Die Weiber von Weinsberg (Essig)/Zweiter Aufzug

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Zweiter Aufzug.

Personen: Graf, Gräfin; Schwester Gretchen; Launer; Siegfried; Ricke, Frau Niese; Schmied; Waibel; Soldaten und Volk (worunter die Heinle mit ihren Freundinnen).

Szene: Die Schmiede im Städtchen mit weitem Toreingang. Die Torflügel stehen in die Szene auf. Ein großer Hammer streckt seinen Kopf herein. Schmiedefeuer und Esse, Blasebalg. Zwei Ambosse. An den schwarzen rußigen Wänden Schmiedegerät (große Zangen und dergleichen). Ein Harnisch liegt im Feuer. Die Schmiede ist zu einer Hilfsrüstkammer geworden.

Zeit: frühmorgens, nach Mitternacht. Lampenlicht.

Schmied (fluchend an der Arbeit … Frau Niese bedient das Feuer mit fabelhaftem Ernst) Nixnutziges Weibergesindel, was habt ’r wieder an meinem Gesellen ausgeheckt, Weibergesindel, verbrenn’s nicht alte Heilige. (Zu Frau Niese.)

Frau Niese (zieht den Blasebalg, daß er faucht) Wo hilft gleich eine Mutter für den Tochtermann?

Schmied ’n Kreuz ist’s ohne Zuschläger. – Wo habt ’r ’n denn versteckt? – ’s wird schon an den Tag kommen … [44] fauch du nur in dein Feuer … Weibergesindel (besieht sein Arbeitsstück und wirft’s beiseit an den Boden).

Frau Niese Schmied, ’s stinkt.

Schmied (eilt an’s Fenster, stößt Frau Niese beiseite, dreht das Stück, kehrt mit dem Besen um’s Feuer) Wenn man das wüßte. (Greift ihr an die Stirn.)

Tumult. Der Schmied nimmt den Harnisch aus dem Feuer und arbeitet an seiner Fasson. Der Lärm wird stärker. Launer umringt von Gepanzerten, dem Grafen, und wenig Volk, darunter Ricke.

Launer Es ist eine Todsünde, Herr Graf sind Sie kein Mensch? Kein Mensch, sind Sie kein Mensch? Kein Mensch. Sie werden mir den Panzer nicht glühend um den Leib legen, ich bin Asche, ehe ich vor dem Angesicht des Feindes erscheine. Herr Graf, Sie sind ein Unmensch, ein Narr, ein vermaledeites Subjekt, (tobt) ich werde mich sträuben, einen feurigen Panzer anzulegen. Ich verbrenne, sehen Sie das nicht ein, Sie gräfliche Grausamkeit. Schmied weichen Sie zurück, ich stoße mit den Füßen, lassen Sie mich los, seien Sie barmherzig, wenn Sie das Einsehen verloren haben, daß ich nicht fechten und stechen kann. Wenn Sie mich mitnehmen, so werden wir sicher besiegt. Ich gehe zum Feind über und werde meinen Spieß gegen Sie, erbärmlicher Graf, richten. Sie werden’s am Stammtisch bereuen.

[45] Schmied löscht die Rüstung im Wasser ab, daß es zischt und dampft. Launer verstummt.

Launer (nach einer Weile) Ist niemand hier, der diese Dämpfe beschwört?

Graf Vorwärts Schmied, mit dem Edeln … wir müssen noch in der Dunkelheit ausfallen.

Launer Haben wir wenigstens Laternen bei uns, um den Feind zu beleuchten? Ich sehe das ganze traurige Ende Ihrer nächtlichen Raserei voraus.

Schmied kommt mit kaltem Panzer auf Launer zu.

Launer (etwas beruhigt) Das war ein vernünftiger Einfall, die Glut vorher abzulöschen. – – Ist er auch gewiß nicht mehr heiß? Herr Schmied, eine jede Brandwunde ist eine moralische Ohrfeige für Sie.

Die Rüstung wird umgelegt, Launer eingekleidet. – – Die Gräfin tritt mit einer Dienerin und Eßnäpfen ein, um den Kriegern die Morgensuppe zu kredenzen. Dieses vollzieht sich unauffällig. Beim Eintreten der Gräfin wird achtungsvoll Platz gemacht.

Launer (in dem Augenblick) Läge Ich doch in der Schulmeisterin Bett!

[46] Frau Niese (hört unwillkürlich auf am Blasebalg zu ziehen, es wird ganz leise. – – Die Gräfin stutzt. Schnell fängt Frau Niese heftig zu blasen an, Ricke springt an den Ambos und macht mit dem Hammer Lärm).

Graf Warum dieser Einhalt! … Der Soldat Launer weiß uns zu berücken.

Launer Ich bin Agent, den gemeinen Ausdruck „Soldat“ weise ich auf’s Entschiedenste zurück.

Gräfin Ist dir nichts aufgefallen? Lieber Gemahl … wer liegt denn in der Schulmeisterin Bett?

Graf Guten Morgen Sophie, sei aber zugleich so gut und verzögere die kostbaren Minuten nicht … wir sind gänzlich vollzählig … ich versichere dir, kein Mann fehlt uns … hast du denn schon ausgeschlafen? hast du auch schon gefrühstückt? … friert dich’s denn nicht, liebes Kind? so zeitig aus dem Bett?

Frau Niese (ruft) Nach meinem Gefühl Herr Graf ist’s schon halberdrei. (Die Gräfin verteilt das Frühstück.)

Launer Sie werden’s abwarten können, Frau Niese, bis [47] ich den Anger ziere. Es kommt mir gerade so vor, als fühlten Sie sich in unsern Mauern beengt, weil man von außen dagegen drückt.

Frau Niese Ich finde es ungerecht, daß Sie mitmüssen Herr Launer.

Launer (jetzt unter dem Helm) Ich finde es nicht mehr … ich glaube, daß der Feind vor mir Angst haben wird … es kommt mir jetzt erst, daß ich eigentlich schrecklicher aussehen muß als meine Kampfgenossen … Ich fühle es, daß man ohne Ansehen der Person gegen uns vorgehen wird, gerecht sein wird und nicht allein auf mich einhauen wird. Gebt mir ein Schwert, wir brauchen keinen Siegfried mehr. (Wieder Bestürzung. Ruhe. Künstlicher Lärm.)

Gräfin Ihr reitet ohne Siegfried?

Graf Wir haben ihn nicht gefunden … sind alle da? Waibel geben Sie Befehl zum Aufbruch!

Gräfin Warum eilst du so? Du sagtest noch gestern, ohne Siegfried habe ein Ausfall keinen Sinn … ich staune über dich.

Frau Niese Staunen Sie nicht zu sehr, Gnädige Frau, Sie haben’s ja gehört, uns ist ein Held erwachsen.

[48] Launer Aber doch möchte ich den Herrn Grafen noch einmal fragen, ob ein Ausfall so einen Zweck hat?

Graf Du verbreitest Mutlosigkeit unter meinen Tapfern mit deiner Suppe.

Gräfin Ich bestehe darauf, daß Siegfried mit euch zieht.

Graf Ekelhafter Weibereigensinn … wir bringen noch Stunden hier zu, finden ihn nicht und der Tag ist für uns so gut wie verloren.

Frau Niese Das sag ich auch. (Leise.) Mach dich heran Ricke!

Ricke Ich wollt’s ja gern haben, daß er noch lebte!

Gräfin Komm gutes Rickel, sie müssen ihn suchen.

Graf Du mißverstehst das Mädchen, es hat die Hoffnung selbst aufgegeben … wenn das die Braut tut, so besagt das alles.

Gräfin Waibel, gehen Sie hinüber zur Schulmeisterin und sehen nach, wen sie bei sich hat. (Frau Niese pustet.)

[49] Graf Du beleidigst die Lehrerin.

Frau Niese S’ ist ein ehrbares Mädchen.

Ricke Ich kenne Siegfried genau, von so einer Alten will er nichts.

Graf Deine Vermutung ist lächerlich, es zeigt, daß du nicht die kleinste Ahnung von einer starken männlichen Anlage hast.

Gräfin An dir konnte ich sie offenbar nicht kennen lernen. Der Waibel geht dennoch.

Waibel Wenn mich aber das Fräulein kratzt.

Gräfin ’s ist aber unerhört, mit solchen Leuten willst du unsere Stadt verteidigen.

Graf Man kann ja dich mitnehmen.

Gräfin Da käme mehr heraus … was Frau Niese!

Frau Niese Ganz ableugnen will ich’s nicht, gnädige Frau.

[50] Graf Ich häng’s an den Nagel.

Gräfin Deswegen nimmst du ja Siegfried nicht mit.

Graf Nun ist’s genug … also marsch Waibel, gehen Sie! wenn sich die Schulmeisterin nachher über Eingriffe in ihre Jungfräulichkeit beschwert, dann … schicke ich sie zu dir.

Waibel (zu einem) Geh mit! (Ab … mit Begleitung … auch Ricke … Gelächter.)

Launer Herr Graf, eine Frage, wenn man jetzt den Vermißten fände, wäre das nicht eine Gelegenheit, mich im Frieden zu hinterlassen?

Graf Nein.

Launer ’s ist aber doch eine Bosheit, Sie haben einfach die niederträchtige Absicht, mich töten zu lassen.

Graf Schweigen Sie, Ihre Unverschämtheiten haben eine Grenze.

Launer Keineswegs haben die eine Grenze. Sie sind [51] eigentlich wortbrüchig und meineidig gegen mich, Sie haben’s im „Sechsundsechzig“ an mich verspielt, daß ich zu Haus bleiben dürfe. Daran erinnere ich zum letztenmal Euere Gnaade.

Graf Ich kann auch wichsig werden.

Launer Was heißt denn das, das verstehe ich nicht.

Graf Ich kann auch Tyrann sein.

Gräfin Warte jetzt ruhig ab.

Graf Läppischer Eingriff in meine Kommandogewalt. Wie sehr ich alles aufbiete, siehst du eigentlich schon daran, daß ich sogar Herrn Launer mitnehme. Läppisch!

Frau Niese ’n bißchen was Verletzendes liegt für den Herrn Grafen in der Sache … es soll mir ja ganz angenehm sein, wenn ich’s zu hören kriege, daß mein Tochtermann nicht in den Bach gefallen ist.

Schmied In der Sulm ist noch keiner ertrunken.

Frau Niese Keinmal ist nicht niemal, Meister Weisheit.

[52] Rufe: „Sie bringen ihn“; (die Aufmerksamkeit ist gegen die Gasse gerichtet … es rollt ein Schubkarren zwischen den Beinen der Gaffenden durch, worauf Siegfried kauert … Schwester Gretchen frierend im grenzletzten Anzug und Ricke dicht an Siegfried … Lebhaftigkeit).

Waibel (grinst) Wir müssen ihn erwecken wie Jairi Töchterlein.

Graf Ja was! … ja was! … wo führen Sie ihn hin?

Waibel Ich dacht, ich lösche ihn ab.

Frau Niese Das ist doch kein dampfendes Eisen, du einfältig’s Luchsmaul.

Schwester Gretchen Was soll denn sein? … warum nimmt man mir so früh meinen Gesellen?

Ricke Was ist ’r … Ihr Geselle? … Mutter, schau her, ’r ist noch ganz gleich gebunden … Mutter, noch ganz gleich … ist ’r Ihr Geselle? … sagen Sie’s noch ’n mal?.

Graf Ruhe hier! … was soll das heißen?

[53] Frau Niese Das begreife ich auch nicht.

Gräfin Ich meine, ihr könntet aufbrechen mit ihm.

Waibel Gnädige Frau, das geht nicht … er ist total bei den Toten.

Graf Haben Sie ihn so gefunden? das ist ja wie eine Schwalbe im Winter.

Waibel Ich tret an’s Bett und da liegt ’r drinn, ach so friedlich!

Ricke (rasch) Wie lag ’r? … sag’s rasch Waibel, wie lag ’r? – lag ’r uff ’m Gesicht?

Waibel Ich glaube, das lag ’r.

Graf Das ist ja alles zwecklos, solche Erörterungen … wir können mit dem Kerl so nichts anfangen.

Ricke (schüchtern) ’s ist nicht ganz zwecklos … ’s ist für mich zu wissen!

[54] Gräfin Du machst ja nicht den mindesten Versuch, ihn zu sich zu bringen.

Graf Ein paar Mann her, die ihn aufrichten … du wirst sehen, wie er zusammenstürzt.

Siegfried wird aufgerichtet, er steht wie ein Schaustück eines Museums.

Gräfin Wo fällt er?

Graf (schlägt ihm eins mit der Faust auf den Kopf) Du hörnerner Siegfried.

Frau Niese Der Mensch hat eine Natur.

Launer Ich habe mich bis dahin passiv verhalten, aber ich werde niemals in Reihen mitziehen, die durch einen Trunkenen gefährdet sind, umgeworfen zu werden.

Graf Um das handelt es sich sonnenklarerweise nicht.

Gräfin Er wird euch vorausstürzen wie ein Trunkener und ihr werdet durch ihn siegen.

Launer Er wird wie ein Hammel die Schafherde hinter sich in den Tod reißen.

[55] Gräfin Dann seid ihr wenigstens weg!

Graf Ich will, um meiner Pflicht zu genügen, versuchen lassen, ob er aufzuwecken geht … Waibel einen Eimer Wasser.

Waibel Zu Befehl.

Ricke Das mach ich … der kann’s nicht. (Ab mit Waibel.)

Schwester Gretchen Hab ich gar nichts mitzureden? … ich bin seine Verlobte.

Graf Davon reden wir nach der Schlacht … Sie sind entweder ein Jungbrunnen oder eine Hexe.

Schwester Gretchen Das erstere.

Frau Niese Vom Hexenglauben habe ich seither nichts gehalten, aber jetzt glaube ich.

Launer Ich habe es Ihnen immer gesagt, Fräulein, Sie sollen ehrbar bleiben.

Schwester Gretchen Das bin ich.

[56] Graf Man wird Sie auf den ersten Grad foltern, vielleicht auch den zweiten, dann werden Sie bekennen … überhaupt, schämen Sie sich nicht! (Mustert sie.)

Schwester Gretchen Ich bin ein Mädchen wie alle andern.

Ricke (ankommend mit dem Eimer) Das wollen wir eben sehen … Visier hoch! ein bißchen zur Seite, Frau Gräfin.

Ricke schüttet den Eimer Wasser über Siegfried … einen klatschenden Rest über Gretchen, die in verzückter Gier Siegfried in’s Gesicht gestiert hat. Lauter Hallo.

Siegfried (erweckt) Meister, ich heb den Hammer nicht.

Schmied A guta Morga, wie geht’s?

Ricke (schreit ihn an) Mit dir ist nichts anzufangen! um’s Soldatsein hast dich herumgedrückt.

Siegfried Laß mich! … das sollen andere machen.

Graf Du erkennst doch Sophie, es ist ihm nicht darum zu tun.

[57] Gräfin Mach ihn du nicht feig!

Launer Mir ist’s auch nicht darum zu tun, wahrhaftig.

Graf Siegfried, Kaiser Konrad ist da.

Siegfried Freut mich … freut mich.

Graf Er bleibt also hier … wenn ihn das nicht sticht wie ein Sporn, sondern freut, ist er felddienstuntauglich. Kerl, der einer Schulmeisterin in’s Bett liegt! Guten Morgen, liebes Frauchen. Wir brechen auf. Du verstehst das nicht.

Die Ritter setzen sich in Bewegung. Die Schmiede leert sich bis auf die einzelnen.

Launer (springt, plump) Mir nach! Mir nach! … nur mir nach!

Gräfin Da hört sich alles auf.

Frau Niese Den Besten lassen se zurück.

Gräfin Mein Mann geht zum Schein gegen den Feind. [58] Ich weiß es schon jetzt, sie kommen wie von einem Spaziergang zurück … es wird ihn zu spät reuen, sich nicht ordentlich verteidigt zu haben. Lieber sind unsere Mannsleute feig und lassen sich vom Sieger die Augen ausstechen oder köpfen. … Es ist doch weit ruhmvoller, alles zu wagen, um wenigstens die Stadt zu retten.

Frau Niese Es ist ihm so vorgekommen, als möchten Sie ihn gerne los sein, gnädige Frau.

Gräfin Lieber keinen als so einen!

Ricke (Baßstimme zu Siegfried) … als so einen!

Siegfried Meister, ’s hängt mir so schwer am Leib.

Schmied (führt ihn an der Hand) Komm einmal mit mir, ich will dir was erzählen. (Ab mit Siegfried durch ein schmales Türchen.)

Schwester Gretchen Wo soll ich mich gleich trocknen? Du bist eine giftige Otter, du bist noch beinahe ein Schulkind und hast schon so viel Honig in deine Ohren gesammelt. Du Göre.

[59] Ricke Fünfzig hab ich nicht werden müssen, bis ich ’n Gespött wurde.

Schwester Gretchen Wir werden sehen, wer Braut ist und wer’s Gespött. Ich gehe zum Herrn Pfarrer.

Ricke Wa … wa …

Frau Niese Gehet Sie no, gehet Sie no … unser Herr Pfarrer koppelt auch nicht ’n Kameel und ’n Nashorn zusammen.

Schwester Gretchen zieht fröstelnd, kläglich ab.

Frau Niese Laß sie laufen, Ricke … ich hab mit ’m Herr Pfarrer schon alles fertig.

Ricke Das will ich aber auch nicht … verstehst du! … du wirst’s noch hören, wie sie ihn auslachen. (Setzt sieh schmollend an’s Schmiedefeuer.)

Gräfin (Stirnrunzeln … verbissenes Gesicht) Sie ist doch eine gräßliche Person. – Wie kann sie von dem jungen Menschen etwas erwarten!

Frau Niese Das weiß ich auch nicht, gnädige Frau.

[60] Gräfin Und was sagen Sie denn zu Siegfried? ich glaubte, er sei Ihr zukünftiger Schwiegersohn.

Frau Niese Was soll ich sagen? … ’n Jugendstreich ist’s von ihm.

Gräfin Er muß sich eigentlich schämen, bedenken Sie doch so eine alte graue Katze.

Frau Niese Ha … ja … ’r ist dumm g’west.

Gräfin Sie müßten darüber eigentlich so verletzt sein, daß Sie seine Trennung von der guten Ricke verlangen.

Frau Niese Ich weiß nicht, was ich da sagen soll … meiner Ricke wackeln halt immer die Beine, wenn se an ihn denkt.

Gräfin Ist denn das so, Ricke?

Ricke Na, ich will nix mehr wissen … wie steht m’r denn jetzt da?!

Gräfin (tröstet sie) Du armes Kind, mußt so viel Leid erfahren.

[61] Ricke Sie hab’n ’n ja holen gelaßt.

Frau Niese O du! … das war doch ganz zu deinem Vorteil, du Stockfisch.

Gräfin Nein nein, Frau Niese, ich habe es längst gemerkt, daß Sie was zusammen gegaggert haben.

Frau Niese Wir gaggern nichts.

Gräfin Ich will mich in nichts mischen, aber wenn der Tag für die Unsern schlecht ausgeht, Frau Niese, ich kann ein strenger Richter werden.

Ricke Ich hab dir’s gleich gesagt, du habest einen gewalttätigen Kopf gegen mich.

Frau Niese Bin ich nicht stets zum Schicklichsten gegen dich? … wo hat’s ein Bräutchen wie du?

Gräfin Du hast ganz recht Ricke, sei du nur offen. Wie ist’s denn so gegangen?

Ricke Die Mutter weiß es, ich weiß es nicht.

[62] Frau Niese Aber gnädige Frau, Sie werden doch keine Untersuchung einleiten, das ist nicht fein … das schickt sich nicht für Sie, Sie sind doch eine feine Dame.

Gräfin Nein nein Frau Niese, für Ricke tut’s mir leid. Wenn sie nur wenigstens altersgleich wären.

Ricke Da hätt ich der schon lange die Augen ausgekratzt.

Frau Niese Und nun, weil’s eine alte Schraube ist, denkt meine Ricke, d’r Siegfried ist ’n Schaf und damit ist der Fall erledigt.

Gräfin Nein nein Frau Niese, Siegfried ist sonst ein ganz tüchtiger Schmiedsgeselle.

Ricke Ja, das ist ’r wohl mitunter.

Frau Niese Dann war er eben einmal nicht ganz so tüchtig … ’s hat ein jeder Mensch seine Schwächen.

Gräfin Aber gerade für diese Sybille! ist merkwürdig.

Frau Niese Dann ist’s eben ein Wunder und damit ist der Fall nun aber gewiß erledigt.

[63] Siegfried kommt in der Lederschürze mit bloßen Armen, geschoben vom Meister, der ihm zuredet.

Gräfin (mitleidig) Ach Gott! wie er geschoben werden muß … es tut einem ganz weh um ihn. (Geht zu ihm hin, als er sich auf die andere Seite vom Schmiedefeuer setzt.) Du guter Siegfried, wer hat dir denn das angetan?

Siegfried (schluchzt) Ich kann mich nimmer sehen lassen.

Gräfin Warten Sie nur Frau Niese, wenn das mein Mann erfährt.

Frau Niese Er muß es eben nicht erfahren.

Gräfin Sie haben’s gleich mit der Hinterlist zu tun. Siegfried, sei still, bist ein anderes Mal wachsamer über dich.

Siegfried (wütend) Die sollen was erfahren!

Der Meister legt eine eiserne Welle über den Ambos, holt den Meißel, Siegfried nimmt einen schweren Hammer und schlägt mit Wucht auf des Meisters Meißel mit Schwung über die Schultern.

[64] Siegfried (bei jedem Schlag) Lugenweiber! … Sauweiber! … Teufelsweiber! … (Das Eisen springt entzwei … der Meister steckt das abgehauene Stück in’s Feuer.)

Ricke Mein nicht, deine Kraft könnte mich aussöhnen. Mich zerschlägst nicht.

Siegfried An dir mach ich auch keinen Versuch mehr.

Ricke Ich ließ auch keinen machen.

Siegfried Das hast du leicht heimgeben.

Gräfin So ist’s wacker Siegfried, beschäftigen sie ihn recht kräftig Meister Hammerschmied.

Schmied ’s gibt was zum „Hauen“, gnädige Frau Gräfin

Frau Niese Hampelt euch ihr zwei beiden. (Ab mit Gräfin.)

Ricke – – – O die Muatter! wenn ich nur einmal nicht so werd’! … nur einmal nicht so!

[65] Siegfried Du bist jetzt schon dieselbe.

Ricke (springt aus ihrer Stellung … sieht ihn neckend an) Was bin ich?

Siegfried (sieht sie nach langem Zögern an) – – Guck mich nicht an, dann weiß ich’s.

Ricke Gefall ich dir?

Siegfried (will nach ihr greifen … plump danebengreifend, weil Ricke auswitscht) – So bist du eine.

Ricke Ja so bin ich, (macht eine Nase) dir witsch ich aus. Du hast ja jetzt eine jüngere wie mich, geh zu der.

Siegfried Papp (hockt sich neben den Meister).

Ricke Stimmt das etwa nicht?

Siegfried Ich hör’s nicht.

Ricke Du wirst’s doch wissen, wo man dich vorgeholt [66] hat … das willst du natürlich nicht hören, ’s ist eben eine Schande.

Schmied (zu Siegfried) Sag nichts, dann wird sie falsch.

Siegfried Ich sag nichts.

Ricke Da brauchst du deinen Meister dazu? … die drei Worte bringst nicht einmal allein zu weg?

Schmied (lacht) Dazu ist ’r mein Geselle und lernt bei mir.

Ricke Auf den Gesellen kannst dir was einbilden. Ich müßt mich mit ihm verstecken.

Schmied ’s Verstecken mit ihm steckt dir doch im Kopfe.

Ricke Nicht geschenkt nehm ich ihn.

Schmied Er hat dir noch nie was gekostet.

Ricke Schwätz ich mit dir? … hat er kein Maul?

Siegfried Ich hab meine Braut.

[67] Schmied (lachend) So mein ich auch, Siegfried, mach Ernst d’rmit.

Siegfried So was Arges ist das noch lange nicht.

Ricke Mensch, wo hast du deine Ehre?

Siegfried Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen. (Spricht mit dem Rücken gegen Ricke.)

Ricke Also so einer bist du. Wir machen Spaß und du machst Ernst.

Schmied Das geschieht euch recht, für den Spaß gehörte euch ’n Heuschober voll Prügel.

Siegfried Laßt se nur, ich bin glücklich.

Schwester Gretchen (im Schwesternanzug) – – –

Ricke (sieht sie) Da schwätz eine andere. (Zieht sich auf ihren früheren Platz am Feuer zurück.)

[68] Siegfried Hat dir die Schulmeisterin schon was getan? (Er sieht, wenn er ausgeschwätzt hat, Gretchen – – wendet sich weg, spuckt unwillkürlich aus.)

Schwester Gretchen Wenn’s nur unsere Herzen verantworten, was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. (Auf Siegfried zustrebend mit gespreitetem Überwurf.)

Siegfried (setzt sich auf die Seite von Ricke) Gehen Sie weg!

Schwester Gretchen Dein Mund ist voll Lobes für mich. Warum so streng plötzlich wieder?

(Siegfried hockt sich näher bei Ricke.)

Schmied In dem Anzug sind Sie ihm zu heilig.

Schwester Gretchen Ich will Barmherzigkeit üben, wenn die ersten Toten kommen, ich will Wunden verbinden. Ich hoffe bloß, ’s wird unserm Herrn Grafen nicht schlimm ergangen sein. Der Herr war in den letzten Augenblicken so selten erregt und heftig.

Schmied ’s pfingstelt Ihnen wohl ’n bißchen auf seine Rückkehr?

[69] Schwester Gretchen Denen, die Barmherzigkeit üben, darf man kein Leids zufügen. Ich muß mich darum äußerlich kennzeichnen, nimm mir’s nicht übel, lieber Siegfried. Es ist eigen, das nimmt er mir jetzt übel, aber ich muß meinem Drang zur Barmherzigkeit nachgeben. Die Barmherzigkeit ist eben auch eine von den christlichen Tugenden, die ich alle bis auf die letzte gar nicht anders kann als üben. Ich will jetzt noch gehen und Fürbitte tun für die Gefallenen. (Geht mit frommem Tritt.)

Schmied Dagegen ist unsereiner doch ein Teufel.

Siegfried und Ricke sehen sich an. Stille bis auf das Rauschen des Feuers.

Ricke (bricht das Schweigen) ’s hätte dir recht geschehen, wenn sie dich geküßt hätte.

Siegfried Ricke, Ricke, (faßt ihre Hand) ’s ist eine Hexe.

Ricke Du mußt einen auch allfort ärgern.

Siegfried Ricke, du hast mich ja hinauf gezeißelt.

Ricke Dein Fehler ist halt, daß bei dir immer alles [70] dumm geht. (Schmied geht die Nase mit der Hand putzend ab.)

Siegfried Bist du mir wieder gut?

Ricke So schnell geht das nicht … ich bin nicht die erste beste.

Siegfried Gelt, bist wieder gut?!

Ricke Laß los, die Heinle sieht’s. (Setzt sich kampfbereit.)

Die Heinle, ihre Neiderin, in einer Kette von Mädchen, in das Tor der Schmiede einschwenkend.

Die Heinle Tu nicht so, ich hab’s schon gesehen, daß du wieder nach ihm langst.

Ricke Was hast du gesehen? … was hab ich getan?

Die Heinle (unter Gelächter der Kette) Wir geben den Unsern auch die Hände, was vergeiferst du dich so?

Ricke Wenn ich’s getan hätte, ging dich’s noch lange nichts an.

[71] Die Heinle Höret nur auch! hat ihr jemand ’nen Vorwurf gemacht? … sie hat eine übernächtige Laune, sie ist unten gestanden und hat gehorcht, wie m’r ihrem Schatz den Panzer auszieht. Äh dich! du kannst keinen allein versorgen.

Ricke (sehr heftig) Schweigst du jetzt! … ich bin nicht unten gestanden.

Die Kette Wir haben’s ja gesehen … ha ha.

Ricke Hat ihm jemand den Panzer ausgezogen?

Die Heinle Gesagt haben se’s.

Ricke Wer?

Die Heinle Wer? … die’s gesagt haben.

Ricke Da merkst du, was für ein verlogenes Maul du bist.

Die Heinle Warum ist der Deine denn nicht dabei? weil ’r in der Schmiede mit bloßen Armen steht.

[72] Ricke Du hast ja bloß den Neid, daß deiner draußen den Grabschein holen muß.

Die Heinle (schwenkt mit den Freundinnen … ab) Komm nicht gleich so! … d’r Deine ist ein feiger Tropf.

Ricke (faucht hinter ihr her) Luder, du – – – (erregt schnaufend) Siegfried, zwischen uns ist’s aus … die Schande mit dir ist für mich zu groß.

Siegfried Das hättest du dir gestern abend überlegen sollen.

Ricke Meinst denn du, mir tu’s leid!? … mit einem Feigling hab ich nichts zu schaffen.

Siegfried richtet sich hoch auf, geht zum Rüstzeug … Ricke beobachtet ihn ängstlich … Siegfried nimmt ein Schwert.

Ricke (ihm entgegentretend) Wo willst du hin?

Siegfried (schiebt sie weg) Wo’s mir paßt.

[73] Ricke (bleibt anhängig) Siegfried, hast du die Muatter schon gefragt?

Siegfried Der Muatter den Gruß, ich sei Meister ’worden und geh mir ane Schmiede suchen.

Ricke Du willst ja was anderes machen!

Siegfried (leidenschaftlich, wild) Spürst du’s Ricke, daß ich will – – den Feind aufsuchen, ’n Held werden und – – sterben.

Ricke So hab ich’s ja gar nicht gemeint, bleib da. Wenn du denkst, du müssest meinetwegen fort, weil ich das in der Wallung gesagt habe, da kannst du gleich dableiben, ich kenne dich schon lang.

Siegfried Wenn du mich in Andenken behältst, dank ich und blutet sich’s leichter.

Ricke Du weißt gar nicht, wie viel du mir bist … du tätest dein Leben nicht wegwerfen wollen. Wenn du auf mich hören wolltest, schön wollt ich dir’s machen dann.

[74] Siegfried Ich weiß, was ich tun muß, damit ich nicht dein Hansnarr werde. Halt mich nicht fest, ich muß gehen, es treibt mich hinaus.

Ricke Hast du’s vergessen, wie ich dich küsse?

Siegfried Ich will d’ran denken, wenn ich das Schwert hebe.

Ricke Hast du’s vergessen, wie wir die Augen zumachen, wenn sie sich wie mit Nadeln stechen? wenn sie zu nah sind.

Siegfried Ich will d’ran denken, wenn ich den ersten niederhaue.

Ricke Man kann auch dich niederhauen, daran denkst du nicht …

Siegfried Dann mach ich meine Augen zu, wie du, wenn du schläfst.

Ricke (weint) Nein Siegfried, du darfst nicht gehen … ich laß dich nicht.

Siegfried Du weißt, wie’s geht, wenn du mich hinderst.

[75] Ricke Gut geht’s … warum hab ich dich denn noch? Zu was jetzt eineweg fortlaufen?

Siegfried Also b’hüt Gott, Ricke. (Küßt sie.)

Ricke (mit fester Bewegung losgemacht … bricht zusammen und schluchzt. Siegfried geht fort).

Frau Niese (tritt ein) Und warum so erbärmlich?

Ricke Er ist fort.

Frau Niese Ich hab gemeint, du hackst ihn fest.

Ricke Ja du! … weil du bist, ist er nun ganz allein. Da wär er besser mit den andern.

Frau Niese Wenn’s Vaterlandssterben amol so eine Seuche ist.

Ricke Und du die Pfiffigste sein willst und die Dümmste bist.

Frau Niese Ricke, noch bist du meine Tochter! … und noch bin ich die Weisheit und du das Kalb.

[76] Ricke ’s Kalb kommt von der Kuh.

Frau Niese Und die Kuh schiebt die Schuld auf den Ochsen. Gutenmorgen lieb’s Kind.


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