Die Lüge

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Autor: Grete Meisel-Heß
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Titel: Die Lüge
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aus: Suchende Seelen
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1903
Verlag: Hermann Seemann Nachfolger
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Erscheinungsort: Leipzig
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[57]


Die Lüge.

[59]


I.

Die Janowitzky war krank, gewiß, das unterlag keinem Zweifel. Aber solche Geschichten brauchte sie deswegen doch nicht zu machen, und das Geschrei in der Nacht hätte sicher nicht sein müssen. Das ganze Pensionat wurde in der Nacht gestört durch diese gellenden fürchterlichen Schreie.

Die Pensionärinnen, die mit ihr in dem großen Schlafsaal lagen, waren einfach empört. Andere Kinder hatten doch [60] auch schon Bronchialkatarrh gehabt, aber keine hatte es so getrieben wie die Janowitzky, und mit keiner waren solche Geschichten gemacht worden. Die besten Suppen – bekam sie. Das schönste Stückchen Braten – bekam sie. Und gab es Wurst zum Nachtmahl – sie bekam sicher ein Schnitzel oder ein Stück Huhn … Und jeden Tag kam der Herr Regimentsarzt wegen ihr ins Pensionat und fand nicht, daß ihr etwas Besonderes fehle.

Dennoch trieb sie es immer ärger und lag nun schon lange zu Bett, während die anderen sich plagen mußten zur Weihnachtsprüfung.

Die Erbitterung gegen die Janowitzky verband sich mit einem heimlichen Neid. [61] Wie gut sie es hatte! Und beklagen durfte man sich auch nicht. Sagte man früh etwas der Präfektin …: „Bitte, Fräulein, sie hat schon wieder geschrien in der Nacht, sie macht es zu Fleiß, damit wir nicht schlafen können …!“ gleich bekam man einen Verweis: „Seid doch nicht so herzlos, dankt Gott, daß ihr gesund seid!“

Interessant wollte sie sich machen, das war das Ganze. Niemand hatte sich früher um sie gekümmert. Die Mädchen aus der Provinz wurden von den kleinen Wienerinnen nicht als gleichwertig betrachtet. Nicht einmal beim Vornamen nannte man sie: die Janowitzky aus Krakau, die Liebich aus Winterberg, die Jungmann [62] aus Saaz, die Fekete aus Ungarisch-Hradisch u. s. f. Während die Käthe, die Alma, die Mizzi, die Fini, die Irene, die Paula und noch viele andere sich zusammenschlossen und sich allein als „das Pensionat“ betrachteten.

Übrigens war Käthe empört, daß die anderen auf die Janowitzky schimpften. Käthe hatte große schwarze Augen und ein kleines weißes Kindergesicht. Sie war in der Klasse die Beste, und ihre Aufsätze wurden meistens vorgelesen. Spielte man Theater, so bekam Käthe die Hauptrolle, denn auch da war sie die Talentierteste. Gab es zu irgend einer Gelegenheit ein französisches Gedicht zu deklamieren, so mußte wieder Käthe es tun, denn sie hatte [63] den besten Accent. Nur in Arithmetik und Handarbeiten haperte es fürchterlich, und diese Noten verdarben Käthe regelmäßig das Zeugnis. Auch in Klavier konnte sie es zu nichts bringen, obzwar sie mit sehr viel Gemüt spielte; aber nur wenn viele halbe Noten dabei waren oder höchstens viertel. Gab es Achtel oder Sechzehntel oder war gar die Seite schwarz von Strichen, dann war es aus.

Hingegen machte Käthe wunderschöne Gedichte. Hierzu benützte sie gewöhnlich die Handarbeits- und die Rechenstunde. Während die ganze Klasse schwitzte, um dem Professor bei seinen hastigen Jagden auf der Tafel zu folgen, hatte Käthe die schönsten poetischen Inspirationen. Sie besang [64] nicht nur den Lenz, die Freundschaft, die Liebe und andere Ideale, dichtete nicht nur Stammbuchverse für alle Freundinnen und Prologe zum Geburtstage der Vorsteherin, sondern sie wußte auch die verschiedenen lieblichen Eigenheiten der Herren Professoren in schönen Versfüssen, zu besingen oder die klassischen Produkte „anderer Dichter“ zu passenden Anlässen umzuarbeiten. Die ganze Klasse freute sich neidlos, wenn wieder etwas „fertig“ geworden war, denn Käthe war es gelungen, unter ihren Mitschülerinnen gleichzeitig Liebling und Autorität zu sein. War etwas „fertig“ geworden, so schlich nach der Stunde versteckt eine nach der andern auf den Boden. Hier thronte Käthe inmitten [65] all der kleinen Mädchen auf einem Koffer und verlas ihr neuestes Opus. Stolz wie eine kleine Heldin stieg sie dann vom Koffer herunter und nahm mit gleichgültiger Miene alle Glückwünsche entgegen. Sie war an ihre Erfolge gewöhnt, aber sie mißbrauchte sie niemals. Drum eben war sie der Liebling.

Und dieser Liebling, nach dem sich sonst alle richteten, war jetzt mit dem ganzen Pensionat in Widerspruch – „Es ist niederträchtig, daß ihr über die Janowitzky schimpft – sie schreit doch nicht zum Vergnügen!“

Bei Tisch, wenn das Fräulein fragte: „Wer trägt heute der Janowitzky das Essen hinauf?“ war es immer Käthe, [66] welche die Hand hob und sich dazu meldete.

„Aber du hast dich doch früher nie um sie geschert?“ fragte Fini, die eifersüchtig war.

„Aber jetzt ist sie krank, und ihr seid alle scheußlich zu ihr, – drum g’rade“

Eines Morgens, als das Fräulein geweckt hatte und die Pensionärinnen sich verschlafen in ihren Betten aufrichteten und die Strümpfe anzuziehen begannen, sagte plötzlich Fini:

„Schaut doch die Janowitzky!“ Alle blickten hin.

Da saß die Janowitzky, ein großes, rothaariges, sommersprossiges Mädchen von vierzehn Jahren aufrecht im Bett [67] und nickte ein paarmal mit dem Kopfe. Dabei öffnete sie den Mund und schloß ihn wieder, als ob sie Luft schnappen wollte.

Der Anblick war zu drollig. Die Kinder kicherten und lachten, und Fini rief, indem sie sich stöhnend vor Lachen auf den Polster zurückwarf:

Wie mein Ziegenbock aus Tragant, wißt ihr, den ich neulich bekommen habe, der hat den Kopf auf Draht und wackelt gerade so …“

Käthe war schon außer Bett und stampfte zornig mit dem Fuß: „Pfui Teufel, schämt euch!“

Im selben Augenblick kam das Fräulein herein: „Vorwärts – vorwärts ins Waschzimmer!“ [68]

Damit trieb sie die kleine Schar halb angekleidet vor sich her.

Alle eilten ins Nebenzimmer zu ihren Waschtischen. Bald hörte man nur noch ein Pritscheln, Pusten und Schnaufen.

Käthe war mit dem Waschen fertig und wollte eben beginnen, sich zu frisieren. Sie hatte schon ihren dicken, schwarzen Zopf gelöst, als sie bemerkte, daß sie ihren Kamm im Schlafsaale vergessen hatte.

Sie beeilte sich, ihn zu holen, denn es war schon spät, und die Frühstücksglocke mußte jeden Augenblick läuten.

Sie trat ins Schlafzimmer. Es war noch nicht gelüftet, und ein warmer, schwerer Dunst schlug ihr entgegen. Die Wintersonne spielte auf den weißen, offenen, [69] zerdrückten Betten, und einer ihrer Strahlen schien grell ins Gesicht der Janowitzky. Große, gläserne Augen blickten die Eintretende an …

Käthe wollte zu ihrem Bette eilen und den Kamm holen. Aber sie konnte sich nicht vom Platze rühren, eine starre Lähmung hielt sie gefangen und zwang sie, in das fahle, sonnenbeschienene Gesicht mit den fletschenden Zähnen zu blicken …

„Janowitzky,“ sagte sie.

„Janowitzky – hörst du?“ wiederholte sie bebend.

„Janowitzky – flüsterte sie, und ihre Zähne schlugen klappernd zusammen.

Mit vorgebeugtem Körper blickte sie [70] starr in das regungslose, verzerrte Gesicht … Und dann stieß

sie einen Schrei aus, einen einzigen, langen, gellenden Schrei …

Die Tür vom Waschzimmer wurde aufgerissen, und die Mädchen stürmten herein mit offenem Haar oder halb geflochtenen Zöpfen, in ihren kurzen, weißen Unterröcken. Mitten unter ihnen die Präfektin.

„Was ist denn? – Käthe! – Was hast du?“

Das Kind stand noch immer wie gelähmt, mit starren, festgebannten Blicken:

„Die – Janowitzky –

Die Präfektin schob die Kinder auseinander und trat an das Bett der Janowitzky. – [71] Plötzlich wurde sie kreidebleich, die gelockten braunen Haare auf ihrem Scheitel stiegen wie durch einen Luftzug emporgerichtet in die Höhe, und ihre Spitzen zitterten …

„Alle – hinaus –!“ sagte sie mit gebrochener, heiserer Stimme; „die Vorsteherin – sofort –!“


II.

Sie schlichen auf den Fußspitzen umher, und keine wagte laut zu sprechen. Nicht ein einziges Mal während der zwei Tage, da die Tote – aufgebahrt im Fremdenzimmer – noch im Hause lag, brauchte das Fräulein zur Ruhe zu mahnen. [72] Ein schwerer Schreck lag über den dreißig Kindern und hielt sie gefangen …

Alle hatten sie geweint und hatten es gar nicht glauben können, daß eine von ihnen gestorben war. – Und wie hatten sie sich gegen sie benommen, wie schlecht und herzlos! Alle, alle hatten sie sich Vorwürfe zu machen – nur Käthe nicht. Käthe war immer gut gegen sie gewesen. Ja, Käthe! Käthe war eben klüger und besser als alle! Die hatte gleich gesehen, wie krank die arme Janowitzky war. Und die anderen, wie bös waren sie gewesen, wenn die Arme in der Nacht geschrien hatte! Und hatten sie noch beim Fräulein verklatscht! Sogar verspottet hatten sie sie – damals am letzten Morgen – [73] huh, huh –

Fini legte schluchzend den Kopf auf die Tischplatte: der Ziegenbock – und da war sie gerade im Sterben gelegen!

--

„Schleimschlag,“ hatte der Herr Regimentsarzt gesagt. „So etwas kommt oft vor.“

Die Verwandten und der Vormund waren verständigt worden – denn Eltern hatte die Janowitzky keine mehr gehabt – und hatten depeschiert, sie solle in Wien begraben werden.

Am ersten Tage war kein Unterricht, und die Mädchen saßen beisammen und sprachen flüsternd von der armen Janowitzky. [74]

Gegen fünf Uhr nachmittags sagte die Marinka aus Böhmen, die hier war, um Deutsch zu lernen:

„Wo wirdte jetzt sein?“

„In der ewigen Seligkeit,“ entgegnete Alma, ein blondes, stilles Mädchen.

„Was fällt dir ein,“ sagte die Jungmann aus Saaz, die sehr fromm war, gewöhnlich als erste aufstand, in Religion, Zeichnen, Handarbeiten und „äußerer Form“ „Eins“ und im Kasten immer Ordnung hatte. – „Was fällt dir ein,“ sagte sie und blickte auf die Uhr; „jetzt um 5 Uhr kann sie noch nicht dort sein … Jetzt ist sie noch nicht einmal im Fegefeuer – erst am Weg.“

Und sie schlug ein Kreuz. – Die [75] anderen schwiegen voll ehrfürchtigen Schauers. Nur Rosa Weiß aus der I. B., eine sehr gute Schülerin, sagte erstaunt: „Du, Jungmann, wie kannst du denn das wissen –

das mit der Seele, das ist doch nicht so wie hier – das kann man doch nicht so ausrechnen?“

Die Jungmann sah sie mit ihren hervorstehenden blauen Augen kalt an: „Misch’ dich nicht hinein – du bist doch eine Israelitin.“

Rosa Weiß wollte zornig auffahren. Aber die Jungmann fuhr fort: „Es braucht dich ja nicht zu beleidigen – was wahr ist, kann man sagen – und eine Israelitin kann doch nicht wissen, was im Katechismus steht.“ [76]

Rosa Weiß schwieg beschämt. Abseits von allen saß Käthe. Warum sie abseits saß, wußte sie eigentlich nicht. Sie hatte nur das Gefühl, daß das so sein mußte. Denn alle behandelten sie mit so viel Ehrfurcht – beinahe Respekt – und trösteten sie mitleidig, als ob ihr eine Schwester oder eine Freundin gestorben wäre. Und Käthe ließ sich trösten.

Als die Glocke zum Nachtmahl läutete, erhob sie sich, besann sich aber und setzte sich wieder.

Alle zogen an ihr vorbei auf den Fußspitzen. „Du gehst nicht, Käthe?“ „Arme Käthe!“ „Du warst die Einzige.“ „Iß doch etwas, Käthe, du wirst ja ganz herunterkommen.“ [77]

Käthe schluchzte und sank matt in den Sessel zurück. „Sie ist schon ganz schwach, Käthe, schon’ dich!“ „Schau, es hat sein müssen, der liebe Gott hat es so gewollt.“

Käthe schluchzte herzbrechend. Sie zogen ab, eine nach der andern, und Käthe blieb allein zurück.

Nach einer halben Stunde kamen sie wieder. Fini trat zu Käthe. „Was habt ihr gehabt?“ fragte Käthe mit matter Stimme.

„Knödl mit Kraut,“ antwortete Fini traurig.


III.

Am Begräbnistage gingen die Pensionärinnen paarweise hinter dem Sarge. [78] Käthe ging mit Fini. Als der Sarg in das Grab hinuntergelassen wurde, schluchzten alle, und Fini legte fürsorglich den Arm um Käthe: „Stütz’ dich auf mich, Käthe!“ Auf dem Rückwege wankte Käthe so sehr, daß der Herr Bürgerschul-Direktor, ein freundlicher alter Herr, zu ihr trat und sie unter den Arm nahm.

In der Dämmerung kamen sie nach Hause. Bevor die Lampen gebracht wurden, durften die Pensionärinnen um diese Zeit immer plaudern und auf und ab gehen. Zwei Tage hatten sie nicht laut zu sprechen gewagt. Nun, da die Janowitzky begraben war, schien es ihnen wie eine Befreiung. [79]

Die lange Jetta war die erste, welche den alten Ton wieder anzuschlagen wagte. Sie stand mit verschränkten Armen an ihre Kastentür gelehnt und erzählte einen Witz. Einen ausgezeichneten Witz. Die lange Jetta wußte immer solche Witze. Woher sie die nur hatte

Die „Intimen“ saßen um die lange Jetta herum. Eben als sie zur Pointe kam, sprang die lustige Paula auf und hielt ihr den Mund zu. Im Spaß natürlich. Die anderen aber schrien vergnügt: „Lass’ sie doch – lass’ sie, – Jetta erzähl’!

Paula ließ nicht ab, Jetta wehrte sich, die anderen stürzten auf die beiden, und alle rauften. [80]

Eben als Jetta befreit war und Paula am Boden lag, rief Fini, die mitgerauft hatte, sich plötzlich erinnernd: „Kinder, die Janowitzky! Hören wir auf! Und denkt doch an Käthe!“

Käthe war mitten unter ihnen gesessen.

Jetzt, als Fini von ihr sprach, stand sie auf und winkte Fini mit der Hand ab: „Laßt euch durch mich nicht stören,“ sagte sie und wankte hinaus.

Betroffen blieben die anderen Kinder zurück. – „Die arme Käthe!“ „Schrecklich!“ „Wenn sie nur nicht krank wird!“ [81]


IV.

Acht Tage waren vergangen. Im Pensionat sprach man noch von der Janowitzky, aber es lag kein Schreck und kein Schmerz mehr in den Worten. Die alten Vergnügungen waren wieder aufgenommen worden, die guten Witze in der Dämmerung, die Streiche und Verschwörungen gegen die „Braven“ und die heimlichen kleinen Komödien mit verteilten Rollen, die man in der Nacht aufführte, wenn die Präfektin in ihrem Zimmer fest und sicher schlief.

Nur Käthe wurde natürlich zu all dem nicht aufgefordert, man schonte ihren Schmerz und tröstete sie … [82]

Heute morgens erst war eine riesige Hetz gewesen. Paula, Fini und Jetta hatten der Jungmann einen Streich gespielt – einen famosen, köstlichen Streich! Die Jungmann war verhaßt wegen ihrer Bravheit, besonders aber, weil sie eine „Lohndrückerin“ war, wie die kluge Irene, deren Vater im Parlament saß, sich ausdrückte – eine Lohndrückerin der Zeit, indem sie nämlich noch früher aufstand, als man mußte, um dann vom Fräulein als Beispiel aufgestellt und gelobt zu werden.

„Na warte, Schlange,“ dachten die drei Verschwörerinnen, „morgen sollst du auch einmal zu spät kommen!“ Sie hatten den Abend vorher geheimnisvoll konspiriert, aber niemand wußte, was sie tun würden. [83]

Am Morgen gab es ein großes Geschrei. Die Jungmann saß schimpfend und schreiend im Hemde auf ihrem Bette, in der Hand hielt sie ihre Hosen, nicht etwa weiße Höschen mit Spitzen, wie die Wienerinnen sie trugen, sondern sie trug rote Flanellhosen, und hatte überhaupt gar keinen Chic, was zu ihrer Verachtung sehr viel beitrug; in der Hand hielt sie also ihre roten Flanellhosen und bemühte sich vergebens, hineinzuschlüpfen, denn unten waren die Hosen mit zwei Reihen fester Hinterstiche zusammengenäht.

Weinend vor Zorn, schimpfend und drohend machte sie sich daran, die engen, festen Stiche aufzutrennen, und kam richtig zu spät in die Klasse. [84]

Käthe hatte von ihrem Bette aus alles beobachtet. Sie spürte ein Würgen und Ziehen im Zwerchfelle, ein Schlucken und Glucksen in der Kehle, aber sie wendete sich ab und seufzte tief –


V.

„Was spielen wir heute?“ sagte Fini vergnügt am Abend desselben Tages, als die Präfektin gegangen war und sie die Tür ihres Zimmers zufallen hörten.

„Es kommt ein Mann aus Ninive,“ schlug Paula vor.

„Hör’ auf, das ist doch zu kindisch“ war die verächtliche Antwort.

„Also was denn?“ [85]

„Negerlein,“ beantragte eine schüchterne Stimme, die der blonden Alma gehörte.

„Negerlein? Prachtvoll Das haben wir schon lange nicht gespielt.“

Im Nu waren alle aus den Betten.

„Alle kann ich nicht brauchen,“ sagte Fini, die selbstverständlich das Amt der Arrangeurin übernommen hatte, energisch. Mit streng sachlichem Ernst und unbeirrbarem Zielbewußtsein wählte sie unter den vielen kleinen Mädchen, die sich in ihren langen Nachthemden um sie herum drängten, acht heraus.

„Die anderen zurück – marsch ins Bett!“ kommandierte sie.

„Und wer ist Obernegerlein?“ fragte [86] Paula, die zurückgeschickt worden war, trotzig von ihrem Bett aus.

„Obernegerlein ist doch immer Käthe,“ sagte Alma eifrig, „Käthe kann es am besten.“

Fini warf ihr einen strafenden Blick zu. „Aber Alma!“ sagte sie vorwurfsvoll.

Und Irene fügte hinzu: „Pfui, wie roh du bist!“

Alma stotterte … sie habe vergessen … und warf einen ängstlichen Blick auf Käthe, die mit verschränkten Armen und düsterer Miene in ihrem Bett lag.

„Ich werde selbst Obernegerlein sein,“ sagte Fini entschlossen.

Darauf stellten sich die acht in ihren [87] langen Nachthemden im Gänsemarsch auf, und Fini trat an ihre Spitze.

„Nicht zu laut, das sag’ ich euch, damit die Condée“ – das war die Präfektin – „nicht aufwacht. – – Und jetzt: Knickt ein und vorwärts marsch!“

Alle knickten die Knie ein, so daß sie wie auf niedrigen O-Füßen mühsam watschelten. Wer am längsten so gehen konnte, hatte gewonnen. Bei jeder Strophe durfte eine austreten. Fiel sie aber mitten in der Strophe hin, so mußte sie Strafe zahlen.

Langsam setzten sie sich in Bewegung, rund um den großen Schlafsaal, und sangen dabei mit vorsichtig gedämpften Stimmen zu einer choralartigen Melodie den sinnigen Negerleintext:

[88]

Neun kleine Negerlein
Gingen auf die Wacht,
Das eine ist erschossen worden –
Waren nur mehr acht.

Bums! da lag eine am Boden. Die kleine Emmy hatte sich als die erste erschießen lassen, weil ihr die Füße gleich weh taten.

Feierlich tönte der Sang weiter:

Acht kleine Negerlein
Gingen in die Rüben,
Das eine ist dort umgefallen –
Waren nur mehr sieben.

Wieder fiel eine hin, und wieder sangen die Ausharrenden weiter:

Sieben kleine Negerlein
Kamen zu ’ner Hex’,
Das eine hat sie umgebracht –
Waren nur mehr sechs.

[89] So ging es weiter mit kleinen Änderungen im Text, bis bei den letzten zwei Negerlein die Situation bei der höchsten dramatischen Steigerung angelangt war und alle in Spannung in ihren Betten auf das Resultat harrten:

Zwei kleine Negerlein
Standen am Ufer des Rheins
Das eine ist hineingefallen –
War nur mehr eins!

Da lag Fini am Boden.

In hellem Siegesjubel hopste Irene, das sieghafte Negerlein, mit geraden Füßen sprungweise durch das Zimmer und sang triumphierend:

Ein kleines Negerlein
Ging nach Afrika hinein,

[90]

Es hat sich dort verheiratet –
Da waren wieder neun.

Dann sprang sie ins Bett, und die Auszahlung des Siegespreises von fünf Kreuzern aus der Spielkasse wurde auf den Morgen vertagt.

Die Kerzen wurden ausgelöscht und die Negerlein streckten die müden krummen Glieder.

Alle schliefen … Nur Käthe lag wach in ihrem Bett. Sie hätte weinen mögen. Warum war es denn so selbstverständlich, daß sie nicht Obernegerlein sein und überhaupt nicht mitspielen durfte?!

Aber sie mußte es tragen – denn sie war ja unglücklich …

[91]
VI.

Frau Ullmann, die Vorsteherin, leitete auch die deutsche Stunde. Heute waren die Aufsätze zurückgegeben und Käthes Arbeit war vorgelesen worden. Das Thema lautete „Weihnachten“, und die Ausführung war ganz frei. Die meisten hatten das Weihnachtsfest oder die Vorbereitungen dazu beschrieben. Käthe aber hatte das germanische Sonnwendfest geschildert, die Weihe-Nachten, wo Bursch und Mädchen um das flammende Rad tanzten und die Mistelzweige schwangen.

Frau Ullmann hatte den Aufsatz öffentlich gelobt und vorgelesen.

Käthe klopfte das Herz vor Freude, [92] und ein brennendes Rot war in ihre Wangen gestiegen, als die Vorsteherin las …

Am Nachmittag saß sie fleißig beim Buche, als Paula im Vorbeigehen ihr zuflüsterte: „Schade, daß du nicht dabei warst.“

Käthe sah flüchtig auf: „Was gibt’s denn?“

Paula blickte sich vorsichtig um, ob keine von den „Kleinen“ in der Nähe sei und etwas hören könne.

„Du weißt nichts?“ flüsterte sie. „Die Jetta hat etwas ausgedacht, etwas Großartiges, sie sind noch alle unten.“

„Wo denn?“

„Na im Schlafzimmer, bei der Maritschel.“

[93] Die Maritschel wurde eigentlich die blöde Maritschel genannt, denn sie war sehr zurückgeblieben und von ihrem Papa nur ins Pensionat gegeben worden, damit sie unter Altersgenossinnen sei und vielleicht ein wenig munterer werde. Sie besuchte auch die Schule, um zuzuhorchen, war aber vom Unterricht dispensiert, weil sie sich nichts merken konnte. Einmal hatte sie sehr geweint und gesagt, sie möchte auch einmal geprüft werden. Da hatte Käthe mit den anderen um eine Tafel Schokolade gewettet, die Maritschel werde geprüft werden und „Eins“ bekommen. Alle lachten, aber Käthe setzte sich mit der Maritschel hin und erklärte ihr einen ganzen Nachmittag lang die [94] Geschichte von Dido mit der Ochsenhaut. Sie hielten gerade bei der Gründung Karthagos, und Käthe meinte, das sei der Maritschel beizubringen. Sie zeigte ihr an Papierstreifen, wie Dido die Ochsenhaut zerschnitten und wie sie dann schlau den weiten Bodenraum damit umspannt hatte. Und richtig: in der nächsten Geschichtsstunde wurde der Herr Professor verständigt, daß die Maritschel Körner heute „gelernt“ habe … Der Professor schüttelte den Kopf und rief sie heraus. Noch bevor er eine Frage an sie richtete, begann sie stotternd zu erzählen, wie Dido die Ochsenhaut zerschnitt …

Maritschel hatte seit kurzem einen kleinen Schnupfen, und da man seit dem [95] Tode der Janowitzky ungemein ängstlich geworden war, mußte sie deswegen zu Bette liegen.

Und da unten, bei ihrem Bett, war etwas Unerhörtes, noch nie Dagewesenes geschehen, was die lange Jetta ausgedacht hatte und Paula nun flüsternd erzählte:

Sie hatten die Emmy – das war eine der Kleinsten – als Baby in Decken eingewickelt, ihr Gesicht mit einem Schleier bedeckt und dann …

Paulas Worte übersprudelten sich, auch hatte sie Eile, wieder hinunter zu kommen.

Käthe klopfte das Herz in heißer Sensationslust:

„Und was war dann?“

[96]

„Dann –“ Paula konnte kaum weitersprechen vor Kichern, dabei sah sie sich ängstlich um, „dann haben wir sie zu der Maritschel getragen und ihr gesagt, sie sei krank, weil sie ein Kind bekommen habe, und das sei das da.“

Käthe fiel auf ihren Sessel nieder und hielt sich die Hände vor den Mund, um nicht laut herauszulachen.

„Sie hat schrecklich geheult,“ fuhr Paula fort, „und wir haben uns gefürchtet, daß die Präfektin kommt. Dann hat die Jetta gesagt, sie soll still sein, wenn man ein Stück Zucker aufs Fenster legt, holt der Storch das Kind wieder und nimmt’s zurück. – Darauf hat die Maritschel gleich den ganzen Zucker von der [97] Jause hergegeben, wir haben die Emmy fortgetragen und ausgepackt.“

Käthe schüttelte sich vor Lachen und rang nach Luft.

„Schade, daß du nicht dabei warst,“ sagte Paula nochmals …

Plötzlich lachte Käthe nicht mehr. Ja, warum war ich denn nicht dabei, warum haben sie mich denn nicht geholt? dachte sie und sah Paula zornig an.

Sie war wütend darüber – und durfte es doch nicht sagen … Alle trieben Unfug und machten Streiche – nur sie mußte trauern … Ja, warum tat sie es denn? – Aber sie mußte ja …

Sie wendete sich von Paula ab und ging mit zorniger Miene zum Fenster.

[98] „Wir gehen jetzt alle in den Garten; gehst du mit?“

Paula bekam keine Antwort; Käthe stand beim Fenster und trommelte auf die Scheiben.

– – – – – – – – – – – –

Sie blieb allein oben zurück, während die anderen in warmen Winterkleidern im Garten spazieren gingen oder turnten. Mochten sie unten sein. Sie konnte da bleiben. Wenn sie sie nicht riefen zu den Streichen, brauchte sie auch nicht in den Garten zu gehen. Das schickte sich ja auch nicht, wenn man so trauerte wie sie … Die waren freilich herzlos. Was lag ihnen an der armen Janowitzky!

Und plötzlich legte sie den Kopf auf [99] die Tischplatte und begann zu schluchzen. Ein Strom von Tränen stürzte aus ihren Augen, ihr ganzer kleiner Körper war geschüttelt vom Weinen, und es bedrückte ihr schwer das Herz, wie gut sie war und wie viel sie leiden mußte … Und herzbrechend schluchzte sie vor bitterem Erbarmen mit sich selbst.

– – – – – – – – – – – –

Sie hatte nicht gehört, daß jemand die Tür geöffnet hatte und eingetreten war.

Nun, als sie den Kopf hob, um ihr tränennasses Gesicht zu trocknen, stieß sie einen kleinen Schrei aus, erschrocken, verwirrt … Vor ihr stand die Vorsteherin.

Von Frau Ullmann angesprochen zu werden, galt im Pensionat als ein aufregendes [100] Ereignis. Ein Lob aus ihrem Munde war die stolzeste Freude, ein Tadel selbst für die Kecksten und Schlimmsten vernichtend. Ihr glänzendes, weißes Haar, ihre guten grauen Augen, die doch manchmal streng aufleuchten konnten – ihre ganze Person umgab eine Atmosphäre von Verehrung, Zurückhaltung, Mäßigung …

„Warum bist du nicht im Garten, Käthe?“ fragte die alte Dame leise und ruhig.

Käthe suchte nach einer Antwort. „Ich – – ich will nicht – mit den anderen –“ stotterte sie endlich.

Frau Ullmann sah sie prüfend an. „Du willst nicht mit den anderen spielen und lustig sein, nicht wahr, Käthe?“

[101] Käthe nickte eifrig und drehte ihr Taschentuch.

„Seit dem Tode der Janowitzky?“ fuhr die Vorsteherin fort.

Wieder nickte Käthe, und schon meldete sich wieder das wehmütige Erbarmen, und ein Schluchzen hob ihre Brust.

Plötzlich schrak sie zusammen. Es war ein freudiger, süßer Schreck und doch etwas Beklemmendes dabei, wie eine ängstliche Ahnung … Die Vorsteherin war zu ihr getreten, hatte ihren Kopf zwischen beide Hände gefaßt und sah ihr tief in die Augen … „Käthe,“ sagte sie langsam und jedes Wort betonend, „ist denn das auch wahr – deine Trauer?“

[102] Ein heißes, dunkles Rot stieg in die Wangen des Kindes. Die beiden gütigen Hände, in denen ihr Kopf ruhte, schienen ihr plötzlich wie glühende Klammern, und sie hätte die Augen schließen mögen, nur um diesem grauen, klaren Blick nicht zu begegnen.

„Käthe,“ sagte die Vorsteherin, „ich weiß, du lügst nicht. Du hast noch nie mit Worten gelogen – nicht wahr?“

Käthe schwieg. – Aber etwas Neues, Fremdes stieg langsam in ihr auf, mit brennender, quälender Ahnung … Es sauste in ihren Ohren, und wie von ferne hörte sie die Worte der Vorsteherin: „… Es gibt eine Lüge, die nicht mit Worten gesprochen wird [103] und die ärger und tiefer ist als alle andern …“

Dann lösten sich die beiden weichen Hände von ihrem Kopf – Schritte tönten – und als sie die Augen vom Boden hob, war sie allein …

Und wieder verbarg sich das Kindergesicht schluchzend in den Händen, wieder wurde der kleine Körper durchrüttelt vom Weinen. Aber da war kein Mitleid mehr mit sich selbst. Heiße, brennende, tiefe Scham stieg ihr siedend zu Kopfe, eine unbestimmte zornige Empörung gegen sich selbst erschütterte sie, und sie fühlte nur, daß sie irgend etwas gut machen mußte, gleich, auf der Stelle, hinuntergehen zu den Freundinnen und [104] zeigen, was so brennend und schrecklich war …

Hastig trocknete sie ihr Gesicht und eilte in den Garten.

Fini schwang sich gerade auf dem Reck, und die Freundinnen umstanden sie.

Verwirrt, verlegen näherte sich ihnen Käthe.

„Wie werden sie staunen, wenn ich jetzt so komme …“ durchfuhr es sie.

Sie zögerte einen Augenblick, dann trat sie mit heißen, schamroten Wangen zu den Freundinnen hin:

„… Ich – ich will mit euch spielen …“