RE:Diana

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 325338
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Diana italische Göttin, später mit der griechischen Artemis (s. d.) gleichgesetzt.

I. Der Name lautet in der älteren Zeit durchweg Dīana (Plaut. Bacch. 312. Enn. ann. 79 Baehr.; trag. 31 Ribb.³), das älteste Beispiel für die kurze Messung des i bietet Lucil. frg. 72 Baehr., in der Kaiserzeit gehen beide Messungen neben einander her, wenn auch die mit kurzem i überwiegt; die auf Inschriften der Kaiserzeit häufige Schreibung Deana (CIL VI 118. 122. 126. 132. XIV 2212. IX 4187. 6314. X 5045. 5671. 8071⁵. Ephem. epigr. VIII 642. CIL IV 2390 a. XI 1211. 3552. V 2086. 5763. II 3025. III 424. 3156 a. XII 1278. 1812. Brambach CIRh. 336. [326] 339. 1594. 1600. 1629. 1683, auch in den Bauernkalendern CIL I² p. 281) ist nicht alt (sie findet sich in keiner archaischen Inschrift), sondern vulgär. Durch die ursprüngliche Länge des i wird sowohl die von Benfey vorgeschlagene etymologische Gleichsetzung von Dīana und Δǐώνη (vgl. Solmsen Studien zur lat. Lautgesch. 112, 2) wie die schon im Altertume durch Nigidius Figulus vertretene Auffassung ausgeschlossen, dass Diana = Iana das Femininum zu Ianus sei (Macrob. Sat. I 9, 8 pronuntiavit Nigidius Apollinem Ianum esse Dianamque Ianam adposita d littera, quae saepe i litterae causa decoris adponitur; vgl. Buttmann Mythologus II 72ff. Corssen Beitr. z. ital. Sprachkunde 350ff.), da das lange i nicht consonantisch werden konnte (erst spät findet sich die vulgäre Form Ianium für Dianium bei Oros. V 12, 6; Tertull. ad nat. II 15 p. 128, 2 Vindob. et diva arquis est Iana [so Gothofredus, lana Hs.] hat mit D. nichts zu thun, und die verderbte Stelle des Varro de r. r. I 37, 3 numquam rure audisti, inquit, octavo lanam lunam et crescentem et contra senescentem et quae crescente luna fieri oporteret, et tamen quaedam melius fieri post octavo lanam lunam quam ante, in der man seit der Editio princeps zweimal Ianam für das sinnlose lanam zu schreiben pflegt, harrt noch der überzeugenden Herstellung). Von der Länge des i ging auch Varro aus, wenn er Diana unter Herleitung von via entweder als Di-viana (de l. l. V 68 hinc quod luna in altitudinem et latitudinem simul eat [et Hs., corr. Scioppius], Diviana appellata, missverstanden von Solmsen a. a. O. 111f.) oder als De-viana erklärte (Prob, zu Verg. ecl. 6, 31 p. 20, 14 K. Varro etiam in logistorico, quem inscripsit Messalla de valetudine, ait antiquos agrestes venandi peritos cum plurimum in silvis agerent, quod veluti Diana duce ad investigandas feras solas et devias silvas peterent, Devianam appellasse deam), er liess sie aber ausser Acht, wenn er secundär den Namen mit dǐes zusammen brachte (Prob. a. a. O. mox Dianam, quod intellegerent eandem esse, quae diem nascentibus daret), wie es auch Cicero, mit recht bedenklicher Motivierung, that (de nat. deor. II 69 [ausgeschrieben bei Prob. a. a. O. Mythogr. Vatic. III 7, 2] Diana dicta, quia noctu quasi diem efficeret); die bei Isid. orig. VIII 11, 56 (= Mythogr. Vatic. I 112) überlieferte Etymologie Dianam autem vocatam quasi Duanam, quod die et nocte luna appareat, mag der Curiosität wegen hier auch noch aufgeführt werden. Thatsächlich ist D. von dium herzuleiten (Birt in Roschers Lexik. I 1002f. Solmsen a. a. O.; vgl. Serv. Aen. I 498 sane Dianam veteres ideo melius producebant, quia sub divo dea sit venandi gratia) und trägt den Hinweis auf das himmlische Licht im Namen mit derselben Beziehung wie Iuno Lucina, als Geburtsgöttin.

II. Unter den italischen Dianenculten gehört zu den ältesten der auf dem dreissig Stadien (Paus. V 12, 3) nördlich von Capua gelegenen, ehemals waldreichen (tifata – iliceta nach Paul. p. 366) Berge Tifāta (s. d., heute S. Angelo in Formis; vgl. Beloch Campanien 361ff.). Die Bedeutung des Heiligtums erhellt schon daraus, dass, als nach der Auflösung des Gemeinwesens [327] von Capua im J. 543 = 211 sein Gebiet in einzelnen pagi organisiert wurde (s. o. Bd. III S. 1557f.), der pagus Dianae Tifatinae (mag(ister) fan(i) Dian(ae) Tif(atinae) CIL X 3924, vgl. 3918; pr(aefectus) i(ure) d(icundo) montis Dianae Tif(atinae) X 4564) unter diesen die erste Stelle einnahm (Mommsen CIL X p. 366f.). Dass es bereits im J. 655 = 99 eigenen Grundbesitz besass, zeigt die Inschrift CIL I 569 = X 3781, nach welcher heisce mag(istreis) ... loc(um) privat(um) de stipe Dian(ae) emendum .. coeraver[e] (ein Siegel Diane Tifatine CIL X 8059¹, eine Rufa Dianaes l(iberta) CIL I 1242 = X 4263, ein vil(icus) Dian[ae] X 8217); diese liegenden Gründe wurden durch eine reiche Schenkung Sullas, der hier im J. 671 = 83 den Sieg über C. Norbanus erfocht (o. Bd. III S. 1545), stark vermehrt (Vellei. II 25, 4 post victoriam Sulla gratis Dianas, cuius numini regio illa sacrata est, solvit: aquas salubritate medendisque corporibus nobiles agrosque omnis addixit deae; huius gratae religionis memoriam et inscriptio templi adfixa posti hodieque et tabula testatur aerea intra aedem) und diese Schenkung wurde im J. 77 n. Chr. durch Vespasian erneuert (Imp(erator) Caesar Vespasianus Aug(ustus) cos. VIII fines agrorum dicatorum Dianae Tifat(inae) a Cornelio Sulla ex forma Divi Augusti restituit, Inschriften von Grenzsteinen, CIL X 3828 und Not. d. Scavi 1893, 165; auf die Grenze der sullanischen Schenkung weist auch die Beischrift Syllas der Tab. Peut. neben ad Diana(m); die von Capua zum Heiligtum führende Strasse heisst iter Dianae im Feriale Campanum CIL X 3792, 9; vgl. X 3913 viam Dian(ae) a porta Volturn(i) ad vicum usq(ue)). Den Reichtum des Heiligtums an Weihgeschenken heben auch griechische Schriftsteller hervor (Paus. a. a. O. Athen. XI 466 E. 489 B), und die erhaltenen Weihinschriften bestätigen ihre Angaben (CIL X 3794–3796. XII 1705. Ephem. epigr. VIII 472; Inschrift eines silbernen Gefässes aus Herculanum Capuae at Deanam X 8071⁵). Aufgefasst wird die Göttin in den erhaltenen Denkmälern überall als die Beschützerin der Jagd; die Weihenden sind durchweg Männer, der glückliche Jäger weiht ihr, der incola Tifatae, venatibus incluta virgo, das Geweih des erlegten Hirsches (CIL X 3796 = Bücheler Carm. epigr. nr. 256), und als Jägerin (aber zugleich mit der Fackel in der Hand) wird sie selbst auf Bildwerken dargestellt, so auf dem Altarrelief von Avignon, CIL XII 1705 (Dianae [Ti]fatinae), und auf der von Minervini (Comm. di Caserta 1877, 41; Comment. Momms. 660ff.) und Fiorelli (Not. d. Scavi 1877, 117; vgl. 1880, 450ff.) beschriebenen Stuckmalerei einer Capelle des Pagus Dianae Tifatinae (vgl. auch den durch den Köcher sichergestellten D.-Kopf auf capuanischen Münzen, Berliner Münzkatalog III 1, 84); die hier der Göttin zur Begleitung gegebene Hirschkuh wird auch von Sil. Ital. XIII 124 als famula Dianae (und zwar nach dem Zusammenhange der Tifatina) bezeichnet (auch auf dem Seitenrelief des Altars von Iuvanum CIL IX 6314). Sehr eigentümlich ist die Darstellung capuanischer Terracotta-Antefixe, auf denen die Göttin, mit Köcher und Bogen ausgerüstet, auf einem [328] galoppierenden Pferde sitzt, unter dem eine Gans erscheint (F. Lenormant Gazette archéol. VII 1881/1882, 82ff. mit pl. XIV, auch Daremberg-Saglio Dict. II 155 fig. 2395).

Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass diese Auffassung der D. Tifatina als Jagdgöttin erst secundär unter griechischem Einflusse eingetreten und die Göttin von Haus aus vielmehr eine Frauen- und Geburtsgottheit gewesen ist, wie sie es, soweit wir urteilen können, in allen übrigen italischen Culten ursprünglich war und auch meist geblieben ist. Für das umbrische Pisaurum (ein Dianentempel in Iguvium CIL XI 5820) wird das dadurch wahrscheinlich, dass D. dort ebenso wie Iuno und Mater Matuta von den Matronen Weihegaben erhält (CIL I 168 = XI 6298 Cesula Atilia donu dat Diane); von den latinischen Cultstätten der D. ist uns ein Hain unfern von Anagnia am Schnittpunkte der Via Latina und Labicana (ad Compitum Anagninum, s. Bd. IV S. 794) nur durch eine gelegentliche Erwähnung aus Anlass eines Prodigiums bekannt (Liv. XXVII 4, 12 isdem ferme diebus Anagniae terram ante portam ictam diem ac noctem sine ullo ignis alimento arsisse, et aves ad Compitum Anagninum in luco Dianae nidos in arboribus reliquisse), eine Tiburtinae silva Dianae nennt Martial. VII 28, 1, den Mittelpunkt des Gottesdienstes aber bildete offenbar das Albanergebirge, wo die Göttin sowohl auf dem waldigen Mons Algidus (Hor. carm. I 21, 6; carm. saec. 69; über angebliche Reste des Tempels Abeken Mittelital. 215. Desjardins Topographie du Latium 211f. Tomasetti Della Campagna Romana II 302ff.) wie in einem auf dem Hügel Corne bei Tusculum gelegenen Haine (Plin. n. h. XVI 242 est in suburbano Tusculani agri colle, qui Corne appellatur, lucus antiqua religione Dianae sacratus a Latio, velut arte tonsili coma fagei nemoris) verehrt wurde, insbesondere aber das hochberühmte Waldheiligtum besass in nemore Aricino (Tac. hist. III 36 u. a.), d. h. in dem östlich von Aricia gelegenen und allmählich zu einer selbständigen Niederlassung gewordenen Nemus Dianae (Vitruv. IV 8, 4. Plin. n. h. XXXV 52; Νέμος Strab. V 239. Appian. bell. civ. V 24. Philostr. vit. Apoll. IV 36; daher nemoralis Aricia Ovid. fast. VI 59. Lucan. VI 74. Martial. XIII 19, 1; heute Nemi) mit dem zugehörigen lacus Nemorensis (Bormann Altlatin. Chorographie 134ff. Desjardins a. a. O. 212ff. Dessau CIL XIV p. 204f.), der volkstümlich auch als speculum Dianae bezeichnet wurde (Serv. Aen. VII 515 Nemus locus haud longe ab Aricia, in quo lacus est, qui speculum Dianae dicitur; vgl. den Terminalcippus aus Labicum CIL XIV 2772 af speculu Diane mit der Anmerkung von Dessau). Die Lage des Heiligtums der D. Nemorensis (CIL XIV 2128. 2212–2214. 3537. 4202. III 1773) l wird von Strabon (V 239 τὸ δὲ ἱερὸν ἐν ἄλσει, πρόκειται δὲ λίμην πελαγίζουσα, κύκλῳ δ’ ὀρεινὴ συνεχὴς ὀφρὺς περίκειται καὶ λίαν ὑψηλὴ καὶ τὸ ἱερὸν καὶ τὸ ὕδωρ ἀπολαμβάνουσα ἐν κοίλῳ τόπῳ καὶ βαθεῖ. τὰς μὲν οὖν πηγὰς ὁρᾶν ἔστιν, ἐξ ὧνἡ λίμνη πληρούται· τούτων δέ ἐστιν ἡ Ἠγερία καλουμένη, δαίμονός τινος ἐπώνυμος, αἱ δ’ ἀπορρύσεις ἐνταῦθα μὲν ἄδηλοί εἰσιν, ἔξω δὲ δείκνυνται πόρρω πρὸς τὴν ἐπιφάνειαν ἀνέχουσαι; Über die [329] Bauform des Tempels s. auch Vitruv. IV 8, 4) anschaulich beschrieben, und die schon im 17. Jhdt. begonnenen, seit dem J. 1884 systematisch wieder aufgenommenen Ausgrabungen haben das von ihm entworfene Bild bestätigt und vervollständigt (Hauptberichte Not. d. Scavi 1885, 159ff. 227ff. 1886, 192ff. 1887, 195ff. 1888, 193ff. 392ff. 1889, 20ff. 1895, 106ff. 431ff.; zusammenfassende Darstellung mit weiteren Litteraturangaben von O. Rossbach Verhdl. d. Görlitzer Philol. Versamml. 1889, Leipz. 1890, 147ff.). Die reichen Funde von Inschriften (CIL XIV 2212ff. 4182ff. 4268ff. Ephem. epigr. VII 1238ff.; darunter auch nicht wenige archaische, CIL XIV 4182 a. 4184 a. 4186. 4268–4271. Not. d. Scavi 1895, 436) und Weihgeschenken lassen über die Anschauung, aus der heraus die Göttin verehrt wurde, keinen Zweifel: sie ist Geburtsgöttin und überhaupt Beschützerin der Frauen in den Nöten ihres Geschlechtes, weiterhin dann allgemeiner die Abwehrerin von Krankheiten. Darum heisst sie in einer Inschrift von Tibur (CIL XIV 3537) auch D. opifera Nemorensis (vielleicht ebenso Ephem. epigr. VII 1268 aus Fidenae [Dianae?] opifer(ae) sac(rum)), unter den Weihenden befinden sich vielfach Frauen (z. B. CIL XIV 4182. 4270 Poublilia Turpilia Cn. uxor hoce seignum pro Cn. filiod Dianai donum dedit. Ephem. epigr. VII 1239. Not. d. Scavi 1895, 436 Diana mereto noutrix Paperia), die Votivgaben (in Terracotta) bestehen zum grossen Teile aus Vulven, Phallen, Statuetten von sitzenden Müttern mit Wickelkindern auf den Armen, dann auch aus Nachbildungen von Armen, Beinen, Händen u. s. w., also erkrankten Gliedern, um deren Heilung man die Göttin gebeten hat. Wir wissen auch, dass am Festtage der Göttin (Hecateides idus Stat. silv. III 1, 60, d. h. 13. August, s. u.) oder sonst auf Grund von Gelübden von Rom aus Processionen bekränzter Frauen mit Fackeln in den Händen zum Heiligtume zogen und der Göttin Votivgaben brachten (Prop. II 32, 9 cum videt accensis devotam currere taedis in nemus et Triviae lumina ferre deae. Ovid. fast. III 267ff. licia dependent longas velantia saepes et positast meritae multa tabella deae. saepe potens voti, frontem redimita coronis, femina lucentes portat ab urbe faces. Stat. a. a. O. 55ff.; daher nennt Ovid. a. am. 1259 das suburbanae templum nemorale Dianae geradezu unter den zur Anknüpfung von Liebesverhältnissen geeigneten feminei coetus). Der Frauengottheit gelten auch die sacra ex legibus Tulli regis piaculaque apud lucum Dianae per pontifices danda, die Claudius aus Veranlassung seiner incesten Ehe mit Agrippina darbringen liess (Tac. ann. XII 8; vgl. dazu die in Nemi gefundene Inschrift Ephem. epigr. VII 1242 = Dessau 220 pro [sa]lute Ti. [Claud]i Caesaris [Aug. Germ]anici et Iuliae [Agrippinae Aug. et T]i. Claudi Britannici [Caesaris et Neronis] Claudi Caesaris ........us imp(erio) Dia(nae) lumen perp(etuum). Göttliche Geburtshelfer waren die neben D. im Haine verehrten untergeordneten Gottheiten Virbius (s. d.; de disque minoribus unus nomine sub dominae lateo atque accenseor illi Ovid. met. XV 545f.) und Egeria (s. d.; Egeriae nymphae sacrificabant praegnantes, quod eam putabant facile conceptam [330] alvum egerere Paul. p. 77). Die hellenisierende Mythendeutung, welche in Virbius den nach seiner Wiederbelebung durch Asklepios von Artemis nach Italien entrückten Hippolytos erkannte (s. Virbius) und sich zur Stütze dieser Hypothese auf die Thatsache berief, dass der aricinische Tempelbezirk von Pferden nicht betreten werden durfte (Verg. Aen. VII 778f. Ovid. fast. III 266), erklärte die Göttin für identisch mit der taurischen Artemis (ἀφίδρυμα τῆς Ταυροπόλου Strab. V 239 ; Scythica D. Ovid. met. XIV 331. Lucan. III 86. Solin. 2, 11), deren Bild Orestes (daher Orestea D. Ovid. met. XV 489; Mycenaea D. Lucan. VI 74) nach Aricia gebracht haben sollte (Serv. Aen. II 116. VI 136. Val. Flacc. II 303ff.). Den Anlass zu dieser Herleitung gab ein βαρβαρικὸν καὶ Σκυθικὸν περὶ τὸ ἱερὸν ἔθος (Strab. a. a. O., daher immite nemus Triviae Sil. Ital. VIII 362, vgl. IV 366; dagegen pinguis et placabilis ara Dianae Verg. Aen. VII 764, soli non mitis Aricia regi Val. Flacc. II 305); Priester der D. nämlich oder König im Haine (rex Nemorensis Suet. Cal. 35, vgl. Val. Flacc. a. a. O.; profugis regibus aptum Aricinum Triviae nemus Stat. silv. III 1, 55f.; regna Ovid. fast. III 271; a. am. I 260. Martial. IX 64, 3) wird derjenige, dem es gelingt, von einem im Haine stehenden Baume einen Ast abzubrechen (Serv. Aen. VI 136) und den bisherigen Inhaber der Würde im Zweikampf zu erschlagen; es war dies für flüchtige Sclaven eine Gelegenheit, vorläufig Leben und Unterkunft zu gewinnen, bis ein Stärkerer ihnen beides nahm (Strab. a. a. O. καθισταται ἱερεὺς ὁ γενηθεὶς αὐτόχειρ τοῦ ἱερωμένου πρότερον δραπέτης ἀνήρ· ξιφήρης οὖν ἐστιν ἀεὶ περισκοπῶν τὰς ἐπιθέσεις ἕτοιμος ἀμύνεσθαι. Ovid. fast. III 271f. regna tenent fortes manibus pedibusque fugaces et perit exemplo postmodo quisque suo), und in dieser mit dem stolzen Königsnamen (s. dazu Jordan Die Könige im alten Italien 42ff.) in unlöslichem Widerspruche stehenden Geltung als vorübergehende Zufluchtsstätte für Leute niedrigster Verhältnisse hat das Priesteramt bis tief in die Kaiserzeit hinein bestanden (Suet. Cal. 35 nullus denique tam abiectae condicionis tamque extremae sortis fuit, cuius non commodis obtrectaret: Nemorensi regi, quod multos iam annos poteretur sacerdotio, validiorem adversarium subornavit. Paus. II 27, 4 ἔνθα ἄρχι ἐμοῦ μονομαχίας ἆθλον ἦν ἱερᾶσθαι τῇ θεῷ τὸν νικῶντα· ὁ δὲ ἀγὼν ἐλευθέρων μὲν προέκειτο οὐδενί, οἰκέταις δὲ ἀποδρᾶσι τοῖς δεσπόταις). Doch lag die wirkliche Verwaltung des Heiligtums und seiner Schätze, bei denen Octavian vor dem perusinischen Kriege eine Anleihe machte (Appian. bell. civ. V 24: Capitol, Antium, Lanuvium, Nemus, Tibur, ἐν αἷς μάλιστα πολέσι καὶ νῦν εἰσι θησαυροὶ χρημάτων ἱερῶν δαψιλεῖς), jedenfalls nicht in der Hand des Priesterkönigs, sondern bei den städtischen Beamten von Aricia, deren höchster den Namen dictator führte (dies Amt übernahm zuweilen ehrenhalber der Kaiser, wie die Inschrift aus Nemi CIL XIV 2213 zeigt: Dianae Nemoresi Vestae sacrum dict(atore) imp(eratore) Nerva Traiano Aug(usto) Germanico III cos., praef(ecto) eius T. Voltedio Mamiliano, quaestor(ibus) .. aedilibus ... u. s. w.; darauf bezieht sich auch das an den Kaiser gerichtete Distichon CIL [331] XIV 4195 = Buecheler Carm. epigr. 875 unus es ex sacris cui parent dona Diana[e], quod tribuit populus, restituis populo). Für das grosse Ansehen, welche das Heiligtum auch in weiterer Ferne genoss, zeugen Weihungen wie die des C. Manlio(s) Aci[dinus] cosol pro poplo Ariminesi (CIL XIV 4269, vgl. die römische Inschrift CIL VI 133 Dianae sanctai Ariminenses; in Ariminum selbst gab es einen vicus Dianensis CIL XI 379), des Partherkönigs Phraates (wiederhergestellt von Hadrian, CIL XIV 2216), der Mysei Ab[b]aitae et Epict[ete]s (CIL XIV 2210); die Weihinschrift eines praef(ectus) co[h(ortis)] I Bracaraugust(anorum) an Diana Nemores(is) in Narona steht CIL III 1773. Griechische Einflüsse sind in der Kaiserzeit dem aricinischen Culte nicht fern geblieben, wie insbesondere die Verehrung von Latona neben D. zeigt (CIL XIV 2157 [vgl. mit 2214]. 4187); demgemäss trägt auch das Bild der D. Nemorensis, das uns durch zahlreiche in Nemi gefundene Bronzefigürchen erhalten ist, dem Charakter der italischen Frauengottheit wenig Rechnung, sondern zeigt sie in dem üblichen Typus als Jägerin, mit kurzer Gewandung, Stiefeln und Köcher, nur dass sie statt Bogen und Pfeilen in der Rechten eine Fackel und in der Linken eine Opferschale hält (auf diese jägerische Ausrüstung bezieht es sich, wenn Stat. silv. III 1, 57ff. sagt ipsa coronat emeritos Diana canes – an ihrem Festtage – et spicula terget et tutas sinit ire feras; dagegen haben wir kein Recht, die Schilderung bei Gratt. cyn. 483ff. [s. u.] wegen der Wendung v. 484 sacrum ad nemorale Dianae auf das aricinische Heiligtum zu beziehen).

III. Eine besondere Bedeutung gewann das nemorensische Dianenheiligtum, als nach dem Falle Albas Aricia eine Zeit lang Vorort eines Bundes latinischer Städte war und damit das Stadtheiligtum von Aricia zum Bundesheiligtume wurde. Der in einer Lichtung des Haines gelegene Bundesaltar war nach der von Cato orig. frg. 58 Peter (= Priscian. IV p. 129. VII p. 337 Hertz) mitgeteilten Weihinschrift im Namen der Gemeinden Tusculum, Aricia, Lanuvium, Laurentum, Cora, Tibur, Pometia und Ardea durch den derzeitigen (es muss wohl ein Turnus vorausgesetzt werden) Bundesobersten (dictator Latinus) M’. Egerius (Laevus?) dediciert worden (lucum Dianium in nemore Aricino Egerius Laevius [oder Baebius] Tusculanus dedicavit dictator Latinus [vgl. Fest. p. 145 Manius Egeri⟨us lucum⟩ Nemorensem Dianae consecravit] hi populi communiter: Tusculanus, Aricinus, Lanuvinus, Laurens, Coranus, Tiburtis, Pometinus, Ardeatis Rutulus; über die Frage, ob die Liste vollständig ist, und überhaupt über die Bedeutung der ganzen Urkunde vgl. Schwegler Röm. Gesch. II 291. Jordan Catonis quae extant p. XLIff. Beloch Der latinische Bund 179f. Seeck Rh. Mus. XXXVII 16ff.); wenn auch der Dianenhain auf dem Hügel Corne bei Tusculum als sacratus a Latio bezeichnet wird (Plin. n. h. XVI 242), so deutet das vielleicht auf einen zeitweiligen Wechsel der Bundesleitung zwischen Aricia und Tusculum hin. Jedenfalls aber knüpft an den aricinischen Cult die römische Dianenverehrung an. Der älteste römische Götterkreis der di indigetes (s. über ihn Wissowa Religion und Kultus der Römer [332] 15ff.) kennt D. nicht, wenn auch Varro (de l. l. V 74) sie unter den angeblich sabinischen Gottheiten aufzählt, denen Titus Tatius Altäre geweiht haben soll; Alter und Herkunft einer Anzahl kleinerer Dianencapellen in Rom, die teilweise nur auf privater Weihung beruhten (Cic. de har. resp. 32 redet von sacrificia gentilicia anniversaria), sind nicht näher zu bestimmen; ein solches Dianium lag am Schnittpunkte des Vicus Cyprius und Clivus Urbius auf dem Esquilin (ubi Dianium nuper fuit Liv. I 48, 6), ein anderes maximum et sanctissimum Dianae sacellum auf dem Caeliolus wurde von L. Calpurnius Piso in seinem Consulate 696 = 58 cassiert (Cic. a. a. O.), in einem dritten, im Vicus Patricius gelegenen, trat der Charakter der Göttin als Schützerin des Frauenlebens mit aller Deutlichkeit hervor, indem den Männern der Zutritt strengstens verboten war (Plut. Qu. Rom. 3). Der Sitz des römischen Staatscultes der D. war aber die aedes Dianae in Aventino (Fest. p. 343. Censor. 23, 7; [in Aventino ante D]ianae Act. lud. saec. Aug. Z. 10, vgl. 32; Aventina D. Prop. IV 8, 29. Martial. IV 64, 12), oberhalb des Circus (Martial. VI 64, 12) auf der nordwestlichen Kuppe des Hügels (collis Dianae Martial. VII 73, 1. XII 18, 3; quaeque Aventinum tenet Algidumque .. Diana Hor. c. saec. 69f.) in der XIII. augusteischen Region (Not. reg., daher gehört der auf der capitolinischen Basis CIL VI 975 in der XII. Region erwähnte vicus Dianae wenigstens nicht unmittelbar zu dem Tempel) gelegen, auf Veranlassung des Augustus durch L. Cornificius erneuert (Suet. Aug. 29; aedituus Dianae Cornif(iciae) CIL VI 4305, vgl. R. Lanciani Bull. comun. XIX 1891, 210ff.). Dass dieses Heiligtum auf Betreiben des Servius Tullius auf gemeinsame Kosten der Latiner und Römer als Bundesheiligtum (commune Latinorum Dianae templum, Varro de l. l. V 43) gegründet wurde, ist einstimmige Überlieferung des Altertums (Dion. Hal. IV 26. Liv. I 45 = Aurel. Vict. vir. ill. 7, 8ff. Zonar. VII 9), und Dionys sah dort noch die Bundesurkunde auf einer Bronzestele eingegraben (a. a. O.; ebenso die Lex Icilia de Aventino publicando, ebd. X 32). Dass gerade D. als Bundesgottheit verehrt wurde, erklärte man durch die Annahme, dass das Bundesheiligtum der kleinasiatischen Ionier, der ephesische Artemistempel, zum Vorbilde gedient habe (Dion. Hal. IV 25, 4. Liv. I 45, 2), und diese Meinung hat wohl dazu geführt, dass man später, als man das Bedürfnis fühlte, ein Cultbild der Göttin im aventinischen Tempel aufzustellen, für dieses – durch Vermittlung des massaliotischen Tochtercultes – den Typus der ephesischen Artemis wählte (Strab. IV 180). Der tatsächliche Grund aber für die Verehrung der D. als Bundesgottheit war kein anderer als der, dass das aventinische Heiligtum eine Filiale des aricinischen war und durch seine Gründung der sacrale Mittelpunkt des Bundes von Aricia nach Rom verlegt wurde. Auch die D. des Aventin steht in enger Beziehung zum Frauenleben (darauf weist die Nachricht, dass am Stiftungstage ihres Tempels αἱ γυναῖκες μάλιστα ῥύπτεσθαι τὰς κεφαλὰς καὶ καθαίρειν ἐπιτηδεύουσιν, Plut. Qu. Rom. 100; jedenfalls von einer Frau ist die Rede in dem unsicher überlieferten Verse des Afranius [333] 141 Ribb. = Non. p. 523 ut operata illei [so Buecheler und L. Müller, operatam illum Hss.] degerem sanctum diem Dianae), und wenn ihr Festtag von den Sclaven feierlich begangen wird (servorum dies Fest p. 343. Plut. a. a. O.), so erinnert das an die Ausübung der Priesterwürde des Rex Nemorensis durch entlaufene Sclaven; auch der ursprünglich an die Localität von Aricia gebundene Gottesdienst der Egeria (s. d.) ist mit nach Rom übertragen worden (nicht so der des Virbius, denn der flamen Virbialis CIL X 1493 ist dem Zusammenhange der Inschrift nach ein municipaler Priester von Neapolis, nicht, wie Mommsen St.-R. III 580, 5 annimmt, einer der römischen Flamines minores). Der Stiftungstag des Tempels fällt auf denselben Tag, an dem auch im Haine von Aricia das Fest der Göttin begangen wurde (Stat. silv. III 1, 60), nämlich den 13. August (Fast. Amit. Ant. Vall. Allif., ferner Fest. Plut. aa. OO. Martial. XII 67, 2 Augustis redit idibus Diana. Auson. de feriis 5f.), und dieser Tag wurde in Italien allenthalben gefeiert (Stat. silv. III 1, 59f. omnisque pudicis Itala terra focis Hecateidas excolit idus; daher notieren die Bauernkalender CIL I² p. 281 im August sacrum Spei Saluti Deanae und der verwandte Kalender von Guidizzolo ebd. p. 253 idibus Au[g.] Diana, und auch in Lanuvium fällt der natalis Dianae auf denselben Tag, CIL XIV 2112 I 5. II 12; Weihungen an D. von diesem Tag datiert CIL VI 131. V 5090. Brambach CIRh. 1751); noch der Kalender des Philocalus vom J. 354 verzeichnet den n(atalis) Dianes, der wahrscheinlich mit Circusspielen begangen wurde (Mommsen CIL I² p. 325). Die Bedeutung des Heiligtums geht auch daraus hervor, dass sein Tempelstatut (lex dedicationis, vgl. Fest. p. 165 b 25), wahrscheinlich das älteste überhaupt bekannte, in der Weise vorbildlich für alle späteren wurde, dass man für alle allgemeinen und stets wiederkehrenden Bestimmungen einfach darauf verwies mit der Formel ceterae leges huic arae titulisq(ue) eaedem sunto, quae sunt arae Dianae in Aventino (CIL XII 4333, Lex arae Augusti Narbonensis vom J. 12 n. Chr., ganz ähnlich in dem Statut des Iuppiteraltars von Salona vom J. 137 n. Chr., CIL III 1933, und auch bei einem Altar der Salus in Ariminum, CIL XI 361).

IV. Die griechische Artemis hat unter dem Namen D. in Rom zunächst als Cultgenossin des Apollo Eingang gefunden, in dessen im J. 323 = 431 eingeweihten Tempel vor der Porta Carmentalis (später ad theatrum Marcelli) D. und Latona neben ihm verehrt wurden, wie besonders daraus hervorgeht, dass bei den fünf ersten Lectisternien von 355 = 399 bis 428 = 326 überall dieser Dreiverein an der Spitze der gefeierten Gottheiten erscheint (Liv. V 13, 6. Dion. Hal. XII 9f.; über das fünfte Lectisternium Liv. VIII 25, 1); es beruht daher wohl nur auf Nachlässigkeit, wenn das Fastenbruchstück CIL I² p. 252 = XI 6050 nur Apollini Laton(ae) ad theatr(um) Marc(elli) verzeichnet; alle drei Gottheiten nennt die Altarinschrift CIL VI 32. Derselbe Dreiverein wurde im palatinischen Apollotempel des Augustus verehrt (Prop. II 31. 15 deinde inter matrem deus ipse interque sororem Pythius in longa carmina veste sonat), Apollo und D. als eng verbundenes [334] Paar ohne Latona erscheinen bei dem Lectisternium des J. 537 = 217 (Liv. XXII 10, 9) und bei der augusteischen Saecularfeier (Act. lud. saec. Aug. Z. 139ff. und dazu Mommsen Ephem. epigr. VIII p. 259. Hor. carm. saec. 1ff. 34ff. 61ff.; carm. IV 6, 33ff.), sowie in zahlreichen Weihinschriften (z. B. CIL III Suppl. 7447. 8023. 11086. V 4199. VII 1112. VIII Suppl. 165201 Brambach CIRh. 1751; sowohl dem Apollo wie der D. machen die römischen magistri vicorum Weihungen, CIL VI 33. 35 und 127ff.); ein gemeinsamer Tempel von Apollo und D. ist bezeugt für Aracci in der Hispania Baetica (CIL II 964), das simulacrum Dianae Augustae in Mactaris, dessen lex dedicationis CIL VIII Suppl. 11796 (vgl. J. Schmidt Rh. Mus. XLIV 481ff.) erhalten ist, stand unter der Obhut der Apollopriester und war wohl im Tempel dieses Gottes aufgestellt, über D.-Apollo als Gottheiten der Westthraker s. u. S. 337. Der griechischen Artemis-D., der Genossin Apollos, galt vermutlich in Rom der unfern des Apollotempels in der Gegend des Circus Flaminius gelegene Tempel, welchen der Consul M. Aemilius Lepidus im J. 567 = 187 im Kriege gegen die Ligurer gelobte und 575 = 179 als Censor einweihte (Liv. XXXIX 2, 8. XL 52, 1ff.). Da Apollo in seiner Eigenschaft als Heilgott in Rom recipiert wurde (Wissowa Religion und Kultus 239f.), so ist es wahrscheinlich, dass seine Cultgenossin Artemis in der verwandten Function der Entbindungsgöttin auftrat (vgl. die Inschrift von Apulum CIL III 986 Auribus Aesc[u]lapi et Hygiae et Apollini et Dianae u. s. w.), wodurch ihre Gleichsetzung mit der italischen D. nahe gelegt wurde; geradezu das Beiwort Λοχία (s. darüber Bd. II S. 1393) zeigt die puteolanische Inschrift CIL X 1555 Graeceia P. f. Rufa Pompon. Dianae Loch(iae) s. p. s. e. p. s. Daneben gewannen aber bald auch andere Vorstellungen Raum, die die Identität von D. und Artemis zu bestätigen schienen. Das Beiwort lucifera, welches D. als Geburtsgöttin mit demselben Rechte führte, wie Iuno in der gleichen Eigenschaft die Epiklesis Lucina (ad luciferam Dianam sagt Martial. X 70, 7 von der D. des Aventin; D. Lucifera häufig auf Münzen; vgl. auch die Fackelprocessionen zur D. Nemorensis, oben S. 329), rückte sie der Mondgöttin nahe und führte zur Verbindung beider im Culte; so zeigt z. B. der dreiseitige Altar des S. Iuventius Suavis in Verona (CIL V 3224) auf der einen Seite die Inschrift des Weihenden, auf der zweiten D. als Jägerin mit der Beischrift Dianae Lucif(erae) (vgl. auch CIL V 7355), auf der dritten die Mondgöttin mit der Beischrift Lunae; auch in längeren Götterreihen stehen D. und Luna nicht selten neben einander (so in der Inschrift von Apulum CIL III Suppl. 7771 Sarapidi Iovi Soli Isidi Lunae Dianae dis deabusq(ue) conservatoribus L. Aemil(ius) Carus leg. aug. pr. pr. III Daciarum), insbesondere unter Gegenüberstellung der beiden Götterpaare Apollo D. und Sol Luna; so namentlich auf dem interessanten stadtrömischen Altar vom J. 1 n. Chr., Not. d. Scavi 1890. 388 (vgl. A. Premerstein Arch.-epigr. Mitt. XV 77ff.) [A]eterno deo Io[vi I]unoni regin(ae) Min[ervae So]li Lunae Apol[lini Dia]nae Fortuna[e Matri mag]nae u. s. w. und auf der rheinischen [335] Inschrift Brambach CIRh. 55 Iovi o(ptimo) m(aximo) exsuperantissimo Soli invicto Apollini Lunae Dianae Fortunae u. s. w. Eine directe Gleichstellung von D. und Luna ist im Culte nicht nachweisbar, dagegen wird D. bei den Dichtern (Catull. 34, 15ff. Hor. carm. saec. 35f.; carm. IV 6, 38) und Gelehrten (z. B. Cic. n. d. II 69. Varro de l. l. V 68) mit voller Selbstverständlichkeit als Göttin des nächtlichen Gestirns behandelt. Wirksamer für den Gottesdienst des täglichen Lebens war die Gleichsetzung der D. mit Artemis in ihrer Eigenschaft als Schützerin der Tiere und Patronin der Jagd. Dem latinischen und wahrscheinlich überhaupt dem italischen Dianendienste fremd (über den tifatinischen Cult s. o. S. 328), ist diese Vorstellung unter griechischem Einflusse seit dem Ausgange der Republik nicht nur der Poesie vollständig geläufig, sondern geradezu der Mittelpunkjt der privaten Verehrung der Göttin; die grosse Mehrzahl der erhaltenen Weihinschriften an D., die in keiner Provinz des Reiches fehlen, sind an die Jagdgöttin gerichtet. Vermittelnd mag dabei die Verschiebung gewirkt haben, durch welche man aus der dea Nemorensis, d. h. der Göttin von Nemus bei Aricia, allgemein die Herrin aller Wälder (Serv. Georg. III 332; Aen. VI 118), die [um]-brarum ac nemorum incolam ferarum domitricem, Dianam deam virginem (CIL VI 124) machte. So wird sie als venatrix (CIL II Suppl.: 5638), als silvestris (ebd. III 1937), als nemorum comes, victrix ferarum (ebd. VIII 9831), vielfach gepaart mit Silvanus (silvester) verehrt (CIL III 1154 = 7775. 8483. XIII 382. Brambach CIRh. 1746. Bull. com. XXVIII 1900, 220. Oesterr. Jahresh. 1899 Beibl. 51 Dianae et Sil(vano) silve(stri) dis praesidibus venationum, vgl. v. Domaszewski Philol. N. F. XV 5f.; D. und Nymphae Cagnat L’année épigraph. 1897 nr. 69, mit den Silvanae CIL III Suppl. 10394), man weiht ihr hervorragende Stücke der Jagdbeute (ebd. II 2660. XI 5262 = Buecheler Carm. epigr. nr. 1526. 1800) und stattet ihre Cultstätten entsprechend aus (signum et venationem et salientes CIL V 3222; vivarium saepsit Brambach CIRh. 336, vgl. CIL VI 130; aram lucos font(em) CIL X 6481), die Jäger bilden Cultgenossenschaften zu ihrer Verehrung (colleg(ium) venator(um) sacer(dotum) Dean[e] lustri III CIL X 5671; venatores immun(es) cum, custode vivari weihen am 21. October 241 n. Chr. der D. Augusta den Altar CIL VI 130; ebenso sind wohl der collegius Dianes in Volsinii CIL XI 2720, ferner die iuvenes Nepesini Dianenses ebd. XI 3210, die cultores Dianeses in Tusculum XIV 2633, cultores Dianae in Saguntum II 3821f., Dianenses in der Auvergne XIII 1495 zu verstehen), und Grattius giebt eine lebendige Schilderung davon (cyneg. 483ff.), wie am Festtage der D. die Jäger ihre Hunde bekränzen und die heute feiernden Jagdwaffen im Haine vor dem Bilde der Göttin niederlegen, um durch Opfer und Gebet von ihr für das nächste Jahr reiche Beute und Fernhaltung aller Krankheit von den Hunden zu erbitten. Sehr zahlreich sind unter den Inschriften Weihungen von Soldaten und Veteranen (z. B. CIL III 1000. 3365. 4232. 7742. Brambach CIRh. 1134 u. a.), zuweilen von [336] ganzen Truppenteilen (Brambach 1751 Apollini et Dianae n(umerus) Brit(tonum); ebd. 1746 I(ovi) o(ptimo) m(aximo) Silvano cons(ervatori) Dianae aug(ustae) vixill(atio) leg(ionis) XXII p(rimigeniae) p(iae) f(elicis) Severianae ag(ens) in lignaris), ganz besonders aber von Officieren (z. B. von Legionslegaten, CIL II 2660. III 4363. 8105; Praefectus legionis III 4393. 10394; Tribunus militum III 3632; Praefectus alae III 4360 4362; Praefectus cohortis III 1783. VIII 9831 u. s. w.). Die meisten dieser Weihungen gehen offensichtlich auf Jagdgelübde zurück, doch ist D. in den militärischen Kreisen weiterhin jedenfalls nicht nur als Schützerin vor den Gefahren der Jagd, sondern auch vor denen des Krieges verehrt worden (CIL III Suppl. 7447 weiht ein Soldat [Dian]ae et Ap[olli]ni .. conservatus ab eis; Diana conservatrix III 3074. 3632. V 3223, vgl. auch III 7771 Sarapidi Iovi u. s. w. Dianae dis deabusq(ue) conservatoribus), und darum erscheint sie zuweilen mit den kriegerischen Gottheiten Mars, Victoria, Fortuna vereinigt (CIL V 7493. VIII Suppl. 18231. Brambach CIRh. 55); ob die ihr beigelegten Eigenschaften victrix (CIL VIII 9790) und invicta (CIL III Suppl. 7445. 7670. XIV 2495 a) durchweg auf die victrix ferarum (CIL VIII 9831) gehen oder auf den Glauben auch an eine siegverleihende Gewalt der D. im Kampfe hinweisen, mag dahingestellt bleiben.

Weihungen von Frauen sind ausserhalb des aricinischen Bezirkes verhältnismässig selten (CIL II 5387. V 2086. 7633. VIII 8201. Not. d. Scavi 1899, 473f.), um so häufiger sind gemeinsame Weihungen von Ehegatten (CIL II 3015. 4363 = 11079. VI 135. XI 3198. Bull. hell. 1892, 174) und Verwandten (III 986. V 4199. 5011) oder ganzen Familien (III 1154. 1588 = 8023. 4393. V 7493. VIII 2343; cum suis omnibus VI 132. XI 1211; cum libertis et alumnis VI 131); hier kann D. kaum mehr als Frauen- oder Heilgöttin aufgefasst werden (wie dies der Fall ist bei der Inschrift aus Wiesbaden, Korr.-Bl. Westd. Ztschr. 1898, 71, nach welcher die Gattin eines Legatus legionis [pro sal]u[t]e Porcianae Rufianae filiae suae Dianae Mattiacae [ex] voto signum posu[it]), sondern nur als Beschützerin des ganzen Hauses (Dianae sacrum domus Rubeniorum CIL V Suppl. Ital. 1238 aus Ateste), also eine der unter dem Gesamtnamen der Penaten zusammengefassten Gottheiten (ob sich daraus ihre gelegentliche Zusammenstellung mit Vesta erklärt, CIL XIV 2213. XII 3058?), und darum führt sie auch, ähnlich wie Fortuna, Hercules, Silvanus u. a., specialisierende Beinamen nach der einzelnen Familie, die sie verehrt (z. B. Dianae Caricianae M. Aurelius Caricus aquarius huius loci CIL VI 131; P. Valerius Bassus praefectus fabrum et Caecilia Progne Dianae Valerianae d. d. ebd. 135; vgl. den aedituus Dianae Plancianae ebd. 2210, auch die Diana Pamnetiana CIL X 5960 gehört wohl hierher), und es liegt wohl auch hier der Erklärungsgrund für die Thatsache, dass vereinzelt sich Grabschriften in Form einer Widmung an D. finden, wie CIL XI 3552 (Centum cellae) Deanae sacrum in memoriam Terentiae Cn. f. Priscae C. Decimius Ammonianus Flavianus uxoris, Amonilla f(ilia) matris fecer(unt). III 3836 (Emona) Dianae aug. [337] sac(rum) in memoriam T. Velli Ones(imi) . .. Eutychus et Perigenes lib(erti); vgl. auch X 6300 add. Dianae sacr(um) Quintae parentes fecer(unt). Auch D. als Patronin von Collegia (über solche von Jägern s. o. S. 335) gehört hierher, so des collegium lotorum in Aricia CIL XIV 2156, der cultores Dianae et Antinoi in Lanuvium ebd. 2112, der collegia Herculis et Dianae in Trigisamum (III 5657, Grabschrift eines Sclaven; Sclaven als Weihende auch III 1288. V 5668, eine Sclavin II 3091, eine solche als aeditua a Diana in Rom VI 2209).

V. In den Provinzen deckt der italische Name D. gewöhnlich einheimische Gottheiten, deren Cult mehr oder weniger römische Formen annahm; so in Saguntum (CIL II 3820–3822; vgl. Plin. n. h. XVI 216 und Hübner zu CIL II 3820), wo der Diana maxima eine Art weiblicher Suovetaurilien dargebracht wurden (vaccam, ovem albam, porcam II 3820), und in dem Felsheiligtume auf dem Hügel Cabeza del Griego, wohl dem alten Ercavica (CIL II 3090ff. 3093 = 5874), ferner in Mauretanien (Diana aug(usta) Maurorum in Sitifis, CIL VIII 8436) und an vielen Orten des keltischen Oberitalien, insbesondere aber in Dalmatien, wo offenbar eine einheimische Jagdgöttin von den Griechen als Artemis (s. Bd. II S. 1409) oder Britomartis (Claudian. de cons. Stilich. III 302f. Dalmatiae lucos abruptaque brachia Pindi sparsa comam Britomartis agit), von den Römern als D. interpretiert worden ist: ausser zahlreichen Altären und Weihinschriften begegnen uns hier auch in Menge Votivreliefs, welche die Göttin immer im gleichen Typus als Jägerin mit den Jagdwaffen und begleitet von dem Hunde dahineilend darstellen (R. v. Schneider Arch.-epigr. Mitt. IX 63ff. C. Patsch Wissensch. Mitt. aus Bosnien u. der Hercegovina VI 1898, 220ff.). Auch in Dacia und Moesia gelten die zahlreichen Weihinschriften, in denen D. zuweilen die Beinamen regina (CIL III 1003. 6160 = 7497. 7423. Arch.-epigr. Mitt. XIV 145 nr. 7), sancta (III 1418. 7447; vgl. auch V 50ll. 5090. VI 132), potentissima (III 1418; vgl. XI 3198 compotenti Dianae), [a]eterna (III 6161) erhält, sicher einer Gottheit des Landes, die sich auch mit anderen Landesgöttern vereint, so mit Silvanus und den Silvanae (s. o. S. 335 und R. v. Schneider a. a. O. 35ff.), Liber (CIL III 4363 = 11 079), Neptunus (III 2970; vgl. über die Landesgötter der Donauprovinzen v. Domaszewski Westd. Ztschr. XIV 54ff.; Oesterr. Jahresh. II 1899, 184). D. und Apollo (in dieser Reihenfolge CIL III 7447. 8023. 11 086) als Gottheiten der Westthraker erscheinen nicht nur auf Inschriften des Landes (v. Domaszewski Westd. Ztschr. XIV 53, 226), sondern namentlich auch auf den stadtrömischen Altären der Equites singulares, die sich ausser aus Germanen und Kelten zum grossen Teil auch aus den Bewohnern der Balkanhalbinsel recrutierten; neben der capitolinischen Trias und den Personificationen Victoria, Fortuna, Salus, Felicitas, sowie dem Genius der Truppe, treten uns auf diesen Steinen einerseits der germanische Dreiverein Mars, Hercules, Mercurius nebst den keltischen Fata, Campestres, Epona, Suleviae entgegen, andererseits die Localgötter der Donauländer [338] Apollo, Diana, Silvanus (Henzen Ann. d. Inst. 1885, 235ff. v. Domaszewski a. a. O. 46ff. Wissowa Religion und Kultus 77). Ähnliches findet sich auf manchen verwandten Denkmälern; so weiht am Antoniuswall in England der Centurio der Legio II Augusta M. Cocceius Firmus vier Altäre, den ersten I(ovi) o(ptimo) m(aximo) Victoriae victrici pro salute imp(eratoris) n(ostri), den zweiten Dianae Apollini (die Reihenfolge ist zu beachten), den dritten Genio terrae Britannicae, den vierten Marti Minervae Campestribus Hercl(i) Eponae Victoriae (CIL VII 1111–1114), und auch in der Weihung zweier Praetorianer ex provincia Belgica [cives] Veromand(ui) erscheint das Götterpaar in analoger Verbindung (diis s[an]ctis patrie[nsi]bus I(ovi) [o(ptimo)] m(aximo) et invicto Apollini Mercurio Dianas H[erc]uli Marti, Bull. comun. XXI 1893, 263). Im keltischen Religionskreise wird D. mit den Göttinnen der Waldgebirge Abnoba (Diana Abnoba Brambach CIRh. 1654. 1683) und Arduinna (s. die Reliefs des von einem Praetorianer Arduinne Camulo Iovi Mercurio Herculi geweihten römischen Altars CIL VI 46), in Africa mit Caelestis identificiert (CIL VIII 999. V 5765. XIV 3536), wobei die Jungfräulichkeit, die man von der griechischen Artemis auf die römische D. übertragen hatte (Diana virgo CIL VI 124. V 6503; virago in den inschriftlichen Gedichten CIL III Suppl. 8298. XI 5262 = Buecheler Carm. epigr. 217. 1800), das Tertium comparationis bildete (s. Bd. III S. 1249f.). Ebenso hat D. nicht nur von der griechischen Artemis-Hekate die Beinamen Trivia (CIL X 3795 Dianae Tifatinae Triviae sacrum. XIV 2867, und sehr häufig in der Poesie, zuerst Enn. trag. frg. 362 Ribb.), triformis (CIL II 2660) u. a. erhalten, sondern ist auch im Culte direct für Hekate eingesetzt worden, so wenn CIL VI 511 ein hierof(anta) d(eae) Hecat(ae) im poetischen Teile der Inschrift (= Buecheler Carm. epigr. 1529) triplicis cultor venerande Dianae angeredet wird, oder in Ostia eine spira (s. d.) der D. iobens eine Dedication macht (CIL XIV 4, vgl. VI 261); auch mit Nemesis wird D. nicht blos verbunden, sondern geradezu gleichgesetzt (CIL III 4738; Suppl 10 440, vgl. J. Zingerle Arch.-epigr. Mitt. XX 1897, 228ff.), und vereinzelt wird auch die Göttin von Bambyke-Hierapolis als Deana Syria bezeichnet (CIL IX 4187, vgl. Gran. Licin. p. 9 Bonn.).

Litteratur: Preller-Jordan Röm. Mythol. I 312ff. Th. Birt in Roschers Lexik. I 1002ff. P. Paris in Daremberg-Saglios Dictionn. d. antiqu. II 154ff. G. Wissowa Religion und Kultus der Römer 198ff.