Schriftstellerverhältnisse im vorigen Jahrhundert

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Autor: Karl Biedermann
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Titel: Schriftstellerverhältnisse im vorigen Jahrhundert
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 462
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[462]
Kulturgeschichtliche Bilder.
Von Prof. Biedermann.
VIII.
Schriftstellerverhältnisse im vorigen Jahrhundert.
[1]

Wir führen den Leser heut in das geistige Leben einer frühern Zeit ein, oder vielmehr vor der Hand nur in dessen Vorhof, indem wir ihn mit den äußeren Verhältnissen dieser Vorbedingung geistiger Produktion, der Schriftstellerei, bekannt machen. Werfen wir zuerst einen Blick auf die Honorarverhältnisse jener Zeit, also auf den Preis, den man damals für die geistige Arbeit des Schriftstellers zahlte. Im Ganzen finden wir dabei eine ähnliche Erscheinung, wie auch heut, große Schwankungen in den Verkaufspreisen dieser geistigen Waare, ziemlich niedrige neben überraschend hohen Honoraren; wir finden ferner, daß im Allgemeinen der Durchschnittssatz der Honorare in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein bedeutend höherer ist, als in der ersten, jedenfalls ein Zeichen gesteigerter Theilnahme des Publikums und dadurch vermehrten Absatzes der Schriftwerke. In seiner höchsten Potenz würde dieser Unterschied ausgedrückt sein, wenn wir den angeblichen Honorarsatz von vier guten Groschen für den Bogen, welchen Gellert für seine Fabeln bekommen haben soll, mit den tausend Thalern in Gold zusammenstellten, welche Goethe für sein Gedicht: „Herrmann und Dorothea“ wirklich erhalten hat. Allein das Erstere ist wohl selbst eine Fabel, bedarf wenigstens, so viel uns bekannt, erst noch der Bestätigung.

Wir wollen jetzt aber eine Anzahl wirklich vorgekommener Honorarsätze, für deren Richtigkeit wir bürgen zu können glauben, behufs einer Vergleichung dem Leser vorführen.

Am Anfang des Jahrhunderts begegnen wir in dem Gottsched’schen Briefwechsel der Zuschrift eines Candidaten Stoppe an Gottsched, worin ersterer diesen vielvermögenden Protector junger literarischer Talente um seine Vermittlung zur Unterbringung eines Bandes Poesien, „Sonntagscantaten“, ersucht, die später auch wirklich gedruckt worden sind. In Betreff seiner Honorarforderung schreibt er: „er fürchte nicht gewinnsüchtig zu erscheinen, wenn er für den Bogen einen Thaler fordere.“ Ebendort finden wir einen Brief des Professors Pietsch in Königsberg an Gottsched in einer ähnlichen Angelegenheit. Pietsch gehörte oder rechnete sich wenigstens schon zu den bedeutenderen Dichtern seiner Zeit; er fordert vier Thaler für den Bogen und setzt mit Selbstgefühl hinzu, „für weniger als drei Thaler schreibe er nicht.“ Dagegen erfahren wir aus der gleichen Quelle, daß der Satyriker Neukirch (allerdings noch eher ein wirklich dichterisches Talent, als Pietsch) nicht unter einem Louisd’or für den Bogen erhalten habe. Was Gottsched selbst bekommen haben mag, wissen wir nicht; es wird für jene Zeit gewiß nicht wenig gewesen sein, da Gottsched sich rasch einen bedeutenden Ruf zu machen verstanden hatte. Diesen wußte er auch noch auf andere Weise, als durch Verwerthung seiner Geistesprodukte an den Buchhändler, für sich nutzbar zu machen. Wir begegnen hier einem Verhältniß, welches nach unsern heutigen Begriffen an einem Manne von der Bedeutung und Stellung Gottsched’s ganz sonderbar auffallen muß, damals aber sowohl von ihm selbst als von seinen Verehrern höchst unbefangen behandelt worden zu sein scheint. Gottsched’s kritische Meisterschaft ward von den verschiedensten Seiten her in Anspruch genommen, besonders von jungen angehenden Schriftstellern, welche die Erstlingserzeugnisse ihrer Muse ihm einzusenden, sein Urtheil darüber, auch wohl Verbesserungen von seiner Hand sich zu erbitten, daneben seine Vermittlung für Veröffentlichung derselben anzugehen pflegten. Da war es denn nun, wie man aus mehreren Stellen des erwähnten Briefwechsels ersieht, eine hergebrachte und bekannte Sache, für derartige Bemühungen dem Professor Gottsched ein bestimmtes Honorar oder, wie es delikat ausgedrückt wird, eine „Erkenntlichkeit“ entweder gleich mit dem Manuscript oder nach Erledigung des an ihn gerichteten Gesuches einzusenden. Vier Dukaten scheinen der gewöhnliche Preis für die Durchsicht und Druckbeförderung eines Bandes von Gedichten gewesen zu sein.

Wir haben bisher von Honoraren für schöngeistige Werke gesprochen; [463] sehen wir uns jetzt nach solchen für Werke der ernsten Wissenschaft um! Zufällig ist uns eine Notiz über die Honorare erhalten, welche der damals hochberühmte Philosoph Christian Wolf bezog. In einem Journal aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts finden wir nämlich die Bemerkung: „Christian Wolf habe einen Louisd’or für den Bogen erhalten; jetzt dagegen wollte jeder Magister Louisd’ors für sein Geschreibsel haben.“ Einer der ersten Staatsrechtslehrer aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, Johann Jacob Moser, erzählt in seiner eigenen Lebensbeschreibung von den finanziellen Resultaten seiner Schriftstellerei. Da er sehr viel und meist sehr dickleibige Werke schrieb, so fand er nicht immer einen Verleger dafür und mußte Manches im Selbstverlag herausgeben, was, beiläufig gesagt, damals überhaupt ziemlich häufig vorkam. Er klagt, daß die naturgeschichtlichen und die belletristischen Bücher alle andern verdrängten; dennoch setzte er von seinem „Staatsrecht“, einem Werke in fünfzig Theilen zu je drei Alphabeten oder circa siebzig Bogen, eine Auflage von tausend Exemplaren gegen baare Bezahlung ab. Freilich gab er das Alphabet oder vierundzwanzig Bogen zu zehn guten Groschen acht Pfennigen, ein Preis, den unsere heutigen Verleger trotz der üblichen „billigen Ausgaben“ unglaublich finden werden. Bei den Werken, die Moser in fremdem Verlage erscheinen ließ, erhielt er für den gedruckten Bogen zwei, höchstens drei Gulden; oft aber auch, wie er klagt, blieben ihm die Verleger die Bezahlung ganz schuldig.

Ungleich besser ward Schlözer bezahlt. Er verstand es aber auch, die Staatswissenschaft, die Moser noch in schweren, massigen Metallklumpen zu Tage gefördert hatte, in leichter, gangbarer und glänzender Münze dem Publikum hinauszugeben. Mit seinen publicistischen Arbeiten, seinem „Briefwechsel“ und seinen „Staatsanzeigen“ - Zeitschriften, von denen in ihrer glänzendsten Periode fünfthalbtausend Exemplare abgesetzt wurden (für Journale so ernsten Inhaltes und in der damaligen, doch im Ganzen noch weit weniger leselustigen Zeit gewiß ein ganz außerordentliches Resultat) gewann er jährlich gegen dreitausend Thaler, so daß ihm der Bogen durchschnittlich vierzig Thaler abwarf; „ein Honorar (wie sein Sohn in seiner Lebensbeschreibung bemerkt), wie es außer Kotzebue und Goethe selten ein deutscher Schriftsteller bezogen.“ Die fremden Beiträge kosteten ihm freilich fast gar nichts außer dem Porto, denn es war damals noch nicht üblich, für politische Korrespondenzen Honorar zu fordern; man betrachtete es als eine Ehrensache, derartige publicistische Unternehmungen zu unterstützen.

Dagegen finden wir bei den belletristischen Journalen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schon Mitarbeiterhonorare, und zwar zum Theil sehr ansehnliche, im Gebrauch. Wieland offerirt für Beiträge zu seinem Mercur, freilich an Goethe, drei Louisd’or für den Bogen. Die jenaische allgemeine Literaturzeitung, damals im größten Flor, von dem Herzog von Weimar materiell unterstützt, und als Mitarbeiter die bedeutendsten Gelehrten, wie Paulus, Griesbach, Hufeland und Andere, zählend, gab funfzehn Thaler für den Bogen, das Niethammer’sche Journal, woran Feuerbach in seiner Jugend mitarbeitete, zehn Thaler, wogegen dem Dichter Schubart von seinem Freund Miller (dem Verfasser des bekannten Romans „Siegwart“) für Beiträge zu einer kritisch-ästhetischen Monatsschrift, welche Letzterer gründen wollte, nur die bescheidene Summe von fünf Gulden geboten ward.

Interessant ist eine Vergleichung der Honorarsätze, welche ungefähr in derselben Zeit, nämlich im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, verschiedene namhafte Schriftsteller je nach ihrem Ruf oder der Popularität und Zeitgemäßheit der von ihnen betriebenen Gattung von Schriftstellerei bezogen. Knigge, der bekannte Verfasser des Buches „über den Umgang mit Menschen“, erhielt für eine andere seiner Schriften, (die „Aufklärung in Abyssinien“) zwei Louisd’or für den Bogen, gerade so viel, wie der Philosoph Jacobi für seine wissenschaftlichen Werke Der Stifter des Illuminatenordens, Weishaupt, soll sogar für seine Sachen drei Louisd’or bekommen haben, und von dem Pädagogen Salzmann, welcher einen Roman oder vielmehr ein Sittengemälde seiner Zeit, (in ziemlich groben Zügen) unter dem Titel- „Karl von Karlsberg, oder das menschliche Elend,“ schrieb, bemerkt ein Zeitgenosse spottend, jeder Bogen von diesem menschlichen Elend habe ihm zwanzig Thaler eingetragen. Jedenfalls muß diese Speculation auf das Interesse des Publikums an dem menschlichen Elend eine gute gewesen sein, denn der genannte Roman schwoll zu sechs starken Bänden an. Von Kotzebue ward schon erwähnt, daß seine Schriftstellerei, nach ihren materiellen Resultaten gemessen, sich den unsterblichen Werken des Goethe'schen Genius habe an die Seite stellen können, wie sie ja auch leider in der Theilnahme des großen Publikums eine Zeit lang keck und erfolgreich mit diesen rivalisirte. Es war eben damals, wie es noch heut ist und wahrscheinlich noch lange sein wird: diejenigen Schriftsteller, welche den augenblicklichen Zeitgeschmack am Besten zu treffen und am Meisten zu befriedigen verstanden, trugen den Sieg über die meisten derer davon, welchen es um gediegenere Resultate literarischer Produktion zu thun war, und nur die wenigen der Letzteren, welche mit der überwältigenden Macht ihres höhern Genius das Ewige im Menschen erfaßten, konnten sich der gleichen äußeren Erfolge wie Jene mit ihrer leichten Waare, rühmen. Im Namen der ernsten, nüchternen Wissenschaft führt über dieses Mißverhältniß der berühmte Geograph und Statistiker Büsching in einem seiner Briefe schwere Klage.

„Ich alter Schriftsteller,“ sagt er, „bekomme gemeiniglich nur drei Thaler für einen Bogen, für ein Stück der mühsamen „Wöchentlichen Nachrichten“ (einen halben Bogen) einen halben Louisd’or, und mehr bringt mir auch die allermühsamste Arbeit der Erdbeschreibung nicht ein, obgleich die leichtesten Bogen derselben mir wenigstens volle sieben Arbeitstage, jeden zu vierzehn Stunden, und die schweren sechs solche Wochen kosten; für einen Bogen der neuesten Ausgabe aller Theile von Europa habe ich zwei Thaler hamburgisch Courant bekommen. Ich weiß wohl“ setzt er nicht ohne eine gewisse Bitterkeit hinzu, „daß es Dichter giebt, insbesondere schlüpfrige, welche zehn Thaler für einen Bogen bekommen, eine solche Bezahlung können aber Schriftsteller, welche ernsthafte Materien abhandeln, nicht erwarten.“ [2]

Nicht immer waren es übrigens solche leichte oder leichtfertige Ergötzungen der Phantasie, welche so hoch bezahlt wurden; auch die sogenannten gemeinnützigen oder populären Beobachtungen wissenschaftlich- praktischer Stoffe zum Gebrauch für’s Leben machte damals, wie heute, großes Glück und hatten ein ausgedehntes Publikum. Wenige Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts werden sich so viel mit ihrer Feder verdient haben, wie der Verfasser des, seiner Zeit allbekannten und vielgeschätzten „Noth- und Hülfsbüchleins,“ Becker. Er ward dadurch und durch seinen Reichsanzeiger ein wohlhabender Mann. Erfreulich ist es, wahrzunehmen, wie überhaupt gemeinnützige, auf die Belehrung und Aufklärung des Volks berechnete Werke, selber solche von ziemlich bedeutenden Umfang, damals auf ein weitverbreitetes und nachhaltiges Interesse des Publikums zu zählen hatten. Man ersieht dies aus den vielen und starken Fortsetzungen zahlreicher Sammel- und periodischer Werke dieser Art, welche besonders in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts erschienen. Auch liegen über einzelne solcher Unternehmungen ganz bestimmte Angaben vor. Basedow, der Reformator des Erziehungswesens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, bekam durch sein „Elementarwerk,“ welches er auf Subscription herausgab (zugleich mit der Bestimmung, den Ertrag zur Begründung einer Erziehungsanstalt nach seinem Systeme zu verwenden), die Summe von funfzehntausend Thalern zusammen. Pestalozzi erlangte durch Herausgabe seiner pädagogischen Schriften die Mittel, nicht nur aus der bedrängten ökonomischen Lage, in der er sich befand, herauszukommen, sondern auch seine pädagogischen Ideen selbst zu verwirklichen. Der Erfolg, den Klopstock mit seinem großen Subscriptionsunternehmen, „die Gelehrtenrepublik“ (deren innerer Gehalt noch dazu den Erwartungen keineswegs entsprach) erzielte, ist bekannt.

Zum Theil eine Folge der damaligen mangelhafteren Organisation des Buchhandels, zum Theil aber auch ein schönes Zeichen der lebendigeren, unmittelbareren Betheiligung des Publikums an der literarischen Produktion, in das eigenthümliche Verhältniß, in welchem wir damals häufig Schriftsteller, ebensowohl junge und noch unbekannte, als ältere und schon berühmte, dem Publikum gegenüber treten sehen. Es war in der damaligen Zeit durchaus nichts Ungewöhnliches, daß der Schriftsteller ungleich der Verleger seiner eigenen Werke ward. Die Handhabe, deren man sich bediente, um das Publikum zur Theilnahme heranzuziehen und für den Absatz einer Schrift eine gewisse Sicherheit im Voraus zu erhalten, war das Sammeln von Subscribenten, wobei literarische und persönliche Freunde, Gönner und Verehrer dem Schriftsteller [464] behülflich zu sein pflegten. Der Subscribent, welcher seinen Namen an der Spitze des betreffenden Literaturwerkes veröffentlicht sah, hatte das angenehme Gefühl, durch seinen Beitrag nicht blos ein Exemplar des Buches sich verschafft, sondern unmittelbar auch das Zustandekommen desselben befördert und dazu mitgewirkt zu haben, dem Schriftsteller die aufgewendete Mühe zu vergüten und gleichsam den Dank der Nation für seine auf ihre Veredelung gerichteten Bestrebungen abzutragen. Es entstand dadurch zwischen dem Käufer eines Buchs und dem Schriftsteller eine Art von persönlichem Verhältniß; jener interessirte sich schon im Voraus für ein Werk, dessen Erscheinen ihm speciell angekündigt, und für welches seine Betheiligung in Anspruch genommen war, und der Schriftsteller seinerseits, im Besitze eines Subscribentenverzeichnisses, welches durch die Zahl und die Bedeutung der Namen, die es enthielt, seinen Muth zur Herausgabe und seine Begeisterung in der Ausarbeitung der angekündigten Schrift erhöhte, hatte gewissermaßen das Publikum, zu dem er sprechen sollte, schon sich gegenüber und konnte sogar den Ton und die Haltung seiner Arbeit wenigstens theilweise danach einrichten.

Auch an Versuchen einer Vereinigung der Gelehrten oder Schriftsteller zum Selbstverlag ihrer Werke, um sich von den Buchhändlern unabhängig und ihre literarische Produktion für sich ergiebiger zu machen, hat es im vorigen Jahrhundert nicht gefehlt. Schon Leibnitz hatte ein solches Project entworfen, das aber, wie die meisten Projecte dieses genialen Mannes, unausgeführt blieb. Klopstock kam auf denselben Gedanken zurück in seiner „Gelehrtenrepublik.“ In Folge dieser Anregung entstand auch wirklich in Dessau eine sogenannte „Buchhandlung der Gelehrten,“ die aber ebenso wenig Erfolg und Bestand hatte, als ein in Augsburg unternommener Versuch gleicher Art. Die im Jahre 1781 entstandene, „Union der XXII“ (an welcher unter Andern der vielberufene Bahrdt Theil hatte), scheint ähnliche Zwecke verfolgt zu haben, aber wohl nicht ganz auf die lauterste Weise, wie man wenigstens aus den ablehnenden Antworten und den Bemerkungen darüber von Schlözer und andern namhaften Schriftstellern, die zum Beitritt aufgefordert worden waren, schließen kann.

Zum Schlusse mögen noch einige Notizen über die Zahl der Schriftsteller und Schriftstellerinnen Deutschlands im vorigen Jahrhundert (so weit wir darüber Nachrichten haben), so wie über den damaligen Zustand des schriftstellerischen Gewerbes im Allgemeinen hier Platz finden. Die Angaben über die Zahl der deutschen Schriftsteller im vorigen Jahrhundert (d. h. in den 80er Jahren desselben) schwanken zwischen 4- bis 6000, wogegen man in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts, also um etwa 50 Jahre später, schon 18,000 zählte. Schriftstellerinnen gab es nach Knigge 40 bis 50 (gegen heut eine sehr bescheidene Zahl), darunter aber, wie er meint, kaum ein halb Dutzend, die als privilegirte Genies höherer Art wahren Beruf hätten, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen. Speciell in Oesterreich rief das bekannte milde Censuredict Joseph’s II. alsbald fast ein halbes Tausend sogenannter „Büchelschreiber,“ d. h. Tagesschriftsteller der leichteren Sorte, hervor.

Im Allgemeinen war in jener Zeit das Schriftstellern noch nicht so, wie heute, ein besonderes Gewerbe, ein selbstständiger Lebensberuf. Selber die Herausgabe größerer periodischer Schriften war meist nur eine Nebenbeschäftigung angestellter Gelehrten oder Beamten. Ebenso, wie schon oben erwähnt, die Fertigung politischer Correspondenzen. Mehr scheint schon vom Anfange des Jahrhunderts an die Beschäftigung mit literarischer Kritik, das Correspondiren für gelehrte oder ästhetische Zeitschriften von jüngeren Leuten gewerbsmäßig und also wohl auch mit Rücksicht auf einen dadurch zu erzielenden Erwerb betrieben worden zu sein. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als die gelehrte und noch mehr die belletristische Produktion und Consumtion bereits eine bedeutende Höhe erreicht hatte, ward auch das Schriftstellern immer mehr ein wirkliches Gewerbe, auch in jenem, für die Literatur wenig günstigen Sinne, daß die Schriftsteller sich von den Buchhändlern zu mechanischem, fabrikmäßigem Arbeiten anstellen und bezahlen ließen. Leipzig hatte schon damals den zweideutigen Ruhm, der Mittelpunkt eines solchen fabrikmäßigen Literaturbetriebes zu sein. Es gab hier Buchhandlungen, die zehn bis zwölf Autoren an einem Tische für sich arbeiten ließen. Geschichten, Romane, Reisebeschreibungen, sogenannte „zuverlässige Nachrichten“ und dergl., Alles ward dort fabrikmäßig und auf Bestellung gefertigt. Neun Zehntel der Verfasser von Romanen, Komödien, Gedichten etc. wurden, wie ein Zeitgenosse versichert, in Leipzig gebildet und verwendet. Es gab da besondere „Entrepreneurs,“ welche die einzelnen literarischen Fabrikarbeiter den Buchhandlungen zuführten und das Geschäft vermittelten. Mit Vorreden, berühmten Namen auf dem Titel u. dgl. ward ein ähnlicher Mißbrauch getrieben, wie eben auch heutzutage noch oft geschieht.

In Leipzig bestanden schon um 1770–80 förmliche „Uebersetzungsmanufakturen,“ und die Hälfte der neuen Bücher, die dort erschienen, waren, nach unserm Gewährsmann, Uebersetzungen. Da nach der damaligen Organisation des Buchhandels alle Schriften, welche im Laufe eines Jahres auf den Büchermarkt kommen sollten, zur Osterbuchhändlermesse fertig sein mußten, so kann man sich denken, mit welcher fabrikmäßigen Hast während der letzten Monate vor diesem Termine in jenen Uebersetzungsmanufacturen gearbeitet ward. Neben den Uebersetzungen aus der fremdländischen Literatur mochten jene Fabriken auch vollauf Arbeit finden in der Nachahmung bedeutender oder doch Aufsehen erregender einheimischer Geistesprodukte. Denn, wie heutzutage z. B. Gotthelf’s oder Auerbach’s Dorfgeschichten, so riefen damals Produktionen, wie Goethe’s Götz und Wirth, Miller’s Siegwart und Aehnliches, Massen von Nachahmungen hervor, die glücklicherweise der Strom der Zeit verschlungen hat und nur hier und da einmal der Zufall oder der Eifer eines literarischen Curiositätenkrämers wieder an’s Licht des Tages herauftauchen läßt.



  1. S. Nr. 5 und 28 d., Nr. 32, 38, 42, 47, 52 d. vor. Jahrgangs.
  2. Die Honorare der jetzigen Zeit sind etwas anderer Art. So erhält Gervinus für seine „Geschichte des 19. Jahrhunderts“ 40,000, sage vierzig Tausend Thaler.
    D. Red.