BLKÖ:Salm-Reifferscheid-Krautheim, Hugo Franz Altgraf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 28 (1874), ab Seite: 140. (Quelle)
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Salm-Reifferscheid-Krautheim, Hugo Franz Altgraf (Naturforscher, geb. zu Wien 1. April 1776, gest. ebenda am 27., n. A. am 31. März 1836). Ein Sohn des Altgrafen Karl Joseph, aus dessen erster Ehe mit Pauline Fürstin Auersperg. Die Kaiserin Maria Theresia hatte persönlich bei ihm Pathenstelle vertreten. In den Gymnasial- und philosophischen Gegenständen durch Privatunterricht ausgebildet, begann er dann in Wien an der Hochschule das Studium der Rechte, betrieb aber nebenbei mit großer Vorliebe das Studium der Chemie, des Berg- und Hüttenwesens und verwandter gemeinnütziger Kenntnisse, welches ihm in der Folge sehr zu Statten kam und ihn in die Lage setzte, bei verschiedenen Unternehmungen selbstthätig einzugreifen und sich nicht erst auf den guten Willen Dritter verlassen und von deren Ueberlegenheit in einer oder der andern Sache rücksichtslos [141] mißbrauchen lassen zu müssen. Als die großen Unfälle des Jahres 1796 Oesterreich mit großen Gefahren bedrohten, faßte S. mit seinen beiden Freunden Wenzel Graf Paar [Bd. XXI, S. 150, Quellen Nr. 17] und Wilhelm Friedrich Mayern [Bd. XVII, S. 179], dem Verfasser des seiner Zeit vielbesprochenen Buches Dya-na-Sore, den Plan einer allgemeinen Volksbewaffnung und der systematischen Ausbildung aller Classen von Staatsbürgern für Waffendienst und Landwehre, worüber der militärische Zunft-Kastengeist in nicht gelinden Aufruhr gerieth. In Folge dessen wurde auch der Plan der Ausführung wesentlich geändert und statt eines gewaltig imponirenden Volkes in Waffen wurde nur eine Truppe von 1800 Streitern auf den Fuß eines k. k. Füselier-Bataillons zusammengesetzt, welche im October 1798 ihren Marsch nach Italien antrat. Bei dieser Truppe befand sich S. mit seinen Freunden und vielen anderen Männern und Jünglingen aus hohen und vornehmen Familien. Auf dem Marsche zu Mantua’s Entsatze, wohin das Bataillon zunächst bestimmt war, zeichnete sich S. bei Bevilacqua und Anghiari ungemein aus, wurde aber mit dem ganzen linken Flügel von Alvinczy’s Armeecorps unter Provera gefangen. Als er zu Castellan vor dem Obergeneral Bonaparte den Sprecher seiner gefangenen, zum großen Theile angesehenen Familien Wiens angehörigen Kameraden machte und durch Unerschrockenheit und edlen Freimuth die Aufmerksamkeit des feindlichen Commandanten erregte, erfolgte bald darauf seine und seiner Gefährten Ranzionirung. Kaum frei geworden und nach Wien zurückgekehrt, trat er, noch augenkrank, als gemeiner Reiter in das Wiener Aufgebot unter dem Herzoge Ferdinand von Württemberg. Nach dem abgeschlossenen Frieden von Campoformio verließ aber S. den Waffendienst und widmete sich von nun an ausschließlich chemischen, mineralogischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien. Zunächst unternahm er Reisen zur Quelle des damals blühenden Mesmerismus in der Société harmonique zu Straßburg, nach Dresden und Berlin. Er verband sich mit Lalande, den er in Straßburg gefunden, mit Jacobi in Freiburg, Eckartshausen in München, Meißner in Prag, Gall in Wien, André in Brünn. Die Vergleichung der alten Chemiker mit den neuen war lange Zeit das Ziel seiner gelehrten Forschungen. In Wien unterstützte er den als Chemiker und Mineralogen bekannt gewordenen Dr. Woraschek, machte auch verschiedene, sehr gemeinnützige Versuche zur Belebung und Förderung vaterländischen Gewerbefleißes, darunter die unter fremdem Namen bekannt gewordenen Versuche in der Bereitung des Indigo. In Gemeinschaft mit Dr. Zarda in Prag und dem Apotheker Petke in Brünn erzeugte er den ersten Runkelrübenzucker, führte die Kuhpocken-Impfung in Mähren, ja man kann sagen, mit und neben seinem Freunde, dem Dr. Johann de Carro [Bd. II, S. 295], in Oesterreich ein und trat hierüber mit großem Erfolge als Volksschriftsteller auf. Er legte eine der herrlichsten und vollständigsten mineralogischen Sammlungen für Mähren an. Um eine sichere specifische Heilart gegen die Hundswuth aufzufinden, unternahm er höchst gefährliche Versuche mit tollen Hunden und mit einer für das Landvolk und Viehzüchter geschriebenen Abhandlung über die Löserdürre erregte er in den betheiligten Kreisen nicht geringes Aufsehen. Im Jahre 1801 unternahm[142] er in Begleitung des schon genannten Petke eine Reise nach England, nicht zum Vergnügen, sondern zu wissenschaftlichen und praktischen Zwecken, und wurde von Männern wie Banks, Hatchel, Nicholson, Rumford, Tenant in auszeichnendster Weise aufgenommen. Die Jennerian Vaccine Society nahm ihn damals unter ihre Mitglieder auf. Ueberdieß war die Ausbeute dieser Reise nach mancher Richtung wichtig genug; so brachte er aus England das Geheimniß mit: Tuch, Leder u. s. w. wasserdicht zu machen, ermittelte nebst dem vollständigen Verfahren bei Bereitung des Gußstahls auch noch einen, die Güte desselben mächtig steigernden Zusatz, verschaffte sich richtige Zeichnungen und Beschreibungen der englischen Schafwollmaschinen, welche in der österreichischen Monarchie bisher ganz unbekannt waren, enthüllte das Verfahren bei der geheimgehaltenen englischen Filtrirmaschine und überdieß zahlreiche Fabriks- und Handwerksvortheile. Von seiner Heimreise nahm er eine Fülle schöner Erinnerungen mit an Klopstock, Reimarus, Leonhard Wächter (Veit Weber) in Hamburg, Wollstein in Altona, Marcus Herz in Berlin, endlich [Johann Gottlieb Fichte|Fichte]] und Blaarer, seinem ersten Religionslehrer, den er in Berlin wiederfand. Nach seiner Rückkehr nach Brünn strebte er, die ersten Schafwollmaschinen in Oesterreich zu erbauen, wo bis dahin nur Leitenberger [Bd. XIV, S. 334] in Böhmen Baumwollmaschinen errichtet hatte. Im Jahre 1806 führten ihn wichtige Familienangelegenheiten nach Frankreich, um dort die Aufhebung der von Napoleon verfügten ungerechten Sequestration auf sein Stammgut Salm in den Ardennen zu erlangen. Bonaparte bot ihm dieselbe nebst einer glänzenden Anstellung am Hofe an, wenn er dem deutschen Vaterlande völlig entsagen und als Franzose sich naturalisiren lassen wolle. Mit Unwillen verwarf S. diesen Antrag, ließ sein Stammgut im Stiche und kehrte nach Oesterreich zurück, wo er nun die Administration der Güter seines Vaters übernahm, welche ihm dieser im Jahre 1811 ganz in’s Eigenthum abtrat. Nun widmete er sich mit Leib und Seele der Verbesserung seiner ausgedehnten Besitzungen, führte die entsprechenden Neuerungen auf den berühmten Eisenhütten, die ihm angehörten, sowie einen den Forderungen der Zeit entsprechenden rationellen Betrieb der Landwirthschaft, in der Viehzucht und Köhlerei ein. Aber nicht seinen eigenen Besitz allein behielt er im Auge. Als Director und einer der thätigsten Gründer der mährisch-schlesischen Ackerbau-Gesellschaft war er vornehmlich auch als Förderer ihrer Zwecke unermüdet. Im Jahre 1815 stiftete er in Gemeinschaft mit Joseph Grafen Auersperg, damaligen Appellationsgerichts-Präsidenten in Brünn, daselbst das Franzens-Museum. Bei seiner langjährigen Verbindung mit Hormayr [Bd. IX, S. 277] und Mednyánßky [Bd. XVII, S. 244] nahm er lebhaften und werkthätigen Antheil an deren historischen Arbeiten und Forschungen, wie er denn auch sonst für die Interessen der Kunst, industrieller Unternehmungen mit Wort und That einstand. Schon frühzeitig war S. in verschiedensten Richtungen und mit großem Erfolge als Volksschriftsteller aufgetreten und zahlreiche Aufsätze seiner Feder sind in der Bibliotheque britannique, im Reichsanzeiger, in den Annales de Chymie und in anderen periodischen Blättern, meist technologischen Inhalts, abgedruckt. Selbstständig sind von ihm folgende Schriften herausgegeben [143] worden: „Was sind die Kuhpocken eigentlich und wozu nützen sie?“ (Brünn 1801, 3. Aufl. 1808); – „Sur l’administration rurale en Bohéme etc.“ (Lüttich 1804), ein Commentar der Instruction des Erzherzogs Karl für die Cameralgüter-Administration; – „A german, first Inventar of the Thermolampe, with a short account of the great Thermolampe in Moravia“ (London 1809, mit K. K.). Altgraf Salm war, wie es aus vorstehender Skizze ersichtlich, einer von jenen heutzutage seltenen, aber zu seiner Zeit doch noch häufigeren Cavalieren, welche die Aufgabe ihres Standes, die Besten und Edelsten im Staate zu sein, dem vollen Wortsinne nach erfaßten. Die Ueberschwenglichkeiten und Grillen seiner Zeit, wie Maurerei, Rosenkreuzerei, Goldmacherei u. dgl. m.. halfen ihm insoweit, als er dadurch Gelegenheit bekam, in Chemie, Berg- und Hüttenwesen Ausgezeichnetes zu leisten und, wie einer seiner Biographen schreibt, der Rumford Oesterreichs zu werden, wie man seinen ebenso menschenfreundlichen, ebenso thateifrigen Freund Grafen Leopold Berchtold [Bd. I, S. 291] den Howard Oesterreichs genannt. Wenn auch nicht immer unbefangen in seinem Urtheile – Beweis dafür ein in einem Schreiben ddo. Wien 15. Februar 1832 an Karoline Pichler ausgesprochenes Urtheil über Börne’s Briefe aus Paris – so war er doch ein hellsehender, seiner Zeit weit vorausschauender Denker, ebenso scharfsinnig als originell. Wie treffend und die Gegenwart ahnend sind seine Zeilen über Karoline Pichler: „Ihre Werke sind wahre Exempelbücher der Tugend. Diese, beglückt oder auf Jenseits für den Ersatz angewiesen, ist mit den Farben der Angelica Kaufmann lieblich gemalt. Frommt das aber unserer Zeit? Sehen die meisten Menschen nicht den Regenbogen mit halbverschlossenen Augen gleichgiltig an? Warnungstafeln, diese sind es, deren wir bedürfen: „Kienruß, Okergelb, Zinnober, die erschüttern die Phantasie, und da leider die Liebe nicht herrscht, sollte man den Schreck anwenden zum Bessern, zum Bewahren. Schildern Sie doch einmal das Laster mit Sorgfalt, mit der Sie die Tugend schilderten. Die Geschichte bietet Ihnen Stoff genug dazu. Zeigen Sie recht abschreckend, wie die Hölle im Innern des Ehr-, Macht- oder sonst nach Etwas Geizigen, dem Alles gelingt, dem Alles huldigt, diesen dennoch zum Unglücklichsten der Menschen macht, so oft er den Blick von außen abwendet und nur einmal in den Sodoms-Pfühl seines Innern blickt. Das müßte wirken, und wahrlich, wir bedürfen jetzt starker galvanischer Erschütterungen, um von manchem Wahne zurückzukommen“. (S. hat richtig vorausgesagt, was uns noth thut, aber daß daraus die Räuber- und Galgenromantik sich entwickeln solle, wie es leider der Fall, hatte er nicht gemeint.) Für seine Verdienste um den Staat wurde S. mit dem Commandeurkreuze des Leopold-Ordens, einer damals selbst in den hohen Kreisen seltenen Auszeichnung, geschmückt. Die wissenschaftliche Welt würdigte sein edles Wirken dadurch, daß ihn zahlreiche gelehrte Gesellschaften und Vereine unter die Zahl ihrer Mitglieder aufgenommen haben. Der Graf war seit 6. September 1802 mit Maria Josepha gebornen Gräfin Maccafry-Keanmore vermält, aus welcher Ehe drei Söhne, einer noch im Jahre der Geburt gestorben, entstammen. Den im Alter von 60 Jahren verstorbenen Grafen überlebte außer seinen beiden Söhnen Hugo Karl und Robert Anton sein eigene [144] Vater Karl Joseph, der das seltene Alter von 88 Jahren erreicht hatte. Vergleiche die Stammtafel.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1836, außerordentl. Beilage vom 20. April, Nr. 178 u. 179. – Der Aufmerksame (belletr. Beilage der Gratzer Zeitung (Gratz, 4°.) 1816, Nr. 95. – Czikann (Joh. Jak. Heinr.), Die lebenden Schriftsteller Mährens. Ein literarischer Versuch (Brünn 1811, Traßler, 8°.) S. 129. – d’Elvert (Christ. v.), Notizenblatt der histor. statistischen Section der k. k. mähr, schles. Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde (Brünn, Rohrer, 4°.) 1855, Nr. 7, S. 58, im Aufsatze: „Die bisherige Pflege der Meteorologie in Mähren und Schlesien“, von d’Elvert [geschieht der sorgfältigen meteorologischen Aufzeichnungen Salm’s Erwähnung]. – Derselbe, Geschichte der k. k. mährisch-schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde u. s. w. Mähren und Schlesiens (Brünn 1870, Rud. M. Rohrer. gr. 8°.) Beilage S. 128. – Frankl (Ludwig Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrgang (1842), S. 270: „Briefe einiger ausgezeichneter österreichischer Männer“, mitgetheilt von Caroline Pichler. – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) VII. Jahrgang (1816), Nr. 83, 84 u. 85: „Biographische Skizze“. – Miltner (Heinrich Otokar), Beschreibung der bisher bekannten böhmischen Privatmünzen und Medaillen. Herausgegeben von dem Vereine für Numismatik zu Prag. Beschrieben von – – (Prag 1862 u. f., J. Neumann, 4°.) S. 488. – Mittheilungen der mähr.-schles. Gesellschaft für Ackerbau u. s. w. (Brünn, 4°.) 1836, Nr. 33. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 467. – Medaille. Avers: Büste. Am Abschnitt: J. D. Boehm f.(ecit). Umschrift: Franz Hugo Altgraf zu Salm-Reifferscheid. Unten nach außen in zwei Zeilen: Geb. 1. April 1776 | gest. 31. März 1836. Revers. In einem Eichenkranze die Inschrift: Durch | tiefes Gemüth | ernstes Streben, für | Wissenschaft, Wahrheit | und Menschenwohl |. Den Freunden | dem Vaterlande | unvergesslich. – Porträt. Unterschrift: Hugo Franz | Altgraf zu Salm-Reifferscheid-Krautheim | Herr der Herrschaften Raitz, Jedownitz und auf dem Lehen Blansko in Mähren; k. k. Kämmerer, | Commandeur des österr. kais. Leopold-Ordens etc. etc. | Geboren am 1. April 1776; gestorben am 31. März 1836. Unterm Bildrande: Bl. Höfel sc. Wr. Neustadt. Unterm Titel: Gedruckt auf der Buchdruckerpresse bei B. Rohrer in Brünn.