir nicht so streng verboten hätte, nie mehr von der Frau Gräfin zu reden .…“

Die Stimme der Alten war flüsternder, als sie mit dem Fremden in den dunklen Hof hinaustrat. Kaum aber hatte sie den Rücken gewendet, so rührte sich der Schläfer im Winkel, öffnete das einzige Auge und kroch wie eine Katze an die Wand, wo er durch das Rundfenster auf den Hof sehen konnte. Wenige Minuten darauf, als Barborin zurück kam, um nun ebenfalls zu Bett zu gehen, lag er wieder in der vorigen Stellung, als wenn er sie nie verlassen hätte.

(Schluß folgt.)




Im Schutte der ewigen Stadt.


Noch ehe diese Zeilen hinaustreten vor den großen Leserkreis der Gartenlaube, wird ein Stück Weltgeschichte seinen Abschluß gefunden haben, ein mehr denn tausendjähriges Herrscherthum, das unter dem weltlichen Scepter des Papstes, vielleicht vom Erdboden verschwunden sein, und mehr denn je trägt uns die Erinnerung in jene unvergeßlichen Wochen zurück, da uns vergönnt war, die Luft der ewigen Stadt auf den sieben Hügeln Latiums zu athmen. Lebhafter als je zuvor treten uns die Eindrücke vor die Seele, welche wir von Rom empfingen, und namentlich die ersten Tage unsers römischen Lebens tauchen in unverblaßter Frische wieder vor dem Auge unsers Geistes auf.

Es ist ein eigenes Ding um dieses ewige Rom! „Welchen Gesammteindruck macht denn Rom auf Sie?“ dies war so ziemlich die stehende Frage deutscher Landsleute, welche mir einige Zeit nach meiner Ankunft in der ewigen Stadt begegneten; ich war jedesmal versucht zu antworten: „Gar keinen,“ und ich bin mir bewußt, mit vielen und bedeutenden Reisenden ganz dasselbe Gefühl getheilt zu haben, das Gefühl der Enttäuschung.

[797]
Die Gartenlaube (1866) b 797.jpg

Vor den Trümmern des Nervaforums.
Originalzeichnung von Robert Heck in Stuttgart.

[798] Fast durch jeden Fremden, den Florenz, Neapel, Venedig und Genua hingerissen, geht, wenn er zum ersten Male Rom betritt, eine eigenthümliche Verwunderung, daß er sich selbst nicht mehr verwundert. Dieses Gefühl erfaßt uns, wenn wir den weltbekannten Corso entlang schreiten, der an Breite kaum den Straßen einer Mittelstadt gleichkommt und trotz seiner den zum großen Theil unansehnlichen Gebäuden eingereihten Paläste uns lange nicht so imponirt, wie wir glauben, daß er uns imponiren müsse; es verläßt uns nicht in der Peterskirche, deren kolossale Maßverhältnisse die Fassungskraft unseres Auges übersteigen und nur durch Einzeleindrücke und Reflexion uns einen Begriff ihrer Riesengröße gewinnen lassen, und selbst die Ruinen Roms, das Colosseum und die Foren, machen vereinzelt, wie sie sind, mit elenden modernen Bauten untermischt, auf den ersten Besuch entschieden den Eindruck nicht, den man erwartet. Man muß sich in diese römische Welt erst einleben, muß erst erlernen jene neue Kunst des Sehens, die uns Goethe in seiner italienischen Reise – nebenbei die einzige Beschreibung Italiens, die ihrem Gegenstand wirklich gewachsen ist – so herrlich beschreibt und für die Rom die wahre Hochschule ist. Dann wird uns Rom zu unserer geistigen Heimath; die stille Erhabenheit seiner Denkmäler, die öde Hoheit seiner Landschaft lernen wir verstehen und lieben, und wir ziehen die, mit den glänzenden modernen Hauptstädten verglichen, fast langweilige Stadt und die einfache monotone Umgebung glänzenderen und unterhaltenderen Städten und Gegenden in tiefster Seele vor. Worin dieser mit jedem Tage wachsende Reiz liegt, darüber giebt es fast keine Erklärung, und doch bleibt er die herrschende Empfindung, die Jeden, der länger dort verweilt hat, mit ihrem ganzen Zauber faßt.

Man lernt in Rom künstlerisch sehen, und ich meine damit nicht nur, daß man durch den Anblick der ersten Meisterwerke der Welt das wahrhaft Schöne vom Häßlichen und Gemeinen, eine prahlerische Decoration vom wahren Kunstproducte scheiden lernt, man gewöhnt sich auch namentlich auf den Wanderungen durch die Ruinen, die verstreuten Reste jener einzigen Bildnerzeit aus der oft widersprechenden und entstellenden modernen Umgebung, die sich an dieselben angeklebt, herauszulösen und das Beschädigte und Zerfallene im Geiste wieder aufzubauen. Man betritt gern schmutzige Höfe, voll Unrath, Gestank und verdächtigen Gesindels, einen Säulenrest, ein Stück einer Mauer zu sehen, um sich aus dem Einzelnen ein Ganzes herzustellen. Man achtet nicht der Mahnungen seines furchtsamen Hauswirths, nicht der Geschichten, die über beraubte und geprügelte Engländer unverbürgt herumgetragen werden, und wandelt einsam in der Nacht auf dem öden Forum umher, um in der bläulichen Nebelwelt, in die der Mond die bunte Tageswirklichkeit auflöst, ungestört diesen wunderbarsten Ort der Weltgeschichte in seiner ehemaligen Gestalt sich wieder vorzumalen.

Wie Vieles uns in Rom auch verlockt und reizt, unsere Spaziergänge gelten doch am liebsten den Ruinen Roms, und auf dem Forum Romanum, das einst das Herz des republikanischen Roms war, wird auch unser Herz sich erst voll und ganz bewußt, daß wir in Rom sind. Es giebt in der Welt keinen Platz, wie der vom Capitol an dem einen, vom Colosseum am andern Ende begrenzte, keinen Weg, wie den vom capitolinischen Hügel durch den Titusbogen, bis zum letzten Monument der Kaiserzeit, dem Bogen des Constantin. Jeder Stein erzählt hier die Geschichte von Ländern und Völkern. Jetzt stehen nur noch Säulenreste, einzeln oder durch morsche Architrave zu drei und mehr miteinander verbunden, am Schlusse die gigantische Steinschale des Colosseum, das Ganze wie ein Riesenskelet der vergangenen Römerherrlichkeit. Armselige Häuser sind an der Seite hingebaut und prachtvoll gehörnte silbergraue Stiere lagern am Wege, nach denen durch einen grausamen Spott der Weltgeschichte dieser ehrwürdige Boden jetzt Ochsenfeld (Campo vaccino) benannt wird.

Einst war es anders, als von der Rednerbühne, wo jetzt die Kastanienfrau ihre Waare preist, die Rednerstimme an das Volk erscholl; als im Eintrachtstempel, dessen Unterbau noch steht, wie er stand zu Camillus’ Zeiten, Cicero seine vernichtenden Reden gegen Catilina und seine Genossen schleuderte; als hier das Lebens- und Vernichtungsloos über die Völker gezogen wurde, die lanzenbewehrten Legionen die Via Sacra hinabzogen und des Feldherrn höchste Siegesehre war, vor dem Volke hier mit seiner Siegesbeute zu erscheinen. Aber wie das Volk wuchs, das kleine Forum nicht mehr zu den Verrichtungen des öffentlichen Lebens ausreichte, prachtvolle Säulenhallen zu beiden Seiten gebaut wurden, die einflußreichsten Söhne der Republik sie schon als ihr Erbe zu betrachten begannen, da beginnt das Forumleben, auf dem die Republik ihr eigentliches Dasein führte, zu schwinden; wenn Julius Cäsar ein neues Forum in der Nähe baute, so sollten die Römer eben begreifen, daß das alte Forum nicht mehr ihr war. Mit Augustus, der ein drittes Forum baute, beginnt die Zeit der römischen Prachtanlagen. Er sagte bei seinem Tode, er habe eine Stadt aus Lehm in eine Stadt aus Marmor verwandelt. Das Forum mußte den würdigsten Boden zu den kostbarsten Monumenten geben, der kleine Raum wurde fast erdrückend gefüllt, mit Tempeln, Bildsäulen, Triumphbögen; beherrschend ragte über dieselben die Kaiserburg der Cäsaren auf dem palatinischen Hügel, von dem entmenschtesten Ungeheuer erbaut, das je auf dem Throne gesessen. Vespasian und Titus erbauten das gewaltige Colosseum, Hadrian den kolossalen Doppeltempel der Venus und der Roma, auf dem Capitol prangte mit goldenem Dache und goldverzierten Säulen und goldenen Thüren der Jupitertempel, und die herrlichsten Gartenanlagen dehnten sich auf dem Quirinal und Pincio aus, palastartige Straßen liefen nach alten Himmelsgegenden, Theater, Brücken, bedeckte Säulengänge führten von einem Vergnügen zum andern; in den Bädern, die Titus, Caracalla, Diocletian erbauen ließen, vereinigten Kunst und Ueppigkeit, was dem edelsten und wollüstigsten Genusse des Lebens diente, und prachtvolle Grabthürme, schon bei Lebzeiten ihrer Besitzer erbaut, von denen der eine, die heutige Engelsburg, noch immer ein Wahrzeichen Roms bildet, schreckten von der rauschenden Lust nicht ab.

Der Ruhm des Augustus ließ Domitian nicht ruhen, ein neues Forum anzulegen, in dessen Mitte ein Pallastempel prangte, dessen großartige Reste im siebenzehnten Jahrhundert Paul der Fünfte mit dem barbarischen Sinne, den die heiligen Väter oft bewiesen, geplündert, um mit dem Marmor eine nach ihm genannte Fontaine zu schmücken. Auch von den Umfassungsmauern, die diesen Tempel umgeben, ist noch ein Stück vorhanden, und dieses ist ausreichend, uns eine Ahnung von der großartigen Pracht zu geben, in der dieser Bau mit seinen Säulen und Friesen aufgeführt sein mußte. Obgleich von Domitian erbaut, trägt dieses Forum, von dem unsere Abbildung einen Theil vor Augen führt, den Namen Nerva’s, der es vollendete und an den wir auch lieber erinnert werden, als an jenen düsteren Tyrannen. An das Forum des Nerva schließt sich das des Trajan, die kolossalste und prachtvollste Bauunternehmung in dieser Art. Hier war es, wo der persische Prinz Hormisdas, der mit Kaiser Constantin Rom besucht und alle Zierden der ewigen Stadt bewundert hatte, niederfiel und ausrief, er freue sich, daß auch in Rom die Menschen sterblich seien.

So wuchsen die Stätten des öffentlichen Lebens in Rom, je mehr das öffentliche Leben selbst verfiel, und in dieser Pracht hat Rom bis zur Zeit des Honorius bestanden. Der Umfang seiner Mauern betrug damals einundzwanzig Miglien; sechszehn Hauptthore führten in’s Freie, achtundzwanzig gepflasterte Straßen verbanden die Stadt mit den Provinzen, vierzehn Wasserleitungen, die in meilenlangen Bogengängen durch die Campagna bis in’s Gebirge sich hinzogen, versorgten die Stadt mit dem herrlichsten Wasser, das aus prachtvoll verzierten Brunnen sprudelte. Aber die Herrlichkeit des alten Rom ging zu Ende, fremde Völker drangen ein und die alte Pracht fiel ihnen zur Beute, die Tempel und Paläste wurden zu Trümmern, bis zu zwanzig und dreißig Fuß hoch liegt der Schutt über dem Niveau der alten Kaiserstadt aufgethürmt. Die Säulen am Nerva-Forum stehen noch achtzehn Fuß unter der Erde; auf dem Forum Romanum waren sie noch Anfang dieses Jahrhunderts bis zum Capitäl mit Erde bedeckt, und ein Anstreicher, der an diesem Capitäl seine Werkstatt errichtet, spritzte in die Verzierungen desselben seine Pinsel aus, was später die Archäologen zu dem Glauben verlockte, die Capitäle seien bemalt gewesen. Die Kunstschätze wurden theils verschüttet, theils vergraben. Vieles hat man davon wieder zu Tage gefördert, Vieles steigt jeden Tag empor, unendlich viel harrt noch der Entdeckung. Was die Barbaren verschont hatten, das ging in der Hand der Römer selbst zu Grunde; aus prachtvollen Grabmälern wurden im Mittelalter Castelle, die in den Kämpfen der streitsüchtigen römischen Barone als Vertheidigungspunkte dienten; das Colosseum, das einst siebenundachtzigtausend Zuschauer auf seinen Sitzen gesehen, um sich an den Gladiatorenschlächtereien zu [799] weiden oder an dem ungleichen Kampf der Wüstenthiere und wehrloser Christen ihre raffinirte Grausamkeit zu letzen, wurde als Steinbruch betrachtet, aus dessen Material die römischen Fürsten ihre Paläste aufführten. Die Paläste Barberini und Farnese sind aus den Steinen des Colosseums aufgeführt, und der großartige Bau, von dem trotzdem noch immer die äußere Schale steht, wurde so verstümmelt. Man muß die geschmacklosen Passionsstationen, durch welche diese Ruine zu einem gottesdienstlichen Raume geweiht worden ist, freudig begrüßen, weil sie weiterer Zerstörung Einhalt gethan. Auch die heiligen Väter thaten das Ihrige im Demoliren der alten Herrlichkeit.

Sie alle haben Rom zu dem gemacht, was es jetzt ist; vielleicht immer noch die merkwürdigste Stadt der Welt, ist sie vielleicht auch die gesunkenste. Die Stätten, auf denen sich einst die alte Kaiserstadt ausbreitete, sind jetzt theils verödet, theils mit schmutzigen, unansehnlichen Häusern besetzt; der Kern der Stadt wurde nach der vaticanischen Residenz der Päpste über den Tiber und auf das alte Marsfeld verlegt. Wo einst die stolzesten Bürger der Welt wandelten, treiben sich zerlumpte Bettler umher, Hunger und Elend spricht aus ihren Zügen, und mehr als einer trägt die Spuren des tückischen Malariafiebers, das ihn in der ungesunden Campagna überfallen, die durch Drainirung leicht zum fruchtbaren Ackerlande zu machen wäre, was aber Dank dem päpstlichen Regimente nicht geschieht. Kohlstrünke, die eine Köchin unbekümmert aus dem dritten und vierten Stocke eines Hauses niedergeschleudert und die von hungerigen und mißhandelten Lasteseln benagt werden, liegen da, wo einst der Fußtritt geharnischter Legionen dröhnte. Weinkneipen, Bäcker- und Fleischerläden haben sich in den Resten der alten Foren eingenistet. Im Colosseum, in dessen Mitte man ein einfaches Kreuz aufgerichtet, an keinem Orte wohl passender und siegreicher die Nemesis der Geschichte verkündend, wird unter freiem Himmel von einem Capuziner eine Predigt gehalten, und wieder ist der Ort zum Kampfplatz geworden, denn der schnupfende Gottesmann zieht mit Donnerstimme gegen die Protestanten zu Felde.

Durch den Titusbogen, dem Titus zu Ehren errichtet, als er die Löwenstreiter von Jerusalem nach verzweifeltem Todeskampfe im Triumphe nach Rom führte, rollt, von sechs Büffeln gezogen, ein weißer Marmorblock, auf einem rohen Räderkarren befestigt, der Stadt zu; wie Ungeheuer einer vergangenen Weltperiode, trotten die gewaltigen grünschwarzen Thiere dahin, einen häßlichen Bisamduft verbreitend. Ein eiserner Ring durch die Nase und der Stachelstock des Führers sind die einzigen Lenkungsmittel, der Weg geht abschüssig und es muß gehemmt werden. Von vorn wird deshalb den Büffeln der Stachel in die Schulter gestoßen, daß das Blut nachspritzt. Der Marmor gelangt langsam zur Stadt, aber zu keinem Monument, das dieselbe schmücken wird, wie dereinst, soll er bearbeitet werden, er wandert in das Atelier eines Künstlers, der irgend einen Faun oder eine Bacchantin, die einzigen Gestalten, zu denen sich das epigonenhafte Talent der meisten Bildhauer aufschwingt, daraus fabricirt, und wird hier an irgend einen an Geldüberfluß und Geschmacklosigkeit leidenden Russen oder Engländer losgeschlagen. Im Schatten liegen kräftige, schöne Männergestalten und wissen nichts Besseres zu thun, als zu schlafen. Eine Abtheilung von französischen Soldaten macht ihre militärischen Uebungen und ihr wildes Trommelgerassel klingt wie eine Erinnerung an die kriegerischen Zeiten Roms; die Cigarre im Munde, mit zerrissener und verschabter Uniform, sehen ein paar päpstliche Soldaten zu und scheinen diese Manipulationen nicht zu kennen und zu verachten. In Begleitung eines süßlächelnden, rothstrumpfigen Cardinals steigen seidenrauschende Engländerinnen den palatinischen Hügel hinan, sich die neuausgegrabene Prätorianercaserne in den farnesischen Gärten anzusehen und in’s Album zu zeichnen, aber fürstlicher und edler ist die Haltung des krugtragenden Römermädchens, das mit einem stolzen Blick, ohne das königliche Haupt zu wenden, an ihnen vorübergeht, und der stutzerhafte Brite, der auf einem hohen Klepper in der eigenthümlichen Reitweise seiner Nation dahintrabt, kann sich an Anstand dem schwarzbärtigen Campagnolen nicht vergleichen, der, den grüngefütterten Mantel über die Schulter geschlagen, die Flinte über dem Rücken, die Via Appia hinabreitet.

Plötzlich erfaßt Alle eine starre Aufmerksamkeit; die Soldaten, die nie fehlenden Mönche, die zerlumpten Bettler und Bettelweiber fallen auf die Kniee, die Fremden nehmen den Hut ab und setzen die Lorgnette auf, sechs Nobelgardisten zu Pferd sprengen heran, und ihnen folgt, von sechs prachtvollen Rappen gezogen, die Carosse des Papstes. Der alte schöne Herr im weißen Kleide darin, links und rechts den Segen ertheilend, kehrt von der öden Campagna, in der er Luft geschöpft, in den öden Vatican zurück.

Pius der Neunte hat einen Zauber, der mächtiger ist, als seine Allocutionen und seine Hirtenbriefe: das ist seine persönliche Erscheinung. Dem mild ernsten Blicke seiner prachtvollen schwarzen Augen vermag sich kein Herz zu verschließen, und die sonore Orgelstimme des fünfundsiebenzigjährigen Mannes, durch die der apostolische Segen am Ostertage auf dem ganzen großen Petersplatze vernehmbar wird, ist von unwiderstehlicher Gewalt. Seine Rundreisen durch die Provinzen, seine Ausfahrten machen bei seinem Volke, seine Audienzen bei den Fremden stets entschiedene Propaganda für ihn. Freilich er selbst wird bei diesen Rundreisen und Ausfahrten wenige für ihn erfreuliche Zeugnisse seines geistlichen Regiments erblicken. Denn was ist das auf den mächtigsten Trümmern der Welt erbaute heutige Rom? Ein Sammelplatz meist unthätiger Kleriker und Mönche, ein Schlupfwinkel für allerhand compromittirte Persönlichkeiten, ein Winteraufenthalt für Fremde, ein großes Atelier für deutsche Künstler; und das römische Volk, durch eine Jahrhunderte lang gehegte geistige Nahrungslosigkeit, ist zu einer Gesellschaft von Zimmervermiethern, herumlungernden Stutzern, ihre Schönheit preisgebenden Modellen und Spitzbuben herabgesunken. Und diese letzteren sind nicht etwa nur jene unheimlichen Gestalten, die mit Dolch und Pistole nächtlicher Weile dem einsamen Wanderer auflauern, sie erhalten ihr Vorbild von den höchsten Beamtenkreisen. Sagte doch einmal der Polizeidirector, dessen Neffe bei einer Eisenbahngesellschaft angestellt war und dort bedeutende Unterschleife sich hatte zu Schulden kommen lassen, als man sich deshalb bei ihm, dem Onkel, beschwerte: „Mein Gott, sind wir nicht auch einmal jung gewesen?“ Und die Gesellschaft mußte froh sein, daß jener junge Mann sich von selbst heimlich entfernte, nachdem er an der Casse noch einmal einen genialen Jugendstreich verübt hatte.

Aber wie auch geistliche Unterdrückung und bodenlose Vernachlässigung das Volk heruntergebracht und namentlich eines ihm genommen, die Energie sich zu bessern und zu würdigen Zuständen aufraffen zu wollen; wie man seine zu den heldenhaften Gestalten so wenig passende Feigheit verachten muß, seiner Unzuverlässigkeit und Unsolidität herzlich überdrüssig wird: so erkennt man doch noch die großen und herrlichen Anlagen, mit denen die Römer geziert waren, und jenen fürstlichen Stolz, der noch immer an die alten Beherrscher des Erdkreises erinnert. Freilich der Stolz hat etwas Bettelhaftes bekommen bei einer Bevölkerung, deren ganze Existenz von dem Kommen oder Nichtkommen reicher Fremden abhängt, und es klang fast wie ein Spott, als ein fahrender Zahnarzt, der seine Künste pries, eine Anzahl Betteljungen als Beherrscher der Welt anredete. Es hat etwas Wehmüthigeres noch, als der Zerfall der alten Tempel, den Zerfall dieses großen und herrlichen Volkes zu sehen. Und das Volk weiß das, es klagt über seine gesunkene Größe, freilich ohne sich aus dem thatenlosen Schlenderleben erheben zu können und zu wollen. Es fühlt, daß es selbst ein Bild seiner Ruinen ist, und es war ein Schauspiel von tragischer Gewalt, als vor einigen Jahren, da der Carneval im Corso tobte und statt der feinen Grazie, die der Römer bis zum untersten herab in solchen Volksfestlichkeiten zu wahren versteht, Engländer ihre rohen Späße trieben, eine Anzahl Römer auf dem alten Forum in Trauerkleidern umherwandelte, die alten Zeiten und die alte Größe beweinend.

Sie gehören, diese Römer, zu ihren zerbrochenen Säulen und verödeten Amphitheatern, und es hat sich deshalb um dieselben auch der Theil der Bevölkerung angesiedelt, der in seiner Schönheit und seinem Verfall vor Allem den Stempel der römischen Race trägt. Wehmüthig sieht das Standbild der Minerva, mit dem Rauche der Brände Roms und dem Qualm, der aus dem Ofen des Pastetenbäckers dringt, wie mit einem Trauerflor überzogen, auf sie herab, eine neue Mahnung an den gestürzten Adel Roms. Die Sinnbilder des häuslichen Fleißes, die dem Friese des Nervaforums eingehauen waren, haben auf sie keinen Bezug mehr und mahnen, wie in Rom alles Große und Schöne, an eine vergangene Zeit.
C. V.



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Das größte Geschäftshaus Preußens.


In der belebten Jägerstraße zu Berlin steht ein stattliches, aber nur einstöckiges Gebäude, mit stark vergitterten Parterrefenstern, das sich sonst weder durch architektonischen Schmuck, noch durch seinen monumentalen Charakter vor den übrigen Häusern auszeichnet. An der Vorderfront macht sich eine Erztafel bemerkbar, dem Andenken eines Grenadiers gewidmet, der hier als das erste Opfer der März-Revolution auf seinem Posten gefallen ist. Treten wir in das Innere, so finden wir auch hier eine überraschende Einfachheit, die keineswegs die hohe Bedeutung des Hauses ahnen läßt, und doch birgt es in seinen Mauern einen reichen Schatz, Millionen in geprägtem Silber und Gold, Schränke voll mit Werthpapieren, hinreichend, um Tausende, wenn auch nicht glücklich, doch wenigstens reich zu machen, kostbare Pfänder, Documente und Wechsel, welche allein im Laufe eines Jahres ein Capital von dreihundert Millionen repräsentiren.

Wir stehen in der That in dem Zauberkreise des Plutus, in dem wunderbaren Feenpalast, wo ein Blatt Papier sich in einen Haufen Gold und umgekehrt ein Haufen Gold in ein Blatt Papier verwandelt, ein Federstrich Millionen schafft, wo das Wort „Credit“ wie einst „Sesam“ den Berg öffnet, dessen Inneres von Gold und Silber strahlt; wir stehen an der goldenen Pforte des allbegehrten Reichthums, an dem großen Reservoir des Nationalvermögens, worein die tausend und tausend Tropfen, Quellen, Bäche und Ströme des Erwerbes fließen und aus dem Handel und Industrie ihr Gedeihen schöpfen, in dem Mittelpunkt der materiellen Güter, kurz wir befinden uns in der – preußischen Bank, deren nachstehende Schilderung indeß selbstverständlich nicht für den gewiegten Kauf- und Finanzmann, sondern für das mit den mercantilischen Dingen und dem großen Geldverkehr minder bekannte Laienpublicum bestimmt ist.

Ein gewölbter Gang führt uns zunächst in die verschiedenen Abtheilungen des großen Instituts, an dem allein, mit Inbegriff seiner hundertunddreißig Comptoire und Filial-Anstalten, über vierhundert Beamte beschäftigt sind. An der Spitze derselben steht der jedesmalige Bankpräsident, gegenwärtig Herr von Dechend, unter ihm die vier Bankdirectoren, ein Justitiar, die Buchhalter, Cassirer und Vorsteher der verschiedenen Comptoire, Controleure, Registratoren, Canzlisten und Bankdiener, ein kleines Heer von wirklichen Elitetruppen. Da nach dem Ausspruche einer bekannten Finanzgröße in Geldsachen die Gemüthlichkeit aufhört, so kommt es in keinem Zweige der Verwaltung so sehr auf die Zuverlässigkeit der Beamten an, als gerade bei der Bank. Bedenkt man, daß hier einem Menschen oft ein bedeutendes Vermögen anvertraut wird, daß trotz der größten Vorsicht Unterschleife und Betrügereien noch immer, wenn auch selten, vorkommen, daß es dazu nicht an täglicher Versuchung fehlt, so wird man die Schwierigkeiten auf diesem Gebiete leicht bemessen können. In der That gehört die richtige Wahl der Beamten zu den schwersten Aufgaben des Bankpräsidenten und erfordert eine genaue Personalkenntniß, die sorgsamste Prüfung und Gewissenhaftigkeit, da die geringste Nachlässigkeit hier schon einen unübersehbaren Schaden anstiften kann. Die Anstellung erfolgt daher meist erst nach langer Beobachtung und dann tritt auch nur in ganz außerordentlichen Fällen ein Wechsel ein. Daher kommt es, daß die Bank die ältesten Beamten aufzuweisen hat, von deren Zuverlässigkeit man sich ungefähr einen Begriff machen kann, wenn man erfährt, daß einer der Bureau-Vorsteher bei einer zweiundfünfzigjährigen Dienstzeit im Ganzen nur fünf und zwanzig Tage Urlaub genommen und an seinem Pult gefehlt hat.

Dieselbe Vorsicht und Wachsamkeit wird bei allen Operationen der Bank und besonders bei der Zählung der Gelder und Aufbewahrung des „Tresors“ beobachtet. In einem besondern Zimmer, zu dem kein Unberufener den Zutritt hat, wird die Durchzählung der eingelaufenen Summen vorgenommen, wobei ein Beamter den andern beständig controllirt, so daß so leicht kein Irrthum vorkommen kann. Fehlerhafte oder falsche Geldstücke werden zunächst ausgeschieden, dann nochmals sorgfältig geprüft, registrirt und wo möglich bis zu ihrer Ausgabequelle verfolgt. Dasselbe geschieht mit den Banknoten, Cassenanweisungen und anderen Werthpapieren. Die Prüfung der verdächtigen Stücke erfordert einen großen Scharfblick, eine staunenswerthe Sachkenntniß, ein seltenes Gedächtniß, da hier ein kaum sichtbares Pünktchen, ein kaum merkbares Häkchen von der größten Bedeutung sind.

Sobald die Beutel, welche gewöhnlich fünfhundert Thaler enthalten, eingezählt sind, werden sie, mit dem Namen des betreffenden Beamten versehen, in den Tresor der Bank abgeliefert. Dieser befindet sich in besondern, feuerfesten Räumen des Gebäudes unter vierfach sicherem Verschlusse. Die Beutel werden in solcher Ordnung aufgestellt, daß sie sofort übersehen und bei einer stattfindenden Revision leicht gezählt werden können. Aehnlich verhält es sich mit Gold und den Silberbarren, welche in gleicher Weise gezählt, geordnet und aufgeschichtet werden. Neuerer Zeit werden dieselben in leichten transportablen Kisten aufbewahrt. Der Baarvorrath an edlen Metallen, welcher je nach der größeren oder geringeren Lebhaftigkeit des Handels fortwährend schwankt, beläuft sich in der Hauptbank und ihren verschiedenen Comptoiren gegenwärtig auf ungefähr siebzig Millionen Thaler. Nur die vier mit diesem Amte betrauten höheren Beamten haben vereint den Zutritt zu diesen wohlverwahrten Schätzen, welche vor jeder Gefahr durch undurchdringliche Mauern, vierfach eiserne Thüren und Schlösser geschützt sind. Ein Blick in diese Räume dürfte jedoch keineswegs dem Bilde unserer geschäftigen Phantasie entsprechen. Statt der geträumten Wunderhöhle mit Wänden voll Gold und schimmerndem Silber, beleuchtet von der Zauberlampe Aladdin’s, sehen wir nur ein gewöhnlich, weiß getünchtes Gewölbe, durch dessen schwarze Eisengitter das Licht des Tages sparsam eindringt, angefüllt mit höchst prosaischen, grauen Geldsäcken und mit Silberbarren, welche man eben so gut für Bleiklumpen halten kann. Dennoch hat der Gedanke an die hier aufgestapelten Millionen etwas Berauschendes und Verlockendes.

Um den eigentlichen Geschäftsgang der Bank kennen zu lernen, begeben wir uns zunächst in die sogenannte „Discontocasse“, wo wir bereits am frühen Morgen ein zahlreiches Publicum versammelt finden. Hier werden die verschiedenen auf Berlin oder andere bekannte Handelsplätze gezogenen Wechsel discontirt, d. h. vor Verfall von der Bank gegen den von ihr bestimmten Zinsfuß bei genügender Personalsicherheit und mit guter Unterschrift von zwei gekannten Firmen oder Personen in baarem Gelde ausgezahlt. Von der Größe der hier täglich umgesetzten Summen kann man sich ungefähr einen Begriff machen, wenn man weiß, daß jährlich gegen viermalhunderttausend Wechsel in einem Werth von dreihundert Millionen und darüber discontirt werden.

Alle Anwesende ohne Unterschied des Standes und der Religion suchen und finden hier Geld bei der Bank, welche mit seltener Liberalität ihre Hauptaufgabe, Belebung und Unterstützung der heimischen Industrie und des Handels, erfüllt, wodurch sie sich von den meisten großen Geldinstituten und selbst von der englischen und französischen Bank vortheilhaft unterscheidet, indem sie die größten wie die kleinsten Wechsel discontirt und auch dem minder bedeutenden Fabrikanten und Kaufmann, besonders in kritischen Zeiten, ihre Hülfe bietet. Dadurch, daß sie auch dem Gutsbesitzer ihren Credit eröffnet, gewährt sie dem wichtigen Landbau eben so ihren Schutz wie dem Handelsstand. Während aber die meisten anderen Banken mindestens drei gute Unterschriften für einen Wechsel fordern, begnügt sie sich mit zwei und in besondern Fällen selbst mit einer einzigen Unterschrift. Wenn trotzdem ihre Verluste im Ganzen nur höchst unbedeutend sind, so verdankt sie dieses günstige Resultat hauptsächlich ihrer ausgezeichneten Leitung, ganz besonders aber dem Geh. Oberfinanzrath Schmidt, und den von ihr befolgten Grundsätzen. Indem die preußische Bank, wie wir bald sehen, die Personal-Sicherheit der Real-Sicherheit vorzieht und vor Allem die Wechselverbindlichkeit bei ihren Geschäften voranstellt, muß sie von ihren Beamten und besonders den Vorstehern der Comptoire eine genaue sorgfältige Personalkenntniß der mit ihr in Verbindung stehenden Häuser und Firmen fordern. Dieselbe beruht vorzüglich auf der strengsten Discretion, welche die Bank bei allen ihren nothwendigen Erkundigungen und Mittheilungen beobachtet. In allen Fällen bewahrt sie das strengste Geheimniß und deshalb genießt sie ein unbedingtes Vertrauen, das sogar so weit geht, daß in Berlin viele große Geschäftsinhaber keinen Anstand nehmen, ihre Jahres-Bilanz der Bank mitzutheilen. Außerdem erforscht und kennt sie [801] durch die geeigneten Agenten nicht nur den Vermögensstand, sondern auch den Charakter und die leitenden Grundsätze der Männer, mit denen sie es vorzugsweise zu thun hat. Dabei entwickelt sie einen überraschenden Scharfblick, eine wunderbare Kenntniß der Verhältnisse, verbunden mit dem feinsten Tact und einer merkwürdigen Divinationsgabe.

Oft ehe noch das Publicum und selbst der Betheiligte eine Ahnung haben, weiß oder ahnt sie, daß diese oder jene Firma dem Bankrott entgegengeht, und bricht deshalb unerwartet ihre Verbindungen fast immer zur rechten Zeit ab. Dies Wunder erklärt sich, zum Theil wenigstens, durch die in ihre Hände kommenden Papiere und die damit ermöglichte Einsicht in die Manipulationen der verschiedenen Firmen, sowie durch die Aufmerksamkeit, welche die Bank den wöchentlichen Berichten der verschiedenen Comptoire schenkt. Diese werden sorgfältig geprüft, durch besondere Referenten beurtheilt und mit einander verglichen, so daß die Bank stets genau von der Höhe der auf ein Haus laufenden Wechsel unterrichtet ist und darnach ihren Credit bemessen kann. Findet sich, daß dieser bereits sein Maximum erreicht und das meist genau bekannte Vermögen des Betreffenden übersteigt, so wird diesem in schonender Weise die entsprechende Mittheilung gemacht. In einzelnen Fällen werden vorher noch genauere Erkundigungen eingezogen, ein besonderer Vortrag gehalten und dann ein collegialischer Beschluß gefaßt. Bedenkt man, daß oft an einem einzigen Ort, wie z. B. in Köln, viertausend größere und kleinere Firmen zu beobachten sind, so kann man sich ungefähr einen Begriff von der Schwierigkeit einer solchen Aufgabe machen. Da aber das gesammte industrielle und handeltreibende Publicum mehr oder minder an dem Gedeihen der Bank betheiligt ist, so fehlt es ihr nicht an zuverlässigen Correspondenten, Vertrauensmännern und freiwilligen Mitarbeitern, deren Urtheile und Mittheilungen jedoch mit dem objectiven Thatbestand und den eigenen Erfahrungen verglichen werden, bevor man ihnen Folge giebt. Die geheimen Acten der Bank dürften vielleicht die wunderbarsten Aufschlüsse über die Geschichte des Vermögens und der Wechselfälle im Handelsstande liefern. In allen einigermaßen bedeutenden Industrie- und Handelsplätzen Preußens hat die Bank ihre Commanditen oder Filiale, die in ihrem Geschäftsbetrieb ganz dasselbe System verfolgen wie die Mutteranstalt in Berlin, in allen zweifelhaften Fällen aber sich hier erst Rath erholen müssen. Die Controle der von der Bank ausgegebenen Noten (k. preuß. Banknoten) wird durch die sogenannte Immediatcommission bewirkt. Die Anfertigung der Noten selbst geschieht in der königl. Staatsdruckerei, wo die nöthige Aufsicht darüber in der nämlichen Weise geregelt ist wie bei den Cassenscheinen. Dieselbe controlirende Behörde ist auch mit der Vernichtung der in die Bank zurückströmenden Noten betraut. Nachdem dieselben auf den betreffenden Büchern postenweise gelöscht sind, werden sie als „Werthlos“ bestempelt, mit einem Eisen durchlocht und dann in einem eigens dazu construirten Ofen, der in einem abgesonderten Locale des Bankgebäudes steht, unter Aufsicht der genannten Behörde verbrannt.

Ihre Hauptthätigkeit entwickelt die Bank in Zeiten einer drohenden Krisis, wie z. B. in diesem Jahre, wo vorzugsweise ihre Leistungsfähigkeit ein Anspruch genommen wurde. Durch die Umsicht und wahrhaft liberale Gesinnung des gegenwärtigen Bankpräsidenten von Dechend wurde während des Krieges Handel und Industrie vor schweren Verlusten bewahrt, indem die Bank mit größter Bereitwilligkeit den Anforderungen auf baares Geld, so weit sie den inneren Handel betrafen, entgegenkam und durch zweckmäßige Manöver die hochgeschraubten Course der auf auswärtige Plätze lautenden Wechsel durch Hinausgabe großer Posten ihres Vorraths davon plötzlich herabdrückte und dadurch dem Abflusse des Silbers nach auswärts, namentlich Frankfurt a. M., Einhalt that. Es war daher hauptsächlich das Verdienst der preußischen Bank, daß eine so bedeutende Katastrophe ohne tiefere Erschütterung vorüberzog, indem sie selbst den kleinsten Firmen durch die sogenannten Darlehenscassenscheine, welche sich bereits 1848 trefflich bewährt hatten, die Mittel gewährte, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Minder wichtig und groß als das ausgedehnte Discontogeschäft ist der Lombard-Verkehr der Bank, d. h. die Beleihung von Unterpfändern, von Gold, Silbergeräth und dem Verderben nicht ausgesetzten Waaren. Im Allgemeinen hält die Bank an ihrem Grundsatz fest und zieht die Personal-Sicherheit, die Wechselverbindlichkeit jeder Real-Sicherheit vor. Auch will sie nur solche Geschäfte unterstützen, welche auf einem wirklich reell abgeschlossenen Handel, oder auf einer sicheren industriellen Unternehmung basiren, um der bloßen Speculation nicht die Hand zu bieten. Ebenso ist der Giro-Verkehr, wenn wir ihn mit dem anderer Geldinstitute und selbst Privatbanken, wie z. B. die hiesige Disconto-Gesellschaft, vergleichen, nur gering zu nennen. Außerdem verwahrt und verzinst die preußische Bank alle Gelder, welche. öffentliche Behörden und Privatpersonen ihr anvertrauen; auch ist sie befugt, Gold, Silber, Pretiosen und Documente aller Art in der vorgeschriebenen Form und ohne Kenntnißnahme des Inhalts gegen Ausstellung von Depositalscheinen und eine dafür zu entrichtende Gebühr in Empfang zu nehmen. Die zu diesem Zweck bestimmte Schatzkammer enthält manches kostbare Werthstück. Da jedoch die Bank von dem Inhalt keine Kenntniß hat und die Vorzeigung des Empfangscheins genügt, um sich als Eigenthümer zu legitimiren, so fehlt es hier nicht an interessanten Zwischenfällen. So machte eine Dame die unangenehme Entdeckung, daß ihr kostbarer Schmuck, den ihr Mann selbst auf die Bank gebracht, statt der echten falsche Demanten enthielt. Bei genauerer Nachforschung ergab sich, daß diese Umtauschung der eigene Mann bewerkstelligt hatte, um seine Spielschulden zu bezahlen. In einem anderen bekannten Fall wurde eine reiche Wittwe aus den höheren Ständen fast um ihr ganzes Vermögen durch die Sorglosigkeit gebracht, mit der sie einem jungen Verwandten die Besorgung werthvoller Documente anvertraute. Der Leichtsinnige hatte auf dem Wege nach der Bank Zeit und Gelegenheit gefunden, den Kasten auszuleeren und die Werthstücke mit Papierschnitzeln zu vertauschen.

Die Verwaltung der Bank entspricht ihrer dualistischen Natur, da sie ein gemischtes Institut ist und zum Theil ihr Betriebscapital vom Staat, zum Theil von Privaten erhält. Ihr Chef ist der jedesmalige Handelsminister, dem ein Bank-Curatorium von fünf höchsten Staatsbeamten zur Seite steht, die sich vierteljährlich versammeln. Die Eigenthümer der Bankantheile haben dagegen jährlich eine Generalversammlung, wo sie den Rechenschaftsbericht entgegennehmen, die Wahl des Central-Ausschusses vollziehen und über solche Abänderungen der Bankordnung entscheiden, welche ihrer Zustimmung bedürfen. Der Central-Ausschuß wählt aus seiner Mitte eine Anzahl Deputirte, welche die Controle über alle wichtige Bankoperationen ausüben. Das Betriebscapital besteht aus dem Einschuß des Staates mit ungefähr zwei Millionen, aus dem Beitrag der Actionäre, der neuerdings auf zwanzig Millionen erhöht worden ist, aus dem Depositen-Capital im Werth von dreiundzwanzig Millionen und aus dem Reservefond von ungefähr vier Millionen, im Ganzen gegen fünfzig Millionen. Dagegen waren jetzt an Banknoten in Umlauf 136,148,000 Thaler, denen ein Baarvorrath von siebenzig Millionen in geprägtem Gelde gegenüber stand. Der ganze Umsatz der Bank betrug im Jahre 1865 die bedeutende Summe von 2,273,608,200 Thaler, und der Gewinn, welcher zur Hälfte zwischen dem Staat und den Bank-Eignern getheilt wird, belief sich, nach Abzug sämmtlicher Kosten, Zinsen und eines Sechstels für den Reservefond, auf zwei Millionen. Allwöchentlich erscheint in den öffentlichen Blättern eine Bilanz der in der Hauptbank nebst ihren Comptoiren in den letzten sechs Tagen gemachten Geschäfte, der Status. Alle vier Wochen aber bleibt die Hauptcasse während eines Theiles der Vormittagsstunden der erforderlichen Revision wegen geschlossen, was vorher dem Publicum bekannt gemacht wird.

Die glänzenden Resultate des Instituts sind jedoch nicht ohne schwere Kämpfe und erst im Laufe der letzten Jahre errungen worden. Wohl selten hat ein Institut bei seinem Entstehen so große Hindernisse zu überwinden, so furchtbare Krisen zu bestehen gehabt. Weit später, als in andern Ländern, wurde die preußische Bank durch Friedrich den Großen in’s Leben gerufen, und zwar haben, wie Mirabeau berichtet, wahrscheinlich der Major Quintus Icilius und ein Hamburger Kaufmann Wurmb den Plan nach dem Muster des Hamburger Bankreglements ausgearbeitet. Durch die königl. Edicte vom 17. Juli 1765 und 29. October 1766 wurde indeß die 1753 gegründete Giro- und Wechselbank wieder aufgehoben und dafür die königl. Haupt-Bank gestiftet.

Acht Millionen Grundcapital hatte der König für die Bank bestimmt, von denen sie jedoch keinen Heller erhielt, da das Geld für andere Zwecke, besonders zur Unterstützung der durch den Krieg [802] verwüsteten Provinzen verwendet wurde. Nur einen Fond von viermalhunderttausend Thalern erhielt sie in Wirklichkeit, von denen jedoch auch ein Theil sofort eine anderweitige Verwendung fand und nicht wieder in den Besitz der Bank gelangte. Aber selbst diese unbedeutende Summe wurde ihr nur als Vorschuß anvertraut. Dazu verlor sie gleich im ersten Jahre durch fehlerhafte Leitung ein ansehnliches Capital. Später jedoch flossen ihr aus den königlichen Cassen bedeutende Depositen zu, aber trotz aller Ueberschüsse belief sich bis zum Jahre 1806 das eigene Vermögen nicht höher, als siebenmalhunderttausend Thaler. Nach der unglücklichen Schlacht bei Jena brach das Mißgeschick mit furchtbarer Gewalt herein. Selbst die Umsicht und Energie des berühmten Freiherrn von Stein vermochte nicht die Bank vor Ruin zu bewahren. Ein Theil der Cassen wurde von dem Feinde geplündert, dazu gesellten sich Verluste über Verluste, herbeigeführt durch die ungeheuren Schwankungen aller Course und die frühere Festlegung ihrer Capitalien. Die Vorschüsse von zehn Millionen Thalern, die sie den eroberten Provinzen geleistet, wurden ihr zwar von Napoleon garantirt, allein mit frecher Verhöhnung aller feierlichen Versicherungen geraubt.

Erst im Jahre 1819 erfolgte die nothwendige Reorganisation der Bank, sie hatte eine Passivmasse von sechsundzwanzig Millionen, während ihre Activa nur zwölf Millionen betrugen. Von den in ihren Büchern verzeichneten Forderungen mußte sie gegen acht Millionen als unrealisirbar streichen. Aber mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit überwand sie diese gefährliche Krisis. Während im Anfange des Jahres 1818 die Baarvorräthe der Bank ungefähr eine Million betrugen, beliefen sich dieselben bereits 1845 auf zwölf und eine halbe Million. In demselben Verhältniß war der Geschäftsumsatz in dieser Periode von vierundvierzig Millionen auf dreihundert vierundsiebenzig, also auf das Achtundeinhalbfache, gestiegen. Trotz dieser überraschenden Resultate stellte sich immer mehr die Nothwendigkeit einer gänzlichen Umgestaltung der Bank heraus, da sie dem Fortschritt und ungeheuren Aufschwung des Handels und der Industrie nicht länger genügen konnte. Es handelte sich in erster Linie darum, die Bank von ihrer engen Verbindung mit dem Staate zu befreien und mehr für das gesteigerte Bedürfniß der Privaten und vorzugsweise zur Hebung des Nationalwohlstandes zu benutzen, wozu jedoch eine entsprechende Vermehrung des Betriebscapitals unumgänglich nothwendig war. Durch die königl. Cabinetsordres vom 11. April und 18. Juni 1846 wurde daher die Liquidation der bisherigen königlichen Bank angeordnet und eine Bankordnung für das neue Institut erlassen, bei welcher sich auch Private betheiligen konnten.

Nach der jetzigen Bankordnung ist die Bank in ihrer gegenwärtigen Einrichtung hauptsächlich dazu bestimmt: den Geldumlauf des Landes zu befördern, Capitalien nutzbar zu machen, vor Allem Handel und Gewerbe zu unterstützen und einer übermäßigen Steigerung des Zinsfußes vorzubeugen. Wie sie diese Aufgabe zu erfüllen suchte, bezeugt der wachsende Wohlstand Berlins und des preußischen Staates, der hohe Aufschwung des Handels und der Industrie, woran ihr gewiß ein großer Antheil gebührt.




Ruine Wildenfels.
Erzählung von Friedrich Gerstäcker.
(Fortsetzung.)


Noch gestern Abend hatte man bei dem in Haft genommenen Menschen, der durch des jungen Actuars Umsicht aufgespürt worden, Haussuchung gehalten und in einem Winkel seiner Schlafkammer, unter einem Haufen alter Zeitungen und Papiere, ein kleines, fest zusammengebundenes Paket neuer preußischer Fünfundzwanzigthaler-Scheine gefunden, die augenblicklich durch einen reitenden Boten nach Hellenhof hinübergeschickt wurden. Die Banknoten waren aber so täuschend nachgeahmt, daß sie der Untersuchungsrichter nicht für gefälscht, sondern für gestohlen hielt und die Sache bis zur Geschäftsstunde ruhen ließ, weil um neun Uhr schon ein Verhör für den Inhaftirten angesetzt worden. Da Actuar von der Haide den Menschen, einen Wollhändler aus dem Nassauischen, zu verhören hatte, so ließ ihn sein Vorgesetzter ersuchen, um acht Uhr zu ihm zu kommen, um ihm das jedenfalls gestohlene Gut einzuhändigen.

Der junge Mann erschien und nahm die Banknoten in Empfang; jedoch seinerseits mit dem Verdacht, daß sie es hier weit eher mit einem Fälscher, als einem gemeinen Dieb zu thun hätten, ging er, noch vor dem Verhör, mit einer der Noten zu einem ihm befreundeten Kupferstecher, um dessen Meinung darüber zu hören.

Dieser erklärte beim ersten Anblick die Banknote ebenfalls für echt, holte aber doch eine alte Fünfundzwanzigthaler-Note, die er gerade besaß, hervor und verglich beide mit der Loupe, wonach er bald auf kleine, sonst fast nicht zu bemerkende Mängel aufmerksam wurde. Nach wenigen Minuten schon erklärte er, daß hier ein allerdings meisterhaft gearbeitetes Falsificat vorliege: die Note sei falsch.

Das Verhör sollte nicht lange dauern. Der Wollhändler, der sich in solcher Art durch die bei ihm gefundenen Noten überführt sah, gab nach kurzen Kreuzfragen die Wahrheit der Anklage zu und suchte jetzt nur alle Schuld von sich selber abzuwälzen. Er habe die Noten von einem Freund bekommen, um sie auszugeben, sagte er.

Und wie hieß der Freund, von dem er sie bekommen?

Der Mann zögerte mit der Antwort: er suchte Ausflüchte und nannte zuerst ein paar fremde Namen, aber es half ihm nichts. Er hatte sich schon zu weit verfahren, um noch zurück zu können, und gab endlich eine Person an, bei der das Herz des Untersuchenden stockte – Paul Jochus in Wellheim!

„Paul Jochus?“ rief der junge Actuar entsetzt aus.

„Der Wirth vom Burgverließ,“ bestätigte leise der Gefangene, und der Protokollant eilte, die wichtige Thatsache zu Papier zu bringen.

Einen Augenblick herrschte Todtenstille in dem weiten Verhörzimmer, und nur das Kritzeln der Feder zischelte, wie das Flüstern böser Geister in der Luft. Jetzt hatte der Protokollführer die Aussage niedergeschrieben und sah den Actuar an. Warum zögerte dieser, mit seinen Fragen fortzufahren? Warum schmiedete er das Eisen nicht, so lange es heiß war? Der junge Mann konnte nicht – die Zunge klebte ihm fast am Gaumen, und in wirren, wirbelnden Bildern jagten ihm die Ereignisse des vergangenen Tages an der Seele vorbei.

Deshalb hatte Rosel seine Hand ausgeschlagen, seine Werbung zurückgewiesen! Das war das entsetzliche Geheimniß, das sich zwischen sie gelegt, und seit jener Nacht – ja – seit jener Nacht erst, in der sie auf der Ruine gewesen, und dort – dort mußte sie es erfahren haben!

Endlich ermannte sich der Actuar wieder – er fühlte nur das Eine, daß er seine Pflicht thun müsse, was auch immer die Folgen davon sein mochten; er konnte und wollte sich derselben nicht entziehen. Und Rosel? – sie mochte um das Verbrechen gewußt haben, aber nie hatte sie Theil daran genommen, das fühlte er in jeder Faser seines Herzens; wie unglücklich sie dadurch geworden, davon war er ja selber Zeuge gewesen. Aber andere Gedanken jagten zugleich durch sein Hirn. Wer waren die Helfershelfer, die der Wirth gehabt haben mußte, denn der alte Jochus hatte dies Papier nie selber fabricirt – wer konnten sie anders sein als sein Sohn, der hier in Hellenhof ansässige Graveur, und jener eingewanderte Künstler – der Mensch, der es gewagt hatte, sein Auge zu Rosel zu erheben? Er war von seinem Stuhl aufgestanden und ein paar Mal im Zimmer auf- und abgegangen, dann klingelte er. Einer der Gerichtsdiener kam herein und er flüsterte ihm leise einige Worte zu, worauf der Mann das Zimmer wieder verließ. Jetzt erst setzte der Actuar das Verhör fort, das aber nicht mehr viel Wichtiges ergab, denn der Gefangene schien es für gerathener zu halten, sich so wenig als möglich an der Schuld betheiligt darzustellen, und wollte von keinen weiteren Noten wissen, die er je empfangen und verbreitet habe. Auch ob Paul Jochus, der Wirth, mit irgend wem in Verbindung stehe, wollte er nicht wissen. Er war in Wellheim gewesen, und der Wirth [803] hatte ihm hier das Anerbieten gemacht. Wo der die Noten her habe, könne er nicht sagen. Er wollte oder konnte nichts weiter gestehen und mußte in seine Zelle zurückgeführt werden.

Es war zehn Uhr geworden, als der ausgesandte Bote zurückkehrte und dem Herrn Actuar meldete, die beiden Graveure Franz Jochus und Wilhelm Brendel seien nicht in ihrer Behausung, wohl aber wollte ein Weinbauer vor kaum einer halben Stunde gesehen haben, wie sie draußen von dem Weg nach Wellheim abgebogen und der Wildenfels-Ruine zugeschritten wären.

Jetzt durfte er seinen Verdacht nicht länger zurückhalten und ließ sich bei seinem Vorgesetzten melden, dem er die einzelnen Thatsachen mittheilte, ja selbst seine Neigung zu der Tochter des Paul Jochus nicht verschwieg und seine Befürchtung aussprach, daß jener nächtliche Besuch der Ruine ihr irgend etwas verrathen haben müsse, das sie unglücklich und elend gemacht, denn sie sei von der Zeit an wie umgewandelt gewesen.

Der alte Criminalrichter hörte ihm aufmerksam zu und nickte nur manchmal leise mit dem Kopfe.

„Und was gedenken Sie jetzt zu thun?“ frug er, als der junge Mann schwieg.

„Ich wollte Sie bitten, einen Anderen mit der augenblicklichen Untersuchung der Ruine zu beauftragen; in wenigen Stunden könnte es zu spät sein.“

„Aber es ist nicht möglich, daß die Herren schon irgend welchen Verdacht geschöpft haben. Sie können nicht einmal wissen, daß ihr Bundesgenosse eingebracht ist.“

Der Actuar zögerte mit der Antwort, denn er mußte sich selber dadurch anklagen; er dachte dessen, was er gestern Abend mit Rosel gesprochen. Erst nachträglich war ihm aufgefallen, welchen Antheil sie gerade in dem Augenblick an einer Sache genommen, die ihr doch eigentlich so fern liegen mußte. Wer hätte es der Tochter verdenken wollen, wenn sie den Vater gewarnt, und wenn er jetzt dem Vorgesetzten seine Befürchtung verheimlichte, machte er sich dann nicht zum Mitschuldigen an dem Verbrechen?

Es war ein augenblicklicher Kampf zwischen Liebe und Pflicht, aber die Pflicht siegte, noch dazu, da er nur dadurch hoffen durfte, das ihm theure Mädchen von all’ jenen entsetzlichen Verbindungen zu befreien und dennoch für sich zu gewinnen.

Er erzählte dem Untersuchungsrichter sein gestriges Gespräch mit dem armen Mädchen und verschwieg nichts. Kaum aber hatte er geendet, als der alte Herr sich von seinem Stuhle erhob und rief:

„Sie haben Recht, Herr Actuar, und hier meine Hand, ich verstehe, welche Ueberwindung Ihnen das Geheimniß gekostet haben mag, und verspreche Ihnen auch, daß Sie mit der Sache nichts weiter zu thun haben sollen. Ueberlassen Sie das Andere mir und senden Sie mir nur augenblicklich den Herrn Assessor Schüler herüber. Mit dem werde ich das Weitere besprechen.“

Jetzt entwickelte sich in dem alten Gebäude eine ganz merkwürdige Thätigkeit und es dauerte keine Viertelstunde, so wurden Leute nach allen Seiten ausgeschickt.

Drei berittene Gensd’armen trabten, so rasch ihre Pferde sie bringen konnten, den Weg nach Wellheim; ihnen folgten etwas langsamer drei andere in Begleitung einer kleinen Abtheilung Militär und mehrere Polizeidiener. Assessor Schüler selber mit einem jungen Prakticanten fuhr in einem Einspänner den nämlichen Weg.

Zu gleicher Zeit wurde Polizei nach dem Hause der beiden Graveure Jochus und Brendel gesandt, sie trafen aber noch Niemanden daheim und postirten sich dann, ohne Lärm zu machen, in der Nachbarschaft. Die Gensd’armen waren direct vor das Wirthshaus zum Burgverließ geritten. Rosel stand gerade in der Thür, als sie hielten, und jeder Blutstropfen mußte ihr Antlitz verlassen haben, denn sie sah blaß aus wie eine Leiche. Aber jede Schwäche war auch von ihr gewichen, denn seit heute Morgen wußte sie, was kommen mußte. Daß es etwas früher kam, als sie erwartet haben mochte, konnte sie nicht überraschen. Sie beantwortete die Fragen nach ihrem Vater ruhig und gefaßt; er habe heute Morgen das Haus verlassen und sei noch nicht zurückgekehrt; wo er sich aufhalte, könne sie nicht sagen, vielleicht drüben in Hellenhof, bei ihrem Bruder.

„Thun Sie Ihre Pflicht,“ sagte sie seufzend zu den Gensd’armen, die ihr das Bedauern aussprachen, das Haus besetzen zu müssen, „ich kann’s nicht hindern, und wenn ich’s könnte,“ setzte sie leise und scheu hinzu, „weiß ich nicht einmal, ob ich’s thäte.“

Damit ging sie in ihr Zimmer hinauf, setzte sich an’s Fenster und starrte still und schweigend, doch mit thränenlosen Augen, nach der alten Ruine hinauf, deren halbverfallenen Thurm sie von dort aus deutlich durch die Wipfel der Büsche und Obstbäume unterscheiden konnte.


9. Schluß.

Indessen verfolgten die drei Verbrecher ihre verschiedenen Bahnen, die sie an den Schauplatz ihrer Thätigkeit – und zwar zum letzten Mal – zusammenführen sollten. Anfangs hatten sie sich völlig Zeit genommen und Brendel selber war in einem mäßigen Schritt, doch düster brütend vorwärts gewandert. Aber je länger er sich seinen alten Erinnerungen überließ, desto mehr trieb ihn die Angst vor Entdeckung weiter und zuletzt eilte er in einer solchen Hast vorwärts, daß ihm Franz kaum zu folgen vermochte.

„Zum Teufel,“ rief dieser endlich ärgerlich, „was hetzest Du denn nur so furchtbar heute Morgen? So eilig ist die Geschichte nicht, daß wir uns unnöthiger Weise den Athem aus der Seele laufen sollten.“

„Wir sind Thoren gewesen,“ knirschte Brendel zwischen den Zähnen durch, „daß wir uns so lange Zeit genommen haben, und mir hat geahnt, wie es noch Alles kommen würde.“

„Aber was ist denn eigentlich gekommen?“ rief Franz ärgerlich. „Sie haben irgend Jemanden dabei ertappt, falsche Banknoten auszugeben, das ist Alles, und was wollen sie machen, wenn er nicht gesteht? Indeß wirklich den schlimmsten Fall genommen, daß er gestände, was er weiß, so verräth er doch unser Versteck nicht, das Niemand weiter kennt, als wir selber. Wie ich’s mir unterwegs überlegt habe, glaub’ ich, es wäre am Ende gar das Beste, wir ließen Alles dort oben ruhig, wie es steht, denn kein Mensch denkt an die alte Ruine, um dort Nachsuchung zu halten.“

„Und Deine Schwester kennt unser Geheimniß wohl nicht?“

„Du glaubst doch bei Gott nicht, daß die uns verrathen würde?“

„Ich will wünschen, daß wir uns nicht vom Gegentheil überzeugen,“ brummte Brendel, „aber so viel weiß ich gewiß, nicht eine Viertelstunde vertrau’ ich länger einer Weiberzunge. Macht Ihr, was Ihr wollt, mir kann’s recht sein; schon heut’ Abend jedoch bin ich auf dem Weg zur französischen Grenze.“

Franz hatte, wenn auch im ersten Augenblick durch die Nachricht überrascht, noch nicht so recht an eine wirkliche Entdeckung ihres verbrecherischen Treibens geglaubt, da sie ihm so lange und ungestraft gefolgt waren; durch Brendel’s Angst wurde er jetzt selber mit angstvoll. Die Möglichkeit eines Verraths ließ sich allerdings nicht leugnen, und doppelt schwer würde sie derselbe in einem Augenblicke betroffen haben, wo sie wirklich am Ziel ihrer Wünsche standen und ein bedeutendes Capital meisterhaft gefertigter Noten in ihrem Besitz wußten. Jedenfalls war es deshalb vorsichtig gehandelt, diese wenigstens in Sicherheit zu bringen, vielleicht auch gerathen, sich selber eine kurze Zeit aus dem Weg zu halten, bis man erst gewiß wußte, daß der Sturm vorübergebraust sei. Mit diesen Gedanken beschäftigt, erstieg er schweigend mit dem Gefährten den rauhen, buschbewachsenen Hügel, bis sie den Pfad erreichten, der hinaufführte.

Paul Jochus war noch nicht da, lange ließ er indeß nicht auf sich warten. Kaum hatten sie das Gewölbe betreten, als sie seinen Schritt und gleich darauf sein Zeichen hörten.

„Aber Vater, wo hast Du nur gesteckt?“ rief ihm Franz entgegen, „wir hatten fast noch einmal so weit als Du.“

„Dann müßt Ihr gelaufen sein,“ sagte der Alte mürrisch, „ich hielt mich noch unterwegs auf. Wie ich kaum die Büsche erreicht hatte und ein Stück hinangeklettert war, bis zu der Stelle, wo früher die hölzerne Bank stand und von wo aus man einen Theil der Chaussee übersehen kann, kamen plötzlich drei Gensd’armen im scharfen Trab die Straße gen Wellheim hinunter geritten.“

„Nun – und?“

„Und?“ brummte Jochus, „ich möchte wissen, weshalb die in so verdammter Eile waren und wohin sie wollten.“

„Hast Du’s denn nicht gesehen?“

[804] „Wie konnt’ ich? Weiter ein Stück drunten verdecken die Büsche wieder die Aussicht. So weit ich sie sehen konnte, hielten sie die Straße.“

„Bah,“ sagte Franz verächtlich, „wer weiß, welchem armen Handwerksburschen ohne Wanderbuch sie auf der Fährte sind. Uns geniren sie hier nicht.“

„Etwas ist aber im Wind,“ sagte Brendel finster, „und es war vielleicht die höchste Zeit, daß wir an die Arbeit gingen. Was fangen wir aber mit der Presse an? Verstecken wir sie, wie wir’s früher bestimmt?“

„Gewiß,“ sagte Franz, „das Loch dazu ist ja schon lange gegraben und in einer halben Stunde haben wir Alles aus dem Weg.“

„Und der Kasten?“

„Muß mit hinein. Wir dürfen keine Spur zurücklassen. Theile nur indessen die Noten ab, Brendel, damit Jeder seinen Part bei sich verstecken kann. Du, Vater, hilf ihm und ich werde indessen das Grabgeschäft besorgen. Schade um die schöne Presse, sie muß hier total verrosten, doch es läßt sich eben nicht ändern. Fort dürfen wir sie unter keiner Bedingung schaffen, jetzt wenigstens noch nicht. Vielleicht findet sich im Winter und in den langen Nächten einmal Zeit und Gelegenheit dazu.“

Die drei Leute gingen nun rüstig an die Arbeit, denn es galt nur noch die letzten Spuren zu vertilgen, durch welche sie eine Entdeckung fürchten durften, und dann ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ehe irgend ein Verdacht auf sie fallen konnte. Die Presse wurde in eine schon bereit gehaltene breite Grube langsam und vorsichtig hineingelassen, und während sich Brendel mit dem alten Jochus daran machte, die schon in Pakete gesonderten Noten in drei Theile zu scheiden und seinen Theil, so gut das eben ging, an seinem Körper zu verbergen, nahm Franz das kurze, schwere Beil und schlug die Beine von dem eichenen Tisch ab, der ihnen bis jetzt als Arbeitstafel gedient und dessen Heraufschaffen ihnen früher die größte Mühe gemacht. Es ging das nicht ohne Lärm ab und Brendel fühlte sich zuletzt durch das Hämmern so beunruhigt, daß er ärgerlich ausrief:

„Zum Teufel auch, ich wollte, Du hättest das alte Ding hier unten ruhig stehen und verfaulen lassen. Und wenn sie ihn einmal fänden, was läge daran?“

„Wenn sie den Tisch fänden, wüßten sie auch, daß noch mehr hier unten versteckt ist,“ sagte Franz störrisch, „aber seid Ihr denn noch nicht mit dem Abzählen fertig?“

„Gewiß, Deine Noten stecken hier in der Ledertasche.“

„Gut, dann geh’ Du indessen lieber einmal hinauf, Vater, und halte eine Viertelstunde Wacht; indessen machen wir die Geschichte hier fertig und in Ordnung. Laß Dein Paket nur so lange hier unten, es wäre ja doch möglich, daß ein oder der andere Fremde bei dem schönen Wetter hier hinaufkletterte, und sicher ist sicher.“

„’s ist am Ende besser,“ sagte der Alte, „aber halte Dich dazu; wir haben schon eine Menge Zeit verloren und ich muß machen, daß ich wieder nach Wellheim komme.“

Noch während er sprach, verbarg er einen Theil der Pakete, von denen jedes eintausend Thaler enthielt, an seinem Körper, legte dann die anderen unten in eine Ecke, um sie nachher mitzunehmen, und stieg langsam den steilen, schlüpfrigen Pfad hinauf, der in den Burghof hineinführte.

Einmal hielt er erschreckt inne, denn es war ihm fast, als ob er oben ein Geräusch gehört hätte, regungslos stand er und horchte, doch es schien Alles ruhig. Nur hohl und dumpf klangen die Schläge des Beils von unten herauf, mit denen Franz jetzt die Stühle zertrümmerte, um sie ebenfalls in die Grube zu werfen, an der Brendel schon angefangen hatte, sie an der einen Seite auszufüllen. Dicht daneben hatte er noch ein kleines, aber ziemlich tiefes Loch gegraben und in dieses den Rest der noch nicht vollendeten Banknoten mit dem Spaten hinabgestampft; dort unten mochten sie verfaulen, denn wenn sie jetzt ein Feuer anzündeten, so konnte sie vielleicht der aufsteigende Rauch verrathen.

Paul Jochus hatte indessen die steilen Treppenüberreste erreicht, die hinauf in’s Freie führten. Es war ihm wunderbar bänglich zu Muthe und er scheute sich an das Tageslicht hinaufzusteigen. Warum denn? Oft und oft hatte er den Weg gemacht und kannte doch wahrhaftig keine Furcht, es war nur ein sonderbares Gefühl, das ihn beschlich, und immer wieder horchte er auf’s Neue. Aber da unten wurde es ihm zuletzt, als ob er gar keinen Athem mehr holen könne; wie Blei lag es ihm auf der Brust, und er kletterte jetzt rasch die Treppe hinauf, um nur erst einmal an die frische Luft zu kommen.

(Schluß folgt.)




„Und Friede auf Erden.“


Und Friede war’s auf Erden wieder,
Und strahlend sank die heil’ge Nacht,
Die einst den Engelsgruß gebracht,
Auf die beglückte Welt hernieder. –

5
Weit durch die stolzgewölbten Bogen

In’s stille Land dringt Pracht und Glanz,
Von Lust und Ruhm ein frischer Kranz
Hat hell das alte Schloß umzogen.

Heim kam der Herr aus blut’gem Kriege,

10
Kein Haar auf seinem Haupt berührt,

Die treue Schaar hat er geführt
Im Sturmesschritt von Sieg zu Siege;
Dank bringt dem himmlischen Berather
Am reichen Weihnachtstisch’ er dar,

15
Die Mutter und der Kinder Schaar

Dankt für den Helden und den Vater.

In ihren Augen blinken Thränen,
Es blitzt das Kreuz auf seiner Brust,
Hier ward befriedigt jede Lust,

20
Kein Hoffen blieb ein eitles Wähnen,

Und aus der Fluth des Kerzenbrandes
Erglänzt in so viel Glück hinein
Vieltausendfach mit gold’nem Schein
Des Königs Bild als Dank des Landes.

25
Und Friede war’s auf Erden wieder,

Starr steht das arme Kind am Thor
Und staunt und reckt die Hand empor,
Als rief’ es all’ die Pracht hernieder,
Damit sein Elend satt sich sauge

30
An diesem zaubervollen Traum;

Mit ihm freut sich am Lichterbaum
Kein Mutterherz, kein Vaterauge.

Von Weib und Kind riß sich der Fröhner,
Stumm zu gehorchen stets gewohnt,

35
Nicht Glück noch Dank hat ihm gelohnt,

Der auch des Schlachtfelds Tagelöhner;
Verzweiflung ließ ihn wild sich raufen,
Der Seinen nur dacht’ er dabei;
In deutscher Brust das deutsche Blei,

40
So stürzt’ er auf den großen Haufen.


Zwei Herzen hat der Schuß getroffen,
Doch härter war der Wittwe Tod,
Sie ließ die Waise ohne Brod,
Die sie gesegnet ohne Hoffen. –

45
Nicht länger will die Pfleg’rin lungern,

Des Schlosses Lichter löschen aus,
Sie weckt das Kind und treibt’s nach Haus,
Zu frieren wieder und zu hungern.

Wohl mögt Ihr hoch die Helden preisen,

50
Und Jeder ehrt sich, der sie schmückt,

Doch denkt, beglückend und beglückt,
Der armen Wittwen auch und Waisen,
Daß trocken alle Thränen werden;
Erst wenn sich freundlich Reich und Arm

55
Begegnen ohne Haß und Harm,

Erst dann wird Friede sein auf Erden!

Albert Traeger.
[805]
Die Gartenlaube (1866) b 805.jpg

Am Weihnachtsabend

[806]
Der Beherrscher eines Kleinstaates.[2]


Wenn wir den bereits mitgetheilten Zügen und Scenen aus dem Leben und Wirken Heinrich’s des Zweiundsiebenzigsten noch eine zweite, einer anderen Feder entflossene Charakterschilderung desselben folgen lassen, bedarf es wohl kaum der Versicherung, daß wir damit der Persönlichkeit dieses einstmaligen Regenten eine geschichtliche Bedeutung nicht beilegen wollen. Dennoch ist es nicht blos ein psychologisches Interesse, nicht blos das Ergötzen an einer charakteristischen Figur, wodurch die Gestalt des Mannes unserer Aufmerksamkeit sich nahe legt, sondern vor Allem doch der Umstand, daß dieser Sonderling nicht ein Privatmann, sondern unter dem Schutze des hohen Bundestages der unumschränkte Beherrscher eines Landes, daß das Wohl und Wehe von immerhin vierundzwanzigtausend menschlichen Wesen den verkehrten Anschauungen und Begriffen, den willkürlichen Einfällen, Leidenschaften und Launen eines solchen Menschen anheimgegeben war. Vierundzwanzigtausend sicher zum großen Theile gesittete und gebildete Deutsche standen schutzlos und ohnmächtig seinem oft unzurechnungsfähigen Willen gegenüber, mußten ihm Treue und Gehorsam schwören, sich der Liebe und Ehrfurcht gegen ihn befleißigen, vor ihm im Staube kriechen, für ihn nöthigenfalls in den Tod gehen, bei jeder Beschwerde über ihn, jedem Tadel oder jeder Auflehnung gegen ihn die Strafe der Majestätsbeleidigung oder des Hochverraths erwarten und in den Kirchen dem lieben Gott an jedem. Sonntage für das Glück danken, von einem solchen Fürsten beherrscht zu werden!

Die Kleinheit eines Gemeinwesens ist an sich kein Uebel, sondern kann unter Umständen ein Vorzug und eine Bürgschaft glücklicher Zustände sein. Nicht in ihrem geringen Umfange liegt das Unglück der kleinen Staaten, sondern in der bisherigen Unverantwortlichkeit ihrer Gewalthaber, die nach oben durch keine Schranke ihres Beliebens, von unten her nicht durch eine imponirende Volkskraft in Schach gehalten werden. Selbst in einem absolutistisch regierten Großstaate ist ein Despotismus nicht möglich, wie er bei einigem guten Willen von den souveränen Fürsten kleiner deutscher Staaten und ihrem Anhange von Bedienten und Schmeichlern noch vor nicht allzulanger Zeit im hellen Tageslichte des neunzehnten Jahrhunderts verübt zu werden vermochte.

Möge man daher in dieser Beziehung Heinrich den Zweiundsiebenzigsten nicht als eine zu starke Abnormität und Ausnahme betrachten. Was bei ihm in so auffallenden Formen zu Tage getreten, wird von jedem Kenner deutscher Zustände nur als der schiefe, verschrobene, barock-originelle, aber durchaus consequente Ausdruck gewisser specifischer Anschauungen, Neigungen und Charaktereigenschaften erkannt werden, wie sie die ganze Erziehung und Stellung vieler kleiner Fürsten, namentlich der Widerspruch zwischen ihrer großen Bedeutungslosigkeit nach Außen und einer fast gottähnlichen Macht nach Innen auch an andern deutschen Höfen in den verschiedensten Gestalten erzeugen mußte. Mit wenigen Ausnahmen – die weisen und trefflichen unter ihnen werden uns dies zugestehen – sind die kleinen Fürsten und ihre Familienmitglieder extravagante Menschenkinder mit scharf ausgeprägter Seltsamkeit gewesen. Und wenn irgendwo, so liegen in der neuern Geschichte dieser Familien und ihrer Länder noch ungehobene und unenthüllte Schätze von interessanten Geheimnissen, merkwürdigen Beiträgen zur Geschichte deutscher Cultur, deutschen Elends und auch deutschen Gemüths und Humors, welche die schriftstellerischen Kräfte der verschiedenen deutschen Länder dem Publicum nicht vorenthalten sollten. Möchten unsere Artikel über den letzten Ebersdorfer hierzu eine Anregung und ein erster Anfang sein.

Was wir dieses Mal über denselben mittheilen, ist wörtlich aus den noch ungedruckten Denkwürdigkeiten eines ehemaligen königlich sächsischen höheren Staatsbeamten entlehnt, welcher sich im Sommer 1848 längere Zeit in politischen Missionen in den reußischen Fürstenthümern aufgehalten hat.

Der Charakter des Fürsten Heinrich des Zweiundsiebenzigsten stellte sich als kalt-egoistisch dar und in der Stellung, welche der Fürst einnahm, mußte er daher als in hohem Grade hochmüthig erscheinen. Dazu kam ein heftiges, reizbares Temperament, welchem er die erforderlichen Zügel anzulegen weder Lust noch Kraft hatte. Er gehörte zu den Willensschwachen, welche sich mit den Worten: „Ich bin nun einmal so!“ für alle Unziemlichkeiten hinlänglich entschuldigt und darauf hin das Recht zu haben, glauben, sich fernerhin nach Belieben gehen zu lassen. „Ich bin zu nervös,“ sagte er selbst sehr häufig von sich und ahnte nicht, daß er sich, als Regenten, damit selbst das Urtheil sprach. Sein Hochmuth zeigte sich gleich von seinem in noch jungen Jahren erfolgten Regierungsantritte, 1824, an in den von ihm erlassenen Verordnungen, in deren Eingange er sich stets als regierenden und souverainen Fürsten bezeichnete, was früher nie üblich gewesen war (wenigstens nicht in der jüngeren reußischen Linie).

Der Gedanke an seine Souverainetät verfolgte ihn bei allen seinen Handlungen und verleitete ihn zu unverantwortlichen Dingen. So sagte er einmal zu einigen Soldaten, welche auf der Jagd als Treiber benutzt worden und ungeschickt gewesen waren: „Ihr Kerls glaubt wohl, ich brauche erst Jemand, um Euch todtschießen zu lassen? Hier ist mein Schrotgewehr (den Hahn aufziehend) und mit dem will ich Euch so viel Blei in den Leib jagen, daß Ihr genug haben sollt!“ Häufig ließ er die Aeußerung hören: „Der Kaiser von Oesterreich ist auch nicht mehr, als ich!“ Im März 1848 hatte er von der Absicht gesprochen, nach Frankfurt zu gehen, um sich als deutschen Kaiser ausrufen zu lassen, und nur die Erinnerung seiner Umgebungen an seinen „nervösen“ Zustand hat ihn von der Idee wieder abgebracht.

Wiederholt hatte er in der letzten Zeit Werth darauf gelegt, daß er seit dreizehn Jahren damit umgegangen sei, den Ländern der jüngeren Linie eine Repräsentativ-Verfassung zu geben, und daß nur sein Vetter, Fürst Heinrich der Zweiundsechzigste zu Schleiz, dazu nicht seine Einwilligung habe geben wollen; soviel ich jedoch habe in Erfahrung bringen können, mag auch die Verfassung nicht eben die liberalste gewesen sein. – Sein Hochmuth und sein kalter Egoismus mußten natürlich diejenigen zumeist treffen, die ihm am nächsten standen, die Hofdienerschaft, die Beamten und die Officiere.[3] Es ist unglaublich, wie viel und oft mit welchem Gleichmuthe sich die Leute von ihm gefallen ließen. Einen alten Diener, der schon bei seinem Vater Tafeldecker gewesen war, schlug er einst mit der geballten Faust auf’s Auge, daß dasselbe schwarzblau unterlief. Den folgenden Tag wollte er ihn nach Lobenstein schicken, der alte Mann sagte aber: „Nein, das will ich Ew. hochfürstlichen Durchlaucht nicht zu Leide thun, denn käme ich nach Lobenstein, wo die Leute wissen, daß ich nicht der Mann bin, der sich in den Schänken herumprügelt, so sähen sie gleich an meinem Auge, daß Ew. Durchlaucht mich geschlagen hätten, und ich möchte doch nicht gern, daß sie das erführen.“

Seine Beamten und Officiere haben erst, seitdem er sich aus dem Lande entfernt hatte, frei aufgeathmet und behaupteten im Scherze, die in seiner Nähe verlebten Jahre müßten ihnen als Campagnejahre doppelt angerechnet werden. Er hat fast nie einen Tadel anders als ehrenrührig ausgesprochen und Bezeichnungen als Hochverräther und dergleichen sind nicht selten vorgekommen. Dabei hat er ihnen sehr häufig gesagt: „Glauben Sie, daß ich einen Beamten halten würde, wenn ich seinetwegen beim Volke in Verlegenheit käme?“

Dem Oberforstrath W. zu Gera, der sich lediglich im fürstlichen Interesse beim Volke mißliebig gemacht hatte, war von ihm, als es den Anschein gehabt, man wolle seinethalben einen Auflauf erregen, ein abgerissenes Stück Papier mit den Bleistiftworten zugeschickt worden: „Wenn Sie nicht ein Capitalvieh sind, so machen Sie, daß Sie fortkommen!“

Der Lieutenant Baron von S. hatte im Jahre 1847 sechsunddreißig bange Stunden neben seiner Frau während einer sehr schweren Entbindung derselben zugebracht und nach deren Erfolg einige Stunden geschlafen. Plötzlich wird er geweckt: er soll sogleich zum Fürsten kommen. Als er bei diesem eintritt, wird er von ihm angefahren:

[807] „Wie kommt es, daß Sie mir das erfreuliche Ereigniß der Niederkunft Ihrer Frau nicht gleich gemeldet haben?“

„Ew. Durchlaucht, ich bitte unterthänigst um Verzeihung! Ich war eingeschlafen, nachdem ich sechsunddreißig Stunden lang an dem Bette meiner armen, schrecklich leidenden Frau zugebracht hatte.“

„So! Sie sind wohl eine Hebamme geworden?“

„Durchlaucht, ich bin ganz bestürzt –“

„Was? Bestürzt? und Sie wollen ein Officier sein? Gehen Sie!“

Als im April 1848 eine Ruhestörung von Lobenstein aus zu befürchten gewesen und daher das Militär aufmarschirt war, tritt der Fürst zu demselben Lieutenant von S. und fragt in Gegenwart der Soldaten: „Sie sehen ja recht blaß aus, mein lieber S., haben Sie vielleicht keine Courage?“

Der Oberforstmeister v. B. bekommt die Nachricht, daß seine Stiefmutter (zugleich die Schwester seiner rechten Mutter) auf dem Todbette liege und ihn noch einmal zu sehen wünsche. Er bittet den Fürsten um Urlaub, doch dieser entgegnet barsch: „Jetzt, wo der Hirsch schreit? Jetzt kann ich Sie nicht entbehren!“ Auf weiteres Bitten sagt er: „Es ist ja noch dazu nur Ihre Stiefmutter. Nichts, nichts!“ Ein ander Mal erscheint B. in Trauer um ein entferntes Glied der fürstlichen Familie vor ihm. Obgleich die Trauer vorschriftmäßig ist, mißfällt ihm dies doch und er ruft ihm gleich beim Eintreten zu: „Ist denn etwa Ihr Vater gestorben?“ Mehrere seiner früheren Beamten, welche später in die Dienste des Fürsten von Schleiz getreten waren, konnten ebenfalls die schlechte Behandlung, die sie zu erdulden gehabt, nicht genug schildern, so z. B. der Oberstallmeister v. S. Der alte Fürst Heinrich der Zweiundsechzigste sagte zu mir: „Ich hätte sie Alle bekommen können, wenn ich gewollt hätte.“ Daß er sonach auch diejenigen seiner Unterthanen, welche mit ihm in Berührung kamen, mißhandelte, ist nicht zu verwundern.

Auf einer Maskerade erscheint ein Herr als französischer Kürassier. Dieser Anzug gefällt ihm nicht und er befiehlt also: „Fort mit dem Kerl von der Maskerade!“ Zu dem Advocaten S., der an der Spitze einer Bürgerdeputation aus Lobenstein vor ihm erscheint, sagt er: „Ihnen sieht man die Malice gleich an!“ Unzählige Fälle von Beleidigungen und Mißhandlungen einzelner Personen, besonders vor den Märzereignissen, werden erzählt. Sein Unwille konnte durch die unschuldigste Veranlassung erregt werden, und dazu zeigte er sich unversöhnlich. Selbst der Fürst Heinrich der Zweiundsechzigste versicherte mir, wer einmal den Hut nach seiner Ansicht nicht tief genug vor ihm abgenommen habe, dem habe er das nie vergeben. Wie er in seinen öffentlichen Erlassen zuweilen mit Schimpfworten, z. B. Zugstiere, freigebig war, ist bekannt.

Ueberhaupt charakterisiren diese Erlasse fast durchgängig den hochmüthigen, kleinen Tyrannen, bis auf die in der letzten Zeit erschienenen, in denen er durch phrasenreiche, seltsam stilisirte Verordnungen eine Anzahl Concessionen machte, denen er nicht aus dem Wege gehen konnte, und dabei versuchte, sich die verlorene Liebe wieder zu erwerben. Wenn er in der Verordnung vom 21. März 1848 „der großen, großen Großzahl Seiner guten Landsleute, namentlich Seinen braven, herrlichen Landbewohnern, Seinen innigsten Dank für ihre Haltung in den letzten Tagen“ ausspricht und dann fortfährt: „Soll ich Euch Meine Wünsche noch sagen? Sie sind: Ein freies, großes, starkes Teutschland, so weit seine Sprache“ etc., so wird man schon in dieser Ausdrucksweise das Berechnete, Absichtliche nicht haben verkennen können, und in der That hat gerade dieser Erlaß allenthalben einen ungünstigen Eindruck gemacht. So war denn sein – dem Vernehmen nach durch eine verkehrte Erziehung Seiten seiner Mutter verbildeter – Charakter die hauptsächlichste Veranlassung zu einer Mißstimmung der Beamten und des Volkes gegen ihn, welche nach und nach immer bitterer ward. Er duldete nicht den mindesten Widerspruch mehr, ja selbst Vorschläge seiner Beamten waren ihm unangenehm und er wies oft selbst die bestgemeinten abstoßend zurück, weil es ihn verdroß, daß irgend etwas Angemessenes nicht lediglich von ihm ausgehen sollte.

Hierzu kamen aber noch seine Leidenschaften: Jagd, Pferde, Wollust, Reisen und die daraus entspringende Verschwendung und ungeregelte Lebensweise. Die Jagd trieb er mit so großer Passion, daß schon seit Jahrzehnten die lautesten Klagen über unmäßigen Wildstand und daher rührende Schäden auf den Feldern etc. erschollen waren. Es wurden bedeutende Wildschäden bezahlt, oft bis zwölftausend Thaler jährlich (was für ein Ländchen von sieben und einer halben Quadratmeile aller Ehren werth ist!) und doch blieben noch Viele unentschädigt. Zudem wurden die Entschädigungen nicht nach Maßgabe des Schadens, sondern ganz nach des Fürsten Willkür vertheilt und als Gnadengeschenke betrachtet, so daß, um Entschädigung zu erhalten, der Schaden nicht allein, sondern auch die fürstliche Gunst vorhanden sein mußte. Die Schäden in Hölzern und auf Wiesen wurden gar nicht vergütet. Ein Gutsbesitzer in Heinersdorf ist durch diese Calamität aus einem sehr wohlhabenden nach und nach ein armer Mann geworden. Was bei Jagden zertreten und verdorben ward, blieb auch ohne Entschädigung, wohl aber ließ der Fürst, wenn ein Bauer einmal darüber murrte, den Unzufriedenen gleich in seiner Gegenwart mit der Hundepeitsche oder doch mit Ohrfeigen regaliren. Er baute und richtete das Jagdschloß Waidmannsheil mit einem Aufwande von achtzigtausend Thalern ein. In Ebersdorf werden in den Galerien des Schlosses mehr als dreihundert Hirschgeweihe gezeigt, deren jedes eine Tafel mit dem Datum des glücklichen, vom Fürsten gethanen Schusses trägt.

Für die Pferde, deren er stets gegen dreißig hielt, ließ er in Ebersdorf mit großen Kosten einen prächtigen Stall erbauen. Als derselbe fertig war, überlegte erst der Fürst, daß das Gebäude zu weit vom Schlosse entlegen sei, und dieses ist daher nie benutzt worden. Seine triste Lebensweise – er stand gewöhnlich nicht vor zwölf Uhr Mittags auf, hatte mit Niemand Umgang und zu Niemand Vertrauen, wie denn auch zu ihm Niemand ein Herz hatte – mochte wohl hauptsächlich Veranlassung sein, daß er Zerstreuung in Reisen suchte. Sein Souverainetäts-Hochmuth aber duldete nicht, daß er diese Reisen einfach machte, er reiste stets en grand seigneur und man versichert, daß einzelne Reisen bis zu fünfzigtausend Thalern Aufwand gemacht haben sollen. So gerieth er in ansehnliche Schulden. Möglich auch, daß seine Dienerschaft ihren Vortheil gut verstand.

Sein äußeres Ansehen entsprach durchaus nicht mehr den Portraits, welche ich früher von ihm gesehen hatte. Es waren in seinem Gesicht noch Spuren schöner Züge vorhanden, aber sie versteckten sich in tiefen Furchen und unter einem wild herabhängenden Haupthaare. Er gewährte eher das Bild eines Kosaken-Hetmann, als eines deutschen Fürsten. Sein Gehör hatte abgenommen und hätte eine Unterhaltung mit ihm etwas beschwerlicher gemacht, wenn er nicht dieselbe großtentheils allein zu führen gewohnt gewesen wäre. Selbst bei der längsten Unterredung pflegte er sich nicht zu setzen, sondern stellte allenfalls einen Fuß auf einen Stuhl, um auf dessen Lehne den Schenkel zu stützen. Seine Reden waren häufig pathetisch, auch liebte er, kräftige Floskeln als Schlaglichter oder als Einwürfe hinzuwerfen. Sein Benehmen, wenigstens gegen mich, war sehr artig und beruhte auf dem sichtlichen Streben, zu gewinnen. Uebrigens hörte ich, daß er fortwährend den Souverain zu spielen suchte, z. B. seinen Dienern Arrest gab, obschon er seit dem April nicht mehr sein Land beherrschte, sondern in Stadt Wien zu Dresden lebte.

Unsere erste, sehr kurze Entrevue fand im Herbst bei einem Concerte in der Loge statt. Bei einer späteren Zusammenkunft fing er mit einem Danke für meine Bemühungen in seinem ehemaligen Fürstenthume während des vorigen Sommers an, den ich ablehnte, ging auf des Ministers O. Handlungsweise über, die er tadelte und ich in Schutz nahm, sprach viel von der Liebe, welche er von der großen Mehrzahl seiner Unterthanen noch heute genieße, worüber ich seine Ansicht zu berichtigen suchte, und raisonnirte heftig auf das eigenthümliche Regierungsverhältniß, welches ihn mit seinem Vetter von Schleiz in die Lage des siamesischen Zwillingspaares versetzt, jede freie Bewegung gehemmt und in den Fall gebracht habe, daß er – wie Peter Schlemihl keinen Schatten[WS 2] – seinerseits keinen Reflex seines Innern, keinen Charakter, habe aufweisen können. Er sprach den Vorsatz aus, die Mit- und Nachwelt über seinen eigentlichen Charakter als Regent aufzuklären und zwar durch Veröffentlichung derjenigen Abstimmungen, welche er in Verfassungssachen abgegeben habe und aus denen der Beweis geliefert werden würde, daß er schon seit achtundzwanzig Jahren „radical“ gewesen sei.

[808] Diesen seinen Radicalismus betonte der Fürst öfters und nachdrücklichst. Auf einmal sagte er aber auch, er sei ein großer Freund der Säbelherrschaft. Ich erwiderte lächelnd, das käme aber wohl nicht mit in das Buch von seinem Radicalismus? – Es gelang mir nicht ohne Mühe, mich endlich loszumachen, und ich nahm keinen angenehmen Eindruck von dieser Conferenz mit mir. Wahrscheinlich hatte ich auf den Fürsten auch keinen besseren gemacht!




Blätter und Blüthen.


Das Herz einer Künstlerin. (Aus den Erinnerungen eines Kunstfreundes.[4])[WS 3] Die berühmte Sängerin Henriette Sontag begann in Wien ihre Laufbahn. Daß die junge, liebenswürdige und reichbegabte Künstlerin gegen Neid und Kabale zu kämpfen hatte, wird Jeder glauben, der sich auf den heißen Bretern, welche die Welt bedeuten, ein wenig herumgetummelt hat. Der Kabale und dem Neide zum Trotz, fiel jedoch das erste Debut der jugendlichen Sängerin glänzend aus. Aber ebenso heftig, wie sie von den Löwen des Parterres angebrüllt ward, wurde sie von den Schlangen der Coulissen angezischt und angeblasen. Eine der giftigsten Schlangen war Amalie Steininger, eine Sängerin, deren Octave der Sturm der Leidenschaften längst bis auf ein paar heisere Töne reducirt hatte. Ungeachtet dessen hatte Fräulein Amalie ihre Ritter, die noch immer ihre Farbe trugen und für die paar Töne und die verblühte Schönheit ihrer Dame manche Lanze brachen. Mit Hülfe dieser schlagfertigen Ritterschaft gelang es der kabalisirenden Dame richtig, ihre gefährliche Rivalin aus dem Felde zu schlagen. Entrüstet verließ Henriette Sontag Wien, und noch entrüsteter dachte sie oft an Amalie Steininger zurück.

Einige Jahre später gastirte Fräulein Sontag auf der Königsstädter Bühne in Berlin, wo sie, vereint mit dem berühmten Tenor Jäger und dem unvergeßlichen Buffo Spitzeder, die Triumphe der Signora Catalani vergessen machte. Alle Zungen der Enthusiasten und Federn der Journalisten setzte sie in Bewegung. Es gab keinen Garten in und um Berlin, der nicht geplündert wurde, um dem neuen hellstrahlenden Gestirn am Künstlerhorizont mit Kränzen und Blumen zu huldigen. Die jungen Greise legten der reizenden Künstlerin Blumen, die greisen Jünglinge Brillanten zu Füßen und stolzirten als Füchse und Grauschimmel vor ihrem Coupé. Wie gesagt, sie war die Catalani ihrer Zeit, nur hatte sie, im Vergleich mit jener trillernden Zigeunerin, Jugend und Schönheit voraus. Eines Morgens fuhr sie, von schmucken Reitern begleitet, die große schöne Friedrichsstraße hinab, als sie an einem Ecksteine derselben ein österreichisches Liedchen von zarter Kinderstimme singen hörte. Es war ein ungefähr sechsjähriges Mädchen, das an der Seite seiner blinden bettelnden Mutter den Vorübergehenden so recht wehmüthig und traurig: „Es giebt nur a Kaiserstadt, ‘s giebt nur a Wien!“[WS 4] vorsang. Die große Sängerin ließ den Wagen halten und die kleine Sängerin zu sich bescheiden.

„Wie heißt Du denn, meine kleine hübsche Wienerin?“ frug sie, indem sie sich zum Wagenschlage hinausbog.

„Nannerl!“ antwortete die Kleine auf gut Oesterreichisch.

„Wer ist denn die Frau, die Du führst?“

„Ach, meine arme blinde Mutter, Euer Gnaden.“

„Und der Name Deiner armen blinden Mutter?“

„Amalie Steininger!“

„Amalie Steininger?“ rief Henriette Sontag mit der Stimme der höchsten Ueberraschung und Bestürzung.

„Ja, Amalie Steininger. Meine Mutter war eine berühmte Sängerin in Wien, ehe sie ihre Stimme und das Augenlicht verlor, weil sie so viel geweint hatte. Darauf haben uns alle unsere Freunde verlassen. Wir mußten Alles verkaufen, was wir hatten, und müssen uns jetzt so fortbetteln durch die Welt.“

Henriette Sontag konnte nicht sprechen, die Thränen, welche in ihren großen, glänzenden Augen perlten, hatten ihre Stimme erstickt. Die schmucken Ritter, welche wie Trabanten ihre Sonne umkreisten, hatten ebenfalls Halt gemacht und nahmen den lebhaftesten Antheil an dieser rührenden Scene, die sich hier unter Gottes freiem Himmel abspielte.

„Meine Herren!“ sagte die gefeierte Sängerin endlich, indem sie ihre in Thränen schwimmenden Augen den Cavalieren zuwandte, „erlauben Sie mir, hier auf offener Straße eine Collecte zu machen, für eine Collegin, der Gott das höchste Gut auf Erden, das Augenlicht, genommen hat. Hier ist meine Börse. Lassen Sie sie nicht vereinzelt in die Hand dieses armen Kindes gleiten.“

Im Nu waren die beiden Hände des Mädchens mit Gold und Silber gefüllt, und das arme Kind glaubte schier, der gute Gott habe einen Engel auf die Erde gesandt, um aller Noth und Sorge seiner unglücklichen Mutter ein Ende zu machen.

„Wo wohnt sie denn, mein Kind?“ frug Henriette Sontag, sich an der Freude und Ueberraschung des kleinen Mädchens weidend.

„Hinter der Königsmauer Nummer neunzehn.“

„Grüße Deine Mutter, Nannerl, von ihrer Freundin und Collegin Henriette Sontag und sage ihr, ich lasse sie bitten, mich heute Nachmittag zu erwarten. Ich werde Euch besuchen, um ein Stündchen mit Euch zu verplaudern.“

„Henriette Sontag!“ rief die Kleine höchst erstaunt, und eiligst sprang sie zu ihrer Mutter, um ihr mitzutheilen, wer die schöne junge Dame sei, die ihnen Gott als Rettungsengel in der höchsten Noth gesandt.

Ach, das gute Kind verstand nicht, was das ungestüme Klopfen des Herzens und die Thränen sprachen, die aus den erloschenen Augen seiner Mutter quollen!

Die berühmte Sängerin hielt Wort. In Begleitung eines alten freundlichen Herrn besuchte sie noch im Laufe desselben Tages die blinde Bettlerin hinter der Königsmauer. Mit herzlicher Theilnahme begrüßte und umarmte sie ihre unglückliche Collegin, vermied es jedoch sorgsam, von Wien zu sprechen, um sie mit keinem Wörtchen an die Ränke zu erinnern, mit denen diese sie einst aus den Thoren der Kaiserstadt hinauskabalisirt hatte. Der Begleiter der Sängerin, ein berühmter Augenarzt, untersuchte das Auge der Blinden und schüttelte traurig das greise Haupt. Er erkannte den schwarzen Staar, dem gegenüber die Wissenschaft noch in der Wiege liegt. Am nächsten Abend sang Henriette Sontag zum Vortheile einer bedrängten Künstlerin die „Iphigenie“ auf der Königsstädter Bühne. Wir dürfen nicht hinzufügen, daß diese bedrängte Künstlerin die erblindete Sängerin Amalie Steininger war. Henriette Sontag sorgte für sie bis an’s Ende ihrer Tage. Auch ihr Töchterchen ließ sie ausbilden, das jetzt ein verdienstvolles Mitglied eines deutschen Hoftheaters ist und mit Liebe und Dankbarkeit der schlummernden Nachtigall gedenkt, mit der man ein edles Künstlerherz zu Grabe trug.[WS 5]




Eine deutsche Literaturgeschichte.[WS 6] Wir Deutschen sind nicht arm an guten Geschichten der Entwickelung unsers Schriftenthums, des Nationalschatzes, dessen wir uns mit ungetrübter Freude und berechtigtem patriotischen Stolze rühmen dürfen. Die Werke von Menzel, Vilmar, Gervinus, Schäfer,[WS 7] Weber, Gödeke, Kurz u. a. m. verdienen jedes in seiner Art und Richtung die Anerkennung, die sie gefunden haben und großen Theils noch finden. Keines der genannten Bücher übertrifft aber an gründlicher Kenntniß und tiefer Durchdringung des massenhaften Materials wie an Selbstständigkeit, Schärfe und Feinheit des Urtheils ein Werk, das sich in übergroßer Bescheidenheit nur als einen „Grundriß der Geschichte der deutschen Nationalliteratur“ einführt. Welcher literarisch gebildete Deutsche kennt nicht dies vortreffliche Buch, mit welchem der bekannte Professor der alten Schulpforta August Koberstein ein unvergängliches Denkmal gestiftet hat, das seinen Namen den ersten Literarhistorikern aller Nationen und Zeiten ebenbürtig an die Seite stellt? Wer sich ernstlicher mit der Geschichte unseres Schriftenthums beschäftigen will, für den ist das soeben in neuer Auflage – in drei Bänden bei W. Vogel in Leipzig – erschienene Werk geradezu unentbehrlich, wie aus ihm manche neuere Darsteller unserer Literaturgeschichte, mit und ohne Namen, reichlich geschöpft haben. Eine Empfehlung eines solchen Buches ist unnöthig, aber hinweisen wollen wir darauf, daß für den reifen deutschen Mann, wie für den studirenden Jüngling, kaum eine trefflichere Weihnachtsgabe gedacht werden kann, als Koberstein’s ausgezeichneter Grundriß.




Noch einmal vom lustigen Fritz. Als Nachtrag zu der neulich von der Gartenlaube mitgetheilten Skizze über den verstorbenen Beckmann mag noch folgender kleiner Vers dienen, der von dem prächtigen Humor desselben Zeugniß giebt.

Beckmann, mit der Feder gar nicht ungeübt, hatte ein reizendes kleines Gedicht in das Stammbuch einer Dame geschrieben, darunter aber setzte er folgenden Reim:

„Ach Leser, nicht Poet bin ich,
Dazu fehlt mir die Muse.
Sind Dir die Verse fürchterlich,
So änd’re sie – mach’ Du s’e.“




Kleiner Briefkasten.


E. G. in Wien. Ihr Aufsatz wäre in der Gartenlaube nicht am Orte.

O. Z. in Hamburg. Fragen Sie Goethekenner nach dem bewußten Ausdrucke.

Dr. A. W–d in Wien. Für uns unbrauchbar.

H. A. in G. Für die Gartenlaube nicht geeignet.

C. A. in R. Richtig errathen.

A. Sch., Architekt in Charkow, Rußland. – Mag in seinem Kreise ein wackerer und verdienstvoller Mann gewesen sein, hat aber nicht Bedeutung genug, um in der Gartenlaube sein Denkmal zu erhalten.

B. H. in Chemnitz. Wohl haben wir das Buch empfangen und uns bemüht, es zu dem bestimmten guten Zweck zu verwerthen, allein bis jetzt ganz umsonst. Das dafür Gebotene war so unerheblich, daß wir es um solchen Preis nicht hingeben mochten. Vielleicht finden Sie selbst Gelegenheit zu besserer Verwendung und ertheilen uns Verfügung, wohin und an wen wir es senden sollen. Für Ihre gute Absicht übrigens im Namen der Betheiligten unsern Dank.




Zur Nachricht!

Mit nächster Nummer schließt das vierte Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen.

Leipzig, im December 1866.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Domenico.
  2. Die nachstehenden interessanten Mittheilungen aus den Denknissen eines höheren sächsischen Beamten werden zu Ergänzung unserer Skizze „Der Beherrscher eines deutschen Kleinstaates“ in Nr. 38 unsers Blattes dienen.
    D. Red.
  3. Daß auch seine eigene Familie davon nicht verschont blieb, beweist der Umstand, daß er gegen den Schleizer Fürsten unbedenklich sagte: „Die Verheirathung dessen Bruders mit seiner (des Ebersdorfer Fürsten) Schwester sei für Letztere eine Mesalliance!“
  4. Von derselben liebenswürdigen Feder, der sie bereits mehrere ähnliche Mittheilungen verdankt, wird die Gartenlaube nach und nach eine weitere Reihe von Erinnerungen, zumeist aus der Bühnenwelt, veröffentlichen.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. italienisches Volkslied siehe: Donna lombarda (italienisch).
  2. siehe „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso
  3. 1884 erschien der Text mit geringfügigen Änderungen erneut in Bekannte und unbekannte Größen. Skizzen und Novelletten aus der Kunst- und Theaterwelt von Carl Haffner. Wien: Im Selbstverlage der Witwe des Verfassers Frau Elise Haffner, VI., Getreidemarkt 5. In Commission bei H. Engel, S. 89 ff. books.google
  4. Polka schnell, Op. 291 von Johann Strauss II (1825 - 1899)
  5. Henriette Sontag starb am 17. Juni 1854
  6. dazu: Berichtigung (Die Gartenlaube 1867/6)
  7. Johann Wilhelm Schaefer (1808-1880): Grundriß der Geschichte der Deutschen Literatur. Bremen 1836. books.google