Unter den Muka Lari-Zwergen

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Autor: W. Belka
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Titel: Unter den Muka Lari-Zwergen
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Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ein Abenteuerromanzyklus, welcher die Bändchen 89–96 umfaßt. Handlungsort ist Arabien.
Band 91 der Romanreihe Erlebnisse einsamer Menschen.
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[I]
91. Band. Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
91. Band Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
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Unter den Muka Lari-Zwergen.
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Treff war ihm gegen die Brust gesprungen.


[1]
(Nachdruck, auch im Auszuge, verboten. – Alle Rechte vorbehalten. – Copyright by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin 14. 1916.)


Unter den Muka Lari-Zwergen.
W. Belka.


1. Kapitel.
Auf gefährlichen Pfaden.

Am westlichen Horizont stand eine dunkle Wolkenwand. Es konnte nicht mehr langte dauern, dann mußte sie die strahlende Sonne verschlungen haben. Eine drückende Schwüle lag in der Luft, die den Schweiß aus allen Poren trieb.

Der kleine, dicke Mann, der sich dort mit einem kräftigen Maulesel abquälte, dem er die Eigenschaften eines guten Reittieres „einbleuen“ wollte, schwitzte denn auch in geradezu beängstigender Weise.

Dieser kleine Dicke, dem unter der einst weiß gewesenen Schirmmütze ein Kranz brandroter Haare hervorlugte, hob eben wieder den Stock und versetzte dem vierbeinigen Träger einen gehörigen Jagdhieb. Doch der Maulesel, der noch vor drei Wochen frei und ungezähmt die Einöden Arabiens durchstreift hatte, rächte sich sofort, machte ganz unerwartet einen Satz nach vorwärts, und … [2] der Dicke schoß wie ein Tuchballen in den weichen Sand.

Ein lautes Gelächter aus den Kehlen seiner beiden Gefährten stachelte ihn zu höchster Wut an.

„Ihr – Ihr habt gut lachen, Ihr herzlosen Kerle, die Ihr seid! Wer so lange Beine hat wie Ihr, kann sich leicht auf so einer infamen Bestie festklemmen! Aber ich … ich …!“

„Lieber Knirps“, meinte der Ingenieur Fritz Tümmler gutmütig „– verzeih’ schon! Doch – wenn Du so von Deinem edlen Renner herabsaust, – das ist wirklich ein zu komischer Anblick! Im übrigen kann ich Dir nur raten, Dein Reittier etwas liebevoller zu behandele. So, wie Du es anfängst, zähmt man kein Geschöpf, das in der Freiheit aufgewachsen ist. Also, liebes Knirpschen, – tu’ den Stock beiseite. Dein Maulesel hat eben Charakter und läßt sich nicht alles bieten.“

„Charakter – he – Charakter!“ Der Dicke rappelte sich auf, trat an das mit zurückgeklappten Ohren dastehende Mauleselein heran und beschaute es prüfend von allen Seiten. Dann streckte er die Hand aus und begann es zu streicheln. Der Knirps war ja im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch. Man behauptete dies ja von allen Dicken.

„Ich will Dich Spezia nennen“, sagte er, schon wieder mit behaglichem Lachen. „Spezia – als Abkürzung von Spezialarzt“, fügte er hinzu.

„Du bist übergeschnappt“, meinte Emil Kurz, der dritte Deutsche, der hier fernab von allen Stätten der Kultur in der Wüste Arabiens seinen hünenhaften Körper von der Sonne braten ließ. Er liebte keine langen Reden, begnügte sich stets mit ein paar Worten, und seine beiden Freunde und Leidensgefährten nannten Ihn daher Kürze-Würze.

„Gestatte!“ verteidigte sich Karl Bolz, der Knirps, voller Eifer. „Dieses liebe Tierchen hier, das mich heute zum zweiunddreißigsten Male den heiligen Boden Arabiens küssen ließ, ist mein Spezialdoktor für Entfettungskuren. Seit ich diese charaktervolle Bestie zuzureiten versuche, habe ich mindestens zwanzig Pfunde abgenommen.“

„Machen wir, daß wir heimkommen!“ mischte sich [3] jetzt der dürre Ingenieur ein, der von der Sonne geradezu negermäßig gebräunt war. „Es gibt ein Gewitter; in diesen Gegenden eine Seltenheit.“

Der Knirps schwang sich wieder in den selbstgefertigten Sattel, klopfte seinem „Spezia“ freundlich den Hals und lenkte ihn hinter den beiden gleichfalls berittenen Freunden her der breiten, felsigen Schlucht zu, in der die drei Deutschen nun schon wochenlang lebten, nachdem sie durch die Heimtücke einiger Engländer hier im Nordteile des Sandmeeres der Wüste Roba el Chali (das südostlichste Wüstengebiet Arabiens) entblößt von fast allen Hilfsmitteln zurückgelassen worden waren.

„Spezia“ hatte offenbar für gute Behandlung weit mehr Verständnis, als für eine „schlagende“ Erziehungsmethode, benahm sich jetzt sehr manierlich und erhielt nachher zur Belohnung einen Arm voll leidlich saftiges Gras vorgelegt.

Die drei Deutschen hausten am Südrande des langestreckten Wadi (Wadi, ausgetrocknetes Flußbett), in einer Grotte, die sie von dem Vorbesitzer übernommen hatten, – sehr zu ihrem Bedauern, was die näheren Umstände dieser Besitzübernahme anbetraf. (Unsere lieben jungen Leser finden näheres über die früheren Abenteuer der drei Helden unserer Erzählung in dem vorhergehenden Bändchen dieser Sammlung: „Der Gespensterlöwe“.) –

Der Regen, der sehr bald unter Blitz und Donner in wahren Strömen sich vom Himmel ergoß, kam den Einsiedlern der Schlucht recht gelegen. Ermöglichte er es ihnen doch, ihre mühsam aus Antilopenhäuten gefertigten Wasserschläuche zu füllen und die Rückreise in bewohnte Gebiete anzutreten.

Fritz Tümmler, dessen Anordnungen Knirps und Kürze-Würze ohne Widerrede sich fügten, bestimmte daher, als das Gewitter in einer Stunde sich wieder verzogen hatte, die Zeit kurz vor Sonnenuntergang zum Aufbruch.

Außer den drei Mauleseln, die ihnen als Reittiere dienten, hatten die Gefährten noch weitere zwei eingefangen, denen nun die Lasten: Wasserschläuche, Säcke mit gedörrtem Fleisch, Durrahirse und Heu, aufgeladen wurden.

[4] Der Abschied von der Felsgrotte und der Schlucht wurde den Freunden nicht ganz leicht. An dieses Wadi knüpften sich für sie viele denkwürdige Erinnerungen. Doch die Sorge um die Zukunft, die dunkel und vielleicht unheildrohend in Gestalt einer Reise durch die Einöde vor ihnen lag, verdrängte diese Gedanken.

Fritz Tümmler schlug die Richtung nach Süden ein. Dort gab es, in vielleicht acht Tagereisen erreichbar, die Küste und einen kleinen Hafen namens Mirbat, von dem aus man zu Schiff weiterkommen konnte. – In flotter Gangart schritten die Maulesel aus, alles starke Tiere, die wildlebend nur in Südarabien zu finden sind. Zuweilen gingen sie ganz von selbst in Trab oder auch Galopp über, was dem Knirps stets eine wahre Sonate von Stöhnlauten entlockte. Aber er biß die Zähne zusammen und war froh, daß sein Spezia ihn nicht abwarf.

Die Sonne versank im Westen hinter einem kahlen Höhenrücken, der sich am Horizont wie ein grauer Streifen hinzog. Kaum war das Tagesgestirn verschwunden, als auch schon der Abendwind einsetzte und die Glutwellen über dem Sandmeere der Wüste angenehm milderte. Die Dämmerung ging schnell in Dunkelheit über, doch nur für eine knappe Stunde. Dann schien es, als ob bereits der neue Tag anbrechen wollte. Es wurde wieder heller und heller. Die Gestirne funkelten am Himmel, und ihr Licht genügte, etwas wie ein Morgengrauen vorzutäuschen.

Die drei einsamen Reiter hatten ihre Tiere gerade wieder in Schritt fallen lassen. Diese Gelegenheit benutzte der dicke Karl Bolz, um die Äußerung zu tun, daß „dieses Arabien doch ein sehr wunderliches Land sei, denn diese halbdunklen Nächte, dieses eigenartige Zwielicht, gebe es sonst doch nur im Norden, etwa von der Stadt Bergen in Norwegen an nach dem Pole zu …“

Fritz Tümmler lachte behaglich zu dieser Bemerkung.

„Wie oft hast Du nicht schon ähnliches gesagt in bezug auf Arabien, lieber Knirps,“ meinte er. „Bald ist es dies, bald wieder das, was Dich zu den schmückenden Beiworten „eigenartig, sonderbar, geheimnisvoll und so weiter“ verleitet. Im übrigen will ich Dir nur sagen, daß dieses Zwielicht, das gerade über ausgedehnten Sandebenen [5] häufig anzutreffen ist, von manchen Gelehrten auf eine Ausstrahlung der obersten Bodenschichten zurückgeführt wird, also nicht lediglich auf die Leuchtkraft der Sterne. Daher auch stets eine gewisse Zeit nach Sonnenuntergang tiefste Finsternis, denn der mit Sonnenstrahlen gesättigte Sand braucht eben eine geraume Weile, ehe er das wiederhergibt, was er … Hallo – was war das?!“ unterbrach er sich plötzlich. „Hörtet Ihr nicht – das waren doch Schüsse …?!“




[6]
2. Kapitel.
Doktor Traugott Pinkemüller.

Der Knirps rutschte unruhig im Sattel hin und her.

„Allerdings – es waren Schüsse! Und deshalb wollen wir einen kleinen Umweg machen, damit wir jener Stelle dort vor uns, wo es soeben viermal knallte, als ob …“

„Da – – hört Ihr’s?!“ rief Tümmler dazwischen. „Abermals drei deutliche …“ Er brachte den Satz nicht zu Ende.

Kaum hundert Meter seitwärts von der kleinen Karawane sah man jetzt lautlos wie Gespenster eine Anzahl Kamelreiter vorüberjagen, ohne Zweifel Beduinen. Ihre Silhouetten hoben sich scharf gegen den lichten Himmel ab. Man erkannte genau die langen Flinten, die flatternden Mäntel, die hochbeinigen Dromedare, die ihre Füße weit auswarfen und mit ihrer Schnelligkeit bewirkten, daß die Schar der Wüstensöhne da drüben ebenso bald wieder verschwand, wie sie urplötzlich aufgetaucht war.

Da die drei Deutschen mit ihren Tieren gerade gegen den dunklen Hintergrund einiger kahlen Felsen gestanden hatten, konnten die braunen Reiter sie kaum bemerkt haben.

Jetzt, da alles darauf hindeutete, daß die Kamelreiter sich auf der Flucht befanden, kehrte dem kleinen Dicken auch sofort der Mut zurück und … das große Mundwerk.

„Da hat’s ein Gefecht gegeben“, meinte er. „Schade, [7] daß wir nicht mithelfen konnten, diese Herren Wüstenbewohner mit blutigen Köpfen heimzuschicken.“

Kürze-Würze murmelte etwas vor sich hin, das nicht gerade schmeichelhaft für den Knirps war, nahm Tümmler die einzige Schußwaffe, über die die drei verfügten, einen Karabiner, ab und sagte:

„Wartet! Bin bald wieder da.“

Mit langen Schritten tauchte er in der grauen Dämmerung unter, indem er genau die Richtung einhielt, in der die Schüsse vorhin gefallen waren. Er brauchte nicht lange zu marschieren. Nach kaum drei Minuten wuchsen vor ihm aus dem Sande eine Menge Felsblöcke heraus, die sich zu einem kleinen Hügel auftürmten. Jetzt hielt er es doch für ratsam, nicht gerade in aufrechter Haltung weiter vorzudringen. Obwohl er noch vor nicht allzulanger Zeit in Bombay in Vorderindien nur einen Kontorschemel als vielbenutztes Reittier gekannt hatte, verstand er sich doch ganz gut darauf, an die Felsgruppe sich anzupirschen, indem er auf Händen und Füßen weiterkroch, wobei er stets ein paar der stellenweise hier wuchernden Ginstersträucher als Deckung benutzte.

Plötzlich duckte er sich dann ganz zusammen. Er hatte vor sich eine Gestalt bemerkt, die wie er auf allen Vieren über den Sand weiter rutschte, – fraglos ein Beduine, der jedoch von den Felsen weg in die Wüste hinein zu entkommen suchte.

Der Beduine sah ihn nicht und verschwand. Da erst wagte Emil Kurz sich weiter vor. Nun hatte er die ersten Steinblöcke erreicht, machte halt und lauschte. Es war ihm so gewesen, als ob da rechts von ihm ein zweiter Beduine sich kriechend davonmachte. Und jetzt hörte er auch etwas: ein geradezu unheimlich klingendes – weil es in dieser Einöde und Stille laut wurde – höhnisches Kichern. Es kam fraglos von einem gut drei Meter hohen Steinblock herab, der, eine Laune der Natur! wie ein riesiger, unregelmäßiger Würfel auf drei spitzen, gut anderthalb Meter emporragenden Felsstücken ruhte, so daß man darunter hindurchsehen konnte.

Und jetzt abermals ein seltsamer Ton …! – Kürze-Würze spitze geradezu die Ohren vor Staunen …, – [8] denn in das Kichern hatte sich das drohende Knurren eines Hundes gemischt …

Während der Deutsche noch mit argwöhnischen Blicken den Steinwürfel musterte, erscholl mit einemmal eine Stimme, die in einem Englisch mit stark deutschem Akzent fragte:

„Halt – wer da?! – Keinen Schritt weiter! Nicht gerührt, mein Bursche, – sonst gibt’s etwas Blei zu schlucken. Ich sehe Dich genau … – Also, – wer bist Du? Jedenfalls keiner der braunen Herrschaften, die nach Traugott Pinkemüllers Sachen Verlangen trugen und sich nun ihre Beinfleischsschüsse ausdoktern können.“

Kürze-Würze hörte diesem Englisch deutlich an, daß es aus der Kehle eines Landsmannes kam. Seine Überraschung bei dieser Feststellung ist schwer zu schildern. Aber so verdutzt er auch war, – er zögerte nicht lange mit der Antwort:

„Hier Emil Kurz, zuletzt deutscher Korrespondent bei Haloonk und Shooft, Reisexport, Bombay …“

„Na – da schlag’ einer lang hin – wenn er nicht gerade wie Sie Kurz heißt“, ertönte es vom Felsen herab. „Wahrhaftig ein Deutscher! Freut mich sehr, Ihre allerwerteste Bekanntschaft gemacht zu haben. Entschuldigen Sie nur, daß ich Sie vorhin so schlankweg duzte. Aber das ist nun mal ne besondere Eigenheit von mir. – Warten Sie einen Momang – ich bin sofort bei Ihnen unten. Die Herren Beduinen dürften sich jetzt ja wohl endgültig verzogen haben.“

Kürze-Würze, der Hüne, war außerordentlich gespannt, welch’ ein Original er wohl in diesem Traugott Pinkemüller entdecken würde. Ein Original war dieser Mensch ja fraglos …!

Als Pinkemüller dann vor ihm stand, war Emil Kurz zunächst etwas enttäuscht. Bald aber wurde diese Empfindung durch eine andere verdrängt. Am liebsten hätte er jetzt laut herausgelacht, denn dieses Männlein, das in einen braunen Beduinenburnus eingehüllt war und einen Zipfel des weiten Mantels um den Kopf als Kapuze befestigt hatte, wirkte tatsächlich sowohl durch seine winzige [9] Körperlänge als auch durch das ungeheure Riechorgan in Form einer sog. Stupsnase überaus komisch.

Ein Zufall war’s, daß jetzt gerade der Mond hinter einer Wolkenbank hervortrat und den Kleinen fast taghell beleuchtete. Und dieser Traugott Pinkemüller, der im Arm eine kurze Büchse mit merkwürdig dickem Schloß trug, um den Leib aber einen breiten Lederriemen gegürtet hatte, an dem zwei Revolver, ein Messer mit Scheide und das Etui eines Fernglases befestigt waren, kicherte plötzlich höchst vergnügt in sich hinein und sagte mit verblüffender Offenheit:

„’n komischer Kauz bin ich, – wie?! Sie haben sicher gedacht, ein Mensch von normaler Länge würde Ihnen gegenübertreten, – stimmt’s? – Sie nicken. Gut, daß Sie ehrlich sind. Bitte – übersehen Sie aber meine Nase nicht. Die ist berühmt von Konstantinopel bis Kalkutta, von Bagdad bis Aden …“ Und nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Ich lasse mich nicht gern aushorchen. Und natürlich wollen Sie wissen, was ich hier treibe. Genau so wie ich’s von Ihnen wissen möchte. – Also – ich bin Deutscher, in Stettin zu Hause, aber seit fünf Jahren unterwegs auf Forschungsreisen – immer allein ohne Begleitung. Asien kenne ich wie meine Tasche, Arabien wie ein preußisches Dittchen alias Groschen, Afrika wie das Vaterunser und … den Nordpol gar nicht. Ich war früher mal Diener in einem chemischen Laboratorium, nachdem ich das Einjährige trotz zweijährigen eifrigen Besuchs der Untersekunda nicht geschafft hatte. Dann erbte ich, und in meinem wütenden Bildungsdrang habe ich in jedem Zweige der Wissenschaft so ein wenig herumgestöbert, auch manches erreicht, manche Erfindung gemacht … Mit einem Male kam die Reiselust über mich. So wurde ich Forscher. Und augenblicklich durchstreife ich diesen Teil Arabiens und suche nach alten Kulturstätten inmitten dieser Sand- und Felsmassen. – So – das wäre mein Steckbrief. Und der Ihrige …?!“

Der Hüne berichtete darauf in großen Zügen, was er und seine Gefährten hier täten. – Plötzlich kicherte Pinkemüller wieder so stillvergnügt in sich hinein.

„Ah hem!“ meinte er. „Sie wollen also den Ali [10] Mompo und den tüchtigen Paul Loring deswegen im Stiche lassen, weil Sie meinen, ihnen doch nicht mehr helfen zu können. Freundchen, Freundchen, – da sind Sie auf dem Holzwege – total, gänzlich, vollständig …!! Ihre beiden Freunde befinden sich nicht mehr in der Gewalt der Engländer – im Gegenteil: die Herren Briten haben lhre Freunde an dieselben Beduinen abgegeben, denen ich hier ein paar Löcher in die Beine schoß. Abgegeben, – das heißt also, die braunen Wüstensöhne sollen die Gefangenen irgendwohin verschleppen. Ich wollte sie ihnen abnehmen. Es mißlang aber leider. Ich war zu hitzig an das Befreiungswerk gegangen. Schließlich kniff die Bande aus. Es waren Leute vom Stamme der Iringi, übles Gelichter! Der Stamm besteht aus den Abkömmlingen von Ausgestoßenen der verschiedensten andere Völkerschaften. – Na – jedenfalls werden wir jetzt gemeinsam der braunen Gesellschaft nachsetzen. Das ist klar! Das wird gemacht, so wahr ich Traugott Pinkemüller heiße und mit Oderwasser getauft bin. – Vorwärts – kehren wir zu Ihren Gefährten zurück.“




[11]
3. Kapitel.
Hinter den Iringi her.

Der kleine Forscher hatte seine Dromedare, zwei selten schöne Tiere, auf der anderen Seite des merkwürdigen Felswürfels in einer flachen Mulde stehen. Dort lagen auch seine Gepäckstücke, vier sehr feste Körbe aus Bast, die manches enthalten mochten, was die Habgier eines Beduinen reizen konnte.

Im Nu hatte Pinkemüller dann dem Lastdromedar die schweren Körbe umgehängt, wobei er eine Kraft entwickelte, die niemand ihm seinem Äußeren nach zugetraut hätte. Der Hüne, dem der Forscher bequem unter dem Ausgestreckten Arm durchgehen konnte, wollte helfen, doch Pinkemüller meinte: „Ne – lassen Sie nur! Sie verstehn davon nischt!“ –

Tümmler und Knirps waren froh, als Kürze-Würze endlich wieder auftauchte und ihnen schon von weitem zurief: „Ich bringe einen Landsmann mit!“

Bei der Begrüßung sagte der kleine Forscher dann zu dem ebenso kleinen Karl Bolz: „Wir müßten unsere Gesichter zusammentun … Das gäbe eine nette Mischung. Meine hochfeudale Nase und Ihr Mund, Form Old-England, das heißt riesig, ergänzen sich trefflich!“

Zu Tümmler wieder äußerte er mit seinem gewöhnlichen Lachen, das fast wie das Meckern einer Ziege klang:

[12] „Was stieren Sie mich so an, he?! Ist das wohl höflich …?!“

„Verzeihung … Erst jetzt erkenne ich Sie, Herr Doktor. Ich hatte die Ehre, Ihnen vor einem Jahr in Kalkutta im deutschen Klub vorgestellt zu werden.“

„Und das sagt der Mensch erst jetzt! – Wir erneuern hier also eine alte Bekanntschaft.“

Der Hüne war „ganz platt“. Pinkemüller solle Doktor sein …?! – Später klärte ihn Tümmler darüber auf. Der kleine Herr hatte durch eisernen Fließ noch mit dreißig Jahren die Primareife eines Gymnasiums erreicht und dann Philosophie an einer Universität studiert. Der Doktorgrad war ihm von der Universität Berlin ehrenhalber wegen außergewöhnlicher Verdienste um die Ausgrabungen im alten Bagdad verliehen worden.

Pinkemüller drängte zu schleunigem Aufbruch. Er fürchtete, daß die Spuren der Iringi durch einen abermaligen Gewitterregen verwischt werden könnten. Ob die drei Landsleute mit seinen Plänen, das heißt einer Verfolgung der Beduinen, auch einverstanden waren, fragte er nicht. Er nahm es als selbstverständlich an. Und damit hatte er auch vollkommen recht. Nur der Knirps hätte zu gerne von diesem neuen Abenteuer abgeraten, wollte sich jedoch nicht blamieren, da er besonders des Hünen spöttische Bemerkungen fürchtete.

Jetzt erst fiel es diesem ein, daß er vorhin von der Höhe des Felsens herab, den Doktor Pinkemüller als Festung mit so viel Erfolg verteidigt, doch auch Hundegebell gehört hatte. Als er deshalb den kleinen Forscher fragte, wo er denn seinen Hund gelassen hätte, kicherte Pinkemüller so recht übermütig und stolz vor sich hin und erklärte dann, sein Treff sei hinter den Beduinen her. „Wir werden ihn zur rechten Zeit schon wiederfinden“, fügte er hinzu. „Mein Treff hat mehr als gewöhnlichen Menschenverstand! Und dabei ist es ein so ein schönes Tier – wirklich, ein wahrer Hundeadonis! Na – Sie werden ihn ja sehen.“

Und er behielt recht. Treff kehrte bereits nach fünf Minuten zurück, bevor Pinkemüller noch die Hauptfährte der Wüstensöhne aufgefunden hatte. –

[13] Ein Hundeadonis …! Tümmler lachte schallend auf, als er dies merkwürdige Exemplar von Hund erblickte …! – Treff war ein Wolfshund von beträchtlicher Rückenhöhe und schön gezeichnetem Kopf. Aber leider hatte er die Haare seines Felles größtenteils durch eine Hautkrankheit eingebüßt, so daß sein Behang große kahle Stellen zeigte. Besonders der Hals und die Rute waren bis auf wenige kleine Haarbüschel gänzlich nackt.

Treff spielte nun den Führer, blieb immer ein paar Meter voraus und richtete sein Marschtempo ganz nach den Reitern ein, von denen Pinkemüller auf seinem edlen Dromedar weitaus am besten beritten war.

Sandhügel, steinige Schluchten, weite Grasflächen und glatter Wüstenboden wechselten dauernd ab. Die Gefährten kamen schnell vorwärts. Die wilden, jetzt halb gezähmten Maulesel bewährten sich vortrefflich. Nur selten machte man eine kurze Rast. Und eine dieser Ruhepausen benutzte dann Tümmler, um den kleinen Doktor nach dessen eigentümlichen Gewehr auszufragen.

„Ja – ja – – mein Gewehr …!“ erwiderte Pinkemüller stolz. „Das ist meine eigene Erfindung. Eine Gasbüchse ist’s! Hier in diesem starkwandigen Stahlzylinder am Schloß befindet sich ein chemisches Präparat, das, ähnlich wie Karbid, in feuchtem Zustand eine Menge Gas entwickelt. Ich will Ihnen ein andermal die Konstruktion näher auseinandersetzen. Jedenfalls kann ich aus diesem Gewehr zwölf Schuß hintereinander abgeben und brauche dazu keine Patronen, nur diese Langbleikugeln, die stark gefettet sind, damit die Gase sie wie eng anliegende Pfropfen aus dem Lauf heraustreiben.“

Dann wurde wieder aufgebrochen. Weiter gings nach Nordwesten zu; wieder war Treff stets gut zehn Meter voraus. Der Morgen mußte nun bald nahen. Gerade als der nieder völlig klar gewordene Horizont sich im Osten zu lichten begann, geschah etwas sehr Merkwürdiges.




[14]
4. Kapitel.
Wie man Ali Mompo fand.

Der Wolfshund hatte plötzlich kehrt gemacht und sprang nun winselnd an dem Reitdromedar seines Herrn in die Höhe.

„Aha – das heißt: „Kolonne stopp!“ meinte der kleine Forscher, zufrieden lächelnd seine Riesenstupsnase reibend. „Da vor uns ist irgend etwas nicht so recht in Ordnung … – Ha – was bedeutet das …?! Hören Sie … sehen Sie …?!“

Von rechts erschien mit einemmal eine dunkle Masse, eine Menge eng aneinander gedrängter Tierkörper. In tollem Jagen, zuweilen aufheulend vor Angst und Schrecken, rasten wohl ein Duzend Schakale dahin. Und hinter sich schleppten sie irgendeinen dunklen Gegenstand her …

Pinkemüller war mit einem kühnen Satz auf den Boden gesprungen, riß jetzt seine Gasbüchse an die Wange, und … dreimal knallte es kurz und hart wie Schläge auf ein dickes Blech …

Drüben wälzten sich die Schakale in einem Knäuel übereinander. Mit ein paar Sprüngen hatte der Doktor den wirren Haufen erreicht, zog sein Messer und schnitt die Lederriemen durch, mit denen die vierbeinigen Wüstenbewohner an ihrer Last festgebunden waren. Sofort ging das Rennen weiter. Die Schakale schleppten [15] ihre drei verendeten Artgenossen mit sich fort, und schnell wie ein Geisterspuk tauchten die Tiere in dem Halbdunkel unter, das noch über der Wüste lagerte.

Auch Tümmler war jetzt abgestiegen und eilte nach der Stelle hin, wo der kleine Forscher soeben mit vorsichtigen Schnitten einen Menschen aus den ihn einhüllenden Decken befreite.

„Wahrhaftig – – Ali Mompo!“ rief der Ingenieur jubelnd.

Der Name bewirkte, daß Knirps und Kürze-Würze eiligst der kleinen Gruppe zustrebten. Dort hatte Tümmler des braunen Fremdenführers Hand ergriffen und drückte sie kräftig in ehrlicher Wiedersehensfreude.

Ali Mompo, der die drei Gefährten seiner Zeit aus Aden in die Wüste begleitet hatte, war ein Mischling, – der Abkömmling einer Somali-Negerin und eines Arabers. Auf seine Abstammung von den Somali war er besonders stolz.

„Schau, schau – der Mompo!“ meinte der Doktor nun gleichfalls, sich vergnügt die Hände reibend. „Wir kennen uns von Aden her, sogar sehr gut … Ein tüchtiger Kerl, der Ali, wirklich! Freut mich, daß ich Dich aus dieser wenig angenehmen Lage befreien konnte.“

Der Somali sprach als früherer Angestellter eines deutschen afrikanischen Pflanzers ein wunderliches Deutsch. Und in diesem unglaublichen Kauderwelsch berichtete er nun seine Erlebnisse, – wie er zusammen mit Paul Loring gefangen genommen worden war und wie ihn heute Nacht dann die Iringi, nachdem sie sich mit einem anderen Trupp ihres Stammes vereint, den Schakalen überantwortet hatten, die der zweite Trupp gerade in Gruben gefangen hatte.

„Ali Mompos Leben kein Hammelschwanz mehr wert gewesen sein tun“, meinte er, indem er drohend die Fäuste nach Nordwesten ballte. „Hunger und Durst und Schakale. Ali Mompo ganz tot gemacht sehr bald. Schakale glühend Zunderstückchen in Ohren haben – ganz toll rennen. Ali Mompo gar kein Knochen mehr haben.“

„Und Paul Loring?“ fragte Tümmler schnell, der um den mutigen Jüngling sehr besorgt war.

[16] Der Somali hob die Schultern bis zu den Ohren.

„Ich nichts tun wissen – nichts – nichts von gute tapfere Paul. Iringi schlau sein. Augen verbinden. Aber wir retten gute Paul! Ali Mompo wollen zeigen braune Schufte, was ist Rache für Schakalwagen …!“

„Schakalwagen – nicht schlecht gesagt!“ lachte Tümmler.

„Schlechte Wagen!“ brummte Ali. „Sehr schlechte! Ohne Räder sein. Räder mein Rücken. Arme Knochen!“

Dann mußte der Somali dem kleinen Forscher genau angeben, wie zahlreich die jetzt vereinte Schar der lringi sei. – Der Fremdenführer schätzte sie auf vierzig Köpfe.

„Wir haben also allen Grund, recht vorsichtig zu sein“, meinte Traugott Pinkemüller ernst. „Gerade diese Iringi sind eine üble Gesellschaft, – hinterlistig, feig, grausam und schlau.“ –

Ali Mompo erhielt das Lastdromedar des Doktors als Reittier zugewiesen, und dann wurde die Verfolgung fortgesetzt. Inzwischen war es nun doch heller Tag geworden. Die Fährte der Iringi lief auf den fernen Höhenzug zu.

„Die Berge dort müssen die bei den Beduinen „Hügel der Stummen“ genannten Erhebungen sein“, erklärte Pinkemüller. „Sie sind in ganz Arabien verrufen. Dort sollen die Überreste eines uralten Nomadenvolkes hausen. Sollen …! Dreimal war ich schon in jener Bergkette. Ich habe nichts gefunden – nur Steine, Fels und Disteln, letztere von einer Größe, wie sie nur der Orient hervorbringt. – – Vorwärts denn! Selbst durch mein Fernrohr kann ich in unserer Marschrichtung nichts Verdächtiges entdecken …“ – – –

Drei Tage später. – Ein überaus heftiger Gewitterregen hatte die Fährten der Iringi so vollständig ausgelöscht, daß selbst Treffs vorzügliche Nase versagte. Die fünf Gefährten lagerten jetzt abends in einem Felsenkessel im Süden der Ausläufer der „Hügel der Stummen.“ Ihre Laune war nicht gerade die beste. Die Aussichten, den wackeren Jüngling Paul aus den Händen der Iringi zu befreien, standen sehr schlecht. Trotzdem gaben die Freunde – denn das waren sie untereinander – selbst [17] den Somali mitgerechnet – schnell geworden – die Hoffnung nicht auf.

Das Lagerfeuer, genährt durch Distelstauden, knisterte und knallte laut. Und in dieses Geräusch mischte sich Traugott Pinkemüllers energische Stimme, die man dem kleinen Manne in solcher Stärke kaum zugetraut hätten. Er setzte den Gefährten soeben auseinander, daß er wenigstens ungefähr die Gegend wüßte, wo die Iringi ihre Weidegründe hätten.

Da, mitten im Satz, schwieg er plötzlich, deutete auf Treff und griff gleichzeitig nach der neben ihm liegenden Büchse.

Des Hundes spärliche Haarreste hatten sich auf dem Rücken gesträubt, sein Kopf war hoch aufgerichtet, und aus seiner Kehle drang nun auch ein dumpfes Knurren hervor.

Des kleinen Forschers weiter Beduinenmantel flog zur Seite. Darunter trug der Doktor einen derben, hellgrauen Leinenanzug. – Ein paar leise Worte genügten für Treff. Herr und Hund schlichen vom Feuer weg, um auszukundschaften, was es in der Umgebung des Felskessels Verdächtiges gäbe.

Die Zurückbleibenden hatten schnell auf Ali Mompos Geheiß die Brände des Feuers auseinander gerissen und warteten nun in atemloser Spannung auf des Doktors Rückkehr. Aber eine gute Viertelstunde verging, ehe Treff und hinter ihm Pinkemüller wieder auftauchten.

„Ich habe nichts entdecken können“, flüsterte der Doktor den anderen zu, die sich lang auf den Boden gelegt hatten, um bei dem ziemlich hellen Sternenschein weniger sichtbar zu sein. „Und doch muß irgend eine Gefahr uns bedrohen“, fügte Pinkemüller hinzu. „Da – sehen Sie – Treffs Haar ist noch immer gesträubt, und dort drüben an der Felswand, die so jäh in die Schlucht abfällt, knurrte er, als befände sich in der dunklen Tiefe irgend ein Feind.“

Knirps’ ängstliches Herz rutschte tiefer. Sobald die Lage etwas ungemütich wurde, zeichnete er sich durch allerlei Redensarten aus, die stets auf dasselbe hinausliefen: daß dieses ganze Unternehmen ein halber Wahnwitz wäre!

[18] So auch jetzt. Doch Pinkemüller, der vielleicht noch kleiner als der Knirps war, fuhr ihm heute ziemlich grob über den Schnabel.

Da – gerade als der Doktor das Wort „Angsthase“ ausgesprochen hatte, sauste urplötzlich ein wahrer Steinhagel auf die Stelle herab, wo die fünf lagerten. Es waren keine großen Steine, mehr runde Kiesel, aber dafür kamen sie mit einer Kraft angeflogen, die einen Treffer durch diese Geschosse höchst gefährlich machte. Und ausgerechnet war es nur der Knirps, dem einer der Kiesel gegen den linken Oberschenkel schlug.

Knirps brüllte vor Schmerz auf. Da kam auch schon der zweite Steinhagel. Pfeifend sausen die harten Geschosse vom Ende des Kessels herab, prallten klatschend hier und dort auf, erreichten auch insofern ihr Ziel zum Teil, als die weiter hinter lagernden Reittiere mit verschieden dieser Geschosse Bekanntschaft machten und darob sehr unruhig wurden.

Bei alledem war leider nichts von den Angreifern selbst zu sehen. Aber daß sie droben am Rande der Felsenmulde versteckt waren, bewies schon Treffs Verhalten, der am liebsten vorwärtsgestürmt wäre, um einem der unsichtbaren Feinde an die Kehle zufahren. Dem Doktor gelang es nur schwer, ihn zurückzuhalten. Jedenfalls war dieser Überfall recht kritisch. Niemand durfte sich aufrichten, da er sonst ein nur allzu bequemes Ziel geboten hätte.

„Der Gegner besitzt Steinschleudern“, flüsterte der erfahrene Doktor. „Beduinen sind’s nicht. Die führen sämtlich Feuerwaffen. Es können daher nur Zugehörige jenes Volkes sein, das hier in den Bergen wohnen soll.“

Der Feind richtete seinen Geschoßhagel jetzt ausschließlich auf die Tiere. Zwei der Maulesel rissen sich los und rannten in dem Kessel wie toll umher. Der Knirps begann wieder zu jammern, und Ali Mompo schalt in seinem „schönsten“ Deutsch auf „die schlechte, feige Feind, der sich nicht tun wolle zeigen.“

Die Maulesel und die Dromedare hatten sich jetzt sämtlich losgerissen und jagten in dem nicht allzu großen, länglichen Felskessel hin und her, drohten den Lagerplatz [19] zu verlassen und ihre Herren einfach zusammenzutrampeln. Es war dies ein recht kritischer Augenblick, in dem jeder der Gefährten genug mit sich allein zu tun hatte. Daher entging es auch den übrigen, daß der kleine Forscher sich in aller Stille und auf allen Vieren an sein Gepäck herangemacht hatte, wo er jetzt aus einem Holzkistchen einige längliche, zylinderförmige Gegenstände herausnahm. Dann kroch er weiter nach einer Stelle hin, die durch mannshohes Distelgestrüpp, das dicht an der Ostwand der Talsenke wucherte, leidlich gegen Sicht von oben geschützt war.

Die anderen ahnten nicht, was er beabsichtigt. Und Knirps und Ali Mompo hatten sogar sein Verschwinden überhaupt nicht bemerkt.

Als daher nun urplötzlich oben auf der Höhe der Talwand erst eine, dann noch zwei weitere, donnernde Explosionen erfolgten, von deren Kraft die überall umhersausenden Felsstücke nur zu deutlich sprachen, da ließ der Knirps ein Zetergeschrei vernehmen, das mit den Worten endete …: „Wir sind verloren … Sie schießen mit Kanonen …!“

Ganz anders wirkte dieser reichlich lärmende Zwischenfall auf den Somali-Sprößling. Ali Mompo stand gelassen auf und erklärte mit unerschütterlichem Ernst:

„Gnädig Herr Bolz können sein ganz ruhig. Kanonen von uns auf feige Feind schießen. Dort stehen gnädig Herr große Doktor und haben bum bum bum gemacht.“

Tümmler mußte lachen, ob er wollte oder nicht. Dieses bum bum bum wirkte zwerchfellerschütternd komisch.

Da kam auch schon der kleine Forscher zurück, meckerte vergnügt und meinte: „Eigentlich hatte ich ja die Dynamitpatronen für andere Zwecke mitgenommen – um Erzadern freizulegen. Nun – auch hier haben sie sich gut bewährt. Die Herren Steinschleuderer werden und jetzt wohl in Ruhe lassen.“

Der Knirps, der aufrecht auf dem harten Felsboden saß, öffnete den Mund bis zu Scheunentorweite vor ungläubigem Staunen.

„Wie – haben Sie etwa die Dynamitpatronen mit der Hand oben auf den Talrand geworfen?“ brachte er schließlich mühsam hervor.

„Allerdings. Erst den Zünder angesteckt, dann schleunigst [20] fort mit den Dingern … Gar kein Kunststück weiter …!“ – –

Der Feind hatte sich tatsächlich zurückgezogen. Allmählich beruhigten sich nun auch die vierbeinigen Lagergenossen wieder. Leider hatte das Dynamit aber doch ein Opfer gefordert. Ein Felsstück hatte einem der Maulesel den Kopf zerschmettert. Alles in allem war man aber noch recht glimpflich weggekommen.

Doktor Pinkemüller erklärte jetzt, daß man in dieser „Mausefalle“ um keinen Preis bleiben dürfe, da man nie wissen könne, ob die Angreifer nicht die Morgenstunde, in der zuweilen dichte Nebel die Berge ringsum einhüllten, zu einem neuen Überfall benutzen würden. Deshalb wurde sofort aufgebrochen, nachdem Ali Mompo festgestellt hatte, daß der Ausgang des Talkessels frei von Feinden war. Möglichst leise wurden die Reit- und Lasttiere ins Freie geführt. Zunächst hatte man dann noch einen Engpaß, ein ausgetrocknetes Flußbett, zu passieren, bevor man in ein weites, ebenes, rings von zackigen Felshügeln eingeschlossenes Tal gelangte, in dessen Mitte sich ein verfallenes Bauwerk erhob, das die Gefährten schon am Tage vorher auf dem Hinmarsch nach der „Mausefalle“ bewundert hatten und von dem der gelehrte kleine Doktor behaupten wollte, es handle sich hier um einen Tempel einer Kulturepoche aus der Zeit des Königs Salomo etwa.

Dieses aus Steinquadern errichtete, noch leidlich gut erhaltene Tempelgebäude stand auf einer Anhöhe, bildete ein geschlossenes Quadrat mit nur einem einzigen breiten, gewölbten Eingang und hatte einen Innenhof, in dem merkwürdigerweise recht üppiges, saftiges Gras und sogar einige Ginstersträucher, fast schon Bäume, wucherten.

Pinkemüller hatte jedoch, obwohl dieser Tempel einen vorzüglichen Lagerplatz abzugeben schien, dringend davor gewarnt, hier zu bleiben, da man in dem Innenhof wie in einem Gefängnis einkerkert wäre, falls das Eingangstor durch feindlich gesinnte Leute von außen abgesperrt würde. Jetzt aber war er es selbst gewesen, der in den Tempel als an eine vorläufige sichere Zufluchtstätte gedacht hatte.

Nachdem die Tiere in einer Ecke untergebracht worden [21] waren, wobei man plötzlich bemerkte, daß Ali Mompo fehlte, der sozusagen den Nachtrab des Zuges gebildet hatte, entschloß sich der kühne Doktor Pinkemüller dazu, den braunen Gefährten mit Hilfe Treffs zu suchen. So sehr Tümmler[1] auch von diesem Wagnis abriet, – der Doktor blieb dabei, man müsse wenigstens den Versuch machen, den wackeren, treuen Ali wiederzufinden.

„Eine böse Nacht für uns!“ seufzte der Knirps, als Pinkemüller seine Büchse ergriff und den Hund an sich lockte. „Wir haben Pech heute, Doktor! Ich rate Ihnen, – lassen Sie den Ali für sich selbst sorgen.“

Kürze-Würze murmelte etwas von „Memme“ vor sich hin. Das ging dem Dicken denn doch an die Ehre.

„Oho – Memme – Memme! Noch besser!“ rief er. „Ich werde beweisen, daß ich …“

Er brauchte nichts zu beweisen. Ali Mompos tiefe Stimme erscholl vom Eingang her:

„Ich bringen einen von die feigen Feinde … Da er sein …! Ein Zwerge – oder wie sonst heißen in Deutschland so kleine Menschen …“




[22]
5. Kapitel.
Der Häuptling der Muka Lari.

Aller Köpfe flogen herum. – Wirklich – der Somali trug über der Schulter ein menschliches Wesen, – einen richtigen Zwerg, den er nun behutsam auf den Boden legte, indem er hinzufügte: „Feind hier sein von Dynamit ganz leer in Kopf. Wird aber wieder werden munter. Nur abwarten …!“

Dann erzählte er, daß er auf dem Wege nach dem Tempel plötzlich seitwärts leises Stöhnen gehört hätte, den Tönen nachgegangen wäre und so den Bewußtlosen gefunden hätte. –

Inzwischen war der Glanz der Sterne immer mehr verblaßt. Der Morgen nahte. Die Dämmerung kam. Zum Glück blieb aber heute der Nebel aus. Deshalb genügte auch eine einzige Wache vor dem Eingang, um die Reisenden vor jedem Überfall zu schützen.

Die erste Wache übernahm Ali Mompo freiwillig. Er kannte keine Ermüdung. Sein an Strapazen gewöhnter Körper war auch den Aufregungen dieser schlaflosen Nacht [23] vollkommen gewachsen, wie sich jetzt zeigte. – Aber auch Doktor Pinkemüller tat nur so, als ob er wie die anderen schliefe. Sein Forscherinteresse war geweckt. Als nun der Innenhof des Tempels genügend hell war, um sich den Zwerg genauer ansehen zu können, erhob er sich leise und ging nach der Stelle hinüber, wo der kleine, dunkelhäutige Mensch noch immer regungslos lag.

Der Zwerg war in ein hemdartiges, grobgewebtes Oberkleid gehüllt, das durch einen verknoteten Lederriemen zusammengehalten wurde. An den Füßen trug er plumpe Sandalen, deren Lederbändsel endlos lang und bis zum Knie eng und kreuzweise um die Beine geschlungen waren. Das lange, schlichte, schwarze Kopfhaar war über der Stirn zu einem Schopf vereinigt, in dem als Schmuck die krummen Schnäbel von Aasgeiern steckten. Das Gesicht war dunkelbraun, bartlos und von tiefen Falten wie von Schnitten durchfurcht, die Züge aber von geradzu abstoßender Häßlichkeit, dabei jedoch keineswegs etwa von tierischer Wildheit. In dem Ledergürtel hatte der kaum 130 Zentimeter große Zwerg ein Messer aus Feuerstein stecken. Im übrigen trug er nichts weiter bei sich.

Während Traugott Pinkemüller noch den kleinen Fremdling prüfend beschaute, schien es ihm so, als hätte dieser für einen Moment die Augen etwas geöffnet. Auch der kluge Treff, der neben seinem Herrn stand, knurrte plötzlich. Bis dahin hatte er von dem winzigen, mageren Zwerge kaum Notiz genommen.

Auch der Ingenieur Tümmler hatte keinen Schlaf finden können und gesellte sich gerade jetzt zu Pinkemüller, der sofort die Gelegenheit zu einem kleinen Vortrag über Zwergvölker wahrnahm, indem er davon ausging, daß diese winzigen Vertreter des Menschengeschlechts besonders häufig in Afrika, aber auch in Südamerika anzutreffen wären. – „Wir hier sind nun außer dem Engländer Malfeat“, fuhr er fort, „wahrscheinlich die ersten Europäer, die einen Muka Lari, wie die Araber in ihren Märchen dieses sagenhafte Zwergvolk nennen, zu Gesicht bekommen. Malfeat hat wenig Glauben in der Gelehrtenwelt gefunden, als er in seinem Reisewerke „Von Babylon kreuz und quer allein durch Arabien“ behauptete, er [24] hätte mit den Muka Lari ganz freundschaftlich verkehrt. Man zweifelte ganz allgemein an der Existenz dieses Stammes kleiner Menschen inmitten der Einöden dieser riesigen Halbinsel, warf Malfeat vor, seine Beschreibung der Muka Lari an den Lagerfeuern der Beduinen gesammelt zu haben und nahm daher an, daß auch anderes, was er als erster in Arabien entdeckt haben wollte, blanker Schwindel sei. Vieles hat er sich tatsächlich aus den Fingern gesogen oder doch gewaltig übertrieben, wie ich selbst nachgeprüft habe. Jetzt sehen wir, daß er hinsichtlich der Muka Lari nicht gelogen hat, denn er berichtet, ihre Hauptwaffe sei eine Steinschleuder, und beschreibt ihre Kleidung und Haartracht genau ebenso, wie wir sie hier an diesem schon recht bejahrten Manne vor uns sehen, der ein Häuptling oder Priester sein dürfte, da er die Geierschnäbel im Haar trägt, die der phantasievolle Brite ebenfalls erwähnt. – – Da – haben Sie’s bemerk, unterbrach er sich plötzlich, „der Zwerg hat soeben wieder die Augen etwas geöffnet.“

Pinkemüller hatte nur zu sehr mit dieser Beobachtung recht, – denn mit einem Male schnellte der Zwerg sich auf die Füße, riß sein Steinmesser aus dem Gürtel und … – Ja, er hatte damit nach dem kleinen Doktor stoßen wollen, – nur wollen …! Treff war ihm nämlich mit langem Satz gegen die Brust gesprungen, hatte ihn nach hinten über geworfen und ihn dann in den rechten Unterarm gebissen, so daß der Zwerg das Messer mit einem Schmerzensschrei fallen ließ.

Der Muka Lari wurde jetzt gefesselt. Dann kniete Traugott Pinkemüller neben ihm nieder und reinigte und verband ihm die Bißwunde, gab ihm auch zu trinken und machte ihm sogar den linken Arm frei, damit der Gefangene etwas Dörrfleisch verzehren konnte.

Der Zwerg nahm diese Liebesdienste mit einem Gesicht hin, das in jeder Falte geradezu fassungsloses Staunen über so viel Menschenfreundlichkeit ausdrückte. Als der Doktor ihm nachher wieder den linken Arm vorsichtshalber auf den Rücken fesseln wollte, schüttelte er mit freundlichem Grinsen sehr energisch den Kopf, machte allerlei [25] Gesten und suchte offenbar anzudeuten, daß er jetzt keinerlei feindliche Gefühle mehr gegen die Weißen hege.

Trotzdem ließ der Doktor ihm die Füße zusammengeschnürt und gab ihm nur beide Arme frei. Der Zwerg grinste weiter. Es sollte ein gewinnendes, dankbares Lächeln sein. Nach einer Weile rutschte er dann nach einer Ecke des viereckigen Hofes hin, wo das Gras besonders dicht stand, begann hier mit den Händen in der Erde zu wühlen und – hob plötzlich ein großes Rasenstück ab, dem bald weitere folgten. Darunter wurde eine dünne Steinplatte sichtbar, die vier eingehauene Handgriffe hatte. Als der Doktor und der Ingenieur sie nun mit vereinten Kräften hochhoben, kam darunter ein gemauertes Brunnenloch zum Vorschein, in dem eine Holzstange lehnte, an deren unterem Ende ein Schöpfeimer aus Leder befestigt war.

Das Wasser des Brunnens war wunderbar kühl und wohlschmeckend. – Besser hätte der Muka Lari seine freundlichen Gefühle kaum beweisen können als durch die Preisgabe dieses in der wasserarmen Einöde so überaus wertvollen Geheimnisses.

Traugott Pinkemüller zögerte denn auch keinen Augenblick, dem Zwerge jetzt ganz die Freiheit wiederzugeben. Mehr noch: er suchte aus seinem Gepäck ein billiges Messer mit Scheide heraus und reichte es dem Muka Lari mit allerlei Zeichen, damit dieser begriff, daß er es ihm zum Geschenk mache.

Der winzige, braune Geselle grinste strahlend, warf sich dann vor dem Doktor nieder und schüttete sich Sand auf den Kopf.

„Aha“, meinte Pinkemüller, „– da haben wir ja den deutlichsten Beweis, daß diese Muka Lari einst aus Innerafrika hier eingewandert sind, denn die Bumi-Bumi im Kongogebiet bezeigen auf dieselbe Art und Weise ihre Unterwerfung und ihre friedfertige Gesinnung.“

Auch Tümmler wollte dem Spender des erfrischenden Trunkes eine Freude machen und schenkte ihm einen … kleinen, zerbrochenen Taschenspiegel mit Nickelrand, der auf der Rückseite eine Ansicht des Brandenburger [26] Tores in Berlin hatte. – Hierüber geriet der Zwerg vielleicht noch mehr in Entzücken als über das Messer.

In diese friedliche Szene hinein ertönte urplötzlich Ali Mompos Alarmruf:

„He – Feinde kommen – Doktor schnell Gewehr nehmen …!“

Doch die nun folgende Aufregung, bei der sich der Knirps wieder besonders hervortat, war nur von kurzer Dauer. Der Zwerg nämlich eilte nach kurzer Verständigung mit Pinkemüller (hauptsächlich Kopfnicken und freundliches Grinsen beiderseits!) hinaus und den Seinen entgegen, die, etwa vierzig Mann stark, den alten Tempel bereits umzingelt hatten.




[27]
6. Kapitel.
Knirps empfiehlt sich.

Es zeigt sich nun, daß der Doktor mit seiner Vermutung ganz recht gehabt hatte: der dankbare Zwerg war tatsächlich Häuptling einer Unterabteilung der Muka Lari, und sein Einfluß auf seine Leute genügte auch, um sehr bald eine Verständigung zwischen beiden Parteien herbeizuführen.

Der eigentliche Friedensschluß, wenn man so sagen darf, fand dann unter recht eigentümlichen Gebräuchen statt, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden kann, bei denen aber ein Gast der Muka Lari eine große Rolle spielte.

Dieser Mann hielt sich zunächst vorsichtig abseits, bis er gemerkt hatte, daß die Weißen nicht etwa Engländer, sondern Deutsche waren. Da erst drängte auch er sich näher heran, lüftete seinen breitrandigen, vielfach zerlöcherten Strohhut, machte eine tadellose Verbeugung und wandte sich an den Ingenieur mit den Worten:

„Errrgebbenster Diener, meine Herrren. Gestatten Sie mir vorzustellen. Janos Preszöni, Mausfallenhändler, geborrener Ungor …“

„Das habe ich mir schon gedacht, verehrter Bundesgenosse“, lachte Tümmler. „Sogar hier in der Wüste tragen Sie ja den Schnurrbart steif gewichst, und auch sonst verrät Ihre Erscheinung, wo Ihre Wiege gestanden hat

Janos Preszöni grinste geschmeichelt.

„Freie mir uhngeheier, hier zu finden deitsche Brieder – wirklich uhngeheier“, dienerte er mit einem neuen Kratzfuß. „Hob’ ich erst gedacht, verfl… Engländer in Ihnen vor mir zu haben.“ –

Der Ungar hatte gerade noch gefehlt, um das Kleeblatt ulkiger Erscheinungen vollzählig zu machen. – Mittelgroß, abschreckend mager und begabt mit einem beängstigend langen Hals, trug er eine Art Uniform, die [28] fraglos einmal in besseren Tagen einem Diplomaten gehört hatte, jetzt aber derartig zerrissen und von der Sonne ausgezogen war, daß jeder Stromer in Deutschland sich geschämt hätte sie anzuziehen. An den Füßen hatte der Mausfallenhändler ein Paar Militärschnürschuhe, wahre Oderkähne, während in einer umgehängten großen Ledertasche, ähnlich der unserer Postboten, sein Reisegepäck verstaut zu sein schien.

Trotz dieses räubermäßigen Aussehens hatten Janos Preszönis Augen etwas im Blick, das sofort für ihn einnahm. Offenheit, Lebensfrohsinn und Wagemut leuchten darin wie sprechende Fünkchen. Tümmler schüttelte ihm daher auch derb die Hand, und seinem Beispiel folgten die Gefährten, selbst Ali Mompo, der vor der grünschimmernden ehemaligen Goldstickerei des Diplomatenrockes großen Respekt zu haben schien. –

Wie gesagt, – der Ungar machte zwischen den bisherigen Gegnern den Dolmetscher und sorgte dafür, daß der neue Freundschaftsbund mit den Muka Lari in aller Form abgeschlossen wurde. Er lebte bereits drei Jahre unter den Zwergen, und seine Lebensgeschichte, die er dann abends am Lagerfeuer zum besten gab, hörte sich an wie der Anfang eines Abenteuerromans. Alles, was Engländer hieß, haßte er glühend. Er hatte vor seiner Flucht in die Wüste in Suez in der Notwehr einen britischen Matrosen niedergeschossen, war zum Tode verurteilt worden, aber mit Hilfe eines arabischen Zellengenossen aus dem Kerker ausgebrochen und schließlich nach langen Irrfahrten hier zu den Muka Lari gelangt, bei denen er so etwas wie den „Kriegsminister“ spielte, daß heißt, bei Streitigkeiten mit anderen Abteilungen des Stammes die stets unblutig verlaufenden Fehden leitete. Sein Ansehen unter den kleinen Naturkindern war nicht gering, und noch wertvoller war seine Kenntnis des Landes und der es bewohnenden Völkerschaften für unsere kühnen Reisenden.

Kaum hatte er gehört, daß das nächste Ziel der Deutschen die schnelle Befreiung Paul Lorings war, als er sich auch schon bereit erklärte, „die libben Bundesbrieder“ zu begleiten. Er behauptete, er kenne die Lage [29] der Oase, in der die Iringi um diese Zeit ihre Wohnzelte aufgeschlagen hatten, ganz genau, und meinte auch, daß Paul Loring ohne Zweifel dorthin geschleppt worden sei. – –

Drei Tage blieben unsere wagemutigen Abenteurer noch mit dem harmlosen Zwergenvölkchen zusammen, das den Angriff auf die in dem Felsenkessel Lagernden damals nur auf Betreiben des Ungarn unternommen hatte, da dieser in den Europäern verhaßte Engländer vor sich zu haben glaubte.

Der Abschied, von den Muka Lari war überaus herzlich. Reichlich mit Proviant versehen trat der Trupp, der nun aus sechs Mann bestand, die Weiterreise an. Diese führte zunächst am Fuße der Berge nach Osten zu, bis der Ungar dann als Führer am Morgen des zweiten Marschtages nach Norden abschwenkte und in die offene Wüste hinausritt, die hier wieder einen recht trostlosen Anblick mit ihren kahlen Sandhügeln und vereinzelten Wadis darbot. (Wadi, ausgetrocknetes Flußbett.)

Während des dritten Nachtlagers ereignete sich dann etwas sehr Merkwürdiges, wofür selbst der gelehrte Doktor Pinkemüller keinerlei ausreichende Erklärung fand. Und dieses große Rätsel war das Verschwinden des Knirpses. Als Janos lange vor Tagesanbruch die Gefährten weckte, um noch während der Morgenkühle ein gut Stück Wegs vorwärts zu kommen, zeigte es sich, daß der dicke Karl Bolz sich in aller Stille entfernt haben mußte. – Tümmler meinte, Knirps sei vielleicht auf eigene Faust ein wenig auf die Jagd gegangen, um zu beweisen, daß auch er sehr wohl im Stande wäre, eine Antilope zu erlegen. Hatte doch der Ingenieur ihn am Abend vorher ein wenig mit seiner mangelhaften Schießkunst gehänselt.

Der Ungar machte ein sehr bedenkliches Gesicht, deutete stumm auf den Karabiner, auf des Doktors Gasbüchse und sein eigenes doppelläufiges Gewehr und sagte:

„Unser Freund wird nicht gegangen sein auf Jagd ohne Flinte. Und mehr als drei Gewehre haben wir nicht …“

[30] Das stimmte. – Wenn aber der dicke Bolz aus einem anderen Grunde sich entfernt hatte, dann entstand die schwierige Frage: weshalb wohl hatte er sich so weit in die Wüste hinausgewagt, daß alles Rufen nichts half, ja sogar ein Signalschuß nicht, den Pinkemüller aus einem seiner Revolver abgab.

Der Aufbruch mußte verschoben werden. Nachdem es hell genug geworden war, machten sich der Doktor und Janos auf, um Knirpsens im Sande noch deutlich sichtbare Fährte zu verfolgen und so festzustellen, wo der Dicke eigentlich steckte.

Die Spur lief schnurgerade auf ein Tal zu, in dem der felsige Untergrund der Wüste in Gestalt zahlreicher Steinblöcke zutage trat. Hier verschwand sie dann, und selbst Ali Mompo gelang es trotz seines feinausgebildeten Spürsinnes nicht irgendwie herauszufinden, wohin der Knirps weiter seine Schritte gelenkt hatte. Er war eben verschwunden und – blieb es auch.

Der anderen hatte sich bald eine recht gedrückte Stimmung bemächtigt. Karl Bolz war kein Held, aber eine grundehrliche Haut, dabei auf seine Weise schlau und auch witzig. Jeder hatte ihn gern gemocht. Nun war er weg, und alles Suchen half nichts. Seine Fährte endete vor einem mächtigen Steinblock, der beinahe Pyramidenform hatte. Mehr war nicht herauszubringen.

Noch zwei Tage blieb man in dem Unglückstal. Auch dieses Warten war umsonst. Inzwischen hatte man auch die weitere Umgebung nach allen Richtungen hin durchstreift. Doch nirgends zeigte sich in dem losen Wüstensande eine andere Fährte als die der scheuen, vierbeinigen Wüstenbewohner, als die Eindrücke von Schakal- und Hyänenpfoten.

Am dritten Tage drängte der Doktor dann zum Weitermarsch, indem er auf das Zwecklose weiterer Nachforschungen nach dem Verbleib des armen Dicken hinwies.

Still setzte sich die kleine Karawane vor Sonnenaufgang in Bewegung. Doktor Pinkemüller und der Somali ritten voran, während Treff, der Wolfshund, weit [31] voraus lief und durch lautes Bellen seine Freude an der Weiterreise kundgab. Daß auch seine Nase in diesem Falle versagt hatte, wo es sich darum handelte, eines Menschen Spur weiter zu verfolgen, der doch unmöglich plötzlich durch die Luft entführt worden sein konnte, verstimmte seinen kleinen Herrn arg.

Gegen zehn Uhr vormittags wurde halt gemacht. Man hatte inmitten einer niedrigen Hügelkette ein dem Ungarn bereits bekanntes fruchtbares kleines Tal erreicht und wollte hier bis zum Abend rasten. Ein paar Dattelpalmen und hohes Gebüsch standen an dieser Stelle um einen Weiher herum, der offenbar von einer unterirdischen Quelle gespeist wurde.

Während die anderen die Reit- und die Tragtiere versorgten, machte der Doktor zu Fuß einen Erkundungsgang rund um das Tal herum. Diese Vorsichtsmaßregel war durchaus nicht überflüssig, da man unweit der Hügelkette auf die Spuren eines Kamelreitertrupps gestoßen war, der nach Ali Mompos Schätzung Tags zuvor hier vorübergekommen und in mehr nordwestlicher Richtung weitergeritten war. Die breite Fährte ließ erkennen, daß es sich um mindestens zwanzig Leute handelte. – Grund genug also, diese Gegend nicht für unbedingt sicher und gefahrfrei zu halten.

Pinkemüller, seine Büchse im Arm, schritt langsam zwischen den Hügeln entlang, indem er stets nach verdächtigen Spuren ausspäte. Dann fuhr er plötzlich erschrocken zusammen. Von dem Weiher her war der Knall eines Schusses an sein Ohr gedrungen. Jetzt hörte er auch lautes Geschrei – abermals Schüsse …

„Ein Überfall!“ war sein erster Gedanke. – Was unter diesen Umständen tun? – War der Feind sehr zahlreich, so konnte er trotz seiner guten Büchse die Gefährten kaum mehr vor Gefangennahme schützen.

Indem er nun stets nur solche Stellen des Bodens betrat, wo steiniges Geröll keine Fährten annahm, lief er auf eine besonders hohe Kuppe zu, von deren Spitze aus er die Umgebung des Weihers leidlich überschauen zu können hoffte. Und von hier aus mußte er dann untätig zusehen, wie ein Beduinentrupp – fraglos waren [32] es Iringi – die Gefährten in wilder Hast davonführte, offenbar aus Furcht vor seiner Gasbüchse, mit der dieses braune Gesindel schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte. – Wie sollte er wohl auch zu Fuß die Verfolgung der Reiter aufnehmen, die die Maulesel, auf denen die Gefangenen festgebunden waren, zu höchster Eile antrieben und bald am Horizont verschwanden …?!

Langsam kehrte der weitgereiste Gelehrte nun nach dem Lagerplatz zurück. Alles hatten die Beduinen mitgenommen – alles! – Pinkemüller war schon des öfteren in recht verzweifelter Lage gewesen. Aber so traurig wie jetzt war es mit seinen Zukunftsaussichten doch nie bestellt gewesen. Trotzdem verzweifelte er nicht. In seinem kleinen Körper steckte eine mutige Seele. Das Wort Verzagen kam in Traugott Pinkemüllers Sprachlexikon nicht vor. – – –

Wir müssen hier den tapferen Doktor verlassen, können unseren lieben Lesern nur noch kurz verraten, daß Pinkemüller bald ein unerwartetes Wiedersehen mit einem weniger tapferen Landsmanne feierte und daß es diesen beiden dann gelang, nach einem entbehrungsreichen Aufenthalte in dem Tale die Freunde zu befreien, wobei ein gewisser Knirps bewies, daß auch aus einem Lamm unter Umständen ein Tiger werden kann. – All dieses und noch mehr finden unsere Leser im nächsten Bändchen aufgezeichnet, dessen Titel „Ibrahim ben Garb, der Pirat der Wüste“ wir bereits hier verraten wollen.


Ende.


     Der nächste Band enthält:



Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.



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