Malerische Wanderungen durch Kurland/Die Stadt Hasenpoth

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Privatgut Willgahlen, die Freysassen in den Kurisch Königen Dörfern; die Peterskirche; Privatgut Wangen Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Katzdangen, Gebäude daselbst; Neuhausen, Flecken und Schloß; Schrunden, dessen Lage und Umgebungen; Fahrt nach Frauenburg; der Garten zu Berghoff
{{{ANMERKUNG}}}
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Die Stadt Hasenpoth.[WS 1]

In dem irdischen Himmel, den Kurland seinen Bewohnern gewährt, verdient Hasenpoth gewiß Abrahams Schooß genannt zu werden; denn wahrscheinlich gibt es dort der Nachkömmlinge des israelitischen Stammvaters [312]

zıa vaters | ‘als hier. Ja es ist ein ge- sich Bi vortanie, Hasenpoth als 'Ebräer in Kurland anzuse- ee mittelst früher als Gesetz geltenden Kandtagsschlusses *), waren alle im Pilten- schen Kreise wohnenden Ebräer verbunden, ihre Paradiesäpfel (eine Art Citronen, die sie unter diesem Namen bey ihren Reli- gionsgebräuchen, bey gewissen Festennöthig haben) “x aus BR: zu nchmen "Von eigentlichen Mer igkeiten der Stadt a man mülste denn den Stralsenkorh, der hier, in/Quantict « ‚and it vielleicht selbst den der weltberühm adt Paris übertrift, dazu zählen _— w h wenig zu sagen. Doch ja, Haseppoth hat eben so gut, wie andere Städte, ein sogenanntes Wahrzeichen. ’ Schade nur, dals dieses in einem auflallen- den Mangel besteht. Das Wahrzeichen näm- lich ist der einzige Kirchihprung (der aber viel niedriger als die Kirche selbst ist, unıl auf die, Weise sich zur Kirche, wie eine schwache Assonanz zu einem ächt roman-




) Landtagsschlufs. d. Anno 1740, [313] sıJR

tischen Krafiworte reimt, Ein zweytes, aber jozt verschwundenes Wabrzeichen, ‘war ein

" Pranger mit zwey Händen nnd dem sonder- baren Merkmale, dafs sich ein Bündel Ru- ihen in der linken Hand dieser Pfahlgestale befand. Aber was konnten die entschlafenen Väter der guten Stadt dafür, dafs die syınbo- lischen Zeichen der Strafe nicht in der rech- ten Hand waren. Allenialls könnte das Rath- haus noch eine Merkwürdigkeit in einer ‚fixirten unbeweglichen Wetterfahne aufzei- gen, die, es mag von allen $e'ten stürmen, doch immer nach Osten, dem Morgenlande zu hin gerichtet bleibt. Da Hasenpoth nur 1215 Einwohner — männlichen und weib- lichen Geschlechts, wortnter 600 Ebräischer Nation sind — und nicht mehr als gg Hän- ser hat, so wird man die Erwartung der Be- schreibung prächtiger Gebäude und Anstalten wohl etwas mälßsigen. indessen auch hier scheint eine warmeFrühlingssonne, und wo ihr Strahl hindringt, gedeiht menschliches Glück und Zufriedenheis Ich 'habe hier Menschen kennen gelernt, die meine höchste ting, meine innigste Liebe verdienen;

% [314] amt

habe hier im kleinen häuslichen Zirkel unter Freunden ‚und "Bekannten glückliche ‚Tage verlebt, ‘wie Sie mir eine fürstliche Residenz « leicht versagt haben könnte. Die Kunst hat bier keinen Tempel, ‚der ihrer würdig wäre, errichtet; vielleicht nur deshalb nicht, weil sie es für ein Wagestück, hielt, ibn neben demjenigen zu.stellen, den sich die Natur xund umher erbauet hat, Die Stadt: liegt, auf der. nord- und westlichen Seite, an.einem beträchtlichen Hügel, auf Felsengrund; nach der Ost- und Westseite zu aber schlielst sie an eine Ebene, die eine schr weite Aussiclit in die benachbarte vorteflich angebaute Ge- gend gewährt. Wenn aber. auch. das'kleine Städtchen, das übrigens in Hinsicht der meh- resten Häuser, die bequem, ja eines Theils selbst grols und massiv gebaut sind, einen Vergleich mit den andern Städten Kurlands ‚ aushalten kaum, durch die Gegenwart, die ‚es zeichnet, wie eg ist, wenig Interesse ge- winft, vielleicht gelingt es dann deı Vergan- genbeit, die selbst in einen Zuge der vater- ländischen Geschichte die Aufmerksamkeit des Pätrioten fesselt,. dieses zu erwecken: [315] 5:15

Der Name der Stadt, die vielleicht ‚die alte Kurlindische Stadt Appulia ist, deren mehrere Chroniken als einer solchen gedenken, «deren Lage man nicht mehr kennt, ist nicht so emblematisch als man, demSchalle des Worts nach, glauben sollte, sondern leitet seinen Ursprung, von dem lettischen Aisputte (ver« stümt) ber, und zwar, weil'in jedem Wine ter eine Menge Schnee in die Klüfte, welche Hasenpoth von zwey Seiten umgeben, her- ein geweht wird, und, nach der Erzählung des Baron Blomberg, der die Geschichte Kurlands und seine Verfassung im Jahr 1698 beschreibt *), dieser wirbelnde Schnee in ältern Zeiten einem aufHasenpoth losräcken- den Feinde so ins Gesicht geweht haben soll, dafs er, gleichsam geblendet, leicht bekämpft werden konnte. Man sicht wohl, wie schr g sich das Klima: in 500 bis 600 Jahren geän-' dert hat, mnd; gleich den Einwohnern selbst, sanfter und friedlicher geworden is +

Die Stadt muls vor dem Jahre 1378 er baut seyn, denn in diesem Jahr schenkte


A

1 *) Description de la Livonie.

" [316] u 516 schon ‘das Domkapitel zu Kurland, mit Bey- stimmung des Bischofs Otto, den Bürgern zu Hasenpoth 4, Stätte und Räume “ um sich anzubauen, In der Folge wurde die Stadt beträchtlich vergröfsert, hatte sieben Kirchen, deren Plätze noch zum Theil sichtbar sind, und in Muends, 5% Meilen von hier, einen . besondern Hafen, auch daselbstSpeicher und Waarenniederlagen. Ferner war in Hasen- poth eine bischöfliche Domkirche, der Wohn. ' ort der Domhkerren, ein Mönchs- und ein Nonnenkloster. Noch findet sich in der hie- sigen Kirche der Grabstein eines Bischofs Balduin, dessen Zeitalter aber ungewißs ist, mit'der Aufschrift: Admodum reve- zendus in Christo Pater Dominus Balduinus Epiecopus. Als vor mehr ‚als 50 Jahren das Grab geüflnet ward, fand "han in demselben eine Monsiranz nnd einen bölzern Bischofsstab, Die Stadt trieb ehe- mals einen schr wichtigen Handel; über die "Ursachen ihres nachherigen Verfalls schweigt die Geschichte, Die Kirchen sind, wie die Eingepfarrten, verschwunden, und an dem schönen, von schattieen Bäumen umzäunten [317] ihre Zeichen auf nachte Schädel‘ ah lehnt iezt eine jüdische Synagoge mit, spr der "Toleranz. Als ein Beyspiel dieser ‚hier en- heimischen Tugend führe ich das Testament eines hiesigen Ebräers an, der zu ‚einer Uhr auf einem christlichen Kirehthurme, wenn ich nicht irre, die Summe von 100 Rthir.. girte, \ Dals dieser Thuixgp: vielleicht gerade 3 kleinste aller christlichen Rirchenthür- u me ist, beschneidet seinem Vermächt- / 'nifs keinesweges das Verdienst, und es lälst \ eich hoffen, dals wenn erst das Kapital ge wachsen i ist— dem Thurme‘ dürfte es es schwe- rer gelingen — die Feyer der Toleranz in jeder Stunde erschallen und der Beichthum des alten Testaments, durch das neue Ber nes Arthängers, vom Thurme her silberrein

% and die Gegenwart der Stade Hasenpoth be | gehöeb, so mag er mit Geduld. auch etwas won, dem Mittelalter derselben hören, und

upt es sich gefallen lassen, dals ich

“ erklingen wird, dr Ne Wanalich ‚dem ine die: Be Vorzeit j

% 7

4 [318] and

ihn noch immer durch die mit weicher, feuch ter Erde und nur wenig mit har- tem Stein gepflasterten Stralsen begleite, Ich will es versuchen, seine Aufmerksamkeit für diesen Samenteich der israelitischen Brut, aus dem hervorgehend sie nach den übrigen Städten hin versetzt werden, auf alle Weise zu gewinnen, und daher stehe hier das Bey- spiel einer gewils seltenen Gerechtigkeitsliebe, die den Beweis liefert, dafs man das Gute um des Guten willen thun kann, ohne durch‘ ein andres, als das reine Interesse für die Sache selbst, bestimmt zu werden.

Als Hasenpotli nach seinem Ruin von einer ehemals blühenden Handelsstadt, ‘wie echön öben erzählt ist, ‘zu’ eiiiem Flecken herabgesunken war, in dem nur wenige Strolihütten wieder aufgebauet worden, hatte dennoch, zugleich mit der Kriminalgerichts- barkeit der Stadt, auch derTrieb, diese aus- zuüben, sich in der Brust der Väter derselben erhalten. Allein schon war ein halbes Jahr- hundert beynahe verllossen und noch "kein bedeutender Excels vorgefallen, noch stand der, aus dem Ruin, durch seine isolirte Lage, [319] 319 wie ein Blitzableiter, sich gerettet habende Galgen unschuldiger da, als der Held. eines Trauerspiels im ersten Akt. Glücklicherweise endlich war ein Dieb ans einem nicht sehr entfernten Gute aus dem Kerker entilohn, und hatte, zum Belhuf seiner Flucht, sich eines Pferdes auf: der Stadtweide bedienen wollen, wo er ergrifien ward, Vergeblich wurde er zur Fortsetzung der bereits gegen ihn eingeleiteten Untersuchung reklamirt; stärker als sein durch den erhobenen Rechts- gang bereits fixirtes Forum zog ihn der Galgen, der schon so lange vergehlich auf Beute gewarter hätte, an sich, Zur Konser- vation. der peinlichen Gerichtsbarkeit begann die Pein des armen Verbrechers und das Re- sultat desUrtheils des hohen Raths schwebte in hoher Luft, als Warnungszeichen für die Nachwelt, - Diese merkwürdige Kriminal- anckdote gründet sich auf allgemeine Sage und scheint, obgleich seitdem mehrere Jahr- zehende verflossen, doch für die damalige Zeit undSitte ziemlich charakteristisch. Man muls gestehen, dals für das reine Ansehn der Gesetze die Themis nirgends mehr thun [320] 5-0


konnte, und diese ilıren Gang hier nicht auf zwey, sondern auf drey Fülsen stützte, Spä- terhin, als die Stadt sich wieder zu ver- grölsern anfing, verlor sich dieser peinliche Trieb immer mehr, und mit der Toleranz; die ich schon früher zu preisen Gelegenheit fand, kehrte auch jede andere Duldung zu- zück Hasenpoth hat seine Existenz im Meere der Zeiten mit Ebbe und Flut ver- wechselt Von einer ansehnlichen Handels- stadt war es fast zu einem armseligen Dorfe herabgesunken; vor ohngefähr ı2 bis 15 Jah- ten hingegen hatte der Handel sich wieder mächtig gehoben, Im den Jahren 1794 bis 1797 sind bier allein an baumwollenen Tü- cheru 12000 Dutzend mehr abgesetzt wor- den, als in Königsberg und Liebau. Ein Um- stand, der daher rührte, ‘weil die polnischen Juden ihre Waaren lieber bey ihren Glaubens- genossen in Hasenpoth als anderswo erkauf- ten, Dadurch waren denn auch die hiesigen Ebräcr wohlhabend geworden, dafs selbst ihr militärischer Geist, der seit der Zerstörung Jerusalems in tiefem Schlummer lag, bier er- . wachen und sich im Jehr 1797 oder 1798 eine [321] 321


jüdische Garde zu Pferde, ats 26 Mann ohn- gefähr bestehend, bilden konnte, Ihre Klei- dung bestand aus Stiefen (Pantofieln \yaren gegen das Kostüm), schwarzen weiten Pan- talons und kurzen grünen Jacken; einzelne Glieder waren sogar mit einigen Waflen- stücken verschen, die vielleicht jezt, da diese Blüthe der israelitischen Jugend ihren BEER Schmuck wieder abgelegt hat, sum Kampfe gegen den symbolischen Fleisch: klumpen ihres Erbfeindes Haman verbraucht worden sind. Es war ein mälerischer An- blick, diese mosaische Garde auf dürren Pfer- den, die durch mörgenländische Laute zum stärkern Trabe angefeiert wurden, 'einher- ziehen zu sehen. Hin und wieder raubte die Luft, die noch kein solcher Zug durch- streift hatte, ein zu loses Stück des Gewan- des, und dem weichsten Pflaster drückten sich Spuren der härtesten Pferde ein. Statt Kies und Funken, stoben Erde und Wasser umher. Mit welcher Wonne mag der König David aus seinem Wolkensitze herabgelächelt haben, als er hier seine Nachkommen so muthig versammelt sah, und seiner, im tie- Mal, Wand. x [322] E 522

fen Frieden rubenden Harfe wieler einmal kriegerische Akkorde zum Lobe der Thaten seiner Nachkommen entrauschen konnten!

An grofsen ebräischen Festtagen ist ein Gang nach der ziemlich geräumigen Synagoge nicht uninteressant. Die hohe Andacht, mit der fast jeder Ebräer betet, und die, einer ganzen zahlreichen Versammlung mitgetheilt, über jede Religion eine Himmelsglorie ver- breitet, bleibt immer rührend, und. eine Thräne des Entzückens, der Begeisterung und des Dankes erhebt das fühlende Herz, sie mag nun aus einem zum Himmel gerich- teten Auge auf einen langen Bart oder auf ein Ordensband fall In dem Chore, wo die Weiber von den » getrennt sitzen, habe ich diese Andacht bey weitem nicht so bemerkt. Die weltlichen Gedanken der Wei- ber schimmemn hier aus ibreu auf der Brust herabhängenden Goldmünzen und Korallen hervor. Eine von diesen Damen fiel mir, ich weils nicht mehr an welchem Festtage, besonders auf, Denn die Menge Goldmün- zen, die wie Schellen um sie herumhingen, yaren alle merklich stark beschnitten, Einem [323] 325 £ geharnischten Holländer fehlten die Fülse und die Schwertspitze; ein paar grofse Her- ren hatten auf den Münzen, die ihr Bild und ihre Überschrift trugen, den halben Hirnschä- del verloren; andern war das Auge durch- bohrt. Welche christliche Dame würde es gelitten haben, ihren Schmuck so verkleinert zu sehen? Man mülste denn annehmen, dafs die jüdischen Damen diese Beschneidung nur aus Religionseifer gestatten, in der Überzen- gung, dafs durch "dieses Arrondissement nichts Wesentliches verloren gehe. Doch wir verlassen die Kinder Israel für jezt, Ich brauche nur ein, paar ‚Schritte aus diesem Tempelchen Salomonis zu treten und die herrlichste Aussicht zeigt sich meinem Auge, Heller als rosenrothe und purpurfarbene Sei- de, glänzender als die Flügel der Cherubim auf der verlornen Bundeslade des alten Glau- bens, fällt der Sonnenstrahl auf den Ausfluls des Tebberbachs, der in einer engen Kluft zwischen ein Paar auf der Gegenseite mit schönem Laubholze bewachsenen Ber- gen, wie ein helles blaues Auge in einer freundlichen Stirne, liegt. Noch eine weit

ie [324] 5:4 mannigfdltigere Aussicht genielst man vom deutschen Kirchhofe, Die Kirche selbst liegt wie eine Feste auf einer Bergspitze, von der einen Seite dem neuen Schlusse Hasenpoth, von der andern dem ‘alten Schlosse und sei- nem Garten gegenüber Beyde Schlösser lie- gen gleichfalls auf Bergen, und die Kluft da- zwischen füllt der Ausfluß des Tebberbaches, der sich in einem Mühlenteiche endigt. Die Mühle und die am Berge unten fortlaufende Landstrafse, die Brücke über den Teich, das neue Schlols mit seinem bis unten am Teiche terrassirten Garten, gewähren ein liebliches Gemälde, besonders"im Kontraste mit dem alten Schiosse, das sich noch recht gut er- halten hat. Die Kluft und die Stralse zwi- schen den Denkmälern der alten nnd neuen Zeit, erscheinen wie der Weg, den wiele Literatoren gehen, die sich mit dem Gesichte bald der alten, bald der neuen Zeit zu wen- den, und sich, je weiter sie fortschreiten, von beyden entfernen, bis sie sich endlich aufleine nackte Fläche versetzt schen. Das alte Schlofs Hasenpoth wurde von dem Herr meister Diedrich von Grüningen im [325] -

325 Jahr 1249 erbauct, doch soll bier schon vor- her eine Burg der Kuren ‘gestanden haben, weiche Beyda hiefs. Es läfst sich vermu- then, dafs die Feste einmal zum Theil zer- stört worden ist, denn man sieht neu ange- baute Stellen. Einige Theile derselben wer den noch jezt bewohnt; aber man findet auch nicht das mindeste Merkwürdige der Vorzeit. darin, anfser einem finstern Gange, welcher, der Sage nach, unter dem Wässer und den Bergen, bis nach dem ehemaligen Kloster, dem jetzigen" Krongute Hasenpoth, hingereicht haben soll. Der Eingang ist sicht- bar, aber der Gang selbst: soll verschüttet seyn. Dafs ein solcher Gang wirklich existirt hat, ist aus mehreren Stellen, wo plötzlich die Erde einsank und wahrscheinlich dem darunter befindlichen eingestürzten Gewölbe nachfiel, zu vermuthen. Der Gang scheint deutlich zu beweisen, dals das Kloster von Nonnen besetzt gewesen ist: den armen Jungfrauen kam hier der Trost nicht vorm Himmel herab, sondern unten aus der Erde herauf. Wir folgen diesem Gange auf festem Boden; aber von dem ehemaligen Kloster [326] 526

finden wir nur einige wenige abgebrochene Mauerstücke, Es liegt jenseit der Stadt'an der Kluft, welche die Ufer des Tebberbaches einschliefst. " Auch hier ist eine herrliche Aussicht nach dem'alten und nenen Schlosse, und in das, mit schönen Bäumen , Teichen und einzelnen Häusern geschmückte "Thal, welches unsere vorzüglich talentvolle Lands- männin, Fräulein von Mirbach (im Frey- müthigen 1805) so lieblich besang. Meinen Blicken entdeckt sich hier ein einsames Plätz- chen von jungen Bäumen umptlanzt, das rührender, wie jenes Andenken der Vorzeit, zu meinem Herzen spricht, Dort schlum- mert Blumenthal. Noch kennt mein Va- terland diesen Namen und segnet ihn *). Blamenthals Grab bedarf.des Marmors nicht,


es ist bescheiden und amspruchlos, wie sein:

"Verdienst; aber in der Mitte einer schönen Natur, die einst ihrem Lieblinge, als Arzt,


  • % Der Doct. Med, Blumenthal, grols durclı

seine Kenntnisse als Arzt, starb im Jahr 1804 zu Hasenpoth, wo er mehr als zo Jahre gelebt hatte, als Wohlthäter der Armen, die er unentgeldlich heilte, geliebt, geehrt, und gekanhıt von ganz Kurland, ,

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ihre Geheimnisse enthüllte, als Mensch, ihren schönsten Segen, ein edles, fühlendes Herz gab. Auf der südöst- und südwestlichen Seite der Stadt ist nichts zu sehn als eine fruchtbare Fläche, voll Wiesen und Kornfel- der, und Platz des Stadtwaldes, der aber selbst nicht einmal, ein paar Bäume, die den jüdischen Kirchhof umschatten, ausge- nommen, als Gesträuch existirt, und nur noch in derFunktion eines inAmt und Pflicht stehenden Buschwächters, idealisch , fort- lebt, — 4 y

Obgleich die Stadt jährlich an Umfang und Grölse gewinnt und mehrere, zum Theil recht schöne Häuser erhalten hat, ‚80 ist der Handel doch lange nicht mehr so beträcht- lich ; was indessen durchaus nicht dieSchuld der Kaufleute selbst ist, da es unter diesen einige Ebräer von Bildung giebt, die den Handel und dessen Potenzen im ganzen Umfange verstehn. Vor einiger Zeit ist hier auch eine Kreisschule eingerichtet und feyer- lich eröfnet worden. Diese wird gewils für die Bildung der städtischen Jugend die wohl- thätigsten Folgen haben, Die weise Einrich-

eh [328] 328 tung, wodurch, mit.eben so kaiserlicher als

RN in ganz Rulsland Schu-

len gegründet werden, verdient gewils den höchsten Dank jedes treuen Unterthanen. Der Staat gewinnt in derhöhern Ausbildung sei- ner Bürger eine Quelle von Kräften, die kein Klima beschränkt, und die nach.einer Zeit von ı0 bis ı2 Jahren schon die glücklichsten Wirkungen bezeugen müssen. Das hier von der Krone neu angekaufte Schulgebäude ist,

bequem, und für a Umfang der Stadı, zum

Unterrichte grols genug. N 0 Hasenpoth ist der Hauptort des mit eigenen; ‚besonderen Rechten privilegirten PiltenschenDistriets inKurland, und als sol- cher der Sitz des Piltenschen Landraths- Col-

legiums, das in Civil- und Criminal - Sachen

die höchste nur dem Senate ‚untergebene In- stanz ausmacht — und zugleich,als Adels- bevollmächtigte, die Ritterschaft in Landes- angelegenheiten repräsentir, , Zum Pilten- schen Distriet, er einen Flächeninhalt von 5400 Quadrat Wersten einnimmt, gehören & Städte und 2 Flecken, 3 Krons- und ı10 Drivatgüter, ı6 Pastorate, 2 Kronsforsteyen [329] ö ul und 2514 Banergesinde, Die Anzahl der Bewohner beträgt 2559° Seelen männlichen und 25550 weiblichen Geschlechts. Da die Glieder des Landraätbs-Cöllegiums, nehrera zu selbigem gehörige Advokaten und Kanze. leybeamten, die Hreisofhicianten und die Glieder des Manngerichts sich für immer in Haippotk ‚aufhalunge auch mehrere Personen des Adels und des gelehrten Standes hier wöhnen, so fehlt es hier nicht an gebildeter Gesellschaft, und eben so wenig im Winter an Bällen und andern Vergnügungen, Die bier neuerlich angelegte Tapeten- und Tür- kische Papier-Fabrik, verdient vorzüglich bemerkt zu werden, da sie eine ‘20 schöne Arbeit liefert, ‚wie man sie nur, in’engli- schen Fabriken mit gleicher Vollkommenheit findet. , Ehre ich Hasenpoth verlasse, muls ich eines heiteren stillen Plätzchens vor derStadt erwähnen, wo mitten in einem lieblichen Garten voll teflicher Fruchtbiume, umge- ben von kleinen Wiesen und Feldern, ein

Häuschen liest, das, seines Strohdachs uner-

htet, schon durch sein nettes, friedliches

w [330] 530 . Anseln inndresstrt, Es gehört dem Herrn Kandidaten Perniz, der hier in wahrhaft Enge Sonia: je, geschätzt un. geliebt von seinen zahlreichen Freunden und Be-


kannten, lebt, und dessen für Natur und Kunst gleich ausgebildeter Sinn dieses Plätz- chen verschönerte, und zu einem angench- men Spaziergange für seine Freunde weihte. Die innere Einrichtung entspricht dem äufsern und dessen Umgebung. Es ist nett, gefällig und mit einigen sehr gelungenen Pastell- und Ölgemilden von der eigenen Hand des Be- sitzers geziert. e diesen zeichnen sich vorzüglich ein alter 1 und das Portrait des Maler Mengs aus. Auch der Garten des Bürgermeisters K-z verdient Erwähnung, so wie der neu angel es Herrn Landge- richtsadyokaten F., der durch seine Lage, am Abliinge eines Hügels, mit einer lieb- lichen Aussicht auf ein angebautes Thal, so- bald er ganz ern ae gewils vor- zügliche Aufinerksamkeit erregen wird. Und nun genug von diesem kleinen Land- städtchen, bey dessen Zeichnung mir der Stamm JInda’das Lächeln verzeihen mag, das [331] mich unwillkübrlich, da wo. ich seiner er- wähnen mußte, beschlich. Auch ihm ent- sprofs ja mancher redliche, gebildere Mann, hier gekannt und „geschützt, und solcher Glaube an Währheitrund Taßend wird auch hier in‘Israel’funden. Sollte er aber zür- nend jede Wahrheit, die die komischen Züge des morgenländischen Originals nachzeich- net, für Übertreibung halten: so hat er sie, treu dem Rathe des Talmuds, nicht gehört; denn, sagt dort ein Rabbi, auf die wichtige Frage: warum ist das Ohr der Menschen hart, das Läppchen aber weich geschaffen worden? Da ein Fromiller das Läppchen ins Ohr hineinstecke, anf dafs er die Gläubigen nicht lästern höre *). Noch einen Trunk reinen ine klaren Wassers, das aus einer starken Quelle am Fufse des Ber- ges an der Westseite der Stadt mit Gewalt hervorsprudelt, an Helle und Reinheit aber vielleicht ‘der ‚Blandusischen Quelle selbst

iR u iM

1

Ten!

  • ) Christoph Paul Mayern (eines bekehrten

Juden und gewosenen Rabbi) Gebräucle der heuti- gen Juden. Danzig 1682, Pars 9.

4 [332] gleich a = und so gestärkt nach der W anderung verlassen wir die Stadt, ,



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Kapitel ergänzt; vergl. Druckfehler.