Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission/Über innere Mission im allgemeinen

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« Zur Eröffnung der Feier Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission Über die Wirksamkeit der Gesellschaft durch Aussendung von Predigern und Lehrern »
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Erster Vortrag
über
innere Mission im allgemeinen,
gehalten von
Wilhelm Löhe,
Pfarrer in Neuendettelsau.




 Man hat von verschiedenen Seiten her Bedenken gegen den Namen „innere Mission“ erhoben, welche ihren Grund wol nur in der Unklarheit haben, die über den Begriff der innern Mission noch obwaltet. Je mehr sich dieser Begriff klären wird, desto mehr werden die Bedenken verschwinden, und man wird dann auch einen Ausdruck unangefochten laßen, der zwar nur in dieser Zeit entstehen konnte, in ihr aber und für sie seine Berechtigung hat.

 In der neueren Zeit hat die Welt den Ausdruck Mission sehr häufig in dem Sinne eines Auftrags oder einer Aufgabe, von welcherlei Art dieselben auch seien, gebraucht. Man hat von der Mission des Königreichs Bayern, von der Mission des frankfurter oder erfurter Parlaments geredet, und in dieser Weise ist uns der Ausdruck Mission ganz geläufig worden. Wenn man aber in der Kirche von Mission spricht, so hat man da nicht irgend einen Auftrag oder irgend eine Aufgabe im Sinne, sondern den Auftrag und die Aufgabe, welche der HErr vor seiner Auffahrt Mrc. 16, 15. den Seinigen gibt: „Gehet| hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Creatur. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammet werden.“ Mission ist also nichts anderes als die Aufgabe, die Kirche JEsu zu berufen, zu sammeln, zu erleuchten und zu erhalten zum ewigen Leben, – eine Aufgabe, welche nur der Geist des HErrn lösen kann, welche Er aber durch Menschen löst, so daß sie allerdings in einer gewissen Weise auch als Aufgabe der Kinder Gottes hingestellt werden darf und sogar muß.

 Auf diese Weise haben wir die Mission in jenem weiten Sinne genommen, in welchem sie genommen werden muß, wenn man alle Stellen, die von ihr reden, zusammenfaßt. Wer nur z. B. jene große Hauptstelle Mtth. 28, 18–20 zur Prüfung liest, wird mit dieser weit ausgedehnten, das ganze Seelenwerk umfaßenden Deutung des Wortes übereinstimmen.

 Fragen wir nun nach dem Gebiete, auf welchem diese Aufgabe zu lösen ist; so finden wir es zweitheilig. Der erste Theil schließt alles ein, was getauft ist und dadurch im weiteren Sinn zur Kirche gehört, der andere Theil alles, was nicht getauft ist. Da der HErr will, daß allen Creaturen, d. i allen Menschen das Evangelium gepredigt werde, – will er auch, daß es den Ungetauften wie den Getauften gepredigt werde. Hier haben wir die einfache Scheidung zwischen äußerer und innerer Mission. Was zur Lösung des göttlichen Auftrags an den Ungetauften geschehen muß, ist die äußere Mission, – und innere Mission begreift eigentlich alles, was man zur Erfüllung jenes Auftrags an den Getauften zu thun hat.

 So einfach diese Scheidung ist, und so richtig sie auch sein dürfte, so wäre es dennoch möglich, daß sie manchen befremdlich vorkäme. Versteht man doch insgemein unter innerer Mission etwas viel Beschränkteres und Engeres, als eben angedeutet wurde. Die Betrachtung der gegenwärtigen Beschaffenheit der Kirche hat nemlich geneigt gemacht, die Welt nicht mehr in zwei, sondern in drei Gebiete zu theilen. Auf dem ersten wohnen die| Ungetauften, auf dem zweiten und dritten aber die Getauften, – auf dem zweiten diejenigen Getauften, welche, dem Worte in einem gewissen Maße treu, sich fürs ewige Leben erziehen laßen, auf dem dritten aber die, welche entweder abgefallen oder in der Gefahr des Abfalls sind, welche religiös und deshalb sittlich immer mehr verkommen. Und was nun die Kirche in treuer Liebe zur Rettung dieses jammervollsten dritten Theils der Menschheit nach dem Sinne des Sünderheilandes zu thun hat, das bezeichnet man gern vorzugsweise, obwol nicht völlig wahr, mit dem Namen „innere Mission.“ Es liegt in diesem Gebrauch des Namens eine Art von bitterer Selbstironie der Kirche, welche heut zu Tage besonders viele Elemente der dritten Gattung in ihrem Schooße trägt und deshalb mehr die rettende Thätigkeit an den Verkommenden, als die leitende, weidende, heilende Thätigkeit an gutwilligen Schafen JEsu zu üben hat. – Wenn wir uns nun in diesen Sprachgebrauch des neunzehnten Jahrhunderts finden und fügen, so versteht es sich von selbst, daß es nicht ohne Wehmuth und Protest geschehen kann.

 Es ist übrigens möglich, daß manche auch mit einer solchen Fügsamkeit in den gegenwärtigen Sprachgebrauch noch nicht zufrieden sein, daß sie behaupten werden, es sei hiemit immer noch keine Rücksicht auf das genommen, worinnen sich die innere Mission heut zu Tage am meisten erweise, nemlich auf den großartigen Schwung der Liebe und Barmherzigkeit gegen die irdischen Leiden und Lasten der Menschen. Wir glauben indes bei unsrer Faßung der innern Mission getrost beharren zu können, nicht bloß, weil die Uebung der Barmherzigkeit gegen Erdenleiden auch bei dieser Faßung ihre – und zwar richtige – Stelle und Würdigung findet, sondern auch, weil die Faßung allseitiger, weiter, reicher, einem liebevollen Herzen genugthuender, und vor allem, weil sie dem Worte JEsu gemäß ist.

 Aus dem bisher Gesagten erhellt also, daß die Mission, wie im Munde des HErrn, so der Sache nach nur Eine ist. Ein Befehl ist es, den Christus gibt, – allen Creaturen das| Evangelium und damit Glauben und Seligkeit zu bringen. Einerlei Absicht ists, die er im Sinne hat, Sammlung, Zubereitung, Vollendung seiner Kirche. Einerlei Mittel sind es, die gebraucht werden: Wort und Sacrament. Was verschieden ist, sind nur die Gebiete: die äußere Mission arbeitet unter den Ungetauften, die innere unter den Getauften. Um des verschiedenen Gebietes willen sind aber die beiden nicht getrennt, sondern innerlichst verbunden, gleicher Würde und Ehre, gleicher Liebe und Treue werth. Was Gott zusammengefügt hat, soll kein Mensch scheiden.
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 Da es sich hier gar nicht darum handelt, etwas Ganzes und Erschöpfendes über innere Mission zu geben, sondern allein eine richtige Faßung des Begriffs „innere Mission“ und richtige Grundsätze bei ihrer Uebung anbahnen zu helfen, so können wir uns, wenn wir nur zum Zweck gelangen, es ganz wol gefallen laßen, einen Augenblick über innere Mission im Sinne derjenigen zu sprechen, welche gewohnt sind, sich unter derselben fast nichts anderes zu denken, als die Aufgabe, die sogenannten socialen Noth- und Uebelstände zu heben. Es ist ja wahr, daß gerade die civilisiertesten Länder Europas – unser deutsches Vaterland leider eingeschloßen – von einem leiblichen Elend überzogen sind, vor dessen drohender Gestalt und furchtbarer Ausdehnung man sich entsetzen kann. Armut und Hilflosigkeit greift schauerlich um sich, – Pauperismus, Proletariat, Communismus und wie die Namen alle heißen, mit denen das 19. Jahrhundert seinen Jammer classificiert, jagen jede Seele auf, die sichs gern möchte heimatlich und behaglich sein laßen im süßen Vaterland. Aber woher kommt all der Jammer? Neben diesem leiblichen Jammer steht und geht eine sittliche Versunkenheit und ein offenbarer Abfall vom Evangelium, welche beide nicht bloß an sich schrecklicher und verderblicher sind als alle jene beweinenswerthe Noth des Leibes, sondern von achtsamen und durch Gott geschärften Augen als Quellen der letzteren erfunden werden. Die leibliche Noth namentlich unsers Volkes ist eine Folge, eine unabwendbare| Strafe der Sittenlosigkeit und des Abfalls vom Worte Gottes, ein Fluch des Allmächtigen, den keine Macht der Erde, auch nicht die der innern Mission heben kann. Kaum ists ein Tropfen am Eimer des Elends, welcher, so lange die Herzen der Elenden bleiben, wie sie sind, von der treuen Bemühung barmherziger Menschenliebe weggesaugt werden wird. Wolverstanden! Wir sprechen nicht der in unserm Sinne gefaßten innern Mission, sondern nur der pur auf Verbeßerung der äußern Lage gerichteten Bemühung das rechte Gedeihen ab. Man sei ja fleißig zur Linderung und Hebung der materiellen Noth: aber das Uebel wurzelt in der Sünde und im Unglauben, und wer helfen will, der vergeße das Beste, tiefest greifende Mittel, die geistliche Hilfe nicht. – Wenn eine Last zu deinen Füßen liegt, welche du heben und tragen sollst und doch nicht kannst, so ist eine doppelte Hilfe möglich. Entweder es wird die Last verringert oder es wird die Kraft vermehrt. Was willst du lieber? Was dient am meisten zu Gottes Preis und deiner Vollendung? Offenbar, wenn die Kraft vermehrt wird. Ist nun tausendfache Erdennoth über das Vaterland ausgebreitet; so hilf ab, wo und wie du kannst; vergiß aber nicht, daß die Wurzel in der Unsittlichkeit und im Unglauben liegt. Hebe die lezteren, die Seelenübel, schaff, wenn du kannst, Glauben und gut Gewißen; so wirkest du Kraft der Ertragung und rechten Ueberwindung der ersteren und erweckst die Wunderleute, die durch inneres Glück und Genesen alles Unglück und alle Krankheit des zeitlichen Lebens übermögen. Das schaffen, das wirken wir nur durch das Wort Gottes – und allerdings nur an denen, welche das Wort annehmen; denn wem das Wort nicht hilft, dem ist nicht zu helfen. Das Wort Gottes macht demüthig – und eben damit willig zur Ertragung der allgemein verschuldeten Lebenslast, es macht gläubig, und eben dadurch stark zum schweren Werke; es gießt Liebe ins Herz – und eben damit Lust zur Duldung und Entsagung um des Geliebten willen; es gibt eine unverwelkliche, ewige Hoffnung – und eben damit Geduld bis in| den Tod. Es kann aus dem versunkenen Armen und verworfenen Proletarier einen frommen Dulder, ja einen Märtyrer machen, der unter dem Jubelgeschrei der heiligen Engel sich und viele seines gleichen bußfertige Sünder zum ewigen Leben rettet, Kronen und Palmen entgegengeht. – Darum ist auch für die unglückliche und sittenlose Bevölkerung unsers Vaterlandes, für Proletarier und Arme das Wort Gottes mit seiner Kraft, seinem Troste, seiner heiligenden Kraft nöthig, und die innere Mission muß sich deshalb, wie die äußere, zunächst und vor allem andern mit der Verbreitung und Predigt desselben durch Rede und Schrift, durch Seelsorge und Zucht – und durch Erweckung des Geistes heiliger Zucht befaßen.
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 Vielleicht lächelt mancher bei Erwähnung der Zucht und wünscht vor allem, daß ich diesen Vortrag und seinen Lauf doch ja nicht mit weiteren Ausführungen über diesen Punkt unterbreche. Allein ich unterbreche nicht, – ich gehe meinen Gang, wie er mir richtig scheint, – ich habe die bestimmte Überzeugung, daß auch die Zucht eine von dem HErrn und seinen Aposteln gewollte, reich gesegnete Anwendung des Wortes Gottes ist, und daß es zur Aufgabe der innern Mission gehört, für Zucht im Sinne von Mtth. 18, 15 ff. zu wirken. In dem, was die h. Schrift N. Testaments von der Zucht lehrt, besitzt die Kirche, wenn sie es gläubig faßt und übt, eine moralische Macht, gegen welche, so unscheinbar und gering sie in den Augen mancher sein mag, keine physische Gewalt der Erde in Anschlag kommen kann. So lange die Kirche auch nur etwas von Zucht übrig hatte und übte, war sie nicht nur selbst nicht verächtlich, sondern eine, ja die gröste Wohlthäterin des Vaterlandes und des Staates. Je mehr sie das christliche Volk aus der von dem HErrn auf das bestimmteste befohlenen Zucht entließ, desto mehr wurde sie selbst Ursache, daß ihr Wort nicht geachtet wurde, daß das Volk verwilderte, sich mit ihr am Wort und Sacrament frevelnd versündigte und schwerem Gotteszorn entgegenreifte. Die Regierungen hatten ein Volk, in welchem durch kirchliche Zucht eine| heilige Scheu erhalten war, gut regieren; als ihnen die Kirche ein zuchtlos Volk übergab, verweltlichte mit der entarteten Kirche der Staat, – Zuchtlosigkeit drang überall hin. Die Kirche, die mit der Zucht ihre Haltung aufgegeben hatte, half dem Staate nicht mehr; so half ihr auch der Staat nicht mehr, er trat sie nieder und sie hatte, weil keine Zucht, keine Macht und Kraft mehr, der wohlverdienten Behandlung den gesegneten Widerstand entgegenzusetzen. Die Zwecke giengen auseinander, die Trennung von Staat und Kirche bereitete sich vor – und wer ward schuldig, wenigstens mitschuldig daran und an der ganzen heillosen Gestaltung der neueren Zeit, wenn nicht die Kirche, die ihre Würde verlor, als sie in der Zucht ihre gröste Macht und den Schmuck der Heiligung aufgab? – Die Bedeutung, welche ich hiemit der Zucht beilege, ist groß. Irre ich, will ich mich weisen laßen. Aber etwas ist gewis an dem, was ich sage. Es ist nicht zu berechnen, was für ein Aufenthalt des Bösen in der h. Zucht der sonst wehrlosen Kirche liegt, – und welche sittliche Kraft erweckt und gefordert wird, wenn Sinn und Lust zur Zucht erweckt und gefördert wird. Drum finde ich das Wort im allgemeinen und insbesondere auch das Wort von der Zucht für groß und heilsam und aller Treue der innern Mission werth. –
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 Es muß also vor allem für die Seele gesorgt werden, das ist gewis – und mit dem Seelenwerk hat sich die innere Mission vor allem zu befaßen. Indes der Mensch ist Leib und Seele in der innigsten Verbindung; das Christenthum achtet den Leib im Verhältnis zur Seele, wie das Weib im Verhältnis zum Manne als auch Miterben des ewigen Lebens. Es vernachläßigt daher den Leib nicht, indem es die Seele pflegt. Sein heilig Wort im Munde – in der Hand das leibliche Brot, so steht der Erlöser der Menschen unter den fünf Tausenden und in der Welt, und er, welcher seinen Jüngern befiehlt, mit der Predigt in alle Welt zu gehen, – spricht auch beim Abschied von seinem Lehramt in der Zeit Mtth. 25, 35 ff.: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, – krank und| ihr habt mich besucht, – nackend und ihr habt mich gekleidet“ etc. Und so vermögen es denn auch wirklich die Seinigen nicht, nur das Wort den elenden verkommenden Getauften zu bringen; sie üben auch Barmherzigkeit – und ihr Herz und Sinn geht dahin, daß sich der Brüder Leib und Geist möge freuen in dem lebendigen Gott. Schon wegen dieser inneren Nothwendigkeit, welche in der Ganzheit des Menschen, in seinem Bestehen aus Leib und Seele gründet, ist es unmöglich, daß sich die innere Mission der leiblichen Barmherzigkeit und ihrer Werke entschlage. Auch sie trägt, wie Christus, im Mund die Seelenspeise und in der Hand leibliche Hilfe und Gabe. Aber der Leib bleibt ihr das Zweite, nicht das Erste, – die leibliche Barmherzigkeit folgt ihr erst aus der geistlichen, wie Lieb und Werke aus dem Glauben, – und es ist ihr wichtiger, den Glauben zu verbreiten, als die verweslichen Samenkörner irdischer Hilfleistungen, welche, so hoch man sie schätze, gegen die Ausbreitung des Wortes und Glaubens dennoch im Abstand sind, wie Leib und Geist, Erde und Himmel. Muß sie wegen dieser Faßung und richtigen Folge ihrer Thätigkeit etwas an Popularität verlieren, so thut das ihrer wahren Wirkung keinen Eintrag; es ist ihr ein wenig Schmach ganz gut, damit sie nicht weltförmig werde und von dem Beifall derer nicht verpestet, die in der innern Mission nicht Christi Mission, sondern nur ein Mittel zu zeitlichen Zwecken sehen.
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 Ist es nun mit der innern Mission so gethan, und gründet sie wirklich im Befehl des HErrn Mrc. 16, 15.: „Gehet hin und prediget das Evangelium aller Creatur“; dann kann es auch gar nicht geleugnet werden, daß sie zunächst Befehl und Aufgabe des h. Amtes ist. Denn zu seinen Jüngern, den Zwölfen, hat der HErr gesprochen: „Gehet hin in alle Welt“, – und als er auffuhr, hinterließ er den Heiden und Juden Apostel und Evangelisten, den werdenden und gewordenen Gemeinden Hirten und Lehrer, welche die Heiligen zurichten sollten zum Werk des Amtes, zu Gottes Bau und Tempel nach Eph.| 4, 8 ff. Die äußere, die innere Mission, alles ist dem h. Amte, dem Presbyterate, zu welchem auch der Apostel und Evangelist zählt, zunächst übergeben, – und aus dem Presbyterate, dem Amte, welches den Geist gibt, entwickelt sich wie in den apostolischen Tagen so immer wieder in richtiger Folge und wie von selbst für die heilige Leibespflege das Amt der Diakonie, das neben dem Presbyterate engverbunden steht, wie das Weib neben dem Manne. Nichts, was zur innern oder zur äußern Mission gehört, ist deshalb vom Amte emancipiert. Wer deshalb die innere Mission dem Amte, oder diesem seine rechte Stellung in und zu der innern Mission entziehen will, und eine andere Ordnung und neue Maßregel geben, der widerstrebt in der That Christi Ordnung und mag zusehen, daß er die Kirche nicht verstöre, statt erbaue.
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 Indes ist damit nicht gesagt, daß das h. Amt in der Gemeine alleine stehen und für die innere Mission wirken solle. Das Amt geht in allem Guten vor, regelt und ordnet die gesammte Thätigkeit der Gemeinde; aber unter ihm, unter seiner treuen Pflege blühen und gedeihen alle Gaben der Gemeinde. Es wäre eine unwürdige, pfäffische Faßung des h. Amtes, wenn man ihm das Monopol des Wortes, das Monopol der Seelsorge, das Monopol der Zucht, das Monopol der Liebe, am Ende gar das Monopol aller geistlichen Gaben zuschreiben wollte, wenn unter den geistlichen Herren sich keine Seele, keine Gabe regen dürfte, ohne von den Hochmüthigen und Unbescheidenen den Vorwurf des Hochmuths und der Unbescheidenheit zu ärnten. Wie in der ersten Kirche alle geistlichen Gaben der Gemeindeglieder freien Spielraum nur innerhalb der Ordnung und Leitung der Aeltesten fanden, wie sie von diesen nicht unterdrückt, nicht gedämpft, sondern neidlos, freudenvoll zum Nutzen und Segen in die Gemeinde geführt, auf den Leuchter gestellt, gereinigt, gestärkt wurden 1 Cor. 12–14.; so soll auch jezt das h. Amt zwar alle Mission leiten und ordnen, auch vor allen selbstthätig sich betheiligen, aber dazu aller Gaben in der Gemeinde| sich neidlos bedienen, sie fördern, heben, läutern und also recht segensreich machen. Dazu vermahnt uns das Wort und das Beispiel der apostolischen Gemeinde, – und dazu drängt uns ja auch unsre Noth. Die protestantische Kirche hat kein amtliches Diakonat; sollten denn die, welche das Amt tragen, nun nicht wünschen, daß sich viele Familien fänden, wie das „Haus Stephana“ 1 Cor. 16, 15., von dem der Apostel sagt, daß sie „sich selbst verordnet hätten zum Dienste der Heiligen“? Sollte nicht ein freiwilliges Diakonat unter dem Amte des Worts in unsern beßeren Gemeinden erblühen können? – Die protestantische Kirche hat viel zu wenig Hirten und Lehrer, sollten nicht von den wenigen mit allem Fleiß und aller Treue diejenigen Glieder Christi aufgesucht, geleitet und gebraucht werden, die wie Aquilas und Priscilla eine schöne Gabe des Worts oder eine Gabe der Vermahnung oder sonst eine schöne Gabe haben? Sollen doch alle Gaben, wie der Apostel sagt, „zum gemeinen Nutzen“ dienen – und wer soll sie dahin fördern, wenn nicht wir, die berufenen Hirten und Lehrer? Wie wollen wir denn, namentlich in größeren Gemeinden, mit unserer himmelhohen Aufgabe zu Stande kommen, wir armen, einsamen, belasteten Leute? Es gebe uns nur Gott zu aller unsrer Mission recht viele freiwillige, treue Diakonen und begabte Kinder Gottes, die uns die Hände halten, wenn wir beten, und uns helfen, wenn wir den Hirtenstab führen.
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 Von diesem Standpunkte aus ists drum auch falsch, wenn man den Grundsatz aufstellt, nur studierte Missionare seien zur Mission zu verwenden. Nicht bloß sind der Studierten, die nicht in der bequemeren Stellung des Heimatlandes einen gerechten Ersatz für ein langes Studium suchen, die nicht um des Brotes halben studierten, die für weitere Fernen lernten und größere Aufgaben, für Christum und sein Reich, gar wenige; sondern es zeigt auch die Erfahrung aller Jahrhunderte, daß die Gaben sich nicht an das gewöhnliche Studium binden. Zur Gabe Bildung, so soll es sein; aber wo Gabe und Bildung ist, wie auch,| auf welchem Wege die letztere gewonnen sei, da entziehe man nicht Licht und Raum, sehe nicht neidisch und geringschätzig herunter, da helfe vor allen der Hirte, und unter dem Hirtenstabe entfalte sich alle Zier, aller Schmuck, alle Gabe des h. Geistes.

 Wir freilich in unsrer Zeit sind arm an rechten Trägern des Amtes und arm sind die Gemeindeglieder an geistlichen Gaben. Ach wie todt sind die Gemeinden, und wie viele Hirten sind gleichfalls todt oder der Irrlehre zugethan! Das macht die innere Mission so schwer, daß derer, welche mit rechter Begeisterung und rechter Ruhe sie treiben können, so wenige sind. Wie gerne, wie herzlich gerne schlöße sich mancher Seelsorger zum guten Werke an Gemeindeglieder an – und hat keine! Und umgekehrt, wie gerne, wie herzlich gerne schlöße sich manches Gemeindeglied zum guten Werk an seinen Hirten und findet ihn nicht bereit, nicht tüchtig! Was bleibt da übrig in solcher Noth? Soll Gottes Werk um der Ungläubigen und Trägen und Untüchtigen willen gehindert werden? Mit nichten. Die Hirten, die Gottes Geist begabt und willig gemacht hat, und die Glieder der Gemeinde, die da können und wollen, schließen, unter Berücksichtigung jeglichen Verhältnisses und gerechter, nicht ungerechter Pflege jeder Pietät, sich zusammen. Einer wache über den andern – die frische Luft brüderlicher Bestrafung und Zucht reinige die Einigkeit und stärke die Arme zum guten Werke JEsu. An sich arbeitend, mögen sie innere Mission treiben, wie sehr es immer möglich ist, – und geruhig Christi Schmach von sogenannten Schwachen und Bösen tragen.

 In dem eben dargelegten Sinne ist diese Gesellschaft für innere Mission im Sinne der lutherischen Kirche ans Licht getreten, welche am heutigen Tage ihre erste Jahresfeier hält. Ihre Grundsätze sind im „Correspondenzblatt der Gesellschaft“ [1] vorgelegt, und zwar in Nr. 1.

 Aus diesen öffentlich vorgelegten Grundsätzen ist ersichtlich, daß sie ihren Zweck, der lutherischen Kirche mit Gottes Wort| und Liebesthat zu dienen, in vier besondern Abtheilungen zu erreichen sucht. Die vier Abtheilungen sind folgende:
1. Innere Mission durch Prediger und Lehrer unter den verlaßnen Glaubensgenoßen;
2. Innere Mission durch Verbreitung von Schriften;
3. Innere Mission durch Fürsorge für die auswandernden Glaubensgenoßen und für lutherische Colonisation;
4. Innere Mission durch Abhilfe localer Uebelstände des geistlichen und leiblichen Lebens.

Ganz dem Worte Gottes hingegeben ist die Wirksamkeit der zwei ersten, nahe zusammengehörigen Abtheilungen. Ganz auf dem Gebiete der ursprünglichen Diakonie bewegt sich die vierte Abtheilung. Bei der dritten Abtheilung ist es schwer zu sagen, ob sie mehr dem Worte oder mehr der leiblichen Hilfleistung gewidmet ist.

 Als die Gesellschaft mit ihrem Plane zuerst hervortrat, wurde ihr häufig zum Vorwurfe gemacht, daß die Zwecke der 4. Abtheilung zu sehr hinter den andern zurücktreten. Schon daß sie an der vierten Stelle standen, gefiel manchen nicht. Es liegt aber im Begriff der innern Mission, wie wir ihn faßen, daß sie an der vierten Stelle stehen und hinter den andern zurücktreten mußten. Die Werke der Diakonie, welche das Leibliche betreffen, konnten nun einmal unmöglich über die Werke des Presbyterats gestellt werden, welche unmittelbar das Heil der Seelen schaffen.

 Auch schien es manchen, wie wenn in einer schon vor Erscheinung des Correspondenzblattes gedruckten Erläuterung der einzelnen Geschäftskreise oder Abtheilungen der 4. Geschäftskreis zu kurz abgefertigt wäre. Als Hauptgrundsatz dieser Abtheilung war nemlich hingestellt: „Anregung localer Barmherzigkeit und helfender Weisheit, weniger eigenes Zugreifen der Gesellschaft für locale Zwecke. Sodann war der Abtheilung zu besonderer Pflicht gemacht, Kenntnis von allen Schriften und Anstalten zu nehmen, welche sich auf die socialen Uebelstände beziehen, das| Beste und Nützlichste bekannt zu machen, über Armen- und Krankenpflege zu belehren, in einzelnen Fällen zu rathen oder zu belehren. Vor Vielthuerei wurde gewarnt. Es schien nun hiemit, namentlich im Gegensatz zu der gewöhnlichen Auffaßung der innern Mission keineswegs zu viel, sondern zu wenig gethan. Da aber nach unsrer Anschauung die Geschäfte der 4. Abtheilung zur Diakonie gehörten, die Diakonie aber ein ganz auf den Ort beschränktes Gebiet hat, so mußten wir auf Erweckung localer oder gemeindlicher Liebe dringen und darauf beharren. Und da die 4. Abtheilung der Gesellschaft nur nach und nach und nur, wenn Gott es fügte, in eine Art von Archidiakonat über den gemeindlichen Diakonien eintreten konnte, so mußte ihr eine bescheidene, möglichst befähigende, ein langsameres Reifen zulaßende Stellung angewiesen werden. Der eine und andere unter uns hatte von Anfang an die bestimmte Ueberzeugung, daß die Abtheilung 4 nur dann gedeihen und zu größerer, weiterer Wirksamkeit heranreifen würde, wenn sie sich recht demüthig und willig in den ihr vorgezeichneten, oben erwähnten Weg ergäbe.
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 Hie und da wurde es uns auch zum Vorwurf gerechnet, daß wir streng auf confessionelle Entschiedenheit aller Teilnehmer drangen. Wie konnten wir aber anders sein, als wir sind und waren? Und wie konnten wir andere Theilnehmer als unsers gleichen annehmen, da Abtheilung 1–3 unsrer Gesellschaft ganz offenbar auf dem Gebiete der Confession stehen? Der uns über diese Art Beständigkeit Vorwürfe machen wollte, würde tauben Ohren predigen. Nicht einmal weise und verständig schiene uns derjenige, welcher auf dem Gebiete der innern Mission inconfessionell wäre. Nicht bloß mußten wir uns die engen Grenzen der Confession stecken, weil wir nach den uns voraussichtlich zufließenden Mitteln nur engere Grenzen zum Wirkungskreise machen konnten; sondern wir wußten auch ganz wol aus eigener und fremder Erfahrung, daß eine große Entschiedenheit in Lehre und Gesinnung nur desto tüchtiger zu That und Wirksamkeit| macht. Ganz abgesehen davon, daß nur bei der Wahrheit – und sind die Confessionen der lutherischen Kirche nicht Wahrheit? – die rechte Liebe wohnt. – Mag uns gleich um unsers getreuen Beharrens willen nur eine kleinere Schaar von Theilnehmern zufallen; wir sind desto einiger, und das gibt uns nach Gottes Willen eine desto größere Kraft. Auch fällt uns gar nicht ein, da und das zu wirken, wo und was wir nach unsrer Artung nicht können.
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 Endlich belächelte uns mancher, wenn wir bei gegebener Gelegenheit hervorhoben, wir seien kein Verein, sondern eine Gesellschaft. Es schienen so manchen die beiden Ausdrücke gar zu gleichbedeutend, als daß es der Mühe werth sein sollte, einen Unterschied zwischen ihnen aufzuspüren. Es ist nun wol möglich, daß wir in die Ausdrücke zu viel von unserm Sinn legten, indem wir sie schieden, wie wir thaten; aber das ist gewis, daß wir keinen modernen Verein, sondern eine Gesellschaft in dem von uns gegebenen Sinne gründen wollten. Ein Verein schien uns, so viel wir aus den so oft wiederkehrenden Erscheinungen des Tags ersehen konnten, ein Haufe Leute, die sich vorgenommen haben, irgend einem guten Zwecke zu dienen, – die nun zur Ermöglichung und Erleichterung ihrer Arbeit aus ihrer Mitte einen oder etliche der Menge verantwortliche Vereinsbeamte erwählen. Die Vereine haben alle eine demokratische Basis und leiden deshalb alle an oder unter der Wandelbarkeit der Menge und Mehrzahl, an einer Wandelbarkeit, die nicht zu vermeiden ist, und vor der man sich doch, was geistliche Sachen anlangt, sehr zu hüten hat. Dagegen verstanden wir unter Gesellschaft ein Häuflein zusammengehöriger, mit einander durchaus einverstandener Menschen, welche ein Unternehmen vornehmlich in dem Sinn und mit dem Vorsatz leiten, keiner fremdartigen Meinung Raum und Einwirkung zu gestatten. Sie wollen nicht bloß ihre Sache fördern, wie es am besten ist nach ihrer Erkenntnis, sondern sie auch nie andern überliefern als ihres gleichen. – Es ist bei dieser aristokratischen Form, wenn| man sie so nennen will, die Bildung einer heilsamen Tradition am leichtesten möglich. Bei Vereinen ist das kaum möglich – und ihre Entstehung trägt wegen der demokratischen Basis eine Weißagung und einen Keim des Todes in sich. Die meisten von den Männern, welche vornherein zu der Gesellschaft für innere Mission zusammentraten und, sie leugnen es nicht, einer falschen Richtung in der innern Mission entgegentreten wollten, hatten längst vorher schon einträchtig miteinander für die Zwecke der innern Mission gearbeitet. Es schien ihnen an der Zeit, öffentlich hervorzutreten und es Brüdern in weiteren Kreisen auf diese Weise möglich zu machen, Kenntnis von Ihrem Thun zu nehmen und sich allenfalls verstärkend anzuschließen. Sie hatten aber gar keine Lust, ihre Arbeit und von Gott gesegnete Wirksamkeit einem Verein von wechselnder Gestalt in die Hände zu legen und sichere Ueberzeugungen und Erfahrungen dadurch erst wieder in Frage zu stellen, daß man sie vom Stimmenmehr eines gemischten Vereins – denn gemischt sind Vereine am Ende doch fast immer – abhängig machte. Sie wollten vor wie nach wirken, weil ihr Tag noch währte, und sie Gott noch nicht von ihrer Aufgabe entbunden zu haben schien. Sie wollten bleiben, was und wie sie waren; aber sie suchten für ihre wachsende Arbeit Verstärkung an materiellen und geistigen Kräften. Das war die Absicht ihres Hervortretens in die Oeffentlichkeit. Der langjährige Besitzstand, eine langjährige Erfahrung, die allerdings gemacht wurde und gemacht werden mußte, schützt uns wol in Anbetracht unsers Zusammenschlußes und Hervortretens vor dem Vorwurf des Hochmuths und der Anmaßung, und wird auch denen, die am liebsten zu einer Sache von bereits erfolgtem Gedeihen helfen, nicht abschreckend, sondern vielmehr anziehend sein. Wir können nicht anders, wir müßen auf Vertrauen rechnen und Anspruch machen. Wir wollen auch gern den immer neuen Vorwurf des Hochmuths zu immer erneuter Seelenprüfung anwenden. – Uebrigens kann sich jedermann aus dem Nr. 1. des Correspondenzblattes vorgelegten Plan überzeugen, daß es auf| Herrschen nicht abgesehen ist. Vielleicht gewährt kein Verein seinen Theilnehmern eine so große Freiheit der persönlichen Bewegung, wie unsre Gesellschaft.

 Wir haben nun bisher die Erfahrung gemacht, daß unser Plan bei wahrhaft Gleichgesinnten Wohlgefallen fand. So gehen wir denn getrost vorwärts und harren der ferneren Hilfe Gottes. Es können neben uns Vereine auf Vereine entstehen; wir neiden und feinden gewis keinen an. Unser Publicum ist von der Art, daß es wolgefällig unsre Zwecke und unser Thun ansieht, es aus unsern Veröffentlichungen kennen lernt, in und bei der Sache bleibt und deshalb nicht leicht abgezogen werden wird. Unsre kleine Schaar, die ja doch auch immer um einen ernsten Christen nach dem andern wächst, geht ihren gewiesenen Weg auf wolgebahnter Straße, thut ihre Arbeit mit Freuden und ist seelenvergnügt, Gottes Frieden und seinen Beifall zu haben und zu schauen. Der HErr segne ferner die Gesellschaft und ihre Zwecke – und führe durch seinen Geist viele Christen zur konfessionellen Entschiedenheit: dann verstärken sie auch unsre Schaar, wenn sie von uns wißen, – oder, wenn sie von uns nicht wißen, haben wir doch gewonnen. Denn was wollten wir gerne, was lieber, als daß alle würden, wie wir, der kirchlichen Richtung ergeben, nur ohne unsre Sünden und Gebrechen! – HErr JEsu! Amen.





  1. Zu beziehen durch die Redaktion. Nürnberg, Tetzelgaße Nr. 703.


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