Ibrahim ben Garb, der Pirat der Wüste

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Autor: W. Belka
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Titel: Ibrahim ben Garb, der Pirat der Wüste
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Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ein Abenteuerromanzyklus, welcher die Bändchen 89–96 umfaßt. Handlungsort ist Arabien.
Band 92 der Romanreihe Erlebnisse einsamer Menschen.
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[I]
92. Band. Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
92. Band Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
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Ibrahim ben Garb, der Pirat.
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Er legte gleichzeitig auf Ibrahim an.


[1]
(Nachdruck, auch im Auszuge, verboten. – Alle Rechte vorbehalten. – Copyright by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin 14. 1916.)


Ibrahim ben Garb, der Pirat der Wüste.
W. Belka.


1. Kapitel.
Die Bewohner der Oase.

Der Horizont war in grauen Dunst gehüllt, in dem sich die aufgehende Sonne vorläufig nur als heller, runder Fleck abzeichnete. Bald hatte sie aber diese fahlen Schleier überwunden, und nun schossen ihre Strahlen, licht- und wärmespendend, hin über die Erdhalbkugel, der sie jetzt ihren Besuch abstattete.

Wie Silberglanz ruhte der Sonnenschein nun auch auf den höchsten Zweigen einiger Dattelpalmen, die dicht am Rande eines kleinen Weihers standen inmitten eines Gebüsches von Mimosen, Tamarisken und Ginster, hier gedeihend auf einem Boden, der keine hundert Meter weiter trocken und wasserarm war, wie man dies eben nur in der Wüste findet.

Auch auf der anderen Seite des Weihers gab es [2] einiges Gestrüpp, das sich in die Spalten des an dieser Stelle felsigen Grundes eingenistet hatte. Und hier, dicht am Rande des Weihers, reckte soeben ein schlankes, rehähnliches Tier mit langem, spitzem Gehörn argwöhnisch den Kopf höher, witterte mit fast hörbarem Schnauben und tänzelte unruhig hin und her, jeden Augenblick bereit, in langen Fluchten davonzueilen.

Drüben unter dem gelbblühenden Ginster schob sich jetzt ein Gewehrlauf mit größter Behutsamkeit vorwärts, verharrte dann in derselben Lage, bis – – ein Ton urplötzlich die Luft zerriß, der genau so klang, als schlüge man mit einem Holzklöppel gegen ein Kuchenblech.

Der Antilopenbock machte einen Satz zur Seite. Es war mehr ein Hochschnellen des ganzen Körpers als letzte Lebensäußerung des graziösen Tieres. Dann brach es zusammen.

Das Bleigeschoß des einzigen Bewohners der kleinen Oase war ihm mitten durch die Stirn gegangen und hatte den Schädel glatt durchschlagen.

In dem Ginstergestrüpp regte es sich. Ein Männchen trat heraus, an dem zuerst die riesige Nase auffiel. Die magere Zwergengestalt des glücklichen Jägers war in einen braunen Beduinenmantel gehüllt. In der Linken trug er eine Büchse mit merkwürdig plumpem Schloß ohne Hahn. Das Schloß war eigentlich nur ein Stahlzylinder, der oben einen Verschluß besaß, um die Kugeln in das Magazin einzuschieben, – Kugeln, nicht Patronen, denn diese eigenartige Waffe war ein Gasgewehr und Doktor Traugott Pinkemüllers eigene Erfindung.

Der kleine Herr mit dem von der Sonne braunrot gebrannten Gesicht begann nun sofort die Antilope kunstgerecht auszuweiden. Er beeilte sich mit dieser Arbeit, da er seit sechs Tagen nichts Ordentliches mehr gegessen hatte. Bald brannte denn auch in dem Gebüsch zwischen den Dattelpalmen ein Feuer, über dem ein vorher weich geklopftes Lendenstück der Antilope briet.

Doktor Pinkemüller saß daneben und drehte den Holzstab, an dem das Fleisch steckte, eifrig hin und her. Seine Lippen bewegten sich in leisem Selbstgespräch …

„Es war die höchste Zeit, daß ich endlich zu diesem [3] Braten kam … Noch zwei Tage nichts als halbreife Datteln, und ich wäre zu sehr von Kräften gewesen, um die Büchse noch halten zu können … Scheußliche Lage, in der ich mich befinde …! Hier so allein in der Wüste, weit und breit nichts als Sand und hin und wieder felsige Hügel – kein Vergnügen …!“ Er seufzte leise auf. „Eine ganz verwünschte Geschichte – wahrhaftig!“ setzte er diese Unterhaltung mit seinem Bruder Innerlich fort. „Möchte nur wissen, wie der Traugott Pinkemüller sich aus dieser Patsche heraushelfen wird … – Na – wenigstens scheint mein Morgenimbiß gar zu sein. – – Schmeckt wie das schönste Festmahl …“

Nachdem er das gewichtige Stück Fleisch restlos verzehrt hatte, schnitt er das übrige in schmale Streifen, die er erst leicht anräucherte und dann in die Sonne zum Dörren hing. Über dieser Arbeit war das Tagesgestirn bereits so hoch gestiegen, daß die Wärme fast beängstigend zunahm, während in den ersten Morgenstunden noch eine empfindliche Kühle geherrscht hatte. Der kleine, magere Doktor legte daher seinen braunen Burnus ab und zeigte sich nun erst so recht in seiner ganzen abschreckenden Magerkeit. Unter dem Mantel trug er einen hellen Leinenanzug, dazu Schnürschuhe mit Ledergamaschen und auf dem Kopf einen bereits arg zugerichteten Tropenhelm.

Jedenfalls war er eine recht komisch wirkende Erscheinung. Aber nur für den, der ihn nicht näher kannte. Wer einmal Gelegenheit gehabt hatte, mit Traugott Pinkemüller längere Zeit zusammenzusein, merkte bald, was alles an Klugheit, Wissen, Unerschrockenheit und Ausdauer in diesem winzigen Körper steckte. –

Der Doktor nahm jetzt sein Gewehr und begann seinen üblichen Morgenspaziergang, um sich etwas Bewegung zu machen. – Die Oase lag inmitten einer flachen Anhäufung steiniger Hügel, von deren höchster Stelle man einen weiten Rundblick über die Wüste hatte.

Lange verharrte Pinkemüller regungslos, auf seine Büchse gestützt, auf dieser natürlichen Felswarte und schaute träumerisch hinweg über den welligen Boden des ungeheuren Sandmeeres, das zumeist in lichtem Grau [4] schimmerte und nur stellenweise eine andere Färbung zeigte, – dort, wo eine günstigere Bodenbeschaffenheit spärliche Steppengräser hervorgelockt hatte.

Und wieder formten jetzt des Doktors Lippen im Selbstgespräch allerlei Worte … „Ob sie ihn wohl getötet haben …? – Dann hätte ich den Kadaver doch aber finden müssen …! – Ach mein alter, vierbeiniger Freund, wie sehr sehne ich mich nach Dir hier in meiner Einsamkeit …! Ich wünschte …“

Da stockte der leise Redefluß. Pinkemüller starrte unverwandt in die Ferne, nahm dann mit vor Erregung bebenden Händen sein Fernglas aus dem am Ledergürtel befestigten Futteral und schaute nun nochmals nach dem lebenden Geschöpf aus, das er soeben dort droben bemerkt zu haben glaubte.

„Wirklich – wirklich – es ist mein Treff!“ jubelte er dann laut heraus. Und auf diesen ersten Freudenruf folgte ein meckerndes Kichern, das ebenso spöttisch wie triumphierend klang.

„Die braune Bande hat ihn also gleichfalls als Gefangenen davonführen wollen … Wird ihnen gefallen haben, mein Treff! Kein Wunder! So ein hübscher Hund!“

Pinkemüllers vierbeiniger Freund kam näher und näher in schlankem Trab mit weit heraushängender Zunge. Nun pfiff der Doktor. Treff stutzte erst, setzte sich aber sofort in Galopp.

Und dann hockte der kleine Gelehrte am Boden, hielt den Wolfshund, der wahrlich äußerlich alles andere als schön war mit seiner vielen kahlen Stellen im langen Behang, zärtlich umschlungen und drückte den Kopf des klugen Tieres fest an sich.

Treff war ganz toll vor unbändiger Ausgelassenheit. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte.

„Du wirst Hunger haben, mein Treff“, sagte der Doktor in sorgendem Ton. „Komm – gehen wir! Das Gescheide des Antilopenbockes gibt für Dich ein leckeres Mahl ab.“

Bevor er aber die hohe Felswarte verließ, eilten seine Augen nochmals forschend in die Runde.

[5] Und – wieder stutzte er, wieder hielt er das Fernglas an die Augen …

„Unmöglich – ich muß mich irren!“ murmelte er jetzt kopfschüttelnd. „Und doch – – Diese Gestalt, diese Kleidung, die einst weiß gewesene Schirmmütze … Es kann nur der Knirps sein …“ – –

Zehn Minuten später saßen unter den Dattelpalmen am Weiher zwei Männer, von denen der eine gierig die halb rohen Fleischstücke hinunterschlang, die eigentlich erst hatten in der Sonne dörren sollen.

„Mensch, genannt Karl Bolz, – nun erzählen Sie endlich …!“ mahnte der Doktor den Gefährten, mit dem er soeben hier ein unerwartetes Wiedersehen gefeiert hatte. „Ich platze vor Neugier …! Los also …! Ihr erster Hunger muß nun doch gestillt sein …“

Karl Bolz, der das an Leibesfülle zu viel hatte, was dem weitgereisten Forscher und Gelehrten fehlte, nahm jetzt die Schirmmütze ab und entblößte so einen von einem Kranz feuerroter Haare umgebenen Schädel.

„Ich könnte stundenlang berichten, ehe ich mit meinen Abenteuern fertig würde“, meinte er, ununterbrochen weiter kauend. „Bin aber jetzt zu müde dazu, Doktor, – viel zu müde! Will mich deshalb kurz fassen, – so, wie Kürze-Würze es tun würde an meiner Stelle, der liebe, lange Hüne, den nun also die verd… Iringi auch gegriffen haben. – Als wir damals vor zehn Tagen unser Lager bei jenen Felsen aufgeschlagen hatten, überkam mich plötzlich die Lust, so etwas in der Wüste umherzustrolchen. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, daß es mir vielleicht unmöglich sein könnte, das Lager wiederzufinden. – Na jedenfalls hatte ich mich trotz der sternenklaren Nacht bald verirrt und beschloß, um mich nicht noch weiter zu entfernen, den Rest der Nacht in einem felsigen Wadi (trockenes Flussbett) zuzubringen, auf das ich gestoßen war. Müde und schläfrig lehnte ich mich an die glatte Wand eines mächtigen Felsblocks, um so im Sitzen ein paar Stunden zu schlummern. – Da – mit einem Male gab hinter mir meine harte Sesselrücklehne nach und … ich stürzte einen steilen Felsgang hinab, der, wie ich nachher feststellte, in eine natürliche [6] Grotte mündete. Zunächst bumste ich aber mal mit dem Kopf recht kräftig gegen etwas, das härter war als mein Schädel, – irgendein Stein eben! – und wurde ohnmächtig.“

„Aha“, warf der Doktor hier ein, „der Felsblock hatte eine verborgene Steintür, die Sie durch den Druck Ihres breiten Rückens nach innen aufdrückten. – Nicht wahr – so ist’s doch! – Na also! – Jedenfalls ein Beweis, daß jenes Flußbett einst bewohnt gewesen ist – vor langer, langer Zeit, wie viele Örtlichkeiten Arabiens, die heute verlassen daliegen und von einer bewegten Vergangenheit träumen.“

„Mögen sie träumen!“ murrte der Dicke, allgemein Knirps genannt, mit seinem tiefen Baß. „Mein Erwachen war jedenfalls recht unangenehm. Ringsum pechrabenschwarze Finsternis – wohin ich fühlte, nur kühle Steinwände …! Und dazu bald Hunger und Durst! Ich hatte schon in Gedanken mein Testament gemacht, war schon halbtot vor Erschöpfung, als ich am dritten Tage abends durch nochmalige Nachsuche in meinen Taschen ein einzelnes Zündholz fand, ein richtiges, in Deutschland längst verbotenes Schwefelhölzchen, das ich dann mit einer gewissen Feierlichkeit an der Stiefelsohle anrieb, nachdem ich das Futter aus meiner Mütze herausgerissen hatte, um es als Fackel sozusagen zu benutzen. Und bei deren spärlichem Licht fand ich dann links von mir ein Bündel Reisig, das bald in hellen Flammen auflohte. Hatte ich mich bisher nicht weit von meinem Platze weggewagt, aus Angst, in eine Felsspalte zu stürzen, so …“




[7]
2. Kapitel.
Der Pirat der Wüste.

Der Knirps schwieg plötzlich, denn Pinkemüller hatte Schweigen gebietend die Hand erhoben und den Kopf lauschend vorgebeugt …

„Still!“ flüsterte er dann. „Hören Sie nicht auch etwas wie …“

Das dumpfe Knurren Treffs ließ ihn verstummen, sich schleunigst erheben und nach seiner Büchse greifen.

Gleich darauf tauchte jenseits des Weihers in einem Einschnitt zwischen den Hügeln in vollem Jagen ein mächtiger, hochbeiniger Vogel auf – ein Strauß. Die zum Fliegen untauglichen Flügel mit den weißen, im Luftzuge wehenden Federn weit ausgebreitet, schoß das Tier in gut drei Meter langen Sätzen herbei, offenbar gejagt von irgend einem Feinde.

Aber auch dieser wurde bald sichtbar. Kaum war der Strauß, den Weiher und die Palmengruppe umrundend, in [8] einer Höhe mit den beiden Deutschen, als drüben sein Verfolger erschien.

Hatte der Anblick des mit der Geschwindigkeit eines Rennpferdes dahinsausenden Riesenvogels dem Knirps einen Ausruf des Staunens entlockt, so verwandelte sich dies Gefühl der Bewunderung schnell in den heftigsten Schreck, – denn der, der es auf den Strauß abgesehen hatte, war ein auf einem selten schönen Grauschimmel sitzender Beduine im hellbraunen Burnus, der eine moderne Jagdbüchse quer über den Sattel gelegt hielt, während die andere Hand leicht und sicher die Zügel führte.

Der Reiter war so vollständig von seiner Jagdleidenschaft in Anspruch genommen, daß er die regungslos dastehenden Zuschauer dieser Straußenhetze erst gewahr wurde, als der kleine, hagere Doktor ihm ein lautes Halt! entgegenrief und gleichzeitig seine Waffen auf den braunen Jäger anlegte, dem es denn auch gelang, sein Roß fast auf der Stelle zu bannen, wo der halb warnende, halb unbedingten gehorsam heischende Befehl des Doktors ihn erreicht hatte.

Traugott Pinkemüller verfolgte, die Büchse im Anschlag, jede Bewegung des Beduinen, in dessen dunklem Gesicht ein Paar große, schwarze Augen voll wilden Feuers brannten, während ein krauser, schwarzer Bart Kinn und Wangen bedeckte.

Der dicke Karl Bolz hätte sich zu gern heimlich seitwärts in die Büsche geschlagen. Der Wüstenbewohner schien ein recht gefährlicher Bursche zu sein, zumal sich in dessen Besitz ein modernes Gewehr befand und auch in dem Gürtel die Kolben zweier Revolver sichtbar waren. Mit angstvoller Spannung wartete der Knirps daher auf die weitere Entwicklung der Dinge.

Da öffnete der Beduine auch schon den Mund und rief dem kleinen Doktor in tadellosem Englisch zu:

„Also begegnen wir uns doch noch einmal im Leben! Wer hätte das gedacht …!“ Beißender Spott klang durch diese Worte hindurch. Und mit einem Lächeln teuflischen Hohnes fügte er hinzu: „Wir können jetzt also unsere Rechnung erledigen, Master Mädchenräuber! Meine Leute werden gleich hier sein. Dann werde ich Sie einladen, mich [9] zu begleiten. Sie sollen es gut haben in meinem Zelt …!“

Der Doktor ließ sich jedoch so leicht nicht einschüchtern.

„Steige ab, Ibrahim ben Garb, – sofort!“ rief er zurück. „Ich zähle bis drei … Und bei drei geht Dir meine Kugel durchs Hirn. – Vorher aber wirf Deine Büchse in den Sand … Du weißt, daß ich selten einmal vorbeischieße. Und Dich treffe ich sicher.“

Der Beduine gehorchte zu Karl Bolz’ maßlosem Staunen sofort.

„So“, kommandierte Pinkemüller weiter, „nun hülle Deinen Kopf in den Burnus ein und lege Dich lang auf den Boden …!“

Auch dies tat Ibrahim ben Garb, während das Lächeln des Hohns noch immer seine Lippen umspielte.

Jetzt erst schritt Pinkemüller auf den still Daliegenden leise zu, der nur noch mit dem Gehör vielleicht feststellen konnte, daß jemand sich ihm näherte. – Im Nu hatte der Doktor dem gefährlichen Gegner dann die Revolver und den langen Dolch aus dem Gürtel gezogen, wobei er scharf acht gab, daß Ibrahim keine Überrumpelung versuchte.

Nun mußte auch Karl Bolz mithelfen, den Beduinen ganz unschädlich zu machen, mußte vom Sattel des Pferdes, das ruhig zu weiden begonnen hatte, ein paar Lederriemen losnesteln und den Feind fesseln helfen. Dabei konnte er sich doch nicht versagen einige leise Fragen an den Doktor zu richten, auf die dieser kurz erwiderte:

„Ibrahim lügt. Sein Grauschimmel ist so schnell, daß seine Leute noch weit zurück sein werden. – Wer der Mann ist …? – Oh – einer der gefährlichsten Räuber Arabiens, ein Heimatloser, der über eine Bande Heimatloser befiehlt …“

Der braune Wegelagerer mußte den kleinen Gelehrten sehr gut kennen und ebenso gut wissen, daß eine Kugel ihm sicher war, wenn er auch nur eine verdächtige Bewegung machte. Geduldig ließ er sich Arme und Beine fesseln. Letztere mußte der vor Aufregung schwitzende Knirps so zusammenbinden, daß Ibrahim sich noch mit kleinen Schritten vorwärtsbewegen konnte.

Nachdem der Räuber in das Gebüsch geführt worden war, schickte Pinkemüller den klugen Treff als Späher [10] auf die Anhöhe, wo der Wolfshund sofort ein paarmal kurz aufbellte.

„Aha – es kommen doch noch mehrere von der braunen Gesellschaft“, meinte Pinkemüller ingrimmig. „Da, lieber Bolz, nehmen Sie Ibrahims Büchse und folgen Sie mir. Zunächst wollen wir aber diesen dunkelhäutigen Rinaldo Rinaldini an diese Palme binden.“

Das war im Handumdrehen getan. Und eilends liefen die beiden Deutschen nun nach den Hügeln hin, woher die übrigen Beduinen zu erwarten waren.

Auf den Höhenkamm angelangt, bemerkten sie sofort vier Reiter auf schnellfüßigen Dromedaren, die in schlankem Trab gerade auf die Stelle zuhielten, an der der Doktor und der Knirps, um nicht gesehen zu werden, hinter einigen Felsstücken hockten.

Pinkemüller ließ die vier bis auf hundert Schritt heran. Dann erhob er sich, riß die Büchse an die Wange und schoß.

Der vorderste Reiter, der ähnlich wie Ibrahim quer über dem Sattel einen fraglos irgendwo gestohlenen Karabiner trug, ließ diesen plötzlich fallen. Das Bleigeschoß der Gasbüchse war ihm durch den Oberarm gegangen …

Dann des kleinen Gelehrten kräftige Stimme:

„Haltet sofort – oder ich schicke Euch alle vier zum Scheitan (Teufel)!“

Die Dromedare standen still.

„Herunter von den Tieren!“ brüllte Pinkemüller wieder. „Ihr kennt mich …! Ich bin der, den Ihr stets den Nagur-German, den Nasen-Deutschen, genannt habt! – Herunter, sage ich, – oder …“

Die Reiter ließen ihre Tiere jetzt schnell niederknien und stiegen aus dem Sattel. Ehe sie noch recht zur Besinnung kamen, mußten sie auch die Waffen wegwerfen und dann zu Fuß sich nach dorthin entfernen, woher sie genommen waren.

„Fein gemacht – wie?!“ kicherte der Doktor jetzt vergnügt. „Nun holen wir uns die Dromedare, füllen die Wasserschläuche unserer Herren Gegner neu und – – empfehlen uns schleunigst. Die Fährte der Iringi, die mit unseren Freunden – freilich gegen deren Willen – unterwegs [11] nach den Weideplätzen des Stammes sind, wird Treff wohl noch finden. Jedenfalls konnten wir auf bequemere Art kaum zu Reittieren, Waffen für Sie, lieber Bolz, und zu manchen anderen nützlichen Dingen kommen, die hier in den Ledersäcken an den Sätteln sich befinden dürften.“ –

Mit verbissener Wut verfolgte Ibrahim die hastigen Vorbereitungen zum Aufbruch.

„Du siehst, edler Abkömmling des großen Mohammed, daß die Partie wieder mal für Dich verloren ist“, sagte Pinkemüller zu dem Beduinen, indem er dessen Burnustaschen untersuchte. „Hoffentlich ist dies unsere letzte Begegnung. Deine Gefühle für mich dürften durch Dein jetziges Mißgeschick nicht gerade an Wärme gewonnen haben. – – Ah – was habe ich hier? – Papiere – Briefe …?! – Schau, schau, Du stehst in schriftlichem Verkehr mit Engländern …! Schon faul! Gutes werdet Ihr da kaum ausgeheckt haben – kaum!“

Der Beduine, dessen Augen vor ohnmächtiger Wut fast grünlich schillerten, zuckte nur verächtlich die Achseln. Ohne sich auch nur zu einem einzigen Wort hinreißen zu lassen, schaute er zu, wie der Doktor, wohlvertraut mit solchen Verrichtungen, drei der Dromedare aneinanderband, um sie als Lasttiere mit fort zu führen.

Treff winselte vor Freude, als er merkte, dass es wieder hinaus in die Wüste gehen sollte, wo es so viele Springmäuse gab, denen nachzusetzen ihn ein belustigender Sport dünkte.




[12]
3. Kapitel.
Ein nächtlicher Ritt.

Der Wolfshund hatte sehr bald herausgemerkt, was jetzt seine Ausgabe war. Die Fährte der Iringi, die den Doktor und die übrigen Mitglieder der kleinen Schar hier vor Tagen überfallen hatten, war zwar für ein menschliches[1] Auge kaum mehr an besonders günstigen Stellen zu erkennen. Aber Treff hatte eben bessere Augen als die meisten Menschen.

Als die beiden Deutschen aus den Hügeln heraus waren, schauten sie vergeblich nach den vier Arabern aus, die jetzt – welche Schmach – waffenlos und zu Fuß durch den Sand stapfen mußten. Selbst Pinkemüllers Fernglas half hier nichts: die Beduinen blieben verschwunden.

„Ich wette“, meinte der Doktor da, „– sie sind spornstreichs auf ihrer eigenen Fährte zurückgekehrt, um Hilfe zu holen. Ihr Lager muß in der Nähe sein. Sicherlich sind sie abends dann wieder in der Oase, die wir soeben verlassen haben, werden Ibrahim losschneiden und wohl auch sofort die Verfolgung beginnen.“ –

[13] Leider mußte Pinkemüller sehr bald einsehen, daß es unmöglich war, während der Mittagshitze den Marsch fortzusetzen. Es wurde daher im Schatten einer einsamen Felsgruppe Rast gemacht. – Der Knirps war über die Maßen froh, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Ein Kamelreiter würde er in seinem ganzen Leben nicht werden. Das hatte er längst eingesehen. – Schiff der Wüste nennt man das Kamel, und dieser Vergleich trifft auch, was das Schaukeln anlangt, zu. Das ewige Hin- und Herschwanken und manche andere Eigentümlichkeit der Tiere bei schneller Vorwärtsbewegung brachten den Dicken förmlich zur Verzweiflung. Traugott Pinkemüller war glücklicher daran, war eben an jedes Reittier gewöhnt.

Während der Knirps sich nun sofort an dieser schattigen Stelle lang zum Schlaf ausstreckte, lenkte der Doktor seinen – oder besser Ibrahim ben Garbs Grauschimmel! – noch ein Strick in die Wüste hinaus, wo er in einer Talsenkung die langen Hälse von Straußen bemerkt hatte.

Er hatte sich nicht getäuscht. Das, was er suchte, lag da vor ihm in einer großen, künstlich von den Straußen hergestellten Vertiefung: Eier, wohl fünfunddreißig an der Zahl. Sie waren regelmäßig eiförmig, etwa 15 Zentimeter lang, 13 Zentimeter dick, gelblich weiß mit hellerer Marmorierung, und zwei davon mußten für einen Erwachsenen eine reichliche Mahlzeit abgeben.

Die vier Riesenvögel, ein Männchen und drei Hennen, ersteres an seinem hochroten, fast nackten Hals und den fleischfarbenen Schenkeln leicht erkennbar, waren beim Nahen des Reiters schnell geflüchtet, blieben aber in der Nähe. – Nachdem der Doktor festgestellt hatte, daß die Eier noch nicht angebrütet waren, beraubte er das Nest um fünf der dickschaligen Eier und kehrte zu der einsamen Felsgruppe zurück.

Gegen sechs Uhr nachmittags wurde der Knirps endlich wieder munter, verspeiste mit größtem Appetit die von dem Doktor in der Asche eines kleinen Feuers gerösteten Eier und ließ sich während der Mahlzeit von Pinkemüller erzählen, wie dieser eigentlich zu dem recht zweifelhaften [14] Vergnügen einer Bekanntschaft mit Ibrahim ben Garb gekommen war. –

Der kleine Gelehrte, in dem aber die Seele eines mutigen, klugen Riesen steckte, zögerte nicht, den Gefährten über jenes Erlebnis, das nun gerade ein Jahr zurücklag, aufzuklären.

Er war damals, als Pilger verkleidet, in der heiligen Stadt Mekka gewesen, die jedem Ungläubigen ihre Tore verschließt. Auf dem Rückwege nach Hodeida hatte er sich einer Karawane angeschlossen, die Kaffeesäcke nach der Küste schaffte, die Eigentum eines reichen Kaufmannes aus Mekka waren. Die Landschaft Jemen, der südwestliche Teil Arabiens, ist ja seiner vorzüglichen Kaffeepflanzungen wegen in der ganzen Welt berühmt. Dieser Kaufmann hatte nun seine Tochter mit auf die Reise genommen, um sie später in Hodeida von einem europäischen Arzt von einem leichten Augenübel heilen zu lassen. – Ibrahim ben Garb und seine Bande überfielen dann eines Nachts die Karawane, gerade als der Doktor sich entfernt hatte, um ein Stück Wild zu erlegen. Nachher war es ihm dann aber doch geglückt, sowohl den Kaufmann als auch dessen Tochter aus den Händen der berüchtigten Räuber zu befreien, die für das Mädchen ein hohes Lösegeld hatten erpressen wollen.

„Sie sehen, lieber Bolz, – die Geschichte ist so alltäglich wie nur möglich,“ fügte er zum Schluß hinzu. „Merkwürdig daran ist nur das eine, daß Ibrahim sich noch heulte einbildet, ich hätte damals den Kaufmann nur deshalb befreit, um ähnlich mit ihm zu verfahren: eben ein wenig den Erpresser zu spielen! Deshalb rief er mir auch heute das Schimpfwort Mädchenräuber zu.“

Knirps, der bereits eine gehörige Achtung vor dem Wagemut des Doktors gehabt hatte, sah in diesem jetzt einen wahren Helden und hielt mit dieser Ansicht auch keineswegs hinterm Berge. Doch Pinkemüller lehnte all diese wortreichen Lobpreisungen kurz ab und meinte: „Wenn es mir gelingt, unseren in der Gewalt der Iringi befindlichen treuen Gefährten wohlbehalten zur Freiheit zurückzuverhelfen, dann mögen Sie meinethalben eine [15] regelrechte Ritter-Romanze auf mich dichten! Früher aber nicht! Verstanden!“ –

Bald darauf, als die Sonne sich dem Horizont näherte, brach man wieder auf. Der Doktor rechnete ganz bestimmt mit einer Verfolgung durch die Bande Ibrahims und richtete sich danach ein. Um die Feinde von der Fährte abzulenken, schlug er jetzt eine mehr westliche Richtung ein, da dort ein niedriger Höhenzug steinigen Boden versprach, der keine Spuren annahm.

Erst lange nach Mitternacht suchte Pinkemüller nach einem stundenlangen Ritt über harten Fels die Spur der Iringi wieder zu finden, indem er in stumpfem Winkel zu der bisherigen Richtung nach Nordost abschwenkte. Dank Treffs vorzüglichem Spürsinn war die nur schwer noch wahrnehmbare Fährte nach zwei Stunden entdeckt, und nun ging es in beschleunigtem Tempo weiter nach Norden zu.

Der Weg, den die Iringi mit ihren Gefangenen genommen hatten, beschrieb wiederholt große Bogen, der beste Beweis dafür, daß die Leute dieses von den übrigen Beduinen verachteten und gehaßten Stammes, dessen Angehörige sämtlich Ausgestoßen anderer Stamme sind, auf diese Weise alle Wohnplätze und Oasen ängstlich zu vermeiden trachteten.

Dieser nächtliche Ritt bot so viel Interessantes, daß selbst dem Knirps, der doch wahrlich nicht gern im Dromedarsattel saß, die Zeit wie im Fluge verging. Freilich hatte er dies hauptsächlich dem Doktor zu verdanken, der nur zu gern sein gelehrtes Licht leuchten ließ und den Gefährten immer wieder auf dieses und jenes aufmerksam machte, was der Beachtung wert schien.

Besonders die Springmäuse, die gerade in dieser Gegend sehr zahlreich waren, machten dem kleinen Dicken viel Spaß. Pinkemüller erklärte, daß sie hier in zwei verschiedenen Arten vertreten seien, und zwar die kleinere, sog. Djerboa oder Wüstenspringmaus und die Alaktaga oder den Pferdespringer, von denen die erstere einschließlich des Schwanzes bis zu 40 Zentimeter, letztere bis zu 50 Zentimeter lang werde.

Der Knirps lachte jedesmal dröhnend auf, wenn [16] Treff noch einer abermaligen ergebnislosen Jagd auf diese Tiere mit hängender Zunge zu den Reitern zurückkehrte. – Die Springmäuse, deren Hauptheimat Asien ist (in Südafrika kommt noch der 60 Zentimeter lange Springhase, äußerlich unserem Meister Lampe ähnlich, vor), sind Nachttiere, d. h., sie schlafen tagsüber in ihren in den Sand gegrabenen Löchern, die etwa so eingerichtet sind wie unsere Dachsbauten. Die Djerboa und Alaktaga leben gesellig in großen Trupps. Während diese Pferdespringer genannt, weil sie imstande ist, über ein Pferd hinwegzusetzen, bei kräftigerem Körperbau oben rötlichgelb gefärbt ist, trägt jene grauen, schwarzgesprenkelten Pelz; beide haben jedoch gleich kurze Vorderbeine, die beim Sprung so dicht an den Leib gezogen werden, daß man meint, die flinken Geschöpfe hätten nur zwei Beine. Im Altertum nannten die Naturforscher diese Gattung der wüstebewohnenden[2] Säugetiere daher auch Dipus, Zweifuß, und nahmen allen Ernstes an, hier eine große Seltenheit mit nur zwei Hinterbeinen vor sich zu haben. – Der Doktor konnte dem wissensdurstigen Karl Bolz auch berichten, daß das Fleisch der Springmäuse von den Arabern sehr geschätzt werde, nicht minder der kurzhaarige, weiche Pelz, der hauptsächlich für Kinder verarbeitet würde.

Seit langer Zeit hörten die Gefährten in dieser Nacht auch wieder Löwengebrüll. Es erklang aber aus so weiter Ferne, daß es den Knirps nicht weiter beunruhigte. Dieser fühlte sich jetzt auch, seit er wieder im Besitz einer guten Feuerwaffe war (denn die Büchse Ibrahims hatte sich bei einigen Probeschüssen als vorzüglich bewährt) bedeutend zuversichtlicher. Überhaupt waren die Gefährten jetzt wieder mit allem Nötigen reichlich versehen, hatten außer ihren Reittieren, dem Grauschimmel und dem erstklassigen[3] Dromedar des berüchtigten Räubers, noch vier Lastkamele, in deren Sattelsäcken sie auch allerlei Proviant, – Datteln, Hirse und Dörrfleisch, gefunden hatten.

Als der Morgen heraufzudämmern begann, erinnerte sich Pinkemüller auch an die noch unvollendete Erzählung der Abenteuer des Dicken in jener Grotte, in die dieser so plötzlich gegen seinen Willen hinabgesaust war.

„Hm – da gibt’s nicht mehr viel zu sagen“, meinte [17] der Knirps maulfaul, da der immerhin anstrengende Ritt ihn bereits recht müde gemacht hatte. „Ich habe mich bei dem Feuer des Reisighaufens in der Höhle damals ganz gut zurechtfinden können, habe die tief in die Erde hinabgehende Grotte recht weit untersucht und dabei einen unterirdischen kleinen See gefunden, der tadelloses Trinkwasser und – was mir noch wertvoller war! – einige sehr merkwürdige Fische ohne Augen enthielt …“

„Aha – Höhlenfische!“ warf Pinkemüller ein.

„– – Meinetwegen auch Höhlenfische! – Jedenfalls schmeckten sie sehr gut, nachdem ich sie gekocht hatte.“

„Gekocht …?!“

„Na ja – in einer siedenden Quelle, die gleichfalls zu den Sehenswürdigkeiten der Grotte gehörte. – Nachdem ich mir dann eine ganze Menge von diesen Fischen in der Sonne gedörrt hatte, bin ich Eurer Fährte nachgegangen, die noch recht deutlich sichtbar war. An diesen Marsch werde ich denken …! So geschwitzt habe ich mein Lebtag nicht!“

Manches an dieser Erzählung war dem Doktor noch nicht recht klar. Er hätte gern verschiedene Fragen an den Knirps gerichtet, wurde aber durch einen Zwischenfall abgelenkt, der ihm sehr zu denken gab und ihn zwang, seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten.




[18]
4. Kapitel.
Der Hinterhalt.

Inzwischen war nämlich die Dämmerung so weit vorgeschritten, daß man die Umgebung bequem auf einige hundert Meter weit überblicken konnte.

Karl Bolz war es gewesen, dem zwei Kamelreiter aufgefallen waren, die plötzlich zur Rechten zwischen den Sandhügeln auftauchten und beim Anblick der kleinen Karawane sofort halt gemacht hatten.

Pinkemüller nahm eiligst sein Fernglas hervor und musterte die Reiter sehr eingehend. Dann erklärte er mißmutig:

„Die Geschichte will mir nicht gefallen! Es sind fraglos Iringi. Nur sie tragen am Saum des Burnus einen weißen Streifen. Und Ibrahim ben Garb steckt mit diesem Gesindel sicher unter einer Decke, dürfte mit ihnen gut Freund sein.“

Die beiden Kamelreiter machten jetzt kehrt und jagten davon, immer nach Nordost zu, wo nun bei der schnell zunehmenden Tageshelle am Horizont ein dunkler Strich wahrnehmbar wurde, der auf einen felsigen Gebirgskamm hindeutete.

Pinkemüllers bedenkliches Gesicht flößte auch dem Knirps starkes Unbehagen ein.

„Wenn es Iringi sind, dann …“, begann er ziemlich kleinlaut, wurde aber von dem Doktor sofort unterbrochen, der den Satz vollendete … „– dann waren es Späher, was auch aus ihrem ganzen Verhalten hervorging. Eine fatale Überraschung jedenfalls! Damit hatte ich nicht gerechnet! Es dürfte uns nun sehr schwer fallen, unsere Freunde zu befreien, – sehr schwer! Doch – wir wollen uns nicht schon jetzt mit allerlei Zukunftssorgen quälen, vielmehr von unserer bisherigen Richtung abbiegen und in großem Bogen nach Westen zu jenen Bergen zustreben, [19] auf die auch die beiden Kundschafter zuhalten, wie ich durch mein Glas deutlich ernennen kann.“

Als dann aber erst die Sonne aufgegangen war, wurde die Hitze in kurzem so stark, daß Pinkemüller sich entschloß, abermals zu rasten. Gelegenheit hierzu bot sich in einem besonders tiefen Wadi, das an einer Stelle sich zu einem kurzen Kanon verengerte, in dem stellenweise noch brackiges, übelriechendes Wasser von der letzten Regenzeit her an tieferen Stellen stand. – Wenn das Klima Arabiens auch dem der Sahara durch große Trockenheit und Hitze gleicht, so genießt es doch den Vorteil, von allen Seiten von Wasser in Gestalt von Meeresbuchten beziehungsweise dem Indischen Ozean eingeschlossen zu sein, was dazu beiträgt, daß außer gelegentlichen Gewittern ziemlich regelmäßig in den Sommermonaten eine Regenperiode eintritt, die gerade genügt, selbst auf dem dürren Sandboden hier und da einen Pflanzenteppich hervorzuzaubern, während wieder in den Küstenstrichen diese Regenzeit eine fast tropisch üppige Flora gedeihen läßt. –

Am Nachmittag ballte sich dann über dem Wadi dunkles Gewölk zusammen. Es wetterleuchtete dabei so stark, wie Karl Bolz es noch nie erlebt hatte. Für halbe Minuten schien dann ein Riesenscheinwerfer im Süden aufzuleuchten und unter dumpfem Grollen seine Lichtbüschel in die Unendlichkeit zu senden. Die Luft war dabei mit Elektrizität so überladen, daß plötzlich an den Spitzen aller hoher gelegenen Gegenstände, – den Ohren der Kamele und des Pferdes, den Sattelkanten, ja selbst an den emporgestreckten Fingern – sich die Erscheinung des St. Elmsfeuers zeigte, d. h., daß all dies in weißlichem Lichte erstrahlte, was einen geradezu gespenstischen Anblick gewährte.

Der Himmel blieb bedeckt, selbst als das ferne Gewitter ausgetobt hatte. Dieses brachte eine empfindliche Abkühlung der Luft mit sich. Knirps hüllte sich daher fester in seinen Burnus, der auf einem der Sättel der eroberten Dromedare aufgeschnallt gewesen war und den Karl Bolz für sich beschlagnahmt hatte.

„Ich glaube, wir werden in dieser Nacht noch tüchtig frieren“, meinte Pinkemüller mit seinem gewohnten [20] meckernden Lachen. „Hier in der Wüste ist Reifbildung gar nicht so selten, zumal wir uns doch auf einer Hochebene befinden, die den Übergang zu dem Dschebel Akdar, dem Hauptgebirge Omans, darstellt.“

„Nun – so schlimm wurde es mit der Kälte doch nicht. Die starke Luftabkühlung kam den Gefährten vielmehr sehr gelegen. Der heutige Abend- und Nachtritt beanspruchte weit weniger Kräfteverbrauch als gewöhnlich. Pinkemüller hatte die Fährte der beiden Späher mit Treffs Hilfe bereits nach drei Stunden trotz der Dunkelheit gefunden, nahm den Hund nun an eine lange Fangleine und schlug eine Gangart ein, daß dem Knirps auf seinem hohen Sattelsitz Hören und Sehen verging.

Man kam auf diese Weise sehr rasch vorwärts, und bereits kurz nach Mitternacht wurde der ansteigende Boden immer steiniger, – man näherte sich den Bergen, die auch das Ziel der Iringi gewesen waren, wie Pinkemüller gleich vermutet hatte.

„Ich denken“, meinte dieser, als die Gefährten eine Weile im Schritt ritten, um die Tiere etwas verschnaufen zu lassen, – „ich denke, wir werden dort vor uns irgendwo in einem versteckten Tal den Lagerplatz der braunen Gesellschaft vor uns haben, die uns unsere Freunde entführt hat. Insofern sind uns also die beiden Kundschafter sehr zu paß gekommen. Ich hätte sonst wohl lange suchen müssen, ehe ich den Schlupfwinkel des verfemten Stammes aufgefunden hätte, zumal jene Abteilung der Iringi, der wir zuerst folgten, ohne Frage auf weiten Umwegen heimgekehrt ist, um uns irrezuführen.“ –

Etwa zehn Minuten später blieb dann Treff mit einem Male wie angewurzelt stehen und knurrte leise.

„Der Hund warnt uns“, flüsterte der Doktor dem Dicken zu. „Warten Sie hier auf mich. Ich muß feststellen, was es da vorn Verdächtiges gibt.“

Pinkemüller glitt aus dem Sattel, warf Karl Bolz die Zügel seines Pferdes zu, nahm seine Büchse schußfertig in den Arm und verschwand mit Treff in der Dunkelheit.

Der zurückbleibende Knirps beeilte sich, gleichfalls aus dem Sattel zu kommen, ließ erst sein prächtiges Dromedar und dann auch die Lasttiere niederknien, die [21] eins hinter dem andern an einem langen, festen Riemen angebunden waren. Nachdem der Knirps noch seinen Karabiner entsichert hatte, stand er nun regungslos lauschend neben den Tieren und horchte in die Dunkelheit hinaus, die undurchdringlich über der Wüste wie ein schwarzer Mantel lastete … Unwillkürlich eilten jetzt seine Gedanken zurück in die jüngste Vergangenheit; er vergegenwärtigte sich nochmals all die seltsamen Erlebnisse, die er hatte durchmachen müssen, seit er damals jenen merkwürdigen Ballon an Bord des Dampfers „Dresden“ hatte holen lassen, als dieser sich auf der Fahrt von Bombay nach Aden befand und zu seinen Passagieren auch jene drei Deutschen zählte, die dann, auf den geheimnisvollen Hilferuf zweier Landsleute hin ihre Reise unterbrochen und sich in Abenteuer gestürzt hatten, bei denen ihnen der Tod mehr als einmal recht nahe gewesen war.

An den Ballon mit der schwer lesbaren Aufschrift, – ja, an diesen dachte der Knirps jetzt wieder! Und auch an seine Freunde, an den Ingenieur Fritz Tümmler und den Hünen Emil Kurz, an Ali Mompo, den tapferen Wüstenführer, und an Paul Loring, den frischen, wagemutigen Jungen, der dort unten im Süden in jenem Tale ein höchst abenteuerliches Einsiedlerleben geführt hatte. (Unseren lieben Lesern wollen wir verraten, daß sie die hier nur andeutungsweise gestreiften früheren Erlebnisse des kleinen Dicken in den vorhergehenden Bändchen „Unter den Muka-Lari-Zwergen“ – „Der Gespenster-Löwe“ finden werden.) –

Während er noch so mit etwas zaghaft pochendem Herzen dastand, alle Sinne gespannt, war es ihm, als hörte er vor sich allerlei verdächtige Geräusche. Dann heulte urplötzlich Treff in ziemlicher Entfernung laut auf, und gleich darauf auch die Stimme des Doktors … „Fort, Bolz – fort – fliehen Sie …!“ – Offenbar hatte der tapfere kleine Gelehrte noch mehr hinzufügen wollen. Aber sein Mund mußte durch irgend eine Gewalt schnell stumm gemacht worden sein.

Der Dicke wußte nachher gar nicht, wie er so schnell in den Sattel gekommen war. Er trieb sein Dromedar zur höchsten Eile an und, die Lastkamele hinter sich, jagte er [22] in die Nacht hinein – irgendwohin, nur fort von dieser Stelle, wo sogar den vorsichtigen Doktor das Verhängnis ereilt hatte.

Erst nach einer guten halben Stunde machte er halt, als er eine langgestreckte Anhöhe erreicht hatte, die ihm mit ihren kahlen Felsmassen den Weg versperrte. In Schweiß gebadet, mit rasenden Pulsen und vor Aufregung bebend zügelte er sein Reittier, stieg aus dem Sattel, band den Dromedaren die Vorderbeine zusammen und schlich den Berg hinan, um zu sehen, ob er etwa irgendwo verdächtigen Feuerschein erspähen könne, der auf die Nähe von Menschen hindeutete.

Der Aufstieg war recht beschwerlich. Der Dicke keuchte wie ein altersschwacher Dampfer, der einen bösen Sturm zu überstehen hat. Leider war dann die ganze Mühe umsonst gewesen. Nichts war von der Felskuppe aus zu sehen – nur wirre Steinmassen, verschwommen und phantastisch wirkend wie Ruinen in dieser Finsternis, gegen die der anbrechende Tag soeben seinen stets siegreich endenden Kampf begann.

Der Knirps setzte sich völlig erschöpft auf ein Felsstück, legte den Karabiner auf die Knie und stierte trostlos vor sich hin. Nun war er also wieder einmal allein, sich selbst überlassen in dieser Einöde, in der so viele Gefahren lauerten, in der der König der Tiere beutesuchend umherirrte, Giftschlangen ihr Unwesen trieben und besonders auch braune, mordlustige Steppenbewohner jeden Fürwitzigen mit dem Tode bedrohten.

Ach – dem armen Knirps war alles andere als wohl zu Mute. Der verflixte Ballon! dachte er. Wenn ich den nicht damals hätte aus dem Meere auffischen lassen, säße ich jetzt längst daheim bei meinen lieben Eltern in Deutschland und brauchte mich nicht zu ängstigen, was hier aus mir werden soll … –

Der kleine Dicke mit dem großen Hasenherz rührte sich nicht vom Fleck, bis der Federball der Sonne im Osten über der Wüste aufgetaucht war und mit der Tageshelle ihm auch ein wenig Mut und Unternehmungslust zuflog. Er hatte sich dann gerade erhoben, um zu den Tieren zurückzukehren, [23] als ein herabpolternder Stein ihn entsetzt herumfahren ließ.

„Treff – Treff!“ rief er jedoch sofort mit hellem Jubel, „lieber Treff, – – oh, nun habe ich doch wenigstens Dich, – Dich, der, wie der Doktor meint, mehr als Menschenverstand besitzt!“

Der äußerlich so häßliche, halbkahle Hund rieb vertraulich seine Nase an des Dicken Bein und winselte leise.

„Ah – Du bist verwundet“, meinte der Knirps voller Mitleid. „Offenbar ein Lanzenstich … Dein Fell ist geradezu blutgetränkt. Laß sehen, ob die Verletzung schwer ist.“

Zum Glück war’s nur eine Schramme, wenn auch ziemlich tief.

Wer war nun froher als Karl Bolz! Die Gegenwart des klugen Hundes dünkte ihn ein Wink von oben, daß er sich seiner Sicherheit wegen nicht mehr zu sorgen brauche. – Unten am Fuße des Berges bei den Tieren reinigte er zunächst die Wunde Treffs, gab dann dem abgehetzten vierbeinigen Gefährten zu fressen und nahm ihn nachher mit als Begleiter auf den Weg nach einem weiter nördlich gelegenen Platz in den Hügeln, wo er die Spitzen einiger Dattelpalmen über einen Talrand hatte hinausragen sehen. Zu seiner Freude entdeckte er dort einen offenbar seit langem von Menschen nicht besuchten, oasenähnlichen Schlupfwinkel, brachte die Tiere hin und ließ sie frei weiden.

Er selbst suchte für sich eine schattige, grasreiche Stelle unter den Palmen aus, streckte sich lang hin und war auch im Augenblick eingeschlafen. Kein Wunder, denn die Nacht, die er hinter sich hatte, wäre selbst einem widerstandsfähigeren Körper, als der Knirps ihn besaß, stark „an die Nieren gegangen“ wie man im Volke zu sagen pflegt. – Der zuverlässige Treff mußte indessen den Wächter spielen. Und das tat er auch auf seine Art. Gewiß, auch er war müde und vom Blutverlust geschwächt. Aber er kannte es nicht anders von seinem Herrn her: Schlief dieser, so blieb der Wolfshund munter; und umgekehrt.

Nachdem Treff also seine Wunden gehörig geleckt hatte, [24] durchstrich er langsam das Tal von einem Ende zum andern. Groß war es nicht, dafür aber beinahe ein kleines Paradies im Gegensatz zu der Umgebung, die auf endlose Meilen nur aus eintönigen Sandhügeln oder kahlen Felsen bestand. Wie eine runde, tiefe Schüssel lag diese Senke zwischen den schroffen Abhängen und steinigen Kämmen; mitten darin der große grüne Fleck des pflanzen- und baumbestandenen Bodens. Ein paar mächtige Felsblöcke im Süden, die an der Talwand klebten, als müßten sie jeden Moment herabstürzen, schienen Treffs Aufmerksamkeit zu erregen. Lange schnupperte er zwischen ihnen umher, wobei er mitunter ein seltsames Winseln hören ließ. Wäre sein Herr dabei gewesen, so hätte der sich diese Töne sofort richtig gedeutet. Der Wolfshund mit seinem feinen Geruchssinn, dessen Schärfe durch den langen Aufenthalt in der Wildnis noch gesteigert war, machte einen strengen Unterschied, ob er einen Europäer oder einen Farbigen witterte.




5. Kapitel.
Die Spur der Verschollenen.

Der Knirps erwachte erst, als das Tagesgestirn bereits die abwärtsgehende Bahn seines gewohnten Weges beschritten hatte. Er rieb sich die Augen, um sich schneller in die Wirklichkeit zurückzufinden. Hatte er doch eben noch so wunderschön von der deutschen Heimat und von einer Gasthaustafel geträumt, an der ihm sechs Gänge, einer wohlschmeckender als der andere, vorgesetzt wurden.

Nun seufzte er tief auf. Sein Blick hatte die Stätte umfaßt, wo er sich befand. Ach – das war kein Speisesaal eines Luxuswirtshauses, das war …

Der Seufzer brach plötzlich ab. Und Knirpsens Zähne klappten hörbar zusammen, um jedoch sofort wieder sich zu trennen, da sein Mund sich vor ungläubigem Staunen weit öffnete.

[25] Der kleine Dicke beugte sich weit vor …

„Treff – Treff“, murmelte er, „worauf liegst Du?! Wo hast Du dieses Stück Seidenstoff her …?! Die grüne Farbe kommt mir so unheimlich bekannt vor!“ – Dann griffen seine Finger zu und befühlten die Seide, auf der der Wolfshund sich gelagert hatte, als ob der natürliche Grasteppich ihm noch nicht weich genug sei.

„Wirklich – es ist dieselbe Seide!“ setzte der Knirps sein Selbstgespräch fort. „So etwas verstehe ich mich doch auf orientalische Gewebe …! – Genau dieselbe Seide, aus der jener primitive Ballon gefertigt war, der uns die Kunde zutrug, daß zwei deutsche Landsleute hier im Innern Arabiens in trauriger Gefangenschaft schmachten.“

Er erhob sich lebhaft. Alle seinem natürliche Trägheit war verflogen. Diese Entdeckung machte ihn munter, stachelte sein Interesse an. – Wo hatte der Hund nur dieses gut drei Quadratmeter große Stück Seide her, dem man es deutlich ansah, wie lange es den Unbilden der Witterung ausgesetzt gewesen sein mußte.

Treff hatte jetzt seinen seidenen Pfühl verlassen und stand schweifwedelnd da, als ob er von seinem augenblicklichen Herrn ein besonderes Lob dafür erwartete, daß er das Seidenstück dort zwischen den Felsen aufgestöbert und hierher geschleppt hatte.

Der Knirps besah sich den seltsamen Fund nun ganz genau. Aber er konnte daran nichts mehr entdecken, was ihm wichtig gewesen wäre.

Darauf hielt er Treff den Stoff hin und sagte schmeichelnd:

„Such’, mein Hund, – such’, – wo hast Du dies hier gefunden? Führe mich an die Stelle.“

Und Treff eilte auch wirklich sofort auf die riesigen Felsblöcke zu, machte dann an einer Stelle halt, wo drei derselben eine horizontale Felskanzel wie einen Hofraum einschlossen. Das erste, was der Knirps hier bemerkte, war eine bienenkorbförmige, niedrige Hütte aus übereinandergelegten Steinen mit einem engen Eingang. Davor stand ein Herd aus Steinplatten. In der Hütte selbst lagen noch einige Werkzeuge, die zumeist aus scharfkantigen Steinsplittern hergestellt waren.

[26] Treff beschnupperte besonders die Hütte wieder sehr eingehend und winselte auch auf eine so eigentümliche Art, daß Karl Bolz ihm den Kopf freundlich streichelte und dabei sagte. „Laß nur, mein Hund, – laß nur! Ich weiß schon, was Du mir andeuten willst! Hier haben mal Menschen gehaust, und – wahrscheinlich sogar zwei Deutsche, wenn mich nicht alles täuscht!“

Während er noch so mit Treffs plauderte, fiel sein Blick auf die glatte Wand eines der drei Felsblöcke. Er stutzte, hob unwillkürlich den Arm …

Dort war, mit Hilfe eines eisernen Werkzeugs fraglos, ein … Reim eingemeißelt, darunter zwei Namen, – alles in lateinischen Buchstaben und ganz deutlich zu lesen …:

Gold der Verführer,
Wir die Verlierer!
     G. Ring.000 E. Wallner.

„Ring – Wallner …?!“ dachte der Knirps, und seine innere Erregung steigerte sich noch mehr. „Das sind doch die beiden Landsleute, denen wir Hilfe bringen wollten, – die Absender des Ballons …!“

In tiefer Ergriffenheit starrte er auf die eingemeißelten Worte … Welch’ seltsame Fügung hatte ihn doch hierher geführt! War es nicht, als ob ihn wirklich die Hand der Vorsehung in diesen Talkessel geleitet hatte, damit er fände, was er nun vor sich sah: Ein Lebenszeichen zweier Unglücklichen, von denen er kaum mehr wußte als die Namen und die Tatsache, daß sie irgendwo gefangen gehalten wurden … –

In ernste Gedanken versunken kehrte er nun nach seinem Lagerplatz zurück. Dort weideten die fünf Dromedare noch ebenso friedlich wie vorhin, dort strömte noch ebenso kräftig der arabische Ginster seine Düfte unter der Einwirkung der Sonnenstrahlen aus und rauschten noch ebenso leise die Wipfel der Dattelpalmen in dem schwachen Lufthauch, der über die Berge hinstrich und sich auch in den Kessel verirrte.

Nachdem der Knirps dann den bereits recht eindringlich knurrenden Magen befriedigt und auch Treff [27] an seiner Mahlzeit hatte teilnehmen lassen, erklettere er die nördliche Talwand, über die ein oben abgeflachter Bergkegel weit hinausragte. Von hier aus konnte er die Umgebung weithin überschaun, sah er nach Süden zu in der Ferne die Wüste liegen und nach den anderen Seiten hin nichts als ein wildromantisches Gebirgspanorama.

Dann wurde sein Blick durch einen grauen Strich gefesselt, der im Nordosten aus einem dunkel sich abzeichnenden Tal aufsteigend, im Äther sich verlor. Es war eine Rauchwolke, – gelblich in der Farbe, – – Rauch eines Feuers, das mit getrocknetem Kameldünger genährt wurde. – –

Karl Bolz haben wir bisher nicht gerade als großen Helden kennen gelernt. Aber seit er vorhin den Seidenstoff gesehen, seit er jenen ernsten Reim an der Felswand gelesen hatte, war sein Hasenherz ganz erfüllt von dem Wunsch, zunächst Traugott Pinkemüller zu befreien und dann vereint mit diesem auch die anderen Gefährten, Tümmler, Kurz, Paul Loring, Ali Mompo und Janos Preszöni zu retten. Dieser Wunsch schien nur durch selbstlose Gründe hervorgerufen zu sein. In Wahrheit hatte das Wort „Gold“ den Dicken förmlich elektrisiert, nachdem er während seiner Mahlzeit Muße genug gehabt hatte, sich diese neuesten Erlebnisse reiflich auf ihre Bedeutung hin abzuwägen. Der Knirps gehörte eben zu jenen Menschen, die in gewissem Grade zu Helden werden, sobald es gilt, ihre habgierigen Neigungen zu befriedigen. – Gold – ein Zauberwort, eine Quelle, aus der unendliches Elend schon über Tausende sich ergoß …! Eine Zauberformel, die Charaktere wandelt, Edles erstickt, Schlechtes vervielfacht … – –

So finden wir denn den Knirps, als die Dämmerung sich über die Berge lagerte, die Umrisse aller Gegenstände verschwammen und der kühle Abendwind die Felsschroffen umspielte, auf einem Felsgrat wieder, der wie ein natürlicher Balkon aus einer Steilwand hervortrat und über einem weiten, schmalen Tale hing, in dem eine Laune der Natur all das an Pflanzen hatte emporschießen lassen, was die fruchtbaren Küstenstriche Nordost-Arabiens hervorbringen. Ein wahrer Garten Eden lag [28] zu Füßen des einsamen Spähers, der, den klugen Treff neben sich, zwischen Distelstauden kniete, die hier in den Ritzen des Gesteins Wurzel geschlagen hatten.

Und in diesem Garten Eden tummelten sich Pferde, Kamele, zottige Hunde, weideten Schafe, eilten Menschen in dunklen, mantelähnlichen Gewändern hin und her, erhoben sich Zelte aus braunem Stoff, balgten sich Kinder um ein schwelendes Feuer, glühten vor den Hütten überall qualmende Brände, über denen Kochtopfe hingen, gingen Frauen ab und zu – – – kurz, – der Knirps hatte das Lager der Iringi entdeckt, das Lager des Stammes der Ausgestoßenen …

Es war jetzt gerade noch hell genug, um dort unten, zumal der Felsbalkon kaum zwölf Meter über der Zeltstadt schwebte, auch die Gesichter einzelner Personen zu erkennen.

Dort zum Beispiel stand Ibrahim ben Garb, der berüchtigtste Bandit der Wüste, gerade vor einigen Dattelpalmen, an deren schlanke Stämme man mit Lederriemen sechs Menschen angebunden hatte. Und diese sechs waren die Gefährten dessen, der mit pochendem Herzen jetzt hinabschaute auf die eigenartige Szene, die bei dieser Beleuchtung etwas seltsam Phantastisches an sich hatte. –

Der Knirps ließ kein Auge von dem, was unter ihm vorging; überlegte, grübelte, schmiedete Pläne; kam zu einem Entschluß, verwarf ihn wieder; bis eine neue Prüfung der Örtlichkeit ihm blitzartig eine Erleuchtung eingab.

Die Palmen, an die die Iringi ihre Gefangenen gefesselt hatten, standen an der gegenüberliegenden Talwand, die weit überhing und förmlich wie der Teil einer riesigen, kurz gewölbten Glocke aussah. Deshalb sagte sich auch der Knirps, daß es ein leichtes sein müsse, zu den Gefährten mit Hilfe von Lederseilen hinabzugelangen, wenn man drüben an dem Abhang irgendwo eine Stelle fand, an der man festen Fuß fassen und die Seile sicher anknüpfen konnte.

Kaum gedacht, beeilte der kleine Dicke sich auch schon, seinen jetzigen Ausguck zu verlassen, um noch bei leidlichem Tageslicht die Örtlichkeit jenseits des Tales [29] in Augenschein nehmen zu können. Mit größter Aufmerksamkeit, damit er ja nicht bemerkt wurde, schlich er davon, fand eine bequeme Stelle zum Abstieg, überquerte einige hundert Meter vom Lager entfernt das Tal und erkletterte nun die Höhen, um hier einen Weg nach jenem Punkt hin zu suchen, den er sich vorhin genau gemerkt hatte und der dadurch gekennzeichnet war, daß dort ein grüner Vorhang von stachligen Rankengewächsen von den Felsen herabhing.

Trotz aller Eile war es jedoch bereits fast völlig finster, als der Dicke keuchend und schwitzend den Platz erreicht hatte, von dem aus er das Werk der Befreiung in Angriff nehmen zu können hoffte.

Nun sah er unter sich nur noch ganz undeutlich die Kronen jener Palmengruppe. Der Abstand zwischen diesen und seinem Standort betrug etwa fünf Meter. Ein Nichts, wenn man sichere Lederseile besaß! Ein unüberwindliches Hindernis aber, wenn alles an Lederriemen, was zur Verfügung war, sich in dem kleinen, fernen Talkessel befand, wo der Knirps den Tag verbracht hatte.

Karl Bolz schalt sich einen dreifachen Esel, weil er nicht sämtliche Riemen sofort mitgenommen hatte. Aus den Zügeln der Dromedare und den anderen festen Stricken, die an den Sätteln aufgerollt hingen, hätte man ohne Mühe ein Tau von der nötigen Länge herstellen können. Hätte …! Aber jetzt, wo die Nacht da war, zurückeilen und das Notwendige holen, erschien unmöglich. Anderseits wieder den morgigen Abend abwarten, ging auch kaum an, da man nicht wissen konnte, ob die Iringi die Gefangenen nicht anderswo unterbringen würden. – Jedenfalls war der Knirps in böser Verlegenheit und zermarterte sich umsonst den Kopf, was er unter diesen Umständen tun solle, da er vorhin nur zu gut bemerkt hatte, daß diese Palmengruppe von den Zelten im Bogen eingeschlossen wurde und die Hunde überall umherstreiften, so daß man im Tale selbst sich kaum auf fünfzig Meter den ersten Zelten hätte unbemerkt nähern können.

Da – – da fühlte der Knirps plötzlich, wie jemand [30] derb an seinem braunen Beduinenmantel zerrte, den er auch jetzt umgehängt hatte … – –

Die Palmen, an die die Gefangenen aufrecht festgebunden waren, bildeten etwa einen Dreiviertelkreis. In der Mitte befand sich Traugott Pinkemüller. Wenn der Wächter, der in der Nähe mit gemessenen Schritten auf und ab wanderte, am weitesten entfernt war, flüsterten die Gefährten leise miteinander.

Soeben hatte der kleine, schmächtige Gelehrte dem rechts von ihm befindlichen Ingenieur Tümmler zugeraunt:

„Wir müssen noch in dieser Nacht frei sein, sonst ist es zu spät. Morgen will Ibrahim uns für immer unschädlich machen …“

Der Wächter kam vorüber. – Dann Tümmlers Antwort:

„Unsere Aussichten sind recht schlecht. Der Knirps ist nicht der Mann dazu …“

Hier mußte er den Satz vorzeitig beenden.

Ibrahims hohe Gestalt tauchte auf. Er kam sich überzeugen, ob die Gefangenen auch fest genug an die Bäume geschnürt waren.

Vor Pinkemüller blieb er stehen, brachte sein Gesicht ganz dicht an das des wehrlosen kleinen Doktors, spie ihn haßerfüllt an und zischte hämisch:

„Wir haben uns also doch noch wiedergesehen, Hund von einem Ungläubigen. Daß ich Dir gestern Nacht eine Falle gestellt hatte, ahntest Du jämmerlicher Schakal nicht! Wie ein altes, triefäugiges Weib ranntest Du uns in die Arme. Schade, daß Dein Begleiter uns entkam. Aber morgen werden wir auch seiner habhaft werden, und auch er wird das Los teilen, das ich Euch zugedacht habe.“

Der Wächter war dicht neben Ibrahim getreten, um zu hören, was der berühmte Bandit dem weißen Zwerg mitzuteilen hatte.

Da – gerade als Ibrahim ben Garb noch eine höhnische Bemerkung hinzufügen wollte, schlug plötzlich dicht neben ihnen ein faustgroßer Stein, der sich oben von der überhängenden Wand gelöst haben mußte, dumpf [31] auf den Grasboden auf. Sofort war das Mißtrauen bei den Beduinen rege. Ihre Köpfe neigten sich hintenüber, ihre Blicke suchten den Blättervorhang der Palmen zu durchdringen …

Und dann kam mit einem Male prasselnd durch die Zweige ein großer Körper herabgeschossen, – gerade auf die Köpfe der beiden Beduinen – – wie eine zentnerschwere Masse – – denn der Knirps, so klein er auch war, wog gut seine 175 Pfund …

Denen, die hier für einen lebenden Hammer Amboß gespielt hatten, bekam dieser Zwischenfall recht schlecht – schlechter als dem Decken, der sich schnell aufrappelte, während Ibrahim und der Wächter noch in halber Bewußtlosigkeit dalagen, eben fix dem Banditen das Messer aus dem Gürtel riß und die Riemen der gefesselten Gefährten durchschnitt.

Zum Glück war von alledem im Langer der Iringi nichts bemerkt worden. Im Augenblick hatten die Deutschen daher Ibrahim und den zweiten Araber gebunden und geknebelt, schlichen an der Talwand entlang und erreichten auch, nur belästigt durch ein paar kläffende Hunde, den Nordausgang der langgestreckten, fruchtbaren Schlucht. Tümmler, der Ingenieur, und Kürze-Würze schleppten sich jeder mit einem der Gefangenen, was ihnen nicht weiter schwer wurde.

Als die größte Gefahr vorzeitigen Entdecktwerdens vorüber war, als man sich nun etwas ausruhte, da war es Traugott Pinkemüller, der nicht länger an sich halten konnte und mit einem meckernden Kichern höchster Anerkennung zu dem Knirps sagte:

„Großartig gemacht – großartig …! Eine solche Frucht wird nicht oft von einer Dattelpalme fallen. – Wie kam denn das eigentlich …?“

„Oh – sehr einfach!“ Knirps warf sich seiner Heldentat wegen nicht wenig in die Brust. „Ja – sehr einfach … Ich hatte keine Riemen oder dergleichen, um mich ins Tal hinabzulassen. Da, gerade zur rechten Zeit, zerrte mich Treff an dem braunen, von einem Beduinen „entliehenen“ Burnus! Plötzlich ging mir ein Licht auf! Und – – so zerschnitt ich das Gewand in lange [32] Streifen, flocht diese zusammen und hoffte, daß sie halten würden. Sie rissen jedoch, und …“

Pinkemüller hörte kaum mehr hin. Die Sorge um seinen treuen vierbeinigen Gefährten verdrängte jeden anderen Gedanken. – „Wo ist mein Treff?“ unterbrach er den Knirps schroff.

Die Frage war überflüssig gewesen. Ein helles Winseln drang aus der Dunkelheit hervor, – und dann kniete der kleine, hagere Gelehrte am Boden und hielt Treff fest umschlungen. – – –

Unsere lieben Leser müssen sich heute schon damit begnügen zu erfahren, daß die, an deren Geschick wir bisher – hoffentlich recht regen! – Anteil genommen haben, ihr eigentliches Ziel, die Befreiung der Absender des merkwürdigen Ballons, glücklich erreichten und ebenso glücklich die deutsche Heimaterde wieder begrüßen durften. Alle Einzelheiten dessen, was sie noch erlebten, bleibt dem nächsten Bändchen vorbehalten:


Ende.


     Der nächste Band enthält:



Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.


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  1. Vorlage: menschlisches
  2. Vorlage: wüstewohnenden
  3. Vorlage: erklassigen