BLKÖ:Sternberg, Caspar Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 38 (1879), ab Seite: 252. (Quelle)
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Sternberg, Caspar Graf (Naturforscher, geb. zu Prag 6. Jänner 1761, gest. zu Brzezina 20. December 1838). Seine Taufpathen waren nach der damaligen Sitte des böhmischen Adels zwei Bettler des Kirchspiels. Sein Vater Graf Johann Sternberg, k. k. geheimer Rath und Kämmerer, hatte, da er in seiner Jugend dem Militärstande angehört und den Successionskrieg, sowie den zweiten preußischen [253] Feldzug mitgemacht hatte, eine besondere Vorliebe für den Soldatenstand; die Mutter Anna Josepha, eine geborene Gräfin Kolowrat-Krakovsky, Tochter des nachmaligen Oberstburggrafen von Böhmen, war eine sehr gebildete Frau, die mit großer Fertigkeit deutsch, französisch, italienisch, später auch englisch sprach und schrieb, und eine besondere Neigung für die französische, mit der Zeit auch für die deutsche und englische Literatur an den Tag legte. Der junge Caspar wurde in seinem siebenten Jahre, nachdem er bereits durch Umgang die böhmische, deutsche und französische Sprache, dann auch etwas Latein erlernt hatte, nach damaliger Sitte einem französischen Abbé Namens Lambin zur Erziehung, zwei Jahre später einem Jesuiten Namens Spalek, zur weiteren Ausbildung übergeben. Frühzeitig schon bekundete er eine große Vorliebe für Naturwissenschaften und es machte ihm besonderes Vergnügen, seinem Bruder, der in seinen Mußestunden Mineralogie und Chemie, ja selbst Alchymie trieb, als Famulus zur Seite zu stehen. Seine erste Entwicklung fiel in die letzten Jahre der glorreichen Regierung der Kaiserin Maria Theresia, wo sich eine erfreuliche Regung aller Zweige der Wissenschaften bemächtigt hatte. Von den Eltern zum geistlichen Stande bestimmt, wurde dem jungen Sternberg schon in seinem elften Jahre durch Empfehlung der Kaiserin eine Domherrnpräbende in Freising vom Papste Clemens XIV. und später auch die von Regensburg ertheilt, ohne daß er jedoch hievon sonderlich Notiz nahm. Bei Ausbruch der Feindseligkeiten mit Preußen im Jahre 1778, wollte er den ihm zugedachten schwarzen Rock mit dem weißen vertauschen und ins Militär treten; man rieth ihm jedoch hievon ab und bestimmte ihn, die Theologie in Rom, im dortigen Collegium germanicum zu studiren. Nachdem er die Firmung und die kleinen Weihen empfangen hatte, reiste er sofort nach Wien zu seinem Onkel dem Minister Grafen Kolowrat, der ihn nach Rom befördern sollte, zuvor ihn jedoch noch der Kaiserin Maria Theresia vorstellte. Bei dieser Gelegenheit sagte die Monarchin zu ihm: „Er reist jetzt nach Rom ins deutsche Collegium, um sich für den geistlichen Stand vorzubereiten. Er muß aber nicht glauben, daß er dieserwegen geistlich werden muß, wenn er keine Vocation hat. Wenn Er etwas gelernt hat, kann er auch in einem andern Stand sein Fortkommen finden“. Zu Anfang December 1779 verließ der nun 18jährige Caspar Wien, und kam am 23. December in Rom an. Vor seiner Aufnähme ins Collegium wurde ihm eine Eidesformel vorgelegt, nach welcher er schwören mußte, geistlich zu werden und geraden Weges aus dem Collegium wieder zurückzureisen, ohne eine Nacht außerhalb desselben in Rom zuzubringen, auch nicht über Neapel zu reisen. Er legte diesen Eid ab, wußte sich aber später durch päpstliche Dispens von seiner Erfüllung zu befreien. Den zweijährigen Aufenthalt und die klösterliche Lebensweise im Collegium, schildert der Graf in seiner Selbstbiographie recht ausführlich und anziehend; spät erst war auch dorthin die Kunde von dem Tode der Kaiserin Maria Theresia, dem Regierungsantritte Kaiser Josephs und der Reise des Papstes Pius VI. nach Wien, gedrungen. Nach der resultatlosen Heimkehr des Letzteren wurde es den am Collegium studirenden österreichischen [254] Unterthanen klar, daß da ihres Bleibens nicht lange mehr sein werde, und in der That erschien im Frühling 1782 das kaiserliche Edict, wodurch dem deutschen Collegium, die im Mailändischen gelegenen Güter entzogen und die österreichischen Theologen abberufen und zur Fortsetzung ihrer Studien in Pavia angewiesen wurden. Sternberg hatte nur noch ein Jahr zu studiren, ging aber nicht nach Pavia, sondern verschaffte sich nach abgelegter Disputation ein Attest als Theologus absolutus und reiste nach Neapel, wo er im reichsten Genusse der südlichen Natur und ihrer classischen Reize einige Zeit verlebte. Von dort kehrte er nach Rom zurück und machte daselbst die Bekanntschaft sehr vieler Künstler und Kunstfreunde, unter anderm auch der berühmten Angelica Kaufmann [Bd. XI, S. 44]. Ende December 1782 erhielt er einen Brief aus Regensburg, worin ihm angezeigt wurde, daß am dortigen Capitel eine Domherrnstelle erledigt sei, er also schleunig dahin kommen möge. Trotzdem er nun Rom sehr ungern verließ, folgte er doch diesem Rufe, fand aber, in Regensburg angelangt, sehr wenig Aussicht, die vacante Domherrnstelle zu erhalten, da er das 24. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte und zuerst die sogenannte rigorose Residenz von neun Monaten abthun mußte. Natürlich blieb ihm nun nichts anderes übrig, als sich zu fügen und diese rigorose Residenz anzutreten. Nun beginnt die ungleich wichtigere Epoche seines Lebens, das bisher nur zwischen Studien und Genuß getheilt gewesen, nunmehr aber einen bestimmenden politischen Anstrich gewann. Die alte freie deutsche Reichsstadt Regensburg, war damals der Tummelplatz scharfer politischer Intriguen, da dort der Reichstag mit seinen steifen Formen aus dem westphälischen Frieden seinen Sitz hatte, und der Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen und ihren beiden Parteien, dem Corpus catholicorum et evangelicorum, schon damals in vollster Blüthe stand. Sternberg bewahrte als Domicellar eine utraquistische Stellung und besuchte vornehmlich das Haus des böhmischen Gesandten Grafen Trauttmansdorff, so wie jenes des sächsischen Grafen Hohenthal, welche damals die Sammelpuncte der angenehmsten Gesellschaft waren. Seine freien Stunden benützte er zu eifrigen Studien über Kunst, Alterthum und Naturwissenschaft, wobei ihm die Bekanntschaft mit dem hochgebildeten Baron Gleichen trefflich zu statten kam. Aus Neugierde trat er auch der Regensburger Freimaurerloge bei, ohne jedoch sonderlich viel von ihr zu halten. Im October 1783 kehrte er zu seinen Eltern zurück, las dort Voltaire’s Theater, Montesquieu und die älteren französischen Classiker und machte im Carneval 1784 einen Abstecher nach Prag, später auch nach Wien und Ungarn. Von dort kehrte er, nachdem ihm Minister Cobenzl die diplomatische Carrière, respective das Prakticiren bei der böhmischen Gesandtschaft widerrathen hatte, zu seinen Eltern zurück, vertrieb sich die Zeit mit Waldcultur und Botanik, und kehrte endlich nach nun vollendetem 24. Lebensjahre nach Regensburg zurück, wo er das Subdiaconat nahm und in das Kapitel eingeführt wurde. Von einer später nach Böhmen gemachten Reise zurückgekehrt, trat er zu Anfang 1786 als unbesoldeter Hof- und Kammerrath in die Dienste des Bischofs von Regensburg und übernahm das Referat in Forstsachen. Inzwischen ereignete sich [255] ein Zufall, der später auch für ihn wichtige Folgen nach sich zog. Ein reisender Priester aus München Namens Lanz, wurde nämlich bei einem Spaziergange vom Blitze erschlagen, und als man behufs Feststellung seiner Person die Leiche genau untersuchte, fand man, daß Lanz ein Abgesandter der „Illuminaten“ war, der auch die Liste sämmtlicher Illuminatenlogen in ganz Deutschland bei sich trug. Sofort wurde in Folge dessen ein allgemeiner Kreuzzug gegen die Illuminaten ins Werk gesetzt, und da zufällig einer der Verfolgten im Leseclub zu Regensburg, der auch Sternberg zu seinen Mitgliedern zählte, Aufnahme gefunden, erwuchs daraus auch für letzteren später manche Unannehmlichkeit. Im Juli 1786 unternahm er eine Reise nach der Schweiz, wo er in Zürich die Bekanntschaft der beiden Brüder Lavater[WS 1] machte. In Regensburg sollte inzwischen eine neue Bischofswahl stattfinden. Hiebei kam es zu sehr erbitterten Parteikämpfen, aus denen wie gewöhnlich nur ein dritter, ein von Niemand patronisirter Candidat den Vortheil zog, der zum Bischofe gewählt wurde. Im Monate Juni reiste Sternberg, den dieß Treiben angeeckelt hatte, nach Paris, wo sich schon in einzelnen Zügen die dumpfen Vorboten der großen Revolution ankündigten. Er, sowie die ganze übrige Welt, ahnte damals noch nichts Böses, sondern freute sich über die Fortschritte des menschlichen Geistes, und kam voll Verbesserungsideen im Kopfe, in seine Heimat Böhmen zurück. Hier herrschte damals in Folge der einschneidenden Reformen des Kaisers Joseph, besonders unter dem Adel und der Geistlichkeit, viel Mißvergnügen. Bei der Aufhebung der Abteien kamen mitunter schreiende Vandalismen vor, wie bei dem Verkauf der alten rudolphinischen Kunstsammlung in Prag durch einen Hoffourier, der die Statue des Ilioneus, jetzt die Zierde der Münchener Glyptothek, einem Steinmetz um 18 fl. verkaufte! Die Einräumung der königlichen Burg zu einer Artillerie-Caserne, empörte das ganze Land; auch sonst fehlte es nicht an Anlaß zur Erregung von Mißvergnügen gegen den Kaiser und seine gewiß nur edlen Absichten. In Prag entstand zu dieser Zeit unter der Aegyde des gewesenen Oberstburggrafen Fürsten von Fürstenberg, die böhmische Gesellschaft der Wissenschaften; hier verkehrte nun Sternberg sehr viel mit dem Abbé Dobrowsky [Band III, S. 334] und Johann Mayer [Band XVIII, S. 127, Nr. 59], welche beide wesentlich zur Hebung der Wissenschaften in Böhmen beitrugen. Im November 1787 kehrte der Graf nach Regensburg zurück. Das folgende Jahr, 1788, brachte Sternberg in das Freisinger Kapitel, wo er zugleich in die sogenannte erste Residenz trat und als Hof- und Kammerrath des Bischofs fungirte; im nächsten Jahre besuchte er seine durch den Tod des ältesten Sohnes schwer erschütterten Eltern in Böhmen und kehrte hierauf nicht nach Freising, sondern nach Regensburg zurück. Inzwischen waren die Donner der großen französischen Revolution erdröhnt, alle Briefe, die Sternberg von Paris erhielt, athmeten Angst und Entsetzen, alle, die er von Wien erhielt, sprachen von dem elenden Gesundheitszustande des Kaisers Joseph, und von der Aufregung in allen Provinzen, besonders in den Niederlanden. „Ich verfiel, schreibt der Graf, bald in ein Nervenfieber, das mich des Bewußtseins beraubte, doch meine starke Constitution und ein verständiger [256] Arzt bewältigten das Uebel, so daß ich nach sechs Wochen im Stande war, München zu besuchen“. Im Jahre 1790 starb der Bischof von Freising und die Wahl seines Nachfolgers erfolgte in Form einer reinen Komödie, da der protegirte Candidat noch vor der eigentlichen Wahl vom Bisthume Besitz ergriff. Nach dem kurz darauf erfolgten Tode des Kaisers Joseph, wurde derselbe Bischof auch noch zum kaiserlichen Wahlgesandten erwählt. Sternberg war während dieser Zeit zur Stärkung seiner Gesundheit nach Karlsbad gegangen, doch hier traf ihn die Hiobspost von der lebensgefährlichen Erkrankung seiner Mutter. Er eilte an ihr Krankenlager, fand sie aber schon dem Tode nahe. Am zweiten Tage entschlief sie in seinen und des trostlosen Vaters Armen. Der nun folgende Zeitpunct war ein sehr unruhiger. „Die böhmischen Stände waren in einem ziemlich lauten Landtag versammelt. Kaiser Leopold, der bei dem Antritt der Regierung der Erblande vor allem diese zu beschwichtigen suchte, hatte die letzten Verordnungen Kaiser Josephs zurückgenommen“. Bald darauf fand die Kaiserkrönung in Frankfurt statt, welcher Sternberg beiwohnte. Als er später nach Wien kam, um die Reichslehen zu empfangen, wurde er vom Kaiser Leopold kühl aufgenommen, weil ihn letzterer in Folge einer Namensverwechslung für einen Illuminaten hielt, doch klärte sich das Mißverständniß bald auf, und Sternberg reiste noch im selben Jahre nach Prag zur böhmischen Krönung. „Hier hatte der Druck“, schreibt er, „welchen Kaiser Joseph die Stände hatte empfinden lassen, einen Nationalismus geweckt, der lange geschlummert hatte. Kaiser Joseph, der alles centralisiren wollte, suchte auch die čechische Zunge zu unterdrücken; dieses Palladium der Nationalität läßt sich aber kein Volk rauben. Unverabredet hörte man in den Vorsälen bei Hofe alle, die der Muttersprache mächtig waren, böhmisch sprechen“. Kaiser Leopold starb am 1. März; sein schneller Tod war auffallend; es erfolgten Verhaftungen mehrerer Verdächtiger in Wien. Kaiser Franz trat in die Regierung der Erblande ein, und Ende April erklärten die Franzosen dem Könige von Ungarn und Böhmen den Krieg. Von da an beginnt die lange Kette der kriegerischen Begebenheiten, welche so verhängnisvoll für die Geschicke Deutschlands, ja ganz Europas werden sollten. Sternberg verfolgt dieselben in seinen Memoiren mit großer Aufmerksamkeit, verliert aber dabei den Sinn für Wissenschaft und Kunst nie aus dem Auge. Indessen nahmen die Ereignisse im Westen, einen immer drohenderen Verlauf. Die Durchmärsche mehrten sich in Regensburg mit jedem Tage. Millionenweise wurden die österreichischen Kronenthaler, die noch allgemeiner in Deutschland circulirten, den Armeen zugeführt, die am linken Rheinufer standen. Ehe aber etwas Entscheidendes vorgenommen wurde, hatten die Greuel in Paris ihren Gipfelpunct erreicht. König Ludwigs XVI. Haupt war unter der Guillotine gefallen. Die Nachricht über diese Unthat wurde, wie der Graf in seiner Selbstbiographie berichtet, in einer Gesellschaft bei Graf Hohenthal verbreitet. Alle Anwesenden waren darüber empört, nur der Bischof von Bristol rief mit einem Anschein von Befriedigung aus: „Voila la premiere fois que les Français ont été consequents“. Die Entrüstung der Umstehenden über diesen Cynismus war [257] groß und insbesondere die Frauen gaben ihrem Unwillen über den Sprecher solchen Ausdruck, daß dieser sofort die Gesellschaft und bald darauf auch Regensburg verließ. Die Sommermonate verlebte der Graf in seiner Heimat Böhmen, dem Wechsel des Waffenglückes mit gespannter Aufmerksamkeit folgend, der Zukunft mißtrauend. Das J. 1795, das den Basler Separatfrieden und die letzte Theilung Polens brachte, veranlaßte auch einen Wendepunct im Leben Caspar Sternberg’s. Bisher hatte er den Plan verfolgt, sich zur Würde eines Reichsfürsten und Bischofs aufzuschwingen; nun in Anbetracht der traurigen Lage Europas beschloß er einzig den Wissenschaften zu leben. Ein Zufall brachte die Entscheidung herbei. Auf der Straße begegnet ihm Graf Bray, bayrischer Gesandter in Wien, später Präsident der botanischen Gesellschaft in Regensburg, von einer Excursion mit Professor Duval zurückkommend, einen Busch Pflanzen in der Hand und sprach ihm zu, sich auf Botanik zu verlegen, es sei die angenehmste der Naturwissenschaften. Er sah dies als einen Wink der Vorsehung an, und am nächsten Sonntag nahm er seine erste Lehrstunde, die er dann mit großem Eifer fortsetzte, bis er das Linné’sche System vollständig durchgearbeitet und mit allen europäischen Pflanzen sich bekannt gemacht hatte, worauf er sich mit dem damals Aufsehen erregenden Galvanismus beschäftigte, und unter Leitung eines befreundeten Arztes selbst Curen damit unternahm. Die politischen Ereignisse nahmen inzwischen ihren welthistorischen Verlauf, und Sternberg verfolgt sie in seinen Memoiren mit Aufmerksamkeit. Ein Zusammentreffen mit dem russischen Heerführer Suwarow im Jahre 1799, schildert er in drastischer Weise. Derselbe speiste bei dem Fürsten Taxis und da er Fasten hatte, wurden ihm Fastenspeisen servirt. Er versuchte sie aus der Schüssel und was ihm nicht schmeckte, warf er in die Schüssel zurück und ließ es dann seinen Officieren präsentiren, mit denen er überhaupt nicht viel Zeremonien machte. Die Musik seiner Capelle nennt Sternberg ein „Wunder der Knute“. – Im J. 1800 war Erzherzog Karl in Prag, um die böhmische Legion zu übernehmen, hier machte ihm auch Graf Sternberg, der zu seinem Bruder nach Böhmen gereist war, seine Aufwartung. 1801 erschien er in Salzburg als Deputirter vor Moreau, um eine Ermäßigung der, der Stadt Regensburg auferlegten Kriegscontributionen zu erbitten. Die Begegnung mit diesem berühmten französischen Heerführer schildert der Graf in folgender Weise: „Ich werde mich ewig seiner charakteristischen Gesichtszüge erinnern, als ich ihm in Salzburg vorgestellt wurde. Er war eben im Begriff mit dem Gewehr in der Hand nach Hellbrunn zu fahren, um den letzten Steinbock deutscher Gebirge zu erlegen, als ich ihm mit mehreren Papieren in der Hand entgegentrat, und den Grund unserer Sendung eröffnete. Mit betrübtem Blick sah er nach den Papieren und sagte: „Faudra-t-il, que je lis tour cela“ ? (Wird es nöthig sein, daß ich das Alles lese?) Ich versicherte ihn, daß er gar nichts zu lesen brauche, wenn er nur streichen oder Ziffern ändern wollte, worauf er mich an den General-Quartiermeister verwies, von dem ich dann einen beträchtlichen Nachlaß erhielt.“ – Im Jahre 1802 fand in Regensburg eine Versammlung der Reichsdeputation statt, welche die Entschädigung der weltlichen Stande für ihre [258] Verluste durch Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich festsetzen sollte. Als Opfer wurden hiebei die geistlichen Stände ausersehen, deren Besitzthümer die Compensationsobjecte bilden mußten. Hierüber war Sternberg so indignirt, daß er zu den anwesenden Gesandten sagte: „Ich wünsche, daß die Fürsten, die sich nun ihres Gewinnes freuen, diese Handlung nie bereuen mögen! Wer aber die Antastbarkeit rechtlich erworbenen Eigenthumes factisch anerkennt, hat auch seine eigene Amovibilität mit unterzeichnet!“ – Regensburg, das Domcapitel und Bisthum, kamen 1803 an den Kurfürsten-Erzkanzler von Mainz, Dalberg, der Sternberg zum Vice-Präsidenten des neugeschaffenen Landescommissariats, später bei Auflösung des letzteren zum Präsidenten der Landesdirection ernannte. Im April 1804 erfolgte die Huldigung der Stadt Regensburg; im nächsten Jahre reiste Sternberg, wegen der von Napoleon gewünschten Ernennung eines Koadjutors, mit einer Note des Kurfürsten-Erzkanzlers nach Paris, wo er durch Alexander von Humboldt und General Rumford Gelegenheit fand, mit den berühmten Gelehrten Laplace, Bertholet, Lacépéde[WS 2], Cuvier u. A. zusammenzukommen. Hier erhielt er zugleich den ersten Impuls zum Studium fossiler Pflanzen, in dem er später so Großes leistete. Auch fand er Gelegenheit in Malmaison die Kaiserin Josephine kennen zu lernen, mit der er sich über Botanik unterhielt und von ihr die Erlaubniß bekam, Setzlinge neuholländischer Pflanzen in ihrem Garten zu wählen, während er ihr eine Centurie deutscher Alpenpflanzen verehrte. – Im Jänner 1806 wurde Sternberg nach München berufen, um bei der Trauung des Stiefsohnes von Napoleon, Eugen Beauharnais, mit der Tochter des Königs von Bayern, dem Primas zu assistiren. Am folgenden Tage mußte der ganze bayerische Adel nach einem von Bonaparte vorgeschriebenen Ceremoniell dem Brautpaar und ihm aufgeführt werden. Dieses Ceremoniell beschreibt Sternberg in folgender drastischer Weise: „Unter einem Thronhimmel stand ein Tisch, an welchem der Kaiser in der Mitte zwischen der Königin und der Braut, der König neben der Königin, der Bräutigam neben der Braut saßen. Vor diesem Tische mußten nun zuerst die Damen, dann die Herren vorbeidefiliren und fünf Knickse machen; es war eine der lächerlichsten Hofscenen, der ich je (dem Himmel sei Dank! blos als Zuseher) beigewohnt habe; ich dachte in China zu sein. Der König, damals noch Kurfürst, der alles Ceremoniell in den Tod haßte, wäre dabei beinahe eingeschlafen, hätten nicht ein Paar Damen einander auf die Schleppe getreten, wodurch sie so aus dem Gleichgewicht kamen, daß sie beinahe unter den Tisch gerollt wären“. – Inzwischen war der Plan zur Gründung des Rheinbundes herangereift, und der Erzkanzler Dalberg wurde aufgefordert, demselben beizutreten. Dieser, unschlüssig und zaghaft, ließ sich zu diesem Schritte bestimmen, und damit war auch sein Schicksal besiegelt. In Folge dessen sah sich auch Sternberg veranlaßt, aus den politischen Geschäftsverhältnissen mit dem Erzkanzler zu scheiden und seine Entlassung zu nehmen, die ihm letzterer auch mit schwerem Herzen bewilligen mußte. Sein Leben war von nun an fast ausschließlich den Wissenschaften und der Kunst gewidmet; vom politischen Leben hielt er sich fast [259] gänzlich fern, und berührt daher auch die Scenen der großen welthistorischen Tragödie, die sich nun weiter vor seinen Augen entwickelte und abspielte, in seinen Memoiren nur insoferne, als sie auch in seine Privatverhältnisse eingriffen oder doch mittelbar auf dieselben Einfluß nahmen. Während der Wintermonate 1807 beschäftigte sich Graf Caspar Sternberg vornehmlich mit galvanischen Versuchen zur Herstellung des Kalimetalls, später mit botanischen Arbeiten; im September reiste er in Gesellschaft von Freunden in die Grafschaft Werdenfels, um die Temperaturveränderungen eines Alpenbaches von seinem Ursprunge bis zu seiner Mündung auszumitteln. 1808 begann er in seinem von ihm zu einer Art wissenschaftlicher Akademie umgestalteten Gartensalon dreimal der Woche Vorlesungen über die Physiognomie der Pflanzen nach Alexander von Humboldt zu halten, welche zahlreich besucht waren, machte später Excursionen nach Kärnten, um die dortigen Alpen in Gemeinschaft mit seinem Bruder zu studiren und reiste, als dieser letztere bald darauf plötzlich starb, tief erschüttert nach Březina in Böhmen, um seine durch den Tod des Bruders in Zerrüttung gerathenen Familienverhältnisse zu ordnen. – Im Jahre 1809, knapp vor Ausbruch des Krieges, eilte Sternberg nach vorläufiger Ordnung seiner Erbschaftsangelegenheiten nochmals nach Regensburg und traf Anstalten zu seiner dauernden Uebersiedlung nach Böhmen. Kurz nachdem dies geschehen war, wurde Regensburg bornbardirt und von den Franzosen eingenommen, bei welcher Gelegenheit das schöne Gartenhaus Sternberg’s arg hergenommen wurde. Dagegen war seine Pflanzensammlung und Bibliothek durch die Sorgfalt eines Freundes gerettet worden. Die Jahre 1810, 1811 und 1812 berührt Graf Sternberg in seiner Biographie nur flüchtig; er hatte nach der Uebergabe Regensburgs an Bayern auf das bisher von ihm innegehabte Präsidium der Sustentationscasse der überrheinischen Geistlichkeit resignirt, vom Fürsten-Primas Abschied genommen und hatte sich endlich in seinem 50. Jahre inmitten der ihn umwogenden Kriegsstürme häuslich in Böhmen niedergelassen, um den Wissenschaften zu leben. Die Freudendonner des 21. October 1813, welche die frohe Botschaft von dem Siege bei Leipzig verkündeten, rüttelten auch ihn aus seinem Stillleben auf und im ersten Ausbruch der Freude bereitete er zur Feier des Tages ein kleines Fest mit Illumination und Feuerwerk, sowie einen Ball in der Ruine von Alt-Březina, wozu er alle Nachbarn einlud. Im J. 1814 machte er einige kleine Reisen, unter anderm auch nach Gratz, um die Einrichtungen des dortigen Johanneums kennen zu lernen. Schon damals faßte er den Vorsatz, seine reichen Sammlungen, um sie vor Verschleuderung zu bewahren, seinem Vaterlande zu widmen und sprach auch darüber mit dem Oberstburggrafen Grafen Kolowrat-Liebsteinsky, der diesen Vorsatz mit patriotischem Eifer unterstützte. Im October bekam er den Besuch einiger befreundeten Botaniker aus Regensburg, mit denen er den Plan besprach, einen botanischen Congreß zu veranstalten und die Denkschriften der Regensburger botanischen Gesellschaft herauszugeben. Schon im December vollendete Sternberg selber seine erste Abhandlung für diese Denkschriften und zwar über den gegenwärtigen Zustand der botanischen Wissenschaft und die [260] Nothwendigkeit, das Studium derselben zu erleichtern und schloß mit folgenden, für die Geschichte der wissenschaftlichen Congresse so wichtigen Worten: „Auf welchem Wege, wird man fragen, ist eine allgemeine Uebereinstimmung der Botaniker zu bezwecken? Ich antworte: Auf dem nämlichen, auf welchem alle Gegenstände. über die kein Einzelner zu entscheiden das Recht hat, geschlichtet werden: durch einen Congreß. Wir haben in öffentlichen Blättern gelesen, daß eben zu jener Zeit, wo die Mächtigen der Erde, die Befreier Deutschlands, die Befriediger Europas sich in Wien versammelten, um den Nationen eine dauerhafte Ruhe zu sichern, die Astronomen in Italien sich vereinigten, um verschiedene Gegenstände dieser so wichtigen Wissenschaft zu berichtigen; warum sollte ein ähnliches Unternehmen unter den Botanikern nicht möglich sein? Zum Orte der Versammlung müßte nothwendiger Weise ein solcher gewählt werden, wo große Botaniker, reichhaltige Gärten, zahlreiche Bibliotheken und Herbarien vorhanden sind, z. B. Wien, Berlin, Göttingen, München etc. Die Zeit wäre der Monat September, wo die Botaniker, welche zugleich Vorsteher botanischer Gärten oder Professoren sind, leichter abkommen können“. – Bevor jedoch diese Abhandlung in Regensburg gedruckt erschien, war Bonaparte schon wieder aus Elba entflohen, und Europa verwandelte sich abermals in ein großes Kriegslager. Sternberg schreibt: „Meine Stimme verhallte im Sturme der bewegten Zeit, doch der Gedanke ging, wie keiner, der laut ausgesprochen worden, nicht verloren. Er wurde von Steudel im zweiten Hefte eben dieser Zeitschrift wieder aufgenommen und besprochen, endlich von Oken durch die „Isis“ verbreitet und in einer großartigen Form durch die Versammlung deutscher Naturforscher verwirklicht.“ Im Jahre 1816 unternahm der Graf eine Reise zu seinen Freunden nach Deutschland, wo er in Regensburg auch den Fürst-Primas besuchte; später erhielt er zu Březina den Gegenbesuch einiger derselben, mit denen er einen Ausflug nach dem damals in der ersten Entwicklung begriffenen Marienbad machte. Von dem kränkelnden Bergmeister Lindacker erstand er eine schöne Mineraliensammlung, die er mit seiner eigenen vereinigte und unter dem Namen „Sternberg-Lindacker’sche Sammlung“ einem öffentlichen Institute in Böhmen widmen wollte. Březina war inzwischen zu einem ganz artigen Museum erwachsen und wurde auch von Reisenden besucht; da es jedoch zu abseits lag, um gemeinnützig wirken zu können, nahm Sternberg seinen Plan zur Errichtung eines National-Museums wieder auf, verschob dessen Ausführung aber über Anrathen des Oberstburggrafen auf das nächste Jahr, um inzwischen noch einige gelehrte Abhandlungen für die böhmische Gesellschaft der Wissenschaften vollenden zu können. Am Schlusse des Jahres kam er nach Prag, wo er bei seinem Vetter, Grafen Franz Sternberg, als Mitglied der Familie liebreich aufgenommen, viele angenehme Jahre verlebte und bis zum Tode des letzteren (1830) verblieb. Im J. 1818 gewann endlich die Idee eines böhmischen Nationalmuseums Leben und Gestalt. Der Oberstburggraf Graf Kolowrat unterstützte diese Idee aufs Wärmste und erließ am 15. April 1818 einen Aufruf, in welchem der Plan kurz entwickelt und zu Beiträgen eingeladen wurde. Dort heißt es: „Das vaterländische [261] Museum soll alle, in das Gebiet der National-Literatur und National-Production gehörigen Gegenstände in sich begreifen, und die Uebersicht alles dessen vereinen, was die Natur und der menschliche Fleiß im Vaterlande hervorgebracht haben.“ Zu gleicher Zeit wurde ein provisorischer Ausschuß gebildet, welcher unter Vorsitz des Oberstburggrafen die Geschäfte führen sollte, bis die Seiner Majestät vorzulegenden Statuten ihre Sanction erhalten haben werden. Die Theilnahme für das neue Unternehmen war in allen Ständen eine sehr rege, doch übergab Graf Sternberg erst, als ein passendes Local ausgemittelt und der Bestand des Museums gesichert war, was im Jahre 1822 der Fall war, seine Sammlungen und seine Bibliothek förmlich dem Museum. In den Jahren 1819, 1820 und 1821, machte der Graf einige kleine Reisen und wissenschaftliche Excursionen, mußte im letzten Jahre in Folge eines Sturzes vom Pferde auch mehrere Wochen das Bett hüten und dann auch noch längere Zeit auf Krücken gehen. Im J. 1821 traf er in Teplitz mit dem als Mäcen der deutschen Dichter hochberühmten Großherzog von Weimar zusammen, der ihn in seine Residenz einlud, um die Bekanntschaft mit Goethe zu vermitteln, welche durch Zufälligkeiten in Karlsbad mehreremal verfehlt worden. Dieser Einladung konnte Sternberg nicht so bald, als er es wünschte, Folge leisten, doch führte schon im nächsten Jahre ein günstiger Stern ihn mit dem Altmeister Goethe in Marienbad zusammen, wo sie beide unter einem Dache wohnten. Graf Caspar theilt über das erste Zusammentreffen Folgendes mit: „Die Steine der Umgegend, welche Goethe’s Zimmer erfüllten, waren die ersten Vermittler; bald aber wurden die wichtigeren Momente unserer beiderseitigen Lebensfahrt durchgesprochen, die Gegenwart überblickt und wir fühlten, daß wir uns näher angehörten. Wir speisten Mittags und Abends an demselben Tische, fuhren öfter zusammen spazieren und blieben nach dem Nachtessen noch stundenlang auf seinem Zimmer.“ In den letzten Tagen kamen beide auch noch mit Berzelius und dem berühmten Reisenden Pohl [Bd. XXIII, S. 28] zusammen, mit denen sie dann gemeinschaftlich wissenschaftliche Excursionen in die Umgegend machten. In dasselbe Jahr fällt auch die förmliche Uebergabe der Sternberg’schen Sammlungen sowie der Bibliothek an das neugeschaffene Museum in Prag. Er verzeichnet diesen Act in seiner Biographie mit folgenden Worten: „Ich schmeichle mir durch diese Entäußerung meinem Vaterlande einen Dienst geleistet zu haben, dessen Erfolge ich nicht erleben werde. Denn nur durch ein solches Institut war es möglich, die Bruchstücke unserer Geschichte zu sammeln und aufzubewahren und ein neues Leben in den Naturwissenschaften zu erwecken. Möge die kraftvolle Jugend, die nun emporstrebt, auch den Gedanken auffassen, daß der Werth und das Glück der Nationen auf der Grundlage ihrer Intelligenz und Moralität beruht!“ Die nächsten Jahre füllten theils naturhistorische Reisen, theils kleinere Besuche und Excursionen aus; im Jahre 1824 kam er auch nach Weimar, wo er Goethe besuchte und sich einer höchst liebreichen Aufnahme zu erfreuen hatte. Dabei vergaß er seiner Schöpfung, des böhmischen Museums, nicht, mit rastlosem Eifer strebte er die Sammlungen desselben zu bereichern und durch neue Zweige zu erweitern. [262] Im Jahre 1826 wurde er zum Präsidenten der ökonomischen Gesellschaft des Königreiches Böhmen erwählt und nahm später an der Naturforscherversammlung in Dresden Theil, wo er viele neue und interessante Bekanntschaften machte. Von da aus faßte er auch den Plan, das Naturstudium durch Verallgemeinerung dieser Versammlungen gewissermaßen zum Gemeingute Aller zu machen, und auch Berlin und Wien in den großen ganz Deutschland umfassenden Naturforscherverein einzubeziehen, was ihm auch elf Jahre später nach rastlosem Streben gelang. Im Jahre 1827 hatte sich bereits in Prag eine Aktiengesellschaft gebildet, um eine Eisenbahn von Prag nach Pilsen zu erbauen. Dieselbe wählte den Grafen Sternberg zu ihrem Präsidenten. Doch gelang es nicht die schöne Idee zur Ausführung zu bringen, da die nöthigen Fonds nicht herbeigeschafft werden konnten. In demselben Jahre unternahm auch Sternberg einige weitere Reisen, unter anderm nach Berlin, wo er mit Humboldt und Leopold von Buch zusammentraf und mit ihnen den Plan besprach, eine Vereinigung der nord- und süddeutschen Naturforscher anzubahnen. In der That kamen auch schon im selben Jahre fast sämmtliche deutschen Naturforscher in München zusammen und wählten als nächsten Zusammenkunftsort Berlin. Im folgenden Jahre reiste er nach Wien, um die Betheiligung der österreichischen Naturforscher an der Berliner Versammlung zu betreiben, kam dann mit Alexander von Humboldt in Prag und Teplitz zusammen, konnte aber, durch eine gefährliche Krankheit verhindert, an der Versammlung in Berlin nicht persönlich theilnehmen, was ihn sehr schmerzte. Im nächsten Jahre fand die Naturforscherversammlung in Heidelberg statt und da betheiligte sich der Wiedergenesene mit allem Eifer an derselben. Die nächste Versammlung fand in Hamburg, und erst die im Jahre 1832, zur großen Befriedigung Sternberg’s, in Wien statt. Die Ereignisse der Jahre 1830 und 1831 waren der Entwicklung der Wissenschaft nicht sehr günstig; nichtsdestoweniger unterhielt der bereits 72jährige Greis einen lebhaften wissenschaftlichen Verkehr mit fast allen hervorragenden Gelehrten Deutschlands, betheiligte sich an allen Zusammenkünften und entwickelte überhaupt eine Regsamkeit, die von dem großen Geiste Zeugniß gibt, der in dem bereits gebrechlichen Körper wohnte. Denn das Alter machte sich merklich fühlbar. Trotz seiner zunehmenden Schwäche bleibt er dennoch geistig frisch und rastlos thätig auf dem Gebiete der Forschung und der Wissenschaft. Er macht wissenschaftliche Reisen nach Ungarisch-Altenburg, Karlsbad, München, Nürnberg etc., besucht die Naturforscherversammlung in Breslau und arbeitete daheim mit großem Fleiße an wissenschaftlichen Abhandlungen. Im Jahre 1836, nachdem er die Königskrönung in Prag „glücklich überstanden.“, wie er schreibt, reiste er nach Jena, wo diesmal die Naturforscherversammlung stattfand. Dort wirkte er mit allem Eifer dahin, daß als nächster Zusammenkunftsort Prag bestimmt werde und es gelang ihm dies auch. Am 29. August 1837 reiste der nun 76jährige Sternberg nach Prag, um die Anordnungen zur Aufnahme der fremden Gäste zu treffen und wurde hierin vom Stadtmagistrat und der Bürgerschaft auf das Kräftigste unterstützt. Am 12. September trat schon das Bureau zusammen und in den Tagen vom 14. bis 18. September [263] füllten sich die bestellten Quartiere und Gasthöfe mit Naturforschern aus ganz Deutschland, die trotz der aufgetauchten falschen Nachricht vom Ausbruche der Cholera in Prag sich nicht abhalten ließen, sich zahlreich bei der Versammlung zu betheiligen. Graf S. hielt trotz seines hohen Alters in klarer und ausdrucksvoller Sprache die Eröffnungsrede, und am Tage des königlichen Gastmahles auf dem Prager Schlosse, trank er auf die Gesundheit des Kaisers in folgenden Worten: „Der heutige Tag erweckt in unseren dankbaren Gemüthern die Erinnerung an den 25. September 1832, wo die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte, auf Anordnung des allgemein verehrten unvergeßlichen Kaisers, Franz I. in Laxenburg auf das gastfreundlichste aufgenommen und bewirthet wurde. Jener 25. September, an welchem mir die Ehre geworden war, dem Naturforscher auf dem Throne, unter dessen mildem Scepter die Völker ruhig unter ihrem Weinstock und ihrem Feigenbaum wohnen, die Huldigung der Anwesenden auszusprechen, und der heutige, der uns in dieser Königsburg versammelt, sind zwei wichtige Epochen in der Geschichte der deutschen Naturforscher und Aerzte. Kaiser Franz hat das vereinende Band um Deutschlands Naturforscher in Wien geschlungen, Kaiser Ferdinand hat es in Prag fester geknüpft. Die kalte polarische Theilung ist verschwunden, Nord und Süd, Ost und West sind in einander verschmolzen: es gibt nur Ein Deutschland, wie nur Eine Naturforschung, wenngleich sie den ganzen Erdball umfängt, – und mir ist gegönnt noch vor meinem Ende die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches zu schauen, und dem Sohne, der den Fußstapfen seines Vaters folgend, das große Vereinigungswerk vollendet hat, im Namen der deutschen Naturforscher und Aerzte, den tief gefühlten und richtig erkannten Dank zu bringen. Kaiser Ferdinand I. von Oesterreich lebe hoch!“ – Am 16. December desselben Jahres reiste Sternberg zum letzten Male nach Regensburg und am St. Sylvesterabend schloß er seine biographischen Aufzeichnungen mit den Worten: „Das klimacterische Jahr (77) ist geschlossen, das Ende meines Altersjahres ist nahe. Vieles hat der Herr gegeben, Vieles hat er genommen: der Name des Herrn sei gebenedeiet!“ – Im December 1838 wurde Graf Caspar Sternberg bei einer Jagdgesellschaft von einem Schlaganfalle getroffen, der sich am Abende wiederholte und das in ihm noch schlummernde Lebenslicht schließlich ganz verlöschte. Am 20. December um 10 Uhr Abends hatte sein großer Geist die sterbliche Hülle verlassen, und einer der edelsten, größten und bedeutendsten Männer, nicht nur seines engeren Vaterlandes Böhmen, sondern Oesterreichs überhaupt, hatte seine Seele ausgehaucht. Wir schließen diese Skizze, die strenge seinen eigenen Aufzeichnungen gefolgt ist, mit einem Umriß seiner äußeren Erscheinung und einer Uebersicht seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Graf Caspar Sternberg war von hoher, kräftiger, imposanter Gestalt, dabei von edler Haltung, und noch im hohen Alter immer gerade und fest auftretend. Seine ganze Persönlichkeit offenbarte sich nicht minder edel als die des Grafen Franz Sternberg, doch unterschied sie sich durch vorherrschenden Ernst, durch Kraft und Würde, welche sein ganzes Wesen beherrschen. Sein kahler Kopf mit den stark ausgesprochenen und doch regelmäßigen Zügen, [264] erinnerte an die antiken Büsten so mancher Philosophen alter Zeit. Sein Mienenspiel war weniger beweglich, aber in Verbindung mit dem feurig strahlenden Auge und scharf markirten Munde, sehr ausdrucksvoll.“ Die Titel der von dem Grafen theils selbständig herausgegebenen, theils in fachwissenschaftlichen Sammelwerken herausgegebenen Abhandlungen sind: „Galvanische Versuche in manchen Krankheiten; herausgegeben mit einer Einleitung und in Bezug auf Erregungstheorie von J. U. G. Schäffer“ (Regensburg 1803, Kayser); – „Reisen in den Rhätischen Alpen, vorzüglich in botanischer Hinsicht im Sommer 1804 und eine botanische Wanderung in den Böhmerwald.“ Mit Tabl. (Nürnberg 1806, Monath und K., 8°.); – „Botanische Wanderungen im Böhmerwald“ (Nürnberg 1806, 8°.); – „Reise durch Tirol in die österreichischen Provinzen Italiens im Frühjahr 1804.“ Mit 4 KK. (Regensburg [Wien]1806; 2. Auflage 1811 [Calve in Prag], gr. 4°.); – „Revisiones saxifragarum iconibus illustratae“ (Ratisbonae 1811; neue Aufl. 1820 [Prag, Calve], Fol. maj.); – „Supplementum“ Decas I. et II. Mit 26 illum. Kupfern (Ratisbonae 1822, 1831, Fol. maj.. Das ganze Werk 52 Thaler); – „Versuch einer geognostisch-botanischen Darstellung der Flora der Vorwelt; Essai d’un exposé geogn.-botanique de la flore etc. trad. par le comte F. G. de Bray.6 Hefte jedes mit 13 KK. Französisch und Deutsch (Prag 1820–1833, Museum, [Leipzig, Fr. Fleischer], gr. Fol., 44 Rthl.); – „Abhandlung über die Pflanzenkunde in Böhmen“ zwei Abtheilungen (Prag 1817, 1818 [Calve] gr. 8°.); – „Catalogus plantarum ad septem varias editiones commentariorum Mathioli in Dioscoridem. Ad Linnaei systematis regulas elaboravit“ (Prag 1821, Calve, Fol. maj.); – Dasselbe, in deutscher Sprache (ebd. 1821, gr. 4°.); – „Ueber die baumartigen Ueberreste der Vorwelt, welche sich in Steinlagern finden“ 1. Heft (Leipzig 1820); – In den „Schriften der königl. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften“: „Beschreibung und Untersuchung einer merkwürdigen Eisengeode (Hausmann’s dichter thonigter Sphaerosiderit), welche auf der Herrschaft Radnitz im Pilsener Kreise gefunden wurde“ [1816, Bd. III, Nr. 5, mit 4 Abbildungen], erschien auch im Sonderabdrucke; – „Ueber einige Eigenthümlichkeiten der böhmischen Flora und die klimatische Verbreitung der Pflanzen der Vorwelt und Jetztwelt“ [1825, Bd. IV, Nr. 1], erschien gleichfalls im Sonderabdrucke (Regensburg 1829); – In den „Denkschriften der botanischen Gesellschaft zu Regensburg“: „Ueber den gegenwärtigen Standpunct der botanischen Wissenschaft und die Nothwendigkeit, das Studium derselben zu erleichtern“ [1815] – auch enthalten die genannten Denkschriften verschiedene kleinere Aufsätze mit botanischem Inhalt aus der Feder des Grafen. Schließlich besorgte er die Herausgabe der lateinischen Uebersetzung von Presl’s Beschreibung der Asklepiaden von Brown, welche unter dem Titel: „Asclepiadeae recensitae ex idiomate anglico transtulit C. B. Presl (Prag 1819, Calve, 8°.) erschienen ist. Vor wenigen Jahren erst, im Sommer 1868 wurde zu Ober-Stupno bei Radnitz die Gedächtnißfeier des Grafen Caspar unter großer Theilnahme der Bevölkerung begangen. Banderien, Bergknappen, Gewerbegenossenschaften, Musik- und Gesangvereine, Sokole, das Radnitzer Schützencorps, [265] Deputationen des Museums, mehrere Gemeinden u. s. w. hatten daran Theil genommen. Dechant Caspar und Franz Palacký, hielten am Grabe Reden. Zahllose Kränze, darunter einer des heutigen Chefs des Hauses, des Grafen Zdenko und seiner Gemalin, bedeckten das Grab dieses Cavaliers von Gottes Gnaden, welche Species, wie es den Anschein hat, sich auf dem Aussterbeetat befindet. – Der Vollständigkeit wegen sei noch bemerkt, daß Graf Caspar Mitglied vieler heimatlicher und auswärtiger, gelehrten Gesellschaften und Vereine gewesen, unter denen wir nur die „kön. bayr. Akademie der Wissenschaften“ zu München und die „königliche Akademie der Wissenschaften“ zu Berlin, namentlich anführen. Kaiser Franz aber hatte den gelehrten Cavalier mit dem Großkreuze des Leopoldordens geschmückt. Die Naturwissenschaft ehrte gleichfalls das Andenken desselben in mehrfacher Weise: in der fossilen Botanik finden wir eine Sternbergia (Artisia); in der Botanik heißt eine Pflanze aus der Gattung der Narcisseae Amaryllidaea, ein in Südeuropa und auf dem Kaukasus wachsendes, in mehreren Arten als Zierpflanze vorkommendes Zwiebelgewächs, Sternbergia, und in der Mineralogie hat Haidinger einen siderischen Lamprochalcit. der bei Joachimsthal, Johanngeorgenstadt und Schneeberg gefunden wird, Sternbergit genannt.

Leben des Grafen Caspar Sternberg, von ihm selbst beschrieben, nebst einem akademischen Vortrag über der Grafen Caspar und Franz Sternberg’s Leben und Wirken für Wissenschaft und Kunst in Böhmen. Zur fünfzigjährigen Gründung des böhmischen Museums herausgegeben von Dr. Franz Palacký (Prag 1868, Friedrich Tempsky). – Briefwechsel zwischen Goethe und Caspar Graf von Sternberg (1820–1832). Herausgegeben von F. Th. Bratranek (Wien 1866, Wilhelm Braumüller, gr. 8°.). [Dieser Briefwechsel, welcher über achtzig Nummern umfaßt, ist Eigenthum des böhmischen Museums, er reicht bis zum Tode Goethe’s, wirft interessante Streiflichter auf die Beziehungen Goethe’s zu den geistigen Bestrebungen Böhmens in jener Zeit, namentlich der Aristokratie und gibt sehr pikante Aufschlüsse über Goethe’s letzte Lebenstage. Die Herausgabe des für die Culturgeschichte überhaupt und die Lebensgeschichte zweier großer Menschen wichtigen Briefwechsels erfolgte auf ausdrückliche Bevollmächtigung des preußischen Legationsrathes Wolfgang Freiherrn von Goethe, des Enkels des unsterblichen Dichters.] – Abhandlungen der königlich böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften (Prag, 4°.). Fünfte Folge. II. Bd.: „Des Grafen von Sternberg Wirken für Wissenschaft und Kunst“. Geschildert von Franz Palacký. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1839, Beilage Nr. 7 und 8 und 1866, Nr. 280–286. – Der Adler (Wiener Blatt, gr. 4°.). Herausgegeben von Dr. A. J. Großhoffinger, 1839, Nr. 16 und 17: „Den Manen des Grafen Caspar von Sternberg“. Von med. Dr. Friedrich Welwitsch. – Prager Zeitung 1868, Nr. 150–167, im Feuilleton: „Leben des Grafen Caspar Sternberg.“ – Tagesbote aus Böhmen (Prager polit. Blatt) 1868, Nr. 165–167, im Feuilleton. – Politik (Prager polit. Blatt) 1868, Nr. 165 und 166, im Feuilleton: „Graf Caspar Sternberg“. – Lotos (Prager naturwissenschaftliches Blatt, 8°.) 1852, S. 187: „Caspar Graf Sternberg“. Von Dr. Weitenweber. – Literaturblatt der „Presse“ (Wien, 4°.), Redacteur Emil Kuh. 1866, Nr. 14: „Goethe’s Beziehungen zu Graf Caspar Sternberg“. – Literarische Beilage der Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen (Prag, gr. 8°.) VII. Jahrg. (1868), S. 1. – Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur und Theater (Wien, gr. 8°.) 12. und 13. Jänner 1839, Nr. 6 und 7: „Caspar Graf von Sternberg. Nekrolog“. Von L. F. Fitzinger. – Dieselbe 17. Jänner 1839: „Begegnungen. Von Ludwig August Frankl. I. Des Grafen Caspar Sternberg Ansicht über Goethe, den Naturforscher“. [266] [Dieser Aufsatz Frankl’s ist wieder gedruckt in seinen „Sonntagsblättern“ (Wien, 8°), 1842, Nr. 40.] – Wissenschaftlich Beilage der Leipziger Zeitung. 1866, Nummer 97 und 98. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilung, Bd. X, S. 323, Nr. 4. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 165. – Erinnerungen (Prager Unterhaltungsblatt, 4°.) 1840, S. 114 „Katafalk Sr. Excellenz des Grafen Caspar von Sternberg“. Mitgetheilt von F. C. von Watterich. – Světozor (Prager illustrirtes Blatt, Fol.) 1867, Nr. 36. – Narod, d. i. Die Nation (Prager polit. Blatt) 1844, Nr. 51: „Hlas anglicky o muži našem“, d. i. Englische Stimmen über Böhmens Männer – Slavin (Pantheon.), Sbírka podobizen autografů a životopisů přednich mužů českoslovanských, d. i. Slavin. Sammlung von Bildnissen, Autographen und Lebensbeschreibungen denkwürdiger čechisch-slavischer Männer (Prag 1872, Bartel, 8°.) Bd. II, S. 211.
Porträte. 1) Unterschrift: „Graf Kaspar Sternberg“. G. Döbler sc. (8°.). – 2) Unterschrift: „Hrabě Kašpar ze Sternberka“. Gezeichnet von K. Maixner, in Holz geschnitten von V. Mara. – 3) Facsimile des Namenszuges: „G. K. Sternberg“. Trefflicher Holzschnitt von Bartel oder doch aus seiner Anstalt in Prag (8°.). – 4) Auf einem Blatte gemeinschaftlich mit Rakoczy, Pazmany, Moreau, Kleber und Harrach (kl. 8°., Stahlstich von Carl Mayer’s Kunstanstalt in Nürnberg, Verlag von C. A. Hartleben in Pesth). – 5) Lithographie ohne nähere Angaben (4°.) [in der Porträt-Gallerie österreichischer Aerzte und Naturforscher]. – Abbildung seines Katafalks. C. A. Tschuppik, grav. Steindruck von C. W. Medau in Leitmeritz.
Medaillen. 1) Avers Linksgekehrter Kopf. Umschrift: „CASP.(arus)COM.(es)STERNBERG.MUSAEI.BOH.(emici)PRAESES“. Unterschrift: „NAT.(us) VI. IAN.(uarii) MDCCLXI“. Einseitige Medaille in Silber, vier Loth: auch in Bronze. – 2) Avers. Rechtsgekehrter Kopf, darunter: Loos D. König F.“. Umschrift: „CASPARUS COMES STERNBERG“. Unterschrift: „NAT.(us) PRAGAE VI. JAN.(uarii) MDCCLXI“. Revers. Innerhalb eines Blumenkranzes: „NATURAE | ET | FLORAE | UTRIUSQUE | SCRUTATOR | INDEFESSUS“ Medaille in Silber, 15/8Loth; auch in Kupfer.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Diethelm und Johann Caspar Lavater.
  2. Bernard Germain Étienne Médard de La Ville-sur-Illon, comte de La Cépède (Wikipedia).