Die Gartenlaube (1880)/Heft 47

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[765]

No. 47.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.




Zwischen Fels und Klippen.
Eine Strandromanze von Ernst Ziel.
(Fortsetzung.)


2.

Die Sonne war herauf. Aber was sich mit naßkalten Dünsten fahl und traurig über die breiten Felsrücken legte, das war nicht Tag – es war die leb- und farblose, unsagbar öde Dämmerung eines nordischen Octobermorgens. Ein todtes Licht schwebte über Nebel und Wasser, gerade scharf genug, um die abenteuerliche Schlagschatten der rings emporragenden Steinriesen über die Insel zu werfen. Die Meer- und Felswelt lag wüst und phantastisch da, wie das Traumgebild eines Hünen der Vorzeit. Sie glich einem leeren Abgrund, in dem Alles erstarrt ist – erstarrt bis auf einen Klang, dieser eine Klang aber war das dumpfe Brausen und Rollen der noch immer stürmenden Wellen, welche in den Höhlungen und Buchten des Ufers hallten und wiederhallten und den schäumenden Gischt weit über die scharfgezackten Kanten des Gestades schleuderten.

Die Musik der Elemente war eine gewaltige; nur mitunter trat eine kurze Pause lautloser Stille ein, gleichsam ein Athemholen des Sturmes; dann hörte man jede einzelne Welle an den vielklippigen Strand schlagen oder einen scheuen Wasservogel mit langen, feuchten Schwingen aus dem Dorngebüsch auffliegen, daß es in den tropfenden Zweigen rauschte und rasselte. Langsamer zogen dann die Nebel und legten sich weicher um die Felsenbrüste.

Der Regen hatte aufgehört zu fallen, aber die Luft ging schneidig. Auf der Insel herrschte tiefes Schweigen.

Nun plötzlich tönte es von fern her wie Ruderschlag durch die Nebelluft. Das kräftige Einschneiden der Hölzer in's Wasser war deutlich vernehmbar, und das Anschlagen der Wellen an das vorwärts strebende Fahrzeug schallte weit über die Fluth hin und echoete an den Felsenhängen der Insel. Schon aber brach der Sturm wieder herein und übertönte jeden Klang. Die Wogen jagten mit den Wolken um die Wette, und dann und wann erhob sich ein Wirbelwind, der die Nebel zu dichten gespenstisch einherwandelnden Knäueln zusammenkräuselte. Aber in der nächsten Pause des Sturmes hörte man auf's Neue den nahenden Ruderschlag, und nun war es, als mischten sich hallende Männerstimmen in das Weben des Windes.

„Verdammte Brandung! Zieh' das Segel ein, Daniel!“

„Ja wohl! Hab's gleich gesagt: 'ist nicht hinanzukommen an's Wrack.“

„Ho, Axel! Wirf das Steuer nach links!“

Es waren drei rauhe Seemannskehlen, welche, dem Wellengeräusch zum Trotz, dieses lakonische Gespräch führten. Nur wenige Augenblicke – der Ruderschlag ertönte ganz nahe, und „Alle Mann an's Land!“ rief lachend einer der Drei, indem er sich leichten Satzes auf eine vorspringende Felsplatte des Ufers schwang und das Boot mit einem derben Tau befestigte. Er war über und über naß, eine hochaufgeschossene, starkknochige Gestalt mit energisch blickenden, lebhaft hellen Augen.

„Fürwahr, Olaf,“ sagte er und schlug lustig in die Hände, „siehst in der triefenden Oeljacke aus, wie eine melancholische Wasserratte; so trübselig läßt Du den Kopf hangen und die Arme schlottern, als wär's nicht werth, sie zu regen um's liebe Dasein.“

„Was scheert's Dich, Axel?“ gab der Angeredete, ein blasser Zwanziger mit schönen, edlen Zügen, etwas gereizt zurück, indem er zugleich mit dem dritten Cameraden das Boot verließ. „Uebrigens ich und die Arme nicht regen?“ fügte er in demselben Tone hinzu. „Bah. ich wollte, es ginge noch einmal hinein in die nasse brausende Hölle hier vor uns – und dann wollte ich noch Eines.“

„Das wäre?“

„Daß der Wal mich fräße mit Haut und Haaren.“

„Ah, ich weiß,“ spottete Axel, der noch immer mit der Befestigung des Bootes beschäftigt war, „'s ist um den Wildfang, die Karin. Schöne Gesellschaft das! Mir zur Linken den unglücklichen Liebesschwärmer, mir zur Rechten“ – er stieß seinen zweiten Begleiter leicht mit dem Ellnbogen in die Flanke – „zur Rechten den guten Daniel, den Philosophen unserer Insel.“

Der lose Spötter lachte laut auf, Daniel aber, eine echt finnische Physiognomie mit breiten Backenknochen und kleinen mandelförmig geschlitzten Augen, erwiderte kein Wort; er schmunzelte mit einem dumm wohlgefälligen Lächeln um den Mund still vor sich hin.

„Bomben-Element!“ nahm Axel wieder das Wort, indem er das Schiffstau um einen stämmigen Pflock schlang. „Rüttelt uns da über Nacht so eine auf den Strand getriebene Nußschale von einem Schiff – mir nichts, Dir nichts, hast Du mich nicht gesehen – ganz wider Recht und Billigkeit aus der gewohnten Gemächlichkeit! Müssen uns placken und schinden und bei dem Hundewetter hinaus an's Wrack. Und um was? frag' ich Euch. Um nichts weiter, als um eine Grille von Seiner Ehrwürden Vater [766] Claus. Menschen sollen möglicher Weise noch auf dem Wracke sein – Menschen und Güter? Du lieber Gott – der Sturm und noch Lebendiges oder Todtes auf so einem wetterzerborstenen Fahrzeug! Zum zweiten Male mach' ich übrigens die Fahrt nicht mit, und wären Beelzebub 's sämmtliche Hunde hinter mir –“

„Das sag' ich aber auch,“ stöhnte Daniel dazwischen und schüttelte sich vor Frost.

„Jungens, habt Ihr denn unsern Geretteten schon gesehen?“ fuhr Axel fort, und schlug den letzten Knoten in das Bootstau, „ein wahres Exemplar von einem Mosjö Vornehm. Ich sag' Euch, sieht der aus in unsern Seemannskleidern! Das schlottert und schlackert ihm um den Leib und sitzt ihm just wie ein Sack auf den feinen, ach, so feinen Landrattengliedern – 's ist possirlich anzusehen, sag' ich Euch. Wie todt hat er in der Hütte gelegen, und die Weiber haben ihn gehegt und gepflegt, so behutsam, wie ein Kind von drei Tagen. Da hat er denn endlich – ich weiß es von Mutter Hedda – die Augen aufgeschlagen, unser Herr von Unbekannt, und als er nun erfahren, daß er von all den Passagieren, sein eigen Weib nicht ausgenommen, der Einzige sei, dem es nicht an den Kragen gegangen – ja, was meint Ihr wohl, wie ihm das in die Glieder gefahren ist? Nicht wahr, laut gejammert hat er, die Hände gerungen und die Haare gerauft? Fällt ihm nicht ein, Jungens! Nur ein einziges Mal geseufzt hat er, beklagt, daß so viele Menschen um's Leben gekommen, aber für sein Weib – und die muß doch wohl schön und jung gewesen sein – für die Frau von Unbekannt, hat er kein Wörtchen der Klage gehabt, kein Sterbenswörtchen, sagt Mutter Hedda. Bomben-Element, ist Euch das ein Ehemann! Ja, ja, diese vornehmen Herren mögen wohl – – aber schwere Noth, Jungens!“ brach er plötzlich ab und stieß zur Bekräftigung seiner Worte einen im Wege liegenden Stein mit dem Fuße fort, daß er in großen Sätzen weit vor ihm hinflog, „seht doch, da kommt Vater Claus eben über die Felsen herabgestiegen.“

„Und unser Geretteter mit ihm,“ ergänzte Olaf.

„Der Alte wird nicht gar freundlich dreinschauen,“ meinte Axel, „wenn er uns mit leerem Boot zurückgekehrt sieht. Aber Prosit Mahlzeit! Mit Wind und Wellen ist schlecht rechnen. Kommt fort! Die Begegnung ereilt uns immer noch früh genug.“

Er zog die Beiden über das ansteigende Felsgeschiebe des Ufers mit sich fort.

Als sie eine Weile gestiegen waren, machte Olaf sich von ihm los, kletterte auf einen einsam gelegenen Steinblock, legte die Hand wie ein Dach über die Augen und blickte lange nach der Seite der Insel hinüber, wo die Hütte im Nebel lag. Dann ließ er den Arm sinken, schüttelte leise das Haupt und folgte langsamen Schrittes seinen beiden Cameraden.

„Sie wird in der Grotte sein,“ sagte er in sich hinein, traurig und gedankenvoll. Ueber sein bleiches Gesicht ging etwas wie Wehmuth.

Gleichzeitig kamen von der andern Seite, auf dem hohen Ufer Vater Claus und sein Begleiter daher. Diese Zwei, wie seltsam verschieden neben einander! Der Alte, in jeder Linie ein plumper Seemann, schritt im hin- und herschaukelnden Schiffergang mit lustig dampfender Pfeife fürbaß; die nur lose umgeworfene Jacke wehte im Winde hinter ihm drein, und unter dem großen Südwester auf seinem Kopfe, der Nacken und Schultern breit bedeckte, blickte sein viel durchfurchtes, sturmgegerbtes Gesicht freundlich in die Welt hinaus, als wäre sie die schönste aller Welten, voll Freud' und lauter Fröhlichkeit. Wie anders sein Nebenmann! Die geschmeidige, edle Gestalt, der die groben rauhen Seemannskleider höchst ungeschickt auf den Gliedern hingen, bewegte sich ungezwungen und leicht in der ungewohnten Tracht. So oft der schlanke Mann das Haupt hob und, den Schritt hemmend, in die sich allmählich klärende Morgenlandschaft sinnend hinausblickte, schlugen sich in dem ernsten, von einem kräftigen Vollbart umrahmten Gesicht zwei tiefe, schwarze Augen so vielsagend auf, daß eine ganze Welt unausgesprochener Gedanken in ihnen zu weben schien.

„Reicht mir die Hand, daß ich Euch stütze!“ sagte Vater Claus, indem sie von der Höhe hinabstiegen. „Eure Füße sind an das spitzige Gestein nicht gewöhnt.“

„O, welch ein Schicksal!“ rief der Andere, der die Worte des Alten zu überhören schien, in tiefer Bewegung. „Da hinten, jenseits der weißen Schaumlinie der Brandung, liegen die Gefährten meiner Fahrt im nassen Grabe und mit ihnen auch sie, welche mein Weib hieß. Und ich, der Einzige unter Allen, ich wandle hier, zu sagen, daß sie dahin sind. Das Leben ist ein fragwürdiges Gut, und vielleicht ist der Moment, wo die athmende Brust sich zum letzten Male hebt, am höchsten zu preisen. Ich danke Euch nicht, daß Ihr mich dem wüthenden Elemente entrisset und mich zwangt, das Geschäft des Athmens fortzusetzen, aber ich verehre in Demuth Euer greises Haupt; denn es steht mir – das fühle ich klar – als Markstein am Eingange in eine neue Welt des Wirkens und Wollens.“

Er reichte dem Greise mit einem warm aufleuchtenden Blicke seine beiden Hände. Dieser ergriff sie lebhaft und stand wortlos da. Mit freundlichem Schütteln des Kopfes wies er die aufwallenden Gefühle des Jünglings zurück, der nur um so feueriger zu reden fortfuhr:

„Sie nennen Euch Vater Claus, und ich kann Euch nicht anders nennen, denn auch mir seid Ihr ein Vater geworden – durch Euch dem Leben wiedergegeben, bin ich seit heute ein neuer Mensch. Und – wunderbar! – es ist mir, als müßten die dunklen Bahnen meines Geschicks von nun ab einlenken in die Lichtnähe einer wärmeren, freundlicheren Sonne.“

„Das walte Gott!“ sagte der Alte und entblößte, innerlich ergriffen, unwillkürlich das Haupt.

„Und nun hört, wer ich bin und was ich litt!“ nahm der Fremdling das Wort. „Mein Name ist Friedrich Baron Haller von Hallerstein, und meine Güter liegen in Thüringen. Ich bin in Berlin erzogen worden und habe dort meinen Wohnsitz. Diese Reise in den Norden dictirte mir das Gewissen; es galt einem Eid gerecht zu werden, den ich vor zehn Jahren an des Vaters Todtenbett geschworen und vor drei Monaten der sterbenden Mutter in die erkaltende Hand wiederholt, beide Male – ja, ich war schwach genug dazu – gegen meines Herzens bessere Meinung und nur um eine frühere Abmachung der Eltern zu bestätigen, eine Abmachung um des leidigen Mammons wegen. Das Geschlecht Derer von Hallerstein lebte nur noch in zwei Linien. Ich bin der letzte Sproß des deutschen Zweiges der Familie, und der schwedische würde nach dem Tode meiner schönen Cousine Margaretha seine unermeßlichen Güter skandinavischen Adelsgeschlechtern, die mit den schwedischen Hallerstein's verschwägert sind, hinterlassen haben, hätten unsere beiderseitigen Eltern mir das Mädchen nicht schon in der Wiege vorsorglich verlobt. Margaretha wurde früh eine Waise; nun waren wir beide elternlos. Ich hatte meine Braut nie gesehen – wie sollt' ich sie lieben? Gleichviel! Sie hatte mein Wort. In diesen Tagen war sie siebenzehn-, ich fünfundzwanzigjährig. Das war der Termin, an den mein Eid mich band. So ging ich denn zu Schiff nach dem schönen Stockholm, dem der blaue Mälar die Stirn und die brausende Ostsee den Fuß küßt. Hohn des Schicksals! Eine Brautfahrt ohne Liebe!“

Er schwieg einen Augenblick und athmete schwer auf. Die Erinnerung an eine so lange getragene Seelenqual schien ihn zu übermannen. Er drückte den Hut tiefer in's Gesicht, als solle der Andere den Schmerz in seinen erregten Zügen nicht lesen.

„Ich erreichte mein Ziel,“ fuhr er dann gepreßt fort. „Und wie fand ich meine Braut? Schroff und vornehm, kalt und glatt, wie die Schneegebirge des Nordens, der sie erzogen. Dann kam die Hochzeit. Fröhliche, glänzende Feste – und im Innern diese Oede! Die Rückreise machten wir am Bord des 'Kung Carl'. Mein junges Weib sprach nur von den kommenden Huldigungen in den Salons meiner thüringischen Schlösser. Mein Herz war düster wie der Himmel über uns – und an diesem Himmel zog eine drohende Wolkenwand auf. Der Capitain verkündete einen Orkan. 'O,' sagte ich zu mir selbst, 'wer da unten schlafen könnte, still und stumm, tief unter der rollenden Wogen!' Der Sturm brauste herein – wir scheiterten – den Rest meines Schicksals kennt Ihr.“

Vater Claus nickte nachdenklich mit dem Kopfe. „Wie verworren,“ sagte er, „sind die Schicksale der Menschen da draußen in der Welt!“

„Glücklich Ihr in Eurer Verborgenheit!“ seufzte der Baron.

Sie gingen eine Weile schweigend neben einander hin.

[767] „Aber nun zu Eurer Tochter!“ unterbrach Hallerstein die Stille, „ich muß sie sehen; ich muß ihr danken. So scheu davonzufliegen, und dann auf Stunden zu verschwinden – ein seltsames Kind, fürwahr!“

„Ihr sagt's,“ entgegnete der Greis, „und die sie kennen, sagen's auch. Potz Anker und Segeltuch! 's ist etwas Eigenes in dem Mädchen. Hättet sie sehen sollen vor nur wenigen Jahren, als sie noch ein flüchtiges Ding war mit großen blauen Unschuldsaugen und runden, vollen Kinderwangen! Leichtfüßig wie der Wind flog sie über die Felsen hin, sprang über Klüfte und kletterte zu den höchsten Abstürzen hinauf, um die spärlichen Blumen, die sich in den Ritzen des Gesteins angesiedelt, zu pflücken und Kränze daraus zu winden; so geschwind und so geschmeidig flog sie dahin, daß man glaubte, die Engelsschwingen an ihren Schultern wachsen zu sehen. Haupt und Brust bekränzt, kam sie dann heim und tanzte und sang, aber schon im nächsten Augenblick ließ sie träumerisch den Kopf hängen, und traurig – Niemand wußte warum – warf sie die Kränze in's Meer. Oft war sie nach solchem Auftritt stundenlang verschwunden, als schäme sie sich, daß sie Alles anders empfand als andere Menschen, und wenn wir sie suchten und endlich fanden, dann kauerte sie in dem Winkel irgend einer Schlucht, in sich versunken, als hielte sie mit Himmel und Erde, mit Sternen und Muscheln Zwiesprach. Ein einzig Kind, Baron! 'Hexe Karin' nannten sie scherzend die Schiffer, die unsere Insel ansegelten; denn im Morgenroth sahen sie sie mit fliegenden goldigen Haaren auf den Riffen tanzen, und Abends beim Mondschein hörten sie ihren Gesang weithin über die See hallen. 'Karin's Stimme' sagten sie, wenn das Schiff im Nebel den richtigen Cours verfehlt hatte, und wendeten das Steuer und segelten auf unser Eiland zu.“

„Kommt!“ bat Hallerstein, „führt mich zu Eurer Tochter!“

„Nun ist aus dem Kinde eine Jungfrau geworden,“ fuhr der Alte eifrig fort. „Ein Teufelsmädel das! Im Grunde ist sie noch heute wie damals. Gilt's eine Gefahr, gleich fängt sie Feuer, und Keiner hält sie zurück. Wenn ein Schiff gestrandet, begleitet sie uns auf unseren Rettungsfahrten, und manche führt sie sogar allein aus, nur von Rustan, dem treuen Thier, begleitet. Der Rustan! Sag' Euch, ist das ein Hund, stark wie ein Bär! Einen Mann trägt er Euch mit den Zähnen durch die Brandung, ein Schwimmer, wie ein Kerl. Könnte Euch Exempel nennen –“

„Laßt uns gehen!“ fiel Hallerstein dem endlos Schwatzenden in die Rede. „Ich muß das seltene Mädchen sehen. So tapfer und so liebreizend –“

„Ja,“ redete der Graukopf darein, „daß sie liebreizend ist, wißt Ihr, und daß sie tapfer ist, hörtet Ihr soeben aber, Baron, wie klug und gescheut sie ist, das sollt Ihr noch erfahren. Der Tausend! Hab' sie lesen gelehrt in Kalendern und Märchenbüchern – ja, was Ihr wohl meint!? – hab' eine kleine Bibliothek. Und Hedda, mein Weib, kennt die Kräuter der Erde und die Sterne des Himmels. Karin ist ihre gelehrige Schülerin. Sie möchte alles wissen und alles mit ihren Gedanken fassen. Das Mädel hat einen aparten Kopf und spricht wie ein Buch, sag' ich Euch. – Aber ich schwatze zu lange. Kommt denn!“ Er ging dem Baron voran. „Ich denke, wir suchen sie an ihrem Lieblingsplatze, in der Grotte.“ Er schmunzelte vergnügt vor sich hin. „Da wird sich ein freundliches Bild vor Euch aufthun Baron.“

Sie stiegen aufwärts über das Gefels.

„Noch Eines!“ sagte Hallerstein plötzlich stillstehend und seeeinwärts zum Wrack hinüberblickend, „nicht wahr, nur das Vordertheil des Schiffes ist gesunken, aber das Hintertheil –“

„Liegt noch über Wasser,“ erwiderte Vater Claus.

„Dort befindet sich die Kajüte, die unser Quartier war,“ fuhr der Baron fort. „Es liegt mir viel, sehr viel daran, eine kleine Truhe zu bergen, welche sich dort unter meinen Sachen finden muß. Was meint Ihr? Haltet Ihr es für möglich, an das Wrack hinan zu gelangen?“

„Hm,“ machte der Alte, „hab' meine Leute hinausgesandt, zu bergen, was sich bergen läßt. Es sind flotte Kerle. Aber“ – er zeigte auf das Fahrzeug am Ufer – „da seh' ich eben das leere Boot. Sind unverrichteter Sache heimgekehrt. Zum zweiten Male die gefährliche Fahrt – ? Enthält die Truhe Stücke von so erheblichem Werth – ?“

„Familienpapiere,“ antwortete der Gefragte, „und zwar wichtige, wie es scheint. Das Testament meines Schwiegervaters – Ihr wißt, er ist längst todt – verpflichtet mich, die geheimnißvolle Lade am dritten Tage nach der Hochzeit zu öffnen, und in einer Clausel des Heirathsvertrages hab' ich gelobt, diesem Gebot nachzukommen. Meine Ruhe hängt daran, daß ich in den Besitz des Vermächtnisses komme. Aber wenn die Fahrt zum Wrack nur mit Gefahr – ich will kein Menschenleben, nein, bei Gott, Vater Claus, das will ich nicht –“

Der Alte pfiff durch die Finger, daß es gellend durch die Schlucht des Ufers tönte.

„Heda, Axel,“ rief er, „Olaf, Daniel! Potz Anker und Segeltuch, wo stecken die Jungens? Geht, Baron!“ sagte er dann, „will nach ihnen ausspähen und sehen was sich thun läßt, glaub' aber kaum, daß ich's durchsetze, sie noch einmal hinauszutreiben in den Sturm.“

„Ich würde die Truhe mit Gold aufwägen,“ sagte Hallerstein, „aber kein Mensch soll um mich –“

„Geht, Baron!“ unterbrach ihn der Greis. „Ich treff' Euch in der Grotte wieder. Ihr könnt nicht irren. Hier noch eine Weile aufwärts, dann auf der Höhe links um den vorspringenden Felskegel, und Ihr seid am Ort. Adjes!“

Er wandte sich und ging. Noch mehrmals klang sein Pfiff und Hedaruf durch die Luft.

Hallerstein stieg rüstig felsan und erreichte bald ein ödes steiniges Plateau. Hier fegte der Sturm voll und breit durch das niedrige Gestrüpp und spielte in dem harfenförmigen Geäste verkrüppelter Föhren und Fichten sausende, phantastische Melodien. Aber noch ein Klang schwebte fremdartig und seltsam in dem Sturmgebraus. Wie süßer, wehmuthvoller Gesang kam es dahergezogen und doch kräftig und gemüthsursprünglich. Und nun – über Fels und Stein tönte es deutlicher und klarer, Klang um Klang:

„Wie mir geschah,
Da ich ihn sah –
Möcht' Well' und Wolken fragen.
Gefühl der Lust
Schwellt mir die Brust,
In Worten nicht zu sagen.

Möcht' segeln gehn,
Die Welt zu sehn
In bunten Abenteuern
Auf hohem Schiff,
Vorbei am Riff,
Wie wollt' ich südwärts steuern!“

Hallerstein stand und lauschte. Wie hatte doch Vater Claus erzählt? „Karin's Stimme,“ riefen die Schiffer sich zu, wenn sie verirrt waren in der Einöde von Meer und Himmel. „Karin's Stimme,“ flüsterte er vor sich hin. War er nicht auch ein verirrter Schiffer auf dem Meere des Lebens? Gedankenvoll schritt er weiter. Es überkam ihn eine seltsame Stimmung. Er empfand etwas, wie eine unbestimmte Verheißung, wie ein reizendes Märchen, das sein Herz und diese nebelverhängte Einsamkeit mit einander spannen. Nun hemmte er den Schritt. Vor ihm, in einem ragenden, verworrenen Aneinander von Steinblöcken und wirrem Sand- und Muschelgeschwemme öffnete sich breit und hoch ein Felsenmund; es war Karin's Grotte, und aus der Tiefe erscholl jetzt inniger und schmelzender ihr Gesang:

„Am fernen Strand
Weiß ich ein Land,
Wo sanft die Lüfte blauen,
Wo von den Höh'n
Erhaben schön
Die Palmenwälder schauen.

Es athmet sacht
Die Sommernacht
In den beglückten Zonen.
O, könnt' ich dort – –“

Hallerstein war auf die Schwelle der Grotte getreten; in demselben Augenblicke schlug tief drinnen ein Hund an, und das [768] Lied brach plötzlich ab. „O, könnt' ich dort,“ hallte es leise nach und – seltsam! – wie von hundert Flügeln schwirrte es dem Ueberraschten um's Haupt. Ein Schwarm weiß und bunt befiederter Tauben – Tauben in dieser Weltabgeschiedenheit? – flog scheu und flüchtig über ihm hin zur Grotte hinaus, den nächsten Klippen des Gestades zu. Hatte sein Kommen sie aufgeschreckt?

„Tauben, Boten des Friedens,“ rief er, „bringt mir, wie Eure Schwestern einst dem Noah, nach Stürmen den Oelzweig!“

Er trat in die Grotte. War das ein Bild! Schlank und majestätisch, wie Säulen von Künstlerhand, ragten die granitenen Pfeiler empor, von Schlinggewächsen reich umrankt und oft die wunderlichsten Profile bildend. Darüber lastete, leicht in den Linien, aber wuchtig in den Massen, die kühn gewölbte Kuppel, durch deren vereinzelte Spalten und Höhlungen das Licht dämmernd hereinfiel. Der Fuß, der die Grotte betrat, schritt auf einem üppigen Teppich von Moos, auf dem sich ein dichtes Geflecht kriechender und kletternder Pflanzen dahinspann. Die rosa angehauchte Linnéa borealis schmiegte sich mit ihren zarten Fäden in jede Felsritze, auf jede Steinplatte und erfüllte den traulich geheimnißvollen Ort mit dem süßen, sanften Duft der Mandel. Aus einer tiefgehöhlten Nische der Felswand aber rauschte ein Quell plätschernd herab; er durchrieselte in schmaler Rinne hell und klar die Grotte und stürzte sich im Hintergrunde derselben, wo durch eine breite klaffende Oeffnung das schäumende, stürmende Meer hereinschaute, jählings in den weiten, unendlichen Schooß der See hinab.

Hallerstein schien den Zauber der reizvollen Scenerie lebhaft zu empfinden; denn sein dunkles Auge leuchtete in feuchtem Glanze, aber nur flüchtig schweifte es von Pfeiler zu Pfeiler, von Höhlung zu Höhlung, und befremdet und doch entzückt weilte es dann lange und fragend in der Tiefe der Grotte auf einem überraschend zauberischen Bilde: dort, wo das plätschernde Wasser in's Meer hinabrauschte, loderte ein helles Feuer empor, und da stand sie, den treuen Rustan an ihrer Seite, und warf mit der weißen Hand trockenes Reisig in die Gluth, Karin, das liebliche Kind. Die Flamme irrte züngelnd im Zugwinde und beleuchtete magisch die volle, elastische Gestalt des Mädchens, und wie der rothe Schimmer warm und satt auf das schöne Oval ihres jugendfrischen Antlitzes fiel, wer konnte da sagen, ob es nur der Abglanz der flackernden Flamme war, der ihr zitternd auf Stirn und Wangen lag, oder ob sie von innen heraus sich rötheten und leise aufzuckten, diese feinen, seelenvoll ausgemeißelten Züge?

„Ruhig, Rustan!“ rief sie und hielt mit einem raschen Griff das knurrende, kläffende Thier am Nacken, daß seine weißen Haare ihr lang und seidenweich über den kräftig schwellenden Arm wallten.

„Warum verscheucht Ihr Karin's Tauben?“ fragte sie dann mit trotzig aufgeworfenen Lippen, und unter den keck geschweiften blonden Wimpern hervor richtete sie einen langen strafenden Blick auf den Fremdling.

„Verzeiht!“ erwiderte er, „ich kam, Euch zu danken.“ Er sprach es mit dem Tone des Herzens, und das Muskelspiel in seinen Mienen verrieth, daß er innerlich bewegt war.

Als hätte eine weiche Hand ihr leise über's Gesicht gestrichen und alles Herbe und Harte darin verwischt, so plötzlich verwandelt stand Karin da. Mädchenhaft schämig senkte sie den Blick, ganz Anmuth und seelische Schönheit.

„Danken?“ fragte sie mit sichtlicher Befangenheit, „und wofür?“

„Ihr könnt noch fragen?“ entgegnete er. „War't Ihr es nicht, die Ihr erst vor wenigen Stunden hegend und pflegend an dem Lager des armen Ertrunkenen standet? Wuschet Ihr ihm nicht Stirn und Schläfen mit dem duftenden, wärmenden Tranke?“

Karin erwiderte nichts. Mit einem stämmigen Föhrenaste schürte sie hastig das lodernde Feuer und summte leise etwas vor sich hin. Um ihren Mund schwebte es fast verächtlich, als wollte sie sagen: „Als ob das etwas wäre!“

„Und hättet Ihr nichts um mich gethan,“ fuhr Hallerstein fort, „als, da ich erwachte, mir nahe zu sein mit holdseliger Gegenwart – – –“

„Wollt Ihr Karin's Taubennester sehen?“ unterbrach sie ihn schnell, und eine dunkle Röthe flammte in ihrem Gesicht auf. „Soll Karin Euch ihre Rankengewächse zeigen oder ihre Eriken in den Nischen der Grotte? Kommt, wir wollen Steine in den Wasserfall werfen; es sieht so lustig aus, wenn sie polternd in das Meer hinabkugeln.“

Hallerstein stand regungslos da, wie im Banne dieser holden Mädchenblüthe. Seine Gedanken schienen weitab zu wandern; denn er schwieg.

„Nun, wie Ihr wollt!“ sagte endlich Karin; sie nahm behende ihr Halstuch ab und fegte damit den Sand von einer niedrigen Felsbank hinweg, die im warmen Schein des Feuers lag. „Es friert Euch,“ meinte sie mit freundlicher Sorge, „setzt Euch!“

„Wie gut Ihr seid!“ antwortete er und ließ sich neben der knisternden Flamme nieder. „Und was treibt Ihr hier in der seltsam phantastischen Höhle?“

„Ich füttere meine Tauben und wärme mich am Feuer – sie sah ihn mit ihren großen Augen ruhiger an als zuvor – „es ist so traulich und heimlich hier unter den Felsen; nur von fern hört man Wind und Wellen rauschen – und Karin liebt die Stille.“

„Die Stille!“ wiederholte er träumerisch, „nicht wahr, es spinnt sich Gedanke an Gedanke; Alles um uns versinkt, und die Seele hebt sich und wächst –“

„Kennt Ihr das auch?“ fiel sie ihm lebhaft in's Wort. „O, das freut mich. Ja, Gedanke an Gedanke, und die Seele wächst, aber Karin ist eine unzufriedene Seele und unruhig, wie die flackernde Flamme hier. Seht Ihr den Rauch durch die Spalten des Felsens ziehen, hoch und immer höher, zu den Wolken hinan? Das sind – aber lacht mich nicht aus! – das sind Karin's Gedanken. Meint Ihr nicht auch, es müßte schön sein, zu schauen, was da oben ist, da oben hinter den Wolken?“

Hallerstein lächelte. „Wunderlich Mädchen!“ flüsterte er vor sich hin. „Bis in die Einöde dieser Klippen drang das süße Gift des Denkens.“

„Und weil ich nicht schauen kann, was da oben ist,“ fuhr sie mit einem leichten Anhauch von Wehmuth fort, „darum ist meine Seele wie die flackernde Flamme –“

„Unstät und heiß,“ ergänzte er. „Aber glaubt Ihr nicht, daß da oben ein Gott wohnt, der über uns waltet und webt, ein gütiger Gott, der mich soeben errettet aus sicherem Tode?“

„Ein Gott?“ fragte sie zögernd zurück; sie hatte den Finger sinnend an die Lippe gelegt. „Ich weiß nicht, was Ihr damit meint. Mutter Hedda, wenn sie des Abends in den Sternen liest, hat mir den Namen wohl oft genannt, aber Karin versteht ihn nicht und meint, es ist nur ein Name. Und doch – so oft ich das Wort vernehme, stets ergreift mich dasselbe unnennbare Gefühl. Es liegt etwas Großes in diesem kleinen Wort; halb macht es mich erbeben, und halb entzückt es mich. Wißt Ihr – aber nein, ich sag' es nicht,“ brach sie plötzlich ab und warf neues Reisig in die Flamme. „Daß wir auch gleich darauf zu sprechen kommen!“

„O, redet weiter!“ bat er.

„Es ist nichts,“ meinte sie und blies die Reste des Reisigs von der kleinen, schmalen Hand. „Nur ein thörichtes Gefühl – nichts weiter.“

„Sprecht!“ drang er freundlich in sie.

„Nun gut!“ sagte sie zögernd und setzte sich zu ihm auf die Steinbank. „Aber Ihr werdet Karin nicht verstehen, fürchte ich. Seht Ihr dort die kahle Klippe?“ – und sie deutete durch die Felsenöffnung auf einen mächtigen Granitkegel – „es ist die höchste Spitze der Insel, und wir heißen sie: den Mövenstein. Wenn ich einsam dort oben stehe im hellen Sonnenglanz oder im falben Mondlicht, dann schläft das Ohr in der lautlosen Stille und der Blick schweift mit den Wellen weithin in die Leere. Vielleicht weckt ein Stein, der in's Wasser fällt, einen schwachen Hall an der Felswand, oder der Schatten eines vorüberziehenden Vogels huscht flüchtig über das dunkle Moos hin; sonst ist Alles todt – und nun kommt es leise über mich und packt mich gewaltig, das seltsame, unsagbare Gefühl. Ein Abgrund zu Füßen,

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Die Gartenlaube (1880) b 769.jpg

Die Kunst auf dem Lande.
Nach dem Oelgemälde von S. Eggert.


das unergründliche Wasser, ein Abgrund zu Häupten, der unermeßliche Himmel – es zieht mich hinab; es zieht mich hinan. Der Zug der Wellen und der Wolken, er nimmt die Seele mit, und süßer Schreck durchzuckt mich. Plötzlich erkenn’ ich: ich bin nicht mehr ich. Seht, das ist’s – dieses Gefühl – meint Ihr nicht auch? – dieses Gefühl ist Gott.“

„Karin!“ sagte er und sah sie staunend an, wie Einer, vor dem ein dunkler Vorhang zerreißt und der nun plötzlich verwundert und entzückt in eine liebliche Landschaft blickt.

„Oder,“ fuhr sie schnell fort, „ich seh’ ein Schiff über das große Wasser ziehn. Matt und matter schimmert das weiße Segel zu mir herüber, und nun verschwindet es dämmernd am Horizont. [770] 'Da wohnen sie,' spricht eine Stimme in mir, 'die gleich geschaffen sind, wie Du, die Gleiches fühlen, Gleiches leiden – die Tausende da draußen in der Welt.' Und es ist mir, als winkten mir tausend Hände, als öffneten sich tausend Arme – und dann faßt es mich wieder an, das Gefühl des Schauderns und Entzückens; sie zieht mich zu sich hinüber, die unbekannte Welt jenseits des Wassers, und – sagt, ist dieses Gefühl nicht auch Gott?“

„O Du herrliches Kind!“ rief er und ergriff ihre Hand. „Höchstes flammt in Deinen Worten.“

„Könnt' ich das Höchste nennen,“ erwiderte sie und entzog ihm schüchtern ihre Hand, „es wäre nicht Gott. Aber ich will auch nicht das Höchste; denn es läßt sich nicht fassen; schauen will ich es – schauen und leben – leben und – ja, ich weiß nicht, was ich will.“ Sie sann einen Augenblick nach. „Hört, die da drüben wohnen, in Städten und Dörfern, fühlen sie wie Karin? O, thäten sie es doch! Mitgefühl will ich – vielleicht ist es das.“

„Die da drüben wohnen!“ seufzte er. „Ach, in ein altes Buch bannen sie Karin's Gott und beten ihn an in Häusern von Stein.“

„Gott in ein Buch, in Häusern von Stein?“ fragte sie ungläubig lächelnd. „O, ich mag sie nicht, Eure Menschen. Ich kann sie nicht verstehen, nicht lieben.“

„Ein Engel wärest Du unter ihnen!“ sagte er begeistert. „Die Sterne ursprünglichen Empfindens und reinen Lebens sind längst untergegangen an ihrem Himmel. Eng und dumpf wohnen sie in großen Städten, und die schöne Einfalt der Natur ist ihnen lange gestorben. Wahn und Vorurtheil sitzen auf dem Throne; Haß und Hader schüren die Flamme, und um Mein und Dein ist ein ewiger Krieg. Du bist gut, Karin, aber sie – – o, frage mich nicht!“

„Nein, nein, nein, ich will sie nicht,“ fuhr Karin auf und erhob sich mit einer raschen Bewegung des Unwillens; sie strich das üppige Goldhaar kräftig, fast zornig aus der Stirn und warf den Kopf stolz in den Nacken. In dem lieblichen Kindergesicht leuchtete wieder der alte blitzartige Trotz auf. „Ich hasse Eure Menschen“ – sie schwieg – „ich hasse sie, weil Ihr sie scheltet,“ fügte sie sanfter hinzu, und dann sagte sie fast wehmüthig: „Karin paßt nicht in Eure Welt; Karin muß einsam bleiben immer und immer; Niemand, Niemand wird Karin lieb haben.“

„Der vor Dir steht,“ betheuerte er, „hat Paläste gesehen und Hütten, aber sein Herz blieb kalt. Und heute, da er Dich sah, Karin –“

„Ihr könntet Karin gern haben?“ fragte sie freudig erstaunt, und der ganze Zauber kindlicher Unbefangenheit blickte aus ihren Augen.

„Ja!“ sagte er. „Sehr, sehr!“ Er legte die Hand leicht an ihren Nacken und hob mit der andern ihr lächelndes Angesicht sanft empor.

„O, dann ist Karin fröhlich,“ sagte sie fast muthwillig. „Dann endet das Gefühl des Alleinseins,“ und ihr Blick ruhte lange und innig in dem seinen. „Es ist in mir ein Durst“ – sie schien über ihre eigenen Worte zu erschrecken, und der Schatten einer leichten Röthe flog über ihre Wangen – „ein großer Durst nach – hah! meine Tauben!“ brach sie plötzlich ab. Durch den Eingang der Grotte schweifte in großem Bogen, an der Wölbung hin, die schwirrende Schaar, und schnell, wie sie gekommen verschwand sie wieder durch den Ausgang.

„Ein großer Durst nach –?“ fragte Hallerstein.

„Der Habicht!“ schreckte sie plötzlich auf. „Der Habicht jagt meine Tauben,“ und über Klippen hinweg, hart an dem schäumenden Wasserfall vorüber, war sie in der Felsenwölbung verschwunden – mit ihr in mächtigen Sätzen Rustan, ihr treuer Gefährte.

„Ein großer Durst nach –?“ fragte Hallerstein träumerisch, indem er ihr nachblickte, und das Echo der Grotte neckte den einsamen Frager. „Nach der Liebe eines verwandten Gemüthes!“ antwortete er sich selbst, „welch eine Perle fand ich zwischen Fels und Klippen!“

Es war still rings um ihn; die Flamme knisterte leise, und als er hinzu trat, verglomm eben das letzte Reisig. Die feurigen Aederchen zerfielen, eine nach der andern, und mit den letzten Funken, die in der Asche erstarben, versank Hallerstein tiefer und tiefer in seine einsamen Gedanken. Sein früheres Leben zog an ihm vorüber: Leerheit und Lüge die vornehme Menschenwelt um ihn und ein Sclave, der nach Freiheit schreiet, das Herz in ihm – Ungenügen und Unlust mitten in einem Leben voll Glanz und Ueberfluß. Dann ein Bund, ein schmählicher Bund mit einem ungeliebten Weibe und Müdigkeit und Sättigung in der Blüthe der Jahre. Und nun? Die Eriken in den Nischen der Grotte dufteten es ihm entgegen, würzig und weich, der Wogenprall am Gestein rief es ihm zu, laut und lärmend: es ist Alles anders worden – plötzlich, wie ein Frühling, der in einer einzigen Nacht erblüht ist. Und er griff sich an's Herz und fragte sich: was wird nun kommen? Da scholl es vom Strande herüber – er kannte die Stimme, Karin's Stimme, die den Schiffern ertönt auf der bangen Irrfahrt – und sein Ohr trank durstig die schmelzenden Klänge:

„Es athmet sacht
Die Sommernacht
In den beglückten Zonen.
O, könnt' ich dort
Im stillen Port
Mit Dir, Geliebter, wohnen!“

Er lauschte athemlos – er bedeckte beide Augen mit den Händen, und einen Augenblick stand er träumend da. Draußen fielen die Wellen, sich hebend und senkend, mit gleichmäßigem Geräusche auf den Strand nieder, donnernd und brausend. Ein Lufthauch wehte ihn vom Ausgange der Grotte her feucht an; mit leichtem Frösteln trat er an den Wasserfall und blickte zur Felsöffnung hinaus. Himmel und Wasser noch immer im Sturm! Gegen Ost, West und Süd keine andere Grenze als Wellen und Wolken, schäumend und jagend. Seine Gedanken schifften mit Fluthen und Aether – es schauderte ihn heimlich. „Und morgen kann es Sonnenschein sein,“ sagte er leise vor sich hin, und sein Auge irrte durch den in Staub verwandelten Gischt, der die ganze Landschaft wie in Nebel hüllte.

Nun blieb sein Blick an einer vorspringenden Klippe hängen; vier Männergestalten standen darauf: Vater Claus mit den drei Burschen. Sie gesticulirten lebhaft. Der Alte zeigte wiederholt in die See hinaus und sprach eindringlich, aber die Anderen schüttelten die Köpfe und machten abwehrende Bewegungen. Was hatten sie vor? Dicht über den Vier, eine Felsterrasse höher, bewegte sich etwas auf einer breiten, flachen Steinplatte, schimmernd und schneeig – es waren Rustan's weiße Haare; mit gehobener Schnauze witterte er in den Sturm hinaus. Jetzt wehete es dicht neben ihm goldig durch die feuchte Luft; ein Mädchenkopf erschien im Nebel, und nun die ganze Gestalt. Karin beugte sich tief nieder; sie lauschte auf das Gespräch der Männer unter ihr. Dann machte sie eine energische Bewegung, wie Jemand, der einen schnellen Entschluß faßt. Sie winkte – sie kletterte die Felsen hinab. Olaf kam ihr auf halbem Wege entgegen. Sie sprachen mit einander; er nickte zustimmend, und schnellen Schrittes gingen sie davon und verschwanden in der Richtung zum Strande hin, wo das Boot lag. Rustan folgte ihnen.

Wie im Traum sah Hallerstein dieses Bild an sich vorüberziehen – noch beherrschte ihn ganz das eben Empfundene. Wie im Traum verließ er die Grotte – wie im Traum stieg er über die Felsstufen zum Ufer hinab. Die ziehenden Wolken des Sturmhimmels warfen ihre tanzenden Reflexe auf den steinigen Strand; es war eine mystisch-unstäte Beleuchtung, die über der Landschaft lag. In den Unterspülungen des Ufers gurgelten und glucks'ten die Wasser und wuschen die Steine aus dem Sande. Dort unten, zwischen Wurzeln und verworrenem Pflanzengerank, lag ein todter Baumstamm. Hallerstein setzte sich darauf und blickte gedankenvoll in die stürmende See hinaus; er spürte nicht Wind; er spürte nicht Wetter – er blickte hinaus, hinaus. Die Sonne stand hoch am Himmel – er sah nicht, wie sie den Nebel durchbrach. Es giebt Stimmungen in der Menschenbrust, wo Gedanken zu Träumen, Gefühle zu Ahnungen werden, geheimnißvolle, wolkenverhängte Stimmungen. Zwischen Himmel und Erde thront das Räthsel, und alles Höchste trägt den Schleier.

(Fortsetzung folgt.)



[771]
Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf von Gottschall.
XXIV.


Wie sind Sie glücklich, verehrte Freundin, fern von dem Qualm der Städte ein beschauliches Leben führen zu können, ungestört von dem Lärm der gesellschaftlichen Vergnügungen, die, so verschieden ihre modischen Namen sein mögen, stets doch denselben Geist der Langenweile athmen! Sie kennen vielleicht noch gar nicht die modernen „Routs“, jenen höheren Grad verfeinerter Geselligkeit, bei welchem man auf die materiellen Genüsse verzichtet, ohne dafür geistige einzutauschen. Diese opferfreudige Verneinung jedes aufdringlichen Lebensgenusses zeigt, bis zu welcher Höhe der moderne Stoicismus sich erhoben hat; ja, er beschränkt sich nicht auf diesen Verzicht; er nimmt wirkliche Unannehmlichkeiten mit in den Kauf; denn mancher „Rout“ gleicht einem etwas civilisirten Volkstumult, mit leise angedeuteten Erstickungsgefahren; es ist oft unmöglich, einen nur zehn Schritt entfernten Bekannten zu erreichen und zu sprechen, weil der Weg zu ihm durch mehrere Kleiderschleppen und einige wie photographisch fixirte Gruppen versperrt ist, die sich nicht vom Platze rühren. Einer meiner Freunde, der in Folge einer unglücklichen philosophischen Neigung fortwährend auf der Jagd nach Begriffsbestimmungen für die Dinge dieser Welt sich befindet, erklärte mir einmal: „Ein Rout ist eine Gesellschaft, in welcher man nichts zu essen bekommt und sich gegenseitig auf die Füße tritt.“

Doch nicht von den „Routs“ wollte ich mich mit Ihnen unterhalten, sondern von einem andern gesellschaftlichen Vergnügen, ich meine vom Theater. Die „Routs“ gehören nicht in einen Literaturbrief, sie haben mit der Literatur nichts zu thun; – freilich! das Theater ist auch bald auf diesem Standpunkte angekommen; denn die Stücke, die am meisten gegeben werden, sind am wenigsten lesbar, und die meisten Treffer auf der Bühne sind Nieten für die Literatur. Sie haben seit Jahren vielleicht kein Theater besucht; Sie wissen nicht, wie einem Theatergänger zu Muthe ist, der fast allabendlich, mit dem Operngucker bewaffnet, Thaliens Tempel besucht und Studien auf der Bühne und im Zuschauerraume macht. Diese Theaterluft hat oft etwas Erstickendes; denn hier fehlt die äußere und dort die geistige Ventilation. Es weht durch unser ganzes Bühnenwesen eine etwas dumpfe Luft, und an dieser Verdumpfung haben die verschiedensten Factoren schuld.

Wir sind, verehrte Freundin, von der Lessing'schen Nationalbühne sehr weit entfernt. Ein berühmter Gelehrter am Neckar, der vier dicke Bände über Shakespeare geschrieben hat, verkündete einmal, das deutsche Volk werde erst ein großes historisches Drama haben, wenn es wieder Tragödien in der Wirklichkeit erleben würde.

Gervinus war stets unglücklich, wenn er den delphischen Dreifuß bestieg; auch in der Politik traf von Allem, was er prophezeite, das Gegentheil ein. So erging es ihm auch mit der Vorverkündung der im geschichtlichen Feuer wiedergeborenen Nationalbühne. Es kamen die Jahre 1848 und 1849, denen es durchaus nicht an geschichtlichem Sturme und Drange und an tragischen Begebenheiten fehlte; es kamen die Kriege von 1866 und 1870, die Gründung des neuen deutschen Reiches: Ereignisse, mit deren Bedeutung sich nichts von dem vergleichen läßt, was im Shakespeare'schen Zeitalter geschah, aber die deutschen Shakespeares, die große Tragödie blieb aus, mindestens auf der Bühne, deren Niveau immer mehr zu verflachen droht. Dramen, welche nationale Stoffe behandeln oder von patriotischem Geiste durchweht sind, lassen das Publicum kalt; ja, die Besiegten von Sedan sind die Sieger im deutschen Theater geworden, und französische Stücke überfluthen unsere Bühnen, nach 1870 noch mehr als früher. Deutschland im Schlepptau der französischen Cultur, und zwar nachdem das deutsche Kriegsschiff das französische in den Grund gebohrt hat: welch ein demüthigendes Schauspiel!

Die Abneigung gegen die ernste Dichtung höheren Stils ist eine Thatsache, die von allen Seiten zugestanden wird. So war es nicht in den Glanzepochen dramatischer Kunst, so nicht in Hellas in der glorreichen Zeit der griechischen Tragiker, so nicht im alten England, zur Zeit Shakespeare's, so nicht in Deutschland, als Schiller seine Trauerspiele dichtete. Mit der Pflege der Tragödie sind alle classischen Epochen der Dichtkunst stets verbunden gewesen. Die Tragödie bleibt immer die höchste Gattung des Dramas; sie erfordert einen Dichter; die anderen Stücke lassen sich mit einem gewissen Maß von Bildung, Stil- und Bühnengewandtheit abfassen. Gleichgültigkeit gegen die Tragödie ist Gleichgültigkeit gegen die Poesie, und wo diese zur Signatur eines Zeitalters gehört, da ist es ein Zeitalter literarischen Verfalls.

Es ist ein eigen Ding um die Classicität, verehrte Freundin: Niemand weiß den Zeitpunkt zu bestimmen, wo sie einen Dichter mit ihrem Heiligenscheine umgiebt; ja es giebt der Ketzer genug, die sie nur für eine fixirte Mode halten. In der That ist es Mode, die Classiker zu besitzen und zu vergöttern, aber ihr Einfluß auf die Gesinnung unserer Zeit ist weit geringer, als man gewöhnlich glaubt. In wie vielen hunderttausend Exemplaren vom Palaste bis zur Hütte sind Schiller's Werke verbreitet, wie macht sich die Jugend von den Dorfschulen bis zur Universität mit ihnen vertraut – und doch – kümmert sich unser Volk um seine ästhetischen Lehren? Wie hat er in seinen Distichen „Shakespeare's Schatten“ den Realismus der Ifflandiaden, des bürgerlichen Dramas, gegeißelt, doch diese unsterblichen Gedenkverse sind in den Wind geschrieben; nach wie vor will das Publicum auf der Bühne nur die modernen Ifflands und Kotzebues: man glaubt wunder was für neue Genres entdeckt zu haben, wenn man im Stile von „Menschenhaß und Reue“ dichtet.

Das bürgerliche Drama, etwas verbirchpfeiffert und französirt, hat mit Lustspiel und Posse im Bunde fast die ausschließliche Herrschaft auf unserer Bühne.

Gewiß, auch diese Gattung hat ihr gutes Recht; wir finden sogar, daß Schiller zu scharf gegen sie in's Feld gezogen ist; aber sie darf doch stets nur in zweiter Linie stehen. Sonst verwöhnt sie das Publicum. Es ist so bequem in den Spiegel zu sehen: man verlernt aber darüber, denn Blick höher hinauf zu richten.

Viele werden indeß leugnen, daß die Tragödie mit der Ungunst des Publicums zu kämpfen hat: wie, werden jetzt nicht sogar Shakespeare's Historien zur Aufführung gebracht, oft in einem zusammenhängenden Cyclus, sodaß eine ganze Theaterwoche mit der tragischen Maske erscheint? Welch ein Fortschritt gegen das vorige Jahrhundert! Und wird nicht Goethe's „Stella“, ja selbst der zweite Theil des „Faust“ jetzt auf die Bühne gebracht? Giebt man nicht überhaupt den „Faust“ in allen möglichen Einrichtungen und Gestalten, auf der eintheiligen und der dreitheiligen Bühne, in zwei, drei und fünf Theilen? als Mysterium, als Passionsschauspiel? Welch ein Respect vor der ernsten Dichtung!

Wir holen wenigstens das Versäumte nach und sind classischer, als das achtzehnte Jahrhundert war. Der zweite Theil des „Faust“ ist freilich eine Errungenschaft des neunzehnten; aber es sind Jahrzehnte vergangen, ehe man sich entschloß, ihn auf die Bühne zu bringen. Nun, er wirkt ja wie jedes Ausstattungsstück, bei dem es auf den Text nicht sonderlich ankommt. Was Goethe in das Stück hineingeheimnißt hat, kann ja auf der Bühne nicht ohne Commentar verstanden werden; dafür sieht man in dem Wirrwarr von halb und ganz allegorischen Scenen allerlei bunte, schönbeleuchtete Schaustücke, und wenn Musik und Tanz dazu kommt, so kommt ja ein Schauspielabend zu Stande, der sich mit einem Opernabend einigermaßen messen kann. Da schadet's ja auch nicht soviel, wenn man einmal das Textbuch vergessen hat und nicht recht weiß, was eigentlich auf der Bühne vorgeht. Was aber die Shakespeare'schen Historien betrifft, so sind wir Deutschen, abgesehen von dem, was des Dichters Genie unserem Geist und vor allem was die glänzende Inscenirung unserer Schaulust bietet, ja stets geneigter, uns für britischen Patriotismus zu erwärmen, als uns von unserem eigenen erwärmen zu lassen.

Nein, verehrte Freundin, ich sehe in allen diesen Experimenten nur Triumphe des Epigonenthums und finde, daß der Hochdruck einer mit so vieler Pferdekraft von Commentaren, Bühneneinrichtungen, Zeitungsnotizen arbeitender Classicität auf der Entwickelung unserer neuen Literatur in verhängnißvoller Weise lastet. Es wäre eine Schande für die Bühne, wenn sie nicht das Große der großen Dichter auf ihrem Repertoire bewahrte, aber das Verfehlte der schlafenden Homere, das Schwächliche und Grillenhafte, das Altersschwache und Veraltete, das Fremdartige gehört nicht auf die Bühne; das möge man der Literaturgeschichte und dem Privatstudium überlassen!

Durch die Darstellung der classischen Tragödien glaubt man [772] sich aber mit der ernsten dramatischen Dichtung überhaupt abgefunden zu haben. Viele erste Hofbühnen dispensiren sich jetzt von der Pflicht, ein dichterisch gehaltenes Trauerspiel im Laufe der Saison zur Ausführung zu bringen. Die Berliner Hofbühne z. B. hat das Repertoire der nächsten Saison veröffentlicht; es finden sich auf demselben nur Salonstücke nach der neuesten Mode, kein einziges poetisches Werk. Doch Sie wenden vielleicht ein, verehrte Freundin, daß die Intendanzen die Poesie nicht aus der Erde stampfen können?

O nein, an poetischen Werken fehlt es nicht; haben doch erst drei dramatische Dichter neulich den Schiller-Preis erhalten. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben, so glauben Sie diesem Comité, das ja der Sage nach aus lauter dramaturgischen Autoritäten zusammengesetzt ist. Nach den zwei vorausgehenden Triennien wurde der Schiller-Preis überhaupt nicht ausgetheilt: man wollte nur Unsterbliches krönen, doch man fand nichts Unsterbliches; möglich, daß es irgendwo hinter dem Rücken des Comités gedeiht: die Unsterblichkeit einer Dichtung gehört nicht so zu ihren sichtbaren Merkmalen wie die Pistille und Staubgefäße zur Pflanze; man kann sie ihr nicht ansehen. Gleichviel, der letzte Schiller-Preis ist wieder ausgetheilt worden; unter den preisgekrönten Dichtern befinden sich zwei Tragöden; was ist da natürlicher, als daß von Berlin aus eine bengalische Beleuchtung über alle Theaterrepertoires ausströmt, daß die tragische Muse mit der Berliner Lorbeerkrone auf hohem Kothurn über alle Bühnen schreitet? In Frankreich wäre es wenigstens selbstverständlich, daß eine von der Akademie gekrönte Tragödie auf der ersten Pariser Bühne und auf allen Bühnen des Landes zur Aufführung käme. Das ist in Deutschland ganz anders; eine solche Preiskrönung ist ein Schlag in's Wasser. Sie geht durch alle Zeitungen; die Poeten erhalten ihre tausend Thaler, und damit ist's abgethan.

Das scheint Ihnen unglaublich, und doch ist es noch nicht das Schlimmste. Die Sache ist noch viel pikanter. Im Preiscomité sitzen viele Bühnenleiter, Herr von Hülsen selbst, Dr. Förster in Leipzig und Andere; die Stücke, um deren willen, nach dem Bekenntniß eines Preisrichters selbst, Wilbrandt und Nissen den Preis erhielten, „Chriemhild“ und „Agnes von Meran“, sind von jenen Intendanten und Directoren sogar an ihren eigenen Bühnen noch nicht gegeben worden. Es ist wie bei einer Thierschau: man prämiirt irgend ein schönes Zuchtthier; man braucht es deshalb aber doch nicht für den eigenen Stall einzukaufen. Ein Glück, daß unsere Nachbarn jenseits des Rheins sich um unsere inneren literarischen und theatralischen Zustände so wenig kümmern: das wäre ein prächtiger Stoff für die boshaften Artikelschreiber der „Revue des deux mondes“, und bei dem esprit de corps, der jenseits des Rheines herrscht, würde diese Probe deutscher Anarchie dort einen höchst belustigenden Eindruck machen.

Sie sehen, verehrte Freundin, der Tragödie ist einmal nicht zu helfen, und es geht ihr schlechter, als der Copirtinte und den Stahlfedern, womit sie geschrieben wird; denn wenn diese bei irgend einer Ausstellung eine Medaille erhalten haben, so gehen sie wenigstens im Handel. Das Trauerspiel hat einen großen Feind, und dieser Feind ist allmächtig in seinem geheimen Wirken: es ist der Cassenrapport. Ein paar Rubriken und ein paar Zahlen: das ist alles; doch keine Kabbala kann einen größeren Zauber ausüben. Volle Rubriken, große Zahlen . . . das ist der Beweis für eine erfolgreiche glänzende Bühnenleitung; leere Rubriken, kleine Zahlen . . . da richtet sich das drohende Gespenst des Deficit empor, das in den Träumen der Intendanten eine ebenso unheimliche Rolle spielt, wie in denen der Privatdirectoren. Das Thermometer der Casse hat aber einen gewissen Nullpunkt: wenn eine Novität bei irgend einer Aufführung unter diesen herabsinkt, so wird sie beiseite gelegt – und es kann dies einem Trauerspiel schon bei einer zweiten und dritten Aufführung passiren. Da giebt es keine Appellinstanz mehr, und selbst die Berufung auf die Unsterblichkeit wird als unzulässig verworfen.

Herr von Hülsen ist ein liebenswürdiger Cavalier und ein tüchtiger zuverlässiger Geschäftsmann; dabei besitzt er die naive Offenheit, die ja auch in der Berliner Diplomatie jetzt zum guten Ton gehört. Er drapirt sich nicht geschmackvoll in Phrasen und Flausen; er sagt, was er denkt. Eines Tags kam ich mit ihm auf einem Rheindampfer zusammen, und trotz des wunderbaren Duftes, der über dem Rheingau lag, sprachen wir von der pappenen Coulissenwelt. Da erklärte er mir, daß er sich nur nach dem Geschmack des Publicums richte und demselben niemals ein Stück octroyiren werde. Ich führe das nur an, weil es das Glaubensbekenntniß aller Intendanten und Directionen ist. Und doch wird dieser sich selbst überlassene Geschmack die leichteste Kost wählen, stets das bequemste Vergnügen suchen. Alle bedeutenderen Dichtwerke werden nicht gleich auf ein so bereitwilliges Verständniß stoßen; von dem Verhältniß des Publicums zu ihnen gelten die Goethe'schen Verse:

„So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich am Anfang willig an,
Doch dann ernährt es sich mit Lust.“

Und das Publicum selbst, als höchste Instanz?

Welch ein ungreifbares flatterhaftes Wesen, heute anders als gestern, hier anders als dort, unter der Herrschaft der Reclame oder der Mode stehend, bisweilen selbst unter der Herrschaft der Claque: welche literarische Erbärmlichkeiten sind nicht von diesem Publicum schon beifällig aufgenommen worden! Der Director in Goethe's „Faust“ ruft dem Dichter zu:

„Seht nur hin, für wen ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt
Kommt jener satt vom übertischten Mahle,
Und was das Allerschlimmste bleibt,
Gar Mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns wie zu den Maskenfesten,
Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt.
Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten
Und spielen ohne Gage mit.“

Das ist die Stimmung eines Theaterabends: sie kommt dem Flachen entgegen, dem Bedeutenden nur dann, wenn sein Verdienst ihr seit Jahrzehnten eingetrichtert worden ist. Mag dieses Publicum immerhin für die Intendanzen nur eine „ziffermäßige“ Bedeutung haben: sein Urtheil, auch wie es sich in Besuch und Nichtbesuch ausspricht, darf nicht allein den Ausschlag geben; reich dotirte Hoftheater haben auch die Pflicht der Geschmacksbildung, die Pflicht, die dramatischen Talente zu pflegen, und wenn ein Bühnenleiter eine starke Ueberzeugung von dem Werthe eines Dichtwerkes hat, so wird er dasselbe, auch bei anfangs nicht günstigen Cassenerfolgen, doch auf dem Repertoire zu erhalten wissen, indem er es in gemessenen Zwischenräumen wieder bringt.

Aber die Tragödie, verehrte Freundin, stößt noch auf andere Hindernisse. Es giebt wenig darstellende Talente für Charaktere, die im großen Stil gehalten sind; das Imponirende, Machtvolle, Heroische uns vorzuführen, fehlen oft die Mittel, öfter noch die Gewöhnung an große Aufgaben; es giebt Bühnen ersten Ranges, die keinen Helden und keine Heldin haben. Und dann – last, not least – die Kritik, verehrte Freundin! Es giebt glänzende Ausnahmen, aber ein großer Theil der Tageskritik liegt in den unberufensten Händen; sie begreift den Geist auf der Bühne, der ihr gleicht, den Geist der Trivialität, der faden Witzhascherei; sie läßt das Mittelmäßigste passiren, aber dem echten Dichtwerk tritt sie oft mit dem wohlfeilen Hohne ästhetischer Unbildung entgegen und mit dem ganzen Hochmuthe vermeintlicher Ueberlegenheit.

Auch das Lustspiel hat zum Theil seinen echten Charakter verloren: es ist ein Schwank geworden – und wir haben ganz muntere Schwankdichter – oder es schielt nach der rührseligen französischen comédie, deren gewagte Conflicte es indeß soweit verwässert, daß die Mischung für Confirmandinnen unschädlich ist. Auch hier fehlt es nicht an artigen und gewandten Talenten. Das sociale Schauspiel wird jetzt in der Regel stark mit criminalistischen Elementen versetzt. Dann aber giebt es noch eine unsagbare Dramatik, welche ganze Bühnen ausschließlich beherrscht, die aber für die Literatur verloren ist: pikante Operetten, Vaudevilles, Gesangpossen und großartige, aber alberne Ausstattungsstücke, fast alles ganz- oder halbfranzösischen Ursprungs, alles geeignet, das Publicum an das Fade und Nichtige zu gewöhnen und die bequemste Zerstreuung als den letzten Zweck der Bühne zur Gewohnheit zu machen.

Ich habe Ihnen, verehrte Freundin, kein Lichtbild unseres Theaterwesens entrollt, doch ich bin kein Pessimist und glaube nicht an seinen vollständigen Niedergang. Es ist dies eine Uebergangsperiode; sie wird sich vielleicht noch kritischer gestalten; hoffentlich wird diese Krisis eine wohlthuende sein.



[773]
Die Gartenlaube (1880) b 773.jpg

Der Julius-Thurm in Spandau.

„In Bereitschaft sein, ist Alles.“

Dieses Wort Hamlet’s machte der Reichskanzler im Jahre 1874 zu seinem Motto. Er forderte aus den Milliarden der französischen Kriegscontribution damals 120 Millionen Mark, um im Falle der Noth in kürzester Frist die Kriegsbereitschaft herstellen zu können. Im Grunde bedeutete diese Forderung nur eine Erweiterung des preußischen Kriegsschatzes von 90 Millionen auf 120 Millionen für das deutsche Reich. Nach der Bewilligung des Reichstags gingen am 3. Juli 1874 60 Millionen Mark aus der deutschen Reichsbank nach Spandau ab, und zwei Tage später folgten weitere 60 Millionen. Dieser Reichskriegsschatz, bestehend aus geprägtem Gold und schweren Goldbarren, wurde in eisernen Kisten in die Tiefe des Julius-Thurms zu Spandau versenkt.

Als ich zum ersten Male vor den hohen Bastionen der Citadelle stand, welche den Julius-Thurm mit seinem „Spreegold“ umgiebt, fiel mir unwillkürlich Moritz Hartmann’s launiges Märchen von dem Prinzen ein, der viele Jahre lang eine Festung berannte, um einen köstlichen Kuchen zu erobern. Der thörichte Prinz erstürmte nach schrecklichen Opfern und Mühen die Citadelle, allein der heißersehnte Kuchen war indessen – altbacken geworden. Einer gleichen Gefahr ist zwar der vielbegehrte Schatz im Julius-Thurm nicht unterworfen; denn Gold, in welcher Form und unter welchen Verhältnissen es immer erscheinen mag, behält seinen Werth, aber gleichwohl schrumpft der Schatz ein, wie Alles, was man abseits trägt vom Strom des Lebens: seit sechs Jahren liegen die 120 Millionen im Julius-Thurm, und ein einfaches Rechenexempel lehrt, daß dieselben seither – ohne Zins auf Zins zu legen – bereits 30 Millionen als Zinserträge gebracht hätten.

Ach, wir Armen! Was hätte sich mit dreißig Millionen Alles schaffen lassen! So lange indessen die Culturvölker die stehenden Heere fort und fort wachsen lassen, so lange in Ost und West die Kriegsfurie lauert, mögen Bismarck und Moltke Recht behalten mit dem Ausspruche: In Bereitschaft sein, ist Alles.


[774] Die Umgebung Spandaus, einer der ältesten Städte der Mittelmark, in welcher fort und fort die Waffen des Mars geschmiedet werden, hat einen völlig friedlichen Charakter. Ueber dem trägen Wasser der Spree gleiten mit leichtgeschwelltem Segel schmalgebaute Lastschiffe; hohe Pappeln ziehen sich an den Ufern hin; bunte Viehherden weiden auf flachen, von Riedgras umsäumten Wiesen, und auf den Wasserflächen im Innern der Festungsmauern rudern Hunderte von Schwänen auf und nieder.

Sogar die Festungswerke machen mit ihren rothen Mauern und spitzen Backsteinthürmchen einen niedlichen, aber keineswegs kriegerischen Eindruck. Man findet es darum begreiflich, daß die Festung im Jahre 1631 den Schweden nur einen geringen, im Jahre 1806 dagegen den Franzosen gar keinen Widerstand leistete.

Sein eigenartiges Gepräge empfängt Spandau durch die hohen Schlote der Artilleriewerkstätten, die vielen Casernen und den stolzen, mit einer Kuppel versehenen Thurm der Nikolaikirche. Die schlanken hellgelben Schornsteine der Artilleriewerkstätten ragen gleich türkischen Minarets über die niedrigen Dächer der Stadt, und hier und dort zügeln des Nachts feuerige Lohen aus denselben hervor und werfen einen magischen Schein auf die ungeheuren Werkhäuser, in welchen weit über 3000 Arbeiter beschäftigt sind.

Im Osten der Stadt ragt über den Riesenpappeln der Berliner Chaussee die zackige Mauerkrone des Julius-Thurms empor. Dort liegt auf gleichem Niveau mit der Stadt der stolze Festungsbau, die Citadelle, deren aus rothen Ziegelsteinen geformte Bastionen von einem Spree-Arm umschlossen werden. Aus diesem seeartigen Wassergraben ist ein Dickicht von Weiden und wehendem Röhricht hervorgesproßt, das sich an die kühn aufsteigenden Festungsmauern anschmiegt und in dem während des Sommers stolze Schwäne herumbotanisiren. Eine Zugbrücke führt zu dem geheimnisvollen Festungswerk hinüber, dessen hohes Thor mit einem von schwarzen Adlern getragenen Wappen geschmückt ist; die Bastion links von der Brücke trägt in Riesenlettern den Namen „König“ auf der Stirn. Hat man die halbdunkle Einfahrt passirt, so überrascht den Beschauer ein freundlicher Anblick.

Die Innenbauten, welche den weiten Exercirplatz umfassen, gleichen mehr friedlichen Landhäusern aus der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, als Festungsbauten. Uralte Kastanien umringen die schimmernden weißen Façaden und rothen Ziegeldächer der Casernen, welche sich an die Festungswälle anlehnen, und an der Westseite der Citadelle erhebt sich auf einer hügelförmigen Aufschüttung der mächtige runde und gleichfalls aus rothen Backsteinen aufgemauerte Julius-Thurm, welcher den Reichskriegsschatz umschließt. Das Festungswerk hat seine eigene, nicht uninteressante Geschichte.

An der Stelle, welche heute die Citadelle einnimmt, stand schon vor tausend Jahren eine Burg. Als Kaiser Heinrich der Erste in die Havelländer einzog und Brandenburg eroberte, errichtete er diese Burg zum Schutz gegen die Wenden. Er setzte Vögte über dieselbe, und sie hatte zuerst, wie man annehmen darf, ihre eigene Gerichtsbarkeit, allein schon Ludwig der Römer mußte „Haus und Vorburg“ dem Rathe der Stadt Spandau verpfänden. Im Jahre 1356 verlieh der Markgraf Ludwig seinem „getreuen Knecht“, dem Juden Fritzel, die Würde eines Schloß- und Thurmamtmanns zu Spandau, mitsammt allen Einkünften und Rechten. Der Umstand, daß der Markgraf seinem jüdischen Kammerknecht eine so gebietende und einträgliche Stellung zuwies, läßt uns vermuthen, daß der edle Markgraf bis an den Hals in Schulden saß und daß er einfach dem jüdischen Geldmann die Burg zu Spandau verpfändete.

Zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts nahmen die Kurfürsten des Hohenzoller’schen Hauses Spandau mit Vorliebe zu ihrer Residenz und Joachim der Zweite trat hier zur Reformation über. Sein Vorgänger, Joachim der Erste, hatte Schloß und Amt Spandau seiner Gemahlin als Leibgeding angewiesen, und als diese Fürstin starb, faßte er den Entschluß, an Stelle der alten Burg eine dem Stand der damaligen Befestigungskunst entsprechende Citadelle zu erbauen. Er selber kam freilich nicht dazu, diesen Plan zu verwirklichen. Lange nach seinem Tode, im Jahre 1560, legte Christoph Römer mit zweihundert geschickten Italienern den Grundstein zu derselben.

Bis zum Auftreten Vauban’s, des berühmten französischen Kriegsbaumeisters und Heerführers, hatten die Italiener den Ruf, die geschicktesten Festungsbauer zu sein. Als daher der Bau der Citadelle nur langsam vorwärts schritt, berief der Landesherr im Jahre 1568 einen italienischen Baumeister, Namens Franz von Guardino, an die Spitze des Unternehmens. Ein altes dunkles Oelbild mit vielen Rissen und Schrammen befindet sich heute noch auf der Citadelle und zwar im Anbau des Julius-Thurmes, welches das Bildniß Guardino’s wiedergibt. Der Italiener war ein schöner, überaus stattlicher Mann mit geistvollen Augen, vollem Bart und feingeformtem Mund, dessen Verdienste sein Fürst durch eine schwere goldene Ehrenkette belohnt hatte.

Nachdem 1578 Graf Rochow zu Lynar die Leitung des Festungsbaues übernommen und dann rasch beendet hatte, wurde die Citadelle 1580 mit Truppen besetzt; die vollkommene Fertigstellung des Baues zog sich jedoch bis zum Jahre 1602 hin, und verschlang in jener Zeit Jahr für Jahr etwa 94,000 Thaler Baugelder, was im Hinblick auf die Zeitverhältnisse als ein enormer Kostenaufwand bezeichnet werden muß. Bedenkt man nun, daß zweiundvierzig Jahre an der Citadelle gebaut und kolossale Geldsummen daran verschwendet wurden, so muß man sich sagen: Der Kriegsschatz ruht in einer goldenen Gruft; denn strategisch hat dieser Bau heute noch weniger Bedeutung als zur Zeit der französischen Invasion nach der Schlacht bei Jena.

An der Stelle des Julius-Thurmes stand vordem ein Holzthurm, und als man die Citadelle baute, wurde dieser abgerissen und durch den festeren Backsteinthurm ersetzt. Woher die Bezeichnung Julius-Thurm stammt, ist den Spandauer Chronisten unbekannt. Ursprünglich war er zur Aufnahme von Gefangenen bestimmt, und heute noch hört man in Spandau die Redensarten: „Ihm winkt der Julius“, „Du sollst mir Juliussen kennen lernen“, oder „Er hat zwei Jahre Julius abgebrummt“. Im Laufe der Zeiten war der Thurm an der Spitze stark verwittert; die Militärverwaltung ließ daher zum Schutze der Millionen eine neue Bedachung und eine stolze Krone darauf setzen, deren rothe Zacken im Sonnenschein wie Purpur leuchten. Ein großes Gebäude, das Laboratorium der Citadelle, lehnt sich an den Fuß des mächtigen Thurmes an, und ein kleiner auf der Höhe der Citadelle gelegener Anbau verbirgt den Eingang zur Schatzkammer. In diesem Annex wohnt der Schlüsselbewahrer, und eine besondere Schildwache hütet den Thurm von außen. Kein „Sesam, thu’ Dich auf!“ und keine Aladinslampe vermögen dem Sterblichen diese Schatzkammer zu erschließen; denn das Kriegsministerium hat seinen Schatz wohl verwahrt, und nur Bellona kann ihn entführen.

In seinen düsteren Straßen weist Spandau auch ein Zuchthaus auf. Hier war es, wo man den Dichter Gottfried Kinkel einst in den Sträflingskittel steckte und Wolle spinnen ließ, bis kühne Freundesthat ihn befreite (vergl. „Gartenlaube“ 1863, S. 104). Ruft man sich nun die Thatsachen in’s Gedächtniß, daß die Havelstadt zwölf Casernen und riesige Werkstätten für Militärzwecke, sowie die hundertzwanzig Millionen für die erste Mobilmachung mit ihren Mauern umschließt, so muß man sich sagen, daß Spandau durchaus nicht so harmlos ist, wie es aussieht. Hier legt Germania in Zukunft ihre Rüstung an, und vom Julius-Thurme aus werden sich, wenn es sein muß, ihre Kriegsadler in die Luft schwingen.

Rudolf Elcho.     


Die Civilehe.
Ein Blick in ihre Vergangenheit – zur Beherzigung für die Gegenwart.

Unbemerkt, ohne festlichen Jubel ist an uns ein Tag vorübergeflogen, dem unter den vielen gefeierten Gedenktagen ein rühmlicher Platz gebührt hätte. Dreihundert Jahre sind bereits verflossen, seitdem die Staaten der niederländischen Provinzen Holland und Westfriesland (1. April 1580) die Civilehe auf gesetzlichem Wege eingeführt hatten, um mit dem System der Ungerechtigkeit zu brechen und der Toleranz die Wege zu ebnen. Für uns bedarf es freilich dieser Veranlassung nicht, um über [775] die Civilehe zu sprechen. Wir haben zwar seit fünf Jahren das Reichscivilstandgesetz; wir haben es zum Heil und Segen des Volkes, aber fast scheint es, als ob wir um dasselbe noch ringen müßten; denn mit seltener Kühnheit laufen die Feinde der Duldung gegen dasselbe Sturm; denn die bunt zusammengewürfelte Reaction führt eine Sprache, die zu dem Zweifel berechtigt, ob bei uns zu Lande wirklich die Civilehe eine bereits abgeschlossene Thatsache bildet.

So benutzen wir die Gelegenheit, die sich uns doppelt darbietet, um rückwärts in die Geschichte zu schauen und von ihr, der Lehrmeisterin der Völker, zu erfahren, ob es wirklich wahr ist, daß durch die bürgerliche Eheschließung die Moral des Volkes gefährdet wird, ob es erwünscht ist, zu dem alten System der Trauung umzukehren.


In einer wilden Orgie schritt das siegestrunkene Rom auf der weltgeschichtlichen Bühne seinem Untergange entgegen. Wie die altbewährte Rechtlichkeit in dem öffentlichen Wesen, so ging auch die Sittenreinheit in der Familie verloren, und bevor noch die schamlose Wollust der Imperatoren das eheliche Leben in Rom um die letzten Reste von Ehrbarkeit gebracht, hat schon Julius Cäsar im Senate beantragt, es solle den Römern gestattet sein, in Bigamie zu leben! So rang die heidnische Welt mit dem Tode. Da trat das Christenthum auf und brachte der Menschheit das allein richtige Princip der Ehe und des Familienlebens; es verkündete durch den Mund der Apostel: „Die Männer sollen ihre Weiber lieben als ihre eigenen Leiber; denn wer sein Weib liebt, liebt sich selbst“; es lehrte: „Weder der Mann ohne das Weib, noch das Weib ohne den Mann sind in dem Herrn“; an die Stelle des äußeren Bandes der heidnischen Ehe setzte es das innere Band der Liebe. Bevor aber seine Forderung erfüllt, bevor die christlichen Ehen Gemeingut der Christen wurden, vergingen Jahrhunderte. Denn die sinnliche Verworfenheit der heidnischen Welt erweckte in den ersten christlichen Gemeinden eine leicht erklärliche Verachtung der irdischen Güter und Genüsse, welche aber die naturgemäßen Schranken überfluthete und die Kirche auf verhängnißvolle Bahnen leitete. „Derjenige, den Engel im Himmel anbeten, verlangt auch Engel auf Erden“, schrieb Hieronymus, und Augustinus lehrte. „Nur derjenige ist vollkommen, der geistig und leiblich von der Welt geschieden ist“. In solchem asketischen Streben entstand das Gelübde der Keuschheit, und die Ehe selbst wurde als etwas Unsittliches und Unheiliges betrachtet, der Cölibat dagegen als „die Nachahmung der Engel“ gepriesen. Da aber auch damals die Ehe „schon der Erhaltung des Menschengeschlechts wegen“ als ein nothwendiges Uebel geduldet werden mußte, so sah sich die siegende Kirche genöthigt, „dieses durch die sündhafte Natur des Menschen herbeigeführte Verhältniß“ zu heiligen, und so begründete sie die Lehre vom heiligen Sacrament der Ehe.

Durch eine lange Reihe von überspannten, frömmelnden Vorschriften wurde das eheliche Leben normirt, und die Maßlosigkeit, mit welcher die Päpste vorgingen, offenbarte sich am deutlichsten in den kirchlichen Ehehindernissen. Schießlich wurde die Ehe bis auf den siebenten Grad der Verwandtschaft und Schwägerschaft verboten. Dies erzeugte aber eine solche sittliche Entartung, vornehmlich in kleineren Orten, wo man sich gar nicht mehr heirathen konnte, daß sich die Kirche selbst veranlaßt sah, schon auf dem vierten Lateranischen Concil (1216) das Eheverbot auf den vierten Grad canonischer Verwandtschaftsberechnung zu beschränken.

In der ganzen Christenheit bestanden im Mittelalter die peinlichen Vorschriften der römischen Kirche zu Recht; mit Hülfe des Pöbels zwang Gregor der Siebente die Priester zum Cölibat; die Ehe der Laien ward zu einer kirchlichen Institution. Wie war es nun zu jenen Zeiten um die Sittlichkeit bestellt? Es verlohnt sich wahrlich bei den unausgesetzten Angriffen auf die „sittenverderbende“ moderne liberale Gesetzgebung diese Frage zu beantworten.

Der sittliche Zustand der durch den Cölibat „geheiligten“ Priester blieb nach wie vor ein entarteter, schaudererregender, und die Laien selbst wünschten feste eheliche Verbindungen der Priester, um vor der Verführung ihrer Weiber und Töchter gesichert zu sein.

Vielleicht aber bot die Ehe der Laien, die nach den peinlichsten Vorschriften des Canons geregelte Ehe des Mittelalters, das sittliche Ideal, zu dem wir Kinder des angeschwärzten, gott- und sittenlosen Jahrhunderts zurückkehren sollten?

Wohl klingen aus jenen alten Zeiten die Lieder der Minnesänger märchenhaft zu uns herüber. Damals gelangte ja das weibliche Geschlecht zu einer Achtung und Verehrung, wie sie solche noch nie in der Welt genossen. Merkwürdig! Nachdem die Kirchenväter erklärt hatten, daß das Weib nicht das Ebenbild Gottes sei, und während die Canones der Frau in der Ehe den Platz einer Dienerin des Mannes anwiesen, trug die Verehrung der heiligen Jungfrau Maria, des zugleich göttlichen und menschlichen Weibes, der Beschützerin der Pilger, Städte und Länder, der man Kirchen und Capellen erbaute, so unendlich viel zur Anbetung der Frauen bei! Der Ritter lieh seinen gewappneten Arm nicht allein der Ewigreinen, sondern auch dem ganzen Frauengeschlechte und der Erkorenen seine Minne dazu, die sinnlich reine, vertrauensvolle Anbetung. Aber neben dieser Minne, welche in gewisser Hinsicht eine Reaction gegen die kirchlichen Begriffe der Ehe bildete, machte sich auch die sinnliche Seite geltend, und „der Ritter gab sich bald mit den kindischen gage d’amour sans fin (Liedesbetheurung ohne Ende) nicht zufrieden. Voll Ungeduld strebte er nach der zärtlichen Umarmung seiner Dame“. Diese freien Wahlumarmungen wurden derart zur Sitte, daß es selbst als Verletzung weiblicher Ehre galt, gäbe sich die Frau ihrem Geliebten nicht hin. Und so kam es, daß die Gräfin von Champagne einen Streit entschied:

„Ich will sprechen zu Recht und bestätigen mit beständigen Worten, daß keine rechte Liebe noch Minne sein möge zwischen zwei vermählten Eheleuten.“

Unsittlichkeit neben dem Cölibate, Liebe außer der Ehe, sie wucherten gar üppig, als das stürmische Jahrhundert der Reformation herannahte.

Nicht an uns liegt die Schuld, daß wir diese Zerrbilder aus der staubigen Kammer der Geschichte an’s Tageslicht bringen müssen. Die heutigen verleumderischen Angriffe gegen die Civilehe richten sich nicht etwa gegen einen todten Buchstaben; sie treffen alle freisinnigen Wähler, welche den Männern im Reichstage zur Einführung der Civilehe die Vollmacht ertheilt hatten – und um uns zu vertheidigen, rufen wir dem Volke, vor welchem wir angeschwärzt werden, laut zu: Das dort war die Sittlichkeit jener Zeit, in welcher die unumschränkte Herrschaft der kirchlichen Ehegesetzgebung den Zenith ihrer Macht erreichte!

Da, in die geknechtete Menschheit hinein, erscholl der zündende Ruf des Wittenberger Mönches, der auch das widernatürliche Dogma von der sündhaften Ehe über den Haufen warf. Indem Luther gegen den Cölibat ankämpfte, erklärte er im Gegensatz zu der päpstlichen Lehre, der Ehestand sei heilig und nach der Religion der „fürnehmste Stand auf Erden“. Begeistert rief er aus:

„Was soll’s doch sein, daß man die Ehe verbeut und verdammt, die doch natürlichen Rechtes ist? gleich als ob man verbieten wollte essen, trinken, schlafen. Das sei ferne, denn was Gott geschaffen und geordnet hat, das steht nicht in unserer Willkür, daß wir es ändern oder verbieten möchten.“ Dabei aber drang in der ersten Zeit der Reformation die Anschauung durch, daß die Ehe „ein weltliches Ding sei“, und der Württembergische Reformator Brentz lehrte: „der Eelich Contract, gleich wie sonst andere weltliche contract möcht auch wol auff den Rathsheusern oder andern gemeinen offenlichen, ehrlichen und burgerlichen orten verrichtet werden.“

In dem Streit mit der römischen Lehre stellte sich Luther auf den Boden des ursprünglichen Christenthums, nach welchem die Ehe allein durch Einwilligung der beiden Parteien als geschlossen und gültig erachtet wurde, und diese Meinung haben auch die meisten protestantischen Theologen des sechszehnten Jahrhunderts angenommen. Denn das Wittenberger Consistorium entschied gegen eine Klage, daß es unter den Leuten „sehr gemein einreißen wolle“ und die Verlobten vor der Trauung zusammenzögen und lebten, es sei nicht empfehlenswerth dagegen mit Strafmaßregeln einzuschreiten, „sintemal nach beschehener Verlöbniß zwischen jenen eine rechte Ehe ist und sie wie Eheleute zu halten.“ Aus diesem Grunde wurde auch von den Lehrern der Reformation der kirchlichen Trauung gar keine andere rechtliche Function zugeschrieben, als daß durch sie eine schon bestehende, vollgültig geschlossene, rechtlich durchaus wirksame Ehe lediglich öffentlich bestätigt werde. Ja, sie sprachen sogar von der kirchlichen Trauung als von einer Forderung des Staates, der sich die Kirche nicht entziehen [776] dürfte: „Solches alles und dergleichen laß ich Herrn und Rath schaffen und machen, wie sie wollen; es gehet mich nichts an. Aber so man begehret, für den Kirchen oder in den Kirchen sie zu segnen, über sie zu beten, oder sie auch zu trauen, sind wir schuldig dasselbe zu thun.“ (Luther.)

Während also die römische Kirche, ihren auf Weltherrschaft und die Unterordnung des Staates abzielenden Plänen gemäß, allein durch dogmatische Vorschriften die Ehegesetzgebung regeln wollte, brachte die Reformation ein neues Princip in das Leben der Völker hinein; an die Stelle der uniformen kirchlichen Gesetzgebung über die Ehe sollte nunmehr eine staatliche treten, welche die gegebenen Verhältnisse jedes einzelnen Landes berücksichtigte.

Kaum war aber die protestantische Kirche zu äußerer Macht gelangt, so wurde sie sogleich ihren ursprünglichen Principien der Freiheit und Duldung untreu, und schonungslos verfolgte auch sie alle Andersdenkenden. Dieses schreiende Unrecht, welches in den katholischen Staaten die Protestanten und in den protestantischen die Katholiken und Dissidenten erleiden mußten, drängte die weltliche Macht zur radicalen Lösung der Frage, nöthigte die Staaten, die ihren Bürgern gleichen Schutz gewähren sollten, zur Emancipation der Ehegesetzgebung von dem einseitigen intoleranten Einflusse der Kirchen.

Zum ersten Male erfolgte die gesetzliche Einführung der Civilehe schon im sechszehnten Jahrhundert. Nach der Unabhängigkeitserklärung der Niederlande hatte in den ehemaligen spanischen Provinzen die protestantische Kirche festen Fuß gefaßt; ihre Macht bekundete sie aber sogleich durch die Verfolgung der Katholiken. Katholiken und Dissidenten wurden genöthigt, ihre Taufen und Trauungen durch reformirte Geistliche vollziehen zu lassen.

Da erhoben sich die Staaten der Provinzen Holland und Westfriesland und führten am 1. April 1580 die facultative Civilehe in der Weise ein, daß allen Holländern und Westfriesen verstattet wurde, bürgerliche Ehen zu schließen. Es ist ihnen nicht gelungen, den Hauptconfessionen gleiche Rechte zu verleihen, der Trauung der Katholiken und Dissidenten vor ihren eigenen geistlichen bürgerliche Rechtswirkung einzugestehen, aber sie betraten den allein richtigen Weg der Emancipation des Staates von der kirchlichen Oberherrschaft. Am 18. März 1656 wurde diese Ehe-Ordnung auf die ganzen Niederlande ausgedehnt, und sie wich erst im Anfange dieses Jahrhunderts der obligatorischen Civilehe, welche bis auf den heutigen Tag in dem Königreiche der Niederlande zu Recht besteht.

Verwickelter waren die Verhältnisse, welche in England zur Einführung der Civilehe Veranlassung gaben. Als im siebenzehnten Jahrhundert die Ideen des Protestantismus dorthin gedrungen waren, führten sie zu der englischen Revolution, welche auf dem religiösen Gebiete jedes an die katholischen und englisch-hochkirchlichen Traditionen erinnernde Kirchenwesen zu beseitigen suchte. Durch das Gesetz vom 24. August 1653 fiel die kirchliche Eheschließung, und an ihrer Stelle wurde die obligatorische Civilehe eingeführt.

Belehrend ist es, über dieses Thema einen Mann zu hören, der durch seine geistige Bedeutsamkeit einen großen Antheil an den revolutionären Bestrebungen gewonnen. Milton, der Dichter des „verlorenen Paradieses“, schrieb über die Bedeutung der kirchlichen Trauung: „Die Geistlichen behaupteten – – , eine Ehe ohne ihren Segen sei unheilig, und stempelten dieselbe zum Sacramente. Und doch ist die Ehe eine bürgerliche Anordnung, ein häuslicher Vertrag, ein Ding, unterschiedlos und frei für das ganze Menschengeschlecht, nicht soweit es einer bestimmten Religion angehört, sondern Menschenqualität besitzt. Am besten freilich ist die Ehe abzuschließen mit gottesfürchtigem Zweck und, wie der Apostel sagt, in dem Herrn; aber darum ist sie nicht ungültig oder unheilig ohne einen Geistlichen und seine angeblich nothwendige Einsegnung, ebenso wenig wie eine andere Unternehmung oder ein anderer Vorgang des bürgerlichen Lebens, welche doch alle auch im Herrn und zu seinem Preise vorgenommen werden sollen. Unsere Geistlichen leugneten die Sacramentalität der Ehe und behielten doch die kirchliche Einsegnung bei, bis das letzte Parlament klug die bürgerliche Freiheit der Ehe ihrer Anmaßung abstritt und die Eheschließung und Registrirung aus dem kirchlichen Kramladen der natürlichen Competenz der bürgerlichen Behörden übertrug.“

Aber die Reaction gegen dieses Gesetz, welche sich in den Ausdrücken gefiel: „Die goldenen Zeiten sind zurückgekehrt; der neuen Regierung gelten hängen und heirathen als naheverwandt; derselbe Richter amtirt bei beiden“ – diese Reaction war im Volke so stark, daß nach der Restauration der Stuarts das verhaßte Gesetz bald verschwunden war. Im Jahre 1753 ging man sogar so weit, daß man den Katholiken und Dissidenten vorschrieb, ihre Ehen durch einen anglikanischen Geistlichen vollziehen zu lassen. Erst im Jahre 1836 wurde, dank den Bemühungen Robert Peel’s, auf Antrag Lord Russell’s die facultative Civilehe für alle Engländer eingeführt und hierdurch dem Uebel Abhülfe gethan. Dieses Gesetz hatte jedoch auf Schottland und Irland keine Anwendung gefunden, wiewohl es im Interesse Englands gewesen wäre, wenn man diese Ehegesetzgebung auch auf die anderen Theile des vereinigten Königreichs ausgedehnt hätte.

Die schottischen Ehen sind weit und breit bekannt. In Schottland ist zur Schließung einer Ehe bis heute noch nichts weiter, als die gegenseitige Willensübereinstimmung der beiden Parteien nothwendig. Es bestehen zwar nach schottischem Rechte die kirchliche Trauung und öffentliche Aufgebote, deren Unterlassung nur mit einer geringen Strafe bedroht wird, aber das Volk[1] kümmert sich wenig um diese Vorschriften, sondern benutzt sie vielmehr, um die kirchliche Trauung zu umgehen. Vor dem Friedensrichter erscheinen Paare, welche in allerdings verwerflicher Weise erklären, daß sie von einem Geistlichen, den sie nicht nennen wollen, getraut worden, bezahlen die geringe Strafe von einer halben Guinea bis fünf Schillinge und erhalten auf diese Weise einen rechtsgültigen Beweis der geschlossenen Ehe. So hat der Schotte in Wirklichkeit ein merkwürdiges Institut der Civilehe, wiewohl es in den Gesetzen mit keiner Silbe erwähnt wird. Dieses schottische Recht gefährdete geradezu die Sittlichkeit des benachbarten Englands.

In dem Lande der bürgerlichen Freiheit und der Oeffentlichkeit aller Staatshandlungen wucherte in früheren Zeiten das Uebel der heimlichen Ehe. Verschuldete Geistliche fristeten ihr Leben durch derartige kirchliche Handlungen, welche den Liebenden es möglich machten, gegen den Willen ihrer Familien in den Ehestand zu treten. Es wurde damit auf den Straßen Reclame getrieben, und selbst in Wirthshäusern fand man eigene Geistliche, welche die fröhlich Zechenden sofort zu verheirathen bereit waren. Als durch das Gesetz von 1753 diesem Unfug auf Albions Boden ein Ende gemacht wurde, da zogen die Paare nach dem benachbarten Schottland, wo die Ehe mit der größten Leichtigkeit rechtsgültig abgeschlossen werden konnte. Ein kleiner, an der englisch-schottischen Grenze gelegener Ort, Gretna-Green, war von ihnen besonders bevorzugt worden. Die Paare erschienen vor dem Schmiede, der zugleich Friedensrichter war, und sprachen dort ihren Eheconsens aus. (Vergl. „Gartenlaube“ 1872, S. 414.) Es ereignete sich sogar, daß die drei höchsten Beamten der englischen Krone, welche gleichzeitig des Amtes walteten, sich vor dem Schmiede verheirathet hatten. Erst im Jahre 1856 wurde das englische Recht dahin abgeändert, daß die schottischen Ehen nur dann gültig sein sollten, wenn die Brautleute sich schon 21 Tage vorher in Schottland aufgehalten hatten.

So sehen wir auch das englische Volk in einer Reformbewegung begriffen, welche schließlich zur Einführung der obligatorischen Civilehe führen muß.

In dem katholischen Frankreich war die Lösung der Frage einfacher gewesen; nicht darum etwa, weil das Schwert der Revolution den Knoten durchhieb, sondern weil die Rechtsverhältnisse von vornherein sich eigenthümlich zu Gunsten des Staates gestalteten. Der französische Clerus und die französische Regierung erkannten zwar nach den Beschlüssen des Tridentiner Concils die Ehe als Sacrament an; sie erklärten aber, daß die Consenserklärung der Brautleute einen Vertrag bilde, der erst durch den Segen des Priesters zum Sacrament werde. Die Verträge aber mußten der staatlichen Gesetzgebung unterworfen bleiben, und so beanspruchte die Regierung für sich eine weitgehende Gerichtsbarkeit in Ehesachen.

Diesen Grundsätzen entsprach auch die für die Protestanten Frankreichs bestimmte Trau-Ordnung vom 16. Juni 1685, der gemäß sie verpflichtet werden sollten, ihre Aufgebote durch königliche Behörden verkünden zu lassen und ihre Ehen vor einem bestimmten evangelischen Geistlichen in Gegenwart eines Justizbeamten einzugehen. Aber unmittelbar hierauf begann die wüthende Protestantenverfolgung, während der es in Frankreich officiell nur katholische Trauungen gab. Die Protestanten leisteten diesen Staatsgesetzen Widerstand. In Wäldern, Höhlen und Klüften

[777]
Die Gartenlaube (1880) b 777.jpg

Eine „schottische Civiltrauung“ in Gretna Green. Von Prof. H. Kretschmer.
Nach einer Photographie aus dem Verlage der „Photographischen Gesellschaft“ in Berlin.

[778] sammelten die evangelischen Prediger, denen das Land verboten war, ihre Gemeinden, und dort segneten sie Ehen ein, die sogenannten Einöde-Ehen, welche vor dem Staate keine Geltung hatten. Man übergab diese Geistlichen dem Henker; die also verheiratheten protestantischen Männer wurden zu lebenslänglichen Galeeren verurtheilt, die Frauen in’s Gefängniß geworfen. Aber die rohe Gewalt führte nur zu einer unerhörten Zerrüttung aller bürgerlichen Verhältnisse; der Zwang bewirkte, daß schon im Jahr 1752 1,600,000 Personen keinen Civilstand mehr besaßen.

Europa bot wirklich ein trauriges Bild des ehelichen Lebens. Hier knechtete man Protestanten, dort wurde Katholiken dasselbe Loos zu Theil; hier und dort verweigerte man Menschen den häuslichen Herd zu begründen, der, von den Gesetzen beschützt, das natürliche Band zwischen Eltern und Kindern noch enger schließt, und alles dies geschah der Grille wegen, die kirchliche Trauformel zu einer staatlichen Vorschrift zu machen! Aber in diesem Augiasstalle des buntscheckigen hierarchischen Despotismus sollte bald gründlich aufgeräumt werden.

Trotz des himmelschreienden Unrechts und der steten Zunahme des Uebels wurde von der französischen Geistlichkeit keine Aenderung der Gesetze zugelassen, man schlug vielmehr vor, die Ketzer zur Auswanderung aufzufordern, damit der katholische Charakter des Staates aufrecht erhalten würde. Sturmdrohend nahte inzwischen die Zeit der Revolution heran, die Proclamirung der Menschenrechte in der neuen und alten Welt fordernd. Unter dem Druck der freiheitlichen Ideen erließ am 28. November 1787 Ludwig der Sechszehnte ein Edict, welches die Duldung der Protestanten aussprach und ihnen gestattete, nach freier Wahl entweder vor dem katholischen Pfarrer oder vor dem königlichen Richter die Ehe zu schließen. Später erklärte die Constitution von 1791: „das Gesetz betrachtet die Ehe lediglich als bürgerlichen Contract“, und am 20. September 1792 wurde das Gesetz über die Civilehe publicirt. Diese Norm ging auch in den Code Napoleon über und wurde vom Staatsrath Portalis mit folgenden denkwürdigen Worten motivirt:

„Der Ehevertrag ist die Grundlage der menschlichen Ordnung, und es ist daher ein wesentliches Recht eines jeden Staates, die Bedingungen desselben festzusetzen. Wir verkennen nicht, daß die Ehe eine Beziehung zur Religion habe, welche sie moralisch leitet und durch ihr Sakrament segnet. Aber daraus folgt nicht die Gerichtsbarkeit der Kirche, sonst müßte man der Kirche das Recht zugestehen, Alles zu regieren, da die Moral sich auf alle menschlichen Handlungen erstreckt. Wir würden dadurch die alten Irrthümer erneuern, welche die Beziehung aller Handlungen auf das Gewissen benutzten, um darauf die Herrschaft der Kirche zu begründen.“ Vor diesem Gesetze beugte sich die römische Kirche.

Artikel 54 des Concordats zwischen Papst Pius dem Siebenten und Napoleon besagte: „Die Pfarrer werden die Segnung der Ehe nur denen ertheilen, welche sich ausweisen, daß sie die Ehe in der gehörigen Form vor den Beamten des Civilstandes abgeschlossen haben.“

Von Frankreich aus wurde die Civilehe nach Rheinpreußen, Rheinhessen und Rheinbaiern gebracht. Aber ehe Frankreich diese praktisch durchgeführt hat, offenbarte sich schon früher dasselbe aus der naturgemäßen Culturentwickelung hervorgehende Streben in Deutschland. Kein geringerer Mann war es, als Kaiser Joseph der Zweite, welcher in seinem Ehepatente von 1785 die Ehe für einen bürgerlichen Contract erklärte. Aber in den bald darauf folgenden Kriegsjahren war der Sinn für derartige Reformen abhanden gekommen, bis später die Frage wiederum durch zahllose Conflicte in den Vordergrund gedrängt wurde.

Mit der politischen Umwälzung brachte das Jahr 1848 auch eine kirchliche, und aus den Berathungen der Grundrechte in der Frankfurter Nationalversammlung ging auch die obligatorische Civilehe hervor. Freilich wurde sie durch die bald hereingebrochene Reaction nach Friedberg’s „Geschichte der Civilehe“ „sorgsam ausgemerzt“. Nur in Oldenburg erhielt sich die facultative und in Frankfurt am Main und Baden die obligatorische Civilehe. In der preußischen revidirten Verfassung von 1851 wurde dagegen festgesetzt: „Die Einführung der Civilehe erfolgt nach Maßgabe eines besonderen Gesetzes, was (!) auch die Führung der Civilstandsregister regelt.“ Aber trotz dieser Verheißung hatte es mit der Einführung der Civilehe keine Eile. Erst als in der Ehescheidungsfrage eine Reihe von Conflicten zwischen Staat und Kirche entstand, die in Trauungsweigerung von Seiten der Geistlichkeit ihren Ausdruck fanden, glaubte die Regierung, mit der facultativen Civilehe nicht länger zögern zu dürfen, und legte den Kammern (1859) zwei Gesetzentwürfe vor, die an dem Widerstande des Herrenhauses scheiterten.

Inzwischen lebten die deutschen Dissidenten, deren Confessionen staatlich nicht anerkannt waren, in Verbindungen, die nach den Landesgesetzen nur als Concubinate gelten mußten; im Jahre 1861 allein wurden im Regierungsbezirke von Liegnitz 144 und in dem von Breslau sogar 540 derartige Ehen geschlossen.

In dieser Zeit hatten fast alle andern deutschen Staaten die Civilehe angenommen. Da trat auch für Preußen die große Wendung in der kirchlichen Politik ein, und das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung vom 6. Februar 1875 gab schließlich seit dem 1. Januar 1876 allen deutschen Bürgern die zum Heil und Segen des Volkes in Kraft bestehende obligatorische Civilehe.

In allen diesen Staaten, und wir könnten ihre Reihe, wenn wir Raum genug hätten, noch erheblich erweitern, bildete die Civilehe keineswegs den Ausfluß revolutionärer Frivolität und leichtfertiger Freidenkerei, sondern sie war ein nothwendiges Gebot der Gerechtigkeit, welche der Staat den Anmaßungen der Kirche gegenüber seinen Unterthanen gewähren mußte. Man speculirt wahrlich auf die Unwissenheit der Massen, wenn man die Civilehe als ein entsittlichendes Moment mit scheinheiliger Miene verleumdet; sie entstand ja gerade aus dem Streben nach einer höheren Sittlichkeitsstufe; sie ist das wohlthuende Mittel, unter dessen Wirkung die klaffenden Wunden, welche die widerstreitenden, intoleranten Kirchen den Völkern geschlagen haben, sich wieder schließen.

Die sittlichen Momente des Eherechts, welche die mittelalterliche Kirche eingeführt, sind überdies principiell von der Staatsgesetzgebung aufgenommen worden. Sie verbietet Niemandem, seine Ehe durch einen religiösen Actus zu heiligen; sie verleiht nur den gleichen Schutz Jedem ohne Unterschied des Standes und Glaubens, und sie ist dafür keineswegs zu verdammen, daß sie Eheschließung auch ohne den priesterlichen Segen gestattet. Denn nicht durch die äußere Form wird der Bund der Herzen geheiligt, sondern allein durch den Geist der Zucht und Sitte, in welchem er geschlossen wird.

Aber unsere Aufgabe ist es nicht, in dem Tagesstreite der politischen Parteien mitzureden. Eines nur müssen wir hervorheben. Ausgesetzt den kirchlichen Uebergriffen, welche die Freiheit bedrohen, und bestürmt von den socialistischen Umsturzplänen, welche das Eigenthum und die Familie leugnen, darf der moderne Staat nicht einfach tolerant sein, sondern den Principien der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gemäß muß er feste Dämme aufwerfen, an denen der Uebermuth der extremen Parteien gebrochen wird; seine Pflicht ist es, das Heiligthum der Gesellschaft, die auf der Ehe begründete Familie ebenso gegen die Angriffe socialistischer Schwärmer zu schützen, wie auch niemals zu gestatten, daß die Ehe zum Werkzeuge der Machtgelüste irgend welcher hierarchischer Corporation herabsinke.
Valerius.




Schwester Carmen.
Aus dem Leben einer deutschen Herrnhuter-Colonie.
Von M. Corvus.
(Fortsetzung und Schluß.)


Es war vier Uhr am Nachmittage, und schon hüllte der graue Tag die Erde in Abenddämmerung. Agathe brachte die Lampe; dann ging sie mit Alexander, der das Kind trug, leise wieder in das offenstehende Nebengemach, um Vater und Tochter im letzten Beisammensein nicht zu stören.

Mauer lag erschöpft da und hatte die Augen geschlossen, [779] während die Tochter seine Hand umfangen hielt und den Kopf tief auf sein Lager gedrückt hatte.

In der lautlosen Stille, die um den Sterbenden herrschte, hörte man jetzt die Hausthür sich öffnen; leise Schritte nahten dem Zimmer und traten geräuschlos ein, aber der Zugwind, der durch das geöffnete Fenster hereintrieb, schlug die Thür hart hinter dem Kommenden zu. Es war Jonathan, der nach dem Kranken sehen wollte. Mauer öffnete bei dem entstandenen Geräusche die Augen wieder und sah wie abwesend empor, als kenne er Jonathan nicht mehr. Auch Carmen blickte auf, da sie aber Jonathan sah, vergrub sie ihr Gesicht sogleich wieder in die Kissen des Bettes; denn es widerstand ihr auf’s Höchste, jetzt gerade mit diesem da reden zu müssen. Knieend zwischen dem Bette und der Wand, von welcher jenes ab und gegen das Fenster gerückt worden war, verschwand ihre Gestalt ungesehen in dem Dunkel des tiefen Schattens.

„Bruder Michael, ich bin soeben erst vom Lande wieder nach Haus gekommen und höre da, daß Du krank geworden bist. Was fehlt Dir?“ fragte jetzt Jonathan.

Bei dem Klange dieser doch so ruhigen Stimme fuhr der Sterbende zusammen, wie wenn Entsetzen ihn schüttele. Er starrte ihn mit großen Augen ängstlich an.

„Bruder Jonathan,“ sagte er, „nun ist das Ende da, und die alte finstere Geschichte soll sich mit mir in’s Grab legen, damit sie endlich ruhen kann. Ich weiß, daß ich schwer gesündigt habe, aber mit einem Leben voll Reue und furchtbarem Leid habe ich gebüßt – diesen Mord eines wehrlosen Weibes.“

Jonathan blickte den alten Mann, während dieser so zu ihm sprach, scharf und forschend an. Das Licht der Lampe zeigte ihm die veränderten Züge desselben, und er sah deutlich die Schrift des ganz nahen Todes darauf geschrieben. Er erfaßte seine Hand – der Puls war kaum mehr zu spüren. Er erkannte sehr wohl: hier war keine Möglichkeit mehr vorhanden, das Leben zu erhalten – jeder kommende Augenblick mußte es verlöschen. Da brach Haß, Rache, Hohn in Jonathan aus und blitzte unverhüllt in den grauen Augen, die sich fest und gierig auf sein Gegenüber hefteten.

Zwanzig Jahre lang hatte er diesen Mann gehaßt, wie nichts Anderes auf der Welt, und er hatte ihm doch Liebe heucheln müssen, zwanzig Jahre – was will das sagen bei heißen, gährenden Leidenschaften!

Jetzt endlich war der Zeitpunkt gekommen, wo sein langjähriger Feind ihm nicht mehr zu schaden vermochte, wenn Jonathan nun vor ihm sein Visir aufschlug, ihm sein wahres Antlitz zu zeigen; jetzt war es an der Zeit, seiner Rache die Krone aufzusetzen, ehe jener ihm für immer unerreichbar entfloh.

Nur flüchtig ließ Jonathan die grauen, jetzt so stechenden Augen über das stille, düstere Gemach gleiten, um sich zu überzeugen, daß er allein mit Mauer sei – er erblickte Niemand weiter. Nur das gedämpfte Licht der Lampe zeigte die todtenfahlen Gesichtszüge des Sterbenden auf den weißen Kissen. Wer sollte auch noch da sein? Die alte Ursula, die einzige Mitbewohnerin des Hauses, hatte er draußen in der Küche jammernd und weinend beschäftigt gesehen.

Jonathan wußte sich allein mit dem Sterbenden – – er ließ seinen wilden Leidenschaften freien Lauf.

„Mord Deines Weibes?“ fragte er höhnisch. „Thor, wegen der Tropfen, die Du ihr gereicht, könnte sie heute noch leben, wenn sie sonst noch zu retten gewesen wäre. Thomas hatte in der Eile und Hast, womit Du und der andere Mann in jener Nacht bei mir zum Fortkommen drängtet, aus Versehen die Fläschchen vertauscht, und das, welches Du mit Dir genommen, enthielt unschuldige, krampfstillende Tropfen für ein halbjähriges Kind – Schwester Julie hätte das ganze Fläschchen austrinken mögen, ohne daß es ihr hätte schaden können.“

Mauer’s Blicke irrten unsicher über den Sprechenden hin; es lief ein Zittern über seinen ersterbenden Körper, und sein Geist mühte sich, den Nebel des Unbegreiflichen zu durchdringen.

„Ich, ich hätte Julien nicht getödtet, und Du, Du wußtest es und sagtest mir es nicht?“ stammelte er ungläubig, mit fast versagender Stimme.

„Gewiß wußte ich es, aber hast Du mich darnach gefragt?“ entgegnete Jonathan triumphirenden Tones. „Der Mann war vorsichtiger als Du gewesen und hatte erst die Aufschrift des Fläschchens gelesen, ehe er seinem Kinde davon gab, und da er Deinen Namen darauf sah, brachte er dasselbe eiligst zurück. Freilich waren beinahe zwei Stunden darüber vergangen, ehe er wieder bei mir sein konnte. Thomas mußte ihm sein Medicament nochmals bereiten; dann nahm ich die Opiumtropfen für Schwester Julie und schwang mich damit in den Sattel meines Pferdes. Denn, obgleich ich wußte, daß die Kranke nicht mehr zu retten sei, wollte ich doch meiner Schuldigkeit als Arzt nachkommen und versuchen, was ich noch für sie thun könne, das Versehen meines Thomas gut zu machen. Aber ich fand sie schon todt, ja, sie mußte allen Anzeichen nach schon vor mehreren Stunden gestorben sein. Als ich bei meiner deshalb erstaunten Frage, wie das mit den Tropfen zugegangen sein könne, Dein verstörtes Gesicht sah und Du erbleichend ohnmächtig wurdest, hielt ich Dich für ergriffen von dem Tode Deines Weibes und kam nicht entfernt auf den Gedanken: in böser Absicht habest Du ihr die doppelte Anzahl der Tropfen gegeben, welche Du doch für betäubend hieltest. Ich steckte das Fläschchen nur darum zu mir, damit das Versehen, welches Thomas verschuldet, nicht ihm und Dir selbst noch unnütze Vorwürfe bereite – es war ja nun doch nichts mehr daran zu ändern. Aber, Michael,“ rief Jonathan, plötzlich wild und leidenschaftlich, „als ich an Don Manuel’s Sterbelager stand und dort sich Deine sündliche Liebe für Inez mir enthüllte, der doch Dein Weib im Wege gestanden, da wurde mir plötzlich Alles klar.“

„Du hast davon gewußt, Bruder Jonathan, daß ich mein Leben ohne Ursache mit der furchtbaren Selbstanklage vergiftete, und dennoch hast Du sie mit keinem Wort der Aufklärung von mir genommen?“ stöhnte der Unglückliche.

„Das wundert Dich noch? Weißt Du denn nicht, was Haß ist? Du wußtest, daß auch ich Inez geliebt – dachtest Du nicht, wie ich Dich hassen müsse, der Du sie mir geraubt?“ rief Jonathan kalt und erbarmungslos. „Ja, ich habe es gewußt, daß Du Dich für einen Mörder hieltest und es doch nicht warst; es war mir eine Wonne zu sehen, wie dieser Wahn Dich marterte; es war mir ein Genuß, Dich immer an Dein vermeintliches Verbrechen zu erinnern, Dich in meiner Hand zu halten, wie den zuckenden Schmetterling an der Nadel, welcher er nicht wieder entrinnen kann und die ihn nur langsam tödtet. Denkst Du, ich hätte Dein Verbrechen nicht vor’s Gericht gebracht? Sicher – wenn ich nur gekonnt hätte. Aber Thomas!! der wußte um die geschehene Verwechselung; er lebte, war bei mir in der Mission und jetzt auch hier – er würde gegen mich gezeugt haben, wollte ich diese falsche Anklage erheben. Aber ich habe mich doch zu rächen gewußt, zu rächen dafür, daß Du mir Inez’ Liebe geraubt und Carmen’s Hand versagst hast: Dein Leben mußte wegen Inez büßen, Dein Tod Carmen berauben; denn um Deines vermeintlichen Verbrechens willen hast Du ihr Dein Gut entzogen und es der Gemeine vermacht. So stirb denn zuletzt noch mit dem Bedauern, ein ganzes Leben in unnöthiger Reue vergeudet zu haben – Dein stiller Mund nehme nun die alte Geschichte und ihre Enthüllung unwiederbringlich mit in Dein Grab hinab! Ich aber will auf demselben mit dem Triumphgefühl stehen, daß mein Fuß es war, der Dich zertreten hat.“

Er schwieg. Die Arme in einander geschlagen, stand er da und sah frohlockend auf Mauer nieder. Er bemerkte gar nicht, daß sich im Dunkel zwischen Bett und Wand ein Haupt erhoben hatte. Jetzt wuchs dort plötzlich eine dunkle Gestalt schattenhaft empor, und jählings erblaßte er.

„Inez!“ keuchte er und prallte zurück.

„Nein, Carmen, die jedes Eurer grausamen Worte vernommen hat, damit dieser erkaltende Mund Euer fluchwürdig Handeln nicht in das stumme Grab mit hinab nehme. Elender, Teufel in Menschengestalt! Kann denn die Erde solchen Abschaum von Schlechtigkeit tragen, und hat der Himmel keinen Blitz, ihn zu vernichten? O Vater, mein armer, gepeinigter Vater! Es giebt kein Wort, das zu sagen vermöchte, was Du gelitten hast durch Diesen da.“

Und sie warf sich wieder über das Lager und schlang weinend die Arme um den Theueren. Wie leuchtete es aber jetzt auf diesem blassen Antlitz von himmlischem Frieden und Verklärung! Mit plötzlich wunderbar gewonnener Kraft raffte sich der Sterbende in seiner Tochter Armen empor, erhob die Hände und rief voll seliger Freude:

„Kind, freue Dich und preise den Herrn mit mir; denn Dein Vater kann nun rein von dieser Schuld vor seinen Richter treten. Gelobt sei Gott dafür in Ewigkeit – Amen!“

[780] Er breitete die Arme aus und sank zurück – ein Seufzer noch, als ob die befreite Seele die Flügel hebe, und er lag still und friedvoll in seines Kindes Armen.

Sie küßte ihm schluchzend die Hände, die bleichen Lippen – sie drückte ihm sanft die erdenmüden Augen zu und flüsterte zärtlich unter heißen Thränen:

„Lieber Vater, schlafe sanft! Wohl Dir, daß Du nun ausgerungen!“

Da regte sich etwas leise in dem stillen Todtengemach – trotz ihres furchtbaren Schmerzes entging Carmen diese Bewegung nicht. Sie fuhr auf und schnellte empor – der dort durfte ihr so nicht entgehen; denn Jonathan wollte jetzt geräuschlos das Zimmer verlassen.

„Jonathan Fricke!“ rief sie gebietend; sie richtete sich empor, und sein Fuß blieb wie gebannt durch ihren Ruf stehen.

Sie schritt um das Bett herum, trat an den Tisch und stellte die Lampe so, daß der volle Schein des Lichtes hell auf das still verklärte Antlitz des Todten fiel, um dessen Mund ein seliges Lächeln schwebte.

„Blickt auf dieses Antlitz!“ sagte sie, und es klang wie ein Befehl. Ihr Gesicht flammte auf in düsterem, heiligem Zorn, und sie stand gebietend und drohend, aber wunderbar schön, vor ihm da, als sei sie jetzt in Wahrheit der Erzengel, den Sünder hinab in die Tiefe der Verdammniß zu stoßen.

„Sehet diesen Frieden und diese heilige Ruhe an! Werdet Ihr wohl einmal so daliegen können, wenn der Herr den Odem von Euch nimmt? Ihr wendet die Blicke hinweg,“ rief sie zürnend, als Jonathan, selbst leichenfahl, das Gesicht von dem Todten abwendete. „Ihr werdet dieses Antlitz nicht aus Eurer Seele bannen können – es wird mit Euch gehen, wo Ihr auch seid, bei Tag und bei Nacht; Euch folternd wird es meines Vaters stiller Rächer sein hienieden und Euer Ankläger dort oben an dem Thron des allgerechten Gottes.“

Fassungslos, vernichtet stand Jonathan da vor dem zürnenden Antlitz der jungen Frau.

„Denket nicht, mein Vater habe sein Vergehen vor mir verheimlicht,“ fuhr sie fort, und der Klang ihrer Stimme wurde tiefer, drohender, wie wenn die in ihr grollende Empörung aus dem Grunde ihrer Seele sich gewaltsam hervordränge. „Ich weiß Alles; ich weiß, wie es kam, daß in der Leidenschaft und Schwäche eines Augenblickes der Versucher ihm nahen und ihn zur Sünde verlocken konnte. Aber mit dem Geiste nur hat er gesündigt; der Allerbarmer verhinderte gnädig die That. Was wiegt seine Sünde vor dem Auge Gottes gegen die Eurige?“

„Ich beschwöre Sie,“ bat Jonathan zerknirscht, „vernichten Sie mich nicht vor der Gemeine!“

„Geht!“ erwiderte sie, „ich werde auf das Gedächtniß meines armen Vaters keinen Flecken werfen, indem ich Euch anklage. Die Vergeltung ist Gottes.“

Jetzt fühlte sie, daß die Kräfte sie verlassen wollten. Die furchtbare Gemüthserregung wich der Erschöpfung. Da aber gewahrte sie an der offenen Thür des Nebenzimmers Alexander mit Agathen – sie streckte dem Gatten die Arme, wie Trost und Hülfe suchend, entgegen; er eilte auf sie zu, und sie sank schluchzend an seine Brust.

„Carmen, mein geliebtes Weib, das also war das schwere Leid, das Dich all diese Zeit bedrückte!“ flüsterte er ihr zu.

Agathe aber war bis an das Bett getreten und breitete ein weißes Tuch über das Gesicht des Todten.

„Carmen,“ sagte sie dann, „Deiner Anklage bedarf es nicht. Ich werde Zeugniß vor den Aeltesten gegen Diesen ablegen, auf daß nicht länger Gottlosigkeit im heuchlerischen Gewande der Frömmigkeit unter uns weile.“

Jonathan hatte sie mit Entsetzen angestarrt.

„Ist denn die Hölle losgelassen?“ schrie er wüthend und stampfte mit dem Fuße. „Seid Ihr Alle gekommen, mich zu verderben?“

„Störe nicht die heilige Ruhe hier mit Deinen freventlichen Worten!“ gebot ihm Agathe. „Ihm, dem Todten, wird Gnade werden, Du aber wirst gerichtet werden, Jonathan, hier wie dort. Geh!“

Sie wies gebietend nach der Thür.

Er wollte versuchen, Agathen etwas zu erwidern, sie aber schnitt ihm das Wort ab, indem sie streng wiederholte: „Geh!“ – er zögerte eine Weile; er kämpfte mit sich; dann wankte er hinaus.

Bald nach diesem Auftritt hatten Posaunenklänge der Gemeine verkündet, daß der alte Mauer geendet habe, und zugleich verbreitete sich das Gerücht, daß Bruder Jonathan gegen den Verstorbenen sich großer Missethat schuldig gemacht und daß der Rath der Aeltesten nach ihm suche, um ihn zur Rechenschaft und Strafe zu ziehen. Es bemeisterte sich damit eine große Aufregung aller Glieder der Gemeine. Aber Jonathan war nirgends zu finden.

So wurde denn sein Ausbleiben als ein Zugeständniß seiner Schuld betrachtet und überall hin, wo Brüder lebten, der Bericht von Jonathan's Vergehen gesendet, damit er sich nicht anderswo wieder mit List und Heuchelei als Bruder einniste. Er war ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Brüder, wo immer auf der Erde sie sich angesiedelt haben mochten. Gleichzeitig beschloß der Rath der Aeltesten das zur Sühne bestimmte Vermächtniß des Heimgegangenen zurückzuweisen und es der Tochter zu überlassen. Die Familie Trautenau gab es aber, um den Willen des Todten zu erfüllen, an die Brüdergemeine zurück, damit es zu dem Zwecke diene, zu welchem es Mauer bestimmt hatte. – –

Mit dem ersten Schnee des November war ein langer, anhaltend strenger Winter eingezogen, der mit dem starren Bann seines Eises die Erde gefesselt hielt. Aber endlich regten die milden Lüfte sich wieder mit belebendem Odem und nahmen von den Gewässern die harte Decke des Eises hinweg – es war Frühling geworden.

Da warf die befreite Fluth des Erlenteiches aus seiner Tiefe einen entstellten Leichnam heraus. welchen sie den Winter hindurch geborgen gehalten hatte – es war die Leiche Jonathan's. Die Werthgegestände die bei ihr vorgefunden wurden, berechtigten zu der Annahme, daß Jonathan in der Flucht sein Heil hatte suchen wollen. Verlor der schuldbeladene Mann in jener nebligen Winternacht den Pfad und fand in den Wellen seinen Tod – oder trieb ihn die Angst seines erwachten Gewissens in die Fluth?




Blätter und Blüthen.


Die Kunst auf dem Lande. (S. 769.) Ein origineller Wiederhersteller erloschener Farbenfrische an den Werken der bildenden Kunst, die seinem Pinsel anvertraut werden, steht offenbar in dem Manne unserer Illustration vor unseren Augen. Wo derselbe zu Hause ist, wird uns von Eggert, dem Meister des Bildes, zwar nicht verrathen, aber um ihn mit einiger Sicherheit zu finden, werden wir ihn in der Heimath der kunstverwandten „Herrgottsschnitzer“, in den Alpenländern Baierns, besonders aber Tirols zu suchen haben, wo noch heute ganze Ortschaften in dieser Kunst sogar anerkannt Gutes leisten. – Bekanntlich hatten sich im spätern Mittelalter namentlich Deutschland und die Niederlande der Glanzzeit der Holzbildnerei zu erfreuen. Dort bildeten oft sehr figurenreiche Darstellungen den Hauptschmuck der Altäre und auch der Grabdenkmäler in den Grufthallen. Alle diese Werke der Holzschnitzerei wurden bemalt, und ebenso tragen die Christus- und Heiligenbilder der jetzigen Künstler des Faches den Schmuck kräftiger Färbung. – Daß der Mann unserer Illustration den höheren Künstlerkreisen nicht angehört, bezeugt uns sein „Atelier“ zur Genüge; auch das Malgeräthe spricht dafür, obwohl in seiner Hand auch feinere Pinsel gesehen werden, als derjenige, mit welchem er soeben das Gewand seiner Heiligen bestreicht. Dahin deutet wenigstens auf der Staffelei das Landschaftsbild, dessen befleckter Himmel ebenfalls seiner Restaurationskunst harrt. Zufrieden ist er aber mit seiner Arbeit; das zeigt der sachverständige Blick und der schmunzelnde Mund: die Farben werden halten, auch wenn die Heilige noch so viele Feiertagswäschen auszuhalten haben sollte.




Zu Konradin Kreutzer's hundertstem Geburtstage (22. November) werden unsere Leser ein biographisches Ehrendenkmal nicht erwarten, da wir solches genau vor Jahresfrist (Nr. 47, 1879), also zu des Componisten neunundneunzigstem Wiegenfeste, gebracht haben. Wir wählten diesen früheren Termin der Veröffentlichung, nun den Plan eines Kreutzer-Denkmals in Meßkirch auch unsererseits rechtzeitig zu befürworten.



Kleiner Briefkasten.

W. in Budapest. Sie finden die Aufsätze über den Eucalyptus im Jahrgang 1876, Seite 86, und 1880, Seite 386.

R. v. St. Sie haben vollkommen Recht. Unsere Angabe, daß Dettmer der geistige Erbe Ludwig Devrient's sei, beruht auf einem Druckfehler. Man lese: Emil Devrient!

Anna W. in P. Biographisches über Ferdinand Lassalle wollen Sie Jahrgang 1865, Seite 815, 1867, Seite 376, 1872, Seite 576, 1877, Seite 687 und 688 nachschlagen.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: „Völk“