Der Burschenschafter auf dem theologischen Lehrstuhl

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Titel: Der Burschenschafter auf dem theologischen Lehrstuhl
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29–31, S. 468–471, 488–491, 505–508
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Burschenschafter auf dem theologischen Lehrstuhl.
Eine Jubiläumshuldigung.[1]

Im Tübinger Ballhause, wo sich früher Samstag Abends die jüngeren Universitätslehrer zu treffen pflegten, sah man vor etwa fünfundfünfzig Jahren häufig zwei jugendliche Docenten der beiden theologischen Facultäten neben einander sitzen, in Gespräche über Vorzüge und Schattenseiten ihrer Kirchen vertieft. Der eine Dr. Adam Möhler aus dem württembergisch gewordenen Orte Mergentheim, ein feuriger Katholik, hatte sich damals mit voller Kraft auf das Studium der Systeme der protestantischen Theologen, vor Allem Schleiermacher’s, geworfen und glaubte aus ihnen mit wissenschaftlicher Folgerichtigkeit die innere Haltlosigkeit des Protestantismus, die Unmöglichkeit einer protestantischen Kirche erweisen zu können.

Der andere, Dr. Karl Hase, ein Sachse aus der Nähe des Erzgebirges, fand, obwohl Protestant und begeistert von der Heldengestalt Luther’s, doch eine besondere Lust daran, Glauben und Leben der katholischen Kirche, deren weltgeschichtliche Bedeutung er zu würdigen wußte, bis in’s Einzelnste kennen zu lernen, dessen gewiß, daß aus dem wissenschaftlichen und sittlichen Gesammtbewußtsein des Zeitalters die Nothwendigkeit des Protestantismus als ihres Gegensatzes von selbst hervorgehen müsse.

Das Nebeneinander katholisch- und protestantisch-theologischer Facultäten an einer und derselben Universität war damals noch neu in deutschen Landen und bestand ohne irgendwelche Trübung im collegialischen Verkehr; man hatte sich in den Jahren der Fremdherrschaft, welche die Zusammenwürfelung katholischer und protestantischer Landschaften und damit jene bedeutsame Universitätsreform, im Gefolge gehabt, vertragen gelernt. Und vielleicht fand Möhler bei seinem Gegner im Ballhause ein willigeres Ohr für seine theologischen Speculationen, als bei den meisten Autoritäten damaliger katholischer Wissenschaft, sicher aber fand Hase bei Möhler mehr Theilnahme, als bei den altväterischen Häuptern der Tübinger evangelisch-theologischen Facultät, die immer noch die Köpfe schüttelten, daß ein junger sächsischer Candidat, wo nicht von catilinarischer, doch von ungesicherter Existenz und jedenfalls sehr zweifelhafter Rechtgläubigkeit, es hatte wagen dürfen, mit nichts als dem leichten Ränzchen auf dem Rücken und den Hund zur Seite, in die schwäbische Universitätsstadt einzuwandern und hier, wo man nur von der Regierung besoldete Privatdocenten kannte, natürlich nur Inländer, es als Ausländer hatte durchsetzen können, bei der einzigen gläubigen Facultät Deutschlands als Privatdocent aufzutreten.

Die junge Universität aber hörte bei ihren Samstagzusammenkünften jene Beiden gern streiten, zumal sie sich inmitten der heiteren Umgebung immer wieder freundschaftlich zusammenfanden – höchstens, wenn der junge Dr. Autenrieth, der Sohn des Kanzlers, mit dem Worte in ihre Unterhaltung fiel: „Aber Möhler, heirathen darfscht doch nicht!“ wurde Möhler wehmüthig stille, und die Freunde flüsterten einander zu, daß er seinem Priesterthum eine tiefe Jugendleidenschaft geopfert hatte.

Zehn Jahre weiter – und Möhler, der stets den Geist der Duldung bewahrt, auch 1830 kein Bedenken getragen hatte, sammt den übrigen Mitgliedern der katholischen Facultät auf Einladung der evangelischen das Jubelfest der Augsburgischen Confession mitzufeiern, war durch seine „Symbolik“ und die ihretwegen mit den berühmtesten protestantischen Theologen ausgefochtenen Kämpfe der gefeiertste katholische Kirchenlehrer der Zeit, bis nach seinem frühen Tod (1841) die geistige Führerschaft in der katholischen Theologie auf seinen Freund Döllinger überging. Gleichfalls ein Jahrzehnt nach seiner Tübinger Begegnung hatte Hase mit seiner „Kirchengeschichte“ (1834), die, wie noch kein Werk auf diesem Gebiete, das Culturleben der Völker in weitestem Umfang in den Kreis geschichtlicher Betrachtung zog, auf einen Schlag seine Berühmtheit begründet. Fortan verbindet sich mit seiner Person der Begriff eines Mannes, der, wie nie vor ihm ein Protestant, den Geist der römischen Kirchenpolitik bis in die entlegensten Schlupfwinkel zu verfolgen verstand; und er hat später vor Allem in seinem „Handbuch protestantischer Polemik gegen die römisch-katholische Kirche“ das wissenschaftliche Waffenarsenal aufgespeichert, für den deutschen Culturkampf – der Moltke in der Geisterschlacht wider die römische Hierarchie.

Karl August Hase wurde am 25. August 1800 als der älteste Sohn des Pfarrers in Steinbach, an einem Abhang des Erzgebirges, geboren. Familienüberlieferung war, daß die Hases „von lauter Pfarrern“ stammen; in verschiedenen Zweigen, Pfarrer auf Pfarrer, hatten sie seit zwei Jahrhunderten in Sachsen und Thüringen geistliche Stellungen eingenommen. Bisweilen hatte wohl einer des Geschlechts den Ring durchbrochen, wie denn Karl Benedikt Hase, ein Vetter unseres Karl, in Jena 1802 die Theologie an den Nagel hing, mit wenigen Thalern nach Paris wanderte und sich dort allmählich zu einem der größten Sprachenmeister des Jahrhunderts herangebildet hat – von Napoleon dem Ersten bis Napoleon dem Dritten, dessen Lehrer er war, der Bewahrer aller handschriftlichen Schätze der Pariser Bibliothek. Indeß die meisten harrten im geistlichen Berufe aus. Auch unserm Hase, dessen Vater und Großvater Pfarrer im Patronate des Grafen von Einsiedel, dessen Mutter eine Pfarrerstochter aus

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Die Gartenlaube (1880) b 469.jpg

Dr. Karl Hase.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Windischleuba, wird bei seiner Geburt in den Pathenbrief geschrieben: „Folge dem Beispiel Deines Vaters und verkündige einst die Lehren des göttlichen Heilands.“

Aber der kleine Karl steht erst im dritten Jahre, als der Vater stirbt; jedes Kindes Erbtheil beträgt – fünfzig Thaler.

„Sorgen Sie für meine Frau,“ hatte der Scheidende zu seinem Amtsnachbar gesagt; „und meine Kinder? Nun, Gott ist groß und die Welt ist überall.“

Ein Freund des Hauses, Gerichtsdirector Dienemann in Penig, nimmt das Knäbchen als Pflegekind in’s Haus, und so geht es ihm einige Jahre gut. Aber schon wirft der Weltkrieg auch hierher seine Schatten. Ein Sohn Dienemann’s, Buchhändler in St. Petersburg, hat unvorsichtiger Weise Exemplare von Bülow’s „Feldzug von 1805“ ausgelegt, das Geschäft wird ihm deshalb mit barbarischer Strenge confiscirt, der Vater verbürgt sich bei seinen Gläubigern und wird plötzlich von der großen Buchhandlung Breitkopf und Härtel in Leipzig mit Wechselarrest belegt. Als der Bevollmächtigte derselben in das Haus tritt, sitzt da ein armer um Gotteswillen ernährter Junge, der nicht ahnt, daß er einst Mitbesitzer dieser Firma werden und daß dieselbe seine Werke drucken soll.

Für’s Erste war sein Glück gestört. Ein Onkel in Altenburg nimmt ihn in’s Haus, wo er von einer launischen Cousine viel zu leiden hat, zum Lernen die Lust verliert und als ein kleiner Nichtnutz gilt. Bald stirbt der Onkel, das Hauswesen löst sich auf, die Cousine verabschiedet den kleinen Vetter: „ Siehst Du, nun ist der [470] Vater todt; hättest Du etwas gelernt, so wärst Du was, so ist nichts aus Dir geworden!“ Die Mutter, wieder verheirathet, sucht ihn doch in Altenburg zu halten, wo er das Gymnasium besucht, bei einem Fleischer, dann bei einem Gensd’arm auf die Stube quartiert; einmal, im Herbste 1813, hat er mit zwei andern Schülern zusammen ein Stübchen gemiethet, als – nach der Schlacht bei Leipzig – Altenburg von Soldaten überschwemmt und auch ihnen eine Einquartierung von zwei Mann angesagt wird, deren Ernährung ihnen so unmöglich erscheint, daß alle Drei davonlaufen, Jeder in seine Heimath. Zurückgekehrt, übersteht Hase das Nervenfieber, an welchem sein in den Lazarethen beschäftigter Stiefvater stirbt. Die Mutter ist wieder hülflos; dennoch hat sie den Muth, den Sohn auf dem Gymnasium zu lassen – sie denkt ihn sich als zukünftigen Pfarrer in Steinbach. Sie hofft auf den Grafen von Schönburg, zu dessen Söhnchen, Erbgraf Alban, Karl als Gespiele zugezogen worden; auch setzt bald darauf der Graf, bei seinem Tode ihm fünfzig Thaler als jährliches Stipendium aus, und so ist es ihm vergönnt, das Gymnasium zu durchlaufen, das damals unter dem berühmten Matthiä in Blüthe stand. Hase gehört bald zu Matthiä’s Lieblingen, lernt correct lateinisch sprechen und schreiben, wenn es gleich „kein römischer, sondern Hasischer Stil ist“, und vertieft sich mit Vorliebe in die griechische Dichtung, besonders in Sophokles. Aber er wird auch in die deutsche Literatur eingeführt. Eine angeborene künstlerische Anlage macht sich geltend; der Aufenthalt in Dresden, wo sein Oheim, der Kriegsrath Hase lebt, der Herausgeber eines Musenalmanachs, giebt ihm die erste Ahnung von bildender Kunst und erfüllt ihn mit heftiger Sehnsucht nach Italien, und es reifen dichterische Neigungen in ihm: beim Reformations-Jubiläum 1817 tritt er im Schulactus mit einer selbstgedichteten Ode auf; er wagt sich an die Composition eines Dramas „Coriolan“; ein anderes, „Die Wage“, versucht den tragischen Wendepunkt im Schicksal des Hauses Oranien darzustellen – er ist auf die Kniee gefallen, als er es begonnen, und hat Gott um Beistand gebeten. Fest glaubt er an seinen Dichterberuf, und die Zeit war ganz dazu angethan, diesen idealen Schwung zu nähren. Es hatte ihn geschmerzt, als er reifere Mitschüler 1815 als Freiwillige in den Krieg ziehen sah, daß er zu jung für jene große Zeit; es erschütterte ihn, als sein geliebtes Sachsen durch Theilung verstümmelt wurde, und er nahm herzlichen Aerger an dem „preußischen Kukuk“ – alles das wies auf das größere Vaterland. Wie entzückte ihn da die Nachricht von der Stiftung der deutschen Burschenschaft, vom Wartburgfest, von künftigen allgemeinen Burschentagen! Jenseits aller Stammesunterschiede und des Zwiespalts der kirchlichen Bekenntnisse wollte die Jugend festhalten am gemeinsamen deutschen Vaterlande. Er hatte damals mit zwei Mitschülern, erlesenen Jünglingen, einen Freundschaftsbund für das Leben geschlossen, mit dem tiefsinnigen Ferdinand Herbst und dem heldenkühnen Robert Müller[2]; griechische Lebensherrlichkeit wollten sie mit christlicher Gläubigkeit und vaterländischer Gesinnung verbinden. Auf einer etwas hochgelegenen Wiese zwischen Altenburg und Zeitz weihen sie ein Plätzchen als ihren Lieblingsaufenthalt, und ahnungsvoll hat sich’s erfüllt im Leben, was Jeder nach dem Anfangsbuchstaben seines Vornamens als Sinnwort in eine Erle schnitt: Fides, Constantia, Robur (Treu’ und Glaube, Beharrlichkeit, Kraft). Wir haben es mit dem Manne der Constantia, der Beharrlichkeit zu thun, deren er dringend bedurfte. Denn im Begriff, die Universität zu beziehen und nur auf die fünfzig Thaler des Grafen Schönburg gestellt, sah er „einiger Hungersnoth“ entgegen.

Ohne besondere Neigung zur theologischen Wissenschaft, dachte er doch, den Wünschen der Mutter gemäß und weil eine Landpfarrei ihm das glückliche Eiland zur Ausführung seiner dichterischen Pläne dünkte, das theologische Studium aufzunehmen. Aber der Pflegevater Dienemann, in dessen Hause er die Ferien verlebte, widerrieth: „Ein Theolog muß entweder heucheln oder verkümmern.“ Der angehende Student freute sich auf nichts so sehr, wie auf die Burschenschaft – der Pflegevater wußte nicht Worte genug der Zunge zu finden, um auf die unreifen Burschen zu schelten, die „ohne politische Kenntnisse über vaterländische Verhältnisse urtheilen wollen“.

Wirklich läßt sich Hase als Jurist in Leipzig einzeichnen und hilft seinem Pflegevater die Ferien über in dessen Expedition, wobei ihn dieser mit dem processualischen Formwesen gründlich bekannt macht, allein eben dadurch ihm die Rechtswissenschaft verleidet. Der Student der Rechte geht im Herbst 1818 nach Leipzig, um Theologie zu studiren.

Aber trübe genug lag’s auf seinen ersten Semestern; er hat lange einen Dolch bei sich getragen, für den Fall, daß es zu trübe komme. Er gehörte zu den sogenannten „Paulinermusen“, jenen in die Zellen des Paulinums für wenige Thaler aufgenommenen Studenten mit einem Stübchen, dahinein nie die Sonne geschienen. Auch hat er in seiner Armuth nie ein Collegienhonorar bezahlen können. In die Burschenschaft kaum eingetreten, hat er wieder austreten müssen, weil das schwarz-roth-goldene Band jede Unterstützung, deren er dringend bedurfte, zu vereiteln schien. An den theologischen Vorlesungen findet er keinem Geschmack; während der berühmte Hofrath Beck seine lateinische Gelehrsamkeit über die Korintherbriefe auskramt, schläft er regelmäßig ein. Seine Lieblingsbeschäftigung bleibt das Studium der Dichter, namentlich Goethe’s und Jean Paul’s, für den er besonders schwärmt. Um für die erwählte Wissenschaft doch etwas zu thun, liest er für sich das neue Testament griechisch und schreibt eine lateinische Auslegung dazu, und dies begeistert ihn zu einem Epos „Der Glaube“. Aber als er, um ein Urtheil über seinen Dichterberuf zu haben, anonym sein Trauerspiel: „Die Wage“ an Müllner, der damals für den ersten Dramatiker galt, gesendet und von diesem sehr ermunternde, doch keinen besonderen Erfolg verheißende Worte als Kritik erhalten, auch mit seinem kleinen Epos bei einer Preisbewerbung nicht die erwünschte Anerkennung gefunden hat, entsagt er für’s Erste der Poesie und wirft sich auf Philosophie. Er studirt Kant und Fichte, und namentlich die Bekanntschaft mit den Werken des Letzteren, die im Freiheitskriege so Viele zu Todesmuth begeistert, läßt ihn eine sittliche Erstarkung gewinnen, die entschlossen ist, alle Beschwerden der Armuth zu ertragen und sich ganz in den Dienst des vaterländischen Gedankens zu stellen.

Die Burschenschaft war seit der Sand’ischen That, die auch in Leipzig ungeheuere Erregung hervorrief, verfolgt; sehr im Stillen bestand sie weiter, aber gleich der erste deutsche Burschentag war nicht zu Stande gekommen. Jetzt tritt Hase in die aufgegebene Verbindung zurück, entschlossen, alle Gefahren mit ihr zu theilen; bald gehört er zu ihren Vorstehern und zu ihren ersten Rednern. Damit das Band zwischen allen deutschen Burschenschaften erhalten bleibe, läßt er sich die Mission zu einer Rundreise an die deutschen Universitäten, soweit sie Burschenschaften in ihrem Schooße beherbergen, ertheilen, verkauft, was er hat, und tritt mit fünf in den Hosenträgern eingenähten Goldstücken die Reise an. Er wandert durch das Oster- und Voigtland, in der durch ihn und neuerlich durch Heinrich Ranke’s „Jugenderinnerungen“ berühmt gewordenen Wunnerlich’schen Papiermühle bei Hof idyllische Rasttage haltend. Ueber Erlangen geht’s nach Tübingen und Stuttgart, dann über Heidelberg nach Bonn und zurück über Würzburg und Jena. Als in der Maingegend das letzte Goldstück aus dem Hosenträger geschält ist, quartiert er sich bei den katholischen und protestantischen Pfarrern am Wege als „Bettelstudent“ ein und hat auch da keine Noth gelitten. Es sind die mächtigsten Eindrücke vom schönen Vaterland, die nun auf der Jünglingsseele lagen, er liebt es fortan wie eine Braut. Kaum nach Leipzig zurückgekehrt, pilgert er, nichts als ein Schnupftuch in der Tasche, nach Berlin und besorgt auch hier seinen Auftrag; auf sämmtlichen Universitäten nimmt man, trotz der Mainzer Untersuchungscommission, die Einladung zu einem Burschentag in Dresden mit Freuden am. Um die Dresdner Polizei zu täuschen, tagen sie in einem Gasthof der Polizei gegenüber, Hase mit seinem Freund Herbst als Deputirte der Leipziger Burschenschaft, begleitet von dem dritten im Bunde, Robert Müller, dem Heros des Fechtbodens; auch die Söhne des Fürsten Schwarzenberg, des Siegers von Leipzig, sind als Mitglieder der Burschenschaft zugegen. Mit diesen – der eine ist nachmals der „Landsknecht“ des Sonderbundes geworden! – wandert Hase, zurück; der Weg der Brüder führt sie an das Todtenbett ihres Vaters, dem unser Dichter einen poetischen Nachruf widmet, wie er bald darauf den aus dem burschenschaftlichen Kreise scheidenden Freunden, die das spätere Leben ihm weltenweit entfremdet hat, als Vorstand der Burschenschaft einen Abschiedsgruß, dichtet.

So gewinnt die verpönte Verbindung ein neues Leben. Um aber dem Vorwurf, daß ihre Mitglieder unbekümmert, um die [471] nöthigen politischen Kenntnisse politisiren, ein für alle Mal zu entgehen, hat er in jenen Semestern in eifriger Benutzung der Bibliothek des Professor Pölitz alle bedeutenderen politischen Werke von Macchiavelli bis zur neuesten Zeit gelesen oder durchmustert und den geistigen Ertrag den Genossen mitgetheilt. Eine Sammlung von seinen Reden im Burschenhause bringt er zu Papier, und in allen kehrt die Mahnung wieder, wissenschaftliche Bildung und thatkräftige Gesinnung zu vereinen: „nicht Buchgelehrte, sondern Männer braucht die Zeit“. Freilich ist diese seine Thätigkeit seinem theologischen Studium nicht eben günstig gewesen. Mit den Professoren ist unser Studiosus kaum in nähere Berührung gekommen, außer wenn sie über ihn zu Gericht saßen. Nur Tzschirner, damals der Wortführer des freisinnigen Protestantismus und glühender Patriot, hat ihn durch seine festliche Kanzelberedsamkeit gewaltig angezogen, und für des gelehrten und klugen Winer’s Art hatte er nachhaltige Sympathie und erkannte in ihm sein Vorbild für künftige Studien. Aber die Reisen und die Leitung der Burschenschaft hatten ihn dem Collegienbesuch ziemlich entfremdet, die letztere, den Behörden nicht unbekannt geblieben, ihn verdächtigt. Carcer und Wegweisung von Leipzig waren die Folge. Als man auf sein Bitten nach Jahresfrist in Dresden die Wegweisung zurücknahm, hat dennoch der Leipziger Senat auf ihr bestanden: der Zurückkommende – so machte man geltend – würde doch wieder in die alten Verbindungen treten. Er hatte sich im Uebrigen gleich am Schlusse des ersten Semesters mit Glück als Prediger versucht und war als solcher in der Heimath und in vielen Pfarrhäusern gerühmt; die Leipziger Professoren freilich haben ihm damals wenig zugetraut, und Niemand hat seine künftige Bedeutung geahnt.

Der Weggewiesene hatte sich Ostern 1821 nach Erlangen gewendet und war hier, wo unter dem biederen König Max die Burschenschaft sich noch frei bewegen durfte, als Märtyrer derselben ehrenvoll aufgenommen, ja sofort einstimmig als ihr geborenes Haupt anerkannt worden. Bei der scherzhaften Stiftung eines Kaiserreiches mit vollständigem Apparat der Reichsämter, bis auf den Reichsnachtwächter herunter, ist er, wie billig, zum Kaiser gewählt worden und hat als „Karl der Rothbart“ über Jahr und Tag regiert; ein „Fastnachtsspiel“, das an diesem Hofe 1822 aufgeführt wurde, ist seine erste Druckschrift. Bei dem berühmten Auszuge nach Altdorf war er der Staatsmann der Burschenschaft, der Alles leitete und mit den Behörden unterhandelte. War der zweite Burschentag in Streitberg, auf dem er mit Eisenmann, dem Freiherrn von Rotenhan, Julius Stahs und Anderen zusammentraf, ohne Störung verlaufen, so war’s zum guten Theil sein Werk. Dann aber brachte der heimlich auf Karl Follen’s Anregung gestiftete „Jünglingsbund“, der den Geheimbünden Italiens nachgebildet war und auf der Illusion beruhte, es stehe ihm ein über ganz Deutschland verbreiteter Männerbund zur Seite, einen Riß in die Burschenschaft. Hase, allmählich eingeweiht und ohne Vertrauen zur Sache, auch allem revolutionären Wesen und Allem, was nach Verschwörung aussah, herzlich feind, ließ sich doch bereden, einzutreten, bis er auf dem dritten Burschentag in Würzburg seinen Austritt anzeigen ließ.

Inzwischen hatte er schöne Tage in Erlangen gesehen; ein ungleich frischerer Geist herrschte hier, als in dem zopfigen Leipzig. Baiern erfreute sich in noch ungetrübter Glorie seiner Verfassung, mit Katholiken und Protestanten aus den verschiedensten reichsständischen Territorien saß Hase traulich zusammen, Alles schwärmte für Kaiser und Reich. Er lernt, zumal in Nürnberg, das ehemals reichsstädtische Leben kennen, wandert nach München und Tirol, wo ihm Andreas Hofers Tochter ein Band an die Mütze näht und ein Wegweiser „Nach Italien“ die alte Sehnsucht erneuert. Bildungsmomente aller Art treten an ihn heran, wie er denn eifrig Nationalökonomie und selbst Landwirthschaft gehört hat.

Für ihn das Wichtigste war der Aufenthalt in Gotthilf Heinrich Schubert’s Hause. Der Patriarch der Altgläubigen, jener frommen Gemeinde, die sich über ganz Deutschland erstreckte, nahm sich in seiner unendlichen Gutmüthigkeit des jungen Landsmannes von Herzen an, gern des Glaubens, daß seine damalige religiöse Anschauung nur ein „Durchgangspunkt“ sein werde. In Schubert’s Nähe eine Stunde gewesen zu sein, mache Einen mindestens für einen Tag besser – dies Studentenwort fand Hase bewährt: eine solche Kindlichkeit des Wesens, eine Reinheit und Hoheit der Gesinnung, wie bei diesem so ganz altkirchlich gerichteten Manne war ihm kaum je noch begegnet.[3] An Selbstlosigkeit hat Schubert wohl nie seines Gleichen gehabt. So kaufte er einem armen brauberechtigten Erlanger, dessen Bier mißrathen war, dasselbe ab und trank es mit seinen jungen Freunden, damit der Mann nicht zu Schaden komme, und bei dem Auszuge der Studenten nach Altdorf sendete er Hase einige hundert Gulden mit den Worten: „Es wird Euch an Gelde fehlen, ich hab’s geborgt, sorgt, daß ich’s dereinst wieder bekomme.“ Durch Schubert wurde Hase mit Schelling bekannt, dem „großen Philosophen“, wie er allgemein in Erlangen genannt wurde, und hörte dessen berühmte Ferienvorlesungen. In solcher Umgebung trat er auch der Theologie näher, „würgte“ sogar hebräische Psalmen hinter, vor Allem ging ihm ein Licht auf über seine theologische Bestimmung. Winer und – Schubert standen ihm vor Augen, rücksichtslose Forschung – und Vermittelung ihrer Ergebnisse mit dem christlichen Gefühl, das wurde die Aufgabe, an der er jetzt zu arbeiten beschloß und zu arbeiten begann.

Noch hat er es nur auf eine Landpfarrei abgesehen, denn dichterische Entwürfe, wie ein Roman „Die Troubadours“, beschäftigen ihn noch immer. So gilt es denn, in Dresden das Examen zu bestehen. Aber die Meldung zum Examen hatte ihre Schwierigkeiten: daß er ein aus Leipzig relegirter Student war, durfte in Dresden auf keinen Fall zur Sprache kommen. Zum Glück war durch das Ableben des Prorectors in Erlangen sein Leipziger Zeugniß verlegt worden, und man gab ihm, dasselbe „in bester Voraussetzung nehmend“, ein günstiges Abgangszeugniß in Erlangen. Zwar kommt in letzter Stunde vor seinem Scheiden die Kunde vom Dresdener Burschentag an die Behörden, er hat eine scharfe Untersuchung zu bestehen und wird polizeilich ausgewiesen. Doch in höchstem Ansehen bei Professoren, Bürgern und Studenten, scheidet er unter dem Ehrengeleite der Letzteren voll herzlicher Dankbarkeit für die ihm so liebgewordene Stadt. Die Hoffnung, in Baireuth sich einige Tage für das Examen vorbereiten zu können, wird durch sofortige Ausweisung vereitelt. Er eilt in die Heimath, von da nach Dresden. Nicht glänzend, aber doch genügend hat er das Candidatenexamen bei dem Oberconsistorialrath Ammon bestanden, ohne daß Bedenken wegen des fehlenden Leipziger Zeugnisses aufgetaucht wären.

Aber was nun? Schon in Erlangen hatte ihm der übergläubig gewordene junge Graf Schönburg das Stipendium von fünfzig Thalern entzogen, und selbst den Koffer hatte er dort lassen müssen. Die kleinen Gläubiger regen sich, die Geldklemme ist groß. Er meldet sich zu einer Pfarrei bei dem Grafen Einsiedel, dem Patron, seines Vaters, G. H. Schubert empfiehlt aus dem Vollen – aber er wird als zu jung abgewiesen. Er gedenkt als Lehrer nach Paris zu gehen und wendet sich an seinen berühmten Vetter; der antwortet, deutsche Lehrer seien in Frankreich, was Polnische in Deutschland. Alles schlägt fehl. Seine Schwester verkauft ihr einziges Schmuckstück und legt ihm die dafür errungenen acht Thaler auf den Tisch: „Suche Dir damit zu helfen; was ich vermöbelt habe, das habe ich nicht gebraucht.“ Er geht nach Leipzig, um aus einem in Erlangen verfaßten theologischen Werkchen ein Stück Geld herauszuschlagen – jeder Buchhändler weist ihn höflich ab. Zum letzten Male umarmt er im Carcer seinen heroischen Freund Robert Müller, der einen Gegner im Duell erschossen hat. Als er vernimmt, daß Professor Winer, den er so hoch hält, nach Erlangen berufen ist, aber noch mit der Annahme schwankt, eilt er zu ihm, lobt Erlangen so von Herzensgrund, daß Winer sofort annimmt, und wird dadurch unbewußt zum Ehestifter, während er selbst, in ärmster Armuth umherirrend, von der Geliebten seiner Jugend, die nicht den Muth hat, sich dem Flüchtlinge anzuvertrauen, für immer Abschied nehmen muß. Tief unglücklich hat er einen Entschluß gefaßt: mit den fünfzig Thalern väterlichen Erbes, die zusammenzubringen der Mutter herzlich sauer wird, verschwindet er aus Sachsen; Niemand ahnt, wohin.

[488] Hase traf 1823 in Tübingen ein. Auf dem Wege dahin hat er die Nächte über in Dorfschenken auf einer Streu gelagert, und seine erste Wohnung in der Neckarstadt, ein von einem Freunde nur für dessen Gepäck gemietheter Raum, den ihm derselbe überließ, ist etwas „hundestallmäßig“. Der Prälat von Bengel, der erste Professor der Theologie, dem er sich vorstellt, hat nicht den Muth, für ihn bei der Universitätsbibliothek zu bürgen, damit er sich dort Bücher leihen kann. Indessen geht der Flüchtling den Cultusminister in Stuttgart, von Schmidlin, an, sich habilitiren, das heißt das Recht zur Abhaltung von Vorlesungen erwerben zu dürfen – ein unerhörter Fall, da die freie Habilitation in Tübingen ganz unbekannt geworden war. Nach langem Erwägen giebt man nach. Er läßt sich examiniren, promovirt, was sein bischen Vermögen fast verschlingt, und disputirt. Zum Glück kommt gerade Professor Winer auf einer Durchreise an, wohnt der Disputation bei und betrachtet Hase als seinen Schüler; das wirkt auf [489] die schwäbischen Professoren, die Winer’s Gelehrsamkeit bewundern. Allmählich fassen die Schwaben Vertrauen zu ihm, selbst der Kanzler von Autenrieth wird sein entschiedener Gönner, und der Präsident des obersten Gerichtshofes vom Schwarzwaldkreise, der damals die Vertretung des Criminalrechts an der Universität übernommen, liest ihm sein Heft über Criminalrecht vor. Wurm, der nachmals so berühmte Staatsrechtslehrer in Hamburg, den er sein „schwäbisches Schatzkästlein“ tauft, und Wilhelm Hauff, der frühvollendete Dichter, nächst ihnen Wächter, Robert Mohl, Paul Pfizer wurden unter den jüngeren Schwaben seine Freunde. Eine immerhin ansehnliche Studentenschaar hörte seine Vorlesungen. Bald fühlte er sich so heimisch in Tübingen, daß er gern für immer hier geblieben wäre.

Als er von Stuttgart mit der Gewißheit, seinen Habilitationsplan ausführen zu können, in einer schönen Frühlingsnacht nach Tübingen zurückreiste, stand ihm plötzlich seine Lebensaufgabe in Gestalt eines kleinen Romans vor der Seele, den er in glücklichen Stunden rasch vollendete und „Des alten Pfarrers Testament“ betitelte. Das Büchlein, alsbald gedruckt, zündete wenigstens in den schwäbischen Kreisen. Was hier ahnungsvoll angedeutet war, entschloß er sich voll jugendlicher Kühnheit in zwei größeren Werken auszuführen. In einem „Leben Jesu“ wollte er – der erste, der das versuchte – ein streng kritisches Lebensbild des religiösen Genius, dem achtzehnhundert Jahre hindurch Glaube und Anbetung der Gemeinde in wechselnder Gestalt gegolten, für die religiöse Gemeinde des neunzehnten Jahrhunderts zeichnen. In einer „Dogmatik“ oder Glaubenslehre beabsichtigte er den Tiefsinn der alten Kirchenlehre mit dem geistigen Licht der Gegenwart zu beleuchten.

So waren zwei ungeheuere Stoffe auf seine Seele gelegt, und es handelte sich nun um die Muße zur Bearbeitung. Aber längst waren die Zeichen da, die eine finstere Zeit in Deutschland ankündeten. Mit dem Beginn des Jahres 1824 häuften sich die Verhaftungen ehemaliger Burschenschafter und sonstiger Vaterlandsfreunde. Hase selbst, als er in Augsburg seinen Freund Herbst besuchen wollte, der ihm nach Süddeutschland gefolgt war, wurde dort ausgewiesen – Herbst war bereits ausgeliefert. In Tübingen dachte man für’s Erste an keine Verfolgung, noch war Wangenheim (vergl. „Gartenlaube“ 1873, Nr. 14) Bundestagsgesandter. Doch eine Zigeunerin weissagt Hase bereits: „Glück und Unglück liegen bei Dir noch im Streite, Du wirst aber bald erhöht werden.“ Und wirklich wird er – der Anstoß kam von außen – kurze Zeit später aus seinem Wirkungskreise gerissen und auf die Festung Hohenasperg abgeführt.

Der Jünglingsbund war verrathen worden. Wie Hase, so befanden sich alle schwäbischen Mitglieder – darunter Kolb und Mebow, die nachmaligen Redacteure der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“, Rödinger und Tafel, die späteren Parlamentsdeputirten – auf der Festung, und ein carrierebegieriger Assessor von Prieser aus Eßlingen inquirirt frisch drauf los. Es hilft Hase nichts, daß er nachweisen kann, nie mit den schwerwiegendsten Paragraphen des Bundes einverstanden gewesen und aus diesem bald ausgetreten zu sein; bei seiner Weigerung, Mitschuldige zu nennen, die ihm sogar Wochen lang ein härteres Gefängniß, als das für Diebe und Mörder übliche, einbringt, wird er als gravirt betrachtet. Ein von Berlin ausgehendes Druckstück über den hochverrätherischen Bund nennt unter den „lasterhaften Verbrechern“, die der Nation zum Abscheu hingestellt werden, auch seinen Namen. Da hat er in der Einsamkeit des Kerkers – Papier und Schreibzeug waren am Studium des Spinoza, das mit der Lectüre Walter Scott’s abwechselte, Trost gefunden. Erst als das Urtheil über Hase und seine Genossen gefällt war, das ihn selbst zu Entsetzung von seinem Lehramt und zu mehrjähriger Festungshaft verurtheilte, umwanden sich die Ketten der Gefangenen, die nun frei unter einander Verkehren durften, mit Rosen. Die „Gogs auf dem Aschberg“ wie die schwäbischen Bauern die gefangenen Demagogen hießen, erfuhren allseitig die Sympathieen der Gebildeten, und der Verfasser von „Des alten Pfarrers Testament“ erfuhr sie doppelt. Allen gemeinsam senden die Liberalen des Landes ein Faß Wein nach dem andern, sodaß sie stets einen hübschen Vorrath haben. Wenn sie dann aus einem eichenbekränzten Fasse in einer Grotte lustig drauf los zechen, liest ihnen Rödinger, der in Jena studirt hat, sein Heft von Luden’s Geschichte der französischen Revolution vor. Allwöchentlich sendet der Altvater der württembergischen Liberalen, der treffliche Schott, der häufig mit Frau und Tochter die jungen Märtyrer besucht, an Hase eine runde Magenwurst und andere Gaben. Die schwäbischen Buchhändler schicken Bücher und zahlen Honorar voraus. Hase schreibt jetzt eine anonyme Schrift „Die Proselyten“, eine alte Sage behandelnd, nach welcher zwei Brüder, der eine Protestant, der andere Katholik, sich wechselseitig zu bekehren suchen und zwar mit solchem Erfolg, daß der Protestant Katholik und der Katholik Protestant wird – ein für Hase charakteristisches Thema. Andere Schriften hat er hier entworfen. Das „Leben Jesu“, von dem der Buchhändler Cotta schon einen Bogen gedruckt, giebt er für’s Erste auf, um wenigstens die „Dogmatik“ zu vollenden. Plötzlich wird er auf ein eingereichtes Gesuch vom König begnadigt, nur daß ihm Tübingen verboten wird. Nassen Auges nimmt Hase von dem liebgewordenen Schwabenlande Abschied und denkt: „Sie haben Dich von drei Universitäten fortgejagt, nun sollen sie Dich an drei berufen.“

So muß er wieder nach Sachsen zurück, wo damals unter dem allmächtigen Minister Einsiedel die Reaction ganz anders Boden gewonnen hatte, als in Schwaben. Er sieht Mutter und Schwestern wieder, deren Freude, von Tübingen aus über den Verschwundenen so viel Gutes zu erfahren, durch die Gefangenschaft arg getrübt worden war. Um unter den Augen der Behörden und in der Nähe einer großen Bibliothek zu leben, zieht er nach Dresden: aber sobald die Polizei davon Kunde erhält, wird er ausgewiesen; auch das glänzendste Zeugniß der Tübinger theologischen Facultät rettet ihn nicht: Da wendet er sich direct an den Minister Grafen Einsiedel, dem ja sein Vater und Großvater so treu gedient und dem ihn vor drei Jahren Schubert so warm empfohlen. Nicht ohne die Ermahnung, „nie zu vergessen, daß die Philosophie eine Magd der Theologie sein müsse, und sich ja nicht wieder um Politik zu bekümmern, wovon er nichts verstehe“, hat ihn dieser aus den Krallen der Polizei errettet. Aber die ängstlichen Sachsen weichen ihm aus, und nur in nächtlicher Stille hat ihn Frau Elise von der Recke, die Freundin Tiedge’s, die ihn kennen zu lernen wünschte, empfangen mögen.

Er lebt in tiefer Stille von den Honoraren der schwäbischen Buchhändler, anonym vielerlei schreibend. Ein glänzend abgefaßtes Werkchen „Vom Justizmord“, das die Unchristlichkeit der Todesstrafe zu erweisen versucht, macht in den höchsten Kreisen Dresdens Sensation; selbst Prinz Friedrich August, der nachmalige König, ladet ihn zu sich nach Pillnitz, und Ludwig Tieck’s Cirkel und mancher andere steht ihm nun offen. Mittlerweile ist die „Dogmatik“, die in Dresden gedruckt wird, vollendet. Der hochgebildete Ammon, dem Minister Einsiedel gegenüber kleinlich feige, hat als Censor Berge von Bedenken. Selbst der Setzer macht zu einer Stelle in Hase’s Manuskript die Anmerkung: „Diese Stelle wird die Censur wohl nicht passiren!“ So erscheint denn das Schubert und Winer zugeeignete Werk, die erste größere Geistesthat des Verfassers, im Herbste 1826 mit den offenen Wundmalen der Censur, deren Striche Hase nicht ausgefüllt hatte. Als er kurz darauf Ammon fragt, ob er sich nun um eine Pfarrstelle bewerben dürfe? und die Antwort empfängt: „Wenn Sie nur nicht die ,Dogmatik’ geschrieben hätten!“ – entgegnet er bitter: „Da hätte ich die Pfarre allerdings wohlfeiler haben können.“ Ammon räth, er soll nach Leipzig gehen und sich dort habilitiren.

Er geht nach Leipzig. Da er den überängstlichen Professoren immer noch als der weggewiesene Student gilt, will er sich vor der Habilitation, durch ein lateinisch geschriebenes Kirchenrecht der katholischen wie der protestantischen Kirche in Leipzig zünftig machen und lebt einstweilen in tiefer Verborgenheit. Inzwischen wird Ostern 1827 vom Minister Einsiedel der Professor Hahn aus Königsberg berufen, um das, was Einsiedel Christenthum nennt, in Leipzig zu lehren. Der tritt seine Professur mit einer Disputation an, in der er die Behauptung vertheidigt: die Rationalisten seien aus der Kirche auszuschließen. Und dabei war der Rationalismus, die etwas spießbürgerliche Freisinnigkeit jener Tage, die eigentliche Glaubensrichtung der deutschen Bürger! Professor Krug und Andere opponiren heftig, die ganze Stadt nimmt an der Sache Theil. Hase wirft anonym ein Schriftchen dazwischen: „Die Leipziger Disputation“, in welcher er mit vernichtender Schärfe das Unprotestantische jener Behauptung darthut. Er wird bald errathen und ist mit einem Schlage bei Bürgern und Studenten ein hochgeschätzter Mann; Tzschirner, immer noch der Hort des freisinnigen Protestantismus, widmet ihm herzliche Theilnahme.

[490] Jetzt beginnt auch die „Dogmatik“ Aufsehen zu machen. Die ersten Theologen der verschiedensten Richtungen fangen an, sich für den Verfasser zu interessiren, Angriffe erfolgen, aber achtungsvolle, sodaß sich Hase urplötzlich aus der Zahl der Demagogen in die der Theologen versetzt sieht. Die kirchliche Reaction im politischen Interesse war damals oben auf. In Preußen das Bestreben, eine Königskirche zu begründen, Gottesdienst und Königsdienst in einander verwoben; daher die Agende und die Union. Dem gegenüber in Sachsen, und nun auch (seit König Ludwig) im katholischen Baiern, wie im griechischen Rußland künstliche Wiedererweckung der alten Lutherkirche, zu der Klaus Harms schon 1817 aufgerufen hatte. Das Unerhörte, daß in Preußen das Wort „protestantische Kirche’“, in Baiern das Wort „evangelische Kirche“ verboten war, bezeichnet jene Zeit. Allen diesen Gegensätzen gemeinsam war der Abscheu vor dem Rationalismus. Wer damals Carriere machen wollte – und zahllose junge Theologen machten ihre demagogischen Sünden auf diese Weise vergessen – eiferte gegen den Rationalismus und ging auf seine Vernichtung um jeden Preis aus. „Die Larven kriechen aus,“ schrieb damals Schleiermacher; und in der That: bei dem entschiedenen Widerwillen Friedrich Wilhelm’s des Dritten, bei dem noch größeren Abscheu des Kronprinzen gegen den Rationalismus war es nur dem milden Cultusminister von Altenstein zu danken, daß man in Preußen nicht noch offener gegen die verpönte Richtung vorging. Aber schon stand die rationalistische Facultät in Halle in höchster Ungnade, schon wurde Tholuck hierher berufen, um das „wahre Christenthum“ zur Geltung zu bringen, schon begann Hengstenberg in Berlin die „Evangelische Kirchenzeitung“ (1822). Da mußte ein Werk, wie Hase’s „Dogmatik“, nach allen Seiten hin frappiren, ein Werk, welches der Vernunft ihr Recht wahrt, dabei die Berechtigung der Altgläubigkeit anerkennt wie kein rationalistisches Werk und hohe Toleranz athmet; nur das Frivole will Hase ausgeschlossen wissen von Kanzel und Lehrstuhl. So war er gerade für die Häupter der Rationalisten, die ihn sonst bekämpfen zu müssen meinten, der rechte Mann; denn ihre Tage auf den Kathedern, das wußten sie, waren gezählt; Hase aber trat, wenngleich in ihnen fremder Verhüllung, für ihr gutes Recht ein. „Sein System taugt den Teufel nichts,“ rief der Generalsuperintendent Röhr in Weimar aus, der schroffste aller Rationalisten, „aber nach Jena muß er doch!“

Aber auch die Gegenpartei machte Anstrengungen, den geistvollen Kopf für sich zu gewinnen. Tholuck, der Hase von Halle aus kennen gelernt, konnte ihm das Anerbieten machen, ihn unter günstigen Bedingungen nach Rom zu begleiten, wohin er selber sich auf ein Jahr als Gesandtschaftsprediger begab. Hase, ohne Mittel und ohne Aussichten, von Jugend auf die Sehnsucht nach Italien mit sich tragend, schwankte. Da aber erhob sich Tzschirner, der Unrath witterte, und riß ihn für immer aus jenen Umarmungen los. Er setzte durch, daß Hase in Leipzig als Privatdocent auftreten durfte; all die schamlosen Intriguen einzelner Professoren, zumal Beck’s, der nicht verwinden konnte, daß der „weggewiesene Student“ gegen einen ordentlichen Professor, wie Hahn, aufgetreten war, machte er zu Schanden. Schon hatte der Treffliche mit dem Tode zu ringen; das Treppensteigen ward ihm sauer; aber er ist zu sämmtlichen Senatoren die Treppen hinaufgestiegen, bis er Alle gewonnen hatte. Er starb, noch ehe Hase’s Habilitationsfeierlichkeit stattfinden konnte, seinem „Schätzchen“, wie er den jungen Freund gern nannte, die Anwartschaft auf die einstige Führung des Protestantismus hinterlassend. Es war eine glänzende Disputation, mit der Hase bald darauf in Leipzig sich habilitirte, und eine glänzende Zuhörerschaft, vor welcher der Verfasser der „Leipziger Disputation“ seine Lehrthätigkeit von Neuem begann. Zwar die Intriguen der vornehmen und frommen Kreise währten fort; aber Studenten, jüngere Docenten und vor Allem die Leipziger Bürger hielten um so fester an ihm. Als er vergebens bei einem Kürschner etwas von dem begehrten Preise eines Pelzes abzuhandeln sucht und seinen Namen nennt, wird ihm die Antwort: „Sie sind der Herr Magister Hase? Der gegen Hahn? Von Ihnen nehme ich keinen Profit. Das mich der Pelz gekostet, dafür haben Sie ihn auch.“

Mittlerweile war er, da er von der Feder leben mußte, mit eisernem Fleiße schriftstellerisch thätig gewesen. Drei Bände einer „Gnosis. Glaubenslehre für die Gebildeten“; die erste diplomatisch genaue Ausgabe der symbolischen Bücher der evangelischen Kirche, auf Zureden des ihm warm zugethanen Probstes und späteren Bischofs Neander Friedrich Wilhelm dem Dritten zugeeignet; eine kurze Zusammenstellung der altlutherischen Kirchenlehre des sechszehnten Jahrhunderts mit Hinzufügung der späteren Abweichungen unter dem Titel „Hutterus redivivus“, aus der klar hervorging, wie weltenweit verschieden die moderne Orthodoxie von jener der Väter der lutherischen Kirche war; endlich ein knappes „Leben Jesu“ – das Alles entstand bis 1829. Die Gestalt Christi erschien zwar in idealer Verklärung, aber doch so menschlich gezeichnet, daß allen Ernstes der Frage ein Paragraph gewidmet wird: warum der Herr nicht geheirathet habe? Und die Antwort lautet: „Weil er wahrscheinlich kein ebenbürtiges Herz fand.“

An eine akademische Beförderung Hase’s war unter dem Ministerium Einsiedel zunächst nicht zu denken; desto mehr wünschten ihn die Häupter des Rationalismus in Halle, Wegscheider und Gesenius, nach Kanzler Niemeyer’s Tode dorthin. Der berühmte Kanzler hatte Hase wohlgewollt, war, obschon hochbetagt, zu dessen Disputation nach Leipzig gekommen, selbst die alte Frau Kanzlerin hatte sich einen Augenblick auf der Gallerie gezeigt; um so erwünschter erschien die Berufung eines Mannes von so geistesverwandter Richtung zur Professur des Verewigten. Hase wird aufgefordert, sich direct in Berlin dem Minister von Altenstein und dessen Rathe Johannes Schulze vorzustellen. Er kommt zu spät, bereits ist Ullmann von Heidelberg nach Halle berufen worden; der Minister aber fragt ihn:

„Wollen Sie nicht hierher nach Berlin?“

Die Antwort ist ein freudiges: „Wie gern!“ In froher Hoffnung kehrt Hase von dieser Weihnachtsfahrt 1828 nach Leipzig zurück; auch Schleiermacher hat er kennen lernen und ist mit Auszeichnung von ihm aufgenommen worden; er hofft in Berlin schöne Tage zu erleben. Da kommt nach wenigen Wochen der Donnerschlag: der Polizeimeister von Kamptz, der Demagogenriecher, hat gegen seine Berufung ein Veto eingelegt. In Hoffnung auf dieselbe hatte er mit seinem Freunde Dr. Hermann Härtel, dem Mitbesitzer der Firma Breitkopf und Härtel, eine Reise nach Italien projectirt; nun giebt er sie auf. Allein der reiche Freund hält ihn fest; ob er ihm die Reisekosten in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren oder am jüngsten Tage wieder erstatte, sei gleichgültig. Noch ehe die Freunde ziehen, ist Hase, der inzwischen mit einer unbesoldeten, außerordentlichen Professur der Philosophie bedacht worden, zu einer theologischen Professur in Jena durch Röhr berufen worden. Welcher Jubel! Und unmittelbar nach der Reise sollte noch ein Ruf nach Gießen kommen, sodaß die drei Universitäten, an die er beim Abschiede von Tübingen einst berufen zu werden hoffte, sich in der That früh genug gefunden haben.

So zieht er jetzt mit dem Freunde, an dessen jüngste Schwester ihn längst eine tiefe Neigung fesselt, in das Land seiner Jugendsehnsucht, nach Italien, und diese Reise wird der große Wendepunkt seines Lebens. Von Venedig und Genua bis Palermo sind sie all die herrlichen Städte des Wunderlandes durchpilgert, in Erinnerung seiner großen Vergangenheit, im Anschauen aller Denkmäler der Kunst, doch auch mit lebhaftem Genusse an Land und Leuten. Und wie einst Gibbon auf den Zinnen des Capitols, als er die ewige Stadt zu seinen Füßen liegen sah, den Gedanken faßte, der Geschichtschreiber ihres Verfalls zu werden, so begriff Hase, als er Vatican und Peterskirche und die übrigen Denkmäler des katholischen Rom sah, seine Aufgabe, einst der Kirchengeschichtschreiber des Zeitalters zu werden. Segen und Fluch, welche die katholische Kirche über die Völker gebracht, gingen ihm wie vor den Augen auf.

Ein Königreich von Ideen in sich tragend, verließ er das herrliche Land und den Freund, der dort zurückblieb, um die Schwestern zu erwarten; in Constanz traf Hase mit diesen zusammen, und Pauline Härtel sank als Braut in seine Arme. So kam er voll tiefen Glückes und froher Zuversicht über Stuttgart nach Leipzig zurück und begab sich von da nach Jena, um seine Professur anzutreten (Juni 1836).

Es gab in der That nur einen Fleck Erde in Deutschland, wo er damals, ohne sich selbst aufzugeben, unangefochten leben und wirken konnte, und das war Jena. Hier waren die Traditionen Karl August’s lebendig, Goethe noch Chef der Oberaufsicht für Wissenschaft und Kunst, und Röhr leitete die Landeskirche. Die Wellen der Juli-Revolution, die in Hase’s erste [491] Jenaer Wochen fiel, wühlten sich nach Deutschland hinüber – eine Bewegung, ungleich radikaler, als die, welcher seine Jugend gehört hätte; aber er hörte sie hier ebenso fern grollen, wie den Todeskampf der alten populären kirchlichen Freisinnigkeit in Preußen. Die Jenaer theologische Facultät war theils rationalistisch, theils supranaturalistisch – die beiden Strömungen der älteren, von Pietismus und Orthodoxie noch nicht berührten Kirchlichkeit; Alles athmete hier den Geist der Toleranz. Allerdings die Kirchengeschichte, die Hase nun zu lesen begann, hatte einen Vertreter, wie er in größerem Gegensatze zu ihm nicht gedacht werden konnte. Es war der unter der Misere der Jenaischen Verhältnisse verkümmerte grundgelehrte Professor Lobegott Lange, dem sein „deutsches Maul“ so viel Schaden gethan; er redete von keinem Papste anders, als mit der Bezeichnung: „der Hallunke“; von Gregor dem Siebenten erzählte er: „Der Schurke machte selbst den Wunderthäter;“ eine Würdigung der katholischen Kirche des Mittelalters, wie man sie von Hase hörte, war ihm in der Seele zuwider. Mit den übrigen Collegen aber, vor Allem mit dem ehrwürdigen Baumgarten-Crusius, der Vielen als der gelehrteste Theolog der Zeit galt, begründeten sich die freundschaftlichsten Beziehungen. Der Philosoph Jenas war der edle Jacob Friedrich Fries; auch zu ihm und gleichzeitig zu seiner Philosophie gewann Hase bald ein näheres Verhältniß. Nicht minder berührte er sich in seinen politischen und kirchlichen Anschauungen mit dem Historiker Luden, dem glänzendsten Lehrer der Universität, der in der katholischen Kirche des Mittelalters das Bollwerk gegen die Tyrannei der Fürsten und selbst in der gegenwärtigen katholischen Kirche bei dem Mangel an politischer Bedeutung und der Fürstendienerei des protestantischen Kirchenwesens ein zuweilen der politischen Freiheit nützliches oppositionelles Element erkannte, ohne darum die Kehrseite dieser Medaille zu übersehen. (Vergl. sein Lebensbild in Nr. 15 dieses Jahrgangs.)

Seit dem Jahre 1831 mit Pauline Härtel verheirathet, konnte er sich so recht seiner Unabhängigkeit freuen, welcher allmählich die wachsenden Erträge der Firma Breitkopf und Härtel zu Gute kamen. „Absonderlich frei“ nennt er seine Stellung, und sicher hat er hier in Wort und Schrift nie von einer Behörde das Mindeste zu befahren gehabt. Mit nur 300 Thaler berufen, auch, als er 1836 ordentlicher Professor wurde, nur mit dem gewöhnlichen Gehalt eines damaligen Jenaischen ordentlichen Professors dotirt, hat er es bis in seine alten Tage auf eine Besoldung von nur 700 Thalern gebracht. „Man muß in Jena laufen können, wenn man Zulage haben will,“ sagte ein College; „Hase kann nicht laufen.“ Dennoch konnte er sich bald ein Wohnhaus bauen, und hier hat er seitdem gelebt. Im Erdgeschoß liegt der ausreichend große Hörsaal, dessen Wände mit den Bildern aller möglichen kirchlichen und theologischen Größen geschmückt sind. Die Bücher, die Hase in seinen Vorlesungen erwähnt, liegen auf einem Tische aus, und jeder Hörer kann davon mitnehmen, was er will; eine Notiz an den Famulus genügt.

Eine Wirksamkeit im großen Maßstabe war in Jena unmöglich; die Universität hatte durch die Demagogenverfolgungen ungeheuer gelitten; sie war Jahre lang allen Preußen verboten, und die Süddeutschen blieben gleichfalls weg. Bei der Begünstigung der Orthodoxie seitens der meisten Regierungen konnte die Jenaer theologische Facultät wenig Anziehungskraft besitzen. So waren es außer den meist sehr armen Thüringern nur Oldenburger, Braunschweiger, Hanseaten, Schweizer und Ungarn, die in Jena Theologie studirten. Wer aber hier Theologie studirte, hat Hase gehört.

Regelmäßig früh zehn Uhr, bisweilen auch noch in einer früheren Morgen- oder in einer Abendstunde füllt sich das Auditorium, bis sich etwa zehn Minuten nach dem Schlag die Hausthür schließt. Dann tritt der verehrte Lehrer ein, eine kräftige edle Gestalt, von feinster Haltung, das sinnige Auge streift die Zuhörerschaar; auf dem Katheder ist sein Vortrag melodisch und von schönstem Fluß, meist in kurzen Sätzen sich bewegend, mit einer Fülle der glücklichsten Bilder. Jeder seiner Studenten hat bei ihm Zutritt; zu seinen großen Abendgesellschaften, welche die Elite der Jenaer Gesellschaft versammeln, sind stets ihrer viele geladen. Und wie er selbst in den Ferien auf Reisen nicht nur jede größere Stadt, jede wichtigere Landschaft Deutschlands und einen guten Theil des Auslandes besucht, sondern namentlich auch alle für ihn wichtigen Männer kennen gelernt hat, so ist auch wiederum sein Haus in Jena ein Sammelpunkt geworden aller bedeutenden Menschen, welche seit fast fünfzig Jahren die thüringische Musenstadt besucht haben. Jetzt repräsentirt Hase gleichzeitig in lebendiger, wenn auch nicht ganz unmittelbarer Ueberlieferung Fremden gegenüber, die großen Tage von Weimar-Jena. Als er kam, waren die letzten Repräsentanten derselben noch am Leben. Er ist unter Goethe’s Ministerium berufen worden und hat an dessen Sarge gestanden; Knebel und Frau hat er noch oft erzählen hören, und zur Schwägerin Schiller’s, Frau von Wolzogen, kam er in so freundschaftliche Beziehungen, daß ihm die Herausgabe ihres Nachlasses übertragen wurde.

Nicht mehr in der Lage, um „Geld und Gut“ schreiben zu müssen, obendrein als Mitbesitzer einer Buchhandlung fortan sein eigener Verleger, konnte Hase nun auch mit voller Muße an sein eigentliches Lebenswerk gehen, an seine „Kirchengeschichte“. Sie erschien 1834 und wurde sofort mit dem lautesten Beifall begrüßt, der sich in immer neuen Auflagen kundgab. Ihm schwebte vor, wenn auch in der spröden Form eines Compendiums, doch in großem historischem Stil eine Kirchengeschichte zu schreiben, die den mustergültigen Darstellungen weltlicher Geschichte ebenbürtig sei. Aus der Fülle der Erscheinungen jedes Zeitalters sollten, unmittelbar aus den Quellen geschöpft, die charakteristischsten, individuellsten Züge mitgetheilt werden, sodaß die Vergangenheit dem Leser zur unmittelbaren Gegenwart werde. Dies ist auch meisterlich gelungen. Es hat sicher vor und vielleicht neben Hase gelehrtere Kirchenhistoriker gegeben, aber keinen, der einen so äußerst reichen Inhalt so künstlerisch zu gruppiren, der kernig und schlagend mit wenigen Worten so viel zu sagen verstanden hätte. Dazu kam, daß Hase die Kirchengeschichte bis zum Erscheinungsjahre des Werkes darstellte und in jeder neuen Auflage weiterführte, sodaß es für die neueste Zeit, bei des Verfassers eingehender Kenntniß aller Personen und Verhältnisse, geradezu zur Quelle wird.

Aus den verschiedensten theologischen Lagern her wurden diese Vorzüge des Werkes anerkannt. Der katholische Theolog Hefele (der jetzige Bischof, von Rottenburg) verglich es in einer geistvollen Recension einem Meisterwerke der Florentinischen Malerschule, zu welchem sich ein katholisches Kirchengeschichtswerk wie ein Gemälde der römischen Schule verhalte. Der große Urkundenforscher Böhmer fand hier erreicht, was er in den Werken über deutsche Geschichte vergebens gesucht. Hegelianer – unter ihnen Baur – und Schüler von Neander fanden bei manchem Tadel, der Auffassung doch das Epochemachende des Buches sofort heraus. Im niederländischen Lager ward es von Herzog Bernhard und Friedrich von Gagern gelesen, in Dänemark und Schweden, später auch anderwärts übersetzt; es bürgerte sich ein in Palästen und Pfarrhäusern. Unzufrieden war im Grunde nur Einer, und gerade derjenige Mann, welcher Hase berufen hatte – Röhr. [505] Röhr, das „sichtbare Oberhaupt des Rationalismus", wie er damals genannt wurde, konnte mit dem derben Bauernverstand, der ihm eigen war, Hase's Eigenthümlichkeit am wenigsten begreifen. Einer felsenfesten Abgeschlossenheit in freisinnigen Grund- und Glaubenssätzen, die alles Gefühlsmäßige, nicht vor dem Verstand zu Rechtfertigende von sich stieß, stand hier ein feiner, milder Sinn gegenüber, der jeder religiösen Ueberzeugung gerecht würde und selbst in religiösen Verirrungen gern den edlen Kern erkannte. Besonders ärgerte den alten Herrn eine von Hase in Pelt's und Mau's Studien gebrauchte Bezeichnung: Rationalismus vulgaris (gemeiner Rationalismus). Aber die Hase'sche Totalauffassung der Kirchengeschichte überhaupt, die milde Beurtheilung oder halbe Vertheidigung aller kirchengeschichtlichen Erscheinungen, welche Röhr verabscheute, veranlaßten den Weimarischen Generalsuperintendenten, in seiner kritischen Predigerbibliothek den jungen Professor ernstlich zu rüffeln, ja ihm mit schlimmeren Censuren zu drohen. Dem setzte Hase eines seiner glanzvollsten Werke, den „Anti-Röhr“ gegenüber, einen Protest religiösen Gefühlslebens und wissenschaftlichen Freisinnes gegen das Flachverstandesmäßige und Unwissenschaftliche des Rationalismus, welcher sich geschichtlich abgewirthschaftet habe.

Dies zeigte sich gerade damals. Denn ein Jahr nach dem Erscheinen der Kirchengeschichte (1835) brach der Geistersturm los, auf den Hase's Auftreten die Weissagung gewesen war. Gerade aus der gläubigen Facultät Tübingen, die einst Hase verübelt, daß er nur die menschliche und nicht auch die göttliche Natur Christi in Betracht ziehe, ging David Friedrich Strauß hervor, der, was Hase einst in zarter Scheu nur angedeutet, mit dem ganzen Rüstzeug Niebuhr'scher Kritik und Hegel'scher Logik bewaffnet, schonungslos durchführte, indem er die neutestamentliche Lebensgeschichte Jesu fast ganz als Mythe darstellte. Im selben Jahre begann der Tübinger Lehrer von Strauß, der große Dogmenhistoriker Baur, welcher erst nach Hase's Abgang an die Schwaben-Universität gekommen war, seine Kritik der Echtheit der neutestamentlichen Schriften und erwies zunächst die Unechtheit der Pastoralbriefe. Und doch war bis dahin Baur's Gläubigkeit, mindestens in Tübingen, nie bezweifelt worden, und Justinus Kerner's Seherin in Weinsberg hatte Strauß geweissagt, daß er nie ungläubig werden könne! Gleichzeitig gingen aus dem unmittelbaren Kreise Hegel's das bahnbrechende Werk Vatke's, der das ganze alte Testament als unhistorisch oder nur sehr zweifelhaft historisch verkündete, und die Untersuchungen Benary's, welche die Siegel von der Offenbarung Johannis lösten, hervor. Den „Gläubigen“ stand der Verstand still. Die „Ungläubigen“ aber – vornehmlich das junge Deutschland – jubelten. Gutzkow nannte bereits die Evangelien abgestandene Fischersagen. Die Junghegelianer betrachteten [506] den Bruch mit aller positiven Religion und die Wiedereinsetzung der nackten Sinnlichkeit in ihre Rechte als das eigentliche Werk des Protestantismus, den sie auf ihre Fahne schrieben. Heine sagte geradezu: „Das blühende Fleisch auf den Lenden der Titianischen Venus, das ist alles Protestantismus.“ Tausende riefen dieser Gesinnung Beifall zu.

Dahin war es gekommen durch die Prüderie der Regierungen, die Aengstlichkeit der Theologen, daß im Volke jede religiöse Kundgebung mit um so größerer Freude aufgenommen wurde, je weiter sie entfernt war von der von oben beschützten Gläubigkeit. Hase wendete sich 1838 als Prorector in einer herrlichen Rede vom „jungen Deutschland“ an die deutsche Jugend; er wies auf die Gefahren der Frivolität hin, er beschwor Lessing’s unsterblichen Geist, ermahnte, mit rückhaltlosem Freimuth dem Banner der Forschung, aber der echten Forschung, zu folgen, erkannte auch den Verfasser des „Lebens Jesu“ in Schwaben an, wie frühreif ihm seine Resultate däuchten, Heine aber – „der größte Lyriker einer, das ist sein Recht von Gottes Gnaden“ – und Gutzkow wies er weit von sich hinweg. Und eben hatte er Gelegenheit, auch nach einer andern Seite hin Gerechtigkeit zu üben. Der Bruch der Erzbischöfe Droste in Köln und Dunin in Posen mit der preußischen Regierung war vollbracht, die Frucht des unseligen Pactirens mit Rom, welches immer nur den Hochmuth der Klerisei geschwellt hat. Die Verhaftung der Erzbischöfe rief in allen katholischen Landen ungeheuere Aufregung hervor; Papst Gregor hielt seine berühmte Allocution; Görres fiel in seinem „Athanasius“ den preußischen Staat an. Wohl eiferte Röhr in Weimar in seiner dreizehnmal aufgelegten Reformationspredigt gegen den „priesterlichen Gaukler“ in Rom – die preußische Regierung fand doch so gut wie gar keine Vertheidiger; Heinrich Leo, ein alter Freund und Gegner Hase’s, erklärte in seinem „Sendschreiben“ offen, daß er die katholische Kirche bewundere ob ihrer Einmüthigkeit und sich „schäme, Protestant zu sein“. Hier trat Hase ein mit seiner Schrift „Die zwei Erzbischöfe“ (1839), wohl der schwerwiegendsten kirchenpolitischen Publikation vormärzlicher Zeit, voll sibyllinischer Weissagungen auf die nachmärzliche. Von entschieden protestantischem Standpunkt enthüllt er die ganze Gefahr der Hierarchie, wie sich diese in den letzten Jahrzehnten von Neuem befestigt hatte, aber er deckt auch alle Sünden der preußischen Kirchenpolitik auf und zeigt ihr wie im Spiegel ihre Ohnmacht, nicht ohne nebenbei auf die einstigen Aufgaben des Thronfolgers hinzuweisen, von dem man so viel erwartete.

Man weiß, wie diese Hoffnungen umschlugen. Das Ministerium Eichhorn tauchte empor, über Bunsen, Radowitz und Schelling kam man auf – Stahl. Nur noch mehr spitzten sich die Gegensätze zu. Die kirchliche Reaction wurde übermächtig, während in der Nation eine schwungvolle hochgespannte Zeit anhob, die unter den patriotischen Idealen auch die Befreiung des Glaubens von der Beeinflussung der Höfe und Regierungen auf ihr Schild schrieb. Vor Allem in der Provinz Sachsen gährte es seit den „Hallischen Jahrbüchern“ gewaltig. In Weimar war nur die politische Seite der zur Herrschaft gekommenen Romantik zu empfinden, welche aber bei dem Schielen des Cultusministers Schweitzer nach dem Hofe doch wenigstens hier und da auch auf das theologisch-kirchliche Gebiet einwirkte. Schweitzer gegenüber war Hase der entschiedene Patriot. Als die „Sieben“ in Göttingen entsetzt worden waren, stand er unter den Ersten, die für sie sammelten, und als Dahlmann nach Jena übersiedelte, ward er dessen treufester Freund und ermüdete nicht in dem vergeblichen Bemühen, ihn den Erhaltern der Universität für eine Professur zu empfehlen. Als sich dann der Gustav-Adolf-Verein begründete, war Hase, im Gegensatz zu Röhr, unter denen, die ihm im Weimarischen die Stätte zu bereiten suchten; auch hier scheiterten er und sein Freund Schwarz bis die Uebernahme der Protection durch Friedrich Wilhelm den Vierten den Angstminister Schweitzer umstimmte. Hase hat dann den Hauptversammlungen mehrfach beigewohnt, immer das Recht aller kirchlichen Richtungen im Verein betonend. Inzwischen begann die deutsch-katholische Bewegung; Ronge kam auch nach Weimar, wurde als der „Luther des neunzehnten Jahrhunderts“ auch hier gefeiert und von Röhr eingeladen, der in einer Schrift die gute Sache der Deutsch-Katholiken vertheidigte. Hase erkannte auf den ersten Blick die Unbedeutendheit der Führer, die „bei Kalbsbraten, Wein und Forellen Weltgeschichte machten“; er glaubte nicht an die Zukunft der Bewegung, doch erachtete er diese für ein bedeutsames Zeichen der Zeit, verlangte, daß man sie sich ausleben lasse, und besprach gemeinsam mit seinem Collegen Dr. Schwarz in der „Neuen Jenaer Literaturzeitung“, die er eine Zeitlang mitredigirte, sämmtliche über die Bewegung geschriebene Broschüren und Flugblätter. Auch die lichtfreundliche Bewegung, gleichfalls von Röhr willkommen geheißen, nahm, wenn auch in anderem Sinne, Hase’s Theilnahme in Anspruch. Er erkannte in ihr nur einen Act der Nothwehr, der zwar nicht weit führen werde, aber doch gebieterisch dazu auffordere, endlich das protestantische Kirchenthum neu zu gestalten. Seine Prorectoratsrede „Das gute alte Recht der Kirche“ führte dies aus, und weitere Schriften in gleichem Sinne folgten. Aufhebung des landesherrlichen Summepiskopats, eine bischöflich verfaßte evangelisch-deutsche Kirche mit Freigebung des Bekenntnißstandes, ein ganz allgemein gehaltenes Ordinationsformular für die Geistlichen, dazu Presbyterien und Synoden in aufsteigenden Kreisen, Befreiung der Kirche vom Staat, doch festes Bündniß mit dem Staate – das sind seine Forderungen. Die theologische Facultät in Jena, zumal Schwarz und der seit 1844 berufene unerschrockene Rückert, theilten dieselben. Sonst blieb Hase damit vereinsamt.

Auf einem Rosenballe in Jena überraschte die Universitätsangehörigen die Nachricht von der Pariser Februar-Revolution. Wenige Tage – und die Flamme durchzuckte ganz Deutschland. Ministerium auf Ministerium fiel; am 11. März stürzten Studenten und Bauern das Ministerium Schweitzer in Weimar. Allerwärts in Deutschland sanken mit den verhaßten Staatsmännern auch die verhaßtesten Männer der Kirchenleitung. In dem Völkerfrühling, der nun anhob, wurden auch in Hase die alten patriotischen Ideale, denen er stets angehangen, mit neuer Macht lebendig, und er hat unter dem alten Namen „Karl von Steinbach“ seine Hoffnungen für des Vaterlandes Zukunft ausgesprochen, auch die Kirche des neuen deutschen Reiches in einem Werke der Nation an’s Herz zu legen versucht. In der That war die Bewegung im mittleren Deutschland zum guten Theil religiösen Charakters, wie fast alle Wahlen Thüringens und der Provinz Sachsen nach Frankfurt und Berlin bewiesen, es waren fast durchweg die Matadore der antistaatskirchlichen Bewegung der vierziger Jahre, welche man dorthin sandte. Man hätte erwarten sollen, Hase in erster Reihe in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt zu finden. Aber die Volksstimmung der Thüringer Wahlkreise, zumal des Jenaischen, war damals zu antipreußisch und darum zu antikaiserlich – die Universität hatte zu viel von Preußen erlitten und die kirchliche Richtung des Berliner Hofes war zu sehr verhaßt als daß ein Mann, der ein erbliches Kaiserthum über Deutschland erstrebte und auf Preußen zählte, durchzudringen vermocht hätte. Er stand in diesem Jahre, wenn auch mit dem größeren Theile seiner Collegen, der thüringischen Demokratie gegenüber in entschiedener Minorität.

Hase hat einen Theil des Sommers in Frankfurt verlebt, begrüßte seine alten Freunde Eisenmann, Rotenhan, Wurm, Rödinger, Tafel in der Nationalversammlung und überstand in dieser Umgebung den 18. September. Er hat später nach der Kaiserwahl eine schwarz-roth-goldene Fahne auf seinem Hause aufgehißt, was doch Niemand in Jena nachahmte. Er hat schmerzbewegt alle seine Hoffnungen scheitern sehen, entschloß sich, gut großdeutsch wie er war, nur schwer zum Dreikönigsbündniß und sah gelegentlich des Erfurter Parlaments seinen alten Freund Stahl auf Wegen, welche himmelweit von den seinen verschieden waren. Immer trüber gestalteten sich die Dinge, auch die kirchlichen.

Nach Neander’s Tode wurde er von der Berliner Facultät als Professor der Kirchengeschichte vorgeschlagen, doch war an seine Berufung unter dem Minister Raumer nicht zu denken. Zur Erholung und um die neuen Bahnen der Zeit kennen zu lernen, besuchte er die Londoner Industrie-Ausstellung. So hatte sich die Lage verändert, daß im Hôtel der preußischen Gesandtschaft in deren Kanzlei er eingetreten war, ihm Bunsen mit den Worten um den Hals fiel: „Wir müssen zusammenhalten gegen das frommthuende Gesindel, das uns Staat und Kirche verdirbt,“ und daß bald darauf Radowitz einen seiner Schüler in Jena, freisinnigster Richtung, zum Hauslehrer engagirte. Und das waren die Männer, welche an der Wiege der kirchlichen Romantik in Preußen Gevatter gestanden hatten!

Die nächste Zeit fand Hase – Röhr war inzwischen gestorben – mit der Jenaer Facultät auf der entschiedenen kirchlichen [507] Linken. Es gehörte Muth dazu, um diese Position zu behaupten. Alle deutschen Kirchenregimente wurden mehr oder weniger orthodox besetzt, alle Hoffnung auf eine evangelische Kirchenverfassung lag in Trümmern; dahingegen erhob der Ultramontanismus sein Haupt, selbst Döllinger fing an beargwöhnt zu werden. Ketteler als Bischof von Mainz war mit Hülfe der mit Polypenarmen um sich greifenden Jesuiten der hierarchische Agitator geworden. Hase bekannte, als er sein Werk über die deutsche Kirche 1852 neu auflegte, „vordem mehr Achtung vor seinem Volke gehabt zu haben“. Aus dem Zeitalter der Revolution ward das Zeitalter der Concordate.

Eine Einladung zu dem Kirchentage, dem Sammelpunkt der modernsten Orthodoxie, hatte er 1848 unbeantwortet gelassen; jeder Versuch, ihn der neugläubigen Richtung geneigter zu machen, scheiterte. Als Hengstenberg drohte, der Kirchentag werde sein Anathem gegen die Facultäten in Jena und Gießen schleudern, gründete Hase mit den Freunden dort und in Berlin die „Protestantische Kirchenzeitung“ (seit 1854), die unter der unerschrockenen Leitung Heinrich Krause’s die Zerstreuten sammelte, und in ihr hat Hase so oft mit köstlicher Ironie die Kleingläubigkeit jener Starkgläubigen und das ganze Gewebe ihrer Machinationen aufgedeckt. Ohne Umschweife hielt er ihnen vor, daß der Rationalismus, den sie für immer beseitigt wähnten, nicht nur nicht todt, sondern sogar noch eine ungeheure Macht in den Gemüthern sei. Er vertrat den Geist schrankenlosen Denkens und Forschens, wie er in den Tagen Goethe’s und Schiller’s geherrscht habe; er erklärte unumwunden, die theologische Facultät Jena’s werde selbst einen David Friedrich Strauß, wenn er sich bei ihr habilitiren wolle, willkommen heißen, und hat den jungen Theologen Hilgenfeld, einen Geistesverwandten der Tübinger Schule, der in Jena aufgetreten war, treu beschützt. Mit dieser Schule, deren Methode ihm zweifelhaft, deren Ergebnisse ihm unsicher erschienen, hat er in der Schrift „Die Tübinger Schule“ (1854) Abrechnung gehalten, in vollster Anerkennung ihrer Berechtigung. Was er selbst als die wesentliche Aufgabe der Zeit erkannte, hat er in seiner kühnen Rede über die „Entwickelung des deutschen Protestantismus“ ausgesprochen.

Die Jenaer theologische Facultät war in dieser Epoche eine einzigartige Erscheinung. Der feindiplomatische Hase mit dem großartigen Blick in die Zukunft, der felsenfeste Rückert mit dem Fichte’schen Motto: „Du sollst nicht lügen, und wenn die Welt darüber in Trümmer gehen sollte“, und mitteninne der gewaltige Prediger Schwarz mit dem Eliaseifer gegen die Verlogenheit der Zeit – sie ergänzten einander vortrefflich. Das trat hervor in den Tagen des Jenaer Universitätsjubiläums: da empfingen aus ihren Händen, wie früher schon Sydow, so nun Ketzer wie Karl Schwarz, Zittel, Hilgenfeld, Lipsius theologische Doctordiplome. Das schöne Fest erschien als die Morgenröthe einer bessern Zeit. Hatten doch der Prinz und die Prinzessin von Preußen der Universität zu ihrer Jubelfeier die Büsten Fichte’s, Schelling’s und Hegel’s verehrt, in Tagen, wo in Preußen an Fichte und Hegel nicht erinnert werden durfte! Die „Kreuzzeitung“ druckte bei ihrer Mittheilung über die Schenkung die Worte: „der Prinz von Preußen“ gesperrt.

Wenige Wochen später, und die Regentschaft des Prinzen begann, sein Wort von der „heuchlerischen Orthodoxie“ fand tausendfachen Wiederhall. Die „neue Aera“, die man jubelnd begrüßte, schien auch dem Kirchenwesen einen neuen Geist einhauchen zu sollen. Zum Unglück war Bethmann-Hollweg, der Präsident des Kirchentags, der erwählte Cultusminister, und Bunsen ein zu nachgiebiger Rathgeber. Hase hatte dessen „Zeichen der Zeit“ als eine Frühlingslerche begrüßt und ihm im Streit wider Stahl durch Beiträge beigestanden; dennoch, als es nun galt, die theologischen Lehrstühle in Preußen anders zu besetzen, hielt Bunsen dafür, Hase sei „stehen geblieben“! Bald stellte es sich heraus, daß die kirchlichen Hoffnungen auf die neue Aera eitel waren: der Generalsuperintendent Hoffmann und später Bethmann-Hollweg’s Nachfolger von Mühler wußten den Regenten, dann den König umzustimmen und hatten es in der Conflictszeit leicht. Aber das wiedererwachende Nationalgefühl sträubte sich gegen die kirchliche Bevormundung; hier und da, am siegreichsten in Baden, kam es zu kirchlichen Agitationen. Dann suchte der Protestantenverein, durch den geisteskühnen Richard Rothe zu Bedeutung gelangt, ein kirchliches Verfassungsleben durchzusetzen, endlich ergaben sich, oft aus sehr materiellen Gründen – um Kirchensteuern durchsetzen zu können – die meisten evangelischen Regierungm darein, Synodalverfassungen zuzugestehen. An diesen Agitationen nahm Hase nicht Theil. Er erkannte, daß der Schade unendlich tiefer liege. So lange der landesherrliche Summepiskopat bestehe, so lange die bisherigen Landeskirchen fortdauerten, dazu die Angst, mit Bekenntnissen zu brechen, die keine mehr sind, und dem gegenüber der ungeheuere Indifferentismus der Massen, so lange sah er in den Synodalverfassungen modernsten Datums kein Heil.

Aber auch auf die katholische Kirche wirkte die neue Aera zurück. Oesterreich, seit dem Costcordat von 1855 ihr Bollwerk, unterlag im italienischen Krieg; Napoleon der Dritte vermochte, obwohl Sieger, nicht, die italienische Einheitsbewegung zu meistern. Die Unterthanen des Papstes fielen von diesem ab und der Kirchenstaat ging aus den Fugen. Hase, der seit 1852 einen Theil fast jeden Jahres in Italien zubrachte, um die neuen Phasen des Katholicismus an Ort und Stelle zu studiren, hatte selbst diese Bewegung dort werden und wachsen sehen, und obwohl er dem von Haus aus so menschenfreundlichen Papste kein Dorf mißgönnte, täuschte er sich doch nicht darüber, daß es mit der weltlichen Herrschaft desselben zu Ende gehe. Auch die Katholiken, soweit sie freieren Blick besaßen, begriffen das. Ihr größter Kirchenlehrer, Ignaz Döllinger, schrieb sein berühmtes Werk: „Kirche und Kirchen“, das der eigenen Kirche unter dem Pontificat Pius’ des Neunten und der Herrschaft der Jesuiten ein langes Sündenregister nachwies, freilich zugleich das protestantische Kirchenwesen als ein durchaus hoffnungsloses schilderte. Da konnte Hase nicht länger schweigen. Und so entstand, zumeist in Rom selbst, sein „Handbuch der protestantischen Polemik gegen die römisch-katholische Kirche“ (1862), das in Anerkennung alles Großen und Schönen, das diese Kirche über die Völker gebracht hat, doch die tief innere Unwahrheit und die Gefahren des hierarchisch-jesuitischen Wesens für die Cultur in einer unendlichen Fülle von Thatsachen schonend und doch schlagend nachweist.

Einer von den Convertiten des Bischofs Ketteler, Regierungsrath Volck in Erfurt, veröffentlichte unter dem Namen Ludwig Clarus als „literarische Hasenjagd“ ein scheußliches Pamphlet dagegen. Aber das Buch machte die Runde durch Europa, und da der Verfasser in Italien so gut wie heimisch geworden war und dort die Entstehung der Encyclica des Syllabus, die Vorbereitungen zum vaticanischen Concil verfolgen konnte, dann dieses selbst zum Theil in Rom erlebte, da er ferner warm befreundet wurde mit Augustin Theiner, der die archivalischen Schätze des Vatikans verwaltete und nicht viel anders über das, was um ihn vorging, dachte, als Hase, so wurde das Werk in zweiter, noch mehr in dritter Auflage die Fundgrube eines Wissens, das nur einmal in dieser Weise vorhanden war.

Die Entscheidung von 1866 verhieß und das Jahr 1870 zeitigte die Erfüllung der nationalen Sehnsucht, wenngleich der alte Burschenschafter nicht verwinden konnte, daß es nicht die Farben Schwarz-Roth-Gold waren, die auf dem Siegesbanner prangten. Er sah seine drei Söhne in den Kampf ziehen und glücklich wiederkehren, er sah das deutsche Kaiserreich sich erheben. Gleichzeitig fiel der letzte Rest der weltlichen Macht des Papstthums, und in die katholische Kirche kam mit dem Dogma der Infallibilität ein tiefer Riß. An der Spitze der Gegner desselben stand nun Döllinger, und die „Altkatholiken“ protestirten gegen den Neukatholicismus des Papstes. Andererseits erhob sich eine starke ultramontane Partei im deutschen Reichstag, und bald stellte sich’s heraus, daß hinter ihr die ungeheuere Mehrheit des katholischen Volks, seine Bischöfe an der Spitze, stand; sie bot der Reichsregierung kühnlich die Stirn – und empfing zur Antwort die Maigesetzgebung von 1873. Wie Hase geartet war, konnte er nur ungern den Namen „Culturkampf“ für die Phase des Conflicts zwischen Staat und Kirche acceptiren, die zum guten Theil durch die frühere Politik der Regierungen, die Roms zu bedürfen meinten, heraufbeschworen worden war. Der mild urtheilende Historiker, der mehr von der Vergangenheit als von der Zukunft aus die Dinge beurtheilte, fand die Maigesetzgebung von 1873 in manchen Punkten drakonisch. Ein Todfeind der Jesuiten und Redemptoristen und völlig einverstanden mit deren Ausweisung, ist er doch der Ansicht, daß das Brodkorbgesetz, daß die sogenannte Anzeigepflicht, daß das weltliche Examen der katholischen Priester nicht durchaus nothwendige Maßregeln seien, und vor Allem konnte [508] er erinnern, wie vieles sich in her Praxis besonders verschärft habe. In diesem Sinne hat er in seiner Schrift „Des Culturkampfs Ende“ die Präliminarien aufzuzeichnen versucht, auf denen der Staat, ohne sich etwas zu vergeben, mit der Kirche Frieden schließen könne. An die Möglichkeit des gegenwärtig eingetretenen Vorganges, an ein einseitiges, durch kein Entgegenkommen der römischen Curie bewirktes Zurückweichen des Staates hat er dabei wohl nicht gedacht. Das System Puttkammer lag damals noch in weiter Ferne.

Ein glückliches Alter ist dem verehrten Manne beschieden worden. 1873 erlebte er sein fünfzigjähriges Doctor- und Docentenjubiläum, an welchem Ehrentage seine Freunde und Schüler eine Hase-Stiftung gründeten. Im Jahre 1877 war er der Vertreter der Universität Jena beim Jubiläum der Universität Tübingen – neben Eduard Zeller der gefeiertste Gast des Festes, an dessen Tafel Beiden die Plätze gegenüber dem König angewiesen wurden. Hase's Werke blühen noch – die Zeit, für welche er seiner Kirchengeschichte das Verstauben in Bibliotheken geweissagt, ist noch nicht gekommen. Die Niederschrift seiner Jugenderinnerungen, unter dem Titel „Ideale und Irrthümer“, wurde von den Händen der Gebildeten begierig aufgegriffen, und das größere Werk über das „Leben Jesu“, das er 1829 begann, erblickte nach länger als einem halben Jahrhundert doch noch das Licht. So trifft denn auch das Jubiläum des Antrittes seiner Jenaer Professur, in welches diese Darlegung seines Lebens und Wirkens hineinklingt, den wackeren Patrioten und Lehrer aller menschlichen Voraussicht nach im glücklichsten Familienkreise, in jener Frische und Rüstigkeit, welche bei dem Greise fast rührend anmuthet und welche noch heute die Ueberschrift rechtfertigt, die wir diesen Zeilen gegeben haben.

  1. Am 15. dieses Monats feiert der kernig deutsche, geistvolle Vorkämpfer eines gesunden Protestantismus und tapfere Märtyrer für die Volkssache in schwerer Zeit, von welchem obiger Aufsatz handelt, das fünfzigjährige Jubiläum des Antritts seiner Lehrthätigkeit an der Universität Jena. Den Glückwünschen, welche dem in seltenem Maße von der Liebe und Verehrung weiter Kreise getragenen Manne zuströmen werden, fügt auch die „Gartenlaube" den ihrigen hinzu.
    D. Red.
  2. Letzterer, unter dem Namen „Flauschmüller“ bekannt, ist schon öfters in der „Gartenlaube“ erwähnt worden.
  3. Man kennt Platen’s Worte im „Romantischen Oedipus“:

    „Hast Du denn auf Deinen Reisen nichts als Heuchlervolk erblickt,
    Auch nicht Einen, der zum Himmel brünstige Gebete schickt? –
    Ein einz’gen Frommen sah ich, den das Erzgebirg gebar,
    Der, was Andre tölpisch äffen, wirklich in der Seele war.“