RE:Kritias 5

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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athenischer Politiker und Philosoph
Band XI,2 (1922) Sp. 19011912
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[1901] Κριτίας, ὁ σοφιστής, ὁ τῶν τριάκοντα, ὁ τύραννος.

1. Leben. K. war der Sohn des Kallaischros (Plat. Charm. 153c; Prot. 316a. Plut. Alc. 33. Acl. var. hist. II 13. Athen. IV 184d. Diog. Laert. III.1. Ps.Dionys. Hal. rhet. VI.1 p. 25, 11 Us. Liban. or 25, 64 II 567 F.), eines der einflußreichsten Mitglieder der 'Vierhundert' (Lys. contra Eratosth. 66), der Enkel des Κριτίας Δρωπίδου. Dieser war nach Plat. Tim. 20e. 21ab (vgl. Charm. 157e) mit Solon verwandt und eng befreundet (οἰκεῖος καὶ σφόδρα φίλος), und erzählte als Greis von 90 Jahren in Gegenwart seines 10jährigen Enkels am dritten Tag des Apaturienfestes Solons Gespräch mit dem Priester von Sais über das hohe Altar der ägyptischen Kultur. Die aus Platons Angaben (a. O. und Charm. 154a, 155a) sich ergebende Genealogie, welche auch für den Stammbaum Platons von großer Bedeutung ist, haben Diog. Laert. III 1 Procl. in Tim. I.81f. D., was K. anbelangt. im allgemeinen richtig aufgebaut — lediglich zu Unrecht wird Dropides Bruder Solons gennant — während bei dem platonischen Zweig der Familie frühzeitig Verwirrung entstanden ist (vgl. Diog. Laert. III 1 Iamblichos under der Platoniker Theon bei Procl. a. O. sowie Proklos selbst a. O. nebst Schol. S. 462 D.). Doch auch Platons Angaben bedingen unlösbare Schwierigkeiten. K., der Großvater, der 80 J. älter war als sein Enkel, war nach Schol. Aesch. Prom. 130 Liebling des Anakreon, nach Attika und Athen kam. Der demnach frühestens um 540 geborene ältere K. kann mit dem in Solons Dichtungen K. (frg. 22B.4) ebensowenig identisch sein, wie dessen Vater [1902] Dropides, der Urgroßvater des platonischen K., als Archon Nachfolger des Solon (um 590) gewesen sein kann (Philostr. vit. soph. I 16. Diog. Laert. III 1, s. Kirchner Rh. Mus. LIII 386). Daher schaltet Kirchner o. Bd. V S. 1720f.; Prosopgr. Attic. II 206 zwei Generationen ein, und macht den Großvater K. zum Enkel des solonischen K., zum Urenkel des solonischen Dropides. Als dieses Dropides Bruder gilt ihm der Marm. Par. ep. 36 gennante Archon K. (nach 604), und beide wären alsdann Söhne des Archonten Dropides vom. J. 644/3 (Marm. Par. ep. 34). Auf Einschaltung einer Generation kann unter keinen Umständen verzichtet werden, wenn überhaupt direkte Deszendenz den solonischen und platonischen K. verband, und Platons Altersangaben mehr besagen als die äußerste Grenze einer mündlichen Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht.

K., frühestens um 460 geboren (Bach a. O. 8 nimmt 455 an), stammte und reichbegütertem Hause (Xen. Mem. I 2, 25 ὠγκωμένω μὲν ἐπὶ γένει, ἐπηρμένω δ’ ἐπὶ πλούτῳ, πεφυσημένω δ’ ἐπὶ δυνάμει, διατεθρυμμένω δὲ ὑπὸ πολλῶν ἀνθρώπων), zu Solon stand er in verwandtschaftlicher Beziehung. Hierdurch und durch die Familienfreundschaft mit Anakreon und vielen anderen Dichtern war sein Vaterhaus, wie das des Charmides vor andern beglückt (Socr. in Plat. Charm. 157e). Platons Mutter Periktione, die Tochter des Glaukon, des jüngeren Bruders des Kallaischros, war seine Cousine, ihr Bruder Charmides nach des Glaukon Tode sein Mündel (Diog. Laert. III 1. Procl. a. O. Plat. Charm. 154a, 155a). Nach einer unsicheren Vermutung Schleiermachers ist der Γλαύκωνος ἐραστής, welcher auf Platons Brüder Glaukon und Adeimantos wegen ihrer Tapferkeit bei Megara eine Elegie gedichtet hat (Plat. rep. II 367e), K. gewesen. Fernerhin waren K. und Leogoras, der Vater des Redners Andokides, Vettern (Andoc. περὶ μυστηρ. 47), ihre Mütter waren Schwestern (Kirchner Prosopogr. Attic. I 63). Mit K. verschwägert war Hagnodoros (Lys. XIII 55).

K. gehörte zur Phyle Erechtheis (Xen. hell. II 3, 2) und zwar zum Demos Phegus, falls der διαιτητὴς Κάλλαισχρος Φηγούσιος (IA II 943a. 325/4) ein Nachkomme des K. war (s. Loeper Journal d. kais. russ. Ministeriums d. Volksaufklärung 1896, Mai S. 90ff.).

Ausgebildet war K. in der Kunst des Flötenspiels (Chamaileon bei Athen. IV 184d), er gehörte zum Schülerkreise des Gorgis (Philostr. ep. 73) und Sokrates. Zu ersterem ist K. vielleicht erst in Thessalien in nähere Beziehung getreten, während er sich frühzeitig Sokrates anschloß. Er, wie sein Freund Alkibiades, wandte sich von Sokrates ab, als er sein Ziel, die politische Ausbildung, erreicht zu haben glaubte (Xen. mem. I 2, 12ff. Aeschin. I 173. Aelian var. hist. II 13. Philostrat. Vit. soph. I 16; vgl. Cic. de orat. III 138. Lact. inst. III 19, 25), s. bes. Xen. a. O. 16 εὐθὺς ἀποπηδήσαντε Σωκράτους ἐπραττέτην τὰ πολιτικά, ὧνπερ ἕνεκα Σωκράτους ὠρεχθήτην. 39 ἔτι γὰρ Σωκράτει συνόντες οὐκ ἄλλοις τισὶ μᾶλλον ἐπεχείρουν διαλέγεσθαι ἢ τοῖς μάλιστα πράττουσι τὰ πολιτικά. Für die Entrfremdung und [1902] Trennung von Sokrates und K. gibt Xenoph. a. O. 29ff. ohne Gewähr noch einem anderen Grund an. Sokrates soll seinen Schüler wegen des Liebesverhältnisses zu Euthydemos, dem Sohne des Diokles, gescholten haben. Die späte Rache des K. bestand angeblich darin, daß er als einer der Dreißig mit Charikles den Antrag stellte, es solle verboten sein, die Redekunst zu lehren. Wenn dies Verbot auch allgemein gehalten war und gleichzeitig die demokratische Redefreiheit traf, so zielte sicher K. auch Charikles dem Sokrates sein Handwerk mit Gewalt legen wollten (Xenoph. a. O. 33ff. v. Wilamowitz Platon 199f.). Bekanntlich haben die Ankläger des Sokrates dem Lehrer die Beziehungen zu K. und Alkibiades zum Vorwurf gemacht (Xen. a. O. 12. Philostr. vit. soph. I 16).

K.'s erstes politisches Auftreten Auftreten erfolgte i. J. 415. Damals wurde er von Diokleides wegen Teilnahme am Hermenfrevel denunziert und ins Gefängnis geworfen, jedoch durch das Geständnis des Andokides in Freiheit gesetzt (Andok. περὶ μυστηρ. 45. 47. 68. Daher Philostrat. vit. soph. I 16 προυδίδου τὰ ἱερὰ?). Als Mitgleid der, Vierhundert soll K. nach Ps.-Demosth. LVIII (contra Theocrin.) 67 im J. 411 bereit gewesen sein, die Lakedaimonier in die befestigte Eetioneia aufzunehmen (κατασκάψας τὴν Ἠετιώνειαν, εἰς ἣν Λακεδαιμονίους ἔμελλον οἱ περὶ Κριτίαν ὑποδέχεσθαι); vgl. Thuc. VIII 90. Aristot. Άθ. πολ. 37. Dies bestreitet Busolt Griech. Gesch. III 1462, 3, weil K. beim Stuz der Vierhundert keineswegs zu flüchten brauchte, wie Peisandros, Phrynichos und die übrigen Anhäanger des radikalen Flügels (s. auch v. Wilamowitz Platon 116, 2). Jedenfalls blieb K damals in Athen und beantragte mit Zustimmung des Theramenes die Rückberufung des Alkibiades (s. Crit. frg. 5 D. 4 B 6 Cr. Plut. Alc. 33; vgl. Thuc. VIII 97, 3. Diod. XIII 38, 2. 42, 2. Nepos Alc. 5). Mit diesem Eintreten für Alkibiades hängt der Antrag des K. zusammen, daß Alkibiades' Hauptgegner Phrynichos noch nach seiner Ermordung als Hochverräter verurteilt wurde, und man auf Grund des Verdiktes dessem Gebeine exhumierte und außerhalb Attikas verscharrte (Lycurg. Leocr. 113). Diese Todfeindschaft mit Phrynichos erkläart es, daß K. nicht schon damals unter den Radikalen eine führende Rolle spielte. Er war nicht nur einer der heftigsten Gegner der Demokratie in Athen (Xen. hell. II 3, 47 ἐν μὲν τῇ δημοκρατίᾳ πάντως μισοδημότατος ἐνομίζου, ἐν δὲ τῇ ἀριστοκρατίᾳ πάντων μισοχρηστότατος γεγένησαι), sondern, wie seine Πολιτεῖαι lehren, ein φιλολακῶν von reinstem Wasser, der seine eigenen Landsleute selbst in der Verbannung mit tödlichem Haß verfolgte (Philostrat. Vit. soph. I 16). Schließlich wurde doch auch K. nach Wiederherstellung der Demokrati (407? jedesfalls vor dem Arginusenprozess [Xen. Mem. II 3, 36], wahrscheinlich gelegentlich des zweiten Sturzes des Alkibiades) als ehemaliges Mitgleid des Rates der Vierhundert auf Betreiben des Kleophon, verbannt. Zum Beweise dafür, daß K. von Haus aus zu Exzessen neige, politisch gewissermaßen erblich belastet war, berief sich Kleophon auf die Elegie des Solon auf den älteren K. (Arist. [1904] rhet. 1, 15. 1375 b 32 Sol. frg. 22 B4), wiewohl sich K. als eifriger Gegner der gestürzten Machthaber gebärdete (Xen. hell. II 3, 15. 36. s. Sauppe O.A. II 154, Beloch Att. Polit. 94, Busolt Griech. Gesch. III 1542). K. ging nach Thessalien, wo er mit einem gewissen Prometheus eine Demokratie schuf und die Penesten gegen ihre Herren bewaffnete, also revolutionäre Bewegung in umgekehrtem Stil inszenierte (Xen. a. O. 36 ἀλλ’ ἐν Θετταλίᾳ μετὰ Προμηθέως δημοκρατίαν κατεσκεύαζε καὶ τοὺς πενέστας ὥπλιζεν ἐπὶ τοὺς δεσπότας.), doch vgl. Philostrat. Vit. soph. I 16 βαρυτέρας δ’ αὐτοῖς (d. i. den Thessalern) ἐποίει τὰς ὀλιγαρχίας διαλεγόμενος τοῖς ἐκεῖ δυνατοῖς καὶ καθαπτόμενος μὲν δημοκρατίας ἁπάσης, διαβάλλων δ’ Ἀθηναίους, ὡς πλεῖστα ἀνθρώπων ἁμαρτάνοντας. In Thessalien hat K. an Ort und Stelle Material für die Πολιτεία Θεσσαλῶν gesammelt, ob früher oder während der Verbannung muß dahingestellt bleiben. Wenn erst damals, dann sind die übrigen Politeiai wohl im Zusammenhang mit dieser enstanden. Xen. Mem. I 2, 24 stellt es so hin, als ob der schon von Natur wenig erfreuliche Charakter des K. in der Verbannung weiter Schiffbruch gelitten hätte (Κριτίας μὲν φυγὼν εἰς Θετταλίαν ἐκεῖ συνῆν ἀνθρώποις ἀνομίᾳ μᾶλλον ἢ δικαιοσύνῃ χρωμένοις), während Philostrat. a. O. cher das Umgekehrte für richtig hält, daß die Thessaler durch K. verdorben wurden. Auch für Philostrat, dem wir eine ausführliche Charakteristik des K. als Mensch und Schrifsteller verdanken, ist K. κάκιστος ἀνθρώπων ... ξυμπάντων, ὧν ἐπὶ κακίαι ὄνομα. Darin stimmt er mit Xenophon überein, dem Mem. I 2, 12, der spätere Tyrann als ἐν τῇ ὀλιγαρχίᾳ πάντων πλεονεκτίστατός τε καὶ βιαιότατος καὶ φονικώτατος galt.

[1906]

Die in der Vita Euripidis S. 135, 33W. als νόθα bezeichneten Dramen unter Euripides' Namen, die Trilogie Τέννης, 'Ραδάμανθος, Πειρίθους hat v. Wilamowitz Analecta Eurip. 166f. (vgl. N Jahrb. 1908, 57) in Anlehnung an Athen. XI 496a (ὁ τὸν Πειρίθουν γράψας, εἴτε Κριτίας ἐστὶν ὁ τύραννος ἢ Εὐριπίδης) dem K. zusgeschrieben und als Satyrspiel den Σίσυφος zugefügt. Aus dem Sisyphos des K. nämlich hat Sext. Empir. IX 54 (frg. 25D. 9 B. 1 p. 770 N2) ein größeres Stück ausgehoben, von dem einzelne Verse von Aëtius I 7, 2 (S. 298 D.) und I 6, 7 [1907] fälschlich unter Euripides' Namen zitiert werden. Die Verwechslung, welcher bereit Satyros sich schuldig gemacht hatte, ist um so leichter zu erklären, als ein Sisyphos des Euripides im J. 415 aufgeführt worden ist (Ael. var. hist. II 8). Doch s.v. Wilamowitz Platon 117, 1. Zur Rekonstruktion des Inhaltes der einzelnen Stücke der Trilogie und des Satyrspiels reichen die dürftigen, durchwegs unter dem Verfassernamen Euripides überlieferten Fragmente nicht aus. Zur Hypothesis des Tennes - Namen des Eponymos von Tenedos - hat schon Nauck (FTG2 S. 578 Konon bei Phot. bibl. 126 S. 135b 19 B verglichen). Stob. III 2, 15 zitiert den einzigen Vers φεῦ· οὐδὲν δίκαιόν ἐστιν ἐν τῷ νῦν γένει (frg. 12D). Abermals dem Stob. (II 8, 12. 4, 20, II 61) danken wir ein zusammenhäangendes Stück aus dem RhadamanthysL von den Sterblichen hat der eine diese, der andere jene Liebe, ich (Rhad., wohl im Geiste des K.) δόξαν δὲ βουλοίμην ἂν εὐκλείας ἔχειν (frg. 15D. 659 N2). Der Peirithous (frg. 16-24D 591ff. N2), den K. Kuiper De Pirithoo fabula Euripidea (Mnemos. XXXVII 1907, 354ff.) gegen v. Wilamowitz vergeblich für Euripides retten wollte, behandelte die mißglückte Höllenfahrt des Theseus sowie beider Rettung durch Herakles. Die Hypothesis des Dramas erzählt kurz Gregorios Korinthios zu Hermog. II 449, 8 Sp., wo auch ein größerer Passus - Herakles stellt sich bei seiner Ankunft in der Unterwelt dem ihm interpellierenden Knecht des Hades Aiakos (von Aristophanes in den Fröschen übernommen) vor - zitiert wird. Dieses wichtigste Fragment (16D.) ist jüngst durch die Entdeckung des Ioannes Diakonos zu Hermog. im cod. Vatic. gr. 2228 durch Rabe (s. Rhein Mus. LXIII 144f.) wesentlich erweitert worden. Andere Fragmente aus derselben Tragödie (17ff. D. 10ff. B. 592ff. N.2), von denen frg. 17 und 18D. in Anapästen, die übrigen in Trimetern abgefaßt sind, verraten den in Politik, Philosophie und Rechtslehre bewanderten Autor. Endlich haben Welcker und v. Wilamowitz einige fragmenta incerta Euripidea dem Peirithous und damit dem K. zugeschrieben (frg. 24 D = Eurip. frg. 865 und 964N2 Phot. lex. ed. Reitz. S. 91, 18; s. SBBA 1907, 7). Reichstphilosophischen Inhaltes ist auch das Hauptstück aller K.-Fragmente, das wir Sextus Empiricus danken, frg. 25 D. (9 B. 1 N2 S. 770) aus dem Sisyphos: eine von radikalstem Rationalismus zeugende, aber nicht ohne hohen sittlichen Ernst getragene Betrachtung des Sisyphos überdie Entwicklung der Menscheit aus tierischer Rechtlosigkeit zum Rechtszustand, und darüber hinaus zum Götterglauben und zur Gottesfurcht auch bei den geheimsten Gedanken und Taten. Freilich sind ihm die Götter und die sich an diese anlehnenden Gedanken lediglich eine Erfindung der Staatsmänner. Sophistisch-ethischen Gepräges sind auch vier weitere Frg. aus unbestimmten Dramen frg. 26ff. D. (19ff. B. 2ff. N) aus Stob., sowie das frg. 49 D. aus Ps. Dionys. rhet. VI 1 S. 25, 10ff. Us. (βέβαιον μὲν οὐδέν, εἰ μὴ τό τε καταθανεῖν γενομένωι καὶ ζῶντι μὴ οἷόν τε ἐκτὸς ἄτης βαίνειν), wo Usener wohl mit Recht ein Dramenzitat vermutete.