Von Kleinkinderschulen

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Textdaten
Autor: Wilhelm Löhe
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Titel: Von Kleinkinderschulen
Untertitel: Ein Dictat für die Diaconissenschülerinnen von Neuendettelsau
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Gottfried Löhe
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Von Kleinkinderschulen.

Ein Dictat
für die
Diaconissenschülerinnen von Neuendettelsau
von
Wilhelm Löhe.

Nürnberg,
Gottfr. Löhe.
1868.


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Druck von Bieling (Dietz).


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Vorwort.

 Dies Dictat, das im Diaconissenhause dahier seit vielen Jahren gebraucht wird, um Diaconissenschülerinnen zu Kleinkinderschulen anzuleiten, erscheint hier im Drucke, damit das Abschreiben erspart werde. Es geschieht nach Wunsch und Antrag der Lehrdiaconissin, welcher seit langer Zeit die Aufgabe oblag, in Kinderschulen einzuleiten. Ihr und ihren Schülerinnen wird so Zeit und Mühe erspart. Daß das Dictat somit an die Oeffentlichkeit tritt ist zufällig. Wir haben ja nebenher die Kaiserswerther Schriften immer gebraucht und werden es ferner thun. Sieht etwa von da aus ein ferner Stehender auch die Dettelsauer Führung an, so wehren wir es nicht. Wir wehren es auch nicht, daß unsere Sache an’s Licht trete, im Falle sie irgend bedürfte, vom Lichte gestraft zu werden. Gott fördere alles Wahre und Gute und vernichte alles, was nichts taugt bei uns und andern!

Amen.

 Neuendettelsau, 4. Juli 1868.

W. Löhe. 


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Von der Kleinkinderschule.
I.

 Die Kleinkinderschule ist, wie der Name sagt, eine Schule für kleine Kinder, d. i. für solche, welche zur deutschen Schule noch nicht pflichtig sind, die das sechste Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Die Kleinkinderschule ist aber auch eine wirkliche Schule. Kinder, die man noch gar nichts lehren, die man noch nicht schulen kann, gehören etwa in eine Kleinkinderbewahranstalt oder in eine Krippenanstalt, aber nicht in eine Kleinkinderschule.[1] Man kann also im ganzen sagen: die Kleinkinderschule ist eine Anstalt für unterrichtsfähige, aber für die deutsche Schule noch nicht reif gewordene Kinder.


II.

 In den frühern Zeiten gab es in unserm Vaterlande in dem gegenwärtigen Sinn nicht einmal deutsche Schulen, Kleinkinderschulen aber gar nicht. Man hielt es zu sehr für Pflicht der Eltern, ihre Kinder in der ersten Zeit des Lebens selbst zu erziehen und zu lehren, als daß man es für schicklich und gut gehalten hätte, dieselben vor dem Eintritt in die deutsche Schule in eine Vorschule zu schicken.

 Die Kleinkinderschule ist eine Schöpfung der neueren Zeit, und es fragt sich nur, ob sie zu loben oder zu tadeln ist. „Die erste Kinderschule wurde 1779 in Waldbach von dem bekannten Pfarrer Oberlin errichtet; eine der| ersten Kleinkinderlehrerinnen war Luise Scheppler.“ – S. Erziehung und Beschäftigung kleiner Kinder in Kleinkinderschulen und Familien von J. Fr. Ranke, p. 188 der 2. Aufl. – „Seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts sind in vielen Ländern, besonders in Deutschland, England und Frankreich eine Menge von Anstalten gegründet worden, deren gemeinschaftliche Tendenz es ist, jüngere, noch nicht schulpflichtige Kinder zu beaufsichtigen, zu pflegen etc.“ S. Schmid’s Encyclopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens III. p. 30.[2]


III.
 Ein Volk, unter welchem, wie z. B. in Norwegen, die Eltern die Kinder selbst unterrichten und unterrichten können, steht in der Bildung weit höher als ein solches, in welchem alle Lehre und aller Unterricht Sache eines besonderen Standes wird. Bei uns ist es bereits dahin gekommen, daß wir froh sein müssen, einen besondern Lehrerstand zu haben, weil die Unnatur unseres Lebens es vielen Eltern nicht gestattet zu lehren, und vielen unmöglich macht, auch nur die Fähigkeit dazu zu erwerben, ja, alle Lust dazu erstickt. Gäbe es keinen besondern Lehrerstand, so würde bei unsern Verhältnissen die Jugend ohne allen Unterricht aufwachsen. Da nun die Unnatur des Lebens immer zunimmt, so wird es nicht blos den Vätern, sondern auch den Müttern immer mehr zur Unmöglichkeit, ihre Kinder auch nur in den ersten Lebensjahren selbst zu unterrichten, oder auch nur zu erziehen. In Frankreich ist es vielen Müttern nicht einmal mehr möglich, die Säuglinge und jüngsten Kinder zu bedienen und zu ziehen; daher wurde es in der neuen| Zeit nothwendig, daß Kleinkinderschulen, Kinderbewahr-, Kinderwart- und Krippenanstalten die Pflichten der Eltern übernehmen. Diese Anstalten sind nothwendig geworden, und man darf sie in Anbetracht der Nothwendigkeit und des Segens, den sie stiften und stiften können, nicht einmal mehr nothwendige Uebel nennen. Sie sind unverdiente Gnaden und Wohlthaten für eine böse Zeit, in welcher immer mehr das Familienleben erstirbt, und das ganze Leben sich verkehrt.


IV.
 Die Kleinkinderschule ist wie gesagt eine Schule, aber sie befaßt sich nur mit Kindern, welche zur öffentlichen deutschen Schule noch nicht reif sind, und vertritt in allen ihren Leistungen die Eltern, insonderheit die Mutter.[3] Daraus ergibt sich ihre Aufgabe und deren Gränzen. Sie lehrt, aber sie lehrt nicht wie die deutsche Schule, und vielfach auch nicht was die deutsche Schule, sie lehrt, was und wie die Mutter ein noch nicht schulpflichtiges Kind lehren kann und soll. – Das, was sie lehrt, und das Maß der Lehre ist also den Müttern abzulernen. Eine Mutter lehrt die noch nicht schulpflichtigen Kinder nicht halbe Tage lang, oder auch nur Stunden lang. Das Lehren ist überhaupt für das noch nicht schulpflichtige Kind das noch seltenere Erziehungsmittel. Da nun die Kleinkinderschule die Kinder für den größeren Theil des Tages aufnimmt, so kann auch sie nicht die ganze Schulzeit auf Lehren verwenden: was die Mutter nicht thut, und nicht thun kann, kann und thut auch die Kleinkinderschule nicht. Sie muß also bei der Mutter weiter fragen, was die außer dem Lehren vornimmt. Die Antwort wird sein: eine Mutter beschäftigt ihr Kind mit passendem Spiel und angemessener Arbeit; eine Mutter gewöhnt ihr Kind nach Leib und Seele zu allem was sich schickt und was nöthig ist; eine Mutter| feiert und betet mit ihrem Kinde und gibt dadurch seinem Leben Werth und Aussicht auf die Ewigkeit. Das alles hat auch die Kleinkinderschule zu thun; sie lehrt nicht blos, sie beschäftigt, sie gewöhnt, sie führt in das Leben vor Gott und mit seiner Kirche ein. Das sind die Aufgaben, die eine Kleinkinderschule hat, und wie sie eine jede lösen soll, das wollen wir nun in gesonderte Betrachtung nehmen, und zwar steigen wir vom geringeren zum größeren an und zeigen
1) die Gewöhnung, in der Kleinkinderschule.
2) die Beschäftigung,
3) die Lehre,
4) das Gebetsleben


NB. Die Friedr. Fröbel’schen „Kindergärten“ liegen den Bestrebungen der christlichen Barmherzigkeit viel zu fern, als daß sie hieher gehören könnten. Sie gehen über die Nothwendigkeit der Zeit hinaus und wollen nicht einfach die Nothhilfe leisten. Sie sind eine mißlungene Art von Theorie und Praxis der Erziehung kleiner Kinder. Sie sind und wollen etwas ganz anders als die Kleinkinderschule. – Friedr. Fröbel, geb. in Oberweißbach im Fürstenthum Rudolstadt 21. April 1782, † in Liebenstein 21. Juni 1852.


V.
1. Die Gewöhnung.
 Die Gewöhnung beginnt in der Kleinkinderschule mit einer Entwöhnung. Das Kind, welches vom Hause kommt, ist gewöhnt, mit den Seinigen umzugehen und sich so frei zu bewegen, wie es zwar im Hause, aber niemals in der größeren Gemeinschaft einer Schule sein kann. Da gilt es also, Vater und Mutter zu entbehren und die ganze häusliche Umgebung; es gilt, still zu sitzen und nach dem Befehl einer Lehrerin zu thun oder zu lassen. Geht es nun bekanntlich schon Erwachsenen schwer, sich also zu entwöhnen, wie viel mehr den Kleinen? Weinen die Großen, warum nicht die Kleinen? Stellen sich jene ungebärdig, warum sollte man nicht Geduld haben mit diesen? Freundliche, unermüdliche, starke Geduld ist hier| die Tugend der Lehrerin, welche ihr zu wünschen ist. Auch die Lehrerin hat es hiebei gar nicht allein mit den Kleinen zu thun, sondern oft auch mit den Eltern, die bisweilen eben so bewegt und gerührt sind als die lieben Kinder. Da muß die Lehrerin auch die Eltern überwinden und sie durch Gründe und freundlich ausharrende Ermuthigung dahin bringen, daß sie nicht vor Weh und Leid ihre Kinder daheim behalten, sondern in Gottes Namen warten, bis die traurige Periode vorüber ist, und Eltern und Kinder sich der Kleinkinderschule freuen lernen. Erst wenn man so weit in der Gewöhnung vorgeschritten ist, ist die Bedingung gewonnen, ohne welche keine Kleinkinderschule etwas leistet. Auch die Gewöhnung zu jenem Gehorsam, vermöge dessen man sich einer Lehrerin auf’s Wort fügt, ist keine Kleinigkeit. Es werden aber der Lehrer und die Lehrerin von Talent daran erkannt, daß sie mit Langmuth nach dem Gehorsam ihrer Kinder ringen. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen werden dieser schweren Arbeit sehr bald müde, und statt die Kinder zum Gehorsam zu bringen, lassen sie sich von den Kindern zu geringeren Anforderungen gewöhnen, daß sie es am Ende gar nicht mehr merken, wenn sie selbst von den Kindern gegängelt werden, und es um sie her tummelt und tobt. Daher ist es auch mit den meisten Schulen und deren Leistungen von vorn herein eine traurige Sache, und keine Hoffnung. – Die Lehrerin kann je nach Beschaffenheit der Kinder verschiedene Mittel anwenden, um sie zum Gehorsam auf’s Wort zu gewöhnen; aber dahin bringen muß sies; bevor sie das erreicht hat, leistet sie nicht viel.
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 Im Gehorsam gegen das Wort ist schon etwas anderes eingeschlossen. Unsere gütigen Land- und Stadtleute glauben nämlich, sie seien gar nicht einmal väterlich und mütterlich gegen ihre Kinder gesinnt, wenn sie sie nicht den ganzen Tag essen lassen. Müssen auch die viel geplagten Zähne ein Viertelstündchen vom Kauen ausruhen, so muß doch in der linken Tasche ein Stück Brod auf Vorrath vorhanden sein, damit man bei der ersten Erinnerung der Möglichkeit, weiter essen zu können, die Arbeit aufs neue fortsetzen könne. O, große Wohlthat für ein Kind, eine Lehrerin zu haben, welche es gewöhnt, das Leben| nicht als eine Speiseanstalt Gottes anzusehen, sondern in der Speise nur eine nothwendige Lebensbedingung zu erkennen, zu rechter Zeit zu essen und immer nach dem rechten Maße. Ein immer voller Magen verursacht alle mögliche Unbequemlichkeit und Schmerzen des Leibes, macht untüchtig und unlustig zum lernen und zum gehorchen. An vielen Kindern würde die Erziehung eine ganz andere Frucht tragen, wenn das immerwährende Hinderniß des vollen Leibes aufhörte. Hier ist ein herrliches Ziel der Kinderschule, welches in das spätere Leben hinein Früchte trägt für Leib und Seele. – Der größte Triumph ist es freilich, wenn Ordnung und Maß in Speise und Trank nicht blos die Frucht der puren Gewöhnung ist, sondern je mehr und mehr das Kind selbst bewußtermaßen sich mit der Lehrerin vereint zum edeln Ziele der Mäßigkeit.
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 Bei der Gewöhnung des Kindes hat man auch ein Hauptaugenmerk auf die Reinlichkeit zu richten und zwar auf die innerliche und äußerliche. Die innerliche Reinlichkeit ist jedoch nicht mit der Reinigkeit der Seele zu verwechseln. Wir haben nichts anderes im Sinn als die Reinlichhaltung der inneren Theile des Leibes, der Eingeweide, auf welche hingedeutet und sie dem Nachdenken empfohlen zu haben, genug sein mag. Ein reines Herz, wenn es vorhanden wäre, sollte den Menschen an und für sich selber auch zur Reinlichkeit treiben; aber das gesammte menschliche Wesen und die Vollkommenheit des Menschen ist Stückwerk, daher auch nicht immer die Reinigkeit Reinlichkeit zur Folge hat und auch bei dem Menschen, der bereits Reinigkeit liebt, Erziehung zur Reinlichkeit noch ganz an der Stelle ist.[4] Fragt man: wer ist reinlich? so kann man darauf nie antworten: „Derjenige, welcher nie unrein wird,“ sondern man muß sagen: Derjenige, welcher die unvermeidliche Verunreiniuung des Leibes beständig| und ohne Aufenthalt von sich thut. Die Reinlichkeit ist also eigentlich kein Zustand, sondern ein unablässiger Fleiß, einen Zustand der Reinheit herzustellen und zu erhalten, der auf der Stelle verloren geht, sowie der Fleiß nachläßt. Es muß daher dem Menschen von Jugend auf eingeprägt werden, daß unter die unablässigen und unaufhörlichen Geschäfte des Lebens von der Jugend bis zum Grabe die Bemühung gehört, den eigenen Leib rein zu erhalten. Zu dem hier geforderten Fleiß muß aber der Mensch von Jugend auf gewöhnt werden, und durch treue Gewöhnung eine unertödliche Gewohnheit herzustellen, das ist es, was von einer Lehrerin in der Kleinkinderschule gefordert werden muß.

 Man könnte die Frage aufwerfen, ob man es nicht auch in der Reinlichkeit zu weit treiben könne, und ganz vergeblich und unnütz ist diese Frage nicht.

 Es könnte aus der Gewöhnung auch hier anstatt einer edeln Gewohnheit eine Verwöhnung entstehen, so daß es am Ende der armen Seele unerträglich würde, auch nur vorübergehenden Staub des Lebens am Leibe zu wissen. Da könnte es kommen, daß Jemand vor lauter Reinlichkeit keinen Schmutz entfernen möchte, und der auf diesen Weg sich erzeugende Ekel vor allem Staub und Schmutz könnte dahin wirken, daß man allen Staub und Schmutz liegen ließe, zunehmen und wachsen, bis man endlich vor lauter Reinlichkeit im Schmutz erstickte. Wenn aber auch die Liebe zur Reinlichkeit nicht so geradehin zum Gegentheil führt, so könnte sie doch auf eine andere Seite hin zu einer Lebensplage werden. Es kann sich das Auge so sehr zur Beachtung jedes Stäubleins schärfen, die Hand so sehr gewöhnen, jedes Stäubchen zu entfernen, daß reinigen aufhört, eines von den vielen Geschäften des Lebens zu sein und alle Kraft und Zeit verzehrt. Der Mensch muß wissen, daß auch in diesem Stücke auf Erden nur Stückwerk zu erreichen ist. Das rechte Maß muß auch hier gefunden werden; es gehört zu unsern täglichen Demüthigungen, die wir mit Dank hinnehmen und zur wirklichen Demuth benützen sollen, bei allem Fleiß der Reinigung doch immer nicht alles so reinlich herstellen zu können, als es wohl wünschenswerth wäre. Wir in unsern| Gegenden werden uns allerdings gar noch nicht zu mäßigen haben; wir dürfen noch vorwärts gehen; aber wenn wir von holländischer Reinlichkeit hören, däucht es uns doch, als ginge man dort übers Maß.

 Wodurch hält man den eigenen Leib reinlich? Allerdings kann man da verschiedene Mittel der Reinlichkeit angeben. Dieselben zusammenfassend könnte man sagen:

1) Man hüte sich, sich ohne Noth schmutzig zu machen, damit man nicht allzuviel Schmutz wegzuräumen habe;
2) den unvermeidlichen Schmutz entferne aufs beharrlichste und fleißigste.

 Es wird auch Niemand die Wahrheit verkennen, welche in diesen beiden Sätzen liegt; doch aber werden auch leicht alle übereinstimmen, wenn wir an diesem Ort uns nur auf eine gewisse Ausführung des 2. Satzes beschränken. Wir haben es da außer mit dem Fleiße der Reinigung hauptsächlich mit dem Mittel für dieselbe zu thun, mit dem Wasser. Sowie zu dem genauesten Fleiße der Reinigung nicht genug gemahnt werden kann, so kann man die Menschen nicht genug abmahnen von ihrer thörichten Furcht vor dem Waschwasser. Ein Mensch, der die Reinlichkeit liebt, sollte wenigstens wöchentlich einmal feierlich Gott danken, daß er die edle Creatur des Wassers geschaffen hat, und sich selbst wie dem Schöpfer das Gelübde erneuen, dies fromme, segensreiche Wasser zu benützen, auch wenn es kalt ist. Es ist wahr, der Gebrauch des Wassers erfordert unter anderm auch Verstand und Vorsicht; aber welche Kreatur erforderte das nicht, und welcher geriethe es zum Tadel, daß man sie mit Verstand und Vorsicht gebrauchen muß? Mit Verstand und Vorsicht gebraucht aber wirkt das Wasser nicht blos das Abthun des Unflats am Fleisch, sondern auch Gesundheit, und verhütet Krankheit; daher es der Vorsicht und dem Verstande, aber auch dem Fleiße und der Beharrlichkeit einer Kleinkinderlehrerin gar wol zu empfehlen ist, ihre Kleinen zum fleißigen, sowohl innerlichen als äußerlichen Gebrauche des Wassers (zum Wassertrinken und Waschen), wie zum Abscheu vor allem Schmutze zu gewöhnen.

|  Die Vorsicht sagt: mach den Anfang in gesunden Tagen des Kindes und im Sommer; die Weisheit setzt dazu: suche eine Gewöhnung zu erreichen auch für den Winter. Sie schließt: Sei kein halsstarriger Narr, weder in dem einen Stück noch in dem andern.

 Ein fernerer Punkt, in welchem Gewöhnung nothwendig eintreten muß, ist die Arbeit oder vielmehr die Beschäftigung. Nichts gewöhnt sich leichter als Müßiggang, aber auch in keinem Stück kann Gewöhnung von Jugend auf siegreicher werden als im Fleiße und in der Arbeit. Wir werden späterhin auf die Beschäftigung des Kindes weitläufiger zu sprechen kommen in anderer Rücksicht; hier an diesem Orte soll sie blos als ein Ziel der Gewöhnung kürzlich erwähnt sein. Ein Stufengang vom Leichteren zum Schwereren ist hiebei allerdings einzuhalten, nicht die Größe der Leistung, sondern daß nur etwas geleistet werde, ist das Ziel, was auch für die Kleinkinderschule unverrückt im Auge zu behalten ist.

 Mehr dürfte hier die Gewöhnung zu einem schicklichen und schönen Benehmen hervorgehoben werden. Landesbrauch und Sitte der Zeiten sind sehr verschieden, aber es gibt dennoch vieles, worüber man allenthalben übereinstimmt, daß es schicklich oder unschicklich sei, und es dürfte daher bei aller Achtung vor dem väterlich ererbten Brauch doch schon nach dieser allgemeinen Uebereinstimmung manches korrigiert und verbessert werden, was sich bei unserm guten Volke findet. Der ererbte Brauch namentlich unserer Landleute und der niedrigen Classen in den Städten ist oft geradezu unschicklich zu nennen, so daß man gegen ihn angehen muß. Man hat eine heilige Verpflichtung, die Jugend nicht bloß zum Wahren und Guten, sondern auch zum Schicklichen und Schönen zu erziehen. Es wird daher eine Kinderlehrerin vor allen Dingen die gesammte Sitte und den Brauch der Gemeinden kennen lernen müssen, in welchen sie arbeiten soll. Schon diese Aufgabe dürfte nicht allzuleicht sein, da sich die Landleute und niedrigen Stände von den ihnen überlegenen höheren zurückzuziehen und zu verhüllen pflegen. Man kann Jahrzehnte in einer Gemeinde gelebt haben,| ohne daß man den Brauch und die Sitte derselben vollständig erkannt hat: dies soll blos gesagt sein, um die Aufgabe nach ihrer Schwierigkeit hinzustellen. Unmöglich zu leisten ist sie deshalb nicht, zumal für Frauen, also auch für Kleinkinderlehrerinen, die ihren Wirkungskreis so ganz in Mitte des Volkes haben. Frauen haben bekanntlich für solche Dinge auch einen sehr offnen Sinn und scharfe Augen. Man wird sich nicht lange mit der Aufgabe beschäftigt haben, so wird man das hervorragend Unschöne der Sitte eines Ortes oder einer Gegend erkennen. Sobald man so weit ist, beginnt die Arbeit der Gewöhnung und Entwöhnung. Dabei muß man sich allerdings hüten, daß man nicht allenfalls die eigne Gewöhnung zum Muster und Maßstab für jede andere macht und den von Jugend auf selbst eingeübten Brauch so ohne weiteres den Schülern und Schülerinnen aufdringt. Z. B. die Kleidung und leibliche Gewöhnung des Städters ist kein Maßstab für den Landbewohner, welchem man vielleicht alle seine Lebenseinrichtungen getrost lassen darf, wenn man ihnen nur Schmutz und Rohheit nimmt.
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 Besonders zu erwähnen dürfte es sein, daß das Kind zur Zuvorkommenheit und Gefälligkeit, zum Gebrauche eines edlen Ausdrucks, zu schönem Gruß, zu einfach schönem Gang und Haltung des Leibes gewöhnt werden muß[5], sowie daß es| entwöhnt werden muß von selbstsüchtigen Ausdrücken, Schimpfworten, Geschrei, Fluch und Schwur, unsaubrer Rede von Stall und Abtritt hergenommen, was alles schon frühzeitig von den älteren auf die jüngeren überzugehen pflegt. Da gibt es allerdings genug zu thun und es bedarf einer großen Kraft und Beharrlichkeit der Lehrerin, wenn sie nur einigermaßen durchdringen will. Auch gilt es hier nicht bloße Strenge, sondern eine Bewältigung der Seele durch Freundlichkeit, Holdseligkeit und Liebe der Lehrerin. Es ist in diesem Stücke namentlich zu merken, daß man nichts leisten kann noch geben, was man nicht selbst hat. Ein ungebildeter Mensch kann keine Bildung mittheilen. Ein Satz und Wort, die vielleicht niemand öfter und besser hervorgehoben hat, als Bischof Sailer.


VI.
2. Die Beschäftigung
des Kindes ist theils Arbeit, theils Spiel. Die Kinderlehrerin hat darauf zu sehen, daß das Kind auf eine von beiden Weisen immer beschäftigt sei. Völlige Ruhe hat der Mensch außer dem Schlafe nicht und soll sie nicht haben. Am Tage tritt nur ein Wechsel der Beschäftigungen ein, so beim Erwachsenen wie beim Kinde, und in der Abwechslung besteht die Erquickung. Auch bei Erwachsenen wechselt Arbeit und Spiel, denn die Erholung, welche Jedermann dem Erwachsenen gönnt und| räth, ist in eine Classe mit dem Spiel zu setzen, und ist ebenso wenig wie das Spiel ein völliges Ausruhen der Kräfte, sondern hat ein Maß von Arbeit, Beschäftigung, Spiel in sich selbst.

 In der allerersten Zeit des Kinderlebens ist schier alle Beschäftigung nichts als Spiel. Man sieht vom Nutzen, welchen das Spiel bringt, gänzlich ab, und hält schon das für Nutzen genug, daß das Kind durchs Spiel an Beschäftigung gewöhnt wird. Ein Kind, welches in den ersten Jahren des Lebens nicht spielt, kann Angst für seine Zukunft einflößen. Kindheit und spielen gehören zusammen. So das Vorhandensein des Arbeitstriebs wie der Phantasie können bezweifelt werden, wenn ein Kind am Spiel keine Freude hat.

 Ist das Kind ans Spiel gewöhnt, so wird es allmählich zu einem Wechsel zwischen Spiel und Arbeit angeleitet. Wir verstehen hier unter Arbeit zunächst weiter nichts als Beschäftigung, welche nicht pures Spiel ist, d. h. nicht blos geschieht um zu unterhalten und zu beschäftigen, sondern bei welcher auch irgend ein Nutzen für andere im Auge behalten wird, oder doch ein Nutzen für den, der beschäftigt wird. Das Kind wird, wohl geleitet, von der Arbeit nicht zurückschrecken, sondern sich von derselben angezogen fühlen und zwar gerade deshalb, weil ihm dabei die Süßigkeit kund wird, und die Befriedigung, welche für alle Menschen im Nutzenschaffen liegt. Es wird sich das Kind freuen, wenn es etwas Nützliches und Dienliches vollbringen kann, und wenn es auch immer wieder gern zum puren Spiel zurückkehrt, so wird ihm dasselbe doch je länger je weniger vorherrschendes Bedürfniß sein. Die Weisheit der Lehrerin wird es nicht blos sein, einen richtigen Wechsel zwischen Spiel und Arbeit einzuhalten, sondern die rechten Arbeiten und die rechten Spiele zu erwählen, und unter ihnen selbst eine richtige Abwechslung eintreten zu lassen. Unser ganzes Leben ist ein Wechsel der Arbeiten und Zustände und kann nichts anders sein. Wir vertragen ein und dieselbe Arbeit, ein und denselben Zustand, selten lange ohne Erschlaffung, während durch den Wechsel selbst Kraft und Geschmack für alles erneut und der Wille allseitig gestärkt wird. Es muß| zwar auch der Wechsel nicht allzuhäufig sein, und das Gesetz einer weisen Sparsamkeit auch in ihm festgehalten werden, aber bei gehöriger Vorsicht und Weisheit ist im Wechsel Leben.

 Was nun zunächst die Arbeiten des Kindes anlangt, so sollen sich dieselben so viel als möglich an die Schule selbst und ihre Bedürfnisse anschließen. Arbeitet das Kind für die Schule, so wird ihm dieselbe dadurch heimathlich und schier wie ein Vaterhaus werden, denn das kennzeichnet ja das Haus, daß alle Glieder desselben es für in ihrem Interesse liegend erkennen, zum gemeinsamen Nutzen und Wohlsein beizutragen. Aus Liebe und Zusammengehörigkeit entsteht im Hause das Zusammenarbeiten, in der Schule aber kann nun umgekehrt aus dem Zusammenarbeiten Liebe zur Schule anwachsen. Man lernt die Lieben, mit denen man arbeitet. Bei der Wahl der Arbeit ist also zunächst darnach zu sehen, daß die Kinder benützt werden, Ordnung, Reinlichkeit, das rechte Maß von Wärme und frischer Luft zu erhalten, den Schulapparat herbeizubringen oder zu säubern und zu entfernen und dgl. Die Lehrerin hat all’ ihre Kleinen dahin anzuleiten, daß es ihnen große Freude werde, ihre Schule zu einem behaglichen Aufenthalt zu machen, und so zum Gedeihen der Lehre mitzuarbeiten. Dabei könnte in einer Schule, welche Kinder von beidem Geschlecht umfaßt, die Arbeit je nach dem Geschlecht vertheilt und jedem Geschlecht zuerkannt werden, was je nach allgemeinem Brauch auch unter den Erwachsenen ihm zu zuerkennen ist.

 Wenn nun aber gleich diejenigen Arbeiten, welche mit der Schule zunächst in Verbindung stehen, in erste Reihe kommen, und auf sie am allermeisten gesehen werden muß, so wird doch damit die Zeit nicht ausgefüllt, und es muß Rücksicht auf andere Arbeiten genommen werden, für welche das Kind erzogen werden soll. Diese Arbeiten werden theils solche sein, die im Hause geschehen, theils andere, welche im Freien vorgenommen werden müssen. Wir wollen versuchen, eine Reihe von solchen Arbeiten zu nennen, wobei ich mir nur die Erlaubniß ausbitte, solche Arbeiten, welche man allenfalls auch unter die Spiele zu rechnen geneigt sein könnte, gleich hier mit vorzubringen.| Ich bemerke zugleich, daß diese Arbeiten nach der Erfahrung mehrerer urtheilsfähiger Freunde, die auch selbst in diesem Fache der Kinderschule arbeiten, empfohlen werden und daß unter diesen Freunden einer der urtheilsfähigsten hervorgehoben hat, daß alle und jede unter sorgfältiger Aufsicht geschehen sollen. Ohne Aufsicht arbeiten, tödet alles Streben und erzieht nicht.


I.
Beschäftigungen im Haus.
1) Leinwand zu Charpie zupfen,
2) seidene Fleckchen zupfen.

 Diese zwei werden deshalb vorangestellt, weil sie leicht, angenehm und nützlich sind. Sie sind so leicht, daß auch sehr kleine Kinder damit beschäftigt werden können. Sie sind so angenehm, daß im vorigen Jahrhundert, wie man aus der Spinnstube von Möser ersehen kann, vornehme Herren viel Geld darauf wendeten, sich Gewebe zu kaufen, um es zum Zeitvertreib wieder aufzulösen. Sie sind so nützlich, daß kranke und gesunde daran profitiren können. Doch mag die Lehrerin acht geben, daß nicht das Zupfen mehr zu einer blosen Reinigung schmutziger Hände diene, statt zur Bereitung einer reinlichen Wohlthat für Kranke und Gesunde.

3) Roßhaar zupfen,
4) Papier zupfen.

 Diese beiden Arbeiten werden ihrer Leichtigkeit wegen mit vorne an benannt, obwohl man weiß, daß sie nicht überall anzuwenden sind.

5) Hülsenfrüchte auskernen,

wobei jedoch acht zu geben ist, daß nicht der Gaumen der Kinder versucht werde, sondern eine Schule heilsamer Enthaltsamkeit mit der Arbeit verbunden sei. Auch schnupfen die Kinder gerne Erbsen und Bohnen in die Nase oder bringen sie in die Ohren.

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6) Erbsen, Linsen und andere Körner auslesen;

eine sehr leichte Arbeit, bei welcher das Kind, wenn sie unter Aufsicht geschieht, im Kleinen lernen kann, wie man verschiedene Dinge unterscheiden, von einander trennen, sauber und reinlich arbeiten muß.

7) Garn wickeln,
8) Schnüre klöppeln,
9) Knüpfen mit Spagat,
10) Schnüre flechten,
11) Stroh flechten,
12) aus den geflochtenen Strohbändern Matten und Deckchen fertigen,
13) Bändchen wirken,
14) Bilderbögen illuminiren,

wobei sich allerdings viel Sinn für Form und Farbe erwecken und pflegen läßt.

15) Gänsefedern schleißen, wenn man nämlich Federn hat,
16) Papier ausschneiden,
17) Krämerdüten pappen u. s. w.

 Es versteht sich von selber, daß man je nach Alter, Kraft und Geschick das eine und das andere anwenden wird, sowie, daß eine Lehrerin mit Berücksichtigung der besondern Eigenthümlichkeiten jeder Gegend noch viel andere Arbeiten selbst finden kann, welche ebenso so gut sind wie die bereits genannten.

 Stricken, zwirnen, ausnähen von ausgezeichneten Figuren mit buntem Faden, und dergleichen stehen ohnehin im Gedächtniß einer Lehrerin für größere Kinder.[6]


II.
Arbeiten im Freien.
1) Steine von Aeckern sammeln,
2) Wege reinigen,|
3) Unkraut ausjäten,
4) Blumen kennen, suchen und pressen lernen,
5) lebendige Blumen und Gewächse pflegen,
6) nützliche Kräuter sammeln,
7) je nach der Jahreszeit Strauch- und Heckenfrüchte sammeln, wobei es sich von selbst versteht, daß die Enthaltsamkeit der Kinder zu üben ist.
8) Holz lesen und sammeln,
9) wo es Federvieh gibt, Federn sammeln,
10) im Garten gießen,
11) Erde auflockern.
12) Sehr empfohlen wird auch das Fahren mit Handschubkarren, die kleine Kästchen haben, in denen man Sand für die Wege, Schutt von den Wegen u. dgl. führen kann.
13) Ebenso das Tragen mit Butten auf dem Rücken.

 Die beiden letztgenannten Arbeiten sollen auch, weislich angewendet, sehr gesund und stärkend sein.

14) Holz machen und Holz zu Stößen fügen.

 Dieses erfordert natürlich schon eine größere Kraft, und der es gerathen hat, ging von dem Grundsatz aus, daß eine gehörige Ermüdung der Jugend nur nützlich sei weil dadurch Muthwille und böse Lust getödet werde.


Wir gehen zu den Spielen über.
 Im Allgemeinen wird man wohl den Grundsatz aufstellen dürfen: Je mehr das Spiel der Arbeit ähnlich ist, je mehr es Körperbewegung in sich schließt, je weniger es auf blos innere Thätigkeit des Menschen dabei ankommt, desto mehr wird es zu pflegen und zu wiederholen sein; je mehr es aber auf bloßer Phantasie und Witz beruht, je mehr es zu wählen gar kein Grund vorhanden ist, als daß es den Kindern auch ein Weilchen angenehm ist, und ihnen Lust erregt, desto mehr hat man sich zu besinnen, ob es anzuwenden sei. Es gibt Spiele, welche auch die kindlichste Lehrerin nicht wohl lehren kann, ohne aufzuhören Lehrerin zu sein, ohne selbst läppisch zu werden, und solche sollte man doch niemals wählen, so lange der| Zweck der Beschäftigung noch durch andere Spiele oder auf irgend eine andere Weise zu erreichen steht.

 Wir wollen nun einmal wieder versuchen, einzelne Spiele aufzuführen. Voran erwähnen wir die gymnastischen Spiele. Es befindet sich in unserm Hause über die gymnastischen Spiele ein eigenes Heft, welches einmal auf mein Bitten Herr Dr. Zahn zusammen schreiben ließ. Aus diesem kann sich die Schülerin überzeugen, was man unter gymnastischen Spielen versteht. Indem ich auf dieses Heft und andere Schriften und Bücher gleichen Inhalts[7] verweise, nenne ich etliche Spiele welche zur Aufklärung dienen können: das Ballspiel, das Ballonspiel, das Federballspiel, das Reifspiel, das Steinspiel, der Fangball, das Ringwerfen, Drachen steigen lassen, mit kleinen Windmühlen aus Kartenblättern laufen.

 Man dürfte übrigens zu den gymnastischen Spielen wohl auch noch manche Spiele rechnen, die nicht genannt werden, z. B. das Wippen (schaukeln auf einem Balken), das Balanciren, das Seilchenspringen, das Exerciren, das Schaukeln auf der schottischen Schaukel, wogegen aber die gewöhnlichen Schaukeln zu mißbilligen sind, weil sie leicht Anlaß zu geschlechtlichen Erregungen geben. Es dürfte wohl auch im Allgemeinen das Turnen zu empfehlen sein, so weit es sich eben für kleine Kinder, zumal für verschiedene Geschlechter eignet. Ebenso würde das Kegelschieben höchst unschuldig genannt werden können, wenn es nicht durch den elenden Mißbrauch, welchen die Welt davon gemacht hat, in Verruf gekommen wäre. Dieser Grund aber ist meines Erachtens stark genug, es zu lassen. Man könnte nun wohl auch sagen, daß nach demselbigen Grundsatz auch das Schießen mit der Armbrust, das Fahren mit dem Wagen und Karren zu verbieten sei, während man diese| Dinge doch gestatte. Allein es ist dem doch nicht so, weil die genannten Spiele nicht so ausschließlich von Weltkindern und so leidenschaftlich geübt werden, also kein unterscheidendes Merkmal eines weltlichen Lebens sind.

 Unter den genannten gymnastischen Spielen von Dr. Zahn befinden sich auch sonst manche, bei denen das gymnastische Moment weniger hervortritt, die man einfach den sogenannten Bewegungsspielen beizählen kann. Zu diesen Bewegungsspielen gehören z. B. dergleichen berühmte Dinge wie Blindekuh, Katz und Maus und dgl. Ich wollte die letztgenannten nur erwähnen, um den Anfang einer langen Reihe von Spielen dieser Art ins Gedächtniß zu rufen. Unter die Bewegungsspiele gehören auch viele von den Nachahmungsspielen. Von diesen sind manche sehr unschuldig und können gewiß zum Abwechseln auch einmal angewendet werden, wenn gleich sie ihrer Natur nach weniger Werth für die Erzieherin haben können als die schon genannten. Dagegen aber leiten manche andere Nachahmungsspiele das Kind zur spottenden und karrikirenden Nachahmung des Nächsten an, und eine fromme Lehrerin wird sich wohl scheuen müssen, den Spottgeist im Kind zu wecken oder zu erziehen. Ueberhaupt dürften Spiele zu mißbilligen sein, welche das Kind aus seinem kindlichen Gesichtskreise führen und die ohnehin nur zu sehr vorhandene Lust, bald groß und erwachsen zu scheinen, hegen und pflegen können, da es „ja vielmehr sehr zu wünschen ist, das junge Volk je länger je lieber recht kindlich zu erhalten. Wenn z. B. Mädchen lange mit Puppen spielen, so wird man dazu gut sehen dürfen. Sie bleiben so lange kindlich, und doch geht das Spiel ganz in den dereinstigen wirklichen Beruf ein.

 Von den bereits genannten Spielen unterscheidet man die Verstandesspiele, unter welchen z. B. das Messen mit Maßen, das Bauen mit Bauhölzern und Baubrettchen, das Zusammensetzen von Figuren und Bildern, das Aufstellen zinnerner oder anderer Figuren oder gemalter Landschaften etc. auf Brettchen etc., wie beim Geduldspiel und ähnlichen, gehört. Ohne Zweifel sind die genannten und ähnliche Verstandesspiele sehr zu rathen. Auch das Aufgeben von Räthseln kann dienen, während| andere sogenannte Verstandesspiele schon mehr ins Läppische gehen und geistlicher Weise einen eiteln Magen machen.

 Eine Lehrerin, welche es wohl mit ihren Kindern meint, wird in den bereits angegebenen Spielen und Spielgebieten wahrscheinlich Abwechslung genug finden, und es dürfte vielleicht zum Schlusse hier nur noch erwähnt werden, daß der Anschauungsunterricht[8] und die für denselben gebrauchten Mittel z. B. gemalte Bilderbögen, Figuren (Arche Noah’s) mit den Verstandesspielen sehr viel gemein haben, und obwohl sie sehr belehrend sein und geistig nützen, dennoch leicht und angenehm gehalten werden können wie ein Spiel.


VII.
3. Die Lehre
 Es ist bereits darauf aufmerksam gemacht worden, daß eine Grenze einzuhalten sei zwischen dem, was in der deutschen Schule, und dem, was in der Kleinkinderschule gelehrt wird. Der Kleinkinderschule ist zugewiesen, was im Haus die Mutter ihre Kinder lehrt. Vergleicht man nun aber das, was die Mutter ihre Kinder lehrt, mit der Lehre in der Schule, so kann es kommen, daß man rücksichtlich der Grenzen der Lehre in Kleinkinderschulen in eine Verlegenheit geräth, weil ja zwischen der Mutter und der Schule selber gar keine scharfe Abgrenzung rücksichtlich der Lehre ist. Eine Mutter hat die Macht, ihr Kind alles zu lehren, was sie kann und mag, ohne daß irgend einem Schulinspektor oder Lehrer zustände, ihr zu wehren. Kann doch eine Mutter nach den Gesetzen der verschiedensten Länder ihr Kind ganz von der Schule zurückhalten, wenn sie nur Beweis geben kann, daß sie für dessen Unterricht sorgt, und wenn sie nur die Formen einhält, welche in dem Lande| geltend sind. Daraus schiene denn hervorzugehen, daß man auch in der Kleinkinderschule lehren könne, was man sich getraut, den Kindern beizubringen. Allein wenn man sich in Anbetracht der Lehre in Kleinkinderschulen auf die Lehre der Mütter bezieht, so bestreitet man zwar den Müttern nicht die Macht, ihre Kinder selbst zu lehren; man kann das auch nicht wollen, da Gott den Eltern befohlen hat, die Kinder zu lehren; aber die Kinderschule hat ihre Schranken. Auch die Mütter müssen nothgedrungen Schranken halten, aber wo sie sichs Schranken zu setzen pflegen – aus Noth, da tritt für die Kleinkinderschule Regel und Schranke ein durch Gebot und Weisheit. So befassen sich z. B. die Mütter beim Unterricht der noch nicht schulpflichtigen Kinder insgemein mit dem rechnen nicht weiter, als daß sie die Kinder zählen, zuzählen und abzählen lassen. Sie dürften wohl, aber sie thuns nicht[.] Ebenso pflegen sie die Kinder nicht schreiben zu lehren; Sie dürften wohl, aber es verbietet sich das von selbst, weil die meisten Mütter selbst nicht so viel schreiben können, daß sie die Kinder in die Schule nehmen möchten. Ebenso pflegt die alte Sitte der Mütter, die Kinder selbst lesen zu lehren, allmählig ganz auszusterben, weil die Art und Weise, nach welcher sie selbst lesen lernten, das lautiren ist, welches nachzumachen den Müttern zu künstlich und zu wenig einfältig erscheint. Aehnlich die Kinderschule. Rechnen, schreiben, lesen – überläßt sie der deutschen Schule als Regel wie die Mütter aus Noth.
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 Dagegen aber lehrt jede bessere Mutter ihr Kind beten, ebenso Sprüche und Lieder, die hl. Geschichte und das Verständniß des Kirchenjahres. Was nun jede Mutter je nach dem Maße ihrer eignen Bildung und ihres Geschickes ihren Kindern thut, das soll in der Kleinkinderschule desgleichen geschehen, und zwar weil es eine Schule ist, mit Methode, mit größerem Geschick und in größerer Vollkommenheit der Leistung. Wir können also sagen: Die Kleinkinderlehrerin lehrt 1) beten und zwar ebensowohl auswendig gelernte Gebete als freie Gebete; 2) Geschichten des alten und neuen Testaments, zuvor die Geschichte JESU, dann die Geschichten der fünf Bücher Mose| und Josuas; 3) sie lehrt den Lauf des Kirchenjahres verstehen, und zwar belehrt sie zuerst über den hl. Tag, dann über die hl. Woche, dann über den Gang der ersten Hälfte des Kirchenjahres; 4) lehrt sie, je nachdem der Kalender es gibt, Lebensläufe anerkannter und ausgezeichneter Heiligen Gottes; 5) prägt sie den Kindern nach dem Lauf des Kirchenjahres Tages- und Wochen- und Festsprüche und Lieder ins Gedächtniß. Dazu kann man etwa setzen: da nicht ein Kind ist wie das andere, manches andern in den Gaben voraneilt, so kann es wohl auch geschehen, daß ein fähiges Kind zum Lesen angeleitet wird, insonderheit wenn die Lehrerin mit Sicherheit voraussieht, daß das Kind wird lesen lernen, ehe es für die deutsche Schule reift, also dem Schullehrer rücksichtlich der Methode des Lesenlernens keine Erschwerung durch die Lehrerin gemacht wird. Auch wird eine Lehrerin die Kinder zählen, zu- und abzählen lassen.
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 Da eine Mutter das Kind bei seinem heranwachsen nicht blos in die Schätze des Gnadenreiches einführt, sondern es auch die natürlichen Dinge kennen lehrt, und Anschauungsunterricht gibt, auch wenn sie von dem Namen und der Methode dieses Unterrichts nicht ein Wort gehört hat, so wird die Kleinkinderlehrerin diesen Unterricht methodisch geben, sei es nun, daß sie vom nächsten zum fernen, oder vom fernen zum nächsten geht. Sie wird dabei den Umstand bedenken, daß sie nicht Dinge anschauen lehrt, von denen wegzuschauen besser ist als sie anzusehen, so wie daß sie die Kinder nicht mit dem Anschauen solcher Dinge aufhält, die über anderen gar wohl vergessen werden dürfen. Sie wird am besten den Anschaungsunterricht so auffassen, daß durch ihn das Kind angeleitet werden soll, Gottes herrliche Werke zu fassen und sie als eine Leiter zu benützen, auf welcher der schauende Mensch von der Gabe zum Geber emporblicken lernt. Daß man beim Anschauungsunterricht, hauptsächlich für diejenigen Gegenstände, welche dem Kinde ferne gerückt sind, auch Bilder gebrauchen darf, versteht sich eben sowohl von selbst, als daß die Bilderschau der heil. Geschichte auch einen Theil des Anschauungsunterrichts ausmacht. Es wird die Pflicht der Kinderlehrerin sein, sich nicht blos| mit verschiedenen Büchern, die vom Anschauungsunterricht handeln, sondern auch mit Bilderwerken bekannt zu machen, aus denen man die gewöhnliche Stufenfolge des Unterrichts mit ihren Vorzügen und Fehlern kennen lernen kann.

 Zu dem, was die Kinderlehrerin zu lehren hat, gehört auch die Einführung in die Elemente des Zeichnens und der Formenlehre. Es gibt Anlagen zum Zeichnen, die sich von Kindesbeinen an verrathen. Wo sie sind, ruhen sie nicht, sondern treiben den Menschen zum Schaffen. Besitzt jemand solche Anlagen, so werden sie durch Bildung und Unterricht schnell gefördert, schneller, wie es scheint, als es bei der Entwicklung und Erziehung anderer Anlagen der Fall ist. Hat einer keine Anlagen, so wird er mit dem größten Fleiße kein Künstler; es kann alsdann der Zeichenunterricht vernünftigermaßen keine weitere Absicht haben, als zum Anschauen und Würdigen der Erzeugnisse anderer Verstand und Uebung zu geben. Ist nun auch der Zeichenunterricht von der nicht sehr häufigen Anlage bedingt, wenn eine rechte Leistung erzielt werden soll, so kann man es doch mit den Elementen des Zeichnens und der Formenlehre bei jedem Kinde versuchen. Das einfachste Material, auf welches gezeichnet wird, ist der Sand am Wege, und der einfachste Griffel der Finger oder die Zehe. Vom Sande kann man wohl zur Wandtafel übergehen, Und erst von dieser zur Schiefertafel und zum Papier. Es scheint dem Wachsthum des Kindes weit angemessener, von groß zu klein, von ungenauem Unterricht zum genauen fortzuschreiten. Jedenfalls muß die Lehrerin, was sie lehren will, selber können und sich auf irgend einen Leitfaden der Formenlehre einüben. Manche Kinder haben eine besondere Anlage zum Linearzeichnen, welche man allerdings unterstützen sollte. Auch wer nicht besonders zum Zeichnen befähigt ist, kann darin etwas leisten, und es ist wohl keine Frage, daß es der Mühe werth ist, Kinder, die in der Nähe der deutschen Schulzeit oder drüber hinaus sind, mit dieser Art des Zeichnens zu beschäftigen. Sie ist nicht blos eher jedermanns Ding als das freie Handzeichnen, sondern sie ist auch gemeinnütziger als dieses.

 Endlich darf wohl auch nicht vergessen werden, daß eine Kleinkinderlehrerin die Kinderstimmen zum Gesang| bilden soll, also auch selbst muß singen können. – Dabei dürfte wohl Einspruch geschehen gegen die vielen kleinen, abgeschmackten Kinderliedchen, die mit der Kindheit vergehen. Es wird auch hier leicht aus den vorhandenen Liedern der Kirche eine solche Auswahl getroffen werden können, welche dem kindlichen Alter entspricht, und doch für alle Zeit bleibt.

 Ich erlaube mir, rücksichtlich der Führung im Auswendiglernen[9] und im geschichtlichen Unterricht[10] an die beiden Diktate zu erinnern, welche ich früher den Schülerinnen zum Andenken gelassen habe, sowie wegen des religiösen Unterrichts und der Einführung ins Gebetsleben an jene Einleitung zum Kinderbetbüchlein, welches sich im Hausbuch[11] befindet. – Was die andern Lehrgegenstände anlangt, so bitte und ermahne ich alle Schülerinnen, ja keine Kinderschule zu übernehmen, bevor sie über das Maß und den Gang des zu Lehrenden oder zu Lernenden sich selbst völlig klar geworden sind.


VIII.
4. Das Gebetsleben in der Kinderschule.
 Das Gebetsleben in der Kinderschule setzt voraus, daß die Kinder den heiligen Tag, die heilige Woche und das heilige Jahr kennen, sowie daß die Gebetssprüche und Gebete für Tag-, Wochen- und Festzeit eingeübt sind. Eine Kleinkinderschule ist ja doch bereits eine Gemeinschaft, welche an Zahl die der Familie überragt, ja meistentheils mit dem Familienleben gar nicht verglichen werden kann. In solchem Fall aber ist das freie Gebet nicht möglich, sondern es muß der allseitigen Theilnahme wegen nach heiligen Formeln gebetet werden; diese Formeln aber müssen bekannt sein. Es hängt daher, wie bereits gesagt, das gemeinsame Gebetsleben der Kinderschule von der Ausführung der beiden Diktate ab, welche über das Auswendiglernen| und die biblische Geschichte bereits gegeben sind. In dieser Hinsicht verhält sich daher dieser § zu dem vorigen wie das Leben zur Lehre.

 Damit aber, daß die Lehrerin ihre Schule zum gemeinsamen Gebet anleitet, ist nicht gesagt, daß sie die Kinder niemals zu freiem Gebete anleiten solle. Es ist überhaupt sehr gut, wenn in einer Kinderschule die Lehrerin eine Gehülfin hat. Dadurch wird es ihr auch möglich, zuweilen ein Kind allein zu nehmen und die seelsorgerische Einwirkung zu versuchen. Da kann man dann auch wohl zuweilen ein einzelnes Kind zu freiem Gebete anleiten, so ungefähr wie es im Hausbuch bei Gelegenheit des zweiten Gebots in einer Randbemerkung gelehrt ist[12]; und es wird die treue Bemühung der Kinderlehrerin, ihre Kleinen zum freien Gebete anzuleiten, gewiß bei mehr als einem Kinde gesegnet sein, da es ja ohnehin der kindlichen Einfalt so nahe liegt, mit dem unsichtbaren Gott zu reden, als mit einem Gegenwärtigen.

 Ein Triumph der Kleinkinderschule wäre es insonderheit, wenn sich die Kleinen zu einer heiligen Gewohnheit bringen ließen, Gott und Menschen ihre Fehler abzubitten, oder gar von Herzensgrund zu beichten. Wer im Kinde die Willigkeit zur Beichte erziehlt, ertödet von Kindesbeinen an die heillose Verschlossenheit, vermöge welcher die meisten Menschen das Bewußtsein vieler Sünden mit ins Grab nehmen, und eben damit nach der Schwachheit der meisten, vermöge welcher sie sich die allgemeine Absolution nicht als eine besondere anzueignen vermögen, auch die Ungewißheit der Vergebung, die Mutter unzähliger Anfechtungen.

 Man vergesse ja nicht, daß das Kind ein Glied am Leibe Christi, also auch ein Kirchenkind ist, daß es nicht blos in der Kirche, sondern auch für die Kirche erzogen werden muß; daß es also auch eine Pflicht der Kinderlehrerin ist, ihre Kinder zur Heilighaltung aller kirchlichen Institutionen und zur Theilnahme an dem gemeinsamen, gottesdienstlichen Leben zu| erziehen. Kein Vater, keine Mutter, geschweige ein menschlicher Staat, haben solche Rechte an ein Kind wie die Kirche, welche von allen ihren Gliedern gewiß mit Recht verlangt, daß sie die Nachkommen zu ihrer heiligen Gemeinschaft erziehen. Darum trägt die Sechswöchnerin ihr Kind zum Altar, sie bekennt damit ihre Schuldigkeit, dem Herrn in seiner Kirche zu übergeben, was Ihm angehört. Sowie daher die größere Schule zur Kirche geführt wird, und dort Rechenschaft ihres Lernens und Glaubens gibt, so auch die Kleinkinderschule; welche von ihrer Lehrerin von Herzensgrund soll beten lernen, wie der heilige Sänger gebetet hat: „Eins bitte ich vom Herrn, das hätte ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn, und Seinen Tempel zu besuchen.“
Anhang.

Von Ordnung und Einrichtung der Kleinkinderschule.
 In der Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth ist „ein Liederbuch für Kinderschulen und die Unterklassen der Elementarschulen mit Melodieen, Gebeten, Bibelsprüchen, Denkversen, Spielen, der Methode der Erziehung und des Unterrichts in den Kleinkinderschulen zu errichten und Selbstprüfungsfragen für Kleinkinderlehrerinnen“ von Herrn Pastor Fliedner erschienen, von welchem ich bereits die vierte Auflage in Händen habe (v. 1862). Obwohl ich den Kleinkinderlehrerinnen, welche aus unserm Hause hervorgehen, mit dem gegenwärtigen Diktat an die Hand gehen wollte, sowie mit den andern Diktaten vom Auswendiglernen und der biblischen Geschichte und mit der Hinweisung auf die Vorrede zum Kinderbetbüchlein im Hausbuch; so hielte ich es dennoch für sehr gut, wenn eine jede Kinderlehrerin das angeführte Fliedner’sche Büchlein, welches ohnehin nur 18 Silbergroschen kostet, selbst besäße. Es| versteht sich von selbst, daß das kleine Buch mit Verstand gebraucht werden muß, und daß nicht alles in demselben gleiche Beachtung verdient. Vielleicht wird eine aufmerksame Schülerin sich beim Gebrauch die Verschiedenheit zwischen hier und dort ganz leicht herausfinden. Es sind ja auch so manche Empfehlungen in dem Büchlein, welche ganz anders ausgefallen sein würden, wenn der Verfasser ein Süddeutscher gewesen wäre; nichts destoweniger aber kann sich die denkende Kinderlehrerin aus dem Büchlein viel Nutzen schaffen.[13] Es könnten ja wohl auch andere ähnliche Schriften, an denen es in Süddeutschland nicht fehlt, empfohlen werden. Vergessen wollen wir auch nicht, daß wir von unserer seligen Vorsteherin Caroline Rheineck, die einer großen Kleinkinderschule von 270 Kindern mit größtem und anerkanntestem Segen vorstand, ein paar Handschriften in Händen haben, die in Anbetracht des methodischen Theiles der Kleinkinderlehrerthätigkeit viel spezieller eingehen als das Kaiserswerther Büchlein. Vielleicht wäre es gut, wenn eine jede unserer Schülerinnen, welche sich für die Uebernahme von Kleinkinderschulen befähigen will, neben meinen Anweisungen auch die ebengenannten abschriebe, um sie als Rathgeber bei eintretender Thätigkeit zu gebrauchen.

 Da ich mich hiemit auf sehr tüchtige Hülfsmittel berufen habe, so kann ich es wohl unterlassen, rücksichtlich dessen, was die Aufschrift des Anhangs besagt, ins Einzelne zu gehen. Doch aber möchte ich einige Bemerkungen machen, die des genannten Inhalts sind.


I.
Zwei verschiedene Arten von Kleinkinderschulen.
 Es gibt solche Kleinkinderschulen, in welchen die Kinder über Mittag bleiben und gespeist werden, und solche,| in denen keine Speise verabreicht wird, so daß die Kinder die Mittagsstunden zu Hause zubringen. Welche von beiden Arten soll man wählen? Wenn man auf die Wirksamkeit der Kleinkinderschule das einzige Augenmerk zu richten hat, so scheint es, als wenn die erstere Art wirksamer und deshalb vorzuziehen wäre. In Gemeinden also, in welchen man die Einwirkung des Hauses zu fürchten hat, wird man am liebsten die Kinder in der Kinderschule über Mittag behalten. In diesem Falle gewinnt die Kleinkinderschule mehr Aehnlichkeit mit der Familie. Die Kinder können mit zum Haushalt verwendet werden und es fehlt daher desto weniger an passender Beschäftigung. Es ist aber auch offenbar, daß in diesem Fall, die Lehrerin einen Haushalt muß führen können, und zwar nicht blos wie eine Hausmutter, weil ja keine Hausmutter für so viele Kinder wird zu kochen und zu sorgen haben, als eine solche Lehrerin. Für den Haushalt einer Anstalt gehört mehr Ueberlegung, Uebersicht und Berechnung als Hausmütter zu haben und zu üben pflegen. Die Lehrerin muß eine Anstaltsküche kennen gelernt und darin von der Pike an gedient haben. Schon hier zeigt es sich, wie sehr rationale Wirthschaft zum Bildungskreis einer Diakonissin gehört, und ich glaube dabei vor der Täuschung warnen zu sollen, als könne 1) eine einfache Köchin die Leiterin eines Anstalts-Hauswesens werden und als könne 2) irgend jemand Leiterin eines Anstalts-Haushalts werden, die nicht von der Pike an in einem Anstaltshaushalt gedient hat.
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 Im Falle die Kleinkinderanstalt ihre Zöglinge nicht speist, sondern nur an den halben Tagen einige Stunden in Schule und Erziehung nimmt, gewinnt die Diakonissin freie Zeit, für deren Benützung sie verantwortlich sein muß. Vielleicht wird eine Kinderlehrerin neben der eignen Andacht und dem Studium, welches sie zu pflegen hat, ihre Zeit am besten zum Besuche von Kranken, Elenden und Armen verwenden. Das aber kann sie jedenfalls nur mit Erlaubniß und unter Anweisung des Pfarrers und unter beständigem Rapport an ihn. Vergessen dürfen wir auch nicht, zu erwähnen, wie gut es sei, wenn die Kinderlehrerin ihre Kinder im Haus der Eltern und die Eltern selbst aufsucht. Die| Erfahrung beweist, zur Genüge den großen Segen, der mit solchen Besuchen verbunden sein kann. Dabei hat sich jedoch die Lehrerin jedenfalls in Acht zu nehmen, daß sie nicht mit den Eltern der Kinder Kameradschaft macht. Sie kann nicht um ihretwillen in die Häuser gehen, das gäbe eine zu große Nähe; sie macht Besuche um der Kinder willen, Amtsbesuche, bei denen sie in heiliger Liebe ihr Geschäft ausrichtet und wieder geht.


II.

 Wenn eine Diakonissin eine Kinderschule übernimmt, so muß ihr erstes Geschäft sein, zu sehen, was da ist; das Verzeichniß der Kinder, das Inventar der Schule, die Schulordnung, die Schulaufgabe; ihre eignen Pflichten und Rechte bis auf die Fassion ihrer Stellung. Das alles muß sie schriftlich haben, damit sie es in eine Mappe legen und beständig auf ihrem Tisch haben kann. Sind diese Sachen nicht in der Ordnung, so ruhe sie nicht, bis sie in Ordnung sind, und das nicht blos um der Ordnung willen, sondern auch um des Segens willen, den sie stiften will, und der sehr häufig davon abhängt.

 Was das Inventar anlangt, so führe sie es vom Tag ihrer Ankunft an doppelt: als Journal und Manual, und beides auf das pünktlichste mit unnachlässiger Treue.

 Ist eine Rechnung zu führen, gleichviel, groß oder klein, so lege sie sich am ersten Tag Journal und Manual an, und gewöhne sich ja, alles was sie einnimmt und ausgibt, sogleich und aufs pünktlichste einzuzeichnen. Sie zahle nichts ohne Quittung; wer ihr nicht mit seiner Hand die Quittung reicht, dem reiche sie mit ihrer Hand kein Geld; sie kann ihr nein bei der größten Festigkeit in der liebenswürdigsten Weise sagen, wie es ihr auch geziemt. Für die zu verrechnenden Gelder, seien sie nun groß oder klein, halte sie eine eigene Kasse, bringe niemals ihre eignen Gelder mit denen ihrer Anstalt zusammen, auch nicht einen Augenblick lang, unter keiner Bedingung. Niemals entlehne sie für sich etwas von den Rechnungsgeldern; auch in der| größten Verlegenheit soll es nicht geschehen; was ihrer Rechnung zugehört, ist für sie ein verschlossenes Gut. Wer anders handelt, wird, ehe er sichs versieht, ein untreuer Haushalter, wird auch sicher selbst zu Schaden kommen, und kommt niemals zu der Ruhe und Freudigkeit eines guten Gewissens. Wird eine Kinderlehrerin in allen äußern Geschäften diese Grundsätze befolgen, so hat sie an ihnen und ihrer Treue ein Mittel zur Lauterkeit und Redlichkeit der Seele überhaupt. Man wird leicht in allen Stücken unlauter und unredlich, wenn man es in Geldsachen ist.

 Beim Eintritt in ihre Schule visitire sie alles und jedes genau und schreibe sich jeden Schaden und Mangel in ein Verzeichniß, welches sie von den Vorstehern ihrer Anstalt unterzeichnen lasse, natürlich wenn sich dieselben von der Richtigkeit des Verzeichnisses überzeugt haben. Sie bitte alsdann um die nöthige Reparatur und Hebung der Schäden und mache sich in das genannte Verzeichniß über den Vollzug die nöthige Bemerkung, so daß sie den Fortschritt der Ordnung immer vor Augen habe.

 Bei dem, was hergestellt und geordnet ist, dulde sie auch keinen kleinen Schaden, ohne sogleich abzuhelfen oder auf Abhülfe zu dringen. Neu kann ihr Inventar nicht bleiben, aber wie neu soll sie es immer haben wollen. Es läßt sich bei sofortiger Abstellung jedes kleinen Schadens auch mit kleinen Mitteln großes leisten, und das muß die Kunst der Diakonissin sein; damit spart sie auch am meisten.


III.
 Bei der Uebernahme des Inventars wird die Kinderlehrerin gleich finden, ob vorhanden ist, was vorhanden sein muß, um die Schule im Segen halten zu können. In dem angeführten Fliednerischem Buche ist bei den ersten Einrichtungskosten einer Kleinkinderschule für 40 Kinder aufgezählt, was nach dortigem Begriff in der Schule sein muß. Es sind dafür so viele Kinder 4 Bänke je 10' lang, für die kleinsten Kinder 8, für die größeren 9-10" hoch, gerechnet. Ferner ein Tisch und Schrank, 2 Stühle, eine| schwarze Wandtafel mit Staffelei, mit einer Leiste auf der Tafel, um gedruckte Buchstaben zusammenreihen zu können, ein Rahmen mit 10 Reihen gefärbter Rechenkugeln, jede Reihe von einer andern Farbe, 31/2' hoch und 2' breit; ferner 40 Schiefertafeln, auf Hölzchen aufgeklebte Druckbuchstaben, biblische und naturgeschichtliche Bilder, auf Pappendeckel aufgeklebt, und Spielzeug. Dabei versteht sich nun von selber, daß eine Lehrerin diese und in andern Büchern befindliche ähnliche Angaben, nicht als so feststehende Regel auffassen muß, als dürfte da auch gar keine Veränderung stattfinden, als müßte jede Schule gerade so und nicht anders eingerichtet sein. Die Hauptsache ist, daß 1) die Kinder bequem sitzen und auf einem Tische müssen spielen können, 2) daß sich die Lehrerin muß setzen und ihren Schulapparat irgendwo gut aufheben können. Ferner ist es noth, daß man eine Wandtafel zum Zeichnen und Schreiben, Schiefertafeln zum gleichen Gebrauch, Bilder der angedeuteten Art und Spielzeug haben muß. Ob man nun aber zählen an einem Rahmen mit Rechenkugeln oder an den Fingern oder sonst wie lehrt, das ist am Ende einerlei. Die größte Künstlerin ist diejenige, welche mit den wenigsten Mitteln am meisten leistet, die weiseste Lehrerin aber die, welche den Mangel nicht so groß werden läßt, daß zur Erreichung des Zwecks eine Künstlerin nöthig ist, sondern ein gewisses Maß von Lehrapparat als unumgänglich nöthig zu bezeichnen weiß. Hier übe sich eben die Kinderlehrerin, gleich beim Antritt einer Kinderschule in Uebersicht und Umsicht und erleichtere ihren Vorständen die Mühe der Aufsicht dadurch, daß sie ihnen gleich vornherein wohlüberlegte, bis ins einzelne gehende Vorschläge schriftlich und mündlich macht. Um das zu können, muß sie sich, wohin sie kommt, mit dem Preise alles Materials und aller Arbeit wohl vertraut machen. Eine Lehrerin, die von ihren Vorständen verlangt, daß sie von ihnen in Hülle und Fülle der Anstalt und Einrichtung gesetzt werde, und nicht selbst mitrathen und thaten mag oder kann, wird viel Hinderniß finden, leicht für anspruchsvoll gehalten werden und am Ende wenig leisten.


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IV.

 Pag. 245 der Kaiserswerther Anleitung befindet sich der Entwurf einer Ordnung für Kleinkinderschulen zur Nachricht für die Eltern. Die Ordnung selbst ist nicht übel. Würde man sie aber in der Kleinkinderschule zu N. mit Strenge durchgeführt haben, so würde sie der Tod der Schule gewesen sein.

 Eine so große Wohlthat für die meisten Gemeinden zu Stadt und Land eine Kleinkinderschule ist, eine so wenig erkannte und geschätzte pflegt sie an den Orten zu sein, an welchen niemals eine Kleinkinderschule bestand. Daher wird es an solchen Orten die Aufgabe einer Kinderlehrerin sein, durch ihr weises Schulhalten und große Demuth einer solchen Gemeinde erst den Werth der Kinderschule zu zeigen und die Ordnung der Schule weniger auf die Mitwirkung der Eltern als auf die eigene große Treue zu gründen. Auch hier heißt es: „Sanftmuth sieget, Demuth überwindet.“ Nichts schöneres, als wenn eine Kinderlehrerin nach Jahr und Tag als Stifterin einer Schule erkannt werden kann, die in der Gemeinde Wurzel geschlagen hat. Hat es eine Lehrerin dahin gebracht, so wird sie allmählig auch Ordnung von den Eltern fordern können und bei fortwährend weisem und geduldigen Verharren wird am Ende die Kleinkinderschulordnung selber im Sinn und Willen der Gemeinde Wurzel schlagen. Ob dann die Ordnung genau so ist wie die Kaiserswerther, oder etwas anders, das wird von Ort und Umständen abhängen; jedenfalls kann man aber von der Kaiserswerther Ordnung lernen.


V.
 In dem mehrgenannten Kaiserswerther Büchlein befindet sich von S. 236 an „eine Methode der Erziehung und des Unterrichts in der Kleinkinderschule.“ Es ist das übrigens nichts anderes als ein Stundenplan für eine Kleinkinderschule. Aus diesem Plan ersieht man, daß man in Kaiserswerth Kleinkinderschulen und deutsche Schulen nicht so scharf abgränzt und scheidet wie wir es gethan haben, denn es wird vielmehr auf die Anfänge des Lesens| und Schreibens Rücksicht genommen, als wir es thaten. Beiderlei Uebungen sind ständig. Das übt natürlich auf den Stundenplan nicht wenig Einwirkung. Da wir nun die Anfänge des Lesens und Schreibens weniger betonen und nur für fähigere Kinder in Vorschlag gebracht haben, so wird ein Stundenplan, der sich eng an die in diesem Diktat niedergelegten Ansichten anschließen soll, etwas einfacher werden, als der von Kaiserswerth. Man könnte überhaupt die Frage aufwerfen, ob denn bei einer Kleinkinderschule ein Stundenplan nöthig sei, da doch der Wechsel zwischen Spiel, Arbeit und Lernen so ein einfacher ist, die Lehrgegenstände, z. B. Auswendiglernen, bibl. Geschichte und Gebet größtentheils so sehr zusammen greifen. Da aber von der Ordnung im Wechsel so sehr das Maß der Lehrgegenstände abhängt, und von diesem so sehr das geistige Gelingen bedingt wird, so soll man sich doch nicht durch die Einfachheit der Sache an der Aufrichtung und Festhaltung einer guten Ordnung oder eines Stundenplans abhalten lassen. Im Gegentheil, man ordne getrost so viel als die Verhältnisse gestatten und lasse sich ja nicht reuen, die Ordnung auch aufs Papier zu bringen. Wer die Feder nimmt, nöthigt sich zu klarem Denken, und diese Nöthigung ist so unabweisbar, daß mancher schon alles Ernstes gedacht hat, es komme ihm der rechte Verstand gar nicht eher, als bis er die Feder ergreift. Also wohlan! Die Lehrerin arbeite den möglichst besten Stundenplan aus, und damit sie ja nicht im dunkeln und ohne Leitung gehe, so nehme sie dabei gute Muster zur Hand wie z. B. den Kaiserswerther Stundenplan, arbeite aber ihren Plan nach Maßgabe ihrer Verhältnisse aus, mache also von den Mustern den vernünftigsten und besten Gebrauch. Hauptfragen werden wahrscheinlich die folgenden sein:

 Was verlegt man von Spiel, Arbeit und Lehre auf den Vormittag und was auf den Nachmittag?

 Womit beginnt man die Schule am besten, mit Spiel, mit Arbeit oder Lehre?

 Soll man nicht gewisse Spiele, Arbeiten oder Lehrgegenstände auf bestimmte Wochentage verlegen, und welche auf welche Tage?

|  Wie viel Zeit soll man in der Regel dem Spiel, der Arbeit und der Lehre widmen?

 Kann man jedem Lehrgegenstand dieselbe Zeit widmen wie dem andern, oder muß man einen Unterschied machen?

 Soll man den Wechsel genau nach dem Glockenschlag beginnen oder nur ungefähr und dabei den jeweiligen Umständen Rechnung tragen?

 An der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen wird sehr viel liegen, und je nachdem man sie richtig oder falsch beantwortet, wird man sich mehr oder weniger Hindernisse in den Weg legen. Eine Lehrerin, welche die berühmte Weisheit von oben her hat, läßt sich bei Ausarbeitung ihrer Ordnung gewiß auch gerne sagen und rathen. Es sieht oft der Unbefangene und in die Sache völlig Uneingeweihte überraschend klar, während umgekehrt manchesmal die viele Beschäftigung mit einer Sache blind macht, statt aufzuklären.


VI.
 Bei der Berechnung des Kostenanschlags einer Kinderschule zeigt es sich, daß es nicht möglich ist, die Kosten einer solchen Schule durch bloßes Schulgeld zu decken. Es muß daher, wenn eine solche Schule bestehen soll, das Nöthige an Mitteln herbeigeschafft werden, und dazu dienen die Kleinkinderschulvereine. Wer gegen Vereine ist, denkt sicher unklar. Die Formen der Vereine mögen wechseln, Vereine aber hat es gegeben von Anfang an, und wird es geben bis ans Ende. Natur und Gnade drängt zu ihnen. Man kann daher auch gegen Kleinkinderschulvereine, wenn sie schlecht und recht herbeischaffen, was nöthig ist, und zufrieden sind zu thun, was sie können, nichts einwenden. Eine andere Frage aber ist es, ob eine Kleinkinderschullehrerin die Stiftung eines solchen Vereines selbst betreiben soll oder nicht. – Die Lehrerin ist ohne Zweifel das Kostspieligste einer Kleinkinderschule, und wenn sie daher für den Verein eifert, kann es scheinen, als thäte sie es um ihres eigenen Interesses willen. Nur wo es ausser allem Zweifel steht, daß sie den Verein nicht um ihretwillen sucht, nur wo sie selber das| aufopferndste Glied des Vereines dadurch wird, daß sie mit dem geringsten äußern Loose zufrieden ist, oder je nach Umständen sich selbst erhält, wie St. Paulus, kann sie für den Verein eifern. Ausserdem unterläßt sie es besser und übt vornherein so viel Verstand und Ueberlegung, daß sie sich nirgends anstellen läßt, wo nicht für ihr täglich Brod gesorgt ist. Diakonissen haben es in diesem Punkt besser als andere, da ihr Mutterhaus vorn herein für sie sorgt.

 Hier habt ihr, meine werthen Schülerinnen, ein Diktat, das euch nütze sein soll, wenn ihr Kleinkinderschulen übernehmt. Es ist euch dazu gegeben, daß ihr und eure Nachfolgerinnen euch aus demselbigen und den Beilagen, die euch bereits gerathen worden sind, Anleitung und Rath zum Geschäft nehmen könnet, auch wenn einmal ein halbes Jahr der mündlichen Belehrung ausfällt. Es soll auch dazu dienen, daß die mündliche Belehrung leichtere Arbeit hat. Nehmt einstweilen fürlieb mit dem was da ist. Sollte uns im Verlauf der Zeit noch irgend etwas Wichtiges und Förderliches kund werden, so geben wir einen Nachtrag.

 Gott gebe, daß aus eurer Mitte für die Heimath für Ost und West derselben recht viel vortreffliche Kleinkinderlehrerinnen hervorgehen. Dazu sprechet ihr selber ein:

Amen.

Versuch, das Lernen der biblischen Geschichte von Kinde an zu regeln.
§. 1.
 Sowie das Kind fähig wird, etwas zu fassen, wird es in die Geschichte des HErrn JEsus Christus eingeleitet. Das Buch, aus dem es lernt, ist dreifach und steigt wie| von der Fibel zum weitläufigen Lesebuche hinauf. Die Fibel ist der kirchliche Tag, eine Erweiterung derselben die kirchliche Woche, und das Lesebuch ist das Kirchenjahr. Die Mutter, die Lehrerin, der Lehrer sagen dem Kinde um 9 Uhr des Morgens: Um diese Zeit wurde unser HErr gekreuzigt. Beim 11 Uhr Läuten: Nun erinnern die Glocken an die Nähe der heißen Mittagsstunde JEsu, da das Licht am Himmel verlosch, und Er von Seinem Vater verlassen wurde. Um 3 Uhr: Nun ruft der HErr: Es ist vollbracht; und stirbt. Um 6 Uhr: Bereits liegt der HErr in Seinem Grabe. Des Morgens um 6 Uhr beim Aufstehen: Nun ist der HErr vom Grabe erstanden. Das alles wird durch Erzälung unterstützt, durch Bilder eingeprägt, durch heilige Gedächtnissprüche und Gebete geweiht, und das Kind hat damit eine herrliche, schöne Fibel der Geschichte JEsu.

 Das erste Lesebüchlein ist die Woche. Am Sonntag heißt es: Heut ist der HErr in Jerusalem eingeritten, heut ist Er auch auferstanden. Am Montag kommt die Erinnerung an den unfruchtbaren Feigenbaum und die übrigen Montagsgeschichten der Leidenswoche des HErrn. Am Dienstag erinnert man an die Niederlegung des Lehramtes JEsu und Seine großen Weissagungen. Am Mittwoch spricht man: Heute ist der erste Bußtag in der Woche, denn heute hat Judas den Vertrag mit den Hohenpriestern geschlossen. Am Donnerstag weist man auf die Einsetzung des heiligen Mahles, den Kampf im Garten, auch auf die Himmelfahrt des HErrn. Das Letztere jedoch erst später, wenn das Kind die Woche ganz als Leidenswoche hat feiern lernen. Am Freitag geht man je länger, je tiefer ein in die Erzälungen vom Tode des HErrn. Die Tageszeiten, die sieben Worte, die verschiedenen auftretenden Personen und Stände geben Eintheilungsgründe und Leitfaden. Am Samstag erzält man vom Grabe JEsu, vom Aufenthalt JEsu im Paradiese. So entfaltet sich dasselbe, was man am Tage wahrgenommen, an der Woche des weiteren.

 Die Woche gibt jedoch auch Anlaß, die Schöpfungsgeschichte vorzutragen. An jedem Tage lehrt man ein Tagewerk; am Freitag geht man in die weitere Darstellung der Schöpfung des Menschen ein; am Samstag kann man die| Ruhe Gottes damit feiern, daß man die Schöpfung nach Art des 104. Psalms wie in einem Gemälde wiederholend vorüber führt.

 Auch hiebei unterstützt man durch Bild und Spruch und Lied und sucht auf diese Weise einem jeden Tage die kirchliche Weihe zu geben.

 Das größte Lesebuch des Kindes ist das Kirchenjahr. Wie man in der ersten Hälfte des Kirchenjahres mit dem schon gewonnenen allmählig vorwärts schreitet, ist einem jeden bekannt. Das Kind wird in die Kirche eingeführt, und durchlebt feiernd, hörend, betend, singend in jedem Jahre die Geschichte des HErrn JEsus. Es ist nicht nöthig, besondere Lehrstunden über diese Geschichten zu geben, da man täglich, wöchentlich und jährlich den Lebens- und Sterbenslauf, Erniedrigung und Erhöhung des HErrn erlebt. Doch kann man auch von dem Sonnenlauf des Lebens Christi absehen und die Sterne kennen lernen, die am Himmel leuchten, bis dereinst die Sonne wiederkehrt. Reiche Anleitung dazu gibt der Kalender, in welchen sich das Kind von Jugend auf einleben muß. Man wird nicht gleich anfangs Tag für Tag die Geschichte des vorgezeichneten Heiligen feiern lassen, sondern man wird, wenn die Geschichte des HErrn JEsus fester eingeprägt ist, erst einzelne Blicke eröffnen, z. B. am 25. Dezember ist der HErr geboren, am 25. Januar ist Pauli Bekehrungstag, am 25. Februar St. Matthäi Gedenktag, am 25. März Mariä Verkündigung, am 25. April des Evangelisten Markus Gedenktag, am 24. Junius des Täufers Geburtstag, am 25. Julius St. Jakobi des Aelteren Todestag, am 15. August Mariens Heimgangstag, am 29. September Michaelistag, am 28. October Simonis und Judä, am 25. November Katharina. Dergleichen Zusammenstellungen, die sich dem Gedächtniß durch Gleiches und Ungleiches leicht einprägen, lassen sich manche machen, und sie machen dem Kinde die Monate lieb und werth. Der Kalender gewährt, recht gebraucht, einen unerschöpflichen Reichthum der biblischen Geschichte und ihrer Entfaltung zur Kirchengeschichte. Wer darinnen lebt, kommt schwerlich in Verlegenheit, zu erzählen, und die Mannigfaltigkeit bei der strahlenden Einheit wird das Kind leicht und lieblich in den Reichthum| Christi und Seiner Kirche einführen, noch ehe es viel von alttestamentlicher Geschichte gelernt hat. Die Erzählung des Lehrers und Erziehers wird durchwebt mit Bild und Spruch und Lied und Gedicht und Lection. Das überlege ein jeder, ob nicht auf diese Weise Gedächtnißwerk, Geschichte und Leben herrlich zusammengreifen können; aber freilich es bedarf dazu einer Mutter, einer Lehrerin, eines Lehrers, die selbst in dem allen leben.


§. 2
 Zwischen der ersten Periode des Lebens, in welcher das Kind noch mehr, als je wieder im Lebenslauf, dem Hause und häuslichen Kreise angehört, und dem reiferen Leben, da der Mensch dem Reiche Gottes, dem öffentlichen Leben in der Gemeinde seine Kraft zu widmen hat, liegt eine Uebergangsstufe, die Schulzeit, in welcher das häusliche Leben so allmählich zurücktritt, das öffentliche keimt. Was die Schule lehrt und gibt, gehört bereits selber mehr für die spätere Zeit des Lebens, bereitet fast durchaus für das öffentliche, bisher insonderheit kirchliche Leben vor. An der Spitze aller ihrer Gaben und Leistungen steht das Bekenntniß, und zwar zuerst das Bekenntniß der Apostel. Dieses Bekenntniß ist so naturwüchsig aus der Kirche hervorgegangen, daß es durchaus keine Lehren enthält, sondern lauter Thatsachen der göttlichen Gnade, lauter Geschichte, so daß es wol an der Spitze des gesammten geschichtlichen Unterrichts der Schule stehen kann. Es ist so kurz, daß es der geringsten Fähigkeit zuzumuthen ist und von einem jeden überschaut werden kann. Und doch ist es auch wieder so reich, daß es die Höhenpunkte aller Wege Gottes vom Anfang bis zum Ende umfaßt. Es ist so allgemein, daß man sagen kann: es läßt alles unberührt, was nicht die höchsten Höhenpunkte der Führungen Gottes betrifft, und doch hat es auch wieder auf der höchsten Höhe, auf welcher der Menschensohn steht, so viele bedeutungsvolle Einzelheiten, daß man sagen könnte: es vereinigt mit der großartigsten Allgemeinheit die innigste und beschaulichste Specialität. Es läßt sich durchaus historisch als Summa und erster Leitfaden des historischen| Unterrichts fassen. Daher gebe der Lehrer zu allererst dies Bekenntnis und führe sodann jede einzelne Stufe nach Würden aus.

 Auch der dritte Artikel werde historisch gefaßt. Bei den Worten: „Ich glaube an den heiligen Geist“ erzähle man die Geschichte der Ausgießung des heiligen Geistes. Bei den Worten „Eine heilige christliche Kirche“ zeige man die erste christliche Gemeinde zu Jerusalem, ihre Entstehung und Erweiterung, ja ihre Verheißung in jenem Bilde, das die Offenbarung Johannis bietet, indem sie von einem Volke redet, das aus allen Zungen und Völkern und Sprachen zusammenfließt. Bei den Worten: „Gemeinschaft der Heiligen“ zeige man in der irdischen sichtbaren Kirche den Kern der unsichtbaren und die heiligen Mittel, durch welche er geschaffen, genährt und zusammengehalten wird, – alles aus der Geschichte der ersten Zeit, aus dem Bilde der apostolischen Gemeinden zu Thessalonich, zu Philippi, zu Corinth. Die Worte: „Vergebung der Sünden“ deute man gleichfalls ganz historisch. Die großen Geschichten Matth. 16. und Joh. 20., das große Reichsgesetz der rettenden Liebe Matth. 18., die jammervolle, sich in eitel Freude auflösende Geschichte des Schächers am Kreuz und des Blutschänders zu Corinth werde dem Kinde vorgelegt, damit es lerne, was Vergebung der Sünden sei. Auch die letzten Worte von der Auferstehung des Fleisches und dem ewigen Leben behandle man historisch, indem man die Spiegelbilder des Endes dieser Welt und des ewigen Lebens in jener aus den Propheten und der Offenbarung zusammenstellt und die ganze Gewalt der Weissagung auf das Gemüth des Kindes wirken läßt. Hiemit hat man ohne Zweifel dem Kinde die goldenen Pforten der Geschichte, der Gegenwart und Zukunft eröffnet und es zu einer weiteren Stufe vorbereitet.


§ 3.
 Ein nächster Fortschritt läge in der historischen Anwendung der Auslegung des credo apostolicum. Die Auslegungen des lutherischen Katechismus gleichen allerdings ebenso der spätern Zeit, wie der| Text der ersten Zeit der Kirche. Im Texte finden wir nichts als große Thatsachen, in der Auslegung bereits die Reflexion und Subjectivität späterer Zeiten. Dennoch aber hat auch die Auslegung viel historischen Gehalt, besonders beim ersten Artikel. Die Worte: „mich sammt allen Creaturen“ gewähren in umgekehrter Ordnung den Fortschritt des 1. und 2. Kapitels Mosis, so daß das Wörtchen „mich“ der Text ist zu alle dem, was das zweite Kapitel enthält. Dieses Kapitel wäre bei diesem Worte zu erzählen. Bei dieser Erzählung lassen sich vortrefflich die Worte „Leib und Seele, Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne, Kleider und Schuhe“ etc. aufzeigen. Der Leib ist eher geschaffen, als die Seele. Adam hat eher das Auge zur Betrachtung der neuerschaffenen Welt gebraucht, als das Ohr zur Aufnahme der Stimme des HErrn. Sogar „Vernunft und alle Sinne“ könnte als historische Folge gefaßt werden, wenn man bei Vorführung aller Creaturen die Sinne von der nach Gottes Absicht spürenden Vernunft regiert erkennt. In dem Wörtchen „noch“ finden wir einen langen, gewaltigen Gedankenstrich, welcher durch die Historien des Falles und immer weiter greifenden Sündenverderbens am besten erklärt wird. („Noch“ = dennoch, trotz des Falls). Es wird also bei dem Wörtchen „noch“ die Geschichte des Falls erzählt und die Erhaltung der Welt im Lichte der durch den Fall und die Sünde nicht aufgehobenen Liebe Gottes zu Seiner Creatur gezeigt. Da schließt sich dann historisch malend an: „Kleider und Schuh“ etc. Auch bei der im Artikel sich findenden weiteren Auseinandersetzung, der Beschirmung, Behütung, Bewahrung läßt sich historisch verfahren. Denn man kann nicht bloß die Geschichte der Patriarchen und Noah’s, sondern auch die der Kainiten und der chaldäischen Abfälligen im Lichte dieser Worte zeigen, und zwar bereits so, daß die Beschirmung[,] Behütung, Bewahrung als Gottes Werk zur Anbahnung eines größern künftigen Heils dargelegt wird. Gott erhält die Welt zu großen Dingen, die erst die Zukunft offenbaren muß, die aber dem Christenkinde schon ganz einfach im ersten Artikel gezeigt werden können. Wenn die historische Deutung der Auslegung des ersten Artikels von irgend Jemand als eine gezwungene hingestellt| werden könnte, so könnte man dagegen auch wieder die Behauptung setzen, daß sie nur ungewohnt, im Grunde aber die richtigste sei.

 Als eine scheinbar nicht hierher gehörige, aber doch nahe verwandte Bemerkung dürfte wohl auch das Folgende hingenommen werden. Es läßt sich aus der Naturgeschichte zur Erläuterung der erhaltenden, d. i. versorgenden und behütenden Gnade so viel Anziehendes und Ergreifendes erzählen, und diese naturgeschichtlichen Erzählungen können der historischen Auslegung des ersten Artikels so gleichartig gehalten werden, daß sie an dieser Stelle nicht genug zu empfehlen sind. Es wäre vielleicht eine Behauptung, die sich wol vertheidigen ließe, daß die Naturgeschichte kein Lehrgegenstand für die Schule sei, daß sie sich mit Ausnahme der Uebersichten und Classifikationen weit mehr für das private Studium eigne. Aber das läßt sich doch auch nicht verkennen, daß man zu diesem privaten Studium gerade bei der Auslegung des ersten Artikels vortrefflich anreizen kann. Die naturgeschichtlichen Biographieen von Grube, sowie die schönen Lesebücher von Jubitz reichen dem verständigen Lehrer hier Stoffs genug.

 Die Auslegung des zweiten Artikels ist allerdings so großartig dogmatisch, daß eine historische Behandlung nicht leicht erscheint. Doch ist die letztere nicht bloß nicht unmöglich, sondern sie läßt sich auch sehr glücklich lösen, wenn man nur nicht vergißt, daß die Geschichte der Kirche, auf welche man sich beim Eingang der Auslegung des zweiten Artikels beziehen muß, und der Inhalt der Offenbarung St. Johannis, den man zum eigentlichen Kern dieser Auslegung bedarf, auch Geschichte und deshalb zur geschichtlichen Auslegung dienlich sei.

 Bei dem Worte: „wahrhaftiger Gott, wahrhaftiger Mensch“ greife man getrost in die Geschichte des größten Kampfes der Kirche Gottes hinein und zeige dem Kinde mit wenigen großen Zügen, was es die Kirche gekostet hat, bis sie dies wahrhaftig im Siegeston hat singen und sagen können. Bei den Worten: „Sei mein HErr“ zeige man auf die ersten Kapitel der Offenbarung und bringe aus ihnen den HErrn der Herrlichkeit, den HErrn der Kirche vor Aug und Herz des Kindes. Zur Erklärung der Worte:| „verlorner, verdammter Mensch“ bediene man sich der Gleichnisse vom verlornen Sohne, Schaf und Groschen. Die Worte: „erlöset hat, erworben, gewonnen“ erkläre man nicht allein durch erneuerte Hinweisung auf die blutsaure Arbeit des HErrn am Kreuz, sondern man zeige auch das Perfektum „erlöset hat“ etc. in jenen wunderbaren Offenbarungen des letzten Buches der Schrift, in welchen die aus allen Zungen und Sprachen und Völkern gesammelte Menschheit als Preis und Verdienst des Erlösers dargestellt wird. Endlich werfe man auch auf die Worte: „sein eigen“ etc. das Licht, welches aus der Offenbarung St. Johannis kommt, und es wird je länger, je mehr dem Lehrer gelingen, das Dogma der Erlösung dem Kinde als eine sich immer mehr enthüllende und verklärende historische Thatsache hinzustellen. Uebung macht auch hier den Meister.

 Die Auslegung des dritten Artikels scheint der historischen Faßung zu widerstreben; allein ihr Mittelpunkt ist nichts desto weniger ein ganz historischer Satz, nämlich der: „gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden“ etc. Im Gegensatz zum Inhalt dieses Satzes wird auch der Eingang: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigner Vernunft“ etc. sehr wohl historisch gefaßt werden können. Man lehrt bei diesem die unfruchtbaren Bestrebungen der heidnischen Völker, sowie man die Berufung, Erleuchtung, Heiligung und Erhaltung an der Geschichte der ersten Kirche und ihrer Ausdehnung zeigt. Der Berufung voran kann jenes herrliche Gleichniß gestellt werden, in welchem Israels Verwerfung und die Berufung der Heiden ganz historisch dargestellt wird, wie denn alle Gleichnisse des HErrn JEsus nur dann recht gefaßt werden, wenn man sie in der Fülle historischer Deutung und Bedeutung auffaßt. Die große Lehre von der Berufung selber ist rein historisch, so wie auch die von der Erleuchtung und Heiligung nicht der offenkundigen Geschichte mangelt. Bei den Worten: „täglich alle Sünden reichlich vergibt“ hat man die herrlichste Gelegenheit, das Kind mit der innern Führung der Kirche Gottes durch Zucht und Absolution bekannt zu machen.

 Für das Ende der Auslegung des dritten Artikels hat man die herrlichen historischen Weissagungen, welche dem Texte bereits zu gute kommen.


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§ 4.
 Ist das Kind auf diese Weise in die geschichtliche Erkenntnis seines Glaubens eingeführt, so ist es auch reif für eine speciellere Einführung in die biblische Geschichte. Jedoch darf man auch auf den ferneren Stufen nicht vergessen, daß der Weg von der Uebersicht zur Einsicht bei der biblischen Geschichte der einfachere und instructivere ist. Es können ganz wol einzelne Geschichten zum besonderen Gebrauche nebenher erzählt werden. Die Geschichte selber aber geht ihren gewiesenen Weg. Das in der bisher dargelegten Weise unterrichtete Kind wird für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, d. i. für Unterscheidung der Zeiten und damit für chronologische Anordnung der geschichtlichen Begebenheiten Sinn und Lust bekommen haben. Es wird ihm daher eine kurze chronologische Tafel nur zu größerer Klärung und Befestigung des bisher Gelernten dienen. Dieselbe sei nicht zu reichhaltig, sie sei aber wol gewält, nach den Höhepunkten der Geschichte, nur so, daß sich minder wichtige Zahlen und Namen in der Folge leicht anreihen und einfügen können. Zuerst gebe man die großen Namen und Zahlen, welche Thürhüter der geschichtlichen Perioden sind, ganz allein. Damit ist das Land der Geschichte in seine Provinzen geteilt. Dann fahre man mit einer ähnlichen übersichtlichen, immer wo möglich die einzelnen Perioden in gleicher Weise theilenden Aufzählung von Zahlen und Namen fort. Nicht blos dem Kinde, sondern auch dem Manne fürs ganze Leben wäre ein in dieser Art angelegtes, vom Allgemeinen zum Besondern fortschreitendes geschichtliches Gedenkbuch von großem Werthe. Das Format, sowie der symmetrische Druck sind hiebei von größter Wichtigkeit. Wer jemals versucht hat, etwas dieser Art für sich selbst anzulegen, wird es bezeugen können, wie wichtig und genugthuend für jede Stufe geschichtlicher Erkenntnis ein solches Hilfsmittel sei. Zu verkennen ist dabei nicht, daß man das Einlernen geschichtlicher Tabellen und Thatsachen geistlos und geisttödend treiben kann. Andererseits aber kann es auch im geschichtlichen Unterricht geradezu das Geistreichste und Fruchtbarste sein. Namentlich läßt es sich zu geschichtlicher Vergleichung,| zur Auffindung von Analogien und zur Erweckung geschichtlicher Devinationsgabe gar sehr gebrauchen.


§ 5.
 Nachdem man den geschichtlichen Ueberblick gegeben hat, folgt der Ausbau des Ganzen bei immerwährender Wiederholung dessen, was man schon gewonnen hat. Eine Periode nach der andern wird vorgenommen, und was die Folge anbetrifft, so ist das große geschichtliche Ganze von Gott selbst so angelegt, daß man einen bessern Weg und eine bessere Folge, als die geschichtliche selber nimmermehr finden kann. Es ist ein solcher Fortschritt von der Schöpfung bis zur Erlösung, und von da zur Berufung, Erleuchtung, Heiligung und Vollendung der Kirche, ein solches Reisen von einer Klarheit zu der andern, daß auch der Schüler bei allmählich tieferem Eindringen in die geschichtlichen Perioden innerlich reifen und zunehmen kann und muß. Was schmiegt sich dem Kindessinn mehr an, und was entspricht der kindlichen Einfalt mehr, als die ins Einzelne gehende Betrachtung der Schöpfungsgeschichte und was führt das Kind mehr ein in die Erfahrung des eigenen Verderbens, als die Geschichte des Falls und der von da an immer mehr durchdringenden Verderbnis der kainitischen und endlich auch der patriarchalischen Menschheit! Was für ein Ganzes von ungeheuren Formen legen die ersten 7 Kapitel der heiligen Schrift vor unsere Augen! Was für eine Schwelle der Vergangenheit und Zukunft bildet die Sintflut und ihre genauere Betrachtung! Und das Gericht über den zweiten Abfall der Welt, wie es in der Sprachverwirrung nicht minder groß, als in der Sintflut hervortritt, wie nahe tritt es an uns heran, die wir noch mitten in der Erfahrung davon leben. Wie bewegt sich das Herz des Kindes bei der Aufzeigung des göttlichen Ernstes, aber wie vermag man es auch wieder zu erheben und zu erfreuen durch die anfangs so stille, dann aber mächtig und immer mächtiger hervortretende Geschichte eines auserwählten Geschlechtes. Da reift das Gemüth auch zur Betrachtung und Beurteilung anderer Völker, und der immer weiter werdende Horizont des Lebens wird durch zunehmende| geschichtliche Weisheit geheiligt, bis dann auf einmal die Geschichte der Völker geringer wird, und mitten in der Welt der von der Welt innerlichst geschiedene, wundervolle Bau der Kirche Gottes, der Erbin des ewigen Reiches, sich erhebt. Reinliche, klare Partieen des großen Ganzen, eine jede mit einem unverkennbaren Thema geschmückt, treten als geschichtliche Lehr- und Lerngegenstände der reisenden Seele ans Licht, und immer mehr zeigt sich und immer mächtiger prägt sich die Entdeckung ein, daß die Geschichte ein Gegenstand der Erkenntnis nicht bloß für die Schule, auch nicht bloß für die Zeit, sondern für die Ewigkeit ist.


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Leonardo da Vinci, das heilige Abendmahl. Gestochen von Singer. Bildgröße 15" breit, 7" 3"' hoch. Papiergröße 21" 10"' breit, 15 hoch. Preis nur 15 Sgr. oder 54 kr.

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Brügel, Friedr., das Leben und wirken Dr. Martin Luther’s, in Fragen und Antworten der evangelischen Jugend vorgelegt. 46 Seiten 8. geh. 1867. Preis 2 Sgr. oder 6 kr.

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 Dieses vortreffliche Schriftchen empfehle ich den Herren Schulvorständen und Lehrern zur Einführung in Schulen, und bin auf Wunsch gern bereit, Freiexemplare zur näheren Einsicht abzugeben.

Fritschel, Gottfr., (Professor am Prediger-Seminar Wartburg in Nordamerika) Passionsbetrachtungen Mit Vorwort von Wilhelm Löhe. 17 Bgn. breit 8". geh. Preis 1 Thlr. oder fl. 1. 45 kr.

 Ein köstliches Gemälde von dem Schönsten unter den Menschenkindern, dessen Herz und Lippen uns hier holdselig winken, daß wir lernen sollen, uns Seiner Leiden freuen. Ein ächt deutscher Klang aus der luth. Kirche Amerika’s herüber, sinnig und innig tief und doch klar, unter den neueren Passions-Betrachtungen eine der bedeutendsten Erscheinungen, eine Fundgrube für Prediger eine Herzstärkung für alle suchenden Seelen.

Löhe, Wilhelm, Lebenslauf einer heiligen Magd Gottes aus dem Pfarrstande (Zuerst als Manuskript gedruckt.) 3te unveränderte Auflage. 31/4 Bog. 12. eleg. geh. Preis 71/2 Sgr. oder 24 kr. Dasselbe in Goldschnitt geb. 10 Sgr. oder 33 kr.

 „Der Lebenslauf einer jung verstorbenen Pfarrersfrau, der Hauptsache nach kurz nach ihrem Hinscheiden geschrieben, – als Brautgeschenk: verträgt sich das? Der einfachste Weg, diese Frage zu beantworten, ist die Erfahrung. Die Lectüre ist wohl ernst, aber ein rechter Brautstand verträgt den Ernst. Man kann es daher Bräuten und ihren Bräutigamen überlassen zu antworten“.

Löhe, Wilhelm, Martyrologium. Zur Erklärung der herkömmlichen Kalendernamen. 16 Bgn. kl. 8. eleg. geh. Preis 27 Sgr. oder fl. 1. 30 kr.

Dasselbe elegant gebunden. 1 Thlr. 2 Sgr. oder fl. 1. 48 kr.

Löhe, Namenbilder folgender Heiliger: Agnes, Anna, Barbara, Bonifatius, Dorothea, Elisabeth, Gabriel, Georg, Johannes, Katharina, Kilian, Margaretha, Maria, Markus, Martin, Nikolaus, Walpurgis. Fein colorirt à 1/3 Sgr. oder 1 kr.

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Saxo’s, Michael, Hofpredigers zu Ohrdruff, Arcana annuli pronubi oder Geheimnisse und Bedeutung des ehelichen Traurings. Auf’s Neue an’s Licht gestellt von Wilhelm Löhe, Pfarrer. 9 Bogen 8°. eleg. geh. 1867. Preis 15 Sgr. od. 48 kr. Dasselbe cart. mit Goldschnitt 20 Sgr. oder fl. 1.

 Im Jahre 1588 wurde das vorliegende Buch gedruckt und im Jahre 1594 erschien es bereits zum dritten Mal. Ein Traktat aus so alter Zeit, wer sollte nicht schon um des hohen Alters willen ein solches Buch gern lesen? Nun ist aber aus dem Symbol des Trauringes so viel Lehrreiches, Herzinniges und Göttliches für christliche Eheleute vorgetragen, daß das Büchlein ein rechter Wegweiser für und in das eheliche Leben ist. Auch Pfarrherren können sehr viel Stoff für christliche Traureden daraus entnehmen. Mit Historien ist es köstlich durchweht. Mehr will ich zu seiner Empfehlung nicht sagen, aber das Gleichniß vom Spiegel will ich daraus hersetzen. Es lautet: „Und weil die Weiber oft vor den Spiegel treten, muß ich ihnen hierin ein Gleichniß zu guter Nachacht vorstellen. Wie ein Spiegel ins Wiederschein gleiche Form und Gestalt giebt der Dinge, die vor ihn gehalten werden: also soll das Weib auch treten vor ihren Mann als vor ihren Herrn und Haupt, ihm seine Weise und Willen fein abmerken und lernen, und sich befleißigen, daß ihr Leben und ihre Sitten, Herz, Muth und Sinn mit des Mannes Weise und Art übereinstimmt. O das stärkt mächtig sehr das Band der Liebe, und macht eine gute Ehe“.

Wucherer, Johann Friedrich, evangel.-luth. Pfarrer, Zu einem Zeugniß. Predigten über die sonn- und festtäglichen Evangelien des ganzen Kirchenjahres. Mit einem Vorwort von Wilhelm Löhe 57 Bog. gr. 8". geh. 1867. Preis 1 Thlr. 20 Sgr. oder fl. 2. 42 kr. Elegant und dauerhaft gebundene Exemplare kosten 121/2 Sgr. oder – 42 kr. mehr.

 Obiges Buch, das Erzeugniß eines ganzen Pfarrer- und Predigerlebens, reich, schön, kräftig und mächtig, suchende Seelen den Weg in die Wahrheit und zur Ewigkeit zu leiten, bedarf keiner Empfehlung für diejenigen, die sich mit demselben nur zu einer kurzen Prüfung einlassen. Es kann einen jeden fesseln und wird leicht Vertrauen wecken und gewinnen. Der Name des Verfassers ist bekannt. Wucherer’s ganze Lebensthätigkeit weckt Vertrauen und lädt ein, niederzusitzen und ihm zuzuhören. Die buchhändlerische Ausstattung ist des Inhalts nicht unwerth, sondern sie lädt im Gegentheil ihrerseits ein und weckt Vertrauen. Jede Familie, die das Buch ihrem Bücherschatze einverleibt, wird je länger, je lieber nach „Wucherer“ greifen und aus dem vollen Mahle dieses Speisemeisters sich ihren Antheil an gesunder Nahrung erwählen. Gottes Segen wird mit dem Buche sein.




  1. Wiefern dabei dennoch wahr ist, daß Kleinkinderschulen keine Schulen sein sollen?
  2. Wenn zur Zeit unserer Väter, schon im vorigen Jahrhundert Privatschulen für Kinder gehalten wurden, die noch nicht in die öffentlichen Schulen, die es in den Städten gab, giengen; so hatte man sich eben über das Alter der Schulfähigkeit noch nicht geeinigt, und die Eltern wollten einfach der Noth enthoben sein, ihre Kinder beständig beaufsichtigen zu müssen. Sie wollten sie aus den Füßen haben; darum gab man sie der Mamsell X. oder Y., bis sie in die Schule kamen.
  3. Pestalozzi’s „wie Gertrud ihre Kinder lehrt,“ und Buch der Mütter. Fr. Köhler’s Mutterschule. Berlin, bei G. Reimer 1840. Schmid a. a. O. III. p. 37 f.
  4. Bei wie vielen ländlichen Haushaltungen ist es mit dem Christenthum voller Ernst, und doch ersticken sie fast im Schmutz. – Der nordamerikanische Indianer ist ein Christ, aber er läßt sich eher aus Florida vertreiben, ehe er Civilisation annimmt. – So ein großer Weg ist von dem Christenthum zur rechten äußern, vielmehr inneren Bildung[.] Und doch erstirbt das Christenthum, das sich der Anforderung der äußern und innern Bildung entschlägt.
  5. Die Landkinder, die im Sommer barfuß gehen, sind nicht anzuleiten, immer in Strümpfen und Schuhen zu erscheinen. Sie bleiben bei ihrem Brauch. Sie werden für ihr Volk erzogen, und so wie ihr Volk. Nicht bloß schadet es ihnen nichts, sondern sie haben Nutzen. Ihre Gewöhnung ist die bessere und die gesündere, wenn nur das Auge der Lehrerin gegen den möglichen Schaden wacht. Aber freilich die Reinlichkeit der Füße muß gepflegt werden, und das kann auch sehr leicht geschehen. Die Stadtkinder, die ihre Füße immer in Strümpfen und Schuhen stecken haben, haben es nicht leichter, sondern schwerer, die Füße rein zu halten, da Schweiß, Staub und Schmutz durch die Gewöhnung der Städter nur mehr verborgen und zugedeckt ist. Auch gleichen die Füße der Stadtkinder durch verkehrte Gewöhnung häufig den Schwämmen, die die Feuchtigkeit an sich ziehen und die Verkältung befördern, während der bloße Fuß der Landkinder nicht bloß reinlicher, sondern auch gesünder und schöner gedeiht. Auch ist der bloße Fuß eine Anleitung zum schönern Gang. Das Stadtkind geht, wie es der Schuh und Stiefel erlaubt. Das Landkind fühlt mit seinem bloßen Fuß, fühlt damit [11] nach allen Seiten, gebraucht seine Glieder, geht leicht, naturgemäß und schön. – Aehnlich ist es mit den Bevölkerungen, die auf dem Kopfe tragen. Sie müssen Balance halten, Arm und Fuß brauchen, dürfen nicht gebückt noch krumm gehen. Die Gewöhnung von Jugend auf befördert den schönen Gang. Daß Kropf entstehe, ist leicht zu vermeiden. Daran z. B. zeigt sich, wie ganz in der Ordnung es ist, die Landkinder in ihrer Weise heranwachsen zu lassen. – Wo man Landkinder anders als ländlich erziehen will, muß man ihnen auch für die Zukunft andere Verhältnisse sichern können; sonst befördert diese Erziehung nicht Glück, sondern Unglück. Das sieht man an so vielen armen Kindern, die von vornehmen Frauenzimmern wie Puppen erzogen werden. Sie werden mit unnöthigen Bedürfnissen vertraut und hernach elend an Leib und Seele werden, weil sie doch keine reichen und vornehmen Kinder werden dadurch, daß man sie verwöhnt.
  6. Zum Gebrauch zu merken: Seidel und Schmidt’s Arbeitsschule, 10 Hefte Weimar. Böhlau. 1865. Der Kindergarten in Spielen und Beschäftigung 12 Hefte mit 108 Abbildungen. Hamburg. C. Adler. (Fröbel’sches System) August Köhler’s „Fröbel’sches Faltblatt.“ Weimar. Böhlau. 1862. (In untergeordnetem Fache kann man von Allen lernen.) Frau Rosa’s Kinderstube von Thekla Naveau. Stuttgart. Scheitlin.
  7. Man kann auch aus Dr. Schrebers „Aerztlicher Zimmergymnastik oder Darstellung und Beschreibung der unmittelbaren, keiner Geräthschaft und Unterstützung bedürfenden, daher stets und überall ausführbaren heilgymnastischen Bewegung für jedes Alter und Geschlecht etc.“, 45 Abbildungen Leipzig, lernen.
  8. Außer den bekannten schönen Eßlinger Bilderbüchern besonders auch zu merken: N. Bohny’s Neues Bilderbuch. Anleitung zum Anschauen, Denken, Rechnen und Sprechen für Kinder von 21/2 bis 7 Jahren. 36 color. Bilder. 2. Aufl. Gleichfalls Eßlingen bei Schreiber. C. Wilkes sechzehn Bildertafeln für den Anschauungsunterricht. Zu diesem K. Bormann’s „Das Leben in Stadt und Land, in Feld und Wald.“ Leipzig. H. Schultze.
  9. S. Hausbuch I. p. 353. „Vom Auswendiglernen von der Jugend bis ins Alter.“
  10. S. Abdruck p. 36 ff.
  11. Hausb. I. p. 295 ff. „An die Eltern, namentlich Mütter. Vom Betenlehren.“
  12. Hausb. I. Seite 40 f. **.
  13. Ebenso aus: J. Fr. Ranke’s „Die Erziehung oder Beschäftigung kleiner Kinder in Kleinkinderschulen und Familien, oder Anleitung, Kinder in den ersten Lebensjahren zu erziehen, durch Spielen, Arbeiten oder vorbereitenden Unterricht zu beschäftigen, mit besonderer Berücksichtigung der Kleinkinderschule nach der Erfahrung bearbeitet.“ Dritte Aufl. 1863. Elberfeld. Baedeker.