Löhe, Thomasius, Harleß/II. Gottfried Thomasius

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II.
Gottfried Thomasius.

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| |  Gottfried Thomasius, einer der bedeutendsten lutherischen Theologen des 19. Jarhunderts, als Dogmatiker und Dogmenhistoriker gleich ausgezeichnet, eine Persönlichkeit voll christlicher Tiefe, Lauterkeit und Wärme, ist am 26. Juli 1802 in Egenhausen im bayerischen Franken geboren. Er stammte in direkter Linie von dem berühmten Rechtslehrer Christian Thomasius ab; mit ihm erlosch der protestantische Zweig dieses Geschlechts, da Thomasius wol zwei Töchter, aber keinen Son hinterließ. Das evangelische Pfarrhaus „mit seiner Poesie, seiner Not, seinem Segen“, war nicht bloß Thomasius Heimat, sondern hat ihm auch Geistesrichtung und Charakterentfaltung vorgezeichnet. Seinen Ursprung aus dem evangelischen Pfarrhaus hat Thomasius auch als akademischer Lehrer nie verleugnet. Thomasius’ Vater, späterhin zum Dekan erhoben, dann wider in den einfachen Pfarrstand zurückgetreten, war ein überaus würdiger, pflichttreuer, namentlich auch als langjäriger Vertreter des geistlichen Standes innerhalb der bayerischen Ständekammer verdienter Mann. Er war nicht unbeeinflusst von der kirchlichen Strömung der Zeit, nicht zu den Erneuerern des kirchlichen Lebens gehörig, aber auch der herrschenden flachen Aufklärung abhold, und wandte sich später mehr und mehr einem entschiedenen Supernaturalismus zu. In der Mutter, die selbst wider einem Pfarrhaus entstammte, waltete der Geist inniger, praktischer, aus Gottes Wort und den Liedern der Kirche genärter Frömmigkeit. Thomasius hat seinem Vater in der Schrift: „Das Wiedererwachen des evangelischen Lebens in der lutherischen Kirche Bayern’s“, der Mutter in der von ihm gehaltenen Grabrede selbst ein Denkmal kindlicher Pietät gesetzt. „Wenn ich sie so in ihren Liedern reden und beten hörte“, sagt er in| letzterer, „hat sie mich oft erinnert an das Wort des Psalmisten: Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt“. Thomasius hat vom Elternhause das Erbe der Pflichttreue, der Gottesfurcht und einer kirchlich geprägten Frömmigkeit angetreten und dies Erbe hinübergeleitet in seine äußere und innere Lebensentwicklung, die ungeachtet der Verflochtenheit in die tiefen Gegensätze der Zeit und den Übergang vom Alten zum Neuen etwas sehr Ruhiges, Stetiges, in sich Harmonisches hatte.

 Bis zum 16. Jare hat der kenntnisreiche, in den Alten wolbewanderte Vater den Son selbst unterrichtet. Von da bis zur Universität weilte Thomasius auf dem Gymnasium in Ansbach. Mit großer Liebe nahm sich hier Christian Bomhard, ein eminenter Schulmann, Bruder der beiden Theologen Bomhard, deren Name mit der Geschichte der Erneuerung der bayerischen Landeskirche tief verwachsen ist, seiner an; Bomhards pädagogischer Blick erkannte bald des strebenden Jünglings Gabe und fürte ihn tiefer in das Reich der Geschichte und bereits auch der Philosophie ein. Thomasius blieb Bomhard trotz aller Charakterverschiedenheit für immer innigst verbunden. Von bedeutendem Einfluss war auf Thomasius auch dessen späterer Schwiegervater, Kirchenrat Lehmus, in dem von ihm am Gymnasium erteilten Religionsunterricht. Dieser merkwürdige Mann hatte sich unter eigentümlichen Kämpfen und Gärungen, nicht one Hilfe der Schellingschen Philosophie, zum evangelischen Kirchenglauben voll durchgearbeitet und besaß die Gabe persönlicher Einwirkung in hohem Maße. In der Traurede, die er Thomasius später, am 9. Juni 1830, als seinem Schwiegersone hielt, redete er ihn mit den Worten an: „mit Freuden nannte ich dich einst meinen Schüler“.

 Im Jare 1821 begann Thomasius zu Erlangen sein Universitätsstudium, setzte es nach ein und einem halben Jare in Halle fort und schloss es nach drei hier verbrachten Semestern in Berlin, wo er noch ein Jar weilte. In Erlangen war die Anregung eine geringere; am meisten verdankte Thomasius dem grundgelehrten Kirchenhistoriker Engelhardt; Kraffts Stunde war damals noch nicht gekommen. Umsomehr kann man aus Briefen an das Elternhaus wärend des Aufenthalts in Halle und Berlin das zielbewusste| Ringen nach einer sichern religiösen Überzeugung, das Wachstum inneren Lebens in Verbindung mit einem mächtigen Warheitstrieb, einer hohen Begeisterung für die theologische Wissenschaft und dem ernstesten Erfassen ihrer Probleme bei Thomasius verfolgen. In Halle wurde er von dem dort vorherrschenden Rationalismus nur abgestoßen, dagegen von dem ehrwürdigen Knapp um so mehr angezogen: „Durch Knapp ist mir in dem Feld der Exegese ein neues Licht aufgegangen“, schreibt er an seinen Vater. Das Bibelstudium ist ihm der wichtigste Teil der Theologie, die Bibel des Supernaturalismus feste Stütze. Aber zugleich meint er, die exegetischen, historischen und kritischen Angriffe der Gegner lassen sich widerlegen, nicht so leicht die philosophischen. Ihnen rückte er in Berlin näher. Man kann fragen, wer mehr auf ihn wirkte, Schleiermacher, „ein ganz kleines Männchen, die Augen voll Feuer“, wie er ihn nennt, oder Hegel; der Einfluss des ersteren zeigt sich in der ganzen Anlage seiner Dogmatik, der des zweiten in seiner dogmenhistorischen Methode. Auch Marheineke hielt er hoch. Neanders universelle Auffassung des Christentums erfasst ihn sichtlich, nur betont er ihm das persönlich Christliche fast zu viel. Tholuck, den er schon in Halle vorübergehend kennen gelernt hatte, trat er für sein ganzes Leben nahe. An der pantheistischen Seite des Schleiermacherschen Systems nahm Thomasius schon damals entschiedenen Anstoß, wärend andererseits ihm das Streben der damaligen Philosophie, das Christentum, welches die frühere zu antiquiren sucht, spekulativ zu konstruiren, imponirte; aber nicht „als den Messias der Philosophie, wol aber als einen Johannes Baptista“ betrachtete er auch jene. Mit aller Stärke spricht er sich aber zugleich gegen eine in jener Zeit zu Berlin stark vertretene mystisch-pietistische und separatistische Richtung aus. „Meiner Meinung nach“, äußert er sich, „ist das Konventikelwesen gerade das, was der protestantischen Kirche am meisten Schaden bringen kann – wer sich dem allgemeinen entzieht, der kann nur schaden“. Er meint, von dieser Richtung werde der Wert der Wissenschaft gelästert, die Philosophie werde zur Stallmagd erniedrigt, das Gefül aber auf den Thron gesetzt. Mag dies Urteil auch zu scharf sein, jedenfalls zeugt es für die durchgängige| Gesundheit seiner inneren Richtung und erscheint vorbildlich und maßgebend für seinen späteren kirchlichen Standpunkt. In einem Brief aus dem letzten Jare seines Universitätsaufenthaltes fasst er den ganzen Ertrag seiner Arbeit in die schönen Worten zusammen: „seit ich im Auslande bin, habe ich, das darf ich sagen, mein Streben darauf gerichtet, Warheit zu finden, und mit Gottes Hilfe glaube ich in manchen Dingen das Rechte ergriffen und auf den Fels meine Hoffnung gestellt zu haben, außer welchem kein Grundstein ist. Freilich habe ich in anderen Dingen dabei manches weniger gelernt, aber das tut nichts. Ich habe mit des Zweifels dreiköpfiger Hydra gekämpft, zwar den Sieg nicht in allem gewonnen, doch die Mitte und die Hauptsache erhalten. Mir ist die Wissenschaft hoch und heilig geworden und sie hat mich auch vor manchem jetzt so nahe liegenden Abweg bewart“, und einige Monate später schreibt er: „das ist mein Trost, dass die akademische Zeit nicht das Studium schließen, sondern beginnen soll. Täglich geht mir die Würde der Wissenschaft, sowie die eigentliche Bedeutung des Lebens tiefer auf, und ich glaube, mir eine gewisse Festigkeit für meinen künftigen Beruf gewonnen zu haben. Hat man nur einen sicheren Grund, darauf man steht, so muss sich das Andere schon fügen, und zwar einen Grund für das Leben und die Wissenschaft zugleich: das ist das Christentum allein, – die goldenen Sterne meines inneren Lebens sind nicht verlöscht, aus meiner Kindheit habe ich sie mit herübergenommen und das Leben hat mich mir selbst nicht geraubt. Noch habe ich einen kindlichen Sinn, ich hoffe, dass ich mir treu bleiben werde“. Wissenschaft und Leben reichten sich schon damals in Thomasius die Hand zu sicherem Bunde. Hiezu kam noch die glücklichste Entfaltung seiner praktischen Begabung. Thomasius besuchte das theologische Seminar von Strauß, der ihm übrigens trotz seiner originellen Art, die praktische Theologie zu behandeln, nicht besonders zusagte, und predigte auch da. Man rühmte die Einfachheit und tüchtige Anwendung, Studium der Bibel, Klarheit und Gesundheit. Strauß meinte, dass er künftig zwar anfänglich mit seinen Predigten kein großes Aufsehen und glänzenden Effekt bewirken werde, dass aber bald die| Leute Stunden weit herkommen und nimmer wider von ihm gehen werden. Thomasius’ gesamte akademische Entwicklung ist wie harmonisch in sich selbst so die schönste Weissagung auf ihn den künftigen Theologen und Prediger.
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 Thomasius wollte, nachdem er im Jare 1825 die Universität absolvirt hatte, ursprünglich sofort dem akademischen Berufe sich widmen. Äußere Verhältnisse hinderten ihn daran; so war er zunächst auf die gewönliche Laufban eines bayerischen Kandidaten, das Vikariat und die Pfarrverwesung angewiesen. Das praktischkirchliche Amt überhaupt, das er 17 Jare lang verwaltete und innerhalb dessen er die theologische Wissenschaft, vor allem die früherkorenen Lieblingsstudien, Patristik und Dogmengeschichte, sorgsamst pflegte, wurde ihm Vorstufe und innere Zubereitung für die akademische Tätigkeit, die seiner gleichwol harrte. Der Ruf seiner trefflichen Predigtgabe fürte ihn zunächst und zwar schon im Jare 1829 von einem Dorfe zwischen Erlangen und Nürnberg in letztere Stadt. Er wurde III. Pfarrer an der Kirche zum heil. Geist, zwei Jare darauf eben dasselbe bei St. Lorenz. Das Amt eines Sonntagsnachmittagspredigers war ihm anfänglich eine Schule der Selbstverläugnung. Seine edle, ihm durchaus ebenbürtige Gattin, eine starke Seele und bewärte Kreuzträgerin, die nach langem schweren Leiden, unter dem sie sich eine bewundernswerte Geistesfrische bewart hatte, ihrem Manne einige Jare im Tode voranging, hielt seinen Mut in jener für ihn nicht leichten Zeit aufrecht. Der Kreis seiner Zuhörer mehrte sich langsam aber sicher. Angesehene Männer der Stadt, besonders der damalige Rektor des Gymnasiums und große Schulmann, Karl Ludwig Roth, die Professoren Fabri und Nägelsbach suchten bei Thomasius die Befriedigung ihres geistlichen Bedürfnisses. Roth griff dadurch bedeutsam in Thomasius Leben ein, dass er ihm den Religionsunterricht am Gymnasium übertrug. Thomasius hatte sich lange geweigert, auf Roths dringenden Wunsch einzugehen; ich kann es nicht anders – Sie müssen ihn übernehmen, sagte Roth bei einem dritten Besuch. Thomasius übernahm ihn, um Ungewönliches auf diesem Gebiet zu leisten. Er verstand die seltene Kunst, von der Höhe des klassischen Altertums aus die Jugend in das Heiligtum| der christlichen Warheit zu füren. Sein Einfluss war so tiefgehend, dass nicht wenige seiner Schüler in freiem Trieb zu regelmäßigem Besuche seiner Nachmittagspredigten sich entschlossen. Aus dieser Lehrtätigkeit ging die treffliche Schrift: „Grundlinien zum Religionsunterricht an den mittleren und oberen Klassen gelehrter Schulen“ hervor, welche die weiteste Verbreitung in und außerhalb Bayerns fand.

 Für Thomasius bildete diese Tätigkeit die unmittelbare Überleitung zum akademischen Lehramt. Seine stille Sehnsucht ging auf letzteres, so tiefe Befriedigung er auch in seinen bisherigen Ämtern gefunden. Unter dem 11. März 1842 wurde Thomasius zum ordentlichen Professor der Dogmatik an der Universität Erlangen ernannt. Fakultät und Kirchenregiment hatten sich einstimmig für ihn erklärt.

 Thomasius’ Berufung nach Erlangen bezeichnet einen eigentümlichen Wendepunkt nicht bloß für ihn selbst, sondern auch für die Fakultät, deren Mitglied er geworden war, und die ganze Landeskirche. In den Jaren seiner praktischen Wirksamkeit hatte sich innerhalb der letzteren eine denkwürdige innere Umgestaltung vollzogen. Zur selben Zeit, als Thomasius die Universität verließ, begann ungefär die tief einschneidende Wirksamkeit Kraffts auf das jüngere Geschlecht, und ganz in demselben Jare erstand in dem homiletisch-liturgischen Korrespondenzblatt von Brandt eine geistesmächtige Reaktion gegen den herrschenden Rationalismus aus der Mitte der Geistlichkeit selbst. Wie von selbst strebte das neu erweckte Leben in einer von Haus aus lutherischen Kirche, die von einer Union nie berürt war, einer konfessionellen Ausprägung zu, ja trug schon in der Wurzel den lutherisch-kirchlichen Charakter. Thomasius hat diesen selbsterfarenen Prozess in dem oben angefürten Buch anschaulich beschrieben (S. 244 ff.). Wir standen, sagt er dort, mit unserem Glauben in dem Centrum der Kirche, weil in articulo justificationis. So waren wir Lutheraner, noch bevor wir es wussten; one auf die konfessionelle Eigentümlichkeit unserer Kirche und one auf die konfessionellen Unterschiede, die sie von anderen trennt, viel zu reflektiren, waren wir es faktisch. So sind wir Lutheraner geworden frei von innen heraus. Befördert| wurde diese kirchliche Erneuerung durch die Tätigkeit des obersten Kirchenregiments, welches in der bayerischen Landeskirche von Anfang an eine sehr konservative Haltung hatte und namentlich durch Männer wie Niethammer und Roth one alle Gewaltsamkeit und nur äußerliche Restauration konsequent auf allseitige Zurückfürung der Kirche auf den Grund des Bekenntnisses Bedacht nahm. Mit unermüdlichem Eifer und in äußerst interessanten Verhandlungen wurde von den genannten Männern insbesondere eine angemessene Besetzung der theologischen Lehrstüle in Erlangen im kirchlichen Geiste betrieben. Schon im Jare 1826 äußerte sich Niethammer an maßgebender Stelle dahin, „dass es für die protestantische Kirche zu keiner Zeit dringender und notwendiger war, als in der gegenwärtigen, in der Wal der theologischen Lehrer mit der äußersten Vorsicht und Behutsamkeit zu verfaren, um die Fundamente des Lehrens und des Glaubens einerseits gegen die Anfechtungen eines alle positiven Lehren erschütternden Rationalismus und andererseits gegen die Einwirkungen eines alle wissenschaftliche Begründung geringschätzenden Mystizismus zu sichern“. Im Jare 1833 wurden sodann Männer, die unmittelbar von jener Strömung evangelisch-kirchlichen Lebens getragen waren und ihre theologische Tüchtigkeit hinreichend bewärt hatten, Höfling und Harleß, als erste Vertreter einer konfessionellen Theologie auf den Separatantrag des Oberkonsistoriums zu Professoren ernannt. Hiemit war der Grund zu einer Richtung innerhalb der Fakultät gelegt, die bald das innere Übergewicht erhielt und allmählich völlig durchdrang, einer Richtung, welche Treue gegen das kirchliche Bekenntnis und Hingebung an die kirchlichen Interessen mit echter Wissenschaft und energischem theologischem Fortbildungsstreben ein halbes Jarhundert hindurch unter jetzt noch zunehmendem Einfluss verband. Zur Herausbildung des einheitlichen Charakters und zur Blüte der Fakultät hat Thomasius in hervorragendster Weise mitgewirkt.
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 So engbegrenzt der Kreis von Vorlesungen war, in welchem Thomasius sich bewegte, indem er außer über Dogmatik und Dogmengeschichte noch über Symbolik, praktische Behandlung der Perikopen und überhaupt praktische Exegese las, so tiefgehend und| nachhaltig war seine Wirksamkeit namentlich durch die beiden erstgenannten Kollegien. Fast 33 Jare ging von dem anspruchlosen Manne, dem die nicht leichte Aufgabe zufiel, von der Kanzel hinweg auf dem Lehrstul derjenigen Disziplin sich zu behaupten, welche mit Recht die Krone der theologischen Wissenschaft genannt wird, ununterbrochen eine Anziehungskraft aus, wie sie nur wenigen theologischen Lehrern in den letzten Jarzehnten eigen gewesen. Was die Jugend fesselte, lag wie immer bei ungewönlichen Lehrerfolgen in dem Geheimnis der ganzen Persönlichkeit. Thomasius war eine echt theologische, priesterliche Persönlichkeit, die tief im Glauben wurzelte und mit fülbarer Freude das Reich des Glaubens auch anderen aufschloss, die überall den Dienst des Herrn und die Erbauung seiner Gemeinde im Auge behielt und doch sehr ferne war von einem einseitigen Praktizismus, vielmehr den Schüler stets in ein unermüdliches geistiges Forschen und Arbeiten hineinblicken ließ und zur Mitarbeit aufforderte. Mit Ehrfurcht und Liebe zugleich blickte man zu ihm auf. In allem, was Thomasius gab, lag ein tiefer Gehalt gekleidet in die schlichteste Form, die schwierigsten Probleme wusste er bei seltener Klarheit dem Zuhörer zugänglich zu machen. Nicht der Glanz der Rede oder die Schärfe der Dialektik, überhaupt nicht irgendwelche formale Virtuosität – nach diesen Seiten traten vielmehr unverkennbare Mängel hervor, – wol aber das sittliche Pathos tiefinnerer Überzeugung, die innige Verschmelzung des ideal wissenschaftlichen mit dem praktischen, seelsorgerlichen und pädagogischen Element, die stille Begeisterung für den Gegenstand und der hohe Gewissensernst, der aus Allem hervorleuchtete, erklärt bei Thomasius Erfolg und Einfluss. Er behauptete neben einer so eminenten Kraft, wie Hofmann, vollkommen seinen Platz und bildete die woltuendste Ergänzung zu ihm. Gewisse, man möchte sagen liebenswürdige Schwachheiten, die dem trefflichen Manne eigneten, dass er nicht selten sich wundersam versprach und infolge kleiner Störungen von außen in eigentliche Verwirrung geriet, schadeten ihm in den Augen seiner Zuhörer in keiner Weise, ja sie erschienen wie unablösbare Züge in dem Bilde des ehrwürdigen Mannes.
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|  Thomasius war ein ungemein glücklicher Lehrer, er war auch ein sehr einflussreicher theologischer Schriftsteller. Wie uns in seiner Lebensentwicklung ruhige Stetigkeit entgegentritt, so in seiner wissenschaftlichen Arbeit eigentümliche Concentration, ungemeine Treue und Ausdauer. Thomasius hat früh erkannt, was sein eigentlicher Beruf sei: geschichtlich-genetische Darstellung und theologisch-wissenschaftliche Begründung des kirchlichen Lehrbegriffs, und diesem Berufe mit eifernem Fleiße ein langes Leben hindurch sich hingegeben. Noch als Vikar und Pfarrverweser begann er, das System des ersten eigentlichen Theologen unter den Kirchenvätern, Origenes, einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Das Werk erschien aber erst im Jare 1837: „Origenes. Ein Beitrag zur Dogmengeschichte des dritten Jarhunderts“. Es ist in diesem Werk der klare Grundriss der Anschauungen entworfen, welche Thomasius später auf die Durcharbeitung der gesamten Dogmengeschichte mit so viel Glück und Energie zur Anwendung gebracht hat. Wie eine Vorhersagung lautet es, wenn er im Vorwort sagt: „auch die Dogmengeschichte wird nicht eher aus der Unsicherheit und Unbedeutendheit, in der sie sich gegenwärtig noch befindet, herauskommen, als sie wider anfängt, sich der Kirche zuzuwenden und auf sichere und echt historische Prinzipien sich zu gründen“. Sein früherer Lehrer Engelhardt, mit dem Thomasius in den Jaren seiner praktischen Tätigkeit verbunden blieb, hat das Werk in den theologischen Studien und Kritiken (1838, III, S. 1030–1070) ausfürlich und sehr vorteilhaft besprochen. Er bringt am Schlusse seiner Rezension dasselbe in Zusammenhang mit Neanders kirchenhistorischen Arbeiten und meint dann: „Seine Schrift zeigt, dass er mit philosophischen Studien sich eindringend und gründlich beschäftigt, und Forschung und Darstellung beweiset den Gewinn, den er davon gezogen hat. Er hat den Vorteil eines festen und sicheren Standpunktes und der lebendigsten Teilnahme an allen Bewegungen auf dem theologischen Gebiete... Man wird die Gründlichkeit und Tüchtigkeit der Bearbeitung, das Talent der Forschung und die scharfe Bestimmtheit des Ausdruckes immer anerkennen und gestehen müssen, dass er die Untersuchungen über das dogmatische System des Origenes weiter gefürt und| ihrem Abschlusse genähert hat.“ Dieses Werk vor allem bante Thomasius den Weg von der Kanzel auf den Katheder. Durch die interessante Abhandlung De controversia Hofmanniana, Erlangen 1844, erwarb er sich dann Sitz und Stimme im Senat. Nun folgten als Vorläufer seines dogmatischen Hauptwerkes: Beiträge zur kirchlichen Christologie, 1845; ferner: Dogmatis de obedientia Christi activa historia et progressiones inde a confessione Augustana ad formulam usque concordiae, particula prima, altera et tertia, 1845, 1846, und endlich die nunmehr vergriffene treffliche Schrift: Das Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche in der Konsequenz seines Prinzips, 1848. In der ersteren Schrift sind mit ungemeiner Klarheit die Grundlinien der kirchlichen Christologie gezogen und die Grundzüge eines Versuchs der Fortbildung und Vertiefung der Lehre von der Erniedrigung Christi entworfen. Die dritte der genanten Schriften ist eine mit großer Wärme geschriebene, geschichtlich entwickelnde Apologie des lutherischen Bekenntnisses überhaupt und der Konkordienformel insbesondere. Nach diesen Vorarbeiten erschien Thomasius’ bedeutendstes Werk: Christi Person und Werk, Darstellung der evangelisch-lutherischen Dogmatik vom Mittelpunkte der Christologie aus, I.–III. Teil; erste Auflage 1852–1861; zweite Auflage 1856–1863; eine dritte Auflage wird vorbereitet. Die Konzeption des Werkes erinnert an Schleiermacher, der gefordert hatte, dass alle christlichen Glaubenssätze eine Beziehung auf Christus haben müssen. In klarer, sicherer Gliederung wird die ganze Dogmatik behandelt. Mit einer umfassenden dogmatischen Erörterung ist stets der Schriftbeweis und der kirchliche Konsensus verknüpft: die Reproduktion des Dogma soll exegetisch begründet und dogmengeschichtlich bestätigt werden. One Zweifel gehört Thomasius’ Dogmatik zu den hervorragendsten Produkten der erneuerten protestantischen Theologie, sie ist auch das Werk, mit welchem die dogmatische Theologie des 19. Jarhunderts das erste Mal mit voller Entschiedenheit und in konsequenter Durchfürung auf den Boden des kirchlich-lutherischen Bekenntnisses sich begibt. Man wird sie um so williger zu den theologischen Taten rechnen, wenn in Betracht gezogen wird, dass nach dem Erscheinen der Schleiermacherschen| Glaubenslehre vielversprechende, auf positiver Grundlage ruhende dogmatische Bestrebungen es über Ansätze und Anfänge nicht hinaus brachten: weder Twestens Vorlesungen noch Becks christliche Lehrwissenschaft noch Liebners christliche Dogmatik wurden vollendet. Von größeren dogmatischen Schriften innerhalb dieses Zeitraumes sind nur die Werke von Lange und Ebrard zu nennen, das eine auf unirtem, das andere auf reformirtem Standpunkte ruhend. Mehr sporadisch als in wissenschaftlicher Vollständigkeit vertrat die lutherische Grundanschauung Sartorius, wärend Martensen in seiner Dogmatik sie geistvoll unter reichen spekulativen Motiven anklingen ließ. Thomasius hat vom Centrum des rechtfertigenden Glaubens als organisirenden Prinzips der dogmatischen Darstellung oder, anders gefasst, von der persönlichen, durch Christus vermittelten und widerhergestellten Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen aus, in tiefer Versenkung in Bekenntnis und Geist der lutherischen Kirche, unter starker Berücksichtigung der dogmatischen Vorgeschichte, aber durchaus frei der kirchlichen Theologie als solcher gegenüberstehend, sich bemüht, „das Dogma aus seinen tiefinnerlichen Gründen und Lebenswurzeln heraus neu und frisch zu reproduziren und ihm so eine Gestalt zu geben, in welcher es als Ausdruck des Einen biblisch kirchlichen Glaubens erscheine, welcher seiner Natur nach immerdar alt und jung zugleich ist“. Thomasius berürt sich hier genau mit Martensen, der in einer Reproduktion Erneuerung und Verjüngung der kirchlichen Dogmen die Aufgabe der Theologie unserer Tage erkennt (aus meinem Leben I, S. 170). Die eigentümliche Verbindung von kirchlicher Gebundenheit und wissenschaftlicher Freiheit, von gründlicher, schlichter und doch in die Tiefe gehender Explikation mit Gemütswärme und einem praktischen Lebenshauch mutet bei dem Werke immer von neuem an. Es ist von ihm eine bedeutsame Doppelwirkung, nach der rein theologischen wie nach der praktisch-kirchlichen Seite ausgegangen. Die konfessionelle Richtung fand in ihm wissenschaftliche Selbstrechtfertigung, Vertiefung und Verstärkung. Mit unmissverständlicher Klarheit hat Thomasius selbst seinen Standpunkt, der eine gesunde Mitte zwischen jeder Verflüchtigung der Substanz des| Dogmas und unbedingter Repristination einer theologischen Form und Darstellung desselben einzunehmen bestrebt ist, zum öfteren gezeichnet. So äußert er sich etwa: „nie haben wir die Theologie des 16. und 17. Jarhunderts dem festen kirchlichen Bekenntnis gleichgestellt, nie haben wir sie als abschließende Normen und Grenzen theologisch-kirchlicher Wissenschaft angesehen, sondern uns stets eine freie Stellung zu ihnen bewart. Vorwärts haben auch wir gewollt auf allen Gebieten der Theologie, nur keinen solchen Fortschritt, der die alten Grundvesten erst abbricht, keinen solchen, der lediglich in der Luft schwebt, sondern einen Fortschritt auf dem guten alten Grunde, d. h. einen organischen Fortschritt (das Widererwachen des evangelischen Lebens in der lutherischen Kirche Bayerns, S. 285 f.)“; oder: „ich lebe mit meiner Theologie nicht sowol auf als in dem Bekenntnis der Kirche und erachte mich an dasselbe mit meiner Theologie gebunden, darum weil ich in dem Bekenntnis meiner Kirche den Ausdruck meines persönlichen Glaubens mit Dank und Freude erkenne. Mit dem Bekenntnis der Kirche ist mir aber die ältere, auf ihm ruhende Dogmatik, deren Bedeutung ich hoch genug anschlage, nicht dasselbe, und damit unterscheide ich mich wesentlich von dem Standpunkte derer, welche nach der strikten Übereinstimmung mit letzterer die Kirchlichkeit aller theologischen Leistungen messen und an denselben Kanon alle diejenigen Theologen, die auf Kirchlichkeit Anspruch machen, binden zu dürfen, ich weiß nicht was für ein Recht zu haben glauben. Ich weiß mich überhaupt im Hause meiner Kirche nicht als ein Knecht, sondern als ein Kind und finde in diesem Stande beides, die Gebundenheit der Pietät und die Kindesfreiheit (Dogmatik III, 1. S. V)“.
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 Seine ganze Kraft hat Thomasius auf die Christologie selbst verwendet und den angegebenen theologischen Standpunkt gerade für dieses Gebiet energisch geltend gemacht. Seine Lehre von der Kenosis nicht des Menschgewordenen, sondern des Menschwerdenden hatte Epoche machende Bedeutung. Sie berürte sich unmittelbar mit dem tiefsten theologischen Streben des 19. Jarh., die geschichtliche und dogmatische Seite der Lehre von der Person Christi in inneren Einklang zu bringen. An der früheren dogmatischen Anschauung haftete| unleugbar teils ein gewisser Dualismus, in welchem die göttliche und menschliche Natur Christi einander gegenüberstanden, teils ein nicht völlig überwundener doketischer Schein. Man betrachtete die Person Christi einseitig nur von oben und lief hiedurch Gefar, eine warhaft menschliche Lebensentwicklung Christi einzubüßen. Auf andere Weise schien unter Festhaltung der warhaften Gottheit Christi die Einseitigkeit nicht überwunden werden zu können, als durch die Annahme einer wirklichen Selbstbeschränkung des ewigen Logos in und mit der Tat der Menschwerdung. Schrift und innerster Lebenstrieb des kirchlichen Dogmas schienen Thomasius den von ihm getanen Schritt unbedingt zu fordern; andere waren mehr andeutend ihm auf diesem Wege schon vorangegangen oder taten es zugleich mit ihm. Mit großem Scharfsinn und eingehendster Gründlichkeit entwickelte er seine Lehre; er tat es in dem Bewusstsein, hier vor dem tiefsten und schwierigsten aller Probleme zu stehen, mit heiligem Ernste und mit der ihm eigenen Bescheidenheit. Er sagt: „was die Eigentümlichkeit meiner Auffassung der Menschwerdung betrifft, so betrachte ich sie als einen Versuch und will sie auch so angesehen wissen, allerdings nicht dem Grundgedanken nach, denn dessen Schriftmäßigkeit steht mir fest, aber die Aus- und Durchfürung der Sache macht keinen andern Anspruch, als ein Versuch zu sein“. Der Grundgedanke, dass der Logos mittels Entäußerung in Jesu Mensch geworden sei, one darum aufzuhören, zu sein, was er wesentlich ist, ist unseres Erachtens vollkommen richtig, Thomasius’ Versuch, denselben darzustellen, allerdings nicht völlig gelungen. Der Haupteinwand, von einem der gelehrtesten und gewichtvollsten Theologen von Seiten der Unveränderlichkeit Gottes erhoben, trifft insofern nicht zu, als bei dieser Anschauung im Grunde eine Menschwerdung Gottes und ein geschichtliches Verhältnis Gottes zur Menschheit überhaupt zur Unmöglichkeit würde. Merkwürdigerweise hat gerade in demselben Jare, in welchem Thomasius zum ersten Male mit seiner Lehre hervortrat, ein Mann, der wie wenige in dem altkirchlichen Dogma von der Menschwerdung Gottes wurzelte, Heinrich Thiersch, umgekehrt die platonischen Voraussetzungen in der Lehre von Gott und den göttlichen Attributen, wonach τὸ| θεῖον ἀπαθὲς oder ἀναλλοίωτον ist, als den Grund angefürt, warum der Doketismus nie vollständig überwunden und die κένωσις Phil. 2, 7 nicht so eigentlich aufgefasst wurde, als sie aufgefasst werden muss (Herstellung des historischen Standpunktes für die Kritik der neutestamentlichen Schriften S. 151 f.). Bereits einzelne unserer alten Dogmatiker waren nahe daran, den starren Begriff der Unveränderlichkeit Gottes zu durchbrechen. Dagegen erscheint die eigentümliche Unterscheidung zwischen immanenten Eigenschaften (absolute Macht, Heiligkeit, Warheit, Liebe), die der Logos bei seiner Menschwerdung beibehalten, und relativen Eigenschaften (Allmacht, Allgegenwart, Allwissenheit), deren er sich begeben, nicht als die Stärke, sondern die Schwäche der Thomasiusschen Lehre. Dass die göttlichen Eigenschaften nicht in dieser Weise geschieden werden können, deutet Thomasius selbst durch die Äußerung an, dass die relativen zu den immanenten Eigenschaften sich verhalten wie die Erscheinung oder Betätigung nach Außen zu dem Wesen, das sich darin betätigt (Christologie II, 546); bei diesem Verhältnis müssen die ersteren in den letzteren notwendig irgendwie mit enthalten sein. Und in einer Weihnachtspredigt lässt sich Thomasius nicht bloß vernehmen: „Dieses Wunder bestehet ja eben darin, dass nicht eine erschaffene Person, nicht eine wenn auch noch so erhabene Kreatur, sondern Gott selber in Christo Mensch geworden ist“, sondern auch: „wer den Herrn in seinem Wandel auf Erden gesehen hat – der muss darin die Offenbarung einer Macht erkennen, wie sie nur von dem Allmächtigen, von dem Herrn der Kreatur, ausgehen kann. – Aus dieser barmherzigen Liebe heraus sind alle die Wunder seiner Allmacht geflossen (Zeugnisse von der Gnade Gottes in Christo, 1847, S. 41 ff.).“ Es erscheint auch ganz richtig, was Thomasius früher behauptete: „nur potentia besitzt er die göttliche δόξα, nicht mehr actu“, und: „er macht von der göttlichen Macht und Lebensfülle, soweit er sie potentia besitzt, nur da und nur so weit Gebrauch, als es der Wille des Vaters gestattet (Beiträge zur kirchlichen Christologie S. 94. 106)“. Der Logos kann in der Tat Proprietäten, die er gehabt, nicht von seinem Sein und Wesen ausscheiden, wol aber treten mit dem Eingang des Logos in das kreatürliche| Wesen die der absoluten Person eignenden absoluten Qualitäten in Latenz. Wenn die zur Herrschaft gelangte frühere dogmatische Vorstellung von einem unbedingten Besitz und Gebrauch der göttlichen Eigenschaften von Seiten der göttlichen Natur Christi, aber nur von einem mitgeteilten Besitz und teilweisen Gebrauch dieser Eigenschaften von Seiten der menschlichen Natur redete, so wird die richtige Anschauung die sein, dass die eine gottmenschliche Person auf Grund einer mit der Menschwerdung unmittelbar gegebenen Selbstbeschränkung die göttlichen Qualitäten zwar potential besaß, aber auf deren Vollgebrauch verzichtete und dieselben nur in vereinzelten Akten innerhalb der menschlich beschränkten Lebensform, der irdischen Knechtsgestalt offenbarte. Es dürfte richtig sein, was Delitzsch irgendwo sagt: „die Herrlichkeit göttlicher Eigenschaften bildet hienieden den ruhenden Hintergrund seiner Person und leuchtet nur in einzelnen Strahlen durch seine Knechtsgestalt“, oder Düsterdieck: „er hat die ihm unverlierbaren göttlichen Eigenschaften auch im irdischen Leben und gebraucht sie, aber beides nicht in gottgleicher Weise, sondern seiner Knechtsgestalt entsprechend (Apologetische Beiträge III, S. 72)“. Diese Art von κτῆσις und χρῆσις war zugleich eine κρύψις: das ganze geschichtliche Leben des Herrn war nach der gesamten evangelischen Überlieferung, namentlich aber nach dem Ev. Johannis eine Verhüllung und Offenbarung göttlicher Majestät zugleich. So manches Unsichere und Schwankende die Thomasiussche Darstellung der Kenosislehre auch haben mag, so ist gerade von dieser dogmatischen Position eine bedeutende theologische Bewegung ausgegangen; es dürfte auch nicht zuviel mit der Behauptung gesagt sein, dass die Mehrzal derjenigen Theologen, welche nach der Schrift an die ewige Präexistenz des Sones Gottes glauben, auch an einer realen Selbstentäußerung desselben nach dem ebenfalls klaren biblischen Zeugnisse (Joh. 17, 5; Phil. 2, 6 f.; 2 Kor. 8, 9) festhalten. Besonders möchten wir Kahnis, Steinmeyer und vor allem Frank nennen; letzterer hat in dem System der christlichen Warheit am tiefsten, gründlichsten und förderndsten unter Überwindung der bezeichneten Einseitigkeit den Warheitskern der Kenosislehre zur Ausbildung gebracht. Anklänge an diese Lehre| ziehen sich durch die ganze Geschichte des Dogma hindurch, selbst Brenz findet in einer Predigt die Entäußerung in gewissem Sinne bereits in der Menschwerdung (kurze Auslegung der Sonn- und Festtagsepisteln, herausgegeben von Grunwald S. 133). Wenn es sich um die Frage der Übereinstimmung der Kenosislehre mit dem Bekenntnis der lutherischen Kirche handelt, so darf nicht aus dem Auge gelassen werden, dass die Konkordienformel es für die Christologie zu einem in sich ganz abgeschlossenen, harmonischen Resultate nicht gebracht hat und die innerste Intention des kirchlichen Bekenntnisses von dessen theologischer Form unterschieden werden muss. Jedenfalls ist aber mit Recht gesagt worden, dass man mit gewissen Gesetzesparagraphen des Bekenntnisses sich den Weg fortschreitender dogmatischer Erkenntnis nicht verbauen lassen dürfe. Unmöglich erscheint uns, die altlutherische Christologie geradezu zu repristiniren, wärend auf der anderen Seite die Annahme einer allmählichen Ineinsbildung des Göttlichen und Menschlichen in Christo – beides wurde Thomasius entgegengesetzt – das eigentliche Mysterium one Frage noch weniger erreicht. Es ist aber gewiss auch Thomasius’ innerste Meinung getroffen, wenn Martensen mit Liebner und Dorner bekennt, „in Übereinstimmung mit jenen Männern, die seit den Anfängen der Kirche über Gottes Menschwerdung nachgesonnen haben“, „dass, welche tiefsinnigen Gedanken hier die Spekulation auch zutage fördere, dennoch ein Mysterium übrig bleibe, das kein menschlicher Verstand durchdringen, das man allein im Glauben aneignen könne (Aus meinem Leben III, 189)“. Und ebenso werden die sogenannten Kenotiker mit ihrem bedeutendsten Gegner, dem trefflichen Dorner, in dem schönen Worte übereinstimmen: „wir stammeln an diesem Mittelpunkte der Wunder. Aber nur durch Stammeln lernen wir reden. Und das Wort, das Fleisch ward, wie es Gottes höchste Rede an die Menschheit ist, will auch die immer vollkommenere Erkenntnis, die immer treuer abspiegelnde und die immer einstimmigere Rede von Ihm wirken, ja sie als dankende Antwort der im Glauben seligen Menschheit vernehmen und annehmen“.
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 Nicht wenig wurde auch gegen die Trinitätslehre von Thomasius eingewendet. Das Zeugnis muss ihm jedoch gegeben werden,| dass er auch auf diesem Gebiete nach einer lebendigen, selbständigen Reproduktion biblisch-kirchlicher Gedanken strebte; aber seine Darstellung ist kaum von einem gewissen Schwanken zwischen der strengkirchlichen Fassung und dem Subordinatianismus freizusprechen, der, so viel Schein er auch für sich hat, doch nur eine unhaltbare, den Fortschritt zu klarer trinitarischer Lehre aufhaltende Zwischenstation nach Dorners richtigem Ausdruck ist (System der christlichen Glaubenslehre I, S. 435). Um so befriedigender ist widerum die Lehre von dem Werk Christi behandelt; die fraglichen Ausfürungen gehören uns zu dem Treffendsten, was neuester Zeit hierüber überhaupt geschrieben worden ist: unter einer tiefen Auffassung menschlicher Sünde und Schuld und einem umfassenden Eingehen in die heilsgeschichtlichen Zusammenhänge des Leidens Christi ist das Ware der Anselmschen und der altlutherischen Doktrin in den richtigen Begriff der Süne aufgenommen. Schon vor dem Erscheinen des dritten Teiles der Dogmatik, welcher das Werk des Mittlers behandelt, hat Thomasius in der Schrift: Das Bekenntnis der lutherischen Kirche von der Versönung und die Versönungslehre D. von Hofmanns (1857), sich mit diesen Fragen beschäftigt. Letztere Schrift tritt mit großer Gelehrsamkeit in mildem, irenischem Tone Hofmanns Lehre, welche ein stellvertretendes Strafleiden Christi ablehnt, entgegen, one jedoch die Warheitsmomente in ihr zu verkennen und ausdrücklich hervorzuheben, dass Hofmann auch da, wo er von dem kirchlichen Bekenntnis abweicht, von einer anderen Seite her ihm wider nahe tritt und sich selbst den Weg offen gelassen hat, um mit ihm in vollen Einklang zu kommen. Bezeichnend und sehr beifallswert ist das Wort: „mit der Berufung auf das Bekenntnis der Kirche ist es allein in dieser großen Sache nicht getan, – das letzte Wort bleibt der Schrift, über welche hinaus auch die Kirche keine höhere Autorität erkennt (S. 111).“ Mit Recht erklärt sich übrigens Steinmeyer (Geschichte der Passion des Herrn S. 18) gegen Dorners Äußerung, dass durch Hofmann die Lehre vom hohenpriesterlichen Amte Christi zwar in einige Bewegung gekommen, aber nicht mit bemerkbarem Resultate (Geschichte der protest. Theologie S. 876), wie denn andererseits auch die Behauptung Dorners| gewiss nicht zutrifft, dass von Hofmann in der Versönungslehre hinter Schleiermacher zurückgeblieben sei (System der christl. Glaubenslehre II, S. 587), da Hofmann eine wirkliche in sich abgeschlossene Tatsache der Versönung annimmt, was bei Schleiermacher nicht der Fall ist.
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 Seine schriftstellerische Laufban schloss und krönte Thomasius mit dem lang ersehnten Werke: „Die christliche Dogmengeschichte als Entwicklungsgeschichte des kirchlichen Lehrbegriffs, I. Band. Die Dogmengeschichte der alten Kirche (1874)“. Im Vorwort nennt er die Dogmengeschichte seine Jugendliebe; das Werk trägt die Frische der Jugend und die Reife des Alters an sich. Wir kennen wenige Werke, in welchen wie in diesem mit exquisiter Gelehrsamkeit solche Durchsichtigkeit und Abgeklärtheit der Darstellung, mit der gründlichsten Untersuchung der speziellen, oft sehr spinösen Fragen, solch offener Blick auf die Größe, den Reichtum, die innere Planmäßigkeit des Ganzen sich verbände. Der sichere theologisch-kirchliche Standpunkt des Verfassers im Zusammenhang mit einem feinen geschichtlichen Sensorium verleiht dem Werke in der Tat den Stempel der Überlegenheit über die bisherigen dogmengeschichtlichen Arbeiten. Ein sehr kundiger Rezensent äußerte sich: „Das vorliegende Werk bietet uns von dem Entwicklungsgange des kirchlichen Lehrbegriffs als eines lebenskräftigen, seinen Inhalt stets reicher entfaltenden Organismus ein anschaulicheres, frischeres, plastisch-lebendigeres und korrekteres Bild, als uns solches bisher irgendwo vorgefürt worden. Wie die Kirche ihre große Aufgabe, vom Centralpunkt ihres Bekenntnisses zu Jesu Christo als dem Herrn aus „„ihren Gemeinglauben zum Lehrbegriff zu entwickeln““, zunächst in der grundlegenden Periode der patristischen Dogmenbildung gelöst, wie sie aus jener christologischen Grund- und Kernsubstanz ihres Bekenntnisses alle Hauptmomente ihres Dogmensystems, soweit sie innerhalb jenes ersten Zeitraumes zu selbständiger Existenz heranreiften, getragen und getrieben vom erleuchtenden Walten des in alle Warheit leitenden Geistes Christi hervorgebildet hat, davon erinnern wir uns nirgends eine gleich schöne, geschichtstreue und eben darum gleich glaubenstärkende, herzerquickende Darstellung gelesen zu| haben (Zöckler, Zeitschrift für die lutherische Theologie und Kirche, 1875, S. 551 f.)“. Der zweite Band, die Dogmengeschichte des Mittelalters und der Reformationszeit umfassend, von dem Verfasser nicht mehr ganz durchgearbeitet und erst nach seinem Tode von Plitt herausgegeben, steht nicht ganz auf der Höhe des ersten.
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 Der ausgezeichnete Lehrer und Theolog war aber auch ein vorzüglicher Prediger. Ein tiefes und gewissenhaftes Schöpfen aus der Schrift, freudiges und kräftiges Bekenntnis, eine klare, fassliche und zugleich vom Inhalte unmittelbar gehobene, poetisch durchhauchte Form charakterisirt seine Predigtweise, soweit wir sie verfolgen können. Schon die erste Predigt, die uns vorliegt, zum Jubelfest der Augsburger Konfession gehalten, bringt den evangelischen Lehrbegriff mit aller Entschiedenheit und großer Begeisterung zum Ausdruck; sie schlägt einen wirklichen Jubelton an: „Die lange schwere Zeit des Unglaubens eilt ihrem Ende entgegen, der alte Glaube hebt wider siegreich sein Haupt empor, wird wider allgemeiner anerkannt und besser gewürdigt“. Thomasius’ Predigtgabe reifte aus unter der wichtigen, einflussreichen Funktion eines Universitätspredigers, die er vom Jare 1842 bis zum Jare 1872 übte. Imponirende äußere Mittel gingen ihm ab, aber jede seiner Predigten war, wie einer seiner Schüler richtig sagte, eine aus dem Gebet geborene Geistesarbeit: einfach, tief, gesalbt. Er äußerte sich gelegentlich, nichts habe ihn tiefer in die Buße hineingetrieben, als die Predigtvorbereitung. Mit dem hieraus geborenen heiligen Ernste war aber der gewinnendste evangelische, ein warhaft seelsorgerlicher Geist verbunden. Verfehlt erschien ihm, wollte man Christengemeinden ansehen und behandeln wie Heiden: „es gibt kein verkehrteres Beginnen, als wenn Pastoren ihre Gemeinden in zwei Hälften scheiden, in eine große Rotte von Unbekehrten und in eine kleine Herde von Frommen und Gläubigen (prakt. Auslegung des Kol.-Briefs S. 3. 5)“. Die Lehre von den Gnadenmitteln, der wirksamen Gegenwart des erhöhten Christus in Wort und Sakrament, die alle umfasst, war ihm besonders teuer. Vor allem aber predigte Thomasius wie wenige in diesem Jarhundert aus dem rechtfertigenden Glauben| heraus mit der ganzen Fülle seiner tröstenden und erhebenden Kraft. Er selbst sagt über seine Predigten: „es sind einfache, aus dem Schriftwort geschöpfte Zeugnisse, deren wesentlicher Inhalt jener fürnehmste Artikel christlicher Lehre ist, der den lebendigen Mittelpunkt in dem guten Bekenntnis unserer Kirche bildet und in welchem auch ich mit ihr den ewigen Trost und die beste Kraft meines Lebens finde – der hohe Artikel von der freien Gnade Gottes in Christo, von der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Mag immerhin Manchem der Artikel zu oft und zu stark hervorklingen in dieser Auswal meiner Predigten, mir ist es geradezu Bedürfnis, auf ihn das ganze Gewicht zu legen, und ich weiß auch, dass er wie das Fundament des christlichen Glaubens, so das kräftigste Mittel zur Erbauung im christlichen Leben ist. Er ist mein Lied im Hause meiner Walfart“. Um diesen Mittelpunkt gruppirte sich aber der ganze Reichtum christlicher Heilswarheit. Lehrhaftigkeit war sein eigentliches Charisma, one dass das erweckliche Element verleugnet worden wäre. In 5 Sammlungen erschienen seine Predigten vom Jare 1852–1860; im Jare 1861 kamen sie mit anderen nach der Ordnung des Kirchenjares zu einem Ganzen verbunden heraus. Im Jare 1876 wurde das treffliche, noch immer fleißig gelesene Predigtbuch neu aufgelegt. Teilweise warhaft erhebend und mustergiltig sind die von Thomasius gehaltenen Gedächtnisreden, z. B. auf Krafft, Engelhardt, von Schaden, von Nägelsbach, Karl von Raumer. Gerne erwänen wir hier noch die vergriffene vortreffliche Schrift: „Praktische Auslegung des Briefs Pauli an die Kolosser (Erlangen 1860)“. Wir kennen keine Schrift, in welcher die Aufgabe der praktischen Exegese, die einer wahren Vermittlung zwischen dem in der Geschichte wurzelnden göttlichen Wort und der Beziehung desselben auf die Gegenwart, so glücklich gelöst wäre, wie in dieser. Die ganze Höhe und Tiefe der apostolischen Gedanken wird in plastisch durchsichtiger, edler Darstellung dem Erbauungsbedürfnis der Gemeinde und des Einzelnen one alle homiletische Zerflossenheit nahe gebracht.
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 Alle echte Theologie dient der Kirche, hat deren Förderung zum letzten Zweck. Für Thomasius’ gesamte theologische Arbeit| gilt dies in hervorragendem Maße. Thomasius war durch und durch ein Mann der Kirche. Man bekommt den Eindruck, dass, was er im letzten Teil seiner Dogmatik über Sakrament, Heilsordnung und namentlich Kirche sagt, mit besonderer Wärme geschrieben ist. Charakteristisch ist ferner, wie er Schleiermacher nachrühmt, dass er zuerst wider die Bedeutung der Kirche zu würdigen unternahm: „was er nach dieser Richtung hin geleistet hat, gehört zu seinen unsterblichen Verdiensten. Es war eine Tat, die Welt, sofern sie der Erlösung zugeeignet ist, unter den Begriff und die ganze Theologie unter den Gesichtspunkt der Kirche zu stellen (III, 2. S. 403)“.
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 Thomasius war durch seine ganze äußere und innere Lebensfürung auf die lutherische Kirche gewiesen worden und hing dieser Kirche und ihrem Bekenntnis mit der wärmsten Liebe und Treue an. Sein Luthertum trug aber den voll evangelischen, einen wahrhaft ökumenischen Charakter. Bezeichnend ist seine Äußerung: „es ist bei dem Namen „„lutherisch““ gar nicht unsere Meinung, als sei das Lutherische etwas Sonderliches, das etwa neben oder außerhalb des Allgemeinchristlichen und Evangelischen läge, wir sind vielmehr überzeugt, in dem eigentümlich Lutherischen gerade das zu besitzen, was das wahrhaft Allgemeine, was insbesondere die rechte, schriftgemäße Mitte zwischen den konfessionellen Gegensätzen bildet“. Keine sichtbare Kirchengemeinschaft darf sich nach seinem Urteil rühmen, in ihr sei das Zion Gottes beschlossen (Dogmatik III, 2, S. 374), wenn er auch der „Sonderkirche des schriftgemäßen Bekenntnisses“ den Charakter der Katholizität vorzugsweise zueignet (a. a. O. III, 2, S. 423). Sein ideell theologischer Standpunkt hinderte ihn aber nicht, sich mit voller Liebe der Landeskirche hinzugeben, aus welcher er hervorgegangen und deren theologischen Nachwuchs er in erster Linie zu bilden hatte. Als Abgeordneter der theologischen Fakultät griff er bedeutsam in die Verhandlungen von fünf Generalsynoden vom Jare 1853 bis 1869 ein. Er war auf ihnen der Mann besondersten Vertrauens. Die wichtigsten Referate über Agende, Katechismus, Kommunalschule wurden ihm anvertraut. Nie stand er ungeachtet aller entschiedenen Geltendmachung seiner lutherischen Überzeugung auf| Seiten einer extremen Richtung, auch in der Frage der Abendmalsgemeinschaft nicht. Das schönste Denkmal hat er seiner Landeskirche und zugleich sich selbst in der Schrift: Das Wiedererwachen des evangelischen Lebens in der lutherischen Kirche Bayerns. Ein Stück süddeutscher Kirchengeschichte (1800–1840) (Erlangen 1867) gesetzt. Diese Schrift ist ein Spiegel nicht bloß seines kirchlichen Standpunktes, sondern auch seiner eigenen inneren Entwicklung. Wir möchten sagen: die Geschichte der bayerischen Landeskirche, die ruhig, organisch, unter der Konkurrenz glücklichster Umstände und edelster Kräfte verlief, und ihr Geschichtsschreiber sind ihre beste Apologie. Dass ein Mitglied der theologischen Fakultät mit solcher Wärme und Lebensfrische dieser Aufgabe sich hingab, war von um so größerer Bedeutung, je schärfer eine Weile der Gegensatz gegen die Landeskirche sich geltend gemacht hatte und je bedrohlicher der Separationsgedanke aufgetreten war. Wie sehr Thomasius unter den angedeuteten Konflikten litt, hat er im Schlusswort des genannten Werkes ergreifend dargelegt (S. 299 ff.).

 Als Thomasius von der Universitätspredigerstelle zurücktrat und bei dieser Gelegenheit auf den Antrag des Oberkonsistoriums mit dem Titel eines Geheimen Kirchenrates ausgezeichnet worden war, antwortete er unter dem 30. Januar 1873 auf die Zuschrift des Oberkonsistoriums: „Die Auszeichnung soll mir eine Ermutigung und Mahnung sein, was ich durch Gottes Gnade an Kräften besitze, ganz dem Dienst der Landeskirche, der ich mit ganzem Herzen angehöre, in meinem akademischen Lehramte zu widmen und so lange ich noch zu leben habe, dem Kirchenregimente, dessen Glaubens- und Bekenntnistreue in dieser gegenwärtigen schweren Zeit allen redlichen Gliedern der Kirche Halt und Stärkung ist, den Segen des Herrn zu erflehen“.

 Thomasius äußerer Lebensgang verlief aufs einfachste, die Stätte seines Gesamtwirkens ging über den Umkreis einiger Stunden nicht hinaus. Einen glänzenden Ruf an die Oberhofpredigerstelle in Dresden hat er abgelehnt. Wie umfassend war aber doch seine Wirksamkeit selbst! Thomasius steht vor uns als ein höchst gesegneter Lehrer, sehr einflussreicher theologischer Schriftsteller,| bedeutender Prediger und Seelsorger, als ein Mann lebendigster kirchlicher Tätigkeit. Im einzelnen haben ihn viele, wenige aber in dem seltenen Gleichmaß verschiedenartiger Gaben und Kräfte und ihrer harmonischen Verwendung übertroffen. Seine gesamte Berufsarbeit bekundete eine seltene Konsonanz von Theorie und Praxis, eine tiefe Harmonie in Verfolgung theologischer und kirchlicher Interessen. Was Thomasius von den Vätern der lutherischen Kirche sagt: „ihre theologische Arbeit war immer zugleich praktisch, unmittelbar der Erbauung dienend“, gilt gewissermaßen auch von ihm. Seine theologischen Leistungen trugen einen habitus practicus an sich im besten Sinne des Wortes und forderten von selbst zur praktischen Aneignung und Anwendung auf. Seine kirchliche Tätigkeit hatte um dessentwillen so nachhaltigen Einfluss, weil sie vom sichersten theologischen Hintergrund getragen war. Thomasius war tief eingetaucht in den Geist der deutschen Reformation; entsprechend diesem Geiste begegneten sich in ihm das subjektiv persönliche und objektiv kirchliche Element und schlossen den woltuendsten, die geschichtlichen Gegensätze der Orthodoxie und des Pietismus versönenden Bund. Wie Wenige hat Thomasius die Geschichte der Kirche nach ihrer Innenseite durchwandert; Arbeit und Kampf derselben um Glaube und Lehre haben in ihm einen ungemein treuen Spiegel gefunden. Er verstand die kirchliche Lehrentwicklung, weil er im Geiste der Kirche lebte. Der kirchliche Geist hatte ihm Festigkeit und Weite zugleich eingeflößt. Alle Radien kirchlicher Entwicklung liefen ihm im Bekenntnis der lutherischen Kirche zusammen, und die Linien dieses Bekenntnisses in der Lehre und Erfarung der Rechtfertigung aus Gnaden durch den Glauben. Unter seinem Bilde steht Röm. 3, 28: dies Wort war in der Tat Mittelpunkt, bewegende Kraft und Weihe seines Wirkens und Lebens. Was Thomasius lehrte und predigte, lebte er auch. Vollste Glaubensentschiedenheit war in ihm mit tiefer Demut und Anspruchlosigkeit, mit versönender Milde und gewinnendster Herzensgüte verbunden. Einen Mann höheren Friedens hat ihn mit Recht v. Zezschwitz in seiner erhebenden Gedächtnisrede genannt.
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 Harmonisch wie sein Wirken und Leben war auch sein Lebensabschluss.| Im Wintersemester 1874/75 las er noch praktische Exegese über den Brief Pauli an die Philipper. Frisch und anregend wie nur je war diese seine letzte akademische Leistung. Da musste er an der Stelle 2, 6 ff. abbrechen, welche das große Problem seiner Theologie enthält. Seine letzten Worte waren: „das Vorbild Christi vor Augen, die gewaltigste Predigt, lauter und mächtiger als alle Worte. Die Gesinnung Christi soll Ihnen zeigen, wie wahre Selbstverleugnung beschaffen sein müsse – von Stufe zu Stufe herab und von da wider ein Aufsteigen zu höchster Höhe“. Die letzten Tage kam noch Schweres über ihn. Das Wort der Schrift und das Lied der Kirche waren sein Trost. Stehend hat er am 24. Januar 1875 sein Leben ausgehaucht. Ein gesegnetes Erbe und Gedächtnis hat Thomasius der Kirche hinterlassen.





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Löhe, Thomasius, Harleß
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