Die Trunksucht

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Textdaten
Autor: Dr. Édouard Burdel
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Titel: Die Trunksucht
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Bernhard Friedrich Voigt
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Erscheinungsort: Weimar
Übersetzer: Johann Heinrich Gauß
Originaltitel: De I’ivognerie, de ses effects désastreux sur l’homme, la famille, la société, et des moyens d’en modérer les ravages, par le Docteur Edouard Burdel, médecin de l’hospice de Vierzon etc.
Originalsubtitel:
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Quelle: MDZ München, Google, Commons
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[I]
Die


Trunksucht.


In welch’ scheußlichem Lichte stellt sie sich dar?
Welche physische und moralische Verheerungen richtet sie an?
Wie beugt man ihr am Sichersten vor?
Wie hilft man ihr am Erfolgreichsten ab?


Aus dem Französischen des Dr. E. Burdel, Arztes zu Vierzon, übersetzt und mit Zusätzen aus andern Werken, sowie mit einem Anhange über die Behandlung der höheren Grade von Trunkenheit und über die neueste und bewährteste Heilung des Säuferwahnsinns (delirium tremens) bereichert


von


Heinrich Gauß.



     Die Trunksucht, diese schwerste Geißel der Arbeiter-Classen,
     zeigt sich aller Sparsamkeit feind,
     stürzt die Familien in Armuth, vereitelt alle Erziehung,
     mehrt die Zerwürfnisse des geselligen
     Lebens, die Vergehen, sowie die Störungen der
     öffentlichen Ruhe.




Weimar, 1855.
Druck und Verlag von Bernhard Friedrich Voigt.
[III]
Den
sämmtlichen Mäßigkeitsvereinen
deutscher Länder und Städte,


diesen wacker und, trotz vielseitiger Mißachtung, ja Verspottung, beharrlichen Kämpfern wider das vieltausendköpfige Ungeheuer der Trunksucht,

diesen hellstrahlenden Leuchtthürmen in dem stürmisch-wogenden, klippenreichen Meere unserer von Schiffbrüchen an Leib und Seele, durch unmäßige Genußsucht, so schwer heimgesuchten Gegenwart,

diesen ruhmwürdigen Herolden einer hoffentlich nicht allzufernen Zukunft von mehr der Mäßigkeit sich befleißigenden, an geistiger und sittlicher Schönheit, wie an körperlichem Wohlbefinden über die jetzigen weit sich erhebenden Generationen,
[IV]
widmet

dieses eben so anspruchlose, als von warmer Liebe für die Menschheit beseelte Büchlein

mit dem innigen Wunsche,

daß es auch, möglichst verbreitet, als ein nützliches Werkzeug für die so edlen, so humanen Tendenzen dieser Vereine sich erweisen möge,

sowie

mit der Versicherung seiner tiefinnigsten Verehrung


der Uebersetzer.
[V]
Vorwort des Verfassers.

Ich weiß nicht, ob der Gebrauch noch existirt, oder ob der in den Städten herrschende Glaubensmangel, der mit jedem Tage auch auf dem Lande sich weitere Bahn bricht, ihn hat verschwinden lassen, aber ich erinnere mich, noch gesehen zu haben, daß der Landmann aus dem Berry in dem Augenblicke, wo er sein Feld besäen wollte, in einem kurzen Gebete die Vorsehung um Segen für seine Arbeit anflehte, damit sie ihm seiner Zeit ihre Frucht trage. Auch ich muß, bevor ich dem Publicum diese wenigen Seiten übergebe, dasselbe um seinen Beistand bitten, denn dieses Büchlein ist kein aus Gelehrsamkeit oder aus Eigenliebe und noch weniger aus Eigennutz hervorgegangenes Werk, sondern allein nur ein dem Herzen, der Barmherzigkeit und der Menschenliebe entsprungenes, und um nun das Ziel zu erreichen, das ich mir darin gesteckt habe, bedarf ich der Hülfe Aller, die es mit der Menschheit wohlmeinen.

Fern sei von mir die Anmaßung, zu glauben, der Mißbrauch, den ich bekämpfe, lasse sich leicht unterdrücken und ersticken; nein, das ist mir auch nicht im Entferntesten noch eingefallen; indem ich mich jedoch hier an alle Welt wende, bin ich der Ansicht, daß einige Personen des höher gebildeten und vornehmeren Standes mir gerne Gehör und Unterstützung gewähren werden; denn es ist mir so [VI] gut wie irgend Jemandem bewußt, daß selbst die trefflichsten moralischen Bücher Nichts auszurichten, keinen Nutzen zu bringen vermögen, wenn nicht diese Moral auch durch die Praxis, durch aus den höheren Regionen der Menschheit hervorgegangene Handlungen gelehrt, eingeprägt wird.

Ich habe übrigens sorgsam die wissenschaftlichen Ausdrücke vermieden, und wenn mir deren in den Wurf kamen, habe ich es stets vorgezogen, sie zu übersetzen, weil ich lieber der alltäglichen Sprechweise, als der Stockgelahrtheit, beschuldigt sein will. Sollten nun aber demungeachtet manche Seiten für Diesen oder Jenen doch dunkel geblieben sein, so werden wohl nur Wenige es mir deßhalb als einen Formfehler anrechnen, daß ich das, was sonst auch nicht verstanden worden wäre, möglichst deutlich auseinandergesetzt habe.

Dieses Büchlein, dazu bestimmt, in dem Stübchen des Arbeiters während der Winterabende gelesen zu werden, wird es sich über den Canton oder das Städtchen, worin ich wohne, hinaus verbreiten? Ich wage es weder zu hoffen, noch zu glauben; was aber auch sein Loos sein möge, wenn dasselbe, in das Innere mancher Familien sich Eingang bahnend, es vermöchte, einer Mutter den Gatten, Kindern den Vater, der für sie durch einen Anfang von Verthierung, in welche die Trunksucht ihn unfehlbar stürzen mußte, schon verloren gewesen war, wieder zu gewinnen, so würde ich mich schon dadurch über alle Erwartungen hinaus reichlichst belohnt fühlen.

[VII]
Vorwort des Uebersetzers.

Wie gut wäre es doch für die Menschheit, wenn es eines solchen Buches, wie das gegenwärtige, nimmer bedurft hätte! Da dieselbe jedoch, und namentlich auch unsere deutsche, zu einem gar großen Theile dem Optimismus in der fraglichen Beziehung leider nichts weniger als huldigt, so kann eine Verdeutschung des vor Kurzem in dem Nachbarstaate erschienenen Werkchens: De l’ivognerie, de ses effects désastreux sur l’homme, la famille, la société, et des moyens d’en modérer les ravages, par le Docteur Edouard Burdel, médecin de l’hospice de Vierzon etc., gewiß nur willkommen geheißen werden, und es wäre nur noch zu wünschen, daß dieses Büchlein auch in Deutschland sich recht vieler Leser, geringer und vornehmer, zu erfreuen haben möge, damit einestheils das, was darin über die unseligen Folgen der Trunkenheit so eindringlich gesagt wird, anderntheils das, was zur möglichsten Abhülfe dieses das Menschengeschlecht entwürdigenden und decimirenden Lasters angerathen wird, überall gehörig beherziget werde. Wahrlich, verdiente die recht weite Verbreitung eines Buches durch alle Schichten der bürgerlichen Gesellschaft [VIII] jemals eine Prämie, so ist es gewiß das vorliegende, denn es kann in physischer wie in moralischer Beziehung unsäglicher Nutzen dadurch gestiftet werden.

Wir haben in Deutschland noch keinen Mäßigkeitsapostel, der es, wie der Pater Matthew in Großbritannien und Nordamerika, verstände, aus dem Glühofen seiner Beredtsamkeit die feurigsten Bomben in die „Sebastopole“ der Trunksucht, wie man die Fröhner dieses Lasters wegen ihrer so schwer zu überwindenden Widerstandszähigkeit treffend genug bezeichnen könnte, zu werfen und sie nolens volens zur Uebergabe zu zwingen. So möge denn dieses Büchlein an seiner Statt in gleicher Weise sein Heil versuchen und Gott seinen Segen dazu geben!

[IX]

Inhalt.
  Seite
Vorwort des französischen Verfassers.  
Vorwort des Uebersetzers.  
Einleitung 1
Erstes Capitel.
Von der Trunkenheit 7
Zweites Capitel.
Von der Trunksucht 12
Drittes Capitel.
Lebensweise der Säufer 15
Viertes Capitel.
Körperliche Zerrüttung der Säufer 26
Fünftes Capitel.
Geistige und sittliche Zerrüttung der Säufer 40
Sechstes Capitel.
Von den gesetzlichen Mitteln, um die Trunksucht und ihre
Verwüstungen zu mäßigen
50

[X]

Siebentes Capitel.
Von den moralischen Einwirkungen, welche durch Wohlfahrtsvereine
zur Verhütung der Trunksucht geboten werden
67
Achtes Capitel.
Von den moralischen Einwirkungen, welche durch die Musik
und andere privative Einflüsse behufs der Besserung von
Trunkenbolden zu erzielen sind
80
Neuntes Capitel.
Rückblick auf sämmtliche, durch die Gesetzgebung und sonstige
moralische Einwirkungen gebotenen Besserungsmittel der
Trunksucht
92
Anhang 96

[1]

Einleitung.

Der Mensch, sagt Beaumarchais in einem höchst sinnreichen Ausfalle seiner spöttischen Laune, zeichnet sich vor den andern Thieren durch die Eigenschaft aus, zu trinken, zu schlafen, kurz, alle seine Bedürfnisse zu befriedigen, wie und wann es ihm beliebt. Diese Wahrheit, so paradox sie auf den ersten Blick erscheint, ist darum nicht weniger eine Wahrheit, ja ich müßte, um das Witzwort unseres geistreichen Schriftstellers in noch bestimmterem Ausdrucke wiederzugeben, wenn auch nicht eben zur Ehre unserer Species, sogar sagen, die Eigenschaft, welche den Menschen von den Thieren hauptsächlich unterscheide, sei – die Unmäßigkeit.

Wird ein Thier von der Natur angetrieben, einem Bedürfnisse zu genügen, so genügt es ihm, läßt es dann aber auch dabei bewenden, so lange, bis jenes Bedürfniß gemäß den Gesetzen, welche über seine Organisation gebieten, von Neuem sich einstellt. Der Mensch hingegen, dieser König der Natur, dieses vernunftbegabte Thier, macht sich aus dem, was den andern Thieren naturgemäß ist, ein Verdienst und nennt – Mäßigkeit die Tugend, durch welche er seine Leidenschaften, [2] seine Begierden und seine Bedürfnisse zügelt, mit einem Worte, er nennt so die Vorschrift, welche eben nur darin besteht, nicht anders zu sein, als wozu die Natur ihn gestempelt hat, im Gegensatze zu der von ihm Unmäßigkeit geheißenen Neigung, über das Bedürfniß der vernunftlosen Bestie hinauszugehen.

Die Unmäßigkeit ist demnach jenes ungeregelte Verlangen, das Gefühl der Lust, welche in dem Menschen bei der Befriedigung selbst seiner unwesentlichsten Bedürfnisse sich regt, bis zu den äußersten Grenzen hin zu verlängern. Unersättlich, von der Sucht des Genießens verzehrt, sobald eine angenehme Empfindung in ihm erwacht ist, hat er diese stets von Neuem aufzustacheln gestrebt, ist sein ganzes Sinnen und Trachten solcher Erneuerung zugewendet worden, und er hat es darin denn auch möglichst weit gebracht, so weit nämlich, daß diese Empfindung in ihrer allzu häufigen Anregung endlich sein physisches und moralisches Verderben herbeiführen mußte.

Ueber die Unmäßigkeit im Allgemeinen zu schreiben, hieße die Geschichte aller der Leidenschaften, von welchen die menschliche Species gepeinigt wird, geben, hieße den Menschen von allen Gesichtspuncten aus studiren wollen; und Gott weiß, wie weit ein solches Vorhaben über meine Kräfte gehen würde, und wie weit es die bescheidenen Gränzen überschreiten würde, welche ich mir in diesem Buche gesteckt habe. Nein, ich nehme jenes Wort hier wohlbedächtig nur in seiner engeren Bedeutung, ich will hier darunter nichts weiter verstanden wissen, als die Idee, welche in dem Geiste aller Derer, an welche ich mich hier wende, bereits erwacht sein wird, ich will hier lediglich von der Unmäßigkeit im Genusse von Getränken handeln.

Das durch den Mißbrauch der alkoholischen Getränke verursachte Unheil ist von unermeßlicher, unberechnenbarer Tragweite; denn es lastet nicht allein auf dem einzelnen Menschen, sonder auch auf der Familie und der ganzen öffentlichen Gesellschaft, indem sie, eine [3] wie die andere, dadurch mit reißender Schnelle verderbt, entsittlicht, zu Grunde gerichtet werden. Was ich hier behaupte, bedarf keines Commentars; in der Zeit, worin wir leben, hat es noch nie eine sich mehr aufdrängende Wahrheit gegeben, denn sie macht sich überall sicht- und riechbar.

Arzt seit bereits eilf Jahren und als solcher in das Innere der Familien aller Stände berufen, um in den körperlichen und moralischen Leiden, welche die Menschheit heimsuchen, Linderung und Abhülfe zu gewähren, dabei auch oft genöthigt, in die tiefsten Geheimnisse ihrer Sorgen und ihres Kummers einzudringen, bin ich mehr als jeder Andere im Stande gewesen, die Lebensweise der arbeitenden Classen zu studiren, ihre guten und schlechten Eigenschaften kennen zu lernen.

An die Arbeiter wende ich mich daher jetzt vor allen Andern, sie sind es, welche ich in ihren eigenen Augen und in der allgemeinen Achtung wieder zu erheben wünsche. Für sie auch unternehme ich es hier, ein Gemälde jener so abscheuerregenden Zustände aufzustellen; ihnen zu Liebe werde ich mich bemühen, es recht klar in’s Licht zu stellen, wie wenig der mißbräuchliche Genuß alkoholischer Getränke sich mit einer dauerhaften Gesundheit und folgeweise mit dem bürgerlichen Wohlergehen verträgt; daß eine Menge der schwersten Krankheiten Tag für Tag die traurigen und grausamen Wirkungen desselben bekunden. Ich werde ihnen zeigen, in welcher schrecklichen Weise diese unselige Gewohnheit das menschliche Dasein verkürzt; daß von allen den Lastern, welche die Menschenspecies befleckt, keines schimpflicher, entwürdigender ist, daß es einer Bevölkerung die tiefste, scheußlichste Wunde zu schlagen vermag; ich werde ihnen endlich beweisen, daß dieses Laster für sich allein mehr Verheerungen anrichtet, als der unheilvollste Krieg, als die gräßlichste Epidemie.

Zur Unterstützung der behaupteten Thatsachen werde ich eine vor Kurzem im Druck erschienene Statistik hier zum Besten geben. Die folgende Uebersicht ist das Resultat [4] von Untersuchungen, welche von dem Herrn Everest, vormaligem Ambassadeur der vereinigten Nordamericanischen Staaten beim Englischen Hofe und jetzigem Minister der auswärtigen Angelegenheiten in diesem Theile von America, nach der fraglichen Richtung hin angestellt worden sind. Dieser übersichtlichen Darstellung zufolge hat der Branntwein während der letztverflossenen zehn Jahre

1) der Nation eine directe Steuer von 600 Millionen Dollars auferlegt;
2) 300,000 Individuen um’s Leben,
3) 100,000 Kinder in die Armenhäuser,
4) wenigstens 150,000 Personen in Zuchthäuser und Strafarbeitshäuser,
5) mindestens 1000 Menschen um den Verstand gebracht,
6) zu wenigstens 1500 Mordthaten, so wie
7) zu mindestens 2000 Selbstmorden die Veranlassung gegeben;
8) durch Brandstiftung und gewaltthätige Zerstörung einen Schaden von 10 Millionen Dollars verursacht; endlich
9) 200,000 Wittwen und 100,000 Waisen gemacht.

Nach den von der Englischen Regierung im Jahre 1845 angestellten und veröffentlichten Berechnungen kostet die Trunksucht mit ihren unseligen Folgen jedes Jahr in England 50,000 Einwohnern das Leben; die Hälfte der Irren, zwei Dritttheile der Armen, drei Viertheile der Verbrecher zählen unter Denen, welche dem Trunke sich ergeben haben. Es ist erwiesen, daß die vier hauptsächlichsten Londoner Schenken von Kornbranntwein wöchentlich

142,458 Männer,
108,598 Weibspersonen,
18,391 junge Leute,

zusammen also 269,447 Schnapstrinker bei sich sehen.

[5] Obgleich weniger gewöhnlich in Frankreich, ist die Trunksucht doch auch einer der größten moralischen Flecke der dortigen Arbeiter-Classen. Nach Herrn Villermé verbraucht die Einwohnerschaft von Amiens allein täglich 36,000 Gläschen Branntwein.

Von 45,600 Todesfällen, welche im Verlaufe von sieben Jahren, von 1835–1841, in Frankreich, als durch zufällige Ursachen herbeigeführt, sich amtlich herausgestellt haben, konnten 1622 allein nur der Trunksucht zugeschrieben werden. Auch ist erwiesen, daß die Cholera stets mehr unter den Trunkenbolden, als unter Denen, welche sich der Mäßigkeit befleißigen, ihre Opfer gesucht hat. Dasselbe findet auch bezüglich der andern Epidemieen Statt. Auch hat sich seit langer Zeit schon erwiesen, daß, wegen der sonn- und montäglichen Ausschweifungen, die Aufnahme in die Spitäler der großen Städte an den Montagen und Dienstagen weit zahlreicher beansprucht wird, als an den andern Tagen. Von den Selbstmorden, welche Herr Descurets in den Jahren 1818–1838 von Amtswegen constatirt hat, ist der sechste Theil in der Trunkenheit geschehen.

Um endlich denen meiner Leser, welche ich hier im Auge habe, noch eindringlicher in’s Gemüth zu reden, halte ich es für nützlich, ihnen eine Statistik, welche ich über die bloß aus der Trunksucht in dem Canton Vierzon während eines zehnjährigen Zeitraumes hervorgegangenen Unglücksfälle mit möglichster Genauigkeit aufgestellt habe, hiermit vorzulegen.

Es ergiebt sich nämlich aus meinen bei einer Bevölkerung von 10,000 Seelen angestellten Nachforschungen:

1) daß durch den mißbräuchlichen Genuß von Getränken 47 Selbstmorde Statt gefunden haben;

2) daß die alkoholischen Getränke 200 Individuen, sowohl mittelbar als unmittelbar, getödtet haben;

3) daß sie den Bestand von 140 Wittwen und

4) von 210 Waisen verschuldet haben;

5) daß jeden Morgen durchschnittlich, und zwar nur in den vier bedeutendsten Gewürzläden, wo Schnaps [6] im Einzelnen verkauft wird, 418 Gläschen, also deren 3136 wöchentlich getrunken werden.

Es wurden dort während der Jahre

1850 362 Hektoliter Branntwein,
1851 391 " "
1852 632 " "
1853 533 " "

(in den ersten 9 Monaten) verconsumirt.

Sonach nimmt der Verbrauch des[WS 1] Branntweins ersichtlich mit jedem Jahre in außerordentlichem Maße zu; und je theurer der Wein in Frankreich (in dem größten Theile Deutschlands das Bier) wird, desto mehr Trinker wenden sich dem Schnapse zu.

Wollte ich mich in diesem Werkchen bloß darauf beschränken, ein Gemälde der Uebel zu entwerfen, welche aus den berauschenden Getränken hervorgehen, ohne zugleich die Mittel anzugeben, wie denselben abzuhelfen sei, so würde ich meiner Aufgabe nur halb gerecht werden und man könnte mir mit Recht den Vorwurf machen, nur ein Prediger in der Wüste gewesen zu sein, ja meine Philantropie würde sogar einen nicht geringen Anstrich von Naivetät verrathen. Wer getrunken hat, wird forttrinken, sagt das Sprichwort, und bekanntlich ist auch diese Leidenschaft, als eine der gebieterischsten, mit am Schwierigsten zu unterdrücken, da es in der That nichts Eingefleischteres giebt, als ein Säufer. Weil die Erfahrung mir jedoch die Gewißheit ertheilt hat, daß dieses Laster, so unvertilgbar dem Anscheine nach, es dieß doch nicht durchaus ist, so geht, nachdem ich die demselben entspringenden Uebel nach der Reihe geschildert habe, meine Absicht dahin, auch von den Mitteln zu handeln, welche deren Verheerungen einigermaßen zu mäßigen im Stande sind.


[7]

Erstes Capitel.
Von der Trunkenheit.

Der Wein, dieses so edle Getränk, dem Menschen von Gott verliehen, damit er seine zeitweilig geschwächte Kraft dadurch wieder stähle, – diese Quelle, aus welcher er einen Grad von frischer Lebensrührigkeit zu schöpfen vermag, – derselbe Wein ist bald, in Folge der Unmäßigkeit in seinem Genusse, auch zu einem Heerde von Lebenszerrüttung, zu einem Elemente der Sterblichkeit geworden.

Der Mensch kann sich in der That nicht des Genusses von einem Rechte freuen, kann nicht von einem Privilegium Gebrauch machen, ohne dasselbe zu mißbrauchen, ohne dem, was ihm zum Nutzen verliehen ward, eine für ihn gefährliche Spitze zu geben, ohne zur mörderischen Waffe umzugestalten das, was doch nur die Elemente der reinsten Freude für ihn in sich schließt. Darf es daher jetzt Wunder nehmen, daß die geistigen Getränke den Keim zu so vielen Verkehrtheiten in sich tragen und daß die Trunksucht ein so gewöhnliches Laster geworden ist?

Ehe wir uns mit den fürchterlichen Spuren, welche die geistigen Getränke sowohl in physischer, als in moralischer Beziehung auf den Menschen zurückzulassen pflegen, [8] genauer bekannt machen, wollen wir zuvor die anfänglichen Wirkungen dieser Getränke, und zwar nach der stufenweisen Folge ihrer Entwickelung, scharf in’s Auge fassen.

Alle Welt kennt das wohlthuende Gefühl, das der Wein und die Spirituosen, wenn mäßig genossen, erregen; alle Welt kennt aber auch jenen eigenthümlichen Zustand, in welchen sie versetzen, wenn man ihnen im Uebermaße zugesprochen hat, und der mit dem Namen Trunkenheit bezeichnet wird, ein Zustand, in welchem der Mensch, nach einem Augenblicke von Aufgeregtheit, seine Kräfte nach und nach abnehmen, seine geistigen Eigenschaften bis zum völligen Schwinden sich vermindern fühlt. Die Art und Beschaffenheit[1] der Spirituosen, welche in den Magen eingeführt werden, so wie die Gewohnheit, welche diesem Organ zu eigen wird, deren mehr oder weniger oft in sich aufzunehmen, lassen jedoch die Trunkenheit in verschiedenen Gestalten und Graden sich offenbaren.

Ich will nunmehr versuchen, ein der Natur entnommenes characteristisches Bild zu entwerfen von den Nuancen, nach welchen in einer Gesellschaft von Säufern die Grade der Berauschung sich abstufen, von dem Beginne des Banketts an bis zu dem Augenblicke, wo Tumult und scandalöse Scenen ihm die Silenskrone aufsetzen.

Die ersten Gläser bringen in dem Magen anfangs eine angenehme Wärme hervor, welche sich bald genug [9] dem ganzen Körper mittheilt. Ein allgemeines Wohlbehagen macht sich fühlbar, der Appetit wird geschärft, alle Lebenskräfte werden aufgeregt, die Stirne verliert ihre Falten, die ganze Physiognomie wird belebter, offener; bald gewinnen nun auch die Augen an Glanz, werden feuchter, die Wangen schwellen an und färben sich, der Mund wird beweglich und nimmt eine lächelnde Miene an. Man fühlt sich stärker, kräftiger, die Bewegungen werden leichter, elastischer. Auch die geistigen Eigenschaften entwickeln sich mehr und mehr, das Begreifen geht rascher von Statten, die Gedanken kommen schneller und die Einbildungskraft schmückt sie mit ihren verführerischsten und täuschendsten Farben. Selbst der sonst ruhige, schweigsame Mensch wird redselig und unruhig, während der von Natur mit einem lebhaften und heftigen Character Begabte sich einer närrischen und lauten Fröhlichkeit hingiebt, welche mitunter auch wohl in Gereiztheit und Jähzorn ausartet.

Das ist es, was man den ersten Grad der Trunkenheit nennen kann und was man im gemeinen Leben einen kleinen Spitz haben[2] heißt. Dieser Grad ist es denn auch, welchen die Dichter besungen haben, und in der That, es würde derselbe sich auch fast niemals schädlich erweisen, wenn die Menschen nur stets so gescheidt wären, es dabei bewenden zu lassen und keinen Mißbrauch damit zu treiben. Aber ach! zu Allem, was Genuß schafft, kehrt man nur zu gern, ja für immer zurück.

Nach jenen ersten Erscheinungen macht sich übrigens in dem Zustande der Trinker sofort eine Nuance bemerkbar, welche, in dem Maße, als sie hervortritt, sich als [10] das characterisirt, was man den zweiten Grad der Trunkenheit nennen kann. Der Mensch wird leichter bewegt, vergießt zuweilen bei der unbedeutendsten Veranlassung Thränen der Freude und der Rührung; die Welt erscheint ihm ein Paradies; er fängt an, wie man zu sagen pflegt, aus der Schule zu schwatzen, das Plaudern will überhaupt bei ihm gar kein Ende nehmen und seine Aeußerungen werden auch schon etwas verworren; er beginnt zu gähnen und über sein Begriffsvermögen breitet sich eine dunkle Wolke.

In der That, der Alkohol, indem er in immer stärkeren Verhältnissen mit dem Blute circulirt, ruft eine so lebhafte Aufregung des Nervensystems hervor, daß die regelmäßige Ausübung der Lebensfunctionen völlig gestört ist. Der Blick wird düster und stier, in den Zügen des Gesichts giebt sich eine durchgreifende Veränderung kund; die Unterlippe senkt sich; die schwere Zunge bringt nur noch unarticulirte Laute hervor; der Gang wird schwankend, und das öftere Hinfallen bekundet einen Zustand halber Lähmung, von welchem das Muskelsystem befallen ist. Die Vernunft, umnachtet wie sie ist, gebietet nicht mehr über die Functionen des Geistes; der Mensch überläßt sich dem unsinnigsten Gebahren und beachtet in seinen Reden weder Maß noch Zügel mehr. Seine Einbildungskraft, auf Abwege gerathen, versetzt ihn mitunter dermaßen in Wuth, daß seine Zornausbrüche sogar auch Andern Gefahr drohen. Die Verdauung zeigt sich zugleich gestört, der betrunkene Mensch leidet an saurem Aufstoßen, an Ekel und häufigem Erbrechen. Harn und Unrath gehen oft unwillkürlich von ihm ab; sein Athmen wird häufiger, beklommen, und nun stellen sich auch Schwindel und Schlafsucht ein.

Ist es so weit gekommen, so nimmt das Gesicht ein bleiches und leichenhaftes Ansehen an, alle Sinne sind abgestumpft; der Betrunkene versinkt dann in einen tiefen Schlaf, während welchem die Ausdünstung und das Athmen ihn allmählig des Giftes entledigen, das ihn [11] in diesen Zustand der Entwürdigung und Verthierung erniedrigt hatte.

Da bei dem dritten Grade der Trunkenheit die in das Blut übergeführte Dosis von Spirituosen noch beträchtlicher ist, oder auch wohl das betrunkene Individuum an den Genuß alkoholischer Getränke weniger gewöhnt sein mochte, so sieht man dabei eine noch tiefere Versunkenheit in den viehischen Zustand eintreten.

Dann auch ist es, wo die Springfedern der vitalen Eigenschaften, übermäßig gespannt und nur noch mit der größten Schwierigkeit ihre Functionen erfüllend, zuweilen dermaßen heftig und schnell zerspringen, daß die volle Schärfe des Giftes, das sich dem Blutlaufe mitgetheilt hat, nur zu thatsächlich dadurch bewiesen wird. Die Unglücklichen, welche diesen dritten Grad kund geben, und von denen man zu sagen pflegt, sie seien bis zum Sterben besoffen, sind auch in der That dem Grabe so nahe gerückt, daß sie fast immer mit grausenhafter Gewalt und Schnelligkeit dahingerafft werden.


[12]

Zweites Capitel.
Von der Trunksucht.

Die Gewohnheit, die ein Mensch annimmt, sich zu betrinken, in welchem Grade es auch sei, heißt Trunksucht, und auch diese hat, wie die Trunkenheit, ihre Abstufungen.

Erster Grad. – Im ersten Grade kann es der Mensch durch Gewohnheit dahin bringen, ein sein Bedürfniß übersteigendes Quantum spirituöser Getränke zu sich zu nehmen, ohne daß seine Vernunft dadurch eben beeinträchtigt scheint, oder ohne daß, wenigstens auf den ersten Blick, seine geistigen Functionen mit weniger Regelmäßigkeit von Statten zu gehen den Anschein haben. Diese Gewohnheit führt aber nichtsdestoweniger zuletzt einen so anhaltenden Zustand von Ueberreizung der Lebenskräfte herbei, daß diese, in nicht eben langer Zeit sich zum Nachtheile des Individuums entwickelnd, den Keim zu einer Menge von fast jederzeit tödtlich werdenden Krankheiten in sich trägt.

Gar viele Leute trinken mehr, als sie sollten, ohne doch jemals betrunken zu werden und ohne in den Augen der Welt für Säufer zu gelten; demungeachtet aber wird ihre Constitution doch allmählig unterwühlt und auch sie verfallen vor der Zeit dem Grabe.

[13] Dieser Grad von Trunksucht kommt am Häufigsten vor, eben weil man sein Bestehen oft gar nicht gewahr wird, und er ist es denn auch, welchen man in allen Ständen, namentlich in den arbeitenden Classen, vorzugsweise antrifft.

Den Trunkenbold vom ersten Grade erkennt man leicht an der rothen Färbung seines Antlitzes, das mitunter auch in der Nasen- und Stirngegend mit Rubinflecken besäet ist, an der lebhaften Wärme seiner Haut, an der Härte, Völle und Häufigkeit seines Pulses, an der etwas an Narrheit gränzenden Fröhlichkeit seines Characters, welche ihn zugleich auch zu Tollheiten und Zornausbrüchen verleitet. Sein Athem ist, während er spricht, heiß und von einem eigenthümlichen Geruche. Diese Unglücklichen fallen größtentheils einer unseligen Täuschung zum Opfer; weil sie nämlich die Folgen ihrer so traurigen Gewohnheit nicht unmittelbar an sich wahrnehmen, überreden sie sich, daß ihnen das Trinken ganz und gar nicht schade, ja sie leben, im Gegentheil, wegen der täuschenden, augenblicklichen Spannkraft, welche die alkoholhaltigen Getränke dem Nervensysteme verleihen, der Meinung, daß es ihnen als ihre Constitution stärkend von großem Nutzen sei. Aber ach! derjenige, welcher, seiner ganzen kräftigen Leibesbeschaffenheit nach, ein Achtziger zu werden versprach, wird von der Sichel des Todes schon im vierzigsten oder funfzigsten Jahre gemäht, während einem Anderen, der bei einem weniger robusten Körper seinen Lebensfaden doch bis zu funfzig oder sechszig Jahren auszuspinnen hätte hoffen können, derselbe schon mit dreißig oder vierzig Jahren abgeschnitten wird etc. Und der Eine wie der Andere können sich dann sogar noch glücklich schätzen, daß der Mißbrauch des Trinkens, indem er zu einer hitzigen Krankheit den Grund legte, sie nicht schon in einem minder vorgerückten Alter dahingerafft hat.

Zweiter Grad. Der erste Grad der Trunksucht führt, wenn nicht immer, doch mindestens sehr oft zu dem zweiten, und dieser ist eben nichts Anderes als der [14] zur Gewohnheit gewordene zweite Grad der Trunkenheit. Auf diesem Puncte angelangt, wird der verthierte Mensch nach und nach der Rechte und Privilegien, welche sich an die Menschheit knüpfen, mehr und mehr verlustig. Dieses Antlitz, von Gott mit einem eigenthümlichen Stempel bezeichnet, um es von denen der andern Thierarten zu unterscheiden; dieses Antlitz, auf dem sich der Flammenstrahl des Genie’s wiederspiegelt, das sogar etwas Göttliches an sich tragen soll, indem man sich nicht gescheut hat, zu behaupten, daß Gott es nach seinem eigenen Bilde geformt habe; nun, dieses Antlitz stellt in dem fraglichen Falle nur noch einen plumpen Spiegel dar, aus welchem alle Züge der Bestialität auf’s Unverkennbarste hervorleuchten.

Die Physiognomie dieses Säufers, wenn ihm überhaupt noch etwas erhalten blieb von dem, was man eine Physiognomie nennt, alles Edeln baar und dumm dareinschauend, wird nur noch von wirren, schielenden und nur halb geöffneten Augen belebt; das schmutzige Gesicht, bald voller Finnen und Auswüchse, bald von einer leichenhaften Blässe, ist abstoßend und flößt Widerwillen ein; die schwerfällig einherschreitenden oder vielmehr schwankenden Beine tragen kaum noch den Körper, ja man möchte, wenn man ihn gehen sieht, meinen, er bewege sich auf einem ungleichen Boden. Seine Hände zittern; seine dicken, hängenden Lippen stammeln schlecht articulirte Worte, deren rauher Ton nichts Menschliches mehr hat; sein pestilenzialisch riechender Athem, sein geschwollener Bauch, seine schwere Respiration, seine schlaffe, erdfarbige Haut, seine kraftlosen Glieder, mit einem Worte Alles bezeichnet einen Menschen, der bis zu der niedrigsten Stufe der Entwürdigung herabgesunken ist.


[15]

Drittes Capitel.
Lebensweise der Säufer.

So wie es verschiedene Grade der Trunkenheit giebt, so finden sich unter den Säufern auch Verschiedenheiten je nach ihrer Lebensweise, der Art und der Menge von Getränken, welche sie zu sich nehmen. Es handelt sich also jetzt darum, eine Physiologie des Säufers zu entwerfen; diese verschiedenen Typen müssen studirt werden, um dann endlich zu dem Schlusse zu gelangen, daß, welcher Menschenclasse der Säufer auch angehöre, welcher Art immer das Getränk sei, woran er sich gewöhnt hat, und möge er dasselbe nun in der Schenke, bei’m Gewürzkrämer oder im Kaffeehause seinem Körper einverleiben, das alkoholische Element desselben hier wie dort nicht minder seine unheilvolle Wirkung äußern werde.

Um übrigens ein solches Studium mit Erfolg zu unternehmen, müssen wir den Säufer, so zu sagen, auf der That ertappen, ihm Schritt vor Schritt folgen, und zwar nicht bloß in die Locale, welche er am Häufigsten besucht, sondern überhaupt in seinem ganzen Gebahren vom Aufstehen des Morgens an bis Abends zum Schlafengehen. Wir werden unsere Leser auf Thatsachen hinweisen, welche täglich unter ihren Augen vorgehen, wie sie Jeder alle Tage sieht, die man aber leider sieht, ohne [16] sie zu beachten, so selten geschieht es, daß man die Folgen dessen, was man sieht, bedenkt oder ihnen nachforscht. Begegnet man, z. B., einem singenden, mit den Armen fechtenden Betrunkenen, so lacht man zwar über ihn, weil er sich eben lächerlich benimmt, geht aber seines Weges fürbaß; einige Jahre später trifft man abermals ein Individuum, dessen magere, bleiche, leichenhafte Figur einen Sterbenskranken verkündet, der langsamen Schrittes dem Grabe zuwankt, und man erinnert sich dann kaum noch, daß dieses derselbe Mensch ist, den man früher einmal betrunken gesehen hatte, und daß diese Gewohnheit des Saufens ihn zu dem gestempelt hat, was er jetzt ist. Die Verwandlung erweis’t sich als so groß, daß es Mühe kostet, sich zu überzeugen, diese beiden Persönlichkeiten seien eben nur ein und derselbe Mensch; um wie viel weniger würde man sich aber wundern, wenn man dem Betreffenden von dem Tage an, wo er zum ersten Male dem Bacchus seine Huldigungen dargebracht hat, bis zu dem, wo er sich uns nur noch als ein wandelndes Gerippe darstellt. Schritt vor Schritt gefolgt wäre.

Die alkoholische Ueberreizung, worin sich der Säufer fortwährend befindet, heißt ihn des Morgens ziemlich früh aufstehen, denn der Schlaf flieht seine Augenlider und, einem Fieberkranken gleich, wirft er sich in seinem Bette unaufhörlich von einer Seite zur andern, ohne irgend Ruhe zu finden. So erhebt er sich denn endlich von seinem Lager, und – folgen wir ihm nun, um der ersten Scene seines Tagelebens als Zuschauer beizuwohnen.

Die Straße, bisher noch, gleich ihren Bewohnern, der Ruhe hingegeben, scheint endlich zu erwachen, Thüren öffnen sich hier und da, die Verschlüsse der Läden fallen, einige fleißige Handwerker begeben sich schon an ihre Arbeit, und auf der Schwelle einer der Hausthüren in der Straße erscheint – ein Mann von blassem, gedunsenem Antlitze, mit mattem Blicke, die Augen feucht und geschwollen; er gähnt, streckt die Arme aus, wie [17] wenn er sich eben einem tiefen Schlaf entrissen oder vielmehr, wie wenn dieser Schlaf seinen Kräften nicht völlig wieder aufgeholfen hatte. Seine Blicke richten sich nach verschiedenen Puncten der Straße hin, als ob er auf Jemand warte. Und in der That, er wartet auf Jemand, er erwartet den, welchen er Tags und die Tage vorher auch erwartet hatte, den er morgen und die folgenden und alle Tage erwarten wird, bis er endlich, sein noch übriges Leben kraftlos und von Schmerzen gefoltert auf seinem Lager dahin seufzend, dasselbe nur verläßt, um in einen Sarg eingenagelt zu werden. Doch ich will ja von der Gelegenheit zu den fraglichen Ausschweifungen reden......

Also sein Warten wird endlich mit dem gewünschten Erfolge gekrönt, und nachdem er einige Vorübergehende kurz angeredet hat, nähert sich ihm ein Mann; Beide unterhalten sich eine Weile stehend mit einander und setzen dann zusammen ihren Weg in der Straße fort, zwischendurch lachend und links und rechts den Vorübergehenden gemeine Witzworte zuschleudernd, bis endlich eine Strecke weiter ein Dritter sich ihnen anschließt und unser Kleeblatt dann in den Laden eines Schnapsschenken tritt. Dieser empfängt seine täglichen Kunden mit einem freundlichen Kopfnicken, und ohne nach ihren Bedürfnissen irgend zu fragen, da er diese nur zu gut kennt, stellt er sofort die nöthige Anzahl Gläser auf den Ladentisch, füllt sie, und diese werden nun geleert unter wechselndem Gelächter, Zoten und den verschiedenen Mittheilungen aus der scandalösen Stadtchronik, in deren komischer Ausstaffirung Einer den Andern zu überbieten sucht.

Man meint vielleicht, daß, einmal die Gläser geleert, unsere Trinker sich dann wieder fortbegeben werden; o nein! man täusche sich nicht und warte vielmehr ab, was nun weiter vorgeht. Ein Vierter nämlich ist mittlerweile in den Laden getreten und hat sich den Andern zugesellt, so daß dann das Lachen von Neuem beginnt, es förmlich Anecdoten regnet, ein volles Glas für den neuen Ankömmling [18] sofort parat steht, nun auch natürlich die drei andern sich wieder füllen und mitten unter den mannichfaltigsten Commentaren zu den Neuigkeiten des Tages abermals geleert werden. Jeder trägt nach wie vor sein Contingent zur Unterhaltung bei, und je reichere Ausbeute die scandalöse Chronik des Tages gerade liefert, desto größer wird die Zahl der Trinker, desto größer aber auch die Menge des vertilgten Schnapses, denn jeder der Neuhinzugetretenen läßt den Andern wieder mit einschenken. Die Gescheidtesten drücken sich gewöhnlich nach dem vierten oder fünften Gläschen, der größte Theil der Gesellschaft aber hält so lange aus, bis der Unterhaltungsstoff sich völlig erschöpft hat; und, wer sollte es für möglich halten, wenn er es nicht mit eigenen Augen sähe, einige der Trinker erneuern nun sogar noch dieselbe Scene bei drei, vier, fünf andern Schnapsschenken in den verschiedenen Stadttheilen, indem sie unterwegs andere Genossen recrutiren, um mit ihnen Brüderschaft zu trinken oder vielmehr, um einen Vorwand zum Ausschweifen zu gewinnen, obgleich sich Manche wohl auch nicht scheuen, für sich allein zu schnapsen.

So nun schließt sich der erste Act in dem Tagesverlauf eines Säufers; fast alle diese Leute aber, so sehr hat der gewohnte Genuß der Spirituosen ihre allgemeine Sensibilität abgestumpft, fast alle, sage ich, sind noch im Stande, ihren Beschäftigungen nachzugehen (jedoch selbstverständlich mit mehr oder weniger Geschick). Wenn wir indeß denen, welche, nachdem sie mehre Stadtviertel durchstrichen sind, ein Dutzend Gläschen Schnaps vertilgt[3] haben, weiter folgen, so kann es uns nicht entgehen, daß ihre schwerfälligen, zitternden Hände sich nur ungern zu einer Arbeit hergeben, welche sie übrigens auch nur ganz obenhin verrichten, und welche sie [19] verlassen, um ihre Angetrunkenheit dann noch weiter würdig zu krönen. Diese kehren endlich, nachdem sie sich so den ganzen Tag auf den Straßen, in den Schenken und Kaffeehäusern herumgetrieben haben, des Abends heim, um nun ihre Weiber und Kinder, welche auf ihren Tagesverdienst, um sich Brod dafür zu kaufen, vergebens warten, vollends zur Verzweiflung zu bringen.

Die Trunksucht, wenn sie auch bei den Arbeiterclassen am Sichtbarsten hervortritt, findet nichtsdestoweniger auch in den andern Ständen hier und da ihre Priester, allerdings in verschiedenen Graden und unter Formen, welche weniger in’s Auge fallen, aber in ihren Folgen sich doch nicht minder beklagenswerth erweisen. Ich verstehe darunter die Leute, welche, alle Morgen mehre Gläser Branntwein zu sich zu nehmen gewohnt, dabei dennoch sich einbilden, sie gehörten nicht zu den Trunkenbolden, weil sie niemals dabei des Gebrauchs ihrer Vernunft beraubt sind und weil sie in ihren Ausschweifungen selten über das ihnen von ihrer unseligen Gewohnheit vorgeschriebene Maß hinausgehen. Aber sie täuschen sich sehr, auch ihnen erscheint der Tag, wo körperliches Leiden ihre Illusionen verjagt und sie mit schweren Kosten zu der Erkenntniß gelangen, daß die Spirituosen, mögen sie immerhin auch nur in kleinen Dosen genossen werden, doch nicht weniger ihre zerstörende Wirkung äußern.

Indem wir auch einem dieser Trinker in seine Wohnung, und zwar zur Mittagszeit, folgen, sehen wir, wie er vergebens seinem Magen einige Speise aufzudrängen sucht; denn der Alkohol hat die Nervenwärzchen dieses Organes oft dermaßen überreizt, hat die Empfindlichkeit derselben in einem solchen Grade herabgestimmt, daß es sich in der vollkommensten Unthätigkeit befindet. Das, worin wir Aerzte ein vorzeitiges Absterben des Verdauungsorgans erkennen, bloß als einen Appetitmangel betrachtend, glaubt der Unglückliche, seiner Unlust zum Essen dadurch abhelfen zu können, daß er nach einem neuen Reizmittel greift. So trinkt er denn kurz vor seiner [20] Mittagsmahlzeit ein Glas Absinth oder Wermuthschnaps, und zwar bald rein, bald mit Wasser gemischt; was er aber auch beginne, dieser Liqueur dient, gleich allen, nüchtern genossenen, alkoholischen Getränken, nur dazu, die Functionen der Verdauung noch mehr zu beeinträchtigen, und der Appetit nimmt dadurch eher noch mehr ab, als zu. An der Mittagstafel sehen wir ihn nun die unverdaulichen Speisen allen andern vorziehen, auch die sauren und stark gewürzten Gerichte wählen, zu diesem noch Pfeffer, zu jenem Senf hinzuthun, und trotz dieser Reizmittel ißt er dennoch nur wenig; dagegen schauet einmal, wie er trinkt. Aber er trinkt hier nicht, wie am Morgen, zum Zeitvertreib, aus Gewohnheit; nein! er hat jetzt einen wirklichen Durst zu stillen; seine trockene, brennende Kehle bedarf einer Flüssigkeit, um die verzehrende Hitze zu mäßigen; alle jene reizenden Mittel haben ihn in der fraglichen Beziehung dermaßen verkehrt, daß man sagen möchte, wenn er trinke, um zu essen, so esse er doch mehr noch, um zu trinken. Jeder Mundvoll Speise kann gleichsam seinen Weg nur dann finden, wenn er durch eine Fluth von Flüssigkeit hinuntergespült wird.

Bis jetzt haben wir es übrigens nur mit Schnapstrinkern zu thun gehabt und wir haben, wie gesagt, auch nur der Morgenscene an Wochentagen beigewohnt. Wenn wir einmal in eine Weinstube eintreten, so sehen wir hier dieselben Auftritte sich wiederholen, nur mit dem Unterschiede, der durch Local und Getränk bedingt wird: dort wurde Schnaps, hier wird rother und weißer Wein getrunken; dort trank man aus kleinen Gläsern, hier werden Schoppen, Pinten oder Flaschen geleert. Die Ergebnisse sind jedoch dieselben: ob nun Jemand nüchtern und für gewöhnlich Schnaps trinke, oder reinen Wein, er stumpft in der einen wie in der andern Weise die Empfindlichkeit des Magens ab. Er bringt auf das Organ euren unnützen Reiz hervor, weil es leer ist, und auf Speisen, welche nicht vorhanden sind, kann das Getränk auch nicht wirken; folglich ist es dem [21] Magen schädlich. „Ebensowenig,“ sagt Dr. Simon, „als man einem Pferde nicht Abends die Sporen giebt, um es Tags darauf zum Laufen zu bewegen, oder man ein Feuer Abends anbläs’t, damit es des andern Morgens brenne, eben so wenig wird auch das am frühen Morgen getrunkene Gläschen Schnaps zur mittäglichen Verdauung helfen.“ Dabei ist es übrigens drollig, wenn auch zugleich im Grunde traurig, insofern man die Sache nicht oberflächlich betrachtet, anzuhören, wie der Schnapstrinker des Weintrinkers spottet, ihm seine Verachtung kund giebt, ihn einen Trunkenbold schimpft, während sich hingegen der Weintrinker seiner Mäßigkeit rühmt im Vergleich zu Jenem, der sich um seine Gesundheit bringe, indem er sich den Magen verbrenne. Heißt das nicht jene Stelle des göttlichen Buches: „Warum siehst du den Splitter in dem Auge Deines Nächsten und wirst nicht des Balkens in dem eigenen Auge gewahr?“ im wahrsten Sinne auf sich anwenden?

Der Branntwein erzeugt, wenn auch in schwächerer Dosis genommen, als der Wein, dennoch einen lebhaftern, unmittelbarer, augenblicklicher wirkenden Reiz; weil schneller in die Circulation aufgenommen, äußert er sofort seine Wirkung auf das Nervensystem, das dadurch tief erschüttert wird, und woraus dann alle die Störungen hervorgehen, welche sich über die Organe hin verbreiten. Der Wein wirkt anfänglich auf den Magen, weil er stets in sehr großer Quantität genossen wird und seine Aufnahme in die Circulation nie ganz vollständig ist; später erzeugt er dieselben Phänomene wie der Alkohol. So befinden sich denn die beiden Trinker, wenn auch von verschiedenen Puncten ausgegangen, doch auf demselben Wege.

Das Tagewerk ist übrigens noch nicht zu Ende; nach dem Abendessen beginnt der letzte Act des Drama’s, ein Act, der fast jederzeit im Kaffeehause gespielt wird; nicht etwa, weil der Kaffee allein dort den Trinker anzieht, dieses Getränk spielt vielmehr nur eine sehr unbedeutende Nebenrolle; selbst für die Mehrzahl der Gäste [22] würde er nur eine schale, fade, nach Nichts schmeckende Flüssigkeit sein, wenn seinem Geschmacke nicht durch den Rum, Branntwein etc. aufgeholfen würde, und diese Liqueure bilden dann gewöhnlich den Spielsatz einer Partie Karte oder Billard, so wie das Spiel selbst den Vorwand zum Trinken abgiebt. Man spielt nämlich anfangs um die Zeche, dann zum Zeitvertreibe weiter, und da jedes Spiel ein Interesse haben muß, so gilt es dann um ein zweites, drittes etc. Glas Branntwein, bis endlich das Spiel damit endigt, eine wichtigere, schrecklichere Rolle anzunehmen, und dann das Geld oder die Waare den wirklichen Einsatz bildet. Der Trinker wird nun zuletzt oft zum leidenschaftlichen Spieler, nicht aber in der Absicht, Ersatz für den Verlust an seinem Tagelohne zu suchen, denn sein durch die alkoholischen Dünste zu sehr erhitztes Gehirn überlaßt dem Verstande nicht mehr die Sorge, seinen Gedanken zu gebieten; er spielt vielmehr nur, um einer anderen, von der ersten erzeugten Leidenschaft zu fröhnen, er spielt wie toll, ohne gewahr zu werden, wie sein Mitspieler oft die Verwirrung in seinem Kopfe benutzt, ihn zu übervortheilen und um sein Geld zu bringen.

In welchem Zustande wird er nun heimkehren? Was für einen traurigen Eindruck wird er auf seine Frau und seine Kinder machen, wenn diese seiner ansichtig werden, wenn sie das Unzusammenhängende seiner Worte vernehmen und die seinen Lungen entsteigenden Branntweindünste ihn verrathen haben? Wie wird nun endlich das geheimnißvolle Drama, das sich in dem Innern dieser Familie zu entspinnen beginnt, enden? ...... Ich lasse jetzt absichtlich den Vorhang fallen, behalte mir jedoch vor, ihn in dem folgenden Capitel wieder ein Wenig zu lüften.

Es bleibt mir nun nichts weiter zu erwähnen übrig, als daß es, was übrigens schon ein Jeder sich denken kann, Stunden, ja ganze Tage giebt, wo die Schenken und Kaffeehäuser ganz von Gästen gefüllt sind. Dem Trunkenbold und dem Faullenzer genügt der allergeringste Vorwand, um seiner unersättlichen Leidenschaft [23] zu fröhnen; die Sonntage und Festtage bieten ihm eine zu gute Gelegenheit, als daß er sie, ohne zu trinken, vorübergehen lassen könnte, und da ein rechter Festtag nie ohne einen folgenden zweiten ist, so geht das Gelage noch einen oder zwei Tage weiter fort. Jedermann weiß, wie schwer es hält, auch selbst die leichtesten Arbeiten an den Montagen und an den den Heiligenfesten folgenden Tagen zu verrichten. Es hat sogar nicht wenig Schwierigkeit, die Mitglieder mancher Handwerksinnungen zu bewegen, daß sie die ganze Woche hindurch arbeiten.

An den bezeichneten Tagen beginnt der Trinker, wie wir schon gezeigt haben, damit, bei seinem Erwachen sofort eine Anzahl Schnäpse oder mehre Gläser Wein durch die Gurgel zu jagen. Auch vor und nach dem Frühstücke trinkt er, und während der Mitte des Tages läßt er sich den sogenannten Mittagstrunk schmecken. Endlich kommt auch die Vesperzeit heran, und nun frage ich, wie es möglich sei, daß er unter solchen Umständen hat arbeiten, seinen Tagelohn redlich hat verdienen können? Arbeitet er im Gedinge, so wird er selbst nicht einmal genug verdienen, um seine Wirthshauszeche davon zu bezahlen, und geht es um’s Tagelohn, so darf man geradezu sagen, daß er dem, für welchen er arbeitet, das Geld gleichsam aus der Tasche stiehlt.

Nicht zufrieden mit den Gelegenheiten zu Ausschweifungen, wie sie sich dem Schwelger nur zu oft und nicht umsonst darzubieten pflegen, sucht er deren auch sonst noch auf und zeigt sich darin sogar erfinderisch: so giebt es denn hier für den Maurergesellen einen Grundstein zu legen, den er dann nothwendigerweise mit Wein begießen muß und der die Arbeiten für mehre Tage aufhalten wird; oder es ist dort ein Schlußstein gesetzt worden; auch feiert er mit dem Zimmermann, dem Dachdecker ihre Richtfeste, oder es giebt in seiner Familie eine Taufe, eine Hochzeit, ein Begräbniß, einen Geburtstag, oder es kommen Kameraden an oder reisen ab, kurz, es [24] findet sich für den Trinker fortwährend Stoff zur Ausschweifung und zum Müßiggange.

Die großen Auszahlungstage in den Werkstätten und Manufacturen dienen den Trinkern ebenfalls zu einem Vorwande, und zwar zu einem solchen, der sich ihnen alle vierzehn Tage darbietet. Wie viele Arbeiter könnten wir namhaft machen, welche fast die ganze Summe, die sie in den vierzehn Tagen mühsam verdient haben, binnen zwei oder drei Tagen durch die Kehle jagen; wie viele ließen sich nennen, welche, einmal von diesem Strudel ergriffen, so lange auf den Straßen und in den Schenken gleich armen Blödsinnigen umherlungern, bis sie den letzten Sou durchgebracht haben; erst dann kehren sie zu ihrer Arbeit zurück, bettelarm, an Körper und Geist erschöpft, und sie arbeiten dann wieder ein Paar Wochen oder einen Monat, um die alte Leier von Neuem und immer wieder anzustimmen.

Sind diese Unglücklichen nicht verheirathet, so ist die Sache damit abgethan, daß sie sich um ihre Gesundheit bringen, dem Elend verfallen und ihr Leben in einem Spitale beschließen. Haben sie hingegen Frau und Kinder, alsdann bleibt uns noch zu bedenken, was aus diesen Unglücklichen wird, denen es oft an dem Allernothwendigsten fehlt und welche sich daher oft gedrungen sehen, bei einem erschöpften Credit um ihr Bischen Brod, und nicht selten vergebens, zu betteln.

Brillat-Savarin, dieser so geistreiche Schriftsteller und scharfe Beobachter, berichtet unter Anderem, daß er in Holland mit einem reichen Danziger gereis’t sei, der in seiner Vaterstadt seit funfzig Jahren den bedeutendsten Detailverkauf von Branntwein hatte, und durch den er gesprächsweise mit der Lebensweise der dortigen Säufer und der Art ihres Todes bekannt wurde. „Mein Herr,“ sagte dieser Patriarch, „man macht sich in Frankreich schwerlich einen richtigen Begriff von der Wichtigkeit des Handels, der nun schon seit länger als einem Jahrhundert in meinem Hause vom Vater auf den Sohn fortgeerbt [25] hat. Ich habe die Arbeiter, welche zu mir kommen, um sich durch Branntwein zu stärken, mit Aufmerksamkeit beobachtet, und gefunden, daß, wenn sie sich dem bei den Deutschen nur zu gewöhnlichen Hange nach starken Getränken unbehutsam überlassen, es auf ziemlich gleiche Weise mit ihnen ein trauriges Ende nimmt.

„Anfangs trinken sie Morgens nur ein Gläschen Schnaps, und bei diesem Quantum lassen sie es denn auch mehre Jahre lang bewenden. (Dieses Regimen ist übrigens ein gewöhnliches bei allen Arbeitern, und wer nicht täglich wenigstens sein Gläschen zu sich nimmt, würde von seinen Kameraden sich verhöhnt sehen.) Alsdann aber wird die Dosis verdoppelt, d. h., sie trinken Morgens ihr Gläschen nach wie vor, jedoch auch noch eins zu Mittag. Bei diesem Satze beharren sie nun wieder etwa zwei bis drei Jahre, wonach sie dann regelmäßig Morgens, Mittags und Abends ihr Gläschen schlucken. Jetzt aber gewöhnen sie sich bald, zu jeder Tagesstunde zu schnapsen, und zwar schmeckt ihnen kein anderer Branntwein mehr, als mit Gewürznägelein versetzter. Ist es so weit mit ihnen gekommen, dann läßt sich auch mit Sicherheit annehmen, daß sie höchsten noch sechs Monate zu leben haben; sie magern ab, werden vom Fieber ergriffen, wandern in’s Spital und man sieht sie dann lebend nimmer wieder.“


[26]

Viertes Capitel.
Körperliche Zerrüttung der Säufer.

Ebenso, wie die Quantität des in den Körper eingeführten Giftes den Grad der Vergiftung bedingt, so bestimmt auch die Gewohnheit des Betrunkenseins den Grad desselben, sowie die Krankheiten, welche als unselige Folgen daraus hervorgehen. – Wie auch immer der Grad von Trunkenheit sei, woran sich ein Mensch gewöhnt hat, seid versichert, dieser Mensch wird früh oder spät dem Schicksale, das seiner harret, erliegen, es wird der Tag kommen, wo die über die Verletzung der gesundheitlichen Vorschriften racheschnaubende Göttin ihn tödtlich getroffen haben wird.

Doch sehen wir uns das Gefolge von Unpäßlichkeiten und Krankheiten, von welchen der Säufer heimgesucht wird, etwas genauer an, und zwar in jedem der Grade von Trunkenheit, in welchem er sich eben befindet.

Man würde sich einer großen Täuschung hingeben, wenn man glaubte, der erste Grad von Trunkenheit sei mit keiner Gefahr verbunden und man sei vor den Folgewirkungen gesichert, weil die Gewohnheit den Magen dagegen abgestumpft habe und die Erscheinung der Trunkenheit nicht weiter empfunden werde. O nein! wir behaupten vielmehr, daß die Gewohnheit, noch nüchtern [27] geistige Getränke zu sich zu nehmen, selbst dann, wenn man nicht betrunken wird, nicht ohne Gefahr sei. Zwar wird sich die schädliche Wirkung derselben mehr oder weniger langsam erweisen, jenachdem die Constitution des betreffenden Individuums mehr oder minder kräftig ist, aber verderbenbringend wird sie jedenfalls; ihre zerstörenden Aeußerungen werden nicht weniger gewiß sich geltend machen.

Um von den traurigen Folgen der Trunkenheit und von den physischen Verletzungen, welche dieselbe in dem menschlichen Organismus hervorbringt, ein möglichst treues Bild zu entwerfen, werde ich sie hier sämmtlich die Revue passiren lassen und bei jeder Function nach den Modificationen forschen, welche durch den Mißbrauch dieser berauschenden Getränke bewirkt werden.

Der Verdauungsapparat. – Auf den Magen und die Organe, welche zu den Functionen der Verdauung mit dienen, machen sich gleich von Vornherein die zerstörenden Wirkungen der alkoholischen Getränke bemerkbar, und zwar sowohl bei denen, welche nüchtern weißen Wein, Schnaps oder Liqueure trinken, als besonders bei den Trinkern von Wermuthbranntwein. Bei ihnen nämlich verrichtet der Magen seine Dienste gar nicht mehr oder doch nur sehr mühsam und höchst unvollkommen. Sie ermangeln alles Appetits, und selbst das Wenige, was sie genießen, kann nur unter Beschwerden verdaut werden. Uebrigens wird die Verdauung auch durch saures Aufstoßen oder durch Sodbrennen, sowie durch Magenkrämpfe gestört. Jeden Morgen sieht man sie mit heftigen Anstrengungen zum Erbrechen sich abquälen, wonach sie dann einen fadenziehenden Stoff von sich geben, den sie Schleim nennen. Diese Flüssigkeit ist aber nichts Anderes, als ein krankhaftes Erzeugniß, eine normwidrige Abscheidung eines kranken Organs, und dieses Organ ist eben der Magen. Und das ist noch nicht Alles, denn so groß und tyrannisch ist die Herrschaft dieser Neigung, daß, um dem Uebel, woran sie leiden, abzuhelfen, die Unglücklichen das Heilmittel [28] dagegen dort suchen, wo ihnen das Uebel erwachsen ist, dort, wo sie den ersten Keim zu ihren Leiden gefunden haben; sie suchen sich nämlich Linderung in andern alkoholischen Getränken, die denn auch in der That für den ersten Augenblick sich bewähren, welche aber das Geschwür, das ihnen den Tod bereitet, nur noch tiefer aushöhlen. Sie tödten, wie sie sagen, den Wurm, indem sie Morgens gemeinen oder Wermuth-Branntwein trinken, weil sie der Meinung leben, daß der Schleim, welchen sie von sich geben, durch die Gegenwart eines Wurmes erzeugt werde, der ihnen, in ihrer Weise zu reden, auf’s Herz p... Diese Unglücklichen werden nicht gewahr, daß sie jenen Dämmerungsfaltern gleichen, welche sich auf das künstliche Licht der Kerze stürzen, deren heller Schein sie anzieht und täuscht, um welche sie unablässig umherfliegen, fliehend und wiederkehrend, bis endlich ihre Flügel fast versengt sind. Gleich diesen Insecten finden sie da den Tod, wo sie aus einer frischen Quelle von Leben zu schöpfen wähnten.

Die erste Wirkung des Alkohols ist also die, die Organe der Verdauung der höchsten Entnervung preiszugeben, einer Entnervung, welche, von Tage zu Tage wachsend, endlich ihre Gewebe tief angreift und zu jenen Entartungen, jenen organischen Krankheiten des Magens, der Leber etc. führt, zu jenen krebsartigen Geschwüren, welche man nur zu häufig in der letzten Lebensperiode von Säufern antrifft. Diese Krankheiten sind es denn auch, welche sie in den vollständigsten Marasmus versinken lassen, sie anfänglich dazu verdammen, weder etwas zu essen noch zu trinken, endlich aber bis zu ihrer letzten Stunde in Einem fort sich zu erbrechen. Aus den Veränderungen dieser Organe entwickelt sich, indem sie zuerst die Unterleibs-Circulation, dann den Blutlauf in der Brust und dem Herzen beeinträchtigen, zuletzt auch jene Aufgedunsenheit des Gesichts, sowie jene Anschwellung der Beine und des Bauches, welche unter dem Namen Wassersucht bekannt genug ist und durch Erstickung des Lebens endet. Ohne Zweifel ist [29] aus dem Grunde, weil jenes fürchterliche Ende sich so oft bei den Säufern bemerklich macht, auch das Sprichwort entstanden: „Wer im Weine lebt, findet im Wasser seinen Tod;“ wenn anders man nicht dadurch auf eine andere Art, das Leben zu enden, wie sie bei diesen Unglücklichen ebenfalls so gewöhnlich ist, indem nämlich die Mehrzahl derselben ihren Tod in den Wellen sucht, hat anspielen wollen.

Uebrigens sind alle diese Krankheiten in ihrer Entwickelung sehr langsam und führen folglich auch nur langsam zum Tode. Man könnte fast die Behauptung wagen, sie seien dazu bestimmt, jene Unglücklichen, denen es an der nöthigen Characterstärke gebrach, um ihren Neigungen Schweigen zu gebieten, durch unerträgliche Schmerzen für ihren Unverstand büßen zu lassen. Dante mißt in seiner „Hölle“ den Trunkenbolden eine schreckliche Strafe zu, indem er sie unfläthiges Wasser trinken läßt zur Stillung des brennenden Durstes, der sie verzehrt.

Mitunter werden die Eingeweide aber auch von hitzigen Krankheiten befallen und es entwickelt sich so eine Reihe nicht minder schmerzhafter, obgleich rascher zum Tode führender Symptome. Es erscheinen alsdann jene Unterleibsentzündungen, bei denen oft die Eingeweide bersten und Veranlassung zu Brechanfällen geben, welche nichts aufzuhalten vermag, bei denen die Zunge und die Kehle einem alten Stück Leder gleich vertrocknen und eine Empfindung hervorgebracht wird, welche der durch brennende Kohlen erzeugten zu vergleichen ist.

Athmungsfunctionen. – Nächst dem Magen sind die Lungen diejenigen Organe, welche bei den Säufern vorzugsweise ergriffen werden. Seitenstechen und Brustbeklemmungen kommen häufig bei ihnen vor, was auch durchaus nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß diese Unglücklichen bei ihrer beständigen Erhitzung durch den Alkohol, sowie durch die mephitischen Dünste, welche die Luft in den Schnaps- und Weinschenken erwärmen und verderben, jene Oerter fast immer in [30] Schweiß gebadet und in einer gewissen Betäubung verlassen und so der Erkältung nur zu leicht ausgesetzt sind.

Man kann es kaum glauben, wieviele von ihnen an Lungenschwindsucht sterben, und, was bemerkenswerth ist, diese furchtbare Krankheit verschont selbst die kräftigsten Menschen nicht. Ich selbst habe einen der stärksten Männer in Vierzon, einen wahren Coloß, Namens L., Bauunternehmer, in Folge seiner fraglichen Excesse, einige funfzig Jahre alt, an der Auszehrung sterben sehen.

Wenn nun aber selbst das kräftigste Alter und die stärksten Körperconstitutionen hier nicht verschont bleiben, um wie viel mehr noch sehen wir solche Unglückliche von schwächlichem und zartem Körperbau den betreffenden Ausschweifungen vor der Zeit unterliegen.

Das Nervensystem. – Unter dem Nervensystem versteht man die Functionen des Gehirns, jenes Organs, welches allen Verrichtungen des Lebens vorsteht, gleichsam dessen Heerd oder Mittelpunct ist, von welchem Alles ausgeht und zu welchem Alles zurückstrahlt, die Bewegungsfähigkeit, das Empfindungsvermögen und die Denkkraft. Nun, auch dieses Organ ist bei dem Trunkenbolde nicht geschützter vor den Wirkungen der spirituösen Getränke, wie alle anderen. Im Gegentheil, man sieht es fast jederzeit zuerst mit ergriffen, und wie könnte das auch anders sein, da in ihm ja der Born aller Lebenskräfte quillt!

Bemerkt zu werden verdient, daß der Wein und die alkoholischen Getränke, deren erste Wirkung, wenn mäßig genossen, dahin geht, das Denkvermögen, die Urtheilskraft anzuregen, daß, sage ich, deren Mißbrauch im Gegentheil zerstörend auf den Verstand, die Denkkraft zu wirken scheint und den Menschen zur Thierheit herabwürdigt. Dahingegen bleiben die Sinne, diese verschiedenen Fähigkeiten, welche den Menschen und den Thieren gleicherweise verliehen sind, um sich dadurch mit der äußeren Welt in Beziehung setzen zu können, ja, die Sinne bleiben von dem Einflusse der alkoholischen [31] Ausschweifungen fast immer unberührt, gleichsam als weil sie von Vornherein zur Domaine der Bestialität gehören.

Alles aber, was dem Verstande, der Denkkraft untergeordnet ist, erlöscht nach und nach bei dem Säufer, seine Empfindlichkeit stumpft sich ab und bald ist er nur noch – Thier. Das Gehirn, unter dem Einflusse der alkoholischen Aufregung gewohntermaßen mit Blut überfüllt, entzündet sich leicht und wird so gefährlichen Blutungen, Fiebern, Anschoppungen, Lähmungen und Erweichungen unterworfen; schon der leichteste Fieberanfall reicht sehr oft hin, um einen der Trunksucht Ergebenen zeitweilig in einen Zustand, worin er irre redet, zu versetzen, Epilepsie, Geistesverwirrung, Dummheit und männliches Unvermögen bei ihm hervorzurufen.

Nicht allein aber begünstigt der mißbräuchliche Genuß starker Getränke die Entwickelung aller Arten von Verrücktheit, sondern es ist den Trunkenbolden auch noch eine besondere Varietät derselben eigen, welche bei den mäßig lebenden Individuen niemals angetroffen wird, ich meine jene Krankheit, welche unter dem Namen Säuferwahnsinn (delirium tremens) nur zu bekannt ist. Dieselbe characterisirt sich durch die Verwirrung der Denkkraft, während welcher sich erschreckende Visionen oder Sinnestäuschungen einstellen, begleitet von einem Zittern, das mehr oder weniger alle Körpertheile, hauptsächlich aber die Glieder, befällt.

Dieser Säuferwahnsinn entwickelt sich übrigens nicht bloß bei dem, welcher der Trunkenheit in gewohnter Weise huldigt, sondern es genügt schon, nur gewöhnlich mehr zu trinken, als es sich eben mit seiner Körperbeschaffenheit verträgt, um davon befallen zu werden.

Giebt es wohl etwas Traurigeres, als den Anblick eines dieser Elenden, dessen wirrer Geist ihn mit dem Erscheinen eingebildeter Gegenstände oder grausenhafter Phantome quält und ihn den wilden Thieren oder den von der Tollwuth ergriffenen Unglücklichen ähnlich macht?

[32] Wie bei diesen gefährlich gewordenen Menschen, sieht man sich auch hier zum Festbinden genöthigt, um sich vor den Ausbrüchen seiner Wuth zu sichern. Kaum vermögen oft sechs Menschen, seiner Herr zu werden. Der wilde Blick, die funkelnden Augen, das sich sträubende Haar scheinen ihn sogar noch drohender und schrecklicher zu machen. Er knirrscht mit den Zähnen, speit die Anwesenden an, und was diesem Bilde den Stempel der Scheußlichkeit noch tiefer aufprägt, sind seine Versuche, die sich ihm Nähernden zu beißen, zu kratzen, selbst auf die Gefahr hin, sich selbst wehe zu thun, wobei er zugleich ein fürchterliches Geheul ausstößt, Tag und Nacht schreit, schimpft, flucht, bis endlich ein wohlthätiger Schlaf oder der Tod seinen Leiden ein Ende macht.

Oft auch geschieht es, daß die Unglücklichen in diesem Zustande sich selbst den Tod geben; zu Anfang eines solchen Anfalls suchen sie nämlich die Einsamkeit und nach Mitteln, sich das Leben zu nehmen. Anfangs traurig, voller Schwermuth, menschenscheu, in beständiger Furcht schwebend vor Allem, vor der Gerechtigkeit, den Gensd’armen, von welchen sie sich um eingebildeter Verbrechen willen verfolgt glauben, verstecken sie sich erst und endigen damit, sich zu morden. In der letzten Periode des Anfalls suchen sie sich nämlich, wenn frei, aus dem Fenster oder in Brunnen zu stürzen, und oft geben sie sich auch jetzt noch Mühe, den sie Umgebenden alles mögliche Leid zuzufügen.

Ich selbst hatte es einst lediglich der Vorsehung zu danken, daß ich nicht das Opfer eines gewissen A...., eines Hufschmiedes, wurde, welchem ich schon mehre Jahre lang ärztlichen Beistand geleistet hatte. Dieser Mensch hatte sich in einem Anfalle von Säuferwahnsinn den Händen der ihn Haltenden entrungen, und, einen Schmiedehammer ergreifend, warf er denselben nach mir mit furchtbarer Gewalt. Ich wurde jedoch vor der Gefahr geschützt durch die Vorhänge des Bettes, neben welchem ich stand, indem diese, den Hammer in sich einwickelnd, ihn endlich zu meinen Füßen [33] herabfallen ließen. Dieser Unglückliche starb darauf an der Wassersucht, welche auf eine Leber- und Magenkrankheit gefolgt war.

Wie lang würde das Verzeichniß werden, wollte ich alle Diejenigen namentlich aufführen, welche ich an den Folgen der Trunksucht habe hinsterben sehen! Wie würde man von grausiger Bestürzung ergriffen werden, stände es in meiner Macht, sie für einen Augenblick aus dem Grabe, worein sie sich vorzeitig gestürzt hatten, heraufzubeschwören, ihre bleichen Phantome vor den Augen meiner Leser vorüberzuführen und ihre stumm gewordenen Lippen wieder zum Sprechen zu bringen, daß sie der Wahrheit die Ehre gäben!......

Ich habe eben der vorzüglichsten Gesundheitsstörungen, welche durch die alkoholischen Getränke verursacht werden, erwähnt, aber noch kein Wort geäußert über die Krankheiten des Herzens, welche bei den Säufern, besonders bei denen, welche sich schon im höhern Alter befinden, so häufig vorkommen; über diese so grausamen, so schmerzhaften, so langsam tödtenden Krankheiten, welche stets die Wassersuchten, wovon bereits Einiges gesagt worden, in ihrem Schooße tragen. Ebenso war auch noch nicht die Rede von den Krankheiten, Gicht und Blasengries genannt, diesen Kindern der Venus und des Bacchus, wie man sie im Alterthum bezeichnete, dieser Hölle der Säufer und Fresser, wie der Dr. Reveillé Parise sie so sinnreich bezeichnet. Endlich habe ich auch noch nicht gedacht der scheußlichen Geschwüre, der schmerzhaften chronischen Flechten, welche so oft die Haut der Trunkenbolde heimsuchen, indem sie den Körper derselben mit Krusten und Knoten bedecken, welche jenen alten Baumstämmen, die von der Zeit mit Moos und Flechten von jeder Form und Färbung überzogen sind, sich vergleichen lassen. Ich habe Kranke dieser Art mit so abstoßendem Antlitze gesehen, daß, wenn wir noch in den Zeiten des Mittelalters lebten, man sie unausbleiblich in die für Aussätzige bestimmten [34] Lazarethe gesperrt hätte, um sie vor den Augen der Welt zu verbergen.

Da der Zweck dieses Schriftchens, wie schon gesagt, nicht dahin geht, ein wissenschaftliches Werk zu veröffentlichen, vielmehr nur, wie in einem Gemälde, die schrecklichen Leiden und Krankheiten, welche den Säufer verfolgen, darzustellen, so wollen wir uns hier über diese verschiedenen Puncte nicht weiter verbreiten. Indeß darf dieser Gegenstand doch nicht von uns verlassen werden, ohne daß wir auch noch ein letztes Wort über eine der furchtbaren Nachwehen der Trunksucht sagen, eine Nachwehe, worunter der Säufer ausnahmsweise nicht allein leidet, welche vielmehr auf seiner Familie, ja auf der ganzen öffentlichen Gesellschaft mit lastet, ich meine die zunehmende Schwäche der Generation.

Es leidet heutzutage keinen Zweifel mehr, daß die Trunksucht der Fähigkeit, Kinder zu erzeugen, bedeutend schadet, und daß sie dieselbe sogar ganz aufzuheben vermag. Die Familien der Säufer sind in der Regel dünne besetzt, wenig zahlreich an Mitgliedern. Man hat berechnet, daß das Ergebniß der ehelichen Verbindung eines Säufers selten die Zahl von einem bis drei Kindern übersteigt. Die Trunksucht erstickt daher schon im Keime zwei Dritttheile der Individuen, welche sonst geboren worden wären. Es giebt allerdings auch manche Trunkenbolde mit zahlreicher Familie, aus deren Mitte jedoch stets ein großer Theil frühzeitig dahingerafft wird; denn die Erfahrung hat bewiesen, daß die in der Trunkenheit erzeugten Kinder gewöhnlich schon beklagenswerthe Keime von Krankheiten mit auf die Welt bringen. Ihr Dasein ist nur ein siechendes, und fast alle fallen schon frühreif vom Baume des Lebens. L’ivrogne n’engedre rien qui vaille (der Trunkenbold erzeugt kein taugliches Kind), sagt Amyot in seiner veralteten Sprache, und in der That, man sieht nur zu oft die Kinder der Säufer mit Scropheln, englischer Krankheit, Blödsinn, Krämpfen und Gehirnleiden behaftet. Was werden das für Bürger, für Unterthanen! welche Hoffnung kann einer [35] Nation aus Kindern erblühen, die selten das Jugendalter erreichen, oder welche, wenn zu diesem Alter gelangt, unfähig sind, ihm die mindesten Dienste zu leisten, im Gegentheil nur zur Schwächung der künftigen Generation ihr Leben fristen, so daß diese dem Lande lediglich zur schmachvollen Belästigung heranwachsen wird!

Wie gewichtig und erschreckend diese Wahrheit ist, das stellt sich gar leicht heraus, wenn man den amtlichen Rechenschaftsbericht der (französischen) Recrutirung vom Jahre 1850 durchblättert. Die Zahl der zur Loosung berufenen jungen Leute betrug 303,712. Von dieser Zahl wurden 164,742 Nummerninhaber von der Revisionsbehörde untersucht und in Folge dessen 10,256 wegen unzureichender Größe und 48,453 Kränklichkeitsursachen halber ausgemustert.

Ausmusterungsgründe, auf der Körperbeschaffenheit beruhend.
  Ausgemusterte
Cretinism, Blödsinn, Dummheit 569
Epilepsie, Convulsionen, Veitstanz 264
Rückgratsverkrümmung etc. 4,246
Klumpfuß und andere Ursachen des Hinkens 2,943
Normwidrige Zeugungs- und Harnwerkzeuge 3,546
Verstümmelte, abgemagerte, krampfadrige Glieder 5,541
Scropheln 1,644
Kropf 1,118
Bruchschäden 2,869
Hautkrankheiten 1,204
Schielen, Kurzsichtigkeit, Verlust eines Auges etc. 2,643
Fehlerhafte Brustorgane 804

Da das Schicksal bekanntlich blind ist, so hindert nichts daran zu glauben, daß die Gebrechlichen, Kranken und Zwerge sich nicht eben ausschließlich unter den, wie man zu sagen pflegt, schlechten Nummern befinden. [36] Wenn demnach sämmtliche Classen der betreffenden jungen Leute zur Untersuchung gezogen worden wären, würde das Verhältniß der Auszumusternden sich wie 58,089 zu 164,405, also auf ein recht starkes Dritttheil gestellt haben.

Ist es nun deutlich? sagt der Dr. P. Bernard am Schlusse einer „das kranke Paris“ betitelten Uebersicht, worin er unter Anderm darthut, wie groß die Armuth unserer Species ist und wie gering die Sorgfalt, welche man für die Fortpflanzung derselben an den Tag legt, endlich auch, wie wenig ernsthaft man sich um den Act bekümmert, der das Leben zu geben bestimmt ist. Hätte sich hier nicht Stoff zum Nachdenken geboten für den heiligen Vincent de Paula, der kein Malthusianer war und ein Herz und Gemüth hatte, wie kein Malthusianer seiner Zeit? Möge man immerhin die Gymnasien und Turnanstalten vermehren und die Bürger insgesammt behende und gewandt zu machen suchen, wie die Jäger von Vincennes, das Menschengeschlecht wird im Ganzen genommen nichts dadurch gewinnen, solange nicht etwas Höheres, Religiöses, ich möchte fast sagen Göttliches den Menschen bei dem Gedanken, dem Gefühle: Leben zu geben, durchgeistigt.

Wie viele Kinder in Paris, innerhalb und außerhalb seines Festungsrayons, schulden ihr Dasein einer noch zeugungsfähigen Trunkenheit? Wie viele elende Fötus müßten, wenn das Ende stets nothwendig dem Ursprung entspräche, wieder dem Branntwein (Weingeist) zu Theil werden; eine Rückkehr, welche, allen vorliegenden Umständen nach, in der That wünschenswerther wäre, als die Fortsetzung der fraglichen Existenz. Könnte man wohl noch fragen, wohin sie gehen, was aus ihnen wird, aus jenen selbst des Princips des menschlichen Lebens gleichsam Enterbten? Was aus ihnen wird, nun, wer sollte nicht reden gehört haben von jenen Gestalten, welche man in Paris niemals anders gewahrt, als an den bösen Tagen, wenn es um der einen oder der andern Ursache willen Verbrechen zu begehen giebt, um dann des folgenden Morgens in, wer weiß welches, [37] Dunkel zurück zu versinken. Wohlan! diese Gestalten gehören weder der Armuth noch dem Elend an; sie gehören jenen traurigen Geschöpfen an, welche, aus der Trunkenheit entstanden, der Trunkenheit ergeben sind und bei denen man auf der Flüssigkeitswage nicht den Blutgehalt, sondern den Alkoholgrad bemessen sollte.

Nach den Sterblichkeits-Tabellen Londons stirbt die Hälfte der Kinder, welche in dieser Stadt geboren werden, vor dem Alter von drei Jahren, während bei den Quäkern, welche religiöse Secte sich in ihrer Lebensweise der strengsten Mäßigkeit befleißigt, die Halbschied es bis zum Alter von siebenundvierzig Jahren bringt.

Im Jahre 1720 war man in London höchst verwundert über eine bedeutende Abnahme in den Geburten, und die Regierung ließ deßhalb eine Nachforschung anstellen, woraus sich dann ergab, daß der Trunksucht die hauptsächliche Schuld daran beizumessen war.




Zum Schlusse dieses Capitels kann der deutsche Bearbeiter dieses Werkchens nicht umhin, aus einer der statistischen Gesellschaft zu London von F. G. P. Neison, Esq., vorgetragenen Abhandlung über das Sterblichkeitsverhältniß von Personen, welche unmäßig trinken, hier noch Folgendes mitzutheilen:

„Zuerst bemerkte er, die Arbeit sei behufs der Feststellung der Berechnung einer Lebensversicherungsbank unternommen worden, weßhalb er sein Augenmerk auch nur auf eigentliche Säufer, nicht auf Personen gerichtet habe, die nur dann und wann übermäßig trinken oder sich im Genusse von geistigen Getränken an keine strenge Regel binden. Die Sterblichkeit, die sich aus den Tabellen ergiebt, war überhaupt gewaltig. Auf die 6111,5 Lebensjahre, auf welche sich die Beobachtungen erstreckten, kamen 157 Sterbefälle, während, wenn dasselbe Sterblichkeitsverhältniß obgewaltet hätte, welches die Gesammtbevölkerung von England und Wales darbietet, nur 110 auf sie gekommen sein würden. Im Lebensalter von 21–30 Jahren war die Sterblichkeit fünf Mal [38] so bedeutend, als bei den Personen von diesem Alter im Allgemeinen, und in den folgenden 20 Jahren vier Mal so groß, während später der Unterschied mehr und mehr unbedeutend wurde. Säufer von 20, 30 und 40 Jahren leben wahrscheinlich nur noch 15,6, 13,8 und 11,6 Jahre, während mäßig lebende Personen derselben Lebensalter wahrscheinlich noch 44,2, 36,5 und 28,8 Jahre zu leben haben.

Rücksichtlich des Einflusses verschiedener Arten von Getränken auf die Lebensdauer wurden mehre interessante Resultate mitgetheilt. Wenn starke Biertrinker (von 20 Jahren?) durchschnittlich noch 21,7 Jahre zu leben haben, so haben Schnapstrinker nur noch 16,7, solche Säufer aber, welche sowohl Bier als Schnaps trinken, nur noch 16,1 Jahre zu hoffen. Noch merkwürdiger aber sind die Resultate, welche sich in Betreff der Personen von verschiedenen Ständen herausstellen. Die durchschnittliche Lebensdauer nach dem Beginne der unmäßigen Lebensweise ist bei Handwerkern und Taglöhnern 18 Jahre, bei Krämern und Kaufleuten 15 Jahre, bei Frauen nur 14 Jahre. Höchst interessant ist aber auch, daß die Verhältnißzahl der Verbrechen bei den Säufern, in Bezug auf die Geschlechter der Verhältnißzahl der Sterbefälle sehr ähnelt. Es stellte sich heraus, daß die Neigung zu Verbrechen bei den Männern fünf Mal so stark sei, wie bei den Frauen (1581 : 336), während das Verhältniß der Sterblichkeit der Säufer vom 20sten Lebensjahre zu dem der Sterblichkeit der ganzen Bevölkerung sich wie 36,796 : 8,011 verhält, so daß der Unterschied nur 21/2 Procent beträgt.

Die größte Anzahl der Sterbefälle trat nach den von Hrn. Neison gesammelten Thatsachen, durch Kopfkrankheiten (Nervenkrankheiten) ein, nämlich 97, worunter 57 als delirium tremens (Säuferwahnsinn) aufgeführt werden. Dem zunächst standen die Leberkrankheiten und Wassersuchten, nämlich 82, und die Zählung der Krankheiten der Athmungsorgane war ziemlich dieselbe. Diese Ergebnisse sind sehr merkwürdig, indem sie [39] den großen Einfluß nachweisen, welchen eine unmäßige Lebensweise auf die Todesart äußert. Es wurde dargethan, daß unter der über 20 Jahre alten Bevölkerung von England und Wales die durch Kopfkrankheiten (Nervenkrankheiten) veranlaßten Sterbefälle nur 9,710 Proc. von den durch alle Krankheiten verursachten ausmachen, während sie bei den Säufern 27,1 Pr., also fast das Dreifache, erreichen. Es wurde auch nachgewiesen, daß bei der ganzen Bevölkerung die durch Brustkrankheiten veranlaßten Todesfälle in denselben Lebensjahren 33,15 Proc. der sämmtlichen Sterbefälle, bei den Säufern dagegen nur 22,98 Proc. ausmachen.

Die nachstehende Tabelle giebt das Verhältniß der Sterbefälle in Folge verschiedener Ursachen zur allgemeinen Sterblichkeit in England und Wales nach Procenten an:

Todesursachen. 1847 Gothaische
Lebensversicherungs-
bank
Schottische
Wittwencasse
Säufer.
Proc.
Kopfkrankheiten 9,710 15,176 20,720 27,10
Krankheiten der
Verdauungsorgane 6,240 8,377 11,994 23,30
Athmungsorgane 33,150 27,843 23,676 22,98
Sa. obiger 3 Cl. 49,100 51,396 56,390 73,38

Hr. Neison schloß damit, daß er die Zahl der Säufer in England und Wales abschätzte, und es ergab sich daraus, daß die Zahl derselben männlichen Geschlechts 53,583, weiblichen Geschlechts 11,223, die Totalzahl also 64,806 beträgt, so daß auf 74 männliche und auf 434 weibliche und auf 145 Personen beider Geschlechter ein solches Subject kommt.“ (Med. Times 12, July 1851.)


[40]

Fünftes Capitel.
Geistige und sittliche Zerrüttung der Säufer.

Der Müssiggang ist, nächst dem häufigen Besuche der schlechten Gesellschaften, eine der vornehmsten Erzeugungsursachen der Trunksucht. Dieß ist eine so ausgemachte Wahrheit, daß die beiden Laster, in gleichsam solidarischer Haftpflicht, eines nicht ohne das andere bestehen zu können scheinen. Der, welcher heute trinkt, um die Zeit zu tödten, wird morgen trinken um des Vergnügens willen, nichts zu thun.

Wehe also Dem, der, ohne Beschäftigung lebend, sich deren nicht zu schaffen weiß; denn die eigene Langeweile, sowie die Länge des Tages werden ihn alle und jede Gelegenheit, um sich irgendwie die Zeit zu vertreiben, aufsuchen lassen. Was er so Anfangs nur zum Zeitvertreib that, wird er bald aus Gewohnheit und endlich aus Neigung thun. Aber dreifach Wehe Dem, welcher, entgegen der Pflicht, für die Erziehung und den Unterhalt seiner Familie zu sorgen, seine Arbeit vernachlässigt, um der Schwelgerei zu fröhnen. Dieser stiehlt seiner Familie das Brod, dieser macht sich zum Mitschuldigen und verantwortlich für alle Sorgen, welche jedem seiner Familienglieder auflasten, denn er ist es, welcher die Thüre seines Hauses öffnet, um dem Elend und den Krankheiten, welche sich in dessen Gefolge befinden, den Zutritt in dasselbe zu bahnen. Ich behaupte, bei einem solchen Menschen giebt es keine [41] Seele mehr. Das Getränk hat dieselbe anfangs zusammenschrumpfen lassen, dann völlig zum Verschwinden gebracht und ihren bisherigen Inhaber so endlich in einen gemischten Zustand versetzt, der die Mitte hält zwischen dem Thiere und der todten Materie.

Und dennoch flößt dieser Mensch mir das tiefste Mitleid ein; auch geziemt es der öffentlichen Gesellschaft, daß sie ihm die Hand biete und sich keine Mühe verdrießen lasse, um, durch Benutzung einiger ihn noch durchzuckenden Vernunftblitze, ihn um jeden Preis dem schmutzigen Pfade zu entreißen, auf welchen sein böser Dämon ihn geführt hat.

Hat also einen solchen Menschen die Trägheit heute in’s Wirthshaus gebracht, so wird die Leidenschaft ihn morgen wieder den Weg dahin weisen, die Leidenschaft, sage ich, dieses unerklärbare, unwiderstehliche Etwas, das selbst mehr als Bedürfniß ist, mehr Anziehungskraft als der Magnet zeigt, dieses Etwas, das sich mit Grund dem Schwindel, den man am Rande eines Abgrundes empfindet, vergleichen läßt.

Einmal auf diesen Weg gelangt, ist es um den Menschen geschehen, er ist unrettbar verloren; denn dort findet er sich zugleich durch andere Leidenschaften festgebannt, und mit diesen Leidenschaften stellen sich auch die Laster ein, welche gleichsam die Hefe derselben bilden. Das Spiel und die Lüderlichkeit werden die ersten Stufen sein, welche ihn unfehlbar zum Verbrechen führen. Ich sage, zum Verbrechen, denn Jedermann weiß aus den Gerichtsannalen, daß neunzehn Zwanzigstel Derjenigen, welche vor die verschiedenen Gerichtshöfe, von dem einfachen Friedens- und Polizei-Gericht hinauf bis zu den Assisen, gebracht werden, dahin mittelbar oder unmittelbar durch den Soff gelangen. Man frage einmal bei den Gerichtsbehörden nach, wie viele Urtheile wegen Thätlichkeiten, Schläge, Wunden, willkürlicher und unwillkürlicher Tödtungen, welche in der Trunksucht ihre Veranlassungsursachen fanden, gesprochen wurden. Man erkundige sich gleicherweise, wie viele Ehescheidungs-Processe, [42] deren scandalöse Verhandlungen zwischen den der Gerechtigkeit geweihten Mauern verhallten, das Wirthshausleben zum Ausgangspuncte gehabt haben.

Oder fraget die Unglücklichen selbst, welche die Gefängnisse und die Bagnos bevölkern, höret die Erzählung ihrer Sünden, und sie werden, wenn anders sie nicht etwa die Wahrheit verhehlen, Euch sagen, daß die erste Ursache ihrer Entwürdigung der Soff gewesen sei, daß der erste Schritt, den sie auf dem Pfade des Lasters gegangen sind, über die Schwelle des Wirthshauses gethan wurde.

Und wenn ich dann, zu noch mehrer Ueberzeugung, die unglücklichen Frauen, die armen Kinder, denen ich meine wundärztlichen Dienste habe angedeihen lassen, deren oft sehr gefährliche Beulen und Wunden, von ihren Ehemännern, ihren Vätern nach der Zuhausekunft in trunkenem Zustande ihnen geschlagen, ich verbunden habe, zu Zeugen aufrufen könnte, wer möchte dann noch lachen bei dem Anblicke eines Trunkenboldes, und wessen Seele müßte nicht bei der Entfernung aus solcher Nähe von tiefer Betrübniß erfüllt werden?!

Aber mehr als das Alles, o daß ich Euch, meine Leser, nicht auch zeigen kann die Spuren der Verbrechen, welche von der aus der Trunksucht entsprießenden Lüderlichkeit begangen werden! – daß ich Euch nicht die unglücklichen Frauen zu Gesicht führen kann, welche unter den Qualen des Giftes, das der Gemahl, dem Bette der Unzucht entstiegen, ihnen eingeimpft hat, für ihr übriges Leben dahinsiechen! Ihr würdet dann sicherlich zu der Erkenntniß gelangen, daß dieses Verbrechen das gehässigste, das niederträchtigste ist, was es nur irgend geben kann; Ihr würdet auch begreifen alles Das, was es Gräßliches im Gefolge hat; denn selbst der Meuchelmörder tödtet sein Opfer, so rasch er es irgend vermag, um so wenig als möglich Spuren seiner That zu hinterlassen, während hier durch langsam tödtendes Gift eine menschliche Organisation unter den grausamsten Leiden vernichtet wird, und der Thäter zugleich, als noch schrecklichere [43] und abscheulichere Folge solcher Unthat, seine ganze Familie und mit ihr die öffentliche Gesellschaft vergiftet. Jedes Kind, das in einer solchen Familie geboren wird, trägt in seinem Blute die Schandspur der Lüderlichkeit seines Vaters mit sich herum, seine ganze Constitution ist damit angeschwängert, und man wird einst das Gepräge dieses fürchterlichen Stempels auf seiner Stirne nur zu deutlich gewahr werden. –

Man sieht also, die Trunksucht tödtet die Familie sowohl physisch als moralisch. Physisch, indem sie die Generation langsam und allmählig der Verderbniß zuführt, welche nach und nach alle daraus hervorgehenden Glieder gleich von Vornherein unglücklich macht, indem sie dem Blut eines Jeden derselben das Gift der Lüderlichkeit einimpft und so, als eine unvermeidliche Folge, mit dem vollen Gewichte des Elends auf ihm lastet. Moralisch, weil dieses Laster nach und nach allen Respect, sowie die heiligen Ueberlieferungen des Familienlebens vernichtet, weil da, wo das Haupt der Familie nicht mehr geachtet wird, alles Gebieten, sowie aller Gehorsam aufhört, und weil dann des Hauses Frieden seinem völligen Ende nahe ist.

Was für Achtung kann in der That ein Kind vor seinem Vater hegen, wenn er denselben des Weines oder Schnapses übervoll und gemeine Schimpfreden ausstoßend heimkehren, ihn von einer Seite zur andern schwanken und endlich wie ein unfläthiges Thier in eine Zimmerecke fallen sieht, wenn derselbe, kurz zuvor noch bösartig und gefährlich, nun auf einmal wehrlos wie ein Klotz daliegt, so daß man ihn während seines Schlafes ungeahndet mit den Füßen stoßen und bei seinem Erwachen ihm den Blick der Verachtung in’s Antlitz schleudern kann?!

Wenn das Familienhaupt bis in diesen Zustand der Entwürdigung versunken ist, folgen das Elend und der Familienruin ihm auf dem Fuße nach, und mit diesen die Entsittlichung. In der That bringt die fragliche Neigung, indem sie alle Empfänglichkeit für das Gute [44] und Schöne erstickt, bald jedes menschliche Gefühl, selbst das der Vaterliebe, zum Schweigen, und während der Staatsbürger, welcher seines Lebens mäßig genießt, das Land, das er anbaut, mit seinem Schweiße düngt, um so das Erbtheil seiner Kinder zu mehren, sie zu allem Guten zu erziehen und ihnen eine Zukunft zu sichern, sehen wir den Lüderlichen, den Trunkenbold seine Habe vergeuden und seine Familie zum Elend verdammen, während er selbst nur noch einen Gedanken, nur noch ein Bedürfniß hat, indem der eine wie das andere lediglich auf die Befriedigung seiner Leidenschaft gerichtet ist.

Wie viele Arbeiterfamilien befinden sich in der vollständigsten Entblößung von allen nothwendigen Bedürfnissen des Lebens, wie viele Kinder fröhnen der Bettelei, selbst dem Diebstahle, weil des Hauses Vater Sonntags und Montags den Ertrag der Wochenarbeit in der Schenke verschluckt! Er säuft, der Niederträchtige, der Selbstsüchtling, er erfreut sich des Weines oder Schnapses, während seine Familie Wasser trinkt, während seine Frau und Kinder auf, erlaubte oder unerlaubte, Mittel sinnen, um sich nur Brod zu schaffen, weil sie auf ihn, selbst zu ihrem allernothwendigsten Unterhalte, nicht mehr rechnen können, ja er selbst, des Arbeitens bald unfähig, ihnen mit zur Last zu fallen droht. –

Fern ist von uns die Zeit, wo die Spartaner ihre Sclaven trunken machten und sie dann ihren Kindern unter die Augen brachten, um so die Lust, sich zu betrinken, für alle Zeit aus ihrer Seele zu verbannen, indem sie ihnen thatsächlich bewiesen, bis in welchen Pfuhl von Erniedrigung und Verworfenheit der Mensch durch den Mißbrauch berauschender Getränke hinabzusinken vermag.

In unsern Tagen wird dieses abscheuliche Schauspiel jeden Augenblick den unglücklichen Kindern geboten, aber nicht mehr zur abschreckenden Belehrung, sondern als trauriges und beklagenswerthes Beispiel,.... und zwar durch den eigenen Vater: welche Entwürdigung!

[45] Ich habe vorhin gesagt, die Trunksucht äußere auch für die öffentliche Gesellschaft verhängnißvolle Wirkungen, es sei eine Wunde, welche sich für ihre fernere Existenz im höchsten Grade beunruhigend erwiese. Es ist dieß nur zu wahr, besonders wenn man in Betracht zieht, daß dem der öffentlichen Gesellschaft angehörigen Menschen mehr als eine Pflicht zu erfüllen obliegt; daß er seinen Mitbürgern den vollsten Beitrag von Ehrbarkeit, von Rechtlichkeit in seinen Beziehungen zu ihnen, sowie seinen Theil Ordnungsliebe und Sittlichkeitsgefühl gegenüber jener Gesellschaft, unter deren Schutz und Schirm er steht, schuldet.

Nun, der Trunkenbold ist in der Regel unfähig, diesen Bedingungen nachzukommen, denn er macht seine Mitbürger, und sonach die öffentliche Gesellschaft, zu Opfern seiner Leidenschaften, seiner Ausschweifungen; abgesehen von dem Uebel, das er sich selbst und seiner Familie zufügt, betrügt er das Publicum, sucht es, bei jeder Gelegenheit, wie man zu sagen pflegt, zu dupiren, oder, um deutlicher zu reden, überläßt sich dem Diebstahl und der Gaunerei. Mit andern Worten, er trinkt, da sein Arbeitserwerb zur Stillung des ihn verzehrenden Durstes nicht mehr zureicht, Schnaps und Wein, ohne seine Zeche fast jemals zu bezahlen, er läßt Brod und Fleisch auf Rechnung holen, ohne ebenfalls an die Bezahlung zu denken, bis endlich der Bäcker und der Fleischer sich weigern, noch ferner zu borgen. Von allen Hauswirthen vertrieben, wechselt er jeden Ausziehungstag seine Wohnung, weil er überall den Miethzins schuldig bleibt. Trotzdem kauft er sich sogar Luxussachen auf Credit, aber im Voraus wissend, daß er sie nicht werde bezahlen können. Keiner seiner Verpflichtungen nachkommend, wird er endlich zu einem Gegenstande der Verachtung und des Abscheues für Alle, welche sich eines ehrlichen und arbeitsamen Lebens befleißigen.

Der dem Trunk ergebene Mensch steht, wie er sich auch sonst benehme, in den Augen der bürgerlichen Gesellschaft tief erniedrigt da, und es hält für ihn schwer, [46] sich von diesem seinem Falle je wieder zu erheben. Diese Leidenschaft ist so gebieterisch, so despotisch, daß man den Betheurungen, die er für das Gegentheil aussprechen möchte, nicht wohl mehr Glauben schenken darf, selbst dann nicht, wenn seine neue Art zu leben seit langer Zeit zu seinen Gunsten zu reden scheint. Das kommt daher, der Säufer hat alle Achtung verloren; seine Lebensweise verräth ihn, wie er sich auch verstellen möge, dermaßen, daß die bürgerliche Gesellschaft ihn unwiderruflich aus ihrem Schoße verbannt hält.

„Sage mir, mit wem Du gern verkehrst,“ lautet das Sprichwort, „und ich werde Dir sagen, wer Du bist.“ Dieß ist so wahr, daß man, ohne fürchten zu müssen, sich zu täuschen, über die Moralität der Leute im Voraus aburtheilen darf, sobald man ihre Gewohnheit, in den Schenken umherzuliegen, kennt. Dort nämlich trifft man jene Individuen von beflecktem Rufe, die es sich angelegen sein lassen, unerfahrene Leute, welche ihren süßlichen Versprechungen[WS 2] zu widerstehen allzuschwach sind, an sich zu locken, um ihnen die Thaler, welche sie in deren Taschen wittern, im Spiele abzugewinnen. Dort auch begegnet man Individuen, welche entweder schon ruinirt sind oder es zu werden im Begriffe stehen, weil sie für ihre Angelegenheiten nie gehörig zu sorgen gewußt haben, und welche nun durch eine schimpfliche Industrie wieder zu erschnappen suchen, um was ihre Faulheit und ihr unordentliches Leben sie gebracht haben.

Eben daselbst halten sich auch jene saubern Allerweltschuldner auf, welche sich gar sehr hüten, ihren Gläubigern gerecht zu werden, weil sie stets der Hoffnung leben, derselben durch eine sociale Krisis in Bälde wohlfeilen Kaufes los und ledig zu werden. Diese Leute machen dort in den Wein- und Schnapsschenken ihre Geschäfte ab; für sie giebt es keine andere Möglichkeit, einen Handel abzuschließen, als an diesen Orten. Dort nur fädeln sie ihre Käufe und Verkäufe ein und aus. Auch sind sie, wenn man ihnen ihren beharrlichen Aufenthalt an diesen Orten zum Vorwurfe macht, sofort mit [47] der Entschuldigung bei der Hand: „Wir können ja gar nicht anders, man sucht uns dort, wir sind also gezwungen, dahin zu gehen.“ Die Unglücklichen thun in der That Alles, um sich zur Sühne selbst zu belügen und die Augen davor zu verschließen, daß ihre Nachbarn, d. h. die, welche ihren Geschäften am Meisten Ehre machen, sich ein kleines Vermögen erworben haben und einer gewissen Wohlhabenheit genießen, eben solche Leute sind, welche die Wirthshäuser niemals oder nur selten besuchen.

An diesen Orten finden sich übrigens auch noch Individuen, welche kaum des Lesens und Schreibens kundig sind, nichtsdestoweniger aber über die schwierigsten Fragen in den Künsten, Wissenschaften und der Politik mit einer unverwüstlichen Wichtigthuerei absprechen; auch viele stolze Dummköpfe, welche, obgleich unfähig, selbst etwas Gutes oder Gescheidtes zu schaffen, ihr Leben damit hinbringen, das, was Andere in diesen Beziehungen gethan haben, zu bekritteln, sowie eine gute Anzahl Müssiggänger, welche, da sie nicht gewußt haben, sich durch Studium und Arbeit eine ehrenvolle Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft zu verschaffen, in ihrer Eigenliebe nicht wenig leiden unter der Dunkelheit ihrer Namen und der Nichtbeachtung, welcher sie sich preisgegeben sehen.

Es fehlt dort auch nicht an Männern von gallsüchtigem Temperament, denen nichts recht ist, die über Alles losziehen und es mit der ganzen Welt verderben; unglückliche Organisationen, welche mit ihren düstern vorgefaßten Meinungen mitten in unsere Gesellschaft sich einzwängen wollen, gleich jenen verdammten Seelen, wie sie Dante uns schildert, „steten unruhevollen Blickes traurig umherirrend in den kläglichen Einöden der Hölle.“

Und sieht man endlich nicht auch die Hefe aller Laster und aller Leidenschaften dort gähren und zischen? Ist es nicht dort, wo die verabscheuungswürdigsten Grundsätze ausgebrütet wurden, Völkerbeglückungs-Theorieen, welche die Herzen der rechtschaffenen Leute zittern gemacht [48] haben, weil sie auf den Haß, die Mißgunst und Alles, was zum Argen führt, gestützt waren? Dort wird die Freiheit, dieses erhabene, edle und, richtig verstanden, so schöne Vorbild, wie bisher, so auch künftig stets in Fluthen von Wein, mitten unter zertrümmerten Gläsern und Flaschen, ersäuft werden. –

Wenn das Wirthshaus die Schule der bösen Leidenschaften ist, so kann es zugleich als das Grab der wahren Freiheit betrachtet werden; selbst die besten Ansichten können dort nicht lange bestehen. Man denke sich doch nur, was aus einer geschändeten, besudelten Freiheit, deren Gewand von Wein-, Koth- und Blutflecken starrt, jemals werden kann! Darf es denn unter solchen Umständen irgend Wunder nehmen, daß vor dem Anblick einer solchen Gestalt alle rechtschaffenen Leute, sie, die sich die Freiheit so rein und so edel vorgestellt haben, schaudernd zurückweichen?

Diejenigen aber, welche so Viele in diese Oerter verlocken, indem sie ihnen von der Freiheit vorschwatzen, diese haben ihren Verführten keinesweges auch gesagt, daß die wilden und unwissenden Völkerschaften nur durch den ihnen von den Siegern dargereichten Branntwein, den sie in ihrer naiven und bilderreichen Sprache mit dem Namen Feuerwasser tauften, der Knechtschaft anheimgefallen sind. Sie wissen nicht, daß überall da, wo man beabsichtigt, ein Volk zu unterjochen, zu zähmen, zu verthieren, man es zum Trinken angereizt, es an den Genuß der alkoholischen Flüssigkeiten gewöhnt hat.

Zum Schlusse dieses Capitels geschehe noch kürzlich der Manöver Erwähnung, welche angewendet werden, wenn ein Mensch darauf ausgeht, Jemand in einem Handel zu betrügen. Was thut er nämlich? Er ladet ihn ein, mit ihm Eins zu trinken, anfangs nur in der Absicht, um die geschäftliche Unterhaltung in leichtern Fluß zu bringen, oder, richtiger gesagt, um die Aufmerksamkeit des Andern besser für sich gefangen nehmen zu können, späterhin aber, um sich zum Herrn über ihn zu machen, indem er ihn zu betäuben, sein Gehirn einzulullen [49] sucht. Nun, in gleicher Weise gehen auch diejenigen zu Werke, welche sich der Geister, der Gedanken, der Meinungen Anderer bemeistern wollen; und ich wiederhole nochmals, was ich schon einmal gesagt habe: wenn die ersten Gläser den Magen und das Hirn anregen, dienen die folgenden nur dazu, den einen wie das andere zu erschlaffen, bezüglich zu tödten oder ganz unthätig zu machen.


[50]

Sechstes Capitel.
Von den gesetzlichen Mitteln, um die Trunksucht und ihre Verwüstungen zu mäßigen.

     Lasset nimmer ab, das Gute zu
     thun, was Ihr zu thun berufen seid.
          Francois Delessert (in seinem Bericht über die Sparcassen).

Ich komme jetzt an das schwierigste und wichtigste Capitel dieses Werkchens: Ueber die Mittel, die durch die Trunksucht hervorgebrachten Verwüstungen zu mäßigen. Diese Rubrik begreift in sich den Stoff zu mehr als einem starken Bande, und wenn ich diese Frage von allen Gesichtspuncten aus in Betracht ziehen wollte, würde ich mich nach einander auf den verschiedenen Feldern der Psychologie, der Philosophie, der Staatswirthschaftslehre und der Gesetzgebung danach umzuschauen haben.

Außer den Schwierigkeiten aber, welche eine solche Aufgabe für mich haben könnte, darf doch auch nicht aus den Augen gelassen werden, daß der Zweck, den ich bei Veröffentlichung dieses Buches verfolge, hauptsächlich auch darin besteht, möglichst klar zu sein, damit ich von Denen, welchen meine Rathschlage gewidmet sind, überall [51] gehörig begriffen und verstanden werde. Ich werde mich daher wohl in Acht nehmen, etwas Anderes sein zu wollen, als ich mich bereits angekündigt habe, d. h. als ein Rathgeber des Volks. Also lediglich in philantropischer Beziehung werde ich jene Frage jetzt in’s Auge fassen, oder vielmehr hier nur die hervortretendsten Puncte derselben in der Kürze beleuchten.

Die Gesetzgebung und die moralischen Einwirkungen, welche auf natürlichem Wege allen philantropischen und mildthätigen Anstalten entspringen, sind für mich die einzigen wahren Quellen, aus denen sich mit Sicherheit die geeigneten Mittel schöpfen lassen, um der Verbreitung der Trunksucht und den Verwüstungen, welche, wie bereits angeführt, die unausbleiblichen Folgen dieses Lasters sind, möglichst enge Grenzen anzuweisen. Ich werde mich daher jetzt nach einander mit diesen beiden Gesichtspuncten beschäftigen.

Strafgesetzgebung. – Obgleich die Gesetze an sich allein nicht bis zu der Wurzel dieses Lasters zu dringen und dieselbe gleich von Vornherein auszureißen vermögen, so können sie doch durch den Zügel, welchen sie den Excessen, den Ausschreitungen dieser Leidenschaft anlegen, die Mißbräuche verringern und mäßigen, auch durch die imponirende Macht der Gerechtigkeit, welche sie darstellen, die öffentliche Gesellschaft dagegen in Schutz nehmen und den moralischen Einflüssen der philantropischen Anstalten zu Hülfe kommen.

Wenn man in die vergangenen Zeiten zurückblickt, so stellt sich heraus, daß in jeder Epoche, je nach dem sittlichen und geistigen Standpuncte derselben, oder je nach dem Grade ihrer Civilisation, Anstrengungen gemacht worden sind, um die Trunksucht zu ersticken und sich den mit diesem Laster unzertrennlich verbundenen Unordnungen entgegenzustemmen.

Jedes Zeitalter, jedes Jahrhundert hat Gesetze formulirt, hat Strafbestimmungen erlassen, um als ein Damm gegen Alles zu dienen, was dieses Laster Brutales und oft Verbrecherisches in sich schließt.

[52] Der Gesetzgeber hat demnach zu allererst nach den vorbeugenden Mitteln gesucht, welche einem unermeßlichen Uebel, das die Seelen und die Körper zugleich tödtet, entgegenzusetzen sind. Bei dem jüdischen Volke, sagt Herr Descuret in seiner „Médecine des passions“ (Heilkunde der Leidenschaften), schweigt das Gesetz über Alles, was sich irgend auf die Trunksucht bezieht, so sehr war dieses Volk von Natur der Mäßigkeit beflissen. Und noch in unsern Tagen bewahrt dieses Volk einen solchen Widerwillen gegen dieses Laster, daß man nur sehr wenige Individuen desselben sich ihm hingeben sieht.

Bei den Athenern straften die Gesetze Draco’s und Solon’s die Trunkenheit mit dem Tode; der Archont oder die Magistratsperson, welche sich öffentlich betrunken zeigte, verfiel der Todesstrafe. Es gab sogar eigene Aufseher, ophtalmos genannt, welchen oblag, den Unstalten bei Trinkgelagen zu steuern. Lykurg befahl in Sparta, alle Weinstöcke auszurotten.[4]

[53] Pittacus, König von Mitylene, hatte ein Gesetz gegeben, welches den, der während der Trunkenheit ein Verbrechen beging, mit doppelter Strafe dafür belegte.

Zaleucus, König und Gesetzgeber der Lokrier, gestattete nur den Kranken und Schwächlichen den Genuß des Weins und verbot ihn allen Andern bei Todesstrafe.

Bei den Griechen (welche von geistigen Getränken nur den Wein kannten) war die Trunkenheit auf’s Schwerste verpönt. Die Männer durften vor ihrer Verheirathung keinen Wein trinken, und dem weiblichen Geschlechte war er ganz und gar untersagt. Mit diesem Verbote ward es so streng genommen, daß der Ehemann das Recht hatte, seine dasselbe verletzende Frau ohne Weiteres zu tödten.

In Plinius’ Naturgeschichte (L. XIV, cap. 13) lies’t man, daß ein altes Gesetz in Rom jedem Bürger von guter Familie die Vorschrift ertheilte, nie vor dem dreißigsten Jahre Wein zu trinken, und auch dann nur mit Mäßigkeit.

Mahomed hat den Wein geachtet; seine Gläubigen berauschen sich aber durch Opium.

Die Könige Frankreich’s haben ebenfalls oft gegen die Trunksucht angekämpft, und zwar sowohl durch Steuererhöhung als durch strenge Maßregeln; schon die Capitularien Karl’s des Großen enthalten Vorkehrungsmittel gegen die Trunksucht.

Franz I. erließ unterm 30. August 1536 ein Edict über die Ausübung der Gerechtigkeit in dem Herzogthum [54] Bretagne. Der Art. 1 des Cap. 3 daraus verdient hier, wie folgt, angeführt zu werden:

„Und um den Faulenzereien, Gotteslästerungen, Tödtungen und andern Unzuträglichkeiten, welche aus der Trunkenheit entstehen, vorzubeugen, wird verordnet, daß Jedweder, welcher zum ersten Male trunken betroffen wird, augenblicklich der Gefängnißhaft bei Wasser und Brod verfallen soll; zum zweiten Male auf solcher That ertappt, soll er außer der vorigen Strafe auch noch im Gefängniß mit Ruthen gezüchtigt, bei’m dritten Rückfall aber öffentlich gepeitscht werden, und zeigt er sich unverbesserlich, so soll ihm zur Strafe die große Zehe amputirt und er für seine Person infam erklärt und aus dem Lande verwiesen werden. Es wird den Richtern, jedem in seinem Bereich und District, ausdrücklich anempfohlen, sorglichst darauf zu achten, und wenn es vorkommt, daß die besagten Trunkenbolde in ihrer Betrunkenheit sonst nichts besonders Schlimmes begehen, so soll ihnen um deßwillen nicht verziehen werden, sondern sie sollen mit der auf das Vergehen gesetzten Strafe und, nach dem Ermessen des Richters, in noch geschärftem Maße wegen der besagten Trunkenheit bestraft werden.“

Eine Verordnung des Herzogs von Braunschweig von 1691, welche durch eine Ordonnanz des Königs Georg II. im Jahre 1736 bestätigt worden, untersagt den Wirthen, jedem Einzelnen über ein bestimmtes Quantum Branntwein zu verkaufen und die Trinker in den Schankhäusern sich betrinken zu lassen. Der Uebertreter wird mit einer Geldstrafe von 20 Thalern belegt. Dieselbe Verordnung erklärt, daß für die in der Trunkenheit begangenen Verbrechen keiner Entschuldigung Statt gegeben werden solle.

Auch in den uns näheren Zeiten haben mehre Regierungen eine strenge Strafgesetzgebung gegen die Trunksucht bei sich eingeführt. Es sind zu diesem Zwecke während des letzten Jahrhunderts eine große Anzahl Verordnungen in mehren Staaten Deutschlands in Kraft getreten, [55] und zwar waren Geld- und Gefängnißstrafen diejenigen, welche man gegen Trunkenbolde in Anwendung brachte.

Der Militär-Codex Würtembergs, welcher im Jahre 1818 erschien, enthält unter anderen die folgenden Bestimmungen:

„Die Trunkenheit wird mit Arrest bei Wasser und Brod bestraft.“

„Wird sie zur Gewohnheit, so findet einjährige Einsperrung Statt.“

„Der Officier, welcher sich dem Trunk ergiebt und sich ihn nicht abgewöhnen will, wird einstweilen entlassen.“

In Schweden werden heutzutage die gegen die Trunkenheit erlassenen Gesetze sehr streng ausgeführt. Jeder, der sich betrunken sehen läßt, wird das erste Mal zur Zahlung von 3 Thalern, das zweite und dritte Mal zu einer noch höhern Geldbuße verurtheilt. Er verliert zugleich sein Wählerrecht und darf nicht zum Volksvertreter ernannt werden. Ueberdieß wird er den nächsten Sonntag öffentlich, in der Kirche, verwarnt. Bei’m fünften Male sperrt man ihn in ein Besserungshaus ein, und nach dem sechsten Male dauert diese Gefängnißstrafe ein ganzes Jahr. Während dieser Zeit werden die Trunkenbolde einem besondern Regimen unterworfen, welches darauf abzweckt, ihnen die berauschenden Getränke zuwider zu machen. Man mischt nämlich zu jedem Nahrungsmittel, das zu ihrem Mittagsmahle dient, ein Quantum Schnaps oder Wein, damit der Geruch und der Geschmack dieses fort und fort wiederholten Zusatzes ihnen denselben zu einem Gegenstande des Widerwillens und sie so den berauschenden Getränken völlig abgeneigt macht.

Diese Bestrafung ist eine der furchtbarsten, die es für die Trunksucht geben kann; sie wird auch zuweilen mit einem vollen Erfolge gekrönt; man muß jedoch häufig Gewalt anwenden, um die Straffälligen zur Befolgung dieses Regimens zu zwingen.

[56] In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird das Eigenthum der Trunkenbolde, wie das des Geisteskranken, unter öffentliche Obhut gestellt.

Man darf sich übrigens nicht darüber wundern, wenn in den alten Zeiten die Gesetzgeber so streng erschienen sind bei einem Laster, das in unsern Tagen nur zu häufig Entschuldigung findet. In den barbarischen und halbcivilisirten Zeiten, damals, als das Gemeinwesen sich noch nicht durch die Gesetze und die Sitten wie heutzutage geschützt sah, war man gezwungen, ein Laster, das nur zu oft zum Verbrechen ausartete, mit Härte zu bestrafen. War ein Mensch damals betrunken, so gab er sich gewöhnlich Allem hin, wozu seine grobsinnige, wilde Natur ihn trieb. Fast immer bewaffnet, machte er Alles, was ihm nur den mindesten Widerstand leistete, zittern und stöhnen. Plünderung, Nothzucht, Raub, Mord, Brandstiftung waren nur zu oft das sichere Ergebniß der sich selbst überlassenen und das ganze bestialische Gepräge jener barbarischen Zeiten tragenden Neigung zum Trunke.

Heutzutage, wo die Civilisation weiter vorgeschritten ist, wo unsere Sitten sich mehr gereinigt zu haben scheinen, wo die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft den nöthigen Schutz bieten, würde man die harten Maßregeln der alten Zeiten gegen Diejenigen, welche der Trunksucht fröhnen, gewiß nicht, ohne sich aufs Lebhafteste indignirt zu fühlen, in Anwendung gesetzt sehen; aber muß man sich nicht doch auch fragen, ob unsere heutigen Gesetze strenge genug mit denjenigen verfahren, welche sich im Zustande der Trunkenheit Vergehen und zuweilen gar Verbrechen zu Schulden kommen lassen; oder ob nicht allermindestens in unserer Gesetzgebung noch einige wesentliche Lücken auszufüllen wären? Wir, unsererseits, hegen keinen Zweifel, daß die Regierungen, welche sich mit den die Förderung der Sittlichkeit betreffenden Fragen so angelegentlich zu beschäftigen pflegen, auch einst für die Ausfüllung dieser so beklagenswerthen Lücken gehörig Sorge tragen werden. [57] Wenn wir uns nun erlauben, hier diejenigen Lücken, welche uns die beachtungswürdigsten zu sein scheinen, näher zu bezeichnen, so geschieht dieß weder aus Vorwitz noch aus Eigendünkel, vielmehr nur aus dem Grunde, weil diese Frage einen wesentlichen Theil des Stoffes bildet, den wir hier behandeln.

Unsere Gesetze, sagten wir, neigen sich im Allgemeinen dahin, die Trunkenheit zu entschuldigen und alle während ihrer Dauer begangenen Fehler mit milderem Auge zu beurtheilen. Es gründet sich dieß auch in der That auf eine schöne und edle Auslegung der fraglichen Verirrung des menschlichen Geistes, und Niemand wird dieser so wohlangebrachten Milde des Gesetzes seinen Beifall versagen. Man hat nämlich mit Recht die Trunkenheit als eine vorübergehende Verrücktheit angesehen, und die Vergehen, welche in diesem Zustande begangen werden, jenen in der Geistesabwesenheit verübten Gesetzwidrigkeiten gleichgestellt. Nichts auch würde gerechter und wahrer sein, wenn die Trunkenheit, gleich dem Wahnsinne, unversehens und ohne bekannte Ursache fehlte; dem ist aber nicht also, und es will uns vielmehr bedünken, daß, wenn die Trunkenheit ein Zustand ist, worin die geistigen Fähigkeiten sich mehr oder weniger gestört zeigen, sie dieß doch stets nur freiwillig seien, denn jedem Menschen, mit wenigen Ausnahmen, ist es unbenommen, sich nicht zu betrinken, sowie es auch allein von dem eigenen freien Willen abhängt, nicht in Zorn zu gerathen. Wenn man zugiebt, daß die Trunkenheit ein Zustand von bald vorübergehendem Wahnsinne sei, warum will man dieß nicht auch von dem Zorne, der allen Psychologen als ein augenblicklicher Wahnsinn gilt, während welchem der Mensch seiner Handlungen sich nicht weiter bewußt sei, annehmen und ihm dieselben Vortheile zugestehen, welche das Gesetz der Trunkenheit gewährt? Und dennoch, wenn ein Mensch in einem Augenblicke der Wuth ein Verbrechen oder ein Vergehen sich zu Schulden kommen läßt, wird er je nach Beschaffenheit der von ihm begangenen That, ohne dabei [58] Rücksicht auf den Zustand seiner geistigen Fähigkeiten zu nehmen, zur Strafe gezogen. Vielleicht möchte man hier einwenden, daß der Zorn, so wüthend und schnell er auch sei, den Menschen nur in einem normalen Zustande und auch nur so heftig, als er selbst zulasse, überfalle; denn einige Augenblicke vorher könne er, noch bei vollem Verstande, seine Wuth, wenn auch nicht ganz stillen, doch mäßigen, während in der Trunkenheit das Geistesvermögen zuweilen schon lange vor der verübten That vernichtet sei. Diesem Einwurfe ließe sich aber durch die Behauptung begegnen, daß der Mensch, welcher freiwillig, sowie im Genüsse aller seiner geistigen Fähigkeiten vor der Berauschung stehend, sich betrinkt, ebenfalls der Kategorie derjenigen angehöre, welche in Zorn gerathen; denn nicht allein stand es bei ihm, sich nicht zu betrinken, sondern er mußte, indem er sich betrank, wissen, welcher Gefahr er sich dadurch aussetze, nämlich der, seinen Verstand zu verlieren und sich in Folge dessen Handlungen hinzugeben, deren er sich durchaus nicht mehr bewußt sei. Hebt nicht überhaupt alle und jede Leidenschaftlichkeit für Augenblicke die Fähigkeit des Denkens und Ueberlegens auf und treibt zu Handlungen an, welche man bereut, wenn diese Geistesverwirrung aufgehört hat, und doch ist der Gesetzgeber nie auf den Gedanken gekommen, die während einer solchen leidenschaftlichen Verblendung begangenen Vergehen irgend zu entschuldigen.

Denn man denn daran, den im Paroxysmus der Wollust verübten Gewaltthaten irgend ein Mäntelchen umzuhängen, weil man sieht, daß der in seiner Leidenschaft bis zur Wuth getriebene Frevler nicht mehr im vollen Besitz der Geistesfreiheit ist? Bei ihm herrscht in den Augenblicken ausschließlich die viehische Natur vor und erstickt in ihm alle Mahnungen des Gewissens, alle Vorschriften der Vernunft, und hat er ein Verbrechen begangen, so sehen wir ihn, wenn die Flamme seiner Leidenschaft erloschen ist, nicht allein die verübte [59] That bereuen, sondern auch wie mitten aus einem bösen Traum erwachen.

Wenn wir wünschen, daß das Gesetz hinsichtlich der Trunksucht weniger tolerant sein möge, so ist damit nicht gemeint, daß die in der Trunkenheit begangenen Vergehen denen gleichgestellt werden sollen, welche mit Vorbedacht und kaltem Blute verübt werden. Nein, angenommen, ein in einen durchaus viehischen Zustand versunkener Trunkenbold stoße Beleidigungen und Drohungen aus, er schlage sogar und der von ihm geführte Schlag werde tödtlich, so ist ein solcher Mensch sicherlich nicht derselben Strafe schuldig, als wenn alle diese Handlungen bei kaltem Blute von ihm geschehen wären. Das Gesetz hat das nicht gewollt, und wir können die Weisheit desselben nur bewundern. Aber obgleich sein Fehler durch den Zustand seines Geistes in der Zeit, wo seine Hand nicht mehr durch einen gesunden Verstand geleitet wurde, an Gewicht verloren hat, so sollte man doch in ihm, wenn auch minder strenge, sowohl das Vergehen selbst, als die Veranlassungsursache desselben, nämlich die Trunksucht, bestrafen.

Die Trunkenheit verdient Strafe, sobald sie zu Störung der öffentlichen Ordnung, zu Begehung von Gewaltthätigkeiten, zu Angriffen gegen die Sittlichkeit geführt hat, oder wo sie zu einem öffentlichen Scandal geworden ist. „Die Schlaffheit der Sitten in Frankreich,“ sagt Herr Bergeret in seinem Werkchen über die Trunksucht, „ist von der Art, daß diese niedrige Gewohnheit dort nicht nur ihre scheußlichen Bilder in voller Freiheit zur Schau trägt, sondern unsere Gerichte auch die Schwachheit begehen, bei den in der Trunkenheit verübten Freveln und Verbrechen die Rechtswohlthat der mildernden Umstände in Anwendung zu ziehen.“

Gesetze sind erlassen, um den Menschen zu bestrafen, der ein Lastthier auf offener Straße mißhandelt, und es giebt noch keine Strafe für die Aufführung dessen, der, nachdem er sich in eine Lage versetzt hat, welche ihn weit unter das Thier erniedrigt, sich in diesem Zustande [60] vor den Augen unserer Frauen und Kinder blicken läßt! –

Eine andere wichtige Modification, welche, gesetzlich eingeführt, unseres Erachtens für die Trunksucht ein Hemmniß abgeben und folglich auf die Beförderung der öffentlichen Sittlichkeit höchst wesentlich einwirken dürfte, möchte darin bestehen, daß man die Trinkschulden den Spielschulden gleichstellte, d. h., daß man gesetzlich bestimmte, daß der Schenkwirth gegen den Trinkgast kein Klagerecht habe. Diese Gesetzesänderung, weit entfernt, die Handelsfreiheit zu beeinträchtigen, wie man wohl glauben könnte, und den Schenkwirthen zu schaden, würde, im Gegentheil, unserer festen Ueberzeugung nach, sich als eine Maßregel erweisen, welche dem Interesse der gedachten Leute, besonders aber der Familien derselben, zu dienen gar sehr geeignet ist. Indem die Wirthe nämlich ihre Getränke nur gegen baare Zahlung verkaufen, würden sie den Vortheil gewinnen, daß sie nicht ferner, wie dieß jetzt alle Tage vorkommt, Reste von Trinkschulden zu streichen hätten. Wie häufig sieht man, in der That, nicht jetzt Wirthe ruinirt durch den zu langen Credit, den sie einer zu großen Anzahl von Zechkunden gewähren!

Und wie viele Familien werden andererseits nicht an den Bettelstab gebracht und dem Elend preisgegeben, dadurch, daß ein im Borgen gefälliger Wirth, mit schielendem Blick auf das unbewegliche Eigenthum seines Kunden, diesen so lange hat forttrinken lassen, bis das ganze Erbtheil einer unglücklichen Familie so durch die nimmersatte Gurgel eines verblendeten, entarteten Vaters gejagt worden ist. –

Handwerksleute vertrinken häufig schon lange im Voraus den Ertrag von mehren Monaten Arbeit; und wie schlimm steht es da um den Unterhalt von Frau und Kindern, wenn jene das, was sie noch nicht einmal verdient, schon versoffen haben! Nun, was geschieht dann? Eins von Beidem: entweder der Schuldner wird zahlen, oder er wird nicht zahlen; im ersten Falle wird [61] die ganze betreffende Familie lange darunter zu leiden haben, indem sie sich während der ganzen Zeit, da die Arbeit, so zu sagen, umsonst gethan wird, harte Entbehrungen auflegen muß und sich immerhin noch glücklich schätzen kann, wenn der Bäcker und die andern Victualienhändler ihnen auf einen schon für die Schenke verpfändeten Arbeitslohn hin die nothwendigsten Lebensmittel auf Borg geben. Bezahlt er dagegen den Schenkwirth nicht, so ist dieser um sein Geld gebracht und um seinen Wein oder Branntwein, der ihm durch die darauf ruhende Steuer obendrein so theuer zu stehen kam.

Dieser Credit hat indeß noch eine weit mißlichere Folge, die nämlich, den Durst des Trinkers, so zusagen, aufzumuntern, ihn zum Trinken anzuregen und dadurch in Schulden zu stürzen. Eine nicht geringe Anzahl von Schenkwirthen schämt sich nicht, den Durst der Trunkenbolde in dieser Weise für sich auszubeuten, besonders, wenn sie wissen, daß sie einst zu ihrer Bezahlung gelangen werden. Des Weines schon übervoll und trunken, wird ihnen von manchen Wirthen sogar dann wohl noch ein Uebriges vorgesetzt, das sie ungetrunken lassen. Und wird denn überdieß auch der Schenkwirth in solchen Fällen immer ehrlich genug sein, dem seiner Sinne beraubten Gaste nur soviel anzukreiden, als dieser vertilgt hat? Wenn er ihn betrügt, wer vermag es zu beweisen? Jedenfalls der Unglückliche nicht selbst, welchen der Soff um alles Bewußtsein von dem, was um ihn vorgeht, gebracht hat, der weder Augen, zu sehen, noch Ohren, zu hören, ja oft selbst die Beine nicht mehr in dem Stande hat, daß sie ihn zu Hause tragen können.

Wenn übrigens die Schenkwirthe den Durst der Säufer für sich ausbeuten, so thun diese desgleichen bezüglich des Vertrauens der Wirthe; denn man sieht jene den Tag über nach und nach bei fast allen ihren besagten Gönnern einkehren und trinken, ohne die Börse zu ziehen. Und das geht so Monate, ja wohl Jahre lang fort, bis endlich der Wirth, müde des längern [62] Borgens, da er weder Bezahlung von ihnen erhält, noch auch zu erhalten sich noch Hoffnung macht, ihnen die Thüre weist oder sie aus dem Hause wirft.

Sollte es denn, um den aus der großen Menge von Schenken erwachsenden unzähligen Uebeln abzuhelfen, nicht doch möglich sein, ein Gesetz zu geben, wodurch die Zahl derartiger Etablissements je nach der örtlichen Bevölkerung beschränkt würde?

Um endlich auch auf jene wichtige Frage, welche die auf den Getränken ruhende Abgabe betrifft, mit einem Wort einzugehen, so geben wir uns der Hoffnung hin, den Einfuhrzoll eines Tages zu Gunsten des ehrsamen Handwerkers herabgesetzt zu sehen, damit derselbe in den Stand gesetzt werde, mit seiner Familie zu Hause ein kräftigeres und dabei wohlfeileres Getränk zu genießen. Dagegen sollte es uns freuen, wenn die städtische Accise verdoppelt und eine Nachsteuer auf alle Luxusgetränke, als da sind Alkohole, Liqueure u. s. w., gelegt würde.

Muß es nicht auch jedem ernstlich Nachdenkenden als gerecht erscheinen, daß der Wein, wenn er zu einem nützlichen Nahrungsmittel wird, d. h., wenn er von dem Arbeiter zu Hause und mit Mäßigkeit genossen wird, um daraus frische Kräfte zu schöpfen, billigerweise geringeren Zoll trage, und daß dagegen ein schwerer Impost dem Wein, wie den Spirituosen überhaupt, dem Taback und den Spielkarten auflasten müsse, von dem Augenblick an, wo er in den Schenken getrunken wird und nun nicht mehr als ein einfaches Genußmittel betrachtet werden kann[5].

[63] In einem, der Nacheiferungsgesellschaft (société d’émulation) von Abbeville erstatteten Berichte drückt sich Herr Baroche, Präsident derselben, also aus: „Die Bevölkerungen sittlicher zu machen, ist ein Gegenstand, worauf das Nachdenken und das Streben unseres Nacheiferungsvereins von jeher gerichtet gewesen ist. Zu diesem glücklichen Resultate führen zwei Mittel: zu belohnen und zu bestrafen. Gerne hätte man sich der Nothwendigkeit, zu dem zweiten Mittel seine Zuflucht zu nehmen, überhoben gesehen; aber das einflußreichste unter allen Lastern, die Trunksucht, macht mit jedem Tage, besonders unter den jüngern Arbeitern in den Werkstätten, erschreckendere Fortschritte, und es hat daher die Mustergesellschaft, mit Muth sich waffnend, nicht länger angestanden, bei der Regierung um ein Gesetz zur Unterdrückung dieses Lasters, der Ursache so vieler Mordthaten, der Quelle so vieler Unordnungen im bürgerlichen Leben, nachzusuchen. Sie hat dabei die zur Gewohnheit gewordene Trunkenheit mit in die Classe der Vergehen gestellt, und wenn man die Wirkungen dieser unseligen Angewöhnung, und wie gefährlich dabei das gegebene Beispiel ist, in Erwägung zieht, so kann man dieses Urtheil in der That nicht für zu streng erachten. [6]

Die härteste Strafe indeß, diejenige, welche die Gesellschaft am Häufigsten angewendet zu sehen wünscht und worauf sie große Hoffnung setzt, sei die Entziehung der bürgerlichen Rechte. Es ist dieß eine [64] letzte Berufung an die Menschenseele, welche noch einiges Gefühl von innerer Würde bewahrt hat; es ist ein letzter Versuch, das Herz des Familienvaters zu erschüttern.

Ein Mensch, welcher jede Woche seiner Familie als ein Beispiel der widerwärtigsten Unsittlichkeit vor Augen tritt, aus dessen Munde nur Gotteslästerungen oder schmutzige Aeußerungen hervorgehen, dessen Geberden alle Schicklichkeit auf’s Gröblichste verletzen, dessen Nachhausekunft stets wie eine Plage gefürchtet wird, der sich sogar einen Spaß daraus macht, seine kleinen Kinder an den Genuß der starken Liqueure zu gewöhnen und so bei ihnen Seele und Gesundheit gleichzeitig zu Grunde richtet, darf ein solcher Mensch noch irgend eines der Vorrechte des Familienvaters behalten? Begründet seine Aufführung nicht eine wahre Anregung zur Lüderlichkeit, und liegt dem Gesetzgeber nicht die Pflicht ob, mit Strafe dagegen einzuschreiten?

Es darf die Trunkenheit nicht länger als ein Scherz, als ein Zeitvertreib betrachtet werden. Der Betrunkene sei, statt seinen schmachvollen Zustand wie bisher öffentlich zur Schau zu tragen, fortan genöthigt, sich zu verbergen und zu schweigen, um der gesetzlichen Strafe zu entgehen. Es würde dieß schon ein großer Gewinn für die öffentliche Sittlichkeit sein.

Ich verhehle mir nicht,“ sagt Herr Baroche weiter, „was meine Worte Strenges enthalten; wenn jedoch das Interesse, was wir an dem Schicksale der Arbeiter nehmen, weniger lebhaft und weniger begründet wäre, dann würden wir nicht so beseelt sein von dem Wunsche, es dahin zu bringen, daß diese Leute das in so verhängnißvoller Weise für sich verwendete Geld zum allgemeinen Besten ihrer Familie zurücklegen. Besonders würden wir es gerne sehen, wenn sie ihre glücklichen Jahre, wo ihnen die Arbeit reicheren Gewinn abwirft, dazu benutzten, sich für die schlimmen Zeiten des Darniederliegens der Industrie, da, diese nun [65] einmal nicht ganz ausbleiben können, einigermaßen vorzusehen.

Vor Allem aber ist es die kommende Generation, welche wir dem angedeuteten Uebel entreißen möchten. Unsere Sympathieen für dieselbe sind um so lebhafter, als man ihr ja überhaupt von ihren ersten Jahren an größere Sorgfalt widmet, sie in allen Schulen mit den Lehren der Moral und der Religion, mit den nützlichen Kenntnissen, ja selbst mit solchen, welche zur Verschönerung des Lebens dienen, so reichlich ausstattet, und der innigste Wunsch der Nacheiferungsgesellschaft geht dahin, daß diese Jugend, indem sie dem, was eine wohlwollende Verwaltung für ihr Bestes thut, vollkommen entspricht, einst in jeder Beziehung, verdiene, die civilisirteste Nation der Welt zu heißen.“

Es folge nun hier der von der gedachten Gesellschaft proponirte Gesetzentwurf:

Art. 1.

Die Trunkenheit ist ein Vergehen.

Art. 2.

Jedes im trunkenen Zustande betroffene Individuum wird mit einer Geldbuße von 1 bis 15 Franken, so wie mit 1 bis 14 Tagen Gefängniß bestraft, und im Wiederholungsfalle mit dem Doppelten dieser Strafsätze.

Art. 3.

Die Detailhändler, welche überführt werden, daß sie an schon im trunkenen Zustande sich gehabende Personen Wein oder andere geistige Getränke verkauft haben, werden mit 5 bis 150 Fr. an Geld und 1 bis 5 Tagen Gefängniß bestraft.

[66]
Art. 4.

Denselben Strafen verfallen die Detailhändler, wenn sie an Kinder unter 16 Jahren Wein oder sonstige geistige Getränke verkaufen.

Art. 5.

Das Gesetz weis’t jede Klage wegen Wirthshausschulden ab.


[67]

Siebentes Capitel.
Von den moralischen Einwirkungen, welche durch Wohlfahrtsvereine zur Verhütung der Trunksucht geboten werden.

Wir haben vorhin die Strafbestimmungen, welche jedes Zeitalter zur Unterdrückung der Trunksucht erlassen zu müssen geglaubt hat, an uns vorübergehen lassen; wir haben gesehen, daß alle Gesetzgeber bei den verschiedenen Nationen dieses Laster zu ersticken sich beeifert haben, und daß es trotzdem fortgekeimt und weiter um sich gegriffen hat; daß endlich auch alle jemals zu seiner Vernichtung gegebenen Gesetze, lange bevor dem Uebel, zu dessen Bekämpfung sie bestimmt waren, Einhalt gethan worden, außer Kraft gekommen sind. – Warum denn nur aber? welcher Ursache soll man sie zuschreiben, diese Schwierigkeit, den Ueberfluthungen einer der erbärmlichsten und dem Gemeinwohl schädlichsten Leidenschaften einen sichern Damm entgegenzusetzen? Sind etwa die Gesetze dagegen zu hart gewesen? oder hat es denselben vielmehr an der nöthigen Strenge gefehlt?

Wir sind der Meinung, daß, solange sie in Kraft gewesen und streng ausgeführt worden, sie auch den fraglichen Excessen einen Zügel angelegt, dieselben gehemmt haben müssen; sie haben aber ihr völliges Aufhören [68] nicht bewirken können, weil dem Gesetze zu solchem Ende auch von den Lehren der Sittlichkeit die erforderliche Hülfe geleistet werden muß.

„Die Sitten,“ sagt Herr Michel Levy in seinem Buche über die Gesundheitslehre, „müssen eine Aenderung erleiden. Dieselben sind ihrem Wesen nach gemischt, denn sie entspringen aus materiellen Bedürfnissen und aus der den geistigen Fähigkeiten ertheilten Leitung. Man findet diese beiden Ursachen in der Trunksucht der niedrigen Volksclassen: was suchen diese bei dem Branntweinschenken? – eine Aufregung, welche ihre Kräfte weckt oder aufrecht hält; einen Genuß, der sie die Arbeitsbeschwerden der verflossenen und der kommenden Woche vergessen läßt; eine Art von Hirnreizung, welche allein zu ihrer Unwissenheit in einer gewissen Beziehung steht. Man lasse jedoch die Nahrung des Volkes auch in einer etwas größeren Portion Fleisch und Gewürze bestehen, man setze die Eingangsabgaben, welche die gesunden und natürlichen Getränke dem Genußbereiche desselben entziehen, herab, und es wird dann weniger das Bedürfniß des unregelmäßigen Reizmittels, das es in den Wirthshäusern sucht, empfinden; man rede übrigens auch zu seinem Gemüthe, zu seinem Verstande, man helfe der dunkeln Unthätigkeit seines Gehirnes durch die Erziehung, deren es fähig ist und die es zu würdigen vermag, ab; man weihe es durch den Unterricht in feinere Genüsse ein; man bewirke, daß es dem folgenden Tage ohne Bangen entgegensehen könne, und daß seine Stirn nicht von eben so vielen Sorgen gerunzelt sei, als es im Schweiße seines Angesichts das Leben genießt, und die Trunksucht wird nur noch ausnahmsweise das Laster der bisher unverbesserlichen Classen sein.“

Das nun ist es eben, worauf der herrschende Geist des Jahrhunderts und der Regierungen mit so vielem Eifer hinarbeitet; wohin alle die moralischen Einflüsse gerichtet sind, als Strahlen eben so vieler leuchtender Sonnen, wie sie in den sogenannten Sparcassen, [69] Pensionscassen, Vereinen zu gegenseitiger Hülfeleistung und so manchen ähnlichen Anstalten bestehen, indem sie alle auf ein und dasselbe Ziel, das der Verbesserung der Sitten, hinauslaufen. Alle aber suchen sie zuvörderst dem Menschen ein physisches Wohlbefinden zu verleihen, ohne welches nimmermehr es möglich ist, daß er von seinem Falle sich erhebe; und indem sie sich alsdann an seinen Verstand wenden, rufen sie, einerseits seiner Kraft und seines Seelenadels, wenn er seine Leidenschaften zu besiegen weiß, andererseits seiner tiefen Erniedrigung, falls er sich zum Sclaven derselben macht, gedenkend, das bessere Selbst in ihm wach.

Allgemeine moralische Einwirkungen. – Die moralischen Einflüsse sind zweierlei Art, welche wir als allgemeine und besondere Einwirkungen unterscheiden werden.

Unter der Bezeichnung „allgemeine Einwirkungen“ verstehen wir diejenigen, welche sowohl aus den von der Regierung selbst geschaffenen Einrichtungen hervorgehen, als auch aus den so zahlreichen philantropischen Anstalten, Mäßigkeits-, Mildthätigkeits- u. s. w. Vereine genannt, welche alle, mehr oder weniger unmittelbar, die Reinigung der Sitten dadurch bezwecken, daß sie den Geist und die Bedürfnisse des Volks einem andern Ziele zuwenden.

Wer möchte das Gute, das allen diesen Einrichtungen entsprossen ist, leugnen wollen? Wer möchte behaupten, daß es nicht die segenreichsten Neuerungen unseres Jahrhunderts seien? Zeigen sie nicht dem fleißigen, sparsamen Arbeiter einen sicheren Hafen, worin er, vor Stürmen geschützt, seine alten Tage ruhig hinbringen kann? Weisen sie ihn nicht deutlich darauf hin, daß alle dem Vertrinken und der Liederlichkeit entzogenen Sümmchen ihn eines Tages in den Stand zu setzen vermögen, seine Familie groß zu ziehen und selbst ein kleines Etablissement zu begründen, das, schuldenfrei und für seine Rechnung werbend, mit der Zeit, je nach [70] dem Grade seiner Einsicht und seines guten Verhaltens, reiche Zinsen abzuwerfen verspricht.

Wie viele glänzende Vermögen, wie viele hervorragende industrielle Schöpfungen giebt es nicht, die keinen andern Quellen entflossen sind, als der Arbeit, der Sparsamkeit und dem Widerwillen gegen die Trunksucht! Wie viele Berühmtheiten ließen sich nennen, welche lediglich durch ein weises Sparen und ein mäßiges Leben aus der Dunkelheit ihrer Geburt sich emporgearbeitet haben!

Dieß sind die einzigen wahren Quellen, aus welchen das Volk stets, ohne Furcht vor Täuschung, jenes so sehr gewünschte Gleichmaß in den äußern Umständen, das man es so oftmals durch ein trügerisches Prisma hat erblicken lassen, schöpfen kann.

Um jene großen Institute nach ihrem vollsten Werthe zu würdigen, können wir endlich nichts Besseres thun, als das, was Herr. P. Duplan in verschiedenen Artikeln der Zeitschrift le Pays darüber veröffentlicht hat, kurz zusammenzufassen:

„Die Sparcasse,“ sagt derselbe unter Anderm, „ist der Sammelbehälter, in welchen sich, gleich Wasserfäden in einen Fluß, die unzähligen kleinen Capitale ergießen, welche von den Arbeitern aller Classen, als Preis der vereinten ämsigen Anstrengungen der Sparsamkeit, des sittlichen Lebenswandels und der Enthaltsamkeit, gesammelt worden sind.“

Es ist dieß also ein in seinem Anfange sehr bescheiden aufgetretenes Institut, das jedoch späterhin sich zu einem gar wesentlichen Getriebe in dem Leben des Volkes ausgebildet hat, und ein bemerkenswerther und zu den köstlichsten Hoffnungen berechtigender Umstand ist auch noch der, daß der gute Erfolg der Anstalt, dieses so unverkennbare Zeugniß der Sittenverbesserung, eben diese Vervollkommnung erhält und in weitere Bahnen fortpflanzt.

Die Vereine zur gegenseitigen Hülfeleistung bewegen sich nach einer anderen Ideenordnung. Sie halten durch das Band einer mildthätigen Verbrüderung [71] das Interesse eines jeden Vereinsgenossen mit dem ihrer Gesammtheit unzertrennlich verbunden; sie verwirklichen also den Grundsatz der christlichen Haftpflichtigkeit: Alle für Einen und Einer für Alle! Dieser Gedanke der gegenseitigen Hülfeleistung ist übrigens gewissermaßen so alt, wie die menschlichen Einrichtungen überhaupt; sie hat, je nach Zeiten und Sitten, eine große Zahl von Formen angenommen; aber erst unserer Zeit, unseren bürgerlichen Einrichtungen, unserer Gesittung war es vorbehalten, die Hülfsvereine zur Höhe einer großen öffentlichen, durch die Gesetze und die Regierungen geschützten und begünstigten Institution zu erheben.

Der Verein zur gegenseitigen Hülfeleistung ist eine der Ausübungsformen jenes Grundsatzes der Brüderlichkeit, der haftpflichtigen Wohlthätigkeit, wie er durch das Christenthum der Welt verkündigt worden ist, und welcher unaufhörlich dahin strebt, die Menschen unter einander zu verbinden, indem er, im Namen der Gerechtigkeit, der Religion, der Barmherzigkeit, von Allen einen Theil Anstrengung und Eifer im Interesse eines Jeden, sowie von einem Jeden einen Theil Anstrengung und Eifer im Interesse Aller fordert.

Diese Zweckbestimmung bezieht sich zugleich auf alle Vereine, welche, wenn auch durch andere Mittel und Wege, auf das gleiche Ziel hinstreben. Wir wollen hier nur der Mäßigkeits-, der Mildthätigkeits-Vereine erwähnen, welche, unter verschiedenen Namen, lediglich zu Nutz und Frommen der arbeitenden Classen und der Gesittung überhaupt sich gebildet haben.

Den Menschen aufzuklären, ihn auf seine Bestimmung, den Zweck seines Daseins hinzuweisen, sowie auf die Klippen, welche er auf seinem Lebenswege zu meiden hat, ihm eine gerade Bahn vorzuzeichnen, ihm in seinen körperlichen Mühsalen zu helfen, Muth einzusprechen, Unterstützung angedeihen zu lassen, ihn zu trösten, wenn seine Seele leidet, endlich auch sich des [72] Menschen schon in der Wiege anzunehmen, ihn in ein Findelhaus, von da in die Verwahrsäle, weiter in die Schulen, aus diesen in die Arbeiter-Städte, wo die öffentliche Gesellschaft ihm Schritt vor Schritt folgt und Schutz verleiht, bis zuletzt in den Schooß einer eignen, neuen Familie zu bringen –: fürwahr, es ist dieß ein, einer großen Epoche würdiges Werk, und, wohl darf man es zur Ehre unseres Jahrhunderts aussprechen, noch zu keiner Zeit hat sich das Gefühl der Menschenliebe in so hohem Grade geltend gemacht, noch nie hat die Noth Anderer so viele Herzen bewegt, so lebhafte Theilnahme gefunden.

Die Gründung der Mäßigkeitsvereine ist eine Thatsache, welche zum Beweise dient, wie sehr man, wenn man nur will, das sittliche Gefühl, welches im Schooße der niedrigen Volksmassen oft nur schlummert, zu erwecken und neu zu beleben im Stande ist. Diese Vereine haben in England und in America Wunder gethan. Ueberall, wo deren organisirt worden sind, hat man die Sterblichkeit abnehmen, die Verbrechen an Häufigkeit sich mindern, die Liebe zur Arbeit, sowie den Familienfrieden zurückkehren sehen.

Mäßigkeitsvereine. – Die ersten Mäßigkeitsvereine wurden im Jahre 1813 in den Vereinigten Staaten von Nordamerica durch einige Menschenfreunde, vor Schrecken über die Fortschritte der Trunksucht unter dem Volke und über die daraus entstehenden Gefahren, in’s Leben gerufen. In den anfänglichen Verordnungen waren nur die Ueberschreitungen im Genusse der Spirituosen verboten; da es jedoch nichts Leichteres giebt, als die Gränze, welche den mäßigen Genuß vom mißbräuchlichen scheidet, zu überschreiten, so war das Ergebniß dieser ersten Vereine beinahe null. Erst im Jahre 1826, und zwar im Staate Massachusetts, wurde dann der erste wahre Mäßigkeitsverein gegründet, und nach diesem entstanden nun bald eine große Anzahl anderer in den Vereinigten Staaten und in ganz Europa; die Mitglieder derselben legten es sich als Pflicht auf, von dem [73] Genusse aller spirituösen Getränke fortan gänzlich abzustehen. Und merkwürdigerweise erfreuten sich diese Associationen eines raschen Gedeihens, so daß man zwei Jahre später schon 30,000 Individuen zählte, welche denselben angehörten und deren Vorschriften streng beobachteten. Im Jahre 1831 verließen 500 Schiffe die Häfen der Republik, ohne einen Tropfen Branntwein am Bord zu haben, und die Assecuranz-Gesellschaften, in der festen Ueberzeugung, daß solche mit nüchtern und mäßig lebenden Matrosen bemannte Fahrzeuge weniger Gefahr zur See liefen, erniedrigten ihre Prämien zu deren Gunsten um 5 Procent. Im Jahre 1830 hatte die Einfuhr der Spirituosen bereits um 1,417,718 Gallonen, die Fabrication derselben im Staate um 2 Mill. Gall. abgenommen. Im Jahre 1835 wurde amtlich dargethan, daß zwei Millionen Americaner (der Union) dem Genusse starker Getränke völlig entsagt und daß 12,000 ehemalige Trunkenbolde ihren Lieblingstrank sich abgewöhnt hätten.

Von America aus pflanzten sich dann die Mäßigkeitsvereine zuerst in die Türkei fort, und in Irland wurde der erste im Jahre 1829 gegründet. Seitdem bildeten sich dann deren auch in England, Schottland und an einigen Orten der Schweiz, Rußlands, Schwedens und Deutschlands, und überall, wo sie eingeführt worden, haben sie das Loos der arbeitenden Classen wesentlich verbessert. Das ausgezeichnetste Werk aber, was in dieser Art geschehen ist, hat übrigens der berühmte Pater Matthew, auch bekannt unter dem Namen „der Mäßigkeitsapostel“ fortgeführt. Geboren zu Cork in Irland, fühlte er von seiner zartesten Jugend an sein Herz von Mitleid erfüllt bei’m Anblick des Elends unter dem Volke, besonders aber der unzähligen Uebel, welche aus der Gewohnheit des unmäßigen Branntweintrinkens unter seinen Landsleuten entsprangen. Er trat in den geistlichen Stand und erhielt vom Papste die Erlaubniß, sein Amt überall auszuüben, wo er es für nützlich hielt, ohne irgend einer kirchlichen Behörde [74] unterworfen zu sein. Er durchstrich Irland, Schottland und England nach allen Richtungen, überall Mäßigkeit predigend und seiner Lehre zahlreiche Anhänger gewinnend. In diesem Augenblicke setzt er in den Vereinigten Staaten von Nordamerica die schwierige Mission fort, welche er mit so vielem Erfolge überall da, wo seine Lehren bisher vernommen wurden, erfüllt hat. Gewöhnlich auf freiem Felde oder an dem Abhange eines Hügels hält der Pater Matthew die Ortseinwohnerschaften um sich versammelt, wo er mit seiner beredten, lebendigen Sprache das Bild der zerstörenden Wirkungen der Unmäßigkeit vor ihnen aufrollt. Sobald er dann seine Zuhörer überzeugt zu haben glaubt, schlägt er ihnen vor, den berauschenden Getränken zu entsagen und dem Mäßigkeitsvereine beizutreten. Jeder Neuaufgenommene legt nun in seine Hände den feierlichen Eid ab, sich unter dem Beistande Gottes jedes berauschenden Getränkes zu enthalten und durch seine guten Rathschläge und sein Beispiel Andere dahin zu bringen, daß sie ein Gleiches thäten. Der Name des neuen Mitgliedes wird sodann in ein Register eingetragen. Die Anzahl dieser Bekehrten hat sich übrigens bereits in’s Unendliche vermehrt, und nicht einer derselben soll bisher seinen Schwur gebrochen haben.

Vereine zu gegenseitiger Hülfeleistung. – Ist das Bestehen von dergleichen Instituten auch in Frankreich möglich? Nun, es ist uns zwar bekannt, daß deren in Versailles, Amiens und vielleicht auch noch anderwärts existiren, über den Erfolg ihrer Gründung aber wissen wir nichts. Indeß scheint uns der leichte, krittelige Sinn unserer Nation mit so strengen Anordnungen eben nicht vereinbar zu sein. Zu einem guten Gedeihen von dergleichen Einrichtungen in unserem Lande (Frankreich) fehlt es unsern Grundsätzen an dem nöthigen religiösen Boden. Warum aber macht man sich bei uns so wenig aus der Religion? Es kommt uns nicht zu, diese Frage hier zu beantworten, wir halten [75] uns nur an die Thatsache, daß es wohl nur wenige so irreligiöse Nationen wie die französische giebt, und daß diese einigermaßen durch alle Stände verbreitete Ungläubigkeit zu gar schlimmen Resultaten in den unteren Classen führt [7].

Wenn nun aber auch die Unmöglichkeit solcher Institutionen in Frankreich sich wirklich herausstellen sollte, so ließen sich die Vereine zu gegenseitiger Unterstützung, deren Fortpflanzung sonst überall mit jedem Tage mehr Raum gewinnt, und welche, unseres Erachtens, falls nur das Gemeinwesen mehr aus seiner selbstsüchtigen Hülle sich herauswinden möchte, gar sehr auf die Gesittung der Arbeiterclassen einzuwirken bestimmt zu sein scheinen, doch in gewisser Beziehung zu Mäßigkeitsvereinen umbilden, indem man die Bestimmungen träfe, daß jedes Mitglied, welches sich betrinken oder in den Wirthshäusern herumzulungern sich gewöhnen würde, zum ersten Male verwarnt, bei’m Rückfalle mit einer leichten Geldbuße belegt, und wenn er sich als unverbesserlich erwiese, aus dem Verein ausgestoßen und aller Rechte in demselben verlustig gehen würde. Der Art wären, unseres Dafürhaltens, die einzigen Mäßigkeitsvereine, denen in Frankreich eine Zukunft erblühen möchte. Sollte übrigens noch Jemand ihre segensreiche Wirksamkeit bestreiten und die Wohlthaten, welche sie [76] zu spenden vermögen, irgend in Zweifel ziehen wollen, so haben wir demselben nur die folgende Stelle aus einer Rede, welche der berühmte O’Connel, der Befreier Irlands, in einer der Volksversammlungen, welche er mit seinem beredten Worte so sehr zu beherrschen wußte, gehalten hat, zur Beherzigung vorzulegen.

„Der Geist des (irischen) Volkes,“ sagte er, „hat sich verbessert, dafür spricht Alles. Der Pater Matthew, dieser ruhmwürdige Apostel der Mäßigkeit, dieses Vorbild aller Tugenden, ist mit uns, und noch hat sich unter den Anhängern der Abschwörunq (aller Spirituosen) Keiner gefunden, der den in die Hände des ehrwürdigen Apostels abgelegten Eid verletzt hätte. Napoleon hatte seine Leibwache, die kaiserliche Garde; wir haben mehr als die kaiserliche Garde, wir haben eine Garde, bestehend aus mäßig lebenden Menschen und gutgesinnten Christen. Fünf Millionen Menschen haben geschworen, mäßig leben zu wollen, und es ist dieß ein augenscheinliches Vorzeichen, daß die Freiheit Irland’s wieder auferstehen werde.

Wäre es, wenn ich nicht mit Recht auf die Weisheit des zu der wohlthätigen Lehre des Pater Matthew bekehrten Volkes baute, denn wohl möglich gewesen, solche Menschenmassen zu einem Zwecke zu vereinigen? Die Mitglieder des Mäßigkeitsvereins sind die festesten Stützen der Ordnung und der Freiheit in Irland. So verständige, so bescheiden lebende Menschen sind nicht dazu geschaffen, in der Sclaverei dahinzuschmachten. Was mich betrifft, so weiß ich, daß ich an einem Schlachttage lieber an der Spitze der ausdauernden und tapferen Mitglieder des Mäßigkeitsvereins marschiren möchte, als mich dann nur auf Männer verlassen zu können, welche durch den Genuß erhitzender Getränke bloß augenblicklich aufgeregt wären.“ –

Trotz allen diesen so einleuchtenden Beweismitteln giebt es nun aber dennoch Männer, welche fortwährend behaupten, daß das Wirthshaus den Arbeiter-Classen nützlich und fast unentbehrlich sei, und zwar aus dem [77] Grunde, weil es ihnen ein Mittel der Erholung biete, das Jeden mit wenig Kosten die Beschwerlichkeiten der vergangenen Woche möglichst vergessen lasse; weil es der Ort sei, wo der Arbeiter und die Kameraden sich am Leichtesten recrutiren lassen, und weil es endlich auch für ihn eine Gelegenheit zur Unterhaltung abgebe, sowie in dieser Beziehung durch die Kaffeehäuser und geselligen Cirkel für die höheren Classen gesorgt sei.

Es leidet nun allerdings keinen Zweifel, und es stimmt dieß auch ganz mit unsern Wünschen überein, daß dem Arbeiter, so gut wie dem Gelehrten und dem Müssiggänger, Mittel und Wege geboten werden müssen, um sich von des Tages Mühen und Sorgen, von denen ihm ein so guter Theil geworden ist, irgendwo und irgendwie zu erholen und zu stärken. Darf man aber sich hier nicht auch fragen, ob es denn nur das Wirthshaus sei, das ihm diese Erfordernisse gewähren könne; ob es nichts als den Wein und die Spirituosen gäbe, woraus er Erholung und des Lebens Freuden, wie man sie in den Stunden der Ruhe sucht, schöpfen könne? Nein, wir haben es schon gesagt, und wir wiederholen es hier, das Wirthshaus, der Wein, den man dort trinkt, die Luft, welche man dort athmet, diese dienen nur dazu, den Geist des Menschen zu verdumpfen, zu ersticken, alle seine guten Eigenschaften ausarten zu lassen, und auf ein Individuum, das lediglich der Erholungszweck in’s Wirthshaus führt, kommen hundert Andere, welche dort nur der Lüderlichkeit, der Trunksucht fröhnen. Ja, noch mehr, selbst solche, deren erster Besuch dort nur dem Wunsche, sich zu erholen, gegolten haben mochte, werden nur zu bald auch als in Grund und Boden verderbt es verlassen und die Zahl der zu Säufern gewordenen Stammgäste desselben vermehren.

Der mehr als bisher verbreitete Unterricht in nützlichen Kenntnissen wird, so hoffen wir, für das Volk, wenn es erst zu besserer Einsicht dessen, was ihm noth [78] thut, gelangt sein wird, einst die reinste Quelle seiner Freuden und der edelsten Erholung werden. Der Elementar-Unterricht [8] ist derjenige, welcher sich für den Arbeiter am Besten eignet, er kann nur wohlthätig für ihn sein, denn er befruchtet seinen Geist, macht ihn einer besseren Ordnung von Ideen zugänglich, verfeinert seine Sitten und dämpft das brutale Auflodern seiner Leidenschaften, mit einem Worte: er civilisirt ihn. Zu unserem Bedauern müssen wir aber heutzutage gewahr werden, wie eine gute Anzahl Arbeiter, einmal den Schulen entwachsen, es vernachlässigt, den empfangenen Unterricht weiter auszubilden; wie Andere dagegen ihrem Geist eine Nahrung zukommen lassen, welche eben auch nicht besser ist, als das, was sie in Wirthshäusern genießen. Man sieht sie nämlich mit einer wahren Begierde eine große Anzahl Romane verschlingen, welche, indem sie ihren Geist und ihr Urtheil beirren, sie zum Haß gegen das Gemeinwesen aufregen und das müssige Leben lieb gewinnen lassen. Indem sie nun die Welt stets in einem durchaus falschen Lichte betrachten, sich unaufhörlich in Träumereien gefallen und sich, so zu sagen, mit der unmöglichen Verwirklichung einer Heldenrolle abquälen, enden sie zuletzt damit, ihre eigene Stellung im Leben zu verwünschen und die bessere von Anderen zu beneiden.

[79] Wie wenig Arbeiter giebt es, welche an Ruhetagen sich damit beschäftigen, neue Kenntnisse in Bezug auf ihre Profession zu sammeln! – und doch können sie nur mittelst des Unterrichtes jemals hoffen, ihrer bedrückten Lage sich zu entziehen und dem Ziele, welches Jeder hienieden so sehnlichst zu erreichen strebt, näher zu kommen, dem Wohlstande nämlich. –


[80]

Achtes Capitel.
Von den moralischen Einwirkungen, welche durch die Musik und andere privative Einflüsse behufs der Besserung von Trunkenbolden zu erzielen sind.

Einfluß der Musik auf die Arbeiter-Classen. – Wir wollen, indem wir die Mittel aufzählen, welche die Sitten zu verbessern und folglich auch die Trunksucht zu vertilgen geeignet sind, auch nicht des Einflusses vergessen, den die Musik auf die Arbeiter-Classen zu üben vermag, nicht nur, weil sie die Sitten überhaupt mildert, sondern auch, weil denselben dadurch ein Mittel geboten ist, jede müssige Stunde sich angenehm zu vertreiben und während dieser Zeit alle Gedanken an das Wirthshaus zu verbannen.

Man muß es mit eigenen Augen sehen, wieviel Gutes aus den Gesangvereinen, dort, wo deren bestehen, schon hervorgegangen ist, um die wohlthätige Wirkung, welche die Musik auf das sittliche Leben und den Character des Volkes äußert, und wie sehr sie das wilde Herz zu besänftigen, den Geist zu entwickeln und zur Ordnung und Disciplin zu stimmen im Stande ist, [81] vollen Maßes zu begreifen und zu würdigen. Wohl sollte daher der öffentliche Unterricht des Volks in der Musik aus mehr als einem Grunde die Aufmerksamkeit der Regierung ebenso in Anspruch nehmen, wie es bereits ein Gegenstand der Forschungen für die Gesundheitslehre und die Moralphilosophie geworden ist.

Kann man in der That die Macht der Musik noch bezweifeln, wenn man heutzutage die Wunder gewahrt, welche sie bei den jüngern Wahnsinnigen im Irrenhause des Bicêtre gethan hat? Durch sie sind die Ketten, welche diese bisher gefesselt hielten; gefallen, die Zwangskerker, in welche sie eingesperrt waren, haben sich geöffnet; aus Wüthenden, aller und jeder Zucht und Ordnung Trotzbietenden, wie sie früher waren, sind sie sanft und fügsam geworden, und wenn nicht Traurigkeit und der wirre Blick in ihrer Physiognomie nach wie vor sie verriethen, sollte man nicht glauben, noch in der Nähe von unglücklichen Irren zu sein. Wir haben Choräle von diesen Beklagenswerthen ausführen hören mit einer solchen Präcision und so vollkommenem Zusammenklange, als wären sie von ausgezeichneten Künstlern gesungen worden.

Endlich ist es ja auch bekannt, daß bei den wilden Volksstämmen an den Ufern des Meschacébé ein Priester sich Bahn gebrochen hat in ihren Wäldern, mit einem Brevier, einem Crucifix und einer – Geige in den Händen. Wenn er gebetet hatte, nahm er seine Geige zur Hand, ließ anfangs die Saiten, einem Echo der göttlichen Vernunft ähnlich, erzittern, spielte dann seine Melodien, und die Wilden kamen aus ihren Höhlen hervor, sahen und hörten ihm zu und – wurden bekehrt.

Und wenn nun die Musik solche Wirkungen auf den Irren und den Wilden zu äußern vermag, was läßt sich von ihr erst bei den arbeitenden Classen erwarten, deren Geisteskraft einer gesunden Nahrung bedarf und die sich von den süßen Regungen der Seele so gerne hinreißen lassen!

[82] Moralische Einwirkungen von Seiten der Privaten. – So fehlt es denn weder an staatlichen Einrichtungen, noch an sonstigen Mitteln, um das fragliche Laster zu ersticken, wohl aber daran, sie allgemeiner zu machen, sie weiter zu verbreiten. Und zu ihrer Verallgemeinerung, ihrer weitern Verbreitung bedarf es des Zusammenwirkens Aller; von der einen Seite, der unserer Arbeiter–Classen, ein Zurückgehen auf ihr besseres Selbst, ein Blick auf die Gegenwart, ein anderer in die Zukunft; von der andern Seite dagegen eine größere Selbstverläugnung, ein innigeres Dahingeben der höheren Stände, um den aufgeklärten, philantropischen Männern in ihrem guten Werke gehörig zur Hand zu gehen.

Wir haben zu Anfange gesagt, daß wir die unterrichteten Leute um ihre Mitwirkung bäten, weil es offenbar nicht hinreiche, Institute zu schaffen, Vereine zu gründen, daß es vielmehr auch nöthig sei, zu der Einsicht zu verhelfen, warum jene geschaffen, warum diese gegründet sind, und endlich das ganze Interesse offen darzulegen, was man davon zu erwarten hat. Nicht denen zu Liebe, welche, von Natur sparsam, mäßig, arbeitsam, aus eigenem Antriebe von diesen Institutionen Gebrauch machen, hat man seine Stimme zu erheben, sondern zu Nutz und Frommen derjenigen, welche, geistesbefangen oder zu unwissend, weder deren Zweck noch deren Nützlichkeit bisher eingesehen haben.

Die wahre Menschenliebe besteht, wie die Heilkunde, nicht nur darin, diejenigen, welche durch Krankheiten oder schlimme Leidenschaften leiden, davon zu heilen, sondern auch darin, denselben entgegenzukommen und sie vor den Uebeln, welche sie bedrohen, zu bewahren. Wie viele sind nicht, welche, obgleich wissend, daß Sparcassen, Vereine zu gegenseitiger Unterstützung etc. existiren, doch niemals davon Nutzen zu ziehen gelernt haben und alle Tage unbekümmert an diesen Anstalten vorübergehen, Anstalten, welche doch, wenn sie nur selbst [83] wollten, die ersten Keime zu ihrem eigenen Glücke zu werden bestimmt sind!

Wohlan denn! die Aufgabe der von Privaten zu erhoffenden moralischen Einwirkungen liegt also offen vor; sie besteht darin, diejenigen, welche in unserer Nähe leben, mit denen wir irgendwie in Beziehung stehen und auf welche wir einigen Einfluß auszuüben vermögen, dahin aufzuklären, daß sie der Vortheile, welche jene Institute auch ihnen darbieten, recht deutlich sich bewußt werden. Und dieser moralische Einfluß, wie wir ihn soeben bezeichnet haben, muß von allen Puncten ausstrahlen, von allen Stimmen, selbst denen in den bescheidensten Lebensstellungen, geübt werden; denn uns Allen, ob vornehm, ob gering, liegt die Pflicht ob, denen, welche im Irrthume leben, mit unserm Theil guten Rathes beizustehen, sowie wir je unsern Antheil Almosen denen schulden, welche derselben bedürftig sind.

Was geschieht indeß meistens, wenn man, ich meine nicht mit einem Betrunkenen, sondern mit einem Menschen zusammentrifft, der dem Trunk ergeben ist und zu dem man in einiger Beziehung steht? ... Man treibt fast immer nur seinen Scherz mit ihm, lacht ihn aus, oder man bezeigt ihm auch wohl die Verachtung, welche seine schimpfliche Neigung uns einflößt, ohne sich aber irgend Mühe zu geben, einige von den guten Gefühlssaiten, welche jeder Mensch, er sei wer er sei, in seinem Busen bewahrt, bei ihm anzuschlagen.

Wir fragen nun, ist dieß das geeignete Mittel, um in dem, der sich von seiner Neigung verlocken läßt, das bessere Selbst zu erwecken? Nein, sicherlich nicht! Der Scherz und die Verachtung werden ihn nur reizen, erbittern und seine Begierde zum Soffe nur noch steigern, denn er wird nun sich dagegen zu betäuben suchen, und so muß dann auch der letzte Rest von sittlichem Gefühl, das sich in ihm noch regen möchte, verschwinden.

Aus den leider nur zu zahlreichen beklagenswerthen Beispielen, welche meiner Erfahrung aus dem Leben von Arbeitern zu Gebote stehen, werde ich hier nur drei [84] anführen, welche übrigens sämmtlich Männer aus derselben Werkstätte betreffen, und welche nach entgegengesetzten Richtungen hin beweisen, wie weit einerseits die Verthierung des Menschen gehen kann, wenn die Trunksucht zur eingewurzelten Gewohnheit geworden ist, und wie andererseits die Willensstärke den Menschen, selbst schon an dem Abgrunde stehend, den die innere Zerrüttung unter seinen Schritten gehöhlt hat, noch zur Rettung verhelfen kann, wenn sie sich dabei von einigen edlen Aufmunterungen unterstützt sieht.

Wir geben diese Thatsachen hier zum Besten, weil wir die Welt noch immer von jenem bedauerlichen Wahn eingenommen wissen, daß die Trunksucht ein unheilbares Uebel sei. Sie war es aber bisher nur, weil man sich eben nicht sehr darum bekümmert hatte, dem Uebel abzuhelfen. Wir, unsererseits, haben selbst Trunkenbolde sich bekehren sehen, welche mit vollem Rechte für die eingefleischtesten Sünder ihrer Art gelten durften, und unseren eigenen Bemühungen ist es, wie bereits erwähnt, gelungen, dergleichen Heilungen zu bewirken, wie die Welt sie wohl als Wunder zu verschreien pflegt.

In den, der Regierung gehörigen, Eisenwerken von la Chaussade, im Nièvre-Departement, arbeiteten drei Männer, deren monatlicher Lohn sich, je nach ihrer mehren oder minderen Aemsigkeit, auf 100 Francs belief, mit der Aussicht auf einen für ein bestimmtes Alter ihnen zugesicherten Ruhegehalt. Alle Drei aber brachten die ganze Zeit, welche sie der Arbeit irgend entziehen konnten, ohne einen zu starken Abzug an ihrem Lohne zu riskiren, im Wirthshause zu. Es versteht sich daher von selbst, daß zu Ende des Monats die Wirthshauszeche den größern Theil dessen, was ihnen an Lohn noch zukam, verschlang. Und da die Wirthshausschulden, gleich den Spielschulden in einer andern Stellung, für solche Unglücklichen um so geheiligter sind, als man ihnen, wenn nicht die alte Schuld pünctlich getilgt wird, leicht die künftige Zehrung verweigern kann, so folgte daraus in unserm Falle, daß die Familien der drei Arbeiter [85] sich nach und nach einer so vollständigen Armuth preisgegeben sahen, daß die Frau des einen, nachdem auch der Bäcker ihr den Credit gekündigt hatte, den Drohungen und der schlechten Behandlung von Seiten ihres Mannes Trotz bietend, den Director der Eisenwerke flehentlichst darum anging, künftig den Lohn des Betreffenden nur in ihre Hände zu zahlen, damit sie im Stande sei, Brod für ihre Kinder und deren Vater zu kaufen. Der Director, dem doppelten Gefühle des Mitleids und eines gerechten Unwillens nachgebend, stand nicht an, des armen Weibes Bitte zu erfüllen, und um sie vor dem Zorne des Trunkenboldes soviel als möglich sicher zu stellen, ließ er diesem ein Viertheil der Summe, welche er zu fordern hatte, zur Bestreitung seiner Wirthshausausgaben zustellen; ein jedoch ungenügendes Auskunftsmittel, das nur so lange seine Wirkung that, als das dem Säufer zur Verfügung verbliebene Geld dauerte; denn kaum war dasselbe zerronnen, und dazu bedurfte es keiner langen Zeit, so war auch die unglückliche Frau den ärgsten Mißhandlungen ausgesetzt, welche nur zu oft die Dazwischenkunft der Polizei und zuweilen selbst der Justiz nothwendig machten. Oder es geschah wohl auch, daß der Unsinnige Stücke des gemeinschaftlichen Mobiliars verkaufte, um seiner zügellosen Leidenschaft zu genügen, bis zu dem Tage, wo er endlich seinem beklagenswerthen Leben und damit zugleich den Qualen seiner Familie mit eigener Hand ein Ziel setzte.

Der Zweite jener Arbeiter bot ein nicht weniger betrübendes Schauspiel dar; derselbe war Eigenthümer eines Weinbergs und ärndtete, je nach den Jahren, drei oder vier Stückfaß Wein. Kaum war jedoch dieser Wein der Kelter entflossen, als auch der Arbeiter sofort zu feiern begann und nicht eher wieder in dem Eisenwerk erschien, als bis der letzte Tropfen Wein aus seinem Keller vertilgt war. Sein Leben in dieser Zwischenzeit hatte er übrigens so zugebracht: wenn er vom Lager aufgestanden war, begann er zu trinken, legte sich dann [86] wieder schlafen und verließ das Bett nur, um zurück in den Keller zu gehen und dort bis zur Erschöpfung seiner Kräfte oder seines Weinfasses zu saufen. In der That, solche Facta würden nicht glaubhaft sein, wenn wir uns nicht mit eigenen Augen von ihrer Wahrheit überzeugt hätten.

Beeilen wir uns jedoch mit dem Schlusse dieser traurigen Mittheilungen, um zu der dritten Thatsache zu gelangen, welche über jene Abscheulichkeiten einigermaßen zu beruhigen und zu trösten vermag. Die beiden Trunkenbolde, deren wir soeben gedacht haben, hatten einen Arbeitscameraden, der an ihren Ausschweifungen Theil nahm und, gleich ihnen, mit raschen Schritten auf dem verhängnißvollen Wege, worauf jene ihn verlockt hatten, dahineilte. So war er denn auch zu einer Schuld von mehr als 800 Francs gekommen, – eine für einen Arbeiter in der That enorme Summe, – als eines Tages das Haus, worin er zur Miethe wohnte, zum Verkauf ausgeboten wurde. Hätte er nun das nöthige Geld oder Credit gehabt, so würde er keinen Augenblick angestanden haben, das Haus zu kaufen, denn es war dieß schon lange sein Wunsch gewesen, und zudem sah er auch mit schwerem Bedauern voraus, daß, wenn es das Eigenthum eines Andern würde, er nichts Besseres zu erwarten hätte, als ausziehen zu müssen. Ohne Zweifel war er, als dieser Gedanke ihm durch den Kopf ging, noch nüchtern, und er bereute es nun bitter, sein bisher verdientes Geld so übel angewendet zu haben. Bekümmerter als je begab er sich zur Arbeit und – begleitete seine Cameraden den Tag auch nicht in’s Wirthshaus. Ein Glück für ihn war es übrigens, daß die Leitung der Arbeiten in dem Eisenwerke sich eben damals in den Händen eines wohldenkenden Mannes befand, der, so streng er gegen Arbeitsfehler war, den menschlichen Schwächen viel Nachsicht, besonders aber den Nothständen seiner Untergebenen eine große Theilnahme schenkte. Dieser erkundigte sich bei unserm Arbeiter nach der Ursache seiner augenscheinlichen Verstimmung [87] und entlockte ihm darüber ein ganz offenes Gestandniß. „Wieviel brauchst Du?“ – fragte er ihn dann weiter. „Ach, Herr, nicht weniger als 1500 Francs, ungerechnet das, was ich dem Fleischer, Bäcker und Anderen im Betrage von wenigstens 800 Francs schulde, wie Sie bereits wissen, da man auf meinen Lohn Arrest gelegt hat.“ – „Unglücklicher, wie wirst Du es bei Deinem Wirthshausleben jemals ermöglichen, eine solche Summe zu bezahlen?!“ – „O, lieber Herr, das muß ich zwar auch alle Tage von Diesem und Jenem hören, aber, so gewiß es nicht mehr als Einen Gott giebt, ich bin des Trinkens nun bis zum Ekel satt und will ein ordentlicher Mensch werden; dazu nun aber, glaube ich, würde mein Muth sich stählen, wenn ich Hauseigenthümer wäre, zwischen meinen eigenen vier Pfählen wohnte.“

Der Eisenhütten-Director überlegte sich die Sache, und da er der Aufrichtigkeit des Mannes Vertrauen schenkte, so verbürgte er sich für ihn. Das Haus wurde demnach auf Credit gekauft, der Erstehungspreis binnen drei Jahren bezahlt, ebenso auch die Schulden, und zu Ende dieser Zeit kam der Arbeiter wieder mit der Bitte, ihm auch zum Ankauf eines in der Nähe seines Hauses befindlichen Weinberges zu verhelfen.

Es ist fast überflüssig, zu sagen, daß der Weinberg dem fraglichen Hause durch die Vermittelung desselben vortrefflichen Mannes hinzugefügt wurde, der sich überaus glücklich fühlte, einen Menschen auf den Pfad des Guten, von welchem er so weit entfernt gewesen war, wieder zurückgeführt zu haben. Seit der Zeit ist nun unser Arbeiter, mit dessen Character eine so glückliche Aenderung vorgegangen war, zu einem für seinen Stand ganz wohlhabenden Mann geworden, arbeitet stets fleißig, ist kein Trinker mehr, hält überhaupt sein Geld gehörig zu Rathe, sorgt als guter Vater für die Erziehung seiner Kinder und wird, kommt einst die Zeit für den Genuß seines Ruhegehalts heran, den Rest seines Lebens sorgenfrei zubringen können.

[88] Das Alles ist keinesweges diesem Buche zu Liebe erfunden; vielmehr sind mir diese Thatsachen von einer Magistratsperson, als deren Augenzeugen, mitgetheilt worden, einem Manne, welcher gar oft die durch Trunksucht erzeugten Mißbräuche zu bejammern und, so sehr er denselben auch mit Strenge stets entgegengetreten war, doch die Lücken der Gesetzgebung in dieser Beziehung vielmals zu bedauern gehabt hatte.

Aus den betreffenden Fallen, welche meinen eigenen Augen vorgelegen haben, und deren sind eine große Zahl, will ich bloß des folgenden hier ausführlich erwähnen.

Es handelt sich dabei von einem geschickten Arbeiter in der Porcellan-Manufactur von Vierzon. Dieser Mann, Familienvater, verdiente monatlich mindestens 120 bis 140 Francs; aber, ohne allen Unterricht in der Manufactur aufgewachsen, worin er noch sehr jung in die Lehre getreten war, hatte er sich nach und nach die Lebensweise der Säufer, wie sie in den großen Werkstätten so gewöhnlich sich findet, ebenfalls angeeignet. Vierzehn Tage ämsig arbeitend, lebte er dann acht Tage lang ausschweifend, indem er während dieser Zeit die Hälfte oder wohl gar drei Viertheile seines Verdienstes im Wirthshause vertrank. Dieses Leben dauerte schon eine geraume Zeit, als endlich seine Gesundheit dabei zu leiden begann. Damals nun, als Arzt zu ihm gerufen, hielt ich es für passend, der körperlichen Behandlung auch eine moralische beizugesellen, von welcher letztern ich mir einen um so besseren Erfolg versprechen durfte, als dieser Mann, bei aller seiner fraglichen Untugend, doch ein gutes Herz und viel Gemüth besaß. Ich stellte ihm demnach ein Bild auf von all’ dem Elend und den Leiden, denen er sich aussetzen werde, wenn er bei seiner traurigen Lebensweise beharrte, und welche um so unvermeidlicher ihn packen würden, als er schon jetzt die traurigen Vorwirkungen davon spürte. Ich ließ ihn einen Blick auf die Vergangenheit, einen in die Zukunft werfen, und so ward mir die Genugthuung, ihm zu der Einsicht zu verhelfen, um wie viel schöne Jahre [89] seines Lebens, um wie viel häusliches Glück er sich gebracht, welche Summe Geldes er verschwelgt hatte, ohne dabei noch seine für immer zu Grunde gerichtete Gesundheit in Anschlag zu bringen. Ich hielt ihm vor, wie sehr er zu beklagen sein werde, wenn einst das Alter mit seiner Begleitung von Kränklichkeiten über ihn gekommen sei, wenn er dann, aller Kräfte und Hülfsquellen baar, eines Tages genöthigt sei, die Hand nach einem Almosen auszustrecken oder sein Leben im Spitale zu beschließen. Um kurz zu sein, er sah die volle Tragweite meiner Ermahnungen ein und gewann die vollste Ueberzeugung von der Theilnahme, welche er mir einflößte. Ich rechnete nun vor seinen Augen die Summen, welche er vergeudet hatte, zusammen, stellte ihm dagegen in Aussicht, was er in einer gewissen Zeit verdienen und zurücklegen könnte, wenn er der Lüderlichkeit entsagte; ich zeigte ihm deutlich, daß er selbst und allein den Schlüssel zu dieser Zukunft in Händen habe. Er änderte darauf seine Lebensweise, hörte auf zu söffeln und hat seitdem auch stets sein mir gegebenes Wort gehalten, indem er fortan das regelmäßigste Leben führte. Während meiner fortdauernden Sorge für sein physisches Wohl, half ich, von seiner wackeren Frau bestens unterstützt, zugleich auch seiner moralischen Genesung stets durch Ermuthigung und Ermahnungen sorglichst nach, und so gingen denn meine in ihn gesetzten Hoffnungen auf’s Vollkommenste in Erfüllung.

Endlich erhielt ich auch noch einen letzten Beweis, wie aufrichtig und andauernd seine sittliche Besserung sei. Da nämlich das Schicksal ihn mit dem Tode seiner einzigen Tochter, auf die er seine theuerste Hoffnung gebaut hatte, überaus hart traf, so besorgte ich, der Schmerz darüber würde das von mir unternommene Werk wieder zerstören und er, gleich so vielen Anderen, seinen Kummer nun im Weine zu ersäufen suchen; aber es ward mir die Freude, ihn ziemlich gefaßt in sein so grausames Geschick sich ergeben zu sehen. Auch ist nach der Zeit, und es sind seitdem schon viele Jahre verflossen, [90] dieser wackere Arbeiter auf dem Wege seiner bürgerlichen Wohlfahrt stets vorwärts geschritten und dabei der dankbarste Mensch geblieben für den Dienst, den ich das Glück gehabt habe, ihm leisten zu können.

Es verdient hier bemerkt zu werden, daß die Arbeiter-Classen im Allgemeinen um so lasterhafter werden, je isolirter, je verlassener sie sich befinden; die, welche man häufig besucht, welche viel guten Rath zu hören bekommen, welche eine großmüthige Aufmerksamkeit sich widmen sehen, vermenschlichen sich schnell und lassen bald von ihren üblen Gewohnheiten ab. Und während sich in ihren Herzen für diejenigen, welche ihnen nichts als Geringschätzung und Verachtung bezeigen, nur Unwille, Haß und Neid ansammelt, erweisen sie sich hingegen denen, welche Theilnahme, Mitleid und Zuneigung für sie an den Tag legen, mit vollster Selbstverläugnung zugethan.

Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Arbeiter, von denen hier die Rede ist, im höchsten Grade eine Tugend besitzen, welche noch gar viele andere in sich schließt, und woraus sich in ihrem eigenen Interesse stets ein großer Nutzen ziehen läßt; ich meine die Barmherzigkeit, also die Tugend, welche sich es angelegen sein läßt, dem Nächsten in allen Arten von Noth stets sofort hülfreich beizuspringen. Denn ihre Eigenschaften, die guten wie die schlechten, sind jederzeit das Ergebniß der Umstände, unter welchen sie aufwachsen und leben; wenn die Lüderlichkeit und die wilden Ehen unter ihnen gewöhnlicher vorkommen, so liegt dieß eben daran, daß sie das böse Beispiel ihrer Eltern früher vor Augen gehabt haben, daß sie von Kindheit an das Miasma der Unzüchtigkeit in den Manufacturen eingeathmet, den Cynismus der dort gepflogenen Unterhaltungen angehört haben.

Denen also, welche stets eine große Anzahl Arbeiter beschäftigen, steht es gar wohl an, von jenem moralischen Einflusse Gebrauch zu machen; wir sagen noch mehr, sie sollten ihnen das sittliche Betragen zur Bedingung [91] ihrer Aufnahme machen; denn der moralische Zustand der Arbeiter und folglich der Städte geht aus der Organisation des gewerblichen Lebens hervor und die Principale und Meister haben die Verantwortlichkeit dafür auf sich.

„Wie der Meister, so die Gesellen,“ läßt sich mit Sicherheit behaupten; und in der That, nie wird ein Meister, der für sich und die Angehörigen seiner Familie streng an den Grundsätzen der Moral festhält, die Zügellosigkeiten dulden, welche in den Werkstätten so verderblich wirken, und wenn ein Industrie-Chef, aus Schwäche, der Lüderlichkeit, der Trunksucht in seinem Etablissement Nachsicht schenkt, so muß dieß nicht allein als eine Zustimmung zur Lüderlichkeit angesehen werden, sondern er setzt sich dadurch auch den Vorwürfen der Familien und der ganzen öffentlichen Gesellschaft aus [9].


[92]

Neuntes Capitel.
Rückblick auf sämmtliche, durch die Gesetzgebung und sonstige moralische Einwirkungen gebotenen Besserungsmittel der Trunksucht.

Um nun das bisher Gesagte kurz zu wiederholen, so sind wir der Ansicht, daß man, ohne gerade des thörichten Glaubens zu sein, die Trunksucht lasse sich völlig ausrotten, doch mindestens der Hoffnung sich hingeben darf, dieses Laster weniger gemein werden zu sehen, dadurch, daß man sämmtliche, in diesem Werkchen von mir angegebenen, Mittel in Anwendung zieht; – daß jedoch, vereinzelt angewendet, dieselben ohne Kraft und Wirksamkeit sein würden, weil dieselben ihre Macht nur insofern üben können, als sie sich in ihrer Vereinigung gegenseitig unterstützen; – daß die Gesetzgebung als die Basis, als der Grundstein dieses der Gesittung dienenden Gebäudes betrachtet werden müsse, weil sie selbst durch und durch Ausdruck der Moral ist, weil sie in dem Kreuzzuge gegen die Trunksucht als die Fahne gelten kann, um welche her sich [93] die Phalangen, die wir mit dem Namen moralische Einwirkungen bezeichnet haben, schaaren müssen; – daß diese Letzteren selbst aber nicht anders in Kraft treten können, als wenn sich jeder Wohldenkende mit an’s Werk macht und, gleich den Bienen in ihrem Stocke, seinen Theil Arbeit übernimmt, je nach den Mitteln und Kräften, wie sie ihm eben verliehen sind.

Indem wir das Vorurtheil, welches in der Trunksucht eine Leidenschaft, wogegen kein Mittel anschlage, sieht, keinesweges theilen, behaupten wir vielmehr: daß, mit Ausnahme derjenigen, welche wir in die Kategorie der Trunkenbolde des dritten Grades reihen, bei denen sich nichts Menschliches mehr vorfindet und die auch wir als wirklich unheilbar betrachten, es keinen Säufer, so eingefleischt er auch sei, gebe, in dessen Herzen sich nicht eine Fiber fände, welche für gute Eindrücke noch irgend empfänglich wäre, falls man es nur versteht, die Tonleiter der Leidenschaften, welche das menschliche Herz besaiten, prüfend zu durchlaufen. Bleibt die Saite der kindlichen Liebe stumm, so wird vielleicht die der Gatten- oder der Vaterliebe ansprechen; und sollte weder die eine noch die andere dieser Saiten nach Wunsch erklingen, so wird man vielleicht noch durch die Eigenliebe, durch die Religion, durch den Eigennutz etc. etc., ja vielleicht selbst durch jene andere Eigenliebe, welche den Namen Egoismus führt, und wovon die Seele des Menschen oft nur zu voll ist, zum Ziele gelangen.

Ist es übrigens noch nöthig, zu sagen, daß alle diese Mittel, deren wir vorhin erwähnt haben, leicht auszuführen sind? – noch nöthig, daß wir auf die Nützlichkeit und Wichtigkeit der öffentlichen Institute, als da sind Sparcassen, Lebensversicherungs-Banken, Pensionscassen etc. etc., hinweisen? Braucht auch noch erst angeführt zu werden, daß die Vereine zur gegenseitigen Unterstützung, welche sich bis in alle volkreiche und Fabrik-Städte verbreiten, dazu bestimmt seien, eine wohlthätige, sittlichkeitfördernde Wirkung von außerordentlicher [94] Tragweite zu erzeugen? Sollen wir noch angeben, wie alle diese Mittel hergestellt und wirksam werden mussen? – Gewiß nicht, denn wir haben bei der Herausgabe dieses Werkchens keine andere Absicht gehabt, als die Einen aufzuklären und der Anderen Aufmerksamkeit auf ein Laster zu lenken, das so viele andere Laster in seinem Schoße birgt und die menschliche Natur in hohem Grade beeinträchtigt. Andererseits haben wir auch die Blicke der Arbeiter einem eben so wahren, als leicht zu verwirklichenden Bilde zuwenden wollen, um sie vor dem Abgrunde zu warnen, der, wenn man weiß, welches Elend und welche Leiden des demselben Zustürzenden warten, so unschwer zu vermeiden ist. Wir haben aber nach einer noch anderen Richtung hin, unter Angabe der vorbeugenden Maßregeln, auch einen Aufruf an die höheren Classen der menschlichen Gesellschaft ergehen lassen, weil eben sie es sind, von denen jene sittenbessernden Elemente in Wirksamkeit gesetzt werden müssen.

Denn wer kann die Sparvereine, die Vereine zur gegenseitigen Unterstützung und noch so manche ähnliche gründen, schaffen; wer ihnen zu einem gedeihlichen Leben verhelfen und ihnen zahlreiche Proselyten, welche man vornehmlich unter den auf Irrwegen wandelnden Armen zu werben hat, zuführen? Wer anders, frage ich, kann dieß, als diejenigen, für welche, von Geburt an nur erhabenen Empfindungen huldigend, vom Glücke und der Erziehung begünstigt, es keine andere gemeinnützige Beschäftigung giebt, als überall hin zu forschen, durch welche Mittel sie den physischen und moralischen Leiden der Menschheit Einhalt thun, und wie sie alle vernünftigen Wesen durch das doppelte Band der Liebe und der Unendlichkeit in Gott vereinen können?

Ob wir die Grenzen überschritten haben, welche wir uns selbst gesteckt hatten? ob wir uns des Glückes werden erfreuen können, von den Einen gehört, von den Anderen unterstützt zu werden? ob wir Tadel, ob [95] Aufmunterung zu erwarten haben? – wir wissen nicht, welches Urtheil über uns schwebt; was aber auch geschehen mag, wir übergeben hier dem Publicum, unserem Richter, diese wenigen Seiten, hervorgegangen aus einem durchaus menschenfreundlichen Impulse, aus reiner Herzenseinfalt und mit dem Bewußtsein, durch die Erfüllung einer Pflicht vielleicht zugleich die Hand geboten zu haben zu – einem guten Werke.

[96]

Anhang.

Der französische Verfasser dieses Werkchens hat es nicht für nöthig gefunden, darin auch der Mittel zu gedenken, welche gegen die Trunkenheit, so lange sie noch nicht habituell geworden, also noch nicht in Trunksucht ausgeartet ist, mit gutem Erfolg angewendet worden sind. Dem deutschen Bearbeiter scheint jedoch dieser Gegenstand wohl noch einige Seiten hier werth zu sein, da, – von den leichten Fällen von Trunkenheit abgesehen, in welchen bekanntlich durch Waschen des Kopfes mit kaltem Wasser oder durch das Trinken von ein Paar Tassen schwarzen Kaffee’s aller weiteren unangenehmen Nachwirkung vorgebeugt zu werden pflegt, – ein solcher Exceß zuweilen so schlimme Erscheinungen im Gefolge hat, daß ärztliche Hülfe nöthig wird. So wurde von dem Dr. Dallas in Odessa ein Fall mitgetheilt, wo ein Kaufmann, vierzig Jahre alt, in Folge von Trunkenheit bereits 14 Tage in übermäßiger Aufregung durch Visionen und Hallucinationen schlaflos zugebracht hatte und über die heftigsten Kopfschmerzen, Gesichtsabnahme etc. klagte. Hier wurde nun durch die [97] Anwendung von liquor Ammonii caustici, 4 Tropfen in jedem Glase Wasser, nach kurzer Zeit die Herstellung bewirkt. Ebenso wie durch dieses Mittel eine wohlthätige Transpiration herbeigeführt wurde, so erfolgt dieselbe auch mit gleichem Erfolge mittelst des von den französischen Bauern angewendeten, allerdings sehr unappetitlichen Verfahrens, indem sie nämlich einen Betrunkenen in einen Misthaufen stecken, dessen Ausdünstungen von kohlensaurem Ammoniak dann den Alkohol neutralisiren und so auch hier, wie dort, schweißtreibendes Alkoholammonium bilden. – Die thüringischen Bauern machen übrigens mit ihren sehr stark Betrunkenen noch weniger Umstände, indem sie denselben quam satis Mistjauche einfüllen. Sollte dieses – Hausmittel nicht vielleicht auch gegen die Trunksucht noch mitunter sich probat erweisen können? Seine Ekelhaftigkeit scheint in der That volles Zutrauen dabei zu verdienen. –

Mittel gegen den Säuferwahnsinn (delirium tremens). – Gegen dieses so traurige Leiden hat sich in Rußland neuerlich die Sumbul-Wurzel schon in einer großen Anzahl von Fällen bewährt, und zwar als Infusum, oder auch als Infuso-decoctum radicis Sumbul, ex uncia semis paratum ad uncias sex, anfangs stündlich zu einem Eßlöffel gereicht. Die beständigen Veränderungen, welche Dr. Thielmann nach dem Gebrauche der Sumbul-Wurzel im delirium tremens wahrgenommen hat, sind etwa folgende: Die oft schnell eintretende Beruhigung des so sehr aufgeregten Zustandes; die Delirien und Hallucinationen nehmen an Intensität ab; es tritt eine Schläfrigkeit ein, welche in einen erquickenden, ruhigen und oft anhaltenden Schlaf übergeht, wobei alsdann die Sinnestäuschungen verschwinden. Der gewöhnlich ungleiche, kleine, zitternde und schnelle Puls wird langsamer, voller und regelmäßig. Nicht beständig, aber doch oft, stellt sich während des tiefen Schlafes allgemeiner Schweiß ein. Selbst das [98] eigenthümliche Zittern des Körpers, das meistens lange anhält, mindert sich bedeutend, oder verschwindet auch gänzlich. Gewöhnlich tritt nach mehrtägigem Gebrauche des Mittels eine anhaltende Stuhlverstopfung ein, welche durch ein Abführunqsmittel beseitigt werden muß. (Aus der „Medicin. Zeitung Rußlands“ Nr. 18. Mai 1850.)

In der neuesten Zeit ist auch mit dem innerlichen Gebrauche starker Gaben Chloroforms, zuerst in America[10], später in England gegen die fragliche Krankheit erfolgreich zu Felde gezogen worden, und zwar in Fällen, welche allen andern dagegen angewendeten Mitteln, wie Calomel, Opium, Morphin, Creosot und Kampher, bereits Trotz geboten hatten. So berichtet der englische Arzt, Richard G. H. Butcher über den Fall eines seiner Hospitalkranken, eines jüngern, kräftigen Weinküfers, dessen Magen in Folge des übermäßigen Genusses geistiger Getränke so reizbar geworden war, daß alle und jede Nahrung wieder ausgebrochen wurde. Sein Gesicht hatte einen wilden, ängstlichen Ausdruck; das Zittern der Hände und Zunge fand im höchsten Grade Statt; die Sprache war übereilt und stotternd; er war völlig wahnsinnig und blickte beständig wild umher, als ob er sich von großer Gefahr bedroht glaube. Puls 120, Körperoberfläche brennend heiß; Gesicht von Schweiß triefend und Haare völlig naß davon. Man brachte ihn zu Bett; allein er wollte nicht darin bleiben, sondern sprang heraus und ging fortwährend umher.

Es wurden dem Kranken zu dreien Malen Pillen von Calomel und Opium gereicht, welche jedoch stets wieder ausgebrochen wurden. Einem Trank aus 1 Gran Morphin, 2 Tropfen Creosot und 1 Unze Kamphermixtur ging es nicht besser. Selbst den Schluck Wasser, [99] welchen der Patient zuweilen nahm, um seinen trocknen Gaumen zu letzen, vertrug der Magen nicht. Kleine Opium-Klystiere nach Dupuytren’s Vorgange ließen sich bei diesem kräftigen, jungen Manne ohne die unbeschränktesten Gewaltmaßregeln nicht setzen, und letztere fand Dr. Butcher, welcher überhaupt eine Abneigung dagegen bei dieser Krankheit hegt, bedenklich. Er entschloß sich daher, es mit dem in America schon in zwei dergleichen Fällen mit Erfolg innerlich angewendeten Chloroform zu versuchen.

Er verordnete demnach am 26. Juni um 10 Uhr Morgens eine Drachme reinen Chloroform in 2 Unzen Wasser, und schon eine Stunde nach dieser Gabe war der Patient verhältnißmäßig ruhig geworden, so daß er im Bette blieb; doch waren bei’m Liegen die krampfhaften kurzen Zusammenziehungen der Arm- und Beinmuskeln so deutlich, wie im Stehen.

Um 11 Uhr wurde der Kranke schläfrig und schlief schon zu mehren Malen 10 und 12 Minuten lang. Um 123/4 Uhr wirkte die Arznei vollständig, so daß er in einen festen, ruhigen Schlaf verfiel, der bis 7 Uhr anhielt, und bei’m Erwachen war er ganz ruhig. Der Puls war bis auf 96 gefallen. Der Patient that in der Minute 16–20 Athemzüge, und zwar nicht lauter, als im natürlichen Zustande. Die Körpertemperatur war gesteigert. Man sorgte fortwährend für warme Füße und frische Luft bei offenen Fenstern. Bei’m Erwachen war der Kranke ziemlich vernünftig, und es ward nun dieser Zeitpunct benutzt, um 6 Gran Calomel und 10 Gran Kampher einnehmen zu lassen, theils zum Oeffnen des Darmcanals, theils zur Bewahrung vor Hirncongestionen. Zugleich ward für den Fall, daß er vor 10 Uhr nicht eingeschlafen sei, 1/2 Drachme Chloroform in 2 Unzen Kamphermixtur verordnet.

Den 27. um 10 Uhr Morgens. Das Chloroform hatte sich, da der Patient fast unmittelbar nach dem Einnehmen des Bolus eingeschlafen war, unnöthig gemacht. [100] Er hatte während der Nacht drei reichliche Stuhlgänge, und es besserte sich mit ihm in jeder Beziehung. Der Patient beantwortete alle Fragen bei voller Vernunft, drehte sich dann auf die Seite und schlief wieder ein. Puls 96, sehr umfangreich; Haut kühl.

3 Uhr Nachmittags. Ungeachtet mehrer Stuhlgänge seit dem Morgen ist der Puls bis 110 gestiegen. Auch die Körpertemperatur ist höher, so daß die Haut sich brennend heiß anfühlt. Der Kranke ist aufgeregt und die Furcht vor ihm drohenden gräßlichen Gefahren zurückgekehrt. Diese Symptome veranlaßten zur Wiederholung der vollen Dosis Chloroform, worauf er dann aber bald einen starken Schluck Thee zu sich nahm, was augenblickliches Erbrechen erregte. Bis Abends wurde ihm jedoch nun nichts weiter eingegeben.

9 Uhr Abends. Der Patient hat mit kurzen Unterbrechungen 1–2 Stunden geschlafen. Puls noch 110. Wiederholung des Chloroformtranks, 1 Drachme auf 2 Unzen Kamphermixtur.

Den 28. Der Patient war, nachdem er am gestrigen Abend den Chloroformtrank genommen, in einen ruhigen Schlaf verfallen, welcher ununterbrochen bis 8 Uhr Morgens angehalten hatte, und aus dem er völlig gesammelt und vernünftig erwachte. Puls 80, Haut kühl; Zunge und Gliedmaßen von Zittern ganz frei, sowie er sich überhaupt in jeder Beziehung wohl fühlt; auch der Appetit ist zurückgekehrt, und die Speisen bleiben im Magen. Abends erhielt er 1 Gran Morphin in 1 Unze Kamphermixtur.

Den 29. Der Patient zeigte sich am Morgen vollkommen genesen, und es bedurfte nur noch einer kräftigen Diät, um ihm die durch den gewaltigen Kampf entzogene Kraft wiederzugeben.

Ein Punct in diesem Falle verdient besondere Aufmerksamkeit, nämlich das außerordentliche Sinken des Pulses, sobald die Chloroform-Mixtur ihre volle Wirkung [101] äußerte, so daß der Puls für die Angemessenheit der zu wiederholenden Dosis als Maßstab dienen konnte. Uebrigens ist das Warmhalten der Füße und das stete Zulassen von frischer Luft an des Patienten Kopf als Vorsichtsmaßregel auch noch sehr zu empfehlen.

(Dublin Quart. Journal of Medic. Science, August 1852.)

Anmerkungen

  1. So wie bekanntlich in Deutschland nicht wenig Weinhändler oder Weinfabricanten, namentlich in den nordischen Seestädten, gewissenlos genug sind, manchen Weinen durch Beimischung von Bleizucker ihre zu große Herbigkeit zu benehmen und sie so nebenbei einigermaßen zu vergiften, so muß sich auch der Branntwein hie und da allerlei narkotische Beimischungen, als da sind: Trespe, Lolch, Porst, Coriander, Kockelskörner, Scharlachkraut, Wiesensalbei, gefallen lassen, durch welches betrügerische Verfahren derselbe aber natürlicherweise in eben dem Grade wie an Stärke, so an Gefährlichkeit für den Trinker gewinnt.
    Der Uebers.
  2. Es würde einen bedeutenden Raum einnehmen, wenn alle die mitunter komisch genug klingenden Namen in unserem lieben Deutschland für den fraglichen Zustand hier aufgeführt werden sollten; ein Beweis übrigens, wie sehr derselbe überall seine Liebhaber findet.
    Der Uebers.
  3. Man wird gegen den Gebrauch dieses neuen Modeausdrucks hoffentlich um so weniger etwas hier einzuwenden haben, als in der That auch kein anderer das französische absorbé so treffend verdeutscht.
    Der Bearb.
  4. Auch die Geten, ein slavischer Volksstamm in Thracien, wurden, trotz ihrer Liebe zum Weingenusse, durch einen ihrer Oberpriester dazu veranlaßt, alle Weinstöcke bei sich auszurotten, aus Besorgniß nämlich, daß die Gewohnheit des Weintrinkens sie zu Sclaven der Römer machen würde, welchen sie auch erst lange nachher, nach tapferem Widerstande, zur Zeit des Trajan erlagen.
    Die alten Mexikaner durften, ohne ausdrückliche Erlaubniß der Obrigkeit, keine berauschenden Getränke zu sich nehmen, deren Genuß nur den Alten und Kranken gestattet wurde. Nur an Tagen, wo entweder Feste gefeiert, oder gemeinschaftliche Arbeiten verrichtet werden sollten, wurde einem Jeden obrigkeitlich ein gewisses Maß zugetheilt. Wer sich betrank, dem wurde der Bart öffentlich abgeschoren, seine Güter und Würden wurden eingezogen und sein Haus niedergerissen, als Andeutung, daß er nicht länger würdig sei, in der bürgerlichen Gesellschaft zu erscheinen, weil er seine Vernunft verloren habe.
    Auch die alten Schotten legten ihre Verachtung der Trunkenbolde auf eine eigenthümliche Weise an den Tag, indem sie nämlich Jeden nach Belieben trinken ließen, ihn aber in’s Wasser stürzten, wenn er sich betrunken hatte.
    Bei den alten Deutschen dagegen galt es von jeher, wie leider bei nur zu vielen noch jetzt, für eine Ehre, im Trinken von Wein, Bier oder Schnaps, je nach den verschiedenen Ländern Deutschlands, das man füglich in eine Wein-, Bier- und Schnaps-Region theilen könnte, das Höchste zu leisten.
    Kein anderes Volk, wenn man nicht etwa den gemeinen Russen und Polen, in deren Genußleben bekanntlich der Schnaps die allergrößte Rolle spielt, ausnehmen will, hat daher auch noch immer mehr Matadore dieses Schlages aufzuweisen, als das unsere. Gott besser’s!!
    Der Uebers.
  5. Es würde ungerecht sein, hier nicht Dessen zu gedenken, was die (französische) Regierung in dieser Beziehung schon gethan hat: Der Einfuhrzoll ist in neuester Zeit um die Hälfte gemindert und die städtische Accise um ebensoviel erhöht werden, – Auch konnte man sonst nicht unter 1 Hectoliter (100 Liter – 871/2 preuß. Quart) kaufen, während es jetzt gestattet ist, fünfundzwanzig Liter accisefrei einzuführen.
    (Anmerk. des franz. Verf.)
  6. Was hier eben gesagt worden, paßt auch mehr oder weniger für die Städte in den deutschen Weinländern. In den deutschen Bierländern dagegen würde gewiß mancher Arme, der sich des theuren Bieres wegen dem Schnapse zugewendet hat, gerne zu jenem gesunden Genußmittel zurückkehren, wenn die städtischen Behörden überall darauf bedacht wären, das Braucommunen-Unwesen abzuschaffen oder durch leichtere Ertheilung von Concessionen zur Errichtung neuer Brauereien und neuer Ausschankhäuser eine wolthätige Concurrenz zu begründen, was dann nicht nur die Verbesserung des Bieres, sondern auch, die Hauptsache, dessen Verwohlfeilerung zur nothwendigen Folge haben müßte.
    (Anmerk. d. Uebersetzers.)
  7. Steht es in den deutschen Landen damit auch im Allgemeinen nicht so schlimm, so wird doch auch hier fast überall mehr oder weniger von der Geistlichkeit über den sogenannten unkirchlichen Sinn der Zeit bitter geklagt. Es mag derselben aber die Versicherung zum Troste gereichen, daß eben so, wie nicht Alles Gold ist, was gleißt, oder, mit andern Worten, nicht Alle, die da fromm scheinen, indem sie äußerlich den kirchlichen Geboten hinsichtlich des Formellen auf’s Gewissenhafteste nachkommen, auch wirklich vor Gott und den Menschen fromm handeln, ebenso gar Viele des mangelnden Glaubens geziehen werden, welche doch das lautere Gold der Christuslehre im Herzen tiefinnerlich bergen und wuchern lassen. – Und so mag es wohl auch mehr oder weniger in Frankreich sein.
    Der Uebers.
  8. In Deutschland ist den Arbeitern bekanntlich fast überall und besser, als in Frankreich, von dem Obiges gilt, Gelegenheit geboten, in den Sonntagsschulen das früher Gelernte aufzufrischen und sich weiter fortzubilden. Daß dieß aber auch nur von verhältnißmäßig Wenigen benutzt wird, wenn sie nicht, wie es nur bei Lehrlingen geschehen kann und auch geschieht, dazu gezwungen werden, ist leider nur zu wahr. Die Mehrzahl hält sich für kenntnißreich genug, wähnt daher, dem Schulunterricht ein für allemal entwachsen zu sein und – vergißt in diesem Dünkel auch noch in vielen Fällen mehr oder weniger das, was sie früher gelernt hatte.
    Der Uebers.
  9. Zur Ehre unserer heutigen Zeit gestehen wir übrigens gerne, daß die großen Werkstätten und die Manufacturen im Allgemeinen jetzt mit einander wetteifern in dem Streben, die physische und moralische Lage ihrer Arbeiter zu verbessern, und es giebt deren eine große Zahl, welche das Wohl der für sie Arbeitenden bestens im Auge haben.
    Wir kennen Manufacturen, wo die beiden Geschlechter in getrennten Räumen arbeiten, wo die Frauenzimmer täglich stets etwas früher, als die Männer, von der Arbeit gehen, wo die Trunkenheit geächtet ist, wo für die Kranken gesorgt wird und die Arbeit ihnen bis zur Heilung vorbehalten bleibt, wo die Arbeiter ermuntert werden, in die Sparcassen einzulegen etc. etc. Und eben da, kann man behaupten, findet sich auch nur wenig Elend und Entsittlichung.
  10. Siehe American Journal of the Med. Sciences, January 1852.


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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: deé
  2. Vorlage: Versprechnugen