RE:Anakreon 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 20352050
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Anakreon (Ἀνακρέων; vgl. Fick Personenn. 121). 1) Lyriker.

Litteratur (abgesehen von den Handbüchern): A. Aus dem Altertum (s. Bergk Anacr. fragm. p. 215ff.). Poetische Charakteristik von Kritias frg. 7, PLG⁴ II 283. Kritische Arbeiten (Ausgabe?) von Zenodot (Schol. Pind. Ol. III 52 = frg. 51, Susemihl Gr. Litt. i. d. Alex. Zeit I 334), Aristarch, Tenaros (Athen. XV 672 A), Hauptausgabe wahrscheinlich von Aristophanes von Byzanz (Aelian. n. a. VII 39. Nauck Aristoph. Byz. 60. Bergk Anacr. p. 26. Welcker Kl. Schr. II 369. Susemihl a. O. 436f. 459), der die treffliche, auf musikalisch-rhythmischer Unterlage beruhende Kolometrie durchgeführt haben wird. Chamaileon περὶ Ἀνακρέοντος Athen. XII 533 E. Didymos behandelte die Frage libidinosior Anacreon an ebriosior vixerit (Seneca Ep. 88), wohl im Zusammenhange eines grösseren Werkes (περὶ λυρικῶν ποιητῶν? s. Didymi frg. ed. Schmidt p. 384f. 390. Susemihl a. O. II 206, 330). Samische Localschriftsteller, wie Alexis, überlieferten Einzelzüge (Athen. XII 540 D = FHG IV 299, s. u. I), die das alte, schon von den Logographen in Zusammenhang mit Polykrates und den sieben Weisen gezeichnete Bild des Dichters (Herod. III 121 u. a., s. u.) vervollständigen sollten. Ein spärlicher Bios bei Suidas (Hesychius Mil. p. 12 Fl.). B. Moderne Arbeiten: für Einzelfragen noch jetzt unentbehrlich Anacreontis carminum reliquiae ed. Th. Bergk, Lips. 1834, weitergeführt in den PLG III⁴ p. 252ff. (³ 1011ff.) und besonders in der Gr. L.-G. II 337ff. Welcker Kl. Schr. I 251ff. III 356ff. Schneidewin Zschr. f. Alterth.-Wiss. 1835, 508ff. Letzte ausführliche Darstellung bei Flach Griech. Lyrik 523ff.; vgl. 447f. 604ff. (in vielen Einzelheiten und in der Gesamtauffassung anfechtbar). Über die Anakreonteen s. Nr. III.

I. Biographisches.

A. heisst durchweg ὁ Τήïος Teius poeta; s. Aristoph. Thesm. 161. Kritias frg. 7,2 … Ἀνακρείοντα Τέως εἰς Ἑλλάδ’ ἀνῆγεν. Er stammt aus der ionischen Stadt (nicht Insel, wie Christ auch in der zweiten Auflage der Litt.-Gesch. schreibt S. 130) Teos, in der Nähe von Hauptsitzen iambisch-elegischer Dichtung, wie Klazomenai, Kolophon, Ephesos. Nach Suid.-Hesych. ist er Σκυθίνου υἱός· οἱ δὲ Εὐμήλου, οἱ δὲ Παρθενίου, οἱ δὲ Ἀριστοκρίτου ἐδόξασαν. Der Name Parthenios wird, wie der Name Dios bei Hesiod, aus einer Gedichtstelle herausgelesen sein; vgl. z. B. frg. 4. 13 A. Die Quelle des Hesychios erkannte dem Skythinos den besten Anspruch zu. Vgl. auch das Basenbruchstück bei Visconti Icon. Gr. I p. 74. In der That begegnen wir später einem Iambographen Skythinos auf Teos (Bergk PLG II 505f.; Anacr. frg. p. 118), der mit dem älteren Namensvetter und A. zusammenhängen mag; der Gedanke an ein Missverständnis (aus Stellen wie 21, 10) ist danach ausgeschlossen. Die Lebenszeit des A. bestimmt sich nach dem Auftreten des Harpagos und der Regierung des Polykrates und Hipparch. Strabon XIV 644: Τέως … ἔνθεν Ἀνακρέων ὁ μελοποιός, ἐφ’ οὗ Τήιοι [2036] τὴν πόλιν ἐκλιπόντες εἰς Ἄβδηρα ἀπῴκησαν … οὐ φέροντες τὴν τῶν Περσῶν ὕβριν, ἀφ’ οὗ καὶ τοῦτ’ εἴρηται· Ἄβδηρα καλὴ Τηΐων ἀποικίη (ein Vers des A.?). Mit Recht nimmt man ziemlich allgemein an, dass es sich hier um das Auftreten des Harpagos handelt (545), wonach auch Theognis datiert wurde. Aristoxenos bei Theodor. Arithm. 40 B = FHG II 279, 23: μέχρι … τῶν Ἀνακρέοντός τε καὶ Πολυκράτους χρόνων καὶ τῆς ὑπὸ Ἁρπάγου τοῦ Μήδου Ἰώνων πολιορκίας καὶ ἀναστάσεως, ἣν Φωκαεῖς φυγόντες Μασσαλίαν ᾤκησαν. Wenn Suidas vielmehr τὴν Ἱστιαίου ἐπανάστασιν (500) erwähnt, so ist das einfach ein Versehen, das Flach (530f.) nicht hätte rechtfertigen dürfen. Von diesen Dingen muss wiederholt bei A. die Rede gewesen sein, s. frg. 36 αἰνοπαθῆ πατρίδ’ ἐπόψομαι. 38. 72 (die Stadt ist verfallen). 79 (Barbaren auf dem Boden der Heimat?). A. scheint Abdera gekannt zu haben; vgl. frg. 100. 130 und die angeführte irrtümliche Suidasstelle. Dass er am Ende seiner Laufbahn als vielbeehrter Sangesmeister in die abgelegene nordische Stadt gezogen sei, wie Flach der Suidasnotiz zu Liebe annimmt, ist wenig wahrscheinlich; eher mag er, wie die Früheren annahmen (auch Bergk Gr. L.-G. II 337), mit seinen Landsleuten als junger Mann übergesiedelt sein. Die übrigen chronologischen Irrtümer bei Suidas (γέγονε κατὰ Πολυκράτην … ὀλυμπιάδι νβʹ, falsche Auffassung des γέγονε als natus est und irrtümliche Rückdatierung um ein Menschenalter) sind schon von Rohde Rh. Mus. XXXIII 190 richtig beleuchtet worden. Correcter Eus.-Hieron. Ol. 62, 2 A. 60, 4 F.

Die zahlreichen biographischen Einzelzüge bei Späteren haben, bei dem oben angedeuteten Charakter der Quellen, nur sehr bedingten Wert (die rührende Geschichte von dem treuen Hunde bei Tzetz. Chil. IV 235ff. wird erst von dem Byzantiner auf den Dichter übertragen sein; Aelian, die Quelle des Tzetzes, erzählt sie von einem kolophonischen Kaufmann, der in Teos Geschäfte hat; s. O. Jahn Abh. d. Sächs. Ges. d. W. VIII 1861, 732ff. Harder de Jo. Tzetzae hist. fontibus, Kiliae 1886, 45). Nach Teos führt Maxim. Tyr. 27, 2: Dem trunkenen A. kommt ἐν Ἰώνων ἀγορᾷ ἐν Πανιωνίῳ eine Amme mit einem Kinde in den Weg, er schimpft und flucht über das Kleine, und zur Strafe muss er es später, nach der Verwünschung der Wärterin, ἔτι πλείω ἐπαινέσαι, denn es ist der schöne Kleobul (frg. 2f.); eine Anekdote, wie sie die alten Biographien von Homer Hesiod Aesop enthalten. Dass Kleobul als Teier hingestellt wird, mag richtig aus den Gedichten geschlossen sein. In Teos und Abdera werden einige Dichtungen kriegerischen Inhalts entstanden sein, frg. 28: Flucht aus einem Kampfe, wohl mit Barbaren, in Anlehnung an Archilochos (frg. 4–6) und Alkaios (frg. 32), aber schwerlich ohne persönlichen Anlass; vgl. frg. 70. 80. 91. Auch die persönlichen Angriffe in derben, frischen Spottgedichten, ganz nach Art des älteren Iambos, wird man am ersten in diese Frühzeit setzen: frg. 21 (Artemon und Eurypyle). 30 (Strattis ὁ λ(μ)υροποιός). 68 (φαλακρὸς Ἄλεξις). 156f. 164 (Eurypyle?). Eurypyle Artemon Alexis scheinen in seinem Leben eine ähnliche Rolle gespielt zu haben, wie Neobule mit ihren Werbern und Verwandten bei Archilochos. Die offenbar ernste Neigung wird [2037] man am ersten dem jungen Dichter zutrauen. Aus frg. 14 hat man (Chamaileon bei Athen. XIII 599 u. a.) ein Verhältnis des A. zu Sappho herausgelesen, das schon von Hermesianax (Athen. XIII 547 v. 50) romanhaft ausgeschmückt wurde; der Dichter sprach aber nur von einem Mädchen aus Lesbos, und zwar von einer jungen, tanzfrohen Hetaere, die seines weissen Haares spottet. Kaum glaublich, dass man auf diese Autoschediasmen neuerdings Wert gelegt hat, s. o. S. 1500f. Die Wanderungen des A. von Teos und Samos nach Lesbos, von denen Hermesianax a. O. berichtet, sind natürlich nur eine Consequenz dieser Fictionen. Die frischen Trochaeen an das ‚Thrakerfüllen‘ frg. 75 werden in diese Frühzeit gehören, ebenso frg. 17 (… κωμάζων παïδὶ ἁβρῇ) und das zweifelhafte frg. 72b (an Asteris).

Wann A. nach Samos berufen wurde, ist nicht sicher zu bestimmen. Als intimer Freund des Gewalthabers erscheint er bei Herodot III 121; hier ist er sogar bei politischen Verhandlungen zugegen; vgl. Strab. XIV 638 und andere Spätlinge, Maxim. Tyr. 27, 2. 37, 5. Himer. 30, 3 (novellistische Erfindung). Seine Aufgabe ist die künstlerische Verklärung der Geselligkeit an dem glänzenden Fürstenhofe. Die meisten bei A. gepriesenen καλοὶ werden Lieblingssclaven oder Pagen aus der Umgebung des Polykrates gewesen sein, s. Maxim. Tyr. 37, 5. Megistes: frg. 16. 41. 74. Anth. Pal. VII 27, 5. Simalos: frg. 22 Σίμαλον εἶδον ἐν χορῷ also wohl ein Freigeborener. Leukaspis: 18. Pythomandros: 61. Bathyllos ist in den uns erhaltenen echten Fragmenten nirgends nachweisbar. Wenn Bergk frg. 20 auf ihn bezieht (missverstanden von Flach 548), so ist dies eine ziemlich in der Luft stehende Hypothese. Wiederholt findet sich der Name in einer Gruppe der Anakreonteen (9, 10. 14, 8); ebenso ist er typisch bei den Hellenisten (Anth. Pal. VII 30. 31 u. ö. Maxim. Tyr. 37, 5) und Römern (Horaz Ep. 14, 9 Samio Bathyllo, danach benennt sich ein Tänzer Bathyllos, Athen. I 20 D. Dio Cass. LIV 17). Bathyllos mag bei A. vorgekommen, aber dadurch besonders in den Vordergrund getreten sein, dass sich die Epigrammen- und Novellenpoesie und später die Anakreontik seiner besonders annahm. Am umfänglichsten sind die auf den Thraker Smerdies, wohl einen Freigelassenen, bezüglichen Bruchstücke, frg. 5. 47ff.; vgl. Anth. Pal. VII 25, 8 τὸν Σμερδίεω Θρῇκα … πόθον. 27, 6 ἢ Κίκονα Θρῃκὸς Σμερδίεω πλόκαμον. Das weibliche Geschlecht scheint in dieser Periode dagegen zurückzutreten; als γέρων spricht A. aber zu einer κούρα frg. 76. Ähnlich wohl 51f. 118 (Kallikrite). Der spätere Anekdoten-Klatsch wusste, dass Smerdies gegenüber Fürst und Dichter Nebenbuhler gewesen waren; Alexis bei Athen. XII 540 E = FHG IV 299, 2: Polykrates περὶ τὰς τῶν ἀρρένων ὁμιλίας ἐπτοημένος ὡς καὶ ἀντερᾶν Ἀνακρέοντι τῷ ποιητῇ· ὅτε καὶ δι’ ὀργὴν ἀπέκειρε τὸν ἐρώμενον (Smerdies). Was es damit auf sich hat, wird klar durch Aelian. v. h. IX 4, der dieselbe Geschichte erzählt und hinzufügt: ὃ δὲ (Anakreon) οὐ προσεποιήσατο αἰτᾶσθαι τὸν Πολυκράτη …, μετήγαγε δὲ τὸ ἔγκλημα ἐπὶ τὸ μειράκιον ἐν οἷς ἐπεκάλει τόλμαν αὐτῷ … ὁπλισαμένῳ κατὰ τῶν ἑαυτοῦ τριχῶν; vgl. die Bruchstücke des Gedichtes frg. 48f. Es ist klar, dass die erste Hälfte [2038] der Nachricht – Polykrates als Nebenbuhler und Strafvollstrecker – novellistische Dichtung ist, angesponnen an ein Lied des A., in dem von der Unthat des Polykrates einfach deshalb nichts erzählt wurde, weil der Dichter nichts davon wusste. Das Beispiel ist methodisch wichtig; manche verwandte Notiz wird ähnlich entstanden sein. Auffällig ist es, dass Polykrates in unseren Bruchstücken nirgends direct erwähnt wird, während doch Strabon bezeugt, dass πᾶσα ἡ ποίησις (des A.) πλήρης ἐστὶ τῆς περὶ αὐτοῦ μνήμης (XIV 688). Strabon mag unter dem Einfluss der biographischen Überlieferung einigermassen übertrieben haben. Doch wird wiederholt auf samische Verhältnisse Bezug genommen. Der Heratempel frg. 34 (freilich Conjectur) wird der samische sein. Von dem politischen Umschwung auf der Insel spricht frg. 16: die ἁλιεῖς vom Strande (Ἁλιεῖς, argivisch?) walten in der heiligen Stadt der Nymphen (= Samos mit dem Heratempel, s. Hesych. s. Ἄστυ Νυμφέων. Athen. XV 672 B), vermutlich zu combinieren mit dem Verse ἕκητι Συλοσῶντος εὐρυχωρίη) (Paroemiogr., Crusius Anal. p. 140), der, wie mancher verwandte (frg. 85), von A. herrühren wird. Wir würden damit ein interessantes Zeugnis dafür gewinnen, dass A. dem Polykrates auch im Tode (522) Treue hielt und mit der Neugestaltung der Verhältnisse unter Syloson (Duncker G. d. A. VI 530) nicht einverstanden war.

Jedenfalls taucht er bald nach der Ermordung des samischen Fürsten in Athen auf; Hipparchos, der den Dichter (nach einer modernen Hypothese bei einem früheren Aufenthalte in Athen, s. Welcker Kl. Schr. I 253f.) schon früher kennen gelernt hatte, soll einen Fünfzigruderer geschickt haben, um ihn an seinen Hof zu holen (Ps.-Plat. Hipparch 228 C, daraus Aelian v. h. VIII 2). Hier wehte eine ähnliche Luft, wie an dem samischen Hofe. Zu Xanthippos, dem Vater des Perikles, dessen er in einem Liede an Polykrates gedacht zu haben scheint (Himer. V 3 ἔχαιρε μὲν Ἀ. εἰς Πολυκράτους στελλόμενος [bildlich?] τὸν μέγαν Ξάνθιππον προςφθέγξασθαι frg. 126 Bgk., Welcker I 253), hatte A. wohl alte Beziehungen. Die οἰκία Κριτίου τοῦ Δρωπίδου wurde von ihm besungen ὡς διαφέρουσα κάλλει τε καὶ ἀρετῇ καὶ τῇ ἄλλη λεγομένῃ εὐδαιμονίᾳ nach Plato Charm. 157 E; beim Schol. Aisch. Prom. 128 heisst A. geradezu Κριτίου ἐρῶν. Ein Nachfahr, der jüngere Kritias, zahlte dem Dichter den Dank in einer glänzenden poetischen Charakteristik (s. o.). Von Kunstgenossen traf A. an dem Pisistratidenhofe den Lyriker Simonides an; Beziehungen auf ihn sind in den Fragmenten jedoch nicht nachzuweisen.

Auch dies Verhältnis hatte keinen Bestand: Hipparch, des Dichters Gönner, fiel 514 durch Harmodios. Über die weiteren Lebensschicksale des Dichters versagt die Überlieferung. Doch hat man wohl mit Recht vermutet, dass er sich an den Hof der Aleuaden in Larissa begeben habe, wie Simonides. Auf thessalische Verhältnisse beziehen sich einige Epigramme, Anth. Pal. VI 142 = frg. 103, auf den Θεσσαλίας … ἀρχὸς Ἐχεκρατίδας (Förster Die Sieger in den olympischen Spielen S. 12) Anth. Pal. VI 136 = frg. 109. Die Notiz bei Suidas, dass der Dichter um 500 infolge des [2039] Ioneraufstandes von Teos nach Abdera geflüchtet sei, scheint auf einem Missverständnisse zu beruhen (s. o. S. 2036). Ein Epigramm, Anth. Pal. VII 25, angeblich von Simonides (frg. 184 p. 512), will für das Grab des Dichters auf Teos bestimmt sein. Aber die Verse sind jüngeren Ursprungs und können sich auf ein Kenotaph in Teos beziehen, wenn sie überhaupt ernst zu nehmen sind. Eine Porträtstatue des A in Teos kannte Theokrit, Anth. Pal. IX 599 = Ep. 16; Jahn möchte teische Münztypen darauf zurückführen. Man wollte wissen, dass der Dichter 85 Jahre alt geworden sei (Ps.-Luc. Macrob. 26; vgl. Val. Max. IX 12, 8 statum humanae vitae supergresso); damit würde man, da man die ἀκμὴ auf 532, die Geburt auf 572 gesetzt zu haben scheint, bis über 488 hinunter kommen, also bis über den ersten Perserkrieg, den er, wie sein Kunstgenosse Simonides, dichterisch verherrlicht haben könnte. Urkundliche Anhaltspunkte finden sich aber für solche Combinationen in den Fragmenten nicht, und es wäre leicht möglich, dass man novellistische Ausschmückungen dafür gehalten hätte. Sein Lebensende ist ja, wie das der meisten Dichter, von der Anekdote in Beschlag genommen: er soll, nach einem epigrammatischen Einfall, an einer Weinbeere erstickt sein, wie Sophokles, Anth. Pal. VII 20. Philol. Anz. XV 1885, 634. Doch ist es sicher, dass der Dichter ein hohes Alter erreichte. Auch in manchen echten Fragmenten spricht er von seinem weissen Haar (frg. 14, 7, zweifelhaft frg. 43) und seinem grauen Bart (frg. 25). Gerade dies uns wenig sympathische Bild haben die Späteren, insbesondere die nachchristlichen Anakreonteendichter, mit Vorliebe festgehalten (s. Bergk Anacr. frg. 11); als Greis wird A. bezeichnet Anth. Plan. 306f. (Leon.). 308 (Eugen.). 309. Anth. Pal. IX 209 (der Interpolator des Krinagoras). Ovid. ars am. III 330. Gell. XIX 9. Lieder aus der letzten Periode, in denen die liebenswürdige Kunst des Poeten in eine süssliche, conventionelle Manier ausgeartet zu sein scheint, waren die ihnen congenialen Vorbilder, an die sie sich anschlossen. Die Athener ehrten den Dichter durch ein Standbild auf der Akropolis neben dem seines Freundes Xanthippos, Paus. I 25, 1: τοῦ δὲ Ξανθίππου πλησίον ἕστηκεν Ἀνακρέων ὁ Τήιος, πρῶτος μετὰ Σαπφὼ τὴν Λεσβίαν τὰ πολλὰ ὧν ἔγραψεν ἐρωτικὰ ποιήσας· καὶ οἱ τὸ σχῆμά ἐστιν οἷον ᾄδοντος ἂν ἐν μέθῃ γένοιτο ἀνθρώπου. Die Auffassung (ἐν μέθῃ!) kommt auf Conto der späten Quelle des Pausanias; von späten Epigrammatikern (Leonidas [?] Anthol. Plan. 306f.) wird sie in einer Phantasieschilderung – die aber mit der athenischen Statue doch wohl zusammenhängen soll, ohne dass man an Autopsie denken dürfte – ins Widerliche und Alberne gesteigert. Die Teier prägten sein Bild auf ihre Münzen in zwei Typen, sitzend und (fast nackt) stehend, s. Visconti Icon. Gr. 3, 6 p. 74. O. Jahn Darstell. gr. Dichter auf Vasenbildern, Abh. d. sächs. Ges. d. W. VIII (1861) 730 Taf. VIII 8. Bürchner Ztschr. f. Numism. IX 11f. Taf. 4, 11. Head HN 512. Auch das Saiteninstrument auf teischen Münzen (Head 511) mag auf A. gehen. Inschriftlich beglaubigt ist eine vor kurzem entdeckte Darstellung in Büstenform; vgl. Notizie degli Scavi 1884, 42: busto virile barbato teniato …, nel cui [2040] soccolo leggesi: ΑΝΑΚΡΕΩΝ / ΛΥΡΙΚΟC. Eine Abbildung im Bullet. arch. com. XII 25 Taf. II (C. L. Visconti) und in der Archaeol. Zeitung XLII (1884) 151 Taf. XI 2 (P. Wolters). Der Kopf zeigt eine ganz frappante Ähnlichkeit mit den Zügen eines stehenden fast nackten Kitharspielers in der Villa Borghese (1835 mit einer ähnlichen Statue gefunden; vgl. Bullet. d. Inst. 1836, 9. 1853, 20. 1860, 3. 1867, 135 u. a.; bei Wolters a. O. 149). Man hatte für ihn die Namen Tyrtaios Pindar (ganz unpassend) Alkaios (besser) vorgeschlagen, und pflegte A., besonders seit einem bekannten Aufsätze Brunns (Ann. d. Inst. 1859, 155ff., zuletzt Baumeister Denkm. 79f.), ziemlich allgemein in einer an gleichem Platze gefundenen und aufgestellten sitzenden Statue zu erkennen; sehr berechtigte Zweifel äusserte nur Bernoulli Bildn. d. Gr. 7. Die von Wolters mitgeteilte Beobachtung braucht nur ausgesprochen zu werden, um diese Vermutungen ein für allemal abzuthun. Obendrein passt der energische Kopf des sitzenden Dichters mit seinem kurzen Haar und den starken, leicht zusammengezogenen Brauen doch wenig zu der Vorstellung, die wir uns von A. machen, und auf den Kopf kommt es doch wohl mehr an, als auf die von Brunn über Gebühr betonte Pose. Allerneustens endlich hat R. Kekulé Arch. Jahrb. VII (1892) 119ff. drei weitere Exemplare dieses Typus hinzugefügt: einen Kopf im Berliner Museum (a. O. T. 3), nach Kekulé die treuste und älteste Wiederholung, griechische Arbeit; einen Kopf im Park von Glienecke bei Berlin; einen Kopf auf einer Zeichnung Heemskerks (Michaelis Arch. Jahrb. VI 145). S. auch R. Engelmann Zeitschr. f. bild. K. N. F. IV (1893) 185.[WS 1] A. zeigt auf den Büsten wie auf der Statue sanft gelocktes, in der Mitte gescheiteltes Haar mit einer Taenie – wohl der μίτρα seiner Dichtungen, s. Aristoph. Thesm. 161f. Anacr. frg. 65, 2 – und einen gelockten, weichen Bart, beides sehr charakteristisch; auch die feinen Gesichtszüge, insbesondere die halbgeöffneten, sinnlichen Lippen und die glatten Wangen, nicht weniger die weichen und doch schlanken Körperformen, wirken nach der gleichen Richtung. Wir haben eine vortreffliche Schöpfung griechischer Plastik vor uns, dem sitzenden Poeten der Villa Borghese (Alkaios?) mindestens ebenbürtig; nach Kekulé war das Original eine Bronzestatue des 5. Jhdts., vielleicht des Kresilas (vgl. aber Six Arch. Jahrb. VII 188, 19). Auch die griechische Kleinkunst hat den Dichter darzustellen versucht, ein glänzendes Zeugnis für seine Volkstümlichkeit. Zwar darf man in den Vasenbildern, die Kitharoeden mit einem Hündchen zeigen, bei der Wertlosigkeit des Tzetzeszeugnisses (oben S. 2036) A. nicht mehr erkennen (O. Jahn a. O. 732ff.). Wir besitzen aber ein Vulcenter Vasenbild im britischen Museum (ANAKP als Kitharoede, neben ihm zuhörende Jünglinge, s. O. Jahn a. O. 724ff. Taf. III), A. im reifen Mannesalter, wie in dem besprochenen statuarischen Typus, aber keineswegs als Greis. Die fatale Vorstellung des weinseligen, verliebten Alten scheint erst in späthellenistischer Zeit das Feld gewonnen zu haben.

II. Die Dichtungen des Anakreon.

Citiert werden drei Bücher, frg. 13 (Glykoneen) ἐν [2041] τῷ πρώτῳ; frg. 91 (ionische Tetrameter) ἐν τῷ δευτέρῳ τῶν μελῶν, frg. 16 (es werden gegen Bergk mit Blass Ionici herzustellen sein) ebenso, frg. 60 ἐν δευτέρῳ (ionische Tetrameter mit Anaklasis); frg. 63b (ionische Dimeter mit Anaklasis) libro tertio, frg. 127 (◡◡]—◡—◡—◡, ebenso?) ἐν γʹ. Die Sammlung scheint, wie schon Bergk vermutete, in der Hauptsache nach metrischen Gesichtspunkten geordnet zu sein. Von einer πεντὰς βίβλων … Ἀνακρέοντος ἃς ὁ Τήιος ἡδὺς πρέσβυς ἔργαψεν ἢ παρ’ οἶνον ἢ σὺν ἱμέροις ist die Rede bei Krinagoras Anth. Pal. IX 239 = Epigr. 29 Rubens.; die beiden entscheidenden Verse (in anderem Metrum) sind aber dringend der Interpolation verdächtig (Rubensohn 59). Christ spricht neuerdings wieder (Gr. L.-G. 130) von der Fünfzahl der alexandrinischen Ausgabe, ebenso Birt ant. Buchwesen 89f., der die schlechten Verse der Anthologie ganz frei umgestaltet. Auf einem Umwege werden wir in der That auf diese alte Annahme zurückgeführt. Die Citate mit Buchzahl beziehen sich alle auf Bruchstücke in lyrischen Massen, also aus μέλη; daneben wird citiert ἐν ἰάμβῳ (frg. 87, epodisch) und ἐν ἐλεγείαις (frg. 95). Bei Suidas heisst es I ἔγραψεν ⟨…⟩ ἐλεγεῖα καὶ ἰάμβους, Ἰάδι πάντα διαλέκτῳ, II (in einer Doublette, die Flach Hesych. p. 12 falsch behandelt hat, s. Daub De Suid, biogr. 430) συνέγραψε παροίνιά τε μέλη καὶ ἰάμβους καὶ τὰ καλούμενα Ἀνακρέοντεια. I wird in der That durch den byzantinischen Nachtrag II ergänzt: die μέλη sind irrtümlich ausgelassen. Es hiess ursprünglich ἔγραψε ⟨μέλη ἐν βιβλίοις γʹ⟩, ἐλεγεῖα καὶ ἰάμβους. Im ganzen sind es also wohl fünf Bücher gewesen, von denen aber nur die ersten drei gezählt, die andern als μονόβιβλοι angesehen wurden. Birt (Buchw. 89) hat sich mit diesen Einzelheiten nicht genügend auseinandergesetzt.

Als Hauptleistung des A. galten seine μέλη. Die Sammlung wurde, wie bei Alkaios, durch einige hymnenartige Stücke eröffnet. Der Artemishymnus (auf die Artemis Leukophrys von Magnesia?) scheint religiös gehalten; aber schon in das Gebet an Dionysos tritt ein erotisches Motiv ein. Die Lieder klingen wie verfeinerte, aber auch abgeblasste alkaeische Dichtungen. Es fehlt nicht an Echtem und Lebendigem; aber in manchen Fällen – man wird sie am liebsten ins Alter des Dichters rücken – ist eine conventionelle Mache nicht zu verkennen. Das stark hervortretende Thema des ἔρως παιδικὸς war durch Ibykos in die Lyrik eingeführt. Erfreulich sind glückliche Naturbilder, wie in dem von Horaz (Epod. 13, 1) benützten frg. 6 oder in dem reizenden frg. 51. Auch an humoristischen Zügen fehlt es nicht; dahin gehört das bis auf den heutigen Tag lebendige prächtige Bild von Eros als Schmied, frg. 47. Wichtig sind Beispiele objectiver Lyrik; frg. 23 ist einem Mädchen in den Mund gelegt, das von der Wäsche am Fluss heimkehrt, frg. 52 wird aus einem Epithalamion herrühren; ähnlich wird frg. 60 und 87 zu beurteilen sein. Darauf bezieht sich wohl Kritias 7, 1 τὸν δὲ γυναικείων μελέων πλέξαντα ποτ’ ᾠδάς, 8 παννυχίδας θ’ ἱερὰς θήλεις χόροι άμφιέπωσιν. Leidenschaftliche Ausbrüche, wie frg. 19. 24, stehen ziemlich vereinzelt und scheinen an einem Anflug von Phrasenhaftigkeit zu leiden. In den meisten Stücken [2042] redet der Dichter mit liebenswürdigem Lächeln, süss und anmutig: ἡδὺς und ἄλυπος heisst er bei Kritias (7, 1) und den Epigrammatikern. Er ist so ein Liebling der gebildeten guten Gesellschaft in der Hellenistenzeit geworden.

Die Formen sind mannigfaltig und doch einfach. S. zuletzt Flach 543f. Rossbach Spec. Metrik 570ff. Die charakteristischen vierzeiligen Strophen, die den Namen des Alkaios (s. d.) und der Sappho tragen, bildet A. ebensowenig nach, wie die Chorlyriker oder die attischen Dramatiker. Sein Lieblingsmass ist die logaoedische Tetrapodie, der Glykoneus, in kleinen Gruppen, die durch eine katalektische Form, den sog. Pherekrateus, abgeschlossen werden. Sehr häufig sind Strophen zu je vier Versen (3 Glyk. und 1 Pher.), s. frg. 4. 6. 8. 14; aber auch die Combination von 3 + 5 + 3 Versen kommt wiederholt vor (frg. 1. 2. 3), allem Anscheine nach als Rahmen für ein kleines hymnenartiges Ganze. Die Wahl zwischen diesen Formen bestimmte das μέλος. Der Pherekrateus kam aber auch in stichischer Abfolge vor, wie bei Sappho 99f., s. frg. 15f. Noch kecker wirkt die Vereinigung von Glykoneus und Pherekrateus, das sog. Priapeum, in stichischer Wiederholung, s. frg. 17f. 22f. Auch breite choriambisch-logaoedische Verse, wie wir sie bei Alkaios kennen lernten (S. 1503), werden mit kurzen logaoedischen Versen zu einem wohlklingenden Ganzen verbunden, s. frg. 17f. Neu sind rhythmische Feinheiten, wie die aufgelöste erste Länge, frg. 24, mit sehr charakteristischer Wirkung. Am mächtigsten aber tritt der ionische Rhythmus hervor, der bei den Aeoliern durchaus in zweiter Linie steht, aber von ihnen doch schon kunstgemäss behandelt ist. Wir finden bei A. eine Fülle derartiger Verse, Dimeter und Tetrameter, mit und ohne Anaklasis, katalektisch und akatalektisch gebaut, s. frg. 41ff. 47ff. 50ff. 61ff. (zum Teil anders herzustellen mit Blass Rh. Mus. XXIX 153ff.). Über die rhythmische Bedeutung der Anaklasis, die wir hier zuerst in grösserem Umfange beobachten können, s. Philol. LII 167ff. Die Scholien zu Aesch. Prom. 130 nehmen an, dass das Auftreten der Ionici in den ältesten Tragoedien auf den Einfluss des A. zurückzuführen sei. Sie werden damit Recht haben. Vgl. bes. Phrynich. frg. 6. 14f.

Während sich A. in diesen Bildungen an die Aeolier anschloss, verraten andere den Einfluss seines Landsmannes Archilochos. Die Ἴαμβοι, die man bei der Charakteristik des Dichters meist viel zu sehr zurücktreten lässt, waren nach Inhalt und Form archilochisch. Es fehlte dem A. nicht an schlagfertigem, boshaftem Witz; besonders in seiner Frühzeit mag er von ihm Gebrauch gemacht haben. Unübertrefflich heisst es z. B. frg. 86 καὶ θάλαμος ἐν τῷ κεῖνος οὐκ ἔγημεν ἀλλ’ ἐγήματο, und die packende Charakteristik des Emporkömmlings Artemon (frg. 21, 1f., falsch beurteilt von Sittl Gr. L.-G. I 336, und, aus einem anderen Gedichte, v. 3–14; vgl. auch frg. 141. 166) ist im Altertum mit Recht berühmt gewesen. In derber Schimpfrede machte A. dem Archilochos und dem Hipponax Concurrenz, s. frg. 156ff. Mancher iambische Spottvers des Sprichwörterschatzes mag von A. herrühren, ausser dem Trimeter auf die Milesier (frg. 85), z. B. die oben erwähnten Verslein auf Abdera und Syloson. Vereinzelt wurden [2043] in den Iamben auch ernstere Stoffe behandelt; so schilderte A. darin die Epiphanie eines Daemonenpaares, wohl des Dionysos mit seinem Begleiter (frg. 84, zu verbinden mit frg. 125 und Anakreont. 31). Auch die meisten Formen des Archilochos finden sich bei A. wieder und scheinen durch ihn den Attikern übermittelt zu sein (s. d. Zusammenstellung bei Zielinski Gliederung der Komödie 317ff., der die Attiker direct von Archilochos abhängig sein lässt). Neben dem archilochischen Trimeter (frg. 84ff.) finden wir trochaeische Langverse (75ff.), asynartetische Bildungen (frg. 30. 82f.) und vor allem epodische Distichen (frg. 21, 1f. 87f., citiert ἐν ἰάμβῳ, Combination eines Trimeters mit einem katalektischen daktylischen oder trochaeischen Dimeter). Die epodischen Distichen frg. 21, 3ff. sind eine Neubildung unter aeolischem Einfluss, ebenso die distichische Verbindung des Trimeters mit einer logaoedischen Pentapodie (Sapph.), die Theokrit Ep. XVI von A. entlehnt haben wird. Auch die stichische Verwendung iambischer Kurzverse, akatalektischer Tripodien und Dimeter, frg. 89ff. (frg. 90 skoptisch), lässt sich bei Archilochos stichisch wiederholt nachweisen. Der katalektische Dimeter kommt freilich in sicher echten Fragmenten nicht vor; frg. 92 ist sehr zweifelhaft und vielleicht aus den Anakreonteen entlehnt. In den ionischen Kreis gehören endlich auch die Elegien (Suid. Meleag. Anth. IV 1, 35), von denen leider wenig erhalten ist, sowie die nur zum Teil echten Epigramme. A. bewegt sich hier, soweit wir urteilen können, durchaus im Geleise der Vorgänger.

Sehr problematisch sind die Nachrichten über die musikalische Seite der Schöpfungen des A. Wenn wiederholt Saiteninstrumente erwähnt werden, so ist das keine blosse Redensart, s. frg. 18 ψάλλω εἴκοσι χορδῇσιν μαγάδην ἔχων, ὧ Λεύκασπι, σὺ δ’ἡβᾷς (nicht anzutasten), frg. 17 ψάλλω πηκτίδα τῇ φίλῃ κωμάζων παïδὶ ἁβρῇ. frg. 22, dasselbe Instrument beim Reigen; frg. 143 das Barbiton; vgl. Anth. Pal. VII 23. 25. 29. Kritias a. O. v. 4 nennt A. daher αὐλῶν ἀντίπαλον, φιλοβάρβιτον, womit sich Flachs Anschauung von der Vorliebe des A. fürs Flötenspiel (S. 548) schlecht verträgt. Nur als Tanzbegleitung wird Flötenmusik erwähnt, frg. 20; Maxim. Tyr. 37, 5 ist apokryphisch. Magadis und Pektis werden für identisch erklärt; sie haben eine hohe Tonlage, während das Barbiton tiefer gestimmt war. Die zwanzig Saiten der Magadis suchten die alten Musikhistoriker (s. Athen. XIV 635 C) wegzuinterpretieren, da sie sich eine verkehrte Vorstellung von einer schematischen, schrittweisen Erweiterung des Tonsystems gemacht hatten. Poseidonios bei Athen. a. O. (FHG III 277) bemerkt: τριῶν μελῳδιῶν αὐτὸν (Anakreon) μνημονεύειν, Φρυγίου τε ⟨καὶ Δωρίου⟩ καὶ Λυδίου (die drei alten Scalen, die auch der Landsmann des A., Polymnast, gebrauchte, s. Plut. de mus. 8) ·ταύταις γὰρ μόναις τὸν Ἀνακρέοντα κεχρῆσθαι. Die Töne dieser drei siebenstufigen Scalen seien auf siebensaitigem Instrument hervorgebracht durch verschiedene Stimmung; A. habe nur in diesem Sinn von 20 Saiten (wenn er noch 21 erwähnt hätte!) gesprochen. Wir haben die Thatsache, dass A. ein zwanzigsaitiges Begleitinstrument kannte, ohne Vorbehalt anzuerkennen.

[2044] Dass die Kunst des A. ganz wesentlich im Heimatsboden wurzelt, bestätigt nach dem Ahrensschen Gesetz vor allem die Sprache des Dichters. Sie ist in der Hauptsache ionisch. Bergk Anacr. frg. p. 63–70. Doch fehlt es nicht ganz an heterogenen Elementen, die Ahrens der geschichtlichen Stellung dieser Dichtungen gemäss überzeugend als Aiolismen angesprochen hat, s. Ahrens Kl. Schr. I 166. Hauptfälle: αἰχμάν frg. 31, ähnliches frg. 70. 76. 78. 67. 73; χρυσοφάεννος frg. 25; αἰνοπάθην (wahrscheinliche Lesung) frg. 36. Wie Archilochos und die anderen Iambendichter, hält sich A. meist in der Sphäre des wirklichen Ausdrucks; aber wo er ein Bild anwendet, wirkt es frisch und lebendig; vgl. frg. 4, 4. 47 (Eros als Schmied). 51 (die Hinde). 57. 66. 75 (das Thrakerfüllen). Die Sophisten rühmten ihn mit Recht als Muster der von ihnen gern angestrebten ἀφέλεια, s. Hermogenes π. ἰδ. 2, 3 p. 351 Sp., universeller Dionys. de comp. verb. 23.

Über den Wert oder Unwert des Mannes abzuurteilen, wie man das früher zu thun liebte, ist nicht unsere Sache. Wunderliche antike Debatten über den Grad seiner Solidität lernen wir bei Athenaeus kennen X 429 B. XII 600. Didymos bei Sen. ep. 88; vgl. die Epigramme und Iulian Misop. 357. Cic. Tusc. IV 71. Ovid. trist. II 363. A. verherrlicht den Existenzgenuss; aber wüste Leidenschaftlichkeit liegt ihm fern (frg. 62. 39. 83. 90), freilich auch hingebende Wärme. Eine bequeme, lässliche Moral empfahl ihn, zumal in der Hellenistenzeit, weiten Kreisen, deren Liebling er geworden ist, s. unter III. Er war ein rechter Lebenskünstler, ein elegantiae arbiter in besserem Sinne als Petron. Die Künstler und Litteraten an den italienischen Fürstenhöfen der Renaissance sind verwandte Erscheinungen; nur fehlt ihnen die feine Grazie und Mässigung des Griechen. Ein schöpferisches Genie wie Archilochos oder Alkaios war A. kaum; man wird ihn als anempfindendes Talent bezeichnen dürfen. Aber das freie Tändeln mit der Empfindung, wie wir es zuerst hier beobachten im Gegensatz zu dem bitteren Ernst der Älteren, ist doch etwas Neues. Es ist freilich vor allem ein Product der Gesellschaft, in der A. lebt. Das freigeborene Mädchen spielt darin kaum eine Rolle; Tänzerinnen, Zitherspielerinnen, schöne junge Sclaven, im besten Fall die Pagen und Edelknaben des Hofhaltes sind die Adressen, an die der Dichter sich wendet. Daraus resultiert überhaupt der spielende, galante Ton der meisten Stücke, der weniger in dem mittelalterlichen Minnesang, als in der französischen und italienischen Renaissancelyrik sein Gegenbild findet. Auch hierin ist A. ein echter Ionier; bei Dio Chrysostomos II p. 33 D. (94R.) heisst er in diesem Sinne mit Recht ὁ Ἰώνων ποιητὴς Ἀνακρέων. Auf das Problem des ἔρως παιδικός wird bei Ibykos einzugehen sein.

III. Nachleben des Anakreon; die Anakreonteen.

B. Stark Quaest. Anacr. 10ff. Ein Zeitgenosse Anakreons wird der schon von Ananios citierte Skoliendichter Pythermos von Teos sein (s. d.), von dem man Skolien in sapphischen Elfsilblern besass (Athen. XIV 625 c Scol. 1, PLG III 643). Jünger war wohl der mit A. vielleicht verwandte Iambograph Skythinon von Teos, s. o. S. 2035. A. wird in seiner Heimat Schule [2045] gemacht haben. Vor allem aber wurde A. ein Liebling des attischen Publicums. Vgl. Aristoph. Dait. frg. 223 p. 449 K. ᾆσον δή μοι σκόλιόν τι λαβὼν Ἀλκαίου κἀνακρέοντος (der Vater zum Sohne); Thesmoph. 161 Ἀνακρέων ὁ Τήιος ἀρχαῖος. Plato Theag. 125 D. Besonders bezeichnend ist das warme Enkomion des Kritias frg. 7, s. o. Auch in den lyrischen Partien der Komödie (Zielinski a. O., sehr charakteristisch die Dimeter bei Telekleides frg. 24f. p. 215 K.) scheint sein Einfluss erkennbar, ebenso im Kyklops des Euripides 496ff. Für die Hellenisten gehörte er nicht nur in den Canon der grossen alten Lyriker (s. zuletzt Usener zu Dionys. de imitat. p. 130), sondern seine Dichtungen bleiben wirklich lebendig, wie die der Aeolier, werden gelesen und nachgeahmt. Vgl. Hermesianax bei Athen. XIII 597 v. 50ff. Theokrit. Epigr. XV. Anth. Pal. IX 599 (in der Form wohl anakreontisch). Manche kleine Versuche der tonangebenden Dichter sehen ionisch-anakreontisch aus, s. Theokr. a. O. Kallim. Epigr. 37–40 Wil. = Anth. Pal. XIII 7. 24. 25. VII 728. Phalaik. Anth. Pal. XIII 5. 27. Vor allem gehören dahin die Dichtungen des Sotades und verwandter Poeten (Seleukos, Kleomachos) in Ionikern und die Galliamben (besser Metroaka) des Kallimachos frg. 568 p. 698 Schn. Ähnliches bei den römischen cantores Euphorionis, besonders bei Laevius Baehrens FPR p. 292f.); wirkliche Nachahmung des A. bei Horaz, s. Arnold-Fries Die gr. Studien des Horaz (Halle 1891) 82ff. (nicht erschöpfend). Hauptstellen: Epod. XIV 9ff.; carm. I 17, 18. IV 9, 9; epod. XIII = frg. 6; carm. I 27 = frg. 63. I 23 = frg. 52. II 5, 5ff. III 11, 9 = frg. 75.

In der späteren Hellenistenzeit bildet sich aus solchen Anfängen eine feststehende anakreontische Manier heraus, die vor allem die dilettantische Modepoesie beherrscht. Dahin gehören einige pseudo-theokritische Gedichte, besonders die geschmacklosen Dimeter εἰς νεκρὸν Ἂδωνιν Theokr. XXX (Hiller Beitr. z. Textgesch. d. gr. Bukoliker 68), der Κηριοκλέπτης Theokr. XIX und mancherlei bei Bion und Moschos. Vor allem aber ist uns als Anhang der Anthologia Palatina ein kleines Corpus solcher Dichtungen erhalten, das hier kurz behandelt werden muss.

Ausgaben der Anakreonteen: Ed. princeps von H. Stephanus Lutet. 1554, beherrscht den Text in den zahllosen späteren Ausgaben, darunter die von Barnes, Fischer, Brunck, Boissonade, Mehlhorn (Anacreontea quae dicuntur, Glogau 1825, noch heute brauchbar, Abschluss der ersten Periode). Erst V. Rose schuf eine verlässliche diplomatische Grundlage: Anacreontis Teii quae vocantur ΣΥΜΠΟΣΙΑΚΑ ΗΜΙΑΜΒΙΑ … edita a V. Rose, Lips. 1868 (mit Einleitung über die Geschichte der Hs. u. s. w.). Danach Bergk PLG III4 296ff. und Fr. Hanssen Anacreonteorum sylloge Palatina recensetur et explicatur, Lips. 1884 (mit einer praef. über das Alter der Dichtungen), als Specimen eines Corpus carminum Anacreonticorum. Aus der sonstigen Litteratur ist hervorzuheben F. G. Welcker Kl. Schr. I 251–270. II 356ff. C. B. Stark Quaest. Anacreont. libri duo, Lips. 1846; Gaza u. d. philist. Küste 643ff. Fr. Hanssen Philologenvers. z. Karlsruhe 1882, 209ff.; Philol. [2046] XLVI 446ff. und Suppl. Bd. V 2,199ff.; Comment. Ribb. 189ff. und bei Rossbach Specielle Metrik 856ff. O. Crusius Philol. XLVII 235ff. LII 162ff.

Das vorige. Jhdt. sah in diesen Versen arglos, was die Überschrift versprach, Erzeugnisse des alten Teiers; nur an wenige besonders auffällige Stücke wagte sich der Zweifel Bentleys. Welcker a. O. verwirft eine grosse Anzahl, bezeichnet aber eine stattliche Reihe zuversichtlich als echt. Rose (p. IX) meint, es lasse sich nicht nachweisen, dass auch nur ein Gedicht von A. sei. Sehr scharf sprach sich F. A. Wolf (Vorl. über gr. Litt. 222) über die ‚leiermässige Art‘ der Anakreonteen aus. Treffend fasste schon O. Müller die Gründe zusammen, die uns nötigen, die Sammlung als Ganzes für Nachahmerpoesie anzusehen, seine Darlegung (Gr. d. gr. L. I³ 314f.) giebt die wesentlichsten Gesichtspunkte für die Beurteilung dieser Poesien. Die Hauptmomente sind folgende: 1) Die gelehrten Schriftsteller, die uns etwa 170 Fragmente des A. überliefert haben, citieren die palatinische Sammlung nicht einmal. 2) Die Verstechnik ist sehr einförmig. Von den beiden Hauptmassen ist der Hemiambus, d. h. der Dimeter iamb. catal., in den Fragmenten nicht in stichischer Abfolge nachzuweisen, und der ionische Dimeter tritt sehr zurück und pflegte systematisch zusammengeordnet zu werden. Andere Stücke verraten durch ein Schwanken in der Prosodie oder durch völligen Verzicht auf prosodische Regel sowie durch das Streben, auf den Accent Rücksicht zu nehmen, dass sie in nachchristlicher Zeit entstanden sind (s. Hanssen bei Rossbach 866ff.). 3) Die Sprache entbehrt erlesener ionischer Formen und Wörter und hält sich wesentlich innerhalb der Grenzen der κοινή. In gewisse Nummern (33–37. 41. 47. 49. 51. 53. 56ff.) sind, vermutlich von Synesios oder den Bukolikern aus, dorische Formen eingedrungen (Stark Quaest. 21ff. Hanssen Syll. 8); Ähnliches freilich auch im echten A., s. oben S. 2044. 4) Der Inhalt ist aller individuellen Züge bar. Für A.s Leben gewinnen wir nicht den kleinsten Aufschluss. Kein Mädchen wird mit Namen genannt, von Knaben nur Bathyllos. Anachronismen sind zahllos, so die wiederholten Anspielungen auf juristische Bildung (2. 50 u. ö.), auf die rhodische Kunstschule (15, 3. 16), die gefährlichen Parther (26 b 3). Der Gedanken-, Bilder- und Mythenkreis ist in der Hauptsache der der Schulstube oder der Akademie; Entlehnungen aus den Bukolikern und anderen Hellenisten sind handgreiflich; manche Partien sind geradezu mit den Erzeugnissen der nachchristlichen Sophistik geistesverwandt (Philol. XLVII 236ff., nicht zutreffend Hanssen bei Rossbach 860). 5) Gegen die Vaterschaft des A. protestiert die Sammlung selbst. In dem Prolog des ältesten Teils, nr. 1. erscheint A. dem Dichter im Traum: der Dichter will sich mit A. also gar nicht identificieren. In dem Schlussstücke der zweiten Schicht, nr. 20, wird A. neben Sappho gestellt, über beide Pindar. Am Ende der letzten Gruppe (57, 30) rät der Dichter τὸν Ἀνακρέοντα μιμοῦ. Man hat also kein Recht, diese Anakreonteen als gefälscht zu bezeichnen. Die Meinung, dass sie von A. herrühren, ist durch ein leichtsinniges Missverständnis des Titels Ἀνακρεόντεια veranlasst, das freilich [2047] schon bei Gellius XIX 9 und in den Scholien zu Aristoph. Plut. 302 zu constatieren ist. Unsere Hauptaufgabe ist es, die verschiedenen Schichten zu scheiden, wie das ausser durch B. Stark besonders von Fr. Hanssen geschehen ist. Die Ergebnisse sind folgende: I. Hemiamben 1. 3. 5–14, der älteste Teil, schon von Gellius und den Aristophanesscholien benutzt. Der Stil verhältnismässig knapp und klar, epigrammatisch. Hanssen wollte hier (Comment. Ribb. a. O.) eine Anlehnung an den Mimiambus des Herondas erkennen, da A. keine Dimeter gebraucht habe (vgl. aber Telekleides a. O. Kallim. u. a.). Die angeblichen Hemiamben des Herondas sind aber byzantinischer Schwindel, s. Herond. ed. Crusius p. 58. Hanssen will die Sammlung noch dem alexandrinischen Zeitalter zuweisen. Aber seine Beweisführung ist nicht überzeugend (verkehrt sind besonders die Bemerkungen über Eros als Jüngling); nr. 13 setzt die römische Weltherrschaft voraus (schwerlich in Athen entstanden, wie Hanssen meint). Da wesentliche stilistische Unterschiede innerhalb der Gruppe nicht zu erkennen sind, mögen diese Gedichte um den Beginn unserer Zeitrechnung oder kurz vorher (vgl. Bion) entstanden sein, vielleicht in Kreisen akademisch gebildeter Jugend, in die uns ja auch Gellius hineinführt. Die eingelegten Stücke in anaklastischen Dimetern sind späteren Ursprungs, nr. 2 ein jüngeres Prooemium, nr. 4 ein byzantinisches Concurrenzstück zu nr. 3. II. 15–18 Anaklomena, 19–20 Logaoeden. Der Stil 15–18 etwas redseliger, 19. 20 (von den vorhergehenden nicht zu trennen) epigrammatisch. Das zweite Prooemium (nr. 2, βασιλικὸν im Sinne von Dio Chrys. περὶ βασ. II p. 34 Dind.) hat möglicherweise ursprünglich dieses Liederheft eingeleitet (gegen Hanssen Syll. 3). Hanssen nimmt als Entstehungszeit das hadrianische Zeitalter an, ohne ausreichenden Grund. Der Anthologist scheint zwei selbständige akademische Liederbücher excerpiert, nicht eine schon vorhandene Zusammenstellung (Hanssen Syll. 6) ausgeschrieben zu haben. III. 21–26 in Hemiamben, 27-32 Anaklomena, nach Inhalt und Stil in sich verwandt, vom Vorhergehenden verschieden schon dadurch, dass keine Anspielung auf A. vorkommt (Hanssen Syll. 7f.). Im Philol. XLVI hat Hanssen die Hypothese aufgestellt, dass diese Gruppe ein jüdischer Poet alexandrinischer Zeit, und zwar Aristobul, gedichtet habe. Ihre Grundlosigkeit ist nachgewiesen Philol. XLVII 236ff.; ein halber Widerruf in Rossbachs Metrik 860. Die Lieder sind jünger, als die erste Gruppe; sie sind sicher in nachchristlicher Zeit, wohl unter dem Schuleinfluss der jüngeren Sophistik, entstanden. Einige Stücke haben wirklich poetischen Wert, besonders 29. 31. 32 (von Goethe übernommen). Die folgenden Gruppen unterscheiden sich von den ersten sprachlich zum Teil durch eingesprengte dorische Formen (Anlehnung an die Bukoliker oder vielleicht an die ‚dorischen‘ Hymnen des Synesios von Kyrene?), metrisch-prosodisch durch grössere oder geringere Lässigkeit, zum Teil durch rein byzantinische Technik. Für Einzelheiten vgl. Hanssen Syll. 9, der jedoch manche Stücke zu hoch hinaufschiebt, z. B. 33f. 37. 49. Ob nonnischer Einfluss in der Länge der Endsilben [2048] zu erkennen ist (so auch Hanssen bei Rossbach a. O.) erscheint zweifelhaft, s. Philol. XLVII 235. Man kann weiter gruppieren: IV. 33–39, die letzten Nummern byzantinisch. V. 40–44, Trinklieder in freier gebauten Ionikern mit Auflösungen. VI. 45–59; 45 wohl als Anfang einer Anakreonteensammlung von Hephaistion citiert. Die Sammlung des Palatinus ist offenbar aus verschiedenen Liederbüchern verwandten Inhalts zusammengeschrieben; man kann, um von mittelalterlichen Parallelen abzusehen, die homerischen Hymnen und die Theognidea vergleichen. In der That haben wir auch geschichtliche Nachrichten über die Pflege dieser Anakreonteenpoesie an gewissen Studiensitzen, besonders im hellenistischen Orient; die reichste Sammlung solcher Dichtungen bietet der Barberinus 246 (saec. XI), s. Bergk PLG III 339ff. (eine Auswahl; eine vollständige Publication erwartet man von Fr. Hanssen, s. Philol. Suppl. V 202ff., wo ein Verzeichnis der Anakreontiker gegeben wird). Die älteste sichere Spur auf griechischem Gebiet ist wohl der Stein des Seikilos (Philol. L 163f. LII 160ff.): ein mit Noten versehenes Lied, das anakreontische Lebensweisheit in einfachen Kurzversen vorträgt. Vgl. auch die erotischen Verse (Dim. und Anakl.) auf einer Gemme bei Kaibel Epigr. Gr. 1127 p. 507. Am greifbarsten tritt uns der, jedenfalls in griechischen Kreisen vorgebildete Anakreonteenstil mit den beiden Hauptformen der Anaklomenoi und Hemiamben dann bei einer römischen Dichtergruppe entgegen. Ihr Vorläufer ist Petronius (s. Terentianus Maurus 2489ff. 2849ff.); er wendet sowohl iambische Dimeter wie Anaklomenoi an, frg. XIX. XXI. XX; vgl. auch den Dimeter c. 52 aquam foras vinum intro; ein anakreontisches Thema c. 109 (der geschorene καλός). Im Zeitalter Hadrians schreiben die Hauptvertreter, Hadrian selbst, Florus, Annianus, etwas später Alphius Avitus, Marianus und Septimius Serenus. S. Rutil. Namat. ed. L. Müller p. 24ff. Bährens PLM und FPR p. 373ff. 383ff. Teuffel-Schwabe § 341, 7. 346, 5. 353, 3. 383, 1 und besonders O. Ribbeck Gesch. d. röm. Dicht. III 317–325. Florus und Terentianus Maurus stammen aus Africa. Es ist also vielleicht kein Zufall, wenn der erste Grieche, der uns als ausgeprägter Anakreontiker begegnet, ein in Alexandrien gebildeter Kyrenaeer ist, der Bischof Synesios (Christ Anthol. carm. christ. p. 1ff.). Die alte spielende Form wird bereits mit christlichem Inhalt gefüllt, vgl. I 1ff. ἄγε μοι λίγεια φόρμιγξ μετὰ Τηΐαν ἀοιδάν, μετὰ Λεσβίαν τε μολπὰν γεγαρωτέροις ἐφ’ ὕμνοις κελάδει δώριον ᾠδάν (folgen die Themata der Anakreonteenpoesie, um abgewiesen zu werden). Vielleicht stehen die ps.-dorischen Dichtungen aus dem späteren Teil der Anakreonteen unter dem Einfluss des Bischofs, der auf seinen dorischen Ursprung Wert legte (Ep. 57 p. 667 H. ἀπ’ Εὐρυσθένους … μέχρι τοὐμοῦ πατρὸς αἱ διαδοχαί). In ähnlicher Weise wendet etwa gleichzeitig der Kappadokier Gregor von Nazianz Hemiamben und Ioniker an, s. Hanssen Philol. Suppl. V 2, 207. Solche Poesien blühten dann im 5. Jhdt. vor allem in den hellenistischen Städten Palästinas mit ihren berühmten Rhetoren- und Juristenakademien (Gaza, Caesarea, Berytos). S. das Schol. Palat. zur Descr. des Ioannes von Gaza (ed. Abel Berl. 1882): ταύτης τῆς γραφῆς [2049] μέμνηται καὶ Προκόπιος ὁ Γαζαῖος (um 500), καὶ ὅτι ἡ πόλις αὕτη φιλόμουσος ἦν καὶ περὶ τοὺς λόγους ἄκρον ἐληλακυῖα. ἐλλόγιμοι ταύτης τῆς πόλεως Ἰωάννης, Προκόπιος, Τιμόθεος … καὶ οἱ τῶν ἀνακρεοντείων ποιηταὶ διάφοροι, s. Stark Gaza 635ff. Über den Anakreontiker Ioannes von Gaza s. Hanssen a. a. O. 205; etwas jünger war der vielleicht in denselben Kreis gehörige Georgios Grammatikos, von dem wir einige Verse an den Dichter Koluthos von Lykopolis besitzen, s. den Artikel Akoluthos. Auch Georg. 7, 9 ὁ γέρων πάρεστι Νεῖλος ist in Ägypten geschrieben. Dass die gebildeten Kreise von Palästina und Ägypten enge nachbarliche Beziehungen zu einander pflegten, ist begreiflich. In den Versen des Georgios finden sich die ersten sicheren Spuren einer Gliederung in οἶκοι und κουκούλια, s. Crusius Comment. Ribbeck. 15, 1. Aus diesen Kreisen werden schliesslich auch die technischen Anweisungen über Bau und Gliederung der Ἀνακρεόντεια stammen, die wir bei den späteren Metrikern finden, s. Schol. Heph. p. 153 W. Studemund Anecd. varia I 157f. Auch in den folgenden Jahrhunderten stammen die meisten Anakreontiker aus Palästina und Ägypten: Sophronios von Damaskos, Bischof von Jerusalem (7. Jhdt., s. Hanssen 202), Helias und Michael Synkellos von Jerusalem (8. 9. Jhdt., Hanssen 203). Die Anakreonteentechnik verbreitet sich aber bald über die ganze byzantinische Welt: zu nennen sind der Patriarch Photios, der Kaiser Leo, Ignatius Diakonus, Leo Magister (9. 10. Jhdt.), Konstantinos aus Sicilien, Christophoros, Hephaistos, Theodoros Prodromos u. a. (11.–13. Jhdt., Hanssen 204f. 209). Texte bei Bergk a. O. und in der Anthol. carm. christian. von Christ und Paranikas. Trotz des durchaus christlichen Standpunktes werden doch manche alte Motive festgehalten. Auch sind die Dichtungen in früherer wie in späterer Zeit zu musikalischem Vortrag bestimmt gewesen; in dem Accentgesetz (Hochton auf der vierten Silbe) spricht sich gerade bei den Späteren ein lebendiges Verständnis für den rhythmischen Wert der Anaklasis aus (◡◡—◡́—◡—́—[WS 2], s. Philol. LII 167ff.) und die reichere Gliederung in οἶκοι und κουκούλια hält sich an die musikalische Unterlage (Crusius in den Comment. Ribb. a. O.). Die älteren Anakreontika wird man am besten als akademische Gelegenheitspoesie, als antike Commersbücher bezeichnen; sehr charakteristisch Anacreont. prooem. 2 κύπελλα θεσμῶν — νόμους κεράσσω. 52, 1f. τί με τοὺς νόμους διδάσκεις καὶ ῥητόρων ἀνάγκας: man meint einen Studenten von Gaza und Berytos seufzen zu hören. Und auch in den besten christlichen Anakreonteen wird dieser Standpunkt festgehalten, so in den Stücken, die für die Rosalien und Brumalien bestimmt sind (Ioann. 4f. p. 345 Bgk. Georg. p. 362). Ebenso arbeiten die ἐπιθαλάμια und ἐρωτικά mit den alten Mitteln weiter. Doch wird die Form vielfach nach dem Vorgange des Synesios als neutrales Gefäss für den verschiedensten Inhalt angewandt.

Die Gliederung lyrischer Gedichte in Strophen mit Abgesang bricht sich in der abendländischen Poesie etwas später Bahn, als bei den Byzantinern. Die Terminologie ist ganz ähnlich (οἶκοι = stanze, zimber, stollen); sogar der Inhalt der byzantinischen Anakreontik – Liebe, Frühling, [2050] Blumen, Religion, Marienkult – deckt sich in der Hauptsache mit dem der romanischen und deutschen Kunstlyrik. Dass die byzantinische Musik im Abendland die ersten Anregungen zu künstlerischer Ausbildung gegeben hat, ist unleugbar. Der Byzantinismus scheint hier also eine grössere Rolle gespielt zu haben, als man anzunehmen pflegt. S. Crusius Comment. Ribb. 15.

Über die Nachahmung der Anakreontiker in neuerer Zeit s. Cholevius Die deutsche Poesie nach ihren antiken Elementen I 335f. 477f. Langsdorff Die anakreontische Dichtung in Deutschland, Heidelberg 1862, und vor allen Goedeke Grundriss IV 51–57.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S I (1903), Sp. 76
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1) (Zu S. 2050, 14). Über die deutschen ‚Anakreontiker‘ handelte neuerdings Günther Koch Beiträge zur Würdigung der ältesten deutschen Übersetzungen anakreontischer Gedichte, Vierteljahrsschrift für Litteraturgeschichte 1893, 482ff.; Gleims Scherzhafte Lieder und die sog. Anakreonteen, Progr. Jena 1894.

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XI (1968), Sp. [S_XI 30]–[S_XI 37]
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      S. 2035ff. zum Art. Anakreon 1) (Crusius):

Literatur. A. Aus dem Altertum. Ausgaben. Verhältnismäßig spät, nämlich erst im J. 1954, wurden uns mit Pap. Oxy. 2321 und 2322 endlich auch Fragmente einer antiken Anakreonausgabe wiedergeschenkt. etc. etc.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: S. auch A. Michaelis Zeitschr. f. bild. K. N. F. IV (1893) 785.
    S. Zeitschrift für bildende Kunst, Band 4 N. F. (1893), S. 185 Internet Archive.
  2. Vorlage: Pauly-Wissowa I,2, 2049 b1.jpg
    S. auch Philologus, Band 52 (1893), S. 167 Internet Archive