Über die Riesen/Text

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Über die Riesen

[262 M.] [1] 1 „Und als nun die Menschen anfingen, zahlreich zu werden auf der Erde, und ihnen Töchter geboren wurden“ (1 Mos. 6, 1). Man muß, meine ich, die Frage aufwerfen, warum nach der Geburt Noahs und seiner Söhne unser Geschlecht zur Menschenüberfülle anwächst. Es dürfte jedoch nicht schwierig sein, die Ursache anzugeben. Immer nämlich, wenn das Seltene aufgetreten ist, wird sein Gegenteil sehr zahlreich gefunden. 2 So zeigt die Wohlgeratenheit eines Einzelnen die Mißratenheit vieler,[1] und das Kunstvolle, Verständige, Gute und Schöne bringt, obgleich es nur in geringer Menge auftritt, doch die ganze unendlich große, verborgene Masse des Kunstlosen, Unverständigen, Ungerechten und überhaupt Schlechten ans Licht. 3 Siehst du nicht, daß auch in dem All die Sonne, obgleich sie nur eine ist, die tausendfache und tiefe über Erde und Meer ausgegossene Finsternis erleuchtet und zerstreut? Ebenso erweist auch die Geburt des gerechten Noah und seiner Söhne die (Existenz der) vielen Ungerechten; denn durch den Gegensatz wird das Gegensätzliche am besten erkannt. 4 Kein Ungerechter aber zeugt in der Seele überhaupt eine männliche Geburt, sondern es bringen Weibliches hervor die von Natur Unmännlichen, Entkräfteten und in ihren Gedanken Weibischen und pflanzen keinen Baum der Tugend,[2] dessen Früchte notwendig schön und edel werden müssen, sondern lauter Bäume der Schlechtigkeit und Leidenschaften, deren Sprößlinge weiblicher Natur sind. 5 Deshalb heißt es von diesen Männern, daß sie Töchter zeugten, keiner von ihnen aber einen Sohn. Denn da der gerechte Noah Männliches zeugt, indem er nach der vollkommenen und rechten und durchaus männlichen Vernunft strebt, erscheint die Ungerechtigkeit der großen Menge überhaupt [263 M.] als weibliche Geburt; denn es ist unmöglich, daß durch das Entgegengesetzte dasselbe und nicht wieder das Entgegengesetzte entstehe.

[2] 6 „Da sahen die Engel Gottes die Töchter der Menschen, daß sie schön seien, und nahmen sich zu Weibern von allen, die sie sich auswählten“ (1 Mos. 6, 2). (Die Wesen), die andere Philosophen [59] (als) Dämonen (bezeichnen), pflegt Moses Engel zu nennen.[3] Es sind aber in der Luft fliegende Seelen.[4] 7 Und niemand glaube, daß das Gesagte ein Märchen sei. Es muß nämlich der Kosmos durch und durch beseelt sein, indem ein jeder der ersten und elementaren Teile die ihm eigentümlichen und zukommenden Lebewesen umfaßt, die Erde die Landtiere, Meer und Flüsse die Wassertiere, das Feuer die Feuergeborenen[5] – es heißt aber, daß diese hauptsächlich in Makedonien vorkommen –, und der Himmel die Sterne.[6] 8 Denn diese sind Seelen, durch und durch rein und göttlich,[7] weshalb sie auch im Kreise, der dem Geiste angemessensten Bewegung,[8] bewegt [60] werden; denn jeder (Stern) ist ganz reiner Geist. Es ist also notwendig, daß auch die Luft von Lebewesen angefüllt ist.[9] Diese aber sind für uns unsichtbar, da ja auch die Luft selbst für die Sinneswahrnehmung nicht sichtbar ist. 9 Doch nicht darum, weil der Gesichtssinn außerstande ist, die Gestalten von Seelen wahrzunehmen, sind in der Luft keine Seelen; man muß sie nur mit dem Geiste erkennen, auf daß Gleiches von Gleichem[10] geschaut werde.

10 Und was werden wir ferner sagen? Leben nicht alle Land- und Wassertiere von Luft und Atem? Wie aber? Pflegen nicht, wenn die Luft verunreinigt ist, die pestartigen Krankheiten zu entstehen, wie wenn sie die Ursache der Beseelung für alle sei?[11] Und ferner, wenn sie ungefährlich und unschädlich ist, wie sie es vor allem in den von Norden wehenden Winden zu sein pflegt, erfährt dann nicht alles,[12] wenn es den reinen Atem einzieht, einen Zuwachs an dauernderem und kräftigerem Leben? 11 Ist es nun also wahrscheinlich, daß das, wodurch die andern, die Wasser- und Landgeschöpfe, beseelt werden, leer sei oder an Seelen keinen Anteil habe? Im Gegenteil, auch wenn alles andere unfruchtbar an Lebewesen wäre, müßte allein die Luft Leben gebären, da sie die Samen der Seele durch vorzügliche Gnade vom Schöpfer empfing.

[3] 12 Von den Seelen nun sind die einen in Körper hinabgestiegen, die andern [264 M.] hielten es für richtig, niemals mit einem Teile der Erde vermengt zu werden. Da diese rein geworden sind und sich dem Dienste des Vaters widmen, pflegt der Schöpfer sie als Gehilfen und Diener zur Aufsicht über die Sterblichen zu gebrauchen. 13 Jene aber, die wie in einen Fluß in den Körper hinabsteigen, sind teils von gewaltigstem Wirbelwind erfaßt ertrunken, teils sind sie, wenn sie gegen den Strom ankommen konnten, zunächst emporgeschwommen, [61] dann wieder dahin aufgeflogen, woher sie kamen.[13] 14 Dies nun sind die Seelen der echten Philosophen, die von Anfang bis zum Ende danach strebten, dem körperlichen Leben abzusterben,[14] damit sie das unkörperliche und unvergängliche Leben in der Nähe des Ewigen und Unvergänglichen erlangten; 15 jene aber, die ertranken, (sind die Seelen) der anderen Menschen, die die Weisheit verachteten und sich unbeständigen und zufälligen Dingen ergaben, von denen keiner sich auf das Vornehmste in uns, auf Seele oder Geist, bezieht, alles aber auf den mit uns verwachsenen Leichnam,[15] den Körper, oder auf noch Seelenloseres als dieser, ich meine auf Ruhm und Geld und Herrschaft und Ehren, und was sonst noch von denen, die nicht das wahrhaft Schöne bestaunen, durch den Betrug einer lügnerischen Meinung geformt oder gemalt wird. [4] 16 Wenn du nun Seelen, Dämonen und Engel zwar für verschiedene Namen, im Grunde aber für ein und dasselbe hältst, wirst du die schwerste Bürde, die Dämonenfurcht,[16] ablegen. Denn wie die große Menge von guten und bösen Dämonen spricht und ebenso von (guten und bösen) Seelen, so wirst du nicht fehlgehen, wenn du auch die Engel teils für ihres Namens würdige Boten der Menschen zu Gott und Gottes zu den Menschen,[17] heilig und unverletzlich wegen dieses unschuldigen und schönen Dienstes, hältst, teils für unheilig und unwürdig des Namens. 17 Es dient aber für mein Wort als Zeuge das von dem Psalmisten in folgendem Gesangvers Gesagte: „Er sandte zu ihnen den Zorn seines Unmuts, Unmut und Zorn und Trübsal, eine Sendung durch böse Engel“ (Psalm 78, 49). Dies [265 M.] sind die [62] Schlechten, die sich den Namen von Engeln beigelegt haben, welche die Töchter der rechten Vernunft, Wissenschaften und Tugenden, nicht kennen, den irdischen Nachkommen irdischer Menschen aber, den Lüsten, nachgehen, die keinerlei echte Schönheit, welche allein durch den Verstand geschaut wird, mit sich bringen, sondern nur unechte Wohlgestalt, durch welche die sinnliche Wahrnehmung getäuscht wird. 18 Es nehmen aber nicht alle sämtliche Töchter, sondern (nur) einzelne einige aus den vielen, die sie sich auswählten, die einen die durch den Gesichtssinn hervorgerufenen Lüste, die andern die durch das Gehör, wieder andere die durch Geschmack und Magen, einige auch die Geschlechtsgenüsse, viele aber auch bemächtigten sich der am entferntesten liegenden, indem sie die Begierden in sich am weitesten ausdehnten.[18] Denn mannigfaltig sind notwendig die Neigungen zu mannigfaltigen Lüsten. Andere sind anderen vertraut.

[5] 19 In solchen nun ist es unmöglich, daß der Odem Gottes verbleibe und ewig wohne, wie es der Gesetzgeber auch selbst erklärt. „Es sprach“, sagt er nämlich, „Gott der Herr: Nicht wird verbleiben mein Odem in den Menschen in Ewigkeit, weil sie Fleisch sind“ (1 Mos. 6, 3). 20 Er bleibt wohl eine Zeitlang, aber er verbleibt nicht auf immer bei den meisten von uns. Denn wer wäre so vernunft- oder seelenlos, daß er niemals die Vorstellung des Besten freiwillig oder unfreiwillig faßte? Fliegt doch oft selbst die Verruchtesten plötzlich die Vorstellung des Guten an, sie zu erfassen[19] aber und bei sich zu bewahren, vermögen sie nicht. 21 Denn sie weicht sofort und wandert aus, indem sie sich abwendet von den hinzukommenden gesetzes- und rechtsfeindlichen Bewohnern, zu denen sie gar nicht gekommen wäre, außer um die zu bekehren, die anstatt des Guten das Schlechte erwählt haben. 22 Es heißt aber Gottes Odem nach einer Auffassung die über der Erde hinfließende Luft, das dritte Element, das über dem Wasser daherfährt – weshalb er (Moses) in der Weltschöpfung sagt: „Gottes Odem wurde dahingetragen über dem Wasser“ (1 Mos. 1, 2); denn die Luft, die leicht ist, erhebt sich und wird nach oben getragen, wobei sie das Wasser als Basis benutzt –, nach anderer Auffassung aber die lautere Erkenntnis, an der jeder Weise nach Gebühr Teil hat.[20] 23 Er erweist es aber [63] an dem Bildner und Künstler der Heiligtümer, indem er sagt, daß „Gott aufrief den Beseleel und ihn erfüllte mit göttlichem Odem:[21] der Weisheit, dem Verstande, der Erkenntnis, dem Erdenken jeglichen Werkes“ (2 Mos. 31, 2–3), so daß durch diese Worte das Wesen des göttlichen Odems klar beschrieben ist. [6] 24 Derart ist auch der Geist des Moses, der übergeht auf die siebzig Ältesten, um sie von anderen zu unterscheiden und zu vervollkommnen. [266 M.] Sie wären in Wahrheit auch keine Ältesten gewesen, wenn sie nicht an jenem allweisen Geiste teilgehabt hätten. Es heißt nämlich: „Ich will entnehmen von dem Geiste, der bei dir ist, und will ihn legen auf die siebzig Ältesten“ (4 Mos. 11, 17). 25 Doch verstehe man das nicht so, als ob eine Wegnahme durch Abschneiden und Abtrennen geschehe, sondern wie sie vom Feuer geschieht, das, wenn es auch unzählige Fackeln entzündete, doch um gar nichts verringert in demselben Zustande bleibt. So steht es auch mit dem Wesen der Erkenntnis. Denn wenn sie auch ihre Anhänger und Schüler alle wissend macht, verringert sie sich in keinem Teile, oft sogar erfährt sie noch einen Zuwachs zum Besseren, wie es auch von den Quellen heißt, aus denen immer wieder geschöpft wird. Wird doch von ihnen erzählt, daß sie dann um so angenehmer werden. 26 Denn der fortwährende Verkehr mit anderen bringt eifrige Bemühung und Übung hervor und bewirkt vollständige Vollkommenheit. Wenn nun der eigene Geist des Moses selbst oder irgendeines anderen Geschöpfes hätte unter eine so große Menge von Schülern verteilt werden sollen, so wäre er wohl doch, in so viele Teile zerrissen, geschwächt worden. 27 So aber ist der Geist bei ihm, der weise, der göttliche, der unteilbare, der untrennbare, der treffliche, der alles ganz erfüllende, der Nutzen bringend keinen Schaden leidet und, auch wenn er anderen mitgeteilt oder auch zugefügt[22] wurde, sich nicht verringert an Verstand und Erkenntnis und Weisheit. [7] 28 Daher ist es wohl möglich, daß der göttliche Odem bleibe in der Seele, daß er aber verbleibe unmöglich, wie wir sagten. Und was wundern wir uns darüber? Gibt es doch auch überhaupt von keinem anderen Dinge einen zuverlässigen [64] und festen Besitz, da die menschlichen Dinge schwanken und immer wieder andere Wandlungen annehmen. 29 Die Hauptursache aber der Unvernünftigkeit ist das Fleisch und die Verwandtschaft mit dem Fleische. Auch er meint das, wenn er sagt, „weil sie Fleisch sind“, könne der göttliche Odem nicht verbleiben. Nun aber bringen wohl auch Ehe und Kindererziehung und die Versorgung des Nötigen, mit Armut verbundene Ruhmlosigkeit, Geschäfte privater und öffentlicher Art und vielerlei anderes die Weisheit zum Welken, bevor sie aufgeblüht ist;[23] 30 aber nichts ist ihrem Wachstum so hinderlich wie die Fleischesnatur; denn diese liegt gleichsam als erster und größter Grundstein der Unkenntnis und Unwissenheit dem zugrunde, worauf jedes der Genannten aufgebaut wird. 31 Wohl genießen unfleischliche und unkörperliche Seelen, verweilend auf der Schaubühne des Alls, göttliches Schauen und Hören, [267 M.] wonach sie eine unstillbare Sehnsucht überkommen hat, ohne daß sie jemand daran hindert; die aber die Fleischeslast schleppen, vermögen, beschwert und bedrückt, nicht zu den himmlischen Umläufen emporzublicken, sondern werden mit ihrem Nacken herabgezogen wie die Vierfüßler[24] und an der Erde verwurzelt. [8] 32 Deshalb spricht auch der Gesetzgeber, der beschlossen hat, den ungesetzlichen und ungebührlichen Umgang und Geschlechtsverkehr zu beseitigen,[25] in der Einleitung folgendermaßen: „Mensch, Mensch soll nicht gehen zu jedem Verwandten seines Fleisches, seine Scham zu entblößen, ich (bin) der Herr“ (3 Mos. 18, 6). Wie könnte einer besser dazu antreiben, das Fleisch und das dem Fleische Verwandte zu verschmähen, als auf diese Weise? 33 Jedoch er bringt nicht allein davon ab, sondern er weist auch deutlich nach, daß der wahrhafte Mensch sich nicht freiwillig zu den dem Körper lieben und verwandten Lüsten begeben, vielmehr stets nach Entfremdung von ihnen streben wird. Jedenfalls ist der Umstand, daß er nicht einmal, sondern zweimal „Mensch, Mensch“, sagt, ein Zeichen dafür, daß nicht der aus Körper und Seele bestehende, sondern der tugendübende (Mensch) gemeint ist; denn tatsächlich ist [65] dieser der wahre (Mensch), von dem auch einer der Alten,[26] der bei hellem Tage eine Laterne nahm, zu denen, die ihn fragten, sagte, er suche einen Menschen.[27] 34 Daß er aber nicht zu allen Verwandten des Fleisches gehe, hat einen notwendigen Grund. Denn zu einigen muß man gehen, wie z. B. zu den notwendigen Lebensbedürfnissen, durch deren Gebrauch wir ohne Krankheit und gesund leben können werden, den Überfluß aber muß man fortjagen, wodurch die Begierden entfacht werden und alles Ehrenwerte in einem einzigen Ansturm niederbrennen. 35 Nicht zu allem Fleischlichen also sollen die Begierden entflammt sein; denn die ungezähmten Lüste bissen oft, wenn sie sich wie Hunde anschmeicheln, hinterlistig unheilbare Wunden. Darum wollen wir, indem wir die der Tugend befreundete Bedürfnislosigkeit den Verwandten des Körpers vorziehen, die große und unendliche Masse unversöhnlicher Feinde vernichten. Wenn aber irgendwo eine Gelegenheit dazu nötigt, mehr als das Gebührende und Hinlängliche zu nehmen, wollen wir selbst nicht hingehen; denn er sagt: „Nicht soll er selbst hingehen, seine Scham zu entblößen.“ [9] 36 Was das aber bedeutet, muß erklärt werden: Oft erhielten Leute, die keine Geldgeschäfte gemacht hatten, ein reichliches Vermögen, andere, die nicht auf Ruhm ausgingen, wurden öffentlicher Anerkennung und Ehren gewürdigt, und denen, die auch nicht eine kleine Kräftigung erhofften, fiel größtes Wohlergehen[28] zu. 37 Alle diese mögen also lernen, an die genannten Dinge nicht „heranzutreten“, d. h. sie nicht zu bewundern und mehr als genug anzunehmen, indem sie jedes von ihnen, das Geld, den Ruhm und die körperliche Kraft, nicht nur für kein [268 M.] Gut, sondern sogar für ein sehr großes Übel erachten.[29] Den Geldgierigen nämlich ist der Drang[30] nach Geld eigentümlich, den Ruhmgierigen der nach Ruhm, den Freunden von Wettkämpfen und Gymnastik der nach Körperkraft; denn das Bessere, die Seele, haben sie den schlechteren, seelenlosen [66] (Dingen) ausgeliefert. 38 Die aber bei Sinnen sind, erklären die blendenden und vielbegehrten Glücksfälle für Untertanen des Geistes als ihres Führers und nehmen sie, wenn sie sich von selbst nahen, zur Wiederaufrichtung an; bleiben sie aber weit entfernt, so „gehen“ sie nicht „heran“, da sie auch ohne sie glücklich leben können. 39 Wer aber hingeht und (ihnen) auf dem Fuße folgen will, erfüllt die Philosophie mit schmählichem Wahn.[31] Deshalb heißt es „die Scham zu entblößen“. Ist denn etwa die Schmach derer nicht sichtbar und offenkundig, die sich zwar Weise nennen, die Weisheit aber feilbieten und billig losschlagen, wie es von denen heißt, die auf dem Markte die Waren ausschreien, bald um einen geringen Gewinn, bald um ein angenehmes und liebenswürdiges Wort, bald um eine unsichere, auf keinen Grund gestützte Hoffnung, oder gar um Versprechungen, die sich in nichts von Träumereien unterscheiden? [10] 40 Das folgende „Ich, der Herr“ aber ist schön und sehr lehrreich gesagt. Stelle nämlich, meint er, mein Bester, das Gut des Fleisches dem der Seele und dem Gute des Alls gegenüber. Es ist doch wohl das (Gut) des Fleisches die unvernünftige Lust, das der Seele aber und des Alls der Allgeist, die Gottheit. 41 Umstreitbar ist wohl der Vergleich so unvergleichbarer Dinge,[32] so daß man sich bei ihrer großen Ähnlichkeit täuschen könnte. Es sei denn, daß einer sagen wollte, es sei in Wahrheit auch das Beseelte dasselbe wie das Unbeseelte, das Vernünftige wie das Unvernünftige, das Geordnete wie das Ungeordnete, das Überflüssige wie das Ausreichende, wie das Licht die Finsternis, der Tag wie die Nacht und alles Entgegengesetzte wie sein Gegenteil. 42 Und wenn auch diese Dinge, sofern sie nur geworden sind, eine gewisse Gemeinsamkeit und Verwandtschaft haben, so ist doch Gott auch nicht dem besten der Geschöpfe ähnlich, da dies geworden ist und leiden muß, er aber ungeworden ist und immer wirkt. 43 Es ist aber gut, nicht aus der Ordnung Gottes herauszutreten, in der alle Eingeweihten tapfer sein müssen, und überzulaufen zu der feigen und verschrieenen Lust, die ihren Freunden schadet, ihren Feinden aber nützt. Ganz außergewöhnlich nämlich ist ihre Natur. Die, denen sie an ihren eigenen Gütern Anteil geben wollte, bestraft sie sogleich, denen aber, denen sie (welche) nehmen (wollte), nützt sie am meisten. 44 Wenn also, meine Seele, eine der Verlockungen der Lust [67] dich zu sich ruft, kehre dich ab, wende dein Auge herum und sieh die echte Schönheit der Tugend an[33] und verweile bei ihrem Anblick, bis ein Verlangen sich in dir festsetzt und wie ein Magnet dich heranzieht und dich dicht an die ersehnte heranführt und anhängt. [11] 45 Das (Wort): „Ich, [269 M.] der Herr“, ist nicht nur in dem gleichen Sinne zu verstehen wie: „Ich, das vollkommene und unvergängliche und wahre Gut“, von dem sich einer, der sich an das unvollkommene und vergängliche und am Fleische haftende hält, abwenden wird, sondern (es steht) auch an Stelle (des Satzes): „Ich bin der Herrscher und König und Herr.“ 46 Weder aber für Untertanen ist es, wenn Führer, noch für Sklaven, wenn Herren da sind, gefahrlos, Unrecht zu tun. Denn wenn die Zuchtmeister in der Nähe sind, benehmen sich die, welche nicht gewöhnt sind, sich von selbst zurechtzuweisen, aus Furcht vernünftig.[34] 47 Da nämlich Gott alles ausfüllt,[35] ist er nahe, so daß wir, weil er zusieht und in der Nähe ist, uns gar sehr schämen, jedenfalls aber doch hüten vor seiner unbewegbaren, furchtbaren und in den Strafen unerbittlichen Herrschergewalt und, wenn er seine strafende Kraft[36] zu gebrauchen gedachte, zu sündigen aufhören wollen, damit auch der göttliche Geist der Weisheit nicht leicht entweiche und davongehe, sondern eine lange Zeit bei uns bleibe, wie auch bei Moses, dem Weisen. 48 Denn dieser bediente sich der ruhigsten Haltung im Stehen sowohl wie im Sitzen, da er sich nicht im geringsten zu wenden und zu verändern gewohnt war. Es heißt nämlich, daß „Moses und die Bundeslade sich nicht bewegten“ (4 Mos. 14, 44), entweder in dem Sinne, daß der Weise von der Tugend[37] nicht trennbar, oder in dem, daß weder die Tugend etwas Bewegliches,[38] noch der Tugendhafte etwas Veränderliches ist, [68] sondern beide in der Festigkeit der rechten Vernunft gegründet sind. 49 Und ein andermal (heißt es) an anderer Stelle: „Du aber stelle dich neben mich selbst“[39] (5 Mos. 5, 28). Ein dem Propheten verkündeter Ausspruch ist dies (und bedeutet): Beständigkeit und unbewegliche Ruhe ist die Annäherung an den immer unbeweglich stehenden Gott;[40] denn notwendig muß alles gerade werden durch Anlegung an das rechte Richtmaß. 50 Deshalb scheint mir der überflüssige Dünkel, genannt Jethro,[41] erstaunt über den unbeugsamen, ganz gleichmäßigen und sich immer gleichbleibenden Willen des Weisen, zu schelten und folgendermaßen zu fragen: „Warum sitzest du allein“ (2 Mos. 18, 14)? 51 Wenn einer nämlich den fortwährenden Krieg der Menschen im Frieden sieht, der nicht nur bei Völkern, in Ländern und Städten herrscht, sondern auch im Hause, mehr noch sogar in jedem einzelnen Menschen, und den unbeschreibbaren und schweren Sturm in den Seelen, der von dem gewaltigsten Andrang der zum Leben gehörenden Geschäfte entfacht wird, ist er mit Recht darüber erstaunt, wenn einer im Sturm Ruhe und im Wirbel des wogenden Meeres Stille bewahren konnte. 52 Siehst du, daß auch die durch den Hohenpriester bezeichnete Vernunft sich nicht immer den heiligen Lehren widmen und mit ihnen beschäftigen kann, noch die Erlaubnis erhalten hat, zu jeder Zeit zu [270 M.] ihnen zu gehen, sondern eben nur[42] einmal im Jahre (3 Mos. 16, 2. 34). Denn das in Worte (Gefaßte) ist nicht zuverlässig, weil eine Zweiheit;[43] das Schauen des Seins aber ohne Stimme, allein durch die Seele, ist durchaus fest gegründet, weil es nach der unzerreißbaren Einheit geschieht. – [12] 53 So „verbleibt“ demnach in den Vielen, d. h. in denen, die sich [69] viele Ziele des Lebens gesetzt haben, „der göttliche Geist nicht“, wenn er sich auch für kurze Zeit aufhielt, bei der einzigen Art von Menschen aber stellt er sich ein, die sich aller irdischen Dinge und der äußersten Decke und Hülle der Meinung entkleidet hat und im Geiste entblößt und nackt zu Gott kommt. 54 So schlug auch Moses außerhalb der Umzäunung und des ganzen körperlichen Heeres sein Zelt auf (2 Mos. 33, 7), d. h. er errichtet die unbewegliche Ansicht und beginnt, Gott anzubeten, und geht in die Finsternis, den unsichtbaren Raum hinein und bleibt daselbst die heiligsten Mysterien feiernd.[44] Ist er doch nicht nur Myste, sondern auch Hierophant der heiligen Handlungen und Lehrer der göttlichen Dinge, die er denen, die reine Ohren haben, auslegen wird. 55 Bei diesem also bleibt immer der göttliche Geist ihn führend auf jedem rechten Wege, von den andern wird er, wie ich sagte, sehr schnell getrennt, deren Lebenszeit er auch in der Zahl von 120 Jahren erfüllt sein läßt; denn er sagt: „Es werden sein ihre Jahre hundertundzwanzig“ (1 Mos. 6, 3). 56 Doch auch Moses scheidet, als er die gleiche Zahl von Jahren erreicht hatte, aus dem sterblichen Leben (5 Mos. 34, 7). Wie ist es nun glaubhaft, daß die Sündigen gleichaltrig mit dem Allweisen und Propheten sind? Vorläufig nun wird es genügen, folgendes zu sagen: daß Gleichnamiges nicht immer wesensgleich, vielmehr oft völlig verschieden ist, und daß auch das Schlechte die gleichen Zahlen und Zeiten haben kann wie das Gute, da ja auch beides zusammen eingeführt wird, aber getrennte und weit voneinander geschiedene Kräfte. 57 Die genaue Erläuterung der 120 Jahre aber will ich auf die Erörterung des gesamten prophetischen Lebens verschieben,[45] wenn ich geeignet bin, darin eingeweiht zu werden; jetzt aber will ich das Folgende besprechen.

[13] 58 „Die Riesen aber waren auf der Erde in jenen Tagen“ (1 Mos. 6, 4). Vielleicht glaubt einer, daß der Gesetzgeber auf die von den Dichtern über die Riesen erzählten Fabeln anspiele, obgleich er sich aufs weiteste vom Märchenerzählen fern hält und es für richtig erachtet, den Spuren der Wahrheit selbst zu folgen.[46] 59 Deshalb schloß er die gefälligen Zierkünste, die Tier- und Menschenbildnereien [70] aus seinem Staatswesen [271 M.] aus, weil sie die Natur des Wahren verfälschen und den leicht zu verführenden Seelen Trug und Sophismen durch die Augen kunstreich bereiten. 60 Er führt also durchaus keine Fabel über Riesen an, sondern er will dir nur das darlegen, daß die Menschen teils der Erde, teils des Himmels, teils Gottes sind.[47] Der Erde die, welche den Lüsten des Körpers nachjagen, ihren Genuß und Gebrauch suchen und sich alles verschaffen, was zu einer jeden gehört, des Himmels alle Künstler, Verständigen und Lernbegierigen – denn das Himmlische unserer Bestandteile, der Geist (Geist aber ist auch jedes der himmlischen Dinge) beschäftigt sich mit der allgemeinen Bildung und überhaupt allen anderen Künsten, indem er sich selbst schärft und schleift, übt und ausbildet in den geistigen Dingen –, 61 Gottes (Menschen)[48] aber die Heiligen und Propheten, die es nicht für gut hielten, an diesem weltlichen Staatswesen Anteil zu haben und Weltbürger zu werden, sondern alles Wahrnehmbare übersprangen, in die geistige Welt auswanderten und dort Wohnung nahmen, eingetragen als Bürger in dem Staate der unvergänglichen und unkörperlichen Ideen. [14] 62 Solange daher Abraham im Lande und in der Anschauung der Chaldäer verweilte, bevor sein Name geändert wurde, war er, Abram genannt, ein Himmelsmensch, der die höhere und ätherische Natur erforschte und über die Folgen und die Ursachen und dergleichen mehr philosophierte – weswegen er auch eine den Gegenständen seiner Fassung entsprechende Bezeichnung erhielt. Abram bedeutet nämlich übersetzt „hochstrebender Vater“,[49] (das ist) der Name des die hohen und himmlischen Dinge alle allenthalben betrachtenden Vatergeistes; denn ein Vater des Zusammengesetzten[50] ist der Geist, der bis zum Äther und noch weiter sich ausstreckt. – 63 Als er aber, vervollkommnet, umgenannt werden sollte, wird er ein Gottesmensch nach dem ihm geweissagten Spruche: „Ich bin dein Gott,[51] sei wohlgefällig vor mir und werde untadelig“ 64 (1 Mos. 17, 1). 64 Wenn aber der Gott der Welt und einzig seiende Gott [71] auch durch vorzügliche Gnade im besonderen sein Gott ist, ist er doch wohl auch notwendig selbst Gottes. Er wird nämlich Abraham genannt, in Übersetzung „auserwählter Vater des Tones“, d. i. der Verstand des Guten; auserkoren nämlich und gereinigt und Vater der Stimme, durch die wir mit einstimmen. Als solcher aber ist er dem einzig einen Gotte zugeteilt worden, als dessen Begleiter er geradeaus schreitet den Pfad des ganzen Lebens, sich des wahrhaft königlichen Weges[52] des einzigen Königs und Allbeherrschers bedienend, ohne irgendwohin abzuweichen und auszubiegen. [15] 65 Die Kinder der Erde aber, die den Geist vom vernünftigen Denken abbrachten und in die seelenlose und unbewegte Fleischesnatur [272 M.] umwandelten – „denn es wurden die zwei zu einem Fleisch“, wie der Gesetzgeber sagt (1 Mos. 2, 24) –, fälschten die beste Münze und verließen die bessere und (ihnen) befreundete Schlachtreihe, liefen aber über zu der schlechteren und feindlichen unter Anführung des Nimrod. 66 Es sagt nämlich der Gesetzgeber, daß „dieser begann, der erste Riese[53] auf der Erde zu sein“ (1 Mos. 10, 8); es bedeutet aber Nimrod „überlaufen“. Es gefiel nämlich der unglücklichen Seele nicht, bei keinem von beiden (Heeren) zu stehen, sondern sie schloß sich den Feinden an, erhob die Waffen gegen die Freunde und bekämpfte sie in offenem Widerstand. Deshalb schreibt er auch dem Nimrod als Anfang seines Königtums Babylon zu, Babylon aber heißt „Umwandlung“,[54] etwas dem „Überlaufen“ Verwandtes, sowohl als Wort dem Worte, wie als Tat der Tat. Denn einem jeden Überläufer sind die Anfänge des Entschlusses Veränderung und Umwandlung. 67 Demzufolge wäre nun noch zu sagen, daß nach dem hochheiligen Moses der Schlechte, wie er obdachlos, heimatlos, unstät und flüchtig, so auch ein Überläufer ist, der Gute aber ein ganz zuverlässiger Bundesgenosse. Nachdem ich soviel für den jetzigen Zweck genügend über die Riesen gesagt habe, will ich mich zu den folgenden Worten der Schrift wenden. Es sind aber diese:


  1. Vgl. Über die Unveränderlichkeit Gottes § 122ff.
  2. Allegorische Anspielung auf den Weinberg, den Noah pflanzt (1 Mos. 9, 20), worüber Philo in seinen Büchern Über die Landwirtschaft und Über die Trunkenheit speziell handelt.
  3. Die Auffassung, daß die Engel (im hebr. Text Gottessöhne), die sich irdische Frauen nahmen und mit ihnen die Riesen erzeugten, Dämonen gewesen seien, ist den hellenistischen Schriftstellern jüdischen und christlichen Glaubens, die dieses Thema häufig behandelten, gemeinsam; vgl. Henoch cap. 7. Joseph. Antiqu. I 73. Testam. Patriarch. Rub. cap. 5. Georg. Syncellus rec. Dind. p. 23 sq. Clem. Alex. Strom. V 10, 2. I 81, 4. III 59, 2, Paed. III 14, 2. Justin. Apolog. II 5. Tertullian. Apol. XXII, De idol. IX, De cultu fem. I 2, De virg. vel. VII u. ö. Lactant. Institut. II 15, 16. Augustin. De Civ. Dei XV 23. Athenag. Legat. 22.
  4. Über die Engel als in der Luft auf- und niedersteigende Seelen bei Philo vgl. De somniis I § 134ff. De confus. ling. § 174 u. 176 und meine Anmerkung zu Über die Geburt Abels § 5. Weiteres Material über die alte Volksvorstellung, die besonders in der Stoa Aufnahme fand, bei J. Kroll, Die Lehren des Hermes Trismegistos, Münster 1914 S. 295f. Rohde, Psyche⁴ II S. 122, 2, 320, 1 u. ö. Über Philos Abhängigkeit von Posidonius vgl. M. Apelts Dissertation, De rationibus quibusdam usw. (Comm. Jenenses VIII 1 Lips. 1907) S. 104ff.
  5. Näheres über die πυρίγονα oder πυρίγονοι bei Aristot. Hist. anim. V 552 b. 10. Aelian. Ν. Α. II 2. Apuleius, De deo Socrat. c. 8. Κόρη κόσμου bei Stob. Ecl. I 996. Philo selbst erwähnt sie auch Über Noahs Pflanzung § 12. De aetern. Mundi § 45.
  6. Vgl. H. Diels, Philodemos Über die Götter Buch III, Berlin 1917 S. 23: „Die Lehre von der Verteilung der Wesen und namentlich der Lebewesen auf die verschiedenen Elemente stammt von Empedokles (Vorsokr.³ 21 A 72). Platon hat sie im Timäus adoptiert (39 Ε f.) und Demokrit scheint, da wir Diodors Schilderung auf ihn zurückführen dürfen (I 7,5 vgl. Reinhardt, Herrn. 47, 498f.), Ähnliches gelehrt zu haben. Dann hat Poseidonios die Vierteilung in etwas veränderter Form übernommen.“ Die unmittelbaren Parallelen zu Philos Lehre von der Beseelung der Elemente jetzt gesammelt von W. Bousset, Jüdisch-Christlicher Schulbetrieb in Alexandria und Rom, Göttingen 1915 S. 14 ff. vgl. jedoch hierzu Heinemanns Einleitung zum III. Band dieses Übersetzungswerkes S. 6 Anm. 1.
  7. Über die Beseeltheit und Göttlichkeit der Gestirne bei Philo vgl. S. 11 der Einleitung zum I. Band, Über die Weltschöpfung § 27 und 73, Über die Einzelgesetze I § 13, Über Noahs Pflanzung § 12, De somniis I § 135.
  8. Die Bezeichnung der Kreisbewegung als der dem Geiste angemessensten geht auf Plato (Tim. 33 Β ff.) zurück, der wieder von pythagoreischen Vorstellungen [60] abhängig ist. In späterer Überlieferung heißt es von Archytas (Johannes Lydos De mensibus II 8 p. 21: διὰ τοῦτο ψυχὰ τὸ αὐτὸ κινοῦν, ἀνάγκα δὲ τὸ πρῶτον κινοῦν, κύκλος δὲ τοῦτο ἢ σφαῖρα.)
  9. Ein ähnlicher Beweis für die Beseelung der Luft durch Vergleich mit den andern Elementen, die alle beseelt sind, bei Sext. Emp. adv. math. IX 86ff. – Über Seelen in der Luft überhaupt vgl. das von mir zusammengetragene Material in „Der Heilige Geist“ Leipzig 1919, 51 ff., 123.
  10. Vgl. Heinemann, Poseidonios’ metaphysische Schriften I 71, 2.
  11. Die Lehre von der Luft als Ursache der Beseelung vertritt im Altertum vor allem Diogenes von Apollonia. Diels, Fragm. d. Vors.³ 51 Β 4 u. 5.
  12. Nach Wendlands Konjekturen: ὁποῖος.... <πάντα> πρὸς.
  13. Diese Teilung der Seelen in drei Gruppen (rein himmlische, mit dem Körper vermischte aber wieder zum Himmel auffahrende, im Körperlichen untergehende), die Philo auch an anderen Stellen (unten § 60–61, Quis rer. div. heres § 45f., De somniis II § 228–236) erwähnt, ist eine in der hellenistischen Literatur auch sonst bekannte Lehre. Man vgl. Plutarch De genio Socrat. 591 D ff., De facie in orbe lunae 943 Α ff. und den griech. Henoch hg. von Flemming u. Radermacher Leipz. 1901 Cap. XV, zum Ganzen mein oben erwähntes Buch Der Heilige Geist 91f. und 110ff.
  14. Ein Motiv, das schon Plato im Phaedon in mannigfachen Variationen durchführt, vgl. vor allem Phaed. 67 A.
  15. Vgl. Aristoteles frgm. 60: τοὺς ἁλισκομένους προσδεσμεύοντας πρὸς ἀντικρὺ τοῖς ζῶσι, νεκρούς. – sic nostros animos cum corporibus copulatos ut vivos cum mortuis esse coniunctos.
  16. Δεισιδαιμονία bedeutet im weiteren Sinn jeden Aberglauben.
  17. Plato Symp. 202 Ε: καὶ γάρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ … Ἑρμηνεῦον καὶ διαπορθμεῦον θεοῖς τὰ παρ' ἀνθρώπων καὶ ἀνθρώποις τὰ παρὰ θεῶν.
  18. Nach Wendland: πρὸς μήκιστον τὰς ἐν, … (vgl. Rh. Mus. 1897, 466f.).
  19. Συλλαβεῖν ist verstärktes λαβεῖν, wie καταμένειν verstärktes μένειν.
  20. Über diese Stelle und das Folgende habe ich „Der Heilige Geist“ I 22 ff. ausführlich gehandelt. Von § 24 an geben wir Πνεῦμα gelegentlich mit Geist, statt mit Odem, wieder.
  21. Die folgenden Worte faßt Philo als Definition des Pneuma; nach dem MT ואמלא אתו רוח אלהים בחכמה בדעת‎ wäre das nicht möglich.
  22. Gegen Wendlands Beanstandung der Breite des Ausdrucks (Rh. Mus. 27, 467) ist daran zu erinnern, daß § 23 von einem πνεῦμα προστεθέν (d. h. nicht von einem anderen Menschen übertragen), § 24 von einem μεταδοθέν die Rede war; bei ὠφελοῦν § 27 ist natürlich an diese Wirkungen gedacht.
  23. Wieder dient Plato Phaedon 66 Β ff. als Muster.
  24. Sie nimmt ihm also (bildlich) die aufrechte Haltung, in der Philo oft mit Plato und anderen Philosophen den auszeichnenden Vorzug der Menschen sieht.
  25. Wenn Philo die Sittlichkeitsgesetze nicht allegorisch verflüchtigt, wie De fuga et invent. § 193, sondern wörtlich nimmt, so ist das eine in den rein allegorischen Schriften seltene Inkonsequenz; vgl. aber Bd. III dieses Übersetzungswerks S. 9, 1 und S. 57, 3.
  26. Gemeint ist der Kyniker Diogenes, vgl. Diog. Laert. VI 41.
  27. Vgl. über den „wahren Menschen“ meine Anmerkung zu Über die Nachstellungen § 10.
  28. εὐτονία, eigentlich: Wohlgespanntheit, ein stoischer Fachausdruck, der von Chrysipp stammt (Dyroff, Die Ethik d. alt. Stoa, Berlin 1897, 61 u. 165) und sich auch bei Epiktet (Diss. II 15, 8) findet.
  29. Ich folge Wendlands Konjektur.
  30. Im griechischen πρόσοδος klingt das προσέρχεσθαι der Bibel nach; beide bedeuten auch „jemanden angehen, sich um seine Gunst bemühen“.
  31. Über den Wahnglauben an Erdengüter vgl. z. B. Über die Einzelges. I § 27.
  32. Wendlands Konjektur ἀσυγκρίτων (Rh. Mus. 1897, 468) ist wohl vorzuziehen; der Satz ist natürlich ironisch gemeint.
  33. Philo schwebt hier die Personifikation der Tugend und der Lust als zweier miteinander um die Menschenseele streitenden Frauen vor; vgl. Über die Geburt Abels § 20ff.
  34. Auch die rabbinische Exegese deutet den Zusatz „Ich, der Herr“ nicht selten in ähnlicher Weise; vgl. z. B. Raschi zum (vorausgehenden) Verse 18, 5: Ich, der Ewige, bedeutet: verläßlich in bezug auf die Vergeltung. I. H.
  35. Vgl. hierzu meine Dissertation, Die Raumtheorie im späteren Platonismus 1911, 32ff.
  36. Vgl. Über Abraham § 121 u. die Anm. dazu; Über die Geburt Abels § 59.
  37. Die Auffassung der Bundeslade als Symbol der Tugend kommt sonst bei Philo nicht vor.
  38. Über die Tugend als einen dauernd sich gleichbleibenden Zustand (διάθεσις: affectio animi constans, Cicero, Tusc. IV 34) vgl. P. Barth, Die Stoa² 157f.
  39. Wie die Parallelstellen (gesammelt in der Anmerkg. zu Über die Nachkommen Kains § 28) zeigen, faßt Philo in den Worten αὐτοῦ στῆθι μετ’ ἐμοῦ das αὐτοῦ nicht dem MT gemäß örtlich, sondern als Verstärkung von ἐμοῦ auf; in στῆθι sieht er an unserer Stelle ebenso wie Über die Nachkommen Kains § 28 die Aufforderung, fest zu stehen, nicht bloß hinzuzutreten.
  40. Nach Wendlands Konjektur; vgl. Über die Nachkommen Kains § 27.
  41. Über die allegorische Bedeutung Jethros vgl. Über die Geburt Abels § 50 Anm.
  42. Das von Wendland, Rhein. Mus. 1897, 471, mit Recht verteidigte μόλις bezeichnet die einmalige Erlaubnis als das äußerste Entgegenkommen.
  43. Philo verwertet, wie so oft, den Doppelsinn von λόγος Wort und Gedanke. Das gesprochene Wort entspricht der Zweiheit (Über die Unveränderlichkeit Gottes § 84) im Gegensatz zu der nicht sinnlich wahrnehmbaren Gottesbotschaft (ebd. § 83). Vgl. über den Gegensatz zwischen sinnlicher und nichtsinnlicher Mitteilung Über die Nachstellungen § 38 u. Anm.
  44. Vgl. Über die Nachkommen Kains § 14 und § 178, Über die Geburt Abels, Anmerkungen zu §§ 60–62 u. 94.
  45. In seinen Büchern über das Leben Mosis erwähnt Philo von der Bedeutung der 120 Jahre nichts.
  46. Philo greift die Dichter als μυθοποιοί häufig an; vgl. Über die Nachkommen Kains § 2 Anm.
  47. Siehe oben § 13. Γίγας Riese wird etymologisch = γηγενής Erdensohn verstanden.
  48. Über die „Menschen Gottes“ vgl. mein Buch „Der Heilige Geist“ I 80; dazu Über die Unveränderlichkeit Gottes § 138.
  49. Vgl. Über Abraham § 82.
  50. D. i. der aus Körper und Geist zusammengesetzte Mensch; vgl. über den Geist als Vater Über die Einzelges. I § 333 f.
  51. Philo folgt der LXX: nach dem MT lautet der Vers ich bin El Schaddaj.
  52. Wohl Anspielung auf den „Königsweg“ 4 Mos. 20,17; vgl. Über die Unveränderlichkeit Gottes § 194ff.
  53. Philo folgt der LXX; der MT bezeichnet Nimrod nur als „Helden“. Die Etymologie geht wohl von מרד‎ aus, dessen Grundbedeutung sich empören Philo sehr gut hätte brauchen können; aber er gibt die von seinen Vorgängern ersonnene Ableitung nur mechanisch weiter. I. H.
  54. Wohl von בלל‎, eig. Verwirrung; oder etwa von der Negation בל‎? I. H.
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