BLKÖ:Stadion-Warthausen, Johann Philipp Karl Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 37 (1878), ab Seite: 37. (Quelle)
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Stadion-Warthausen, Johann Philipp Karl Graf (Staatsmann, geb. 18. Juni 1763, gest. zu Baden bei Wien, in der Nacht vom 14./15. Mai 1824). Von der fridericanischen Linie. Der jüngste Sohn des Grafen Franz Conrad, aus dessen Ehe mit Luise Johanna, geborenen Freiin Zobel von Giebelstadt, und Bruder Friedrich Lothars [s. d. S. 35]. Zugleich mit ihm erzogen, und in inniger brüderlicher Liebe mit ihm verbunden, trat er, nachdem der ältere Bruder zu seinen Gunsten entsagt, in die Rechte der Erstgeburt. Johann Philipp betrieb mit besonderem Eifer das Studium der Geschichte und Staatskunst, und vertiefte sich mit allem Ernst in die Staatshandlungen und Unterhandlungen der drei letzten Jahrhunderte und der französischen Memoirenwelt. Als er nach längeren Reisen mit seinem Bruder nach Wien gekommen, gewann er bald die Neigung des Fürsten Kaunitz, der ihn in der diplomatischen Laufbahn verwendete. 1787 ging Johann Philipp, ein damals 24jähriger Jüngling, als k. k. Gesandter nach Stockholm, wo er bis 1789 blieb, alsdann nach London, wo er seit dem Regierungsantritte des Kaisers Leopold II. in der Eigenschaft eines außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers beglaubigt war. In London verbrachte der Graf vierthalb Jahre, und sein Lebenlang gedachte er dieser Zeit mit Freude und Erhebung. Seiner damaligen Thätigkeit verdankte er die Kenntniß der außereuropäischen Verhältnisse, der großen Interessen des Handels und der Schifffahrt. Mit Begeisterung sprach er stets von diesen Helden der Seemacht, von dem Geist und der Zucht der Marine, von dem altrömischen Pitt, von Fox’s und Burke’s alter Freundschaft und plötzlichen Entzweiung, von den großen Rednern des Parlaments. Ein unangenehmer Vorfall im Dienste brach plötzlich des Grafen diplomatische Laufbahn in England ab, an dessen Beitritt zum Bunde wider das königsmörderische Frankreich er wesentlichen Antheil hatte. Der neue Minister des Aeußern Graf Thugut fand eben so wenig Geschmack an Stadion, wie [38] Stadion an ihm. Der bisherige Botschafter am Tuillerienhofe Graf Mercy d’Argenteau [Bd. XVII, S. 391] hatte, nachdem die Revolution aus bisher glimmender Lohe in helle Flammen emporschlug, und nach allen Seiten über Europa sich ausdehnte, den ihm lieb, ja zur zweiten Heimat gewordenen Aufenthalt in Paris, mit London vertauscht, und daselbst nun die wichtigsten Unterhandlungen mit den Ministern Georg’s III. zu führen begonnen. Das konnte nicht ohne Weisung von Wien geschehen. Graf Stadion seines Werthes sich bewußt, und wie später sein Sohn Franz an der Maxime haltend: „Der Mann für den Dienst, und nicht der Dienst für den Mann“, wollte da gar nicht mehr sein, wo er nicht mehr der Mann des Vertrauens war, forderte von Thugut seine Zurückberufung und erhielt sie. Er lebte nun die nächstfolgenden Jahre 1792–1797 fast völlig zurückgezogen von allen öffentlichen Geschäften, abwechselnd in Regensburg, dann auf seinen Gütern, und zum Theil in Wien. In dieser Zeit waren die Brüder Friedrich Lothar und Johann Philipp fast immer beisammen. Auch fällt in diese Zeit die Vermälung des Grafen mit seiner Muhme Maria Anna, einer Tochter des Grafen Johann Georg Stadion von der Linie Thannhausen, welche am 22. Jänner 1794 statthatte. Nachdem Thugut Ende 1800 sein Portefeuille niedergelegt, Wien verlassen, und von allen öffentlichen Angelegenheiten auf seine Güter sich zurückgezogen, machte sich die Nothwendigkeit, viele Gesandtschaften, namentlich jene an den deutschen Höfen, neu zu besetzen, und mit Preußen ein besseres Einvernehmen herzustellen vor Allem geltend, und Graf Stadion erhielt von dem damals die Angelegenheiten des Wiener auswärtigen Amtes leitenden Fürsten Ferdinand Trautmannsdorf die dringende Einladung nach Wien. Der Graf folgte derselben ohne zu zögern, und trat sofort wieder in die Geschäfte. „So wenig er“, schreibt einer seiner Biographen, „die Gefahren der Zeit leichtsinnig übersah, so wenig er geneigt war, Unmündigen Gift als Zuckerwerk in den Händen zu lassen, so entschieden war ihm ein Gräuel, die seit Jahren übliche Verballhornung alles inländischen Talentes und Freisinnes, das Verbot oder die Verstümmelung der allerschönsten Zierden deutscher Art und Zunge. [Ansichten, welche sein Sohn Franz vollends von dem Vater übernommen]. Stadion äußerte diese seine Ansichten um so unumwundener, eben weil er nach Berlin, jener Stadt, welche ihrer Intelligenz wegen immer obenan genannt wurde, abgehen und dort die durch langes Mißtrauen und diplomatische Ränke ganz zersetzten Verhältnisse wieder herstellen sollte. Daselbst vergingen dem Grafen zwei Jahre unter den unerquicklichsten Geschäften, da die Indemnisations- und Säcularisations-Angelegenheiten, alle möglichen Reibungen und Zwischenfälle hervorriefen. Von Berlin begab sich der Graf im Jahre 1803 auf den Gesandschaftsposten nach St. Petersburg, von welchem der Graf Saurau [Band XXVIII, Seite 279] abberufen wurde. In St. Petersburg verknüpfte ihn enge Freundschaft mit einem der geist- und charaktervollsten Staatsmänner, welche die deutsche Nation je gehabt, mit dem Grafen Münster; dort betrieb der Graf die dritte Coalition gegen Napoleon, während Metternich dieselbe zu Berlin einleitete, und [39] begleitete darauf den Kaiser Alexander zum Heere. Nun kehrte er nach Wien zurück, und die wenigen Tage, welche er mit dem General, nachherigen Banus von Croatien, Ignaz Grafen Gyulay [Bd. VI, S. 77] und dem Grafen Haugwitz in dem feindlich besetzten Wien verlebte, schalt er mit glühender Scham und heiligem Zorn die düstersten seines Lebens. Nach dem Preßburger Frieden, 26. December 1805, übernahm der Graf das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, und nun ging er entschieden und energisch an die Ausführung. Eine das mit geistiger Versumpfung bedrohte Völkerleben Oesterreichs mit neuen Hoffnungen belebende That war seine im Verein mit Baldacci [Bd. I, S. 131] eifrigst betriebene Kundmachung vom 6. Februar 1806, welche die Lösung von Geistesfesseln und allseitige Förderung jedes rühmlichen und gemeinnützigen Strebens feierlich verhieß. Man dachte jetzt ernstlich daran, die einheimischen Talente zu wecken, nicht, sie möglichst lange zu ignoriren, zu verkleinern, und nach dem ersten Herbstessonnenblick unwilligen Lobes, bei der geringsten Unregelmäßigkeit, wieder mit Achselzucken und Fußtritten abzutreiben. Stadion war, wie ein Geschichtsschreiber jener Tage schildert, ohne Furcht vor den alten Nationalsprachen der Čechen und Magyaren. Nie waren bisher die Quellen freigebiger geöffnet. Es wurde dem Centralisiren, das den Provinzen alle Mittel nahm, um sie sammt und sonders in der Residenz gleich anderen Raritäten und Luxusartikeln aufzuspeichern, ein Ziel gesetzt. Von damals datiren die Anregungen der Provincial-Museen. Bis auf die Liebhabertheater war vordem jeder Verein unterdrückt, gehemmt oder als ein bedenklicher Conspirationskeim mit argwöhnischer Furcht überwacht worden. Jetzt beförderte die Regierung wohlthätige, wissenschaftliche oder sonst patriotische Vereine. „Volle Freiheit für die Bücher, keine Freiheit für Blätter“, sagte Stadion oft! Was wäre aus Oesterreich da geworden, wie Achtung gebietend und Front machend nach allen Seiten stünde es heute da, wenn nie von dem Geiste Stadion’s abgewichen worden wäre! Noch einen Gedanken, und darin von seinem Bruder Friedrich Lothar auf das mächtigste unterstützt, barg der große Staatsmann in seiner Seele, die Wiederbelebung der ständischen Verfassungen, nämlich der alten geschichtlichen, bei jedem Regierungswechsel neu verbrieften aristokratischen Stände, mit Rücksicht auf das zeither in stetiger Progression vermehrte Gewicht des dritten Standes und der Geldmacht. Dadurch gewann man eine neue Bürgschaft zu Gunsten des Credits, willig vermehrte Finanzhilfsquellen. gesteigerte Theilnahme am öffentlichen Leben, an Selbständigkeit, Dynastie und Ehre, Wachsamkeit gegen unnöthige Verschwendung im großen militärischen Haushalt, für polizeiliche und diplomatische Gespinnste, deren ersteren er immer abhold war, und von letzteren in einer Zeit, wo das Schwert sprach, nur wenig erwartete. Aber diese ständischen Ideen fanden gleich bei der allerersten Anregung wenig Anklang, so daß der Graf, die erst im Gedanken entstandenen, und noch nicht völlig gereiften Pläne, auch bald wieder fallen ließ, sie vielleicht einer besseren Zeit vorbehaltend, die freilich erst Jahrzehende nach ihm, und nicht auf ruhigen Geleisen, sondern auf den Sturmwogen der Revolution daher brausen sollte. Hingegen arbeitete er rüstig nach anderen [40] Seiten, für alles Große, Fruchtbare und Menschenbeglückende, jeder Aufopferung fähig. Innig und liebevoll gegen seine Untergebenen, wußte er der umgebenden Welt gleichsam den Stempel seines Geistes aufzuprägen, und so zuerst 1809 dem Kriege gegen Frankreich die nationale, ja europäische Richtung zu geben. Als aber auch die von ihm im Stillen vorbereiteten Mittel sich unzureichend erwiesen, wußte er selbst in diesem Unglück die Ehre Oesterreichs aufrecht zu erhalten. Es muß dabei bemerkt werden, der Krieg war gegen Stadion’s entschiedenes Abrathen unternommen worden. Als endlich die Würfel gefallen waren, hatte er auf eine Erhebung im deutschen Volke gezählt; diese war nicht nur unterblieben, sondern dem Unterdrücker waren ansehnliche Streitmassen aus Deutschland selbst gefolgt. Die Opfer, welche das überwältigte Oesterreich brachte, waren schwer. Aber als am 14. October 1809 der Wiener Frieden abgeschlossen, zog sich der Graf von allen Geschäften zurück und übergab dem Grafen Metternich das Ministerium. Er selbst begab sich auf seine Güter. Damals war man allgemein der Ansicht, daß Metternich, zu jener Zeit Gesandter in Paris, im Gegensatze zu Stadion, der Alles that, um den Krieg zu hintertreiben, für welchen er Oesterreich noch nicht genügend gerüstet fand, vornehmlich beflissen gewesen sei, den Krieg herbeizuführen. Als nun Metternich an Stadion’s Stelle berufen worden, hätte dieser die merkwürdige – den ganzen Antagonismus beider Staatsmänner bloslegende – Aeußerung gethan: „Könnte ich diesen abgründlich leichtsinnigen Lebemann eines so ernsten und festen, fast altrömischen Gedankens fähig erachten, ich hätte wahrhaftig geglaubt, er habe diese Riesenglut entzündet, die jetzt in ihrer Asche noch furchtbar drohend verglimmt, blos in Gier, mein Portefeuille an sich zu reißen, und auf meinem Platze zu stehen.“ Bis 1812 blieb der Graf den Staatsgeschäften fern, nun aber, da die Dinge ihrer Erfüllung entgegenreiften, wurde er wieder nach Wien berufen, um an allen wichtigen Berathungen und Verhandlungen bei der nunmehr eingetretenen Krise sich zu betheiligen. Nach der Schlacht von Lützen, 2. Mai, wurde er in das russisch-preußische Hauptquartier entsendet, wo er während des Waffenstillstandes den 4. Juni den Beitritt Oesterreichs zur großen Coalition unterhandelte. Zu Reichenbach 27. Juni 1813 unterzeichnete er den Vertrag, wodurch Kaiser Franz sich verpflichtete, an Frankreich den Krieg zu erklären, wenn nicht bis zum Ablauf der Waffenruhe die von Oesterreich aufgestellten Bedingungen angenommen würden. Dann nahm er an den Verhandlungen zu Frankfurt, am Congreß zu Chatillon Theil. Auch bei dem Friedensschluß zu Paris war der Graf thätig. Alsdann kehrte er nach Oesterreich zurück, und mußte 1815 als Finanzminister die schwierigste der Aufgaben unternehmen. Dieses Departement war ihm ganz fremd, dabei die Finanzen nach einem 23jährigen Völkerkriege, der die riesigsten Opfer verlangt hatte, in einem Zustande der Erschöpfung und Verwirrung ohne Gleichen. Mit einer Ueberwindung, ja Selbstaufopferung ging Stadion an seine schwierige Aufgabe. Zunächst war seine Absicht, das Papiergeld dem Umlaufe zu entziehen, dasselbe in eine verzinsliche Staatsschuld umzuwandeln, und die Circulation der edlen Metalle herzustellen. Um den Uebergang möglichst [41] schonend durchzuführen, ward die Umwandlung des Papiergeldes in verzinsliche Staatspapiere, in Gestalt freiwilliger Anleihen, sogenannte Metalliques, gekleidet. Zugleich bemühte sich der Graf, durch zweckmäßige Institutionen dem Handelsverkehre eine leichte und belebte Geldcirculation zuzuwenden, und den durch das Jahr 1811 in seinen Grundvesten erschütterten Staatscredit zu befestigen. Zu diesem Ende wurde eine Nationalbank und ein Tilgungsfond geschaffen. Auch wurden die Staats-Ausgaben beschränkt und genau bestimmt. Den Schluß dieser eingreifenden und wohlthätigen Reformen sollte eine nach vernünftigen national-ökonomischen Grundsätzen eingerichtete Steuerverfassung bilden. So hatte sich denn, unter des Grafen umsichtiger Führung, der Credit des österreichischen Staates wieder gehoben, und dem Grafen selbst war es noch gegönnt, einen Theil der ersprießlichen Wirkungen seiner Einrichtungen zu erleben. Als der Graf im J. 1824 starb, zählte er erst 61 Jahre, zu früh ward er dem Gedeihen des Staates, den er in allen Stellungen, welche er bekleidet hatte, fördern half, mit dessen Unfällen und schweren Bedrängnissen er selbst am schwersten mitlitt, für dessen Größe und Machtfülle im Rathe der Völker er mit staatsmännischem Vollbewußtsein einstand, entrissen. Der Kaiser, die Verdienste des Staatsmannes würdigend, ließ der Witwe des Verewigten einen jährlichen Gnadengehalt von 6000 fl. anweisen. Schließlich sei noch bemerkt, daß der Graf neben den höchsten Ordenszeichen auch jenes des goldenen Vließes trug. Als der Graf gestorben, wurde allgemein der Wunsch nach einer würdigen Biographie desselben ausgesprochen. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Aus seiner, bereits im Laufe dieser Skizze erwähnten Ehe mit seiner Muhme hatte der Graf acht Kinder. Vier Söhne und vier Töchter. Von letzteren vermälte sich Gräfin Sophia Ludovica mit Franz Anton Grafen Magnis [Band XVI, S. 268], Maria Charlotte Adelheid mit Karl Grafen Lanckoroński [Bd. XIV, S. 65]. Ueber des Grafen Söhne Wilderich Walter, Franz Seraph und Rudolph Philipp Joseph vergleiche die besonderen Biographien S. 45[WS 1], S. 1, S. 33, Nr. 19. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Graf Johann Philipp Karl auch ein großer Kunstfreund war. Beweis dafür, seine in der Himmelpfortgasse Nr. 964 (alt), aufgestellte Bildersammlung, welche Werke ganz ausgezeichneter Künstler enthielt, darunter gleichsam als Perle der Sammlung ein „Bacchanal“ von Honthorst. Was mit dieser Sammlung geworden, ob sie noch im Besitze der Familie, ist mir nicht bekannt.

Stadion’s Charakteristik. Es ist schwer, die beiden Brüder Friedrich Lothar und Johann Philipp, die sich gegenseitig ergänzen, getrennt zu charakterisiren, denn so verschieden beide in ihrem Wesen waren. sie hatten Vieles gemeinschaftlich. Grotesk eigenthümlich ist die Schilderung Hormayr’s, welche er von beiden Brüdern entwirft, die aber uns Epigonen noch immer ermöglicht, sich diese beiden großen Staatsmänner in ihrer Eigenart und Gemeinsamkeit recht lebendig vorzustellen. „Das Gräulichste für die Stadion’s“, schreibt Hormayr, „war eine „an den Blicken ihrer Herrn alternde“, in Vorzimmern und Vestibülen nistende Camarilla oder Privados (Günstlinge, Vertraute) nach dem Verluste der dinglichen Rechte sich an den persönlichen um so fester klammernd, als an den Fleck des Archimedes außer der jetzigen Welt, Revanche nehmend aufwärts gegen den Hof, abwärts gegen das Volk! Ein ehemaliger Lermascher Lacquai als Marquese [42] Siete des Iglesias, und unumschränkter Beherrscher Spaniens, ein Ensenado (von sich nichts), oder ein nordischer Leibkutscher als Graf und Oberst, ein Leibbarbier als Fürst, hatte den Stadion’s Zuckungen gekostet: Edle Herzen, aller Willkür feind am meisten den Günstlingslaunen und dem Minister-Despotismus. Doch war die an sich schöne und in ihrer Zeit sehr begreifliche Richtung nicht ohne Schattenseite. Friedrich von Natur heftiger, wie schon sein stechender Blick, sein hüpfender Gang und alle seine Bewegungen zeigten, die noch in Rastadt den naseweisen Franzosen nur ein schwätzendes, schwänzelndes, tänzelndes Elsterlein in dem überlegenen Mann erblicken ließen, war in alle zeitgemäßen Ideen er schon eingegangen. Seine Stellung in der Regierung brachte ihn unter alle Classen. Als Geistlicher lagen ihm jene Gleichheits-Ideen näher, durch die das Christenthum die Barbarei zuerst gemildert hat. Daß ein Domgraf von Cöln oder Straßburg, ein Deutschordens-Comthur, ein Ritterhauptmann und ein Bürger von Nürnberg oder Ulm, ein schwäbischer oder fränkischer Bauer, Einer ein Mensch wie der Andere sei, das ist Philipp Stadion wahrscheinlich nie ganz klar geworden. Hätte er sich auf Naturgeschichte geworfen, gewiß würde er viele Zeit zugebracht haben, diesen Sprung in der Linéischen Classification auszufüllen.... Unter dem Absolutismus ist jeder nur das, was der Fürst will, und nur so lange er’s will, heute von Allen umkrochen, morgen von Allen geflohen. Das wußte Philipp Stadion nicht zu vereinbaren mit Vaterland und Ehre! Die beiden Worte lauten ihm gar hell und rein, wie die freie Bergluft des Mettenglöckleins Klang hoch über den Qualm der Städte, über Triften und Seen trägt. Er war eben das Gegentheil eines Servilen, ein wahrer und ganzer Aristokrat, der Annäherung und Ausgleichung keineswegs unzugänglich, und im geschichtlichen, staatsrechtlichen und staatswirthschaftlichen Zusammenhang seiner Idee, selbst in seinen angebornen Vorurtheilen ehrwürdig.“ – Weiter schreibt Hormayr: „Es ist nach unserem Gefühl ein Irrthum, den 15. Mai 1824 für Stadion’s Todestag zu halten. Sein wahrer Todestag fällt schon auf den Morgen des 25. April 1809 zu Schärding im Vorzimmer des Kaisers Franz, als der Flügeladjutant Graf Max Auersperg ankam. mit der Schreckenspost der Niederlage des Hauptheeres, des verlustvollen Rückzuges über die Donau in die böhmischen Wälder, und der Gefahr Wiens! À present tout est perdu, mon Dieu, mon Dieu, tout est perdu! rief Stadion halb ohnmächtig hinsinkend. Man hat vom plötzlichen Kleinmuth des vor Kurzem noch so hoffnungsreichen Stadion in diesem Momente gesprochen: Es ward ihm schrecklich klar, nicht blos die Schlacht, der ganze Krieg, wie er in seinem Geiste lag, sei schon so wenige Tage nach dem Ausbruche völlig verloren, die Begeisterung erkaltet, die Nachfolge gehemmt, die Freunde preisgegeben! Eine ruhmvolle Vertheidigungs- und Opferschlacht, vereinzelte Siege der Bravour des gemeinen Mannes oder der tapferen Volkstreue über so manche Insufficienz der Anführung machten Stadion nicht irre. Doch dieselbe pflichttreue Strenge, mit welcher er in den größten podagrischen Schmerzen seinem Vortrage aufhorchte, und ungestört Wichtiges fortarbeitete, bewährte er auch jetzt in dem nachtheiligen Säumen zu Budweis, auf dem langsamen Marsche ins Marchfeld an die Wiener Brücken; in der allzuhäufigen Meinungsverschiedenheit der beiden Hauptquartiere von Wolkersdorf und Wagram, wie nach dem Znaimer Waffenstillstand und dem Commandowechsel in Littau, in den Hoflagern zu Komorn und Totis, bis die Gewißheit des nahen Friedens sein wiederholtes Entlassungsgesuch herbeiführte. Wer ihn ein paar Stunden darauf, auf Pferde nach Prag wartend, auf dem Walle Komorns spazieren gehen sah, und ihn von den allergewöhnlichsten Dingen (nur nicht von Politik und Krieg) reden hörte, traute ihm gewiß eine römische Selbstbeherrschung zu. Aber seit jenem dies nefaustus in Schärding war eine Bitterkeit in Stadion’s Inneren, die bis an sein Ende sich bald in der allerflachsten, menschenverachtenden Frivolität, bald in einfach und herrisch hingeworfenen Sarkasmen Luft machte, und gar oft seine eigene Stellung als Finanz-Minister, einen ihm bisher fremden und unwillkommenen Beruf, durchaus nicht schonte. Ein zweischneidiges Schwert war ihm durch die Seele gegangen.“ Die Stadion’s sind immer Deutsche geblieben. Sie waren eingefleischte Reichsglieder. Sie suchten in Wien nur den deutschen Kaiser, den Bewahrer der Gesetze, den Vertreter der [43] alten großen Erinnerungen, das Sinnbild und den Verfechter deutscher Ehren gegen das Ausland. Wäre eine Vermittlung zwischen der alten und neuen Zeit möglich gewesen, die beiden Stadion waren unstreitig treffliche Werkzeuge dazu (wie später Johann Philipps Sohn Franz zur Vermittlung der vor- und nachmärzlichen Aera in unblutiger Weise). Wie in einer ähnlichen Uebergangs-Epoche Max I. und seine Freunde, könnten auch die beiden Stadion mit Fug und Recht „die letzten Ritter“ heißen.
Familienbuch des österreichischen Lloyd (Triest, 4°.), Bd. VIII, (1858), S. 300, im Artikel: „Geschichtliche Nachrichten aus Schwaben, von dem gräflichen Hause Stadion“. [Diese Quelle würde hier nicht erwähnt werden, wenn es sich nicht um Berichtigung eines groben und störenden Fehlers handelte. Graf Johann Philipp wird hier Friedrich Stadion genannt, was um so leichter zu Irrthümern führt, als um seine Zeit, außer seinem Bruder Friedrich Lothar, noch andere Stadion’s mit dem Namen Friedrich, so z. B. der Bamberger Domherr von der Linie Thannhausen, lebten]. – Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. (Jena 1844, Friedrich Froman, gr. 8°.). Zweite Abteilung, zweite Auflage, S. 36; erste Abtheilung S. 23 und 55. – Mailáth (Johann Graf), Geschichte des österreichischen Kaiserstaates (Hamburg 1850, Franz Perthes, 8°.) Bd. V, S. 273, 276, 323, 382. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.), Zweite Abtheilung, Bd. IX, Seite 1308, Nr. 5. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofes und Adels, und der österreichischen Diplomatie (Hamburg, Hoffmann u. Campe, kl. 8°.) Bd. IX, S. 209. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, B. F. Voigt, kl. 8°.) II. Jahrg. (1824), S. 1142. – Oesterreichisches Archiv für Geschichte, Erdbeschreibung, Staatenkunde u. s. w. Herausgegeben von Johann Ridler und Karl Veith (Wien, 4°.), III. Jahrg. (1833), Nr. 120: „Ein Beitrag zur Biographie des Grafen Stadion“. [Ein Schreiben des Grafen an Herrn von Hammer ddo. 26. März 1808, in Betreff einer Zeitschrift. (Vaterländische Blätter?)]. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 120. – Schlosser (F. C.), Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts und des neunzehnten bis zum Sturze des französischen Kaiserreichs (Heidelberg, Mohr, 8°.) Dritte Aufl., Bd. VI, S. 595: „Schließt 1804 einen Vertrag zwischen Oesterreich und Rußland ab“; – S. 655: „Gegner Napoleons“; – S. 664 u. f. 669: „Stellung nach der Schlacht von Austerlitz“; – Bd. VII, S. 462, 475: „Gehört zur antifranzösischen Partei“; – S. 464: „Verhältniß zu Gentz“; – S. 477: „Englands Subsidien“; – S. 491: „Oesterreichs Kriegs-Minister um 1809“; – S. 493: „Sein Manifest“: – S. 547, 549: „Ist gegen den Wiener Frieden“; – S. 568; „Seine Stellung bei den Friedensunterhandlungen“; – S. 864, 969: „Wird um 1813 wieder zu Staatsgeschäften beigezogen“; – S. 982: „Unterhandelt mit den Verbündeten“; S. 984, 959: „Wohnt den Reichenbacher Verhandlungen bei“; – S. 1107, 1127: „Bei dem Congresse von Chatillon“; – S. 1166; „Unterhandelt über Napoleons Abdankung“. – Springer (Anton), Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809 (Leipzig, 1863, S. Hirzel, gr. 8°.), I. Theil. Seite 73, 91. – Biographie nouvelle des Contemporains ou dictionnaire historique et raisonné de tous les hommes qui, depuis la révolution française, ont acquis de la célébrité ... Par MM. A. V. Arnault, A. Jay, E. Jouy, J. Norvins etc. (Paris 1825 et s., à la librairie historique, 8°.) Tome XIX, S. 312. – Biographie des hommes vivants ou histoire par ordre alphabétique de la vie publique de tous les hommes qui se sont foit remarquer par leurs actions ou leurs écrits (Paris 1819, L. G. Michaud, 8°.) Tome V, p. 409.
Porträt. Unterschrift: „Johann Philipp Graf von Stadion“. Ender pinx. Fendi del. Fr. Fleischmann sc. (8°. und 4°.), sprechend ähnlich.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: S. 41.