Die indischen Eskimos

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Autor: Robert Kraft
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Titel: Die indischen Eskimos
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Erscheinungsdatum: (1901)
Verlag: H. G. Münchmeyer
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Durch eine Verschiebung der Erdachse liegt Indien nun am Nordpol.
Heft 10 der Heftromanserie Aus dem Reiche der Phantasie
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[I]

Aus dem Reiche der Phantasie.

Herausgegeben von Robert Kraft.

Preis 10 Pfg. = 14 Heller = 15 Ctm.

Heft 10.


Die indischen Eskimos.
[WS 1]           
Die indischen Eskimos.PNG

10.

Verlag und Druck von H. G. Münchmeyer, Dresden.

[II]

Auszug aus der erklärenden Einleitung

zum ersten Bändchen.




Richard ist bis zum zwölften Jahre ein kräftiger, lebensfroher Knabe gewesen, als er durch ein Unglück gelähmt wird.

Am Abend seines vierzehnten Geburtstages sitzt der sieche Knabe allein in der Stube, traurig und freudlos, kein Ziel mehr im Leben kennend. Da erscheint ihm eine Fee. Sie nennt sich die Phantasie, will ihm ihr Geburtstagsgeschenk bringen und sagt ungefähr Folgendes:

In Richards Schlafzimmer befindet sich eine Kammerthür. Jede Nacht wird er erwachen (das heißt nur scheinbar), er soll aufstehen, jene Thür öffnen, und er wird sich stets dort befinden, wohin versetzt zu sein er sich gewünscht hat. Er kann sich also wünschen, was er will, er kann allein sein oder mit Freunden, er kann auch den Gang seiner Abenteuer ungefähr im voraus bestimmen; hat er aber einmal die Schwelle der Thür überschritten, dann ist an dem Laufe der Erlebnisse nichts mehr zu ändern. Alles soll folgerichtig geschehen, der Traum nichts an Wirklichkeit einbüßen. –

Die Erscheinung verschwindet, Richard erwacht aus dem Halbschlummer. Aber die gütige Fee hält Wort, und so findet der arme Knabe im Traume einen Ersatz für sein unglückliches Leben.

Jede Erzählung schildert nun eins seiner wunderbaren Erlebnisse, wie sie ihm die Phantasie eingiebt.




[1]

X.[WS 2]

Die indischen Eskimos.[1]




Die Tropfsteingrotte.

Alle Rechte vorbehalten.

Phunga ist eine ansehnliche Stadt an der Westküste der Halbinsel Malaka, nicht weit vom Krah-Isthmus entfernt und zum freien Königreich Siam gehörig.

Da nun aber Phunga ein sehr guter, zur Kohlenstation geeigneter Hafen ist, von dem aus man die Malakastraße beherrschen kann, und die Herren Engländer eine ganz besondere Vorliebe für solche Häfen haben, so machten sie es, wie schon so oft: sie fingen eines Tages, vielleicht wegen des Tüpfelchens über dem I, mit dem Herrscher des Landes einen Streit an und ruhten nicht eher, als bis sie unter dem Namen Phunga auf der Landkarte einen roten Strich ziehen durften, was bedeutete, daß die Stadt in englischen Besitz übergegangen war.

Nach Phunga hatte die Phantasie unsern Helden Richard als einem jungen, aber schon erfahrenen Forschungsreisenden versetzt, und er war sich vollkommen bewußt, dorthin gereist zu sein, um von hier aus eine Expedition ins Innere der Halbinsel anzutreten, hauptsächlich, um die noch fast ganz unbekannten wilden Stämme zu studieren, die im Gegensatze zu den Malayen, der jetzigen Bevölkerungsrasse, mit dem Gesamtnamen Malangos bezeichnet werden.

Das Glück war ihm gleich im Anfange günstig, denn als ein Empfehlungsbrief ihn als Gast in das Haus eines in Phunga ansässigen deutschen Kaufmannes eingeführt hatte, [2] sagte dieser ihm sogleich, daß kein zweiter Mensch ihm bei seinen Forschungen so mit Rat und That behilflich sein könne, als ein gewisser Soliman, der seines Zeichens Jäger wäre.

Nach einigen Tagen erschien denn auch bereits der bestellte Soliman, ein Malaye, dessen Beruf darin bestand, Expeditionen und Jagdgesellschaften ins Innere der Halbinsel zu führen.

Dieser Mann konnte allerdings viel von den Malangos erzählen und brachte auch gleich eine ganz neue, Richard sehr interessante Entdeckung mit. Soliman nämlich, der soeben zwei gelehrte Engländer, welche die Pflanzenwelt Malakas studierten, nach dem auf der anderen Seite der Halbinsel gelegenen Harronte gebracht hatte, war dort abgelohnt worden und hatte auf dem Wege quer über den Isthmus durch Zufall in einer gebirgigen Gegend eine große Grotte entdeckt, der ein kochend heißer Bach entsprang. Der Jäger konnte die geheimnisvolle Schönheit der Grotte nicht genug preisen. Nach seinen Mitteilungen hatte noch keines Weißen Fuß dieselbe betreten; und die dort herum wohnenden Malangos glaubten, wie er sagte, fest daran, daß die Grotte von Geistern bewohnt sei. Eben deswegen hielten sie auch dieselbe vor anderen Menschen geheim und erblickten in ihr ein Heiligtum, wenngleich sie auch Soliman von dem Betreten derselben nicht abgehalten hatten. Die Malangos seien übrigens, das betonte der Jäger ausdrücklich, ganz harmlose Wilde, und wenn Richard ihnen eine besondere Prämie verspräche, so würde er sicherlich der erste Weiße sein, der die Grotte mit der heißen Quelle zu sehen bekäme.

Natürlich war Richard damit einverstanden und traf nach den Ratschlägen des intelligenten Soliman seine Vorbereitungen. Er kaufte ein gutes Boot, rüstete es mit allem aus, was man zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalte in der indischen Wildnis braucht, und ging, nachdem er noch vier andere Malayen als Ruderer angeworben hatte – die schwächlichen Siamesen sind nämlich zu so etwas wenig [3] brauchbar – eines Morgens an Bord eines kleinen Dampfers, der die Küste entlang nach Rangun hinaufsteuerte, um diesen schon nach einer Fahrt von drei Stunden wieder zu verlassen.

Auf ein Zeichen Solimans, der die nahe, völlig mit Urwald bestandene Küste beobachtete, hatte der Dampfer gestoppt. Jetzt wurde, wie vorher mit dem Kapitän ausgemacht worden war, das Boot ausgesetzt, dann stiegen Richard und die fünf Malayen ein, und kaum hatte Soliman die Richtung angegeben, so steuerte das Fahrzeug in die Mündung eines breiten Flusses hinein.

Zu beiden Seiten lagen siamesische oder malayische Dörfer; bald wurden jedoch die Hütten spärlicher, ging die Fahrt nur noch zwischen Reis- und Baumwollfeldern hindurch, und dann begann die Region des dunklen, undurchdringlichen Urwaldes, dessen geheimnisvolle Stille am Tage nur selten von Affengeschnatter und anderen Tönen aus dem Tierreiche unterbrochen wurde, um erst in der Nacht zum geräuschvollen Leben zu erwachen.

So befanden sie sich, obwohl sie erst vierzig englische oder zehn deutsche Meilen nördlich von Phunga, einer blühenden Kulturstadt, entfernt waren, schon in einer völlig pfadlosen Wildnis, die ein Europäer allein gar nicht zu betreten wagen konnte, da er sonst darin so gut wie verloren gewesen wäre.

Soliman aber war sich des Weges sicher, er hatte ihn ja schon zu Fuß und auch in einem Ruderboote zurückgelegt; wie er sagte, hätten sie jetzt nur noch sechs Stunden zu rudern, und wenn sie dann in einen Nebenfluß eingebogen und diesen noch eine Stunde hinaufgerudert wären, würden sie nach einem Fußmarsche von abermals einer Stunde bereits heute abend die Grotte erreicht haben.

Richard hielt nun die Ruderer bei guter Laune und beobachtete zu gleicher Zeit die indische Fauna und Flora, indem er sich von dem erfahrenen Jäger darüber belehren ließ.

Gegen vier Uhr bogen sie in ein Nebenflüßchen, wo [4] die Region der Dschungeln begann, in denen es von Schlangen und Krokodilen wimmelte, und eine Stunde später, als wieder ein Bach seitwärts mündete, sagte Soliman, daß sie hier das Boot verlassen und den Fußmarsch antreten müßten.

Das Boot wurde nun befestigt, die Malayen beluden sich mit Decken, Gewehren und einigem Proviant, und nachdem inzwischen Richard das Wasser des Baches geprüft hatte, das auffallend warm war, wurde der Marsch angetreten, der zum Glück gleich aus der hier aufhörenden Dschungel in eine hügelige, steppenähnliche Gegend führte.

Bald zeigte es sich, welches Glück es gewesen war, daß Richard so geeilt, denn in dem Urwalde war es ihnen entgangen, welch unheilvoll drohendes Aussehen der Himmel angenommen hatte.

Es wurde plötzlich finster, schon pfiff der Wind durch die Bäume und Schilfrohre, jeden Augenblick konnte das Unwetter losbrechen, und wehe ihnen, wenn ein Orkan sie im Walde überraschte.

Auch hier im offenen Gelände konnte er ihnen, ebenso wie schon allein der Regen, noch verhängnisvoll genug werden. Hastig strebten sie daher vorwärts, denn bereits fielen große Tropfen.

„Dort ist die Höhle“, sagte endlich Soliman, auf eine bizarre Felsmasse deutend, die sich jäh aus dem Boden erhob, „dort sind wir geborgen.“

Sie hatten sich immer an dem Ufer des kleinen Baches gehalten, und Richard war zu sehr besorgt, um darauf zu achten, wie das Wasser immer mehr zu dampfen begann.

Da brach der Regenguß los. Wenn man einen tropischen Regen noch nicht erlebt hat, kann man sich schwer eine Vorstellung davon machen. Es braucht nur gesagt zu werden, daß die eigroßen Tropfen den besten Regenschirm durchschlagen, als wäre sein Dach von Seidenpapier. Allerdings sind [5] das Ausnahmen, so wie bei uns der Hagel, und ein derartiger Regen vertritt dort auch in der That den unbekannten Hagel.

Solch ein Regenguß wurde es jetzt. Richard erhielt noch einige schmerzhafte Schläge auf den Rücken, die ihm Beulen beibrachten, dann war er, während es hinter ihm donnerte und prasselte, in dem Höhlengange geborgen.

In der Höhle war es kochend heiß, und das war kein Wunder, denn am Boden floß ein siedender Bach, der alles mit einem heißen Dampfe erfüllte. Soliman mußte die Ungefährlichkeit desselben wohl schon kennen, denn furchtlos drang er durch den Brodem, ihm nach folgten die anderen, dann wurde es wieder heller, und sie befanden sich in einer geräumigen Tropfsteinhöhle.

Neblig und sehr heiß war es hier allerdings auch noch, denn hier entsprang die kochende Quelle einer Felsenspalte, aber es war doch noch auszuhalten, denn oben an den Wänden und an der Decke befanden sich mehrere Oeffnungen, die für frische Luft und Licht sorgten.

Zunächst entdeckte Richard, daß sie nicht die einzigen Menschen waren, die hier Zuflucht vor dem Unwetter gefunden hatten. Eine ganze Familie von Malangos, bestehend aus zwei Männern, vier Frauen und fünf Kindern, befand sich noch in der Höhle.

Sie waren auf Wanderung gewesen und hatten, da ihre Furcht vor dem drohenden Orkane größer war, als die vor Geistern, hier Schutz gesucht.

Richard war sehr enttäuscht; er fand, daß die Malangos einer ihm nicht unbekannten Menschenrasse angehörten, und erkannte in ihnen echte Indier, welche noch von keiner Kultur berührt worden waren. Ihre Waffen bestanden aus Axt, Messer, Pfeil und Bogen, und zwar vertrat die Stelle des Stahles ein sehr harter, grüner Stein, den sie zu bearbeiten verstanden. Soliman redete ihre Sprache; durch seine Vermittlung konnte sich Richard mit ihnen unterhalten. Ihr Leben fristeten sie ausschließlich von der Jagd; als Zukost [6] aber dienten Beeren und Früchte, die ihnen ja in den Mund wuchsen. Unseßhaft zogen sie in der Wildnis umher und kannten nicht einmal eine Hütte, sondern höchstens ein Rindendach zum Schutze gegen den Regen.

Sie hatten eine Antilope erlegt, von der sie jetzt eine Keule kochten, indem sie dieselbe einfach in das siedende Wasser legten. Es bereitete ihnen anscheinend eine große Freude, den fremden Gästen davon anbieten zu können.

Nach dem Abendbrote, zu welchem Richard auch die mitgebrachten Konserven hatte wärmen lassen, verteilte er Tabak, den die Malangos als wilde Pflanze kannten und jetzt aus Steinpfeifen rauchten, und nachdem er dann noch die Höhle untersucht hatte, legte sich ein jeder auf den ihm passendsten Platz, und bald waren sie alle in tiefen Schlaf gesunken.

Draußen aber wütete noch immer ein furchtbarer, von Regengüssen begleiteter Orkan.




Eis und Schnee.

Richard erwachte. Bis auf das Hemd entkleidet lag er weit ab von der kochenden Quelle; dennoch aber war er über und über mit Schweiß bedeckt. Er hatte sehr gut geschlafen und fühlte sich, als hätte er ein Dampfbad genommen, wie neugeboren.

Ein Blick auf seine Taschenuhr sagte ihm, daß es schon neun Uhr sei. Da hatte er es einmal gründlich verschlafen! Diese feuchte Hitze übte eben auch die ermüdende Wirkung eines Dampfbades aus.

Was machten denn aber seine Malayen und die Eingeborenen? Seltsam, wie sich diese verhielten! Sie schliefen nicht mehr, sie lagen alle langausgestreckt auf dem Bauche, hatten das Gesicht auf die Erde gepreßt und wimmerten und stöhnten. Auch die Kinder befanden sich anscheinend in einer [7] sehr verzweifelten Gemütsstimmung. Nur das jüngste, etwa zwei Jahre alte machte eine Ausnahme. Es schrie aus Leibeskräften und hatte dadurch auch Richard geweckt.

Dieser stand jetzt auf und rüttelte Soliman an der Schulter.

„Was giebt es denn? Soliman, bist Du krank?“ fragte er besorgt.

„O, Sahib,“ stöhnte der Gefragte, „das Ende der Kulpa ist gekommen, Vritra hat Indra besiegt.“

In dem Munde Solimans, der ein Mohammedaner war, mußten die Worte ,Kulpa‘, ,Vritra‘, ,Indra‘, die der buddhistischen Götterlehre angehören, einigermaßen befremden; aber dort in Indien ist der mohammedanische Glaube schon stark mit dem Buddhismus vermischt. Dieser teilt die Entwicklungsgeschichte der Welt in mehrere Perioden. Eine derselben, die einen Zeitraum von vielen Hunderttausenden von Jahren umfaßt, ist die Kulpa, an deren Anfang Indra, der gute und höchste Gott, die Erde schuf, die Vritra, das böse Element und besonders das Symbol der Dürre, haßt, weshalb beide Götter beständig miteinander im Kampfe liegen, bis schließlich am Ende der Kulpa Vritra siegt und die Erde wieder vernichtet wird.

„Die Malangos haben recht,“ murmelte ein anderer Malaye, „wir haben die heilige Grotte entweiht, die Götter rächen sich, wir dürfen sie lebendig nicht wieder verlassen.“

Mehr war aus ihnen nicht herauszubringen, das Entsetzen, Stöhnen und Wimmern war allgemein. Was war da passiert?

Hastig kleidete sich Richard an, um hinauszugehen, denn wenn es auch draußen noch so warm sein mochte, er mußte sich doch, wenn er den heißen Raum verließ, vor einer Erkältung hüten.

„Gehe nicht hinaus, Sahib,“ warnte Soliman, „draußen lauert Vritra, um Dich zu töten.“

Eine nähere Erklärung gab er nicht, und deshalb gerade ging Richard nun erst recht. Sturm und Regen mußten ja [8] aufgehört haben, man hätte sonst wohl hier drinnen etwas davon vernommen. Außerdem drangen auch durch die oberen Löcher der Höhle freundliche Sonnenstrahlen herein. Wie schade, daß man nicht hinaussehen konnte und die Spalten sich zu hoch in der unersteigbaren Wand befanden!

Richard drang also durch den heißen Nebel, der den etwa zehn Meter langen Gang erfüllte, hindurch und erreichte das Freie. Hier konnte er zuerst allerdings noch nichts sehen, aber als er noch etwas seitwärts ging und der Nebel sich lichtete, da kam es ihm plötzlich so sonderbar kalt vor, trieb ein Windstoß den Nebel davon, und – –

Richard erstarrte vor Schreck einen Moment wie zur Salzsäule, und wenn er sich dann auch die Augen rieb und an der Nase zupfte, um sich zu überzeugen, daß er nicht schlafe, das Wunder, das er jetzt erblickte, blieb bestehen.

Vor ihm breitete sich eine Winterlandschaft aus! Alles war mit fußhohem Schnee bedeckt. Die erfrorenen Blätter waren bereits von den Bäumen gefallen, ein Gewässer, das sich seitwärts von der Grotte befand und nicht mit dem heißen Loche zusammenhing, war vollständig zugefroren, und der heiße Bach selbst hatte sich in einiger Entfernung schon mit einer Eiskruste überzogen, so schnell hatte sich das kochende Wasser abgekühlt!

Was sollte Richard davon denken? Schnee und Eis in Hinterindien, im Tieflande! Das war ja eine Unmöglichkeit.

Und doch, die weißen Flocken, die da vom Himmel herabwirbelten, sie waren kein vorübergehender Schneefall, und die Kälte, die er verspürte, war erstarrende Winterkälte! Schon ahnte Richard, daß ihn nur die Nähe des Einganges der enormen Grotte vor derselben schützte.

Und wie er nun weiter Umschau hielt, da sah er einige große Vögel erfroren am Boden liegen, und dort die graue Masse, in der Ferne, sie mußte ein erstarrter Elefant sein, während hier nicht weit vor ihm im Schnee ein Panther lauerte, der zwar zu schleichen schien, aber in Wirklichkeit erfroren [9] war, und den die Todeskälte mitten in der Bewegung überrascht haben mußte!

An der Stelle, wo Richard stand, war der Boden noch schneefrei. Mit einigen Schritten erreichte er die Schneegrenze, dann noch einige Schritte, und der Schnee war so hart gefroren, daß er ihn trug – da aber prallte Richard wieder zurück, und von Entsetzen gepackt, faßte er zugleich mit der Hand nach dem rechten Ohre.

Eine unbeschreibliche Empfindung war es gewesen, die er verspürte, sobald er den Wärmekreis verlassen, der den Eingang der heißen Grotte umgab. Es war, als ob sich tausend scharfe Nadeln in sein Fleisch, besonders in sein Gesicht gebohrt hätten. Er kannte dieses Gefühl noch nicht, ahnte aber, daß es die Empfindung sein müsse, die eine furchtbare Kälte hervorbrachte, hatte doch dieser eine Augenblick, während dessen er sich dieser Kälte aussetzte, schon genügt, um ihm die Finger erstarren und ein Ohr erfrieren zu lassen.

Richard kehrte nun in die Grotte zurück. Zwar warf er sich nicht auf den Boden und wimmerte vor sich hin, wie es die Eingeborenen noch immer thaten, aber der Eindruck, den dieses unlösbare Rätsel auf ihn machte, war doch ein so starker, daß auch er sich in eine Ecke niederkauerte und zu grübeln begann.

Eine genügende Erklärung fand er nicht. Es mußte eben ein Naturphänomen sein. Ueber diese Landschaft war eine alles vernichtende Kältewelle gegangen, und wahrscheinlich hatte der Orkan sie vor sich hergetrieben. Aber woher kam sie? Wie weit war sie gegangen? Wie sah es jetzt in ganz Indien aus?

Auf jeden Fall waren er und die Eingeborenen nur dadurch dem Tode des Erfrierens entgangen, daß sie sich gerade in der heißen Grotte befunden hatten. Konnten sie es hier aushalten, bis sich die Kältewelle verlaufen hatte und die natürliche Wärme wiederkehrte?

Zuletzt glaubte Richard, er habe dies alles nur geträumt, [10] es war ja auch zu wunderbar, doch als er nochmals hinausging – war alles noch dasselbe, alles starrte in Eis und Schnee, und noch immer lag der Panther erfroren in demselben!

Ueber der ganzen Natur lagerte die Stille des Todes, und darüber spannte sich ein blauer Himmel, an welchem die Sonne freundlich lachte.

Welche Zeit war es? Richards vorzüglicher Chronometer, der für alle Temperaturen geeignet war und jeder Feuchtigkeit trotzte, zeigte die zwölfte Stunde. Merkwürdig, und die Sonne stand noch so tief? –

Plötzlich begann in Richards Kopf eine Ahnung aufzutauchen, die teils so furchtbar war, daß sie ihn erblassen machte, teils aber auch für einen Gelehrten, wie er es war, so interessant, daß er vor Spannung zu zittern begann.

In Heft 2 erzählt Richard, wie er sich wünschte, die Erde solle, ohne ihre sonstige Rotation zu ändern, eine solche Achsendrehung machen, daß Singapore Nordpol und Quito Südpol würde.

Sein Wunsch war erfüllt worden, nur daß er sich damals in seiner Heimatstadt befunden hatte, über welche der neue Aequator lief.

Durch irgend eine Katastrophe hatte sich nun abermals die Erdachse verschoben, und er mußte sich jetzt in der Nähe eines neuen Nordpols befinden, und zwar zur Zeit des Sommers, denn die Sonne ging gar nicht mehr unter.

Was Richard darüber dachte und empfand, dabei wollen wir uns nicht aufhalten, denn das würde uns zu weit führen.




Die erste Polarexpedition.

In Gedanken versunken, aber schon von einem festen Entschlusse beseelt, begab er sich in die Grotte zurück.

[11] Die Eingeborenen waren durch Hunger aus ihrer Lethargie geschüttelt worden, sie aßen das gekochte Fleisch, das notwendigerweise verspeist werden mußte, da es sonst durch die feuchte Hitze verdorben wäre, die Malayen aber hatten sich auch schon über Richards Konserven gemacht.

Auch Richard fühlte tüchtigen Hunger, essen muß ja der Mensch, will er am Leben bleiben, und er wollte leben!

Bei Besinnung waren die Eingeborenen allerdings noch nicht, nur der natürliche Trieb ließ sie die Speisen hinunterschlingen. Eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen, das gelang Richard nicht, sie schwatzten höchstens noch immer von ihrer Kulpa, von Göttern und Geistern, und ihnen eine wissenschaftliche Erklärung der großen vor sich gegangenen Veränderung da draußen zu geben, darauf verzichtete Richard von vornherein. Sie schienen sich vor dem Weltuntergange nur noch einmal den Magen tüchtig vollschlagen zu wollen, und Richard ließ sie gewähren. Später sollte das schon anders werden.

Dann legten sie sich, den Tod in irgend einer Gestalt erwartend, wieder schlafen. Richard jedoch ging nochmals hinaus, indem er einen Thermometer mitnahm, den er an eine Schnur band.

Er warf nun das Instrument weit hinaus auf den Schnee und zog es nach einigen Minuten schnell wieder ein. 32 Grad Celsius![WS 3] Das war eine bittere Kälte. Aber Richard konnte darauf schwören, daß es vorhin noch viel, viel kälter gewesen war. Um völlige Gewißheit zu erlangen, wiederholte er die Messung noch öfters, aber die 32 Grad Celsius[WS 3] blieben ziemlich konstant. Sich dieser Temperatur in seinem dünnen Tropenanzuge auszusetzen, das durfte er freilich nicht wagen. Da hieß es also, sich erst ein Polarkostüm verschaffen, und dazu sollte Rat werden.

Richard weckte seine schlafenden Diener und forderte sie einfach auf, ihm behilflich zu sein, aus den wollenen Decken [12] einen Anzug zu fertigen, in dem er in die Kälte hinausgehen könne.

„Wozu noch hinausgehen?“ lautete die Frage aller. „Wir müssen doch sterben, die Kulpa ist gekommen.“

„Weil wir hier verhungern müssen.“

„Gut, so werden wir verhungern.“

„Warum eßt Ihr da jetzt noch?“

„Weil wir noch etwas haben.“

„Gut“, dachte Richard, „eßt solange Ihr noch etwas habt, später wird sich das schon ändern.“

Die vier anderen Malayen konnte er nicht dazu bewegen, eine Hand zu rühren, nur Soliman erklärte sich zuletzt bereit dazu, als er sah, wie Richard allein mit der Arbeit begann.

„Glaubst Du, daß wir auch am Ende der Kulpa leben bleiben können?“ fragte letzterer.

„Ich glaube es nicht“, entgegnete Soliman, „aber ich weiß auch, daß Ihr Faringis viel klüger seid als wir armen Malayen, und Du bist noch dazu ein Gelehrter unter den Faringis, und dann hast Du mich auch in Deine Dienste genommen, und so lange ich noch lebe, will ich Dir daher gehorsam sein, denn dem Treuen öffnet sich das Paradies.“

Das war brav gesprochen. Das Kostüm übrigens, welches sich Richard mit Hilfe Solimans herstellte, war das denkbar einfachste. Nur zur Herstellung der Schuhe mußte eine Decke zerschnitten und mit Bindfaden und einer Segeltuchnadel, die der Jäger immer bei sich führte, etwas genäht werden; ebenso war es bei der Anfertigung einer Kapuze; sonst ließ sich Richard nur jedes Bein mit einer Decke umwickeln und letztere mit Schnüren daran befestigen. Auch der Oberkörper wurde gepanzert und dabei für möglichst dichten Abschluß gesorgt; den Hals aber umwickelte man mit einem Streifen, und nachdem dann noch ein Muff für die Hände zusammengerollt worden war, hatte man das erste Polarkostüm fertiggestellt. Richard sah darin wie ein Mehlsack aus. So unbehilflich wie ein solcher konnte er sich [13] auch nur bewegen und immer nur langsam ein Bein vor das andere setzen, denn die Deckenbündel an den Füßen hinderten ihn am Gehen ungemein.

Er gab nun dem geschickten Soliman noch Anweisungen, wie er während seiner Abwesenheit gleich noch ein paar dicke Handschuhe nähen sollte, steckte dann eine Axt, ein Messer und für alle Fälle einen Revolver mit Munition in den Gürtel und trat seine erste Expedition an.

Mühselig bewegte er sich über den hartgefrorenen Schnee, bis er entdeckte, daß er schneller vorwärts kam, wenn er mit den Füßen mehr gleitende Bewegungen machte.

Vorsichtig folgte er dem heißen Bache, der sich aber schnell abkühlte und mit einer immer stärker werdenden Eiskruste überzog, bis diese ihn trug. Auf ihr dahinschreitend, konnte er sich nicht verirren.

Schon hier zeigten sich ihm die seltsamsten Wunder, die die plötzliche Kälte erzeugt hatte.

Mau braucht sich nur eine tropische Vegetation, die mit einer tropischen Tierwelt bevölkert ist, in eine Winterlandschaft verwandelt denken, und man hat schon den merkwürdigen Eindruck, den Richard empfinden mußte.

Hatten schon in der Nähe der Wärme ausstrahlenden Grotte, Vögel, ein Elefant und andere Tiere erfroren am Boden gelegen, so stand hier aufrecht ein Rhinoceros, dem aus dem Maule noch ein Baumzweig hing, den es abgerissen hatte, weideten dort ein Büffel und eine Antilope. Alles war noch so wie im Leben; auf den Bäumen saßen auch noch die bunten, exotischen Vögel, die nur mit einer Schneeschicht bedeckt waren, und um einen Baum ringelte sich noch mit aufgesperrtem Rachen eine Riesenschlange, um ein Kaninchen zu verschlingen, das, geduckt und das Todesentsetzen noch im Auge, vor dem Ungeheuer kauerte. Mitten im Leben und mitten in der Bewegung mußte die plötzliche Kältewelle alle diese Tiere überrascht und sie in einem Nu in Statuen verwandelt haben. Nur die Vögel, die in der Luft geschwebt [14] hatten, waren erstarrt zu Boden gefallen, und daraus konnte man auch schließen, daß die furchtbare Kälte erst ganz plötzlich am Morgen eingetreten war, als die Vögel und die übrigen Tiere, die kein nächtliches Leben führten, bereits erwacht waren.

Der die ganze Nacht währende Orkan, der auch so manchen Baum gestürzt, hatte die Erdkatastrophe nur eingeleitet.

So erreichte Richard die Mündung des Baches in den größeren Fluß, wo auch wohlbehalten sein Boot mit dem übrigen Inhalt eingefroren im Eise lag. Er kümmerte sich jetzt nicht darum. Die neuen Wunder, die sich ihm hier zeigten, nahmen ihn ganz in Anspruch.

Das Eis des Flusses war nämlich ganz klar, es reichte bis auf den Grund und zeigte ihm auch hier die eingefrorene Tierwelt: Insekten, Fische, Frösche, Salamander, Krokodile und andere Geschöpfe, welche die indischen Gewässer beleben.

Der Fluß war durch den heftigen Regen ausgetreten gewesen, hatte in der Nacht die Ufer etwas überschwemmt, war plötzlich gefroren, und dadurch war das wunderbare Phänomen zustande gekommen, das sich hier den erstaunten und zugleich entzückten Augen Richards zeigte.

Die Flora war natürlich unter der furchtbaren Kälte völlig zu Grunde gegangen, denn diese konserviert die Pflanzen nicht so wie die Tiere. Schon fielen die erfrorenen Blätter bei dem geringsten Windhauche von den Bäumen; Gras und Blumen lagen abgestorben am Boden, und außer Bäumen und Büschen hielt sich nur noch das Dschungelrohr aufrecht und würde wohl auch so stehen bleiben, wenn es die Kälte nicht auseinandersprengte. Schon krachte es ab und zu wie ein Flintenschuß. Mit der exotischen Farbenpracht der Vegetation war es auch vorbei.

Nur dort, wo das Wasser die Vegetation überschwemmt und sie mit Eis umgeben hatte, sah Richard in dem wasserklaren Eise die herrlichsten Blumen in vollen Farben. Nicht das zarteste Staubfädchen war an ihnen verletzt; ebenso waren auch die bunten Schmetterlinge und andere Insekten wohl [15] erhalten, und wenn die Kälte nicht nachließ, was Richard allerdings für unwahrscheinlich hielt, so würden diese in Eis eingeschlossenen Tiere und Pflanzen ewige Zeugen von der Fauna und Flora bleiben, die hier einst geherrscht hatte, wenn es hier bereits – so weit ging Richards kühner Gedankengang – Eisbären, Eisfüchse und – Eskimos gab!

Ja, an solche Verwandlungen dachte er, als er seinen Weg auf dem Flusse noch etwas fortsetzte und dann umkehrte!

Wir aber wollen seinen folgerichtigen Gedanken nicht weiter nachgehen, sondern gleich bemerken, daß er recht behielt, denn alles, was er vermutete, ging, wie wir später sehen werden, in Erfüllung. Dieses Indien sollte sich bald wirklich mit Polarvögeln, Eisbären und Eskimos mit ihren Hunden beleben!




Die zukünftigen Eskimos.

Einige Stunden waren vergangen – und zwar war es eigentlich Nachtzeit – als Richard wieder die Grotte betrat. Soliman hatte die dicken Handschuhe fertig und konnte viel von seinen Kameraden und den Malangos erzählen, die wieder apathisch an der Erde kauerten, nachdem sie Richards letzte Konserven verzehrt hatten. Die draußen herrschende Kälte schien auch hier drinnen Appetit zu machen.

Vorläufig sagte Richard hierzu nichts, sondern zog ruhig die Handschuhe wieder an, ohne welche er vorhin nichts hatte anfangen können, und ging noch einmal hinaus, um dann mit mehreren großen Vögeln zurückzukehren und auch noch einiges Holz herbeizuschaffen.

Die Eingeborenen sollten nun die Vögel rupfen, ausnehmen und sie am Feuer braten. Das gab einmal eine Abwechslung in der Ernährung.

Doch sein Zureden war vergeblich, denn weder die [16] Malangos noch die Malayen wollten sich dazu bequemen, obgleich sie mit lüsternen Blicken nach den Vögeln sahen.

Gut, so bereiteten Richard und Soliman sich den Braten allein!

Das Feuer flackerte auf, der Rauch fand Abzug durch die Löcher oder wurde von dem Wasserdampfe mit fortgerissen, und da auch sonst nichts fehlte und man sogar Salz nicht entbehrte, so waren bald die köstlich duftenden Braten fertig.

Richard legte sich und Soliman vor, und sie begannen zu essen.

Bald rückten die vier Malayen näher an das Feuer, und die Malangos rutschten nach, indem sie erwartungsvoll nach dem gebratenen Geflügel blickten.

„Was wollt Ihr?“ fragte Richard harmlos.

„Essen, Sahib, wir haben Hunger.“

„Ach, Ihr wollt doch sterben.“

„Wir wollen nicht sterben, sondern wir müssen es; aber da wir jetzt noch leben, wollen wir[WS 4] auch essen.“

„Allerdings, Ihr wollt wohl essen, aber Ihr bekommt nichts; wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen,“ entgegnete Richard entschieden. Und dabei blieb es. Die hungrigen Gäste durften zwar der Mahlzeit zuschauen, bekamen aber nicht einmal einen Knochen.

Da schienen sie sich in ihr Schicksal ergeben zu wollen, seufzten und legten sich wieder hin. Nur ein kleiner Malango, sicherlich der Schlaueste von ihnen, machte eine Ausnahme. Er fragte nämlich Soliman, ob er Holz klein spalten dürfe, und als er nun dafür einen Hühnerflügel bekam, da entstand unter den anderen eine lebhafte Debatte, und das Resultat derselben war, daß sich alle bereit erklärten, zu arbeiten und zu thun, was der kluge Sahib ihnen befehlen würde, jetzt und immerdar. Es wurde sogar ein förmlicher Pakt geschlossen, nach welchem Richard feierlich erklärte, sie dem Leben zu erhalten. Nun bekamen sie alle ihren Anteil an der Mahlzeit, [17] und so war diese Angelegenheit zu allgemeiner Zufriedenheit geregelt.

Noch vor dem Schlafengehen, denn es war ja schon spät in der Nacht, wenn auch die Sonnen noch über dem Horizonte stand, schleifte Richard einige größere Tiere in die Grotte, darunter auch einen Lippenbären; dann legten sie sich schlafen, und nach dem Erwachen wurden die ersten Arbeiten vorgenommen, die der Aufenthalt in der neuen Zone nötig machte.

Dem unterdessen aufgetauten Wilde wurde das Fell über die Ohren gezogen, und während man das Fleisch draußen gefrieren ließ, fingen die Eingeborenen an, mit dem Fette die Häute und die Eingeweide zu bereiten, welche Arbeit durch das heiße Wasser außerordentlich erleichtert wurde.

Mit solchen Beschäftigungen vergingen einige Tage; dann hatten sich die Felle in Pelzkleider, Schuhe, Kapuzen und Handschuhe verwandelt, und als Solimans Kostüm fertig war, betrat auch er an Richards Seite das Freie und spannte sich vor die erfrorenen Tiere, um sie in die Grotte hineinzuziehen. So wurden immer neue Felle gewonnen, und bald besaß jeder Eingeborener, sogar jedes Kind, solch ein warmes Kostüm. Dann erfand man Verbesserungen, und einer nach dem anderen wurde langsam daran gewöhnt, diese Kälte im Freien zu ertragen. Freilich hatte Richard oft genug ungeheuere Mühe mit den Indiern; er konnte manchmal verzweifeln; ja, es kam sogar vor, daß sich ein Malango plötzlich in den Schnee warf und nicht wieder aufstehen wollte. Da wählte Richard, als er merkte, daß alles Zureden nichts half, ein besseres Mittel, welches stets den gewünschten Erfolg hatte. Wenn ein Eingeborener nicht wieder aufstehen, sondern sterben wollte, so prügelte ihn Richard einfach mit dem Bambusstock, den er zu diesem Zwecke immer mit sich führte, windelweich. Dadurch wurde der Körper des Geschlagenen zugleich brühwarm, und mit der zurückkehrenden Lebenswärme kam dann auch der Lebensmut wieder, und der Geprügelte sprang schnell genug wieder empor.

[18] Inzwischen beobachtete Richard mit Hilfe seiner Instrumente unausgesetzt die Sonne, und seine Berechnungen ergaben schließlich mit untrüglicher Gewißheit, daß der neue Nordpol genau mit Singapore zusammenfiel und daß man sich daher auf dem einundachtzigsten Breitengrade befände.

Jetzt war hier Polarsommer. Wie würde es nun werden, wenn erst der Winter mit seiner halbjährigen Nacht und furchtbaren Kälte käme? In der Grotte allerdings, deren heißer Bach nicht versiegte, war man ja vor der Kälte geschützt, und gefrorenes Fleisch gab es auch in Ueberfluß, man mußte sich nur die Fleischablagerungsstätten merken, falls sie verschneiten – doch Richard sah schon weiter in die Zukunft, dachte schon an die Kinder der Eingeborenen, und ganz andere Pläne entstanden da in seinem Kopfe; er wollte sich nicht begnügen, dieses Geschlecht nur in der warmen Grotte geschützt zu wissen.

Sie mußten hinaus, sich acclimatisieren, und wer dazu nicht fähig war, der mochte zu Grunde gehen. Nur dem Starken und Widerstandsfähigen gehört das Leben.

Wir werden sehen, wie er seine Pläne ausführte.




Die Ansiedlung an der Küste.

Zu den Pelzkostümen waren Schlafsäcke gekommen, wie sie auch die Eskimos benutzen, um in der strengsten Kälte draußen zu übernachten. Die Pelze dazu lieferten Bären, deren Hinterindien zwei Arten besitzt, eine kleinere, den malayischen, und eine größere, den Lippenbären. Auch Schneeschuhe waren gefertigt worden, und man hatte sich auf ihnen bei kleineren Expeditionen geübt. So konnte nun, als das Laufen einigermaßen ging, der erste große Marsch nach der Küste angetreten werden, denn Richard begehrte vor allen Dingen, das Meer zu schauen.

[19] Alle Männer mußten mit, und nur die Frauen und Kinder blieben in der Grotte zurück.

An einem sonnenklaren Morgen flogen die acht Männer über die glatte Schneedecke dahin. Jeder war mit seinem Schlafsacke und einigem Fleischvorrate belastet; im Gürtel steckten Axt und Messer, und in der Hand trugen sie einen langen Bambusstab mit Steinspitze, der ihnen als Bremsstock und Lanze zugleich diente. Die Malangos waren außerdem noch mit Pfeilen und Bogen bewaffnet, während Richard nur einen Revolver bei sich trug.

Vieles an dieser Ausrüstung war unnötig. Denn wozu brauchte man in der ausgestorbenen Schneewildnis Waffen? Wozu Proviant, da überall das Fleisch herumlag? Aber Richard begann schon jetzt mit seiner planmäßigen Erziehung der Eingeborenen. Sie mußten sich eben auch an eine solche Ausrüstung gewöhnen.

Als Richard noch nicht so weit vorgedrungen war, schien die Umgebung überall die gleiche zu sein. Dann aber entdeckte er doch manches Neue.

Ein Fuchs sprang zum Beispiel auf und verschwand in einem Schneeloche. Das war etwas sehr Wichtiges. So war also die Tierwelt doch nicht ganz ausgestorben.

Auf ihren Märschen durch den gebirgigen Teil der Gegend machten die Malangos Richard noch auf eine andere Höhle aufmerksam, der, wie sie sagten, ebenfalls ein Bach entsprang. Dieser habe jedoch im Gegensatze zu jenem heißen Quell in der uns schon bekannten Höhle eiskaltes Wasser. Diese Grotte wurde nun besucht, aber man konnte sie kaum wiederfinden, so war sie unter Eis und Schnee vergraben. Es mußte erst eine Schaufel gemacht werden, um ihren Eingang freizulegen und dann in eine geräumige Höhle zu gelangen, die von Eiszapfen starrte.

Richard beschloß, hier ein Museum anzulegen, in dem alle gefrorenen Tiere und Pflanzen der vergangenen Periode, [20] oder doch von jeder Art und Spezies ein Exemplar einen Platz finden sollten.

Der Marsch wurde fortgesetzt, und am Nachmittage erreichten die Schneeschuhläufer die erste Hütte. Alles war tot, alles erfroren. Die Siamesen kauerten noch um das am Boden stehende Frühstück. Mitten in der Bewegung waren sie von der Todeskälte überrascht worden, die sie in Statuen verwandelt hatte. Offenbar hatten sie vorher gar nichts von einer Kälte verspürt.

Mochte hier auch ein großes Naturphänomen vorliegen, ganz unbekannt sind solche sogenannte Kältewellen nicht, besonders in Amerika. In New-York kennt und fürchtet man sie, und sie werden vorher telegraphisch gemeldet. Dann flüchtet alles in die Häuser und heizt, bis der Ofen glüht, denn die gewöhnliche Winterkälte sinkt nun plötzlich um zehn, ja 20 Grad und noch tiefer, und wer unvorbereitet im Freien davon überrascht wird, der ist des Todes. Ebenso plötzlich aber, wie die Kältewelle gekommen, schwindet sie auch wieder.

So wie in der ersten Hütte, sah es in allen anderen Hütten aus; die ganzen Dörfer waren ausgestorben und ausgefroren. Dennoch stieß man wieder auf Leben – nämlich auf eine die Flucht ergreifende Ratte.

Dann kam das offene Meer, und der Anblick desselben war ein solcher, daß Richard vor Staunen auf die Kniee sank.

Es war ein Polarmeer. Die blaue Farbe des Wassers hatte sich in eine grüne verwandelt, und schon hatten sich durch übereinander getürmte Schollen kleine Eisberge gebildet, die bald zu riesenhafter Größe anwachsen mußten. Schollen spülten an die Küste; in der Ferne aber zeigte sich bereits eine unübersehbare Eisbank, die wohl von der Mündung eines Flusses gebildet und abgestoßen worden war.

Ein Schiff war nicht zu sehen. Ob überhaupt noch ein solches von Menschenhand über den Ocean gesteuert wurde?

Zunächst maß Richard die Temperatur des Meerwassers. [21] Dieselbe betrug 17 Grad. Das war für ein Eismeer sehr warm! Er beobachtete nun die Temperatur und die Strömungen weiter und kam im Laufe der Zeit zu der Ueberzeugung, daß an der Küste ein warmer Strom entlang lief. Damit war die Existenz von Menschen hier gesichert, und die Wintertemperatur würde vermutlich von der des Sommers nur wenig verschieden sein. Dafür sorgte das eine gleichmäßige Wärme ausstrahlende Meer, wenn auch Eis und Schnee nie schmelzen würden. Letzteres war aber gerade gut, denn nun würde auch das gefrorene Fleisch nie auftauen und in Verwesung übergehen.

Wie sie noch so dastanden und staunten, kam plötzlich vom Horizonte eine große, graue Wolke immer schneller und schneller heraufgezogen, dann senkte sich die Wolke, stieg wieder hoch, senkte sich abermals und beschrieb endlich einen Bogen. Es rauschte, schnatterte und kreischte – und die ersten Polarvögel, Eidergänse, Eiderenten, Möwen und andere Vögel hatten sich auf der vereisten indischen Halbinsel niedergelassen. Von nun an würden sie hier nisten, brüten und dem Fischfange obliegen. Die ehemalige Polargegend war ihnen zu warm geworden, sie waren ihrem Instinkte gefolgt. Nun war es vorauszusehen, daß nach ihnen die Walfische, die Robben und die anderen Bewohner der Polarmeere kommen würden; nach diesen wieder die Eisbären, Renntiere und die Moschusochsen, wenn sie auch zu ihrer Wanderung über Land vieler Jahre bedurften. Schließlich hatten die Vögel auch schon in ihren Därmen den Samen von Polarflechten mitgebracht. Bald mußte daher unter dem Schnee isländisches Moos zu finden sein.

Absichtlich führte Richard seine Begleiter noch an demselben Tage weit ab von den menschlichen Niederlassungen, um sie, als sich die Müdigkeit einstellte, zu zwingen, in ihren Pelzsäcken auf dem Schnee zu schlafen. Er machte sie gewissermaßen mit Gewalt zu Eskimos.

Sie sollten gleich eine sehr starke Prüfung bestehen. Als [22] sie sich hinlegten, hatte sich nämlich der Himmel verdüstert, und ein heftiger, schneidender Wind setzte ein. Doch als sie erst einmal in die Säcke gekrochen waren, merkten sie nichts mehr davon; so warm und behaglich war es darin. Die Säcke sollten ihr zwanzigstündiges Gefängnis werden. Ein Glück war es, daß jeder Proviant bei sich hatte, denn so oft sie auch, nachdem sie schon längst ausgeschlafen hatten, die Oeffnung über dem Kopfe aufschnürten und hinauslugten, sie konnten nicht aus ihrem Gefängnisse, denn immer heftiger wurde das Schneewetter, das sie schließlich vollständig unter einer Schneedecke begrub. Warm und sicher lagen sie so allerdings; aber sie wurden auch von Todesgedanken geängstigt.

Endlich wurde ihr Gefängnis von fremder Hand geöffnet, und zwar von Richard, der sich zuerst aus dem Schnee gegraben hatte. Ueber ihnen lachte die Sonne am blauen Himmel, und die sorglosen Eingeborenen lachten hinter ihren Kapuzen ebenfalls.

Richard dachte noch nicht an eine Rückkehr. Ja, er hatte sogar beschlossen, daß seine Begleiter die warme Grotte nie wieder sehen sollten. Allerdings verheimlichte er ihnen dies noch. Unter seiner Leitung mußten sie jetzt eine Schneehütte aufführen, wie er es in Reisebeschreibungen gelesen hatte, eine echte Eskimohütte. Zu diesem Zwecke wurden aus hartgefrorenem Schnee mit erhitzten Steinmessern Steine geschnitten und diese so übereinander gesetzt, daß ein runder Bau entstand, dann kam eine Lage Zweige darüber und dann wiederum Schnee. Auch eine Fensteröffnung wurde ausgeschnitten und eine Scheibe Süßwassereis dareingesetzt; aber man brachte keine Thür an, sondern statt dieser diente ein langer Gang unter dem Schnee, dessen äußere Oeffnung[WS 5] verstopft werden konnte. Später wurde noch ein zweiter nach der anderen Seite hin angelegt, sodaß derjenige, in welchen der Wind hineinblies, stets verschlossen gehalten werden konnte.

Möbel waren schnell hergestellt. Einfache Schneebänke [23] liefen an der Wand entlang. Darüber wurden die Pelzsäcke ausgebreitet, und die gepolsterten Sitzplätze und Betten waren fertig.

Nun fehlte nur noch der Ofen und das Heizungsmaterial. Holz gab es freilich genug, aber zu einer Feuerung mit demselben wollte Richard sich nicht verstehen. Er dachte eben an alles und wollte sich in dieser Beziehung ganz nach den Eskimos richten, die, durch eine Erfahrung von vielen Jahrhunderten gewitzigt, sicherlich zur Einrichtung ihrer Wohnungen das Praktischste gewählt hatten und das Treibholz, das an ihren Küsten in Hülle und Fülle angespült wurde, auch nicht zur Feuerung benutzten, sondern nur die einfache Thranlampe.

Richard hatte schon immer aufmerksam um sich gespäht und so in der Nähe der siamesischen Ansiedlung eine Thongrube entdeckt, die infolge ihrer geschützten Lage nur wenig verschneit war. Hier wurde die erste Lampe geformt, ein einfaches, irdenes Gefäß, das man durch Brennen feuerfest machte. So lange es keine Moosflechten gab, aus denen die Eskimos Dochte fertigten, drehte man solche aus noch vorhandenen Geweben. Ein erfrorenes Wildschwein lieferte das erste Fett, und bald heizte die Lampe mit vier Dochten die Schneehütte vollständig und zugleich als Bratofen dienend.

Mochte nun draußen der Schneesturm toben, wie er wollte, hier drinnen war es ganz behaglich warm, und je mehr Schnee die Hütte zudeckte, desto wärmer wurde es, sodaß die Eingeborenen zuletzt nackt um die Ofenlampe herumsaßen.

Schmolz denn da aber nicht die ganze Hütte zusammen? Gingen denn da nicht die Schneebetten zu Wasser?

Nein, denn diese große Wärme war nur eine Täuschung, das Thermometer stieg nie über den Nullpunkt hinauf. Um dies zu erklären, dazu bedürfte es eigentlich einer langwierigen, physiologischen Erklärung. Doch wir wollen nur in der Kürze darauf hinweisen, daß, wenn man aus einer sehr großen Kälte in einen Raum tritt, dessen Temperatur noch unter dem Gefrierpunkte [24] ist, man schon eine angenehme Wärme zu verspüren glaubt.

Die Fettlampe rauchte sehr stark. Alles überzog sich mit einer dicken Schicht Ruß. Aber das machte nichts. Wenn es nur warm war! So wurden die indischen Eingeborenen, deren braune Haut bereits wie schwarz angelaufener Speck glänzte, den Eskimos immer ähnlicher.

Bei den Malangos zeigte sich endlich Sorge nach Frau und Kind. Daher beschloß Richard, als er seine Schützlinge gesichert wußte, die Familien nachzuholen. Begleiten durfte ihn niemand auf dem Wege zu ihnen, die Zurückbleibenden sollten einstweilen eine zweite Schneehütte aufführen.

Richard fand die Frauen und Kinder noch in der heißen Grotte. Sie mochten wohl niedergeschlagen gewesen sein, aber ihre trübe Stimmung war sofort vorbei, als sie hörten, daß die Männer noch am Leben seien und auf sie warteten. Die Frauen hatten sich von ganz allein etwas acclimatisiert. Als das in der Grotte befindliche Fleisch verdarb, hatten sie sich in ihren Pelzkostümen hinausgewagt und neue Vorräte herbeigeschafft.

Mit ihnen trat Richard nun den Rückweg an, nachdem er ihnen jedoch vorher erklärt hatte, daß sie hier in der Grotte so wie so nicht bleiben könnten, weil die warme Quelle nach und nach erkalten würde. Dasselbe wiederholte er dann später den Männern, indem er ihnen außerdem noch etwas von erzürnten Geistern erzählte. Es kam ihm ja darauf an, die neuen Eskimos von dem Betreten der warmen Grotte abzuhalten. Am besten war es schon, wenn sie dieselbe ganz vergaßen, oder wenn ihre Kinder sie nur als Heiligtum betrachteten. Richard, der sich schon für den letzten seines Geschlechtes hielt, wollte nämlich die Grotte, in der sich die Indier nur verweichlicht hätten, für sich allein reservieren.

Die Zurückgebliebenen hatten unterdessen nach seinen Anweisungen und zu seiner Zufriedenheit eine zweite Schneehütte gebaut, in der nun die Familien untergebracht wurden. Einige Tage blieb Richard noch bei ihnen, bis er ganz sicher [25] wußte, daß er sie nun sich allein überlassen durfte. Dann trat er, nachdem er ihnen nochmals eingeschärft hatte, sich von dem Platze, wo die Schneehütten ständen, nie zu entfernen und die warme Grotte nie wieder aufzusuchen, da der Wechsel von Hitze und Kälte ihnen, nachdem sie sich einmal an die letztere gewöhnt hätten, unfehlbar den Tod bringen müßte, seine Expedition nach Phunga wiederum ganz allein an. –

Nicht nur, daß er die große Stadt sehen und sich überzeugen wollte, wie dort die Kalte gewirkt habe, er hatte auch ein Experiment mit den Indiern vor, er wollte sie einige Zeit sich allein überlassen.




Neue Gefährten.

Von Phunga war er nur zehn Meilen entfernt, die er auf Schneeschuhen bequem in einem Tage zurücklegen konnte, und er brauchte sich auch nur immer an der Küste zu halten, so konnte er sich nicht verirren. Für alle Fälle besaß er schließlich auch seinen Sextanten.

Neues sah er unterwegs wenig, nur noch einen Fuchs und ungezählte Schwärme von Polarvögeln, die schon ihre Nester bereiteten, indem sie dieselben mit den aus ihrer Brust gerupften Federn, den sogenannten Daunen, polsterten. Auch passierte Richard einige an der Küste gelegene Fischerdörfer, in denen sämtlich der Tod in Gestalt des plötzlichen Erfrierens Einzug gehalten hatte.

Zuletzt mußte er ein Gebirge überschreiten, an dessen jenseitigem Abhange und zugleich an der Küste Phunga lag. Bald sah er denn auch, als er einen hohen Gipfel erreicht, die Stadt zu seinen Füßen liegen.

Was er erblickte, übertraf alles, was er erwartet hatte. Hier in Phunga hatte die Umwälzung aller Verhältnisse noch viel schrecklichere Folgen gehabt; diese Stadt mußte der Orkan mit voller Wucht getroffen haben.

[26] Wohl war der Hafen noch mit Schiffen gefüllt, aber sie lagen alle auf der Seite und auf dem Trockenen. Das Meer mußte zurückgetreten sein oder das Land sich gehoben haben, nachdem eine Sturmflut vorausgegangen war, die einige Schiffe auch ans Land geschleudert hatte. So lag mitten in der Stadt ein gewaltiger Passagierdampfer sicher zwischen den eingedrückten Häusern eingebettet, während ein Dreimaster gar hoch oben auf einem Felsen ruhte. Was für eine Kraft hatte den Koloß da hinaufgesetzt? Die Elemente spotteten eben jeder menschlichen Berechnung.

Unten am Gebirge und auch an den bis auf einige Vorsprünge glatten Wänden nisteten die Seeeisvögel, und als Richard den Blick weiter hinaus auf das grüne Meer lenkte, sah er auch hier Eisberge. Doch was war das dort? Was bedeutete diese von dunklen, sich bewegenden Massen ausgehende, aus dem Wasser aufspritzende Fontaine? Eine Herde spielender Walfische nahte da heran! Die Bewohner des Polarmeeres hatten den Weg schon hierher gefunden!

Richard stieg hinab. Plötzlich stieß er einen Jubelruf aus, denn dort unter dem Felsvorsprunge stand eine ganze Gruppe Menschen und zwar Europäer!

Aber immer mehr verlangsamten sich seine Schritte. Warum rief man ihm nicht wieder entgegen? Warum bewegte sich niemand? Warum waren alle bei dieser Kälte nur in dünne Tropenanzüge gekleidet?

Richard erstarrte vor Entsetzen bald ebenso zu Eis, wie diese Menschen. Kein Zweifel, sie waren vor der Katastrophe, vielleicht noch vor der Sturmflut, geflohen, hatten aufgerafft, was ihnen wertvoll dünkte, und waren dann hier oben erst nachträglich von der Kältewelle getroffen worden, die sie in Bildsäulen verwandelte. Noch trug einer der Männer ein Bündel Betten, eine vornehm gekleidete Dame ein Schmuckkästchen. Nur wenige hatten den Halt verloren und waren umgefallen, und so würden sie vielleicht nun für ewig dastehen.

[27] Von kaltem Grausen gepackt, eilte Richard an ihnen vorbei. Es war ein Anblick, der den Wahnsinn herbeiführen konnte.

Endlich erreichte er die Stadt. Alles war darin tot. Hier aber hatten die Leichen nicht die gewöhnlichen Lebensstellungen beibehalten. Ihre Haltung zeigte, daß hier erst eine Flucht vor etwas Schrecklichem vor sich gegangen war, ohne daß sie dadurch dem Tode entrissen werden konnten. Die meisten Häuser waren demoliert. Sonst lag auch hier alles unter Eis und Schnee vergraben.

Sollte denn kein einziger dem Tode entgangen sein und sich nicht zufällig an einem Orte befunden haben, wo er vor der furchtbaren Kälte, die doch schnell wieder nachgelassen hatte, geschützt gewesen war?

Richard schoß, um sich bemerkbar zu machen, mehrere Male seinen Revolver ab und stieß kräftige ‚Hallohs‘ aus.

Da – erhielt er eine Antwort.

Richard, der sich schon so an die Einsamkeit und an den Gedanken gewöhnt hatte, nichts Lebendes mehr zu finden, das sich ihm anschließen könnte, schrak zusammen.

Es war kein Mensch gewesen, der ihm geantwortet hatte, sondern ein Tier, aber ein solches, das oft zuverlässiger ist als ein Mensch und in diesem Falle dem Einsamen unersetzlich war.

Ein Hund hatte mit tiefer Stimme angeschlagen, und in diesem Bellen hatte eine grenzenlose Freude gelegen.

Richard machte sich abermals durch Rufen bemerkbar. Nun kam das Bellen näher, und da jagte auch schon ein riesiger Neufundländer um die Ecke, der sich vor Freude wie rasend gebärdete und Richard fast über den Haufen warf. Durch Vor- und Rückwärtslaufen und Umblicken deutete das Tier in nicht mißzuverstehender Weise an, daß der Mensch ihm folgen solle. Einmal kehrte er dabei sogar ganz schnell um und fuhr ihm mit der Zunge über das Gesicht.

Richard weinte Freudenthränen, als er dem klugen Tiere folgte. Wozu dessen auffallendes Drängen? Wohin wollte [28] es ihn mit solcher Eile führen? Etwa zu seinem toten Herrn? Oder gar zu seinem noch lebenden?

Richard sollte etwas finden, was er nicht im mindesten erwartet hatte, obgleich es sehr nahe lag und von ihm auch schon vorher hätte erkannt werden können.

Der Hund führte ihn nämlich gerade auf den zwischen den Häusern liegenden Dampfer zu, dessen Anblick hier in der Nähe sehr unheimlich wirkte. Außenbords hing ein Fallreep, eine Strickleiter, und da der Neufundländer, wie die Matrosen sagen, ‚Seebeine‘ besaß und ein Schiffshund und so gewandt wie ein Seemann war, so schlug er jetzt mit den Vorderläufen hakenförmig in die Sprossen ein, enterte die Leiter hinauf und schwang sich endlich über die Bordwand. Hier blickte er sich um, ob ihm der Mensch auch folge, und eilte dann über Deck, um, rückwärts hinabkletternd, in einer Luke zu verschwinden, in welche keine Treppe, sondern eine eiserne Leiter führte.

Da es sehr dunkel in dem Gange war, sah Richard zuerst nichts. Doch der Hund knurrte und zog ihn mit den Zähnen am Pelzrocke weiter, und nun vernahm er winselnde Stimmchen, jetzt ging ihm eine Ahnung auf. Schnell tasteten seine Hände nach dem Boden, und er fühlte die wolligen Felle von vier kleinen Neufundländern, die ihm die Hand leckten. Nochmals weinte Richard Thränen der Freude. Diese Entdeckung entzückte ihn mehr, als wenn er einen Menschen gefunden hätte. Konnte er wissen, was dieser für einen Charakter besaß? Diese Hunde aber waren zuverlässig.

Wie hatte die Hündin die alles vernichtende Kälte überstanden? Wovon ernährte sie sich und ihre Jungen?

Nach und nach gewöhnten sich Richards Augen an die Dunkelheit. Er sah nun eine offene Thür, die in die Proviantkammer führte, wo Schinken und Würste am Boden lagen. Genug zu fressen hatte die Mutter also gehabt.

Als Richard sich jetzt weiter in dem Schiffe umblickte, konstatierte er, daß es ganz mit Mehl und Kohlen beladen [29] war, auch fand er Leichen erfrorener Menschen, denen außerdem meistenteils die Köpfe zerschmettert waren. Offenbar wurden sie bei der Katastrophe gegen die Decke geschleudert. Endlich stieß Richard auf die Leiche eines zweiten Neufundländers, wahrscheinlich die des Vaters jener Jungen. Auch er war der Kälte zum Opfer gefallen, und so mußte man annehmen, daß nur die Mutterliebe, die Sorge um ihre Jungen die Hündin am Leben erhalten hatte.




Vereskimot.

Hier in Phunga hatte Richard so wie so eine Zeit lang bleiben wollen, um die zukünftigen Eskimos sich allein weiter entwickeln zu lassen. Er richtete sich daher auf diesem Passagierschiffe häuslich ein, polsterte eine mit einem Kanonenofen heizbare Kabine mit Decken und Matratzen aus und widmete sich einige Tage ganz den Hunden, indem er sie pflegte, fütterte und sich mit ihnen unterhielt.

Das waren jetzt die zukünftigen Eskimohunde, denn sie würden ganz sicher einen dichteren Pelz bekommen, jedenfalls wie die Eskimohunde in den stillen Schneewüsten das Bellen verlernen und den Menschen auf Jagden und als Schlittenzieher die nützlichsten Gefährten werden. Richard wußte selbst nicht, wie es kam, aber diese Tiere waren ihm schon jetzt weit angenehmere Gesellschafter, als die Malayen, und er glaubte, sich mit ihnen viel besser unterhalten zu können, als mit jenen.

Dann untersuchte er die Schiffsbibliothek, trug Bücher aus anderen Häusern zusammen und las und schrieb viel. Er entwarf nämlich Pläne zur Erziehung der zukünftigen Eskimos und gründete schon jetzt in Gedanken ein Reich, in welchem der letzte Kaukasier als ein König über schmutzige, verräucherte, fischessende und thrantrinkende Eskimos, die aber [30] immerhin ein glückliches, zufriedenes, heiteres Völkchen waren, herrschen wollte. In der That giebt es ja keine glücklicheren Menschen auf der ganzen Erde, als die Eskimos in ihrer Bedürfnislosigkeit sind. –

Hier und noch an vielen Stellen waren unermeßliche Reichtümer von Lebensmitteln aufgestapelt. Sollte sie Richard den Indiern erst zugänglich machen? Nein, besser war es schon, sie gewöhnten sich gleich an das Eskimoleben und vergaßen ganz den Tabak, Kaffee, Thee und die anderen Reizmittel, denn einmal mußten auch die scheinbar unerschöpflichen Vorräte ein Ende nehmen.

Inzwischen beobachtete Richard auch die Natur und die Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt, und damit vergingen Wochen, in denen die Sonne nicht mehr auftauchte und dafür das Nordlicht die Nacht erleuchtete. Fürchterliche Schneestürme tobten durch das Land. So verstrich ein halbes Jahr. Dann, als die Sonne wieder schien, schleifte Richard ein gut erhaltenes Boot nach dem Wasser und trat, die fünf Hunde mitnehmend, die Rückfahrt an.

Die jungen Tiere hatten sich schon stattlich entwickelt. Die Größe der Mutter würden sie allerdings voraussichtlich nicht erreichen, dagegen war ihr Pelz bereits dichter; auch hatte sich ihr Bellen in ein Heulen verwandelt.

Die warme Strömung längs der Küste, die für die Rückfahrt so günstig war, hatte angehalten, sodaß das Meer eisfrei war. Rings herum jedoch starrte es noch von Eisbarrieren. Auf den Klippen wucherten Moosflechten, überall nisteten Eisvögel und Möwen, auf den Eisschollen sonnten sich Seehunde und Walrosse.

Was war nun aus den Indiern geworden? Hatten sie den halbjährigen Winter mit seiner größeren Kälte und den vielen Schneestürmen überstanden? Es war ein gewagter Versuch gewesen, diese Menschen sich allein zu überlassen, und Richard hatte sich schon oft Vorwürfe über dieses Experiment mit Menschenleben gemacht!

[31] Da – großer Gott – erblickte er einen Eskimo, einen echten Eskimo, in einem Kajak das Doppelruder handhabend!

Ja, hatte denn Richard ganz vergessen, daß auch die echten Eskimos ihre alte Heimat verlassen und dem Zuge der Polartiere folgen konnten? –

Jetzt legte der Eskimo das Ruder ein und schwang eine Harpune in der Faust, jetzt tauchte der Kopf eines Seehundes auf, und schwubb .....

„Ich habe ihn, Sahib, einen ganz fetten!“ erklang es jubelnd, und der Eskimo ruderte auf das Boot zu, den getöteten Seehund, der das Kajak noch etwas fortgeschleppt hatte, an einer Leine nach sich ziehend.

Richards Staunen war grenzenlos. Soliman war es! Und noch dazu in einem grönländischen Kajak, und mit Doppelruder und Harpune!

Die Entwicklung des Indiers zum Eskimo war schneller vor sich gegangen, als er geahnt hatte.

Allerdings bestand das Gerippe des Kajaks, das mit Fellen überzogen war, noch nicht aus Walfischborden, sondern erst aus Bambusstäben, aber der Anfang zu einem echten Eskimoboote war doch schon gemacht, und echt eskimoisch war auch bereits die Freude, mit der Soliman den Wiederkommenden begrüßte, und die Geschwätzigkeit und das fortwährende Lachen, mit dem er erzählte und immer wieder von dem fetten Seehunde sprach.

Auch etwas anderes fiel Richard auf. Das Kostüm, das Soliman trug, war weit praktischer, als es Richard hätte erfinden können. Bei dem Anzuge des Indiers gab es schon wasserdichte Abschlüsse, und außerdem war er innen mit Eiderdunen gefüttert. Die bittere Kälte war die beste Lehrmeisterin gewesen.

Dort, wo sich drei Schneehütten erhoben, betraten sie nun das Land. Ein dreijähriger Junge sprang ihnen entgegen. Splitterfasernackt, mit zwei langen, weißen Zapfen an der Nase, biß er vergnügt in einen rohen Fisch wie in [32] ein Butterbrot. Warum sollte er auch nicht nackt gehen? Die Sonne schien ja, es war ein herrlicher Frühlingstag. Wer es übrigens nicht glaubt, daß[WS 6] Eskimokinder bei 20 Grad Kälte nackt im Freien herumlaufen, der mag nach Grönland gehen, oder die Berichte von Polarreisenden darüber lesen.

Richard kroch durch den Schneetunnel in eine Hütte. Hier saßen Männer, Frauen und Kinder ebenfalls nackt um die Thranlampe herum. Alles war schwarz und schmierig, aber alles seelenvergnügt.

Die warme Grotte hatten sie bereits ganz vergessen, denn dort duftete es ja nicht so schön wie hier. Die Schneehütte war ihnen nach gethaner Jagd zum Paradiese geworden. Von dem gefrorenen Fleische der früheren Tiere wollten sie auch nichts mehr wissen, das war nicht fett genug und schmeckte vor allen Dingen nicht so lieblich nach Thran, wie das der Fische, Seehunde und Walrosse. Ach, flüssiger Thran! Was gab es Edleres auf der Welt, als so eine ganze Schüssel davon ohne abzusetzen auszuleeren!

Auch schnitten sie lange Streifen von Seehundsspeck ab, hielten das eine Ende desselben über die Lampe und ließen es langsam nach oben brennen. War dann die Außenseite schwarz verkohlt, dann war er gut, dann pfropften sie von der so angenehm brenzlich schmeckenden Delikatesse in den lachenden Mund so viel hinein, als nur hineingehen wollte, und auch noch etwas dazu.

Ja, sie waren zu echten Eskimos geworden. Niemand hätte daran gezweifelt, wenn er sie so beobachtete, wie sie sich gegenseitig die zwischen den Zähnen hervorragenden Speckstreifen dicht vor denselben abschnitten und in die schmutzigen Mäuler stopften! – –

Hier begann Richards Traum undeutlich zu werden; äußere Eindrücke mischten sich mit ein, und er erwachte.




Heft 11 enthält die Erzählung: „Vor Troja“.[WS 7]


[IV]

Verlag von H. G. Münchmeyer, Dresden.

Karl May’s illustrierte Werke.

Diese neue illustrierte Ausgabe umfaßt die in obigem Verlage erschienenen Werke des bekannten und beliebten Reiseschriftstellers Karl May in Radebeul bei Dresden. Dieselbe erscheint in 6–7 Serien à ca. 30 Lieferungen oder in ca. 30 Bänden à 5–600 Seiten.

Jede Lieferung von 5–6 Bogen, à 16 Seiten,

kostet nur 30 Pfg.

Jede Serie ist für sich abgeschlossen.

Serie I bringt den Reiseroman:

Deutsche Herzen und Helden

mit seinen 4 Abteilungen:

Eine deutsche Sultana,
Die Königin der Wüste,
Der Fürst der Bleichgesichter,
Der Engel der Verbannten.




Zehn Jahre im dunklen Afrika.

Reiseroman von Otto Freitag.

Mit 90 Bilderbeilagen, 17 Karten und

circa 900 Textillustrationen.

90 Lieferungen brosch. à 15 Pf.

18 Bände geb. à 1 Mk.

Zu beziehen durch die meisten Buchhandlungen, wo nicht zu haben, auch direkt franko von der Verlagsbuchhandlung.



[V]
Prospekt.
„Aus dem Reiche der Phantasie“


ist der Gesamttitel für das vorliegende, epochemachende Unternehmen, das der bekannte und beliebte Reiseschriftsteller Robert Kraft der reiferen Jugend bietet.

Wohl kein anderer Schriftsteller dürfte geeigneter sein, ein derartiges Werk, das im Genre der Jules Verne’schen[WS 8] Schriften gehalten ist, besser durchzuführen, als Robert Kraft, dessen reiche und unerschöpfliche Phantasie unterstützt wird durch seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er auf seinen Weltreisen gesammelt hat.

Schon als 13 jähriger Knabe zog Robert Kraft hinaus in die weite Welt und bereiste dieselbe als Schiffsjunge, Matrose und Forscher viele Jahre. (Siehe seine Werke: „Erlebnisse eines 13jährigen Knaben“ und „Die Vestalinnen oder Eine Reise um die Erde,“ aus dem unterzeichneten Verlage.)

Meisterhaft hat es Robert Kraft in seinem neuesten Werke: „Aus dem Reiche der Phantasie“ verstanden, den Leser nicht allein dauernd zu fesseln, sondern auch dabei zu belehren, und so hofft die Verlagsbuchhandlung, daß er sich durch dieses Werk viele neue und treue Freunde erwerben möge.

„Aus dem Reiche der Phantasie“ erscheint in abgeschlossenen Heften, à 10 Pfg., 10 Hefte in Umschlag broschiert kosten 1 Mk., 30 Hefte in hocheleganter Einbanddecke, gebunden, kosten 4 Mk. Bisher erschienen:

Heft 1) Der letzte Höhlenmensch. – 2) Die Totenstadt. – 3) Der rote Messias. – 4) Die Weltallschiffer. – 5) Die verzauberte Insel. – 6) Der König der Zauberer. – 7) Das Stahlroß. – 8) Die Ansiedlung auf dem Meeresgrund. – 9) Eine Nordpolfahrt. – 10) Die indischen Eskimos.

Die Hefte sind durch alle Buch-, Kolportage- und Schreibwarenhandlungen zu beziehen, wo nicht zu haben, auch direkt franko von der Verlagsbuchhandlung.

Dresden-A.,
H. G. Münchmeyer.
Freibergerstraße 75.


Fußnoten

  1. Bitte den Text auf nebenstehender Umschlagseite zu beachten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Coverbild wurde von Thomas Braatz und Gerd-Michael Rose nachbearbeitet.
  2. d. h. Heft 10
  3. a b Gemeint ist 32 Grad Celsius Kälte, also nach heutiger Schreibweise –32 Grad Celsius.
  4. Vorlage: wich
  5. Vorlage: Offnung
  6. Vorlage: das
  7. Heft 11 ist nicht mehr erschienen. Die Serie wurde mit Heft 10 eingestellt.
  8. Vorlage: Vern’schen