Deutsche Politik – Auswärtige Politik (1914)

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Autor: Bernhard von Bülow
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Titel: Deutsche Politik – Auswärtige Politik
Untertitel:
aus: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Erster Band, Erstes Buch, S. 5–50
Herausgeber: Siegfried Körte, Friedrich Wilhelm von Loebell, Georg von Rheinbaben, Hans von Schwerin-Löwitz, Adolph Wagner
Auflage:
Entstehungsdatum: 1913
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Reimar Hobbing
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Erscheinungsort: Berlin
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[1]
Erstes Buch



Deutsche Politik
von
Bernhard Fürst von Bülow
[3]
Auswärtige Politik

[5] „Die deutsche Nation ist trotz ihrer alten Geschichte das jüngste unter den großen Völkern Westeuropas. Zweimal ward ihr ein Zeitalter der Jugend beschieden, zweimal der Kampf um die Grundlage staatlicher Macht und freier Gesittung. Sie schuf vor einem Jahrtausend das stolzeste Königtum der Germanen und mußte acht Jahrhunderte nachher den Bau ihres Staates auf völlig verändertem Boden von neuem beginnen, um erst in unseren Tagen als geeinte Macht wieder einzutreten in die Reihe der Völker.“

Diese Worte, mit denen Treitschke seine „Deutsche Geschichte“ einleitet, enthalten nicht nur tiefe geschichtliche Erkenntnis, sie haben auch sehr modernen politischen Sinn. Deutschland ist die jüngste unter den großen Mächten Europas, der Homo novus, der, in jüngster Zeit emporgekommen, sich durch überragendes eigenes Können in den Kreis der alten Völkerfamilien gedrängt hat. Als ungebetener und lästiger Eindringling wurde die neue Großmacht angesehen, die Furcht gebietend nach drei glorreichen Kriegen in die europäische Staatengesellschaft eintrat und das Ihre forderte von der reichbesetzten Tafel der Welt. Jahrhunderte hindurch hatte Europa nicht an die Möglichkeit einer national-staatlichen Einigung der deutschen Ländermasse geglaubt. Jedenfalls hatten die europäischen Mächte ihr Möglichstes getan, um eine solche zu verhindern. Insbesondere war die französische Politik von Richelieu bis auf Napoleon III. in der richtigen Erkenntnis, daß das Übergewicht Frankreichs, la Préponderance légitime de la France, in erster Linie auf der staatlichen Zerrissenheit Deutschlands beruhe, bestrebt, diese Zerrissenheit zu erhalten und zu vertiefen. Aber auch die anderen Mächte wollten die Einigung Deutschlands nicht. In dieser Beziehung dachte Kaiser Nikolaus wie Lord Palmerston, Metternich wie Thiers. Es ist wohl der stärkste Beweis für das wundervolle Zusammenwirken der abgeklärten Weisheit unseres alten Kaisers mit dem Genie des Fürsten Bismarck, daß sie die Einigung Deutschlands durchgesetzt haben, nicht nur gegen alle Schwierigkeiten, die ihr die innerdeutschen Verhältnisse, uralte Rivalitäten und Rankünen, alle Sünden unserer Vergangenheit und alle Eigenheiten unseres politischen Charakters entgegentürmten, sondern auch gegen den offenen oder versteckten Widerstand und gegen die Unlust von ganz Europa.

Auf einmal war das Deutsche Reich da. Schneller, als man gefürchtet, stärker als irgend jemand geahnt hatte. Keine der anderen Großmächte hatte die staatliche Wiedergeburt Deutschlands gewünscht, jede hätte sie, so wie sie erfolgte, lieber verhindert. Kein Wunder, daß die neue Großmacht nicht mit Freude begrüßt, sondern als unbequem empfunden wurde. Auch eine sehr zurückhaltende und friedliebende Politik konnte an diesem ersten Urteil wenig ändern. Man sah in der lange verhinderten, oft gefürchteten, endlich von den deutschen Waffen und einer unvergleichlichen Staatskunst ertrotzten staatlichen Einigung der Mitte des europäischen Festlandes an sich etwas wie eine Drohung und jedenfalls eine Störung.

[6] Mitte der neunziger Jahre sagte mir in Rom, wo ich damals Botschafter war, mit einem Seufzer mein englischer Kollege, Sir Clare Ford: „Wie viel gemütlicher und bequemer war es doch in der Politik, als England, Frankreich und Rußland den europäischen Areopag bildeten, und höchstens gelegentlich Österreich herangezogen zu werden brauchte.“ Diese gute alte Zeit ist vorüber. Der hohe Rat Europas ist vor mehr als vier Jahrzehnten um ein stimmberechtigtes Mitglied vermehrt worden, das nicht nur den Willen hat mitzureden, sondern auch die Kraft mitzuhandeln.

Staatliche Wiedergeburt Deutschlands.

Ein Stück harter, weltgeschichtlicher Arbeit hatte mit dem Meisterwerk des Fürsten Bismarck seine Vollendung erhalten. Dem zielbewußten Willen der Hohenzollern mußten durch Jahrhunderte der ausdauernde Heroismus der preußischen Armee und die nie erschütterte Hingebung des preußischen Volkes zur Seite stehen, bis unter wechselvollen Schicksalen die brandenburgische Mark zur preußischen Großmacht wurde. Zweimal schien der schon gewonnene Kranz dem Staate Preußens wieder zu entgleiten. Die vernichtende Niederlage von 1806 stürzte Preußen von der bewunderten und gefürchteten Höhe friderizianischen Ruhmes jäh hinab. Diejenigen schienen recht zu bekommen, die in dem stolzen Staat des großen Königs nie mehr als ein künstliches politisches Gebilde hatten sehen wollen, das stand und fiel mit dem einzigartigen staatsmännischen[1] und kriegerischen Genie des Monarchen. Die Erhebung nach dem tiefen Sturz von Jena und Tilsit bewies der staunenden Welt, welche urwüchsige und unzerstörbare Kraft in diesem Staate lebte. Solcher Opferwillen und solcher Heldenmut eines ganzen Volkes setzten eingewurzeltes nationales Selbstbewußtsein voraus. Und als das Volk Preußens sich nicht in regellosem Aufstande, gleich den vielbewunderten Spaniern und den wackeren Tyroler Bauern erhob, sondern sich Mann für Mann gleichsam selbstverständlich dem Befehl des Königs und seiner Berater unterstellte, da sah man staunend, wie Nationalbewußtsein und Staatsbewußtsein in Preußen eins waren, daß das Volk durch die harte Schule des friderizianischen Staates zur Nation erzogen worden war. Die Reorganisation des staatlichen Lebens unter der Leitung schöpferischer Männer in der Zeit von 1807 bis 1813 gewann dem Staate zum Gehorsam die bewußte Liebe der Untertanen. Der Befreiungskampf von 1813 bis 1816 erwarb Preußen die Achtung aller und das Vertrauen vieler nichtpreußischer Deutschen. Es war ein reiches Erbe, das die große Zeit der Erhebung und Befreiung hinterließ. Aber unter der Rückwirkung einer matten und glanzlosen äußeren Politik und durch eine Geschäftsführung im Innern, die weder im richtigen Augenblick zu geben noch zu weigern verstand, wurde dieses Erbe während der nächsten Jahrzehnte zum guten Teil wieder verwirtschaftet. Gegen Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts stand Preußen an innerer Haltung und an äußerer Geltung zurück hinter dem Preußen, wie es aus den Freiheitskriegen hervorgegangen war. Wohl hatte die nationale Einheitsbewegung durch die preußische Zollpolitik das erste feste Fundament erhalten. Aber der Tag von Olmütz zerstörte die Hoffnung der deutschen Patrioten, die von Preußen die Erfüllung der nationalen Wünsche erwarteten. Preußen schien auf seine weltgeschichtliche Mission [7] zu verzichten und der machtpolitischen Fortführung des Einigungswerts zu entsagen, das es wirtschaftspolitisch zielbewußt begonnen hatte. Wohl waren durch die Überleitung des Staatslebens in konstitutionelle Bahnen neue Kräfte für das nationale Leben frei geworden. Unendliches hätte dieser Staat an innerer Lebendigkeit und nationaler Stoßkraft gewonnen, wenn dieses treue Volk zu rechter Zeit zur politischen Mitarbeit berufen worden wäre, wie es Stein und Hardenberg, Blücher und Gneisenau, Wilhelm von Humboldt und Boyen, auch Yorck und Bülow-Dennewitz gewünscht hatten. Als der große Schritt 33 Jahre zu spät getan wurde, war das Mißtrauen zwischen Volk und Obrigkeit schon zu tief eingefressen, hatte das Ansehen der Regierung im Verlauf der revolutionären Erhebung zu schweren Schaden genommen, als daß die modernen Staatsformen unmittelbar hätten Segen bringen können. Der Gang der preußischen Politik war gehemmt im Innern durch eine mißtrauische und in Doktrinen befangene Volksvertretung, nach außen durch den unbesiegten Widerstand der österreichischen Vormachtsansprüche. Da griff, von König Wilhelm im entscheidenden Augenblick berufen, nahezu in zwölfter Stunde Bismarck in das stockende Räderwert der preußischen Staatsmaschine.

Daß eine normale geschichtliche Entwicklung zur staatlichen Einigung Deutschlands unter preußischer Führung gelangen mußte, daß es das vornehmste Ziel preußischer Staatskunst war, diese Entwicklung zu beschleunigen und zu vollenden, das war den einsichtigen Patrioten jener Jahre wohl bewußt. Aber alle Wege, die man beschritten hatte, um zum Ziele zu gelangen, hatten sich als ungangbar erwiesen. Von der Initiative der preußischen Regierung schien je länger, je weniger zu erwarten. Die gutgemeinten, aber unpraktischen Versuche, das deutsche Volk zu veranlassen, die Bestimmung seiner Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, scheiterten, weil die in Deutschland wie kaum in einem anderen Lande ausschlaggebende treibende Kraft der Regierungen fehlte. Im „Wilhelm Meister“ erwidert der erfahrene Lothario der schwermütigen Aurelie, die an den Deutschen vieles auszusetzen hat, es gäbe in der Welt keine bravere Nation als die deutsche, sofern sie nur recht geführt werde. Der Deutsche, welches Stammes er immer sei, hat stets unter einer starken, stetigen und festen Leitung das Größte vermocht, selten ohne eine solche oder im Gegensatz zu seinen Regierungen und Fürsten. Bismarck hat uns in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ selbst erzählt, daß er sich hierüber von Anfang an nicht im Zweifel war. Mit genialer Intuition fand er den Weg, auf dem sich die Hoffnungen des Volkes mit den Interessen der deutschen Regierungen zusammenfinden mußten. Er war wie kaum je ein Staatsmann eingedrungen in die Geschichte der Nation, deren Leitung in seine Hände gelegt war. Hinter dem äußeren Zusammenhang der Ereignisse suchte und fand er die treibenden Kräfte des nationalen Lebens. Die große Zeit der Befreiung und Erhebung Preußens ist ihm, der im Jahre von Waterloo geboren und von Schleiermacher in der Berliner Dreifaltigkeitskirche eingesegnet worden war, nie aus dem Gedächtnis geschwunden, sie stand im Anfang seines weltgeschichtlichen Wirkens in voller Lebendigkeit vor seinen Augen. Er fühlte, daß sich in Deutschland nationaler Wille und nationale Leidenschaft nicht entzünden in Reibungen zwischen Regierung und Volk, sondern in den Reibungen deutschen Stolzes und Ehrgefühls an den Widerständen [8] und Ansprüchen fremder Nationen. Solange die Frage der deutschen Einigung nur ein innerpolitisches Problem war, ein Problem, um das vorwiegend zwischen den Parteien und zwischen Regierung und Volk gehadert wurde, konnte sie eine Fürsten und Völker mitreißende gewaltige zwingende nationale Bewegung nicht erzeugen. Als Bismarck die deutsche Frage hinstellte als das, was sie im Kern war, als eine Frage der europäischen Politik, und als sich bald die außerdeutschen Gegner der deutschen Einigung regten, da gab er auch den Fürsten die Möglichkeit, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen.

In Frankfurt, in Petersburg, in Paris hatte Bismarck den Mächten Europas in die Karten gesehen. Er hatte erkannt, daß die Einigung Deutschlands eine reine deutsch-nationale Angelegenheit nur so lange bleiben konnte, wie sie frommer Wunsch und unerfüllbare Hoffnung der Deutschen war, daß sie eine internationale Angelegenheit werden mußte mit dem Moment, in dem sie in das Stadium der Verwirklichung eintrat. Der Kampf mit den Widerständen in Europa lag auf dem Wege zur Lösung der großen Aufgabe der deutschen Politik. Anders als in einem solchen Kampfe aber waren die Widerstände in Deutschland selbst kaum aufzulösen. Damit war die nationale Politik der internationalen eingegliedert, die Vollendung des deutschen Einigungswerkes durch eine unvergleichliche staatsmännische Schöpferkraft und Kühnheit den ererbt schwächsten Fähigkeiten der Deutschen, den politischen, genommen und den angeborenen besten, den kriegerischen, zugewiesen. Eine günstige Fügung wollte es, daß Bismarck einen Feldherrn wie Moltke, einen militärischen Organisator wie Roon an seiner Seite fand. Die Waffentaten, die uns unsere europäische Großmachtsstellung zurückgewonnen hatten, sicherten sie zugleich. Sie nahmen den Großmächten die Lust, uns den Platz im europäischen Kollegium wieder zu entreißen, den wir in drei siegreichen Kriegen erobert hatten. Wenn uns dieser Platz auch ungern eingeräumt worden war, so ist er uns doch seitdem nicht ernstlich bestritten worden. Frankreich ausgenommen, hätte sich wohl alle Welt mit der Machtstellung Deutschlands allmählich befreundet, wenn unsere Entwicklung mit der Reichsgründung beendet gewesen wäre. Die staatliche Einigung ist aber nicht der Abschluß unserer Geschichte geworden, sondern der Anfang einer neuen Zukunft. In der vordersten Reihe der europäischen Mächte gewann das Deutsche Reich wieder vollen Anteil am Leben Europas. Das Leben des alten Europa aber war schon lange nur noch ein Teil des gesamten Völkerlebens.

Deutschland als Weltmacht.

Die Politik wurde mehr und mehr Weltpolitik. Die weltpolitischen Wege waren auch für Deutschland geöffnet, als es eine mächtige und gleichberechtigte Stelle neben den alten Großmächten gewann. Die Frage war nur, ob wir die vor uns liegenden neuen Wege beschreiten oder ob wir in Besorgnis um die eben gewonnene Macht vor weiterem Wagen zurückschrecken sollten. In Kaiser Wilhelm II. fand die Nation einen Führer, der ihr mit klarem Blick und festem Willen auf dem neuen Wege voranging. Mit ihm haben wir den weltpolitischen Weg beschritten. Nicht als Konquistadoren, nicht unter Abenteuern und Händeln. Wir sind langsam vorgegangen, haben uns das Tempo nicht vorschreiben [9] lassen von der Ungeduld des Ehrgeizes, sondern von den Interessen und Rechten, die wir zu fördern und zu behaupten hatten. Wir sind nicht in die Weltpolitik hineingesprungen, wir sind in unsere weltpolitischen Aufgaben hineingewachsen, und wir haben nicht die alte europäische Politik Preußen-Deutschlands gegen die neue Weltpolitik ausgetauscht, sondern wir ruhen heute noch wie vor alters mit den starken Wurzeln unserer Kraft im alten Europa.

„Die Aufgabe unserer Generation ist es, gleichzeitig unsere kontinentale Stellung, welche die Grundlage unserer Weltstellung ist, zu wahren und unsere überseeischen Interessen so zu pflegen, eine besonnene, vernünftige, sich weise beschränkende Weltpolitik so zu führen, daß die Sicherheit des deutschen Volkes nicht gefährdet und die Zukunft der Nation nicht beeinträchtigt wird.“ Mit diesen Worten suchte ich am 14. November 1906 gegen Ende einer ausführlicheren Darstellung der internationalen Lage die Aufgabe zu formulieren, die Deutschland gegenwärtig und nach menschlichem Ermessen auch in Zukunft zu erfüllen hat: Weltpolitik auf der festen Basis unserer europäischen Großmachtstellung. Anfangs wurden wohl Stimmen laut, die das Beschreiten der neuen weltpolitischen Wege als ein Abirren von den bewährten Bahnen der Bismarckischen Kontinentalpolitik tadelten. Man übersah, daß gerade Bismarck uns neue Wege dadurch wies, daß er die alten zu ihren Zielen geführt hatte. Seine Arbeit hat uns die Tore der Weltpolitik recht eigentlich geöffnet. Erst nach der staatlichen Einigung und der politischen Erstarkung Deutschlands war die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft zur Weltwirtschaft möglich. Erst nachdem das Reich seine Stellung in Europa gesichert sah, konnte es daran denken, für die Interessen einzutreten, die deutsche Unternehmungslust, deutscher Gewerbefleiß und kaufmännischer Wagemut in aller Herren Länder geschaffen hatten. Gewiß sah Bismarck den Verlauf dieser neuen deutschen Entwicklung, die Aufgaben dieser neuen Zeit nicht im einzelnen voraus und konnte sie nicht voraussehen. In dem reichen Schatz politischer Erkenntnisse, die Fürst Bismarck uns hinterlassen hat, finden sich für unsere weltpolitischen Aufgaben nirgends die allgemeingültigen Sätze, wie er sie für eine große Zahl von Möglichkeiten unseres nationalen Lebens geprägt hat. Vergebens suchen wir in den Entschlüssen seiner praktischen Politik nach einer Rechtfertigung für die Entschließungen, die unsere weltpolitischen Aufgaben von uns fordern. Wohl wurde auch diese neue andere Zeit von Bismarck vorbereitet. Nie dürfen wir vergessen, daß wir ohne die gigantische Leistung des Fürsten Bismarck, der mit einem mächtigen Ruck in Jahren nachholte, was in Jahrhunderten vertan und versäumt worden war, die neue Zeit nicht hätten erleben können. Wenn aber auch jede neue Epoche geschichtlicher Entwicklung durch die vorhergehende bedingt ist, ihre treibenden Kräfte mehr oder minder stark der Vergangenheit dankt, so kann sie doch nur einen Fortschritt bringen, wenn sie die alten Wege und Ziele hinter sich läßt und zu anderen eigenen dringt. Entfernen wir uns auf unseren neuen weltpolitischen Bahnen auch von der europäischen Politik des ersten Kanzlers, so bleibt es doch wahr, daß die weltpolitischen Aufgaben des 20. Jahrhunderts die rechte Fortführung sind der kontinentalpolitischen Aufgaben, die er erfüllt hat. In jener Rede vom 14. November 1906 wies ich darauf hin, daß die Nachfolge Bismarcks nicht eine Nachahmung, sondern eine Fortbildung [10] sein muß. „Wenn die Entwicklung der Dinge es verlangt,“ so sagte ich damals, „daß wir über Bismarckische Ziele hinausgehen, so müssen wir es tun.“

Die Entwicklung der Dinge aber hat die deutsche Politik längst hinausgetrieben aus der Enge des alten Europa in die weitere Welt. Es war nicht ehrgeizige Unruhe, die uns drängte, es den Großmächten gleichzutun, die seit lange die Wege der Weltpolitik gingen. Die durch die staatliche Wiedergeburt verjüngten Kräfte der Nation haben in ihrem Wachstum die Grenzen der alten Heimat gesprengt, und die Politik folgte den neuen nationalen Interessen und Bedürfnissen. In dem Maße, in dem unser nationales Leben ein Weltleben geworden ist, wurde die Politik des Deutschen Reichs zur Weltpolitik.

Im Jahre 1871 sammelte das neue Deutsche Reich 41 058 792 Einwohner in seine Grenzen. Sie fanden Nahrung und Arbeit in der Heimat, und zwar besser und leichter als zuvor, unter dem Schutze verstärkter nationaler Macht, unter vielfältig durch die Reichsgründung erleichterten Verkehrsbedingungen, unter den Segnungen der neuen allgemein-deutschen Gesetzgebung. Im Jahre 1900 aber war die Bevölkerungszahl auf 56 367 178, heute ist sie auf mehr als 65 000 000 angewachsen. Diese gewaltige Volksmasse konnte das Reich in seinen Grenzen in der alten Weise nicht mehr ernähren. Die Bevölkerungszunahme stellte dem deutschen Wirtschaftsleben und damit auch der deutschen Politik ein gewaltiges Problem. Es mußte gelöst werden, sollte der Überschuß an deutscher Kraft, den die Heimat nicht zu erhalten imstande war, nicht fremden Ländern zugute kommen. Im Jahre 1885 wanderten etwa 171 000 Deutsche aus, 1892 waren es 116 339, 1898 nur noch 22 921, und bei dieser letzten niedrigen Anzahl ist es seither durchschnittlich geblieben. Es konnte Deutschland also im Jahre 1885 einer um 20 000 000 geringeren Menschenzahl weniger gute Existenzbedingungen gewähren als gegenwärtig seinen 66 000 000 Reichsangehörigen. In dem gleichen Zeitraum ist der deutsche Außenhandel von etwa 6 Milliarden Mark Wert auf 19,16 Milliarden gestiegen. Welthandel und Volksernährung stehen in unverkennbarem Zusammenhange. Selbstverständlich viel weniger durch die eingeführten Nahrungsmittel selbst als durch die vermehrte Arbeitsgelegenheit, die die mit dem Welthandel verbundene Industrie zu gewähren vermag. Die Entwicklung der Industrie in erster Linie hat das dem nationalen Leben durch die Bevölkerungsvermehrung gestellte Problem der Lösung zugeführt, unbeschadet der durch das überraschend geschwinde Entwicklungstempo älteren Gebieten des volkswirtschaftlichen Lebens vorerst zugefügten Nachteile. Die enorme Vermehrung und Vergrößerung der industriellen Betriebe, die heute Millionen von Arbeitern und Angestellten beschäftigen, konnte nur erreicht werden dadurch, daß sich die Industrie des Weltmarktes bemächtigte. Wäre sie heute noch angewiesen auf die Verarbeitung der Rohstoffe, die der Kontinent liefert und auf den europäischen Markt für den Absatz ihrer Fabrikate, so könnte von den modernen Riesenbetrieben nicht die Rede sein, und es wären Millionen Deutscher, die heute unmittelbar durch die Industrie ihren Lebensunterhalt haben, ohne Lohn und Brot. Nach den statistischen Erhebungen wurden im Jahre 1911 Rohstoffe für Industriezwecke im Werte von 5393 Millionen eingeführt und fertige Waren ausgeführt im Werte von 5460 Millionen Mark. Hierzu kommt eine Ausfuhr von Rohstoffen, vor allem Bergwerkserzeugnissen im Werte von 2205 Millionen. Nahrungs- [11] und Genußmittel werden für 3077 Millionen Mark ein-, für 1096 Millionen ausgeführt. Diese toten Zahlen gewinnen Leben, wenn bedacht wird, daß ein großes Stück deutschen Wohlergehens an ihnen hängt, Existenz und Arbeit von Millionen unserer Mitbürger. Der Welthandel vermittelt diese gewaltigen Warenmassen. Sie gehen nur zum geringen Teil auf den Land- und Wasserwegen des Festlandes, überwiegend über das Meer auf den Fahrzeugen deutscher Reeder. Industrie, Handel und Reederei haben dem alten deutschen Wirtschaftsleben die neuen weltwirtschaftlichen Formen gewonnen, die das Reich auch politisch hinausgeführt haben über die Ziele, die Fürst Bismarck der deutschen Staatskunst gesteckt hatte.

Mit seinen 19 Milliarden Außenhandel ist heute Deutschland hinter Großbritannien mit 25 und vor den Vereinigten Staaten mit 15 Milliarden die zweitgrößte Handelsmacht der Welt. Die deutschen Häfen sahen im Jahre 1910 11 800 eigene und 11 698 fremde Schiffe ankommen, 11 962 eigene und 11 678 fremde Schiffe auslaufen. Durchschnittlich 70 Dampfschiffe und an 40 Segelschiffe stellen die deutschen Reedereien jährlich neu ein. In rapider Entwicklung haben wir Deutschen unseren Platz gewonnen in der vordersten Reihe der seefahrenden und Seehandel treibenden Völker.

Notwendigkeit der Kriegsflotte.

Das Meer hat eine Bedeutung für unser nationales Leben gewonnen, wie niemals zuvor in unserer Geschichte, auch nicht in den großen Zeiten der deutschen Hansa. Es ist ein Lebensstrang für uns geworden, den wir uns nicht durchschneiden lassen dürfen, wenn wir nicht aus einem aufblühenden und jugendfrischen ein verwelkendes und alterndes Volk werden wollen. Dieser Gefahr waren wir aber ausgesetzt, solange es unserem Welthandel und unserer Schiffahrt gegenüber den übermächtigen Kriegsflotten anderer Mächte an nationalem Schutz auf dem Meere gebrach. Die Aufgaben, die die bewaffnete Macht des Deutschen Reichs zu erfüllen hat, hatten sich wesentlich verschoben, seitdem der kontinentale Schutz, den uns unsere Armee sicherte, nicht mehr genügte, den heimischen Gewerbefleiß gegen Störungen, Eingriffe und Angriffe von außen zu schirmen. Eine Kriegsflotte mußte der Armee zur Seite treten, damit wir unserer nationalen Arbeit und ihrer Früchte froh werden konnten.

Als im Frühjahr 1864 der englische Gesandte in Berlin den damaligen preußischen Ministerpräsidenten auf die Erregung aufmerksam machte, die das Vorgehen Preußens gegen Dänemark in England hervorrufe und dabei die Bemerkung fallen ließ, daß, wenn Preußen nicht Halt mache, die englische Regierung zu kriegerischen Maßnahmen gegen Preußen gedrängt werden könnte, erwiderte ihm Herr von Bismarck-Schönhausen: „Ja, was wollen Sie uns denn eigentlich tun? Schlimmstenfalls können Sie ein paar Granaten nach Stolpmünde oder Pillau werfen, das ist aber auch alles.“ Bismarck hatte recht für jene Zeit. Wir waren damals für das seebeherrschende England so gut wie unangreifbar, weil wir zur See nicht verwundbar waren. Wir besaßen weder eine große Handelsmarine, deren Zerstörung uns empfindlich treffen konnte, noch einen nennenswerten Überseehandel, dessen Unterbindung wir zu fürchten hatten.

Ganz anders heute. Wir sind zur See verwundbar geworden. Milliardenwerte [12] haben wir dem Meere anvertraut und mit diesen Werten Wohl und Wehe vieler Millionen unserer Landsleute. Wenn wir nicht rechtzeitig für den Schutz dieses kostbaren und unentbehrlichen nationalen Besitzes sorgten, waren wir der Gefahr ausgesetzt, eines Tages wehrlos ansehen zu müssen, wie er uns genommen wurde. Dann aber wären wir nicht etwa wirtschaftlich und politisch in das behagliche Dasein eines reinen Binnenstaates zurückgesunken. Wir wären vielmehr in die Lage versetzt worden, einen beträchtlichen Teil unserer Millionenbevölkerung in der Heimat weder beschäftigen noch ernähren zu können. Eine wirtschaftliche Krise wäre die Folge gewesen, eine Krise, die sich zu einer nationalen Katastrophe auswachsen konnte.

Bau der Kriegsflotte.

Der Bau einer zum Schutze unserer überseeischen Interessen ausreichenden Flotte war seit Ausgang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts eine Lebensfrage für die deutsche Nation geworden. Daß Kaiser Wilhelm II. das erkannt und an die Erreichung dieses Zieles die ganze Macht der Krone und die ganze Kraft der eigenen Individualität gesetzt hat, ist sein großes geschichtliches Verdienst. Dieses Verdienst wird noch dadurch erhöht, daß das Oberhaupt des Reichs für den Bau der deutschen Flotte in dem Augenblick eintrat, wo sich das deutsche Volk über seine weitere Zukunft entscheiden mußte und wo nach menschlicher Berechnung die letzte Möglichkeit vorlag, für Deutschland den ihm notwendigen Seepanzer zu schmieden. Die Flotte sollte gebaut werden unter Behauptung unserer Stellung auf dem Kontinent, ohne Zusammenstoß mit England, dem wir zur See noch nichts entgegenzusetzen hatten, aber unter voller Wahrung unserer nationalen Ehre und Würde. Der damals noch recht erhebliche parlamentarische Widerstand war nur zu überwinden, wenn die öffentliche Meinung einen nachhaltigen Druck auf das Parlament ausübte. Die öffentliche Meinung ließ sich nur in Bewegung bringen, wenn gegenüber der im ersten Jahrzehnt nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck in Deutschland herrschenden unsicheren und mutlosen Stimmung das nationale Motiv mit Entschiedenheit betont und das nationale Bewußtsein wachgerufen wurde. Der Druck, der seit dem Bruch zwischen dem Träger der Kaiserkrone und dem gewaltigen Manne, der diese Krone aus der Tiefe des Kyffhäusers hervorgeholt hatte, auf dem deutschen Gemüt lastete, konnte nur überwunden werden, wenn dem deutschen Volk, dem es gerade damals an einheitlichen Hoffnungen und Forderungen fehlte, von seinem Kaiser ein neues Ziel gesteckt und ihm der Platz an der Sonne gezeigt wurde, auf den es ein Recht hatte und dem es zustreben mußte. Das patriotische Empfinden sollte aber auch nicht überschäumend und in nicht wieder gut zu machender Weise unsere Beziehungen zu England stören, dem gegenüber unsere Defensivstärke zur See noch für Jahre hinaus eine ganz ungenügende war und vor dem wir 1897, wie sich in jenem Jahr ein kompetenter Beurteiler einmal ausdrückte, zur See dalagen wie Butter vor dem Messer. Den Bau einer ausreichenden Flotte zu ermöglichen, war die nächstliegende und große Aufgabe der nachbismarckischen deutschen Politik, eine Aufgabe, vor die auch ich mich in erster Linie gestellt sah, als ich am 28. Juni 1897 in Kiel, auf der „Hohenzollern“, am gleichen Tage und an derselben Stelle, wo ich 12 Jahre später um meine Entlassung bat, von [13] Seiner Majestät dem Kaiser mit der Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut wurde.

Am 28. März 1897 hatte der Reichstag in dritter Lesung die Anträge der Budgetkommission angenommen, die an den Forderungen der Regierung für Ersatzbauten, Armierung und Neubauten beträchtliche Abstriche vornahmen. Am 27. November veröffentlichte die Regierung, nachdem der bisherige Staatssekretär des Reichsmarineamts, Admiral von Hollmann, durch eine Kraft ersten Ranges, den Admiral von Tirpitz, ersetzt worden war, eine neue Marinevorlage, die den Neubau von 7 Linienschiffen, 2 großen und 7 kleinen Kreuzern forderte, den Zeitpunkt für die Fertigstellung der Neubauten auf den Schluß des Rechnungsjahres 1904 festsetzte und durch Begrenzung der Lebensdauer der Schiffe und die Bestimmung über die dauernd im Dienst zu haltenden Formationen die rechtzeitige Vornahme von Ersatzbauten sicherstellte. In der Vorlage hieß es: „Unter voller Wahrung der Rechte des Reichstages und ohne neue Steuerquellen in Anspruch zu nehmen, verfolgen die verbündeten Regierungen nicht einen uferlosen Flottenplan, sondern einzig und allein das Ziel, in gemessener Frist eine vaterländische Kriegsmarine von so begrenzter Stärke und Leistungsfähigkeit zu schaffen, daß sie zur wirksamen Vertretung der Seeinteressen des Reiches genügt.“ Die Vorlage schob die Flottenpolitik auf ein vollkommen neues Geleis. Bisher waren von Zeit zu Zeit einzelne Neubauten gefordert und zum Teil bewilligt worden, aber das feste Fundament, das die Armee im Sollbestand ihrer Formationen besaß, hatte der Kriegsmarine gefehlt. Erst durch die Festsetzung der Lebensdauer der Schiffe einerseits, des Bestandes an dienstfähigen Schiffen andererseits wurde die Flotte ein fester Bestandteil unserer nationalen Wehrmacht.

Der Bau der deutschen Flotte mußte wie vor ihm andere große Aufgaben unserer vaterländischen Geschichte mit dem Auge auf das Ausland durchgeführt werden. Es war vorauszusehen, daß diese folgenschwere Verstärkung unserer nationalen Macht in England Unbehagen und Mißtrauen hervorrufen würde.

Die traditionelle Politik Englands.

Die Politik keines Staates der Welt bewegt sich so fest in traditionellen Bahnen wie die englische, und gewiß nicht zuletzt dieser sich durch Jahrhunderte forterbenden zähen Konsequenz seiner auswärtigen Politik, die in ihren Endzielen und Grundlinien unabhängig vom Wechsel der Parteiherrschaft gewesen ist, verdankt England seine großartigen weltpolitischen Erfolge. Das A und O aller englischen Politik war seit jeher die Erreichung und Erhaltung der englischen Seeherrschaft. Diesem Gesichtspunkt sind alle anderen Erwägungen, Freundschaften wie Feindschaften stets zielbewußt untergeordnet worden. Es wäre töricht, die englische Politik mit dem zu Tode gehetzten Wort vom „perfiden Albion“ abtun zu wollen. In Wahrheit ist diese angebliche Perfidie nur ein gesunder und berechtigter nationaler Egoismus, an dem sich andere Völker, ebenso wie an anderen großen Eigenschaften des englischen Volkes, ein Beispiel nehmen können.

Während der zweiten Hälfte des 18. und der ersten des 19. Jahrhunderts stand [14] England an der Seite Preußens, und zwar gerade in kritischen Zeiten preußischer Geschichte während des Siebenjährigen Krieges und im Zeitalter Napoleons I. Es war aber weniger gemütvolle Sympathie mit dem kühn und mühevoll emporstrebenden blutsverwandten Staat im deutschen Norden, was die englische Haltung bestimmte. England trat für englische Zwecke an die Seite des tüchtigsten Gegners der stärksten europäischen Macht und ließ Friedrich den Großen in schwerer Stunde, ließ Preußen auf dem Wiener Kongreß kaltblütig im Stich, als es seine Zwecke erreicht sah. Während der Fesselung der französischen Kräfte im Siebenjährigen Kriege brachte England seinen nordamerikanischen Besitz in Sicherheit. In den großen Jahren 1813 bis 1815 zertrümmerte die stürmische Tapferkeit Preußens endlich und endgültig die napoleonische Weltherrschaft. Als Preußen in Wien um jeden Quadratkilometer Land bitter hadern mußte, hatte England seine Weltmacht errungen und konnte sie nach der Niederwerfung des französischen Gegners für absehbare Zeit als gesichert ansehen. Als Feind der stärksten Kontinentalmacht waren wir Englands Freund, durch die Ereignisse von 1866 und 1870 wurde Preußen-Deutschland die stärkste Macht des europäischen Festlandes und rückte in der englischen Vorstellung allmählich an den Platz, den früher das Frankreich des Sonnenkönigs und der beiden Bonapartes eingenommen hatte. Die englische Politik folgte ihrer traditionellen Richtung, die Front gegen die jeweilig stärkste Kontinentalmacht zu nehmen. Nach dem Niedergange des habsburgischen Spaniens war das Frankreich der Bourbonen Englands natürlicher Gegner, von der hervorragenden Teilnahme Marlboroughs am spanischen Erbfolgekrieg bis zum Bündnis mit dem Sieger der Schlacht bei Roßbach, die in London wie ein Triumph der britischen Waffen gefeiert wurde. Nach den Jahrzehnten eifersüchtigen Mißtrauens gegen das unter Katharina II. mächtig erstarkende Rußland wandte sich die englische Politik aufs neue und mit voller Energie gegen Frankreich, als Bonaparte die Armeen der Republik zum Siege über alle Staaten des europäischen Festlandes führte. In dem Ringkampf zwischen dem ersten Kaiserreich und England blieb England Sieger, gewiß in erster Linie dank der unerschütterlichen und grandiosen Stetigkeit seiner Politik, dem Heldenmut seiner Blaujacken bei Abukir und Trafalgar und den Erfolgen seines eisernen Herzogs in Spanien, aber auch durch die Zähigkeit der Russen und Österreicher und den Ungestüm unseres alten Blücher und seiner Preußen. Als nach dem Sturz Napoleons das militärische Übergewicht vom Westen Europas auf den Osten überzugehen schien, wandte England seine politische Front. An dem für Rußland unglücklichen Ausgang des Krimkrieges und an dem Scheitern der hochfliegenden Pläne des stolzen Kaisers Nikolaus I. hatte England hervorragenden Anteil, und auch Kaiser Alexander II. fand die englische Politik nicht selten auf seinen politischen Wegen, am fühlbarsten im nahen Orient, dem alten Hoffnungsfelde russischen Ehrgeizes. Das englische Bündnis mit Japan ging aus ähnlichen Erwägungen hervor wie die entente cordiale mit Frankreich, die die internationale Politik der Gegenwart entscheidend beeinflußt.

Das Interesse, das England an der Gestaltung der Machtverhältnisse auf dem europäischen Festlande nimmt, gilt selbstverständlich nicht allein dem Wohlbefinden derjenigen Mächte, die sich durch die überlegene Stärke einer einzigen unterdrückt oder bedroht fühlen. [15] Solche menschenfreundliche Anteilnahme pflegt selten einen überwiegenden Einfluß auf die politischen Entschließungen der Regierung eines großen Staates auszuüben. Für die Richtung der englischen Politik sind die Rückwirkungen der europäischen Machtverhältnisse auf die englische Seeherrschaft maßgebend. Und jede Machtverschiebung, die eine solche Wirkung nicht im Gefolge haben konnte, ist der englischen Regierung immer ziemlich gleichgültig gewesen. Wenn England traditionell, das heißt seinen unveränderlichen nationalen Interessen angemessen, der jeweils stärksten Kontinentalmacht unfreundlich oder mindestens argwöhnisch gegenübersteht, so liegt der Grund vornehmlich in der Bedeutung, die England der überlegenen kontinentalen Macht für die überseeische Politik beimißt. Eine europäische Großmacht, die ihre militärische Stärke so drastisch gezeigt hat, daß sie im normalen Lauf der Dinge eines Angriffs auf ihre Grenzen nicht gewärtig zu sein braucht, gewinnt gewissermaßen die nationalen Existenzbedingungen, durch die England zur ersten See- und Handelsmacht der Welt geworden ist. England dürfte mit seinen Kräften und seinem Wagemut unbesorgt auf das Weltmeer gehen, weil es seine heimischen Grenzen durch die umgebende See vor feindlichen Angriffen geschützt wußte. Besitzt eine Kontinentalmacht eben diesen Schutz der Grenzen in ihrer gefürchteten, siegreichen und überlegenen Armee, so gewinnt sie die Freiheit zu überseeischer Politik, die England seiner geographischen Lage dankt. Sie wird Wettbewerberin auf jenem Felde, auf dem England die Herrschaft beansprucht. Die englische Politik fußt hier auf den Erfahrungen der Geschichte, man könnte fast sagen, auf der Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung der Nationen und Staaten. Noch jedes Volk mit gesundem Instinkt und lebensfähiger Staatsordnung hat an die Meeresküste gedrängt, wenn sie die Natur ihm versagt hatte. Um Küstenstriche und Hafenplätze ist am hartnäckigsten und bittersten gerungen worden, von Kerkyra und Potidäa, um die sich der Peloponnesische Krieg entzündete, bis zu Kavalla, um das in unseren Tagen Griechen und Bulgaren haderten. Völker, die das Meer nicht gewinnen konnten oder von ihm abgedrängt wurden, schieden stillschweigend aus dem großen weltgeschichtlichen Wettbewerb aus. Der Besitz der Meeresküste bedeutet aber nichts anderes als die Möglichkeit zu überseeischer Kraftentfaltung und letzten Endes die Möglichkeit, die kontinentale Politik zur Weltpolitik zu weiten. Die Völker Europas, die ihre Küsten und Häfen in diesem Sinne nicht nutzten, konnten es nicht tun, weil sie ihre gesamte nationale Kraft zur Verteidigung ihrer Grenzen gegen ihre Widersacher auf dem Festlande nötig hatten. So mußten die weitausschauenden kolonialpolitischen Pläne des Großen Kurfürsten von seinen Nachfolgern aufgegeben werden.

Der stärksten Kontinentalmacht standen die weltpolitischen Wege stets am freiesten offen. Auf diesen Wegen aber hielt England die Wacht. Als Ludwig XIV. bei Karl II. ein französisch-englisches Bündnis anregte, erwiderte ihm dieser im übrigen sehr franzosenfreundliche englische König, es stünden einem aufrichtigen Bündnis gewisse Hindernisse im Wege, und von diesen sei das vornehmste die Mühe, die sich Frankreich gebe, eine achtunggebietende Seemacht zu werden. Das sei für England, das nur durch seinen Handel und seine Kriegsmarine Bedeutung haben könne, ein solcher Grund zum Argwohn, daß jeder Schritt, den Frankreich in dieser Richtung tun werde, die Eifersucht [16] zwischen beiden Völkern von neuem aufstacheln müsse. Nach dem Abschluß des Hubertusburger Friedens gab der ältere Pitt im Parlament seinem Bedauern Ausdruck, daß man Frankreich die Möglichkeit gewährt habe, seine Flotte wieder aufzubauen. Vornehmlich als Gegner der französischen Überseepolitik wurde England der Feind Frankreichs im spanischen Erbfolgekriege, der der französischen Vorherrschaft in Europa den ersten empfindlichen Stoß versetzte, England mit Gibraltar den Schlüssel zum Weltmeer und das Kerngebiet des von Frankreich heiß umstrittenen Kanada eintrug. In der Mitte des 18. Jahrhunderts sagte Lord Chatam: „Die einzige Gefahr, die England zu befürchten hat, entsteht an dem Tage, der Frankreich im Range einer großen See-, Handels- und Kolonialmacht sieht.“ Und vor dem Krimkriege schrieb David Urquhart: „Unsere insulare Lage läßt uns nur die Wahl zwischen Allmacht und Ohnmacht. Britannia wird die Königin des Meeres sein oder vom Meer verschlungen werden.“

Die englische Politik ist sich bis in die Gegenwart treu geblieben, weil England heute wie einst die erste Seemacht ist. An die Stelle der robusten Konflikte der älteren Zeit sind die feineren diplomatischen getreten. Der politische Zweck ist unverändert.

Deutschland und England.

Als Deutschland nach Lösung seiner kontinentalpolitischen Aufgaben, nach der Sicherung seiner europäischen Machtstellung, sich weder willens zeigte, noch überhaupt in der Lage war, auf das Beschreiten der weltpolitischen Wege zu verzichten, mußte es für England unbequem werden. Die Konsequenzen dieser Wendung konnten in ihren Wirkungen durch die Diplomatie gemildert werden, zu verhindern waren sie nicht.

Wenn wir aber auch die Traditionen der englischen Politik verstehen können, so liegt in einem solchen Verständnis doch keineswegs das Zugeständnis, daß England Grund hat, der Ausweitung der deutschen Volkswirtschaft zur Weltwirtschaft, der deutschen Kontinentalpolitik zur Weltpolitik und insbesondere dem Bau einer deutschen Kriegsflotte mit dem gleichen Mißtrauen zu begegnen, das in früheren Jahrhunderten anderen Mächten gegenüber vielleicht am Platze war. Der Gang unserer Weltpolitik ist in den Mitteln wie in den Zielen grundverschieden von den Welteroberungsversuchen Spaniens, Frankreichs und zu Zeiten auch Hollands und Rußlands in der Vergangenheit. Die Weltpolitik, gegen die England früher so nachdrücklich auftrat, ging zumeist auf eine mehr oder minder gewaltsame Veränderung der internationalen Verhältnisse aus. Wir tragen lediglich unseren veränderten nationalen Lebensbedingungen Rechnung. Die von England oft bekämpfte Weltpolitik anderer Länder trug einen offensiven, die unsere trägt einen defensiven Charakter. Wir wollten und mußten zur See so stark werden, daß jeder Angriff auf uns für jede Seemacht mit einem sehr erheblichen Risiko verbunden war, und wir so in der Wahrung unserer überseeischen Interessen frei wurden von dem Einfluß und der Willkür anderer seemächtiger Staaten. Unsere kraftvolle nationale Entwicklung vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiet hatte uns über das Weltmeer gedrängt. Um unserer Interessen wie um unserer Würde und Ehre wegen mußten wir dafür Sorge tragen, daß wir für unsere Weltpolitik dieselbe Unabhängigkeit gewannen, die wir uns für unsere europäische Politik gesichert hatten. Die Erfüllung dieser nationalen Pflicht konnte [17] durch den etwaigen englischen Widerstand wohl erschwert werden, aber kein Widerstand der Welt konnte uns ihr entheben.

Mit dem Auge auf die englische Politik mußte unsere Flotte gebaut werden – und so ist sie gebaut worden. Der Erfüllung dieser Aufgabe hatten meine Bemühungen auf dem Felde der großen Politik in erster Linie zu gelten. In doppelter Hinsicht mußte sich Deutschland international unabhängig stellen. Wir durften uns weder von einer grundsätzlich gegen England gerichteten Politik das Gesetz unseres Entschließens und Handelns vorschreiben lassen, noch durften wir uns um der englischen Freundschaft willen in englische Abhängigkeit begeben. Beide Gefahren waren gegeben und rückten mehr als einmal in bedenkliche Nähe. In unserer Entwicklung zur Seemacht konnten wir weder als Englands Trabant, noch als Antagonist Englands zum erwünschten Ziele kommen. Die vorbehaltlose und sichere Freundschaft Englands wäre schließlich nur zu erkaufen gewesen durch Aufopferung eben der weltpolitischen Pläne, um derentwillen wir die britische Freundschaft gesucht hätten. Wären wir diesen Weg gegangen, so würden wir den Fehler begangen haben, den der römische Dichter meint, wenn er sagt, man dürfe nicht propter vitam vivendi perdere causas. Als Englands Feind aber hätten wir schwerlich Aussicht gehabt, in unserer Entwicklung zur See- und Welthandelsmacht so weit zu kommen, wie wir am Ende gelangt sind.

Deutschland und England während des Burenkrieges.

Während des Burenkrieges, der die Kraft des britischen Imperiums auf das äußerste anspannte und England vor große Schwierigkeiten führte, schien sich wohl eine Gelegenheit zu bieten, den stillen Widersacher unserer Weltpolitik empfindlich zu treffen. Wie im übrigen Europa gingen auch in Deutschland die Wogen der Burenbegeisterung hoch. Unternahm es die Regierung, England in den Arm zu fallen, so war sie des Beifalls der öffentlichen Meinung gewiß. Für einen momentanen Erfolg gegen England schien vielen die europäische Konstellation günstig und namentlich die französische Hilfe sicher. Aber die europäische Interessengemeinschaft gegen England war nur scheinbar, und scheinbarer noch wäre für uns der Wert eines etwaigen politischen Erfolges gegen England in der Burenfrage gewesen. Der Versuch, unter dem Eindruck der damaligen burenfreundlichen Stimmung zu Taten zu schreiten, hätte bald eine Ernüchterung zur Folge gehabt. In der französischen Nation hätte der tiefsitzende nationale Groll gegen das Deutsche Reich die momentane Verstimmung gegen England rasch und elementar verdrängt, sobald wir uns gegen England festgelegt hätten, und ein grundsätzlicher Frontwechsel der französischen Politik in greifbare Nähe gerückt worden wäre. Mochte die frische Erinnerung an Faschoda für den französischen Stolz auch noch so ärgerlich sein, gegen die Erinnerung an Sedan wog sie federleicht. Der ägyptische Sudan und der weiße Nil hatten den Gedanken an Metz und Straßburg nicht aus den französischen Herzen verdrängt. Die Gefahr lag nahe, daß wir von Frankreich gegen England vorgeschoben wurden, während Frankreich selbst sich im psychologischen Moment der Mitwirkung versagte. Wie in Schillers schönem Gedicht „Die Ideale“ hätten die Begleiter sich auf des Weges Mitten verloren. [18] Aber selbst, wenn es gelang, Englands südafrikanische Politik durch eine europäische Aktion zu durchkreuzen, so war für unsere nächsten nationalen Interessen damit nichts gewonnen. Unsere Beziehungen zu England wären selbstredend von Stund an und für lange Zeit gründlich vergiftet worden. Der passive Widerstand Englands gegen die Weltpolitik des neuen Deutschland hätte sich in eine sehr aktive Gegnerschaft verwandelt. Wir gingen gerade in jenen Jahren an die Begründung der deutschen Seemacht durch den Bau unserer Kriegsflotte, England aber hatte, auch unbeschadet eines etwaigen Mißerfolges im südafrikanischen Kriege, damals die Macht, unsere Entwicklung zur Seemacht im Keim zu ersticken. Unsere neutrale Haltung während des Burenkrieges entsprang gewichtigen nationalen Interessen des Deutschen Reiches.

Uns den Weg zur Erringung zureichender Seemacht über die Interessen Englands hinweg gewaltsam zu bahnen, waren wir zur See nicht stark genug. Im Schlepptau englischer Politik war das den Engländern unerwünschte Ziel deutscher Machtentfaltung zur See ebensowenig zu erreichen.

Preßerörterungen über die Möglichkeit eines deutsch-englischen Bündnisses.

Der Gedanke lag nahe, es könne der englische Widerstand gegen die deutsche Weltpolitik und vor allem gegen den deutschen Flottenbau am leichtesten überwunden werden durch ein Bündnis zwischen Deutschland und England. Die Idee einer deutsch-englischen Allianz ist in der Tat in der Presse beider Länder bisweilen erörtert worden. Dieser Gedanke hat schon Bismarck beschäftigt, freilich, um ihm schließlich die resignierte Bemerkung zu entlocken: „Wir wären ja gern bereit, die Engländer zu lieben, aber sie wollen sich nicht von uns lieben lassen.“ Auch später wäre Deutschland vielleicht nicht abgeneigt gewesen, auf der Basis voller Parität und gleichmäßiger Bindung in ein vertragsmäßiges Verhältnis zu England zu treten. Mit Stipulationen, die England im Falle eines Regierungswechsels oder bei Eintritt anderer, von unserem Willen unabhängiger Ereignisse hätte abstreifen können, während wir an sie gebunden geblieben wären, würde den deutschen Interessen nicht gedient gewesen sein. Es hätte uns auch nicht genügen können, daß nur dieser oder jener Minister einem deutsch-englischen Abkommen geneigt schien. Um ein Abkommen haltbar zu machen, mußte sich die gesamte Regierung und vor allem der Premierminister dafür einsetzen. Bismarck hat darauf hingewiesen, wie schwierig es sei, in ein festes Verhältnis zu England zu treten, weil Bündnisse von längerer Dauer nicht den englischen Traditionen entsprächen und die Meinungsäußerungen englischer Politiker selbst in leitender Stellung oder momentane Stimmungen der englischen Presse nicht den Wert unwandelbarer Zusagen hätten. Frankreich, dem aus vielen Gründen die englische öffentliche Meinung geneigter ist als uns, in dem England heute nicht mehr einen Rivalen und namentlich keinen ernstlichen Konkurrenten zur See und im Welthandel sieht, befindet sich England gegenüber in einer anderen Lage als wir. Nur bei absolut und dauernd bindenden englischen Verpflichtungen hätten wir angesichts der Eifersucht weiter englischer Kreise gegen die wirtschaftlichen Fortschritte Deutschlands und vor allem gegen das Anwachsen der deutschen Kriegsflotte die Brücke einer englisch-deutschen [19] Allianz betreten dürfen. Wir konnten uns an England nur unter der Voraussetzung binden, daß die Brücke, die über die wirklichen und vermeintlichen Gegensätze zwischen uns und England führen sollte, auch wirklich tragfähig war.

Die Weltlage war damals, als die Allianzfrage ventiliert wurde, in vieler Hinsicht eine andere als heute. Rußland war noch nicht durch den japanischen Krieg geschwächt, sondern gewillt, seine eben gewonnene Stellung an der asiatischen Ostküste und speziell im Golf von Petschili zu befestigen und auszubauen. Die Beziehungen zwischen England und Rußland waren gerade wegen der zwischen beiden Reichen schwebenden asiatischen Fragen damals recht gespannte. Die Gefahr lag nahe, daß einem mit England verbündeten Deutschland die Rolle gegen Rußland zufallen würde, die später Japan allein übernahm. Nur hätten wir diese Rolle unter Bedingungen durchführen müssen, die nicht zu vergleichen sind mit den günstigen Voraussetzungen, die Japan für seinen Zusammenstoß mit Rußland vorfand. Der japanische Krieg war in Rußland unpopulär, und Rußland mußte ihn auf ungeheure Entfernungen gleichsam als Kolonialkrieg führen. Ließen wir uns gegen Rußland vorschieben, so kamen wir in eine viel schwierigere Lage. Der Krieg gegen Deutschland wäre unter solchen Umständen in Rußland nicht unpopulär gewesen, er wäre von russischer Seite mit dem nationalen Elan geführt worden, wie er dem Russen eigen ist in der Verteidigung seines heimatlichen Bodens. Für Frankreich hätte der Casus foederis vorgelegen. Frankreich hätte seinen Revanchekrieg unter nicht ungünstigen Bedingungen führen können. England stand damals vor dem Burenkrieg. Seine Lage würde erleichtert worden sein, wenn seine große kolonialpolitische Unternehmung unterstützt und begleitet worden wäre von einer europäischen Verwicklung, wie sie England in der Mitte des 18. und im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gute Dienste geleistet hatten. Wir Deutschen hätten bei einem allgemeinen Konflikt einen schweren Landkrieg nach zwei Fronten zu tragen gehabt, während England die leichtere Aufgabe zugefallen wäre, sein Kolonialreich ohne große Mühe weiter zu vergrößern und von der gegenseitigen Schwächung der Festlandmächte zu profitieren. Endlich und nicht zuletzt hätten wir während eines kriegerischen Engagements auf dem Festlande und geraume Zeit nachher keinesfalls Kraft, Mittel und Muße gefunden, den Aufbau unserer Kriegsflotte so zu fördern, wie wir es haben tun können. So blieb uns nur die Möglichkeit, an den englischen Interessen gleichsam vorüberzugehen, den feindlichen Zusammenstoß und die gefügige Abhängigkeit in gleicher Weise zu meiden.

England und die deutsche Flotte.

So ist es denn auch in der Tat gelungen, uns unbehelligt und unbeeinflußt von England diejenige Macht zur See zu schaffen, die unseren wirtschaftlichen Interessen und unserem weltpolitischen Willen die reale Grundlage gibt, und die anzugreifen auch dem stärksten Gegner als ein ernstes Wagnis erscheinen muß. Während der ersten zehn Jahre nach der Einbringung der Marinevorlage von 1897 und dem Beginn unserer Schiffsbauten wäre eine zum äußersten entschlossene englische Politik wohl in der Lage gewesen, die Entwicklung Deutschlands zur Seemacht kurzer Hand gewaltsam zu unterbinden, uns unschädlich zu machen, bevor uns die Krallen zur See gewachsen waren. In England [20] wurde ein solches Vorgehen gegen Deutschland wiederholt gefordert. Der Civillord der Admiralität Mr. Arthur Lee erklärte am 3. Februar 1905 in öffentlicher Rede, man müsse die Augen auf die Nordsee richten, die britische Flotte in der Nordsee sammeln und im Kriegsfalle „den ersten Schlag führen, bevor die andere Partei Zeit finden würde, in den Zeitungen zu lesen, daß der Krieg erklärt ist“. Diese Auslassung unterstrich der „Daily Chronicle“ mit den Worten: „Wenn die deutsche Flotte 1904 im Oktober zerstört worden wäre, würden wir in Europa für sechzig Jahre Frieden gehabt haben. Aus diesen Gründen halten wir die Äußerungen von Mr. Arthur Lee, angenommen, daß sie im Auftrage des Kabinetts erfolgten, für eine weise und friedfertige Erklärung der unwandelbaren Absicht der Herrin der Meere.“ Im Herbst 1904 hatte die Army and Navy Gazette ausgeführt, wie unerträglich es sei, daß England allein durch das Vorhandensein der deutschen Flotte dazu gezwungen werde, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, deren es sonst nicht bedürfen würde. „Wir haben“, hieß es in diesem Artikel, „schon einmal einer Flotte das Lebenslicht ausblasen müssen, von der wir Grund hatten zu glauben, daß sie zu unserem Schaden verwendet werden könnte. Es fehlt in England wie auf dem Festlande nicht an Leuten, die die deutsche Flotte für die einzige und wirkliche Bedrohung der Erhaltung des Friedens in Europa halten. Sei dem, wie es wolle, wir begnügen uns damit, darauf hinzuweisen, daß der gegenwärtige Augenblick besonders günstig ist für unsere Forderung, daß diese Flotte nicht weiter vergrößert werde.“ Um dieselbe Zeit schrieb eine angesehene englische Revue: „Wenn die deutsche Flotte vernichtet würde, wäre der Friede Europas auf zwei Generationen gesichert; England und Frankreich oder England und die Vereinigten Staaten oder alle drei würden die Freiheit der Meere verbürgen und den Bau neuer Schiffe verhindern, die in den Händen ehrgeiziger Mächte mit wachsender Bevölkerung und ohne Kolonien gefährliche Waffen sind.“ Gerade um diese Zeit, im Herbst 1904 schickte Frankreich sich an, uns in Marokko zu brüskieren. Einige Monate vorher, im Juni 1904, hatte ein französischer Publizist mir erzählt, der Bau unserer Flotte rufe in weiten englischen Kreisen große und wachsende Unruhe hervor. Man sei sich dort noch nicht im klaren darüber, wie die Fortführung unserer Schiffsbauten zu verhindern sei, ob durch direkte Vorstellungen oder durch Begünstigung der chauvinistischen Elemente in Frankreich. Heute läßt uns England als Seemacht gelten, als die stärkste Seemacht nach sich selbst. Als im Winter 1909 ein englischer Parlamentsredner die Tatsache feststellte, daß England nicht nötig haben würde, so fieberhaft zur See zu rüsten, wenn es zehn Jahre zuvor das Aufkommen der deutschen Seemacht verhindert hätte, sprach er einen Gedanken aus, der vom Standpunkt reiner Machtpolitik begreiflich und vielleicht zutreffend ist. Die Gelegenheit, eine werdende Flotte im Keime zu ersticken, die England in früheren Zeiten und gegen andere Länder wiederholt wahrnahm, hätte es aber Deutschland gegenüber nicht finden können, da wir nicht die Flanke boten.

Die Friedlichkeit deutscher Weltpolitik.

Die Flotte, die wir uns seit 1897 geschaffen haben und die uns, freilich in weitem Abstande von England, zur zweiten Seemacht der Erde macht, sichert uns die Möglichkeit, [21] der Vertretung unserer deutschen Interessen in der Welt machtpolitischen Nachdruck zu leihen. Ihr ist in erster Linie die Aufgabe zugedacht, unseren Welthandel, Leben und Ehre unserer deutschen Mitbürger im Auslande zu schützen. Diese Aufgabe haben deutsche Kriegsschiffe in Westindien und Ostasien erfüllt. Gewiß ist es eine vorwiegend defensive Rolle, die wir unserer Flotte zuweisen. Daß diese defensive Rolle sich in ernsten internationalen Konflikten erweitern könnte, ist selbstverständlich. Wenn das Reich mutwillig angegriffen werden sollte, gleichviel von welcher Seite, wird in unseren Zeiten die See als Kriegsschauplatz eine ganz andere und vermehrte Bedeutung gewinnen als 1870. Daß in einem solchen Fall die Flotte wie die Armee getreu der preußisch-deutschen Tradition im Hieb die beste Parade sehen würde, darüber braucht kein Wort gesagt zu werden. Völlig gegenstandslos aber ist die Sorge, die den Bau unserer Flotte begleitet hat, es möchte mit dem Erstarken Deutschlands zur See die deutsche Angriffslust erwachen.

Von allen Völkern der Erde ist das deutsche dasjenige, das am seltensten angreifend und erobernd vorgegangen ist. Wenn wir von den Römerfahrten der deutschen Kaiser des Mittelalters absehen, deren treibende Kraft mehr ein großartiger traumhafter politischer Irrtum gewesen ist als ungebändigte Eroberungs- und Kriegslust, so werden wir vergeblich in unserer Vergangenheit nach Eroberungskriegen suchen, die denen Frankreichs im 17., 18. und 19. Jahrhundert, denen des Habsburgischen Spaniens, Schwedens in seiner Glanzzeit, denen des russischen und englischen Reichs im Zuge ihrer grundsätzlich expansiven nationalen Politik an die Seite zu setzen sind. Mehr als die Verteidigung und Sicherung unseres Vaterlandes haben wir Deutschen in Jahrhunderten nie erstrebt. So wenig wie der große König seine unbesiegten Bataillone nach der Eroberung Schlesiens und der Sicherung der Selbständigkeit der preußischen Monarchie zu Abenteuern führte, so wenig dachten Kaiser Wilhelm I. und Bismarck daran, nach den beispiellosen Erfolgen zweier großer Kriege zu neuen Taten auszuholen. Wenn ein Volk sich der politischen Selbstbeschränkung rühmen darf, so ist es das deutsche. Wir haben uns unsere Erfolge immer selbst begrenzt und nicht abgewartet, daß uns durch die Erschöpfung unserer nationalen Mittel eine Grenze gesetzt wurde. Unsere Entwicklung entbehrt deshalb der Epochen blendenden plötzlichen Aufstiegs und ist mehr ein langsames unverdrossenes Vorwärtsarbeiten und Fortschreiten gewesen. Die rastlose Art anderer Völker, aus den erreichten Erfolgen den Ansporn zu neuen größeren Wagnissen zu schöpfen, fehlt dem Deutschen fast gänzlich. Unsere politische Art ist nicht die des wagehalsig spekulierenden Kaufmannes, sondern mehr die des bedächtigen Bauern, der nach sorgsamer Aussaat geduldig die Ernte erwartet.

Nach dem deutsch-französischen Kriege war die Welt voll Furcht vor neuen kriegerischen Unternehmungen Deutschlands. Kein irgendmöglicher Eroberungsplan, der uns damals nicht angedichtet wurde. Seitdem sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen. Wir sind an Volkskraft und materiellen Gütern reicher, unsere Armee ist stärker und stärker geworden. Die deutsche Flotte entstand und entwickelte sich. Die Zahl der großen Kriege, die seit 1870 ausgefochten wurden, war eher größer denn geringer als früher in dem gleichen Zeitraum. Deutschland hat die Teilnahme an keinem gesucht und allen Versuchen, in kriegerische Verwicklungen hineingezogen zu werden, kühl widerstanden.

[22] Ohne Ruhmredigkeit noch Übertreibung kann gesagt werden, daß noch nie in der Geschichte eine Waffenmacht von so überlegener Stärke wie die deutsche in gleichem Maße der Erhaltung und Sicherung des Friedens gedient hat. Mit unserer über jeden Zweifel erhabenen Friedensliebe ist diese Tatsache nicht erklärt. Friedliebend ist der Deutsche stets gewesen und hat doch wieder und wieder zum Schwerte greifen müssen, weil er sich gegen fremden Angriff zur Wehr setzen mußte. Tatsächlich ist der Friede in erster Linie erhalten geblieben, nicht weil ein deutscher Angriff auf andere Nationen unterblieb, sondern weil andere Nationen die deutsche Abwehr des etwaigen eigenen Angriffs fürchteten. Die Stärke unserer Rüstung hat sich als ein Schutz des Friedens erwiesen, wie ihn die letzten bewegten Jahrhunderte nicht gekannt haben. Ein weltgeschichtliches Urteil liegt in dieser Tatsache.

Die Ergänzung unserer Wehrmacht durch die Flotte bedeutet bei richtig geleiteter deutscher auswärtiger Politik eine vermehrte und verstärkte Friedensgarantie. Wie die Armee die mutwillige Störung der kontinental-politischen Wege Deutschlands verhindert, so die Flotte die Störung unserer weltpolitischen Entwicklung. Solange wir die Flotte nicht hatten, waren unsere gewaltig anwachsenden weltwirtschaftlichen Interessen, die zugleich unveräußerliche nationalwirtschaftliche Interessen sind, die freie Angriffsfläche, die das Deutsche Reich seinen Widersachern bot. Als wir diese Blöße deckten, den Angriff auf das Reich auch zur See zu einem Wagnis für jeden Gegner machten, schützten wir nicht nur den eigenen, sondern mit ihm den europäischen Frieden. Um die Gewinnung von Schutzmitteln, nicht von Angriffsmitteln war es uns zu tun. Wir sind, nachdem wir in die Reihe der Seemächte eingetreten sind, auf den zuvor beschrittenen Bahnen ruhig weiter gegangen. Die neue Ära uferloser deutscher Weltpolitik, die im Auslande vielfach prophezeit wurde, ist ausgeblieben. Wohl aber haben wir jetzt die Möglichkeit, unsere Interessen wirksam wahrzunehmen, Übergriffen entgegenzutreten und überall, vornehmlich in Kleinasien und Afrika unsere Stellung zu behaupten und auszubauen.

Das Netz unserer internationalen Beziehungen mußte sich in dem Maße ausdehnen, in dem wir in unsere weltpolitischen Aufgaben hineinwuchsen. Fern gelegene überseeische Reiche, die uns in der Zeit reiner Kontinentalpolitik wenig zu kümmern brauchten, wurden von größerer und größerer Bedeutung für uns. Die Pflege guter, wenn möglich freundschaftlicher Beziehungen zu ihnen wurde eine bedeutsame Pflicht unserer auswärtigen Politik. In erster Linie handelte es sich hierbei um die beiden neuen Großmächte des Westens und des Ostens, um die Vereinigten Staaten von Nordamerika und um Japan. Hier wie dort galt es, gewisse zeitweilige Trübungen zu überwinden, ehe an die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen gedacht werden konnte.

Deutschland und die Vereinigten Staaten.

Während des spanisch-amerikanischen Krieges waren in einem Teil der deutschen öffentlichen Meinung starke Sympathien für Spanien hervorgetreten, die in Nordamerika nicht angenehm empfunden wurden. Auch hatte die Art und Weise, in der ein Teil der englischen und amerikanischen Presse Zwischenfälle [23] ausgebeutet hatte, die sich vor Manila zwischen unserem Geschwader und der amerikanischen Flotte abgespielt hatten, die deutsch-amerikanischen Beziehungen getrübt. Ihren Höhepunkt erreichte diese Verstimmung im Februar 1899, so daß es angezeigt erschien, der Anbahnung günstigerer Beziehungen zwischen den beiden bluts- und stammverwandten Völkern mit Nachdruck das Wort zu reden. Was ich in dieser Richtung im Reichstag damals ausführte, hat sich seitdem als wahr erwiesen: „Vom Standpunkte einer verständigen Politik ist gar kein Grund vorhanden, warum nicht Deutschland und Amerika in den besten Beziehungen zueinander stehen sollten. Ich sehe keinen Punkt, wo sich die deutschen und amerikanischen Interessen feindlich begegneten, und auch in der Zukunft sehe ich keinen Punkt, wo die Linien ihrer Entwicklung sich feindlich zu durchkreuzen brauchten. Wir können es ruhig aussprechen, in keinem anderen Lande hat Amerika während des letzten Jahrhunderts besseres Verständnis und gerechtere Anerkennung gefunden als in Deutschland.“ Dieses Verständnis und diese Anerkennung brachte mehr als irgendein anderer Kaiser Wilhelm II. Amerika entgegen. Die Anbahnung eines guten und sicheren Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten ist ihm in erster Linie zu danken. Er gewann die Amerikaner allmählich durch eine ebenso konsequente wie verständnisvolle freundliche Behandlung. Mit dem Präsidenten Roosevelt verbanden ihn persönliche gute Beziehungen. Die Entsendung des Prinzen Heinrich nach Amerika hatte den vollen erhofften Erfolg. Sie trug wesentlich dazu bei, beide Völker daran zu erinnern, wie viele gemeinsame Interessen sie verbinden und wie wenig wirkliche Gegensätze sie trennen. Ein glücklicher Gedanke unseres Kaisers war es auch, durch den Austausch namhafter Universitätslehrer deutscher und amerikanischer Hochschulen den geistigen Konnex der beiden germanischen Völker noch fester und inniger zu gestalten. Deutsches Geistesleben, deutsche Dichtkunst, Philosophie und Wissenschaft haben vielleicht nirgends in der Welt so aufrichtige Bewunderung gefunden wie in den Vereinigten Staaten. Andererseits sind die Wunder amerikanischer Technik wohl in keinem anderen Lande so eifrig studiert und so freudig anerkannt worden wie in Deutschland. Dieser intime Austausch geistiger, wissenschaftlicher Errungenschaften gewann durch die Einrichtung der Austauschprofessoren seinen äußeren Ausdruck. Die intimer werdenden Beziehungen zwischen den Völkern und Staatsoberhäuptern förderten auch unsere politischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Wir haben uns nicht nur über Samoa mit den Amerikanern freundschaftlich auseinandergesetzt, Amerika ist uns auch während der kritischen Periode, die unsere Politik am Anfang des neuen Jahrhunderts zu durchlaufen hatte, nie störend in den Weg getreten. Es gibt außer Österreich wohl kaum ein Reich, wo so natürliche Voraussetzungen für fortdauernde freundschaftliche Beziehungen mit uns bestehen als Nordamerika. In den Vereinigten Staaten leben etwa 12 Millionen Deutsche. In ihnen ist seit der Gründung des „deutsch-amerikanischen Nationalbundes“ im Jahre 1901 das Bestreben im Wachsen, bei voller Treue gegen ihr neues Vaterland doch die Verbindung mit der alten deutschen Heimat festzuhalten und zu beleben. Solange die Politik hüben und drüben von ruhigen Händen geleitet wird, übertriebene Freundschaftsbeteuerungen ebenso vermieden werden wie nervöse Stimmungen gegenüber den gelegentlichen Reibungen, die auf wirtschaftlichem Gebiet sich immer einmal einstellen können, brauchen wir für [24] unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nichts zu besorgen. Achtung vor dem anderen auf der Grundlage und in den Grenzen der Selbstachtung wird auch der Freundschaft zwischen uns und den Vereinigten Staaten am zuträglichsten sein.

Deutschland und Japan.

Ähnlich wie unsere Beziehungen zu Amerika hatte auch unser Verhältnis zu Japan gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Periode der Verstimmung zu durchlaufen. Bis zum Beginn der neunziger Jahre hatten wir den Japanern als Vorbild gedient und als Freund gegolten. Unsere militärischen Einrichtungen, unsere kriegerische Vergangenheit fanden in dem ostasiatischen Kriegervolk glühende Bewunderer, und nach der Besiegung Chinas nannten sich die Japaner gern und mit Stolz die Preußen des Ostens. Unsere Beziehungen zu Japan bekamen einen starken Stoß, als wir 1895 mit Frankreich und Rußland das siegreiche Japan nötigten, seine Forderungen gegenüber dem besiegten China zurückzuschrauben. Als wir damals Japan in den Arm fielen, verloren wir viele seit Jahrzehnten dort aufgespeicherte Sympathien, ohne dafür bei Frankreich und Rußland sonderlichen Dank zu ernten. Ein vom Deutschen Kaiser um diese Zeit entworfenes Bild, das nur idealen Friedensbestrebungen dienen sollte, war von unseren Gegnern und Konkurrenten mit Eifer und Erfolg dazu benutzt worden, uns in Japan Abbruch zu tun. Durch jahrelange Sorgfalt gelang es allmählich, in Japan wieder einer besseren Stimmung gegen Deutschland Raum zu schaffen. Wir haben kein Interesse daran, das hervorragend tüchtige und tapfere Volk zum Gegner zu haben. Natürlich sind wir ebensowenig dazu da, den Japanern die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Es wäre nicht nur für Japan, sondern auch für England eine erhebliche Entlastung gewesen, wenn wir uns um ihrer ostasiatischen Interessen willen gegen Rußland hätten vorschieben lassen. Uns selbst wäre damit schlecht gedient worden. So wenig glücklich der Gedanke war, für die schönen Augen Frankreichs und Rußlands Japan zu verstimmen und uns zu entfremden, so wenig konnte uns daran liegen, uns wegen der ostasiatischen Interessen anderer Mächte mit Rußland zu entzweien. Gegen Ende der 80er Jahre sagte mir Fürst Bismarck einmal mit Bezug auf Rußland und Asien: „In dem russischen Faß gärt und rumort es ja ganz bedenklich, das könnte einmal zu einer Explosion führen. Am besten für den Weltfrieden wäre es wohl, wenn die Explosion nicht in Europa, sondern in Asien erfolgte. Wir müssen uns dann nur nicht gerade vor das Spundloch stellen, damit der Zapfen nicht uns in den Bauch fährt.“ Hätten wir uns vor dem russisch-japanischen Kriege gegen Rußland vorschieben lassen, so wären wir bei der Explosion vor das Spundloch zu stehen gekommen. Ich habe den Fürsten Bismarck auch gelegentlich sagen hören: „Wenn Ihnen Herr N. etwas vorschlägt, das für ihn nützlich, für Sie aber schädlich ist, so ist das nicht dumm von N. Es ist aber dumm von Ihnen, wenn Sie darauf eingehen.“

Kontinental- und Weltpolitik.

Wenn Deutschland nach der Erreichung des großen Zieles seiner europäischen Politik mit den vermehrten und ständig sich vermehrenden Kräften in die weitere Welt hineinlangen kann, so ist damit nicht gesagt, daß nun die ganze Summe unserer nationalen Kraft für [25] Unternehmungen außerhalb des europäischen Festlandes frei geworden ist. Der Übergang zur Weltpolitik bedeutet uns die Eröffnung neuer politischer Wege, die Erschließung neuer nationaler Aufgaben, aber kein Verlassen aller alten Wege, keinen grundstürzenden Wechsel unserer Aufgaben. Die neue Weltpolitik ist eine Erweiterung, nicht eine Verlegung unseres politischen Betätigungsfeldes.

Wir dürfen nie vergessen, daß die Konsolidierung unserer europäischen Großmachtstellung es uns ermöglicht hat, die nationale Wirtschaft zur Weltwirtschaft, die kontinentale Politik zur Weltpolitik zu weiten. Die deutsche Weltpolitik ist auf die Erfolge unserer europäischen Politik gegründet. In dem Augenblick, in dem das feste Fundament der europäischen Machtstellung Deutschlands ins Wanken geriete, wäre auch der weltpolitische Aufbau nicht mehr haltbar. Es ist der Fall denkbar, daß ein weltpolitischer Mißerfolg unsere Stellung in Europa unberührt ließe, es ist aber der Fall undenkbar, daß eine empfindliche Einbuße an Macht und Geltung in Europa nicht eine entsprechende Erschütterung unserer weltpolitischen Stellung zur Folge hätte. Nur auf der Basis europäischer Politik können wir Weltpolitik treiben. Die Erhaltung unserer starken Position auf dem Festlande ist heute noch wie in der bismarckischen Zeit Anfang und Ende unserer nationalen Politik. Sind wir auch weltpolitisch unseren nationalen Bedürfnissen folgend über Bismarck hinausgegangen, so werden wir doch stets die Grundsätze seiner europäischen Politik als den festen Boden unter unseren Füßen behaupten müssen. Die neue Zeit muß mit ihren Wurzeln in den Überlieferungen der alten ruhen. Die Garantie für eine gesunde Entwicklung liegt auch hier in einem verständigen Ausgleich zwischen Altem und Neuem, zwischen Erhaltung und Fortschritt. Der Verzicht auf Weltpolitik wäre gleichbedeutend gewesen mit einem langsamen sicheren Verkümmern unserer nationalen Lebenskräfte. Eine Politik weltpolitischer Abenteuer ohne Rücksicht auf unsere alten europäischen Interessen würde vielleicht zunächst reizvoll und imponierend wirken, bald aber zu einer Krisis, wenn nicht zur Katastrophe in unserer Entwicklung führen. Die gesunden politischen Erfolge werden nicht viel anders wie die kaufmännischen gewonnen: in ruhiger Fahrt zwischen der Skylla ängstlicher Vorsicht und der Charybdis wagehalsigen Spekulierens. Ich bin seit dem Tage, wo ich die Geschäfte des Auswärtigen Amts übernahm, fest davon überzeugt gewesen, daß es zu einem Zusammenstoß zwischen Deutschland und England, der für beide Länder, für Europa und für die Menschheit ein großes Unglück wäre, nicht kommen werde, wenn wir 1. uns eine Flotte bauten, die anzugreifen für jeden Gegner mit einem übermäßigen Risiko verbunden wäre, 2. darüber hinaus uns auf kein ziel- und maßloses Bauen und Rüsten einließen, auf kein Überheizen unseres Marinekessels, 3. keiner Macht erlaubten, unserem Ansehen und unserer Würde zu nahe zu treten, 4. aber auch nichts zwischen uns und England setzten, was nicht wieder gutzumachen gewesen wäre. Darum habe ich ungehörige und unser nationales Empfinden verletzende Angriffe immer zurückgewiesen, von welcher Seite sie auch kommen mochten, aber jeder Versuchung zu einer Einmischung in den Burenkrieg widerstanden, denn eine solche würde dem englischen Selbstgefühl eine Wunde geschlagen haben, die sich nicht wieder geschlossen hätte. 5. Wenn wir ruhige Nerven und kaltes Blut behielten, England weder brüskierten noch ihm nachliefen.

[26] „Die Basis einer gesunden und vernünftigen Weltpolitik ist eine kräftige nationale Heimatpolitik.“ Das sagte ich im Dezember 1901, als der Abgeordnete Eugen Richter einen Gegensatz hatte konstruieren wollen zwischen der Politik, die dem neuen Zolltarif zugrunde lag, die den Schutz der heimischen Arbeit, insbesondere der landwirtschaftlichen, bezweckte, und der neuen Weltpolitik, die den Interessen des Handels folgte. Der scheinbare Gegensatz war tatsächlich ein Ausgleich, denn die deutsche Weltwirtschaft war hervorgegangen aus einem zu höchster Blüte entwickelten nationalen Wirtschaftsleben. Die Verbindung zwischen Politik und Volkswirtschaft ist in unserer modernen Zeit eine innigere als in der Vergangenheit. Die modernen Staaten reagieren mit ihrer inneren wie mit ihrer auswärtigen Politik unmittelbar auf die Schwankungen und Veränderungen des hochentwickelten wirtschaftlichen Lebens, und jedes bedeutsame wirtschaftliche Interesse drängt alsbald in irgendeiner Weise zum politischen Ausdruck. Der Welthandel mit allen Lebensinteressen, die von ihm abhängen, hat unsere Weltpolitik notwendig gemacht. Das heimische Wirtschaftsleben fordert eine entsprechende Heimatpolitik. Hinüber und herüber muß ein Ausgleich gesucht und gefunden werden.

Sieben Jahre nach den Zolltarifverhandlungen kam der damals wirtschaftspolitisch umstrittene Ausgleich zwischen deutscher Welt- und Heimatspolitik in der großen Politik zur Geltung bei Gelegenheit der bosnischen Krise im Jahre 1908. Dies Ereignis ist vielleicht besser als jede akademische Erörterung geeignet, das rechte wirkliche Verhältnis zwischen unserer überseeischen und unserer europäischen Politik klarzulegen. Die deutsche Politik bis zur Aufrollung der bosnischen Frage war vorwiegend beherrscht von den Rücksichten auf unsere Weltpolitik. Nicht als ob Deutschland seine auswärtigen Beziehungen nach seinen überseeischen Interessen orientiert hätte, aber weil das Mißfallen Englands an der Entfaltung des deutschen Überseehandels und insbesondere an der Erstarkung der deutschen Seemacht auf die Gruppierung der Mächte und ihre Stellung zum Deutschen Reich einwirkte. Die öffentliche Meinung des sonst so besonnenen und unerschrockenen englischen Volkes überließ sich zeitweise einer gänzlich unbegründeten, ja sinnlosen und deshalb fast panikartigen Besorgnis vor einer deutschen Landung in England. Von einem nicht kleinen Teil der weitverzweigten und mächtigen englischen Presse wurde diese Besorgnis systematisch genährt.

Die englische Einkreisungspolitik.

In der englischen Politik machte sich seit dem Anfang des neuen Jahrhunderts der Einfluß König Eduards VII. geltend, eines Monarchen von ungewöhnlicher Menschenkenntnis und Kunst der Menschenbehandlung, von reicher und vielseitiger Erfahrung. Die englische Politik richtete sich nicht so sehr direkt gegen die deutschen Interessen als daß sie versuchte, durch eine Verschiebung der europäischen Machtverhältnisse Deutschland allmählich mattzusetzen. Sie suchte durch eine Reihe von Ententen, denen zuliebe vielfach nicht unwichtige britische Interessen geopfert wurden, die anderen Staaten Europas an sich zu ziehen und so Deutschland zu isolieren. Es war die Ära der sogenannten englischen Einkreisungspolitik. Mit Spanien war ein Mittelmeervertrag geschlossen worden. Frankreich kam dem Widersacher des Deutschen Reichs selbstverständlich entgegen, [27] und der britisch-französische Vertrag über Ägypten und Marokko im Jahre 1904 ließ die Erinnerung an Faschoda völlig in den Hintergrund treten. Rußland hatte sich unter der Nachwirkung der schweren Niederlagen, die es im Krieg mit Japan zu Lande und zu Wasser erlitten hatte, und schwerer innerer Unruhen zu einer Abmachung mit England über die Interessensphären in Asien entschlossen und damit England genähert. Italien wurde mit Eifer umworben. Ähnliche Bemühungen gegenüber Österreich-Ungarn scheiterten gelegentlich der Monarchenzusammenkunft in Ischl an der unerschütterlichen Bündnistreue des greisen Kaisers Franz Joseph. In Algesiras hatten wir einen schwierigen Stand, obwohl Deutschlands Politik das eigene nationale Interesse als Glied der allgemeinen internationalen Interessen gegen die von England gestützten französischen Ansprüche vertrat. Die Einkreisungspolitik schien damals in der Konstellation der Mächte äußerlich standzuhalten, wiewohl durch das Zustandekommen der Konferenz überhaupt und ihre wichtigsten Beschlüsse die Absichten der deutschen Politik mit Bezug auf Marokko im wesentlichen erreicht worden waren. Es war nun die Frage, wie das Ententensystem auf dem Gebiete der eigentlichen europäischen Politik bestehen würde.

Die bosnische Krise.

Die endgültige Einverleibung der Provinzen Bosnien und Herzegowina, die Österreich gemäß den Bestimmungen des Berliner Kongresses seit 1878 besetzt hielt, in das österreichisch-ungarische Staatsgebiet führte eine große europäische Krise herauf. Rußland widersetzte sich dem österreichischen Vorgehen. Im Vertrauen auf den scheinbar unmittelbar bevorstehenden bewaffneten Austrag der alten österreichisch-russischen Balkanrivalität glaubte Serbien, das seine großserbischen Pläne durchkreuzt sah, gegen die Donaumonarchie zum Kriege rüsten zu dürfen. England stellte sich auf die russische Seite und die von der englischen Presse geführte Sprache klang fast leidenschaftlicher als die Stimmen, die uns aus Rußland entgegenschallten. Die Spitze der englischen Politik schien sich weniger gegen Österreich als gegen das mit Österreich verbundene Deutschland zu richten. Es war das erstemal, daß das deutsch-österreichische Bündnis vor einem schweren Konflikt seine Haltbarkeit und Stärke erweisen sollte. Ich ließ in meinen Reichstagsreden keinen Zweifel, daß Deutschland entschlossen sei, unter allen Umständen am Bündnis mit Österreich-Ungarn festzuhalten. Das deutsche Schwert war in die Wagschale der europäischen Entscheidung geworfen, unmittelbar für unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen, mittelbar für die Erhaltung des europäischen Friedens und vor allem und in erster Linie für das deutsche Ansehen und die deutsche Weltstellung. Die Stunde war da, die zeigen mußte, ob Deutschland durch die Einkreisungspolitik wirklich mattgesetzt war, ob die in den Kreis der antideutschen Politik gezogenen Mächte es mit ihrem europäischen Lebensinteresse vereinbar finden würden, feindlich gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten aufzutreten oder nicht. Der Verlauf der bosnischen Krise wurde tatsächlich das Ende der Einkreisungspolitik. Keine Macht zeigte Lust, die eigenen europäischen Interessen fremden weltpolitischen Interessen unterzuordnen und die eigenen Knochen für andere zu Markt zu tragen. Die sehr überschätzte Konstellation von Algesiras zerbarst an den handfesten Fragen der Kontinentalpolitik. Italien blieb an der Seite seiner Verbündeten, Frankreich verhielt sich abwartend [28] und nicht unfreundlich für Deutschland, und Kaiser Nikolaus gab der Welt einen neuen Beweis seiner Weisheit und Friedensliebe, indem er sich für einen gütlichen Ausgleich der bestehenden Schwierigkeiten entschied. Die kunstvolle Einkreisung und Isolierung Deutschlands, während einiger Zeit das Schreckbild ängstlicher Gemüter, entpuppte sich als ein diplomatisches Blendwerk, dem die realpolitischen Voraussetzungen fehlten. Der ihr zugrunde liegende Rechenfehler war der gewesen, daß sie die europäische Großmachtstellung des Deutschen Reichs nicht mit ihrem vollen Wert als Faktor in die politische Rechnung eingestellt hatte. Gewiß, wenn es gelänge, unserer Stellung in Europa einen empfindlichen Stoß zu versetzen, so würde auch unsere Weltpolitik tödlich getroffen werden. Soweit war die Rechnung der Einkreisungspolitik richtig. Aber wir sind so leicht auf dem Festlande nicht zu treffen. Der Dreibund ist eine Macht, gegen die sich um ferner liegender Interessen willen selbst von einer geschickten Diplomatie keine Macht vorschieben läßt, gegen die jede Macht den Kampf nur um letzte Lebensfragen wagen kann. Last not least sind die Festlandmächte vielfach durch Interessen verbunden, die sich der deutsch-englischen Rivalität auf der See und im Welthandel nicht unterordnen lassen. Nur mit England steht Deutschland in weltpolitischer Verrechnung. Bei allen anderen europäischen Mächten kommt die kontinentalpolitische Gegenrechnung für die Gestaltung ihrer Beziehungen zum Deutschen Reich entscheidend in Betracht.

Das war die große Lehre der bosnischen Krise, daß unsere Weltpolitik im letzten Ende auf unserer Kontinentalpolitik ruht. Unsere Weltpolitik hatte uns in Gegensatz zu England gebracht. Gegen die deutsche Welthandels- und Seemacht war die Einkreisungspolitik gerichtet, die eine ernste Gefährdung unserer Sicherheit zu werden schien. Durch unsere Stärke als Kontinentalmacht haben wir das Einkreisungsnetz zerrissen, sodaß jenseits des Kanals jene Ernüchterung eintreten konnte, die einer Epoche ruhigen Gedankenaustauschs und verständigen Interessenausgleichs zwischen den beiden Nationen vorangehen mußte. Der Besuch, den König Eduard dem deutschen Kaiserpaar im Winter 1909, unmittelbar nachdem in der bosnischen Krisis die entscheidende Wendung eingetreten war, in der Reichshauptstadt abstattete, nahm einen befriedigenden Verlauf. Der König fand eine herzliche Aufnahme. Er wußte seinerseits durch die aufrichtige Friedensliebe und warme Freundschaft, die er wiederholt zum Ausdruck brachte und die bald nachher in der englischen Thronrede wie in der Adreßdebatte des englischen Parlaments noch bekräftigt wurde, den günstigen Eindruck seines Besuches zu unterstreichen und zu vertiefen. Mit diesem letzten Besuch des Königs Eduard in Berlin fiel ein freundliches und für die Zukunft gute Hoffnungen erweckendes Licht nicht nur auf das Verhältnis des Königs zu Deutschland, sondern auch auf die Beziehungen zwischen zwei großen Völkern, die allen Grund haben, sich gegenseitig zu achten und friedlich in Friedensarbeiten miteinander zu wetteifern. Rückschläge konnten natürlich eintreten. Sie sind tatsächlich nicht ausgeblieben. Der Rückschlag im Sommer 1911 war sogar ziemlich heftig. Aber der Versuch, den deutsch-englischen Gegensatz zu einem System der gesamten internationalen Politik zu erweitern, wird kaum wiederholt werden und würde, wenn er unternommen werden sollte, wiederum seine Grenze finden an den harten Tatsachen der Kontinentalpolitik, deren härteste der Dreibund ist.

[29]

Der Dreibund.

Selten oder nie hat die europäische Geschichte ein Bündnis von einer Standfestigkeit wie den Dreibund gesehen. Im Jahre 1879 schloß Bismarck das Bündnis mit Österreich-Ungarn, 1883 trat Italien dem Bunde bei. Seit nunmehr 30 Jahren sind die Bündnisverträge regelmäßig erneuert worden, und immer wieder haben sich hinsichtlich der Haltbarkeit des Dreibundes die Hoffnungen der Übelwollenden, die Befürchtungen der Wohlmeinenden als unbegründet erwiesen. Soweit sich eine der Parteipolitik angehörende Kennzeichnung auf die in Ursachen, Wirkungen und Zwecken wesensverschiedene internationale Politik anwenden läßt, wird man sagen dürfen, daß dem Dreibund ausgesprochen konservative Tendenzen eigen sind, und daß hierin der vorwiegende Grund für seine Haltbarkeit zu suchen ist. Es sind nicht Eroberungsabsichten, nicht unbefriedigter Ehrgeiz, was die Staaten des Dreibundes zusammengeführt hat und zusammenhält. Der feste Wille, die bestehenden europäischen Machtverhältnisse zu erhalten, ihre gewaltsame Veränderung, wenn nötig auch mit Gewalt zu verhindern, hat die drei mitteleuropäischen Reiche zusammengeführt. Jeder revolutionären europäischen Politik, die etwa die Bahnen Ludwigs XIV. oder Napoleons I. betreten wollte, steht die geschlossene Kraft Mitteleuropas entgegen, die wie ein mächtiges Befestigungswerk den Kontinent teilt. Das Bestehende erhalten wollen, heißt in der internationalen Politik den Frieden wollen. Die Begründer des Dreibundes haben bewußt eine Friedensbürgschaft geschaffen. Sie sind in ihren Hoffnungen nicht getäuscht worden, denn die Festigkeit des Dreibundes hat mehr als einmal während der letzten 30 Jahre aufsteigende Kriegsgefahren gebannt.

Italien.

Das Verhältnis Italiens zum Dreibund hat seit 30 Jahren manche Oszillationen durchgemacht, die zum Teil der Rückschlag innerpolitischer Vorgänge in Italien waren, zum Teil auch aus der besonderen Entwicklung einzelner Mittelmeerfragen hervorgingen. Es ist den zeitweise mit großer Hartnäckigkeit und vielem Eifer betriebenen Bemühungen unserer Gegner nicht gelungen, Italien vom Dreibund zu trennen.

Die Beziehungen Italiens zu Österreich sind naturgemäß komplizierter als unser Verhältnis zu Italien. Die Erinnerung an die leidenschaftlichen Kämpfe, die das italienische Volk während eines halben Jahrhunderts gegen die österreichische Herrschaft in Italien geführt hat, ist noch nicht erloschen. Denkmäler und Inschriften, eine umfangreiche Literatur und der feurige Patriotismus der Italiener sorgen dafür, solche Erinnerungen wachzuhalten. Der Umstand, daß fast eine Million Italiener der Habsburgischen Monarchie angehören, hat auch die österreichisch-italienischen Beziehungen wiederholt und bisweilen störend beeinflußt. Das bleibt auch für die Zukunft ein empfindlicher Punkt. Mancher Italiener blickt auf seine Stammesgenossen innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle nicht mit der Gelassenheit, die dem deutschen Volk unser größter Staatsmann mit Bezug auf unsere Stammesgenossen im Ausland und insbesondere in Österreich-Ungarn anempfohlen hat. Italiener wie Österreicher sollten stets der Wahrheit eingedenk bleiben, die ein bedeutender italienischer Staatsmann, der Botschafter Graf Nigra, mir gegenüber einmal in die Worte kleidete: „Österreich und Italien können [30] nur Alliierte oder Feinde sein.“ Daß sie Alliierte bleiben, liegt im wohlverstandenen Interesse beider Länder. Italien und Deutschland sind durch so viele und schwerwiegende Momente, die Abwesenheit jeder nationalen Rivalität und – da die Erinnerung an den Kampf im Teutoburger Wald und die Schlacht bei Legnano doch weit zurückliegt – auch aller störenden Reminiszenzen, durch die Gleichartigkeit ihres geschichtlichen Werdegangs und durch gemeinsame Gefahren, die sie in gleicher Weise bedrohen könnten, so augenscheinlich aufeinander angewiesen, daß sie sich immer wieder zusammenfinden werden. Wir neigen dazu, unser Verhältnis zu Italien, das, entgegen der landläufigen Ansicht über den Charakter beider Völker, bei uns mehr mit dem Gefühl, in Italien mehr mit dem Verstande genommen wird, bisweilen zu ungünstig zu beurteilen, bisweilen etwas überschwenglich aufzufassen. Italien hat weder in Algesiras, noch mit seiner Tripolisexpedition, noch kurz vorher, bei der Entrevue von Raccionigi daran gedacht, sich von uns zu trennen. Um die Haltung Italiens auf der Konferenz von Algesiras ist ein üppiger Legendenkreis gewoben worden. Man hat behauptet, Italien habe uns in Algesiras im Stich gelassen oder gar uns gegenüber ein falsches Spiel gespielt, und diese Meinung hat bei uns eine Zeitlang ein unbegründetes Mißtrauen gegen Italiens Bündnistreue hervorgerufen. Tatsächlich haben die italienischen Vertreter in einigen mehr nebensächlichen Fragen mit den Westmächten und gegen uns gestimmt. Diese Abstimmungen wurden von der französischen Presse mit Geschick aufgegriffen und der Welt als Schwenkung Italiens vom Dreibund zu Frankreich verkündet. In anderen und wichtigeren Fragen hat Italien in Algesiras unseren Standpunkt unterstützt und gefördert. Das hat unser Vertreter in Algesiras, Herr von Radowitz, immer anerkannt und sich wiederholt gegen die nach seiner Überzeugung ungerechten Angriffe gewandt, die gegen die Stellungnahme Italiens auf der Konferenz gerichtet wurden. Ich kam seinem Wunsche nach, als ich im November 1906 im Reichstag den gegen Italien erhobenen Vorwürfen entgegentrat. Herr von Radowitz hat auch später sein Urteil über die italienischen Delegierten dahin zusammengefaßt, daß sie in der Form vielleicht zu sehr geneigt gewesen wären, das italienisch-französische Verhältnis in möglichst freundlichem Licht erscheinen zu lassen, in der Sache aber uns gute Dienste geleistet hätten. Die gegenteilige Auffassung ist ebensowenig begründet wie der in Rußland vielfach verbreitete Glaube, daß Fürst Bismarck auf dem Berliner Kongreß Rußland getäuscht und verraten habe. Auch das Tripolisunternehmen, das dem italienischen Volke Gelegenheit bot, einen glänzenden Beweis seiner patriotischen Solidarität und moralischen Einheit zu geben, ist namentlich anfänglich in einem Teil unserer Presse nicht richtig beurteilt worden. Italien hat auch Interessen, die außerhalb des Rahmens des Dreibundes liegen. Wir selbst haben selbständige Interessen jenseits der Dreibundpolitik, sie fehlen auch Österreich nicht. Das hat Fürst Bismarck bisweilen mit Schärfe betont. Der Dreibund hätte nicht so unverkümmerte Dauer gewonnen, wenn er eine absolute Bindung der verbündeten Mächte in allen ihren Unternehmungen, auf allen ihren politischen Wegen verlangen wollte. Cum grano salis kann hier wieder eine Tatsache des innerpolitischen, unseres nationalen staatlichen Lebens, vergleichsweise zur Charakterisierung des Dreibundes [31] herangezogen werden. Wie dem Deutschen Reich gerade dadurch eine Gewähr der Dauer gegeben ist, daß seine Verfassung bei aller Bindung in den großen nationalpolitischen Aufgaben den Einzelstaaten ihre Selbständigkeit in der eigentümlichen Erfüllung ihrer engeren Aufgaben läßt, so bindet auch der Dreibund die drei großen Mächte Mitteleuropas in den großen kontinentalpolitischen Zwecken, auf die der Bund begründet wurde, läßt ihnen aber Freiheit in der Verfolgung ihrer besonderen nationalen Interessen. Italien, Österreich und Deutschland ruhen mit den starken Wurzeln ihres Lebens in der europäischen Politik, und ihre Wurzeln sind vielfältig und fest ineinander verschlungen. Das Geäst der Bäume aber muß sich frei nach den verschiedenen Seiten ausbreiten können. Der Dreibundvertrag darf und will nicht die Heckenschere sein, die das freie Wachstum ohne zwingenden Grund hindert.

Es gibt Politiker, die der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibunde einen rechten Wert nicht zusprechen wollen. Die Bedenken gründen sich auf den Zweifel daran, ob Italien in der Lage und willens sein würde, in allen vorkommenden Verwickelungen der internationalen Politik mit Österreich und uns Hand in Hand zu gehen. Selbst wenn diese Zweifel begründet wären, was bei der Loyalität der maßgebenden Faktoren in Italien und der politischen Klugheit des italienischen Volkes nicht der Fall ist, so würde damit gegen den Wert der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibund noch nicht alles bewiesen sein. Auch wenn Italien nicht in allen Situationen bis zu den letzten Konsequenzen mit uns und Österreich und wir und Österreich nicht in allen Verwickelungen des weltpolitischen Getriebes mit Italien gehen könnten, so würde doch jede der drei Mächte durch den Bestand des Bündnisses verhindert sein, dem Gegner der anderen zur Seite zu treten. Das hatte Fürst Bismarck im Auge, wenn er einmal äußerte, es genüge ihm, daß ein italienischer Korporal mit der italienischen Fahne und einem Trommler neben sich die Front gegen Westen, d. h. gegen Frankreich, und nicht gegen Osten, d. h. gegen Österreich nehme. Alles weitere wird davon abhängen, wie eine eventuelle Konfliktsfrage in Europa gestellt, mit welchem Nachdruck sie militärisch von uns vertreten und mit welchem Erfolg sie militärisch und diplomatisch durchgeführt wird. Der letzte und volle Wert eines Bündnisses kann nur im Ernstfall erprobt werden. Im Frieden wird der Dreibund von so soliden, beinahe unzerstörbaren kontinentalpolitischen Interessen zusammengehalten, daß momentane und vorübergehende Situationen der vielgestaltigen internationalen Politik ihm nicht viel anhaben können. Die Probe als Friedensbürgschaft, die der Dreibund 30 Jahre hindurch bestanden hat, rechtfertigt diese Hoffnung.

Die Türkei.

Die bosnische Frage und das Tripolisunternehmen, die Österreich wie Italien in Gegensatz zu der uns befreundeten Türkei brachten, haben den Dreibund nicht schwächen können. Die Beziehungen zur Türkei und zum Islam haben wir namentlich seit der Orientreise unseres Kaiserpaares sehr sorgsam gepflegt. Diese Beziehungen waren nicht sentimentaler Natur, sondern wir hatten am Fortbestand der Türkei ein erhebliches wirtschaftliches, militärisches und auch politisches Interesse. Die Türkei war für uns in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht [32] ein ergiebiges und fruchtbares Betätigungsfeld, auf das schon Rodbertus und Friedrich List hingewiesen hatten, und das wir mit großem Vorteil bestellt haben. Für den unerwünschten aber nicht unmöglichen Fall eines allgemeinen Krieges hätte sich die militärische Kraft der Türkei zu unserem Nutzen fühlbar machen können. Für unseren österreichischen Bundesgenossen war die Türkei der denkbar bequemste Nachbar. Daß ihr Zusammenbruch einen Verlust auch für uns bedeutete, zeigte die Einbringung der letzten Militärvorlage, die mit der durch den Balkankrieg geschaffenen Situation begründet wurde. Über die Grenzen der türkischen Leistungsfähigkeit habe ich mir keine Illusionen gemacht. Schon weil ich diese Grenzen kannte, habe ich während vieler Jahre mit Erfolg darauf hingewirkt, daß es im nahen Orient zu keinem ernsten Konflikt kam: So 1897 während der Kreta-Verwickelung, 1908/09 während der bosnischen Annexionskrisis und in allen Phasen der mazedonischen Frage. Die Gefahr lag nahe, daß ein ernster Konflikt auf der Balkanhalbinsel für uns wie für Österreich-Ungarn mehr ungünstige als günstige Folgen nach sich ziehen und unsere europäische Position nicht erleichtern würde. Die Türkei ist lange Jahre ein nützliches und wichtiges Glied in der Kette unserer politischen Beziehungen gewesen.

Für absehbare Zeit wird unsere Stellung im Dreibund der Schwerpunkt unserer auswärtigen Politik bleiben. Der Dreibund hat an Wert für uns gewonnen in dem Maße, in dem sich durch unseren Übergang zur Weltpolitik und durch das Anwachsen unserer Flotte die Reibungskoeffizienten zwischen Deutschland und England vermehrten, aber auch durch die Veränderung der internationalen Lage, die der Abschluß des russisch-französischen Bündnisses mit sich brachte.

Rußland.

Die guten Beziehungen zum Zarenreich hatte das neue Deutsche Reich von Preußen geerbt. Bis auf die mehr auf persönlichen als auf sachlichen Gründen beruhende Feindschaft der Zarin Elisabeth gegen Friedrich den Großen und den Scheinkrieg, den Preußen und Rußland 1812 gegeneinander führten, hat Preußen Rußland und Rußland Preußen kaum je auf der Seite der Gegner gesehen. Das schwierige polnische Teilungswerk hat wohl vorübergehende Reibungen verursachen, nicht aber tiefgehende Gegensätze hervorbringen können. Gerade die polnischen Angelegenheiten haben Preußen und Rußland oft zusammengeführt. Für beide Reiche liegt in der polnischen Gefahr eine Mahnung, sich nicht zu entzweien, sondern die gemeinsame Abwehr großpolnischer Aspirationen als eine Brücke zu betrachten, auf der Preußen und Rußland sich immer wieder begegnen können. Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Beziehungen zwischen dem preußischen und dem russischen Herrscherhause über das konventionelle Maß hinaus intim, sodaß sie auch in der Politik der beiden Reiche zum Ausdruck kamen. In der schweren Zeit des Krimkrieges erleichterte die freundschaftliche Haltung Preußens die Stellung Rußlands nicht unwesentlich, und sie fand ihr Gegenstück in der Haltung, die Kaiser Alexander II. im Deutsch-Französischen Kriege einnahm. Als nicht lange nach dem Abschluß des Frankfurter Friedens, im September 1872, die beiden Kaiser von Rußland und Österreich sich in der Hauptstadt des neuen deutschen Reichs mit dem ehrwürdigen Sieger des großen Völkerringens [33] die Hände reichten, hatte Fürst Bismarck für die europäische Politik eine neue Basis geschaffen. Die vereinte Kraft der Ostmächte wirkte erkaltend auf die Revanchestimmung des französischen Volkes und war eine Friedensbürgschaft ersten Ranges. Bismarck erwartete auch von der engeren Bindung Rußlands an die konservativen Tendenzen der auswärtigen Politik Deutschlands und Österreichs einen mäßigenden Einfluß auf die damals in Rußland stärker anschwellende panslawistische Strömung. Es sollte, wie er sich ausdrückte, der stürmische russische Elefant zwischen den zahmen Elefanten Deutschland und Österreich gehen.

Der Berliner Kongreß brachte 1878 eine Trübung des bis dahin ungestörten Einvernehmens unter den Ostmächten. Rußland, das nach den starken Verlusten eines langen und unerwartet schwierigen Feldzugs es nicht auf die Besetzung von Konstantinopel hatte ankommen lassen, mußte sich in Berlin einige nicht unwesentliche Modifikationen des Friedens von San Stefano gefallen lassen. Diese Abänderungen waren im wesentlichen auf geheime Abmachungen zurückzuführen, die das St. Petersburger Kabinett vor dem Kriege gegen die Türkei mit Österreich und nach erfolgtem Waffenstillstand mit England abgeschlossen hatte. Aber die russische Presse, deren Einfluß auf die russische öffentliche Meinung im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich zugenommen hatte, schob die Verantwortung für die das russische Volk wenig befriedigenden Ergebnisse des Berliner Kongresses auf den Vorsitzenden des Kongresses, der gleichzeitig sein hervorragendster Teilnehmer war, den Fürsten Bismarck. Der russische Reichskanzler, Fürst Gorschakow, dessen persönliches Verhältnis zum Fürsten Bismarck sich nach und nach immer mehr verschlechtert hatte, ließ nicht nur der russischen Presse die Zügel schießen, sondern erörterte selbst gegenüber einem französischen Journalisten den Gedanken eines russisch-französischen Bündnisses, das freilich damals nicht mehr als ein Gedanke war. Als auch Kaiser Alexander II. der deutschfeindlichen Strömung nachzugeben schien, schloß Bismarck 1879 den Bündnisvertrag mit Österreich-Ungarn, der zur Basis des Dreibundes wurde. Nach Abschluß dieses Bündnisses sagte mir der Timeskorrespondent in Paris, Herr v. Blowitz, ein vielgewandter Mann: „Das ist wohl der beste diplomatische Coup, den Bismarck noch gemacht hat.“ Fürst Bismarck setzte aber gleichwohl seine gewohnte Energie an die Wiedergewinnung des alten Verhältnisses zu Rußland. Und tatsächlich gelang ihm nicht nur eine erhebliche Besserung der deutsch-russischen Beziehungen, sondern die Dreikaiserbegegnung zu Skierniewice führte 1884 zu einer neuen Annäherung der drei Kaiserreiche. Der europäische Friede war durch den Bestand des Dreibundes auf der einen, die Entente der Ostmächte auf der anderen Seite nahezu ideal gesichert. Aber dem idealen Zustande war von vornherein eine Grenze gesetzt an den einander vielfach widerstreitenden Zielen der österreichischen und der russischen Orientpolitik. Es war nur eine Frage der Zeit, wann dieser Gegensatz, der nicht abhing vom guten oder schlechten Willen der Staatsmänner, sondern von der Verschiedenheit sehr realer politischer Interessen beider Reiche, wieder zur Erscheinung kam. Es war die bulgarische Frage, die aufs neue die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich erschütterte. Das Einvernehmen der drei Kaisermächte überlebte nicht den stürmischen Sommer 1886. Fürst Bismarck hat bekanntlich selbst erklärt, daß er gegenüber dieser [34] neuen Situation bestrebt gewesen wäre, unter Festhalten am Dreibund wenigstens für Deutschland ein gesichertes freundliches Einvernehmen mit Rußland zu bewahren. Zu diesem Zweck habe er rückwärts der Verteidigungsposition des Dreibunds der deutschen Politik noch gleichsam eine Aufnahmestellung gesichert im sogenannten Rückversicherungsvertrag mit Rußland. Über die Motive, die ihn beim Abschluß dieses Vertrags leiteten, über dessen Wert und Tragweite hat sich Fürst Bismarck auch später wiederholt und eingehend ausgesprochen. Er hat die Nichterneuerung des Vertrags durch seinen Nachfolger getadelt. Er hat darauf hingewiesen, daß auf diese Nichterneuerung der Abschluß des russisch-französischen Bündnisses gefolgt sei. Das durch keine vertragliche Abmachung mehr gebundene Rußland und das isolierte Frankreich hätten sich zu einander gefunden, nachdem die Scheidewand zwischen beiden fortgezogen worden wäre. Fürst Bismarck erblickte in dieser Schwenkung Rußlands von der Seite des Deutschen Reichs an die Seite des unversöhnten Gegners Deutschlands eine große Verstärkung der französischen Machtstellung und damit eine erhebliche Erschwerung der deutschen Politik.

Der Zweibund.

Die französisch-russische Allianz bedeutete jedenfalls eine tiefgehende Umwandlung der internationalen Lage. In den neunziger Jahren hatten wir Deutschen, wenn ich mich eines dem militärischen Leben entlehnten Bildes bedienen darf, vor der Front die durch die rapide Entwicklung des deutschen Außenhandels und den Bau der deutschen Flotte geweckte britische Rivalität, im Rücken den Zweibund, den Frankreich willens war, nach Möglichkeit für seine Hoffnungen zu nutzen. In dieser Situation mußten wir den Übergang zur Weltpolitik suchen und finden. Es war vorerst ein schmaler Weg, auf dem wir nur mit Vorsicht vorwärtsgehen konnten. Ähnlich wie während des Burenkrieges unsere Haltung zu England richteten wir während des russisch-japanischen Krieges unsere Haltung zu Rußland ein. Ohne Japan gegenüber die Pflicht korrekter und strikter Neutralität zu verletzen, war unsere Haltung gegenüber Rußland eine sehr freundschaftliche. Unsere Neutralität gegenüber Rußland war sogar um eine Nuance wohlwollender als die Frankreichs. Der russisch-japanische Krieg hinterließ als Niederschlag eine Abkühlung der russisch-französischen und eine erhöhte Wärme in den deutsch-russischen Beziehungen. Nicht so sehr durch die Schwächung Rußlands, die wie einst nach dem Krimkriege, so auch nach dem ostasiatischen Kriege vielfach überschätzt wurde, als durch die Wiederherstellung vertrauensvoller Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland, deren einzelne Etappen die wiederholten Begegnungen zwischen den Monarchen beider Reiche bezeichneten, hatte der Zweibund allmählich viel von seiner ersten Schärfe verloren. Auch nach der bosnischen Krise haben sich die normalen Beziehungen zwischen Rußland und uns rasch wiederhergestellt, wie dies der besonders befriedigende Verlauf der Begegnung bewies, die im Juni 1909 in den finnischen Schären zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Nikolaus stattfand. Es lag nicht im Vermögen und es konnte nicht in der Absicht der deutschen Politik liegen, Rußland von Frankreich zu trennen. Nachdem zwischen Rußland und Frankreich ein Bündnisvertrag abgeschlossen und in das nationale Empfinden beider Völker übergegangen war, ist uns die Möglichkeit, Rußland vom französischen [35] Bündnis zu lösen und durch vertragsmäßige Bande an uns zu knüpfen, für absehbare Zeit verbaut. Wohl aber kann Deutschand die deutschlandfeindliche Spitze des Zweibundes durch Sanierung der deutsch-russischen Beziehungen abstumpfen. Diese Aufgabe war erfüllbar und sie ist erfüllt worden, wesentlich erleichtert durch die zwischen unserem Kaiser und Kaiser Nikolaus bestehenden persönlichen Beziehungen. Die Hoffnungen der französischen Chauvinisten auf das russische Bündnis haben sich nicht erfüllt. Die russischen Staatsmänner haben Frankreich sogar gelegentlich zu verstehen gegeben, daß die russische Politik nicht gewillt sei, in den Dienst einer französischen Revanchepolitik zu treten. Die hochgespannten Erwartungen, mit denen in Frankreich der Abschluß des Zweibundes begrüßt worden war, mußten allmählich herabgestimmt werden. Die französische Politik sah sich gezwungen, in der Richtung der die nationale französische Stimmung im letzten Ende beherrschenden Gefühle und Aspirationen einen Ersatz für die getäuschten Zweibundhoffnungen zu suchen. Sie fand diesen Ersatz in der französisch-englischen Entente, die zeitweise für uns eine bedrohlichere Rolle gespielt hat als der Zweibund. Der die Franzosen beherrschende Groll gegen die deutschen Herren von Elsaß-Lothringen suchte und fand einen Verbündeten in der mit dem Ausbau unserer Flotte und mit unserer überseeischen Entwicklung Schritt für Schritt anschwellenden Unruhe und Eifersucht weiter englischer Kreise. Dem Zweibund fehlt im Grunde ein beiden verbündeten Mächten gemeinsamer und dauernder Interessengegensatz zum Deutschen Reich. Rußland findet mit seinen macht- und wirtschaftspolitischen Ansprüchen vielleicht keine europäische Macht so selten auf seinem Wege wie Deutschland. Gewiß fehlt es nicht an Gegensätzen auch zwischen England und Frankreich. England hat in der weiteren Welt bis in die jüngste Zeit hinein seine folgenreichsten Fortschritte meist auf Kosten Frankreichs erreicht, so im Sudan, so zuvor in Hinterindien. Aber es stand Frankreich, dem die überseeische Politik keine Lebensfrage ist, frei, seine weltpolitischen Interessen denen Englands nachzustellen und dadurch die französisch-englischen Gegensätze zu beschränken um den Preis eines französisch-englischen Einvernehmens. Frankreich hat den hohen Einsatz für die Freundschaft Englands gezahlt, nachdem es sich in seinen Zweibundhoffnungen enttäuscht sah.

Deutschland und Frankreich.

Man könnte sagen, der Groll gegen Deutschland ist die Seele der französischen Politik, die anderen internationalen Fragen sind mehr materieller Natur und gehen nur den Leib an. Es liegt in der Eigenart des französischen Volkes, daß es das seelische Bedürfnis dem materiellen voranstellt.

Die Unversöhnlichkeit Frankreichs ist ein Faktor, den wir in unsere politischen Berechnungen einstellen müssen. Es scheint mir schwächlich, die Hoffnung zu nähren, Frankreich wirklich und aufrichtig versöhnen zu können, solange wir nicht die Absicht haben, Elsaß-Lothringen wieder herauszugeben. Und diese Absicht ist in Deutschland nicht vorhanden. Gewiß gibt es eine Menge Einzelfragen, wo wir Hand in Hand mit Frankreich gehen und namentlich zeitweise mit ihm zusammengehen können. Wir müssen [36] immer bestrebt bleiben, höfliche, ruhige und friedliche Beziehungen zu Frankreich aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus aber sollten wir keinen Phantasmen nachjagen, sonst könnte es uns gehen, wie dem Astronomen bei Lafontaine, der, während er nach den Sternen blickte, in das Loch fiel, das vor seinen Füßen lag und das er nicht gesehen hatte. Das Loch heißt in diesem Falle Le trou des Vosges. Wir sollten uns auch Frankreich gegenüber von Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten, der petite monnaie des internationalen Verkehrs nicht allzuviel versprechen. Das aussprechen heißt dem stolzen Patriotismus eines großen Volkes ein Lob spenden. Der Groll gegen Deutschland sitzt zu tief in den französischen Herzen, als daß wir ihn durch billige Freundschaftsbezeigungen beseitigen könnten. Niemals ist Frankreich, auch nicht nach den katastrophalen Niederlagen der Jahre 1812 bis 1815, so hart getroffen worden wie durch den Krieg von 1870/71. Für die Tatsache, daß uns Deutschen nationale Notwendigkeit gewesen ist, was den Franzosen als brutale Härte des Siegers erscheint, finden wir in Frankreich kein Verständnis. Vielleicht wird sich das französische Volk im Laufe der Zeit den Bestimmungen des Frankfurter Friedens fügen, wenn es erkennen muß, daß sie unabänderlich sind. Solange Frankreich aber eine Möglichkeit zu erkennen glaubt, durch eigene Kraft oder fremde Hilfe Elsaß-Lothringen wieder an sich zu bringen, wird es im gegenwärtigen Zustande ein Provisorium, nicht ein Definitivum sehen.

Die Franzosen haben das Recht, für diese Grundstimmung der Mehrheit des französischen Volkes Verständnis zu beanspruchen. Es ist ein Beweis lebhaften Ehrgefühls, wenn eine Nation so tief unter einer einmal erlittenen Kränkung ihres Stolzes leidet, daß der Wunsch nach Vergeltung zur beherrschenden nationalen Leidenschaft wird. Wohl ist es richtig, daß Frankreich durch Jahrhunderte den Geist der Unruhe in die europäische Geschichte getragen hat. Wir mußten uns durch eine nachhaltige Verstärkung unserer Stellung gegen Westen vor neuen Störungen unseres Friedens sichern. Das Mittel hat tatsächlich auch nicht ganz versagt, zum Nutzen nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas. Aber der Franzose sieht die Dinge mit anderen Augen an. Die Politik ruhmvoller Abenteuer, die Europa oft die Ruhe genommen und die Nachbarn Frankreichs wiederholt zu den letzten äußersten Kraftanstrengungen gezwungen hat, ist für Frankreich die eigene große Vergangenheit, die den eigentümlichen nationalen Ehrgeiz der Franzosen am großartigsten und ursprünglichsten zum Ausdruck gebracht hat. Die französische Geschichte unterscheidet sich von der deutschen unter vielem anderen auch darin, daß sie in den größten, in jenen dramatischen Momenten, wo sich die Schicksale der Völker entscheiden, von französischen Eroberungskriegen zu erzählen hat, während in der deutschen Geschichte die Taten nationaler Verteidigung die schönsten Ruhmesblätter sind. Eben die Zeiten eines Ludwig XIV., eines Napoleon I., deren Wiederkehr wir verhindern wollen und gegen die wir uns durch eine Verstärkung unserer Grenzen gegen Frankreich sichern mußten, sind für viele Franzosen und in bewegten Momenten für die ganze Nation das Ziel nationaler Sehnsucht. Das durch die Ereignisse von 1866 und 1870 erstarkte Deutschland hat alle seine neue Kraft auf den Ausbau des eigenen nationalen Lebens gewandt. Frankreich ist nach jeder Erstarkung seiner nationalen Macht aggressiv nach außen aufgetreten und würde es wieder tun, wenn es sich Erfolg versprechen könnte. Damit müssen [37] wir rechnen und uns selbst als denjenigen Gegner ansehen, gegen den sich Frankreich in erster Linie wenden würde, wenn es glaubte, einen Angriff auf Deutschland siegreich durchführen zu können. Die französische Revanchepolitik wird getragen von dem unbeirrbaren Glauben der Franzosen an die Unverwüstlichkeit der Lebenskraft Frankreichs. Dieser Glaube fußt auf allen Erfahrungen der französischen Geschichte. Kein Volk hat die Folgen nationalen Mißgeschicks stets so schnell verwunden, wie das französische, keines nach schweren Enttäuschungen und scheinbar vernichtenden Niederlagen so leicht Spannkraft, Selbstvertrauen und Tatenfreudigkeit wiedergewonnen. Mehr als einmal schien Frankreich durch äußere Feinde endgültig überwunden, durch innere Wirrnisse so zermürbt, daß Europa glaubte, Frankreich habe aufgehört, gefährlich zu sein. Aber immer wieder stand in kürzester Zeit die französische Nation in der alten oder in vermehrter Kraft vor Europa und konnte aufs neue den Kampf um die europäische Suprematie aufnehmen, die Machtverhältnisse Europas aufs neue in Frage stellen. Der Auf- und Niedergang dieses Volkes hat die Staaten Europas immer aufs neue mit Staunen erfüllt. Der allmähliche Niedergang von der stolzen Höhe, auf die Ludwig XIV. Frankreich gehoben hatte, schien zum Zerfall des französischen Staates zu führen durch die große Revolution, die in kurzer Folge den Bürgerkrieg, die Auflösung der Armee, die Vernichtung der alten wirtschaftlichen Blüte und den Staatsbankerott nach sich zog. Zehn Jahre nach dem Ausbruch der Revolution waren die Heere der französischen Republik Herren über Italien, die Niederlande und alles Land links des Rheins und standen siegreich im Herzen Deutschlands, und wieder nach zehn Jahren strahlte das erste Kaiserreich in seinem höchsten Glanze, und Napoleon schien dem Ziele der Herrschaft über den gesamten Kontinent nahe. Es folgten die Katastrophen von Leipzig und Waterloo, die volle Besiegung Frankreichs, zweimal die Einnahme der französischen Hauptstadt. In mehr als zwanzig Jahren ununterbrochener Kriege hatte die französische Nation ihre wirtschaftliche und physische Kraft bis auf die Neige verbraucht, und doch konnte sich Frankreich unter dem zweiten Kaiserreich wiederum an die erste Stelle erheben. Die Niederlage von 1870 traf in ihren Folgen Frankreich schwerer als je eine zuvor. Aber die Kraft zu neuem Aufstieg des wunderbar elastischen Volks hat sie nicht gebrochen. Was vor mehr als einem halben Jahrhundert in seinem klassischen Werk „L’Ancien Régime et la Révolution“ Alexis de Tocqueville über die französische Nation schreibt, trifft in mancher Hinsicht noch heute zu: „Quand je considère cette nation en elle-même, je la trouve plus extraordinaire qu’aucun des événements de son histoire. En a-t-il jamais paru sur la terre une seule qui fût si remplie de contrastes et si extrême dans chacun de ses actes, plus conduite par des sensations moins par des principes; faisant ainsi toujours plus mal ou mieux qu’on ne s’y attendait, tantôt au-dessous du niveau commun de l’humanité, tantôt fort au-dessus; un peuple tellement inaltérable dans ses principaux instincts qu’on le reconnaît encore dans ses portraits qui ont été faits de lui il y a deux ou trois mille ans, et en même temps tellement mobile dans ses pensées journalières et dans ses goûts qu’il finit par se devenir un spectacle inattendu[2] à lui-même, et demeure souvent aussi surpris que les étrangers à la vue de ce qu’il vient de faire; le plus casanier et le plus routinier de tous quand an l’abandonne [38] donne à lui-même, et lorsqu’une fois on l’a arraché malgré lui à son logis et à ses habitudes, prêt à pousser jusqu’au bout du monde et à tout oser; indocile par tempérament, et s’accommodant mieux toutefois de l’empire arbitraire et même violent d’un prince que du gouvernement régulier et libre des principaux citoyens; aujourd’hui l’ennemi déclaré de toute obéissance, demain mettant à servir une sorte de passion que les nations les mieux douées pour la servitude ne peuvent atteindre; conduit par un fil tant que personne ne résiste, ingouvernable dès que l’exemple de la résistance est donné quelque part; trompant toujours ainsi ses maîtres, qui le craignent ou trop ou trop peu; jamais si libre qu’il faille désespérer de l’asservir, ni si asservi qu’il ne puisse encore briser le joug; apte à tout, mais n’excellant que dans la guerre; adorateur du hasard, de la force, du succès, de l’éclat et du bruit, plus que de la vraie gloire; plus capable d’héroisme que de vertu, de génie que de bon sens, propre à concevoir d’immenses desseins plutôt qu’à parachever de grandes entreprises; la plus brillante et la plus dangereuse des nations de l’Europe, et la mieux faite pour y devenir tour à tour un objet d’admiration, de haine, de pitié, de terreur, mais jamais d’indifférence?“

Tatsächlich hat Frankreich bald nach Wiederaufrichtung seiner durch die Niederlagen von Wörth und Sedan, wie noch durch jedes kriegerische Mißgeschick umgestürzten Staatsordnung seine Kräfte, die kontinentalpolitisch einstweilen gelähmt waren, weltpolitisch gewaltig geregt. Es hat sich während der letzten fünfundzwanzig Jahre ein Kolonialreich geschaffen, das ihm den in Europa erlittenen Gebiets- und Bevölkerungsverlust um ein Vielfaches ersetzt, und hat sich damit zur zweiten Kolonialmacht der Welt erhoben. Der vor den Toren Frankreichs liegende nordafrikanische Besitz ist durch Marokko fast verdoppelt worden.

Ob die volle und unbeschränkte politische, wirtschaftliche und militärische Herrschaft über Marokko, wie manche glauben, eine Schwächung, ob sie nicht vielmehr, namentlich für die Zukunft, eine erhebliche Stärkung Frankreichs bedeutet, ist hier nicht zu untersuchen. Jedenfalls beweist die kolonialpolitische Tätigkeit Frankreichs, wie rasch und intensiv die französische Unternehmungslust bald nach der Niederlage von 1870 wieder auflebte, um den erneuten nationalen Aufstieg in der Richtung zu versuchen, die offen stand und die auch von Deutschland in Tunis wie in Tonkin geflissentlich offen gelassen wurde. Einen vollgültigen Ersatz für den Verlust Elsaß-Lothringens wird aber Frankreich auch in seinem gewaltigen Kolonialbesitz nicht erblicken. Darüber war sich auch Bismarck nicht im unklaren, der eine Förderung der kolonialpolitischen Pläne Frankreichs empfahl, um die Augen der Franzosen wenigstens vorübergehend von den Vogesen abzulenken.

Die Marokko-Frage.

Als wir in der Marokko-Frage mit Frankreich aneinandergerieten, handelte es sich für uns nicht darum, die kolonialen Pläne Frankreichs zu durchkreuzen, sondern wir hatten gewichtige eigene Interessen und darüber hinaus unser nationales Ansehen zu wahren. Unser Vorgehen in den marokkanischen Angelegenheiten hatte seinen Rechtsgrund in dem Madrider Vertrag von 1880 und im deutsch-marokkanischen Handelsvertrag von 1890. Zum Vorgehen wurden wir genötigt durch die eigenmächtige Marokkopolitik Frankreichs, [39] die unsere deutschen Wirtschaftsinteressen wie unser nationales Ansehen in gleicher Weise zu verletzen drohte. Der zu Madrid im Jahre 1880 abgeschlossene Marokkovertrag hatte die Ausübung des Schutzrechtes der europäischen Großmächte über Marokko geregelt. Er war abgeschlossen worden auf Grund der Anerkennung der Souveränität Marokkos. Auf eben dieser Grundlage ging Deutschland 1890 einen Handelsvertrag mit Marokko ein. Eine Änderung der Madrider Abmachungen war nur statthaft unter Zustimmung der Signatarmächte, der europäischen Großmächte mit Ausnahme Rußlands, der Vereinigten Staaten, der skandinavischen Staaten, Hollands, Belgiens und Portugals. Gewiß hatte Frankreich, das mit seinem eigenen Kolonialbesitz Marokko benachbart ist, ein besonderes Interesse an der Entwicklung der marokkanischen Angelegenheiten. Mit dieser Tatsache ist auf deutscher Seite stets gerechnet worden. Auf der Basis der Madrider Abmachungen wäre gegen eine Berücksichtigung der besonderen französischen und ebenso der spanischen Interessen nichts einzuwenden gewesen. Aber die französischen Wünsche gingen weiter. Frankreich mischte sich immer rücksichtsloser in die marokkanischen Verhältnisse ein. Es hoffte in aller Stille unter Ignorierung des Madrider Vertrags wie unter Nichtachtung der wirtschaftlichen Interessen anderer Staaten, insbesondere der deutschen, einen neuen großen und wertvollen Kolonialbesitz erwerben zu können. In Verfolgung dieser Politik stützte sich Frankreich auf England, in der Annahme, daß die englische Unterstützung und Billigung seiner Marokkopolitik ausreichend sei für die Erreichung seiner Ziele. Am 8. April 1904 kam zwischen England und Frankreich ein Sondervertrag zustande, in dem Frankreich die volle Herrschaft Englands in Ägypten anerkannte, England seine Billigung des französischen Vorgehens in Marokko aussprach. Der Sondervertrag schob das internationale Abkommen von 1880 ebenso ungeniert zur Seite, wie den deutsch-marokkanischen Handelsvertrag. Als eines der ersten greifbaren Resultate der mittelbar gegen Deutschland gerichteten französisch-englischen Entente trug der Vertrag eine offenbare Spitze gegen Deutschland. Die Entente-Mächte verfügten selbstherrlich über ein großes und wichtiges koloniales Interessengebiet, ohne das Deutsche Reich auch nur der Beachtung zu würdigen. Es war ein deutlicher Versuch, die weltpolitischen Entscheidungen für die Westmächte allein in Anspruch zu nehmen. Die französische Politik zögerte nicht, sofort nach dem Abschluß des englisch-französischen Abkommens die Konsequenzen zu ziehen, als seien die Madrider Signatarmächte überhaupt nicht auf der Welt. Frankreich ging an die „Tunifikation“ von Marokko. Der französische Vertreter in Marokko, St. Réné-Taillandier suchte sich die Mitregentschaft über Marokko zu sichern. Durch die Umgestaltung der polizeilichen Einrichtungen, die Gründung einer Staatsbank unter französischer Leitung, Vergebung der öffentlichen Arbeiten und Lieferungen an französische Firmen sollte das wirtschaftliche und staatliche Leben in Marokko so weit unter französischen Einfluß gebracht werden, daß die schließliche Einverleibung Marokkos in den französischen Kolonialbesitz nur eine Formsache gewesen wäre. Dem damaligen französischen Minister des Auswärtigen, Delcassé, einem ebenso begabten wie tatkräftigen Staatsmann, der aber, wo Deutschland in Frage kam, sich zu sehr von Gefühlsmomenten bestimmen ließ, schwebte der Gedanke vor, uns in Marokko vor ein Fait accompli zu stellen. Er wußte, daß er damit [40] unserem Ansehen in der Welt einen empfindlichen Stoß versetzen würde. Wir hatten in Marokko bedeutende und zukunftsreiche wirtschaftliche Interessen, die durch das französische Vorgehen schwer geschädigt wurden. Darüber hinaus standen unsere Würde und unsere neuerrungene weltpolitische Machtstellung auf dem Spiel. Die Ignorierung der Madrider Signatarmächte bei Abschluß des französisch-englischen Marokko-Abkommens bedeutete in specie eine Brüskierung des Deutschen Reichs. Mit England war Frankreich vertraglich im reinen, mit Spanien waren geheime Unterhandlungen im Gange, Rußland war nicht Signatarmacht, Italien ging im Mittelmeer seine eigenen Wege, den Vereinigten Staaten lagen die marokkanischen Angelegenheiten fern, ein Widerstand der kleineren Staaten Europas war ernstlich nicht zu besorgen. So waren nur Österreich und vor allen Dingen Deutschland offenbar beiseite geschoben. Wir standen vor einer bedeutungsvollen Wahl. Sollten wir uns bei einer wichtigen internationalen Entscheidung ausschalten, uns als Quantité négligeable behandeln lassen? Oder sollten wir die Berücksichtigung unserer Interessen und die Beachtung unseres Willens fordern? Die erstere Entscheidung wäre die bequemere gewesen, für die zweite sprachen nicht nur Ehrgefühl und Stolz, sondern auch unser wohlverstandenes Interesse. Ließen wir uns einmal ungestraft auf die Füße treten, so wäre dem ersten Versuch, uns schlecht zu behandeln, bald der zweite und dritte gefolgt.

Am 3. Juli 1900 hatte Kaiser Wilhelm II. das programmatische Wort gesprochen: „Ich bin nicht der Meinung, daß unser deutsches Volk vor 20 Jahren unter der Führung seiner Fürsten gesiegt und geblutet hat, um sich bei großen auswärtigen Entscheidungen beiseite schieben zu lassen. Geschähe das, so wäre es ein für allemal mit der Weltmachtstellung des deutschen Volkes vorbei, und ich bin nicht gewillt, es dazu kommen zu lassen.“ Die französische Marokkopolitik war ein unverhüllter Versuch, Deutschland bei einer großen auswärtigen Entscheidung beiseite zu schieben, der Versuch, die Machtverhältnisse in Europa einer Korrektur zugunsten Frankreichs zu unterziehen. Ein Präzedenzfall wäre geschaffen worden, der notwendig zu Wiederholungen hätte reizen müssen. Darauf durften wir es nicht ankommen lassen. In diesem Sinne wurde die Marokko-Frage für uns eine nationale Frage. Unserer Marokko-Politik waren die Wege gewiesen.

Am 31. März 1905 legte Seine Majestät der Kaiser auf meinen Rat in Tanger an, wo er mit unzweideutigen Worten für die Unabhängigkeit und Souveränität Marokkos eintrat. Damit war die Forderung Deutschlands nach Mitentscheidung der marokkanischen Angelegenheiten vor der Welt angemeldet. Es war erklärt, daß Deutschland an dem auf der Grundlage der Souveränität Marokkos abgeschlossenen internationalen Vertrag von 1880 festhielt und nicht geneigt war, ungefragt die durch das französisch-englische Marokko-Abkommen und das französische Vorgehen in Marokko geschaffene neue Lage anzuerkennen. Unser Ziel war, an Stelle der einseitig französisch-englischen Regelung der Marokko-Frage eine internationale durch die Madrider Signatarmächte zu setzen. Wir mußten auch verhindern, daß eine internationale Konferenz der französischen Marokko-Politik einfach ihr Plazet gab. Beides ist durch das Zustandekommen und die Beschlüsse der Algesiraskonferenz erreicht worden. Frankreich setzte dem Konferenzplan heftigen Widerstand entgegen. Eine Zeitlang schien es, als wolle Herr [41] Delcassé die Entscheidung über Krieg und Frieden von der Konferenzfrage abhängig machen. Als die deutsche Regierung unerschütterlich blieb, willigte Frankreich in die Konferenz. Herr Delcassé legte das Portefeuille des Auswärtigen nieder. Er trat zurück, und wir setzten unseren Willen durch, weil wir fest blieben. In Algesiras hatten wir gegenüber den Ententemächten und bei dem geringen Interesse, das die anderen Mächte an der marokkanischen Frage nahmen, naturgemäß keine leichte Stellung. Trotzdem gelang es uns, unter Wahrung der Souveränität des Sultans, für die Organisation der Polizei und die Errichtung der marokkanischen Staatsbank eine internationale Regelung zu erreichen und den deutschen wie den wirtschaftlichen Interessen aller anderen Länder die offene Tür in Marokko zu sichern. Nicht alles Erwünschte, aber das Wesentliche war erreicht worden. Der Versuch, uns von einer großen internationalen Entscheidung auszuschließen, war durchkreuzt worden. An der künftigen Gestaltung der marokkanischen Angelegenheiten war uns ein entscheidendes Mitbestimmungsrecht gesichert, auf das wir ohne ausreichende Kompensationen nicht zu verzichten brauchten. Die Beschlüsse der Konferenz von Algesiras waren ein Riegel vor den Tunifikationsbestrebungen Frankreichs in Marokko. Sie waren auch eine Klingel, die wir jederzeit ziehen konnten, wenn Frankreich wieder solche Tendenzen an den Tag legte. In Frankreich wurde die neue Ordnung der Dinge alsbald nach der Algesiraskonferenz sehr peinlich empfunden. Die „unselige Algesiras-Akte“ wurde als eine „Frankreich aufgezwungene europäische Vormundschaft“, bestenfalls als eine „ehrenvolle Rückzugslinie“ bezeichnet. Man hat wohl gesagt, wir hätten nach dem Rücktritt Delcassés eine direkte Verständigung mit Frankreich über Marokko suchen sollen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Frankreich überhaupt geneigt war, uns einen annehmbaren Preis zu zahlen. Jedenfalls durften wir schon mit Rücksicht auf unsere Stellung in der Türkei und zum Islam diesen Weg nicht einschlagen. Im November 1898 hatte Kaiser Wilhelm II. in Damaskus erklärt: „Mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“ In Tanger hatte sich der Kaiser mit Entschiedenheit für die Integrität Marokkos ausgesprochen. Wir hätten uns um jeden Kredit in der islamischen Welt gebracht, wenn wir so kurze Zeit nach diesen Kundgebungen Marokko an die Franzosen verkauft hätten. Unser Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Marschall, sagte mir damals: „Wenn wir Marokko trotz Damaskus und Tanger preisgeben, so verlieren wir mit einem Schlage unsere Stellung in der Türkei und mit ihr die Vorteile und Zukunftsaussichten, die wir uns durch jahrelange Arbeit mühsam erworben haben.“

Das deutsch-französische Sonderabkommen vom 9. Februar 1909, das unter hervorragender Mitwirkung des späteren Staatssekretärs v. Kiderlen-Wächter zustande kam, verminderte die Möglichkeit fortgesetzter Reibungen zwischen beiden Staaten, indem es Frankreich einen gewissen politischen Einfluß in Marokko sicherte, ohne ihm die Aneignung zu ermöglichen, hielt aber das Prinzip der offenen Tür fest und gewährleistete deutschem und französischem Handel und Gewerbe das gleiche Betätigungsrecht im unabhängigen und in seinem Gebietsumfange unverminderten marokkanischen Staat. [42] Das Abkommen diente dem Frieden, indem es die Algesiras-Akte in denjenigen Punkten ergänzte, in denen sie sich in der Praxis als verbesserungsfähig erwiesen hatte. Die Beschlüsse der Algesiras-Konferenz selbst wurden durch das Abkommen von 1909 ausdrücklich bestätigt. Das deutsche Mitbestimmungsrecht über das Schicksal Marokkos, dieses Recht, das einer Annexion Marokkos durch Frankreich entgegenstand, wurde durch den Sondervertrag in keiner Weise berührt. Was später für den Verzicht auf unser Recht erreicht wurde, mag es nun viel oder wenig sein, mag das uns zugefallene Stück Kongo einen kleinen oder großen Wert haben, ist jedenfalls erlangt worden auf der Grundlage von Algesiras und dank unseres Vorgehens im Jahre 1905. Uns einen Teil von Marokko anzueignen, haben wir nie beabsichtigt. Nicht aus Furcht vor Frankreich, sondern in unserem eigenen Interesse. Wir hätten dort neben Frankreich auch England und Spanien gegen uns gehabt. Wir durften auf der anderen Seite auch nicht hoffen, durch übertriebenes Entgegenkommen in der Marokkofrage Frankreich zu versöhnen. Einen wie hohen wirtschaftlichen Wert Marokko auch für Frankreich haben mag, einen wie bedeutenden politischen und militärischen Machtzuwachs sich Frankreich von dieser Vergrößerung seines nordafrikanischen Kolonialreichs versprechen mag, seine Marokko-Politik war ihm gerade in den kritischen Momenten noch mehr Mittel zum Zweck als Selbstzweck. War es gewissen französischen Kreisen mit der anfänglichen Ignorierung Deutschlands um einen wirksamen Vorstoß gegen die Weltmachtstellung und das Ansehen Deutschlands mit englischer Hilfe zu tun gewesen, so glaubte man später eine Gelegenheit winken zu sehen, unter günstigen Bedingungen an der Seite Englands zur entscheidenden Abrechnung mit Deutschland zu kommen. Diese Tendenzen der französischen Politik rückten die Marokkofrage zweimal in das Vordertreffen der großen Politik und stellten die Erhaltung des Weltfriedens in Frage.

Unversöhnlichkeit Frankreichs.

Bei der Betrachtung unseres Verhältnisses zu Frankreich dürfen wir nicht vergessen, daß Frankreich unversöhnt ist. Das letzte Ziel französischen Strebens wird, menschlichem Ermessen nach, noch auf lange hinaus das sein, die heute noch fehlenden Voraussetzungen für eine aussichtsreiche Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reiche zu schaffen. Halten wir uns diese Wahrheit nüchtern gegenwärtig, so werden wir Frankreich gegenüber das richtigste Verhältnis gewinnen. Entrüstete Deklamationen über französische Unverbesserlichkeit sind ebenso geschmacklos wie unfruchtbare Werbeversuche. Der deutsche Michel hat es nicht nötig, immer wieder mit einem Blumenstrauß in der Hand und bisweilen ziemlich linkischer Verbeugung sich der spröden Schönen zu nähern, deren Blick auf den Wasgau gerichtet ist. Nur die langsame Erkenntnis der Unabänderlichkeit des Verlustes von 1871 kann Frankreich zur endgültigen und vorbehaltlosen Gewöhnung an den im Frankfurter Frieden festgesetzten Zustand der Dinge bringen. Es ist nicht unmöglich, daß die krampfhafte Anspannung der letzten militärischen Kräfte in ihrer Rückwirkung auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse Frankreichs diesen Beruhigungsprozeß beschleunigen wird und daß sich hierbei wieder einmal das französische Sprichwort als richtig bewährt, „que l’excès du mal amène la guérison“. Die Wiedereinführung der dreijährigen [43] Dienstzeit bezeichnet einen so hohen Grad des Rüstungsfiebers, daß sie vielleicht die Rückkehr zu normaler Temperatur einleiten wird. Wenn die Durchführung der dreijährigen Dienstzeit die Einkommensteuer nach sich ziehen sollte, so würde auch das zur Ernüchterung beitragen.

Bis dahin steht Frankreich gegen uns. Wiewohl es bemüht ist, militärisch den Nachteil auszugleichen, in den es durch seine geringere Bevölkerungszahl uns gegenüber versetzt ist, hat es doch nicht mehr das alte Zutrauen allein in die eigene Kraft. Die französische Politik sucht durch Bündnisse und Freundschaften ein Gleichgewicht oder womöglich ein Übergewicht gegen den deutschen Nachbarn zu gewinnen. Frankreich hat sich zu diesem Zweck eines Teiles der eigenen freien Initiative begeben müssen und ist abhängiger als früher von fremden Mächten geworden. Das ist den Franzosen natürlich bekannt und bewußt. Daß der reizbare französische Nationalstolz sich mit dieser Tatsache abfindet, zeigt, welches der alles beherrschende nationale Wunsch des französischen Volkes ist. Es ist kaum eine internationale Konstellation denkbar, die Frankreich veranlassen könnte, seine von der Erinnerung an 1870 inspirierte Politik einer grundsätzlichen Korrektur zu unterziehen.

Als wenige Tage nach dem Krüger-Telegramm wie in ganz Europa auch in Frankreich die Wogen der Burenbegeisterung hoch gingen, fragte ein englischer Minister nicht ohne Besorgnis einen französischen Diplomaten, ob Frankreich sich nicht versucht sehen könnte, an Deutschlands Seite zu treten. Die Antwort des Franzosen lautete: „Seien Sie überzeugt, daß, solange Elsaß-Lothringen deutsch ist, das französische Volk, was sich auch sonst ereignen möge, in Deutschland den permanenten, in jeder anderen Macht nur den akzidentiellen Gegner sehen wird.“

Faschoda.

Wie wenig den Franzosen Erfolge und Mißerfolge in der weiteren Welt neben dem Verlust an der europäischen Stellung Frankreichs bedeuten, zeigte auch der Verlauf und die Wirkung des Faschoda-Streites. Frankreich erlitt in diesem Streit gegenüber England eine unleugbare Niederlage, die auch sehr schmerzlich empfunden wurde. Faschoda bedeutete für Frankreich das Ende eines alten und stolzen kolonialpolitischen Traumes und ließ die französische Nation die britische überlegene Macht unerbittlich fühlen. Einen Augenblick brauste in Frankreich die öffentliche Meinung elementar auf und wandte sich jäh gegen England. Die große Masse derjenigen, die in der Politik das Vergängliche nicht vom Dauernden zu scheiden vermögen, den lauschenden Lärm des Aktuellen für den wahren Widerhall des Bedeutsamen nehmen, glaubte die Wendung der französischen Politik gekommen. Die Verstimmung gegen England sollte Frankreich an die Seite Deutschlands drängen, die Enttäuschung über den Mißerfolg im Sudan die Erbitterung über den Verlust Elsaß-Lothringens paralysieren, eine frische Hoffnung auf Vergeltung für Faschoda an die Stelle der alten auf Revanche für Metz und Sedan treten. Grundsätzlicher als durch solche Kombinationen konnte das Wesen der französischen Politik nicht verkannt werden. Ein Volk, das sich ein Menschenalter in eine Hoffnung, ein Ideal eingelebt hat, läßt sich nicht durch ein seitab vom großen Wege betroffenes Mißgeschick aus dem Geleis werfen. Der Haß gegen Deutschland konnte durch eine Verstimmung gegen England nicht berührt, [44] geschweige denn beseitigt werden. Der momentane Zorn gegen England hätte noch viel leidenschaftlicher und innerlicher sein können, als er es tatsächlich war, er wäre doch nicht der Anfang dauernder feindseliger Gesinnungen geworden, denn das Verhältnis Frankreichs zu England war schon vor dem Konflikt im Sudan in die Rechnung der französischen Politik einbezogen worden. Frankreich sah schon früh in der englischen Eifersucht gegen Deutschland den natürlichen Verbündeten gegen die Sieger von 1870 und drängte an die Seite Englands. Man war in Paris enttäuscht, daß England für die französische Freundschaft ein Opfer an Interessen im Sudan und am Nil nicht hatte bringen wollen, aber Frankreich selbst war unter allen Umständen, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen, bereit, den gleichen und höheren Preis für die englische Freundschaft zu zahlen. Die Niederlage im Faschoda-Streit wurde auf das Unkostenkonto der französischen Revanchepolitik gebucht und wirkte im letzten Erfolge weniger verstimmend gegen England als aufs neue erbitternd gegen Deutschland. Achtundvierzig Stunden nach dem Zurückweichen Frankreichs im Faschoda-Streit wurde ein französischer Botschafter, einer der besten politischen Köpfe Frankreichs, von seinem italienischen Kollegen auf den Stand der französisch-englischen Beziehungen angesprochen. Der Italiener fragte, welche Rückwirkung das Ereignis auf die französische Stellung zu England haben werde. Der Franzose erwiderte: „Eine günstige! Nachdem die Differenz über den Sudan erledigt ist, steht einer vollen Entente mit England gar nichts mehr im Wege.“

Triple-Entente.

Diese Entente ist denn auch nicht lange nach dem Faschoda-Zwischenfall zustande gekommen und hat sich bis heute durch alle Wechselfälle der internationalen Politik behauptet. Durch sein Bündnis mit Frankreich und die Verwicklungen im Osten ist Rußland häufig an die Seite der französisch-englischen Entente getreten, so daß mit Recht von einer Triple-Entente gesprochen werden darf, als eines Gegenstücks zum Dreibunde. Die politische Führung des Dreiverbandes hat in den entscheidenden Momenten meist in den Händen Englands gelegen. Und England hat sich bisher ebensowenig wie Rußland dazu verstanden, in den Dienst der französischen Revanchepolitik zu treten, sich vielmehr von den eigenen Interessen leiten lassen. Die englische Führung hat uns zuzeiten das Leben schwer gemacht, aber sie hat ebensooft beruhigend und ernüchternd auf Frankreich eingewirkt und für die Erhaltung des europäischen Friedens Wertvolles geleistet.

Deutschland – Frankreich – England.

Gewiß ist es England Ernst mit seiner Besorgnis vor unserer aufsteigenden Seemacht und unserer ihm an vielen Punkten unbequemen Konkurrenz. Gewiß gibt es noch heute Engländer, die glauben, daß, wenn der lästige deutsche Rivale aus der Welt verschwände, England nach dem Ausspruch von Montaigne, que le dommage de l’un est le profit de l’autre nur gewinnen könne. Zwischen solchen englischen Stimmungen und der französischen Grundstimmung uns gegenüber besteht aber doch ein ausgeprägter Unterschied, der politisch entsprechend zum Ausdruck kommt. Frankreich würde uns angreifen, wenn es sich bei zureichenden Kräften glaubte, England nur [45] dann, wenn es zu der Ansicht käme, daß es seine wirtschaftlichen und politischen Lebensinteressen nicht anders als auf gewaltsamem Wege gegen Deutschland durchsetzen könne. Die Triebfeder der englischen Politik uns gegenüber ist nationaler Egoismus, die der französischen nationaler Idealismus. Wer seine Interessen verfolgt, wird aber meist besonnener bleiben, als wer einer Idee nachjagt. Gewiß hat der englische Kaufmann über See bisweilen die Konkurrenz seines deutschen Berufskollegen unbequem empfunden, konkurrieren in der Welt hier und da die deutschen mit den englischen wirtschaftlichen Interessen.

Englisch-deutscher Ausgleich.

Aber auf seinen großen weltpolitischen Bahnen hat England kaum eine der großen Mächte so selten hemmend vor sich gesehen wie das Deutsche Reich. Das ist bei aller Sorge vor der deutschen Kriegsflotte den Engländern nicht entgangen. Deutschland und England sind wohl die einzigen europäischen Großmächte, zwischen denen nie ein Tropfen Blut vergossen wurde. Es hat zwischen ihnen Reibungen und Spannungen gegeben, niemals einen Krieg. Erfreulicherweise gewinnt auch in England die Einsicht an Boden, daß sich England im dauernden Gegensatz zu uns, bei einer forciert antideutschen Politik nur selbst schadet. Wohl bewußt ist endlich diesem größten Handelsvolk, wie treffliche Kunden England und Deutschland einander sind, und wie schmerzlich das britische Wirtschaftsleben den Ausfall der deutschen Kundschaft empfinden müßte. Den Interessengegensätzen zwischen Deutschland und England stehen sehr vitale Interessengemeinschaften gegenüber. Und im Grunde liegen die Gefahren der neuen Welt- und Seemacht für die englische Vormachtstellung auf dem Meere nur im Bereich der Möglichkeiten oder, richtiger gesagt, der Einbildung, nicht im Bereich fühlbarer Wirklichkeiten. Mit der Stellung Frankreichs zu Deutschland ist die Stellung Englands zu uns nicht zu vergleichen. Frankreich bewegt sich im Kreise um den Gedanken an Elsaß-Lothringen. Die englische Politik steht wohl unter dem Einfluß der Sorgen, die weite englische Kreise vor der wirtschaftlichen Expansion und der wachsenden Seemacht Deutschlands erfüllen. Seit dem Ende der Einkreisungspolitik im Jahre 1908 denkt England aber nicht mehr daran, seine gesamte internationale Politik oder auch jede Einzelheit seiner Beziehungen zum Deutschen Reich vom Gegensatz gegen Deutschland abhängig zu machen. Obwohl wir seit dem Beschreiten des weltpolitischen Weges in England oft einen Widersacher hatten, können unsere Beziehungen zu England jetzt, wo wir die nötige Verteidigungsstärke zur See erlangt haben, aufrichtig und vorbehaltlos freundliche und freundschaftliche sein. In der richtigen Erkenntnis, daß Frieden und Freundschaft zwischen Deutschland und England beiden Ländern heilsam, Feindschaft und Streit für beide gleich nachteilig sind, hat Kaiser Wilhelm II. seit seinem Regierungsantritt aus innerstem Drang und mit nie erlahmendem Eifer an der Herstellung eines guten Verhältnisses zwischen den beiden großen germanischen Nationen gearbeitet. Es gibt viele Gebiete, auf denen beide Völker gleichlaufende Interessen haben. Wo ein Zusammengehen, bei dem beide Teile ihren Vorteil finden, möglich ist, besteht für sie kein Grund, nicht Seite an Seite und Hand in Hand zu gehen. In dem Maße, in dem hüben und drüben die Erkenntnis an Boden gewinnt, daß die nationalen Interessen beider Länder bei gemeinsamem Vorgehen am besten auf ihre Rechnung kommen, werden auch die Voraussetzungen [46] für ein endliches, festes und ehrliches Vertrauens- und Freundschaftsverhältnis Raum gewinnen. Daß die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes zwischen Deutschland und England im Sommer 1911 nahegerückt schien, will keineswegs besagen, daß der bewaffnete Konflikt nur aufgeschoben, nicht aufgehoben sei. Es ist schon öfters dagewesen, daß die Diplomatie am Ende ihrer friedlichen Mittel und in die Notwendigkeit versetzt schien, der bewaffneten Macht die Fortführung der Auseinandersetzungen zu überlassen. Aber gerade die sichtbare Nähe dieses kritischen Momentes hat häufig genügt, die stockenden Verhandlungen wieder in Fluß zu bringen und zum friedlichen Ergebnis zu führen. Zu einem Ergebnis, das nicht nur für den Augenblick, sondern für die Dauer die gefährlichen Gegensätze beseitigt. Kriegswolken gehören zum Bilde des politischen Himmels. Aber die Zahl derer, die sich entladen, ist ungleich geringer als die Zahl der Wolken, die sich verziehen. Gleich schwere, wenn nicht schwerere Gefahren haben den Frieden zwischen England und Frankreich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts während der Juli-Monarchie bedroht und zeitweise auch in der Epoche des zweiten Kaiserreichs. Zwischen England und Rußland schien 1885 gelegentlich der Zuspitzung der afghanischen Frage der Krieg unvermeidlich. Alle diese bedrohlichen Wolken haben sich verzogen, ohne daß eine Entladung erfolgt wäre. Die Behandlung unserer Beziehungen zu England verlangt eine besonders feste und stetige Hand. Wir wünschen freundliche, ja freundschaftliche Beziehungen, aber wir fürchten die unfreundlichen nicht. Dem entsprechend muß sich Deutschland zu England stellen, das amtliche Deutschland sowohl wie die Nation selbst. Eine Politik des Nachlaufens ist so verfehlt wie eine Politik des Brüskierens. Das englische Volk, das politisch reifste aller Völker, würde sich durch keine noch so heiße Freundschaftsbeteuerungen von einmal als vorteilhaft erkannten Beschlüssen abdrängen lassen und in Freundschaftsbeweisen, denen nicht ein erkennbares Interesse zugrunde liegt, nur ein Eingeständnis unserer Schwäche sehen. Auf der anderen Seite ist ein stolzes und tapferes Volk wie das englische ebensowenig wie das deutsche durch offene oder versteckte Drohungen einzuschüchtern. Wir stehen heute, auf eine achtunggebietende Flotte gestützt, England gegenüber anders da, als vor 15 Jahren, als es galt, einem Konflikt mit England nach Möglichkeit so lange aus dem Wege zu gehen, bis wir unsere Flotte gebaut hatten. Damals stand unsere auswärtige Politik bis zu einem gewissen Grade im Dienst unserer Rüstungsfragen, sie mußte unter anormalen Verhältnissen arbeiten. Heute ist der normale Zustand wiederhergestellt: die Rüstung steht im Dienste der Politik. Die Freundschaft wie die Feindschaft des auf eine starke Flotte gestützten Deutschen Reichs haben heute für England naturgemäß einen anderen Wert als Freundschaft und Feindschaft des zur See ungerüsteten Deutschlands zu Ende der neunziger Jahre. Die Verschiebung des britisch-deutschen Kräfteverhältnisses zugunsten Deutschlands bedeutet für unsere auswärtige Politik England gegenüber eine große Entlastung. Wir brauchen nicht mehr darauf bedacht zu sein, sorgsam jede Verletzung unserer Sicherheit und Würde durch England zu verhüten, sondern wir dürfen, wie es deutscher Art gebührt, mit unserer Kraft für unsere Würde und unsere Interessen eintreten, England gegenüber zur See wie seit Jahrhunderten gegenüber den Mächten des Kontinents zu Lande. Wir müssen lange zurücksuchen in der deutschen Geschichte, [47] um eine gleiche oder ähnliche Veränderung der deutschen Machtstellung in der Welt zu finden.

Erfolge deutscher Weltpolitik.

Die deutsche Politik hat es verstanden, schon bevor sie sich eine starke Flotte geschaffen hatte, uns für unsere Weltinteressen zukunftsreiche Stützpunkte zu sichern. Unseren alten Kolonialbesitz haben wir entwickelt und gefördert. Der ernste Aufstand der Hereros in Südwestafrika wurde, wenn auch unter großen Kosten und schmerzlichen Opfern, dank der Zähigkeit und Bravour unserer Truppen in langen und mühsamen Kämpfen überwunden. Die Namen der Tapferen, die im afrikanischen Wüstensand kämpften und starben – ich nenne nur den Grafen Wolff-Werner von Arnim und den Freiherrn Burkhard von Erffa, die beide freiwillig hinüberzogen und drüben beide heldenmütig in den Tod gingen – verdienen es, in unserer Geschichte fortzuleben, denn sie haben bewiesen, daß unser Volk in langer Friedenszeit seine kriegerischen Tugenden nicht eingebüßt hat. Der südwestafrikanische Aufstand bezeichnete eine Krisis in unserer Kolonialpolitik, aber auch die Wendung zum Besseren. Durch die Reorganisation der Kolonialverwaltung, die Umwandlung der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts in ein selbständiges Reichsamt, vor allem durch die Erweckung eines lebendigen Verständnisses für unsere Aufgaben und Ziele auf kolonialem Gebiete gelang es während der Amtszeit des Staatssekretärs Dernburg, unsere Kolonialpolitik endlich über den toten Punkt wegzubringen. Es ging hier wie in der Flottenfrage. Unter großen Mühen und in langen Kämpfen ist es uns schließlich doch geglückt, alle bürgerlichen Parteien von der Nützlichkeit und Notwendigkeit einer positiven Kolonialpolitik zu überzeugen und sie für eine solche zu gewinnen. Gleichzeitig mit dem Beginn unseres Flottenbaues erfolgte im Herbste 1897 unsere Festsetzung in Kiautschou und einige Monate später der Schantung-Vertrag mit China, eine der bedeutsamsten Aktionen der neueren deutschen Geschichte, die uns unseren Platz an der Sonne in Ostasien gesichert hat, an den Gestaden des Stillen Ozeans, denen eine große Zukunft vorbehalten ist. Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts hatte sich Europa nur an der Peripherie des chinesischen Reichs betätigen können. Inzwischen hat sich auch dessen Inneres mehr und mehr erschlossen. Bei der Industrialisierung eines Riesenreichs von 400 Millionen Einwohnern, und fleißigen Einwohnern, ist viel zu gewinnen. Auf diesem unermeßlichen Feld dürfen wir nicht in das Hintertreffen geraten, sondern wir müssen unsere dortige Position behaupten und ausbauen. Der Ausgang des spanisch-amerikanischen Krieges bot uns 1899 die Möglichkeit, durch den Erwerb der Karolinen- und Mariannen-Gruppe einen Stützpunkt in Polynesien zu erwerben. Ein Jahr später gelang es, den langjährigen Streit um Samoa durch ein Abkommen mit England und Amerika in einer für uns vorteilhaften Weise zu beendigen. Im Jahre 1898 schlossen wir einen Vertrag mit England, der bedeutsam war, nicht nur weil durch ihn unsere Beziehungen zu England in einem eher schwierigen Stadium ohne Gefährdung unseres Verhältnisses zu anderen Mächten erleichtert wurden, sondern auch weil er uns für die Zukunft wertvolle Aussichten sicherte. Um das Zustandekommen dieses Vertrags, der um so [48] reichere Früchte versprach, je geduldiger wir warteten, bis für seine Realisierung der Augenblick gekommen war, der früher oder später kommen mußte, hatte sich der damalige Botschafter in London, Graf Paul Hatzfeld, besonders verdient gemacht, den Fürst Bismarck einst als das beste Pferd in seinem diplomatischen Stall zu bezeichnen pflegte. Das Bagdadbahnprojekt, das aus der im Herbst 1898, nur wenige Monate nach der Annahme der ersten Flottenvorlage unternommenen und in jeder Beziehung geglückten Kaiserreise nach Palästina hervorwuchs, eröffnete zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Persischen Golf auf den alten Weltströmen Euphrat und Tigris und längs ihrer Ufer deutschem Einfluß und deutschem Unternehmungsgeist Gebiete, die an Fruchtbarkeit und großen Zukunftsmöglichkeiten kaum zu übertreffen sind. Wenn irgendwo kann in Mesopotamien von unbegrenzten Aussichten gesprochen werden. Das Deutsche Reich ist heute nicht nur seinen wirtschaftlichen Interessen, sondern auch seinen weltpolitischen Machtmitteln nach eine Weltmacht geworden, eine Weltmacht in dem Sinne, daß der Arm deutscher Macht in die entferntesten Gegenden der Welt zu langen vermag, und nirgends ein deutsches Interesse ungestraft verletzt werden kann. Der Kreis deutscher Macht ist tatsächlich durch den Bau unserer Flotte über die Welt ausgebreitet, zum Schutz der über die Welt verbreiteten deutschen Interessen. Als ein Instrument nationalen Schutzes, als eine Verstärkung nationaler Sicherheit haben wir unsere Flotte geschaffen und sie anders nie verwandt.

Die Aufgabe, der neuen deutschen Weltpolitik das machtpolitische Fundament zu gewinnen, darf heute im großen und ganzen als gelöst angesehen werden. Gewiß ist das Deutsche Reich nur ungern als Weltmacht von denjenigen Staaten begrüßt worden, die jahrhundertelang gewohnt waren, die Fragen der überseeischen Politik allein zu entscheiden. Unser weltpolitisches Recht wird aber heute in aller Herren Länder anerkannt, wo die deutsche Kriegsflagge sich zeigt. Dies Ziel mußten wir erreichen. Es war gleichbedeutend mit der Schaffung unserer Kriegsflotte und konnte nur erreicht werden unter gleichzeitiger Überwindung erheblicher Schwierigkeiten sowohl auf dem Gebiete der auswärtigen, der internationalen wie der inneren, der nationalen Politik.

Während des ersten Dezenniums nach Einbringung der Flottenvorlage von 1897 hatten wir eine Gefahrzone erster Ordnung in unserer auswärtigen Politik zu durchschreiten, denn wir sollten uns eine ausreichende Seemacht und eine wirksame Vertretung unserer Seeinteressen schaffen, ohne noch zur See genügende Verteidigungsstärke zu besitzen. Unbeschädigt und ohne Einbuße an Würde und Prestige ist Deutschland aus dieser kritischen Periode hervorgegangen. Im Herbste 1897 brachte die „Saturday Review“ jenen berühmten Artikel, der in der Erklärung gipfelte, daß, wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, es übermorgen keinen Engländer gäbe, der nicht um so reicher sein würde und der mit den Worten schloß: „Germaniam esse delendam.“ Zwölf Jahre später erklärten zwei große und nicht besonders deutschfreundliche englische Blätter, daß die Stellung Deutschlands eine größere und stärkere sei, als sie seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck je gewesen wäre. Seit 1897 hatte sich eine bedeutsame Entwicklung vollzogen, die den Mitlebenden nicht immer zum Bewußtsein gekommen ist, die aber die Nachwelt erkennen und würdigen wird. Während dieser Jahre haben wir [49] durch den Bau unserer Flotte den vollen Übergang zur Weltpolitik vollzogen. Unser Aufstieg zur Weltpolitik ist geglückt. Wir haben uns von keiner Macht gegen die andere vorschieben lassen und für niemanden die Kastanien aus dem Feuer geholt. Durch unsere ruhige Haltung während des Burenkrieges haben wir der Erregung, die seit dem Krüger-Telegramm in England herrschte, die erste Schärfe genommen und England auch im weiteren Verlauf der Dinge keinen Anlaß gegeben, uns während des Baues unserer Flotte in den Arm zu fallen. Auf der anderen Seite ist es bei sorgsamer Pflege des Dreibundes nicht zu Zusammenstößen mit dem Zweibund gekommen, die die Fortführung unseres Flottenbaues aufgehalten hätten. Zwischen französisch-englischer Entente und Zweibund haben wir einen schmalen Weg gehen müssen, der schmäler wurde, als die französisch-englische Entente sich zur Triple-Entente weitete, und nur mit angestrengtester Vorsicht gangbar blieb, als England uns mit einem Netz von Bündnissen und Ententen umgab. Als endlich während der bosnischen Krise der internationale Horizont sich lichtete, als die deutsche Kontinentalmacht das Einkreisungsnetz zerriß, da waren wir mit unserem Flottenbau über das Stadium der Vorbereitung bereits hinaus.

Der Flottengedanke in Deutschland.

Neben den Schwierigkeiten der auswärtigen Politik gingen, wenn auch leichter überwindlich, Schwierigkeiten der inneren Politik. Es ist uns Deutschen nicht gegeben, spontan und freudig den Forderungen einer neuen Zeit entgegenzukommen. Goethe traf den Kern unserer Stärke, aber auch unserer Fehler, wenn er sagte, es sei der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer würden. Der sprichwörtliche Kampf zwischen der alten und der neuen Zeit ist in unserer Geschichte weniger als bei anderen Völkern unterbrochen worden, und jede irgend bedeutsame Phase unserer nationalen Entwicklung zeigt ihn immer wieder in ungebrochener Stärke. Wenn sich aber bei uns Neuerungen an stärkeren Widerständen zu reiben haben als anderswo, so ist unsere Entwicklung doch letzten Endes nie zu dauerndem Schaden aufgehalten worden. Wir können sogar sagen, daß die ständige Begleitung einer widerstrebenden Kritik uns Deutsche besser als manches andere Volk vor gefährlichen Neuerungen geschützt und uns den ruhigen Aufstieg, den sicheren Fortschritt gebracht hat, dessen wir heute froh sein dürfen. Das meinte Bismarck, wenn er einmal äußerte, die Regierenden in Deutschland bedürften des Stacheldrahtes der Kritik, der sie dadurch auf dem rechten Wege erhielte, daß sie Gefahr liefen, sich die Hände blutig zu reißen, wenn sie zu exzentrische Bewegungen unternähmen. Damit hat Bismarck natürlich nicht sagen wollen, daß die Kritik immer oder auch nur überwiegend im Rechte sei. Aber die Stärke der verneinenden Kräfte zwingt Ernst, Macht der Überzeugung und Kraft der Überredung einzusetzen und sich wirklich klar zu werden über die Notwendigkeit, neue Wege zu beschreiten. Wo es immer in Deutschland gelungen ist, die Volksmehrheit mit Einschluß anfänglich widerstrebender Kreise von der Notwendigkeit einer Sache zu überzeugen, da konnten wir erfahren, daß die neue, langsam gewonnene Überzeugung auch unlösbare Wurzel schlug.

Der Flottengedanke ist heute deutsches Allgemeingut geworden. Von den ausgesprochensten [50] Agrariern unter den Konservativen bis zum äußersten Flügel der bürgerlichen Demokratie gibt es in bezug auf unsere deutsche Flottenpolitik prinzipielle Gegensätze nicht mehr. Den grundlegenden großen Flottenvorlagen hatte sich der Freisinn bekanntlich versagt, er repräsentierte damals recht eigentlich den Widerstand der alten gegen die neue Zeit. Es war im Jahre 1900, als nach einer langen und bewegten Sitzung der Budgetkommission der Führer der Volkspartei, Eugen Richter, an mich herantrat und mir unter vier Augen sagte: „Sie werden es durchsetzen, Sie werden die Mehrheit für Ihre Flottennovelle bekommen. Ich hätte es nicht gedacht.“ In der Unterredung, die folgte, bemühte ich mich, dem in mancher Hinsicht hervorragenden Manne darzulegen, warum mir seine ablehnende Haltung gerade gegenüber der Flottenvorlage nicht verständlich wäre, denn deutsche Seegeltung sei während Jahrzehnten von der deutschen Demokratie gefordert worden, Herwegh habe der deutschen Flotte das Wiegenlied gesungen, und die ersten deutschen Kriegsschiffe seien im Jahr 1848 erbaut worden. Ich wies auch auf alle die Gründe hin, aus denen wir unsere Industrie und unseren Handel auf dem Weltmeere schützen müßten. Richter hörte aufmerksam zu und meinte schließlich: „Sie mögen recht haben. Ich bin aber zu alt, ich kann die Wendung nicht mehr mitmachen.“ Die von Eugen Richter prophezeite Wendung sollte bald eintreten. Die ablehnende Haltung der Volkspartei war weniger in Prinzipien, als in der allgemeinen parteipolitischen Lage begründet. Im Zuge der Parteipolitik war sie zu überwinden und ist in der Blockzeit überwunden worden.

Ein ergreifendes und unmittelbares Zeugnis für die Erkenntnis der aufdämmernden neuen Zeit hat der große siegreiche Antipode des Fortschrittführers, Fürst Bismarck, abgelegt. Wenige Jahre nach des Fürsten Rücktritt schlug ihm der ausgezeichnete Generaldirektor Ballin vor, sich einmal den Hamburger Hafen anzusehen, den Bismarck trotz der Nähe von Friedrichsruh seit langer Zeit nicht mehr besucht hatte. Herr Ballin führte den achtzigjährigen Fürsten nach einer Rundfahrt im Hafen auf einen der neuen transatlantischen Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie. Fürst Bismarck hatte noch nie ein Schiff von solchen Dimensionen gesehen. Er blieb beim Betreten des Riesendampfers stehen, sah lange auf das Schiff, die vielen umherliegenden Dampfer, die Docks und Riesenkräne, das mächtige Hafenbild und sagte endlich: „Sie sehen mich ergriffen und bewegt. Ja, das ist eine neue Zeit, – eine ganz neue Welt.“ Der gewaltige Reichsgründer, der unsere nationale Sehnsucht, der Deutschlands kontinentalpolitische Aufgabe erfüllt hat, erkannte an seinem Lebensabend mit dem nie befangenen Blick des Genius die Zukunft, die neuen weltpolitischen Aufgaben des Deutschen Reichs.

Druckfehlerberichtigung

  1. Druckfehlerberichtigung im 3. Band: lies: „staatsmännische“ statt „staatsmännchisen“.
  2. Druckfehlerberichtigung im 3. Band: lies „inattendu“ statt „inattendue“